Begleitung von homosexuellen HIV-Positiven und Aidskranken Menschen aus psychosozialer Sicht

Beitrag aus der Arbeitsgruppe zum Thema: Sterbebegleitung Theorie Praxis Seminar I+II. Bereich: Psychosoziale Arbeit, Studienjahr 95/96

AutorIn: Markus Waschek
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Seminararbeit
Releaseinfo: Arbeit eingereicht bei: Doz. Dr. Volker Schönwiese, im Oktober 1996
Copyright: © Ing. Markus Waschek 1996

Einführung und Impressum

Eines Tages blickte ich Aids

ins Gesicht.

Ich erschrak, bis ich entdeckte,

daß mich Gott

anschaut.

( zit. n. Markus Commercon, Mein Gott Aids, Pattloch, 1995)

Vorwort:

Eine Krankheit mit dem Namen Aids hat Mitte der 80`er Jahre die Welt erschüttert und sie ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Aids steht als Synonym für das Scheitern von Machbarkeit, für die Beschneidung der, infolge technischer und medizinischer Revolutionen verkündeten Allmachtsphantasien. Aids setzt ein Zeichen von Begrenztheit, in einer vom eigenen Ewigkeitsglauben durchdrungenen Gesellschaft. Zugegeben, im Jahr 1996 ist die Aufmerksamkeit dieser Krankheit gegenüber geringer geworden. Die nunmehr fast zehnjährige Aufklärung und Information hat dazu beigetragen, daß den apokalyptischen Visionen und den Endzeitaposteln, welche bedingt durch das HI-Virus den Untergang der Menschheit predigten, der Boden für ihre Argumentation entzogen wurde. Was geblieben ist, drückt sich in irrationaler Angst und Verunsicherung aus, findet sich wieder in Schuldzuweisungen und Ausgrenzungstendenzen gegenüber den Betroffenen und der am meisten gefährdeten "Risikogruppen", beinhaltet aber auch das Bemühen, sowohl aus medizinischer und sozialer Sicht, ein Mögliches an Unterstützung zu geben.

Die Hauptbetroffenengruppe der HIV-Infizierten war zu Beginn der epidemischen Ausbreitung die der Homosexuellen. Als Gründe gelten heute die noch nicht eindeutig beschriebenen Übertragungswege, das promiske Verhalten, sowie der "Vorsprung", den viele Heterosexuelle dadurch hatten, als Möglichkeiten der Ansteckung und der "Gefährlichkeit" von sexuellen Verhaltensweisen erst definiert wurden. Viele Homosexuelle hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon infiziert oder waren erkrankt. Heute hat sich eine Verschiebung der "Risikogruppen" dahingehend ergeben, daß im Durchschnitt mehr Neuinfektionen im Heterosexuellenbereich und Drogenmilieu zu finden sind, als bei den Homosexuellen. An der Stigmatisierung und Diskriminierung hat sich über die Jahre nur wenig geändert, sie wird sich immer aus der Gruppe der Minderheiten orientieren.

Es wäre nicht gerecht zu behaupten, daß die Ausgrenzung allein auf Vorurteile aufgebaut ist. Aids ist eine Krankheit die Angst macht, sowohl ihrer Unberechenbarkeit der Übertragung wegen, als auch der sich immer noch widersprechenden Aussagen über Ansteckungsmöglichkeiten. Wenn auch ein großer Teil der Mediziner einig ist und dies in vielen Aufklärungskampagnen in Form von klaren Aussagen über gefährliche und weniger, oder nicht gefährliche Sexualpraktiken darlegt, genügen einzelne Stimmen die dem widersprechen, um Unsicherheit und damit Angst zu erzeugen. Die Hintermänner dieser "Angst-Kampagnen" sind nicht selten jene, die am Leid und der Diskriminierung der Betroffenen als Nutznießer partizipieren.

Mißtrauen ist gegen alle metaphorischen Verwendungen von Aids geboten. Manche sprechen vom "Fingerzeig Gottes ", andere von der "List der Natur", wieder andere von der "Strafe des Verhaltens wider die Natur" etc. (vgl.: G. Schmidt, 1993, S.185) Allen diesen Formulierungen ist gemeinsam, daß sie von einem moralischen Standpunkt ausgehen, der von persönlichen, ideologischen oder politischen Motiven besetzt ist. Unter Hinweis auf die Krankheit soll diesen "Ideen" mittels leicht eingängiger emotionaler und logisch nachvollziehbarer Argumentation Geltung verschafft werden. Die Krankheit wird Mittel zum Zweck der Ausbeutung, und Interesse haben diejenigen daran, die Gesundheitspolitik "in Kreuzzüge verwandeln wollen". (vgl.: S. Sontag, 1987, S.102)

Der zu Beginn der Aids-Aufklärung formulierte Satz: "Aids geht uns alle an", trägt eine merkwürdige Ambivalenz in sich. Die Zahl der Aids -Toten ist im Vergleich zu anderen tödlich verlaufenden Krankheiten verschwindend gering. Trotzdem sind Vorurteile, Aufmerksamkeit, Angst gegenüber dieser Krankheit unverhältnismäßig hoch. Es gibt nicht viele heterosexuelle Menschen, die in einer persönlichen Beziehung zu HIV-Positiven oder Aids-Kranken Menschen stehen. Umgekehrt gibt es viele Homosexuelle, die sich im Kontakt mit Betroffenen befinden. Ich sehe zwei Gründe für die große Aufmerksamkeit der Gesellschaft gegenüber der Krankheit Aids:

Zum einen geschieht die Übertragung meist durch sexuellen Kontakt.

Jeder Mensch als sexuelles Wesen kann potentiell davon betroffen sein. Sexualität unterstreicht wieder einmal ihren gefährlichen Charakter: sie kann bedrohlich ja lebensbedrohlich sein und sie führt obendrein zum Chaos der Gefühle, dorthin, wo auch die gesellschaftliche Anarchie lauert. (vgl. Riedl, 1996, S5)

Zum zweiten ist Aids eine "neuartige Krankheit, bei der sogenannte bewährte Strategien ...ohne Wirkung bleiben". ( Bleibtreu - Ehrenberg, 1989, S.10) Das heißt, daß im Risiko und in der Unberechenbarkeit der Krankheit eine Aufforderung liegt, sich Lernprozessen auszusetzen, die einen verantwortungsvollen Umgang der Betroffenen mit den nicht - Betroffenen und umgekehrt zum Inhalt haben. Unterbleibt die Auseinandersetzung, kommt es zu restriktiven Maßnahmen gegenüber den Betroffenen, vom Entzug persönlicher Freiheit, bis zum menschenverachtenden militanten Vorgehen.

Meine Beschäftigung mit der Krankheit Aids hat mir gezeigt, daß sich die Betroffenheit und das Leid von Aids-Kranken weniger aus den bisher ernüchternden medizinischen Aspekten herleitet, sondern in einem hohen Maße von der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Aids und gleichgeschlechtlicher Orientierung geprägt ist.

Was muß sich ein junger Homosexueller denken, der in den Schwierigkeiten seines Coming Out´s verfangen ist, wenn er seine sexuelle Identität als verursachend für eine Ausbreitung einer Krankheit erfährt, welche auch auf die "Unschuldigen" übergreift? (Bluter, Kinder, Heterosexuelle)

In welcher Situation befindet sich der durch ein doppeltes Stigma gezeichnete (schwul und HIV-Positiv oder Aids-Krank), der in seinem körperlichen Verfall noch systematische Ausgrenzungen durch eine Öffentlichkeit erfährt, die sich mitunter in seine intimsten Lebensbereiche (Familie, Freunde, Partner) fortsetzt ?

Inwieweit können Institutionen, wie Aids Hilfe, Gesundheitsämter, Sozialarbeiter, Mediziner.... an einer Änderung des diskriminierenden psychosozialen Kontextes mitarbeiten, in dem sich der Betroffene nicht als Schuldiger eines Verhaltens erkennt, nicht als Objekt der Klassifikation von sexueller Orientierung, sondern als ganze Persönlichkeit mit seinen Gefühlen, Eigenschaften, Sehnsüchten?

Ich glaube, daß neben der medizinischen Herausforderung der Krankheit Aids eine sehr starke gesellschaftliche existiert, die in ihren Auswirkungen politische, soziale und ethisch (religiöse) Dimensionen anspricht.

Ausgehend von einer sehr vereinfachten medizinischen Begriffsklärung möchte ich auf gängige Klischees speziell gegenüber homosexuellen HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen eingehen. Dabei werde ich den Bergriff der Schuldhaftigkeit als moralische Komponente, und den Begriff der Angst als Auslöser für Ausgrenzung näher betrachten; denn der Aidskranke Homosexuelle steht in zweifacher Hinsicht für Endlichkeit: als Homosexueller in seiner fehlenden Generativität und als Aids Patient in seiner Todesgewißheit.

Im folgenden Teil geht es mir um das Aufzeigen der psychosozialen Situation von homosexuellen Aids-Kranken oder HIV-Positiven Menschen. Der Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und Stigmatisierung. Immer wieder müssen die Betroffenen erleben, wie sich die Zahl der nahen Angehörigen, Freunde, oder solche die dafür gehalten wurden, verringert. Das Schlagwort vom sozialen Tod, der dem physischen vorausgeht, ist nicht unbegründet.

Isolierung ist einer der Zwecke, den die Stigmatisierung beabsichtigt. Der Betroffene konfrontiert die Gesellschaft mit ihren eigenen Abweichungstendenzen und dient als Projektionsfläche für Verbotenes und Unmoralisches. Er wird daher zum Erfüllungsgehilfen für gesellschaftliche Absichten degradiert: indem diese die Ursachen seiner Krankheit nicht in einer Virusinfektion, sondern im moralischen Fehlverhalten sieht. Die Verbindung von Fehlverhalten - Schuld - Todesstrafe ist nur ein kleiner Schritt und braucht nicht eigens erwähnt zu werden.

Die für den Betroffenen erwachsenden Bewältigungsaufgaben liegen daher nicht nur in seiner Krankheit begründet, sondern werden in nicht unerheblicher Weise von der Gesellschaft produziert. Eine Änderung ist solange nicht zu erwarten, solange Homosexualität als Tabuthema behandelt wird.

Ein Ausschnitt aus den Tätigkeiten der Aids Hilfe und anderer mit der Betreuung befaßter Einrichtungen, soll beispielgebend für die Arbeit mit den Betroffenen sein und den Einsatz für mehr Akzeptanz und Selbstverständnis im gesellschaftlichen Kontext zeigen.

Im letzten Teil möchte ich ein privates Projekt vorstellen, welches die Begleitung von homosexuellen HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen zum Inhalt hatte. Hatte deshalb, weil dieses Projekt nicht mehr existiert und gescheitert ist. Ich, als einer, der an diesem Vorhaben mitbeteiligt war, möchte in einer Art Rückschau noch einmal die Beweggründe aufzeigen, die für das Zustandekommen ausschlaggebend waren. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf das seinerzeitig ausgearbeitete Konzept beziehen, in dem wir - die Gruppe Companions - unsere Vorstellungen von Begleitung niedergeschrieben haben.

Die, in der Umsetzung der Ideen in die Praxis auftretenden Schwierigkeiten, sowie die Probleme, die sich innerhalb der Gruppe daraus ergaben, versuche ich in einer Reflexion aufzuzeigen. Eine Erklärung des "Warum" des Scheiterns wird daraus nicht hervorgehen, es besteht aber die Chance durch das Überdenken des seinerzeitigen Vorgehens zu einem besseren Verständnis unseres damaligen Handelns zu gelangen.

1.) Aids, was ist das ?

Aids (aquired immune deficiency syndrome) ist eine Erkrankung, die das Immunsystem des Körpers sukzessive schwächt. Verantwortlich dafür ist ein im Körper vorhandenes Virus, welches den Attacken der Immunabwehr widersteht und selbst dazu übergeht, wichtige Bausteine dieser Abwehr (T4-Helferzellen) zu zersetzen. Dieses Virus wird als HI-Virus oder menschliches Immundefizit Virus bezeichnet. Eine Ansteckung kann ausschließlich durch einen Austausch von Körperflüssigkeiten erfolgen (Blut oder Sperma) und ist daher vorwiegend bei Sexualkontakten möglich. Im alltäglichen sozialem Umgang ist eine Ansteckung auszuschließen. Der Infektionsverlauf bis zum möglichen Ausbruch der Krankheit beträgt in Europa ungefähr zehn Jahre. (abhängig vom Virusstamm und den allgemeinen Lebensbedingungen) Das heißt während dieser zehn Jahre ist der Betroffene wohl Virusträger aber gesund: HIV-Positive sind gesunde Menschen. Ein Ausbruch der Krankheit Aids muß nicht erfolgen; man schätzt die Rate derer, bei denen keine Krankheitsanzeichen auftreten mit ungfähr 10-15%. Die Krankheit selber und das mit ihr verbundene Auftreten von opportunistischen Erkrankungen (jene Sekundärerkrankungen, welche durch Aids ausgelöst werden), muß nicht zwangsläufig den steilen Abstieg zum Tod bedeuten. Viele der als chronisch zu bezeichnenden Krankheitsbilder lassen sich heute so gut behandeln, daß wieder eine aktive Teilnahme am Leben möglich ist. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, die Aktivität der Viren soweit einzuschränken, daß damit eine dauerhafte Unterbrechung des Prozesses der Zellschädigung erreicht worden wäre. Die Entwicklung eines derartigen Impfstoffes oder Medikamentes wird, so schätzt man heute, noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern. (aus: Informationsabend mit Dr. Dierich Manfred, Vorstand des Hygieneinstitutes in Ibk. vom 5.6.96, Titel: Aids eine "Pest" unserer Zeit)

2.) Gesellschaftlicher Umgang mit HIV-Positiven und Aids-Kranken

Spricht man von Aids, so verbindet man in diesem Zusammenhang Gruppen von Personen, die durch ihr Verhalten oder ihre Lebensweise in einer scheinbaren Prädisposition zu dieser Krankheit stehen.

Gemeint sind Minderheiten wie Fixer oder besonders die Gruppe der Homosexuellen, denen ein besonders risikoreicher Umgang mit ihrer Sexualität zugeschrieben wird, und die daher an vorderster Stelle der sogenannten "Risikogruppen" eingereiht ist. Mittlerweile ist durch massive Aufklärung zumindest auf wissenschaftlicher Ebene eine Distanzierung von diesem Begriff erfolgt, weil die Einsicht Platz gegriffen hat, daß allein ein risikoreiches Verhalten für die Übertragung des Virus verantwortlich ist, keineswegs aber eine definierte Gruppe von Personen. Es gibt daher keine Risikogruppen, sondern nur ein risikoreiches Verhalten, welches unabhängig von der geschlechtlichen Orientierung ist.

Die hinter der rationalen Begrifflichkeit versteckte emotionale Bedeutungszuweisung ist damit aber auf keinen Fall berührt worden. Homosexualität, Promiskuität und Aids werden weiterhin in Verbindung gebracht.

Krankheit und Aussätzigkeit oder besser die Ausgesetzheit von HIV-Positiven wird gerne als das Ergebnis eines bestimmten Verhaltens betrachtet und ist damit mit einem Stigma behaftet. Ähnlich wie Devianz als eine Qualität des Handelns betrachtet wird und nicht korrekterweise als ein Resultat sozialer Festlegungsprozesse ( vgl.: Hohmeier 1975, S. 6), ist für den Kranken oder Positiven die "Qualität des Handelns" als Ursache für die -seine-, jetzige Situation bestimmend. Daß damit ein Fehlverhalten gemeint ist, braucht nicht näher erwähnt zu werden. Mit dieser Vorgangsweise wird eine moralische Komponente erzeugt, die dem Kranken sein Unglück als selbstverschuldet erleben läßt. Es bedarf nicht der Krankheit Aids als Auslöser für solches Verhalten, nur sind Heftigkeit und die Kollektivität der Schuldzuweisungen bei dieser Krankheit besonders prägnant. ( vgl.: Dunde 1988, S. 72)

Die Situation ist für den Erkrankten (Positiven) meist in dreifacher Hinsicht prekär: Zum einen befindet sich die Gruppe der Homosexuellen derzeit noch mit der Zahl der registrierten Neuerkrankungen (nicht Neuinfektionen) an erster Stelle. Die Ursache hiefür liegt in der langen Latenzperiode bis zum Krankheitsausbruch von ungefähr zehn Jahren. Vor dieser Zeit hat sich die Aufklärungswelle erst in ihrer Startphase befunden und die Infektionen betrafen hauptsächlich Homosexuelle. Mittlerweile ist die Hauptbetroffenengruppe der Neuinfektionen die der Heterosexuellen. Tatsache aber ist, daß Aids mit Homosexualität in Verbindung gebracht wird und die Zuschreibung "Risikogruppe" und die Stigmatisierung der Betroffenen nicht erst dieser Krankheit bedarf. Zum zweiten sind die Betroffenen dem Verständnis "Krankheit als Resultat" ausgesetzt, welches oft als Vorwand für Distanzierung vom Kranken und dem Entzug von Hilfe und Zuwendung gebraucht wird. Zum dritten spielt die Verknüpfung mit moralischen Dimensionen, bewußt oder unbewußt, eine große Rolle. Aids ist nicht eine Krankheit die man bekommt, sondern die man "sich holt". Die Frage der Schuld wird hier angeschnitten, nicht nur die an der eigenen Erkrankung, sondern auch die an der Erkrankung anderer.

2.1) Aids und Moral

Aids bekommt man nicht, sondern man holt es sich. So also lauten stereotype, leicht eingängige und nachvollziehbare Floskeln. Die Ursache der Erkrankung wird mit eigenem (natürlich schuldhaftem) Verhalten in Verbindung gebracht. Grundsätzlich ist diese Vorgangsweise nichts Neues: In unserer zweckrationalen Welt ist Krankheit der Ausnahmezustand, der sich durch Ineffizienz und Belastung der Anderen auszeichnet. Mit der Krankheit geht die Frage nach den Ursachen einher. Das "Schuldigwerden" des Kranken an der Gesellschaft interpretiert diese als Selbstverschulden des einzelnen an seiner Krankheit und rechtfertigt damit die moralische und soziale Distanzierung. Stimmt der Betroffene den Anschuldigungen zu, erlebt er sich als Außenseiter, indem er niemandem zur Last fallen will; stimmt er ihnen nicht zu, erlebt er sich auch als Außenseiter, weil er im Widerspruch zu gesellschaftlichen Absichten steht.

Bei der Krankheit Aids ist dieser Vorgang ähnlich, mit der Erweiterung, daß die Beschuldigung auf die Ansteckung anderer erweitert wird, und daß die sexuelle Übertragbarkeit die Krankheit von vornherein in den Bereich des Lasterhaften und Unmoralischen stellt.

Galt früher die Syphilis als eine "Antwort Gottes" auf das allzu freie Treiben der Geschlechter, so ist es heute Aids, das dem promisken und "widernatürlichen", weil gleichgeschlechtlichem Verhalten Einhalt gebietet. So lautet zumindest der Tenor vieler sich auf eine moralische Instanz ( Kirche ) berufende Weltverbesserer. Der grenzenlose Zynismus liegt in der Formel: Krankheit als Chance. Viele kirchliche Autoritäten sehen sich berufen von einem " Fingerzeig Gottes zu sprechen, .. von einem gesellschaftlichen Offenbarungseid... aus dem hervorgeht, daß eheliche Treue und Enthaltsamkeit unerschütterliche Pfeiler sittlichen Verhaltens sind." ( Schmidt 1993, S. 185) Die Krankheit wird verzweckt.

Es geht nicht um den Betroffenen, sondern um eine Verwirklichung von eigenen Moralvorstellungen und Allmachtsphantasien. Susan Sontag spricht von einer die Krankheit ausbeutenden Haltung. Der Betroffene bleibt mit seiner Krankheit zu oft alleine, was bleibt ist sein Erkennen als negativ besetztes Vorzeigeobjekt aus der Konsequenz moralischen, sittlichen Fehlverhaltens.

Aids ist eine Krankheit, die dem Betroffenen seine "Schuld" auch spüren läßt. Er kann (falls er es bisher getan hat) seine Homosexualität nun nicht mehr länger verheimlichen. "Aids bringt ans Tageslicht, was bisher verborgen bleiben konnte...." (Müller 1988, S. 114) Somit steht die Krankheit in einem als unmoralisch definiertem Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken. In diesem Zusammenhang wird oft von Verantwortlichkeit gesprochen. Aber: "von einem Menschen der physisch und sozial in die Enge getrieben wird, kann man kaum verantwortungsvolles Handeln verlangen". ( Dunde1988, S. 78) Hier beginnt die Aufgabe gegen die Vorurteilsbildung und Ausgrenzung anzukämpfen und damit jene Verantwortung wahrzunehmen, die die Gesellschaft gegenüber den Stigmatisierten hat.

Rosa von Praunheims Formulierung " nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt " trifft zu. Auf Kosten der Betroffenen wird ein Moralsystem propagiert, welches sich selber widerspricht: Es geht nicht um Menschenwürde und persönliche Freiheit, sondern um ein Druckmittel, um mißliebiges Verhalten einzuschränken und um die Kontrolle von "Normverletzern". (diskutierte Meldepflicht von HIV Infizierten)

2.2) Aids und Angst

Die meisten Menschen haben eine irrationale Angst vor Aids. " Angst hat bei vielen Menschen, auch beim nicht-Homosexuellen ein Motiv: Schuldgefühle." (Dunde 1988, S. 74) Diese Angst hat eine sehr lange Tradition. Bereits im christlichen Mittelalter plagte man sich mit der Angst vor den ewigen Höllenqualen. Die Religion bedient sich dabei eines einfachen aber sehr wirksamen Vorgehens: Sie transzendiert die Bestrafung von Schuld auf eine nicht erfahrbare, weil nicht nachvollziehbare Ebene und schafft durch die Ungewißheit der Erwartung eine Unsicherheit, die zusätzlich Angst erzeugt.

Das strafende und rächende Gottesbild diente als Mittel der Disziplinierung und Durchsetzung von Glaubensüberzeugungen. Schuld wird mit Angst belegt, die nicht oder nur schwer abgeschätzt werden kann. Aus dieser Sicht sind Krankheiten wie Pest für ganze Bevölkerungsgruppen oder aber auch die von Einzelnen als Sündenschuld, der oder eines Menschen gedeutet worden.

Diese tief verwurzelten Vorurteile existieren, wenn auch in einer teilweise subtileren Form der Äußerung, noch heute. Das "schuldhafte" homosexuelle Verhalten wird in der Form der Krankheit Aids bestraft. Sie stellt das "Gericht Gottes" dar, sie wird zum Stigma der Sünde und zur Strafe für das verbotenen Laster. Die Konsequenzen daraus sind, daß sich das Individuum ändern muß, denn in diesem Verhalten kommt das Übel zum Ausbruch. Die Krankheit ist nicht mehr der Ausdruck einer leidvollen Situation, sondern sie ist der Produzent einer von Gesellschaftsstrategen konstruierten Moral. Das Opfer wird zum Täter, und die Krankheit heißt nicht Aids, sondern abweichendes Verhalten, zum Beispiel Homosexualität.

Um mit der Angst besser umgehen zu können, bedient sich die Gesellschaft des Mechanismus der Verschiebung: " Die Verschiebung des Bedrohlichen auf ein anderes Objekt, auf eine andere Gefahr, die aktives Handeln, oder zumindest die Mobilisierung von Haß oder anderer Formen der Aggression zuläßt" (Parin 1987, S. 55)

In der Ungewißheit des Auftretens der Symptome von Aids, in der Übertragung durch den sexuellen Kontakt, vor dem Hintergrund jahrhunderte alter sexualfeindlicher Normen, in der Unsicherheit der möglichen Ansteckungsformen, in der Gewißheit, daß es noch keine Behandlungsmethoden gibt, begründen sich Angst und Ohnmachtsgefühle, die sich in der Todesangst kanalisieren. Sie ermöglicht die Verwendung der Metapher der -aggressiven Viren- und die Suche nach Schuldigen, "die für ihren unmoralischen Lebenswandel mit dem Tod bestraft werden." (Dunde 1988, S. 38) Der Tod des schuldigen Anderen steht für die Sicherheit meines Überlebens und dient mir als Garant für meine Unsterblichkeit. Das von vielen noch als krankhaft angesehene Verhalten -Homosexualität-, ist dabei nur der Garant dafür, daß sich ein Verhalten "Wider die Natur" nicht ungestraft praktizieren läßt.

Eine entscheidende Bedeutung der Krankheit Aids für die Gesellschaft liegt in ihrer sexuellen Übertragbarkeit. Aids ist die Projektionsfläche kollektiver Sexualangst und kollektiver Sexualwut die auf diejenigen verschoben wird, die von dieser Krankheit besonders bedroht sind. ( vgl.: Schmidt, 1993, S.179)

Man könnte glauben, daß die sexuelle Liberalisierung dazu beigetragen hat, daß durch den Wegfall vieler Verbote die Gewissensängste geringer geworden sind. Tatsächlich sind es aber die unbewältigten Konflikte die in einer neuen und bedrohlicheren Form auftauchen und in der Krankheit Aids eine Projektionsfläche finden. "Sexualität konfrontiert uns jeden Tag mit Beziehungsängsten, also mit Furcht vor Trennung, Abhängigkeit und Autonomieverlust, ... mit Unsicherheiten und Brüchen in der Geschlechtsidentität ... der böse und aggressive Anteil der Sexualität wird abgespalten und in der Krankheit wiedergefunden, ... Die Angst vor Aids ist also auch Bestandteil einer kollektiven Sexualneurose. " (Schmidt,1993,S.179)

Die sexuelle Liberalisierung ist nicht an der Krankheit Aids gescheitert, sondern an der Unfähigkeit sich von diesen Ängsten zu lösen und den destruktiven Teil der Sexualität zu akzeptieren. Dem Mißlingen folgt die Wut auf jene, die in der Befreiung von Bindungen den weitesten Vorstoß gemacht haben, nämlich den Homosexuellen. Sie sind die Projektionsfläche und das Auffangbecken für die Aggressionen die aus dem Unvermögen des Umgangs mit Freiheit entstehen.

Aus diesem Gesichtspunkt heraus wage ich zu behaupten, daß es die sexuelle Liberalisierung nie gegeben hat, denn sie muß über die Auflösung von Gewissensängsten hinauswirken und genau das ist an der selber zu verantwortenden Unmündigkeit gescheitert. Wenn sie vollzogen wurde, dann nur vereinzelt und ansatzweise; das Über-Ich hat zum Schaden für das Ich über das Es gesiegt. Den "Schaden" müssen neben anderen auch die Homosexuellen ausbaden, welche sich am weitesten vorgewagt haben und denen jetzt ihr Verhalten als Ursache der Krankheit und ihrer Verbreitung angelastet wird.

Für mich ist die Dopplmoral offensichtlich: gäbe es kein Aids, hätte die sexuelle Liberalisierung durch das "Nachziehen der abwartenden Mehrheit" Chancen auf Verwirklichung gehabt; so wird sie jenen zum Vorwurf gemacht, die durch ihren Mut einen Vorstoß wagten.

Eine Urangst des Menschen wird durch Aids verkörpert: nämlich die vor dem Tod. Eine Möglichkeit diese Angst zu "beherrschen" bietet sich in unserer heutigen Gesellschaft durch die Form der technischen Funktionalisierung. Die Wirklichkeit wird in ihre Einzelteile zerlegt und nach den Gesichtspunkten der technischen Effizienz wieder zusammengefügt. Das gilt auch für die Bewältigung unserer Krankheiten und den Tod; die Verfügung des Menschen über sich selbst. "Was nicht bewältigt werden kann, soll nicht sein... weil es uns daran erinnern würde, daß wir uns noch nicht zum alleinigen Bezugspunkt der gesamten Wirklichkeit haben einsetzen können, da uns im Widerfahrnis ein von uns unbewältigtes -Anderes - erreicht" (Scherer 1988, S. 22)

Die Zerlegung der Wirklichkeit, hat auch die Aufteilung der Zeit zufolge. Auch sie unterliegt der Rationalität, wird eingeteilt, vorherbestimmt geplant. Krankheit durchbricht die Kontrollierbarkeit der Zeit: sie unterliegt nicht den beabsichtigten Einflüssen, sie setzt aus und erzeugt Ungewißheit.

Im Sterben des Aids Patienten erreicht uns der Tod als ein Widerfahrnis, dem wir nicht ausweichen können, es sei denn, wir setzen jene Batterie von Abwehrmechanismen ein, die uns die Psychoanalyse lehrt. Die Kontrolle ist uns aus den Händen geglitten und das schafft Angst und Unsicherheit. Außerdem setzt der Tod das Leben aus und wir laufen Gefahr, von den vielen Möglichkeiten, die ein Leben hat, keine mehr nutzen zu können.

Die offensichtliche Ohnmacht der Medizin gegenüber Krankheit und Tod führt zu einer sprachlichen Aggressivität, die Krankheit kaschiern soll. Krieg ist das letzte Mittel, einen unbezwingbaren -weil außerhalb unseres Einflusses stehenden- Feind entgegentreten zu können. Wir sprechen von aggressiven Viren, von einer Mobilmachung der Abwehrkräfte, von einer Invasion fremder Organismen.(vgl. Sontag, Aids und seine Metaphern) In dieser Sprache klingen kriegsmetaphorische Töne an, die gleichermaßen als Reaktion auf das Scheitern von Machbarkeit, wie für die Suche nach den Schuldigen stehen, die für dieses von ihnen verursachte Scheitern und für ihren unmoralischen Lebenswandel mit dem Tod bestraft werden. "Im Tod des anderen erfahren die Überlebenden ihre eigene Unsterblichkeit" (Dunde 1988, S. 38) Dem Widerfahrnis Aids-Tod wird dadurch seine Gefährlichkeit genommen; obgleich auf Kosten der HIV-Infizierten und Aids Kranken Menschen. Jeder Aids Tote ist eine Möglichkeit weniger, sich mit dem HI-Virus zu infizieren.

3.) Zur Situation von HIV-Positiven oder Aids-Kranken Menschen

Die Lebensqualität eines HIV-Positiven oder Aids-Kranken ist in hohem Maße bestimmt durch die Reaktion der Umwelt auf seine Krankheit, also das Eingebundensein in ein soziales Netz wie Familie, Freunde, Partner oder den Kontakten zur Subkultur; durch eine medizinische Versorgung, die sich an der größtmöglichen Autonomie des Menschen orientiert (ambulante Betreuung, Wohn-Pflege Heime) und die Form der Bewältigung der Krankheit durch den Betroffenen.

Krankheit wird immer als Verlust von Persönlichkeit, Selbständigkeit, von Kontrolle empfunden, und bedeutet das Ausgesetztsein an Instanzen. Sie stellt einen Akt der Entwillung dar, welcher in seinen Auswirkungen mit sozialer Euthannasie verglichen werden kann. Der Aids-Kranke ist nicht nur durch seine Krankheit ausgeliefert, sondern sieht sich auch den Reaktionen einer oftmals negativ besetzten Einstellung zur Homosexualität gegenüberstehen. Die Lebensqualität des einzelnen wird in dem Maße mitbestimmt, wie die Gesellschaft bereit ist, mit ihren Tabus umzugehen.

3.1.) Aids und Ausgrenzung

Die Ausgrenzung des HIV- Positiven beginnt mit seiner Erkrankung an Aids. Das Auftreten der ersten opportunistischen Reaktionen wie Pilzerkrankungen, Fieberschübe sind für den Betroffenen mit hohen psychischen Belastungen verbunden. Die Unmittelbarkeit ihres Auftreten und Verschwindens stellen an den Erkrankten hohe Anforderungen. Überwiegen in der ersten Phase der Erkrankung noch ambulante Betreuungen, so sind in späteren Zeitpunkten die stationären Aufenthalte in Krankenhäusern die Regel.

Die Isolation beginnt dadurch, daß die Krankheit häufig von den Angehörigen geheimgehalten bzw. verfälscht wird, oder daß dem Betroffenen das Gefühl des Unerwünschtseins vermittelt wird. Es wird oft vom soziale Tod gesprochen, der ein spezifisches Merkmal dieser Krankheit ist.

Jüngere Aids Patienten, die sich erst mühsam durch ihr Coming Out gearbeitet haben und noch keinen stabilen Freundeskreis oder Partner besitzen sind besonders betroffen, zumal der Kontakt zu den Eltern bei vielen schon früher durch die negative Einstellung zur Homosexualität abgebrochen wurde. Eine Untersuchung (Seidel u. Goebel, 1987 In: Diplomarbeit, Wohnpflegeprojekt für homosexuelle Aids-Kranke) hat ergeben, daß nur mehr 10 % der Betroffenen Kontakt zu Eltern und gar nur 5% zu den Geschwistern hatten. Die Unfähigkeit vieler, sich mit dem Thema Homosexualität konstruktiv auseinanderzusetzen, geht in die Unmöglichkeit über, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn Kontakte zustande kommen wird über die Ursachen der Krankheit, über die Bedürfnisse des Patienten darüber zu reden um als ganzer Mensch mit seiner Sexualität angenommen zu werden, meistens geschwiegen. Angehörige sind nicht selten beschämt über die Krankheit ihres Sohnes und empfinden es als Schande, was er ihnen angetan hat.

Viele Homosexuelle erfahren in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Solidarisierung und Unterstützung. Mag sein, daß gemeinsame Homosexualität und die gleiche Ausgeliefertheit an Aids verbindend wirkt, Voraussetzung für ein solidarisches Verhalten ist sie aber nicht.

Eine Unterstützung aus der schwulen Subkultur ist nur dann und mit Einschränkungen zu erwarten, wenn es dem Aids-Kranken gelungen ist Kontakte zu knüpfen, die über die lockeren Alltagsbekanntschaften hinausgehen. Im Allgemeinen ist das Leben in der Subkultur (ich meine damit aber nicht die Homosexuelle Initiative - Hosi - , sondern einschlägige Lokale, Parks, Saunen..) von einem hedonistischen Treiben erfüllt, in dem das Schicksal des einzelnen wenig zählt.

Der Ausgesetztheit wird dann begegnet, wenn die Kranken in die "Kategorie ansteckender oder moralisch abgelehnter Krankheiten fallen." (Aussätzige, Geschlechtskranke, Geisteskranke) (Dunde 1988, S. 35) Im Fall von Aids treffen Ansteckungsgefahr und die moralische Verurteilung aufeinander. Wie opportun moralische Kriterien verwendet werden zeigt im historischen Rückblick, die kirchliche Reaktion auf die Erfindung des Kondoms: "Nicht weil durch Kondome Schwangerschaften vermieden wurden, sondern die Bestrafung des Sünders an jenem Glied verhindert werde, mit dem er Unzucht getrieben habe...ist das Kondom abzulehnen..." (Bleibtreu- Ehrenberg 1989, S. 93)

Das war die Reaktion der Kirche auf die Erfindung des Kondoms zum Schutz vor der Ansteckung mit Syphilis. Ähnlich argumentiert sie heute: Aids ist eine Antwort auf eine verkehrte weil widernatürliche Sexualpraxis. Wenn schon viele Homosexuelle auf Grund der reaktionären Einstellung der Kirche zum Thema gleichgeschlechtlicher Liebe aus dieser ausgetreten sind, ist es nicht verwunderlich, wenn die meisten diesen Schritt auf Grund ihrer Krankheit endgültig vollziehen. Wenn Kirche die Opfer zu den Tätern macht, dem Menschen in seiner Not mit Schuldparolen begegnet, ist der Austritt schon ein Akt des Selbstschutzes. Die religiösen und spirituellen Bedürfnisse der Betroffenen bleiben dabei auf der Strecke. Kirche wie sie sich heute zeigt, macht sich mitschuldig an der Ausgegrenztheit und am sozialen Elend von Aids Kranken.

3.2) Stigma und Diskriminierung

Die Stigmatisierung des homosexuellen Aidskranken erfüllt zweierlei wichtige gesellschaftliche Funktionen: Zum einen gestattet sie eine klare Abgrenzung gegenüber gleichgeschlechtlicher Orientierung als eine moralische Distanz und zum anderen hilft sie die irrationalen Aids Ängste mittels einer räumlichen Distanz in den Griff zu bekommen. Das Stigma beruhigt, denn das Übel wird auf eine kleine definierte Minderheit abgeschoben. Der Stigmatisierte wird zum Seuchenträger.

In der Praxis bedeutet dies für den Betroffenen oft den Verlust vom Arbeitsplatz (obwohl Aids kein rechtlicher Grund für eine Kündigung ist) (Aids u. Recht 1995, S. 18), die Aufkündigung der privaten Krankenversicherung, den Rückzug mancher Freunde und Angehöriger, Verlust der Wohnung etc.. Die Austrocknung existentieller Lebensbedingungen führt den Betroffenen in eine Wehrlosigkeit und damit in eine Abhängigkeit von jenen gesellschaftlichen Institutionen, von denen die Stigmatisierung ausgeht. Das Ziel der Verfügbarkeit und damit Manipulierbarkeit wird erreicht. Die Reaktionen der Betroffenen schwanken zwischen Rückzug und Auflehnung, zwischen Panik und Entwicklung von Strategien, das Netz der Stigmatisierung zu durchbrechen. Als Beispiel des Widerstandes sei der Quilt genannt, eine 1986 in den USA entstandene Tradition, aus vielen tausend Tüchern, die vom Leben der Verstorbenen erzählen eine zusammengenähte Stoffbahn zu errichten und so auf die oft schicksalshaften Geschichten der an Aids Gestorbenen aufmerksam zu machen. (vgl.: XTRA 2/94, S. 20)

Die gesellschaftliche Ausgrenzung und Benachteiligung, führt bei vielen Betroffenen zu einem Rückzug, bis hin zu einer möglichen Abkapselung, resultierend aus einer zwangsweisen Einschränkung ihrer Lebensmöglichkeiten (Beziehungen, Prozeß des Coming Out`s), und einer Beschneidung ihrer Identität. Aus der Erfahrung von Ablehnung kann eine Infragestellung der eigenen sexuellen Orientierung und das Wiederaufleben von alten Konflikten entstehen. Es kommt zur Entwicklung von schon überwunden geglaubten Schuldgefühlen gegenüber der eigenen homosexuellen Orientierung.

Ein von der Gesellschaft propagiertes Ziel ist damit erreicht: Das Eingeständnis von Schuldhaftigkeit geht mit der Einsicht von Aids als Strafe Hand in Hand. Für den HIV Infizierten oder Aids-Kranken Menschen bedeutet die Übernahme des gesellschaftlichen Vorurteils aber keineswegs eine soziale Anerkennung; das Bedürfnis nach Verständnis und Akzeptanz wird schon alleine aus der moralischen Ablehnung und der massiven Angst vor Ansteckung nicht erfüllt. Der Betroffene wird in seiner Not noch zum Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Zwecke. In der Angst vor Aids spiegelt sich die Angst vor der Homosexualität: speziell bei jenen, die sich noch im Prozeß des Coming- out befinden, kann es zu einer Verhinderung der Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung kommen. Die Identitätsfindung ist empfindlich gestört oder kann gar zusammenbrechen, eine noch stärkere Isolation der Homosexuellen ist erreicht. Die emotionalisierte und damit irrationale Angst ist das treibende Element womit Ausgrenzung erreicht wird, das Ziel ist die Isolation der Betroffenen und mit Verweis auf diese, die Durchsetzung regressiver kollektiver Werte. Die Erkrankung Aids ist zum Prügelknaben einer sich auf Moral berufenden Gesellschaft geworden.

3.3) Anforderungen an HIV Positive u. Aids Kranke Menschen

Die Nachricht HIV-Positiv zu sein, kann oft überraschend - sei es bei einem Krankenhausaufenthalt, oder bei einer gewöhnlichen Routineuntersuchung - und unvorbereitet kommen. HIV-Positiv sein bedeutet nicht eine Krankheit, sondern einen Status zu haben, der besagt, daß man mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten zehn Jahre an Aids erkranken und sterben wird. Die Konfrontation mit dem Tod erfolgt in einer völlig anachronistischen Situation: Der Betroffene ist nämlich vollkommen gesund und hat keine lebensbedrohliche Erkrankung.

Die ersten Anzeichen von Aids treten bei den meisten HIV-Infizierten zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr auf. Es fehlen ihnen daher Erfahrungen, auf Grund derer sie Strategien hätten, die ihnen einen leichteren Umgang mit der Erkrankung erlaubten. Ist schon das Sterben und der Tod in unserer Gesellschaft mit dem Tabu des Schweigens belegt, kommt für den homosexuellen und aidskranken Menschen noch das Tabu der abgelehnten Krankheit hinzu.

Der Erkrankte kann nur mit einer eingeschränkten sozialen Unterstützung rechnen, sowohl was es heißt, einem medizinischen Apparatemechanismus ausgeliefert zu sein, als auch eine schwindende Zahl von Freunden und Bekannten hinnehmen zu müssen.

Aids ist eine sehr unberechenbare Krankheit, deren Krankheitsverlauf sich nicht bestimmen läßt. Für den Betroffenen hat das das ständige Schwanken zwischen Ausgeliefertsein und dem Ringen um die Gesundheit zur Folge, welches von ihm nur wenig beinflußt werden kann.

Körperliche Bedingtheit (physisch, psychisch) und soziale Reaktionen verursachen eine Reihe von streßauslösenden Mechanismen, aus der G. Reisbeck eine Vielzahl von Bewältigungsaufgaben durch den Betroffenen ableitet:

- Schock nach HIV-positiven Testergebnis

- Stigmatisierung

- Schock nach Auftreten erster Symtome

- sozialer Rückzug anderer

- lange Inkubationszeit

- Sorge um erkrankte Freunde

- abnehmende Leistungsfähigkeit

- Probleme mit Arbeit, Wohnung

- körperlicher Verfall

- Versicherung, Rente

- Bewußtseinsveränderungen

- Krankenhausaufenthalte

 

- Trauer um verstorbene Freunde

- Angst vor Abhängigkeit

- Schuldgefühle

Die aufgezählten Bewältigungsaufgaben oder "Stressoren" sind nicht etwa an ein regelmaßig und fortlaufend auftretendes Erscheingungsbild nach Ablauf und Größe der Belastung des einzelnen gebunden, sondern gestalten sich sehr variabel.

Das hat zur Folge, daß der Aidskranke einer Entwicklung ausgesetzt ist, die sich durch Diskontinuitäten auszeichnet. Die Verbundenheit der einzelnen Problembereiche untereinander, zB.: die bei abnehmender Leistungsfähigkeit zunehmende Abhängigkeit von Freunden, Behörden, medizinischen Einrichtungen und einer sich daraus entwickelnden Angst vor Verlust der Eigenständigkeit, läßt keine Bearbeitung nur eines Problembereiches zu. Mitverursacher sind dabei sicher auch die extrem schwankenden Gesundheitszustände. Man muß daher in der Bewältigung dieser Aufgaben einen prozeßhaften Charakter sehen, der sich sehr stark an den jeweiligen individuellen physischen Möglichkeiten und psychisch sozialen Bedürfnissen orientiert.

In Anlehnung an obige existentielle Bewältigungsaufgaben gilt es eine Reihe, das alltägliche Leben betreffende und in einem unmittelbaren Praxiszusammenhang sich stellende Aufgaben zu lösen. Ein Beispiel liefert die empfohlene Ernährungsumstellung. Es gibt mittlerweile spezielle Kochbücher für Menschen die HIV-positiv, oder an Aids erkrankt sind, die eine Kostzusammenstellung anbieten, welche auf die besondere Stärkung des Immunsystems Rücksicht nimmt.

Ein anderes Beispiel liegt in der speziellen Vorsorge vor opportunistischen Erkrankungen. Für jeden mit dem HI-Virus Infizierten kann eine normale Erkältungskrankheit, oder eine Infektion mit zB. einem Grippevirus den Ausbruch einer lebensbedrohlichen Situation bedeuten. Die Umstellung der Lebensgewohnheiten ist in einem großen Maß mit einer Reduzierung der persönlichen Freiheit und Mobilität verbunden. Gewohntes und bisher Praktiziertes kann nicht mehr selbstverständlich übernommen werden. Für den Betroffenen bedeuten diese Einschränkungen ein hohes Maß an psychischer Belastung, egal ob die Einschränkungen aus freier Entscheidung erwachsen, oder ob sie eine physische Notwendigkeit geworden sind. Eine stetig, in ihrem Umfang und Anspruch sich ändernde Anpassungsleistung ist erforderlich. Der hohen Flexibilität die vom Betroffenen abverlangt wird, steht in vielen Fällen das gesellschaftliche "Out" gegenüber. Für den einzelnen wird es umso schwerer, den sich stellenden Bewältigungsaufgaben nachzukommen.

Auch innerhalb des Freundes-und Bekanntenkreises, kann es zu massiven Änderungen kommen, die vom Betroffenen nur schwer beeinflußt werden können.

Am krassesten und schmerzhaftesten wirkt sich wohl immer der Rückzug von den Familienangehörigen aus, falls er nicht schon früher durch das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität vollzogen wurde. Eine Neuordnung von Beziehungen unter den Gesichtspunkten von Krankheit und Homosexualität ist ein notwendiger Akt des Selbstschutzes, auch hinsichtlich der Ernsthaftigkeit von Kontakten und der eigenen Ressourcen.

Einer der wohl wesentlichsten und zugleich schwierigsten Akte, ist die Auseinandersetzung, das Überdenken des Lebenssinns und die damit verbundene Frage nach dem eigenen Sterben und Tod. Es wäre anmaßend von mir, als nicht Aids Kranker ein Urteil darüber zu abzugeben, oder eine Vorstellung davon zu entwickeln, was es heißt, sich seines begrenzten und die Höhen von Leid und Freude ausschöpfenden Lebens bewußt zu werden, ohne sich je intensiv mit dem eigenen Tod befaßt zu haben und der Erfahrung einer lebensbedrohlich verlaufenden Krankheit ausgesetzt gewesen zu sein.

Ich möchte daher an dieser Stelle den Autor des Buches "Mein Gott AIDS" zu Wort kommen lassen, in welchem er über den Sinn seines Lebens schreibt: "Warum? Weshalb? Wieso gerade ich? Genau diese Fragen habe ich mir gestellt... als ich erfuhr, daß ich HIV infiziert bin. .... Es war grauenvoll diese Ohnmacht zu empfinden: nichts kann ungeschehen oder rückgängig gemacht werden. Jeder Morgen war wie der Anfang einer neuen Qual. An vielen Tagen schien mir Weiterleben schwerer zu sein, als plötzlich zu sterben. Erst heute, nachdem ich mittlerweile sechs Jahre mit dem Virus lebe und zwei Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit, setzen sich alle Ereignisse und Entwicklungen wie ein Mosaik zusammen. Sie ergeben den Sinn meines Schicksals. ....Durch Aids wurde ich gerade verzweifelt genug, um der zu sein, der ich wirklich bin. Und diese Verzweiflung hat mich mutig werden lassen, ungeachtet der Anfeindungen von anderen, meinen Weg ins Leben zu gehen."

(zum Autor: Markus Commercon wurde 1963 geboren und lebte seit seinem zwanzigsten Lebensjahr mit seinem Freund zusammen, ehe dieser an Aids starb. Er verkaufte daraufhin die von beiden selbständig betriebene Bäckerei und arbeitet seither im Präventionsbereich der Aids Hilfe in Ulm. Seine Vorträge und Bücher in denen er sein Leben und seinen Umgang mit der Krankheit beschreibt, haben ihn bekannt gemacht. Er ist der jüngste Träger des Bundesverdienstkreuzes.)

(Commercon 1995, S. 63-66)

(Nachtrag des Verfassers: Markus Commercon starb Anfang dieses Jahres an den Folgen seiner Aids- Erkrankung )

In meinem Bekanntenkreis habe ich mehrere Kollegen, welche HIV-Positiv sind. Im Gespräch mit ihnen merke ich, daß es nicht immer leicht für sie ist, sich in ihrem Verhalten nicht schuldig zu fühlen, und Aids nicht als Konsequenz eines moralischen Vergehens zu begreifen, sondern als das was es ist: eine durch Viren hervorgerufene Erkrankung. Für einen von ihnen, ist es vor allem die gesellschaftliche Diskriminierung, welche er als größte Belastung empfindet. In seinem Freundeskreis ist es ihm gelungen, zu jenen einen vertieften Kontakt aufzubauen, die ihn als ganzen Menschen, auch mit seiner Krankheit ernstnehmen und akzeptieren.

Sein größtes Problem liegt in der Erfahrung einer kontinuierlichen Stigmatisierung, welche für ihn als "nur" HIV-positiven Menschen eine alltägliche Qualität bekommen hat. Sei es in seinen Erlebnissen am Arbeitsplatz, oder in einem anderen sozialen Kontext: er ist der Berührung diskriminierender Botschaften ausgesetzt, die von ihm als gesunden aber betroffenen Menschen schmerzhaft erfahren werden.

Commercon schreibt in diesem Zusammenhang: "Wie eine Feder wurde ich durch die gesellschaftliche Ächtung von Aids gedrückt, gequält und gepreßt, um dann, aus großer Kränkung und Verzweiflung heraus, aus meinen Versteck hervorzuschnellen und den Menschen zu zeigen, wie ich mit Aids lebe, liebe, leide und glaube."

(Commercon 1995, S. 66)

Aus meiner Erfahrung im Umgang mit HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen glaube ich zu erkennen, daß viele den Sprung aus dieser großen Verzweiflung schaffen und einen Lebensmut entwickeln, der sie nicht nur zu einer Akzeptanz ihrer Krankheit führt, sondern der darüber hinaus auch den Anfeindungen von anderen standhält. Aber die Betroffenen sind auf die Kooperationsbereitschaft der öffentlichen Institutionen, auf eine ambulant wie stationär flexible medizinische Versorgung und auf die spezielle Unterstützung der Aids Hilfe Vereinigung angewiesen. Die Kooperation aller ist imstande meinungsbildend zu agieren.

4.) Öffentliche Betreuungseinrichtungen

4.1) Aids Hilfen

Die Aids Hilfen sind seit ihrer Gründung in den Achtzigerjahren zu der bedeutendsten Betreuungseinrichtung für HIV-Positive und Aids-Kranke Menschen geworden. Ich erhebe hier nicht den Anspruch, eine vollständige Aufzählung aller Aktivitäten wiederzugeben, sondern es soll ein Querschnitt ihrer Arbeit dargestellt werden, der einen Einblick in die Tätigkeit der Aids Hilfen erlaubt.

Zu einem wichtigen Aufgabenbereich gehört die Beratung, Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Sie nimmt schon deswegen einen hohen Stellenwert ein, weil sie darauf ausgerichtet ist, ein breites Publikum anzusprechen. Die Öffentlichkeitsarbeit stützt sich auf das Wissen, daß prinzipiell jeder (sexuell aktive) Mensch einer HIV-Infektion ausgesetzt sein kann.

Dabei wird zweierlei angestrebt: Zum einen geht es darum, Infektionswege aufzuzeigen und auf gefährliche, und risikolose Sexualpraktiken hinzuweisen, Stichwort -safer Sex-. Die Vermittlung erfolgt hauptsächlich über Plakataktionen, Fernseh- und Radioeinschaltungen über Schulbesuche usw.. Eine Ansprache ist institutionell oder anonym möglich und erleichtert auf diese Weise einen Zugang zu einem Thema welches in der Öffentlichkeit noch immer mit dem Tabu des nicht darüber sprechens - weil Sexualität - und dem der moralischen Schuld - "Risikogruppen"- belegt ist. Über die Eindämmung der Neuinfektionen hinaus, soll daher zweitens Aufklärungsarbeit in der Form von Entstigmatisierung betrieben werden. Der zu Beginn meiner Arbeit formulierte Satz: "Aids geht uns alle an", ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Diese Intentionen der Aids Hilfen werden aber vielfach vom Druck der Öffentlichkeit und damit vom politischen Machtstreben durchkreuzt. Manche Plakataktionen mußten auf Druck konservativer Parteien gestrichen werden.

Für den Betroffenen HIV-Positiven oder Aids-Kranken Menschen bietet die Aids Hilfe eine Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten an. Diese erstrecken sich von psychologischer Betreuung, sozialer Unterstützung bis zu administrativen und rechtlichen Fragen, denen der Betroffenen ausgesetzt ist.

Die Mitteilung eines HIV-Positiven Testergebnisses, kommt für viele einem Todesurteil gleich. Aufgabe der Aids Hilfe ist es, die unmittelbare Bedrohlichkeit, der sich der Betroffene ausgesetzt sieht, zu nehmen und zu relativieren. Neben den neuesten medizinischen Informationen, bietet sie in der Form von Selbsthilfegruppen die Möglichkeit, daß sich Betroffene untereinander kennenlernen, soziale Isolation abbauen, Ängste miteinander besprechen, oder sich zB. gegenseitig in ihrer Situation unterstützen.

Die sozialen Veränderungen, die die Infektion mit sich bringt, können zum Teil recht massiv sein. Rechtliche Unterstützung wie zB. im Falle der Kündigung der Wohnung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes kann notwendig werden. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Broschüre "HIV ' Aids und Recht" hinweisen, welche im Herbst letzten Jahres von der Aids Hilfe herausgegeben wurde.

Buddy-Verein, so nennt sich eine Organisation innerhalb der Aids Hife, welche sich der emotionalen Begleitung von Menschen mit HIV/Aids verschrieben hat.

Buddy bedeutet soviel wie Kumpel oder Freund. Er soll in erster Linie Ansprechpartner sein, jemand der zuhört, der gemeinsam mit den Betroffenen etwas unternimmt, der im Falle des Ausbruchs der Krankheit alltägliche Unterstützungsarbeit leistet. Ziel ist es, entsprechend der körperlichen Verfassung und dem Gesundheitszustand des einzelnen, ein möglichst hohes Maß an Autonomie und Selbständigkeit zu gewährleisten.

Hierin liegt die Herausforderung und gleichzeitig die Schwierigkeit mit der momentan die Aids Hilfen zu kämpfen haben. Ihre Kapazität an Betreuungsmöglichkeiten ist begrenzt. Gleichzeitig sind die freiwilligen Buddydienste von der Aufgabenstellung, den Anforderungen und ihren zeitlichen Ressourcen nicht beliebig ausdehnbar, sodaß für manche Erkrankte die Betreuungsmöglichkeiten nicht ausreichend sind.

Eine poststationäre Unterbringung und Betreuung nach einem Krankenhausaufenthalt, der an Aids erkrankten Menschen, ist oft aus fehlenden medizinisch - pflegerischen, sowie sozialen Unterstützungsleistungen nicht möglich. Soweit es der Gesundheitszustand des Erkrankten und die derzeitigen Formen von Unterstützung erlauben, kann ein Aufenthalt in der eigenen Wohnung erfolgen. Von einigen Ausnahmen abgesehen (Pflege durch Freund oder Eltern) ist die Unterbringung auf Grund fehlender stationärer Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen nur mehr auf der Aids Station im Krankenhaus angebracht.

Das (ich spreche hier für Tirol) noch fehlende Glied, ist die Einrichtung eines Wohn-Pflegeprojektes, welches die Verbindung zwischen den Aufgaben und Möglichkeiten der Aids Hilfe und der statiönären medizinischen Betreuung im Krisenfall (Klinik) darstellen würde. Pflegerische Tätigkeiten, medizinische Versorgung, pallative Maßnahmen (Schmerztherapie) sowie psychsoziale Betreuung wären analog eines Hospizgedankens miteinander vereint und stünden dem Aids Patienten zur Verfügung. Ein Höchstmaß an individuellem und selbstbestimmten Leben wäre möglich.

Die Aids-Hilfen sind eine Vereinigung, welche ihre finanziellen Mittel zum größten Teil durch die Unterstützungsleistungen des Bundes aufbringen. Das bedingt zum einen einen eingeschränkten finanziellen Rahmen und zum anderen eine Abhängigkeit der Gestaltung der Arbeit von politischen Interessensvertretungen ( zB. keine "schwulen " Plakate in der Aids Prophylaxe) Ich sehe in der Schaffung von Wohn - Pflege Projekten eine Möglichkeit, die ideologisch motivierte Abhängigkeit zu verringern. Zum anderen bestünde für die Erkrankten die Chance einer Gestaltung einer Lebenswelt, die Abseits von Entmündigung auf die Bedürfnisse des einzelnen eingeht.

4.2) Andere Einrichtungen

Viele Einrichtungen, wie das städtische Gesundheitsamt, die Caritas, oder andere soziale und medizinische Institutuionen befassen sich mit den Bedürfnissen von HIV-Positiven oder Aids-Kranken Menschen nur am Rande. Sie sind aber durch ihre Arbeit und jeweils spezifische Aufgabenstellung in der Lage, eine Vermittlerfunktion zB. zur Aids Hilfe zu übernehmen, oder Information und Unterstützung bei Wohnungssuche, Befreiung von Rezeptgebühren, Pensionsanträge etc. zu geben.

In der Betreuung von Aids-Patienten ist auch der Mobile Hilfsdienst (Mohi) aktiv. Sie übernehmen zB. alltägliche Aufgaben wie Einkaufen, Essen bereitstellen, behördliche Erledigungen, wenn diese vom Erkrankten nicht mehr wahrgenommen werden können.

Ist der Gesundheitszustand des Patienten so schlecht, daß eine nur zeitweilige Betreuung durch freiwilliges Personal und medizinische Fachkräfte nicht mehr verantwortet werden kann, bleibt auf Grund fehlender Alternativeinrichtungen (zB. Wohn -Pflege Heim) meist nur die Einweisung in das Krankenhaus.

Es steht außer Zweifel, daß hier nach besten Kräften für die medizinische und pflegerische Betreuung der Patienten gesorgt wird. Die einseitig auf Lebenserhaltung ausgerichteten Therapie bedingt aber oft eine Vernachlässigung der sozialen, psychischen und spirituellen Bedürfnisse.

Der Gerechtigkeit halber muß jedoch erwähnt werden, daß sich die Aids Stationen in den Krankenhäusern bemühen, auch diesen Aspekten Rechnung zu tragen.(zB.: Besuchszeiten gibt es praktisch nicht; ein Besuch ist immer möglich, Einrichtung von Kommunikationsräumen außerhalb der Krankenzimmer etc.) Trotzdem kann eine solche Betreuung im Gegensatz zu einem stationären Wohn-Pflege Projekt, analog des Hospiz Gedankens immer nur die zweitbeste Lösung sein.

5.) Privat initiiertes Begleitprojekt " Companions "

Um die Entstehung dieses Projektes verstehen zu können, ist es notwendig etwas über seine Vorgeschichte zu erfahren. Der Gedanke einer Begleitung wurde von einer Gruppe junger, meist homosexueller Männer geboren, der auch ich angehöre und die den Kern einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen HuG ( Homosexualität und Glaube) bildet. Sie ist ein Teil der Hosi-Tirol (Homosexuelle Initiative) und setzt sich vor allem mit der Stellung der Homosexuellen in den verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften, auseinander. Die HuG gibt Raum für gemeinsame Erlebnisse (div. Freizeitveranstaltungen), für Diskussionsabende, sie engagiert sich in der Korrektur undifferenzierter, diskriminierender kirchlicher Äußerungen, in der Entstigmatisierung von Homosexuellen. Erreicht werden sollen diese Ziele durch die Zusammenarbeit mit den verschiedensten basisnahen Gruppierungen. ( Plattform " Wir sind Kirche" , Kath. Männerbewegung, Diözesanforum, Telefonseelsorge etc.)

Im Rahmen einer, der regelmäßig stattfindenden Diskussionsabende, wurde über die Situation von HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen gesprochen, verbunden mit der Frage, was wir als HuG in der Begleitung Betroffener beitragen können. Aus diesem Gespräch heraus entstand die Begleitgruppe "Companions".

5.1) Vorstellung des Konzeptes:

Ich will mich in meinen Ausführungen an das Anfang 1994 entstandene Projekt halten und kritische Bemerkungen aus heutiger Sicht erst in einer Art Rückblick im letzten Punkt behandeln. Auch werde ich mich in dieser Präsentation an das seinerzeitig ausgearbeitete Konzept halten, auch auf die Gefahr hin, daß dessen Inhalte mit den in dieser Arbeit schon behandelten Themenbereichen zusammenfallen. Es soll damit ein einheitliches und nachvollziehbares Bild unserer damaligen Vorstellungen vermittelt werden.

Ausgangspunkt war die im Rahmen unseres Gespräches gestellte Frage: Was können wir zur Begleitung homosexueller HIV-Positiver und Aids-Kranker Menschen beitragen? Schon bei der Erstellung unseres Konzeptes, sind wir davon ausgegangen, daß es nicht bei einer verbalen Auseinandersetzung bleiben sollte. Konkrete Schritte sahen ein Modell einer Begleitung durch eine Gruppe von Freiwilligen innerhalb der HuG vor. Als Aufgabenbereich sahen wir:

  • Begleitung im Sinn eines von uns zu bietenden sozialen Umfeldes,

  • einer zwanglosen und gefälligen Form von gemeinsamen Aktivitäten,

  • einer vertrauten, kommunikativen Atmosphäre, die nicht da endet, wo persönliches Engagement anfängt (Ausbruch der Krankheit),

  • die aber nicht medizinische oder psychische Betreuung bieten kann und will.

Unser Ziel war die Verminderung der Vereinsamung und Isolation HIV-Positiver und Aids-Kranker Menschen.

Der Austausch zwischen uns sollte gekennzeichnet sein durch eine vermittelbare emotionale Wärme, durch einfühlsames Verstehen und gegenseitige Aufrichtigkeit.

Eine mögliche Annäherung an das Thema sahen wir in der Reflexion des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexualität, HIV und Aids. Dabei erschien uns die von Susan Sontag in ihrem Buch "Aids und seine Metaphern" entwickelte Idee vom metaphorischen Gebrauch von Begrifflichkeit im Zusammenhang mit Aids, als eine gesellschaftliche Abwehrstrategie, von großer Wichtigkeit: Metaphern sind der Ausdruck eines irrationalen Verhaltens, einer sich in Aids-Panik hineinsteigernden Bevölkerung. Die Kriegsmetaphorik mit ihren Begriffen wie: Invasion fremder Organismen, Mobilisierung der Abwehrkräfte, oder Krankheit die von "außen" kommt, dient nicht dem Aufruf zu mehr Engagement, sondern macht aus der Krankheit ein Feindbild, mit dem das Böse identifiziert wird und deren Opfer die Gesellschaft eine Schande anlasten kann. Motto: Wer Unreinheit verbreitet, hat unrecht, und wer unrecht hat, wird als Quelle der Unreinheit betrachtet. (vgl.: Sontag S. (19.?.)

Eine andere Möglichkeit der Annäherung sahen wir in der selbstreflexiven Vorgangsweise. Wir versuchten an Hand von zwei Fragen unserem Verständnis und unseren Gefühlen in Bezug auf eine HIV-Infektion und die Krankheit Aids nachzuspüren. Die Fragen lauteten:

+ Was bedeutet für mich eine definitive Auskunft, daß ich HIV-Positiv sei? (Welche Gefühle, Ängste werden ausgelöst?)

* Was erwarte ich mir in einer solchen Situation?

Innerhalb der Gruppe der HuG versuchte zuerst jeder für sich diese Fragen zu beantworten. In der anschließenden Diskussion führten wir die einzelnen Gedanken zusammen, von denen ich hier einige Aspekte wiedergeben möchte:

+ Soll ich es jemandem sagen, ich bin ja gesund ! und dann wem?

+ Wenn ich es sage, wie werden meine mir Nahestehenden reagieren?

+ Wo liegt der Sinn meines bisherigen Lebens, was sollte ich lieber gleich lassen, wo weitermachen?

+ Angst vor Schmerz und Leid, Depression und Hoffnungslosigkeit

+ Angst vor Ausgeliefertsein, vor Vereinsamung und Liebesverlust?

+ Den Zeitpunkt für mein Ende dann selbst bestimmen?

* Kein Mitleid, keine totale Fürsorge, keine Entmündigung!

* Ich möchte nicht als HIV-Positiver erkannt werden!

* Bereitschaft meiner Freunde auch gegnüber Dritten zu mir zu stehen, auch in der Funktion des Vermittlers (Verwandte, nahe Angehörige)

* Humane Schmerztherapie, Vertrauensbeziehung zu Arzt und Pflegern

Ich möchte hier betonen, daß von vielen Teilnehmern der Diskussion ähnliche Fragestellungen und Erwartungen formuliert wurden. Ich sehe darin den Ausdruck einer Erfahrung, wie er von uns im Umgang mit den Themen Krankheit, Sterben, mit Aids und Homosexualität in unserem sozialen Kontext erlebt wird. Diese, unsere Anliegen, sollten auch dazu dienen in das konkrete Konzept miteinzufließen.

Eine Frage die bis jetzt noch nicht gestellt wurde, behandelt die Motivation unseres Engagements. Wir versuchten an Hand einer Reihe von Schlagworten unseren Antrieben auf die Spur zu kommen. Durch die Miteinbeziehung von unangenehmen oder negativen Aspekten persönlichen Einsatzes, versuchten wir zu verhindern, daß aus falschen Ansätzen heraus Aufgaben übernommen wurden. Hier einige Ausschnitte:

  • Homosexuelle Solidarität: als ein Ausdruck von Verbundenheit, welche sich nicht nur auf die gleiche sexuelle Orientierung stützt, sondern auch gemeinsame gesellschaftspolitische Ziele verfolgt: Krankheit, die nicht Strafe ist, die nicht für ideologische Zwecke mißbraucht wird...

  • Abbau von Schuldgefühlen: nicht betroffener Überlebender zu sein, entstanden aus der Krankheit und dem Tod von anderen; kann sich daraus ein Antrieb rekrutieren?

  • Chance, aus einer Isolation auszubrechen, uns lieben zu lernen; einander statt Mitleid Mitgefühl schenken zu dürfen. Eine Aufgabe, die mich fordert!

  • Kann Geltungsbedürfnis und Selbstbestätigung die eigentliche Motivation zu "heldenhaftem" Einsatz begründen? Ist dann mein Mittun noch ratsam, oder gibt es darin Chancen für mich, mir in meiner eigenen Unvollkommenheit auch selbst zu helfen?

Eine Diskussion dieser Schlagworte erfolgte großteils aus der Perspektive des Beobachters. Das Eingehen auf eine individuelle und persönliche Motivation des einzelnen erfolgte kaum. Daraus erklärt sich auch die allgemeine Formulierung der in der Diskussion verwendeten Begriffe.

5.2) Konkretisierung und Praxis der Begleitung

Im nächsten Schritt stellten wir Überlegungen an, in welcher Form und in welchem Ausmaß eine Beleitung von uns angeboten werden könnte. Innerhalb der HuG dachten wir an die Gründung einer Gruppe, die sich mit dem noch zu konkretisierenden Aufgabenbereich auseinandersetzen sollte. Diese entstand auch ein wenig später und gab sich den Namen Companion ( Begleiter, Gefährte, Kamerad).

Die Ziele unserer Gruppe, die eine Mitteilung unserer Identität nach außen ermöglichten versuchten wir in Leitsätzen zu formulieren:

- Der Grundgedanke der Gruppe steht für kameradschaftliche Aufnahme, für die Bereitstellung eines psychosozialen Umfeldes, aber nicht im Ersatz für medizinisch-psychische Betreuung.

- Wir stellen uns dies in Form gemeinsamer Aktivitäten mit den Betroffenen vor; in einer vertrauten, angstfreien und kommunikativen Atmosphäre, in der die Wahrung der Intimität jedes einzelnen gesichert bleibt.

- Konkret heißt das, in jenen Bereichen wirksam zu werden, wo man dem HIV-Positiven oder dem bereits an Aids erkrankten entzogenes Sozialumfeld wettmachen kann; zum Beispiel bei Treffen in Cafes, Kinos, oder sonstigen gemeinsamen Freizeitgestaltungen. Es wird aber auch dort Hand anzulegen sein, wo Begleitung im Sinn von Unterstützung gefordert ist.

Als nächsten und letzten Punkt in unserem Konzept versuchten wir Fragen zu formulieren, die sich mit unseren Zweifeln, Unsicherheiten und Ängsten im Rahmen der selbstgestellten Aufgabe befaßten:

  • Wo sind meine Grenzen?

  • Wo wird meine Ich -Identität angegriffen?

  • Welche Entwicklung nimmt unser Vorhaben?

  • Wie gelingt die Auseinandersetzung mit den Betroffenen?

Wir haben diese Fragen nur andiskutiert, eine Beantwortung, oder intensivere Bearbeitung erfolgte im Rahmen der Konzepterstellung nicht. Mit diesen Reflexionen schlossen wir dieses Konzept ab. Unsererseits glaubten wir zumindest einen Anfang gemacht zu haben dessen Umsetzung in einem Vorantasten in kleinen Schritten erfolgen sollte.

Die sich aus dieser Idee der Begleitung konstituierte Gruppe, setzte sich aus sechs Mitglieder der HuG zusammen, die zu einer Mitarbeit bei diesem Projekt bereit waren. Um unsere Vorstellungen über Möglichkeiten der Begleitung zu konkretisieren, hatte sich die Gruppe auf wöchentliche Treffen geeinigt, in der die begonnene Arbeit weitergeführt werden sollte. Als nächsten Schritt erarbeiteten wir einen Auszug aus dem Konzept, der als "Thesenblatt" in einer übersichtlichen und kurzen Form unsere Ziele und Motivation darstellte.

Um uns als Gruppe auch nach außen bekannt zu machen, stellten wir Kontakte zu den schon existierenden öffentlichen Betreuungseinrichtungen her. Insgesamt führten wir mit sechs Institutionen (Aids Hilfe, Mohi, Aids Station in der Klinik, Gesundheitsamt, Hauskrankenpflege, Caritas), Gespräche und versuchten so unsere Vorstellungen zu vermitteln. Wir erreichten dadurch Unterstützung und Beratung sowohl in unseren selbstgestellten Bemühungen, als auch in der Form von Supervisionsangeboten durch die Aids Hilfe. Ebenfalls erhofften wir uns durch die Zusammenarbeit mit diesen Institutionen eine Rückendeckung, um nicht dem Vorwurf der Inkompetenz und Beliebigkeit ausgesetzt zu sein. Mehrere dieser Einrichtungen legten als Informationsmaterial das von uns gestaltete "Thesenblatt" auf, in dem auch eine Telephonnummer ausgewiesen war, die dem Betroffenen eine Kontaktaufnahme ermöglichen sollte.

Bei unseren Vorstellungen zur Gestaltung der Gruppe sind wir von einem möglichst autonomen Konzept ausgegangen. Wir wollten eigenständig bleiben, und uns nicht einer Organisation oder Institution anschließen. Ausschlaggebender Grund war der Gedanke, daß Hierarchien oder formale Strukturen in einem widersprüchlichen Verhältnis zu unserem Ziel einer zu bildenden vertrauten kommunikativen Atmosphäre standen. Ein zweiter Grund lag in der Wahrung der Intimität. Wie es allgemein unüblich ist, seine sexuelle Orientierung vor sich herzutragen, ist es auch Sache des Betroffenen, darüber zu entscheiden, wieweit er seine Infektion oder Krankheit öffentlich zeigen kann und will.

Wir als Gruppe wollten durch den Kontakte keinen Anlaß zum "Outing" bieten. Der Grund lag in der Überzeugung, daß sich innerhalb der schwulen Subkultur der Prozeß der Stigmatisierung, wie er vom Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten bekannt ist, fortsetzt. Das Bekanntwerden einer HIV-Infektion oder Aids Erkrankung löst einen Attraktivitätsverlust aus, der meist zu einer Verminderung von Sozialkontakten führt. In einer Situation, in der der Betroffene auch einer Einschränkung von bisherigen Freundschaften und Kontakten ausgesetzt ist, betrachteten wir es als zusätzliche Belastung, innerhalb der subkulturellen Szene Ablehnung zu erfahren.

Unsere Schwierigkeit lag in dem ambivalenten Ziel, das wir verfolgten: Bekanntheit, um einen Kontakt zu ermöglichen, Anonymität, um Intimität zu wahren.

Einen Schwerpunkt der Gruppenarbeit bildete die Erweiterung unserer kommunikativen und menschlichen Kompetenz, besonders im Hinblick auf die Begleitung der an Aids erkrankten Menschen. Der Verfasser besuchte auf Grund dessen, das von der Caritas angebotene Seminar für Sterbebegleitung und Trauerarbeit. Der Erfahrungsaustausch in der Gruppe half uns zu einem differenzieteren Verständnis unserer Begleitvorstellungen.

Aufgrund des in der Aids Station in der Klinik aufgelegten Informationsmaterials über unsere Gruppe, kam ein Kontakt zu einem an Aids erkrankten jungen Kollegen zustande. Er hatte eine eigene Wohnung und wurde hier von dem Mohi betreut. Sein schlechter gesundheitlicher Zustand machte aber immer öfters Klinikaufenthalte notwendig. Die Kontakte innerhalb seines Bekannten und Verwandtenkreises, beschränkten sich bis auf einige wenige Freunde fast ausschließlich auf seine Mutter.

Unsere Form der Begleitung suchten wir im Aufbau einer sozialen Begegnung zu finden, die sich von ihren Ansprüchen her zwischen den beiden Polen medizinisch-pflegerische Versorgung in der Klinik und der mehr alltäglich administrativen Arbeit durch den Mohi bewegte. Zwei Personen aus unserer Gruppe versuchten eine individuelle Möglichkeit des Austausches gemeinsam mit dem an Aids erkrankten Kollegen zu finden. Eine persönliche Begegnung fand durch die Besuche in seiner Wohnung oder auf der Aids Station statt, durch gemeinsame Freizeitgestaltung wie Spazierengehen, Essen gehen oder auch nur Fernsehen. Für uns zeigte sich bald, daß die Form der Aktivitäten während unserer Besuche zweitrangig war; wesentlich war die auf den Partner gerichtete Konzentration und Offenheit.

Sein plötzlicher Tod, hervorgerufen durch eine akute Lungenentzündung, beendete unser Betreuungsverhältnis.

Weitere Begleitungen sind bisher nicht zustandegekommen.

5.3) Kritische Betrachtung

Wenn man die lange Zeitspanne von nun fast zwei Jahren seit unserer letzten Begleitung in Betracht zieht, kann man sagen, daß dieses Projekt gescheitert ist. Innerhalb dieser Zeit haben keine Gruppentreffen mehr stattgefunden, der gegenseitige thematische Austausch ist verlorengegangen. Im Folgenden will ich versuchen, einige Gründe für dieses Scheitern aus heutiger und damit distanzierter Sicht zu benennen.

Augangspunkt des Vorhabens war unsere eigene Motivation. Sie fußte auf der Gemeinsamkeit, auch einer, als von der Gesellschaft bezeichneten "Risikogruppe" anzugehören und somit wenigstens ideell gefährdet zu sein; auf den Erfahrungen, die einige von uns schon im Umgang mit HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen hatten, und als reaktiver Teil auf einer Änderung der unbefriedigenden Situation vieler Erkrankter.

Das Konzept widmet sich zu einem großen Teil dem Nachspüren von Stigmatisierungen, dem Erkennen des sozialen Hintergrundes von den Erkrankten und unseren eigenen Vorstellungen in Bezug auf eine Erkrankung. Es entsteht ein Bild des Status quo. Dieser ist Voraussetzung für das eigene Verstehen und weiterführendes Handeln. Unser Problem lag in der Schwierigkeit des Weiterführens, in der Umsetzung jener Ideen, die eine Änderung der sozialen Situation des Erkrankten zum Inhalt hatten. Die Reflexion -Was erwarte ich mir in einer solchen Situation- blieb dahingehend unvollständig, als wir es nicht zustandebrachten daraus konkrete Vorstellungen einer Begleitung zu entwickeln. Eine praxisnahe Umsetzung unterblieb weil dieses Konzept nicht weitergeführt wurde. Die Schlußfragen, in denen auf die Entwicklung dieses Vorhabens, die praktische Auseinandersetzung mit den Betroffenen eingegangen wird, bleiben unbeantwortet.

In dieser Unvollständigkeit erkenne ich einen emotionalen und einen praktischen Grund:

Die in der HuG geführten Gespräche und selbstreflexiven Annäherungsweisen haben zu einer sehr gefühlsbetonten Diskussion dieses Themas geführt. Das ist wohl für die eigene Erfahrung zu begrüßen, sie kann aber in der Konkretisierungsphase leicht in eine phantastische Schwärmerei ausarten, in der die Praxisnähe und damit Umsetzbarkeit verlorengeht. Das vorliegende Konzept zeigt, daß wir uns fast ausschließlich auf der emotionalen Ebene bewegten. Der von uns betitelte -Versuch einer Konkretisierung- ist nur ein erster praxisnaher Ansatz unserer Begleitvorstellungen, der leider nicht weitergeführt wurde. Ich meine damit aber nicht, daß die reflexive Bearbeitung einen zu breiten Raum eingenommen hätte; sondern weise nur auf die Unvollständigkeit dieses Konzeptes hin. Innerhalb dieser emotionalisierten Vorstellungswelt setzten wir uns natürlich auch der Gefahr einer unrealistischen, weil überzogenen Einschätzung unserer Ressourcen aus. Das mag auch ein Grund für die später zu beobachtende Überforderung der Gruppe sein.

Der praktische Grund liegt für mich in falschen Vorstellung, daß eine Konkretisierung durch ein Eintauchen in die Praxis von selbst erfolgt. Wir formulierten das in unserem Konzept so: "Viele Fragen können jetzt noch nicht beantwortet werden und weitere stehen noch im Raum. Deshalb ist für uns das Vorantasten in kleinen Schritten, besonders in der Anfangsphase eine wesentliche Voraussetzung." Unsere Form der Auseinandersetzung und unsere Möglichkeiten der Begleitung versuchten wir in der direkten praktischen Konfrontation zu erfahren. Die Überforderung die sich daraus ergibt, sehe ich in einem völligen Kontrollverlust, in einer von uns nicht zu steuernden Richtung der weiteren Entwicklung. Wir haben uns zum Spielball unserer eigenen Ideen gemacht. So unterblieb zum Beispiel auch die Beantwortung der in unserem Konzept gestellten Frage, nach der Intensität der Auseinandersetzung und den Möglichkeiten des einzelnen in unserer Gruppe. Wir schufen damit ungewollt die Voraussetzungen für Überforderung, für ein "Burn - Out", für eine Auflösung der Gruppe.

Sowohl die ursprüngliche Begeisterung, als auch der Drang zum aktiven Handeln veranlaßten uns damals, verschiedenen Institutionen von unserem Vorhaben zu berichten. Das an die Öffentlichkeit gehen ist aus heutiger Sicht zu früh erfolgt: es enthob uns durch die auf uns zukommenden Konfrontationen einer selbstständigen Ausarbeitung unserer Vorstellungen.

Ein Problem, dem wir uns nach der Bildung der Gruppe ausgesetzt sahen, war das der Kontaktaufnahme. Nach unseren Vorstellungen sollte das "Thesenblatt", welches in den verschiedenen Institutionen aufgelegen ist, durch die dort ausgewiesene Telephonnummer eines Gruppenmitgliedes zur Ermöglichung einer Kontaktaufnahmen beitragen. Diese Form des Erstkontaktes war, wie sich später herausstellte, jedoch vollkommen ungeignet. Sie stellte einen Widerspruch zu dem in unserem Konzept formulierten Gedanken einer persönlichen und kameradschaftlichen Nähe dar. Begegnung, sei es auch nur Erstbegegnung, über das unpersönliche Medium Telephon mit dem Ziel einer persönlichen Begleitung ist kaum möglich. Die von uns angestrebte Autonomie gegenüber schon vorhandenen Institutionen, die uns vom bürokratischen und funktionalen Etikettierungen freihalten sollte, hinderte uns natürlich auch daran, in einem verstärkten Maß mit diesen Einrichtungen in Kontakt zu treten. Eine Vermittlerfunktion der anderen Institutionen war daher, neben anderen Gründen nur schwer möglich. Ebenfalls bekamen wir Spannungen zwischen den bereits existierenden Einrichtungen zu spüren, welche unserer Meinung nach aus unklaren Kompetenzabgrenzungen herrührten.

Eine Begegnung mit der Einrichtung -Klinikseelsorge- ist nicht zustandegekommen. Der Grund lag in unserem damaligen Bild, des auf Glaubensvermittlung und sakramentalen Aspekten ausgerichteten Handelns von Klinikseelsorgern. Auch wollten wir nicht mit einer Institution zusammenarbeiten, die wesentlich am sozialen Elend und an der Vereinsamung von HIV-Positiven und Aids-Kranken Menschen mitschuldig ist.

Die Konsequenzen dieser, auch nach der Konzepterstellung nicht vollzogenen Konkretisierung unserer Ideen, zeigten sich bald nach unseren ersten Begegnungen, mit einem an Aids erkrankten Kollegen. Wir versuchten einen regelmäßigen Kontakt in der Form einer Zweiergruppe aufzubauen, die uns einen abwechselnden Besuch, (meist auf der Aids Station) ermöglichte. Die Zweiergruppe schaffte gegenseitige Sicherheit welche für uns besonders in der Anfangsphase notwendig war.

Mit der Begleitung waren nur zwei von sechs Mitgliedern der Gruppe betraut. Da diese Situation über mehrere Monate aufrecht blieb, löste sie beträchtliche Spannungen aus. Hier wurden wir von unserem fehlenden Konzept einer praxisorientierten Begleitung durch die Gruppe eingeholt. Ungleiche Aufgabenverteilung und vielfach nur auf Idealismus des einzelnen aufgebauten Engagements führten zu einem Auseinandertriften unseres Teams. Der plötzliche Tod des an Aids erkrankten Kollegen beschleunigte diese Auflösungserscheinungen, sodaß sie nach einem Jahr ihres Bestehens praktisch nur mehr auf dem Papier existierte.

Als nähere Gründe für den Zerfall sehe ich heute:

  • Frustration innerhalb der Gruppe auf Grund des unterschiedlichen Einsatzes des einzelnen,

  • fehlende Begleitung und Unterstützung von "Außen", durch kompetente und erfahrene Organisationen, wie Aids Hilfe, Aids Station. Diese Begleitung wäre uns wohl angeboten worden (Supervisionen), wir haben es aber verabsäumt, sie in Anspruch zu nehmen.

  • die Art unserer Begleitung hätte sich mehr vom einzelnen auf den einzelnen konzentrieren müssen, ähnlich dem Buddy-System, bei dem ein Buddy einen an Aids erkrankten Kollegen begleitet.

  • unsere Gruppe war zu geschlossen " verschworene Gemeinschaft " als daß das System des Buddy Chancen auf Verwirklichung gehabt hätte. Der selbst auferlegte Druck eines gemeinsamen Auftretens war sehr hoch, für den einzelnen blieb wenig Handlungsspielraum.

  • Auffassungsunterschiede in unserem Team hinsichtlich der Begleitung von nicht homosexuellen HIV-Positiven oder AIDS-Kranken Menschen.

  • der aus gutgemeinten Gründen ( Verhinderung von Bürokratisierung und Funktinalisierung) eingeführte autonome Status der Gruppe, baute auf falschen Prämissen auf: unsere gewollte Selbständigkeit gegenüber anderen Institutionen erkauften wir mit Isolation also einer Behinderung der gegenseitigen Zusammenarbeit.

Eine stärkere Orientierung an der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen zB. der Aids Hilfe wäre uns in der Form einer fachlichen Begleitung sowie einer Gruppenbetreuung - Supervision - zugute gekommen. Außerdem wäre durch die Aufgabe eines Teiles unserer Autonomie als Gruppe, der einzelne in seiner Selbständigkeit aufgewertet worden. Eine Annäherung an das Buddy System hätte erfolgen können.

Wenn ich heute nach zwei Jahren nachdem wir uns als Gruppe aufgelöst haben, über die damaligen Gründe reflektiere, dann nicht deswegen, um eine Wiederbelebung dieser Gruppe zu versuchen. An der sozialen Situation vieler HIV-Positiver und AIDS-Kranker Menschen hat sich während dieser Zeit zwar einiges geändert, aber der Grundgedanke dieses Konzeptes scheint mir nachwievor aktuell. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob nicht andere Formen der Begleitung, wie zB. das in dieser Arbeit kurz angeschnittene Wohnpflegeprojekt einer dringenderen Realisierung bedürfen. Die zukünftige Diskussion wird es zeigen.

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Quelle:

Markus Waschek: Begleitung von homosexuellen HIV-Positiven und Aidskranken Menschen aus psychosozialer Sicht. Beitrag aus der Arbeitsgruppe zum Thema: Sterbebegleitung, Theorie Praxis Seminar I+II, Bereich: Psychosoziale Arbeit, Studienjahr 95/96

Arbeit eingereicht bei: Doz. Dr. Volker Schönwiese, im Oktober 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.06.2005

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