Selbstbestimmtes Leben

- Ein Erfahrungsbericht über die "Independent Living Centers" in den USA

AutorIn: Gottfried Wetzel
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, Heft 3 / 1988. (Überschriften von BIDOK)
Copyright: © Gottfried Wetzel 1988

Vergleich USA - Österreich

Die ersten Ideen zum selbstbestimmten Leben von schwerkörperlich behinderten Menschen entstanden in den fünfziger Jahren in Kalifornien, die ersten Zentren (CIL) Ende der sechziger Jahre in San Franziska und Sf. Louis, in Boston und Houston, also verstreut über die USA in den bekannten Studentenzentren. Diese "Centers for Independent Living" (CIL) sind nichtinstitutionalisierte, konsumentenorientierte Zentren von und für Menschen mit Behinderungen, in denen mindestens 50% Menschen mit den verschiedensten Behinderungen im Vorstand sind, die eine Angestelltenquote von durchschnittlich 70% an Behinderten haben und deren vordergründigstes Ziel der Kampf gegen Diskriminierung und Apartheitpolitik ist. Mobile Hilfsdienste zur Integrationsförderung von älteren und behinderten Menschen entstanden in den 80iger Jahren, um mittels ambulanter, dezentraler Betreuung eine Aussonderung in Pflege- und Behindertenheime zu verhindern. Neben der stärkeren politischen Orientierung in den USA kennzeichnen sich die dortigen Zentren dadurch aus, daß sie wesentlich betroffenenorientierter arbeiten, die Mohi's stärker helferorientiert und sozialarbeiterisch/ sozialpädagogisch sind. Dies läßt sich nur zu einem geringeren Teil durch eine verschiedenere Zielgruppe erklären. Wesentlicher ist sicherlich die unterschiedliche Mentalität zwischen den USA und Österreich (das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit versus Sicherheit und Versorgt-werden).

Nach dem 2. Weltkrieg gab es in den beiden Ländern unterschiedliche Startbedingungen. Zum einen waren die USA die Sieger und Österreich bei den Verlierern, andererseits, und dies ist ein wesentlicheres Kriterium, wurden in Österreich während des Nazi-Faschismus Tausende von Behinderten im Rahmen der Aktion T4 vernichtet. Parallel dazu regierte der an Polio erkrankte Präsident Roosevelt die letzten Monate seiner Amtszeit vom Rollstuhl aus. Obwohl sämtliche Rampen im Weißen Haus nach seinem Tod wieder entfernt wurden, gab er entscheidende Impulse für die Sozialpolitik der Nachkriegszeit. Zwischen Europa und den USA gibt es andere Geschichte des "Behindertenwesens" und damit verbunden auch des "Behindertenbegriffes". Bei uns waren bis in die 50iger Jahre herein die wichtigsten Theoretiker im Behindertenbereich Vertreter der Krüppelpsyche und Organminderwertigkeit (s. WÜRTZ 1914, ADLER 1977), bei der das Individuum Zentrum des Behindertseins war. Erst zwanzig Jahre später entstanden sozialisationsbedingte Behindertentheorien (JANTZEN 1974; KLEE 1974, 1976, 1980; NITSCH 1971, BUDDE & THIELEN 1980 u. a.). Die Mohi's orientieren sich stark an der Sichtweise des VEREINS INTEGRATIONSFÖRDERUNG (1981, S. 122). Aus deren praktischer Arbeit in der ambulanten Betreuung ergab sich folgender Behindertenbegriff:

"Behinderung kann als Hilfsbedürftigkeit im Sinne der Abhängigkeit von anderen Personen oder technischen Hilfsmittel angesehen werden. Ohne individuelle Merkmale (z. B. körperliche Schädigung) oder soziale Komponenten (öffentliche Unkenntnis, Stigmatisierung, Diskriminierung) des Behindertenprozesses zu übersehen, stellt sich in unserem Zusammenhang zunächst Behinderung als praktisches Problem mit der Folge entsprechender Hilfsbedürftigkeit dar."

Die sozialpsychologisch orientierten Autoren in den USA stellen besonders die situativen Beeinträchtigungen des Erlebens und Verhaltens behinderter Menschen in den Vordergrund. Sie verstehen "typische Körperbehinderten-Verhaltensweisen" als durch falsches Verhalten der Umwelt indizierte Fehlreaktionen. BARKER (1948) ist der Ansicht, daß körperliche Defekte soziale Bedeutungen haben, da der Körperbau eine Ursache für Klassenunterschiede ist. Behinderte Menschen sind seiner Ansicht nach in einer unterprivilegierten Situation und Angehörige einer unterprivilegierten Minderheit (vgl. WRIGHT 1960 niedere Statusposition). Zum einen besteht eine Einschränkung in der Auswahl von Aktivitäten, verursacht durch die körperliche Behinderung, zum anderen erfolgt ein formeller und informeller Ausschluß von seiten der dominierenden Mehrheit. JORDAN (1963) widerspricht BARKER und MEYERSON mit ihrer Minderheitenpositionstheorie und bezeichnet "Behinderte" als "benachteiligte Gruppe" (disadvantaged group). Die Benachteiligungen sind vor allem in der Abhängigkeit von außen, von seiten der Nichtbehinderten, zu sehen, wie die Abhängigkeit von Hilfe; daß von außen definiert wird, was Anpassung heißt; wie die Generalisierung von spezifischen körperlichen Merkmalen auf die Gesamtpersönlichkeit. In dieser Tradition definiert die Independent-Living-Bewegung Behinderung nicht in bezug auf eine bestimmte physische Behinderung, sondern (1) auf ungerechtfertigte Abhängigkeiten von den Eltern und Geldgebern und (2) als einen Mangel an Möglichkeiten, der durch unterschiedliche soziale, ökonomische und architektonische Schranken bedingt ist.

Die obersten Ziele der österreichischen Behindertenpolitik werden mit den Begriffen "Rehabilitation" - wenn konkrete Maßnahmen, insbesondere im beruflichen Bereich gemeint sind - und mit "Integration" umschrieben, wenn es sich um eher unbestimmte, vage Vorstellungen handelt. In der Regel sieht diese Integrationsarbeit so aus, daß jemand zuerst desintegriert wird in eine Sondereinrichtung, damit man dann dort Eingliederungshilfe aus dem Behindertengesetz ausschöpft, um jemand zu integrieren; d. h. kurz Integration über Desintegration. "Es geht immer nur um eine Verbesserung des Instrumentariums zur Betreuung Behinderter und nicht um eine qualitative Änderung im Sinne von Selbstbestimmung und totaler Integration (wobei hier Integration nicht als Ziel, sondern als dauernd zu praktizierende Methode zu verstehen ist)." (GSTETTNER 1982, S. 323).

Da die Independent-Living-Bewegung in erster Linie eine politische Bürgerrechtsbewegung ist, reden sie nicht von frommen Integrationswünschen, sondern von Apartheitpolitik, Segration und Diskriminierung. Wie während der "blackpower"-Bewegung ist der Hauptangriffspunkt das Transportwesen und die Nahverkehrsmittel. 1988 gingen in San Franzisko 1300 Behinderte auf die Straße, um die Verkehrsbetriebe zu blockieren ("nur" die U-Bahn ist dort absolut E-Rollstuhlgerecht). Sie kämpfen mit Parolen wie, "Unsere Steuern zahlen eure Busse", "Den Schwarzen war es vor 25 Jahren nicht erlaubt, im vorderen Teil der Busse zu sitzen, wir dürfen überhaupt nicht hinein". Der größte Erfolg dieser Bewegung war die Durchsetzung des Antidiskriminierungsparagraphen (Act 504), der verkürzt besagt, daß kein Mensch mit einer Behinderung von Programmen und Aktivitäten, die Bundesgelder erhalten, ausgeschlossen oder diskriminiert werden darf. Durch einen 28tägigen Sitzstreik 1973 vor dem Weißen Haus - dem längsten in der bisherigen USA-Geschichte - konnte Präsident Carter zur Unterzeichnung dieses Gesetzes gebracht werden, nachdem Nixon und Ford durch ihr Veto den Antrag jahrelang blockierten. Mit diesem Paragraphen können alle, die öffentliche Gelder erhalten dazu gezwungen werden, behindertengerecht zu bauen. Ein solcher Paragraph hätte in Österreich noch weitgehendere Folgen, da bei uns viele Bereiche verstaatlicht sind, die in den USA privat sind (z. B. Bahn, großteils auch die Busse ...). Bei unseren Gesetzen steht nicht dabei, was unter Integration zu verstehen ist und meistens folgt die Wendung "auf eine konkrete Integrationshilfe besteht kein Rechtsanspruch".

Paradigmenwechsel von "Rehabilitation" zu "Selbstbestimmtes Leben"

Jetzt möchte ich näher auf den Paradigmenwechsel von "Rehabilitation" zu "Selbstbestimmtes Leben" eingehen. Das Paradigma der Rehabilitation definiert Behinderung im allgemeinen unzureichend, nämlich nur anhand schlechterer Möglichkeiten zur Berufsausübung und anhand unzureichender Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Bei schwerkörperlich behinderten Menschen sind Anomalien aufgetreten, die mit dem Paradigma "Rehabilitation" nicht erklärt werden konnten. In Zeiten eines wirtschaftlichen Tiefs gelingt eine berufliche (Wieder-) Eingliederung fast nicht mehr; seit dem 2. Weltkrieg, also innerhalb von 40 Jahren, schaffte es die Rehabilitationspolitik nicht, eine gesellschaftliche Integration von schwer Behinderten zu erreichen (mit schwer Behinderten sind Rollstuhlfahrer oder noch schwere körperliche Beeinträchtigungen gemeint). Was noch interessanter ist, daß diese Personengruppe ohne eine Rehabilitation vielfach die Ziele erreichte, was die Rehabilitation vorgab zu erreichen und nicht schaffte. Schwerbehinderte haben über die Independent-Living-Bewegung und Zentren ohne professionelle oder sogar gegen den Widerstand der Professionellen Autonomie erlangt. Zu stark "behinderten" Menschen konnten die Rehabilitationseinrichtungen in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit nicht weiterhelfen. Nach dem "Independent Living" (IL)-Paradigma liegt das Problem nicht mehr beim einzelnen, sondern an den Abhängigkeiten schaffenden Strukturen. Da können sich die Mobilen Hilfsdienste auch Gedanken machen, inwiefern sie nicht nur Alternativen zu abhängigmachenden Strukturen/Institutionalisierung anbieten, sondern wieweit sie nicht selbst wiederum institutionalisierend, abhängigmachend wirken. Kritiker von "ambulanten Betreuungsformen" aus der deutschen Krüppelbewegung warnen vor einem ambulanten Heim. Beim IL-Paradigma umfaßt der Ort des Problems die sozialen Steuerungsmechanismen der Gesellschaft. Somit tritt auch ein Wechsel des "behinderten" Menschen zum kritischen Konsumenten von Dienstleistungen ein. Die im IL-Paradigma enthaltene Verursachungstheorie geht davon aus, daß Umwelttheorien als Ursachen der Behinderungen bedeutsamer sind als persönliche Charakteristika.

Zum Vergleich der Paradigmen von "Rehabilitation" und "Independent Living":

 

Rehabilitations-Paradigma

IL-Paradigma

Problemdefinition

Körperliche Einschränkung, mangelnde Fähigkeit zur Berufsausübung

Abhängigkeit von Fachleuten, Angehörigen etc.

Ort des Problems

der einzelne Betroffene

Umwelt, Rehabilitationsprozess

Problemlösung

fachkundiges Vorgehen von Arzt, Therapeuten, Berufsberater, Sozialarbeiter etc.

Beratung durch gleichfalls Betroffene, Selbsthilfe, Kontrolle des "behinderten" Konsumenten, Abbau von architektonischen Barrieren

Soziale Rolle

Patient, Klient

Konsument

Erwünschtes Ergebnis

größtmögliche Fähigkeit in bezug auf Aktivitäten des täglichen Lebens, Berufstätigkeit

selbstbestimmtes, autonomes Leben (Independent Living)

Medizinisches Modell:

Independent-Living-Modell:

vom Leistungsanbieter bestimmt

vom Leistungsnehmer (Konsument) bestimmt

Ärztlicher (professioneller) Behandlungsplan

kein ärztlicher (professioneller) Behandlungsplan

Die Einrichtung hält das Personal zur Hilfestellung bereit.

Der Konsument stellt die Helfer selbst ein bzw. bestimmt Art und Anzahl der Hilfe und ist verantwortlich für die Auswahl der Helfer.

Bezahlung vom Kostenträger direkt an die Einrichtung.

Der Konsument erhält das Geld (z.B. aus der Pflegeversicherung) und bezahlt die Helfer selbst.

Der Arzt/Fachmann legt die Anspruchsgrundlagen fest.

Der Konsumen legt die Anspruchsgrundlagen selbst fest.

Rolle des Patienten

Rolle des autonomen Konsumenten

Leistungen aus dem Gesundheitsetat.

Sozialleistungen / Pflegegeld.

Die Eigenverantwortung hat Folgen auf alle im Sozialbereich / der Behindertenhilfe professionell Tätigen, da ihre Stellen zum Teil von Betroffenen selbst besetzt werden. Eigenverantwortung macht auch vorerst bei den Konsumenten Angst. Es ist viel einfacher, in einer Institution zu leben, wo für alle Bedürfnisse gesorgt wird. Die Bewohner des Heimes brauchen sich keine Gedanken zu machen, wer die Bettwäsche wechselt, das Essen kocht und die Miete bezahlt. Diese Sicherheit hat aber auch einen hohen Preis. Nämlich der Verlust an Freiheit, Unabhängigkeit und aktivem Leben in der Gesellschaft. Aber auf der anderen Seite bedeutet Unabhängigkeit harte Arbeit. Ein Konsument muß aktiv an seiner Unabhängigkeit arbeiten. Er muß lernen, sein Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen und die Aufgaben und Ziele in Angriff zu nehmen, die die Unabhängigkeit erst ermöglichen.

Die interne Struktur der "Independent-Living"-Zentren und deren Arbeitsmethoden

Jetzt wird näher auf die interne Struktur der "Independent-Living"-Zentren und deren Arbeitsmethoden eingegangen. Wenn sich ein neuer Konsument bei einem CIL telefonisch oder persönlich meldet, bieten die Zentren verschiedene

Schritte an Dienstleistungen an. Bei einem Erstgespräch erhalten die Konsumenten generelle Informationen allgemeiner Art und spezifisch über die CIL. Es wird gemeinsam evaluiert, welche Wünsche und Ziele die Person hat, um ein für sie selbstbestimmteres Leben führen zu können. Um diese Ziele zu erreichen, bieten die Zentren ein Trainingsprogramm an (independent living service). Der Person wird das Angebot gemacht, sich einen "peer councelour" (eine Person mit einer ähnlichen Behinderung, die eine ähnliche Sozialisation hinter sich hat, aber bereits unabhängiger, selbstbestimmter lebt) aus einer Liste auszusuchen und sich mit dieser einen Termin zu vereinbaren. Im Bereich Hilfe/Betreuung/Pflege vermitteln wenige Zentren Laienhelfer. Sie übernehmen dabei aber keine Koordinationstätigkeit; dies lernt der Konsument in einem Training (attendant management training). Sie haben auch keine Helfer, Pfleger, Zivildiener etc. angestellt, die bei einer ambulanten Betreuung im Sinne der MOHI's eine zentrale Rolle einnehmen. Bei aller Unterschiede unter den Zentren zeigen sie eine gewisse einheitliche Organisationsstruktur:

Organisationsstruktur:

zu a)

Beim Helfermanagement soll der Konsument als Arbeitgeber des Helfers möglichst viel Kontrolle in der Betreuungsbeziehung erwerben. Verschiedene Personen benötigen dazu öfters jahrelanges Training und Unterstützungen. Diese wichtige Fähigkeit zu einem selbstbestimmten Leben hat zum Ziel, daß Konsumenten lernen, ihre Helfer selbst anzuwerben, sie zu koordinieren, zu bezahlen und, falls notwendig, den Helfervertrag mit ihnen wieder zu lösen.

Anwerben und Erstinterview der Helfer/innen:

Ein CIL-Mitarbeiter geht mit dem neuen Konsumenten durch, welche Zielvorstellungen er/sie von den Helfer/innen habe sowie welche Bedürfnisse und welchen Bedarf. Aufgrund dieser generellen Informationen soll der Konsument in der Lage sein, eine Helferanzeige zu schreiben und aufzuhängen. Bei den Erstinterviews soll sich herausstellen, inwieweit die beiden Vertragspartner miteinander zusammenarbeiten können.

Helfer-/Arbeitsvertrag:

Dieser dient zur Regelung der gegenseitigen Leistungen in diesem Arbeitgeber Arbeitnehmerverhältnis. Dazu zählen die Regelungen der Dienstzeiten, die Bezahlung, welche Arbeitsbereiche zu erfüllen sind . . .

Training derHelfer:

Dieses Training übernimmt der Konsument selbst. Ihm/ihr hilft dabei am Anfang der "peer councelour/Betroffenenberater". Das Training übernimmt nicht wie bei ambulanten Betreuungsvereinen der Verein oder ein Angestellter des Vereins. Es wird von der Annahme ausgegangen, daß Menschen mit Behinderungen selbst am besten wissen, was sie wann und wie benötigen. Wenn später ein Helferwechsel entsteht, gibt die Person, die bisher die individuelle Hilfestellungen leistete, der neuen Person eine praktische Einführung gemeinsam mit dem Konsumenten.

Rückversicherungssystem (back-up-system):

Da es unvermeidlich ist, daß ein Helfer aus irgendeinem Grund verhindert ist (Krankheit, anderer wichtiger Termin, vergessen . . .), ist ein Rückversicherungssystem von Freunden und Bekannten bzw. Nachbarn sehr wichtig. Die alltägliche Mohi-Arbeit zeigt, daß die meisten Konsumenten bisher (noch) unfähig waren, ein solches System für Notfälle einzurichten. Es empfiehlt sich eine Liste von Namen und Adressen zu haben, wenn die regelmäßigen Helfer einmal ausfallen sollten. Eine andere Methode ist (hängt allerdings vom Verantwortungsgefühl des Helfers ab), daß der Helfer im Helfervertrag verpflichtet wird, für sich einen Ersatz zu suchen.

Beenden der Helferbeziehung:

Im Helfervertrag stehen auch die Gründe für eine Auflösung der Helferbeziehung. Ein zentraler Punkt für die Beendigung des Helferverhältnisses ist, daß der Helfer keine zweite Behinderung darstellen darf. Sobald er/sie zu einer dauernden Belastung wird, ist eine Vertragsauflösung angezeigt.

zu b)

Betroffenenberatung (peer counceling): Peer Councelour sind Individuen mit Behinderungen, die mit anderen Menschen mit ähnlichen Behinderungen arbeiten und diese unterstützen, wie sie unabhängig leben lernen und die Einrichtungen der Städte, Gemeinden bestmöglichst zu nützen. Peer Councelour oder Advocates werden in drei wichtigen Bereichen verwendet:

Die Peer Advocates stellen ein Rollenvorbild dar. Der Advokat ist eine Person, die bereits ein selbstbestimmtes Leben führt und am gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Die Peer Advocates leisten eine wichtige Verbindung zwischen den Konsumenten und den Dienstleistungen, die durch die Zentren angeboten werden. Die Peer Advocates bieten, gestützt auf ihrer persönlichen Erfahrung, Beratungen an, die einen weiten Bereich von "Independent-Living-" Fähigkeiten abdecken. Als ein Rollenmodell ist der Peer Advocate durch sein eigenes Beispiel fähig, zu zeigen, daß ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Er/sie erinnert die Konsumenten ständig daran, was ein Individuum mit einer Behinderung alles erreichen kann. Zusätzlich, und dies in einem ganz wichtigen Sinn; ist der Advokat als Konsument des CIL und als Arbeitgeber von Helfern im selben Boot und ist daher speziell sensibel in Hinsicht auf institutionelle Barrieren. Peer Counceling ist mehr als ein Teilhaben und Teilnehmen an einem Selbständig-werden-Prozeß. Die Advokaten sind Personen, die früher in denselben Positionen waren, wie viele jetzt noch immer drinnen sind und der/ die auch weiß, wie man/frau sich dabei fühlt.

Die meisten Zentren handhaben den Bereich Peer Counceling, indem sie Listen von selbstbestimmt lebenden Menschen mit den verschiedensten Behinderungen haben, die dann sich im Bedarfsfall zur Verfügung stellen (auf Honorarbasis). Diese werden in Independent-LivingTrainings geschult, und zwar in Beratungstechniken, Leistungen, die die Zentren anbieten, Behindertengesetz, politischer Arbeit. ... Öfters beeinhaltet Peer Counceling ein "outreach program", bei dem die Betroffenenberater aufs Land hinaus oder in Heime gehen, zu Personen, die (noch) abhängig leben.

zu c)

Independent Living-Fähigkeitstraining: Da ein unabhängiges Leben alleine oft schwer erreichbar ist, bieten die CIL dazu Trainingsprogramme an. Das Endprodukt soll das Erreichen der eigenen Lebensziele sein. Bei einem solchen Selbstbestimmtes-Leben-Training wird ein Plan mit den Wünschen des Konsumenten erstellt.

Dieser Plan des Konsumenten soll dazu dienen, seine Vorstellungen von einem unabhängigen Leben zu erreichen. Während es beim Helfertraining/Helfermanagement um mehr Kontrolle im Bereich der Betreuung für den Konsumenten geht, umfaßt das "Independent Living Skill Training" alle anderen alltäglichen Bedürfnisse und Aktivitäten. Diese kurz- und langfristigen Ziele gilt es während des Trainings zu erreichen.

Der National Congress der CIL hat eine zehnstufige Skala von Independent-Living-Stufen aufgestellt. Daran kann jedes Betreuungsprogramm verglichen werden, ob sie mit den Merkmalen des Selbstbestimmt-Leben-Paradigmas übereinstimmen.

  1. Keine medizinische Supervision wird verlangt.

  2. Die Leistungen, die angeboten werden, beinhalten ambulante Betreuungen mit z. B. Kathederisierung, persönliche Betreuung, Körperpflege, Hilfe bei der Mobilität und im Haushalt.

  3. Das maximale Ausmaß der Betreuung liegt bei 20 Wochenstunden.

  4. Das Service ist über 24 Stunden, sieben Wochentage erhältlich.

  5. Die Einkommensgrenze, bei dem der Dienst von der öffentlichen Hand finanziert wird, liegt zu 150% über dem Existenzminimum.

  6. Individuelle Versorgungsmaßnahmen können vom Konsumenten beansprucht werden.

  7. Der Konsument wirbt seine Helfer an und feuert sie auch, falls notwendig.

  8. Der Konsument bezahlt direkt den Helfer/die Helferin.

  9. Der Konsument trainiert seine Helfer selbst.

  10. Der Konsument nimmt bei Entscheidungen, wieviele Stunden er/sie wünscht und welche Arten von Leistungen er oder sie benötigt, teil.

Schluß

Damit das CIL nicht nur durch die rosarote Brille gesehen werden, erfolgen zum Abschluß einige Relativierungen, wobei ich neidlos den jahrelangen Vorsprung der US-amerikanischen Zentren zugeben muß. Trotz der 250 Zentren in allen Staaten der USA gibt es in den ländlichen Gegenden und bei den benachteiligten Bevölkerungsgruppen (wie Schwarze, Indianer...) nicht dieselben Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben wie bei der städtischen weißen Bevölkerung. In Österreich gibt's in erster Linie eine finanzielle, materielle Besserstellung im Behindertenbereich (Pflegegeld, Zuschüsse für PKW, Wohnungsumbau, E-Rollis...) und eine bessere Gesundheitspolitik sowie teilweise eine kostenlose therapeutische Versorgung. In noch nicht allen Städten ist es der Behindertenbewegung in den USA gelungen, behindertengerechte Nahverkehrsmittel durchzusetzen. Eingeräumt werden muß auch, daß in den USA Behindertenghettos nach wie vor bestehen. Allerdings ist das Verhältnis integrativer, konsumentenorientierter Dienstleistungen zu Sondereinrichtungen wesentlich günstiger als bei uns.

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Zum Autor

Gottfried Wetzel, Dc: phil. (Psychologie und Psychiatrie), Mitbegründer des Mobilen Hilfsdienstes Salzburg, Dissertation über Ursachen und aufrechterhaltende Bedingungen von Aussonderung und Integration von schwer körperlich Behinderten, April-Juni 1987 Fulbright Forschungsstipendium in die USA über die dortige Behindertenbürgerrechtsbewegung und die Zentren für selbstbestimmtes Leben von und für behinderte Menschen, seit Februar 1988 Absolvierung des Akademikertrainings im Verein "Miteinander", Linz.

Quelle:

Gottfried Wetzel: Selbstbestimmtes Leben - Ein Erfahrungsbericht über die "Independent Living Centers" in den USA

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, Heft 3 / 1988

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.01.2007

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