Betriebspraktika als Dreh- und Angelpunkt beruflicher Qualifizierung – am Beispiel des IF 2 Saarbrücken

AutorIn: Jutta Kraß
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.
Copyright: © Julius Klinkhardt 2004

1 Der integrative Förderlehrgang (IF 2) Saarbrücken

Der zweijährige „Integrative Förderlehrgang“ (IF 2) fand erstmalig im Saarland von September 1999 bis August 2001 statt. Eine Folgemaßnahme wurde von September 2001 bis August 2003 genehmigt. Beide Maßnahmen wurden von der Arbeitseinheit Sonderpädagogik an der Universität des Saarlandes wissenschaftlich begleitet (siehe hierzu auch die Beiträge von ANNE HILDESCHMIDT und von ANDREA BIEHL in diesem Band).

Die Jugendlichen arbeiten in vier Arbeitsbereichen (Garten- und Landschaftsbau, Hauswirtschaft, Holz und Metall), wobei sie während der Orientierungsphase nacheinander alle vier Bereiche kennen lernen, um dann anschließend in der Vertiefungsphase in einem Bereich bis zum Ende des Lehrgangs intensiv zu arbeiten. Dabei werden sie von einem/r AusbilderIn und ihrem/r SozialpädagogIn betreut.

Für den im Saarland eingerichteten Integrativen Förderlehrgang ist vor allem die Zusammensetzung und „ganzheitliche“ Integrationsorientierung innerhalb des Lehrgangs neu. Erstmalig nehmen sog. geistigbehinderte/ schwerbehinderte Jugendliche (n = 6) zusammen mit sozial benachteiligten/ lernbehinderten Jugendlichen (n = 18) an einer solchen Maßnahme teil. Ein weiteres Merkmal ist die verstärkte Individualisierung zur Erarbeitung von Handlungskompetenzen unter Beibehaltung der üblichen Teilnehmerzahl in einem Förderlehrgang (n = 24) und die Zentrierung auf intensiv akquirierte und begleitete Betriebspraktika, „um Brücken zum allgemeinen Arbeitsmarkt zu schlagen“ (BUNDESANSTALT 1997,133). Gerade die Gewichtung auf die Betriebspraktika wurde im zweiten IF 2 noch verstärkt und die organisatorische Struktur des Förderlehrgangs zugunsten eines früheren Praktikumbeginns, mit Beginn der Vertiefungsphase, leicht verändert.

2 Praktika als Chance

Beginn und Stellenwert der Betriebspraktika verschoben sich vom ersten zum zweiten IF 2, da man zum einen bemerkte, dass den Praktika eine Schlüsselrolle zur Arbeitsplatzgewinnung zukam. Zum anderen bieten die Betriebspraktika den Betrieben die Möglichkeit die Leistungsfähigkeiten der Jugendlichen und den Jugendlichen die Möglichkeit die betrieblichen Anforderungen besser kennen zu lernen und beurteilen zu können. Somit kann die berufliche Orientierung der Jugendlichen in einem betrieblichen Umfeld stattfinden und sie haben die Möglichkeit sich mit einer Situation mit (annäherndem) „Ernstcharakter“ auseinanderzusetzen.

Verschiedene Qualifikationen, z.B. Selbständigkeit, Umsetzen von Anweisungen etc., können direkt im Arbeitszusammenhang erprobt und gefördert werden. Außerdem bieten die Betriebspraktika den Jugendlichen individuelle Möglichkeiten vielfältigere Arbeitsfelder auszuprobieren, als dies im Förderlehrgang möglich wäre, der ihnen „nur“ die vier Arbeitsbereiche Garten- und Landschaftsbau, Hauswirtschaft, Holz und Metall bietet. Dass ein unterschiedliches Angebot an Betrieben zum Einsatz kommt, zeigt Tabelle 1 mit Praktikumsbetrieben aus 13 Branchen.

Tab. 1: Anzahl der Praktika nach Branchen

Branche

Anzahl der PraktikantInnen

Metall/ Produktion/ Kfz

32

Gärtnerei/ Blumenladen

26

Holz

5

Hotel/ Restaurant

6

Kantine/ Küche

13

Altenpflege/ Hauswirtschaft

7

Bäckerei

2

Friseur

2

Fliesenleger

2

Fleischwaren/ Metzgerei

2

Kindergarten/ Kindertagesstätte

3

Tierheim

1

Kaufhäuser/ Einzelhandel

3

Sonstiges: Integrationsprojekt, BÜE-Praktikum, WfbM u.a.

25

n = 130

Die Befürchtungen des Arbeitsteams im ersten IF 2, für diese Adressatengruppe keine Praktikumsbetriebe zu finden, bestätigten sich nicht. Auch wenn sich die Akquise von Betrieben zeitweilig schwierig gestaltete, war sie doch im Ganzen sehr erfolgreich. Insgesamt konnten – während beider Förderlehrgänge – 66 verschiedene Praktikumsbetriebe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt akquiriert werden, von denen einige auch mehrere Praktikanten aufnahmen.

Die TeilnehmerInnen der beiden Förderlehrgänge absolvierten insgesamt 130 Praktika, wovon 60 Praktika während des ersten IF 2 und bisher 70[1] Praktika während des zweiten IF 2 stattfanden. Unter diese Praktika fallen auch Arbeiten in der Produktion, in der Autoverwertung oder im Handel. Betriebliche Situationen also, die ein Förderlehrgang zur Erprobung nicht bereit stellen kann.

Auf Grund der positiven Erfahrungen im ersten IF 2 – über ¾ der TeilnehmerInnen (n = 20) absolvierten mehrere Praktika, es gab wenige Abbrüche (n = 6) und es kamen vier Arbeitsverhältnisse durch Praktika zustande – kommt den Betriebspraktika in der Konzeption des zweiten IF 2 eine Schlüsselrolle zu. Das Team beschloss deshalb den Beginn der Praktikumsphase vorzuverlegen und den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben direkt zu Beginn der Vertiefungsphase (also nach sechs Monaten) mit den Praktika zu beginnen.

Tab. 2: Einteilung einfacher Anlern- und Hilfsberufe nach Sparten (vgl. KLICPERA & GASTEIGER- KLICPERA 2002)

Art der Tätigkeit

Anzahl Tn

Allgemeine Reinigungsarbeiten

12

Arbeiten in der Gemeinde

9

Arbeiten im Bereich Produktion und handwerklicher Erzeugung

6

Handwerkliche Helferberufe

4

Arbeiten im Bereich von Forstwirtschaft, Gartentätigkeiten

4

Arbeiten im Gastgewerbe und in Großküchen

3

Lagerarbeiten

3

Arbeiten im Spitals- und Pflegeheimbereich

2

Arbeiten im Bereich Bau und Straßenbau

2

Portier- und Platzwarttätigkeiten

1

Arbeiten im Hotelgewerbe

1

Während des zweiten IF 2 befragte die Wissenschaftliche Begleitung die AusbilderInnen, welche einfachen Anlern- und Hilfsberufe (nach SCHABMANN & KLICPERA 2000) sie den TeilnehmerInnen zutrauten. Tabelle 2 zeigt die Zuordnung der TeilnehmerInnen durch ihre Ausbilderlnnen zu unterschiedlichen „Berufssparten“. Hierbei waren Mehrfachnennungen möglich. Die Ausbilderlnnen konnten sich dabei für rund die Hälfte aller TeilnehmerInnen (des zweiten IF 2) eine Tätigkeit im Bereich „allgemeiner Reinigungsarbeiten“ vorstellen und für z.B. neun TeilnehmerInnen kamen „Arbeiten in der Gemeinde“ in Frage. Auch Arbeiten im Bereich Produktion oder handwerkliche Helferberufe sind vorstellbar.



[1] Daten bis Ende Juli 2003

3 Verlauf der Praktika

Die Vorbereitung der Praktika geschieht durch die Jugendlichen gemeinsam mit dem Arbeitsteam des Förderlehrgangs. Dabei sollten die TeilnehmerInnen möglichst selbständig die Aufgaben bewältigen. Sie werden aber natürlich durch ihre Bezugspädagoglnnen und/ oder Ausbilderlnnen entsprechend unterstützt.

Eine erste kognitive und emotionale Hürde stellt dabei die Akquise eines Betriebes und der erste Kontaktaufbau dar. Dies erfolgt meist entweder durch persönlichen Kontakt oder durch Kontaktaufnahme per Telefon (vorherige Suche im Branchenbuch, Internet usw.). Nach erfolgreichem Vorstellungsgespräch (in Begleitung des/r BezugspädagogIn) werden mit dem Betrieb Absprachen bezüglich Arbeitsplatz und -einsatz sowie Fähigkeiten und Möglichkeiten des/r Praktikantin getroffen. Auch Randbedingungen wie z.B. der Weg zum Betrieb werden im Vorfeld mit dem Jugendlichen geklärt. Dies reicht vom Zeigen der nächsten Bushaltestelle bei dem Betrieb bis zum mehrmaligen Üben des Weges (mit dem/r BezugspädagogIn und/ oder anderen Jugendlichen) je nach räumlicher Orientierungsfähigkeit des Jugendlichen. Schließlich sind aber alle Jugendlichen in der Lage ihren Praktikumbetrieb allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Während des Praktikums findet eine diagnostische Begleitung durch den/die zuständige/n PädagogIn oder auch den/die Ausbilderln statt. Dabei sind die Pädagoglnnen (oder Ausbilderlnnen) Ansprechpartner sowohl für die Betriebe als auch für die Jugendlichen und es können Veränderungen im betrieblichen Umfeld und/ oder beim Jugendlichen zugunsten der Passung zwischen Jugendlichem und Betrieb bewirkt werden.

Nach Beendigung des Praktikums bewertet der Betrieb die TeilnehmerInnen mit Hilfe eines „Praktikumszeugnisses“ in Bezug auf „spezielle berufliche Grundkenntnisse“, „Arbeitshaltung“, „kognitive Kompetenzen“ und „soziale Kompetenzen“ an Hand einer vierstufigen Skala (sehr gut, gut, ausreichend und wenig). Außerdem findet – wenn möglich – ein Abschlussgespräch mit dem/r PraktikantIn, Vertretern des Betriebs und des IF 2 statt.

„Berufsplanungskonferenz“

Ein weiteres Instrument zur Vorbereitung und Reflexion der Betriebspraktika sind sog. „Berufsplanungskonferenzen“[2] (nach SCHOLDEI-KLIE 2001), die als „runder Tisch“ z.B. im Wochengespräch in den Arbeitsbereichen zusammen mit den Jugendlichen, dem/r AusbilderIn und dem/r BezugspädagogIn stattfinden. Hier werden Strategien und Erfahrungen bezüglich Praktikumssituationen besprochen und ausgetauscht. Mögliche Fragen, die zusammen bearbeitet werden, können sein: „Wie finde ich einen Betrieb?“, „Wer kann mir helfen?“, „Wie nehme ich Kontakt auf?“, „Was waren positive/ negative Erfahrungen?“ in Bezug auf die Arbeit, den Umgang mit Kollegen. Aber auch Erfahrungen beim Vorstellungsgespräch, besondere Ereignisse oder Krisen können Themen sein.



[2] in Anlehnung an die „Zukunftsplanung“ (nach BOBAN & HINZ 1998)

4 Bewertung der Praktikumszeugnisse

[3]

Durchschnittliche Bewertung: Bei der durchschnittlichen Bewertung schnitten rund ¾ der TeilnehmerInnen beider Förderlehrgänge mit guter bis sehr guter Beurteilung ab (erster IF 2: „sehr gut" = 21 %, „gut" = 54 %; zweiter IF 2: „sehr gut" = 7 %, „gut" = 73 %).

Arbeitshaltung: Besonders positive Ergebnisse im Bereich „Arbeitshaltung“ erhielten die Jugendlichen in den Kategorien „Zuverlässigkeit“ und „Pünktlichkeit“. Die „Zuverlässigkeit“ der TeilnehmerInnen wurde in 54 % mit „gut“ und in 29 % mit „sehr gut“ bewertet. 43 % der Jugendlichen bekamen in der Kategorie „Pünktlichkeit“ eine „sehr gute“, 48 % eine „gute“ Bewertung. Weiter wurden im Bereich „Arbeitshaltung“ die Kategorien „Arbeitstempo“ und „Ausdauer“ im mittleren Bereich bewertet. 44 % der TeilnehmerInnen wurden bezüglich des „Arbeitstempos“ mit „gut“ und 39 % mit „befriedigend“ bewertet. Eine gute „Ausdauer“ bekamen 52 % der Jugendlichen bescheinigt, 32 % immerhin eine „befriedigende“. Die „Selbständigkeit“ der Jugendlichen wurde in diesem Bereich am schlechtesten beurteilt („befriedigend“ = 55 %, „wenig“ = 28 %).

„Spezielle berufliche Grundkenntnisse" wurden von den Betrieben im mittleren Bereich bewertet. Hier erreichten rund 40 % der Jugendlichen in den Kategorien „auskennen im Arbeitsbereich“, „wissen, wie die Arbeit gemacht wird“ und „Sorgfalt“ Bewertungen sowohl im „guten“ als auch im „befriedigenden“ Bereich.

Kognitive Kompetenzen: Im kognitiven Bereich schnitten die TeilnehmerInnen am Besten in der Kategorie „Anweisungen umsetzen“ („gut“ = 53 %, „befriedigend“ = 29 %) ab. Schlechter wurden ihre „Aufnahmefähigkeit“ („gut“ = 30 %, „befriedigend“ = 58 %) und ihre „Merkfähigkeit“ („gut“ = 29 %, „befriedigend“ = 46 %) bewertet. Besser wurde jedoch ihre „Motivation“ bewertet („sehr gut“ =16 %, „gut“ = 46 %, „befriedigend“ = 32 %).

Soziale Kompetenzen: Besonders gut wurden die „sozialen Kompetenzen“ der Jugendlichen bewertet. Die „Verhältnisse zu Vorgesetzten“ und „Kollegen“ wurden nur mit „sehr gut“ (24 % bzw. 27 %) und „gut“ (74 % bzw. 73 %) bewertet. Auch der „Umgang mit Kunden“ – soweit vorhanden – wurde positiv bewertet („sehr gut“ = 34 %, „gut“ = 53 %, „befriedigend“ =13 %).

Die größten Unterschiede zwischen den TeilnehmerInnen beider Förderlehrgänge fallen in der Kategorie „spezielle berufliche Grundkenntnisse“ auf, in der die TeilnehmerInnen des ersten IF 2 besser abschneiden. Zu beachten ist jedoch, dass die Zahlen für den zweiten IF 2 eine Momentaufnahme der laufenden Maßnahme darstellen, da in die Auswertung der Zeugnisse nur die Daten bis zum Februar 2003 eingingen.



[3] bis zum Februar 2003, also ¾ der zu absolvierenden Lehrgangszeit des zweiten IF 2

Literatur

BOBAN, INES & HINZ, ANDREAS: Diagnostik für Integrative Pädagogik. In: EBERWEIN, HANS & KNAUER, SABINE (Hrsg): Handbuch Lernprozesse verstehen. Basel und Weinheim 1999

BUNDESANSTALT FÜR ARBEIT: Berufliche Rehabilitation junger Menschen. Handbuch für Schule, Berufsberatung und Ausbildung. Hochheim am Main 1997

KLICPERA, CHRISTIAN & GASTEIGER-KLICPERA, BARBARA: Übergang Schule – Arbeit: Anforderungen, internationale Erfahrungen und Folgerungen für die Praxis. In: Heilpädagogik 45 (2002)4,19-28

SCHABMANN, ALFRED & KLICPERA, CHRISTIAN: Berufsbeschreibungen: 125 einfache Hilfs- und Anlernberufe. Wien 2000

SCHOLDEI-KLIE, MONIKA: Abschlussbericht der Qualifizierungsmaßnahme für behinderte Jugendliche. Vorgelegt beim Hessischen Sozialministerium und dem Landesarbeitsamt Hessen 2001.

Quelle

Jutta Kraß: Betriebspraktika als Dreh- und Angelpunkt beruflicher Qualifizierung – am Beispiel des IF 2 Saarbrücken

Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.

bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.06.2018

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