Plädoyer für die Abschaffung der Ziffernnoten

Themenbereiche: Schule
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: erziehung heute, Sonderheft: Weissbuch Integration, Heft 3, 1998 / betrift:integration, Sondernr. 3a 1998, S. 45-46. Hrsg: Tiroler Bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft, Studien Verlag Innsbruck 1998
Copyright: © Rupert Vierlinger 1998

Die Ziffernzensur versündigt sich an der guten Pädagogik

  • Der Umgang mit Ziffernnoten gleicht einem Spiel mit gezinkten Karten

Unter den zahllosen empirischen Untersuchungen gibt es keine, die dem Ziffernnotenzeugnis eine ausreichende Objektivität bestätigt. Ein und dieselbe Leistung wird von verschiedenen Lehrern und Schulen unterschiedlich beurteilt, und das bis hin zur Matura und zum Universitätsdiplom. - Die Schule aber mißt den Schülerinnen (der besseren Lesbarkeit willen im folgenden masculin!) mit diesem unsauberen Besteck nach wie vor Lebens- und Sozialchancen zu und wird damit höchst ungerecht.

  • Ziffernnoten sind ein feindlicher Agent im Reich des Lernens

Die Schüler werden nicht ermuntert, um der Sache willen zu lernen, sondern um der Note willen. Die Note gilt, auch wenn sie erschwindelt ist. Außerdem erfüllt die ständige Sorge um den Rangplatz die Schüler mit Angst, die zu psychosomatischen Störungen und im Extremfall sogar zum Selbstmord führen kann. - Darüber hinaus läßt die für die Notenfindung unabdingbare "ständige Beobachtung" die forschende Grundhaltung der Schüler verkümmern, da doch jede falsche Vermutung (falsifizierte Hypothese) gegen sie verwendet werden kann.

  • Die Ziffernnote liefert das Individuum an das Kollektiv aus

Die Ziffernnote kann gar nicht anders, als daß sie die Leistung des einzelnen Schülers im Hinblick auf die anderen, bzw. auf das Mittelmaß der Klasse beurteilt. Dies provoziert eine Vergiftung des sozialen Klimas: Das vom System vorprogrammierte Rivalisieren kann nach einem Wort von Fritz Redl die Klasse in einen Hunderennplatz verwandeln; Eifersucht, Neid, Überheblichkeit und Schadenfreude blockieren die Hilfsbereitschaft und verhindern Kooperation.

  • Die Ziffernnote gönnt dem Schwachen keinen Erfolg

Wenn sich der schwache Schüler von der schlechten Note nicht entmutigen läßt und angestrengt weiterlernt, kommt er voran. Die anderen, die ihm überlegen sind, kommen aber auch voran. Seine schlechte Note verändert sich daher nicht, und die Afterposition im Geleitzug der Schule bleibt Afterposition! Unter solchen Bedingungen kann sich kein Selbstwertgefühl aufbauen. Weil aber niemand ohne Anerkennung leben kann, besteht die Gefahr des Abgleitens in die Clique (vgl. Skinheads u. a.), die nach ihrer eigenen "Moral" belohnt.

  • Die Ziffernnote und die Individualnorm sind nicht kompatibel

Wenn sich ein begabter Schüler auf die "faule Haut" legt und das Jahr über kaum etwas hinzulernt, ist seine Leistung nicht einmal als "genügend" zu bezeichnen. Der unermüdliche Einsatz eines Schwachbegabten und der für seine Verhältnisse respektable Zugewinn müssen als "gut" oder gar "sehr gut" bezeichnet werden. - Wo bleibt dann aber die Lauterkeit der Aussage gegenüber dem Außenstehenden (Berichts- und Berechtigungsfunktion des Zeugnisses), wenn doch die Leistung des Begabten die des Unbegabten immer noch deutlich hinter sich läßt?

Die Rolle des Lehrers hat die des Trainers zu sein, des Helfers und Förderers. Wenn er sie mit der des (Kampf-)Richters vertauscht, wenn er sich auf das Diagnostizieren und Urteilen oder Aburteilen verlegt, beginnen ihm seine Schüler zu mißtrauen. Sobald der Lehrer den "Spezi" herausnimmt, kündigt er gewissermaßen die Freundschaft auf. - Die Ziffernnote birgt in sich auch die Verführung, daß sie als Waffe mißbraucht wird oder gar als Instrument des Zynismus und des Sadismus. Sie vergiftet häufig auch das Klima zwischen Elternhaus und Schule; in manchen Fällen werden sogar die Gerichte befaßt.

Alternativen, im besonderen die "Direkte Leistungsvorlage" (DLV)

Zur Sanierung dieser von der Ziffernzensur verursachten Defizite werden im In- und Ausland drei Alternativen erprobt: die verbale Beurteilung, die Auflistung erreichter Ziele (Pensenbücher, Lern- und Entwicklungsberichte u. ä.) sowie die Direkte Leistungsvorlage (Portfolios).

Die DLV stellt eine Art kopernikanische Wende dar, weil sie den Adressaten (Firmenchef u. a.) nicht entmündigt: Sie legt ihm keinen Stellvertreter der Leistung vor (Codewörter und -zahlen), sondern diese selbst (exemplarisch ausgewählte Belegstücke des erreichten Leistungsniveaus: Arbeiten aus der Mathematik, Texte aus Deutsch und den Fremdsprachen, diverse Arbeitsblätter, Projekte, Leselisten, Liste der gelernten Lieder mit Beispielen der individuellen Notenkenntnis, Daten aus der Leibeserziehung, Kassetten mit Dokumenten der mündlichen Ausdrucksfähigkeit u.a.). Die DLV bezieht die Vorteile der verbalen Beurteilung mit ein (Lehrerkommentare zu den einzelnen Belegstücken) wie auch die der Lernziellisten, die gegebenenfalls zur Orientierung beigelegt werden können.

Diese auch in Österreich in einer wachsenden Zahl von Schulversuchen erprobte Alternative

  • steht ausdrücklich im Dienste der Leistung: Diese selbst wird vorgelegt und kein Surrogat.

  • Die gesamte Schulzeit des Jahres dient der Qualifizierung; es gibt keinen Verlust, wie ihn die ominösen Prüfungszeiten verursachen.

  • Der Lehrer steht den Kindern ständig in seiner Rolle als Helfer zur Seite.

  • Den Lehrer zu betrügen wird witzlos; die Schüler betrögen sich selbst.

  • Die Schüler müssen nicht mehr danach trachten, ihre Nachbarn zu übertreffen, sondern sich selbst.

  • Der Verdacht der Eltern auf Ungerechtigkeit wird gegenstandslos; sie sehen die Leistung vor sich - niemand hat sie in eine Note chiffriert.

  • Jeder individuelle Leistungszuwachs wird dokumentiert, sodaß auch der Schwache zu seinem Erfolg kommt, der das Erfolgreichste ist, was es gibt.

  • In der Schulklasse ist ständig ein Auditorium zur Verfügung, das für den notwendigen Applaus sorgt. Er ist wirksamer als die vom Lehrer vergebene Note.

  • Niemandem wird ein X für ein U vorgemacht: Nichts ist sachlicher (korrekter) als die Sache selbst.

  • Die skizzierte Alternative kann auch zu einer Versachlichung der Überstiegs- und Aufnahmeprozeduren führen: Nicht mehr die vorangehende Institution entscheidet über die "Passung" für die nachfolgende, sondern diese selbst. Niemand kennt ihr Anforderungsniveau besser als sie. Daß die streßfrei und sukzessive erbrachten Leistungen im "Portfolio" zuverlässiger sind als eine Aufnahmsprüfung, muß nicht eigens betont werden.

Quelle:

Erschienen in: erziehung heute, Sonderheft: Weissbuch Integration, Heft 3, 1998 / betrift:integration, Sondernr. 3a 1998, S. 45-46

Hrsg: Tiroler Bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft, Studien Verlag Innsbruck 1998

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 25.04.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation