Soziale Integration durch stadtteilbezogene Arbeit am Beispiel des Ruhrgebiets

Themenbereiche: Schule, Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.Zweckinformation (Bibliographischer Hinweis, Zusatzinfos)
Copyright: © Julius Klinkhardt 2004

1 Zur sozialen Lage im Ruhrgebiet

Die Ruhrgebietspolitik ist bis heute bestimmt von der Bewältigung des ökonomischen Strukturwandels. Weg von Kohle und Stahl und hin zu einem Standort für moderne Dienstleistungen, neuen Umwelttechnologien und nicht zuletzt für Kulturwirtschaft in einer kulturell lebendigen Region, das ist die Richtung. In unzähligen Imagekampagnen vom Ruhrgebiet als einem „starken Stück Deutschland“ liegt die Vorstellung von einem geglückten ökonomischen Wandel zugrunde.

Dass der Strukturwandel aber auch massive soziale Veränderungen verursacht, beschleunigt und ungelöste soziale Probleme zurückgelassen hat, tritt in den letzten Jahren immer unübersehbarer in den Blick. Die regionale Problemkonstellation erfährt ihre besondere Zuspitzung durch die demografischen Bevölkerungsverluste. Den Prognosen zufolge wird die zweitgrößte Stadtregion Europas in den nächsten 10 Jahren einen Bevölkerungsverlust in der Größenordnung von ca. 400 000 Einwohnern (-7 %) erfahren. Das entspricht ungefähr der Größe einer Ruhrgebietsstadt wie Bochum. Die Abwanderungen verlaufen sozial-selektiv. Die Menschen, die dem Ruhrgebiet den Rücken kehren, sind jung und gut ausgebildet.

Die Erkenntnisse der Bochumer Sozialraumforschung von Prof. STROHMEIER, nachzulesen in seiner im Oktober 2002 veröffentlichten Studie mit dem Titel „Bevölkerungsentwicklung und Sozialraumstruktur im Ruhrgebiet“, machen den akuten politischen Handlungsbedarf für die Region überdeutlich:

Die sozialen Disparitäten, die sich insbesondere durch hohe Erwerbslosenquoten und durch Migration herausgebildet haben, verteilen sich nicht gleichmäßig, sondern konzentrieren sich sozialräumlich auf bestimmte Stadtteile und Teilregionen des Ruhrgebiets. Stadtteile mit starker altindustrieller Montanprägung sind gekennzeichnet von hoher überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, von einer hohen Sozialhilfedichte, d.h. von Armut. Hier wohnen in der Regel besonders viele ehemalige Arbeitsmigranten, zumeist türkischer Herkunft. Die Menschen leben in ehemaligen Werkssiedlungen oder Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Dagegen haben sich – dem Trend zur Suburbanisierung folgend – an den ländlichen westfälischen und niederrheinischen Rändern des KVR-Gebiets (s. Kap. 4) die zahlungskräftigen bürgerlichen Familien zurückgezogen.

2 Die unterschiedlichen Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen

Die nachwachsende Generation im Ruhrgebiet wächst heute in zwei unterschiedlichen Welten auf, die voneinander völlig abgeschottet sind: in den prosperierenden Vorstädten der bürgerlichen Mittelschichten und in den armen Vierteln der Ballungskerne. Die Mehrzahl der Kinder im Ruhrgebiet wächst in den benachteiligten Sozialräumen der Region auf, in den Stadteilen mit den höchsten Arbeitslosenquoten, den höchsten Sozialhilfedichten, den höchsten Ausländeranteilen und den höchsten Umwelt- und Gesundheitsbelastungen.

STROHMEIER hat die Situation so auf den Punkt gebracht: Wir haben zwar immer weniger Kinder im Ruhrgebiet, dafür aber immer mehr arme. In der Stadt Essen beträgt der Anteil der Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren an allen Haushalten nur mehr etwa 16 %. Die Mehrzahl der Haushalte mit Kindern ist arm und nichtdeutscher Herkunft.

Die Armutsrisiken für Kinder und Jugendliche im Ruhrgebiet sind sehr hoch. Etwa 40 % der Sozialhilfebeziehenden im Ruhrgebiet sind Kinder und Jugendliche. Junge Migranten haben ein doppelt so hohes Risiko, Sozialhilfeempfänger zu werden, wie junge Deutsche.

Der sozialen Armut entspricht die Bildungsarmut. Im Ruhrgebiet gilt, dass von den jungen Erwachsenen, die Sozialhilfe beziehen und damit als arm gelten, jeder sechste keinen allgemeinbildenden Abschluss hat. In der Gesamtbevölkerung ist es nur jeder 30. Ein sicherer Weg, arm und ausgegrenzt zu werden oder zu bleiben, führt über mangelnde Bildung.

3 Das Landesprogramm Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf

Eine Antwort der Politik in NRW auf diese Entwicklung der sozialen Polarisierung in dem Ballungsraum ist das schon 1993 begonnene Landesprogramm „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“. Mittlerweile sind 33 Stadtteile aus 25 Städten in NRW im Programm. Über die Hälfte der Stadtteile gehören dem Ruhrgebiet an.

Die Philosophie dieses Programms besteht in der Erkenntnis, dass zur Verbesserung der Lebenslagen der Menschen in diesen Stadtteilen die verschiedenen Handlungs- und Politikansätze gebündelt werden und aufeinander abgestimmt sein müssen. Die Akteure in den einzelnen Politikfeldern müssen miteinander vernetzt werden und kooperieren. Die Potentiale in den Stadtteilen müssen aktiviert werden für die Zusammenarbeit, um bestimmte Synergieeffekte aufzubauen. Der wichtigste Faktor ist die Beteiligung der Menschen an den Programmen und Projekten.

Zu den Handlungsfeldern gehören: die Aufwertung der städtebaulichen Situation (Wohnen, Wohnumfeld, öffentliche Räume), die Verbesserung der Versorgung in den Quartieren mit sozialen Einrichtungen und dem Handel, Erweiterung des kulturellen Angebots, Erhöhung des Bildungs- und Qualifikationsniveaus, bessere Ausbildungs- und Beschäftigungschancen, Stärkung der lokalen Ökonomie sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Integration ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen, vor allem von Migrantinnen und Migranten.

Das Programm wird im wesentlichen gespeist aus dem Landesetat für Städtebauförderung in Verbindung mit Mitteln aus dem EU-Strukturfonds, Mitteln für Arbeitsförderung und Eigenmitteln der Kommunen. (Daran angelehnt hat sich das Bundesprogramm Soziale Stadt von 1999, das die Länder bei der Bewältigung der krisenhaften Entwicklung in Ballungsräumen unterstützen will.)

Bislang gibt es noch kein Evaluationssystem. Es soll aufgebaut werden, unterstützt von einem kontinuierlichen Berichtswesen, das Auskunft gibt über kleinräumige Daten, die als soziale Indikatoren für die Entwicklung in den jeweiligen Stadtteilen dienen.

4 Bewertung des Handlungsansatzes

Die Akteure in den Stadtteilen stehen zu diesem Programm. Der integrierte Handlungsansatz anstelle des sektoralen Vorgehens wird von niemandem ernsthaft in Frage gestellt. Die Kritik von Wissenschaft und Praxis bezieht sich auf die Wahrnehmung, dass dieser Ansatz nicht bedarfsgerecht ausgebaut wird. STROHMEIER spricht von einer symbolischen Politik, solange nicht alle belasteten Stadtteile tatsächlich auch an dem Landesprogramm beteiligt werden. Insgesamt hat er in seiner Clusteranalyse 190 belastete Stadtteile in der Region ausgemacht. Darüber hinaus wird kritisiert, dass der Bildungsbereich in dem Programm zu kurz kommt. Dies wird besonders nach den PISA-Ergebnissen als unakzeptabel empfunden.

Gefordert wird in einem aktuellen Aufruf „Regionale Verantwortung für soziale und kulturelle Chancengleichheit“ von 250 Unterzeichnern, darunter etliche unserer Ruhrgebietsprofessoren, eine Bildungsoffensive mit folgenden Inhalten: eine Privilegierung der Bildungseinrichtungen in den armen Stadtteilen, eine bedarfsgerechte Ausweitung des Landesprogramms mit der Integration des Bildungssektors in das integrierte Handlungskonzept und die Implementierung bewährter Modelle in die Alltagspraxis. Der Aufruf wird übrigens einstimmig von der Verbandsversammlung des Kommunalverbands Ruhrgebiet (KVR), der einzigen politischen Klammer der Ruhrgebietsstädte und -kreise, mitgetragen.

Es wird verlangt, dass gute Beispiele endlich strukturell abgesichert werden, statt sie über kurzatmige Projektförderung zu finanzieren. Ein paar Beispiele für häufig ungesicherte, aber exzellente Projekte: Elterncafes an Schulen, speziell an Grundschulen, als niederschwelliges Angebot, um Elternarbeit in Gang zu bringen und Elternkompetenzen aufzubauen; Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen zur gemeinsamen konzeptionellen Erarbeitung von abgestimmten Sprachförderkonzepten und zur systematischen Vorbereitung der Eltern auf die Schule; sog. Rucksackprojekte, die eine gemeinsame Sprachförderung von Kindern und Müttern anstreben; koordinierte Alphabetisierung über Teamteaching von Grundschullehrer und Muttersprachenlehrer

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5 Kommunale Verantwortung für soziale und kulturelle Chancengleichheit

In den Städten des Ruhrgebiets, die lange Zeit die dunklen Schattenseiten der sozialen Ungleichheit nicht dokumentieren wollten und zum Teil sich noch immer damit schwer tun, wächst das Bewusstsein, dass es völlig unakzeptabel ist, dass die Bildungsbeteiligung so eng an die soziale Herkunft geknüpft ist. Dieser Zusammenhang zwischen Kompetenzerwerb und sozioökonomischen und soziokulturellen Hintergründen wird im Ruhrgebiet besonders deutlich, weil er sich dort auch sozialräumlich abbildet:

  • Im privilegierten Essener Süden liegt die Gymnasialquote bei 80,3 %, in Essen-Altendorf, einem Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf und einer Sozialhilfedichte von 15 %, erreichen nur 7,7 % eines Altersjahrgangs das Gymnasium (Nord-Süd-Gefalle).

  • 41 % der deutschen Kinder im KVR-Gebiet besuchen ein Gymnasium, aber nur 14 % der nicht-deutschen SchülerInnen.

  • Ca. 20 % der nichtdeutschen SchülerInnen im KVR-Gebiet verlassen die Schule heute ohne Schulabschluss. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei deutschen SchülerInnen. In den besonders benachteiligten Stadtteilen ist der Anteil derer ohne Abschluss besonders hoch.

  • Unter den LB-Schülerlnnen (SchülerInnen mit der Diagnose Lernbehinderung) sind die Migrantenkinder überproportional vertreten. Die Hälfte der LB-Schülerlnnen hat einen Migrationshintergrund.

Und noch einmal zur Erinnerung: Von jungen Erwachsenen im Ruhrgebiet, die Sozialhilfe beziehen, hat jeder sechste keinen allgemeinbildenden Abschluss, in der Gesamtbevölkerung ist es nur jeder 30.

Vor dem Hintergrund wachsender Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen mit sozialer Benachteiligung wird derzeit in einer Kommune ein kommunales Konzept zwischen Jugendhilfe und Schule erarbeitet, das den Schüleranstieg in den Sonderschulen für Lernbehinderte und Erziehungshilfe minimieren soll und den Verbleib der Kinder mit sozialen, emotionalen und/ oder kognitiven Problemen anstrebt.

Zu diesem Zweck sollen zukünftig bestimmte Verfahren verabredet werden: Bei Auffälligkeiten, die nicht auf der Ebene Schule und Eltern bearbeitet werden können, wird ein Fachgespräch einberufen zwischen Vertretern der Regelschule, der Sonderschule, des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), des schulpsychologischen Dienstes und einem Träger für Erziehungshilfe. Nach Möglichkeit soll ein individueller Förderplan ohne Verfahren nach VOSF (Verordnung über die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs und die Entscheidung über den schulischen Förderort), also ohne Etikettierung, zum Verbleib in der Regelschule erstellt werden. Die Fördermaßnahmen sollen präzise benannt werden und zeitlich befristet sein. Dieser Hilfeplan wird mit dem Kind und den Eltern vereinbart. Er wird kontinuierlich evaluiert und nach Bedarf fortgeschrieben oder eingestellt.

6 Die Erneuerung der Schulstrukturen

Die Schullandschaft im Ruhrgebiet braucht neben all diesen Bemühungen auch eine strukturelle Erneuerung.

Für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wirkt sich die schulische Aufteilung nach sozioökonomischer Herkunft deutlich benachteiligend im Sinne einer doppelten Benachteiligung aus. Das gilt besonders dann, wenn ein sozial benachteiligter Schüler auf eine insgesamt benachteiligte Schülerschaft in seiner Schule trifft. Im Ruhrgebiet wie in anderen Ballungsräumen ist diese Konstellation normal geworden. Hier gehen räumliche und schulische Segregation nach sozioökonomischen Merkmalen Hand in Hand. In kleinräumigen Datenerhebungen über Stadtteile des Ruhrgebiets lässt sich eine erschreckende Konzentration an materieller, sozialer und kultureller Armut dokumentieren.

Die Hauptschule im Ruhrgebiet ist aufgrund der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft ein Ort der Benachteiligung mit negativen Auswirkungen für den Kompetenzerwerb geworden. Sie hat sich der Sonderschule für Lernbehinderte strukturell angenähert, die als klassische Schule für arme Kinder seit eh und je in Deutschland in einer verborgenen Nische unseres Schulwesens besonders diskriminierende und benachteiligende Lernmilieus hervorgebracht hat. Dies können wir im Ruhrgebiet nicht länger hinnehmen.

Es sind die Kinder mit Migrationshintergrund, die inzwischen in diesen Schulen deutlich überrepräsentiert sind und in diesen Schulen zu einem wachsenden Teil um ihren Schulabschluss und damit um ihren Bildungserfolg gebracht werden. POWELL und WAGNER, Wissenschaftler der selbstständigen Nachwuchsgruppe beim Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, haben ermittelt, dass Anfang der 90er Jahre ca. ein Viertel der nicht-deutschen Schulentlassenen ohne Schulabschluss von einer Sonderschule kam. 1998 war es aber schon über ein Drittel. Vor diesem Hintergrund kann eine Eingliederung Jugendlicher mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt nicht mehr gelingen.

Das Ruhrgebiet hat im Strukturwandel bewiesen, dass es Mut zur Erneuerung hat. Das Ruhrgebiet ist immer noch die Region, die auf ihren sozialen Zusammenhalt und die geleistete gesellschaftliche Integration stolz ist. Das Ruhrgebiet muss sich das Recht herausnehmen, in regionaler Verantwortung auch die strukturelle Erneuerung des Schulsystems in Deutschland einzufordern. Nach allen internationalen Erfahrungen kann dies nur ein integratives Schulsystem sein.

Literatur

INSTITUT FUR LANDES- UND STADTENTWICKLUNGSFORSCHUNG DES LANDES NORDRHEINWESTFALEN: Analyse der Umsetzung des integrierten Handlungsprogramms für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dortmund 2001

POWELL, JUSTIN J.W. & WAGNER, SANDRA: Zur Entwicklung der Überrepräsentanz von Migrantenjugendlichen an Sonderschulen in der Bundesrepublik Deutschland seit 1991. In: Gemeinsam leben, Zeitschrift für integrative Erziehung 10 (2002) 65-70

STÄDTE-NETZWERK FÜR STADTTEILE MIT BESONDEREM ERNEUERUNGSBEDARF (2001): Positionspapier 2001, Raumorientierung der kommunalen Selbstverwaltung. Essen 2001

STROHMEIER, KLAUS PETER: Bevölkerungsentwicklung und Sozialraumstruktur im Ruhrgebiet. Herausgegeben vom Projekt Ruhrgebiet. Essen 2002

ZLONICKY, PETER u.a.: Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Städtische Lebenswelten und Neue Armut“ – Zukunftsfähige Strategien für eine integrierte und sozialorientierte Stadtteilentwicklung. Universität Dortmund 1999.

Quelle

Brigitte Schumann: Soziale Integration durch stadtteilbezogene Arbeit am Beispiel des Ruhrgebiets

Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.06.2018

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