Vom Nutzen behinderter Menschen

Reziprozität und Symmetrie in den Unterstützungsbeziehungen behinderter Menschen und deren Unterstützungsfunktion in Bezug auf die Mitglieder ihres sozialen Netzwerkes

AutorIn: Hiltrud Walter
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des Grades einer Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät III, Institut für Sozialwissenschaften. Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Gutachter: 1. Gutachter: Prof. Dr. Hans Bertram, 2. Gutachter: Prof. Dr. H. M. Nickel, Berlin, März 2003
Copyright: © Hiltrud Walter 2003

Inhaltsverzeichnis

Anstelle eines Vorwortes

Behinderte Menschen sind keine Nutznießer von eingleisigen Unterstützungsleistungen.

Behinderte Menschen schenken eher Vertrauen als rational handelnde Individuen, da sie sich dauerhaft in COLEMANschen Notlagen befinden, und geben damit verstärkt Ehrerbietung und Dankbarkeit zurück.

Behinderte Menschen befinden sich oft in geringeren sozialen Positionen, was zu asymmetrischen Beziehungen führt.

Behinderte Menschen sind aufgrund ihres andauernden zeit- und kraftintensiven instrumentellen Unterstützungsbedarfs in der Gestaltung ihrer sozialen Netzwerke an die nähere Umgebung gebunden.

Behinderte Menschen sind nach wie vor auf maßgebliche Unterstützung aus familiär-verwandtschaftlichen Beziehungen angewiesen.

Behinderte Menschen leben in großen, heterogenen sozialen Netzwerkbeziehungen, um ihren ständigen Unterstützungsbedarf auf verschiedene Quellen sozialer Unterstützung zu verteilen.

Behinderte Menschen akzeptieren aufgrund des Unterstützungsbedarfs gerichtete instrumentelle Unterstützungsbeziehungen.

Behinderte Menschen halten aus Furcht vor Einsamkeit einseitige Beziehungen aufrecht.

0 Einleitung

Ohne persönliche bzw. soziale Beziehungen gibt es keine Gesellschaft, denn Sozialität und Gesellschaft entstehen aus dem interpersonellen Handeln der Menschen. Jede Art von sozialer Beziehung, die zwei Personen mit sozialen Inhalten verbindet und mehrere Interaktionssituationen überdauert, machen das Menschsein und damit das Soziale aus (Petermann 2002:21).

In der öffentlichen Wahrnehmung wird von behinderten Menschen mehr oder weniger ein Bild des armen, schwachen, hilfsbedürftigen und hilfesuchenden, passiven, anklagenden Menschen über- und vermittelt, bei dem wenig funktioniert und der wahnsinnig viel Geld kostet. Auswirkungen gesellschaftlicher Modernisierungstendenzen wie der Wegfall von Verbindlichkeiten, Geborgenheit und stabilisierenden Bezügen lassen jedoch die Individuen zu Konstrukteuren ihrer sozialen Auffangnetze werden, was soziale und persönliche Kompetenzen zur Bedingung macht.

Die mit dem Freisetzungsprozess verbundene individualistische Bewertung der Person und das Leistungsprinzip als Plazierungsmechanismus verlangen nach einem kompetenten und konkurrenzfähigen, autonom handelnden und entscheidenden Individuum (Diewald 1991:30).

Diese ambivalenten Menschenbilder vom passiven behinderten und aktiven autonomen Menschen und der Grundgedanke sozialer Austauchtheorien, dass Menschen soziale Beziehungen eingehen, wenn beide Seiten einen Gewinn erlangen und damit Kosten und Nutzen kalkulieren, führen zu der Idee der vorliegenden Arbeit, nach den Ressourcen behinderter Menschen zu fragen, die sie in ihre sozialen "Auffangnetze" als Gegenleistung erhaltener Unterstützung einbringen. In ähnlicher Weise fragt der Netzwerkforscher Martin DIEWALD (1991:125), ob denn alle Menschen in der Lage sind, "ihre sozialen Einbindungen zu bewerkstelligen und so zu gestalten, daß sie über ausreichende Unterstützung verfügen".

Insbesondere mit den Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften wird die Leistungsfähigkeit informeller sozialer Netzwerke entweder in Frage gestellt (Bindungszerfallthese) oder gerade in Zeiten neoliberaler Bestrebungen neu erhofft. Neue Formen freiwilliger "dyadischer Freundschaften" lösen traditionelle, verpflichtende familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen ab und können ein Weg aus dem Dilemma zwischen sozialer Isolation und Beziehungsvielfalt sein.

Analog den Singles bei Ulrich BECK (1998:20) stellen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, auf die sich in dieser Arbeit bezogen wird, oder - positiv bezeichnet - Menschen, die körperlich in besonderer Weise herausgefordert sind, keine Gruppe dar, sondern eine Kategorie, die sehr heterogene Lebenslagen umfasst. Verstärkt wird die daraus resultierende geringe Macht behinderter Menschen mit der gesellschaftlichen Geringschätzung als weniger leistungsfähig (Rommelspacher 1999:9). Sobald aber behinderte Menschen als soziale Gruppe definiert werden, wird ihnen eine defizitäre, negative Rolle zugeschrieben. Insbesondere oder gerade in einer marktorientierten Gesellschaft, die sich selbst als Leistungsgesellschaft reflektiert und reproduziert, ist "Behinderung [...] zunächst wesentlich das Produkt einer vielförmigen gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund mangelnder Leistungsfähigkeit" (Neumann 1995:8). Desgleichen begründet BECK (1986:159; Herv. i. O.) die sozialen Ausgrenzungen wie folgt:

Dauerhafte Konfliktlinien entstehen mehr und mehr entlang ‚zugewiesener' Merkmale, die nach wie vor mit Benachteiligungen verbunden sind: Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit (Gastarbeiter), Alter, körperliche Behinderungen.

Erklärungen dafür, warum Menschen soziale Beziehungen eingehen oder speziell, warum Menschen bereit sind, andere (behinderte) Menschen zu unterstützen, liegen im Konzept des sozialen Kapitals, das die Grundannahmen sozialer Austauschtheorien impliziert. Der Reiz, sich auf die - zunächst befremdlich erscheinende - kalkulierende Betrachtung alltäglicher sozialer Beziehungen einzulassen, liegt gerade in den marktförmig organisierten Gesellschaften selbst, die das allgemeine Kapitalprinzip der Investitionen mit späteren Gewinnerwartungen zur Grundlage machen.

Trifft es zu, dass langfristige soziale Beziehungen von rational kalkulierenden und damit handelnden Individuen nur aufgebaut werden, wenn gegenseitige Unterstützungen einerseits in Form von Verpflichtungen aufgrund erhaltener Unterstützung oder andererseits von Erwartungen aufgrund gegebener Unterstützung vorliegen, dann verfügen behinderte Menschen über attraktive Ressourcen zum Tausch. Ferner ist dann davon auszugehen, dass behinderte Menschen in wechselseitigen (reziproken) und symmetrischen Unterstützungsbeziehungen, die Wertschätzung und Anerkennung, Geborgenheit und Wohlbefinden erzeugen, sozial integriert sind.

Diese zugrundegelegten handlungstheoretischen Ansätze implizieren soziale Beziehungen als Austauschbeziehungen,

in denen jedes Individuum die mit Aufnahme, Pflege und Abbrechen von Kontakten wie auch für die Wahl einer Unterstützungsperson verbundenen Nutzen (z. B. Verfügbarkeit von Ressourcen) und Kosten (z. B. Verpflichtungen) gegeneinander abwägt und darüber seine Umwelt aktiv gestaltet (Haß 2002:32).

Es ist naheliegend, diese austauschtheoretischen Aspekte mit ihren individualistischen Annahmen, auf denen das Sozialkapitalkonzept des anerkannten Chicagoer Sozialtheoretikers James Samuel COLEMAN (1926-1995) beruht, zu erörtern und zu hinterfragen. Vor diesem theoretischen Hintergrund sind die aufgeworfenen Forschungsfragen zu behandeln. COLEMAN bringt das Konzept mit dem inhärenten Nutzenmaximierungs-Axiom in einen größeren strukturellen Zusammenhang und erklärt damit soziale Phänomene. So soll soziale Partizipation behinderter Menschen an gesellschaftlichen Lebensbereichen als soziales Phänomen mit selbstbestimmten Wahlmöglichkeiten aufgrund der Partizipation an rezi-proken und symmetrischen Beziehungsstrukturen durch ein positives Selbstbild behinderter Menschen erklärt werden.

Angesicht der besonderen Lebenssituationen und Bewältigungsanforderungen behinderter Menschen mit "manifestem Unterstützungsbedarf" (Otto 2003) besteht die Gefahr, dass sie zu den isolationsgefährdeten Bevölkerungsteilen in individualistisch orientierten Gemeinschaften gehören. COLEMANs eindimensionale individualistische Perspektive des universalistischen Grundprinzips von Gegenseitigkeit würde zugespitzt lauten: "Man dürfe den anderen nur noch dann um etwas bitten, wenn man einen äquivalenten Austausch anzubieten hat" (Prisching 2003).

Die beiden wesentlichen Eigenschaften des sozialen Kapitals sind nach COLEMAN (1995a:392) der sozialstrukturelle und der handlungsermöglichende Aspekt. Folglich sind die sozialen Unterstützungsnetzwerke behinderter Menschen mit manifesten Unterstützungsbedarf unter dem Aspekt des sozialen Kapitals hinsichtlich der Partizipation an sozialen Beziehungen zu diskutieren und zu problematisieren. Soziale Unterstützungsbeziehungen stellen auf Dauer nach COLEMAN eine Form sozialen Kapitals dar, in die zuvor Zeit und Mühe "investiert" werden muss, um dann in "Notzeiten" auf die Unterstützungsressourcen zurückgreifen zu können.

In der Forschungsfrage geht es darum, inwieweit die Struktur und die Beziehungseigenschaften der sozialen Netzwerke von dem fünften sozialstrukturellen Merkmal "Behinderung" beeinflusst werden? Umgekehrt ist zu erörtern, inwieweit gegebene Sozialstrukturen die Partizipation an gesellschaftliche Lebensbereiche einschränken. So kann für den roten Faden der vorliegenden Theoriearbeit die folgende Basishypothese formuliert werden:

Soziale Unterstützungsnetzwerke behinderter Menschen mit manifestem Unterstützungsbedarf werden unabhängig von dem personenbezogenen Merkmal "Behinderung" generiert und aufrecht erhalten.

Die Idee, die soziale Partizipation behinderter Menschen auf gesellschaftlicher Ebene anhand der sozialen Beziehungsstrukturen mikroanalytisch zu diskutieren, hätte auch aus den Intentionen des "Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003" (EJBM)[1] heraus entstehen können und macht so die Bedeutung der Thematik ersichtlich. Aus dem Grundsatz des EJBM 2003 "Nichts über uns ohne uns" sind die drei zentralen Botschaften abgeleitet, die prägnant allgemein gesellschaftliche und behindertenpolitische Forderungen mit "Verwirklichung der Teilhabe", "Durchsetzung der Gleichstellung" sowie "Ermöglichung von Selbstbestimmung" vor Augen führen und zu großen Teilen den Inhalt der vorliegenden Arbeit bestimmen.

Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist der körperbehinderte Mensch im Erwachsenenalter mit seinen sozialen Unterstützungsbeziehungen bzw. Austauschbeziehungen, die ein soziales Netzwerk mit bestimmten strukturellen und relationalen Merkmalen entstehen lassen.

Nach dieser Einleitung folgen im ersten Kapitel, ausgehend von BECK (1986), die Chancen und Gefahren der Individualisierungs- und Pluralisierungsthese sozialer Modernisierungsprozesse für die individuellen Lebensbereiche und ihre Auswirkungen für Menschen mit Behinderungen. Es soll damit ein Einstieg in die Problematik sozialer Isolierung gegeben werden, weshalb die Partizipation behinderter Menschen an allen Lebensbereichen behindertenpolitisch aktuell und nachhaltig gefordert wird (Kapitel 1).

Dem Behinderungsbegriff soll in Kapitel 2 entsprechend Raum gelassen werden, um die internationale und nationale Annäherung an die soziologische Analyse differenziert zu diskutieren. Die Nähe zu handlungstheoretischen Hintergründen wird im Aktivitätskonzept der Begrifflichkeit von "Behinderung" der Weltgesundheitsorganisation erkennbar. Dieses eignet sich - in Anlehnung an Mathilde NIEHAUS (1993:26) - sowohl für die Erstellung eines Analysedesigns für Behinderung als auch für die Erfassung der behindertenspezifischen Unterstützungsbedürfnisse.

Entsprechend dem Forschungshintergrund folgt ein Kapitel, in dem die Reziprozitätsbegrifflichkeit in Abgrenzung zur Symmetrie erläutert und auf behinderte Menschen bezogen wird.

Ein viertes Kapitel dient der Darlegung und Diskussion der soziologischen (ökonomisch determinierten) Handlungstheorie von COLEMAN (1995a, b) und soll zum individuell-strukturalistischen Konzept sozialen Kapitals hinführen. Mit dem Modell des rationalen Entscheidens und Verhaltens soll das soziale Phänomen der Desintegration behinderter Menschen theoretisch erklärt werden. Soziale Partizipation behinderter Menschen sind den behindertenpolitischen Zielen beinahe routinemäßig inhärent, doch hier soll der Frage nachgegangen werden, was sich hinter den i. S. der COLEMANschen Austauschlogik zweckrational handelnden Akteuren verbirgt. Soziale Austauschbeziehungsmodelle werden abschließend erkenntnistheoretisch erarbeitet und können so einer weiterführenden empirischen Netzwerkanalyse als Analysedesign dienen.

Aufgrund des individuellen Ressourcenaspekts sozialer Austauschbeziehungen werden in Kapitel 5 die Konzepte der sozialen Netzwerke und der sozialen Unterstützung mit spezifischen Aspekten zur Erhebung und Analyse der Unterstützungsnetzwerke behinderter Menschen kursorisch dargestellt, um der sich anschließenden Diskussion vorhandener Studien ihre methodische Grundlage zu geben. So werden also im letzten Kapitel drei deutschsprachige Studien zu sozialen Netzwerken behinderter Menschen selbst bzw. von Familien mit behinderten Angehörigen vorgestellt und deren Ergebnisse unter dem Fokus von Geben und Nehmen diskutiert.

Mögliche Ansatzpunkte für eine aufbauende Netzwerkerhebung runden im Abschlusskapitel die vorliegende theoretische Aufarbeitung des Themas "Reziprozität in sozialen Unterstützungsnetzwerken behinderter Menschen" ab. In der vorliegenden Arbeit werden viele diskussionswürdige Aspekte behandelt, die jedoch nicht erschöpfende Antworten ermöglichen.

In Anlehnung an den Oldenburger Philosophieprofessor Michael SUKALE, der das ca. 1000-seitige Hauptwerk "The Foundation of Social Theorie" (1990) von COLEMAN in die deutsche Sprache übersetzte und sich für das Maskulinpronomen der Lesbarkeit halber und in Ermangelung einer eingebürgerten Konvention entschied, soll diese Ansicht hier vertreten werden. Selbstverständlich sind Personen bzw. Akteure beiderlei Geschlechts gemeint (Coleman 1995a:xiv).

Bewusst wird in dieser Arbeit die alltagsweltliche, schnell dahin gesagte Bezeichnung "Behinderte" vermieden (Zitate sind ausgenommen), um die personale Identität und Würde anstelle eines Stigmas zu betonen. Es sind eben besonders herausgeforderte Menschen mit Behinderungen, "behinderte Menschen" also, die neben vielen anderen individuellen Merkmalen auch eine Eigenschaft wie "Behinderung" als Variationsdimension des menschlichen Seins besitzen.

Im Laufe der Arbeit wurden neue Begrifflichkeiten für bestimmte soziale Konstellationen eingeführt, die mit großer Sorgfalt in Anlehnung an Begriffe aus behindertenpolitischer, austauschtheoretischer und netzwerkanalytischer Sicht ausgewählt wurden. Sie sind als Angebot zu verstehen und werden mit einfachen Hochkommata gekennzeichnet.



[1] In Europa wird 2003 auf Barrieren und Diskriminierung, die immer noch für jeden zehnten Europäer existieren, aufmerksam gemacht. Es geht vor allem um die (weitere) Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen.

1. Individualismus ja - Vielfalt nein: Behinderung als Chance?!

"Die Scheidewand zwischen Fürsorge und Bevormundung ist so dünn, dass sie sich bei der geringsten Berührung auflöst." (Jane Adams, zit. nach Sennett 2002:160f.)

Im Alltag glaubt jeder Mensch zu wissen, was "Behinderung" bzw. was "ein Behinderter" sei. Häufig läuft dies auf verschiedene Stereotypen von lernbeeinträchtigten Menschen, vom Rollstuhlfahrer bis hin zu im Alter pflegebedürftig gewordenen Menschen hinaus und reflektiert die Abweichung von sozialkulturellen Werte- und Normenvorstellungen. Sobald es jedoch um soziale Benachteiligung oder Chancengleichheit unter Beibehaltung des Rechts auf Differenz geht, wird die soziale Dimension der Behinderung betont. Behinderte Menschen werden - wie Johannes NEUMANN (1995:25) in seiner Perspektive auf Behinderung als gesellschaftliche Konstituierung feststellt - nach unseren kulturellen Idealmustern als "fremde Wesen" bezeichnet, "oft mit Zügen, die als ebenso unheimlich empfunden werden, wie sie andererseits geeignet sein können, Mitleid hervorzurufen".

Mechanismen zur sozialen Isolation von Menschen, die gesellschaftlich anerkannten Normen wie Leistungserbringung, Flexibilität und Gesundheit nicht entsprechen, sind somit vorprogrammiert und das in einer Zeit, in der individualistische Lebensbewältigung und damit pluralistische Lebensweisen als eine der größten liberalen Modernisierungsfolgen gefeiert werden.

1.1 Verlust des familiären Rückhalts und soziale Ausgrenzungen "normenwidriger Menschen"

Die Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft der Moderne analysierte bereits Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Soziologe Ferdinand TÖNNIES (1988, [1887]) in seinem Werk "Gemeinschaft und Gesellschaft". Anhand vielfältiger Formen des Zusammenlebens, die er am unterschiedlichen Willen der Menschen festmacht, prognostiziert er den Gemeinschaftsverlust als ein Ablösen von gefühlsbetonten solidarischen Verbindungen durch rationale Erwägungen in gesellschaftlichen Organisationen. Eine Gemeinschaft beruhe auf Solidarität und eine Gesellschaft auf der Organisation von Beziehungen. Während in einer Gemeinschaft reziproker, generationsübergreifender Austausch stattfindet, existieren in der Gesellschaft eher äquivalente Austauschstrukturen, was mit Unverbindlichkeit in den Beziehungen einhergeht (Dederichs 1999:32).

TÖNNIES' sog. "Wesenwille", der das Denken mit einem emotionalen harmonischen Band der Eintracht und Einigkeit im Wollen der Gemeinschaft binde, würde allmählich vom sog. "Kürwillen" i. S. des rationalen Willens im Prozess der Auflösung der Gemeinschaft abgelöst. Die Mitglieder der Gemeinschaft lösen sich zunehmend zur eigenen Interessenverfolgung aus dieser heraus. Der Kürwille trenne das Denken von der Willensganzheit, so dass der Einzelwille entstand.

Der Verlust der Einheit durch den Wesenwillen wird mit kürwillentlichen (kalkulierbaren) rationalen Willensverbindungen kompensiert. Es entstehen im COLEMANschen Verständnis Körperschaften, also künstlich konstruierte Einheiten; denn die Gesellschaft als Konstrukt wird durch die "Dimensionen Tausch, Sozietät (=Konventionen) und Handel" konstituiert - so argumentiert die Netzwerkforscherin Andrea Maria DEDERICHS (1999:26) mit Tönnies bei ihrer These der Wandlung von "individuellorientierter Leistungsgesellschaft in eine beziehungsorientierte Dienstleistungsgesellschaft".

Der Einzelwille dominiere nach TÖNNNIES zunehmend als Entscheidungsinstanz. Der Gemeinschaftswille tritt in den Hintergrund. Die Industrialisierung, das Entstehen von Großorganisationen und die Urbanisierung wirken sich in der Summe auf die soziale Integration der Individuen aus. Diese postulierte fehlende soziale Einbindung, die TÖNNIES bei seiner Gegenüberstellung von stark idealisierten organischen Gemeinschaften und den neuen entfremdeten modernen Gesellschaften beschrieb, ist ihm zufolge für die zunehmende Entsolidarisierung verantwortlich. DEDERICHS (ebd., S. 26) bringt die Argumentation Tönnies, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen zu ökonomischen Beziehungen werden, auf den Punkt: "Soziale Beziehungen werden zunehmend kürwillentlich und individualistischer, gleichzeitig nehmen gemeinschaftliche Bindungen ab".

Als Folge des gesellschaftsstrukturellen Wandels werden Gewinner und Verlierer "produziert", denn besorgte Zeitdiagnostiker[2]analysieren dies in ihren Werken mit dem Solidaritätsverlust, der sozialen Kälte und Vereinsamung. Neue Globalaussagen wie "Ego-Gesellschaft", "Gesellschaft der Ichlinge" oder "vollmobile Singlegesellschaft" versuchen, aktuelle Entwicklungen begrifflich zu fassen. Die Auswirkungen der Modernisierungsprozesse lassen einerseits, mikrosoziologisch gesehen, Hoffnung auf größere Handlungsoptionen keimen, d. h. eine Befreiung aus sozialen Zwängen und gleichzeitig größere Autonomie. Andererseits werden die Folgen als Bürde in Bezug auf den Zwang zur Freiheit, die ständige Eigenverantwortung und das eigenständige Entscheiden gesehen (Junge 2002:12f.).

Der Soziologe BECK (1986:39f.) definiert in seinem international bekannten und diskussionswürdigen Standardwerk "Die Risikogesellschaft" als moderne gegenwärtige Gesellschaft, die den Übergang von der ersten zur zweiten (reflexiven) Moderne in bewusster Abgrenzung zur sog. Postmoderne festmacht. Im Zentrum seiner Theorie steht der Begriff "Individualisierung" i. S. der Ich-Werdung und Selbstkontrolle, was bedeutet, dass das Individuum selbst die Vergesellschaftungsprozesse gestaltet. Das einzelne Individuum, nicht mehr die Familie, wird seit der Aufklärung - gemäß BECKs Individualisierungsthese der Enttraditionalisierung der Lebensverhältnisse in Individualisierungsschüben[3](Ohrenbeichte, Protestantismus) - zur "lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen" (Beck 1986:209). Die "Erste Moderne" bzw. Industriegesellschaft kennzeichnet BECK kontrastierend - ähnlich wie TÖNNIES' Gemeinschaftsbegrifflichkeit - als eine homogene, klar stratifizierte Struktur mit vorindustriellen Traditionen.

Den Prozess der Entgrenzung in Wissenschaft, Technik und Industrie auf der Makroebene einerseits und die Entgrenzungen der privaten Lebensbedingungen, Lebensstile und Lebensschicksale auf der Mikroebene andererseits analysiert BECK die "Risikogesellschaft" im Gegensatz zur Klassengesellschaft mit den ,,Individualisierungs-" und "Pluralisierungsthesen".

Das Individuum wird in der "reflexiven, zweiten Moderne" aufgrund von Wohlfahrtssteigerungen und Entgrenzungen in sämtlichen Lebensbereichen und einhergehenden strukturellen Wandlungen seit den 1960er Jahren durch größere Eigenverantwortung und Gewissensfreiheit zum Gestalter der sozialen Welt. Umgekehrt sieht BECK die Individualisierung auch als Produkt des allgemeinen Modernisierungsprozesses (Industrialisierung, Bürokratisierung, Urbanisierung, Demokratie und soziale Mobilisierung), so dass der Individualisierungsprozess durch Rückwirkung modernisiert wird und mit dem Adjektiv "reflexiv" gemeint ist (Junge 2002:10). Er interpretiert den Individualisierungsschub, den viele Netzwerkanalytiker wie z. B. Martin DIEWALD (1991) oder Sören PETERMANN (2002) mit der "Bindungszerfallshypothese" aufnehmen, so:

Auf dem Hintergrund eines vergleichsweise hohen materiellen Lebensstandards und weit vorangetriebenen sozialen Sicherheiten wurden die Menschen in einem historischen Kontinuitätsbruch aus traditionalen Klassenbindungen und Versorgungsbezügen der Familie herausgelöst und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen (Beck 1986:116).

Immer wieder werden die Individualisierungsfolgen des Werte- und Einstellungswandels in der Familienforschung innerhalb der primären Sozialbeziehungen (steigender Anteil der Kinderlosigkeit, der Ehescheidungen, Lebensformen außerhalb von Ehe und Familie) mit dem Dualismus von individualistischen und traditionalen Formen des Zusammenlebens belegt oder auch widerlegt. In der Konzeption der Individualisierung sind bei BECK (ebd., S. 206) nicht nur subjektiv-biographische Aspekte wie Selbstbezogenheit und Eigeninteresse enthalten, sondern eine "dreifache Individualisierung".

Diese zeigt sich in der makrosoziologischen Freisetzungsdimension, die er anhand der Herauslösung aus traditionalen Bindungen festmacht und die sich gerade im Hinblick auf familiäre Unterstützungspotenziale in sozialen Netzwerken behinderter Menschen auswirken wird. Ob dies als Chance zu selbstbestimmter Lebensführung behinderter Menschen i. S. neuer Organisationsformen sozialer Unterstützungen und damit neuer Zugänge zu heterogenen Netzwerksegmenten umgesetzt wird, hängt u. a. von der Umsetzung behindertenpolitischer Forderungen ab. So reproduzieren in Alltagsgesprächen, Medienbildern und im institutionellen Umgang mit behinderten Menschen stereotypische, meist defizitorientierte Darstellungen bei allen Fortschritten[4]in den letzten Jahren die Stabilisatoren der zugeschriebenen Behindertenrolle - Hilflosigkeit, Einsamkeit und Kostenfaktor, wie sie hier gemäß BECKs "Frauenrolle" bezeichnet werden sollen[5]. Diese Darstellungen drängen den diskreditierten Personenkreis auf die Seite der gesellschaftlichen und sozialen Verlierer zunehmender Modernisierungseffekte. Geläufige Klischeevorstellungen aus Unkenntnis und sozialer Distanz heraus reduzieren behinderte Menschen immer wieder auf die Behindertenrolle.

Hans BERTRAM (1995) widerlegt die negativen Prognosen der Modernisierungsfolgen. Was für unbehinderte resp. nichtbehinderte Menschen allgemein gilt, sollte für behinderte Menschen im Besonderen gelten. Es existiert eine "eigene Logik des familiären Zusammenlebens" unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen wie Flexibilisierung und Mobilität. Beispielsweise sei das Fehlen der Grundvoraussetzung zur Schaffung von individualistischen Persönlichkeiten, die in der Kumulation von kulturellem Kapital durch die Anstrengungen der Elterngeneration bestehe, eine der Individualisierungsfolgen, wonach sich soziale Bindungen linearkausal auflösen würden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass nach den Investitionen der Eltern in die Kinder beide Seiten aus den Beziehungen irgendwann heraustreten, ist gering, da die "Ligaturen" (Dahrendorf 1994) bleiben, denn

wechselseitige Abhängigkeiten, Verpflichtungen, emotionale Unterstützungen, eben ein dichtes Geflecht von Beziehungen [entstehen - d. Verf.], die ihrerseits nicht notwendigerweise allgemeinen gesellschaftlichen Trends folgen müssen (Bertram 1995:7).

Eine zweite makrosoziologische Individualisierungsdimension ist nach BECK (1986:206) die Entzauberungsdimension. Sie schließt den Verlust traditioneller Sicherheiten wie Familieneinbindung aufgrund von "Bastelbiographien" (ebd., S. 211ff.) ein, die durch die strukturelle Arbeitsmarktlage hervorgerufen werden. So kann z. B. Arbeitslosigkeit zu sozialem Rückzug führen und weniger Gelegenheiten bieten, neue Netzwerkmitglieder kennen zu lernen. Berufliche Mobilität, die meist mit räumlicher verbunden ist, schafft einerseits viele Kontaktmöglichkeiten und andererseits besteht die Gefahr des Beziehungsabbruchs aufgrund fehlender Zeit und Kraft. DIEWALD (1991:56f.) bekräftigt ebenso diesen Auswirkungsaspekt, da "Aufbau und Pflege informeller Beziehungen" zunehmend "zu einer Angelegenheit freier Entscheidungen und zu einer individuell zu erbringenden Leistung innerhalb von Austauschprozessen" werden.

Für behinderte Menschen hat die Entzauberungsdimension Auswirkungen auf dauerhafte und zuverlässige Unterstützungspotenziale in ihren sozialen Netzen. Aufgrund beruflicher und räumlicher Mobilität der Netzwerkmitglieder behinderter Menschen ermöglichen einerseits wechselnde Konstellationen ihrer sozialen Netzwerke erst Zugangsmöglichkeiten zu heterogenen Netzwerksegmenten. Andererseits bedeuten eingespielte, langfristig aufgebaute Unterstützungsbeziehungen auch für sie keine dauerhaften Sicherheiten i. S. TÖNNIESscher Fürsorge der Gemeinschaft.

Schließlich unterscheidet BECK (1986:217) neue Formen sozialer Einbindungen in politische oder soziale Bewegungen, Bürgerinitiativen, Gruppen i. S. TÖNNIESscher Gesellschaften als Kontroll-/Reintegrationsdimension. Behinderten Menschen kann diese Dimension neue Handlungsspielräume aus mikrosozialer Perspektive eröffnen, sofern strukturelle und personelle Hilfen zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung dieser sozialen Beziehungen gewährleistet sind. BECK (ebd.) argumentiert zusammenfassend, dass das Individuum "sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in Bezug auf seinen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen" habe.

Die Individualisierungsthese kann als makrosozialer Erklärungsansatz hinsichtlich der sozialen Isolation behinderter Menschen aufgrund von Auflösungsgefahren des Sozialen dienen. Hatte sich in der Vormoderne das Individuum in seinen festen sozialen Strukturen den sozialkulturellen und gesellschaftlichen Strukturen unterzuordnen und anzupassen, ist heute das Individuum nach BECK (ebd., S. 217f.) durch (arbeits)markt- und institutionenabhängige Individuallagen[6]gezwungen, alle Lebensfragen anhand von "Bausätzen biographischer Kombinationsmöglichkeiten" zu diskutieren, zu verhandeln und durchzusetzen, das Soziale bzw. die gesellschaftlichen Strukturen werden folglich reproduziert.

Soziale und persönliche Kompetenzen sind dafür Voraussetzung und müssen bei allen behindertenpolitischen Forderungen nach Selbstbestimmung entsprechend kompensiert und gefördert werden. Bisher fehlen versorgende und beschützende Angebote in der traditionellen Behindertenhilfe, die der Forderung nach dem Aufbau einer autonomen und interaktionsfähigen Persönlichkeit, die über die Partizipation an (Aus-)Bildungsangeboten für behinderte Menschen hinausgeht, nachkommen (Wacker 1995:80).

Ist das Individuum in seinen körperlichen Funktionen oder Strukturen beeinträchtigt und verfügt dadurch nicht über entsprechende Kompetenzen wie Leistungsfähigkeit, Mobilität oder soziale Attraktivität, die in der "flexiblen Gesellschaft" (Sennett 1998) unabdingbar sind, bleibt das aus dieser Leistungsperspektive betrachtete leistungseingeschränkte, immobile, unflexible Individuum als Verlierer der Modernisierungsprozesse zurück.

Die von BECK definierten Freisetzungsprozesse der Lebensplanung und -führung aus tradierten Rollenbesetzungen, -erwartungen und sozialen Verpflichtungen brechen den familiären Rückhalt und damit die Sicherheiten behinderter Menschen auf. Das wird einerseits von Sozialtheoretikern wie COLEMAN (1995b) als unverantwortlich gesehen, so dass er analog das Fehlen "sozialer Ressourcen" bzw. sozialen Kapitals für den Verlust des fami-lialen Rückhalts und der Notwendigkeit immer komplexerer Körperschaften im Sinne TÖNNIES' Gesellschaften beklagt. Andere Gesellschaftstheoretiker - so auch BECK - sehen die Individualisierungsprozesse auch als Chance zur Befreiung von sozialen Erniedrigungen, Bevormundungen oder Ehrerbietungsverhalten in einseitigen Abhängigkeitsbeziehungen.

DIEWALD (1991:27) postuliert, dass bei allem Autonomiegewinn und Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten gerade hinsichtlich der freien Wahl der Netzwerkmitglieder die sozialen Beziehungen segmenthaft und nicht "ganzheitlich" für alle Dinge des Lebens verantwortlich sind, dass sie selbst spezialisiert aufgebaut und aufrecht erhalten werden müssen. Nach seiner Auffassung besteht der Vorteil der Liberalisierungsseite von Individualisierungsprozessen in der Gestaltung von Beziehungsnetzwerken nach eigenen Bedürfnissen aufgrund von Autonomieerlangung (ebd., S. 19). Die im traditionalen Sinn verstandene Geborgenheit innerhalb einer Gemeinschaft bzw. informeller sozialer Netzwerke kann nicht allein gewährleistet werden, und das sollte insbesondere bei der Förderung sozialer Netzwerke[7] für behinderte Menschen den Gesetzgebern, aber auch den Pädagogen und Sozialarbeitern bewusst sein.

Solche Veränderungen werden als Teil eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Strukturwandels gesehen, in dessen Sog die einzelnen Individuen aus selbstverständlich vorgegebenen Lebenszusammenhängen herausgelöst werden, so daß sie in zunehmenden Maße nur noch auf sich selbst bezogen planen und agieren - mit der augenfälligen Folge einer Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen (ebd., S. 15).

Die Gefahren von Isolationsprozessen bestehen bei allem politischen Konsens zum Respekt gegenüber individueller Lebensgestaltung dank vielversprechender Autonomisierungsprozesse, dass Modernisierungsverlierergruppen mangels Geschicklichkeit und sozialer Attraktivität "aus dem Netz wechselseitiger Unterstützungsbeziehungen herausfallen"; denn die Freiheiten müssen mit Verantwortung bezahlt und bewältigt werden (ebd., S. 31). Mit dem Aufweichen garantierter Selbstverständlichkeiten muss das Individuum Eigeninitiative und ständige Beziehungsarbeit leisten. Gegenseitige Hilfe wird aufgrund wahrgenommener Gleichheit weniger verbindlich und erwartbar, wodurch neue Solidarität durch Leistungsaustausch geschaffen wird (ebd., S. 46).

Soziale Beziehungen werden im Hinblick auf ihre Nützlichkeit i. S. gemeinsamer Interessenverfolgung und Wertebasis versachlicht, rationalisiert, da sie frei wählbar und kündbar sind. Dies darf nicht eindimensional mit Bindungszerfall gesehen werden, wie COLEMAN (1995b:429) sich um den Rückgang sozialer Beziehungen (soziales Kapital) sorgt:

Besonders zu bemerken ist ein Zuwachs an physischem Kapital, der aus wirtschaftlichem Wohlstand resultiert, und ein Rückgang an sozialem Kapital, das von der ursprünglichen sozialen Organisation der Familie und Gemeinde bereitgestellt wird.

Vermehrte residentielle Mobilität lässt Nachbarschaftsbeziehungen abbrechen, und die produktiven Funktionen ursprünglicher Strukturen werden nach außen verlagert, was COLEMANs Erklärung für das Verschieben von Aktivitäten der "ursprünglichen Sozialstrukturen" (Sozialisation, hauswirtschaftliche Bedarfsdeckungswirtschaft) in "zielgerichtete Sozialstrukturen" entspricht (Petermann 2002:21ff.). Der Ausbau von Verkehrs- und Kommunikationssystemen z. B. erleichtert grundsätzlich die Kontaktanbahnungen und -aufrechterhaltungen und macht schicht- und milieuübergreifende soziale Beziehungen für jedermann möglich, so dass von neuen Wegen zur Netzwerkgestaltung gesprochen werden kann. Insbesondere ist diese Technologisierung der Kommunikationsmedien für behinderte Menschen eine nicht zu unterschätzende, handlungserweiternde Ressource und damit soziales Kapital. Informationen, Beratungen, aber auch soziale Unterstützungen erweitern das soziale Netzwerk nicht nur mit lockeren Beziehungen. Ebenso diskutiert PETERMANN (ebd., S. 28) die Relevanz der Erweiterung lokaler Beziehungen mittels moderner Kommunikations- und Transportmittel und kritisiert die Angst um den Gemeinschaftsverlust. Die Beziehungsarbeit wird durch Telefon, traditionelle und elektronische Post, Internet oder Fax erleichtert oder gar erst ermöglicht. Insbesondere räumlich immobile Menschen können auf diese Weise Beziehungen aufrecht erhalten, die über die Grenzen lokaler Gemeinschaft hinausgehen und für emotionale Unterstützungsinhalte entscheidend sind, weil sie nach gemeinsamen kulturellen, politischen und Freizeitinteressen und nicht aufgrund räumlicher und familiärer Nähe ausgewählt werden konnten (ebd., S. 32).

1.2 "Nichts über uns ohne uns" - Chancen für Lebenssituationen behinderter Menschen mit manifestem Unterstützungsbedarf

Mit Beschluss des Rates der Europäischen Union ist das Jahr 2003 zum EJBM erklärt worden. Wie bereits in der Einleitung ausgeführt wurde, geht es gemäß dem Grundsatz "Nichts über uns ohne uns" um die Verwirklichung der Teilhabe in allen Lebensbereichen und um die vollkommene Gleichberechtigung. Dies erschien als geeigneter Ausgangspunkt für die folgende Darstellung von Möglichkeiten zu einer selbstbestimmten und autonomen Lebensführung behinderter Menschen und damit zur ‚wirksamen Partizipation' in allen Lebensbereichen.

In ihrem Artikel "The Interface between Individuals and Environments" skizzieren Semi LITVAK & Alexandra ENDERS (2000) die Rolle der drei Unterstützungen: technologische (assistive technology), persönliche (personal assistance service) und strategische Hilfen (assistive strategies) als "support systems", die den Einfluss von funktionalen und strukturalen Einschränkungen in Bezug auf Behinderung verkleinern. Diese "support systems", die jeweils individuell dynamisch zusammengesetzt sind oder sein sollten und den Unterstützungsbedarf wesentlich breiter abdecken als die individuellen Unterstützungssysteme, ermöglichen nicht nur eine größere Partizipation behinderter Menschen in allen Lebensbereichen (Wohnumfeld, Arbeitsbereich, Mobilität, Gemeinschaft), sondern machen die "support systems" auch zwingend lebensnotwendig, denn:

Presence or absence of supports can make the difference between dying, living in an institution or nursing home, being dependent on the good will and energy of relatives, or living as one chooses in the community (ebd., S. 711).

Die "Philosophie des unabhängigen Lebens", wie sie ausführlich in Kapitel 1.2.2 veranschaulicht wird, fördere zwar die "assistive technology and tools" (AT), aber klar bleibt die Verneinung der Frage, ob eines Tages "technology replaces assistance", wie die Autoren postulieren (ebd., S. 719). Die emanzipierte Behindertenbewegung sucht nach neuen Wegen für die "personal assistive service" (PAS)[8] außerhalb traditioneller familiärer Unterstützungssysteme, um den strukturellen und individuellen Fremdbestimmungen zu entkommen und so die Chancen von Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen aktiv zu nutzen und nicht wieder zu "Verlierern" (Beck 1986) der Modernisierungsprozesse zu werden.

Abbildung 1: Mögliche und reale Handlungen in einem Unterstützungssystem mit sozialen, technischen und strategisch-regulierenden Hilfen (Quelle: Litvak & Enders 2000:722)

Aus der Abbildung 1 ist das Zusammenspiel zwischen behindertenspezifischen und allgemeinen Unterstützungssystemen ersichtlich, auf die jeder Mensch unabhängig von Behinderungen angewiesen ist. Die Seitenlängen variieren je nach individuellen Ressourcen und Interessen an einzelnen Lebensbereichen situationsabhängig. Nachhaltig weisen die Autorinnen auf die individuellen Konstellationen dieser drei Dimensionen hin, die keine Normen gelten lassen: "Not just people with disabilities but all human beings have a dynamic support system that links individual to physical environments" (ebd., S. 711).

Mit dem Fokus dieser sozialen Netzwerkanalyse behinderter Menschen ist klar, dass die folgenden gegenwärtigen Möglichkeiten zur Rekrutierung personeller Unterstützungsressourcen nur die eine Dimension des "support systems" beschreiben. Dennoch müssen die anderen beiden der Forderung nach Selbstbestimmung und Würde behinderter Menschen in den sozialpädagogischen und -politischen Umsetzungen mit berücksichtigt werden. In dem Moment, in dem es um Barrierenabbau geht, geht es auch um die freie Gestaltung sozialer Netzwerkbeziehungen als Unterstützungsressource in allen Lebensbereichen - instrumentell und/oder emotional - unabhängig von Behinderungen und Ressourcen.

1.2.1 Pluralisierung und offene Wege sozialer Partizipation behinderter Menschen

Der BECKsche Individualisierungsschub als Freisetzungsprozess im individuellen und gemeinschaftlichen Bereich sollte als Chance nicht nur i. S. von "Freiheit von", sondern auch von "Freiheit zu" aufgefasst und mit der Pluralisierungsthese erklärt werden. Pluralisierung meint so die "Mehrzahl" von verschiedenen, nebeneinander bestehenden Lebensentwürfen und Lebensverhältnissen. Nach BECK kommt es so zu einer Zunahme von familialen und außerfamilialen Gemeinschaftsformen, die die klassischen Rollenverteilungen freisetzen. Abnehmende Gültigkeit tradierter Normen, das Entfallen tradierter Partizipationsvorgaben, das mit der Befreiung aus sozialen Zwängen verbunden ist, lassen unter den Bedingungen der Freiheit neue, vielfältige und selbstbestimmte Handlungsmöglichkeiten zu. Diese führen zur autonomen Gestaltung der Lebensentwürfe und -formen und bieten so auch behinderten Menschen neue Wege der Daseinsentfaltung. Individuelle Entscheidungen führen zu vielfältigen Bewältigungen individueller Lebenslagen. Individualisierung bedeutet in der Summe Pluralisierung der Lebensstile mit Eigenverantwortung und Unsicherheiten, mit gleichzeitiger Befreiung und neuer Belastung. Das Emanzipationsbestreben behinderter Menschen der letzen 20 Jahre ist m. E. nicht zuletzt darauf zurückzuführen.

Sinn und Ziel eines Lebens werden in abendländischen Gesellschaftsidealen auf Brauchbarkeit, Schönheit und Leistungsfähigkeit reduziert, und jede Person, die ein wenig davon abweicht, wird als "behindert" abgewertet. Zu den selbstverständlichen Eigenschaften des "vernünftigen" Menschen gehören Gesundheit und Vernunft sowie die Idealvorstellungen "Fleiß und Geschicklichkeit, Pünktlichkeit und Gehorsam", denn: "Ein vernünftiger Mensch lebt gesund und ein gesunder Mensch lebt vernünftig". Andersartiges Verhalten ist als Müßiggängertum "verdächtig" und wird weitgehend gemieden (Neumann 1995:27).

Plurale Vorstellungen moderner Gesellschaften implizieren paradoxerweise nicht die Normenwidrigkeiten, obwohl gleichzeitig erst durch die Pluralisierungsakzeptanz die Chance besteht, gesetzte Normen wie Brauchbarkeit und Schönheit aufzuweichen. Gerade in nordamerikanisch-europäischen Kulturkreisen, in denen Leistungserbringung, Gesundheit und Schönheit die fundamentalen Maßstäbe für Norm und damit verbundene soziale Anerkennung durch die Gesellschaft bedeuten, wird sehr leicht jegliche Abweichung defizitär und individualisierend eingestuft. Die defizitäre Ressourcenannahme behinderter Menschen lässt sie kaum als "normale", nicht stigmatisierte Menschen erscheinen, die "normal" agieren, leben und fühlen können. Nur die Leistungsfähigkeit bringe das größte Glück der größten Zahl, geistert seit John Stuart MILL des 19. Jahrhunderts historisch-kulturell gewachsen in (neo-)liberalen Köpfen. Reichtum mache glücklich und Geld ermögliche, sich an die Normen anzupassen. Krankheit, Behinderung und Tod seien zu überwinden. Arnfried BINTIG (1999:489) kritisiert die Normenorientierung zu Recht, wenn er nach jenen Instanzen fragt, die die Macht inne haben, um Normen zu setzen.

Es muss umgekehrt gefragt werden: Tragen nicht vielmehr die herausfordernden Lebenssituationen behinderter Menschen zur Vielfalt von Lebenslagen und damit zur pluralistischen Gesellschaft bei?

Die Lebensführung behinderter bzw. unterstützungsbeziehender Menschen wird überwiegend nicht als anerkennenswerte Bewältigungsleistung vermittelt und wahrgenommen, da zentrale Funktionsleistungen wie "wirtschaftliche, berufliche Leistungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Gesundheit/Ästhetik, Beziehungsfähigkeit" nicht den zentralen gesellschaftlichen Werten in amerikanisch-europäischen Kulturen entsprechen (Beck 2000:22).

Klaus BENDEL (1999:307f.) postuliert unter konstruktivistischer Perspektive der "Behinderung", dass die askriptiven Merkmale Alter, Geschlecht oder Hautfarbe längst nicht mehr die Asymmetrie in ihrer Unterscheidung wie behindert/unbehindert haben. Selbst ältere Menschen werden in den letzten 10 Jahren positiv i. S. von "Alter als Lebensstil" oder "Chancen im Alter" gesehen. Inzwischen fungiert der Begriff des Alters als "neutrale Lebenslage oder gar als positive Ressource". Weit von diesem Paradigmenwechsel in der Altersforschung[9] entfernt, bleiben bis heute die Perspektiven für Menschen mit Behinderungen. Leben mit Behinderungen als sozial anerkannte Lebenslage mit deren Aktivitätspotenzialen, Kompetenzen und Ressourcen und den daraus resultierenden Lebensgestaltungschancen wie "Behinderung als Lebensstil" oder "Chancen mit Behinderungen" sollten in einer pluralistischen Gesellschaft inzwischen selbstverständlich sein. Mit NEUMANN (1995:24) ist folglich zu fordern, dass es für behinderte wie für ältere Menschen keinen Sinn macht, "ihren Zustand und ihre Eigenart als Abweichung oder Leistungsunfähigkeit zu beschreiben, da sie im Rahmen ihres Vermögens sich als ‚normal' und leistungswillig erleben".

Die nordamerikanisch-europäischen Pluralisierungsthesen in ausdifferenzierten Kulturgesellschaften als Chance für die Vielfalt von Lebensentwürfen und Daseinsentfaltungen werden unter diesen Betrachtungen deutlich überschattet von der Polarisierungsthese durch eine dualistische Reduzierung auf behindert-unbehindert, stigmatisiert-normal. Folglich muss entgegen der von PETERMANN ausgemachten Liberalisierungsthese, dass in ausdifferenzierten Gesellschaften die schwachen (lockeren, jederzeit kündbaren) Beziehungen von sekundären Kontexten überwiegen, mit DIEWALD (ebd., S. 102) für behinderte Menschen vermutet werden, dass sie eher in engen familienzentrierten Netzwerken aufgrund ihres Bedarfes an zeitaufwendiger und dauerhafter sozialer Unterstützung leben. Marktwirtschaftliche Systeme sind durch Brauchbarkeit und Zweckerfüllung verbunden mit dem reinen Nützlichkeitsdenken. Diese Wertesetzungen der Behinderung als gesellschaftliches Defizit ergeben sich gemäß Ernst von KARDORFF (1999:617) aus:

kulturell verankerten Vorstellungen und Überzeugungen (cultural patterns and beliefs) der jeweiligen historischen Gesellschaftsformation, aus in der jeweiligen Kultur für gültig befundenen Grundannahmen über das ‚Wesen des Menschen' (anthropological assumptions), aus gesellschaftlichen Vorstellungen über Gesundheit, Krankheit, Behinderung und damit verbundenen Rollenzuschreibungen und Anforderungen (social representation), aus der Moderne entstandenen zivilgesellschaftlichen Normen über Wert und Würde des Menschen, über seine Integrität und seine individuellen Rechte.

Mit dem Aufkommen neuer Lebensformen stellen sich Fragen nach sozialer Einbindung und informeller und formeller sozialer Unterstützung behinderter Menschen neu und verändern die Dreiecksseiten der Kooperation, d. h. der personellen Unterstützungen (Abbildung 1), denn die traditionalen, sozialen, primären Unterstützungspotenziale, die durch vorgezeichnete Rollenverpflichtungen entstanden sind, verschwinden und machen neuen Beziehungen Platz. Diese neuen Formen "dyadischer Freundschaften" (Nötzold-Linden 1994) und "außerhäuslicher Aktivitätsorientierung" (Hollstein 2001) aufgrund gemeinsamer Werte und persönlicher Zuneigung sind am Entstehen und machen die Notwendigkeit deutlich, sich mit sozialen Beziehungsstrukturen in sozialen Netzwerken behinderter Menschen auseinander zu setzen, denn:

Der ‚Nutzungsspielraum' bzw. die Variationsbreite der Leistungen von sozialen Beziehungen für die Individuen hängt letztlich von den Strukturmerkmalen und ihren Konstellationen ab (Hollstein 2001:69).

Wenn nun eine Person aufgrund irgendwelcher körperlicher oder seelischer Beeinträchtigungen oder Herausforderungen den Leistungserwartungen einer sozialkulturell leistungsdeterminierten Gesellschaft nicht genügt sowie anderen Wertvorstellungen von Schönheit, Mobilität und Schöpfertum nicht entspricht, führt das - wie der US-amerikanische Soziologe Erving GOFFMAN (1996:158) feststellte - zu Stigmatisierungs- und Institutionalisierungsprozessen (Sondereinrichtungen). Diese negativ behafteten Zuschreibungen und sozialen Kontrollen verschärfen die soziale Ungleichheit nicht nur als Gruppe, sondern auch als individuell erlebtes Schicksal, obwohl gerade erst die Freisetzungsprozesse die vielfältigen individuellen Lebensformen ermöglichen.

NEUMANN (ebd., S. 40) postuliert treffend einen Paradigmenwechsel der gesellschaftlichen Denk- und Verhaltensmuster als Voraussetzung für ein menschliches Verständnis und gelebter Humanität und damit i. S. Richard SENNETTs (2001) Respektforderung:

Voraussetzung für ein menschliches Klima ist die Veränderung des sozio-ökonomischen Paradigmas von der Käuflichkeit aller ‚Werte' und von der ‚Warenhaftigkeit' des Menschen und seiner Arbeit. Das wird auf keinen Fall durch bloße Appelle gelingen, sondern nur durch eine Veränderung der ökonomischen Beziehungen.

1.2.2 Auf dem Weg zu selbstbestimmter Daseinsentfaltung - Wechselverhältnis von "Selbstbestimmt Leben" und Abhängigkeit

In einer ausdifferenzierten Gesellschaft mit pluralisierten Lebensformen sollten auch behinderte Menschen mit manifesten Unterstützungsbedarf ihre individuellen Lebensvorstellungen entsprechend gestalten können. DIEWALD (1991:37f.) betont die Vorteile der Moderne in einer empirischen Sekundäranalyse über die Bindungszerfalls- und Liberalisierungsthese, dass "die Freisetzung der Individuen aus den Ligaturen der gemeinschaftlichen Lebensordnung [...] zweifellos den Weg zu einer größeren Autonomie in der Lebensgestaltung freigemacht" hat. Er verweist auf Ralf DAHRENDORFs bleibende "Ligaturen", die die Beliebigkeit von Beziehungen begrenzen und von den "Optionen", die gegebene Wahlmöglichkeiten von Angeboten darstellen. Ligaturen sind dagegen die kulturellen Bindungen, die eine gewisse Verbindlichkeit haben, "mit denen Menschen in die Lage versetzt werden, den Weg durch die Welt der Optionen zu finden" (Dahrendorf 1994:422f.). DIEWALD (ebd., S. 28) bezieht sich hierbei auf Modernisierung, die sich im veränderten Verhältnis zwischen "Optionen" und "Ligaturen" ausdrückt; denn Zugehörigkeit und Bindungen sind die Stabilisatoren der Lebensgestaltung und stellen dafür Ressourcen bereit. Menschen in besonderen Lebenslagen wie beispielsweise alleinstehende Elternteile[10], Eltern behinderter Kinder[11], ältere Menschen[12] und somit auch behinderte Menschen sind überwiegend auf Familiennetzwerke angewiesen, um verbindlich-langfristige Unterstützung zu erhalten.

Fehlende personenbezogene Ressourcen in finanzieller und/oder in sozialkompetenter Sicht (Humankapital) nehmen den Unterstützung erhaltenden Akteuren (Rezipienten), austauschtheoretisch betrachtet, die Möglichkeit, freie - u. a. von BECK (1986) prognostizierte - "Wahlverwandtschafts"-Netzwerke aufzubauen und vor allem aufrecht zu erhalten.

Neue Abhängigkeiten entstehen in der modernen Gesellschaft getreu BECK durch das Verstärken des Selbstbezuges von sozialrechtlichen Regelungen (z. B. Pflegeversicherungsgesetz, Bundessozialhilfegesetz, Persönliches Budget) oder sozialen Versorgungsangeboten (Ambulante Dienste, private Pflegedienste). Den Preis dafür zahlen Menschen mit Behinderungen - so diskutiert es Elisabeth WACKER (1995:79) - denn mit der Vergrößerung von Handlungsspielräumen auf individueller Ebene gehen neue Formen bürokratischer Fremdbestimmungen einher. Die Autorin stellt provozierend die entscheidende Frage, ob die fortschrittlichen behindertenpolitischen Neuerungen in Richtung selbstständigerer Lebensführung die Vielfalt der Seinsmöglichkeiten anerkennen?

Unterstützung, Hilfe und Fürsorge sollten als Universal- und Anspruchsrechte im Sinne der Menschenrechte bzw. DAHRENDORFs Optionen anerkannt werden, und die Abhängigkeit von anderen Menschen muss sich dadurch individuell und institutionell im gesellschaftlichen Wertesystem niederschlagen (Graumann 2002). Anthropologisch betrachtet ist die wechselseitige Angewiesenheit des Menschen auf andere Menschen sogar eine notwendige Bedingung für die menschliche Entwicklung und für die Identität, denn Iris BECK (2000:22) schreibt: "Hilfe ist ein notwendiger existentieller und identitätssichernder Bestandteil einer humanen Gesellschaft".

In einem anderen Beitrag hebt Ulrich BECK (1998:15) das Soziale der Abhängigkeit hervor, denn "Selbstbehauptung, Selbstgenuss und die Sorge für andere" können sich gegenseitig bereichern. Eine klare Rollentrennung in Helfer und Hilfsbedürftige[13] sollte abgelegt werden, denn gegenseitige Abhängigkeiten machen ausdifferenzierte Gesellschaften aus. Es existiert in der Moderne ein neuer Typus von Solidarität, der kein moralisches Helferpathos ist, sondern der freiwillig erbracht wird. Das ist der Rollenunterschied, der auch in den sozialen Unterstützungsnetzwerken behinderter Menschen geschaffen werden muss. Es sind Wahlmöglichkeiten für soziale Unterstützungsquellen zu schaffen, d. h. es muss individuell entschieden werden können, ob jemand seine behinderungsspezifischen Unterstützungen in familiären und damit "traditionellen" bzw. "ursprünglichen Sozialstrukturen" (Coleman 1995b) oder in offenen Systemen (Ambulante Dienste, Persönliche Assistenzmodelle) beziehen möchte. Dies ist nicht nur für die individuelle Freiheit und Daseinsentwicklung der behinderten Menschen entscheidend, sondern auch für die unterstützenden Angehörigen behinderter Familienmitglieder (primäre soziale Systeme), um Alternativen bei Überlastungen ohne Gewissensfragen und Ängste vor sozialen Ausgrenzungen nutzen zu können. "When we consider the support and care given by members of the family to disabled persons, the amount of helping in our society is enormous" (Braun & Niehaus 1991:159).

Nicht Abhängigkeit sei nach SENNETT (2002:213) das Problem, sondern, dass Betroffene in asymmetrischen Beziehungsstrukturen nicht "als Fachleute in eigener Sache" mit Respekt behandelt werden. Diese Forderung deckt sich mit der emanzipatorischen Behindertenbewegung "Selbstbestimmt Leben" und dem Slogan "Anstelle wohlmeinendes ‚ohne uns' - deutliches ‚Nichts über uns ohne uns!" des EJBM 2003". Entsprechend handeln die Sozialstaatsinstitutionen fehlerhaft:

Sie versuchten zwar, ihre Klienten als ganze Menschen zu behandeln, aber sie möchten nicht akzeptieren, daß diese Menschen in der Lage sind, über die Bedingungen ihrer Abhängigkeit selbst mitzubestimmen (ebd., S. 115).

So wie SENNETT (ebd., S. 214) die Autonomie auf der Beziehungsebene als Grundlage für jedwede einseitigen Unterstützungsleistungen bei Menschen mit geringeren Ressourcenausstattungen als entscheidendes Merkmal postuliert, indem akzeptiert wird, den anderen nicht vollkommen zu verstehen, so deckt sich damit das Ziel der "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" behinderter Menschen, denn "Autonomie setzt Bindung und Zugleich Fremdheit, Nähe und zugleich Unpersönlichkeit voraus".

Der Intention dieser Arbeit entsprechend, sind für behinderte Menschen zunächst Hilfen und Hilfssysteme (externe Ressourcen) erforderlich, um trotz oder gerade mit Behinderungen eine ‚wirksame Partizipation'[14] an allen Lebensbereichen der Gesellschaft erreichen zu können und damit wechselseitige Beziehungsstrukturen von Nehmen und Geben aufzubauen.

1.2.3 Sozialrechtliche Interventionsmechanismen für reziproke soziale Beziehungen -Organisationsformen des Modells "Selbstbestimmt Leben"

Auf soziale Unterstützung im Alltag angewiesen zu sein, bedeutet meist persönliche Abhängigkeit, Verlust an Lebensqualität und Fremdbestimmung des einzelnen Individuums, wenn bei andauerndem Unterstützungsbedarf die primären sozialen Unterstützungspotenziale der Netzwerkstrukturen ausgeschöpft werden müssen. Umgekehrt können familiäre und freundschaftliche Dienste perspektivisch eine enorme Belastung für die bestehenden Beziehungsstrukturen bedeuten, da die permanente körperliche und emotionale Nähe alte und neue Konflikte und permanente Überforderung auf der Geberseite entstehen lassen (BBZ 2002). Austauschtheoretisch gesprochen, fehlen in solchen nicht reziproken Unterstützungsstrukturen materielle und immaterielle Anerkennungen, die beide Seiten COLEMAN zufolge zu einem "sozialen Gleichgewicht" bringen.

Seit ungefähr 20 Jahren suchen auf Hilfe angewiesene Menschen nach Alternativen, um in Selbstbestimmung und Eigenverantwortung so "normal" wie möglich zu leben (Bartz 2001:6). Das politische Konzept zur Selbstbestimmung behinderter Menschen stellt eine Denk- und Lebensweise dar, die Nehmerrolle resp. Behindertenrolle nicht mehr demütig, dankbar und bescheiden einzunehmen. Durch die Schaffung echter Wahlmöglichkeiten i. S. der pluralisierten Lebensformen ausdifferenzierter Gesellschaften können behinderte Menschen mit vorhandenem Unterstützungsbedarf selbst über die benötigten Unterstützungen zur Gestaltung ihres Lebens entscheiden und diese organisieren (Franz 2002:15, 20). Ein hoher Unterstützungsbedarf muss nicht zwangsläufig in ein Verhältnis fremdbestimmter Abhängigkeit münden (ebd., S. 21). Die Voraussetzungen zur Selbstbestimmung im Leben behinderter Menschen sind das Aufbrechen bestehender Machtstrukturen zwischen Geber- und Nehmerseite, von Ressourcen durch Kompetenzzuweisungen auf Nehmerseite und nach Gusti STEINER (2001:18) dahingehend zu gestalten,

dass notwendige Hilfe weitestgehend unabhängig von Institutionen und deren fremdbestimmenden Zwängen und von fremdbestimmender, entmündigender Hilfe durch sogenannte Fachlichkeit von Helferinnen [...] organisiert wird.

Mit netzwerkanalytischer Begrifflichkeit bedeutet dies, dass nach Wegen gesucht wurde, um die gerichteten, nicht reziproken sozialen Beziehungen in den familiären und Freundschaftsnetzwerksegmenten behinderter Menschen in reziproke Austauschbeziehungen zu transformieren. Mit COLEMANs Terminologie heißt das - wie ausführlich in Kapitel 4.2 erläutert - dass ressourcenstärkende Möglichkeiten wie z. B. entsprechende Kompetenzen i. S. von Zuständigkeiten (Steiner 2001:33) geschaffen werden müssen, um die "Rechte auf Kontrolle über Handlungen übertragen" zu bekommen.

Die Umgestaltung des bisherigen, von Abhängigkeit bestimmten Lebensstils hin zu "neuen Formen von Selbstbewusstsein und partnerschaftlichen sozialen Beziehungen ist ein Prozess", den behinderte Menschen erst erlernen müssen (Wacker 1995:81). Finanz-, Organisations- und Personalkompetenzen waren institutionell oder familiär übernommene Kompetenzen, die sukzessive zur eigenständigen sozialen Netzwerkkonstellation erlernt und erlebbar gemacht werden müssen. Der Begriff der Assistenz wurde mit seiner positiven Besetzung eingeführt, der die aktive Teilnahme an Unterstützungsbeziehungen impliziert anstelle der passiven Betreuung oder Pflege, denn nach Elke BARTZ (2001:7) wird er:

zur Differenzierung von selbstbestimmten Hilfen und mehr oder weniger fremdbestimmten Hilfeleistungen verwendet. Er beschreibt sehr deutlich, dass passive Fürsorgeobjekte zu agierenden Subjekten mutieren, die ihren Alltag eigenverantwortlich organisieren wollen und können.

Zur Beantwortung solcher Fragestellungen ist es hilfreich, deutlich den Terminus "Hilfe" als Oberbegriff für alle Formen von Hilfestellungen und für behindertenspezifischen Unterstützungsbedarf zu definieren. Anstelle von "hilfenehmenden Personen" sollte die sprachsymbolisch wertneutralere Form ‚unterstützungsnehmende Personen' (Assistenznehmer) und ‚unterstützungsgebende Personen' (Assistenzgeber) zur Kennzeichnung ihrer unterschiedlichen sozialen Positionen verwendet werden. Für die Realisierung eines selbstbestimmten Lebens gemäß dem Modell der Persönlichen Assistenz verwenden hilfeabhängige Personen

zur Deckung ihres gesamten Hilfebedarfs u. U. mehrere unterschiedliche Organisationsformen, z. T. als _ewusste Entscheidung [im Sinne des COLEMANschen Akteurskonzeptes - d. Verf.], aber auch aufgrund fehlender Wahlmöglichkeiten oder fehlender Finanzmittel (Drolshagen & Rothenberg 2001:54).

1.2.3.1 Modell der selbstorganisierten Assistenz - Arbeitgeberinnenmodell

Das Modell "Selbstbestimmt Leben mit persönlicher Assistenz"[15] wurde als alternative Organisationsform für Menschen mit umfangreichem Pflege- und Unterstützungsbedarf entwickelt, "um Fremdbestimmung durch organisatorische Zwänge und fremdbestimmte Fachlichkeit zu begegnen" (Drolshagen & Rothenberg 2001:54). Die Betonung liegt auf "alternativen", z. T. ergänzenden Organisationsformen selbstorganisierter Unterstützung zu den konventionellen institutionellen und familiären Unterstützungsformen, in denen kaum die Prinzipien des Selbstbestimmten Lebens wirksam sind. Nach Alexandra FRANZ (2002:38) muss für alle Organisationsformen Wahlfreiheit bestehen, weil es sich "bei der Wahl einer dieser ‚traditionellen Organisationsformen von ambulanter und institutioneller Hilfe [...] auch um eine selbstbestimmte Entscheidung handeln" kann.

Die Persönliche Assistenz ist ein ganzheitliches Unterstützungsprinzip als adäquates Hilfesystem bestehender konventioneller Strukturen mit unbestrittenen Nachteilen "(knappes Personal bzw. keine oder mangelnde Auswahlmöglichkeiten beim Personaleinsatz seitens Menschen mit Hilfebedarf, bürokratische Strukturen, wenig flexible Dienstgestaltung)" im ambulanten oder institutionellen Bereich[16] (ebd.).

Entscheidendes Kriterium ist der individuelle Bedarf an Hilfen, die sich je nach Lebensabschnitt unterscheiden. Persönliche Assistenz umfasst soziale Unterstützungen instrumentellen Inhalts und wird von Zeit und Ort unabhängig eingesetzt. Assistenzmodelle dienen somit der Ergänzung der von Hans BRAUN & Mathilde NIEHAUS (1991) diskutierten "primären Sozialsysteme". Die Qualifizierung der Assistenz erfolgt im Gegensatz zu traditionellen sekundären Hilfesystemen individuell vor Ort. Von entscheidender Bedeutung ist, dass der behinderte Mensch seine Unterstützer bzw. nach COLEMAN Agenten, im Folgenden ‚Assistenten' genannt, selbst auswählt und somit i. S. der Individualisierungsthese von BECK (1986) seine Netzwerkmitglieder zweckorientiert und damit strategisch frei wählen kann.

Die schwer durchzusetzenden Finanzierungsmöglichkeiten der Persönlichen Assistenz bei den zuständigen Leistungsträgern wie Bundessozialamt mit dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) und Pflegekassen seit dem Pflegeversicherungsgesetz (PflegeVG 1995)[17] lassen bisher wenige durchsetzungsstarke Persönlichkeiten mit Behinderungen dieses Arbeitgeberinnenmodell realisieren. Insbesondere sowohl die Einstufungskriterien der PflegeVG, die sich graduell nach Pflegebedürftigkeit in drei Stufen[18] widerspiegeln, als auch das geringe Leistungsspektrum der Pflegeversicherung erschweren die Umsetzung des Assistenzmodells in der Praxis. Die im Leistungsspektrum enthaltenen inadäquaten Geldleistungen können entweder als "Belohnung" anstatt Bezahlung der selbstorganisierten Assistenten oder als adäquate Bezahlung professioneller Kräfte (private Pflegedienste, Assistenzorganisationen), die jedoch unangemessenen Modulvorschriften nachkommen müssen, fungieren.

Die Aufstockungsmöglichkeiten der Finanzierungsressourcen über die nachrangig zu gewährende "Hilfe zur Pflege" (§§ 68ff. BSHG) und die gleichrangige Eingliederungshilfe (§§ 39 ff. BSHG), die ohne Rechtsanspruch beantragt werden kann, erfordert Information und Durchsetzungsvermögen. Daher sind es zahlenmäßig bisher nach BARTZ (2001:7) nur etwa 2000 von 1,86 Mio. "erheblich pflegebedürftigen" bis "schwerstpflegebedürftigen" Menschen (PflegeVG) und nach FRANZ (2002:39) immer noch in erster Linie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, die selbstbestimmend ein Arbeitnehmer(innen)-Team angestellt haben.

Direkte Assistenz

Zur selbstorganisierten Hilfe und Pflege gehören das klassische Arbeitgeberinnenmodell[19] und auch die "grauen Arbeitsverhältnisse", die als Notlösung aufgrund restriktiver Finanzierungen durch Sozialhilfeträger vorkommen. Das Hauptkriterium dieser Form besteht darin, dass behinderte Menschen mit manifestem Unterstützungsbedarf bzw. ressourcenmobilisierende Akteure jegliche Fragen im Verhältnis zu ihren persönlichen Assistenten selbst entscheiden, d. h. sie müssen souverän als Arbeitgeber agieren, indem sie sämtliche Personal-, Anleitungs-, Organisations- und Finanzkompetenzen besitzen (formelle Partnerschaftsbeziehungen[20]).

Finanzkompetenz bedeutet hierbei, dass die vertraglich engagierten Assistenten i. S. direkter Reziprozitätsnorm mit dem Kostenträger, dem behinderten Menschen selbst abrechnen. Organisations- und Anleitungskompetenz entsprechen den Aufgaben eines Personalchefs und dessen Weisungsbefugnis, so dass die unterstützungserhaltende Person anbieterzentriert ihren individuellen Hilfebedarf zur Zufriedenheit erhält. Mit dieser Organisationsform wird auch für behinderte Menschen die liberale Forderung nach Eigenverantwortung eingelöst.

Mit den aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen ist die Realisierung jedoch kaum möglich, versicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse einzugehen - wie FRANZ (2002:44) hinweist, so dass in der Praxis oft die "grauen Arbeitsverhältnisse" mit geringem Stundenumfang und all den sozialen Unsicherheiten realisiert werden.

Auch im neuen Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) zeigt sich hinsichtlich der gesetzlichen Festschreibung für selbstbestimmte Lebensführung das schleichende ökonomische Denken, wie beispielsweise das Persönliche Budget (§ 17 SGB IX), das sich am Bedarfsdeckungsprinzip der Sozialhilfe orientiert. Durch die knappe Bemessung der Gelder werden - so zeigen es bereits Modellversuche - behinderte Menschen "selbstbestimmt" gezwungenermaßen zu Almosenempfängern, indem sie wegen geringer finanzieller Ressourcen auf die Unterstützungen von Angehörigen, Bekannten und Freunden zurückgreifen müssen. Die Sicherung der materiellen Existenzgrundlage ist eine Voraussetzung zur selbstständigen Lebensführung, weg von lebenslangen Abhängigkeiten aus traditionalen Bindungen, für die Motivation zu sozialer Aktivität, soziale Netze zu gestalten und nicht zuletzt zur persönlichen Zufriedenheit, postuliert WACKER (1995:81).

Indirekte Assistenz - Assistenzorganisationen

Aufgrund des hohen Organisationsaufwandes des Arbeitgeberinnenmodells, den nicht jede behinderte Person durchführen kann oder möchte, haben sich Assistenzorganisationen i. S. eines komplexen Handlungssystems (Coleman 1995a:213ff.) entwickelt. Diese stehen wie auch die Ambulanten Dienste und private häusliche Pflegedienste mit den Pflegekassen in Vertragsbeziehungen, so dass die Finanzkompetenz durch die Assistenzorganisation übernommen wird, die gleichzeitig mit den Pflegekassen abrechnet. Mit der Möglichkeit der Abgabe der Finanzkontrollrechte kann die behinderte Person auch den Leistungskatalog der höheren Sachleistungen aus der Pflegeversicherung ausschöpfen, die nicht für privat organisierte Assistenten geleistet werden. Die Freiwilligkeit der Abgabe des Verwaltungsaufwands ist nur bedingt gegeben, da behinderte Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf ergänzend die "Hilfe zur Pflege" (BSHG) benötigen, die jedoch nur unter der Bedingung gewährt wird, dass die Leistungen der Pflegeversicherung ausgeschöpft, d. h. die finanziell höheren Sachleistungen in Anspruch genommen wurden.

In dieser Organisationsform der indirekten selbstorganisierten Hilfe behält die unterstützungsnehmende Person, die zum Assistenzkunden wird, die Anleitungs- und Organisationskompetenz und bei sehr offenen institutionellen Pflegediensten auch die Personalkompetenz, weil diese sich an den Grundsätzen Persönlicher Assistenz orientiert und somit auch weitestgehend der Assistenznehmer bestimmen kann, wer als Assistent angestellt werden soll. Die Grundsätze des Prinzips der Persönlichen Assistenz[21] bleiben durch das Mitspracherecht und durch die Kontrolle der Assistenzkunden über Körperschaft bewahrt (Assistenzbeziehungen[22]).

Das Arbeitgeberinnenmodell ist noch nicht rechtlich verankert, was die Forderung von Behindertenvereinen und -organisationen nach einem bedarfsdeckenden Assistenzsicherungsgesetz erklärt; denn anstelle ökonomischer Kosten-Nutzen-Abwägungen sollte es um Menschenwürde, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Ethik und Moral gehen. Die verschiedenen Bereiche bisheriger rechtlicher Regelungen zur Realisierung eines selbstbestimmten Unterstützungsnetzwerkes des BSHG, der Pflegeversicherung oder des SGB IX erschweren durch Überlagerungen und Nachrangigkeitsregeln die Durchsetzung der Assistenz und stellen noch keine reale Alternative zur Wahlmöglichkeit dar[23].

Mit dem SGB IX ist erstmals aus rehabilitativer Sicht neben der Sozialhilfe eine erweiterte Wahlmöglichkeit, neben den institutionell verwalteten Sachleistungen auch die Leistungsform eines "Persönlichen Budgets" (§17,4 SGB IX) zur Verbesserung des Aktivitäts- und Partizipationspotenzials vorgesehen, das sich jedoch am Bedarfsdeckungsprinzip der Sozialhilfe orientiert. Allerdings sind diese individuell verfügbaren Geldleistungen vorerst als Modellprojekte[24] von den traditionellen Rehabilitationsträgern zur Beobachtung erlaubt und der Grundsatz der Vergabe ist eher an die "Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit" als am tatsächlichen Bedarf der leistungsberechtigten Personen ausgerichtet. Auch das Prinzip der Nachrangigkeit ist anzuwenden, was bedeutet, das dieses fortschrittliche Instrument zur Eingliederung behinderter Menschen erst zum Schluss eingesetzt wird.

1.2.3.2 Mobile soziale Hilfsdienste und Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung

Eine Alternative zur stationären Versorgung und eine gute Ergänzung zu privaten Pflegediensten oder zum Arbeitgeberinnenmodell sind die Ende der 1970er Jahre entstandenen mobilen sozialen Hilfsdienste (MSHD) und die individuelle Schwerstbehindertenbetreuung (ISB), die auch behinderte Menschen und ihre besonderen Unterstützungsbedarfe, die nicht zum Klientel und Pflegeziel der bis dahin aufgebauten Sozialstationen für überwiegend alte Menschen zählen, berücksichtigen (Hamel et al. 1995:15). Einige der Anbieter bieten Unterstützung an, die sich an den Grundsätzen der Persönlichen Assistenz orientiert. Der Unterschied zum Arbeitgeberinnenmodell besteht in der Finanzkompetenz, die beim Anbieter bleibt.

Die Angebote der Ambulanten Dienste (AD) z. B. sollen Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb stationärer Wohneinrichtungen und familialer Strukturen ermöglichen. Zivildienstleistende wurden als Assistenten eingesetzt, was die Kosten reduzierte. Nicht zuletzt durch die ungünstige personelle Struktur (Benachteilung körperbehinderter Frauen, die weibliche Assistenz einfordern) rekrutieren die MSHD zunehmend Laienhelfer, wodurch die Betroffenen die Anleitungskompetenzen besitzen. Damit wird bedarfsgerechte soziale Unterstützung auch außerhalb von Pflege und Haushalt möglich, wenn auch nur zeitlich begrenzt.

Mit der ISB entstand auch eine Rund-um-die-Uhr-Assistenz für hochgradig behinderte Menschen, was die soziale Partizipation durch gemeindenahes Wohnen und Leben in der eigenen Wohnung ermöglicht. Nichtausgebildetes Personal ist auch hier im Unterschied zu Sozialstationen die Regel. Doch insbesondere körperbehinderte Assistenznehmer kritisierten die MSHD- und ISB-Angebote als "unzulängliche Abhängigkeitsstrukturen und Unselbstständigkeit fördernde ambulante Hilfeformen", so dass sich das mit Finanz- und Personalkompetenzen ausgestattete Modell der persönlichen Assistenz (siehe Kapitel 1.2.3.1) etablierte (Hamel et al. 1995:18).

1.2.3.3 Hilfe durch unbezahlte Helferinnen

Diese Organisationsform für behinderungsbedingten Unterstützungsbedarf ähnelt den sozialen Unterstützungspotenzialen in sozialen Netzen unbehinderter Menschen. Der gravierende Unterschied besteht aber in der langen Zeitdimension und in dem existenziellen Angewiesensein auf Unterstützung im Alltag.

Aufgrund fehlender Finanzressourcen der Pflegeversicherung[25] oder des BSHG bzw. SGB IX[26], die nicht bedarfsorientiert ausgerichtet sind und auch grundsätzlich einen wesentlichen Personenkreis, der behinderungsbedingten Unterstützungsbedarf benötigt, ausgrenzen, sind behinderte Menschen von der Leistungsfähigkeit ihres informellen sozialen Netzwerkes behinderungsbedingt abhängig.

Es kommt auf die persönlichen Ressourcen des Hilfenehmers an, inwieweit individuell die Personal-, Anleitungs- und Organisationskompetenz wahrgenommen werden kann (Drolshagen & Rothenberg 2001:56). Die Fremdbestimmungsgefahr in asymmetrischen, nicht-reziproken sozialen Beziehungen durch Sachzwänge der Familienabläufe bzw. die dort vorherrschenden Problemlösungsstrategien ist bei mangelndem Respekt gegeben (Franz 2002:18). In Freundschaftsnetzen, wo reziproke und symmetrische Unterstützungsbeziehungen (informelle Partnerschaftsbeziehung[27]) der Definition nach vorherrschen, kann die Hilfe nur im gegenseitigen Einvernehmen organisiert werden, d. h. wenn das Zeitbudget und die Kraft ausreichen. Außerdem eignen sich Freundschaften eher für emotionale und weniger für praktische, tägliche Unterstützungen, was in den Studien der Unterstützungsforschung belegt wurde[28]. Die Gefahr der Überbeanspruchung der Freundschaft liegt vor und der Beziehungsabbruch wird nicht ausgeschlossen. Dankbarkeit, Demut und Bescheidenheit sind ressourcenstärkende Strategien zur Konfliktvermeidung, um sich in asymme-trischen und nichtreziproken Austauschbeziehungen zu behaupten und immaterielle Gegenleistungen zu erbringen (symmetrische Samariterbeziehungen[29]).

Spätestens in dieser Form wirken die strukturellen und relationalen Merkmale des sozialen Beziehungsnetzwerkes auf das soziale Kapital, was im Kapitel 4.3.3 detailliert dargestellt wird und daher hier nicht weiter ausdiskutiert werden soll.



[2] Ulrich Beck (1986, 1994), Amitai Etzioni (1999), Richard Sennett (1998)

[3] Vgl. Junge (2002:37f.)

[4] Beispielsweise wird mit dem aktuellen Werbespot zur Lotterie "Aktion Mensch" schon ein positiveres, den Zuschauer einbeziehendes Bild über behinderte Menschen übermittelt, aber die Schönheitsideale und eine klare Rollenverteilung mit wohlgelaunten Helferinnen sowie glücklichen, aber nie zu Wort kommenden behinderten Menschen in einer lachenden Dankbarkeitsrolle bleiben. Unterschwellig wird so weiterhin eine Therapierbarkeit und damit Nichtakzeptanz vermittelt.

[5] Behindertenrolle wird hier ähnlich der ausgemachten Frauenrolle bei BECK (1986:196) benutzt, bei der als Stabilisatoren "Erwerbslosigkeit" und "Kinderwunsch" genannt werden.

[6] Vgl. Beck (1986:220-247)

[7] Vgl. OTTO (2003), der Grundüberlegungen zu einer Systematik netzwerkbezogener Interventionsmöglichkeiten älterer Menschen vorstellt, um den Dualismus zwischen informellen und formellen Netzwerkansätzen zu durchbrechen.

[8] Siehe Organisationsformen des Modells "Selbstbestimmt Leben" in Kapitel 1.2.3

[9] Kritische Auseinandersetzung mit dem "Defizit-Modell des Alterns" der klassischen Disengagement-Theorie, die vom "naturgemäßen Rückzug von Aktivitäten im Alter ausgeht. (Vgl. URL: http://www.altenarbeit.de/themen/integration.html [Stand: 12.04.03])

[10] Vgl. Niepel (1994), Nestmann & Stiehler (1998)

[11] Vgl. Braun & Niehaus (1991), Kallenbach (1999)

[12] Vgl. Otto (2000)

[13] BECK gibt sie als eine der vier Grundannahmen der gegenwärtigen Debatten an.

[14] Siehe Kapitel 4.4.3

[15] Ausführliche Erläuterungen zur Finanzierung und Realisierung der Persönlichen Assistenz siehe Franz (2002) und MOBILE et al. (2001).

[16] Eindrucksvoll fasst STEINER (2001:24ff.) die institutionellen Heimsituationen für behinderte Menschen zusammen.

[17] Sozialgesetzbuch (SGB) - Elftes Buch (XI) - Soziale Pflegeversicherung (Artikel 1 des Gesetzes vom 26. Mai 1994, BGBl. I S. 1014)

[18] Vgl. MOBILE et al. (2001:121f.)

[19] Vgl. MOBILE et al. (2001) und Franz (2002)

[20] Siehe Kapitel 4.4.1

[21] Siehe oben ‚direkte Assistenz'

[22] Siehe Kapitel 4.4.2

[23] Näheres siehe URL: http://www.dvbs-online.de/horus/2002/3/standards.htm [Stand: 20.07.03].

[24] Das Projekt "Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität - PerLe" des Fachbereichs Rehabilitationswissenschaften an der Universität Dortmund in Kooperation mit der Universität Tübingen ist hier zu erwähnen.

[25] Das PflegeVG (§ 2,1) hat zwar den positiven Ansatz der Forderung "ein möglichst selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen" übernommen, jedoch gilt dies nur für die zeitlich sehr restriktive Basisversorgung Pflege, Haushaltsführung und Ernährung und nicht für weiterführende instrumentelle oder emotionale Unterstützungen.

[26] Das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) ist mit seinen Eingliederungshilfen und den nachrangig gewährten "Hilfen zur Pflege" zwar großzügiger in den Auswahlkriterien als die der Pflegeversicherung, aber ein Rechtsanspruch besteht nicht. Das spiegelt sich in der "Kann-Leistung" wieder, die von der finanziellen Haushaltslage sowie vom Ermessensspielraum des Bearbeiters abhängen.

[27] Siehe Kapitel 4.4.1

[28] Vgl. Hollstein (2001:134ff.)

[29] Siehe Kapitel 4.4.1

2 "Behinderung" - Ein Weg der Operationalisierung

"Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt." (Reinhard Turre; Direktor des Diakonischen Werkes in der Kirchenprovinz Sachsen)

2.1 Einführung in die Vielseitigkeit des Begriffs "Behinderung"

Die Soziologie der Behinderten[30] ist ein junger Forschungszweig der Soziologie, dem noch ein eigenständiges Profil fehlt, wohl nicht zuletzt wegen der Uneinigkeiten über den Begriff "Behinderung"[31]. Klassische strukturfunktionalistische und interaktionistische Ansätze, mit denen u. a. das Behinderungsthema aufgefangen wird, scheitern - so kritisiert BENDEL (1999:301ff.), wohl bei einer Theorie der "Behinderung"[32] an den fehlenden Rückgriffsmöglichkeiten auf "natürlich-biologische Voraussetzungen" (Beck 1986). "Behinderung" ist demzufolge ein ähnliches soziales Differenzierungsmerkmal wie andere askriptive Personenmerkmale wie Geschlecht oder Alter, nimmt aber als soziales Problem in der sozialwissenschaftlichen Forschung einen geringeren Raum ein. Trotz der enormen sozialstrukturellen wie individuell-biographischen Relevanz von Behinderung steht die "Behindertensoziologie" an sich noch aus. Die Relationalität von Behinderung lässt keine konsensfähige Definition in der Literatur erkennen, d. h. "quantitative und qualitative Gesichtspunkte (Minderheit bzw. Benachteiligung) gehen oft fließend ineinander über" (Bendel 1999:301).

Konsens in den vielfältigen Begriffsdefinitionen besteht in dem fundamentalen Charakteristikum von ‚Behinderung' als "Abweichung von der Norm". Eine gute Definition für "Behinderung" und "behinderter Mensch" kann bei Günther CLOERKES (1997:6, Herv. d. Verf.) ausgemacht werden. Er charakterisiert in seinem Ansatz "Behinderung" als Abweichung von sozialen Erwartungen, die, in Abhängigkeit von kulturell dominierenden Wertevorstellungen, negativ bewertet wird und damit adäquate Einstellungen und Verhaltensweisen auslöst.

Eine Behinderung ist danach ein überdauerndes Merkmal im körperlichen, geistigen oder psychischen Bereich, das erstens Spontanreaktionen bzw. Aufmerksamkeit hervorruft (Andersartigkeit) und dem zweitens allgemein ein ausgeprägter negativer Wert zugeschrieben wird.

Die Sichtbarkeit sei im weitesten Sinne zu verstehen, denn das Merkmal Behinderung hat Stimulusqualität[33], mit dem jede Art Aufmerksamkeit oder soziale Reaktion ausgelöst wird.

Eine Begriffsdefinition zu "Behinderung" sollte gemäß Ulrich BLEIDICK (1999:15) die vier Kriterien einer Definition berücksichtigen, und zwar, dass (1) jeder Definition nur ein beschränkter Geltungsbereich zukommt, dass (2) Behinderung als Folge von medizinisch-diagnostizierten organischen oder funktionellen Schädigungen angesehen wird, dass (3) Behinderung eine individuelle Seite hat und dass (4) Behinderung über eine soziale Dimension der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verfügt.

2.2 Bio-psycho-soziale Konzeption als Ausgangspunkt einer Theorie der Behinderung

Zur Begriffsbestimmung der "Behinderung" i. S. BLEIDICKs (1999) eignen sich die Konzepte der Weltgesundheitsorganisation (WHO)[34], die mit dem Instrument der "International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)" 2001[35] verabschiedet wurden und national im deutschen Sozialrecht bereits Berücksichtigung finden. Insbesondere die Hinzunahme von persönlichen und außerpersönlichen Kontextfaktoren gegenüber der Vorgängerversion "International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps" (ICIDH-1980)[36] ermöglichen eine grundlegend neue Debatte zur Begriffsbestimmung und letztlich zur längst überfälligen Theoriegrundlage. In Anlehnung an das lineare, hierarchische und medizinisch dominierte Krankheitsfolgemodell des englischen Arztes Philip WOOD[37] wurde "Behinderung" allein als eine Folgeerscheinung von Krankheit mit sozialen Implikationen klassifiziert.

Die Hauptziele der ICF bestehen neben einer Mehrzweckklassifikation der Befunde und Symptome von Störungen der gesundheitlichen Integrität an sich auch in der Bereitstellung einer interdisziplinären Sprache für die Erscheinungsformen der funktionalen Gesundheit und ihrer Beeinträchtigungen, für den Datenvergleich zwischen Ländern sowie als Verschlüsselungssystem für Gesundheitsinformationssysteme. Die ICF liefert damit wissenschaftliche und praktische Hilfe für die Beschreibung und das Verständnis von Zuständen der Funktionsfähigkeit und Behinderung (DIMDI 2002:9ff.).

Der Paradigmenwechsel[38] von den biologisch-medizinischen Faktoren zu der erhöhten Aufmerksamkeit für die komplexen sozialen, kulturellen und individuellen Aspekte von Behinderung erfolgte nachhaltig in der ICF. Sie ist komplementär zur ursachenorientierten "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems" (ICD-10)[39] zu sehen. Neben den drei Behinderungskonzepten (Körper- und Strukturfunktionen, Aktivität und Partizipation) wurde die vierte Ebene der personen- und umweltbezogenen Kontextfaktoren in den weitgefassten Begriff "Behinderung" einbezogen, um den gesamten Lebenshintergrund von Menschen - je nach Forschungs- oder Politikinteresse ressourcen- oder defizitorientiert - abbilden zu können.

Abbildung 2: Das bio-psycho-soziale Modell der Komponenten der ICF (Quelle: DIMDI 2002:21, modifiziert)

Das "bio-psycho-soziale Modell" der ICF in Abbildung 2 zeigt die Weiterentwicklung i. S. der Wechselseitigkeit und damit Vielschichtigkeit des Behinderungskonzeptes gegenüber dem linearen Krankheitsfolgenmodell der ICIDH als individuelles und soziales Konstrukt[40].

Formal besteht die ICF aus zwei Teilen mit je zwei Komponenten: einerseits aus der "Funktionsfähigkeit und Behinderung" mit a) Körperfunktionen und -strukturen und b) Aktivitäten und Partizipation und andererseits den "Kontextfaktoren" mit c) Umweltfaktoren und d) personenbezogenen Faktoren. Jede der Komponenten besteht aus verschiedenen Domänen, die als Items je nach Forschungsinteresse der sozialen Unterstützungsforschung gewählt werden können (DIMDI 2002:14).

Der Behinderungsbegriff der WHO ist als Oberbegriff für "jede Art gesundheitsbedingter Störung der Funktionsfähigkeit" (functioning) zu verstehen (Schuntermann 1999:348). Jedes der Elemente in der Abbildung 2 kann als Ausgangspunkt für neue Probleme herangezogen werden. In persönlichen und außerpersönlichen Ressourcen können die Hemmnisse für die Partizipation bzw. soziale Integration in die Gemeinschaft aufgedeckt werden. Entsprechend argumentiert Betina HOLLSTEIN (2001:114), dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, definiert als "Werte und Normen, demographische und soziale Bedingungen wie Individualisierung und Ausbau der wohlfahrtsstaatlichen Versorgung", Einfluss auf die Ausprägung von Strukturmerkmalen sozialer Netzwerke haben.

Die komplexe Lebenswirklichkeit Betroffener kann mit dem bio-psycho-sozialen Ansatz abgebildet werden. Maßgebend sind nicht vornehmlich die Defizite der Person, sondern die Fähigkeiten. Selbstbestimmung, Chancengleichheit und Teilhabe in allen Lebensbereichen sind die Ziele der ICF und damit Grundlage der vorliegenden Diskussion in Bezug auf Partizipation in sozialen Netzwerken behinderter Menschen (Schuntermann 2002:3).

Zur Sensibilisierung der Komplexität des individuellen und sozialen Phänomens Behinderung soll in Anregung durch Bettina LINDMEIER (2003) eine stilisierte und idealisierte Fallbeispielsituation für die Wirkung von Umweltfaktoren auf die funktionale Gesundheit und damit auf die Partizipation im Lebensbereich "Interpersonale Interaktion und Beziehungen" (d7 der Tabelle 1) konstruiert werden: Eine Person erlitt einen Hirninfakt (ICD-10 I63) aufgrund berufsbedingter Überlastung (sozialer Umweltfaktor) mit irreparablen Schäden der Hirnstruktur (Strukturschäden). Mit der Hemiplegie auf der rechten Seite sitzt sie im Rollstuhl und hat eine ausgeprägte Sprachbehinderung.

Wegen der mentalen Funktion der Sprache (ICF-Kode b167.3 [41] ) als Einschränkung der Körperfunktion (Sprachbehinderung) ist sie - gemäß ICF - in ihren interpersonellen Aktivitäten der informellen sozialen Beziehungen (ICF-Kode d750) eingeschränkt. Abhängig von den Einstellungen der Freunde und Mitmenschen (soziale Umweltfaktoren) kann sie nur bedingt oder gar nicht mit anderen Kontakt aufnehmen.

Die Funktionsfähigkeit dieser Person ist deutlich beeinträchtigt, da sie aufgrund der Aktivitätsstörung "Kommunikation" (ICF-Kode d3) nur eingeschränkt an dem Lebensbereich "Interpersonelle Interaktion und Beziehungen" (ICF-Kode d7) partizipieren kann.

2.2.1 Exkurs: "Lösbarkeitsmythos" und "Erfahrungsmythos"

Dem Soziologen CLOERKES (1997:9ff.) gemäß kann von verschiedenen Behinderungsparadigmen[42] ausgegangen werden, nämlich den drei klassischen "medizinischen", "interaktionistischen" und "systemtheoretischen" Ansätzen[43] und dem integrativen Paradigma des "sozialen" (umweltbezogenen) Ansatzes. Er postuliert, dass diese Ausgangpunkte besser verknüpft werden sollten, um dem "komplexen und mehrschichtigen Sachverhalt ‚Behinderung'" gerecht zu werden. Da die Integration des medizinischen und sozialen Paradigmas von Behinderung in der ICF erfolgt ist und die soziologischen Erklärungsgrundlagen inhärent sind, soll im Folgenden auf die zwei erkenntnistheoretischen Erklärungsmodelle exkursorisch eingegangen werden (Lindmeier 2002:417).

Behinderung als individuelle Eigenschaft einer Person wird im personenorientierten "medizinischen Modell" (medical model) als objektiver Defekt diagnostiziert. Die Behindertenbewegung im anglo-amerikanischen Sprachraum kritisiert dies mit dem zynischen Begriff "personal tragedy model", mit dem die Behinderung als persönliches und hinzunehmendes (Natur-) Schicksal betrachtet wird[44].

Dem defektorientierten Zugang zum Phänomen Behinderung ist konsequenterweise der Glaube an die "Lösbarkeit" der Probleme im Sinne des Strebens nach Naturbeherrschung seit der Aufklärung inhärent. Allein der gesundheitspolitische Bereich wird als veränderbares Moment gesehen. Bedingungslose Therapie fördere die Integrationsfähigkeit. Es werden Normen vorausgesetzt, an denen das "Nicht-normal-Sein" gemessen werden kann (Rommelspacher 1999:11f.). "Das Management von Behinderung zielt auf Heilung, Anpassung und Verhaltensänderung des Menschen ab" (DIMDI 2002:23).

Die sozialmedizinische Herangehensweise an Devianz von physischen, psychischen oder kognitiven Normen ist individuenzentriert ein medizinisches Problem. Dieser implizite "Lösbarkeitsmythos" gipfelte in der systematischen Ermordung zur Erhaltung der Rassenreinheit, der Euthanasie während der Nazizeit. Unterschwellig ist jedoch der "Vermeidbarkeitsmythos" in Form von embryonaler Stammzellforschung, Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik allgegenwärtig, was paradoxerweise in dem Bemühen um "Normalisierung" gerade zur sozialen Ausgrenzung führt (Rommelspacher 1999:12). Eine ethische Legitimation erhält diese biomedizinische Forschung durch die Sichtweise sog. "Gesunder", die das "Leiden" vermeiden möchten und die Existenzberechtigung von behinderten Menschen mit ethischen Argumentationen in Frage stellen.

Behinderte Menschen werden aus dieser Perspektive heraus als Almosenempfänger wohlfahrtsstaatlicher Leistungen gesehen. In Anlehnung an Talcot PARSONS' strukturelles Konzept der Krankenrolle werden sie von normalen Rollenverpflichtungen befreit mit der unausgesprochenen Auflage, sich weitgehend anzupassen und damit ihr Selbst zu verleugnen (Cloerkes 1997:141). Sie unterstreichen ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten i. S. von "...aber dafür kann ich ...", denn das Anderssein ist sozialkulturell negativ und die soziale Anerkennung dieser Menschen erfolgt meist für herausragende Leistungen. Es geht in diesem medizinischen Ansatz letztlich darum, dass das stigmatisierte Individuum beweisen muss und zumeist auch beweisen will, gleichberechtigt zu leben. Der behinderte Schriftsteller Franz CHRISTOPH (1993:47) bringt es treffend für den sozialen Beziehungsfokus dieser Arbeit auf den Punkt:

Man passt sich den Nichtbehinderten an, hat Angst, mit anderen Behinderten in Kontakt zu kommen. Will man doch dem eigenen Elendscharakter entfliehen, indem man sich an Nichtbehinderte besonders gefällig verkauft.

Die Medizinsoziologin Carol THOMAS (1999:14) fasst das neue Konzept des "sozialen Modells" (social model, ecological model), in dem behinderte Menschen als selbstständige, autonome und daseinsentfaltende Individuen gesehen werden und damit die Stärken und Potenziale hervor gehoben werden, zusammen:

The social model asserts that it is not the individual's impairment which causes disability (impairment → disability), or which is the disability (impairment = disability), and it is not the difficulty of individual functioning with physical, sensory or intellectual impairment which generates the problems of disability. Rather, disability is the outcome of social arrangements which work to restrict the activities of people with impairments by placing social barriers in their way (social barriers → disability). This social causation, or social creation, of disability is sometimes referred to as the ‚social construction' of disability.

Behinderungen sind folglich ein komplexes Geflecht von Bedingungen und nicht alleiniges Merkmal einer Person. Gesellschaftliche und persönliche Ausgrenzungsmechanismen sind Ursache für soziale Behinderungen. Insofern wird das soziale Problem Behinderung über den gesundheitspolitischen Bereich der medizinischen Perspektive hinaus anerkannt.

Behinderungen werden zur Frage der Menschenrechte und Daseinsentfaltung der behinderten Menschen, wie sie in der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen sowie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Unantastbarkeit der Würde des Menschen, freie Entfaltung der Persönlichkeit etc.) geschützt werden (Schuntermann 1999:342).

2.2.2 Funktionsfähigkeit und Behinderung

Analog zur "Krankheit", die als Störung der Gesundheit definiert wird, fragte die WHO, wovon "Behinderung" eine Störung ist. "Behinderung" ist laut ICF eine Störung bzw. "Beeinträchtigung der ‚Funktionsfähigkeit' (functioning)", die die gesundheitliche Integrität unter Einbeziehung des Lebenshintergrundes bzw. die drei Aspekte der "funktionalen Gesundheit" umfasst (Schuntermann 1999:2). Die "funktionale Gesundheit" bzw. der "positiv konnotierte Begriff der Funktionsfähigkeit" (Lindmeier 2002:416) ist ein Grundbegriff der ICF wie die ‚sozialen und physikalischen Kontextfaktoren' und der "Behinderungsbegriff" selbst. Während mit "Behinderung" eine Störung bzw. Beeinträchtigung in wenigstens einem der drei Aspekte der funktionalen Gesundheit gemeint ist, wird die Funktionsfähigkeit als Abwesenheit von Behinderung definiert DIMDI (2002:8). Die dynamische Interaktion zwischen dem Gesundheitsproblem (ICD-10), den persönlichen Dimensionen Körper und Aktivität, der Person-Umwelt-Dimension Partizipation und den Kontextfaktoren präsentiert das bio-psycho-soziale Modell in Abbildung 2 (Lindmeier 2002:419f.). Dieses Verständnis der ICF impliziert den populär allgemein bekannten Imperativ der emanzipierten Behindertenbewegung: "Behindert ist man nicht, behindert wird man" und zeigt den Paradigmenwechsel vom medizinischen zum sozialen Ansatz von Behinderung[45].

Nach Michael F. SCHUNTERMANN (2003a:5) sollte besser der Begriff "Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit" anstelle des Begriffes "Behinderung" verwendet werden, wenn von Behinderung i. S. der ICF gesprochen wird. Dadurch wird die Abgrenzung gegenüber der Definition im deutschen Sozialrecht pointiert:

Eine Behinderung (= Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit) im Sinn der ICF ist das Ergebnis der negativen Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem und ihren Kontextfaktoren auf ihre Funktionsfähigkeit, also auf die Integrität der Funktionen und Strukturen des Organismus oder der Durchführung von Aktivitäten der Person oder auf deren Partizipation an Lebensbereichen (Schuntermann 2001:2).

Die Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit (Behinderung) in der Perspektive der ICF ist kein Zustand, sondern ein Prozess des wechselwirksamen Vorgangs zwischen eingeschränkter Teilhabe und selbstbestimmter Lebensführung oder den Schwierigkeiten in der Daseinsentfaltung. SCHUNTERMANN (1999:342f.) problematisiert dahingehend seinen Zugang zum WHO-Konzept und dem deutschen Sozialrecht; denn "wer über eine Person mit Behinderungen spricht, spricht über Probleme ihrer Daseinsentfaltung vor dem Hintergrund ihrer sozialen und physikalischen Umwelt [...]".

Die ICF stellt Bausteine für den Anwender/Nutzer bereit, um diesen "Prozess" der Funktionsfähigkeit und die Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit zu beschreiben, so dass diese Konzepte als adäquate Grundlage für eine Analyse sozialer Beziehungen behinderter Menschen benutzt werden können (DIMDI 2002:21). Nicht mehr die Individuen werden mit der ICF defizitorientiert klassifiziert, sondern wertneutral die soziale Situation der Individuen!

Trotz aller Bemühungen um den gesellschaftlichen Aspekt, der letztlich historisch gewachsen die sozial-kulturell geprägten Werte- und Normorientierungen enthält, geht es in der WHO-Definition wie auch im deutschen Sozialrecht - und das muss kritisch bemerkt werden - noch immer um die Orientierung an Normen. "Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit" wird als Abweichung vom typischen Zustand definiert, die sich ständig in Richtung "Normalität"[46] und nicht an den (noch) erhaltenen oder vorhandenen Fähigkeiten[47] orientiert. Die körperliche Beschaffenheit entspricht insbesondere bei körperbehinderten Menschen nicht dem antizipierten Erscheinungsbild. Gesellschaftlich herrschende Normen werden von der Mehrheit, den sog. Normalen ausgehandelt und eine gesellschaftliche Lobby entscheidet über die Zugangschancen.

2.2.2.1 Der Mensch als biologisches Wesen

Das Konzept der Körperfunktionen und -strukturen der ICF mit seinen zwei Dimensionen, den physiologischen oder psychologischen Funktionen von Körpersystemen und den Strukturen als Teilen des Körpers, stellt einerseits eine Erweiterung des organbezogenen Ansatzes des ICIDH, andererseits eine persönliche Dimension dar.

Explizit wird im ICF in einer Fußnote auf die Überlappung und auf den Unterschied zwischen der ICD-10 und der ICF, die komplementär zu verstehen sind, hingewiesen.

Schädigungen beziehen sich auf Körperstrukturen und -funktionen, die üblicherweise Teil des ‚Krankheitsprozesses' sind und deshalb auch in der ICD-10 verwendet werden. Gleichwohl verwendet der ICD-10 Schädigungen (als Befunde und Symptome) als Teile einer Konstellation, die eine ‚Krankheit' formt, [...]; während die ICF Schädigungen als gesundheitsbedingte Probleme der Körperfunktionen und -strukturen verwendet (DIMDI 2002:9).

Mit Hilfe der ICD-10 werden "Morbidität und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen" dokumentiert und die Ursachen bestimmter Funktionsstörungen oder Strukturschäden kenntlich gemacht. Die ICF weist dagegen Symptome als Teil der Körperfunktion aus, die nur im Zusammenhang mit den Kategorien der Aktivitäten und der Partizipation genutzt werden können (ebd., S. 17).

In einer empirischen Netzwerkerhebung von körperbehinderten Menschen sollten die ICD-Bereiche, die sich auf die individuellen Körperfunktionen und -strukturen auswirken, allein für informative Zwecke erfragt werden. In Anlehnung an NIEHAUS (1993) sollte eine Fragestellung, ob die Behinderung angeboren ist oder durch Unfall/Krankheit verursacht wurde, zweckdienlich sein, da der Zeitpunkt des Behinderungseintritts vermuten lässt, dass dieser einen wesentlichen Einfluss auf die Netzwerkzusammensetzung hat. Die besondere Belastungssituation einer späterworbenen Behinderung kann ähnlich wie bei der Verwitwungssituation, die HOLLSTEIN (2001:200ff.) zur Darlegung von Grenzen der Nutzungsspielräume analysiert, besondere leistungsfähige Netzwerke erforderlich machen, die durch solche lebenseinschneidenden Ereignisse Veränderungen in der Zusammensetzung relevant werden lassen.

2.2.2.2 Der Mensch als selbstständig handelndes Subjekt

Die Feststellung der Funktionsfähigkeitsstörungen aus rein medizinischer Perspektive der Körperdimension wird mit der hier zu diskutierenden Aktivitätsdimension (activity) verlassen, so dass die Individuen als handelnde Subjekte im Mittelpunkt stehen. Dieses Durchführen einer Aufgabe oder einer Handlung durch Menschen (handelnde Individuen) sind die Voraussetzung jeder Handlungstheorie[48] mit ihrer Beziehung zu Gesellschaft und Umwelt, denn das, was Menschen tun, sind "Handlungen". Damit ist die Verbindung zur wissenschaftstheoretischen Grundlage der individualistischen, zielorientierten Theorie des Handelns von COLEMAN hergestellt[49]. Die Funktionsfähigkeit bzw. deren Einschränkung kann folglich aus individueller (Aktivitätsebene) und gesellschaftlicher (Partizipationsebene) Perspektive diagnostiziert oder beschrieben werden[50].

Die zentralen Eigenschaften menschlichen Daseins sind nach SCHUNTERMANN (1999:346) "zu handeln, aktiv zu sein, zu arbeiten, zu spielen, die Aufgaben und Arbeiten des täglichen Lebens zu erfüllen". "Funktional gesund" ist folglich nach ICF dann eine Person, wenn sie "all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem[51] (im Sinn der ICD-10) erwartet wird". Provokativ stellt er die Frage, wer diese Handlungen feststellt (Schuntermann 2003a:3).

Neben der defizitären Orientierung können auch die ressourcenorientierten Intentionen durch das Aktivitätsbild (Leistungsbild) wahrgenommen werden. Das Aktivitätspotenzial lässt sich mit Hilfe von sozialen und physikalischen Kontextfaktoren fördern.

In der ICF werden sowohl die Lebensbereiche (Domänen) für das personenbezogene Aktivitäts- als auch das sozial determinierte Partizipationskonzept gemeinsam klassifiziert. Zu diesen Domänen gehört - wie der folgenden Tabelle 1 zu entnehmen ist - ein Handlungsspektrum vom elementaren Lernen bis hin zu komplexen sozialen Aufgaben, die die sozialen Beziehungen mit einbeziehen, die nach "eigenen operationalen Regeln" differenziert werden müssen (DIMDI ebd., S. 19).

Tabelle 1: Lebensbereiche des ICF (Quelle: DIMDI 2002:18)

 

Domänen

d1

Lernen und Wissensanwendung

d2

Allgemeine Aufgaben und Anforderungen

d3

Kommunikation

d4

Mobilität

d5

Selbstversorgung

d6

Häusliches Leben

d7

Interpersonelle Interaktion und Beziehungen

d8

Bedeutende Lebensbereiche

d9

Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben

Störungen in der Aktivitätsdimension (activity limitations) treten auf, wenn mindestens eine der drei Voraussetzungen einer Handlung (Performance): Leistungsfähigkeit, Wille und Gelegenheiten beeinträchtigt ist, die SCHUNTERMANN (2003a:10ff.) in einem Grundmodell der Handlungstheorie explizit ausführt. In Kapitel 4.2 dieser Arbeit werden diese Handlungsvoraussetzungen mit den Elementen der zielorientierten Handlungstheorie von COLEMAN auf behinderte Menschen bezogen.

2.2.2.3 Der Mensch als Subjekt in Gesellschaft und Umwelt

Der gesamte Lebenshintergrund soll mit dem Personen-Umwelt-Konzept der Partizipation an allen Lebensbereichen[52] berücksichtigt werden. Partizipation ist mit Einbezogensein in eine Lebenssituation und Ergebnis der Wechselwirkung aller ICF-Dimensionen definiert[53]. Anstelle der Leistungsorientierung im Aktivitätskonzept geht es um die Daseinsentfaltung einer Person und damit auch Selbstbestimmung in den verschiedenen Lebensbereichen, die im Kontext ihrer sozialen und physikalischen Umwelt bestimmt wird (Schuntermann 1999:347).

Diesbezügliche Fragen betreffen zum einen die Eingliederung, das Einbezogensein, die Teilnahme, die Beteiligung, den Zugang , Möglichkeiten zur Daseinsentfaltung zu haben, selbstbestimmt zu handeln, Wertschätzung und Anerkennung zu finden, sowie zum anderen Feststellungen darüber, welche Umweltfaktoren die Teilhabe beeinträchtigen bzw. verhindern (Barrieren) und welche Umweltfaktoren die Teilhabe trotz des gesundheitlichen Problems ermöglichen oder erleichtern (Förderfaktoren) (Schuntermann 2003b:55).

Das Partizipationskonzept der ICF wird gemäß SCHUNTERMANN (2003a:12f.) zunächst nur als "Leistung einer Person unter ihren gegenwärtigen Umweltbedingungen" operationalisiert und noch nicht im eben zitierten Sinn, worin o. g. Autor erheblichen Forschungsbedarf sieht. Beeinträchtigungen der Partizipation sind folglich "Probleme, die ein Mensch beim Einbezogensein in eine Lebenssituation" hat (DIMDI 2002:14). Der Intention dieser Arbeit folgend, soll die Partizipationsdimension im Sinne des Einbezogenseins in eine Lebenssituation, speziell in den ICF-Lebensbereich (d7) "Interpersonale Interaktion und Beziehungen"[54] eingeordnet verstanden sein und damit als soziale Partizipation operationalisiert werden können.

Dieses Kapitel befasst sich mit der Ausführung von Handlungen und Aufgaben, die für die elementaren und komplexen Interaktionen mit Menschen (Fremden, Freunden, Verwandten, Familienmitgliedern und Liebespartnern) in einer kontextuell und sozial angemessenen Weise erforderlich sind (ebd., S. 100).

In Anlehnung an PETERMANN (2002:70ff.), der die Auswirkung von sozialstrukturellen Gelegenheiten (Gelegenheitshypothesen) und individuellen Restriktionen auf die strukturellen Merkmale wie Größe, Dichte und Zusammensetzung aus überwiegend primären (Familie und Verwandtschaft) oder sekundären Kontexten (Freunde und Arbeitskollegen) mit drei Modellen informeller sozialer Netzwerke untersucht, folgt eine weitere Beispielkonstellation von Seite 42 zur Veranschaulichung der begünstigenden oder restriktiven Wirkung des individuellen Personenmerkmals "Behinderung" auf das soziale Netzwerk:

Aufgrund struktureller Nachlässigkeiten der baulichen Beschaffenheit (Ebene der physikalischen Umweltfaktoren) kann die Person mit dem Rollstuhl im öffentlichen Personennahverkehr (Mobilität - ICF-Kode d4) nicht "mit anderen Kontakte aufnehmen" bzw. pflegen (Aktivitätsebene - ICF-Kode d7) und wird somit in der Wahl ihrer Netzwerkmitglieder (Partizipationsebene) eingeschränkt.

Der hier vorgeführte Kontextfaktor Infrastruktur i. S. der ICF als "basaler Struktureffekt" kann insbesondere mobilitätsbehinderte Menschen in der Partizipation an sozialen Beziehungen einschränken. Beispielsweise kann es dazu führen, dass das Interesse an gegenseitigen Privatbesuchen durch infrastrukturelle Restriktionen nicht umgesetzt werden kann. Somit besitzt das Netzwerkmitglied allein aus diesem Aspekt heraus unintendiert mehr soziale Kontrolle über die Situation[55]. Dieser Indikator der Besuchshäufigkeit für die Intensität von Beziehungen beweist das dringende Erfordernis, in einer empirischen Erhebung von sozialen Netzwerken einen behindertenspezifischen Fragebogenteil zu entwerfen, da die existierenden, validierten Items zu Verzerrungen führen können.

BECKs Individualisierungsthese, nach der sich die Individuen aufgrund von Freisetzungsprozessen aus traditionalen Bindungen loslösen und frei nach Interessen und Wertevorstellungen ein Netzwerk aus Wahlverwandtschaften aufbauen, wäre in diesem hypothetischen Fallbeispiel hinfällig[56]. So wie PETERMANN (2002) die städtische Siedlungsstruktur als einschränkenden Einflussfaktor auf die strukturellen Merkmale des persönlichen Netzwerkes belegt, wirken die infrastrukturellen Umweltfaktoren auf die Partizipation behinderter Menschen an sozialen Beziehungen:

Die rollstuhlfahrende Person benötigt zur gleichberechtigten Partizipation soziale Unterstützung im Lebensbereich der "Mobilität", so dass sich ihr soziales Netz verändert. Sie lernt über die Unterstützungsperson andere Menschen kennen oder wird durch sie darin eingeschränkt. Die Beziehung zur Unterstützungsperson selbst, die zunächst instrumentelle, oft sehr intime Unterstützung leistet, kann sich mit der Kontakthäufigkeit ändern und ein enges Netzwerkmitglied werden.

Die behinderungsbedingte Immobilität behinderter Menschen zwingt sie einerseits, ihre Netzwerkmitglieder vorwiegend in der räumlichen Nähe zu suchen bzw. ihre sozialen Kontakte bevorzugt über die modernen Kommunikationsmittel wie das Internet aufzubauen und zu pflegen. Andererseits können durch behinderungsbedingten Unterstützungsbedarf neue, stabile Netzwerkbeziehungen entstehen, die sonst nicht aufgebaut werden würden.

2.2.3 Persönliche und außerpersönliche Ressourcen oder Barrieren

Das Partizipationskonzept einerseits und soziale sowie physische Umweltfaktoren andererseits implizieren einen Paradigmenwechsel[57] von einer medizinischen-individualisierten zu einer sozial-integrativen Perspektive in Behindertenpädagogik und -politik und der Sozialmedizin. Menschen mit Behinderungen benötigen neben den persönlichen Hilfen zur Verbesserung der sozialen und physikalischen Umwelt auch politische Hilfen zur gleichberechtigten Partizipation in allen Lebensbereichen.

Es gibt vermutlich mehr Probleme bei der Daseinsentfaltung, als es Menschen gibt. [...] Aber: Viele Menschen werden allein z. B. aus Gründen ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer politischen Ansichten von der Teilhabe an Lebensbereichen (z. B. Bildung, Erwerbsleben, staatsbürgerliches Leben) ausgeschlossen oder in ihnen diskriminiert, so dass sie ihr Leben nicht ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend gestalten können. In diesen Fällen sind ganze Personengruppen betroffen. Sie benötigen im Grundsatz weniger persönliche, sondern vor allem politische Hilfe [...] (Schuntermann 1999:343).

Die Kontextfaktoren der ICF als Summe der sozialen und physikalischen Umwelt- und persönlichen Faktoren stellen die WHO-Erklärungsansätze der dualistischen Unterscheidung gesund - krank resp. behindert - unbehindert in ein neues, personen- und gesellschaftszentriertes Licht und ermöglichen damit auch eine bessere soziologische Bestimmung von Behinderung als die alte WHO-Klassifikation ICIDH.

Die personenbezogenen Faktoren oder besser, dem Kontext der ressourcenbasierenden Handlungstheorie folgend, ‚persönlichen Ressourcen'[58] umfassen die Merkmale der Persönlichkeitsstruktur des Individuums wie Erwartungen, Erfahrungen, Neigung, Begabung, Lebensstil, Charakter, Bewältigungsstil etc. und alle soziodemographischen Merkmale (Schuntermann 1999:348, Fußnote 6). Auf diese persönlichen Ressourcen geht die ICF nicht näher ein, sie sind auch nicht klassifiziert. Ihre Relevanz für die Wahrnehmung des eigenen Körpers, dessen Funktionen und Strukturen, welche ebenfalls Merkmale des menschlichen Körpers sind, sowie für den Umgang mit der eigenen Behinderung/Krankheit (Copingstil) und nicht zuletzt für die soziale Netzwerkgenerierung und -aufrechterhaltung darf nicht unterschätzt werden. Ulrich OTTO (2002:18ff.) verdeutlicht z. B. in seinem Aufsatz "Vom Hilfegeben und Hilfenehmen" die personenzentrierten Variablen der Empfängerseite, die für "das Zustandekommen und den Verlauf eines Supportgeschehens" zu berücksichtigen sind.

Für eine soziale Netzwerkerhebung sind trotz struktureller Dominanz der Beziehungen ebenso die personenseitigen Merkmale als Human- und Finanzressourcen in Anlehnung an PETERMANN (2002) und der dieser Arbeit zugrunde gelegten COLEMANschen Kapitallogik folgend zu quantifizieren.

Entgegen denpersonenbezogenen Faktoren sind die "sozialen und physikalischen Umweltfaktoren" in der ICF klassifiziert, wie der Tabelle 2 zu entnehmen ist. Aus der Ressourcenperspektive heraus werden sie NIEHAUS (2001) entsprechend nachfolgend ‚außerpersönliche Ressourcen' genannt. Sie bilden die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt ab, in der Menschen leben und ihr Dasein entfalten, wodurch insbesondere die hier zu diskutierenden sozialen Netzwerke bedeutende außerpersönliche Ressourcen i. S. des Sozialkapitalansatzes darstellen (Schuntermann 2003a:4). Im Folgenden sind die Klassifikationen dieser außerpersönlichen Umweltfaktoren aufgeführt, denen jeweils entsprechende Items bei DIMDI (2002:108ff.) zugeordnet sind, die dann in entsprechende Fragestellungen einbezogen werden sollten.

Tabelle 2: Umweltfaktoren nach ICF klassifiziert (Quelle: DIMDI 2002:36ff., zusammengefasst)

Kapitel im ICF

außerpersönliche Umweltfaktoren

1

Produkte und Technologien

2

Natürliche und vom Menschen veränderte Umwelt[a]

3

Unterstützung und Beziehungen

4

Einstellungen

5

Dienste, Systeme und Handlungsstrukturen

[a] COLEMAN (1995b:426) bezeichnet diese veränderte Umwelt mit "konstruierter Umwelt".

Die Realisierung des individuellen Aktivitätspotenzials einer Person, d. h. nach SCHUNTERMANN (1999:348) also die "Gesamtheit dessen, was die Person tatsächlich zu tun in der Lage ist, unabhängig von ihren realen Lebensbedingungen" sowie das Erlangen der Partizipation in dem sie interessierenden Lebensbereich hängt i. W. von der Wirkung der Kontextfaktoren ab.

Die außerpersönlichen Ressourcen (Umweltfaktoren) können sowohl einschränkenden als auch fördernden Einfluss haben (Barrieren und Förderfaktoren), wie bereits mit der Fallbeispielkonstruktion auf Seite 49 zur Partizipation auf gesellschaftlicher Ebene plastisch dargestellt wurde. Dies zeigt zugleich die enge Wechselwirkung zwischen der individuenzentrierten und umweltzentrierten Perspektive des Behinderungsbegriffes der ICF und damit dessen Mehrdimensionalität. Mit Kontextfaktoren der physikalischen und sozialen Umwelt können gesellschaftliche und persönliche Rahmenbedingungen geboten werden, um die personenzentrierte Dimension des Aktivitätspotenzials zu erhöhen (Netzwerkintervention). Dem konstruierten Fallbeispiel von Seite #Beispiel_Start42 folgend, könnte eine positive Einflussnahme von sozialen Umweltfaktoren so aussehen:

Der kommunikationseingeschränkten Person kann durch eine gesetzliche Regelung einer Finanzierung von persönlicher Assistenz (ICF-Kode e340), die ihre Lautsprache versteht, die alltägliche oder gar berufliche Interaktion ermöglicht werden. Dadurch ist es der behinderten Person möglich, mit neuen potenziellen Netzwerkmitgliedern außerhalb des Kreises ihrer vertrauten Angehörigen, die ihre Sprechweise verstehen, eine soziale Beziehung aufzubauen.

Umweltfaktoren in Form von Barrieren verschlechtern oder zerstören bzw. in Form von Förderfaktoren verbessern die Partizipation an Lebensbereichen des menschlichen Daseins und im Kontext ökonomisch determinierter sozialer Beziehungen die sozialen Ressourcen bzw. das COLEMANsche soziale Kapital der Akteure. Eine Verbesserung der Partizipation erfolgt nach DIMDI (ebd., S. 11) durch die

Beseitigung oder Verringerung von gesellschaftsbedingten Hindernissen sowie durch Schaffung oder Verbesserung der sozialen Unterstützung und anderer, die Teilnahme oder Partizipation [Teilhabe] in Lebensbereichen fördernder, unterstützender oder erleichternder Faktoren.

Ohne die Bereitstellung einer personellen Assistenz als sozialen Umweltfaktor (außerpersönliche Ressource), die gleichzeitig je nach Anstellung zum informellen Netzwerk der behinderten Person gehört, und die netzwerkanalytisch als "weak ties" (Granovetter 1973) eine Brückenfunktion übernimmt, kann das Aktionspotenzial "Kommunikation" (ICF-Kapitel d3)[59] nicht ausgeschöpft werden. Somit ist letztendlich eine ‚wirksame Partizipation'[60] am Lebensbereich "Interaktion und soziale Beziehung" nicht möglich.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass mit dem Konzept der außerpersönlichen Ressourcen (soziale und physikalische Umweltfaktoren) die strukturellen Merkmale (Unterstützungsquelle, Anzahl, Entfernung) der sozialen Netzwerke behinderter Menschen operationalisiert werden. Wie der Tabelle 2 zu entnehmen ist, eignen sich für die soziale Netzwerkerhebung die Kapitel "Unterstützung und Beziehung" und die "Einstellungen" der Netzwerkmitglieder als zu klassifizierende Kontextfaktoren.

2.3 Gesetzliche Dimension von Behinderung im SGB IX

Ziel der Sozialtheorie von COLEMAN (1995a:6) ist es, nach Möglichkeiten zu suchen, Systemverhalten durch Eingriffe wie z. B. Gesetzesänderungen zu verändern. Gesetzgebungen der Systemebene durch reziprozitätssteigernde Ressourcenvergabe können in Anlehnung an COLEMAN 1995b:252ff.) die sozialen Einbindungen behinderter Menschen verbessern bzw. erst ermöglichen, was mit dem Makro-Mikro-Makro-Modell in Kapitel 4.1 verdeutlicht wird. Stellvertretend für die gesetzliche Interventionsmöglichkeit soll nachfolgend das neue Sozialgesetzbuch - Neuntes Buch zur "Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen" (SGB IX) - herangezogen werden, das mit seinen Leistungsgesetzen die Selbstbestimmung und gleichberechtigte Partizipation am Leben in der Gemeinschaft fördert, Benachteiligungen vermeidet oder ihnen entgegenwirken soll, auch wenn noch Unzulänglichkeiten bestehen. Der anspruchsberechtigte Personenkreis für Leistungen gesetzlicher Sozialversicherungen und anderer öffentlicher Sozialleistungsträger muss bei aller Vielschichtigkeit und Individualität klar abgegrenzt werden.

Die deutsche Umsetzung der ICF mit personenzentrierten und gesellschaftlichen Ansätzen zum Umgang mit Behinderung findet im SGB IX Niederschlag (Schuntermann 2001:2). Das SGB IX umfasst sowohl das Rehabilitations- als auch das Schwerbehindertenrecht[61] und trat 2001 in Kraft. Es soll Transparenz und Effizienz schaffen, Selbstbestimmung und Teilhabe anstelle von Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen ermöglichen, was explizit im Paragraphen 1 festgeschrieben ist. Wie die bidirektionalen Pfeile im bio-psycho-sozialen Modell[62] andeuten, kann ermöglichende Partizipation an gesellschaftlichen Lebensbereichen ebenso auf die Kontextfaktoren zurückwirken. Insofern waren Behindertenorganisationen maßgeblich am neuen Gesetz zur sozialen Perspektive beteiligt. Starke Mitsprache und Einmischung der Behindertenemanzipationsbewegung i. S. der Partizipation der Betroffenen in Gremien als "Teilhabe an Planungs- und Politikverfahren"[63] fand beispielsweise durch verbesserte räumliche Mobilität statt. Der Wechsel von den bis dahin geltenden medizinisch-defizitären Behinderungsdefinitionen im deutschen Sozialrecht findet mit dem Bezug zur Partizipation vom Gesetzgeber im SGB IX wie auch im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)[64] Berücksichtigung, so dass in beiden Gesetzen Menschen als behindert gelten:

wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist (SGB IX, §2,1; BGG § 3).

Perspektivisch gesehen geht m. E. die Entwicklung trotz Unzulänglichkeiten und Kritiken an dem SGB IX in die richtige Richtung, wenn man bedenkt, dass erst Mitte der 1990er Jahre der Begriff "Wartung" aus dem Bundessozialhilfegesetz (§§ 68, 69 BSHG: Hilfe zur Pflege) gestrichen wurde.

Der "Gesetzgeber" war zwar bemüht, behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, jedoch bleibt das SGB IX i. W. rehabilitationsorientiert und verfehlt den vollen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik. Der Normalisierungsprozess durch den Rechtsanspruch auf staatliche Fürsorgeleistungen, die hier zwar nicht zu gering zu bewerten sind, soll weiterhin durch Anpassung der behinderten Person gelingen, anstatt die Umweltfaktoren zu verändern, wie in der ICF gefordert wird. Das SGB IX trägt inkonsequent zur Integration behinderter Menschen an der Bürgergesellschaft bei, so ist es beispielsweise überwiegend an einer beruflichen Integration bzw. Teilhabe am Arbeitsleben orientiert, was den Werten derjenigen Menschen entspricht, die letztlich die Zugangschancen diktieren.

Es gibt es nach wie vor keinen Anspruch auf Inklusion und auf strukturelle Anpassung der Umgebung an die individuellen gesundheitlichen Bedürfnisse. Es sind nur kompensatorische Hilfen als Nachteilsausgleich angedacht (Pöld-Krämer 2002:4). Im Zusammenhang mit der austauschtheoretischen Grundlage dieser Arbeit bedeutet eine Kann-Leistung folgendes:

Wer über ein familiales, meist dichtes soziales Netzwerk verfügt, in dem entsprechendes Finanzkapital zirkuliert, muss sich in seiner Angewiesenheit diesem Unterstützungspotenzial unterordnen, wie in Kapitel 4.3.3 deutlich wird. Es sei denn, das unterstützungserhaltende Familienmitglied ist selbst im Besitz von Finanzressourcen und nicht auf Assistenzfinanzierung durch die Behörden (Sozialamt) angewiesen. Oder die betroffene Person hat die psychosozialen Voraussetzungen wie soziale Kompetenzen und Attraktivitäten, mit denen sie ein soziales Netz aufbauen und aufrecht erhalten kann, so dass sie durch reziproke Beziehungsstrukturen ihren alltäglichen Unterstützungsbedarf befriedigen kann. Das entspräche einem sozialen Netzwerk unbehinderter Menschen mit den Unsicherheiten, wie sie in Kapitel 1.2.3.3 oder 4.4.1 veranschaulicht wurden und werden.

2.4 Arbeitsdefinition‚ressourcenmobilisierende Akteure' und Analyse-Ebenen von Behinderung

Aufgrund des in dieser Arbeit verfolgten Ziels, die Thematik der reziproken Beziehungsstrukturen in sozialen Netzwerken auf der wissenschaftstheoretischen Grundlage des Sozialkapital-Konzeptes von COLEMAN (1995a) und seiner inhärenten austauschtheoretischen Annahmen erkenntnistheoretisch aufzuarbeiten, sollen die sozialen Beziehungen in Bezug auf Symmetrie und Wechselseitigkeit der sog. schwerbehinderten Menschen diskutiert werden. Die Untersuchungseinheit sind körperbehinderte Erwachsene mit manifestem Bedarf an sozialer Unterstützung (Otto 2002:20), die im Zusammenhang mit austauschtheoretischen Erwägungen besser als ‚ressourcenmobilisierende Akteure' bezeichnet werden sollen.

Der Begriff "schwerbehindert" ist für den zu analysierenden Personenkreis ungeeignet, da er in der amtlichen Statistik und in sozialrechtlichen Gesetzesregelungen fest institutionalisiert und damit inhaltlich belegt ist. Der Umfang dieses Personenkreises ist eine Unterschätzung aufgrund struktureller und individueller Verzerrungen[65]. Menschen sind i. S. des bundesdeutschen Gesetzes "schwerbehindert", wenn sie einen sog. Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 haben, der als Maß für die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen der Funktionsbeeinträchtigungen fungiert (§2 SGB IX). Die Komplexität und Vielschichtigkeit von Behindertsein und dem daraus resultierenden personellen Unterstützungsbedarf wird allein an dem Beispiel deutlich, dass eine Person mit fehlender Niere genauso mit einem GdB von 100 eingestuft wird wie ein schwerstmehrfachbehinderter Mensch.

Jeglicher Versuch, den Behinderungsbegriff nach Schweregraden quantitativ zu differenzieren, muss fehlschlagen, da der subjektive Leidensdruck vom amtlich bescheinigten Grad abweicht. Die Angaben zum GdB beruhen auf Formalismus mit dem Ziel einer auf Gleichheit basierenden gerechten Verteilung von Ressourcen.

Um eine Größenvorstellung zu erhalten, soll die Zahl für 2001 stehen, nach der in Deutschland ungefähr acht Prozent der Bevölkerung als "schwerbehindert" (6,7 Millionen Menschen)[66] galten. Für die weitere austausch- und netzwerktheoretische Diskussion mit Empfehlungen für eine empirische Analyse sollen weitere Ausschlusskriterien für die Untersuchungseinheiten festgelegt werden, um aus diesem heterogenen Personenkreis der amtlich definierten "schwerbehinderten Menschen" eine kleinere Untergruppe, die behinderungsspezifische soziale Unterstützungen erhält, herauszufinden.

Um der Frage nachzugehen, ob und wie die Reziprozitätsnorm in sozialen Beziehungsnetzen von Menschen mit ausgeprägten körperlichen Aktivitätseinschränkungen erwartet und ihr entsprochen wird, sollen nur die Personen gewählt werden, die einem GdB von 100 entsprechen. Zahlenmäßig sind dies ca. 2,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland (1,7 Millionen Menschen)[67].

Aufgrund einer noch vorhandenen großen Variationsbreite dieses Personenkreises in Bezug auf die alltägliche instrumentelle Unterstützung sollte die gedachte Schnittmenge weiter in körperbehinderte Erwachsene mit einer amtlich anerkannten Pflegestufe des PflegeVG bzw. körperbehinderte Erwachsene, die "Hilfe zur Pflege" (§§ 68, 69 BSHG) oder Eingliederungshilfe (§ 39ff. BSHG) erhalten, eingegrenzt werden. Mit diesen Auswahlkriterien wird sichergestellt, dass eine Behinderung vorliegt, die sich auf die sozialen Unterstützungspotenziale auswirken kann, da dauerhaft Hilfe beansprucht wird.

Es soll die Begrifflichkeit ‚ressourcenmobilisierender Akteur' entsprechend der COLEMANschen Ressourcenlogik und Terminologie sowie in Anlehnung an PETERMANN (2002:47)[68] für körperbehinderte und manifest unterstützungserhaltende Erwachsene in weiteren austauschtheoretischen Kontexten verwendet werden. ‚Ressourcenmobilisierende Akteure' sind darauf angewiesen, aktiv soziale Ressourcen (soziales Kapital) für die Ausführung von bestimmten Aktivitäten (Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung, häusliches Leben) zu mobilisieren. Dafür ist der Zugang zum sozialen Kapital notwendig, der austauschtheoretisch mit der Wechselseitigkeit von Geben und Nehmen geschaffen wird.

Körperbehinderung soll hier nach Hans STADLER (2003:3) definiert werden:

Körperbehinderung ist ein Sammelbegriff für die vielfältigen Erscheinungsformen und Schweregrade körperlicher Beeinträchtigungen, die sich aus Schädigungen des Stütz- und Bewegungsapparates und aus anderen inneren oder äußeren Schädigungen des Körpers und seinen Funktionen ergeben. Während die Leistungsfähigkeit der Körpermotorik in der Regel beeinträchtigt ist, entsprechen die individuellen Ausprägungen der Kognition und Emotion der Vielfalt menschlicher Leistungs- und Verhaltensweisen.

Rückgreifend auf die ICF-Komponenten wird - wie aus Abbildung 3 ersichtlich - Körperbehinderung im bio-psycho-sozialen Ansatz als Schädigung der physiologischen Körperfunktionen und/oder -strukturen aufgrund einer Gesundheitsbeeinträchtigung (ICD-10), Beeinträchtigung der funktionalen Gesundheit (disability) in allen drei Dimensionen definiert, wobei sich trotz aller denkbaren Konstellationen von Umweltfaktoren das Gesundheitsproblem (ICD-10) nicht ändert. Aus der ICF-Klassifizierung individueller Situationen von Personen wurde die Komponente der ‚Aktivität und Partizipation' - entgegen der ICF - einzeln aufgeführt. Damit kann dem netzwerkanalytisch-methodischen Ziel Rechnung getragen werden, um mit den Aktivitätseinschränkungen die Behinderungen der Ausgangsprobanden zur Netzwerkerhebung jenseits von alleinigem GdB und Diagnose zu operationalisieren und gleichzeitig für einen behindertenspezifischen Fragebogenteil über behinderungsbedingten instrumentellen und emotionalen Bedarf die zusätzlichen Netzwerkgeneratoren zu erzeugen.

Zusammenfassend soll der Operationalisierungsvorschlag in Abbildung 3 dargestellt werden. Die sichtbare Nähe zum MMM-Modell von COLEMAN, das im Exkurs erklärt wird, ist absichtsvoll für den Zusammenhang zwischen den sozialstaatlichen Gesetzgebungen hinsichtlich netzwerkfördernder Kontextfaktoren wie z. B. finanzielle Ressourcenerweiterung durch die öffentliche Hand (BSHG, SGB IX) oder fördernde Maßnahmen für Bildung und Beruf (Humankapitalerhöhung) gewählt. Diese Intervention wirkt sich auf die Partizipation am Lebensbereich "Interaktion und Beziehung" (ICF-Kapitel 7) aus. Dadurch wird der Aktivitätsstatus vergrößert, was sich auf andere Partizipationen in gemeinschaftlichen Lebensbereichen auswirkt.

Abbildung 3: Analyseebenen von Behinderung gemäß ICF



[30] CLOERKES (1997:3) definiert die "Soziologie der Behinderten" nicht als "bloße Beschreibung" der Lebenswirklichkeiten von Menschen mit Behinderungen, sondern als notwendige kritische Bewertung dieser Realität.

[31] Die nun auch in Deutschland geführte Debatte im Rahmen der Disability Studies versucht interdisziplinär, einen Diskurs aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Sichtweise zu etablieren, um das Phänomen ‚Behinderung' aus der medizinisch-pädagogischen Ecke als soziale Konstruktion zu begreifen.

[32] Wie Kapitel 2.2 zu entnehmen ist, kann Hoffnung in die aktuelle zweite Version der WHO-Dimensionen von ‚Behinderung' gesetzt werden, denn sie stellt eine gute Grundlage für die Entwicklung der Theorie der Behinderung dar (vgl. Schuntermann 1998:3, 1999:350).

[33] Vgl. Cloerkes (1997:6); Goebel (2002:9)

[34] 1948 gegründetes Organ der Vereinten Nationen aus über 150 Mitgliedstaaten, deren Ziel die weltweite Anhebung der Gesundheitsstandards ist.

[35] deutsch: "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (WHO 2001)" - Die ICF ist die Nachfolgerin der ICIDH (WHO 1980).

[36] deutsch: "Internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (ICIDH)" von 1980.

[37] Vgl. Lindmeier (2003:10, Abbildung)

[38] Siehe Exkurs in Kapitel 2.2.1

[39] deutsch: "Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme", 10. Revision, Version 1.3, URL: http://www.vdr.de [Stand: 20.07.03]. In der BRD ist sie seit 01.01.2000 per Bundesgesetz in Kraft getreten (Vgl. Ewert 2002).

[40] Vgl. Bendel (1999:301ff.), Dettmering (1999:180) und Rommelspacher (1999:10, 33)

[41] DIMDI (2002:101ff.)

[42] Siehe Fußnote 57

[43] Vgl. Bleidick (1999:25-66)

[44] Vgl. Niehaus (2001:738); Litvak & Enders (2000:711); Cloerkes (1997:9f.)

[45] Vgl. Exkurs, Kapitel 2.2.1

[46] Im Gegensatz dazu ist das Leitprinzip der Geistigbehindertenpädagogik als das "Normalisierungsprinzip" zu verstehen mit der Forderung, allen Menschen unabhängig von Gesellschaftssystem, Alter und Behinderung alltägliche Lebensbedingungen zu schaffen, die den gewohnten Verhältnissen und Lebensumständen ihrer Kultur entsprechen, um somit ihre spezifisch menschlichen Möglichkeiten verwirklichen zu können (Vgl. Nirje 1994).

[47] Siehe Schuntermann (1999:359); Bintig (1999:489)

[48] z. B. Handlungstheorien von Max Weber, George Herbert Mead, Erving Goffman, Jürgen Habermas

[49] Siehe Kapitel 4

[50] Siehe Abbildung 2

[51] "health condition" i. O.

[52] Siehe Tabelle 1

[53] Siehe Abbildung 2

[54] ICF-Kode d710-d799; Vgl. DIMDI 2002:100ff. und siehe Tabelle 1

[55] Vgl. Hollstein (2001:162)

[56] Vgl. hierzu die Netzwerkstudie von PETERMANN (2002), der die städtische Siedlungsstruktur als einschränkenden Einflussfaktor auf die strukturellen Merkmale des persönlichen Netzwerkes empirisch belegt.

[57] Nach CLOERKES (1997:9) ist ein Paradigma "ein theoretischer Ansatz, eine wissenschaftliche Sichtweise, oder - etwas ausführlicher - eine Theorie, die genügend Anhänger hat, gleichzeitig jedoch noch offen genug ist, um neue Problemlösungen zu finden".

[58] Vgl. Niehaus (2001)

[59] Siehe Tabelle 1

[60] Siehe Kapitel 4.4.3

[61] ehemaliges Schwerbehindertengesetz (SchwbG) von 1986

[62] Siehe Abbildung 2

[63] Vgl. Wacker (1995:85)

[64] Mit dem "Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen - Behindertengleichstellungsgesetz" (BGG) wurde die neue Verfassungsnorm des § 3,3 im Grundgesetz in eine Gesetzesform einer barrierefreien Gesellschaft wiederum vom Vertretern verschiedener Behindertenorganisationen ausgearbeitet und eingefordert, das im Mai 2002 rechtskräftig wurde. Entsprechend soll Barrierefreiheit in Zukunft festgeschrieben sein (Vgl. http://www.bma.bund.de).

[65] Freiwilligkeit der Beantragung von Schwerbehinderung mit amtlichem Ausweis; Anhaltspunkte für ärztliche Gutachtertätigkeit gehen vom medizinischen Konzept der Behinderung aus; Grundlage ist das Berufs- und Erwerbstätigkeitskonzept (Vgl. Bintig 1999:491ff., Niehaus 2001:741).

[66] Statistisches Bundesamt, URL: http://www.destatis.de/basis/d/solei/soleitab11.htm [Stand: 1.05.03]

[67] Siehe Fußnote 67, Seite 55

[68] PETERMANN (2002) verwendet in seiner egozentrierten Netzwerkanalyse zum Einfluss von Netzwerkparametern der sozialen Netzwerkstruktur (hinreichende Bedingung) auf die Effizienz sozialer Netzwerke den Begriff des ‚ressourcenbeziehenden Akteurs'. Darin steckt wieder eine angenommene Einseitigkeit der Austauschbeziehungen, weshalb dies nicht 1:1 übernommen werden kann.

3 Reziprozität als qualitative Voraussetzung von Austauschbeziehungen

"Wer immer nur nimmt und niemals gibt, verliert die Liebe des Freundes." (Französisches Sprichwort des 16. Jh.)

3.1 Reziprozitätserwartungen in Abhängigkeit von Zeit und Beziehungsform

Laut herrschendem Konsens in der sozialen Unterstützungsforschung[69] reicht es nicht aus, soziale Integration bzw. Partizipation anhand struktureller Merkmale zu quantifizieren. Zusätzlich kommt es darauf an, inhaltliche bzw. qualitative Aspekte der Beziehungsstrukturen aufzudecken. Speziell unter dem Fokus dieser Arbeit sollen Symmetrie und Reziprozität zwischen ressourcenmobilisierenden Akteuren und ihren Netzwerkpersonen analysiert werden, deren Variabilität als Ursache unterschiedlicher Partizipationsformen auf individueller Netzwerkebene und in anderen Lebensbereichen angenommen wird.

Einerseits kennt jeder die Situation, dass Beziehungen zu Bekannten oder auch guten Freunden abgebrochen werden, wenn über längere Zeit keine Gegenleistung erfahren wird. "Immer muss ich mich melden" heißt die übliche Beschwerde. Dass eigentlich der andere an der Reihe wäre, die Beziehung zu pflegen, wird zur Legitimation des Abbruchs nicht balancierter Beziehungen. Anhand dieser alltäglichen Erfahrung ist auf die spezifische Situation ressourcenmobilisierender Akteure mit dem Beispiel gegenseitiger Privatbesuche auf Seite 49 zu erinnern. Andererseits werden anonyme Wohltaten von Menschen geleistet, wie z. B. eine Spende für die Lotterie "Aktion Mensch", ohne je einen Gedanken über einen adäquaten Ausgleich dafür zu verlieren. Selbst eine spontane Hilfe kann der Beginn einer guten Freundschaft sein, die aufgrund von gegenseitigen Unterstützungsleistungen langfristig gefestigt wird (Stegbauer 2002:9).

Damit wird das entscheidende Kriterium sozialer Beziehungen deutlich, nämlich die soziale Sequenz einer Reihe von wechselseitigen Austauschprozessen mit den inhärenten Abhängigkeiten. Nur die Dauerhaftigkeit einer Beziehung garantiert die "Ausgeglichenheit von Gegenseitigkeits- und Vertrauensvorschusspostulat", schreibt DEDERICHS (1999:51). Diese Interdependenzbeziehungen bewirken nach COLEMAN die sozialen Gebilde bzw. die sozialen Strukturen, so dass er balancierte Reziprozität in seiner nutzenmaximierenden Handlungstheorie voraussetzt. Das individuelle Interesse bringt Tauschpartner zusammen und stellt Beziehungen ganz i. S. COLEMANs her, denn: "Geben und Nehmen sind so fundamental in unser aller Leben integriert, dass man durchaus davon sprechen kann, dass es sich um das Soziale überhaupt handelt" (Stegbauer 2002:14).

DIEWALD (1991:117ff.) analysiert die Reziprozitätsnorm als Handlungsprinzip sozialer Austauschbeziehungen, um dauerhafte und ressourcenintensive soziale Netzwerke für situationsgebundene, soziale Bedürfnisse (Direkteffekt-These)[70] oder für latente wahrgenommene Belastungen (Puffereffekt-These)[71] aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

Neben den strukturellen Merkmalen sozialer Netzwerke wie z. B. Dichte, Kontakthäufigkeit sowie soziale und räumliche Distanz bezieht sich DIEWALD (ebd.) ausführlich auf die Reziprozität. Diese bewirkt die "Aufrechterhaltung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl" und die "Vermittlung von sozialer Anerkennung", was zugleich als Intention der vorliegenden Arbeit gedient hat. Das begründet das menschliche Bestreben, in wechselseitigen Beziehungsstrukturen leben zu wollen, um nicht in der Schuld (indebtedness) anderer stehen zu müssen. Schuldgefühle können zur Nichtakzeptanz der Unterstützungsvorteile führen, weshalb der notwendige Hilfebedarf oft nicht ausgesprochen wird (ebd., S. 103). Ebenso postuliert Frank NESTMANN (1988:87) in seinem Überblickswerk zu sozialen Unterstützungstheorien und -forschungen, dass soziale Unterstützungen im Alltag auf sofortigen oder potenziellen Gegenseitigkeiten basieren. Daher wird Gegenseitigkeit bei einem Grundbestreben, nicht reziproke Beziehungsverhältnisse zu vermeiden, sehr schnell zum entscheidenden Belastungsfaktor. Die Gefahr fehlender sozialer Anerkennung solcher nicht reziproken Beziehungen muss insbesondere für ressourcenmobilisierende Akteure berücksichtigt werden, da sie solche einseitigen Verpflichtungen i. S. COLEMANs nicht vermeiden können. Mit DIEWALD (1991:103) lässt sich sagen:

Nicht reziproke Beziehungen können den Glauben an die eigene Kompetenz unterminieren und das Gefühl hervorrufen, daß man als Person nichts zu bieten hat und für seine soziale Umgebung nur eine Last darstellt.

Er definiert Reziprozität als Handlungsprinzip wie folgt und bezieht sich hierbei auf einen der früheren individualistischen Austauschtheoretiker, Alvin W. GOULDNER (1960, zit. nach Diewald 1991:117):

Mit ‚Reziprozität' bezeichnet man wechselseitige Austauschleistungen zwischen Individuen oder Gruppen (Gouldner 1960:163), wobei sowohl gegenständliche Güter und Dienstleistungen als auch die Vermittlung von Bewußtseins- und Gefühlszuständen in die Bewertung der Reziprozität mit einfließen können.

Die antizipierte Reziprozitätsnorm verlangt, dass man früher oder später einen Ausgleich für einen bestimmten Aufwand erhält. Dieser braucht aber nicht unmittelbar, nicht in gleicher Form zu erfolgen und ist nicht an eine feste Abmachung gebunden. Eine kulturell festgelegte, stillschweigende Übereinkunft genügt häufig. Christian STEGBAUER (2002) belegt in seinem Buch über die Reziprozität, dass der Reziprozitätsanspruch in dauerhaften Beziehungen nicht individualistisch nach Zweck-Mittel-Kalkülen durchgesetzt wird, sondern von der Beziehungsart zwischen den Beteiligten bestimmt wird. Beispielsweise gelten in Bekanntschaftsbeziehungen eher kalkulierende Kosten- und Nutzenabwägungen einer erbrachten sozialen Unterstützung als in andauernden familiären Beziehungen.

Die beziehungsstiftende Funktion von Reziprozität scheint gerade angesichts der Auflösung traditionaler Bindungen, auch in Anlehnung an GOULDNER, eine universelle Regel zu sein, "die Bindungen produziert und reproduziert und auf diese Weise zur Herstellung eines gesellschaftlichen Gefüges, einer Struktur einen wesentlichen Beitrag leistet" (Stegbauer 2002:157). GOULDNER (1960:171) vergleicht diese universalistische und bedeutende kulturell-determinierte Reziprozitätsnorm mit dem "incest taboo". Er geht von zwei minimalen Anforderungen der Reziprozitätsnorm zur Stabilität eines sozialen Systems aus, die der aufgeschobenen, indirekten Reziprozitätsform entsprechen: "(1) people should help those who have helped them and (2) people should not injure those who have helped them".

Den von NESTMANN (1988:88) herausgearbeiteten Zusammenhang zwischen der Intensität der Reziprozitätsnorm und den Unterstützungsbezügen dokumentiert auch STEGBAUER (2002:130) mit dem Einfluss der Beziehungsform auf die Intensität der Reziprozität. Nämlich,

dass (nach Antonucci 1985 - d. Verf.) in engeren und kontinuierlichen Bezügen (wie Partnerschaft und Familie) die Reziprozitätsgebote weniger ‚sofort' und ‚direkt' gelten und weniger zwangsläufig auf die gleichen Hilfearten/-formen bezogen sind.

Er argumentiert mit dem Kontext der strukturellen Einbindung von Individuen als unabhängige Variable in einer "Beziehungssoziologie": "Reziprozität als Konzept ist ohne eine Betrachtung der Beziehungen, innerhalb derer es sich abspielt, sinnlos [...]".

Es kann in Anlehnung an Netzwerkstudien für ältere Menschen[72] oder Menschen in besonderen Lebensphasen wie alleinerziehende Frauen[73] angenommen werden, dass auch ressourcenmobilisierende Akteure zu den Mitgliedern der Gesellschaft gehören, die sich in "benachteiligten Austauschpositionen" befinden. Mit "Janusköpfigkeit" bezeichnet OTTO (2003:2) diese "benachteiligte Austauschposition" aufgrund eines stärkeren Unterstützungsbedarfes und geringerer Ressourcenausstattung. Der Nachteil der "Janusköpfigkeit" liegt in den Abhängigkeiten der weniger starken Mitglieder innerhalb der solidarischen (familiären) Gemeinschaften.

Die anzunehmende soziale Positionierung behinderter Menschen kann mit der älterer Menschen[74] verglichen werden, so dass von der Geberseite her - unter Kosten-Nutzen-Kalkülen und einer defizitären Sicht - ein Austausch als wenig lohnend erscheint; eine gleichwertige Gegenleistung wird unwahrscheinlich, zumindest dann, wenn der Tausch zwischen sozial Ungleichen stattfindet (Stegbauer 2002:26). Schnell verleiten soziale Ungleichheiten - nach STEGBAUER (ebd., S. 147) in Abhängigkeit vom Beziehungskontext - bei den Unterstützungspersonen zu Verzicht auf die Reziprozitätsnorm. Einerseits kann in Übereinstimmung mit DEDERICHS (1999:153) die "Janusköpfigkeit" der vermeintlichen ungünstigen Austauschposition für "unterlegene" Rezipienten zu Bescheidenheit und "Nichtveröffentlichungsstrategien" in Bezug auf ihren tatsächlichen Bedarf führen oder andererseits zur Aufbringung von Ehrerbietung und Anerkennung. Letzteres entschädigt die Unterstützungspersonen, da dies als einzige wertschätzende Ressource (Statuserhöhung) für eine Gegenleistung anerkannt wird. Ersteres führt zu den aus Kapitel 4.4.1 hergeleiteten ‚asymmetrischen' und letzteres zu ‚symmetrischen Samariterbeziehungen'.

3.2 Symmetrie als Äquivalenz von sozialen Beziehungen

Bevor auf die einzelnen Reziprozitätsformen eingegangen wird, soll vorausgehend die Begrifflichkeit der "Symmetrie" bzw. nach DIEWALD (1991:18) "Äquivalenz" in Beziehungen gegenüber der Reziprozität abgegrenzt werden. Symmetrische soziale Austauschbeziehungen entsprechen nicht wie im alltagsweltlichen Verständnis den wechselseitigen Beziehungen. Dies könnte bei Laien zu Redundanzvermutungen im Titel dieser Diplomarbeit führen. Symmetrische, d. h. äquivalente soziale Beziehungen sind spezielle Reziprozitäts-annahmen und bestehen in gleichartigen Unterstützungsleistungen und Gegenleistungen (Stegbauer 2002:146).

Äquivalenz geht nach DIEWALD (1991:118) über die prinzipielle Gegenseitigkeit von Austauschbeziehungen hinaus, da hier die "absolute Gleichwertigkeit der ausgetauschten Medien" gemeint ist und in Anlehnung an GOULDNER (1960:172) zwischen "heteromorphen" und "homeomorphen" Äquivalenzformen unterschieden werden kann. Diese Differenzierung wird aus methodischen Gründen zur Operationalisierung symmetrischer Beziehungen bewerkstelligt. Exemplarisch sei hier auf COLEMANs mathematischen Teil seines Werkes hingewiesen, in dem er in seinem Kapitel 26 das Entstehen von Tauschkursen in linearen sozialen Handlungssystemen wie z. B. bei Austauschrelationen zwischen Lehrern und Schülern empirisch erhebt. Dies realisiert er, indem er als Ressource für die Lehrer die Note und für die Schüler die aufgewendete Zeit für den Schulbesuch verwendet.

Bei einer "heteromorphen Äquivalenzform" (heteromorphic reciprocity) sind nur Austauschmedien, d. h. die Unterstützungsleistungen vom Wert her gleich, nicht aber von der Art. Es gilt nach GOULDNER "tit for tat". Wenn die zu tauschenden Medien nicht direkt mit dem Äquivalenzmaßstab Geld zu verrechnen sind, lässt sich der jeweilige Wert nur intersubjektiv feststellen. Das führt zu dem Problem der Quantifizierung wechselseitiger Unterstützungsleistungen, denn ebenso argumentiert COLEMAN (1995b:244), dass die "verschiedenen Aspekte der Position, in der sich ein Akteur innerhalb eines Sozialsystems befindet", Einfluss auf den Wert haben und nicht von der Außenperspektive eines Forschers als gleichwertig erkannt werden können. Nicht gemeint ist die völlige Gleichheit zwischen den Beteiligten in sog. symmetrischen heteromorphen Beziehungen, sondern die relative Gleichheit hinsichtlich eines Merkmals oder der sozialen Position (Stegbauer 2002:146). Für den einen mag das "gute Gefühl", schwächeren Mitmenschen helfen zu können, genügen, das nach außen leicht mit Altruismus[75] verwechselt werden kann. Ein anderer erwartet, dass sich die Hilfe sofort oder später rentiert.

Bei der "homeomorphen Äquivalenzform" (homeomorphic reciprocity) ist die Gleichwertigkeit für konkrete Güter oder Dienste objektiv quantifizierbar, da nur gleiche materielle oder immaterielle Ressourcen/Dienstleistungen ausgetauscht werden. GOLDNER etikettiert dieses Prinzip mit "tat for tat" und weist ausdrücklich auf die Möglichkeit hin, dass diese Norm auch negativ anwendbar ist, nämlich i. S. von kriminellen Handlungen wie z.B. Vergeltungsdelikten.

Die Wertmaßstäbe der Austauschmedien können auch bei dieser Äquivalenzform intersubjektiv zwischen den Akteuren vereinbart werden, falls die Äquivalenz auf bestimmte Situationen und nicht auf konkrete Güter oder Leistungen zu beziehen ist, so dass es zu Bewertungsinkongruenzen in speziellen Notlagen und den dann zur Verfügung stehenden Ressourcen kommt (Diewald 1991:118). Inkongruenzen in der Bewertung entstehen beispielsweise bei divergierenden Vorstellungen von der Angemessenheit des Unterstützers, fehlender Problemveröffentlichung des Rezipienten oder bei inadäquaten Unterstützungsleistungen (Diaz-Bone 1997:118).

Zusammenfassend kann mit dem Netzwerkforscher Rainer DIAZ-BONE (1997:121), der in einer "Grundlagenarbeit zur Systematik und Methodik der egozentrierten Netzwerke" die Reziprozität von der Äquivalenz in sozialen Beziehungen, insbesondere für zunehmende Generalisierungen wie folgt abgrenzt, gesagt werden: "Reziprozität impliziert nicht Gleichheit der getauschten Güter, Gleichzeitigkeit von Leistung und Gegenleistung oder eine Beziehung zwischen sozial Gleichgestellten" (ebd.). Das entscheidende Kriterium für die unterschiedliche Umsetzung der Reziprozität ist die Zeitdimension oder in COLEMANs Vokabular: "Zeitgeschlossenheit". Denn das Reziprozitätsprinzip funktioniert ausschließlich in einer Sequenz von Transaktionen, was eine Beziehungsgeschichte voraussetzt.

Die folgenden Formen der Reziprozität - so führt DIEWALD (1991:119) weiter aus - sind von Rahmenbedingungen abhängig, so dass das Reziprozitäts-Grundprinzip mit der Beziehungsgeschichte und der Beziehungsstruktur variiert und graduell auf ein Kontinuum von fehlenden Reziprozitätserwartungen bis zu völlig wert- und artgleichen Wechselseitigkeiten in sozialen Beziehungen hinausläuft.

3.3 "Balancierte Reziprozität"

DIEWALD (1991:119) zufolge bedeutet der Begriff "balancierte" oder "ausgeglichene" Reziprozität eine äquivalente Erwiderung von Leistungen oder Ressourcen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes und geht auf den Ethnologen Marshall D. SAHLINS[76] (1965, zit. nach Diewald ebd.) zurück, der drei Reziprozitätsformen in primitiven Gesellschaften unterschied.

Bei der balancierten Reziprozitätsform muss in Anlehnung an die Anthropologin WENTOWSKI[77] (1981, zit. nach Diewald ebd.) unterschieden werden, ob eine "zeitlich verknüpfte Reziprozität", also ein sofortiger wechselseitiger Austausch zwischen den Akteuren stattfindet (immediate reciprocity), oder ob ein überschaubarer Zeitraum zwischen Geben und Nehmen im Kontext der Beziehungsgeschichte überbrückt wurde (deferred reciprocity). Erstere wird als direkte Reziprozitätsform bezeichnet und entspricht dem minimalen Austauschsystem bei COLEMAN (1995a:36)[78], das ähnlich den Tauschhand-lungen in ökonomischen Marktbeziehungen aufgebaut ist. Letzteres bedeutet indirekte Reziprozität und entspricht - wie dem Kapitel 4.3.1 zu entnehmen ist - den zugrunde gelegten Austauschmechanismen des sozialen Kapitals, da Vertrauen auf eine Gegenleistung eine Form von sozialem Kapital und die Grundlage der Akzeptanz von Versprechen ist, eine zukünftigen Gegenleistung zu erbringen.

3.3.1 Direkte Reziprozität

Wie der Name bereits erkennen lässt, bedeutet die "direkte Reziprozität" (unmittelbare oder echte Reziprozität) einen unmittelbaren, zumindest annähernd äquivalenten Leistungsaustausch. "Direkte Reziprozität beruht auf direkten Beziehungen, die sich, egal wie viele Personen letztlich daran beteiligt sind, analytisch in Dyaden auflösen lassen" (Stegbauer 2002:35). Dafür ist es notwendig, möglichst intersubjektiv den exakten Gegenwert, die "terms of trade" klar zu definieren, was insbesondere bei Geld, dem generalisierten Austauschmedium, möglich ist.

Direkte Reziprozität von Gütern oder Dienstleistungen entspricht den "Transaktionen im Modell des perfekten ökonomischen Marktes", wie COLEMAN (1995a:115) ihn als Vergleichsmaßstab für Transaktionen nicht-ökonomischer Ressourcen und dann zur Grundlage der Vertrauensbeziehungen (indirekte Reziprozität) macht. Wenn Austauschhemmungen wie fehlende Interessenübereinstimmungen der Austauschpartner zum gleichen Zeitpunkt vorliegen, kann mit dem allgemeinen Austauschäquivalent Geld das "soziale Gleichgewicht" hergestellt werden, da Geld als Mittel fungiert "mit dem die Notwendigkeit des doppelten Zusammentreffens von Bedürfnissen überwunden werden kann" (ebd., S. 151).

Gemäß dem Autonomie- und Unabhängigkeitsstreben der Individuen in modernen ausdifferenzierten Leistungsgesellschaften entspricht diese Reziprozitätsform der Förderung unverbindlicher, flexibler Beziehungsarten und würde in einzig vorhandener Form zu Gemeinschaftsverlust führen. Akteure, die ihre gegenseitigen Abhängigkeiten auf ein Minimum reduzieren wollen, setzen dieses Prinzip des "Gebens und Nehmen innerhalb einer Transaktion" ein, um sich in keinerlei Verpflichtungen - und sei es Dankbarkeit - verwikkeln zu lassen. Der sofortige gegenseitige Austausch wirkt nicht beziehungsstiftend und steht den Überlegungen zum Individualismus am nächsten (Stegbauer 2002:36). Ebenso erinnert die direkte Reziprozität an TÖNNIES' Erklärungen zur Entstehung rational geprägter Gesellschaften, da Gemeinschaften durch den "in eine langfristige Kette von Handlungen" eingebundenen Austausch bestehen können (ebd., S. 43). Fehlende Verbindlichkeiten in sozialen Beziehungen und damit fehlende Stabilität in den sozialen Beziehungen sind nach COLEMANs Logik die Folge, die jedoch die strukturellen Interdependenzen sozialer Beziehungen letztlich erzeugen und somit für die Entstehung sozialer Systeme bzw. sozialer Ordnung unerlässlich sind.

Ein weiteres Problem der unmittelbaren (direkten) Reziprozitätsform besteht einerseits darin, dass die notwendigen Ressourcen vorhanden sein müssen, und andererseits darin, dass die Unterstützungsbedarfslagen i. S. des Äquivalenzprinzips gemäß ihrem Wert bestimmbar sind (Diewald 1991:120). Die Grundbedürfnisse der Menschen nach sozialer Sicherheit und Geborgenheit sind mit dieser unabhängigkeitsfördernden Form nicht gewährleistet. Insbesondere in Notlagen würden unverhältnismäßige Austauschrelationen entstehen, da die Unterstützungsperson entsprechende Macht zur Wertbestimmung der Gegenleistung hätte, die die "bedürftige" Person nicht zur Verfügung hat.

3.3.2 Indirekte Reziprozität

Insbesondere nicht-ökonomische Transaktionen ergeben sich selten aus der jeweiligen Interaktionssituation, sondern werden zeitversetzt innerhalb eines überschaubaren Zeitraums ausgeglichen, was zu der Begrifflichkeit "aufgeschobene" bzw. "indirekte" Reziprozität führt. Mit COLEMAN (1995a:115) gesprochen, sind die Interessen der Akteure an den Ressourcen, die der jeweils andere Akteur kontrolliert, in der sozialen Realität meist nicht zeitsynchron. Bei "Transaktionen nichtökonomischer Güter und Dienstleistungen" wird in diesem Zusammenhang die Vertrauensvergabe in Form von Versprechen anstelle von Geld als Äquivalenzmittel eingesetzt.

Offene Verpflichtungen bzw. ein "Überschuss an Investitionen in eine Beziehung" werden dann eingegangen, wenn Vertrauen in einen langfristigen Ausgleich von Leistungen und Gegenleistungen in einer Beziehung besteht. Mit "support bank" (Antonucci & Jackson 1986:15, zit. nach Diewald 1991:121) ist diese Leistungserbringung auf Vertrauensbasis in die soziale Unterstützungsforschung ebenfalls eingegangen. Die Unterhaltung einer Beziehung ist, rein ökonomisch gesehen, ein "längerfristig angelegtes Konto [...], auf dem erhaltene Unterstützung ("Soll") einerseits und selbst an andere geleistete Unterstützung ("Haben") andererseits gegeneinander verrechnet" werden (Diewald 1991:121).

Die Motivation, eine soziale Leistung zu erbringen, beruht also nicht nur auf Gegenleistungserwartungen in der Zukunft, sondern sie kann auch Resultat der "vorgelagerten Konditionierung des Verhaltens" in längerfristigen Beziehungen sein (ebd., S. 120).

Die Austauschsituation der indirekten Reziprozitätsform ist riskant, da Zeitpunkt und Art der Gegenleistung ungewiss sind. Durch die aufgeschobene Reziprozitätsform wird erst Sozietät geschaffen, denn: "die Erwartbarkeit der Dauer einer Beziehung stellt also ein wesentliches Potential für die Möglichkeit aufgeschobener Reziprozität dar" (Ewans & Northwood 1979, zit. nach ebd., S., Herv. i. O.).

Beziehungsstiftende Formen der Reziprozität sind temporär versetzte oder generalisierte Austauschleistungen entgegen den direkten situationsgebundenen Transaktionen, da sie eine Beziehungsgeschichte implizieren (retrospektiv oder prospektiv) bzw. in einem sozialen Netzwerkkontext stehen. Ferner sind sie für die soziale Geborgenheit und Sicherheit entscheidend. Von DIEWALD (ebd.) beschrieben, erhalten "Kosten und Nutzen einer bestimmten Austauschhandlung [...] ihre Bedeutung u. U. also erst in der Langzeitperspektive und nicht nur aus den einzelnen Interaktionssituationen".

Die Sicherheit, in sog. Notlagen Unterstützung zu erhalten, basiert auf einer weiteren Form von sozialem Kapital, dem "Vertrauen". Dieses wird durch ständige Beziehungsarbeit produziert und reproduziert. Reziprozität ist "das summarische Ergebnis vieler einzelner Transaktionen im Verlauf einer gesamten Beziehung" (Diewald 1991:121).

3.4 "Unbalancierte Reziprozität"

Als "unbalancierte Reziprozität", die ebenfalls begrifflich von SAHLINS (1965, zit. n. Diewald 1991:119) von DIEWALD (ebd.) übernommen und als "generalisierte Reziprozität" bekannt wurde, ist ein Austauschverhalten gemeint, das ohne Gegenseitigkeit innerhalb einer bestimmten sozialen Beziehung existiert. Sie wirkt ebenso wie die "aufgeschobene Reziprozität" beziehungsstiftend, da die Menschen in übergreifenden Transaktionen verbunden werden (Diaz-Bone 1997:129). Nach STEGBAUER (2002:79) lässt sich

generalisierte Reziprozität [...] zunächst in zwei Grundmuster aufteilen: eine Generalisierung über einen längeren Zeitraum und eine Generalisierung über eine bestimmte Gruppe, der man sich zugehörig fühlt.

Unbalancierte Reziprozität impliziert den Solidaritätsgedanken, da nicht genau aufgerechnet wird. Es wird eher erwartet, dass man gibt, wenn man kann. Der erhoffte Ausgleich für erbrachte Unterstützungsleistung ist in dieser Reziprozitätsform ungewiss, da weder Zeitraum noch Gegenleistung für die Unterstützungsperson klar erkennbar sind. Eine Unterstützungsleistung wird also ohne direkte Erwartung einer Gegenleistung erbracht bzw. ohne dass sie einer vorangegangenen Leistung zuzuordnen ist. Diese "unbalancierte Reziprozität" ist ein Austauschverhältnis, in dem weder Äquivalenzprinzip noch Gegenseitigkeitsprinzip ausgetauschter Unterstützungen innerhalb einer bestimmten Beziehung gewährleistet sind. Vielmehr tritt anstelle von äquivalenter Gegenleistung ein symbolischer Wert (Hollstein 2001:106). Gemäß GOULDNER (1960:172f.) stellt die Reziprozitätsnorm überwiegend eine allgemeine moralische Verpflichtung dar und wird durch das soziale System aufrecht erhalten, denn: "if you want to be helped by others you must help them [...]".

Wie gehen ressourcenmobilisierende Akteure mit dieser Verpflichtung um? Wird eine Leistung ohne direkten Bezug zu einer vorherigen Gegenleistung erbracht, kann es perspektivisch zu Generalisierungen kommen. Für ältere Menschen oder Menschen mit spät erworbenen Behinderungen ist die sog. "support bank" ein Erklärungsansatz für den Erhalt einseitiger Unterstützungsleistungen auf Dauer. In früheren Zeiten haben diese Menschen in ihrem sozialen Umfeld Unterstützungen selbst erbracht, wie es COLEMAN in seinen Demonstrationen zur Emergenz von Humankapital (Bildung, Fertigkeiten, Fähigkeiten) mittels sozialen Kapitals in Familien beschreibt und dabei auf die intergenerativen Beziehungen (Generationsvertrag) verweist. Hier greift die Vorstellung der sog. "support bank", womit asymmetrische Transfers im austauschtheoretischen Rahmen verständlich werden (Hollstein 2001:168). Zeit und Bildung wurden in die eigenen Kinder investiert, so dass die Elterngenerationen Erwartungen bzw. "Gutschriften" akkumulierten, um diese nach ökonomischer Austauschlogik in "Zeiten der Abhängigkeiten" ohne belastende Gefühle quasi "einlösen" zu können.

Infolgedessen ist es wichtig, in einem behindertenspezifischen Erhebungsinstrument nach dem Zeitpunkt des Eintretens der Behinderung zu fragen. Belastende Ereignisse wirken sich auf die Leistungsfähigkeit sozialer Netzwerke aus, so dass der Zugang zu Netzwerkressourcen von der Lebensphase oder Lebenssituation abhängig ist[79].

Generalisierungen können nach STEGBAUER (ebd., S. 90) gleichfalls gegenüber einer bestimmten Gruppe wie z. B. Selbsthilfegruppen oder Vereinen erfolgen, indem eine Person aus Dankbarkeit für eine Leistung der Gruppe Aufmerksamkeit zurück gibt.

3.5 Soziale Partizipation als reziproke, symmetrische soziale Beziehung

Aus soziologischer Perspektive wird die "soziale Integration"[80] eines Individuums als Einbettung in Gruppen mit ähnlichen Werte- und Normenvorstellungen, ähnlichen Zielen und Wünschen definiert. Für Iris BECK (2000:22) ist sie nichts anderes als ein Prozess, der

die Vereinigung einer Vielfalt von Menschen, und damit unterschiedlichen Wünschen und Zielen, zu einem gemeinschaftlichen Ganzen darstellt, indem ein relativer Konsens über tragende, allgemeine Werte erreicht wird.

Der Netzwerkforscher Anton LAIREITER (1993:15) sucht den Konsens der konzeptionellen und methodischen Begriffsvielfalt der sozialen Integration auf individueller Ebene in den Netzwerk- und Unterstützungsforschungen auf drei Ebenen, die je nach Forschungsinhalt und Forschergruppe variieren:

a.) die Einbindung in soziale Gruppen, in Vereinigungen und in das öffentliche Leben einer Gemeinde oder eines Stadtteils, b) den Besitz von informellen Beziehungen und Kontakten, vor allem zu Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft und zum Freundeskreis sowie c) Verfügbarkeit und Zugang zu sozialen und interpersonalen Ressourcen.

Nach ihm stellt die oberste Ebene die soziale Integration als Beziehung des Individuums zur sozialen Umwelt dar, die die beiden folgenden Ebenen der sozialen Netzwerke und sozialen Unterstützung mit den zwei grundlegenden Dimensionen der materiell-instrumentellen und der psychologischen Unterstützung subsumieren (ebd., S. 27).

Soziale primäre Beziehungen als wechselseitige informelle Verbindlichkeiten erbringen neben der beruflichen, politischen und institutionellen Integration eine eigenständige Inte-grationsleistung. Sie hängen in starkem Maße vom subjektiven Wohlbefinden in diesen informellen Netzwerken ab, was inzwischen in der Supportforschung dem "verkürzten Ressourcenverständnis" strukturaler Netzwerkmerkmale entgegengehalten wird[81].

Diese sozialen Einbindungen entsprechen einem Gradmesser des Zusammenhalts und stellen eine wesentliche Ressource gemäß der Konzeption des sozialen Kapitals in Kapitel 4.3.1 dar. Soziale Netzwerke ermöglichen erst den Austausch durch die formale strukturelle Gegebenheit und deren inhaltliche Beziehungsmerkmale, so dass behinderte Menschen sozial integriert sind, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld aufgrund wechselseitiger Austauschrelationen als respektierte und wertgeschätzte Persönlichkeiten partizipieren. In ressourcenstärkenden sozial-, bildungs- und arbeitspolitischen Interventionen wird daher der Lösungsansatz im Kontext dieser Arbeit für die - in der Einleitung beschriebenen Indikatoren der sozialen Isolation in Anlehnung an Matthias WINDISCH & Adrian KNIEL (1988) - Tendenzen zu Vereinsamung und einseitigen Abhängigkeitsgefühlen ressourcenmobilisierender Akteure gesehen.

Vollständige soziale Isolation und soziale Integration als vollständiges Angenommensein werden nach BLEIDICK (1999:32) als die zwei Pole des Kontinuums der Integration als subjektive und reale Eingliederung behinderter Menschen in den Sozialverband der Bezugsgruppe verstanden, was sich mit den strukturellen und relationalen Merkmalen eines sozialen Netzwerkes beschreiben lässt. Parallel dazu nimmt ebenso HOLLSTEIN (2001:13) an, dass die informellen Beziehungen nicht nur in Krisensituationen lebensnotwendig sind, sondern auch "für die alltägliche soziale Integration".

Die soziale Integration behinderter Menschen wird einerseits als wünschenswerte soziale Partizipation und anderseits als Maßnahme zur Rehabilitation formuliert (Niehaus 2001). Der Begriff scheint in ähnlich facettenreichen Kontexten wie "Behinderung" verwendet zu werden, insbesondere in pädagogischen, rehabilitativen und politischen Zusammenhängen, denn der Prozess der sozialen Integration bzw. Partizipation wird nur für gesellschaftliche Randgruppen oder Minoritäten relevant. Erst wenn jemand sozialer Außenseiter ist, wird soziale Integration als Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit thematisiert und hinterfragt[82]. Aus der Sicht der Behindertensoziologie definiert CLOERKES (1997:194) die "soziale Integration" behinderter Menschen dahingehend, dass

behinderte Menschen unabhängig von Art und Schweregrad ihrer Behinderung in allen Lebensbereichen grundsätzlich die gleichen Zutritts- und Teilhabechancen haben sollen wie nicht behinderte Menschen.

Unter "allen Lebensbereichen" wird auch von ihm mehr der Mikrobereich "soziale Beziehungen" als reziproke und symmetrische Relationen verstanden, was so für den Begriff der hier in der Arbeit verwendeten ‚sozialen Partizipation' für die Netzwerkebene übernommen werden soll.

Das soziale Differenzierungsmerkmal "Behinderung" stellt auch nach BENDEL (1999:304), ähnlich wie Alter oder Geschlecht, eine soziale Benachteiligung dar, da das dauerhafte oder temporäre singuläre Attribut zur Charakterisierung von Personen in den sozialen Interaktionssituationen herangezogen wird und die Form ihrer sozialen Integration determiniert; denn neben den "quasi-naturvermittelten" (Beck 1986) irreversiblen körperlichen Eigenschaften und der eingeschränkten Beteiligung am Erwerbsleben ist "als drittes wesentliches Attribut askriptiver Ungleichheit die unmittelbare Wahrnehmbarkeit i. S. einer kulturell konstruierten, präreflexiv vertrauten Zuschreibungsroutine" festzustellen (ebd.).

Einer der ersten Netzwerkanalytiker, Barry WELLMAN[83] (1979, zit. nach Diaz-Bone 1997:151), versteht unter sozialer Integration eine "durch die Art der Beziehungsstrukturen realisierte Integration", die er in seiner Betrachtung zu den makrosozialen Auswirkungen auf die Mikroebene zwischen Individuen und ihren sozialen Bindungen und Beziehungen analysiert.

Zusammenfassend kann ‚Soziale Integration' demzufolge einerseits als ‚soziale Partizipation' auf gesellschaftlicher Ebene in allen Lebensbereichen charakterisiert werden und andererseits als Beziehungspartizipation auf der interpersonellen Ebene. Die dyadischen Beziehungsmuster stellen demnach reziproke und symmetrische Austauschbeziehungen in den sozialen Unterstützungsnetzwerken von ressourcenmobilisierenden Akteuren dar. Ressourcenmobilisierende Akteure im Kontext der Arbeit sind gemäß der Austauschtheorie ‚sozial integriert', wenn neben den gängigen strukturellen sozialen Netzwerkmerkmalen (Anzahl der Netzwerkmitglieder, Kontakthäufigkeit, etc.) ebenso die relationalen Merkmale wie Wechselseitigkeit und Symmetrie analysiert werden. Obwohl für die strukturellen Merkmale aus existentiellen Gründen hohe Werte zu vermuten sind, müssen diese nicht unbedingt ein reliabler Indikator für soziale Partizipation sein.



[69] Diewald (1991), Nestmann (1988), Röhrle (1994)

[70] Vgl. Diewald (1991:91ff.)

[71] Vgl. ebd., S. 96ff.

[72] Vgl. Otto (2003)

[73] Vgl. Niepel (1994); Nestmann & Stiehler (1998)

[74] Vgl. Otto (2000, 2002, 2003)

[75] Siehe Samariterbeziehungen in Kapitel 4.4.1

[76] Sahlins, M. D. (1995): On the Sociology of Primitive Exchange. in: Banton, Michael (Hg.): The Relevance of Models for Social Anthropology, London: Tavistock, S. 139-187.

[77] Wentowski, G. J. (1981): Reciprocity and the Coping Strategy for Older People. Cultural Dimensions of Network Building. in: The Gerontologist, 21, S. 600-609.

[78] Siehe Abbildung 6

[79] Verwitwung (Hollstein 2001), Familiengründung (Niepel 1994) oder Arbeitslosigkeit (Strehmel 1993)

[80] "Soziale Integration" wird von der "personalen Integration" abgegrenzt, die sich auf die Integrität einer einzelnen Person bezieht.

[81] Vgl. Otto (2000:17f.)

[82] Vgl. Wocken (2001:77); Niehaus (1993)

[83] Wellman, Barry (1979): The Community question: The intimate networks of East Yorkers, in: American Journal of Sociology, 84. Jg., Heft 5, S. 1201-1203.

4 Handlungstheoretische Ansätze von COLEMAN zur Erklärung sozialer Netzwerke

"Wer anderen vieles gibt, wird viel von ihnen zu bekommen versuchen, wer viel von anderen erhält, muß viel hergeben" (Homans 1973:262, zit. nach Euler & Freese 1997).

Eine Zweierbeziehung, aber auch eine Gesellschaft (bis hin zur Weltgesellschaft) stellen ein soziales System bzw. eine Struktur dar, so führt der US-amerikanische Soziologe James S. COLEMAN (1990; zitiert nach deutscher Studienausgabe 1995a, b) in seinem Lebenswerk "Foundations of Social Theory" die Metatheorie zur umfassenden Erklärung sozialer Phänomene ein. Die Entstehung von Normen, Macht oder Panik, Börsenkrächen und sozialen Bewegungen sind COLEMAN (1995a:2) zufolge soziale Phänomene, die durch Handlungsstrukturen der Markt-, Herrschafts- und Vertrauenssysteme generiert werden. Dieses Erklären sozialer Tatbestände anstelle sozialer Verhaltensweisen ist die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften im Gegensatz zur (Sozial-)Psychologie.

COLEMANs einflussreiche, zielorientierte Handlungstheorie basiert auf der Vorstellung, dass sozialen Beziehungen zwischen Individuen allein Austauschbeziehungen i. S. der Rational Choice-Theorie (RCT) unterstellt wird. Er führte seine Analyse sozialer Beziehungen zwischen rational handelnden Akteuren auf der Individualebene und deren Folgen für soziale Systeme durch, was als "Mikro-Makro-Ansatz" in der Soziologie bekannt ist.

Der Sozialtheoretiker ist bestrebt, eine moderne, individualistisch argumentierende Sozialtheorie effizient mathematisch zu formalisieren und zugleich empirisch überprüfbar zu machen, was ihm in beeindruckender Weise gelungen ist. Mit ökonomischem Verständnis des Sozialen konstruiert er eine individualistische Handlungstheorie, indem er die zwei konkurrierenden wissenschaftstheoretischen, soziologischen Handlungstheorieströmungen vereint:

It accepts the principle of rational or purposive action and attempts to show how that principle, in conjunction with particular social context can account not only for the actions of individuals in particular contexts but also for the development of social organization (Coleman 1988:96).

Die Strukturfunktionalisten bzw. die Vertreter der "Normentheorie", wie COLEMAN (1995a:312) sie bezeichnet (z. B. Talcot Parsons), setzen gegebene Normen als Eigenschaften sozialer Systeme voraus, die das individuelle Verhalten der Akteure beeinflussen. COLEMAN als Vertreter der RCT nimmt den Einfluss von Funktionsweisen sozialer Systeme zum Ausgangspunkt, da soziale Systemen durch die Verfolgung individueller Interessen generiert werden.

Um das gesellschaftliche Phänomen der Partizipation behinderter Menschen in einzelnen Lebensbereichen - wie die ICF sie aufschlüsselt und zur Grundlage moderner behindertenpolitischer Forderungen macht - zu erklären, ist es nach COLEMANs "Makro-Mikro-Makro (MMM)-Modell" unabdingbar, jene auf die tiefere netzwerkanalytische bzw. auch Individualebene hinunter zu brechen. Denn mit diesem individualistisch-strukturellen Ansatz kann ihm zufolge Systemverhalten erst erklärt werden, weil die Sozialsysteme in ihre Einheiten und Individuen aufgesplittet werden.

Bevor die individualistisch-strukturelle Handlungstheorie als Ausgang für das Konzept des sozialen Kapitals von COLEMAN vorgestellt wird, erscheint es sinnvoll, zunächst das soziologische "Mikro-Makro-Problem" am Beispiel gesetzlicher Auswirkungen auf die Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure in gesellschaftlichen Lebensbereichen zu erläutern.

4.1 Exkurs: "Mikro-Makro-Problem" der Partizipation behinderter Menschen

Die Frage der Vermittlung von individuellen Handlungen und gesellschaftlichen Strukturen ist, wie bereits erwähnt, ein zentrales Thema der modernen Soziologie, da strukturorientierte Ansätze weitgehend die Akteure ausklammern und handlungsorientierte Ansätze die gesellschaftlichen Strukturen vernachlässigen. Die Vermittlung dieser strukturzentrierten Ansätze und der akteurszentrierten Handlungstheorien stellt die "Mikro-Makro"-Problematik in der Soziologie dar (Weyer 2000b:238).

COLEMAN (1995a:171) plädiert für eine Sozialtheorie, die soziale Normen nicht an den Beginn einer Systembeschreibung stellt. Nach seiner Theorie leiten sich nämlich die zu analysierenden "systembezogenen Begriffe" wie Macht, Vertrauen, Markt aus den elementaren Beziehungselementen der "individuenbezogenen Begriffe von Interesse und Kontrolle" ab. Er erklärt vielmehr mit individualistisch-strukturaler Logik seine ökonomistische Herangehensweise, indem er in die Metatheorie mit eigennützig und zunächst unabhängig handelnden Menschen einführt. Dies sollte nicht mit "egoistischem" Verhalten verwechselt werden. Basierend darauf erschließt der Sozialtheoretiker z. B. einerseits die Emergenz von Normen und andererseits, wie Menschen dazu gebracht werden, freiwillig die z. T. einschränkenden Normen (Verbote, Imperative) einzuhalten[84]. Anstelle der normativ vorgesetzten Systeme entschlüsselt er soziale Phänomene mit der illustrierenden Begründung, "wenn man mit normativen Systemen beginnen würde, würde man Automaten, nicht Menschen beschreiben" (ebd., S. 39).

COLEMAN (1995a:14ff.) entgegnet mit dem Übergang von der Mikro- zur Makroebene, oder anders ausgedrückt, mit dem Übergang der unteren Ebene als Ebene der zumeist innerhalb von strukturellen Interdependenzen rational handelnder Individuen zur Entstehung neuen Systemverhaltens auf der Systemebene[85], der Herangehensweise strukturorientierter wissenschaftlicher Erklärungen. Die deduktiv-nomologischen Denkstrukturen, die i. S. der "wenn-dann"-Logik analysieren, entsprechen dem Grundmodell soziologischer Erklärungen sozialer Phänomene[86]. Dem hält COLEMAN (ebd., S. 27) entgegen, dass individuelles Verhalten einzelner Akteure nicht einfach aggregiert werden kann, sondern dass Modelle der Interdependenzen von handelnden Individuen zu entwerfen sind. Soziale Phänomene basieren ihm zufolge auf dem Handeln individueller bzw. "korperativer Akteure" unterhalb der Systemebene. Utilitaristisches Handeln rationaler Akteure hat intendierte, aber auch nicht intendierte Folgen für soziale Systeme. Mit der Grundlage einer theoretischen Posi-tion des RC-Ansatzes schlussfolgert COLEMAN, dass alle Erklärungsansätze sozialer Phänomene letztlich auf individuelles Rationalverhalten zurückzuführen sind.

Der Zusammenhang zwischen Individual- und Systemebene wird in Abbildung 4 am Beispiel der gesellschaftlichen Partizipation in Anlehnung an COLEMAN dargestellt.

Abbildung 4: Komponenten der Sozialtheorie von COLEMAN im Makro-Mikro-Makro-Schema (Quelle modifiziert: Coleman 1995b:417)

Das entscheidende Problem für die Erklärung sozialer Phänomene bzw. des Systemverhaltens allgemein ist nach COLEMAN (1995a:6) der "Mikro-Makro-Übergang" (Typ 3 in Abbildung 4). Der Übergang von der Individualebene, auf der autonom eigennützig handelnde Individuen analysiert werden, hin zur Systemebene, die aus den Interdependenzen dieser dann abhängigen Individuen entsteht, muss analysiert werden. Sein Lösungsansatz ist der methodologische Individualismus, denn:

Die Interaktion zwischen Individuen wird so gesehen, daß sie neu entstehende (emergente) Phänomene auf der Systemebene zur Folge hat, d. h. Phänomene, die von den Individuen weder beabsichtigt noch vorhergesehen worden sind (ebd.).

Wird das Mikro-Makro-Problem auf das diskutierte soziale Phänomen der Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure an gesellschaftliche Lebensbereiche übertragen, entsteht folgendes Bild:

Innerhalb einer makroanalytischen Herangehensweise sind die Wirkungen behindertenpolitischer Gesetzgebungen wie z. B. des neuen SGB IX auf die stärkere Selbstbestimmung und Partizipation behinderter Menschen am Gemeinschaftsleben zu untersuchen (Typ 4 in Abbildung 4). Dies kann mit Statistiken zum veränderten Anteil behinderter Menschen am öffentlichen Leben ermittelt werden. Der dabei angenommene quantitative Kausalzusammenhang könnte aber COLEMAN (ebd.) zufolge mit einem Paradox einhergehen, da nur die Oberflächeneigenschaften des Systems zur Erklärung von Systemverhalten berücksichtigt werden. Der zahlenmäßig nachgewiesene erhöhte Anteil behinderter Menschen in einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens könnte mit einer empirischen Umfrage behinderter Menschen zum wahrgenommenen Zugehörigkeitsgefühl in der Gemeinschaft, zum emotionalen Zuwendungserhalt und zur Zufriedenheit mit erhaltenen im Vergleich zu den erwünschten Unterstützungsleistungen ein ganz anderes Bild ergeben. Nach dieser Logik können Kausalzusammenhänge auf der Gesellschaftsebene demnach eine andere Bewertung erfahren, wenn nicht die interpersonalen Beziehungen rationaler Akteure auf der Individual- bzw. Netzwerkebene mit einbezogen (Typ 2 in Abbildung 4) werden, betont COLEMAN. Indem er soziale Phänomene auf individualistischer Basis erklärt, kann er sein Ziel umsetzen, politische Reformen soziologisch zu begründen (Favell 1996:289).

In Anlehnung an COLEMAN (1995b:416) sollte die Forschungsfrage aus der Einleitung präzisiert werden: Bewirkt eine Inanspruchnahme reziprozitätssteigernder Ressourcenvergabe durch eine Gesetzgebung (Intervenierungsmaßnahme) wie z. B. das SGB IX eine verbesserte soziale Austauschposition der ressourcenmobilisierenden Akteure in ihren sozialen Netzwerkstrukturen und damit eine Partizipationserhöhung an gesellschaftlichen Lebensbereichen (Typ 3 in Abbildung 4)?

Die Qualität des sozialen Phänomens der Partizipation bzw. Isolation behinderter Menschen zeigt sich m. E. an der tatsächlichen Zugehörigkeit und den Bindungsgefühlen behinderter Menschen in ihren sozialen Beziehungsnetzwerken, die allein durch symmetrische oder reziproke Austauschbeziehungen erzeugt werden, da Anerkennung und Wertschätzung vermittelt wird. Zugehörigkeitsgefühle sind nicht allein durch die erweiterte makrosoziale Möglichkeit von Handlungsspielräumen ressourcenmobilisierender Akteure aufgrund von gewährleisteten finanziellen und personellen Ressourcen zu schaffen. Sie sind nach DIEWALD (1991:38) in den sozialen Ähnlichkeiten als Anknüpfungspunkte gemeinschaftlichen Empfindens und damit der Identitätsbildung zu finden.

So muss die zunehmende Wahrnehmung behinderter Menschen in der Öffentlichkeit in den letzten fünfzehn Jahren und damit die vermeintlich erhöhte soziale Partizipation nicht bedeuten, dass eine ‚wirksame Partizipation'[87] behinderter Menschen i. S. von SCHUNTERMANNs (1999) Daseinsentfaltung eingetreten ist. Vielmehr sollte gefragt werden, in welchen sozialen Beziehungsstrukturen soziale Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure an den sozialen Beziehungen stattfindet.

Ist soziale Partizipation dann vorhanden, wenn ressourcenmobilisierende Akteure sich überwiegend in sozialen Netzwerken mit reziproken marktähnlichen Austauschbeziehungen befinden? In diesen Strukturen können die angenommenen einseitigen sozialen Austauschbeziehungen zwischen Unterstützungspersonen und ressourcenmobilisierenden Akteuren extrinsisch mit Finanzkapital kompensiert werden und mögliche Interessendivergenzen ausgleichen. Oder findet soziale Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure statt, wenn es behinderten Menschen gelingt, trotz ihres anhaltenden Unterstützungsbedarfes über kurzfristige nicht aufwendige "Everyday helpfulness" (Otto 2002) hinaus, durch ihre materiellen oder immateriellen Ressourcen gleichberechtigte reziproke Austauschbeziehungen aufzubauen und zu pflegen?

Hier wird die Auffassung vertreten, dass für ressourcenmobilisierende Akteure Auswahlmöglichkeiten geschaffen werden müssen, um individuell das soziale Unterstützungsnetzwerk aufbauen und aufrecht erhalten zu können[88]. Denn der wohlgemeinte gesetzliche Anspruch "Teilhabe schwerbehinderter Menschen" (SGB IX) wird anhand von individualistisch determinierten Austauschmodellen dyadischer und triadischer Beziehungen als einfachstes Segment sozialer Netzwerke zwischen den Individuen relativiert, die soziales Kapital nach COLEMANscher Logik schaffen oder zerstören können, wie in Kapitel 4.3.3 veranschaulicht wird.

4.2 Grundannahmen der zielgerichteten Handlungstheorie

Im Wesentlichen gehen soziale Austauschtheorien von der Annahme aus, dass Menschen als soziale Wesen Beziehungen eingehen, aufrecht erhalten und miteinander kooperieren, weil sich jeder Beteiligte einen individuellen Nutzen verspricht: seien es Geld oder Dienstleistungen (instrumentelle Unterstützung) oder sei es Liebe, Geborgenheit oder Anerkennung (emotionale Unterstützung).

Zielorientierte Austauschbeziehungen sind nach COLEMAN (1995a:24) die Handlungsweisen von eigennützigen und nutzenmaximierenden Akteuren in modernen Gesellschaften, womit sein Ansatz des methodischen Individualismus deutlich wird. Dieses Eigennutz-Axiom der rational handelnden Akteure unterstellt er in seiner "sparsamen modernen Sozialtheorie" zunächst ganz allgemein sowie in der zielorientierten Handlungstheorie ganz speziell, die er für die Individualebene (Mikroebene) entwickelt. Um letztere und deren Grundannahme der Nutzenmaximierung als leitendes Handlungsprinzip geht es im Folgenden, denn: "Akteure handeln nach einem einzigen Prinzip, das sie bewegt, so zu handeln, dass die Befriedigung ihrer Interessen maximiert wird" (ebd., S. 46). Rationale Akteure würden die Alternative wählen, die aus ihrer Sicht den größtmöglichen Nutzen für sich erwarten lässt.

Die handelnden Personen werden von COLEMAN folgerichtig als rational handelnde "Akteure" konzipiert, um deren aktive, entscheidungsbewusste Partizipation an sozialen (Austausch-)Beziehungen zu unterstreichen.

COLEMAN setzt in seiner "neuen utilitaristischen Sozialtheorie" (Favell 1996:289) voraus, dass die handelnden Akteure mit Ressourcen/Ereignissen ausgestattet sind und selbst über das Recht zur Kontrolle der Ressourcen verfügen, was bedeutet, dass sie im Besitz der Kontrollrechte über ihre Ressourcen/Ereignisse sind. Haben diese Akteure auch ein Interesse an diesen Ressourcen, über die sie selbst verfügen, wird nach COLEMAN (1995a:39) eine erste einfache Handlungsart beschrieben, nämlich der Verbrauch von Ressourcen.

Abbildung 5: Einfache Handlungsart nach COLEMAN

Mit COLEMAN (ebd., S. 35) kann die einfache Handlungsart, die durch fehlende strukturelle Interdependenzen mit anderen handelnden Akteuren keine sozialen Strukturen hervorbringt, so beschrieben werden (siehe Abbildung 5): Akteur A1 kontrolliert die Ressource E1, an der er selber ein Interesse hat, d. h. Akteur A1 ist selbst im Besitz der Ressource E1 und verbraucht diese nutzenmaximierend. Werden die ressourcenverbrauchenden Akteure in die ICF-Terminologie übertragen, sind es danach die "Personen", die eine Handlung/Leistung durchführen, weil sie eine der Voraussetzungen erfüllen, um handeln zu können, nämlich die der Leistungsfähigkeit. Sie unterliegen also keiner Beeinträchtigung in der körperlichen Funktion oder Struktur (Schuntermann 2003a:11).

Im Kontext dieser Arbeit bedeutet dies, dass ressourcenmobilisierende Akteure eigenständig mit technischen Hilfen bzw. Assistenztieren[89] (außerpersönliche Kontextfaktoren) oder ohne solche die Kontrolle über eine Handlung - wie beispielsweise ‚sich waschen' - ausüben können. Es liegen keine sozialen Austauschbeziehungen von Unterstützungsressourcen vor. Wenn folglich behinderte Menschen die Ressourcen kontrollieren könnten, an denen sie Interesse haben, wären ebenso wie bei unbehinderten Menschen auch ihre Handlungen einfach zu beschreiben - betont COLEMAN (1995a:34) bei dieser einfachsten Handlungsart.

Besitzt ein Akteur eine bestimmte Ressource (Ereignis), an der andere Akteure interessiert sind, weil sie nicht selbst über die Ressource verfügen bzw. sie kontrollieren, steigt ihr Tauschwert. Denn der Wert wird - wie in der von COLEMAN (ebd., S. 35) zugrunde gelegten Ökonomie - von der Nachfrage bestimmt. "Aus dieser einfachen Tatsache" ergeben sich die sozialen Strukturen bzw. Systeme. Die einzelnen, aber wohlgemerkt nicht vereinzelten, Akteure treten in Tauschbeziehungen jeglicher Art, sobald sie Interesse an Ressourcen haben, die sie nicht selbst besitzen. Die Transaktionen bestehen bei sozialen Tauschbeziehungen meist aus dem Tausch von Verfügungs- und Kontrollrechten, die einen der verschiedenen Ressourcentypen darstellen. Aufgrund der Annahme von COLEMAN, dass die Kontrolle über Ressourcen/Ereignisse stets interessengeleitet ist, entstehen Tauschangebote der Akteure untereinander. Das setzt jedoch stillschweigend Verfügungs- und Veräußerungsrechte voraus (Becker 2002:12).

Abbildung 6: Minimales System von abhängigen Akteuren (Quelle: Coleman 1995a:36, Abb. 2.1)

Der Mechanismus des einfachen sozialen Austausches ist in Abbildung 6 dargestellt: Sobald der ressourcenmobilisierende Akteur A1 soziale Unterstützung in bestimmten Lebensbereichen benötigt, verfügt er - austauschtheoretisch argumentiert - nicht über die Kontrollrechte von Ressource/Ereignis E2 wie z. B. ‚sich waschen'. Besitzt dagegen ein zweiter Akteur A2 über die A1 interessierende Kontrolle der Ressource E2, ist der ressourcenmobilisierende Akteur A1 - nach dieser Logik - bestrebt, eine andere Ressource E1 wie z. B. ‚Verfassen eines Antrages', über die er selber Kontrollrechte besitzt, als Gegenleistung anzubieten. Der Akteur A2 hat wiederum Interesse an Ressource/Ereignis E1 des ressourcenmobilisierenden Akteurs A1, da er selbst nicht die Kontrolle über die Ressource E1 besitzt. Der Akteur A2 ist durch Aufgeben eines Teils seiner Kontrollrechte über die Ressource E2 (Unterstützungsleistung ‚sich waschen') in der Lage, einen Teil der Kontrolle über die Ressource E1 von Akteur A1 (‚Antrag verfassen') zu erlangen. Das Handlungsprinzip, das jeder der beiden Akteure verfolgt, "ist darauf ausgerichtet, durch die Aufgabe eigener Ressourcen die Kontrolle über die Ressourcen zu erlangen, die ihn interessieren" (Becker 2002:12).

Es findet ein balanciert reziproker Austausch der Kontrollrechte in diesem einfachen "minimalen Handlungssystem" statt. Mit COLEMANs Worten formuliert: "Die minimale Grundlage für ein soziales Handlungssystem sind zwei Akteure, die jeweils Ressourcen kontrollieren, an denen der andere interessiert ist" (Coleman 1995a:36). Beide Akteure handeln entsprechend der RCT nutzenmaximierend, weil sie durch den Austausch ihre Handlungssituation verbessern. Damit ist bereits deutlich, weshalb das Konzept des sozialen Kapitals, das in sozialen Netzwerken verankert ist, im Anschluss diskutiert wird. Die Handlungserweiterung ist ein Merkmal von sozialem Kapital, denn mit Nan LIN (2001:12) ist soziales Kapital in soziale Strukturen eingebettet und kann als Ressource mobilisiert werden.

COLEMAN (1995a:36) entwickelt sowohl die ökonomisch determinierte, zielgerichtete Handlungstheorie als auch die aufbauende utilitaristische Metatheorie mit allein vier Elementen, wie der Abbildung 6 zu entnehmen ist. In Anlehnung an die RCT stellt der eigennützige und nutzenmaximierende Akteur dabei ein Element dar. Die verschiedenen Typen von Ressourcen bzw. Ereignissen (oder die Austauschelemente, -medien) und Gegenstände sozialer Handlungen umfassen die zweiten Elementabgrenzungen. Grob lassen sich diese in materielle und immaterielle Ressourcen/Ereignisse aufteilen, wobei mit Ereignissen die Fähigkeiten und Fertigkeiten einzelner Akteure gemeint sind. Insbesondere für den individuellen Ressourcenaspekt des sozialen Kapitals, das als theoretisches Konzept der sozialen Unterstützungsnetzwerke dienen soll, sind folgende von COLEMAN (ebd., S. 40ff.) differenzierte Ressourcentypen relevant: (a) die "privaten teilbaren Güter" ähnlich den Austauschmedien in Marktsystemen, (b) die "Informationen" und (c) die "Veräußerlichkeit des Rechts auf Kontrolle über eigene Handlungen" (Verfügungs- und Kontrollrechte). Explizit betont COLEMAN (ebd., S. 41), dass es bei letzteren nicht um das "Aufgeben der Kontrolle" einer Handlung geht, sondern nur um das "Aufgeben des Rechts auf Kontrolle", das eindeutig stillschweigend die balancierte Reziprozität voraussetzt:

Akteure können ihre eigenen Handlungen kontrollieren, und wenn die Akteure gewisse Attribute wie Fertigkeiten oder Schönheit besitzen, an denen andere interessiert sind, können sie das Recht auf Kontrolle über einige ihrer eigenen Handlungen aufgeben.

Ausgehend von der Sparsamkeitslogik bei COLEMAN (ebd., S. 46), sind mit den einzigen interdependenten Beziehungsarten "Kontrolle" über Ressourcen/Ereignisse und "Interesse" an diesen Ressourcen die beiden anderen Elemente der Sozialtheorie genannt.

Im Zusammenhang mit dem Aktivitätskonzept der WHO, das ebenfalls auf einer allgemeinen Handlungstheorie basiert, entsprechen die Interessen neben der Leistungsfähigkeit den weiteren Bedingungen zur Erbringung einer Leistung bzw. Handlung. Das interessengeleitete Handeln wird von COLEMAN (ebd., S. 24) axiomatisch vorausgesetzt, denn seine Handlungstheorie ist - wie er selbst äußert - ausgehend vom "common sense" eine zielgerichtete Handlungstheorie.

Mittels der Beziehungsarten "Kontrolle" und "Interesse" leitet COLEMAN die beiden weiteren Handlungsarten in Abhängigkeit eigener für andere attraktive Ressourcen ab. Kann ein Akteur eigene Kontrollrechte über Ressourcen anbieten, wird ein Großteil sozialen Verhaltens zur Verwirklichung der Interessenrealisierung nach COLEMAN (ebd., S. 40, Herv. d. Verf.) mit dem reziproken "Erlangen von Kontrolle über Dinge, die für einen Akteur von größtem Interesse sind", als die zweite Handlungsart erklärt:

Dies geschieht üblicher Weise mit Hilfe der Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen, indem er die Kontrolle über Ressourcen, die für ihn weniger interessant sind, gegen die Kontrolle über Ressourcen eintauscht, die ihn mehr interessieren.

Es stellt sich die Frage, wie ein ressourcenmobilisierender Akteur Ressourcen erhält bzw. wie er Kontrollrechte erwirbt, um seinen Handlungsspielraum gemäß COLEMAN bzw. "Aktivitätsstatus" im Sinne der ICF zu erweitern. Eine Möglichkeit besteht in der technischen und eine andere in der personellen Hilfe. Damit kann er unabhängig von funktionalen Beeinträchtigungen das Aktivitätspotenzial (ICF) ausschöpfen. Zu den erwähnten personellen Hilfen werden soziale (Austausch-) Beziehungen aufgebaut, die nur in ihrer Wechselseitigkeit auf Dauer bestehen können. Das impliziert die anderen beiden Handlungsarten von COLEMAN.

Dem Erlangen des Rechts auf Kontrolle über Ressourcen/Ereignisse setzt COLEMAN zufolge eigene Ressourcen, an denen andere interessiert sind, zum Tausch voraus und macht balancierte oder nichtbalancierte Reziprozität zur Bedingung. Wird also die Diskrepanz zwischen Kontrolle und Interesse von der Angebotsseite aus betrachtet, bedeutet das konsequenterweise, dass die Akteure mit attraktiven Ressourcen ausgestattet sein müssen, um soziale Beziehungen eingehen und damit überhaupt in der Gemeinschaft partizipieren zu können. Bestimmte Kontextfaktoren wie entsprechend ausgelegte Behindertenpolitik, Menschenrechtspolitik und persönliche Hilfen ermöglichen also die Übertragung bzw. den Besitz der Kontrollrechte, um selbstbestimmt an den verschiedenen Lebensbereichen teilzunehmen.

Ein von COLEMAN (ebd., S. 48ff.) formuliertes "soziales Gleichgewicht", das an die ökonomische Terminologie "Grenznutzen" angelehnt ist, besteht dann, wenn keiner der beiden Akteure seine Interessen mit gegebenen ursprünglichen Kontrollrechten an Ressourcen besser verwirklichen kann. Dieses Gleichgewicht, so schränkt er ein, ist jedoch abhängig von der "ursprünglichen Verteilung der Kontrollrechte", was er mit "konstitutioneller Kontrolle" bezeichnet, die das soziale System beeinflusst (ebd., S. 49).

Eine andere Möglichkeit nach COLEMAN (ebd., S. 40, Herv. d. Verf.), rational als ressourcenmobilisierender Akteur eine regelmäßige Unterstützungsbeziehung zu generieren oder aufrecht zu halten, falls keine attraktiven Ressourcen zur Verfügung stehen, besteht in der dritten Handlungsart der "einseitigen Übertragung der Kontrolle über Ressourcen, an denen man interessiert ist". Hier entsteht kein soziales Gleichgewicht. Die einseitige Kontrollübertragung findet dann statt, wenn ein Akteur glaubt, seine eigenen Interessen besser zu verwirklichen. Das geschieht COLEMAN zufolge dann, wenn die Annahme der zweiten Handlungsart, seine Interessen durch Kontrollübernahme zu verwirklichen, nicht gilt. So ist es für den Akteur von größerem Nutzen, die Rechte der Ressourcenkontrolle dem anderen Akteur zu überlassen. Machtphänomene resultieren aus dieser Asymmetrie, die COLEMAN (ebd., S. 115ff.) als "konjunkte Herrschaftsbeziehungen" mit Konsenscharakter und damit implizierter Freiwilligkeit darstellt. Durch diese Vertrauensvergabe entstehen Vertrauensbeziehungen, auf denen das Konzept des sozialen Kapitals basiert. Erhält der Akteur dagegen eine kompensatorische Leistung (Lohn), liegt eine einfache "disjunkte Herrschaftsbeziehung" vor. Ersteres kennzeichnet die in Kapitel 4.4.1 hergeleiteten informellen Partnerschaftsbeziehungen und letzteres die ‚formellen Partnerschaftsbeziehungen', in denen der Assistent der Angestellte des ressourcenmobilisierenden Akteurs ist.

Für den Akteur stellt sich dabei das Problem, in seiner Notlage im Falle ungünstiger Austauschposition oft dazu gezwungen zu sein, sich laut COLEMAN freiwillig in diese Abhängigkeits-/Herrschaftsbeziehungen zu begeben. Rational gesehen, so argumentiert er, entspricht die einseitige Kontrollübertragung dessen Interesse.

Diese beiden Handlungsarten einzeln betrachtet oder in ihrer Verknüpfung definiert COLEMAN (ebd., S. 44) als soziale Handlungen bzw. soziale Beziehungen, denn "Handlungen charakterisiere ich [zumeist] als Übertragung von Kontrolle über Ressourcen oder des Rechts, Ressourcen zu kontrollieren". Soziale Handlungen sind demnach in seiner Logik Austauschbeziehungen und erzeugen durch den Austausch von Ressourcen/Ereignissen aufgrund von Interessenverwirklichung eine Struktur (strukturelle Interdependenz[90]) wie z. B. das einfachste Handlungssystem in Abbildung 6[91]. "Das einfachste Handlungssystem [...] ist ein paarweiser Austausch von Ressourcen" und stellt die direkte Reziprozitätsnorm in den Vordergrund (ebd., S. 46).

Wird von beiden Parteien der Anreiz zur Generierung und Fortführung der sozialen Beziehung durch wechselseitigen Austausch bzw. Unterstützungen selbst geschaffen, werden diese Handlungs- bzw. Beziehungsstrukturen nach COLEMAN (ebd., S. 54) "einfache Beziehungen" genannt. Einfache soziale Beziehungen zwischen zwei Personen, die eine Mischung von informellen Beziehungen darstellen, sind die Grundbausteine sozialer Organisationen bzw. sozialer Netzwerke. Das "natürliche Umfeld", wie er ebenfalls das soziale Netz bezeichnet, wächst durch diese einfachen Beziehungen selbstständig, während die Beziehungen, die zur Fortführung eine dritte Partei benötigen, die Bausteine für formale Organisationen (Netzwerke), das "konstruierte soziale Umfeld" bilden. Diese triadischen Beziehungen, in denen die Anreize zur Fortführung der Beziehung nicht selbst enthalten sind, bezeichnet COLEMAN (ebd.) als "komplexe Beziehungen". Soziale bzw. persönliche Netzwerke entsprechen nach ihrer Konzeption den einfachen sozialen Beziehungen.

4.3 Partizipation behinderter Menschen in sozialen Netzwerken zur Generierung, Aufrechterhaltung und Mobilisierung von sozialem Kapital

COLEMAN (1995a:389) begreift soziale (Austausch-) Beziehungen einerseits als Komponenten sozialer Strukturen bzw. Systeme wie Markt-, Vertrauens- oder Herrschaftssysteme und andererseits "als Ressourcen für die Individuen". Dieser allgemeine Ressourcenaspekt sozialer Strukturen kann damit begründet werden, dass Beziehungen auch aus alltagsweltlichen Beobachtungen heraus bewusst oder unbewusst genutzt werden, um eigene Interessen durchzusetzen (Nutzentheorie). Im Folgenden geht es um diese individuelle Handlungserweiterung, denn inwieweit ressourcenmobilisierende Akteure ein autonomes, selbstbestimmtes Alltagsleben organisieren können, hängt u. a. von den Unterstützungspotenzialen in ihren Netzwerken ab, d. h. von den Ressourcen, die diese zu bieten haben sowie von den Zugangsmöglichkeiten zu sozialem Kapital, um adäquat entsprechende Informationen und Unterstützung beziehen zu können. Zugangsmöglichkeiten und Mobilisierung sozialen Kapitals für ressourcenmobilisierende Akteure werden, austauschtheoretisch betrachtet, von den Ressourcen, die sie selbst kontrollieren, begrenzt.

In den Anfängen der Netzwerkforschung wurden die Indikatoren Anzahl der Netzwerkmitglieder und Kontakthäufigkeit zur Integrationsbestimmung verwendet. Doch ein behinderungsbedingter häufiger Kontakt bedeutet nicht unbedingt, dass eine enge Beziehung besteht. Hinzu kommt ein weiteres Qualitätskriterium sozialer Beziehung, denn die jeweiligen Beziehungs- bzw. Austauschstrukturen, wie in Kapitel 4.3.3 erläutert, werden von der Menge des finanziellen, humanen und sozialen Kapitals der Netzwerkmitglieder und des Akteurs selbst beeinflusst. Der Soziologe Pierre BOURDIEU (1983:191) wies darauf hin, dass die "Ausdehnung des Netzes von Beziehungen" den Umfang des Sozialkapitals (Strukturmerkmal) nicht allein ausmacht, sondern dass das den Beziehungen inhärente Kapital auch "vom Umfang des (ökonomischen, kulturellen oder symbolischen) Kapitals, das diejenigen besitzen, mit denen [man] in Beziehung steht", beeinflusst wird.

Aus soziologischer Perspektive kann soziales Kapital nach COLEMAN (1988, 1995a), der dieses Konzept neben BOURDIEU (1983) erstmals in einen größeren theoretischen Zusammenhang brachte[92], einerseits als individuelle Ressource zur Realisierung persönlicher Interessen (Ressourcenaspekt) und andererseits als kollektive Ressource (Kollektivgut wie Normen oder Informationen) definiert werden. Sonja HAUG (1997) fasst diese individuellen und kollektiven Ressourcenaspekte des sozialen Kapitals in ihrem Überblickartikel zu sozialem Kapital wie folgt zusammen:

Es ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen dem Nutzen, den eine Person mit vielen und/oder aufwendig gepflegten sozialen Beziehungen selbst aus diesem ‚sozialen Kapital' hat, dem Nutzen, den Personen, die geringen Aufwand zur Aufrechterhaltung von Beziehungen haben, indem sie über Dritte (‚weak ties') Zugang zu nützlichen Ressourcen erhalten können, und dem Nutzen, den das gesamte Kollektiv aus dem Vorhandensein von bestimmten (kleinen geschlossenen und großen weitläufigen) Beziehungsnetzen und dem damit verbundenen ‚sozialen Kapital' hat (ebd., S. 5).

HAUG (ebd., S. 46) schlägt zur besseren Unterscheidung des sozialen Kapitals als individuelle tauschbare Ressource und als unbeabsichtigtes, positives gesellschaftliches Nebenprodukt vor, letzteres als "Kollektivgut" zu bezeichnen, um es nicht mit dem Ressourcenbegriff zu verwechseln. Ebenso hebt LIN (2001:9) diese Unterscheidung als Grundvoraussetzung für eine Theorie des sozialen Kapitals hervor.

Soziales Kapital wird in den verschiedenen Forschungsdisziplinen, wie z. B. in der Stadtforschung (Jane Jacobs 1961), Ökonomie (Glenn C. Loury 1977), Politikwissenschaft (Robert D. Putnam 1995) oder Soziologie (Pierre Bourdieu 1983, James S. Coleman 1988) als Begriff mit entsprechend vielen Definitionen und Anwendungen gebraucht[93].

Kapital an sich, d. h. i. S. der Ökonomie, ist, neben Arbeit und Boden, der dritte klassische Produktionsfaktor und wurde spätestens mit Karl MARX' (1848) klassischer Kapitaltheorie analysiert, denn das Merkmal von Kapital liegt in der Investition für die Zukunft: "Fundamentally, capital remains a surplus value and represents an investment with expected returns" (Lin 2001:4). Die klassische ökonomische Kapitalform der finanziellen und physischen Ressourcen wurde um die Konzepte des Humankapitals (Coleman) bzw. des Kulturkapitals (Bourdieu) erweitert. LIN sieht den Unterschied gegenüber den klassischen Kapitalformen in der Aufhebung der Klassenunterschiede, weil:

the laborers, workers or masses can now invest, and thus acquire certain capital of their own [...] can now generate surplus value in trading their labor or work in the production and consumption markets (ebd., S. 6).

Dorothea JANSEN (2003:37), die sich wie LIN (2001) auf die Operationalisierung von sozialem Kapital in sozialen Netzwerken spezialisiert hat, diskutiert das Konzept des sozialen Kapitals als "Scharnier zwischen Akteuren und Strukturen", denn "der Zusammenhang zwischen Strukturen und dem Handeln einzelner Akteure im Netzwerk lässt sich mit dem Begriff des sozialen Kapitals erfassen". So grenzt auch PETERMANN (2002:38) deutlich den strukturellen Bestandteil sozialer Netzwerke von dem inhaltlichen (handlungstheoretischen) Aspekt sozialer Unterstützungsbeziehungen ab, mit denen die soziale Integration von Menschen analysiert werden kann: "Beides - Struktur und Handeln - fördert die soziale Integration einer Person in die Gesellschaft" (ebd.).

4.3.1 Konzept des sozialen Kapitals

Die Grundfrage des Sozialkapitalkonzeptes, warum Akteure mit sonst ähnlichem Finanz- und Humankapital zu unterschiedlichen Handlungsergebnissen kommen, beantwortet COLEMAN (1995a:395f.) mit dem individuell-strukturellen Konzept des sozialen Kapitals, um anschließend gesellschaftliche Phänomene ebenfalls individualistisch erklärbar machen zu können[94]. Er unterstellt hierbei den RC-Ansatz als Handlungsvoraussetzung, der zu diesen unterschiedlichen Handlungsergebnissen führt, und bringt mit dem handlungsfördernden Aspekt der Sozialstruktur die soziologische Perspektive mit der ökonomischen Orientierung zur Erklärung sozialen Handelns zusammen:

It is to import the economists' principle of rational action for use in the analysis of social systems proper, including but not limited to economic systems, and to do so without discarding social organization in the process. The concept of social capital is a tool to aid in this (Coleman 1988:97).

Der Sozialtheoretiker bezieht sich bei seiner Konzeptualisierung des sozialen Kapitals auf den Wirtschaftswissenschaftler Glenn C. LOURY, der Ende der 1970er Jahre die sozialen (externen) Ressourcen der sog. F-Verbindungen (Familie, Freunde und Firma) neben den individuellen Kompetenzen (interne Ressourcen) als entscheidende Quelle von Humankapital i. S. kognitiver und sozialer Entwicklung der Heranwachsenden, als "Familien- und Gemeinschaftskapital" (Dederichs 1999:131) verdeutlichte. Mit Betonung der Handlungserleichterung und damit der Umsetzung von Humankapital grenzt sich COLEMAN (1995a:390) von Loury ab, der nach seiner Meinung den Begriff des sozialen Kapitals prägte. Werden soziale Beziehungen und Interaktionen aus der funktionalistischen Perspektive heraus betrachtet, zielen eigentlich alle Beziehungen, die materielle oder immaterielle Ressourcen austauschen, darauf ab, Kapital zu schaffen, zu erhalten oder zu vernichten.

Die Durchsetzung individueller Interessen mit der produktiven Sozialkapitalressource stellt den Bezug zu dem Theorieansatz der Generierung sozialer Systeme von COLEMAN her, dem angepassten RC-Handlungsprinzip. Angepasst deshalb, weil die Gesellschaft ihm zufolge nicht, wie die liberal-ökonomische Theorie besagt, aus einer Kombination von unabhängigen, konkurrierenden Individuen besteht. Die beiden Elemente des struktur-individualistischen Konzeptes des sozialen Kapitals sind erstens die sozialen Strukturen als notwendige Bedingung (soziales Netzwerk) und zweitens die handlungsbegünstigenden Austauschhandlungen (soziale Unterstützungen), mit denen der Einfluss von Netzwerkparametern auf die Effizienz sozialer Netzwerke bestimmt werden kann (Petermann 2002:14).

COLEMAN (1995a:392) selbst definiert soziales Kapital mit dem handlungsfördernden Aspekt sozialer Strukturen sehr dehnbar wie folgt:

Ich werde diese sozialstrukturellen Ressourcen als Kapitalvermögen für das Individuum bzw. als soziales Kapital behandeln. Soziales Kapital wird über seine Funktion definiert. Es ist kein Einzelgebilde, sondern ist aus einer Vielzahl verschiedener Gebilde zusammengesetzt, die zwei Merkmale gemeinsam haben. Sie alle bestehen nämlich aus irgendeinem Aspekt der Sozialstruktur, und sie begünstigen bestimmte Handlungen von Individuen, die sich innerhalb der Struktur befinden.

Bestimmte Formen der Sozialstruktur wie z. B. soziale Netzwerke, Verpflichtungen und Erwartungen oder Normen werden über ihre Funktion identifiziert, die dann von Akteuren als Ressourcen - eben soziales Kapital - zur Interessenrealisierung genutzt werden können. So interpretiert er sozialstrukturelle Ressourcen als soziales Kapitalvermögen für das Individuum.

Diese handlungserweiternde Eigenschaft des sozialen Kapitals ist sehr breit angelegt. Denkt man Emanuel v. ERLACH (2000:21) weiter, der durch die soziokulturelle Bedeutung des personenseitigen Merkmals Geschlecht, das sich von dem biologischen Aspekt unterscheidet, fragt, ob Geschlecht Kapital ist, kann eben auch dem individuellen Merkmal Behinderung mit der sozialen Perspektive eine soziostrukturelle Komponente zugeschrieben werden. Situationsbedingt wirkt Behinderung oft handlungsrestriktiv, wie beispielsweise bei Kontaktvermeidung aufgrund von Interaktionsspannungen[95]. Aber Behinderung könnte ebenso auch im Vergleich handlungserweiternd wirken, wie beispielsweise bei schneller Kontaktaufnahme aufgrund ständiger Unterstützungserfordernisse. Doch kann, so gesehen, Behinderung als Kapital nach COLEMANs breit angelegter Definition betrachtet werden?

So verlockend dieser Gedanke sein kann, muss mit ERLACH (ebd.) die Frage verneint werden, da die Investitions- und Akkumulationsmomente als typische Kapitalkriterien fehlen. Sonderrechte werden nur als Privileg von unbehinderten Menschen angesehen, wenn die Gerechtigkeitsvorstellungen auf Gleichheitsbekundungen beruhen - so postuliert Katja DETTMERING (1999:187). Um jedoch die eigene Identität mit all ihren Besonderheiten und damit auch Behinderungen zu wahren, geht es um Gleichberechtigung und damit um eine Gerechtigkeitsvorstellung, die auf die Differenzen von Individuen ausgerichtet ist. Sonderrechte sind dann an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet, und es wäre selbstverständlich, dass jeder Mensch das an Unterstützung erhält, was er benötigt.

Mit COLEMANs Definition sind bereits die wesentlichen Eigenschaften des sozialen Kapitals erwähnt - der Aspekt der Sozialstruktur und die handlungsbegünstigende Wirkung. Soziales Kapital ist daher wie auch die beiden anderen Kapitalarten produktiv (Coleman 1988:98, 1995a:394). Eine weitere Eigenschaft des sozialen Kapitals besteht darin, dass es für den rationalen Akteur eine potenzielle Ressource (credit slip) darstellt, auf die individuell zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen zurück gegriffen werden kann und aufgrund eingeschränkter eigener Ressourcen auch muss. Dies weist auf den reziprok determinierten Mechanismus sozialen Kapitals hin, der gemäß COLEMAN mit Verpflichtungen und Erwartungen (Gutschriften) beschrieben werden kann, die in Kapitel 4.3.2 als eine Form sozialen Kapitals, m. E. eine Grundform, erläutert wird: Danach hilft jemand einem anderen, d. h. ökonomisch formuliert: jemand gewährt einem anderen einen Kredit, weil er sich entweder davon eine Gegenleistung von demjenigen verspricht (Gutschrift), oder weil er dadurch in seinem sozialen Umfeld, Netzwerk durch Status- und Prestigegewinn sozial honoriert wird (Statusgewinn).

Die kalkulierenden Kosten- und Nutzenabwägungen setzen nach COLEMAN dichte und langfristige Beziehungsnetze voraus und ermöglichen balancierte oder nichtbalancierte Reziprozität, womit die drei Grundbedingungen genannt sind, die soziales Kapital entstehen lassen: Geschlossenheit, Beziehungsdauer und Beziehungsarbeit. Dies wird zielgerichtet erzeugt oder es entsteht als Nebenprodukt sozialer Austauschhandlungen, da es nicht als kontrollierbare Ressource einem Akteur zuzuordnen ist. Zielgerichtetheit und Nebenprodukt sind weitere Eigenschaften des sozialen Kapitals.

Ein Unterschied zu den beiden anderen Kapitalformen Finanz- und Humankapital (Bildung, Fähigkeiten und Fertigkeiten) besteht nach COLEMAN (1995a:392) in der sozialstrukturellen Eigenschaft des sozialen Kapitals, denn: "anders als andere Kapitalformen wohnt soziales Kapital den Beziehungsstrukturen zwischen zwei und mehr Personen inne [...]". Folglich ist soziales Kapital nicht wie die beiden anderen Kapitalformen Eigentum einzelner Individuen: "Da soziales Kapital ein Merkmal der Sozialstruktur darstellt, in die eine Person eingebettet ist, kann es keine der Personen, die von ihm profitieren, als Privateigentum betrachten" (ebd., S. 409). Ein weiterer Unterschied zu Finanz- und Humankapital, die ungenutzt nicht ihren Wert verlieren und sogar steigern, begründet sich mit dem Ressourcenaspekt des sozialen Kapitals, dessen Wert nur in der vorhandenen Sozialstruktur liegt. D. h. die aktuellen Beziehungen müssen ständig genutzt werden, da sie sonst an Wert verlieren. So wie ein Stuhl ohne seine Funktion "auf ihm sitzen können" wertlos ist, denn:

die Funktion, die der Begriff ‚soziales Kapital' identifiziert, ist der Wert, den diese Aspekte der Sozialstruktur für Akteure haben, und zwar in Gestalt von Ressourcen, die von den Akteuren dazu benutzt werden können, ihre Interessen zu realisieren (ebd., S. 395).

Die Bedingungen bzw. die begünstigenden Eigenschaften von sozialen Strukturen in Kapitel 4.3.3 werden exemplarisch für triadische Sozialsysteme, die als Netzwerksegmente fungieren, in Anlehnung an COLEMAN mit Bezug auf behinderte Akteure erläutert.

4.3.2 Relevantes soziales Kapital ressourcenmobilisierender Akteure

Zwischen den Formen des sozialen Kapitals und den Sozialstrukturen besteht eine Beziehung, die COLEMAN in seiner Einführung zu den sozialen Strukturen mit dem Konzept des sozialen Kapitals erläutert. Sein Ziel ist es, den Handlungskontext der Akteure mit unterschiedlichem Handlungserfolg zu modellieren, da dieser neben den Ressourcentypen und Handlungsarten soziale Handlungsstrukturen erzeugt.

Es sei hier noch einmal der Mechanismus von einfachen sozialen Austauschbeziehungen unter dem Aspekt des sozialen Kapitals als individuelle Ressource erwähnt[96]: Das Prinzip einer aufgeschobenen Belohnung i. S. indirekter oder generalisierter Reziprozität eines gegenwärtigen Verzichts führt auch bei sozialem Kapital zu Kapitalbildung. Mit einer gegenwärtigen Investition in eine soziale Beziehung zu Akteur A2 vertraut ein rational handelnder Akteur A1 darauf, in naher Zukunft eine Gegenleistung zu erhalten (ebd., S. 395).

Genau diese Vertrauensbeziehungen sind nach COLEMAN (ebd., S. 397) die Voraussetzungen für längerfristige soziale Beziehungen, in denen soziale Ressourcen für den Unterstützungsbedarfsfall vorhanden sind. Sie stellen mit der Verknüpfung von Verpflichtungen und Erwartungen (Gutschriften) eine erste Form, m. E. Grundform von sozialem Kapital dar. Verpflichtungen und Erwartungen sind zugleich Eigenschaften des sozialen Kapitals, da damit der Mechanismus anhand von linearen Handlungssystemen plausibel wird. Die Menge der Gutschriften, die ein Akteur besitzt, entsprechen einem Kredit (credit slip), auf den im Bedarfsfall zugegriffen werden kann, um somit die Handlungsspielräume zu erweitern. Unter der Voraussetzung, dass das soziale Umfeld auch die Verpflichtungen einlöst, machen diese Gutschriften die Menge des sozialen Kapitals aus, über das ein Akteur verfügt.

Ressourcenmobilisierende Akteure können in wechselseitigen Austauschbeziehungen also selbstbewusst Unterstützung erwarten, wenn sie strategisch soziales Kapital in Form von eigenen Unterstützungen mit lukrativen Ressourcen wie Humankapital und Finanzkapital generieren. Das wiederum schafft die Möglichkeit, selbst auszuwählen, wer zu welchem Zeitpunkt für welche erforderliche Unterstützung geeignet ist. Diese Wechselseitigkeit ist den ‚informellen' oder ‚formellen Partnerschaftsbeziehungsstrukturen' in Kapitel 4.4.1 inhärent.

Gemäß der COLEMANschen Austauschlogik wird Vertrauen durch eine Sequenz von reziprokem oder symmetrischem Austausch von Verpflichtungen und Erwartungenerzeugt, den COLEMAN (ebd.) als "Spiel zwischen den Akteuren" deklariert. Spiel deshalb, weil diese Verpflichtungen bei empfangenen Leistungen und die Erwartungen bei gewährten Leistungen zwischen den Akteuren ausgehandelt werden. Wie in Kapitel 3.3.2 zur indirekten Reziprozität schon veranschaulicht, wird anstelle der Verträge in klassischen perfekten Marktbeziehungen Vertrauen in nichtökonomischen Transferbeziehungen benutzt, um die Risiken zwischen unterstützungsleistendem Akteur (Treugeber) und unterstützungserhaltendem Akteur (Treuhänder) im Fall zeitlicher Differenzen der Interessen an den jeweiligen Ressourcen zu überbrücken. Vertrauen bzw. die Vertrauensvergabe des Treugebers impliziert jedoch ein Risiko im Unterschied zum Vertrag, ob der Treuhänder das erhaltene Vertrauen rechtfertigt. Dieses Risiko muss die unterstützungsleistende Person (Treugeber) mit ihrer zunächst einseitigen Unterstützungshandlung einkalkulieren. Die strukturellen bzw. relativen Merkmale, die Vertrauen und damit soziales Kapital erzeugen, werden mit COLEMAN in Kapitel 4.3.3 besprochen.

Die allgemeine Idee sozialen Kapitals, dass ein rational handelnder Akteur seine Ressourcen zur Verfügung stellt, ohne dabei Gewissheit über Zeitpunkt, Art und Quelle der Gegenleistung (vom Treuhänder oder einem anderen Akteur) zu haben, begründet COLEMAN (ebd., S. 400ff.) mit dem Zeitaspekt einer Beziehung. Beziehungsgeschichte und -zukunft erzeugen Verpflichtungen und Erwartungen (Gutschriften). Das Akkumulieren von Gutschriften bedeutet ihm gemäß eine Art "Versicherungspolice", weshalb es ra-tional ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in geschlossenen Sozialstrukturen wie Netzwerken jemanden zu unterstützen. Außerdem würde der unterstützende Akteur aus Kalkulationsgründen darauf achten, dass seine Transaktionskosten gering sind. So wird manchmal auch behinderten Menschen ungefragt geholfen, auch wenn keine Bedarfsäußerung gemacht wurde, insbesondere in dichten Netzwerkstrukturen, wo Normen entstehen, was COLEMAN (ebd., S. 354) mit "Übereifer" erklärt. Umgekehrt wäre es vom ressourcenmobilisierenden Akteur rational, strategische Netzwerkbeziehungen aufzubauen, um gegebenenfalls soziales Kapital adäquat zu mobilisieren. Er investiert also in eine Beziehung in dem Moment, in dem es ihm, seinen vorhandenen Ressourcen entsprechend, leicht fällt, zu helfen, um dann im Bedarfsfall selbstsicher die Unterstützungsleistung für sich selbst einzufordern.

Das führt gemäß COLEMAN zu einem weiteren rationalen Beweggrund, jemanden zu unterstützen, verbunden mit der Erwartung, dass die Beziehungen anhalten (Zukunftsaspekt). Ein Akteur unterstützt strategisch kalkulierend, weil später ein Gegengefallen zu erwarten ist, die im (subjektiven) Wert für den unterstützenden Akteur größer ausfallen muss, als aktual geleistet wird. Da der Wert der gegenwärtigen Unterstützung für den Rezipienten in seinem behinderungsbedingten Angewiesensein auf Unterstützung groß ist, lässt sich vermuten, dass ressourcenmobilisierende Akteure mehr geben als nehmen, da Menschen bestrebt sind, Beziehungen reziprok auszugleichen.

Zudem ist es für den ressourcenmobilisierenden Akteur laut COLEMAN (ebd., S. 411) rational, einerseits nicht die Verpflichtung gegenüber der Unterstützungsperson einzugehen, was z. B. mit der Suche nach alternativen Organisationsformen sozialer Unterstützung einher geht. COLEMAN (1995b:127) sieht in solchen institutionellen, z. T. wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, die mittels "globaler Existenzfähigkeit" das "Anreizsystem zur freiwilligen Übertragung von Rechten auf bestimmte Handlungen" untergraben würden, eine Gefahr für die "unabhängige Existenzfähigkeit" traditioneller Sozialstrukturen (Familien- und Verwandtschaftsnetzwerke), die sich durch die gegenseitige Unterstützung mit beiderseitigem Gewinn aus der Beziehung auszeichnen und somit "unabhängig existieren" können. Diese institutionellen Alternativen zu persönlichen Unterstützungsbeziehungen sind u. a. für COLEMAN (ebd., S. 412f.) Faktoren, die zur Zerstörung von sozialen Beziehungen und damit sozialem Kapital beitragen, da gegenseitige Abhängigkeit und damit der soziale Austausch fehlen. Weitere Faktoren der Zerstörung des sozialen Kapitals sind die individuellen (berufsbedingten) Mobilitätserfordernisse in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften sowie das Nichtvorhandensein von Verpflichtungen im Gleichgewicht aufgrund gesellschaftlicher Generationenverträge (Solidargemeinschaft).

Andererseits hat der ressourcenmobilisierende, rational handelnde Akteur die Möglichkeit, seine Interessen zu reduzieren, um die Folgen der Schuldgefühle im Kontext nicht reziproker Beziehungen zu vermeiden, denn "Personen, die nicht in der Lage sind, Leistungen reziprok zurückzuerstatten", sind weniger bereit, Hilfe zu suchen bzw. anzunehmen und damit soziales Kapital zu mobilisieren (Otto 2003:7). Dieser Aspekt sollte in einer Erhebung zu reziproken Unterstützungsbeziehungen mit einer entsprechenden Fragestellung berücksichtigt werden.

Eine weitere Form sozialen Kapitals sind nach COLEMAN (1995a:403) Normen und entsprechend wirksame Sanktionen, die zur Einhaltung bestimmter Handlungen überwiegend in geschlossenen sozialen Strukturen vorkommen[97]. Normen entstehen durch ein kollektives Interesse, effizientere Handlungssysteme zu ermöglichen, die die Gewinne auf alle verteilen und den einzelnen Akteur möglicherweise einschränken (Stecher 2000:42). COLEMAN (1995a:311ff.) widmet sich dem sozialen Phänomen, warum sich rational handelnde Akteure den Normen für bestimmte Handlungen in sozialen Einheiten fügen, sehr ausführlich, indem er herleitet, wie Normen bewusst erzeugt werden. Eine Norm als Konsens stehe dann in Bezug auf eine Handlung, "wenn das [informelle] sozial definierte Recht auf Kontrolle der Handlung nicht vom Akteur, sondern von anderen behauptet wird" (ebd., S. 313). Er unterscheidet die "proskriptiven Normen", d. h. dass Fokalhandlungen verboten werden wie z. B., dass negative Assoziationen und "originäre Reaktionen" (Cloerkes 1997) abzuwehren sind, und die "präskriptiven Normen", die bestimmte Fokalhandlungen vorschreiben, wie z. B. die Dankbarkeit bei Unterstützungserhalt zu zeigen (Colemann 1995a:318). Entsprechend der Fokalhandlung trennt COLEMAN (ebd., S. 320f.) Normen in "konventionelle Normen" wie z. B., dass die unterschiedliche Leistungsfähigkeit zwischen behinderten und unbehinderten Menschen zum Tabu im Umgang miteinander wird, sowie in "essentielle Normen" wie z. B., dass behinderten Familienmitgliedern ohne Reziprozitätserwartungen geholfen wird.

Menschen greifen auf ihre sozialen Netzwerke zurück, um sich mit dem Ziel, eine Handlung zu erleichtern, zu informieren. Dieses Informationspotenzial in sozialen Einheiten wie z. B. informellen Netzwerken ist nach COLEMAN (ebd., S. 402) eine weitere Form sozialen Kapitals. Er postuliert, dass Informationen durch Beziehungen nicht wegen der Gutschrift wie in Vertrauensbeziehungen, sondern aufgrund des Inhalts wertvoll sind. Hierbei, so führt er weiter aus, kann auf Beziehungen zurückgegriffen werden, die ursprünglich für andere Zwecke bzw. Unterstützungsleistungen geeignet waren oder sogar strategisch aufrecht erhalten wurden. Rational ist es, sich Informationen zu holen, wenn der eigene Rechercheaufwand zu groß wäre. Der einflussreiche Netzwerkklassiker Mark GRANOVETTER (1973) und seine legendäre Untersuchung zur "Stärke schwacher Beziehungen" bewies empirisch, dass seltene wertvolle Informationen überwiegend von lockeren Netzwerkbeziehungen (weak ties) kommen. Enge Beziehungen schaffen Vertrauen und basieren auf gemeinsamen Erfahrungs- und Wertehorizonten, so dass die Informationen oft redundant sind. Im anschließenden Kapitel wird dies im Zusammenhang zwischen Struktur und sozialem Kapital aufgegriffen.

Für behinderte Menschen können Informationen ein wichtiges Moment in Richtung des Erfahrungsaustausches in behindertenbestimmten Netzwerksegmenten oder Selbsthilfegruppen, Vereinen u. ä. sein, durch die sie wertvolle Tipps zur Alltagsbewältigung, Stressbewältigung erhalten oder geben. Diese können sie wiederum nur aufbauen und fortführen, wenn ihnen entweder die entsprechende Technik (assistive technology) wie Internetzugang und adaptierte Computertechnik oder die erforderliche Unterstützung zur Mobilität oder Kommunikation durch die sozialen oder physikalischen Umweltfaktoren zur Verfügung stehen. Erfahrungen können z. B. über Organisationsformen der Persönlichen Assistenz, über Inanspruchnahme- und Behandlungsmöglichkeiten usw. ausgetauscht werden, was wiederum zu erweiterten Entscheidungs- und Handlungsoptionen führen kann. Der ressourcenmobilisierende Akteur, der viele solcher Informationskanäle in seinem sozialen Netzwerk aufbauen kann, verfügt über viel soziales Kapital als Informations- und Beratungsressource zum Nehmen wie auch zum Geben.

Ein einzelner Akteur A kann durch die zunächst freiwillige Übertragung von Kontrollrechten über Handlungen von anderen Akteuren soziales Kapital akkumulieren. Es entstehen so Herrschaftsbeziehungen als eine weitere Form, die die Handlungen von Akteur A begünstigen, aber zumeist auch das gesamte soziale Kapital der Gruppe erhöhen (Coleman 1995a:404). Herrschaft definiert COLEMAN (ebd., S. 83) als das "Recht, die Handlungen anderer zu kontrollieren". Eng verbunden mit Herrschaftskonstellationen verdeutlicht er das Trittbrettfahrerproblem, nämlich, dass einzelne Personen an öffentlichen Gütern eines Kollektivs partizipieren, ohne eine Eigenleistung zu erbringen, und keine gewissen Machtausübungen durch die Normenerzeuger existieren (ebd., S. 353ff.). Dieser kollektive Aspekt ist für diese Arbeit jedoch nicht relevant. Ressourcenmobilisierende Akteure sind aufgrund körperlicher Einschränkungen aber gezwungen, ihr Recht auf Kontrolle über bestimmte Handlungen (Mobilität, persönliche Versorgung, etc.) aufzugeben, um ihre Interessen zu realisieren. Nach COLEMAN (ebd., S. 100ff.) gibt es "disjunkte Herrschaftsbeziehungen", in denen beide Akteure Kosten und Nutzen der einseitigen Kontrollübertragung teilen, und "konjunkte Herrschaftsbeziehungen", in denen der Untergebene (Agent) zum Ausgleich seiner einseitigen Kosten extrinsische Mittel (Lohn) erhält.

Die beiden weiteren Formen sozialen Kapitals sind die übereignungsfähigen Organisationen, mit denen Ressourcen für die Mitglieder neben dem eigentlichen Gründungszweck einer Organisation frei werden.

Eng damit verbunden sind die sog. zielgerichteten Organisationen, in denen soziales Kapital, bedingt durch seine Eigenschaft, Nebenprodukt von Aktivitäten zu sein, erzeugt wird, obwohl die Organisation anderen Zielen dienlich ist. Zielgerichteten Organisationen wie z. B. die beschriebenen Assistenzorganisationen in Kapitel 1.2.3.1, die ursprünglich als verwaltende Schnittstelle zwischen Assistenznehmer und Assistenten entstanden waren, können sich ebenso für ein deutschlandweites Assistenzgesetz[98] einsetzen und es mit ausarbeiten. Damit wird, wie COLEMAN (ebd.) diskutiert, ein öffentliches Gut produziert, quasi als Nebenprodukt von Aktivitäten zu anderen Zwecken. Zielgerichtete Organisationen werden also gegründet, um die geringen Ressourcen einzelner Akteure für ein gemeinsames Ziel zusammen zu bringen.

Diese Erläuterungen sollen genügen, da in der erkenntnistheoretischen Diskussion zu sozialen Netzwerken und ihren gegenseitigen Ressourcen der kollektive Ressourcenaspekt von sozialem Kapital nicht von Interesse ist.

4.3.3 Zusammenhang zwischen Merkmalen sozialer Strukturen und Ausmaß des sozialen Kapitals ressourcenmobilisierender Akteure

Die Eigenschaften sozialer Beziehungsstrukturen, die COLEMAN auf unterschiedliche Konstellationen von Interesse und Kontrolle reduziert, und die nützlichen Kapitalressourcen in Abhängigkeit von Verpflichtungen und Erwartungen ("Spiel der Akteure") sollen hier mit dem Verständnis von COLEMAN diskutiert werden, soziales Kapital zu schaffen bzw. zu zerstören. Um die Ziele durch soziale Unterstützung verwirklichen zu können (Handlungserweiterung), müssen nach LIN (2001:12) die in Netzwerken verankerten Ressourcen (embeddedness) auch von den Akteuren individuell erreicht (accessibility) und mobilisiert (mobilization) werden können. "Thus conceived, social capital constrains three elements intersecting structure and action". Folglich ist die Position innerhalb des sozialen Netzes entscheidend für die Menge an sozialem Kapital für den Einzelnen.

Soziales Kapital stellt eine schwer zu kalkulierende Ressource dar, die nur solange existiert wie die Beziehungen zwischen den Akteuren. Soziale Strukturen wie z. B. soziale Netzwerke ressourcenmobilisierender Akteure als Handlungssysteme, die sich "aus zielgerichteten Akteuren, die miteinander in Beziehung stehen", zusammensetzen, haben entsprechend COLEMAN (1995b:348ff.) mit drei formalen Aspekten auf die Menge an sozialem Kapital Einfluss. Mit klassisch strukturell-individualistischer Logik beschreibt er die Auswirkungen veränderter moderner Sozialstrukturen am Beispiel der Einflussnahme "ursprünglicher Organisationsstrukturen", also sozialer informeller Netzwerke, auf die Humankapitalbildung (Sozialisation) der Kinder. Ihm gemäß zerfallen die inhärenten sozialen Ressourcen (soziales Kapital) aufgrund zunehmender zielgerichteter Körperschaftsstrukturen, deren Interessen sich von den Elterninteressen strukturbedingt unterscheiden[99]. "Die ursprüngliche Struktur löst sich allmählich auf, indem ihre Funktionen von den Körperschaften übernommen werden" (ebd., S. 342).

Für die Schöpfung von sozialem Kapital in familialen Netzwerken, die aber auch für andere Konstellationen sozialer Netzwerke gelten, nennt COLEMAN (ebd., S. 348) zunächst den Aufwand und die Zeit i. S. von Intensität der dyadischen Beziehungen. Entsprechend seiner Logik entwickeln sie sich durch neue Sozialstrukturen gegenüber "ursprünglicher" Struktur i. S. TÖNNIESscher Gemeinschaften wie z. B. Trennung von Haus- und Erwerbsarbeit zu Ungunsten sozialer Ressourcen, also sozialen Kapitals. Netzwerkanalytisch ist Intensität ein relationales Merkmal sozialer Netzwerke, das die Qualität der Beziehung hinsichtlich der Stärke ausdrücken soll.

Die folgende Abbildung 7 visualisiert den sozialen Kapitalansatz und stellt zugleich COLEMANs (1995a:395) Verbindung zur Terminologie und Auswertungsmöglichkeit der SNA her. Der Sozialtheoretiker lehnt sich in der gesamten Sozialstrukturanalyse an die Darstellungsform der Soziogramme[100] an, deren Analyse zum "Standardrepertoire" der SNA für kleine Netzwerke wurde (Jansen 2002:40, 91).

Explizit erläutert COLEMAN (1995a:395) am Beispiel der Übertragung von Humankapital der Eltern auf die Kinder die Grafik mit netzwerkanalytischen Begriffen, wobei die Knoten (Punkte) die Akteure darstellen und die Linien (netzwerkanalytisch: Kanten) das soziale Kapital symbolisieren, das zwischen den Akteuren existiert.

Für ressourcenmobilisierende Akteure (RA) kann diese geschlossene Sozialstruktur, in der soziales Kapital aufgrund von Verpflichtungen und Gutschriften, Normengenerierung und sozialem Druck entsteht, einerseits Unterstützungssicherheit als Garantie und andererseits Fremdbestimmung bedeuten. Mit dem auf Seite #Beispiel_Start42 konstruierten Fallbeispiel soll diese Ambivalenz verdeutlicht werden:

Lebt die rollstuhlfahrende Person (BM) in einem sehr engen, geschlossenen sozialen Netz wie beispielsweise bei den Eltern, können sich aufgrund gegenseitiger sozialer Kontrolle (Sanktionen), sozialer Anerkennung, die zwischen Mutter (Akteur A1) und Vater (Akteur A2) durch die Geschlossenheit in der Abbildung 7 erfolgen kann, oder einfach durch intrinsische Belohnungen Normen entwickeln, mit denen die Unterstützungsleistungen ohne Erwartung einer Gegenleistung gegeben werden. Das wiederum kann dazu führen, dass nicht die Selbstständigkeit trainiert wird, dass der Person eben schnell geholfen wird, ohne darüber nachzudenken, ob angemessene Hilfe entsprechend dem Alter geleistet wird.

Deutlich wird an diesem Beispielkonstrukt, dass zwar keine balancierte Reziprozitätsnorm in Abhängigkeit der Beziehungsart gilt, dennoch die Gegenleistung über das soziale Netz erfolgt. Wird die Gerichtetheit der sozialen Beziehungen zwischen den Netzwerkmitgliedern mit berücksichtigt, lassen sich reziproke bzw. nichtreziproke Handlungsstrukturen zwischen den drei Akteuren (Triaden) gemäß der nachstehenden Abbildung 8 als Kontinuum zwischen offenen und geschlossenen reziproken bzw. symmetrischen Beziehungen abbilden.

Die Handlungssysteme unterscheiden sich nach COLEMAN (1995a:407ff.) in der Quantität wechselseitiger Beziehungen und damit in der Menge an sozialem Kapital für den einzelnen Akteur (individuelle Ressource) bzw. für die Gruppe (kollektive Ressource) in Abhängigkeit von der Geschlossenheit bzw. von Netzwerkmerkmal Dichte. Verpflichtungen und Erwartungen bzw. Gutschriften (credit slips) finden sich in den dyadischen Beziehungen der folgenden Abbildungen zwischen Akteur A1 und dem ressourcenmobilisierenden Akteur (RA) zwischen den gedachten Netzwerkmitgliedern A1 und A2 usw. wieder.

Abbildung 8: Soziales Kapital in Drei-Akteure-Systemen ressourcenmobilisierender Akteure (RA)

In dieser Abbildung bedeuten die Beziehungen, dass Akteur A1 einige Ressourcen/Ereignisse kontrolliert, die für den ressourcenmobilisierenden Akteur (RA) von Interesse sind, und dieser einige Ressourcen kontrolliert, die A1 interessieren. Eine gerichtete Linie (Pfeil) von A1 zu RA entspricht demnach - mit COLEMAN (ebd., S. 407) gesprochen - dem Interesse von RA an Ereignissen, die von A1 kontrolliert werden, oder der Abhängigkeit des RA von A1.

In einem geschlossenen Netzwerk bzw. Netzwerk mit sozialer Schließung (A) kann soziales Kapital in Form von Verpflichtungen und Gutschriften oder Normen nach COLEMAN günstiger "produziert" werden als in einem offenen Netzwerk (B) der Abbildung 8. Die soziale Kontrolle spielt in diesen Strukturen, wie am konstruierten Beispiel der rollstuhlfahrenden Person gezeigt wird, eine erhebliche Rolle. COLEMAN (1995b:348ff.) diskutiert dies am Beispiel der gegenseitigen Hilfe in der Nachbarschaft bei der Erziehung der Kinder (Internalisierungsprozess von Normen). Umgekehrt entwickeln sich in dichten Netzwerkbeziehungen aber die für die soziale Partizipation wichtigen Indikatoren wie Zugehörigkeitsgefühl, Geborgenheit und sozialer Rückhalt sowie Vertrauen, die nach COLEMAN soziales Kapital entstehen lassen, weshalb er geschlossene Netzwerkstrukturen als entscheidende Quelle für soziales Kapital ansieht. Den handlungsfördernden Aspekt sozialer Strukturen, die man sich leicht auch für die Strukturen (A), (B) und (C) der Abbildung 8 als gespiegelt und damit als bereits größeres Netzwerk mit fünf Personen vorstellen kann, sieht COLEMAN aber einseitig (Lin 2001:10). Sozialstrukturen wirken nicht allein handlungsbegünstigend, sondern sie können, wie das obige Beispielkonstrukt auf Seite 97 zeigt, ebenso dem Handeln im Wege stehen. Bernd WEGENER (1986) hat diese umgekehrte Wirkung der Sozialstrukturen bei der Herleitung der "strukturellen Handlungsbedingungen für den ‚Nutzen' entfernter Verwandter" diskutiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere Akteure mit geringen Ressourcen und/oder geringerem Status überwiegend weak ties zur Verfügung haben sollten, um ihre Handlungsspielräume zu erweitern (ebd., S. 291). Ebenso hat GRANOVETTER (1973) empirisch belegt, dass, positionell betrachtet, sog. "Brückenbeziehungen" die entscheidenden Ressourcen insbesondere für instrumentelle Unterstützungen sind. So kann geschlussfolgert werden, dass ressourcenmobilisierende Akteure im Falle ihrer ungünstigen Ausgangsposition strategisch lockere Beziehungen (weak ties) aufbauen, um aus verschiedenen Unterstützungsquellen ihre Bedürfnisse adäquat zu befriedigen.

Damit sind die beiden wichtigsten Strukturmerkmale, die das soziale Kapital in seiner Quantität beeinflussen, genannt: Dichte der Netzwerkbeziehungen (Geschlossenheit) und, von COLEMAN unberücksichtigt, die sog. "strukturellen Löcher" bzw. netzwerkterminologisch "Brücken", wie andeutungsweise in Abbildung 8 (B) gezeigt. Es geht folglich um das Begriffspaar "strong ties" (starke Beziehungen) und "weak ties" (schwache Beziehungen). GRANOVETTER (1973) machte in seiner aufschlussreichen Studie deutlich, dass der Zugang zu begehrten Ressourcen wie berufliche Mobilität überwiegend durch sparsam geknüpfte, weit ausgreifende Netzwerke mit geringer Dichte ermöglicht wird, weil die Informationen als eine Sozialkapitalform aus heterogenen Quellen vielschichtiger sind. Weak ties "sind für alle Mobilitäts-, Modernisierungs-, Innovations- und Diffusionsprozesse von großer Bedeutung" (Jansen 2000:39).

Dagegen müssen mit Ronald BURT (1992, zit. nach Jansen 2000:40) die "strukturellen Löcher" abgegrenzt werden, die auf diesen weak ties basieren; jedoch erzeugt die "Position eines Akteurs als Brücke zwischen verschiedenen Clustern" (Netzwerksegmenten) noch viel eher soziales Kapital. "Brücken" sind Beziehungen, die über die Grenzen von Netzwerkclustern hinausgehen. Sternenförmig fließen die nicht redundanten Informationen zu dem einen Akteur, der sich in einer guten Position befindet, wenn die anderen Netzwerkmitglieder sich nicht kennen. Die Netzwerkmitglieder, zu denen der "Brücken"-Akteur Kontakt hat, sammeln quasi für ihn aus ihren separaten Netzwerkbeziehungen die Informationen und geben sie ihm gebündelt weiter. Das erspart diesem Akteur mühsame Beziehungsarbeit (Transaktionskosten), die die Zahl der engen Beziehungen sehr klein hält; und er erreicht für sich maximalen Gewinn.

Aus netzwerkanalytischer Sicht gemäß GRANOVETTERs weak ties und strong ties, besteht soziales Kapital in beiden Strukturen. Insbesondere die "Brücken" sind gerade in Lebenskrisen sehr nutzbringend, da sie eine Möglichkeit bieten, aus den homogenen, oft erdrückenden Beziehungen auszubrechen. Mit der erneuten Zuhilfenahme des konstruierten Fallbeispiels einer rollstuhlfahrenden Person von Seite #Beispiel_Start42 können die Vor- und Nachteile der strong ties und weak ties verdeutlicht werden:

Für die rollstuhlfahrende Person ist es entscheidend, in welcher Position sie sich in ihrem sozialen Netz befindet, um z. B. Informationen zu alternativen Unterstützungsformen zu erhalten. Informationen zu neuen, ihr unbekannten Organisationsformen - wie in Kapitel 1.2.3 beschrieben - sind ebenfalls eine Form von sozialem Kapital. Pflegt sie intensive, enge Beziehungen, die aufgrund ihrer ungünstigen Austauschposition nur mit wenigen Angehörigen (Eltern, Kinder) möglich sind, erhält sie keine neuen Impulse und Anregungen zu möglichen Finanzierungsquellen für andere Unterstützungsbeziehungen.

Verfügt die Person dagegen neben den aufwandsintensiven engen Beziehungen über eine Vielzahl von lockeren weak ties, die sich netzwerkanalytisch an der strukturellen Position ermitteln lassen, gelangt sie z. B. an Informationen, die sie für ihre neue Lebensform nutzen kann. Gibt sie wiederum ihre neu gewonnenen Informationen an andere gleichgesinnte Personen ihres sozialen Netzwerkes weiter, erzeugt sie damit wieder neues soziales Kapital, das ihr Wertschätzung und neue Gutscheine bringt [101] .

Als weiteren wichtigen Faktor für die Produktion und Zerstörung von sozialem Kapital nennt COLEMAN (1995a:415f.) die "Zeitgeschlossenheit" bzw. die Stabilität eines Handlungssystems. "Soziale Beziehungen zerbrechen, wenn sie nicht aufrecht erhalten werden. Erwartungen und Verpflichtungen verlieren mit der Zeit an Bedeutung". Stabilität i. S. von Dauer sozialer Beziehungen lässt ebenso Vertrauen, Normen und Obligationen entstehen, wodurch soziales Kapital wächst. Weiterhin kommt auch das "Spiel der Akteure" durch gegenseitige Verpflichtungen und Gutschriften mit der Zeitdimension zum Tragen, insbesondere wenn die indirekten oder generalisierten Reziprozitätsnormen gelten.

Vertrauensbeziehungen entstehen durch die Wechselbeziehungen der Komponenten Verpflichtungen und Erwartungen bzw. Gutschriften und sind eine der relevanten Formen von sozialem Kapital. Das Schenken von Vertrauen durch die Unterstützungsperson umschreibt DIAZ-BONE (1997:122) als "Gewährung einer Leistung in Erwartung einer späteren Gegenleistung". Diese "opportunistischen Anreize" wie Vertrauensentzug durch den Geber fallen nach PETERMANN (2002:109) mit der Menge der Kontakthäufigkeiten weg, was bedeutet, dass die Beziehungsgeschichte und die -zukunft die sozialen Handlungen und damit das soziale Kapital beeinflussen. COLEMAN (1995b:354) setzt dies in der "Wohlfahrtsfamilie" voraus, da intergenerative Verpflichtungen (generalisierte Reziprozität) durch den proskriptiven Aspekt sozialen Kapitals dazu führen würden, die "Investitionen in die Beziehung, die sich erst nach einiger Zeit auszahlen", zu begünstigen. Retrospektiv gesehen, erhält in dieser Logik jemand Unterstützung, weil eine Beziehungsvorgeschichte vorliegt, die wiederum Grundlage für Vertrauen ist. Solche zeitversetzten Austauschhandlungen setzen folglich eine Beziehungsgeschichte voraus und können demnach nur im Beziehungskontext stattfinden. Die Unterstützungsmotivation ergibt sich einerseits aus bereits erhaltenen Leistungen des jeweiligen Austauschpartners oder aus dem Vertrauen, in naher Zukunft ebenfalls auf Unterstützung bauen zu können.

Erneut blendet COLEMAN die negative Seite der Zeitgeschlossenheit aus, da er explizit auf psychologische Komponenten verzichtet. Dennoch können Vertrauensbeziehungen auch beispielsweise durch Missgunst, Beziehungskonflikte, Missverständnisse etc. "vergiftet" werden, die mit Berufung auf erwartete Einlösung der Gutschrift bzw. durch moralische Obligationen weitergeschleppt werden können, wodurch COLEMANs Idealisierung der Harmonie und Zuwendung hinfällig wird. Gewohnheiten in den täglichen Unterstützungsleistungen können ebenso ressourcenmobilisierende Akteure bei einseitigen Beziehungen an alternativen Möglichkeiten hindern.

Schließlich hängt nach COLEMAN (ebd., S. 417) die Quantität von sozialem Kapital auch von Kontextfaktoren ab, die die gegenseitige Abhängigkeit und damit das Angewiesensein auf Hilfe beeinflussen können. Mit individuellem Wohlstand (Finanzkapital) oder staatlichen Hilfen würden sich formelle Beziehungsstrukturen zu "zielgerichteten Körperschaften" durch den direkten Ausgleich erhaltener Hilfe entwickeln und die informellen Beziehungen und damit soziales Kapital verdrängen. Wie in Kapitel 3.3.1 erläutert, schafft direkte Reziprozität Unabhängigkeit. Doch bereits Bernhard SCHILLER (1987:166) wies auf die Besonderheit sozialer Netzwerke behinderter Menschen hin, dass sich formelle und informelle soziale Netzwerke oft überschneiden. Rollentheoretisch können innerhalb der formellen Beziehungen mit HOLLSTEIN, die auf Beth HESS (1972, zit. nach Hollstein 2001:54) Bezug nimmt, Rollenfusionen, -substitutionen bzw. -ergänzungen stattfinden. Die fusionierende Rollenbeziehung besagt, dass aus Assistenten, die bei behinderten Menschen arbeiten, Freunde werden, während eine Rollensubstitution dann vorkommt, wenn die mit der behindertenspezifischen Versorgung überforderten Angehörigen durch alternative Unterstützungsbeziehungen entlastet werden.

Zusammenfassend kann mit HAUG (1997:8) gesagt werden, dass Sozialstrukturen "hinsichtlich der Aspekte Hilfsbedürftigkeit der Personen, Existenz anderer Hilfsquellen, Grad des Wohlstandes, kulturelle Unterschiede bei der Hilfeleistung, Geschlossenheit der Netzwerke, Dichte der Verpflichtungen und Verfügbarkeit von Helfenden" differieren.

4.3.4 Kritische Bemerkungen

COLEMAN schließt in seiner Sozialtheorie andere Motive als die Nutzenmaximierung aufgrund seines Sparsamkeitsprinzips - wie er selbst betont - von vorn herein aus. Ebenso setzt seine zielorientierte Handlungstheorie beim rationalen Handeln an, was "ein wertendes Raster" mit der Dichotomie von rational und irrational über die Vielfalt des Handelns wirft. Kritiker der ökonomisch determinierten Handlungstheorien wie der Soziologe Hans JOAS (2001) werden immer lauter. JOAS hinterfragt mit seiner eigenen "Theorie des kreativen Handelns" die stillschweigende Annahme von rational handelnden Individuen der utilitaristischen Handlungstheorien.

Eine geringe Konzentration des Handelnden auf zielgerichtetes Handeln, ein Verlust oder ein niederer Grad an Körperbeherrschung, ein Verlust und Verzicht auf die Autonomie des Individuums lassen aus der Perspektive den Handelnden als weniger rationalen oder nicht rationalen Akteur erscheinen und verringern die Wahrscheinlichkeit, dass seine Handlungen als rational klassifiziert werden dürfen (ebd.).

In derselben Weise diskutiert HOLLSTEIN (2001:175) ihren konzeptionellen Rahmen der Unterstützungspotenziale informeller Beziehungen mit einer abgeschwächten handlungstheoretischen Perspektive, die sich von volontaristischen und intendierten Aspekten verabschiedet. Der Akteur ist - so argumentiert HOLLSTEIN (ebd.) - nicht vollständig über alle Optionen informiert. Er aktualisiert auch nicht ständig seine Handlungsorientierungen. Unterschiedliche Wahrnehmungsschemata und die Orientierung an unterschiedlichen kultur- und milieuspezifischen Werten und Normen sind ebenso Motivationen zum Handeln. Es sind insbesondere für den hier diskutierten ressourcenmobilisierenden Personenkreis zwischen den individuellen Handlungsorientierungen (interne Ressourcen) und den externen Bedingungen wie Restriktionen, die aus der eigenen Lebenssituation (Wohnen im Heim, Wohnen bei Angehörigen) resultieren, und Bedingungen, die außerhalb der Struktur bereits bestehender Beziehungen liegen, zu unterscheiden (ebd., S. 179f.).

Die Akteure ausschließlich als handelnde Personen zu sehen, bedeutet in aller Konsequenz, dass alle Menschen, die nicht handeln oder nicht handeln können, die also Unterstützung und Versorgung benötigen, von ihm stigmatisierend auf ein Personenmerkmal reduziert werden. Er bezeichnet so die "in Not geratenen Personen" als "Abhängige"[102], "unproduktive Mitglieder", "Alte" oder "Gebrechliche"[103], da sie "unattraktive" Ressourcen aus austauschtheoretischer Sicht besitzen. Mit unterstellter generalisierter Reziprozität können nach COLEMANs Logik die "unproduktiven Mitglieder" allein in Verwandtschaftsnetzwerken aufgrund der dichten, stabilen Sozialstrukturen die notwendige Zuwendung und Versorgung erhalten (1995b:340). Diese Familien- und Verwandtschaftsnetzwerke (erweiterte Familie) bezeichnet er mit Bezug auf die vormodernen Gemeinschaften als "traditionelle Sozialstruktur" (ebd., S. 336) und unter Einbeziehung der Freundschafts- und Bekanntschaftsnetzwerke aus Kirche und Vereinen als "ursprüngliche Sozialstruktur" (soziale Netzwerke). GOULDNER (1960:178) hat bereits explizit auf die Nichtanwendung der universalistischen Reziprozitätsnorm in ihrer Absolutheit auf die Beziehungen zu Kindern, zu alten und zu behinderten Menschen hingewiesen. Die Beziehungsform als unabhängige Variable bestimmt demnach die Reziprozitätsausprägung in sozialen Beziehungen, was STEGBAUER (2002) ausführlich herleitet.

Mit LIN (2001:10) ist Colemans enge Sichtweise auf die Geschlossenheit bzw. Dichte in sozialen Netzwerkbeziehungen zu kritisieren, der darin einen wesentlichen Aspekt der Sozialstruktur zur Bildung von Vertrauen sehen möchte, aber:

Research in social networks has stressed the importance of bridges in networks (Granovetter 1973; Burt 1992) in facilitating information and influence flows. To argue that closure or density is a requirement for social capital is to deny the significance of bridges, structural holes, or weaker ties.

Das, was COLEMAN als negative Entwicklung der Gesellschaft hinsichtlich Stabilität und Verantwortung der einzelnen Akteure ansieht, scheint für behinderte Menschen die Chance zu sein, aus den "traditionellen", d. h. oft einseitigen familiären Abhängigkeitsstrukturen auszubrechen und durch adäquate konstruierte Umfelder, also Körperschaftsstrukturen wie etwa die Ambulanten Dienste oder die Assistenzmöglichkeiten, eine symmetrische, gegenseitige Interessensverwirklichung aufzubauen. COLEMAN (1995b:341) betrachtete in seiner Analyse zu sozialem Kapital im modernen Familienalltag allein die intergenerativen Beziehungen, also die generalisierte Reziprozität in sozialen Einheiten, so dass er die "Pflege Abhängiger" nur als temporär ansieht, in die einseitig investiert wird mit dem Bewusstsein, später in Notsituationen auch Hilfe zu erhalten, denn "zunächst sind Kinder von ihren Eltern im Hinblick auf Ernährung und Ausbildung abhängig [...]. Später sind die Eltern, im hohen Alter, von ihren erwachsenen Kindern abhängig".

Aufgrund dieser unterstellten generalisierten Reziprozitätsform schlussfolgert er mit ökonomischer Rationalität, dass die Eltern kein Interesse an der Investition in ihre Kinder haben würden, sobald "an die Stelle der Wohlfahrtsfamilie [...] der Wohlfahrtsstaat" getreten sei (Coleman 1995b:371). Eine manifest bedürftige, lebenslange Unterstützungsbeziehung mit entsprechend negativen Folgen ständiger familialer Abhängigkeit berücksichtigt COLEMAN in seinen Argumentationen gegen die moderne Gesellschaft, die eine entsprechende Verantwortung für die Versorgung der alten und behinderten Menschen übernommen habe, nicht.

BERTRAM (1995:5f.) wies beispielsweise bei aller Akzeptanz alltäglicher Beobachtungen in Richtung "skeptischer Einschätzung professionalisierter Erziehung in familienergänzenden und familienersetzenden Einrichtungen" nach, dass familiale Beziehungen nicht "ausschließlich der Logik gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen", sondern einer "eigenen Logik des familiären Zusammenlebens" folgen und damit m. E. ebenso auf die familialen Netzwerkressourcen behinderter Menschen zutrifft.

Gerade wenn COLEMAN gesellschaftliche Entwicklungen in einer ökonomischen Terminologie beschreibt, müsste deutlich werden, dass die Investitionen auf der individuellen Ebene zwischen Partnern und zwischen Eltern und Kindern einen eigenständigen Wert darstellen [...] (ebd., S. 6).

4.4 Vorschlag zu einem Analysedesign für soziale Beziehungsmodelle ressourcenmobilisierender Akteure

Das soziale Phänomen soll die Partizipation behinderter Menschen gemäß der ICF auf gesellschaftlicher Ebene sein, das gemäß COLEMAN (1995a:24) mit den individuellen sozialen Handlungen, die er als Austauschbeziehungen auf der Individualebene definiert, und resultierenden Übergängen zur Netzwerkebene (Systemebene) erklärt. Diese sozialen Austauschbeziehungen (Unterstützungsbeziehungen) und nicht die Netzwerkmitglieder selbst sind die Ressourcen, mit denen bestimmte Ziele verfolgt werden können und soziales Kapital entstehen lassen.

Unter Rückgriff auf COLEMANs Handlungsstrukturen bzw. Austauschstrukturen wurden eigens die folgenden vier bzw. sechs Austauschbeziehungsmodelle dyadischer Unterstützungsstrukturen behinderter Menschen erstellt. Einfache und komplexe Handlungsstrukturen in Abhängigkeit von Reziprozität sollen in folgender Vierfelder-Tafel (Tabelle 3) dargestellt werden. Der konzeptionelle Aufbau der individualistisch-strukturellen Sozialtheorie von COLEMAN diente der Benennung dieser Beziehungsmodelle: ‚Vertrauens'-, ,Abhängigkeits'-, ‚Markt'- und ‚Machtbeziehung'. Damit soll der Bezug zum theoretischen Hintergrund unterstrichen werden. Diese Begriffe entsprechen jedoch denen, die in Klammern gesetzt sind, denn eine zweite Typologiebezeichnung dieser Austauschsbeziehungsmodelle wurde aus Gründen der Praxisbezogenheit für netzwerkanalytische Auswertungsmethoden als zweckmäßiger erachtet. In einer Netzwerkdiskussion sind m. E. ‚Partnerschafts'-, ‚Samariter'-, ,Assistenz'- und ‚Pflegebeziehung' besser zu handhaben, da diese Ausdrücke der Behindertenpolitik und -bewegung angelehnt sind und somit allgemein verständlicher erscheinen.

Hierbei muss deutlich auf die Ideal-Typologisierung solcher theoretischen Konstrukte hingewiesen werden, die immer einen Klassifikationsversuch in sich birgt, so dass Mischformen dieser vier Typen die soziale Wirklichkeit widerspiegeln. Es kann nur um die Tendenz gehen. Klassifikationen entstehen nach einzelnen, ausgewählten Kriterien aus einer unbekannten Vielfalt und Komplexität von Bedingungen. Kaum ein ressourcenbeziehender Akteur wird in der Praxis ausschließlich in Vertrauensbeziehungen oder in reinen Abhängigkeitsbeziehungen innerhalb seines sozialen Netzes leben. Diese handlungstheoretischen Annahmen gilt es natürlich in einer Netzwerkanalyse mit geeigneten Items zu validieren.

Tabelle 3: Dyadische Austauschbeziehungsmodelle hinsichtlich der Reziprozität in sozialen Unterstützungsnetzwerken ressourcenmobilisierender Akteure

 

reziproke Beziehung

nicht reziproke Beziehung

einfache Austausch-beziehung

informelle und formelle Partnerschaftsbeziehung (Vertrauensbeziehung)

symmetrische und asymmetrische

Samariterbeziehung (Abhängigkeitsbeziehung)

komplexe Austausch-beziehung

Assistenzbeziehung

(Marktbeziehung)

Pflegebeziehung (Machtbeziehung)

 

Wirksame Partizipation

Scheinpartizipation

Für den Kontext dieser Arbeit bedeutet COLEMANs Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen (Einbeziehung eines dritten Akteurs) Beziehungen bzw. Handlungssystemen, dass die für ressourcenmobilisierende Akteure vorgestellten derzeitigen Organisationsformen zur Rekrutierung von Unterstützungsressourcen in Kapitel 1.2.3 entsprechend einzuordnen sind (Coleman 1995a:54). In einer SNA, die die Unterstützungsrelationen thematisiert, geht es zunächst vom konzeptionellen Ansatz her um die informellen Unterstützungsbeziehungen sozialer Netzwerke. Analysiert werden folglich COLEMANs einfache Austauschbeziehungen, also die Hilfe durch unbezahlte Helfer, wie in jeder informellen Netzwerkuntersuchung.

4.4.1 Zwei einfache Austauschbeziehungsmodelle

Zunächst sollen die einfachen Austauschbeziehungsmodelle der Tabelle 3, die das informelle Netzwerk ressourcenmobilisierender Akteure determinieren, bezüglich ihrer Wechselseitigkeit erläutert werden. Einfache Austauschbeziehungen sind gemäß COLEMAN (1995a:55) die Grundbausteine sozialer Netzwerke, in denen die "Anreize" zur Generierung und Fortführung der Beziehungen selbst geschaffen werden.

Unter ‚Partnerschaftsbeziehungen' bzw., Vertrauensbeziehungen' in COLEMANs Vokabular sollen reziproke und/oder symmetrische Unterstützungsbeziehungen zwischen dem ressourcenmobilisierenden Akteur und dem Netzwerkmitglied verstanden werden. Die Motive für diese dyadischen Beziehungen sind wie in anderen sozialen nichtbehinderten Netzwerkbeziehungen von gegenseitigem Nutzen.

Die Abbildung 6 soll mit der folgenden Abbildung hier vereinfacht dargestellt werden, um sie den soziographischen Darstellungen, die in der Netzwerkanalyse zur Abbildung von Strukturen verwendet werden, anzugleichen.

Abbildung 9: Lineares minimales Handlungssystem einer reziproken, dyadischen Beziehung

In dieser balanciert reziproken Zweierbeziehung leistet die Netzwerkperson A1 notwendige Unterstützungen nicht aus "edlen", gesellschaftlich anerkannten Motiven heraus, sondern weil sie den ressourcenmobilisierenden Akteur wertschätzt und respektiert. Der Grund dafür liegt in der Reziprozität von materiellem und immateriellem Ressourcenaustausch bzw. im gegenseitigen Erlangen von Kontrollrechten.

Hierbei kann es sich um sehr enge, emotional wechselseitige Freundschaftsbeziehungen handeln, aber auch um jede andere Beziehungsart (familiäre, verwandtschaftliche, Arbeitsbeziehungen) in informellen Netzen. Das entscheidende Kriterium ist die Reziprozität bzw. Symmetrie, um Ressourcen jederzeit mobilisieren zu können.

Die bis jetzt dargestellten reziproken ‚Partnerschaftsbeziehungen' müssen als ‚informelle Partnerschaftsbeziehungen' von den ‚formellen Partnerschaftsbeziehungen' in Abhängigkeit von der Gegenleistung des ressourcenmobilisierenden Akteurs unterschieden werden.

Formelle Partnerschaftsbeziehungen' sind dagegen all jene Beziehungen, in denen einseitig erhaltene Unterstützungsleistungen mit eigenem Finanzkapital meist in direkter Reziprozitätsform ausgeglichen werden. Dazu gehören professionelle Haushaltshilfen wie auch persönliche Assistenten[104]. Das entscheidende Merkmal gegenüber den weiter unten dargestellten "Assistenzbeziehungen" als Marktbeziehung[105] besteht in der Finanzkompetenz, so dass diese Beziehungen den informellen Austauschbeziehungen zugeordnet werden sollten.

Im Sinne COLEMANs (1995a:201) agiert ein ressourcenmobilisierender Akteur in ‚formellen Partnerschaftsbeziehungen', um "Ressourcen jenseits seiner eigenen Kapazität mobilisieren" zu können. Diesem Akteur werden entsprechend COLEMAN die Kontrollrechte übertragen, so dass er die Kontrolle zu Personalauswahl, Anleitung, Einsatzplanung und finanzieller Steuerung für die personelle Unterstützungsleistung er- bzw. behält. Fehlende Ressourcen bzw. Fertigkeiten und Fähigkeiten können in einer ‚formellen Partnerschaftsbeziehung' gegen Entgelt (Finanzkapital) beim Assistenten eingetauscht werden. Nach COLEMAN (ebd., S. 187) bedeutet dies, dass der ressourcenmobilisierende Akteur zur Wahrung seines Interesses, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, einen Assistenten/Agenten unter Vertrag nimmt, der die Handlungen ausführt. Ressourcen werden mobilisiert.

Netzwerkanalytisch betrachtet, liegt eine dyadische reziproke soziale Beziehung vor.

Instrumentelle

Abbildung 10: Minimales soziales reziprokes Zwei-Akteure-System des Arbeitgeberinnenmodells

Samariterbeziehungen' bzw. ‚Abhängigkeitsbeziehungen' der Tabelle 3 sollen aus netzwerkanalytischer Perspektive zunächst als einseitig gerichtete, nicht reziproke dyadische Hilfebeziehungen zwischen dem ressourcenmobilisierenden Akteur (hier besser: der unterstützungsbedürftigen Person) und der Netzwerkperson verstanden werden.

Einerseits hilft der Hilfegeber aufopferungsvoll i. S. eines typischen Helferpathos aus karitativen Motiven heraus, da auch die aus seiner Sicht "leidenden" Menschen ebenso Gottes Geschöpfe sind[106]. Andererseits wird der unterstützungsbedürftigen Person i. S. des Kantschen Imperativs von hilfsbereiten Menschen aus ethisch-moralischen Obligationen wie etwa aufgrund von Verwandtschaftsbeziehungen dauerhaft geholfen.

Für den hilfeerhaltenden Akteur haben instrumentelle Unterstützungserforderlichkeiten, d. h. sein Interesse an diesen Ressourcen/Ereignissen gemäß COLEMAN einen subjektiv hohen Wert, da er sie existenziell benötigt und diese von den Netzwerkmitgliedern kontrolliert werden. Das führt zu unterschiedlichen Reaktionen beim Rezipienten, so dass sie sich einerseits freiwillig unterordnen, was mit ‚asymmetrischen Samariterbeziehungen' für netzwerkanalytische Ziele gemeint sein soll.

Andererseits kann in solchen einseitig gerichteten, nicht reziproken Austauschbeziehungen - strategisch rational - vom Hilfenehmer sehr viel Anerkennung, Ehrerbietung und Dankbarkeit zur Herstellung des sozialen Gleichgewichtes eingesetzt werden. So kann auch nach COLEMAN (1995a:231) das "Überbezahlen beim Einlösen einer Verpflichtung" unmittelbar durch den ressourcenmobilisierenden Akteur eine geeignete rationale Strategie zur Aufrechterhaltung der Beziehung sein, da er sich in einer Situation befindet, in der er auf die Unterstützung angewiesen ist. Ressourcen- und austauschtheoretisch gesehen, liegt in dieser Beziehungsform ebenfalls eine reziproke Austauschform vor, indem der hilfebeziehende Akteur intrinsische Gegenleistungen wie Ehrerbietung und Dankbarkeit als Ausgleich für erfahrene Unterstützung aufbringt.

Explizit betont COLEMAN (1995b:253), dass Altruismus für ihn ebenfalls eine rationale Handlung ist, und erklärt dies mit der "Erweiterung des Objektselbst". Die helfende Person würde sich danach so stark mit der behinderten Person identifizieren, dass beiderseitige Interessen miteinander verschmelzen. Es hat den Anschein, die helfende Person "handelt, um anderen einen Gewinn zu verschaffen", doch aus COLEMANs Sicht profitiert auch der Geber, sogar in doppelter Hinsicht. Psychologisch gesehen, identifiziert sich die helfende Person mit dem Rezipienten, so dass die jeweiligen Interessen des ressourcenmobilisierenden Akteurs zu den Interessen der Unterstützungsperson werden. Ein Beispiel für die reziproke ‚symmetrische Samariterbeziehung[107]' in COLEMANs Logik wäre folgende Situation in Anlehnung an das Beispielkonstrukt auf Seite 97:

Die rollstuhlfahrende Person benötigt Unterstützung in der "Mobilität", um am öffentlichen Leben teilzunehmen, weil sie aus infrastrukturellen Sachzwängen heraus (Treppen) nicht zum Veranstaltungsort gelangt. Der Vater bietet seine Hilfe an und bringt sie mit dem Pkw hin und rollt sie die Treppen hinauf. Die soziale Anerkennung im Familien- und Freundeskreis (dichtes soziales Netz) über seine von außen betrachtete Aufopferung verschafft ihm soziale Aufwertung. Die Freude und Dankbarkeit der rollstuhlfahrenden Person geben ihm zusätzlich Genugtuung, gebraucht zu werden und etwas Gutes getan zu haben.

Für die Samariterbeziehung trifft COLEMANs Schlussfolgerung aus seinem qualitativen Beispiel der einseitigen Liebesbeziehung zu und kann - auf Dauer gesehen - in letzter Konsequenz zu Beziehungsabbruch durch die Unterstützungsperson führen:

In einer Zweierbeziehung, in der jeder seine eigenen Handlungen (d. h. die Ressourcen) kontrolliert, hat die Person mit geringerem Interesse am Gegenüber auch weniger Interesse an den Ressourcen, die der andere kontrolliert. Dies verschafft ihr einen größeren Einfluss und somit mehr Möglichkeiten, das Ergebnis neu eintretender Ereignisse, die beide Parteien der Beziehung betreffen, zu bestimmen (ebd., S. 173).

In diesen zwei Typen der Samariterbeziehungen werden wahrscheinlich häufiger Bescheidenheit bzw. sogar "Hemmschwellen der Problemveröffentlichung" auftreten. Aufgrund des Strebens nach sozialem Gleichgewicht bitten die einseitig Hilfe Erhaltenden weniger um Hilfe, da sie von den gesellschaftlichen Wertevorstellungen wie Autonomie und Selbstverantwortlichkeit sowie der Angst, zur Last zu fallen oder ein Bild der Schwäche zu vermitteln, abgehalten werden. Es ist oft das Bewusstsein, dass ihre hilfeabhängige Lebenslage bei anderen "Sorgen, Mühe und Verunsicherungen" erzeugt, was zu Bescheidenheit führt (Otto 2000:4ff.). Diese Hürde, die bereits zu Beginn des Unterstützungsprozesses auftauchen kann, ist m. E. der fehlenden Reziprozität in den Netzwerkstrukturen zuzuschreiben.

4.4.2 Zwei komplexe Austauschbeziehungsmodelle

Die beiden Austauschmodelle ‚Assistenzbeziehung' und ‚Pflegebeziehung' der Tabelle 3, die den reziproken bzw. nicht reziproken komplexen Beziehungsstrukturen entlehnt sind, sollen der Vollständigkeit halber kurz beschrieben werden. Es ist noch offen, ob sie aus einer informellen SNA herausfallen, indem die Überschneidung der informellen und formellen Unterstützungsbeziehungen offenkundig wird und somit in einer weiterführenden Erhebung zu erwägen sind. Nach COLEMAN (1995a:54) benötigen die Akteure in komplexen Beziehungen (formale Organisationen) zur Fortführung eine dritte Partei, d. h. die Anreize zur Aufrechterhaltung "müssen von außen geboten werden".

Die Begrifflichkeit ‚Assistenzbeziehung' ist angelehnt an das Modell "Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz", wie in Kapitel 1.2.3.1 ausführlich beschrieben wurde. Aufgrund der Überschneidung formeller und informeller Netzwerkstrukturen der unterschiedlichen Organisationsformen geht es bei diesem Beziehungsmodell um die formellen Beziehungsstrukturen zu den Angestellten (Agenten) privater Anbieter häuslicher Pflege- und Hauswirtschaftsleistungen wie MSHD und ISB oder auch zu den Assistenzorganisationen im indirekten Assistenzmodell.

Der Assistent agiert als Körperschaft (AD oder privatrechtliche ambulante Pflegedienste), die in der Interaktion zwischen Agent (Assistent) und dem ressourcenmobilisierenden Akteur (Assistenznehmer) eine Rolle spielt, die wiederum andere soziale Strukturen entstehen lässt (Coleman 1995b:292). Netzwerkanalytisch argumentiert, hat der Assistent als Angestellter einer Institution eine "Brückenbeziehungsfunktion". Er erhält von der Organisation finanzielle Leistungen und erbringt die Gegenleistung dafür dem Assistenznehmer. Dieser wiederum verfügt über Kontrollrechte, so dass er für die Assistenzgeber selbst die Arbeitszeiten organisieren und den Assistenten die Aufgaben mitteilen kann.

Abbildung 11: Modifiziertes offenes Drei-Akteure-System des Arbeitgeberinnenmodells

Eine moderne Körperschaft mit Positionen gibt COLEMAN (ebd.) als Beispiel für komplexe Beziehungen bzw. Handlungsstrukturen an, die hier mit ‚Pflegebeziehungen' bezeichnet werden sollen. Sie umfassen alle konventionellen privaten Pflegedienste und Pflegestationen oder -heime, in denen, bedingt durch hierarchische Strukturen, fremdbestimmende und z. T. entmündigende Hilfe durch professionelle Helfer geleistet wird. Die Handlungsspielräume werden zwar erweitert, da die in diesen Abhängigkeitsbeziehungen lebenden behinderten Menschen als rational handelnde Akteure gemäß COLEMAN (1995a:90) die unfreiwilligen Machtbeziehungen, d. h. die einseitige Übertragung der Kontrollrechte als legitim ansehen, weil sie ihren Interessen entspricht. Die Alternative hätte negative Konsequenzen.

Die traditionellen, formellen Organisationsformen zur persönlichen und hauswirtschaftlichen Hilfe entsprechen den Körperschaften ohne Prinzipien der Selbstbestimmung. Der ressourcenmobilisierende Akteur muss sich in Pflegebeziehungen den personellen, zeitlichen und finanziellen Strukturen überwiegend unterordnen und die eigenen Interessen minimal halten, da die professionellen Angestellten in der Regel bestimmen, welche Art von Unterstützung in welcher Weise geleistet wird. Restriktive Bestimmungen durch die finanziellen Träger (Pflegekasse, Sozialamt) und gesetzlichen Verordnungen erklären die marktorientierten Interessen der formellen Anbieter i. S. COLEMANs "zielgerichteter Körperschaften". Interessendivergenzen zwischen Hilfeperson und Hilfenehmer sind vorprogrammiert.

Die in formalen Sozialstrukturen agierenden Personen (Agenten), wie z. B. das Pflegepersonal in privaten Pflegeeinrichtungen, haben "Verpflichtungen zu erfüllen" und "Erwartungen, die mit dieser Position verbunden sind", nachzugehen, so dass die Positionsinhaber (Agenten) nicht als Person der unterstützungsbedürftigen Person gegenübertreten (Coleman 1995b:135f.).

Diese Assistenz- und Pflegebeziehungen werden bei einer netzwerkanalytischen Datenerhebung weniger von Interesse sein, da die komplexen Beziehungen im informellen bzw. persönlichen Netzwerk zunächst vernachlässigt werden. Jedoch sollte m. E. SCHILLERs (1987:166) diagnostiziertes spezifisches Merkmal der Überschneidung beider Netzwerkformen in einer sozialen Netzwerkanalyse behinderter Menschen mit berücksichtigt werden. In dieser Arbeit geht es aber erst einmal allein um informelle Netzwerkbeziehungen bzw. mit COLEMANs Begrifflichkeit um das "natürliche soziale Umfeld" und damit um die einfachen Beziehungsstrukturen.

4.4.3 Zwei Partizipationsprofile

Zwei mögliche Kombinationen in Bezug auf vorhandene bzw. nicht vorhandene Reziprozität aus dem Spektrum der Konstellationen der sozialen Netzwerke mit diesen vier bzw. sechs Austauschbeziehungsmodellen sind quasi als Spaltensummen der Vierfeldertafel (Tabelle 3) festzumachen. Sie sollen mit ‚wirksamer Partizipation' und ‚Scheinpartizipation' an sozialen Netzwerken bezeichnet werden und entsprechen der Intension der Arbeit, in der Geben und Nehmen ressourcenmobilisierender Akteure in soziale Beziehungen als beziehungsstiftendes Moment erörtert wurde.

Der Begriff ‚Scheinpartizipation' an sozialen Beziehungsstrukturen ist an CLOERKES' (1997:195) Unterscheidung zwischen "Scheinintegration" und "echter Integration" hinsichtlich der Qualität der Kontakte entlehnt. Idealistisch betrachtet, soll sie die Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure an sozialen Beziehungsnetzen allein durch gerichtete, nicht reziproke Abhängigkeitsbeziehungen und damit mehr oder weniger fremdbestimmte Netzwerkstrukturen bezeichnen. Es sei ausdrücklich darauf verwiesen, dass sich dieser fremdbestimmende Aspekt in diesen Beziehungen meist völlig unbeabsichtigt einschleicht (zumindest in Samariterbeziehungen) und überwiegend von beiden Seiten gar nicht als solcher wahrgenommen wird. Der Helfer würde meist seine letzten Ressourcen geben und der Hilfenehmer sie mit größter Zufriedenheit annehmen.

Dennoch bei genauer Betrachtung und vor allem, wenn diese gerichteten Beziehungstypen auf Dauer gelebt werden, besteht für den Hilfenehmer die Gefahr, kein individuell gestaltetes, nach eigenen Interessen geleitetes soziales Netzwerk aufbauen zu können. Existenziell ist der Hilfenehmer auf diese Unterstützungsbeziehungen angewiesen, weil er kaum eine adäquate Ressourcenausstattung besitzt. Hier trifft die von OTTO (2003) deklarierte "Janusköpfigkeit" behinderter Menschen zu!

FRANZ (2002:20) definiert beabsichtigte und meist unbeabsichtigte, also wohlmeinende Fremdbestimmung, in der wirklich der Helfer mit besten Absichten hilft, ähnlich, und sie postuliert, dass die Hilfeabhängigkeit in eben diesen Samariter- oder Pflegebeziehungen als Gegenfaktor zur selbstbestimmten Lebensführung zu sehen ist, denn:

Menschen, die zur Gestaltung ihres Lebens Hilfe benötigen, werden in unserer Gesellschaft immer noch als abhängig beschrieben, bedauert und bevormundet. Diejenigen, die bezahlt oder ehrenamtlich diese Hilfe erbringen, werden in die Rolle der Vormünder und Vormünderinnen gedrängt und nehmen diese Rolle gerne ein.

Wirksame Partizipation' wurde nach COLEMANs Terminologie "wirksamer Normen" benannt und repräsentiert die individuelle Wahlfreiheit zwischen ‚Partnerschafts-' und ,Assistenzbeziehungen' aufgrund vorhandener adäquater materieller, finanzieller oder immaterieller Ressourcen (Human- und Finanzkapital). Ressourcenmobilisierende Akteure sind wirksam integriert, wenn sie mit eigenen Kompetenzen und Ressourcen entscheiden können, welche Unterstützungsperson mit welcher Beziehungsform für welchen Unterstützungsbedarf rekrutiert werden soll. Gemäß ihren Interessen und nicht ihren Notlagen sind sie so in der Lage, ihre sozialen Netzwerke aufzubauen bzw. aufrecht zu erhalten.

Behindertenpolitisch betrachtet, ermöglicht die angestrebte ‚wirksame Partizipation' eine gleichberechtigte, autonome und selbstbestimmte Lebensweise ressourcenmobilisierender Akteure. Durch das gegenseitige Gebrauchtwerden entsteht Selbstachtung, Selbstbewusstsein, womit ganz andere Forderungen und Lebensansprüche entstehen und verwirklicht werden können. Einerseits leben behinderte Menschen in diesem Beziehungsprofil in ähnlichen, engen Wertegemeinschaften, die die Identität stärken (strong ties), und andererseits können sie bei Bedarf auf lockere Beziehungen (weak ties) ausweichen, um möglicherweise zu neuen Horizonten zu gelangen, die der eigene Familien- und Freundeskreis nicht bieten kann.

In Bezug auf die Reziprozitätsnorm wird die folgende These vertreten, die die Ausgangsthese der Einleitung spezifiziert: Eine wirksame Partizipation von ressourcenmobilisierenden Akteuren an sozialen Netzwerkbeziehungen ist erst gegeben, wenn überwiegend reziproke bzw. symmetrische ‚formelle und informelle Partnerschafts-' sowie ‚Assistenzbeziehungen' dauerhaft bestehen.



[84] Vgl. Coleman (1995a:311)

[85] Vgl. Coleman (1986:1310ff. und 1995a:7ff.)

[86] Die Wissenschaftsphilosophen Carl G. HEMPEL und Paul OPPENHEIM haben in einem Schema die Struktur wissenschaftlicher Erklärung dargestellt, so dass die deduktiv-nomologische Methode auch als Hempel-Oppenheim-Schema mit der Grundform einer "Badewanne" bekannt ist (Vgl. Esser 2001:39ff., 98ff. und 592ff.).

[87] Siehe Partizipationsprofile in Kapitel 4.4.3

[88] Siehe ‚wirksame Partizipation' in Kapitel 4.4.3

[89] Vgl. Litvak & Enders (2000)

[90] COLEMAN (1995a:36) bezieht sich in der Sozialtheorie - wie er selbst erwähnt - überwiegend auf diese Interdependenzform. Die beiden anderen Formen "Verhaltensinterdependenz" und "evolutionäre Interdependenz" werden jeweils nur in zwei Kapiteln theoretisch und empirisch diskutiert.

[91] Siehe Seite 80

[92] Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung zur Entstehung des Begriffs ‚soziales Kapital' bei ERLACH (2000).

[93] Vgl. Überblicksartikel von Haug (1997) und Erlach (2000)

[94] Siehe Mikro-Makro-Problem in Kapitel 4.1

[95] Vgl. Isolationsmechanismen bei ROMMELSPACHER (1999:16ff.)

[96] In Kapitel 3.3.2 wurde bei der Erläuterung zur aufgeschobenen Reziprozität dieser bereits dargelegt, um den unmittelbaren Bezug zwischen der Reziprozitätsnorm in sozialen, aber auch wirtschaftlichen Beziehungen und dem Konzept des sozialen Kapitals als Theoriegerüst darzulegen.

[97] Siehe Abbildung 7

[98] Vgl. hierzu URL: http://www.netzwerk-artikel-3.de/news/assistengesetz.htm [Stand: 14.09.03]

[99] Vgl. Kapitel 22 bei Coleman (1995b)

[100] Informationen über soziale Beziehungen lassen sich neben der graphischen Darstellung auch über Matrizen oder Listen erfassen und darstellen (Vgl. Scott 1991:39).

[101] Vgl. Jansen (2003)

[102] Coleman (1995b:430)

[103] ebd., S. S. 147

[104] Siehe "direkte Assistenz" des "Arbeitgeberinnenmodells" in Kapitel 1.2.3.1

[105] Siehe Kapitel 4.4.2

[106] Hier könnte aber auch eine Reziprozitätserwartung i. S. generalisierter Reziprozität die Motivation sein, zu helfen, denn die Vorstellung, im Jenseits für die guten Taten "belohnt" zu werden, kann zu aufopferungsvollen Taten führen.

[107] Siehe Austauschbeziehungsmodelle in Kapitel 4.4.1

5 Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung als konzeptionelle Grundlage zur Erhebung von Reziprozität

"Der Nichtbehinderte besteht auf Vertraulichkeit. Er behauptet, er sei der Freund des Krüppels und fordert ihn auf: ‚Erzähl' mal, was sich bei dir, als Behinderter' innerlich abspielt'. Erzählt der Behinderte nichts, setzt er eine Freundschaft auf's Spiel. Deshalb erzählt er etwas, was persönlich klingt. Die Wahrheit erzählt er nicht, weil er ja die Freundschaft erhalten muss" (Christoph 1983:83).

In Anlehnung an das bio-psycho-soziale Modell der WHO kann anhand einer sozialen Netzwerkanalyse (SNA) gefragt werden, inwieweit der ressourcenmobilisierende Akteur daran gehindert wird, Zugang zu sozialen Ressourcen bzw. zu sozialem Kapital zu erhalten, um seinen tatsächlichen Unterstützungsbedarf zu erfüllen, ohne in unerwünschten Abhängigkeits- und damit Fremdbestimmungsstrukturen zu verbleiben bzw. dorthin zu gelangen. Insbesondere Reziprozität ist, wie in Kapitel 3 gesagt, hierbei ein wesentliches beziehungsstiftendes Moment dauerhafter Beziehungen.

In einer Zeit zunehmender Globalisierungs-, Differenzierungs- und Individualisierungsprozesse wächst die Präsenz von SNA seit den 1970er Jahren nicht zuletzt durch ihre Netzwerkmetapher, um die sinkende Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaatlichkeit zu kompensieren. Der Wohlfahrtsstaat entstand - systemtheoretisch betrachtet - mit dem funktionalen Differenzierungsprozess und damit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, so dass es grundsätzlich keine vollständige Integration in die Gemeinschaft geben kann, sondern nur "Mehrzahlmitgliedschaften" in unterschiedlichen Teilsystemen. Nach DIEWALD (1991:27) sind soziale Beziehungen nicht mehr ganzheitlich durch die Vermittlung eines gemeinsamen Wertesystems für alle Dinge des Lebens verantwortlich, wie im traditionellen Sinn verstanden. In einzelnen Netzwerksegmenten moderner Beziehungen wird die soziale Identität eher als Orientierungsrahmen neben Einbindung und Geborgenheit verstanden, die wiederum durch Zuwendung und Vermittlung eines Zugehörigkeitsgefühls geschaffen wird. Umgekehrt weist DIEWALD (ebd., S. 31) auf die Gefahr von Verlierergruppen hin, die mangels eigener Geschicklichkeit und Attraktivität "aus dem Netz wechselseitiger Unterstützungsbeziehungen" herausfallen, denn die Modellvorstellung eines modernen Menschen verlangt nach eigenständigen, aktiven, kompetenten und gestaltungsfähigen Persönlichkeiten.

Psychische und soziale Integrität entsteht also innerhalb des sozialen Umfeldes in einem wechselseitigen Prozess von Austauschbeziehungen. Sie gilt als Voraussetzung für soziale Partizipation an gesellschaftlichen Lebensbereichen, die in der ICF-Dimension Partizipation beschrieben wird. Reziproke Beziehungsstrukturen, die die Einbindung behinderter Menschen in ein soziales Netzwerk im Sinne gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung ausmachen, können m. E. als Lösung des Dilemmas moderner Beziehungsvielfalt und sozialer Isolation behinderter Menschen aufgrund eingleisiger (nicht reziproker) Unterstützungsleistungen gesehen werden. Wird dem Mikro-Makro-Ansatz in Kapitel 4.1 Rechnung getragen, prägt dies die Strukturen der Meso- bzw. Systemebenen wie sozialer Netzwerke, die wiederum gesellschaftliche Strukturen erzeugen.

Bevor die austauschtheoretische Perspektive anhand deutschsprachiger Netzwerkstudien zu behinderten Menschen geprüft wird, erscheint die Auseinandersetzung mit den Grundsätzen sozialer Netzwerke und dem Konzept der sozialen Unterstützung sinnvoll. Die folgenden Ausführungen tragen Exkurscharakter und dienen der Exploration der Konzepte sozialer Netzwerke und sozialer Unterstützung.

5.1 Soziale Netzwerke als Geflecht sozialer Beziehungen

Nicht nur in die Anthropologie, Epidemiologie, Politikforschung, Ethnologie oder (Sozial-, Entwicklungs-) Psychologie fand das Netzwerkkonzept Eingang, sondern auch in die Sozialwissenschaften. Aufgrund der Unzufriedenheit vieler Vertreter der Strukturfunktionalisten einerseits und der Forscher mit individualistischen Ansätzen andererseits bietet das Netzwerkkonzept eine Möglichkeit, als Schnittstelle zwischen den Aggregatdaten der Sozialstruktur (Aufsummieren individueller Variablen) und mikrosoziologischen Erklärungen wie z. B. Rollentheorien zu fungieren. COLEMAN war ein großer Verfechter der Verbindung zwischen den soziologischen Theoretikern und den empirischen Sozialforschern. Die Arbeitsteilung in Strukturfragen der Soziologen auf der einen Seite und Merkmalsverteilungen der Sozialforscher als bloße "Variablensoziologie" (Esser), in der attributive Informationen summiert werden, auf der anderen Seite, kann mit der sozialen Netzwerkanalyse (SNA) als neues Instrumentarium überwunden werden. Die Kritik von COLEMAN an der Vernachlässigung des Mikro-Makro-Problems in der Soziologie, wie in Kapitel 4.1 angesprochen, sowie seine Studien zur Wirkung von sozialem Kapital rücken ihn in den Kreis der Netzwerkanalytiker, obwohl JANSEN (2003:14f.) äußert, dass er keiner ist. In dem Faktum, dass die Grundelemente sozialer Netzwerke nicht, wie in der empirischen Sozialforschung die Merkmale der Personen bzw. sozialen Einheiten selbst sind, sondern die Merkmale von dyadischen bzw. triadischen Beziehungen darstellen, wird die Verbindung zu COLEMANs Konzept des sozialen Kapitals deutlich. Mit der Analyse der Merkmale kann erklärt werden, wie Akteure mit Unterstützung ihre Ziele verwirklichen können. Umgekehrt kann das Konzept des Sozialkapitals bestimmte Strukturmerkmale und damit die theoretisch diskutierten Beziehungsmodelle in Kapitel 4.4 ebenfalls erklären. COLEMANs "methodologischer Individualist" entwickelte mit dem Konzept des sozialen Kapitals eine Möglichkeit, das Mikro-Makro-Problem zu überwinden.

Soziale Netzwerke stehen metaphorisch für die Beziehungen zwischen Menschen, die sich z. B. hinsichtlich ihrer Funktion als Unterstützungsnetzwerke oder im Hinblick auf ihre Zusammensetzung als Familiennetzwerke charakterisieren lassen. Einerseits symbolisiert das soziale Netz die Verbindungen zwischen einzelnen Individuen. Andererseits birgt es die Assoziation von Sicherheit und Aufgefangen-werden. Letzteres trägt sicherlich zu den jahrzehntelangen einseitigen sozial-epidemiologischen Forschungen bezüglich der salutogenen Funktionsweise sozialer Netzwerke bei[108], in denen enormes Unterstützungspotenzial komplementär zu den vielfältigen Versorgungsinstitutionen liegt. Unterstützungsforscher Bernd RÖHRLE (1994:70) kritisiert das eindimensionale Interesse an den salutogenen Potenzialen sozialer Netzwerke, da nach seiner Meinung die soziale Unterstützung als "Metakonstrukt" nur eine Funktion der "strukturellen Gedankenwelt" sozialer Netze ist.

Da ausführlichere Erläuterungen zur SNA über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würden, sei an dieser Stelle auf Franz Urban PAPPI (1987), Martin DIEWALD (1991), Dorothea JANSEN (2003) oder Rainer DIAZ-BONE (1997) verwiesen, die sich u. a. dieser Thematik widmeten.

5.1.1 Begriff des sozialen Netzwerkes

Soziale Handlungen sind aus einer strukturfunktionalistischen Perspektive nicht durch internalisierte Werte geprägt, sondern, wie auch COLEMAN postuliert, durch ihre Verortung in sozialen Strukturen[109]. Die Netzwerkperspektive bezieht die weniger institutionalisierten Beziehungsstrukturen als freiwillig eingegangene Austauschbeziehungen mit ein (Olbermann 2003:8). Der Sozialanthropologe John BARNES (1954), der den Netzwerkgedanken für die Sozialwissenschaften erschloss, präzisierte durch die Nutzbarmachung der mathematischen Graphentheorie die Netzwerkmetapher wie folgt:

Each person is, as it were, in touch with a number of people, some of whom are directly in touch with each other and some of whom are not. [...] I find it convenient to talk of a social field of this kind is a network. The image I have is a net of points some of which are joined by lines. The points of the image are people, or sometimes groups, and the lines indicate which people interact with each other (Barnes 1954:43; zit. nach Diaz-Bone 1997:11).

Ferner wurde der Begriff "soziales Netzwerk" von BARNES (1954, zit. nach Laireiter 1993:17) geprägt, den er in der strukturell determinierten Graphentheorie verwendet hat. Konsens besteht bei aller Heterogenität der Begriffsbildung darin, dass das Netzwerk "Systeme interpersonaler Beziehungen" enthält. Netzwerkanalytiker PAPPI (1987:15f.) zufolge, der zunächst die Etymologie des sozialen Netzwerkes erklärt, kann die folgende Definition aufgestellt werden, die - wie in Kapitel 4.3.1 gezeigt wurde - von Coleman synonym für Humankapital (Knoten) und soziales Kapital (Linien) verwendet wurde:

Netzwerke sollen vielmehr rein formal als die durch Beziehungen eines bestimmten Types verbundene Menge von sozialen Einheiten verstanden werden. [...] Sie lassen sich formal als Graphen darstellen. Die Knoten entsprechen den sozialen Einheiten und die Kanten oder Relationen den Beziehungen.

PAPPI bezieht sich bei der Definition auf einen der "Urväter" der SNA, den britischen Sozialanthropologen Clyde MITCHELL[110]. Er formulierte aus der Metapher einen analytischen Begriff, womit ein soziales Netzwerk mehr als ein Kommunikationsnetz wurde und soziales Handeln erklären konnte:

a specific set of linkage among a defined set of persons, with the additional property that the characteristics of these linkages as a whole may be used to interpret the social behavior of the persons involved (1969:2, zit. nach Schenk 1983:89).

Die sozialen Einheiten sind die Elemente sozialer Netzwerke und können einzelne Akteure, Positionen oder räumlich bzw. inhaltlich abgegrenzte Gruppen, Organisationen oder Nationen sein. Ähnlich wie COLEMAN natürliche Personen und Körperschaften als Einheiten versteht, die soziale Austauschbeziehungen haben können, ist auch bei den Untersuchungseinheiten nicht das Verhalten, sondern die soziale Beziehung entscheidend. Bei der SNA wurde die Auswahl der Einheiten und ihrer Beziehungsarten für die Forschungsfrage zum unerlässlichen Faktor.

In Anlehnung an PAPPI (1987), der die Arten von sozialen Netzwerken begrifflich auseinander hält, sollen diese kurz dargelegt werden, bevor die Eigenschaften der sozialen Beziehungen, die mittels der SNA erhoben werden können, skizziert werden.

Zunächst einmal können soziale Netzwerke nach BARNES (1954, zit. nach Laireiter 1993:17) in sog. "partielle" und "totale Netzwerke" unterschieden werden. Das partielle Netzwerk wird entsprechend der Forschungsfrage auf bestimmte Beziehungsarten (Verwandtschafts-, Freundschafts-, Kontaktnetzwerke usw.) reduziert, wobei hier weiter nach der Anzahl der Beziehungsinhalte differenziert wird. "Uniplexe soziale Netzwerke" bestehen aus einer Beziehungsart, während sich "multiplexe soziale Netzwerke" aus mehreren, ausgewählten Beziehungsinhalten formieren. Indessen werden mit einem totalen Netzwerk, wie der Name bereits sagt, sämtliche vorhandenen Beziehungsinhalte erhoben, so dass es sich quasi aus der Summe aller partiellen Netzwerke ergibt. Die Anzahl der sozialen Einheiten wird je nach Forschungsinteresse abgegrenzt, um nicht in uferlose Dimensionen zu gelangen. Die totale Netzwerkerhebung ist mit einem enormen Arbeits- und Kostenaufwand verbunden.

Eine andere begriffliche Unterscheidung sozialer Netzwerkansätze wird durch die Art der Befragung festgelegt (Pappi 1987:13). Beim egozentrierten Netzwerkansatz werden die Daten über das soziale Netz aus der subjektiven Sicht einer Person (Ego) bzw. einer sozialen Einheit erhoben.

Diese wird mit einem sogenannten Namensgenerator aufgefordert, Personen zu nennen, zu denen sie soziale Beziehungen unterhält. Für diese sogenannten ‚Alteri' werden dann zusätzliche Angaben erfragt [...] (Jansen 2003:65).

Sind "diese Netzwerke in einer Person verankert", stellen egozentrierte Netzwerke in Abgrenzung zu Gesamtnetzwerken eine Form der persönlichen Netzwerke dar, und wenn die Zentren Organisationen sind, sind sie "organization sets", also Strukturnetzwerke (Pappi 1987:13).

Bei den persönlichen egozentrierten Netzwerken gibt demnach allein ego (Netzwerkterminologie für Individuum) Auskunft über seine Beziehungen (first order star), die entweder nur eines bestimmten Typs oder verschiedener Art sein können. "Damit das "Netz als ‚Netzwerk' qualifiziert werden kann", muss ego auch Auskunft über die Beziehungen der anderen Netzwerkmitglieder untereinander geben (first order zone)[111].

Die egozentrierten Netzwerke können auch erweitert die Beziehungen der Kontakteinheiten von ego umfassen, die dann mit "second order zone" umschrieben werden. In einer Untersuchung sozialer Netzwerke behinderter Menschen und ihrer sozialen Austauschbeziehungen (Unterstützungen) hinsichtlich der Reziprozität und Symmetrie sollte letztere Betrachtungsweise gewählt werden. Mit der zusätzlichen Befragung der durch bestimmte Namens- oder Positionsgeneratoren[112] erhobenen Netzwerkmitglieder kann man über die tatsächliche gegenseitige Wählbarkeit Auskunft erhalten, um somit die subjektive Wahrnehmung von Gegenseitigkeit zu vermeiden.

Die egozentrierte Netzwerkerhebung[113] ist - methodisch gesehen - mit empirischen, traditionellen Erhebungsmethoden wie z. B. standardisierten Fragebögen vergleichbar. Insbesondere für Forschungsfragen zur Integration von Akteuren ist sie nach JANSEN (2003:65) geeignet und wird überwiegend in der Netzwerk- oder sozialen Unterstützungsforschung angewandt trotz der Gefahr von Verzerrungen aus arbeitsökonomischen Gründen aufgrund fehlender finanzieller und personeller Ressourcen.

Diese Auswahl kann nur ein Kompromiß sein zwischen einer ökonomischen Beschränkung des Erhebungsaufwandes, Reliabilitätserwägungen und dem Ziel, alle relevanten Personen zu erfassen (Diewald 1991:63).

Unabhängig von dieser personenzentrierten Perspektive bestehen die Gesamtnetzwerke aus Daten von allen Netzwerkeinheiten (Personen, Organisationen, etc.) über alle anderen Einheiten, so dass alle Verbindungen, d. h. auch fehlende Beziehungen, die die Sozialstruktur erheblich beeinflussen, erfasst werden können. Einfache Maßzahlen wie z. B. Netzwerkdichte werden neben komplexen Strukturmustern zu Teilgruppen erhoben. Folglich werden für den gleichen Akteursset mehrere Beziehungsarten (Relationen) parallel untersucht (Jansen 2003:67). Eine netzwerkanalytische Methode zur Sozial- und Rollenstruktur ist die Blockmodellanalyse für Gesamtnetzwerke, mit deren Hilfe auch die Wirkung fehlender Beziehungen auf die Sozialstruktur ausgemacht werden kann[114].

Soziale Netzwerke werden in der Forschung überwiegend als partielle Netzwerke für eine bestimmte inhaltliche Beziehung entsprechend der jeweiligen Forschungsfrage dargestellt, die dann uniplex sind. Wenn für den Forscher mehrere Beziehungsarten interessant sind, werden - formal gesehen - mehrere partielle Netzwerke für dieselben Einheiten (Akteure, Organisationen) parallel analysiert. Dadurch erhält man Auskunft über multiplexe Verbindungen in den Netzwerken (Pappi 1987:14).

Soziale Netzwerke stellen nach DIAZ-BONE (1999:3) zusammenfassend verschiedene soziale Kapitalformen[115] dar und fungieren so als Ressourcen, die den Handlungsspielraum einzelner Akteure bzw. Gruppen erweitern oder einschränken. "Netzwerke stellen Infrastrukturen für Austausch- und Kommunikationsprozesse zwischen Individuen, Gruppen und Organisationen dar".

5.1.2 Formale Netzwerkanalyse

Die soziologische resp. soziale Netzwerkanalyse (SNA)[116] wird in die Beschreibung formaler Strukturen (formale Netzwerkanalyse) einerseits und die Rekonstruktion strategischer Interaktionen andererseits eingeteilt, wobei deutlich wird, dass es in der austauschtheoretisch fundierten SNA ressourcenmobilisierender Akteure um ersteren, den formalen Ansatz geht[117]. In der formalen SNA werden der Akteur und dessen strukturelle Einbettung mit quantitativen Methoden erfasst. Die instrumentelle Verbindung zwischen dem strukturellen Charakter des sozialen Kapitals und der SNA zur Analyse sozialer Strukturen liegt nahe und wird von JANSEN (2000:11ff., 2003) ausführlich dargestellt:

Ein wichtiges Konzept für die Erfassung von strukturabhängigen Eigenschaften von Akteuren sowie von Eigenschaften auf der Ebene der Meso- (z. B. Gruppen und Organisationen) und Makrostrukturen (Gesamtgesellschaften) ist dabei der Begriff des sozialen Kapitals (Jansen 2000:36).

Nach PAPPI (1987:11) stellt die SNA eine Methode zur Untersuchung sozialer Strukturen dar, die die Beziehungen zwischen den sozialen Einheiten bzw. Elementen der sozialen Netzwerke wie einzelnen Personen (Akteuren), Positionen oder sozialen Gruppen (korperativer Akteur) repräsentieren. Ziel der Netzwerkforschung ist es, die wechselseitigen Wirkungen von bestimmten Merkmalen sozialer Netzwerke und individuellem Handeln zu erfassen. Aufgrund der Möglichkeit, formale Strukturen zu beschreiben und mittels mathematisch-statistischer Verfahren zu analysieren, ist der Netzwerkbegriff nicht mehr allein metaphorisch zu verwenden. Die SNA umfasst einen Vorrat an analytischen Konzepten und Methoden zur Untersuchung von relationalen Daten, wobei jedoch die üblichen attributiven Informationen zu den Untersuchungseinheiten wiederum nicht vernachlässigt werden sollten, da sie insbesondere zur Homogenität der Netzwerkmitglieder Informationen liefern. Soziale, ökonomische und emotionale Beziehungen können mit der SNA visualisiert und gemessen werden. Die Datenerhebung erfolgt mittels gängiger sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden wie Beobachtung, Tagebuchverfahren, Interviews, Fragebogen etc..

Über die soziale Einbettung können, wie bei COLEMAN in Kapitel 4.3.3 gezeigt, Aussagen zur erweiternden oder restriktiven Handlungsfähigkeit der Akteure getroffen werden (Weyer 2000a:16). Ferner werden mit der Analyse von Beziehungsmustern Strukturen im sozialen Netz wahrnehmbar, die unbeabsichtigt durch alltägliches Verhalten erzeugt werden und denen COLEMAN (1995a:6) ebenfalls Relevanz beimisst (Jansen 2000:37).

Es gibt verschiedene netzwerkanalytische Forschungsstrategien, die nach Analyseebenen (Dyaden, Triaden, Subgruppen, egozentrierte Netzwerke, Gesamtnetzwerke)[118] bzw. nach der Analyserichtung in Anlehnung an Michael SCHENK (1983:91) differenziert werden. SCHENK (ebd.) unterscheidet die innenorientierte, relationale, graphentheoretische SNA und die außenorientierte, positionale Analyse. Er selbst gibt dem ersteren, relationalen Ansatz den Vorzug, denn "die deutlich fragileren, lockeren und mit vielen Idiosynkrasien behafteten persönlichen Beziehungen können mit dem relationalen Ansatz adäquater analysiert werden".

In Abgrenzung zum positionalen (strukturellen) Netzwerkansatz, der beispielsweise mit dem Konzept der strukturellen Äquivalenz[119] nach SCHENK eine Netzwerkzerlegung nach ähnlichen Beziehungsmustern enthält, findet beim relationalen Ansatz eine innenorientierte Erfassung struktureller Verdichtungszonen wie z. B. des Ausmaßes gegenseitiger Wahlen (Kohäsionsgrad) statt (Jansen 2003:67).

5.1.2.1 Netzwerkanalyse als strukturelle Grundlage von sozialem Kapital

In Kapitel 4.3.3 wurden Netzwerkstrukturen zur Generierung und Zerstörung von sozialem Kapital erörtert, wobei der instrumentelle Aspekt sozialer Beziehungen für den einzelnen Akteur hervorgehoben wurde. JANSEN (2000, 2003) widmet sich ausführlich den Operationalisierungsebenen von sozialem Kapital mit Hilfe der Netzwerkgeneratorenmethoden[120] und der SNA. Sie betont den strukturellen Charakter des Kapitals, was dazu führt, "dass der Prozess seiner Produktion oft nicht bewusst ist", d. h. wie COLEMAN (ebd., S. 26) sich ausdrückt, dass unbeabsichtigt soziales Kapital produziert werden kann. Die Eigenschaft, dass soziales Kapital nur bedingt gezielt hergestellt werden kann, bewirkt, wie in Kapitel 4.3.1 erläutert wurde, dass die Sozialstruktur neben handlungserweiternden auch einschränkende Wirkungen (Zwänge, Barrieren) für die Akteure haben kann. Nichtsdestoweniger ist das Konzept "gut geeignet, die Lücke zwischen Mikro- und Makroebenen zu schließen", d. h. als "Scharnier zwischen Akteuren und Strukturen" zu fungieren. Die Akteure können versuchen, ihr soziales Kapital zu optimieren, das nicht vollständig Privatbesitz ist (Jansen 2000:37; 2003:237).

Nach JANSEN (2003:32) liefert die SNA mit ihrer Erfassung sozialer Ressourcen ein Instrument für die "strukturellen Grundlagen von Sozialkapital", das alle Formen operationalisieren kann. Hierzu gruppiert sie drei Analyseebenen der Operationalisierung von sozialem Kapital mit der Betonung, dass eine Bewertung vom Beziehungsinhalt (berufliche Hilfesuche, Freizeitaktivitäten) abhängt.

Eine erste Ebene sind die akteursbezogenen Maßzahlen zur Messung des sozialen Kapitals einzelner Akteure (Prestige, Degree-Zentralität). Akteure, die, auch bildlich gesehen, zentral mit vielen Netzwerkmitgliedern verbunden sind, befinden sich in einer Position, ihre Unterstützungsquellen frei aussuchen zu können. Ein leicht zu ermittelnder Indikator für soziales Kapital ist der Degree als Zahl der Beziehungen, wobei hier noch bei asymmetrischen Beziehungen nach JANSEN (2000:45, Herv. i. O.) zwischen In- und Outdegree unterschieden werden muss: "Hoher Degree bzw. Outdegree indiziert seine [die des Akteurs - d. Verf.] starke Einbindung in ein Netzwerk, hoher Indegree indiziert seine hohe Wertschätzung im Netzwerk".

Die zweite Analyseebene stellen die netzwerkbezogenen Maßzahlen dar, die entweder für egozentrierte Netzwerke oder für Gesamtnetzwerke zur Messung des sozialen Kapitals als Kollektivgut (Netzwerkdichte, Multiplexität, Kohäsionsgrad) für Vergleichszwecke fungieren. Hier kann beispielsweise das Solidaritäts- und Normendurchsetzungspotenzial gemessen und der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss diese auf die Reziprozitätserwartungen der Unterstützungspersonen haben. "Akteure, die die Brücken zwischen weit voneinander entfernten Clustern darstellen, können u. U. als Unternehmer oder Makler von ihren Netzwerkpositionen profitieren" (ebd., S. 49).

Mit den Maßzahlen für Teilgruppen in Netzwerken (Cliquenkonzept, strukturelle Äquivalenz: Blockmodell und Clusteranalyse) umreist JANSEN (2000:49) die dritte Analyseebene zur Ermittlung der Leistungsfähigkeit sozialer Netze. Kontakte zu vielen verschiedenen Netzwerksegmenten ermöglichen verschiedene Informationen und damit Handlungserweiterungen über die gewohnten Strukturen hinaus. Eine strukturelle Position i. S. struktureller Autonomie trägt zur wirklichen Auswahl von Unterstützungspersonen durch den ressourcenmobilisierenden Akteur für seinen spezifischen Unterstützungsbedarf bei. "Nur dann kann er die über die Beziehung laufende Leistung sowohl von dem einen wie von dem anderen beziehen" (ebd.).

Diese Analyseebene hat, wie (JANSEN 2003:32) bemerkt, auch eine methodische Funktion dahingehend, dass die "Sozialstrukturen modellhaft reduziert und in übersichtlicher Art und Weise" dargestellt werden können, denn anstelle der Beziehungen zwischen Individuen werden Beziehungen zwischen strukturell äquivalenten Gruppen dargestellt.

Aufgrund des begrenzten Rahmens der Diplomarbeit muss auf eine ausführliche Beschreibung dieser drei Analyseebenen, die den Mehrebenen-Ansatz interpersoneller und individueller Ebenen begründen, einschließlich ihrer verschiedenen Merkmale verzichtet werden. Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle auf JANSEN (2003:51ff.) verwiesen werden. Allein die klassischen Merkmale sozialer Netzwerke werden im Folgenden skizziert. Gerade diese Merkmale wurden in den vorhandenen egozentrierten SNA behinderter Menschen erhoben und sollen im Anschluss in Kapitel 5.2.3 diskutiert werden.

5.1.2.2 Merkmale der formalen Netzwerkanalyse

Die Graphentheorie, die auch COLEMAN zur quantitativen Beschreibung von sozialem Kapital verwendete, stellt für die SNA eine mathematische Theorie dar, um die Strukturmerkmale formal beschreiben zu können. Ein Graph besteht aus Knoten (Akteuren) und Kanten (Relationen), die zunächst nur symmetrische Beziehungen visualisieren. Wenn asymmetrische Beziehungen mit dichotomen Merkmalsausprägungen vorliegen, spricht man von gerichteten Graphen mit ausgehenden Pfeilen bzw. Kanten (Outdegree-Maß) oder eingehenden Pfeilen bzw. Kanten (Indegree-Maß[121]). Bei mehr als zwei Ausprägungen der Beziehungsart wird das soziale Netzwerk mit bewerteten Graphen bzw. Kanten abgebildet (Sodeur 2003).

Mittels Matrizen können diese z. T. sehr unübersichtlichen, komplexen Netzwerkstrukturen ebenfalls dargestellt und berechnet werden, insbesondere mit Software zur Gesamtnetzwerkanalyse, wie es z. B. das Programmpaket UCINET 5 darstellt[122].

Bezüglich DIAZ-BONE (1999:3) unterscheidet die SNA drei Eigenschaftsaspekte: Eigenschaften der Knoten (soziodemographische Merkmale), der Beziehungen (relationale Merkmale) und der Netzwerkstruktur (Morphologie). Die Ähnlichkeit zu den von JANSEN (2003:51) beschriebenen Analyseebenen, die im vorangegangenen Kapitel dargestellt wurden, zeigt den Konsens in der Unterscheidung von Merkmalen der Zusammensetzung trotz sonstiger konzeptioneller Heterogenität der sozialen Netzwerkforschung, die anhand der Vielzahl von Maßzahlen und Indizes erkennbar ist. Zur Charakterisierung des gesamten Netzwerkes sind die strukturellen Merkmale (Morphologie) zweckdienlich, während die einzelnen dyadischen Beziehungen als einfachste Netzwerkstruktur mit den relationalen und funktionalen Merkmalen beschrieben werden. Im Folgenden werden die am häufigsten untersuchten Dimensionen vorgestellt und in der Tabelle 4 summarisch dargestellt:

Tabelle 4: Merkmalsdimensionen sozialer Netzwerke (Quelle: Röhrle 1994:16, modifiziert)

strukturelle Merkmale (Morphologie):

- Größe (Zahl der Elemente: z. B. Personen, Organisationen, etc.)

- Dichte (Zahl der möglichen zu den tatsächlichen Beziehungen)

- Erreichbarkeit (Möglichkeiten direkter/indirekter Pfade bzw. Graphen zu Beziehungen)

- Zentralität (Grad sozialer Integration)

- Cluster/Cliquen (Verdichtete Netzwerkgruppen)

relationale Merkmale (Qualität):

- Intensität, Intimität (Starke und schwache Bindungen)

- Kontakthäufigkeit

- Beziehungsdauer (Stabilität)

- multiplexe vs. uniplexe Beziehungen (Vielfalt der Inhalte von - -- Beziehungen, z. B. Rollenbeziehungen)

Reziprozität (symmetrische vs. asymmetrische Beziehungen)

funktionale Merkmale (Funktion):

- soziale Unterstützung (Sicherheit, sozialer Rückhalt)

- soziale Integration

- Kommunikation, Information, Austausch (Waren etc.)

- soziale Kontrolle (Wertevermittlung, Normenorientierung)

Mit RÖHRLE (1994:18) können die funktionalen Merkmale zweckentsprechend wie folgt definiert werden, wobei er die informellen Hilfen namentlich als Ursache zur Entstehung sozialer Netzwerke bei Einhaltung der Reziprozitätsregeln pointiert:

Die funktionalen Merkmale kennzeichnen soziale Netzwerke als sich selbsterhaltende bzw. -regulierende Systeme. Kommunikative Prozesse und soziale Handlungen im Sinne von sozialen Unterstützungen und sozialen Kontrollen gelten dabei als die wichtigsten regulativen Merkmale von sozialen Netzwerken. Soziale Unterstützungen pflegen soziale Beziehungen und helfen einzelnen Mitgliedern eines sozialen Netzwerkes dabei, ihr Leben zu meistern. Informelle Hilfen sind aber auch immer für das soziale Netzwerk als solches dienlich, solange das einzelne Mitglied als sein Träger fungiert und solange Reziprozitätsregeln gelten.

Diese Leistungsmerkmale werden in positive und negative Leistungspotenziale bzw. in belastungs- und krisenbezogene Merkmale unterteilt, die wiederum in geleistete, erhaltene und wahrgenommene Unterstützung gegliedert werden können. Auf die soziale Unterstützung als funktionales Merkmal sozialer Netzwerke, wie in Tabelle 4 ersichtlich, wird in Kapitel 5.2 detaillierter Bezug genommen.

Mit RÖHRLE (1994:17) ist übereinzustimmen, dass für austauschtheoretische Überlegungen die relationalen Merkmale als formale Eigenschaften von Beziehungen der Tabelle 4 zweckentsprechend sind, die auch z. T. qualitative Eigenschaften quantifizieren können. Bei bewerteten Graphen wird zum einen die Stärke der subjektiv wahrgenommenen Beziehungen gemessen, die in COLEMANs Terminologie "Intensität" heißt und nach ihm als "Aufwand an Zeit und Mühe" zu beschreiben ist[123]. Gemäß RÖHRLE (ebd., S. 17) ergibt sie sich aus dem

Aufwand, mit dem solche Beziehungen gepflegt werden, dem Grad des emotionalen Engagements oder gegenseitigen Vertrauens und aus dem Ausmaß an wechselseitigen Unterstützungen.

SCHENK (1983:93) grenzt die starken Beziehungen (strong ties) als "dauerhaft, reziprok, intim und intensiv" ab. In Kapitel 4.3.3 wurde COLEMANs Bezug auf die strong ties bei der Entstehung bzw. Zerstörung von sozialem Kapital und seine Unterschätzung der schwachen Beziehungen (weak ties) ausgeführt.

Objektivere Maßzahlen für bewertete Graphen sind zum anderem die Dimensionen der Kontakthäufigkeit und die Beziehungsdauer (Pappi 1987:16). Letzteres nennt COLEMAN (1995b:354) "Zeitgeschlossenheit".

Eines der wichtigen formalen Merkmale sozialer Beziehungen ist die Reziprozität, wie aus der theoretischen Abhandlung dieser Arbeit, insbesondere in Kapitel 3 ersichtlich ist. Nach DIEWALD (1991:67) gibt es bei der Erhebung reziproker Leistungen Messprobleme, da die Austauschmedien, speziell die immateriellen Güter, meist nicht in Geld umgerechnet werden können und die Bewertung interpersonal aufgrund subjektiver Wahrnehmungen und Dringlichkeiten erfolgt. Er weist auch auf die Problematik von querschnittsanalytischen Erhebungsverfahren hin, da hierbei nicht alle für die Herstellung von Reziprozität relevanten Austauschleistungen erfasst werden können. Diese Aspekte müssen bei einer aufbauenden Untersuchung berücksichtigt werden.

Eine weitere Kategorie relationaler Merkmale stellen die multiplexen bzw. uniplexen Beziehungen dar. Handelt es sich nur um einen Beziehungstyp, wird die Beziehung uniplex definiert, bei mehr als einer Beziehungsart ist die Beziehung multiplex. Das Ausmaß der Multiplexität kann auch anhand der Anzahl verschiedener Rollenbeziehungen bestimmt werden. Nach SCHENK (1983:95) sind multiplexe Netzwerke "diffuse, sich mehrfach durchdringende, intensive und dauerhafte Beziehungen". Es kann angenommen werden, dass bei behinderten Menschen die multiplexen Strukturen entgegen dem allgemeinen Differenzierungsprozess in modernen Gesellschaften, wo die Beziehungen eher uniplex gestaltet sind, überwiegen (Otto 2000:9).

Während die funktionellen und relationalen Merkmale einzelne soziale Beziehungen charakterisieren, wird mit den strukturellen Merkmalen der Tabelle 4 die Morphologie als "spezifische Menge von Verbindungen zwischen sozialen Akteuren", d. h. die Gesamtordnung sozialer Beziehungen, rekonstruiert (Diewald 1991:59, Röhrle 1994:18). Nach OTTO (2000:14) werden dabei, prägnant ausgedrückt: "die vorhandenen Verbindungen entweder zu den potenziell möglichen oder zu extremen Ausprägungsgraden oder zu bestimmten Mittelwerten in Relation gesetzt".

Zu den wichtigsten strukturellen Dimensionen gehören die Größe bzw. der Umfang des sozialen Netzwerkes und die Netzwerkdichte, die bei COLEMAN mit "Geschlossenheit" umschrieben wird. Die Dichte ist das Ausmaß der wechselseitigen Kontakte bzw. Wahlen auf Fragen bei tatsächlichen oder hypothetischen Unterstützungen. Einerseits können durch sie Cluster bzw. Cliquen (Dichte = 100%) als sog. verdichtete Zonen innerhalb des Netzes und andererseits zum Aufspüren von zentralen bzw. isolierten Akteuren (Zentralität) ermittelt werden (Olbermann 2003:13). Mit beiden Maßzahlen kann keine Aussage zur Intensität (Stärke) der Beziehungen gemacht werden. Mit dem Erreichbarkeitsmaß (Grad der Verbindungen) soll nach RÖHRLE (1994:19) ermittelt werden, wie schnell im Bedarfsfall die Netzwerkmitglieder zu erreichen sind.

Mit diesen wichtigen Merkmalsdimensionen soll auf weitere Merkmale sozialer Netze und deren Berechnungen bzw. die Analyseverfahren für egozentrierte Netzwerke[124] oder Gesamtnetzwerke[125] in der angegebenen Literatur verwiesen werden.

5.2 Soziale Unterstützung als funktionaler Aspekt sozialer Netzwerke

Das soziale Netzwerk als umfassenderes Konzept gegenüber dem Konzept der sozialen Unterstützung, das sich nur auf einen inhaltlichen Aspekt des Netzwerkes bezieht, bietet den theoretischen Bezugsrahmen und die strukturellen Voraussetzungen für soziale Unterstützung. Das Unterstützungsnetzwerk ist folglich ein partielles Netzwerk, das sich aus Unterstützungsbeziehungen zusammensetzt (Olbermann 2003:14). Informelle Beziehungen bzw. nach COLEMAN "ursprüngliche Sozialstrukturen" liefern kognitive, emotionale oder praktische Leistungen wie Verhaltensorientierungen und Informationen, Motivationen und Zugehörigkeitsgefühle, Entspannungen und Geselligkeiten - so definiert HOLLSTEIN (2001:13) die Funktionen informeller Netzwerke.

Netzwerke stellen soziales Kapital dar und wirken demzufolge handlungserweiternd oder -einschränkend. Durch den Nutzen der Netzwerkbeziehungen ist das Konzept der sozialen Unterstützung (social support) relevant. Konsensfähige Begriffsabgrenzungen und Taxonomien der Unterstützungsformen sind mit dem heterogenen Konstrukt "soziale Unterstützung" nicht verbunden. Ähnlich der Begriffsproblematik für "Behinderungen" sind die Schwerpunktsetzungen abhängig vom Forschungsinteresse, wodurch eine Vielfalt von Definitionsversuchen und Zusammensetzungen von Einzelkomponenten vorliegt. RÖHRLE (1994:81) spricht daher vom "Metakonstrukt" sozialer Unterstützung.

Das wachsende Interesse an sozialer Unterstützung hängt mit der sozial-epidemologischen Rollenzuweisung bei der Prävention psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen und der Bewältigungsressource bei Belastungen zusammen, da zahlreiche Befunde zur Wiederherstellung der Gesundheit vorliegen (Fydrich & Sommer 2003:1). Soziale Integration wurde hierbei ganz unterschiedlich erhoben, wie z. B. mit den variablen Indikatoren des ehelichen Status, der Zahl sozialer Kontakte oder der Partizipation in sozialen Gruppierungen (Röhrle 1994:70). Indessen sind die Auswirkungen der sozialen Integration auf Gesundheit, Unterstützungsgewährung und Reziprozität sowie die Erfassung gesellschaftlicher Solidaritätspotenziale der Soziologie vorbehalten (Diaz-Bone 1997:110ff.).

Nachdem das Konzept soziale Unterstützung in den Anfängen der sozialen Netzwerkforschung von dieser infolge der Reduzierung des Netzwerkbegriffs auf den inhaltlichen Aspekt subsumiert wurde, gilt die moderne soziale Unterstützungsforschung als eigenständiges Forschungsgebiet. Sie beansprucht neben den positiven Wirkungen sozialer Netzwerkstrukturen auf das Wohlbefinden die zunehmende Berücksichtigung der nicht unwesentlichen negativen Aspekte sozialer Einbindungen. Der Begriff soziale Unterstützung umfasst mehr als nur "Hilfe", wie NESTMANN (1988) erläutert.

In das Unterstützungskonstrukt muss nach RÖHRLE (1994:7) die Beziehungsqualität mit einbezogen werden. Ferner postuliert er, dass mit dem subjektiven Sinn der Merkmale die psychologischen Gehalte reduziert werden müssen, denn Orientierung, Bindung und Identität des Akteurs definieren die Handlungsziele.

[...] Informell zu helfen und soziale Unterstützungen wahrzunehmen und zu pflegen, wird dabei als ein Spezialfall sozial-interaktiver Handlungen angesehen. Die Effekte solcher Herstellungs- und Konsumtionshandlungen können unterschiedlich attribuiert werden.

Ähnlich wie im Kapitel 5.1 zum Konzept des sozialen Netzwerkes soll nachfolgend nur ein Einblick in die Idee der sozialen Unterstützungsforschung vermittelt werden. Einen guten Überblick über die Unterstützungsforschung haben u. a. Frank NESTMANN (1988), Bernd RÖHRLE (1994) und Anton LAIREITER (1993, Hg.) herausgearbeitet.

5.2.1 Konzept soziale Unterstützung

Mit DIAZ-BONE (1997:111, Herv. i. O.) soll soziale Unterstützung (social support) wie folgt definiert werden: Er weist damit zugleich auf die zwei wichtigsten Typen von sozialer Unterstützung hin, die anschließend erläutert werden: "Heute wird unter social support jede Form von instrumenteller oder emotionaler Hilfestellung verstanden, die gedacht ist, Bedürfnisse des Empfängers zu befriedigen".

Bis vor kurzem wurde einerseits soziale Unterstützung in der Unterstützungsforschung konzeptuell als eine positive Bewältigungsressource i. S. von stressabfederndem Potenzial (Puffereffekt) gesehen und andererseits als Bewältigungshilfe für akute Problemsituationen im Lebensverlauf aufbereitet. D. h. die soziale Unterstützungsforschung setzte sich mit den positiven Auswirkungen des sozialen Umfeldes und der geleisteten sozialen Unterstützung auf die physische und psychische Gesundheit auseinander (Diaz-Bone 1997:110).

Die angesprochenen theoretischen Erklärungsmodelle der Puffereffekt- und Direkteffekt-Thesen[126] zur Korrelation zwischen sozialen Beziehungen und Gesundheit bzw. Lebensqualität (salutogene Wirkung) sollen - in Anlehnung an HOLLSTEINs (1999:21ff.) Verständnis der Vielfalt der Typologisierungen - als Grundlage kurz eingeführt werden.

In spezifischen Situationen bzw. Notlagen, in denen Unterstützung erforderlich ist, kann das soziale Netzwerk die direkten Belastungen abfedern, womit die Begrifflichkeit des "Puffereffekts" erklärt werden kann. Hier wird zwischen zeitlich kurzfristig und langfristig belastenden Situationen unterschieden, da die Leistungsfähigkeit bzw. der Nutzungsspielraum des sozialen Netzes davon beeinflusst werden. Nicht nur das Ereignis an sich ist für den Unterstützungsbedarf ausschlaggebend, sondern die Persönlichkeitsvariablen spielen auch eine Rolle, wozu in erster Linie die soziale Kompetenz zählt, d. h. Persönlichkeitsmerkmale, die den Umgang mit sozialen Netzen prägen[127].

Wirkt dagegen ein soziales Netz auf die betreffende Person und ihr Wohlbefinden (well being) latent, also unabhängig vom sozialen Kontext, wird dies mit dem "Direkteffekt" umschrieben (Diewald 1991:83). Die Direkteffektthese besagt, das sozial isolierte Menschen ohne starke Beziehungen ein niedrigeres Wohlbefinden haben, so dass das soziale Netzwerk auch als interne Ressource fungiert, das einerseits die Zugehörigkeits- und Rückzugsbedürfnisse befriedigt und andererseits Orientierungs- und Handlungskompetenzen prägt (Diewald 1991:95).

Soziale Unterstützung stellt eine Funktion sozialer Netzwerke dar, was RÖHRLE (1994:70ff.) als eindimensionale Sicht auf die salutogene Wirkung informeller Beziehungen kritisiert, da die "strukturale Gedankenwelt" sozialer Netzwerke umfangreichere Hintergründe birgt. Nach ihm sind die Vulnerabilitätsmodelle zu einfach gehalten, so dass er für differenziertere Analysen der Auswirkungen sozialer Unterstützung plädiert. Die spezifische salutogene Wirkung sozialer Unterstützung muss durch bestimmte Korrelationen verschiedener Netzwerkmerkmale untersucht werden, da nicht von einer allgemeinen salutogenen Wirkung ausgegangen werden darf (ebd., S. 95).

Soziale Unterstützung ist das Ergebnis von dynamischen Aktivierungsprozessen zwischen Unterstützungsperson und Rezipienten (ebd., S. 85). RÖHRLE (ebd., S. 162f.) untersuchte das Verhältnis zwischen personenseitigen Merkmalen und Netzwerkmerkmalen und kam zu drei Ergebnissen: 1. Beide Merkmalstypen beeinflussen sich gegenseitig. 2. Die Merkmale der Person haben Auswirkung auf den Zugang zu Ressourcen. 3. Es ist ein komplexeres Modell für diese beiden Seiten notwendig, das die persönlichen wie die Netzwerkressourcen (soziale Ressourcen), Unterstützungsarten und die subjektiven Wahrnehmungen berücksichtigt. Soziale Integration aufgrund der sozialen Identitätsherstellung und des Zugehörigkeitsgefühls wird ebenso dem Metakonstrukt soziale Unterstützung zugeschrieben wie die strukturellen und relationalen Merkmale und die informellen Unterstützungsleistungen.

Die meisten empirischen Verfahren zur Erfassung sozialer Unterstützung entstehen ad hoc je nach Forschungsausrichtung. Für die Psychologie existieren seit den 1970er Jahren deutschsprachige, bereits z. T. validierte Erhebungsinstrumente egozentrierter Netzwerke, die die soziale Unterstützung auf das individuelle Wohlbefinden und Verhalten beziehen sollen[128].

5.2.2 Dimensionen der sozialen Unterstützung

Der Begriff der sozialen Unterstützung bezieht sich auf ein multidimensionales Konstrukt, das unterschiedliche Unterstützungsarten enthält (Olbermann 2003:15). LAIREITER (1993:25) untersuchte 20 netzwerkanalytische Verfahren und macht ausdrücklich auf die Probleme der Operationalisierungsvielfalt aufmerksam, die aus Divergenzen im Bereich der definitorischen Kriterien, der Varianzen relationaler Merkmale und der z. T. unzureichenden Itemanalysen resultieren. Drei Ebenen der Konstruktpräzisierung sozialer Unterstützung kristallisiert er heraus, nämlich die "ad-hoc"-Verfahren, die theoretischen Taxonomien wie z. B. Bindungstheorien, Stress- und Bewältigungstheorien sowie Bedürfnis- und Ressourcentheorien und die empirischen Klassifikationen, die faktorenanalytisch bestimmt werden können. Die letztgenannten Ebenen entsprechen den Dimensionen bzw. Inhalten sozialer Unterstützung, die zuerst in einer empirischen Analyse schwangerer Frauen (belastende Situation) von GOTTLIEB (1978, zit. nach Laireiter 1993:25) mit 17 Unterstützungsformen faktorenanalytisch bestimmt wurden. Auf diese wurde und wird in weiteren Erhebungen häufig Bezug genommen, indem aus ihnen aus arbeitsökonomischen Gründen sechs Unterstützungsdimensionen abgeleitet und analysiert werden.

Nach DIAZ-BONE (1997:111) entsprechen die Unterstützungsdimensionen in der Regel den Interaktions- bzw. Austauschinhalten, d. h. den Ressourcen informeller Beziehungen. Der Ressourcenbegriff ist eng mit den Austauschtheorien verbunden; so sind die Ressourcen auch bei COLEMAN eines der vier Elemente seiner Sozialtheorie. Mit dem Ressourcenbegriff als neutraler Bezeichnung wird nicht die Weise und die Wahrnehmung der materiellen wie immateriellen, verbalen wie nonverbalen Leistungen analysiert.

In Anlehnung an die Ressourcentheoretiker Uriel G. FOA & Edna B. FOA (1974, zit. nach Nauck 1989:52) lassen sich z. B. folgende sechs konkrete oder symbolische Ressourcen in einem allgemeinen und einfachen Klassifikationsschema für austauschtheoretische Analysen unterscheiden: Liebe bzw. Zuneigung, Status (Prestige, Wertschätzung), Informationen (Meinungen, Beratungen), Geld, Waren/Güter und Dienstleistungen. Je nach Ähnlichkeit werden sie nach ihrer Meinung um so wahrscheinlicher miteinander ausgetauscht. In der sozialen Unterstützungsforschung dienen gerade diese Faktoren immer wieder der inhaltlichen Typologie sozialer Unterstützung bei den verschiedensten Untersuchungszielen der Wissenschaftler.

Zwei grundlegende Dimensionen sozialer Unterstützung sind gemäß LAIREITER (1993:25) die psychologischen und materiell-instrumentellen Leistungen. In letzter Zeit, so führt der Netzwerktheoretiker weiter aus, wird zunehmend ein dritter Aspekt "Selbstwert-Unterstützung" verwendet, um de facto einen Gegenpol zu erhaltener Unterstützung zu beleuchten. Neben dieser zwei- bzw. dreidimensionalen Einteilung informeller Hilfeleistungen auf der einen Seite eines gedachten Kontinuums, die ebenfalls für eine weiterführende empirische Netzwerkerhebung für behinderte Menschen (ressourcenmobilisierende Akteure) aus arbeitsökonomischen Gründen empfohlen werden soll, gibt es auf der anderen Seite Arbeiten, "die eine je differenziertere Anzahl diskreter Hilfekategorien innerhalb von Grobeinteilungen nennen" (Otto 2002:20).

Dazwischen liegen beispielsweise die bei HOLLSTEIN (2001:32ff.) zusammengefassten Unterstützungsdimensionen aus der Forschungsliteratur wie praktische Hilfen, informationsbezogene bzw. Orientierungshilfen, emotionale, bewertungsbezogene Unterstützungen (esteem support), soziales Beisammensein, motivationale Unterstützungen und die negativen Aspekte sozialer Unterstützungen.

Eine detaillierte Typologisierung mit 16 Dimensionen, die in objektiv und subjektiv zu bewertende Unterstützungen sowie deren Erklärung als mehrdimensionaler Aspekt unterteilt sind, kann bei DIEWALD (1991:71ff.) entnommen werden, auf den sich ebenfalls viele Unterstützungsforscher stützen. An dieser Stelle wird die von Wolfgang HASS (2002:27) ausgearbeitete Tabelle mit vier Unterstützungsarten in Anlehnung an die "HOUSEsche Kleeblatt-Taxonomie"[129] vorgestellt, nämlich die emotionalen, instrumentellen, informationalen und bestätigenden sozialen Unterstützungen. In ihr sind aus vorhandenen sozialen Unterstützungsforschungen die Kategorien wie Unterstützungsquellen, Zufriedenheitsgrad, der Anlass für Bedarf an Unterstützungen (Alltags- vs. Krisenunterstützungen) und die betrachtete Perspektive (Geber oder Nehmer) zusammengestellt. HASS (ebd.) stellt klar heraus, dass ein optimales Operationalisierungsverfahren der sozialen Unterstützung bis heute fehlt.

Die Vielzahl der Klassifikationsmodelle von Unterstützungsformen erklärt OTTO (2000:19) mit dem Konstrukt sozialer Unterstützung aus den einzelnen Komponenten, nämlich: soziale Unterstützung als Personenmerkmal, sozial eingebunden zu sein; soziale Unterstützung als Umweltmerkmal, das die realen und/oder potenziellen Unterstützungsleistenden beschreibt; soziale Unterstützung als Austauschprozess sowie die Unterstützung als Passungsgefüge von Bedürfnissen und Bedürfnisbefriedigung (environmental fit). Allen verschiedenen Ansätzen und empirischen Befunden gemein ist nach HASS (2002:26), dass, in Abhängigkeit von der Biographie,

es kein unterstützendes Verhalten per se gibt. Vielmehr muss die angebotene Unterstützung im Sinne eines ‚personal environmental fit' auch zu den spezifischen sozialen und psychologischen Voraussetzungen und Bedürfnissen eines Individuums passen.

Zur Erklärung der Tabelle 5 wird wiederum aus Platzgründen auf HASS (2002:28-32) verwiesen, so dass hier explizit auf die Unterstützungsarten Bezug genommen werden kann. Diese Arten erscheinen m. E. für eine Erhebung sozialer Unterstützungsnetzwerke hinsichtlich austauschtheoretischer Vorstellungen betreffend der Reziprozität und der Symmetrie zur Operationalisierung geeignet.

Die vorgeschlagenen Hypothesen zum Behinderungseinfluss und zu den Reziprozitätserwartungen, wie sie in den einzelnen Kapiteln der vorliegenden Arbeit vorgestellt wurden, weisen bereits auf folgende Typologisierung sozialer Unterstützung hin, die in Anlehnung an FYDRICH & SOMMER (2003:7) und HASS (2002:28) definiert werden. Es ist zu berücksichtigen, dass die Abgrenzung der Dimensionen je nach Forschungsinteresse variiert. So kann beispielsweise im Falle restriktiver Forschungsressourcen die "bestätigende Dimension" auch unter der "emotionalen Dimension" und die "informationsbezogene" unter der "instrumentellen" subsumiert werden, um so eine bipolare Operationalisierung zu erreichen.

Tabelle 6: Vier inhaltliche Konzepte sozialer Unterstützung

Beispiele zur Operationalisierung

emotionale Unterstützung (emotional support):

Dieses Konzept wir häufig als Kernkonzept der Unterstützungsforschung angesehen und enthält die Vermittlung des Gefühls von Geliebtwerden mit dem Ziel der emotionalen Stabilisierung der Person.

- Erfahrung positiver Zuwendung, Wertschätzung, Nähe, Vertrauen,

- Erhalt von emotionalem Rückhalt bei Problemen, d. h. mit anderen über Probleme sprechen können; Unterstützung, Ermutigung,

- Erfahren von akzeptierendem Zuhören, Verständnis, Anteilnahme.

instrumentelle bzw. praktische Unterstützung (tangible support):

Sie umfasst den Austausch von Gütern oder Dienstleistungen, finanziellen Hilfen sowie das Spektrum praktischer Hilfen im Alltag.

- Ausleihen von Geld oder Gegenständen bei Bedarf,

- Entlastung von Aufgaben und Belastungen,

- Erhalt von Begleitung, aktivem Beistand oder konkreter Unterstützung bei Bedarf.

informationsbezogene Unterstützung (informational support):

Unter diesem Aspekt können alle Formen der Kommunikation verstanden werden, die Hinweise, Tipps, Einschätzungen oder Ratschläge enthalten. Sie wird meist situativ aktiviert und kann schnell zu enormen Hilfeleistungen führen.

- Erhalt von Rat und Anleitung beim Problemlösen,

- Erhalt von Tipps und lösungsrelevanten Informationen,

zweckdienliche Hinweise,

- Einschätzungshilfen i. S. von Feedback.

bestätigende bzw. wertbezogene Unterstützung (appraisal support):

Dieses Konzept enthält Transaktionen der Wertschätzung, Anerkennung und Bestätigung einer Person.

- Erhalt von Zugehörigkeitsgefühl

- Unternehmen gemeinsamer Aktivitäten

- Übereinstimmung in Werten und Lebenskonzepten

- Steigerung des Selbstwertgefühls.

Mit OTTO (2002:21), der für eine Systematik netzwerkbezogener Interventionen theoriebezogene Grundüberlegungen aus pflegewissenschaftlicher Perspektive führt, muss gerade im "Kontext ressourcen- bzw. austauschtheoretischer Vorstellungen einmal mehr vor mechanistischen Kürzungen gewarnt werden", so dass die strukturellen Merkmale nicht ausreichen. Ebenso postuliert RÖHRLE (1994:33f.) zum psychologischen Bedeutungsgehalt des Phänomens Einsamkeit, dass allein die Merkmale sozialer Netzwerke als Indikatoren nicht ausreichen, so dass soziale Netzwerke erst über individuelle Prozesse bedeutungsvoll werden, denn subjektive, emotionale Einsamkeit entsteht durch:

Gefühle der Isolation, der Verletzlichkeit, der Bindungslosigkeit, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Entfremdung, Wertlosigkeit, Ärger und Langeweile, verschiedene körperliche Symptome, Rastlosigkeit usw.

5.2.3 Gedanken zur Operationalisierung eines behinderungsspezifischen Erhebungsinstruments sozialer Unterstützung

Mit Verweis auf die ICF-Dimensionen Aktivität und Partizipation in Kapitel 2.2.2 sollen nachfolgend Hinweise und Beispiele zur Erhebung der spezifischen Auswirkungen von Behinderungen im Alltag und resultierende behindertenspezifische Generatoren für die unterstützungsleistenden Netzwerkmitglieder unterbreitet werden.

Die ICF unterscheidet nach DIMDI (2002:18) die beiden Konstrukte Leistungsfähigkeit und Leistung, mit denen die Aktivität bzw. Handlung einer Person beschrieben werden kann. Aus der theoretischen Perspektive hergeleitet, wird das Beurteilungsmerkmal Leistungsfähigkeit (Kapazität) für einen Lebensbereich der Aktivitätenliste angewandt, um zu sehen, inwieweit eine Person in optimierter Standardumgebung die Fähigkeit (Leistungsfähigkeit[130]) besitzt, etwas zu tun. Leistung (performance) ist dagegen ein Konstrukt, das als Beurteilungsmerkmal aus einer realen Perspektive (Beobachtungsebene) verwendet wird, in der eine Person in der tatsächlichen Lebenssituation in der Lage ist, eine Handlung (Leistung) durchzuführen[131]. Letzteres berücksichtigt das tatsächliche Einbezogensein in die Lebensbereiche, und die gegenwärtige Umwelt kann mit der Umweltfaktoren-Komponente beschrieben werden (ebd., S. 81).

Leistung bzw. Handlung wird im alltagssprachlichen Sinn im Verlauf dieser Arbeit verwendet, da in einer SNA die Beobachtungsebene zur Grundlage einer Operationalisierung des Konstrukts "Behinderung" dienen kann. Damit soll zum einen die Auswirkungsintensität der Behinderung des ressourcenbeziehenden Akteurs in Alltagssituationen real ermittelt werden, was mit dem einfachen Maß des amtlichen GdB nicht möglich ist. Für eine empirische Erhebung sind die graduellen Einstufungen für Behinderungen des GdB (20 bis 100 in Zehnerschritten) sehr attraktiv, doch die folgenden Beispielkonstrukte können die zu erwartenden Verzerrungen verdeutlichen: Eine Person mit transplantierter Niere wird genauso amtlich mit einem GdB von 100 eingestuft wie eine Person, die bis zum siebenten Halswirbel querschnittsgelähmt ist. Der in dieser Arbeit interessierende Unterstützungsbedarf im Alltag und damit die Aktivitätspotenziale unterscheiden sich gravierend und machen den "Grad der Behinderung" als Indikator für die Stärke des Unterstützungsbedarfs wertlos.

Zum anderen kann aus den Aktivitätsbereichen (Domänen)[132] dann auch im behindertenspezifischen Fragebogenteil der notwendige Bedarf für die Unterstützungsressourcen des sozialen Netzwerks behinderter Menschen ermittelt werden, um letztlich die Unterstützungsquellen zu ermitteln, die dann selbst mit einem eigenen Erhebungsinstrument befragt werden. Zur funktionsäquivalenten Itemerweiterung für spezielle Alltagssituationen behinderter Menschen eines standardisierten Erhebungsinstrumentes sozialer Netzwerke sind m. E. - in Anlehnung an NIEHAUS (1993) - die Lebensbereiche der Aktivitäts- bzw. Partizipationsliste der ICF geeignet. Insbesondere für das private Lebensumfeld wird hier vorgeschlagen, Items aus den Kapiteln 3 bis 6 der ICF zu den Domänen "Kommunikation", "Mobilität", "Selbstversorgung" und "Häusliches Leben" zu erfassen (DIMDI 2002:85ff.).

Eine der Fragestellungen im behindertenspezifischen Fragebogenteil kann demzufolge beispielsweise zur Erfassung des Unterstützungsbedarfes "Mobilität" und der Personen, die gegebenenfalls unterstützen, wie folgt formuliert werden:

Fragebeispiel 1: Wenn Sie persönlich einen Arzt oder Behörden aufsuchen wollen und dabei Begleitung benötigen, wer unterstützt Sie dann?

An einer Fragestellung zum Bereich der "Kommunikation" soll auf die Formulierungs- und damit möglichen Verständigungsschwierigkeiten aufmerksam gemacht werden. Bei der folgenden Formulierung kann es zu Verzerrungen kommen, wenn die Person mit Hilfe technischer Hilfsmittel wie z. B. mit einem Sprachausgabegerät gut kommunizieren kann und daher angibt, dass sie keine Hilfe benötigt, obwohl eine schwere Sprachbehinderung vorliegt.

Fragebeispiel 2a: Wenn Sie Unterstützung in der Kommunikation mit anderen Menschen benötigen, wer unterstützt Sie dann?

Eine sprachbehinderte Person kann mit adäquater Technologie mit anderen Menschen kommunizieren und hat weder eine Aktivitäts- noch eine Partizipationsstörung im Kommunikationsbereich trotz der Funktionsstörung in der Funktionsebene. Sie kann mit gegebenem Funktions- und Aktivitätsstatus ihr Aktivitätspotenzial aufgrund fördernder Kontextfaktoren umsetzen[133]. Doch zur Ermittlung von Netzwerkmitgliedern, die potenzielle Unterstützungen ermöglichen, muss folglich der behindertenspezifische Namensgenerator präzise formuliert werden, wie z. B. folgendermaßen:

Fragebeispiel 2b: Wenn Sie Unterstützung in der Kommunikation mit anderen Menschen benötigen und ihnen keine Technik zur Verfügung steht, wer unterstützt Sie dann?

Aktivitätsstörungen (activity limitation) treten auf, wenn eine Person eine bestimmte Aktivität (Leistung) mit Schwierigkeiten oder gar nicht durchführen kann, d. h. dass die Person technischen oder sozialen Unterstützungsbedarf hat.

Die Aktivitätsdimension impliziert die handlungserweiternden oder -restriktiven Kontextfaktoren, d. h. dass sich die persönlichen und außerpersönlichen bzw. ressourcentheoretisch internen und externen Ressourcen auf den Aktivitätsstatus einer Person auswirken. Zu den externen Ressourcen zählen die Unterstützungsnetzwerke.

Anhand dieser Vorschläge zur Operationalisierung behindertenspezifischer sozialer Unterstützung ressourcenmobilisierender Akteure wurde deutlich, dass als Erhebungsinstrument für die unterstützungsleistenden Netzwerkmitglieder die Namensgeneratoren[134] Vorbild waren. Um jedoch die Menge und die Qualität von sozialem Kapital ressourcenmobilisierender Akteure zu ermitteln, sollten andere Instrumente wie die von der Forschergruppe um LIN et al. (2001) entwickelten Positionsgeneratoren abgewogen und gegebenenfalls erstellt werden.

Dennoch, für relationale Merkmale wie Reziprozität, Symmetrie und Multiplexität sind Namengeneratoren sinnvoll, sobald die alteri auch befragt werden. Ist aus arbeitsökonomischen Gründen eine egozentrierte Netzwerkerhebung unumgänglich, scheint nach Sichtung der deutschsprachigen Fragebogenverfahren[135] der "Fragebogen zu sozialer Unterstützung (F-SOZU)" von SOMMER & FYDRICH (1989) verwendbar zu sein. Mit diesem validierten Erhebungsinstrument werden explizit Auskünfte zu den gegenseitigen emotionalen und instrumentellen Unterstützungen anhand von vier Items erhoben. In den Netzwerkanalysen behinderter Erwachsener, die im Folgenden Kapitel vorgestellt werden, haben die Wissenschaftler auch validierte oder "Ad-hoc"-Namensgeneratoren angewandt.



[108] Vgl. Röhrle (1994:70ff.)

[109] Vgl. Wegener (1986)

[110] Mitchell, Clyde (1969): The Concept and Use of Social Networks. in: ders. (Hg.): Social Networks in Urban Situations, Manchester, S. 1-50.

[111] Vgl. Jansen (2003:65) und Schenk 1983

[112] LIN et al. (2001:17) entwickelte die sog. Positionsgeneratoren explizit zur Messung von sozialem Kapital, das ihm zufolge die Investition in soziale Beziehungen mit dem Ziel erhebt, die innewohnenden Ressourcen gewinnträchtig zu nutzen. Mit den Positionsgeneratoren wird ego nach dem Beruf oder der Position seiner Netzwerkmitglieder, bzw. ob er jemanden in dieser beruflichen Stellung kennt, befragt und somit kann auf den Zugang zum zur Verfügung stehenden sozialen Kapital geschlossen werden.

[113] Vgl. zur Erhebung von egozentrierten Netzwerken Jansen (2003:79ff.) und zu ausgewählten klassischen Namensgeneratoren (Fragen nach Beziehungen) und Namensinterpretatoren (Fragen nach Beziehungseigenschaften) von BURT und FISCHER (vgl. Pfenning & Pfenning 1987)

[114] Vgl. zur Erhebung von Gesamtnetzwerken Jansen (2003:71ff.) und Hummel & Sodeur (1987)

[115] Siehe Kapitel 4.3.2

[116] Nach JANSEN (2000:36) gibt es zwei weitere Arten von Netzwerkanalysen wie institutionsökonomische und neo-institutionalistische netzwerkanalytische Ansätze. Eine deutschsprachige Einführung in die soziale Netzwerkanalyse liegt mit dem inzwischen überarbeiteten Band von JANSEN (2003) vor. Einen schnellen Überblick zu den einzelnen Konzepten der Netzwerkanalyse liefert der demographisch-mathematisch fokussierte Artikel von Walter BIEN (2000) sowie der ethnologisch ausgerichtete Einführungsartikel von Michael SCHNEGG & Hartmut LANG (2002). Durch Ausführlichkeit und gute Didaktik gekennzeichnet, sollte das Klassiker-Werk von John SCOTT (2000, [1991]) hervorgehoben werden.

[117] Vgl. Weyer (2000a:14ff.)

[118] Vgl. Jansen (2003:58ff.)

[119] Vgl. Analyseverfahren für Teilgruppen (Cliquen, Cluster) bei JANSEN (2003:193ff.)

[120] Siehe Fußnote 119Seite 119

[121] Vgl. Jansen (2000:42ff.)

[122] Gemäß SCHNEGG & LANG (1999:23) ist das Programmpaket UCINET (Borgatti, Everett und Freemann 1999) das umfangreichste und gleichzeitig benutzerfreundlichste Computerprogramm zur Datenaufbereitung von Gesamtnetzwerken (Vgl. Jansen 2003:283ff.). Für die Aufbereitung von egozentrierten Netzwerken sind keine speziellen Netzwerkanalyse-Programme notwendig.

[123] Vgl. Coleman (1995b:348)

[124] Vgl. Pappi (1987:20ff.); Scott (1991); Jansen (2003:105ff.)

[125] Vgl. Pappi (1987:25ff.); Scott (1991); Jansen (2003:110ff.)

[126] Vgl. Diewald (1991:93ff.); Hollstein (2001:21ff.); Nestmann (1989:75ff.)

[127] Vgl. zum Zusammenhang zwischen sozialer Kompetenz und Merkmalen sozialer Unterstützung den Beitrag von Bernd RÖHRLE & Gert SOMMER (1993).

[128] Nennen lassen sich hier beispielsweise Veiel, H. O. F. (1987): Das "Mannheimer Interview zur sozialen Unterstützung" (MISU), in: Zeitschrift für Klinische Psychologie, 16, S. 442-443.; Laireiter, A.-R. et al. (1997). Interview und Fragebogen zum Sozialen Netzwerk und zur Sozialen Unterstützung SONET. in: Rehabilitation, 36 (2), S. 15-30.; Ludwig-Mayerhofer, W. (1992): Das Munich Social Support Interview Schedule (MUSSIS). Ein Instrument zur Erhebung der sozialen Unterstützung bei Patienten mit psychiatrischen und anderen chronischen Erkrankungen. in: Soziale Probleme. Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle, 3. Jg., Heft 1, S. 113-132.; Sommer, G. & Fydrich, T. (1989). Soziale Unterstützung: Diagnostik, Konzepte, F-SOZU. DGVT Materialien Nr. 22. Tübingen: DGVT Verlag. Laireiter, A.-R. (1993): ISSB-d: Inventar sozial stützenden Verhaltens: Deutschsprachige Version des ISSB von Barrera, Sandler und Ramsey. in: Westhoff, G. (Hg.): Handbuch empirischer Meßinstrumente, Göttingen, S. 460-464. oder Laireiter, A. (1993): SS-A-Skala: Fragebogen zur Erfassung wahrgenommener Unterstützung: Deutschsprachige Version der SS-A-Skala von Vaux. in: Westhoff, G. (Hg.): Handbuch empirischer Meßinstrumente, Göttingen, S. 826-829.

[129] House, J. S. (1981): Work stress and social support. Readling, MA: Addison Wesley.

Auf diese zusammenfassende Taxonomie wird in der Literatur oft zurückgegriffen, da sie vier z. T. nicht ganz klar voneinander abzugrenzende Unterstützungsarten unterscheidet.

[130] Das Konstrukt 'Leistungsfähigkeit' im Verständnis der ICF zielt auf das höchstmögliche Niveau der Funktionsfähigkeit ab. Diese Perspektive ist nur für Test- und Vergleichszwecke relevant, um handlungserweiternde Kontextfaktoren zur maximalen Aktivitätsausschöpfung zu finden (Schuntermann 2003a:12). Für eine soziale Netzwerkanalyse ist diese Perspektive irrelevant.

[131] Vgl. Ewert et al. (2003)

[132] Siehe Tabelle 1

[133] Vgl. Schuntermann (1999:347)

[134] Siehe Fußnote 114, Seite 119

[135] Siehe Fußnote 129, Seite 130

6 Soziale Unterstützungsnetzwerke - einige deskriptive Befunde

"Warum denkst du, dass dir geholfen wird?" - "Weil ich ein dankbarer Mensch bin." (Antwort eines behinderten Mannes)

Nach der theoretischen Aufbereitung des austauschtheoretischen Ansatzes im Allgemeinen und dem resultierenden kosten-nutzen-abwägenden Sozialkapitalkonzept von COLEMAN im Besonderen, was im Hinblick auf Menschen mit angenommenen benachteiligten Austauschpositionen erörtert wurde, soll es in diesem Kapitel darum gehen, explorativ vorhandene Netzwerkerhebungen in der Bundesrepublik Deutschland vorzustellen. Es gibt m. E. drei bzw. vier relevante Studien, die die Unterstützungsnetzwerke behinderter Erwachsener untersuchen, was einen Aufholbedarf signalisiert[136].

Eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse soll jedoch schwerpunktmäßig auf der egozentrierten Netzwerksstudie zum sozialen Rückhalt behinderter Frauen der Psychologin NIEHAUS (1993) mit dem Titel "Behinderung und sozialer Rückhalt" fußen, da diese Untersuchung aktuell und m. W. die einzige ist, an der methodisch die vorgestellten Konzepte der sozialen Unterstützung und die Netzwerkanalyse evident nachvollziehbar sind. NIEHAUS' Netzwerkanalyse dient als Vergleichs- und Diskussionsgrundlage für eine empfohlene weiterführende Analyse zu Unterstützungsnetzwerken ressourcenmobilisierender Akteure mit Blick auf ihre Reziprozität und Symmetrie.

6.1 Gerichtete Unterstützungsbeziehungen in zwei Studien

Die beiden anderen Studien der 1980er Jahre zum "Einfluss sozialer Unterstützung auf Gesundheitsstatus, Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit behinderter Menschen" von KNIEL und WINDISCH (1987:190) und die Netzwerkanalyse von SCHILLER (1987) zu "Sozialen Netzwerken behinderter Menschen" aus sonderpädagogischem Blickwinkel sollen zunächst kurz vorgestellt werden.

KNIEL & WINDISCH (1987) widmen sich den Funktionen des sozialen Beziehungsnetzes im Alltag behinderter Menschen, die diesen vor allem materielle Unterstützungsleistungen ohne emotionale und persönliche Bezüge zuschreiben. Ausgangsbasis für sie sind die Defizite in der rechtlich geregelten sozialen Unterstützung des sozialen Versorgungssystems. Eine typisch salutogene Ausrichtung und damit tendenziell defizitorientierte Sichtweise wird bereits am Titel deutlich, da die Wissenschaftler von der Annahme ausgehen, dass behinderte Menschen informelle Hilfe benötigen, um nicht in der Gesellschaft unterzugehen. Die Ausrichtung hinsichtlich der Belastungen für Familien mit behinderten Kindern, die durch professionelle Helfer als sog. "Netzwerker" kompensiert werden sollen, zeigt die Zuschreibung der defizitorientierten Behindertenrolle und damit die vornehmlich interessierenden einseitigen Unterstützungsbeziehungen (ebd., S. 194).

Indessen ist für den Kontext dieser Arbeit relevant, dass sie explizit am Ende ihres Artikels in ihrer Diskussion um netzwerkorientierte Sozialarbeit den Aspekt der Verpflichtungen und der Reziprozitätsbestrebungen mit Bezug auf SCHUMAKER & BROWNELL[137] (1984, zit. nach Kniel & Windisch 1987:196f.) hervorheben.

Die resultierenden Beziehungsstörungen zwischen Nehmern und Gebern, bedingt durch fehlende Reziprozität in den Beziehungen, in denen immer "potenzielle Kosten und Vorteile zwischen den interagierenden Netzwerkmitgliedern eine Rolle" spielen, sind vom Intimitätsgrad der Beziehungen abhängig. Die in Kapitel 1.2.3 diskutierte Verlagerung der Unterstützungsleistungen durch Netzwerkmitglieder auf formale Unterstützungen sind gemäß KNIEL & WINDISCH (1987) eine Interventionsmöglichkeit für soziale Netze behinderter Menschen, um ressourcenmobilisierenden Akteuren eine freie Persönlichkeitsentwicklung durch Selbstbestimmung zu ermöglichen. Insbesondere die Schlussfolgerung, dass in behindertenbestimmten Netzwerken die formellen und informellen Netzwerkstrukturen verwischen, muss als eine wesentliche Erkenntnis betrachtet werden, da dies ein Aspekt ist, worin sich die Netzwerke gegenüber denen unbehinderter Menschen unterscheiden.

Die modifizierte sozialepidemiologische Netzwerkstudie von 72 seh- und körperlich beeinträchtigten Menschen im erwerbsfähigen Alter in der Region Oldenburg, die SCHILLER (1987:189ff.) mit einem "Ad-hoc"-Erhebungsinstrument aus einer Mischung von standardisiertem und überwiegend offenem Interviewleitfaden durchführte, findet in der folgenden kurzgefassten Wiedergabe sicherlich nicht die Beachtung, die sie verdient.

SCHILLER (ebd., S. 167) konzentriert sich auf den "supportiven Aspekt (social support) der Netzwerke behinderter Menschen" mit dem Ansatz der sozialepidemiologischen Ressourcenforschung (ebd., S. 150). Ziel seiner theoretischen und empirischen Diskussion ist es, mittels empirisch fundierter Begrifflichkeiten wie Integration und Behinderung einen Beitrag für die divergierende sonderpädagogische Theoriebildung zu leisten (ebd., S. 246). Einen Anspruch auf Repräsentativität erhebt er nicht (ebd., S. 201).

Dieser Forschungsansatz darf trotz der hier untergeordneten Stellung insbesondere gegenüber NIEHAUS nicht unterschätzt und kann für ähnliche Konzepte sehr empfohlen werden. SCHILLER (1987) bearbeitete sehr inhaltsreich und mit dem sozialen Fokus auf Behinderung aus sonderpädagogischer Perspektive für seine Zeit sehr progressiv die sozialen Unterstützungsnetzwerke. Dennoch zeigt die Studie wie alle erwähnten Untersuchungen Lücken zum austauschtheoretischen Ansatz der Soziologie.

Bereits der Untertitel "Das Konzept Sozialer Hilfe- und Schutzfaktoren im sonderpädagogischen Kontext" deutet auf die asymmetrische Herangehensweise, in der die Vorstellung dominiert, dass behinderte Menschen schutz- und hilfebedürftig sind. Anhand der von SCHILLER (ebd., S. 190) zusammengefassten Forschungsfragen, die er nach funktionalen, strukturellen und subjektiven Aspekten untergliedert, ist dahingehend die Einseitigkeit gerichteter Unterstützungen deutlich. Die behinderten Menschen werden allein in die passive Hilfeempfängerrolle gedacht und folglich konzeptualisiert. Ausschließlich sind Fragen nach Hilfequellen, Hilfebedarfsdimensionen oder Hilfebewertungen anhand von fünf Hilfssituationen von Interesse.

Soziale Integration wird bei SCHILLER (ebd., S. 241) mit der Größe des Netzwerkes, insbesondere den Kontakten zu Nachbarn und Arbeitskollegen, der Vereins- und Selbsthilfegruppenmitgliedschaft und der Anzahl von emotional engen Bezugspersonen (confidant-Beziehungen) operationalisiert, während in der vorliegenden erkenntnistheoretischen Arbeit auf die Qualität der sozialen Beziehungen durch den Reziprozitätsaspekt abgehoben wird.

Obwohl die theoretisch wie empirisch sehr fundierte Arbeit ebenfalls in ihrer Ausführlichkeit diskussionswürdig ist und für jede SNA behinderter Menschen als Standardwerk empfohlen wird, können nachfolgend nur wesentliche Erkenntnisse erörtert werden, die für die weitere theoretische Aufbereitung des austauschtheoretischen Ansatzes relevant sind.

Die sozialepidemiologische Netzwerkausrichtung mit ihren Kausalmodellen der drei Bestandteile: Stressoren, Ressourcen und gesundheitliche Befindlichkeit nimmt SCHILLER (ebd., S. 113ff.) als Ausgangspunkt, wobei die gesundheitsrelevanten Variablen die abhängigen sind. Zum einen kann eine Notsituation die Netzwerkressourcen verändern, was sich dann auf den Bewältigungsprozess (Coping) auswirkt, oder ein Netzwerk bietet subjektive oder objektive Unterstützung und wirkt positiv auf den Gesundheitszustand. In dem Moment, wo Gesundheitszustand bzw. Krankheit mit Behinderung ausgetauscht wird, kann sie nach SCHILLER (ebd., S. 162) nicht als abhängige Variable von Stressoren bzw. Ressourcen (Netzwerke) betrachtet werden. Zwar wird die soziale Dimension von Behinderung damit berücksichtigt, aber nicht die "quasi-naturgegebene" (Beck 1986), also gemäß der ICF die Dimension der Körperfunktionen und -strukturen. Ein körperbehinderter Mensch bleibt auch trotz "sozialer und/oder beruflicher Integration bzw. Rehabilitation, trotz hohen Supports u. ä. m." ein Mensch mit einer Behinderung (ebd.). SCHILLERs Abgrenzung zu gängigen sozialepidemiologischen Forschungen, dass Behinderung eigene Bedingungen und Lebenslagen konstituiert, ist ein wesentlicher Aspekt dafür, dass das personenseitige Merkmal Behinderung das soziale Netzwerk beeinflusst. Mit der Umkehrung des sozialepidemiologischen Modells bei SCHILLER (ebd., S. 163) und damit seinem erkenntnistheoretischen Gewinn muss die Ausgangsthese, die in der Einleitung aufgestellt wurde, falsifiziert werden.

Die im Kapitel 4.4 getroffene Feststellung, dass sich bei den entwickelten Modellen der Partnerschafts- und Assistenz- bzw. Samariter- und Pflegebeziehungen die informellen und formellen Netzwerkbeziehungen oftmals überschneiden können, kann mit SCHILLER (ebd., S. 166) als Besonderheit bei behinderten Menschen mit manifestem Unterstützungsbedarf untermauert werden. Zu den externen Ressourcen, die ein primäres Netz sozialer Beziehungen aus sozialepidemiologischer Perspektive bietet, gehört nach seiner Auffassung neben den informellen Unterstützungsbeziehungen auch "professionelle und institutionelle Hilfe". Diese Ressourcenerweiterung ist ein spezifisches Merkmal der behindertenbestimmten Netzwerke, denn "bei der Konstitution sozialer Netze treten Behinderte und Nichtbehinderte, Laien und Professionelle zueinander in Beziehung" und die klassischen Grenzen müssen überwunden werden (ebd.).

Alle vier Forschungsansätze beziehen sich aufgrund fehlender Daten u. a. auf die Ergebnisse der Socialdata-Studie über die "Anzahl und Situation zu Hause lebender Pflegebedürftiger" (1980), die nach KNIEL & WINDISCH (1987:190) einen deutlichen Altersstruktureffekt aufweist[138] und nach der mehr als drei Viertel der Pflegebedürftigen aus primären sozialen Netzwerken ihren Unterstützungsbedarf erhalten, und fordern erhöhte gesellschaftliche Anerkennung. "When we consider the support and care given by members of the family to disabled persons, the amount of helping in our society is enormous" (Braun & Niehaus 1991:159).

Wird der Fokus auf soziale Beziehungsnetzwerke ressourcenmobilisierender Akteure gelegt, die austauschtheoretisch betrachtet, die Ressourcenpotenziale für notwendige Unterstützung implizieren, kann der Weg auch in der wissenschaftlichen Analyse vom personenzentrierten, medizinischen Modell "Behinderung" zum sozialen, interaktiven Modell, das letztlich auch Reziprozität und Symmetrie aufgrund beziehungsstiftender Funktion beansprucht, verfolgt werden.

6.2 Reziprozität in "traditionellen Sozialstrukturen" - Explorative Ergebnisse

Die Relevanz primärer Netzwerke als Unterstützungsressource wird in einem Artikel von BRAUN & NIEHAUS (1991:159) "Caring for Disabled Family Members" hervorgehoben, indem die Autoren darauf aufmerksam machen, dass bei einem monetären Ausgleich für informelle Hilfen der Wohlfahrtsstaat in eine "ernste Krise" gelangen würde. Der Beitrag hat, wie sich zeigen wird, relevante inhaltliche Aspekte hinsichtlich der reziproken Unterstützungsbeziehungen.

Die Autoren fordern in dem Artikel eine sozialstaatliche Entlastung und Unterstützung der familiären Pflegepersonen, wobei sie auf diese politische Dimension im Laufe ihrer Ausführungen nicht explizit Bezug nehmen, sondern sich mehr der "manifestation and problems of long-term care in primary social systems" widmen. Aufgrund von Datenmangel fassen sie die Ergebnisse aus eigenen, älteren explorativen, aber nicht netzwerkanalytischen Studien, zusammen:

The first study was conducted in 1981, on a random sample of 100 persons who are helpers to family members, relatives, and neighbours (Braun & Articus, 1983). The second study was done in 1983 on caregivers to persons older than 64 years (Braun & Articus, 1984). [...] The third study was performed in 1987 on a group of disabled persons aged 18 to 60. The random sample consisted of 84 persons (Braun & Niehaus, 1988, p. 41).

Es ist zu erkennen, dass der Fokus der existierenden Studien nicht dem netzwerkanalytischen Interesse behinderter Menschen gilt, sondern der Pflegesituation der sie pflegenden Familienmitglieder und deren Belastungen und Präferenzen. In diesem Artikel nehmen die Autoren explizit Bezug auf die Reziprozität in den Beziehungen zwischen "caregiver" und "disabled person", weshalb dieser Artikel für das Thema der Arbeit relevant ist.

Zunächst kristallisieren BRAUN & NIEHAUS (ebd., S. 159f.) drei Merkmale der Pflege[139] behinderter Familienmitglieder in primären Sozialsystemen heraus, nachdem sie diese Systeme zwischen altruistischem und helfendem Verhalten einordnen. Altruismus (altruism) basiert danach auf Freiwilligkeit, das Leben eines anderen zu erleichtern. Dagegen beruht Hilfe (helping) auf Rollenobligationen, so dass die Charakteristiken zusammengefasst werden können:

  • Im Gegensatz zu Altruismus ist die Pflege behinderter Familienmitglieder Teil eines weiteren Kontextes der Interaktionsbeziehungen.

  • In der Pflege in primären Sozialsystemen gibt es einen "subjective lack of alternatives".

  • Aufgrund einer langfristigen Pflegesituation wird sie zu einem Fokus im Leben der Pflegeperson.

Durch Unfall, Geburt oder Eheschließung bzw. Partnerschaftswahl identifizieren BRAUN & NIEHAUS (ebd., S. 161) ferner drei Möglichkeiten, die zum Umgang mit behinderten Familienmitgliedern führen. Sie postulieren, dass für eine Analyse der Pflegesituationen von behinderten Menschen und ihren Angehörigen die Unterscheidung sozialer Unterstützungsdimensionen von instrumenteller und emotionaler sowie alltäglicher, immer wiederkehrender oder krisensituativer Unterstützung notwendig ist.

Für die behindertenspezifische instrumentelle Hilfe (Austauschinhalt) charakterisieren sie vier Sub-Dimensionen, nämlich die der "basic care" (Selbstversorgung gemäß ICF[140]), "health care" (Krankenpflege), "domestic care" (Häusliches Leben gemäß ICF) und "mobility" (Mobilität gemäß ICF). In Kapitel 5.2.3 zu den Operationalisierungsvorschlägen für eine weiterführende Analyse finden sich diese Unterstützungsdimensionen in Anlehnung an die neue WHO-Klassifikation wieder, wodurch der Vorschlag des Analysemodells in Kapitel 2.4 unterstützt wird. Anstelle der "health care", die für ältere Probanden eine höhere Relevanz hat, wird angeregt, den Kommunikationsbereich als eine behindertenspezifische Domäne einzubeziehen.

Bedingt durch die Fokussierung auf die Probleme und Belastungen der Pflegepersonen (caregivers) von BRAUN & NIEHAUS (ebd., S. 168) werden diese einseitig ausführlich erörtert und nachfolgend nur exemplarisch zusammengefasst:

  • Ein Großteil der "caregivers" ist erwerbslos bzw. nur in Teilzeitarbeit beschäftigt.

  • Viele "caregivers" fühlen sich isoliert oder kontaktarm.

  • Die familiären Beziehungen stehen unter Dauerstress.

  • In Pflegesituationen verändern bzw. verfestigen sich die Rollenbilder (pflegende Tochter und ihrer Mutter) und unsichere Zukunftsaussichten belasten die Situation.

  • Aufgrund von Pflege können Gesundheitsprobleme verursacht werden wie Unfälle, Schlafarmut, psychologische Irritationen etc.

Von Interesse für die Reziprozitätsdimension in sozialen Unterstützungsnetzwerken behinderter Menschen ist folgerichtig der Abschnitt zu den Beziehungen zwischen "caregiver" und behinderten Menschen (ebd., S. 164f.), wobei die Perspektive der "caregivers" im Vordergrund steht. Die Autoren resümieren eindeutig, dass die Beziehungen keineswegs asymmetrisch sind, wie allgemein angenommen wird:

However, a more detailed analysis reveals that even a person who largely depends upon care from others is able to offer some returns. This means the definitions of helping that, besides the voluntary behavior of the caregiver and the benefit to the person who is helped, stress the unselfishness of the helper may not apply to the phenomenon of caring in primary social systems.

Selbst wenn der Nutzen für den "caregiver" nicht direkt (als material returns) ersichtlich ist, so führen BRAUN & NIEHAUS (ebd.) weiter aus, gehen die "caregiver" mit indirektem Gewinn aus der Beziehung. Die materiellen Gegenleistungen sind meist bei älteren Personen mit Geldleistungen oder mit der Zusage des späteren Erbes vorzufinden. Sie unterstreichen hierbei die Bedeutung dieser reziproken Beziehungen für den Hilfeempfänger, da diese Formen der Gegenleistung seine Selbstachtung aufrechterhält und ihm Befriedigung ermöglicht. Daher sind, so kommentieren die Autoren, politische Programme, die solche monetären Transferleistungen enthalten, eine Form der Entlastung primärer Unterstützungssysteme.

In einer an die vorliegende erkenntnistheoretische Aufarbeitung anknüpfenden SNA sollten gleichwohl andere materielle Gegenleistungen, die ressourcenmobilisierende Akteure erbringen und den instrumentellen Unterstützungsaspekt der Reziprozität i. S. der "Partnerschaftsbeziehungsstruktur" umfassen, erhoben werden. Damit kann die Gefahr umgangen werden, einseitig zu schlussfolgern, dass behinderte Menschen allein mit Finanzkapital soziales Kapital aufrecht erhalten können.

Die immateriellen Gegenleistungen der behinderten Familienmitglieder in primären Sozialsystemen umfassen nach BRAUN & NIEHAUS (1991:164) in erster Linie eine intrinsische Freude bzw. Befriedigung (gratification) auf der "caregiver"-Seite. Die Gegenleistungen werden aus dem bestehenden Datenmaterial von den Autoren aufgrund von kognitiven und evaluativen Aspekten unterschieden. Der kognitive Aspekt besteht darin, dass der "caregiver" eine Art feedback erhält, um die soziale Nähe in dem lang anhaltenden Unterstützungsprozess auf Dauer "auszuhalten". D. h., er muss erkennen, dass die behinderte Person um ihre Last für den Helfer weiß.

Unter dem evaluativen Aspekt immaterieller Gegenleistungen gesehen, die mit den emotionalen Unterstützungsleistungen beschrieben werden können, sind die COLEMANschen "Status-Gutschriften" in Form von Dankbarkeit und Ehrerbietung, also sozialer Anerkennung und damit sozialer Aufwertung der Unterstützungsperson gemeint. Sie betonen hierbei auch die nonverbalen Gesten behinderter Familienmitglieder, wie Lächeln oder Nicken, die für die Anstrengungen des "caregiver" einen Ausgleich vermeintlicher Einseitigkeit darstellen können. Deutlich beziehen sich BRAUN & NIEHAUS auf die dargelegten ‚Samariterbeziehungen' in "traditionellen Sozialstrukturen", wie in Kapitel 4.4.1 erläutert. Die behinderte Person wird hier defizitär und allein als Lastenfaktor betrachtet, die sich in der ihr zugeschriebenen Behindertenrolle zu bewegen hat.

6.3 Sozialer Rückhalt für behinderte Frauen durch gerichtete Beziehungen?

Die Psychologin und Netzwerkforscherin NIEHAUS (1993) hat einen enormen theoretischen wie auch empirischen Beitrag zur Unterstützungsforschung behinderter Menschen geleistet. Sie spiegelt mit ihrer repräsentativen Analyse die sozialen Folgen von Behinderungen in ihrer individuellen Realität für behinderte Frauen wider. Als Ausgangspunkt ihrer Operationalisierung macht sie sich die soziale Dimension von Behinderung gemäß der WHO zu nutze und unterstützt dies mit dem Lebenslagenkonzept als theoretische Grundlage. Dadurch eignet sich ihre Datenanalyse im besonderen Maße für eine Diskussion in dieser Arbeit, die ebenfalls die neue WHO-Klassifikation als Ausgangspunkt für ein netzwerkanalytisches Erhebungsinstrument verwendet. Hervorzuheben sind m. E. ihr kritischer Standpunkt zu den gegenwärtigen verwaltungs- und sozialpolitischen Umsetzungen des Partizipationsanspruchs behinderter Menschen. Der methodische und didaktische Aufbau ihrer Arbeit sollte bezüglich der Beispielwirkung nicht unerwähnt bleiben, da sie trotz größten wissenschaftlichen Anspruchs ihrerseits den Bogen zur überwiegenden Allgemeinverständlichkeit der sozialen und netzwerkanalytischen Konzepte ziehen konnte.

NIEHAUS (ebd., S. 48) zufolge ist eine differenzierte Situations- und Bedarfsanalyse behinderter Menschen für sozialmedizinische und -politische Interventionen notwendig. Diese kann mit netzwerkanalytischen Methoden umgesetzt werden kann. SNA geben Auskunft über die sozialen Folgen von Behinderung, die mit der Partizipationsdimension der neuen WHO-Klassifikation der ICF in Kapitel 2.2.2.3 erörtert wurden. Erst durch Analyse der Auswirkungen von Behinderungen auf die Partizipationschancen kann, so postuliert NIEHAUS (ebd.), eine "optimale Gestaltung administrativer Planungen und alltäglicher Hilfeangebote" erreicht werden.

Dem Datenmangel zur Lebenssituation behinderter Menschen in der Bundesrepublik Deutschland wirkt NIEHAUS (ebd., S. 49) mit der eigenen repräsentativen Interviewerhebung von 227 egozentrierten sozialen Netzwerken behinderter Frauen im Jahr 1989 entgegen. Damit gelingt es mit ihren Worten, einen Einblick in die "Zusammenhänge zwischen Beeinträchtigungen, Unterstützungsleistungen und weiteren Lebensbereichen der behinderten Menschen zu gewähren".

6.3.1 Theoretischer Hintergrund zum sozialen Rückhalt

Als makroanalytischen Forschungsansatz zum sozialen Rückhalt zieht NIEHAUS (1993:49) das defizitäre Lebenslagenkonzept aus der Perspektive der Wohlfahrtsforschung heran und appelliert am Ende der Erläuterungen für die weitere Notwendigkeit der Forschung zum Komplex "Soziale Unterstützung und Behinderung". Der soziale Rückhalt behinderter Menschen wird nach ihren Recherchen kaum mehrdimensional thematisiert, so dass nach ihrer Auffassung Ansätze aus der Wohlfahrtsforschung geeignet erscheinen. Vorzugsweise assoziiert das Lebenslagenkonzept die Mehrdimensionalität des sozialen Rückhalts am ehesten, denn Lebenslagen sind "neben Ausgangsbedingungen auch Produkt menschlichen Handelns" (ebd., S. 29).

NIEHAUS (ebd., S. 28) grenzt sich begrifflich von der "sozialen Integration" mit dem von ihr empfohlenen Begriff des "sozialen Rückhalts" behinderter Frauen in verschiedenen Lebensbereichen ab. Der Begriff "sozialer Rückhalt" unterscheide sich von "sozialer Integration" insofern, als dass die Integration ihrer Meinung nach zugleich eine Ziel- und Mittelebene umfasst. Soziale Integration impliziere einerseits das Ziel sozialpolitischer Aufgaben im Sinne der gesellschaftlichen Partizipation, und andererseits wird sie als Mittel zur sozialen Wiedereingliederung wahrgenommen. NIEHAUS (ebd., S. 7) möchte sich dennoch in ihren Darstellungen nicht vordergründig mit diesen Ziel- und Mittelebenen auseinander setzen, so dass sie zur Darstellung der gesellschaftlichen Partizipation behinderter Menschen, ihrer Hilfsbedürfnisse und Unterstützungsressourcen als Querschnittsanalyse den unbelasteteren Begriff "sozialer Rückhalt" gebraucht.

Das Ziel von NIEHAUS (ebd., S. 32) ist es, die Risikokonstellationen "sozialer Isoliertheit" bei behinderten Frauen aufzudecken, da diese generell bei behinderten Menschen empirisch noch nicht belegt wurden. Sie nimmt u. a. auf die ALLBUS-Datenerhebung 1986[141] Bezug, in der der Zusammenhang zwischen Lebenslagen und Unterstützungspotenzialen untersucht wurde. Demgemäß besteht überwiegend ein Isolationsrisiko bei älteren und alleinlebenden Menschen, bei Nicht-Erwerbstätigen und Ledigen, bei Geschiedenen und kinderlosen sowie bei alleinwohnenden und verwitweten Bevölkerungsteilen.

6.3.2 Erhebungsinstrumente

NIEHAUS (1993:26) entwickelt zunächst ein Analysemodell für "Behinderung" auf Grundlage der (alten) WHO-Dreiteilung (1980) "impairment, disability und handicap" sowie ein zweites Modell des mehrdimensionalen Konstrukts sozialer Unterstützung (ebd., S. 46). Ziel ist es, damit ein "Ad-hoc"-Instrument als standardisierten Fragebogenteil eines Interviewleitfadens (Fragebogenteil I) zu erstellen, das die Spezifik der Lebenssituation behinderter Frauen erfasst. Es dient, wie leicht erkennbar ist, der Idee für das in dieser Arbeit induzierte Analysemodell in Kapitel 2.4.

In Anlehnung an die "Handicap"-Ebene der ICIDH, die mit der neuen Partizipationsebene vergleichbar ist, kann NIEHAUS (1993:54) zugestimmt werden, dass eine funktionsäquivalente Item-Erweiterung für eine Netzwerkerhebung behinderter Menschen unabdingbar ist. Sie selbst stützt sich, wie in ihrem Artikel mit BRAUN (1991), auf drei Bereiche der behindertenspezifischen instrumentellen Unterstützung wie die "Pflege" bzw. nach ICF "Selbstversorgung", die "Versorgung im Haushalt" bzw. nach ICF "häusliches Leben" und die "Mobilität". Sie ermittelt dadurch den behinderungsspezifischen Unterstützungsbedarf und die unterstützenden Netzwerkmitglieder (behinderungsspezifisches Namensgeneratoren-Instrument).

Dieser Interviewteil ist vollständig dem Anhang von NIEHAUS zu entnehmen wie auch das zweite Erhebungsinstrument sozialer Unterstützung, bei dem sie sich für das "Mannheimer Interview zur sozialen Unterstützung" (MISU) von VEIEL (Fragebogenteil II) entschied. MISU ist ein erprobtes Erhebungsverfahren und reliabilitäts- sowie validitätsgeprüft (Niehaus 1993:51). NIEHAUS (ebd., S. 119) zufolge wird MISU der Mehrdimensionalität sozialer Unterstützung gerecht[142] und dient ihr für Vergleichszwecke der Netzwerke behinderter Frauen mit anderen Netzwerken in der Auswertung.

Das MISU ist denjenigen Methoden der Erhebung von Informationen über Unterstützungsnetzwerke zuzuordnen, die Selbstauskünfte (egozentrische Netzwerke) erfassen und Netzwerkressourcen über Unterstützung leistende Personen in vorgegebenen Situationen identifizieren (ebd., S. 51).

Mit dem Mannheimer Interview können insbesondere die Unterstützungspersonen für spezielle Bedarfssituationen und Merkmale der sozialen Unterstützung wie Netzwerkstrukturen, Unterstützungsdimensionen und die evaluativen Kriterien (Zufriedenheit) erhoben werden (ebd., S. 120).

Durch die Kombination beider Erhebungsinstrumente gelang es NIEHAUS (ebd., S. 50), sowohl die Untersuchungsgruppe hinsichtlich soziodemographischer, sozioökonomischer und behindertenspezifischer Merkmale sowie die Struktur und Konstellation der Netzwerke behinderter Frauen zu beschreiben und die Zusammenhänge zwischen Netzwerk- und Personenmerkmalen und Risikokonstellationen zu identifizieren.

6.3.3. Untersuchungseinheit schwerbehinderte Frauen und relevante Ergebnisse

Der geschlechtspezifische Einfluss auf die soziale Unterstützung wurde in anderen Netzwerkstudien belegt, so beispielsweise, dass Frauen eine größeren Netzwerkmitgliederzahl als potenzielle Unterstützungsressourcen angeben als Männer, oder umgekehrt, dass Frauen eher als "Unterstützungsgeberinnen, ehrenamtliche Helferinnen und Pflegerinnen" fungieren oder dass verheiratete Frauen über ein breiteres, genuines soziales Netzwerk verfügen. Ausgehend davon entschied sich NIEHAUS (ebd., S. 43ff.) für die doppelt benachteiligte Gruppe der behinderten Frauen als Untersuchungseinheit:

Da die behinderten Frauen seltener verheiratet, häufiger geschieden und verwitwet sind, eher einen höheren Grad der Behinderung und einen niedrigeren sozioökonomischen Status aufweisen als behinderte Männer, stellen schwerbehinderte Frauen eine spezifische Problemgruppe sowohl aus sozialwissenschaftlicher als auch aus sozialpolitischer Sicht dar [...].

Mit dem Ziel, "Behinderung" ebenfalls in einem mehrdimensionalen Analysemodell zu operationalisieren, diskutiert NIEHAUS (ebd., S. 11ff.) zunächst den Begriff "Behinderung" mit dem sowohl defektorientierten als auch weitgefassteren Zugang aus sozialwissenschaftlicher Perspektive der alten WHO-Klassifikation. Es folgen die klassischen Differenzierungen nach Behinderungsarten (ebd., S. 17), da sie nicht, wie in dieser Arbeit vorgesehen, allein Körperbehinderungen einschließt. Eine weitere klassische Typologisierung von Behinderung erfolgt nach sozialpolitischen, sozialen und individuellen Aspekten der Behinderungsursachen, da Unterstützungsressourcen von der Schuldzuschreibung abhängen, so recherchierte NIEHAUS (ebd., S. 23) in der gesichteten Literatur.

Die Netzwerkforscherin untersucht die sozialen Netzwerke aus der subjektiven Perspektive der heterogenen Bezugsgruppe behinderter Frauen zwischen 18 und 60 Jahren mit verschiedensten Behinderungsformen und -ursachen, die einen amtlich ermittelten Grad der Behinderung ab 50 haben, d. h. vom Sozialrecht her schwerbehindert sind (ebd., S. 59). Eine Befragung der Gesamtbevölkerung war aus Kosten- und Zeitgründen unrealistisch, weshalb NIEHAUS (ebd., S. 60) eine repräsentative Stichprobe (N=227) aus der Grundgesamtheit dreier ausgewählter kreisfreier Städte und Landkreise zog, die bei den amtlichen Versorgungsämtern (heute: Integrationsämter) als "behindert" registriert sind. Ihrem Unbehagen gegenüber den amtlich anerkannten Graden und den resultierenden Verzerrungen, die bereits in Kapitel 2.4 diskutiert wurden, verleiht sie dabei nachhaltig Ausdruck. Dieser Feststellung wird in Kapitel 6.3.5 nachgegangen.

6.3.3.1 Behinderungsspezifische Merkmale

Die Mehrheit der 227 befragten schwerbehinderten Frauen war an den inneren Organen (37,4 %) und an der Wirbelsäule funktionsbeeinträchtigt (28,2 %), während nur weniger als ein Fünftel eine angeborene Behinderung hatte und fast die Hälfte durch eine Krankheit behindert wurde (Niehaus 1993:63). Einem Drittel der Frauen attestierte das Amt einen GdB von 50, wobei die Zahlen die Befürchtungen der Probandinnen widerspiegeln, "dass im Rahmen der Befragung auch die Berechtigung des Behindertenausweises überprüft" werde (ebd., S. 66).

In jeder dritten (ehelichen) Gemeinschaft hatten beide Partner eine Behinderung und drei Viertel der Frauen hatten Kinder (ebd., S. 71f.). Ungefähr die Hälfte der Frauen war erwerbstätig, zumeist als Angestellte (63 %) (ebd., S. 74f.). Keine äußerlich sichtbare Behinderung wies mehr als die Hälfte der Frauen auf, womit verdeutlicht wird, dass der Fokus dieser Arbeit, das Merkmal Behinderung als Einflussfaktor auf die Konstellation sozialer Netzwerke zu untersuchen, mit dieser Erhebung nicht abgedeckt werden kann.

6.3.3.2 Merkmale des sozialen Netzwerkes

Das Netzwerk behinderter Frauen umfasste durchschnittlich 10,5 Personen, wobei die außerfamiliären Netzwerksegmente größer waren als die aus der Verwandtschaft. NIEHAUS' Vergleich mit anderen Studien bestätigt diese Größenordnung (Niehaus 1993:87). Indessen bestand das Unterstützungsnetzwerk, also die Personen, von denen real oder hypothetisch angegeben wurde¸ dass sie in den einzelnen Unterstützungssituationen halfen, aus multiplexen Beziehungen der familiären Netzwerkmitglieder. Der Partner leistet in den vielfältigsten Unterstützungssituationen Hilfe, so wurde er mit ca. 9 Funktionen als unterstützungsleistende Person gewählt, die Verwandten mit 4,3 und Bekannte mit 2,8 Funktionen.

Die Kontaktfrequenz und damit die Intensität der Beziehung, die nach COLEMAN soziales Kapital generiert, misst NIEHAUS (ebd., S. 89) an den real stattgefundenen sozialen Transaktionen pro Woche. Zwei Items sah sie dafür vor, zum einen Unternehmungen für die emotionale Unterstützungskategorie und zum anderen das Erweisen einer Gefälligkeit an die behinderte Person für die instrumentelle Unterstützung.

Die behindertenspezifische Kontakthäufigkeit aufgrund des alltäglichen Hilfebedarfes umfasste den Daten nach die ermittelte Häufigkeit erhaltener Unterstützung (emotional-psychologisch 7,1 und instrumentell 4 mal pro Woche), was wiederum ein Indiz für die leichteren Behinderungsauswirkungen ist. Die Kontaktfrequenz mit den Unterstützungspersonen - oder "Helfern" nach NIEHAUS (ebd., S. 92f.) - ist annähernd die gleiche wie mit denen der außerfamiliären Beziehungen. Damit wird die These bestätigt, dass sich soziale Unterstützung nicht allein über die Netzwerkgröße und Kontaktfrequenz bestimmen lässt (ebd., S. 120). Mit COLEMANs Terminologie gesagt, nicht jede Beziehungsstruktur ist zugleich soziales Kapital, auf das in Notsituationen zurückgegriffen werden kann.

6.3.4 Relevante Ergebnisse zur sozialen Unterstützung

NIEHAUS (1993:30) verwendet für den theoretischen Hintergrund der Fragestellung nach dem sozialen Rückhalt in sozialen Netzwerken die soziologisch determinierte Forschungsrichtung der strukturellen und funktionalen Aspekte sozialer Beziehungen sowie die mehr aus der (klinischen) Psychologie stammende Forschungstradition, die die salutogenen Wirkungen umfasst. Letztere Forschungsrichtung wird in den wenigen, meist angloamerikanischen empirischen Untersuchungen behinderter Menschen angewandt[143].

Die heterogenen strukturellen und inhaltlich-funktionalen Aspekte in Bezug auf den sozialen Rückhalt behinderter Menschen des Konzeptes soziale Unterstützung, die NIEHAUS (ebd., S. 34ff.) für ihre empirische Analyse verwendet, hat sie in einem Analysemodell zusammengefasst, das wie folgt modifiziert vor Augen geführt werden kann:

Tabelle 7: Analyseeinheiten sozialer Unterstützungen bei NIEHAUS (1993) mit jeweiliger Alltags- und Krisenunterstützung sowie jeweiligen realen und hypothetischen Problemfokussierungen

Strukturmerkmale:

- Netzwerkgröße

- Erreichbarkeit

- konventionelle Rollenkategorien

- Dichte

- Kontaktfrequenz

- Multiplexität

Unterstützungs-dimensionen

(Inhalt/Funktion):

- emotionale bzw. sozial-integrative Unterstützung

- motivationale Unterstützung

- informationale Unterstützung

- instrumentelle Unterstützung

Personenmerkmale:

- soziodemographische Merkmale

- sozioökonomische Merkmale

- Hilfebedarf

- behinderungsspezifische Merkmale

- Einschätzung der Angemessenheit

Die Ergebnisse der Personenmerkmale des ego als einem der drei Aspekte sozialer Unterstützung wurden im vorangegangenen Kapitel kursorisch zusammengefasst. Da soziale Unterstützung nach NIEHAUS (ebd., S. 44) in der Forschungsliteratur kontrovers als Persönlichkeitsvariable oder als reale soziale Interaktionsbeziehung diskutiert wird, unterscheidet sie - wie in der Unterstützungsforschung auch - "perceived support" als subjektiv eingeschätzte Hilfsbereitschaft der Netzwerkmitglieder i. S. von Zufriedenheitsfragen von "received support" mit Fragen nach direkten Unterstützungspersonen und -arten. Eine weitere Dimension sozialer Unterstützung gibt sie in Anlehnung an VEIEL (1989) mit der Unterscheidung von alltags- und krisenbezogenen Hilfen an, die sich in Dauer und Intensität der Unterstützungen widerspiegelt.

6.3.4.1 Behinderungspezifischer Unterstützungsbedarf

Der Tabelle 7 ist zu entnehmen, dass NIEHAUS (1993:66) den behinderungsspezifischen Unterstützungsbedarf (Hilfebedarf) von den anderen vier Unterstützungsdimensionen getrennt analysiert und den bereits diskutierten Personenmerkmalen zuordnet.

Diese einseitig gerichteten, instrumentellen Unterstützungsbeziehungen, die sich aufgrund der Behinderung als askriptives Personenmerkmal ergeben, ordnet sie in Anlehnung an die WHO-Klassifikation (1980) den Kategorien persönliche Versorgung (Selbstversorgung - ICF-Kapitel d5), Unterstützung im Haushalt (Häusliches Leben - ICF-Kapitel d6) und Mobilität i. S. der Überwindung von kürzeren und größeren Entfernungen (ICF-Kapitel d4)[144] zu. Den Bereich der Kommunikation, wie in Kapitel 5.2.3 begründet, bezieht NIEHAUS nicht mit ein. Mehr als die Hälfte der behinderten Frauen nannte Verwandte, die die behindertenspezifischen Unterstützungsleistungen erbringen, was den in Kapitel 4.4.1 hergeleiteten ‚Samariterbeziehungen' gleichkommt. Die enge Beziehungsart Verwandtschaft bzw. Familie unterwandert die sonst üblichen Reziprozitätserwartungen. Ob hierbei tatsächlich keine Gegenleistung stattfindet oder erwartet wird und damit ‚asymmetrische Samariterbeziehungen' vorlagen, oder ob im COLEMANschen Verständnis "Status-Gutschriften" in Form von Anerkennung und Ehrerbietung geleistet bzw. erwartetet wurde (‚symmetrische Samariterbeziehungen'), bleibt als Fragestellung offen (Coleman 1995:167).

Institutionelle bzw. bezahlte Unterstützung, bei der finanzielle Gegenleistungen zum Ausgleich nicht reziproker Unterstützungsbeziehungen erbracht werden, erhalten die Frauen eher im Haushaltsbereich (22,4 %) als zur persönlichen Versorgung (11,2%).

NIEHAUS (ebd.) resümiert weiter: "Aufgrund der Behinderung sind 67 Prozent der Frauen auf Hilfe anderer Personen und 44 Prozent auf die Nutzung technischer Geräte angewiesen". In Kapitel 5.2.3 wurde bereits diese Differenzierung zwischen personeller und technischer Hilfe angesprochen. Auch der geringe Anteil der Frauen (15 %), die Unterstützungen zur persönlichen Versorgung erhalten, während fast die Hälfte Unterstützung im Haushalt benötigt (48 %), zeigt, dass der Fokus dieser Arbeit einen anderen Personenkreis als Untersuchungseinheit der SNA ansprechen sollte. Mit der hier aufgestellten Arbeitsdefinition des ressourcenmobilisierenden Akteurs wären allein die zwei Drittel der Frauen von Interesse. Es wird an dieser Stelle empfohlen, bei einer nachfolgenden empirischen Erhebung sozialer Netzwerke behinderter Frauen und Männer eher auf Repräsentativität zu verzichten und möglicherweise mit einem Schneeballsystem relevante Probanden einzubeziehen. Es wird vorgeschlagen, gleichzeitig auch die alteri zu befragen, um der subjektiven Einschätzung Grenzen zu setzen, was einem größeren Arbeitsaufwand als die reine egozentrierte SNA entspricht, aber für reziproke und symmetrische Austauschbeziehungskonstellationen m. E. notwendig ist.

6.3.4.2 Soziale Unterstützungsbeziehungen in sozialen Netzwerken schwerbehinderter Frauen

Der Fragebogen des MISU enthält Fragekomplexe zur psychologischen/emotionalen und instrumentellen Unterstützung im Alltag wie auch in hypothetischen Krisensituationen. Die genannten Netzwerkpersonen werden in Beziehungsquellen eingeordnet (Niehaus 1993:79f.).

Emotionale Unterstützung von Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen im Alltag, also vom ausgedehnten Netzwerk[145] erhielten nach NIEHAUS (ebd., S. 82f.) fast drei Viertel der schwerbehinderten Frauen (73,1 %). Die soziale Anerkennung und Wertschätzung, die m. E. reziproke Beziehungsstrukturen widerspiegeln, wurde mit zwei Fragen abgedeckt, einerseits nach gegenseitigen Einladungen, andererseits nach behinderten Frauen selbst als Ratgeberinnen. Das Ergebnis bekräftigt m. E. die in der öffentlichen Wahrnehmung behinderter Menschen zugeschriebene einseitige Behindertenrolle. Denn nur knapp die Hälfte der Frauen nennt Bekannte, die um Rat fragen (46,5 %) oder sie einladen (44,3 %). Umgekehrt geben dafür drei von zehn der verheirateten bzw. gebundenen Frauen nicht ihren Partner an. Ungefähr jede siebte Frau erfährt keinerlei soziale Anerkennung und Wertschätzung.

Wie in anderen Netzwerkstudien ermittelt, bestätigt auch NIEHAUS' (ebd., S. 83) Studie, dass das sog. Herkunftsnetzwerk[146] eher bei instrumentellen Krisenunterstützungen mit durchschnittlich 5,4 Personen zur Verfügung stand: "Ungefähr drei Viertel der Behinderten (72,6 %) sehen in den Verwandten potentielle Versorger im Krankheitsfall".

Potenzielle informationelle Unterstützung hätten sich die Befragten wiederum überwiegend bei Bekannten, Freunden (43,5 %) oder Institutionen (39,9 %) geholt. Drei von zehn Frauen kennen keine informationellen Unterstützungsquellen.

Eine nach NIEHAUS (ebd., S. 84) definierte Vertrauensperson (confidant), die in emotionalen Krisensituationen Unterstützung bietet und gleichzeitige eine enge Bezugsperson ist, hatten nur 14 Prozent der Frauen mit durchschnittlich zwei Personen, die zumeist Verwandte waren. Das lässt m. E. Rückschlüsse auf fehlende ‚Partnerschaftsbeziehungen' ziehen, da man sich über den Tod eines nahestehenden Menschen, über persönliches Versagen und Selbstzweifel nur mit Menschen austauscht, denen man gleichberechtigt gegenübertritt, und das kann m. E. nur in reziproken Beziehungen oder in professionellen ‚Assistenzbeziehungen' der Fall sein, die in Kapitel 4.4.1 mit ‚formellen Partnerschaftsbeziehungen' umschrieben wurden. Nach NIEHAUS' Daten sind letztere Beziehungsmodelle eine zu vernachlässigende Unterstützungsquelle.

6.3.5 Personenmerkmal Behinderung und soziale Unterstützung

Aus der sozialpsychologischen Perspektive heraus, wie NIEHAUS (1993:40) sie verfolgt, ist es naheliegend, dass die Wirkung von personenseitigen Merkmalen wie Geschlecht und Familienstatus auf die soziale Unterstützung zunächst aus der Literatur heraus referiert und anschließend mit Daten eruiert werden. In Bezug auf das Merkmal Behinderung fasst sie zusammen, dass die Schwere der Behinderung weniger Einfluss auf das vorhandene Unterstützungspotenzial hat als die Visualität, also die Ästhetik (ebd., S. 34).

NIEHAUS (ebd., S. 107) klassifiziert drei Cluster in den Unterstützungsnetzwerken behinderter Frauen. Ungefähr die Hälfte (n=111) war mit einem großen Netzwerk und dessen Unterstützungspotenzial zufrieden (Cluster 1). Etwas mehr als ein Viertel (n=54) war aufgrund knapper Unterstützungsressourcen unzufrieden (Cluster 2), während mittlere Zufriedenheitswerte mit vielen Bekannten und wenigen Verwandten ungefähr ein anderes knappes Viertel der Frauen angab (Cluster 3).

Die Frauen, die aufgrund knapper Ressourcen unzufrieden waren (Cluster 2), bewerteten zugleich auch ihren Gesundheitszustand als "eher schlecht". Ihnen wurde amtlicherseits ein hoher Grad der Behinderung attestiert, was auf ausgeprägtere Behinderungen schließen lässt (ebd., S. 108). Signifikant fiel auch der Zusammenhang zwischen Clusterzugehörigkeit in dieser Gruppe und dem Hilfebedarf zur persönlichen Versorgung (Selbstversorgung) aus. NIEHAUS (ebd., S. 110) bestätigt empirisch den folgerichtigen Zusammenhang zwischen der Schwere der Behinderung (Visualität) und den Unterstützungsressourcen bzw. dem sozialen Kapital in COLEMANs Terminologie: Frauen mit knappen Netzwerkressourcen bzw. knappem sozialen Kapital sind eher auf soziale Unterstützung, insbesondere in der persönlichen Versorgung angewiesen. OTTO (2003:2) bezeichnete diese empirisch untermauerte benachteiligte Austauschposition mit "Janusköpfigkeit". Doch es bleibt die Frage offen, wie es gelingt, den ressourcenmobilisierenden Akteuren in ihrer schlechteren Austauschposition soziales Kapital zu generieren und aufrecht zu erhalten. Zwar hat NIEHAUS bestätigt, dass dieser Personenkreis ein signifikant kleineres Netzwerk unterhält, dennoch sind es soziale Beziehungen, die auf Dauer Gegenleistungen einfordern.

Diese Frauengruppe verfügt nach ihren Daten ebenso über ein signifikant geringeres Netto- bzw. Haushaltseinkommen (Finanzkapital) und muss andere Gegenleistungen aufbringen, um dauerhaft ein Beziehungsnetzwerk aufrecht zu erhalten.

Dieses Cluster 2 bei NIEHAUS (1993:110) wären die behinderten Menschen (Männer eingeschlossen), die in einer erneuten Studie mit austauschtheoretischem Fokus des impliziten Reziprozitätsanspruchs als Handlungsprinzip untersucht werden sollten. Da bei der Beurteilung von funktionaler Gesundheit einer Person stets die Kontextfaktoren zu berücksichtigen sind, ist es folglich sinnvoll, mehrdimensional die sozialen Beziehungen körperbehinderter Menschen mit Blick auf Geben und Nehmen von sozialen Unterstützungsleistungen zu untersuchen. Die Vermutung liegt nahe, dass nicht reziproke Beziehungen überwiegen, die nach COLEMAN beim Empfänger allein Verpflichtungen ergeben und keine Gutschriften, die wie in Kapitel 4.3.1 dargelegt, in seiner Logik das soziale Kapital darstellen. Die in der Einleitung aufgestellte Grundthese muss spätestens an dieser empirischen Darlegung vorhandener Daten falsifiziert werden.

Die Kritik von NIEHAUS (ebd., S. 68) an den Datenverzerrungen, die mit dem amtlich vergebenen GdB einhergehen, der dessen ungeachtet für den Erhalt sozialer Versorgungen ausschlaggebend ist, kann mit den erhobenen Daten zu Schwere der Behinderung und behinderungsbedingtem Unterstützungsbedarf bestätigt werden. Der Beginn der Behinderung entspricht nicht dem Antragsdatum auf amtliche Anerkennung. Anhand des "Zusammenhangs zwischen Hilfebedarf und amtlicherseits vergebenem Grad der Behinderung" bleibt beispielsweise der "Unterschied zwischen einem GdB von 70 und einem von 80 hinsichtlich des Bedarfs an Unterstützung unklar" (ebd., S. 70). So sollte der Appell von NIEHAUS (ebd., S. 118), dass die amtliche Statistik zu revidieren ist, begrüßt werden, denn:

Auch mit dem in der Statistik aufgeführten Grad der Behinderung kann weder die Schwere der Schädigung oder Funktionseinschränkung noch der damit verbundene Hilfebedarf bestimmt werden (ebd., S. 117).

6.3.6 Andere Personenmerkmale und soziale Unterstützung

Wie der Tabelle 7 zu entnehmen ist, eruierte NIEHAUS ferner den Einfluss soziodemographischer und sozioökonomischer Merkmale der behinderten Frauen, also des sozialen Status auf die Unterstützungsressourcen in ihren Netzwerken. Mit den Daten von NIEHAUS (ebd., S. 111) kann erhärtet werden, dass mehr Humankapital, das mit den vorliegenden Daten über Ausbildung und Beruf operationalisiert wurde, mehr heterogene Netzwerkstrukturen außerhalb der Angehörigen bewirkt.

Die Frauen aus Cluster 3, die viele Bekannte und wenig Verwandte als Unterstützungspersonen angaben, hatten auch häufig einen Fach- bzw. Hochschulabschluss, was eindeutig den in Kapitel 4.4.1 hergeleiteten "informellen Partnerschaftsbeziehungen" entspricht. Humankapital ist, wie in anderen Beziehungen auch, eine wesentlich interne Ressource, die soziales Kapital erzeugt.

Naheliegend ist auch das Ergebnis, dass diese Frauen über ein signifikant größeres Nettoeinkommen bzw. Haushaltseinkommen bzw. mit kapitallogischer Begrifflichkeit Finanzkapital verfügten (ebd., S. 112). Weiterhin kann für den sozialen Status behinderter Frauen der Einfluss des Erwerbsstatus hinzugezogen werden, der nach NIEHAUS' Daten ebenfalls einen signifikanten Einfluss auf die Zufriedenheit hatte. Die Variation der Kontaktfrequenz mit Bekannten und Freunden konnte jedoch nur zu fast einem Zehntel (9,1 %) erklärt werden. So hatten die erwerbstätigen behinderten Frauen doppelt so viel Kontakt mit ihren Bekannten wie die nicht erwerbstätigen Frauen.

Redundant ist das Ergebnis, dass die behinderten Frauen aus Cluster 1, die also überdurchschnittlich viele Verwandte zur Unterstützung aufzählten, auch mit mehr Haushaltsmitgliedern zusammenlebten.

Weitere Behinderungsursachen i. S. von Verantwortungszuschreibung wie die Dauer und die Art sowie der sozioökonomische Status sind Faktoren, die das Rekrutieren von Unterstützungspersonen und damit die Zugriffschancen auf soziales Kapital beeinflussen (ebd., S. 36). In der Terminologie von COLEMAN formuliert, bedeutet das, dass Finanz- und Humankapital als individuelle attraktive Ressourcen der ressourcenmobilisierenden Akteure für die Erzeugung und Aufrechterhaltung des sozialen Kapitals bzw. soziale Ressourcen unerlässlich sind. Gut ausgebildete und aktive Menschen bewerkstelligen unabhängig von Behinderungsmerkmalen am ehesten ihre soziale Einbindung.

6.3.7 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die egozentrierte Netzwerkstudie behinderter Frauen von NIEHAUS wertvolle Erkenntnisse für die soziale Einbindung behinderter Frauen in ihre sozialen Netzwerke bietet, die in sozial- und bildungspolitischen Ebenen umgesetzt werden müssen. Die zweigleisige Erhebung von Netzwerkdaten ist nachahmenswert, nämlich sowohl Daten über die behindertenspezifische Situation und Namensgeneratoren des individuellen Unterstützungsbedarfes zu erfragen als auch ein bereits validiertes Erhebungsinstrument zu nutzen.

Letzteres stützt die Idee, damit auch die alteri selbst zu befragen, die gegenseitigen Personennennungen zu allgemeinen Unterstützungssituationen tatsächlich zu erfassen. Für eine Erhebung von sozialem Kapital, das handlungserweiternd fungieren kann und nur entsteht, wenn reziproke oder symmetrische Beziehungen aufgebaut und aufrecht erhalten werden, müssen jedoch andere netzwerkanalytische Erhebungs- und Auswertungsmethoden herangezogen werden.



[136] Kurt KALLENBACH (1999) sollte noch genannt werden, der ebenfalls eine eigene Erhebung sozialer Unterstützungsnetzwerke von Familien mit schwerstbehinderten Kindern hinsichtlich der Beziehungsstörungen zwischen Familien und sozialer Umwelt diskutiert. Hierbei stützt er sich auf die Selbstauskünfte der Väter. Da für diese Arbeit behinderte Erwachsene von Interesse sind, soll es bei dieser Erwähnung bleiben.

[137] S. A. Schumaker & A. Brownell (1984): Toward a theory of social support: Closing conceptual gaps. in: Journal of social issues, 40:4.

[138] Der Name Socialdata steht seit über 30 Jahren als Garant für erstklassige Forschung in allen Bereichen öffentlicher Dienstleistungen: Mobilität, Stadt und Wohnen, Umwelt, Energie, Gesundheit, Soziales, Kommunikation (Vgl. Niehaus 1993:69).

[139] Der Begriff "Pflege" und "Hilfe" wird hier bewusst für den englischen Ausdruck "Caring" übersetzt, da auch NIEHAUS (1993) in ihrem Buch diese Begrifflichkeit verwendet. Im Kontext dieser Diplomarbeit wurde sich aber deutlich von diesen passiv besetzten Begriffen mit dem der "Unterstützung" abgegrenzt.

[140] Siehe Tabelle 1

[141] Die "Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (ALLBUS) wird seit 1980 alle zwei Jahre als repräsentative Umfrageserie zu Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur der Bevölkerung der Bundesrepublik durchgeführt.

[142] Vgl. zur Reliabilitäts- und Validitätstests die Überblicksdarstellung bei HASS (2002:102ff.) und NIEHAUS (1993:53f.).

[143] NIEHAUS bezieht sich beispielsweise in ihren Vergleichen der erhobenen Daten auf folgende angloamerikanische Studien: Morgan, M.; Patrick, D. L. & Charlton, J. R. (1984): Social Networks and Psychological Support Among Disabled People. in: Social Science and Medicine, 19, S. 489-497).

[144] Vgl. DIMDI (2002)

[145] Vgl. Niepel (1994:133f.)

[146] Vgl. Niepel (1994:133)

7 Schlussbetrachtung

"Soziale Netzwerke [sind] von Natur aus lückenhaft [...], denn sie sind nicht unter dem Gesichtspunkt der Pflege geplant" (Schiller 1987:151)

Das anfängliche Forschungsinteresse, die Ressourcen behinderter Menschen über die relationalen Merkmale wie Reziprozität und Multiplexität einer eigenständigen SNA gemäß der zielgerichteten Austausch- bzw. Handlungstheorie (RC-Ansatz) von COLEMAN aufzudecken, konnte nicht umgesetzt werden. Es musste von einem Defizit in der Theorieaufbereitung bei der gesichteten Literatur hinsichtlich zielgerichteter Handlungstheorien und behinderter Akteure mit manifestem Unterstützungsbedarf ausgegangen werden, das den Fokus auf die Wechselseitigkeit sozialer Beziehungen zwischen rational handelnden Akteuren richtet. Die wenigen vorhandenen egozentrierten Netzwerkstudien zu sozialen Unterstützungen behinderter Menschen gehen überwiegend von der salutogenen Wirkung sozialer Unterstützungspotenziale auf das Wohlbefinden behinderter Menschen und von den Belastungsmomenten der Unterstützungspersonen aus und betrachten die einseitig gerichteten sozialen Unterstützungsbeziehungen. Reziprozitätsbestrebungen behinderter Menschen werden nur latent berücksichtigt. Die Untersuchungseinheiten waren behinderte Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsarten, -ursachen und -graden (GdB).

In dieser Arbeit werden gerade die reziproken Beziehungen der sozialen Netzwerke körperbehinderter Erwachsener mit manifestem Unterstützungsbedarf als Voraussetzung sozialer Partizipation in sozialen Beziehungsnetzwerken sowie der resultierenden Partizipation in anderen gesellschaftlichen Bereichen angenommen. Der "behinderte Mensch", der diese Unterstützungsressourcen gemäß dem Sozialkapitalkonzept aktiv pflegen und mobilisieren muss, sollte folglich in austauschtheoretischen Kontexten ‚ressourcenmobilisierender Akteur' genannt werden, um seine erforderliche eigeninitiierte Beziehungsarbeit zu unterstreichen.

Infolgedessen liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf einer erkenntnistheoretischen Aufbereitung, Diskussion und Identifizierung von Modernisierungsfolgen i. S. der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse für behinderte Menschen und deren sozialer Partizipation in gesellschaftlichen Lebensbereichen. "Behinderung" bzw. gemäß der Intention der ICF "Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit" als Personenmerkmal stellt ein mehrdimensionales, relationales soziales Konstrukt dar, das sowohl individuell-biographische als auch sozialstrukturelle Relevanz für die potenziellen Unterstützungsressourcen hat.

Mit Rückgriff auf die WHO-Dimensionen von "Behinderungen" und auf das lineare Handlungssystem des MMM-Modells von COLEMAN (1995b:421) wurde ein Modell der Analyseebenen zu den Auswirkungen von Behinderungen auf den Unterstützungsbedarf erstellt. Gleichzeitig ist es geeignet, bei behinderungsspezifischen "ad-hoc"-Netzwerkgeneratoren potenzielle oder reale Unterstützungspersonen zu ermitteln.

Für eine weiterführende Netzwerkerhebung ist zu klären, ob anstelle der hier angedachten klassischen Netzwerkgeneratorenmethode zur Quantifizierung des sozialen Kapitals[147] besser die Positionsgeneratorenmethode zu verwenden ist, die LIN et al. (2001) zur Erhebung von sozialem Kapital hinsichtlich dessen Zugangs- und Mobilisierungsmöglichkeiten diskutiert und anwendet.

Das bedeutende individualistisch-strukturelle Sozialkapitalkonzept von COLEMAN (1995a, b) mit seinen zugrundegelegten zielgerichteten handlungstheoretischen Annahmen wird als geeigneter theoretischer Ansatz für eine SNA behinderter Menschen hinsichtlich reziproker sozialer Unterstützungsbeziehungen angesehen. Die individualistisch ökonomischen Kalküle als handlungsleitende Annahmen im COLEMANschen Konzept des sozialen Kapitals mit ihren inhärenten handlungsbegünstigenden und sozialstrukturellen Aspekten erscheinen zur Aufdeckung gegenseitiger sozialer Ressourcen bzw. Unterstützungsleistungen einerseits und zur Erklärung bestimmter Strukturmerkmale in sozialen Netzwerken andererseits konzeptionell in netzwerkanalytischen Kontexten als zweckmäßig. Soziales Kapital als individuelle Ressource hängt in starkem Maße von der Qualität der Beziehungen ab, weshalb dieses Konzept der Beschreibung formaler Beziehungsstrukturen bei SNA[148] oft die Grundlage bildet.

Konzepte der Netzwerk- und Unterstützungsforschung sind am Individuum orientiert, d. h. die Individuen selbst geben Auskunft über ihre soziale und gesellschaftliche Einbettung und damit über ihre Möglichkeiten zur Handlungserweiterung i. S. des Konzeptes des sozialen Kapitals.

Die Relevanz der Partizipation aufgrund des Zugangs zu sozialen Ressourcen bzw. sozialem Kapital und dessen Mobilisierung ergibt sich nicht nur aus der wissenschaftlichen Vernachlässigung, sondern auch aus der wachsenden Bedeutung der Kenntnisse über behinderte Menschen in ihrem realen sozialen Umfeld. Dem austauschtheoretischen Mechanismus gemäß basiert sie auf balancierter oder generalisierter Reziprozität. Das zu analysierende soziale Phänomen ‚Partizipation ressourcenmobilisierender Akteure' muss entsprechend COLEMANs Erklärungsmethode der inneren Analyse mit den sozialen Austausch- bzw. Unterstützungsbeziehungen zwischen den rational handelnden Akteuren in Bezug auf Reziprozität und Symmetrie begründet werden. Dyadische Austauschbeziehungsstrukturen der Individualebene in Abhängigkeit von gegenseitig attraktiven materiellen oder immateriellen Ressourcen/Ereignissen generieren nach COLEMAN bestimmte soziale Netzwerkstrukturen. Sie bieten eine Möglichkeit, tendenzielle Aussagen zu ‚wirksamer Partizipation' ressourcenmobilisierender Akteure als Ausdruck von austauschtheoretischen Aspekten gegenseitiger Anerkennung, Wertschätzung und Abhängigkeiten in einer SNA zu machen.

Dazu konnten vier bzw. sechs Austauschbeziehungstypen, die in Beziehungen zwischen den ressourcenmobilisierenden Akteuren und deren Netzwerkmitgliedern vorkommen, aus vorangegangenen theoretischen Überlegungen zu balancierten und nicht balancierten Reziprozitätserfordernissen im COLEMANschen individualistisch-strukturellen Konzept des sozialen Kapitals hergeleitet werden. Anhand dieser Beziehungsmodelle bezüglich einfacher und komplexer sowie reziproker und nicht reziproker Unterstützungsleistungen (Ressourcenaustausch) ist das Charakteristikum sozialer Netzwerke deutlich erkennbar: Die einfachen und komplexen sozialen Beziehungsstrukturen in den Netzwerken behinderter Menschen überschneiden sich graduell durch zunehmende emanzipatorische Forderungen nach Selbstbestimmung und Autonomie der behinderten Menschen i. S. von Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen individueller Lebenszusammenhänge. Das bereits von SCHILLER (1987:153) festgestellte "duale System" informeller und formeller bzw. professioneller Unterstützungsleistungen kann erhärtet werden. Formelle und informelle soziale Unterstützungsnetzwerke bieten individuelle Möglichkeiten für eine stärkere autonome Lebensgestaltung und Daseinsentfaltung für ressourcenmobilisierende Akteure.

Es gilt, in einer weiterführenden empirischen Arbeit die erkenntnistheoretischen Überlegungen zu den austauschtheoretischen Annahmen und die in dieser Arbeit empfohlenen Vorschläge zur Konstruktion eines theorie- und gegenstandsbezogenen sozialen behindertenspezifischen Netzwerkerhebungsinstrumentes umzusetzen. Anstelle bisheriger egozentrierter SNA, die aus arbeitsökonomischen Gründen durchgeführt wurden, wird empfohlen, multiplexe soziale Netzwerke mit wenigstens zwei Unterstützungsinhalten wie instrumentell-informativer und emotionaler Unterstützung zu erheben. Instrumentelle Unterstützungsbedürfnisse sollten Items aus den ICF-Bereichen "Mobilität", "Selbstversorgung", "Häusliches Leben" und "Kommunikation" umfassen.

Diese egozentrierte Netzwerkerhebung sollte auf die erhobenen Kontakteinheiten von ego (ressourcenmobilisierender Akteur) erweitert werden, um bei der Auskunft zu gegenseitigen Wahlen der Gefahr einer subjektiven Wahrnehmung der erhaltenen und geleisteten sozialen Unterstützung von ego zu entgehen (second order zone). Ähnlich wie bei NIEHAUS (1993) ist ein weiteres, elaboriertes Erhebungsverfahren sozialer Unterstützung mit Aussagen zur Reziprozität zu empfehlen, um die Unterstützungsbedarfslagen behinderter und unbehinderter Netzwerkmitglieder zu erfassen und auf gegenseitige Wahlen hin zu prüfen.

Mit geeigneten analytischen Konzepten und Methoden der SNA sind die handlungstheoretisch konstruierten sozialen Beziehungstypen ‚Partnerschafts-', ‚Samariter-', ‚Assistenz-' und ‚Pflegebeziehungen' durch empirisches Datenmaterial zu validieren und weiterzuentwickeln.

In Übereinstimmung mit NIEHAUS (1993:123) können mit der Analyse dieser sozialen Beziehungsstrukturen von behinderten Menschen Defizite sozial- bzw. bildungspolitisch präventiver und kompensierender Maßnahmen aufgedeckt werden. Ziel ist es dann, einerseits der Geberseite potenzielle Unterstützungsressourcen als Entlastung von Überbeanspruchung familialer Unterstützungsquellen und andererseits den behinderten Menschen ressourcenfördernde Maßnahmen zur Generierung reziproker Beziehungsstrukturen bereitzustellen, um definitiv der Forderung nach selbstbestimmter Daseinsentfaltung nachzukommen.

Aus dem Datenmaterial der gesichteten vorhandenen SNA behinderter Menschen kann bereits signifikant bestätigt werden, dass mit zunehmender Schwere der Behinderung, die für den hier zu analysierenden Personenkreis charakteristisch sein soll, mehr ressourcenstärkende Maßnahmen für interne (Humankapital) und für externe Ressourcen (soziales und finanzielles Kapital) erforderlich sind. Die Sicherung der materiellen Existenzgrundlage ist eine Voraussetzung zur selbstständigen Lebensführung weg von lebenslangen Abhängigkeiten aus traditionalen Bindungen, für die Motivation zu sozialer Aktivität, zur Gestaltung sozialer Netze und nicht zuletzt zur persönlichen Zufriedenheit (Wacker 1995:81).

Die mit dem Freisetzungsprozeß verbundene individualistische Bewertung der Person und das Leistungsprinzip als Plazierungsmechanismus verlangen nach einem kompetenten und konkurrenzfähigen, autonom handelnden und entscheidenden Individuum (Diewald 1991:30).

Zusammenfassend kann die in der Einleitung aufgestellte Basisthese, dass soziale Netzwerke unabhängig vom Personenmerkmal "Behinderung" gestaltet werden, bereits aus den vorliegenden erkenntnistheoretischen Überlegungen heraus falsifiziert werden, was zu Forderungen für behinderten-, bildungs- und sozialpolitische Interventionen führt. Wichtige erkenntnistheoretische Überlegungen sollen nachfolgend zusammengefasst werden:

  • Die defizitäre und individuenzentrierte Sichtweise auf die Lebenssituation behinderter Menschen hat sich zu einer komplexen, umwelteinbeziehenden und damit sozialen ressourcenorientierenden Perspektive gewandelt.

  • Aufgrund defizitärer Rollenzuschreibungen, die mit dem vorherrschenden Menschenbild (Leistungsfähigkeit, Flexibilität, Schönheit) zusammenhängen, bleiben die Ressourcen behinderter Menschen unerkannt bzw. unberücksichtigt. "Behinderung als Lebensstil" ist wissenschaftstheoretisch und politisch neu zu denken.

  • Mit dem dargelegten gesellschaftlichen Wandel als Prozess der Auflösung von festen sozialen Einbindungen (Individualisierungsthese) ist deutlich geworden, dass auch behinderte Menschen die sozialen Beziehungen aus primären, ursprünglichen Kontexten durch sekundäre Kontexte kompensieren, sofern ihnen ressourcenfördernde Maßnahmen zur Verfügung gestellt werden.

  • COLEMANs "ursprüngliche Organisationsstrukturen" müssen mit den "zielgerichteten Sozialstrukturen" kompensatorisch gefördert werden (Coleman 1995b:127).

  • NIEHAUS' Daten belegen den Zusammenhang, dass mit zunehmender Schwere der Behinderung und anderer Sozialmerkmale wie "alleinstehend" oder "nicht erwerbstätig" - das austauschtheoretisch formuliert mit der ungünstigeren Austauschposition umschrieben wird - sowohl die engen als auch die erweiterten Familienunterstützungsnetzwerke zwar "den quantitativen und qualitativen Kern informeller Ressourcen" (Schiller 1987:151) bilden, dieser aber signifikant kleiner ausfällt (Niehaus 1993:122).

  • Außerfamiliäre soziale Unterstützungsbeziehungen und -systeme sind als ressourcenfördernde Maßnahme notwendig, um mit Hilfe der Individualisierungsprozesse auch behinderten Menschen den Weg zu ebnen (Wacker 1995:80) und der Überforderung der Familiennetze sowie den tendenziellen Abhängigkeitsbeziehungen (Samariterbeziehungen) entgegen zu wirken.

  • Unter austauschtheoretischen Annahmen wird der Wert der ausgetauschten Ressourcen allein intersubjektiv festgelegt und muss demzufolge bei der Quantifizierung reziproker Austauschbeziehungen berücksichtigt werden.

  • Soziale Partizipation: Ressourcenmobilisierende Akteure sind sozial integriert, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld aufgrund wechselseitiger Austauschrelationen mit eigenen Ressourcen (Bildung, Berufsprestige, Einkommen, Partizipation im außerfamiliären Bereich und soziales Kapital) als respektierte und wertgeschätzte Persönlichkeiten partizipieren können.

  • Kern der "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" sind die zahlreichen, individuell anzupassenden potenziellen Alternativen zur Organisation alltäglicher behinderungsbedingter Unterstützung, denn so besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ein ressourcenmobilisierender Akteur entscheidet.

  • Die andauernden Unterstützungsbedarfslagen können als Chance für neue informelle soziale Beziehungen gesehen werden, insbesondere dann, wenn nach Alternativen zu traditionellen Unterstützungssystemen gesucht wird.

  • Aufgrund selektiver Bedürfnisse können neue Netzwerkbeziehungen und damit auch Netzwerksegmente (Brückenfunktion der Assistenten) aufgebaut werden, so dass das funktionale Element der sozialen Beziehung, die soziale Unterstützung, auch ein beziehungsstiftendes Moment impliziert.

Abschließend sei bemerkt: Der formalistische Ansatz der ökonomisch determinierten Austauschtheorie mit dem handlungsleitenden Motiv der Nutzenmaximierung schließt nach COLEMAN andere sozialpsychologische, expressive Handlungsmotive aus, was zunächst den einen oder anderen desillusionieren mag. Die im COLEMANschen Sozialkapitalkonzept implizierte Kosten-Nutzen-Kalkulation bei unterstützungsgebenden Momenten bzw. beim Aufbau sozialer Beziehungen ist ebenso wie der axiomatisch festgelegte, interessengeleitete Akteur aufgrund seiner Sozialtheorie diskutiert worden. Bei aller Relativierung der austauschtheoretischen Annahmen mit vorhandenen internen Ressourcen der Akteure, die in dieser Theoriearbeit nur sporadisch angedeutet wurden, sollten Denkanstöße mit den Argumentationen zeigen, dass dieser formalistische Ansatz ein realer Ansatz ist.

Es gibt keine ‚objektive Wahrheit', da wir nicht in der Lage sind, die Umwelt objektiv abzubilden. Jeder Wissenschaftler, jeder Mensch hat seine Erfahrungen, Interessen und Gedächtnisinhalte, weshalb die scheinbare Wirklichkeit eine erfundene Wirklichkeit ist, also eine Konstruktion (Watzlawick 1981, zit. nach Bleidick 1999a:12).



[147] Siehe Kapitel 5.2.3

[148] Vgl. Dederichs (1999), Haug (1997), Petermann (2002), Stecher (2000)

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Wocken, Hans (2001):Integration. in: Antor, Georg & Bleidick, Ulrich (Hg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik, Stuttgart [u. a.], S. 76-79.

Was noch zu sagen wäre...

Emotional intensiv erlebte Zeiten wie im Auf und Ab beim Schreiben einer Diplomarbeit lassen den sozialen Rückhalt des eigenen Netzwerkes als eine wesentliche Ressource erleben, der nicht hoch genug für das Wohlbefinden, ja überhaupt Durchhalten zu schätzen ist.

An dieser Stelle kann ich nur tiefe Dankbarkeit für all die erbrachten emotionalen, instrumentellen und beratenden Unterstützungsleistungen als Gegenleistung ausdrücken.

Aber das Bewusstsein, in COLEMANschen "Notzeiten" so wertvolles soziales Kapital mobilisieren zu können und überhaupt den Zugang dazu zu haben, stärkt mich in besonderem Maße.

"Weak ties" wie diejenigen, die mich mit Frau Dr. Marina Hennig verbinden, waren unerlässlich zum Überwinden mancher Tiefpunkte und Selbstzweifel im Forschungsalltag mit offenem Ohr, Zeit, konstruktiven Tipps und Bestätigungen.

"Strong ties" wurden noch enger und multiplex aufgrund von täglichem Zuhören und emotionalen wie instrumentellen Unterstützungen wie zu Lutz.

"Strong ties" über größere Distanzen zu Dörte sind per Internet und Telefon aufrecht zu erhalten und waren für Anregungen, Hinweise und ständige Anteilnahme sehr wichtig.

Interessante und wertvolle "Brückenbeziehungen" ergaben sich zu Francoise allein im Internet. Diese "weak tie" ergab sich über Vivien, die Bücher heranschleppte und die wiederum über Jana, die mir konstruktive Hilfen für den Beginn gab, in mein Netzwerk trat.

Nicht zu vergessen ist Bill, der als "weak tie" mit Geduld bei englischsprachigen Texten zur Seite stand.

Schließlich konnte mit "Mutter" Meise, die genau in den entscheidenden Momenten da war, eine neue Beziehung aufgebaut werden.

Diana gab mir wichtige emotionale Unterstützung.

Angela, Steffen und viele andere begleiteten diesen Lebensabschnitt hilfreich und unterstützend.

Eidesstattliche Erklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich die Diplomarbeit selbstständig verfasst, keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt und alle den benutzten Quellen wörtlich oder sinngemäß entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.

1. Oktober 2003

vorgelegt von:

Gutachter:

Hiltrud Walter

Matrikelnummer: 22009

Rochstr. 9 / 0907

10178 Berlin

1. Gutachter: Prof. Dr. Hans Bertram

2. Gutachter: Prof. Dr. H. M. Nickel

Berlin, 01.10.2003

Abkürzungsverzeichnis

Nachfolgend sind alle fachspezifischen Abkürzungen aufgeführt:

A1, A2

Akteur 1, Akteur 2

AD

Ambulante Dienste

BGBl.

Bundesgesetzblatt

BGG

Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (Behindertengleichstellungsgesetz)

BSHG

Bundessozialhilfegesetz

DIMDI

Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information

EJBM

Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003

GdB

Grad der Behinderung

ICIDH

The International Classification of Functioning and Disability

ICD-10

International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision

ICF

International Classification of Functioning, Disabilities and Health

ISB

Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung

MMM-Modell

Makro-Mikro-Makro-Modell

MSHD

mobile soziale Hilfsdienste

PflegeVG

Sozialgesetzbuch (SGB) - Elftes Buch (XI) - Soziale Pflegeversicherung (Pflegeversicherungsgesetz)

SGB IX

Sozialgesetzbuch (SGB) - Neuntes Buch zur "Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen"

SNA

soziale Netzwerkanalyse

RA

ressourcenmobilisierender Akteur

RCT

Rational Choice-Theorie

Quelle:

Hiltrud Walter: Vom Nutzen behinderter Menschen, Reziprozität und Symmetrie in den Unterstützungsbeziehungen behinderter Menschen und deren Unterstützungsfunktion in Bezug auf die Mitglieder ihres sozialen Netzwerkes

Diplomarbeit zur Erlangung des Grades einer Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät III, Institut für Sozialwissenschaften. Berlin, 01.10.2003

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 05.08.2010

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