Nachschulische Perspektiven aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern und von Lehrerinnen und Lehrern der Schule für Lernbehinderte

AutorIn: Ute Geiling
Themenbereiche: Schule, Arbeitswelt
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.
Copyright: © Julius Klinkhardt 2004

Abbildungsverzeichnis

    Nachschulische Perspektiven aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern und von Lehrerinnen und Lehrern der Schule für Lernbehinderte

    Wie schauen Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigungen, die im „Schonraum“ einer Sonderschule unterrichtet werden, am Ende ihrer Schulzeit in die Zukunft? Wie sieht ihre individuelle biographische Planung aus, welche Wünsche und welche Befürchtungen haben sie?

    Derartige Fragen stehen nicht im Mittelpunkt sonderpädagogischer Forschung. Traditionell sind diese Fragestellungen Gegenstand der empirischen Jugendforschung. Seit deren Anfängen gehört es zum Standardrepertoire in Umfragen, Kinder und Jugendliche nach ihrer Zukunft zu befragen: Ob sie eher pessimistisch oder optimistisch in die gesellschaftliche Zukunft sehen; welche Pläne sie anstreben; welchen Werten sie dabei folgen und welche Ängste sie haben (vgl. ZINNECKER u.a. 2002, 116). Allerdings finden bei all diesen großen, repräsentativen Erhebungen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf kaum Beachtung. Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen sind in diesen Forschungszusammenhängen nicht präsent. Wir wissen also recht wenig darüber, wie Heranwachsende „am Rande der Normalität“ (WOCKEN 1983) ihr Leben nach Beendigung der Schulpflicht antizipieren.

    Vorgestellt werden einige Ergebnisse eines Pilotprojekts, in dessen Verlauf Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen der Schulen für Lernbehinderte Sachsen-Anhalts (Klassenstufe 9) zu ihren Wünschen und mittelfristigen Lebenszielen schriftlich befragt wurden. Die handschriftlichen Antworten der Schülerinnen und Schüler wurden transkribiert und, gestützt auf WinMax 98, einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen. Die dabei herausgearbeiteten Kategoriensysteme wurden im weiteren Verlauf mit Hilfe von SPSS verdichtet. Der Auswertung liegen die Angaben von insgesamt 142 Schülerinnen und Schülern (50 Mädchen, 92 Jungen) zugrunde. Der Untersuchungspopulation gehören Heranwachsende von 10 unterschiedlichen Sonderschulen an, die sich über das gesamte Bundesland gut verteilen. Zum Erhebungszeitpunkt (Sommer 01) wurden alle Schülerinnen und Schüler des zu befragenden Jahrgangs mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen (insgesamt 1919 Mädchen und Jungen) separiert von ihren Peers in einer Sonderschule unterrichtet.[1]

    Die befragten Jugendlichen leben in einem Bundesland mit extrem hoher Arbeitslosigkeit (zum Befragungszeitpunkt lag die Arbeitslosenquote bei durchschnittlich 20,9 %). Wir können davon ausgehen, dass der Großteil genau dieser Jugendlichen mit den Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit und sozialer Benachteiligung konfrontiert ist. Viele von ihnen waren und sind Zeugen erlebter Hoffnungslosigkeit und haben Teil an existenziellen Sorgen in ihren Herkunftsfamilien. Als Absolventinnen und Absolventen einer Schule für Lernbehinderte stehen sie im Vergleich zu denen der Allgemeinen Schulen mit deutlich ungünstigeren Startbedingungen vor den Schwellensituationen des schrittweisen Einstiegs in ein Leben auf der Basis von Erwerbstätigkeit.

    In einer ergänzenden Untersuchung wurden Lehrerinnen und Lehrer der Sonderschulen für Lernbehinderte Sachsen-Anhalts gebeten, die Lebensperspektiven ihrer Absolventinnen und Absolventen zum aktuellen Zeitpunkt zu prognostizieren (schriftliche Befragung). Sowohl Lehrerinnen und Lehrer als auch Schülerinnen und Schüler sind im schulischen Kontext bei der Vorbereitung auf das Leben nach der Schulzeit als Akteure zu betrachten. Zu prüfen ist, ob sich die unterschiedlichen Perspektiven der Befragten überschneiden oder ob Diskrepanzen auftreten.



    [1] Sachsen-Anhalt hat insgesamt, bezogen auf den Gemeinsamen Unterricht, trotz eines klaren prioritären schulgesetzlichen Auftrages zum Gemeinsamen Unterricht eine herausgehobene Schlusslichtposition inne. Die Integrationsquote von Schülerinnen und Schülern mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen lag im Schuljahr 2001/2002 bei 0,82 %. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt Lernen zur Gesamtschülerzahl lag bei 4,54 % (Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalts) und liegt damit deutlich über dem Wert aller anderen Bundesländer.

    1 Wünsche der Schülerinnen und Schüler sowie von Lehrerinnen und Lehrern vermutete Wünsche

    „Nenne deine größten Wünsche für Dein Leben als Erwachsener!" Mit diesem Impuls sollten die Schülerinnen und Schüler angeregt werden Oberziele ihrer Lebensplanung zu nennen, ohne gleichzeitig ihre Realisierbarkeit zu reflektieren. Mit dem Begriff „Wünsche“ sollte die Aufmerksamkeit auf Ereignisse oder Situationen gelenkt werden, deren Eintreffen nicht selbstverständlich ist und deren Herbeiführung von den Akteuren auch nicht als vollständig kontrollierbar erlebt wird.

    Nur wenige Schülerinnen und Schüler formulierten Wünsche, die von ihrer realen Lebenssituation fern sind: Ein Junge möchte Bundeskanzler werden, eine Schülerin sieht sich in der Zukunft als gefeierten Popstar, und dann gibt es unter den Befragten zwei fiktive Millionäre und einen „großen Chef". Die Liste der Wünsche der absoluten Mehrheit der Schülerinnen und Schüler wirkt schlicht, auffallend realitätsnah: Arbeit und Ausbildung stehen ganz oben auf der Wunschliste. 102 Schülerinnen und Schüler haben ihre größten Hoffnungen in diesem Bereich angesiedelt. In der Rangliste der Hauptwünsche folgt auf der zweiten Position die angestrebte eigene Familie (67 Nennungen). Die Kombination Arbeit und Familie kann als ein wesentliches Grundmuster betrachtet werden. Von den 67 Schülern, die sich für ihre Zukunft eine eigene Familie wünschen, haben 52, also 78 % diesen Wunsch mit dem Ziel nach Erwerbstätigkeit kombiniert. Es folgen die Wünsche: Geld (49), Haus (48), Gesundheit (26), Auto (23), Lebenspartner (16), Wohnung (15). Als typische Wunschkonstellationen stellten sich folgende Dreier- Kombinationen heraus:

    • Arbeit/ Beruf und Familie und Geld (16)

    • Arbeit/ Beruf und Familie und Haus (15)

    • Arbeit/ Beruf und Familie und Gesundheit (10).

    Die Abbildung 1 zeigt die Verteilung der inhaltsanalytisch ermittelten Wunschkategorien in verdichteter Form in Abhängigkeit vom Geschlecht.

    Abbildung 1. Lebenswünsche von SchülerInnen des 9. Schuljahrs (Schule für Lernbehinderte, differenziert nach Geschlecht, n=142), Angaben in Prozent

    Darstellung der Ergebnisse via Diagramm. Näheres im
Text.

    Kategorienbeschreibung:

    • Arbeit: Zugeordnet wurden alle Angaben, die sich auf die zukünftige Ausbildung, die Berufswahl etc. beziehen.

    • Soziale Bindungen: Sämtliche Angaben zum gewünschten Lebenspartner, zur zukünftigen Familie, zu Kindern und zum Freundeskreis wurden in dieser Kategorie erfasst.

    • Eigene Unterkunft: Hier sind Wünsche nach einer eigenen Wohnung sowie einem eigenen Haus zusammengefasst.

    • Geld: Diese Kategorie sammelt alle Angaben, die den Wunsch nach Geld beinhalten. Hierbei wurde jedoch nicht unterschieden, ob sich diese Wünsche lediglich auf eine finanzielle Absicherung beziehen oder auf materiellen Wohlstand.

    • Passive Wünsche: Diese Kategorie meint Rahmenbedingungen, die nicht nur durch eigene Leistung zu beeinflussen sind. Hierunter wurden Wünsche nach Gesundheit, Glück, Freiheit, Frieden sowie Wünsche nach einem „guten Leben“ gezählt. Man könnte auch von generalisierten Wünschen oder komplexen Zielsetzungen sprechen.

    • Aktive Ziele: In dieser Kategorie wurden eng begrenzte Ziele, die durch Eigenleistung/ Anstrengung erreichbar sind, erfasst. Gezählt wurden Wünsche nach einem Auto, Führerschein, Bekleidung, Reisen und Konsumgütern etc.

    Bereits in der Shell-Studie 2000 wurde festgestellt, dass sich typisch männliche und typisch weibliche Lebensmuster nicht nachweisen lassen (FRITSCHE/ MÜNCHMEIER 2000, 345L). Festgestellt wird dort ein Angleichungsprozess bezüglich der zentralen Orientierungen. Die Verbindung von Berufsorientierung und Familienorientierung ist geschlechtsübergreifend und unbestrittene Maxime bei jeweils Dreiviertel der Jungen und Mädchen. Diese Entwicklung scheint sich auch bei unserer Stichprobe tendenziell zu bestätigen. Mädchen demonstrieren mit ihren Wünschen in der Mehrheit, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung als zentrales Lebenskonzept die Verbindung von Berufstätigkeit und Familie anstreben. Sie tun dies auf der Wunschebene noch akzentuierter als ihre männlichen Mitschüler.

    Die Shell-Studie 2000 zeigt aus einer nach Altersgruppen differenzierten Perspektive aber auch (ebd.), dass die Berufszentriertheit bei den Mädchen durch eine stärkere Familienorientiertheit abgelöst wird, wenn mit zunehmendem Alter die Frage nach Kindern konkret steht. Diese Dynamik ist in mittelfristiger Perspektive auch für „unsere“ jungen Frauen anzunehmen. Kinderwunsch wird von einem Drittel der Mädchen explizit formuliert. Nur ein Mädchen spricht sich dezidiert gegen die Mutterrolle aus.

    Abb. 2 zeigt, welche Wünsche Lehrerinnen und Lehrer von Schulen für Lernbehinderte bei ihren Schülerinnen und Schülern in den Abgangsklassen vermuten und inwieweit sie damit richtig liegen.

    Abbildung 2. Lebenswünsche von SchülerInnen des 9. Schuljahrs (Schule für Lernbehinderte, n=142) im Vergleich zu den vermuteten Wünschen der LehrerInnen (n=43), Angaben in Prozent

    Darstellung der Ergebnisse via Diagramm. Näheres im
Text.

    Es zeigt sich, dass den Lehrerinnen und Lehrern das Grundmuster der allgemeinen Wunschvorstellungen (Arbeit-Familie) ihrer Schülerinnen und Schüler durchaus bekannt ist. Es ist zu vermuten, dass dieses Grundmuster von den Lehrkräften als erzieherisches Ziel angesehen wird und bewusst oder auch unterschwellig in das schulische Interaktionsgeschehen eingeht. Die Lehrerinnen und Lehrer überschätzen jedoch das Streben ihrer Schüler nach Geld, nach materiellem Besitz und Privilegien, wie z.B. einer Fahrerlaubnis, und sie unterschätzen die Präsenz von generalisierten Wünschen wie Gesundheit, Freiheit, Frieden, Glück.

    2 Lebenspläne für eine begrenzte Zeitperspektive: Antizipationen zur ersten Schwellensituation (Übergang von der Schule in die Berufsausbildung)

    Der Schreibimpuls „ Wie stellst du dir dein Leben nach Schulabschluss vor? Wirst du eine Ausbildung beginnen? Welchen Beruf würdest du gerne erlernen? “ eröffnet eine begrenzte Zeitperspektive. Die Aufmerksamkeit wird auf die Antizipation der ersten Schwellensituation gelenkt, also auf den Übergang von der Schule in eine Ausbildung.

    Um den Kontext der Antworten zu verdeutlichen, sollen zunächst einige schulgesetzliche Rahmenbedingungen erläutert werden. Deren Kenntnis erscheint wichtig, um die Gestaltungsspielräume bei der Schwellensituationsmeisterung einschätzen zu können. Schülerinnen und Schülern der Lernbehindertenschule haftet nach Beendigung der Schulpflicht der Behindertenstatus nicht mehr an. Sie können aber der Gruppe der Benachteiligten zugeordnet werden und haben dann Anspruch auf Benachteiligtenförderung nach dem Arbeitsförderungsgesetz. Das 10. Jahr der Vollzeitschulpflicht kann im System der Allgemeinen Schule (zum Teil in speziellen Klassen in den Räumen der Sonderschulen) oder im System der Berufsbildenden Schulen realisiert werden, z.B. im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Schüler mit dem Abschlusszeugnis der Schule für Lernbehinderte könnten theoretisch direkt nach der Schule eine Ausbildung in einem der sogenannten „Werkerberufe“ beginnen. In den Berufsbildenden Schulen der Stadt Halle/ Saale werden z.B. zur Zeit neun verschiedene Ausbildungsberufe für Auszubildende ohne Hauptschulabschluss angeboten. Die Angebotspalette der Ausbildungsmöglichkeiten erhöht sich für Absolventinnen und Absolventen mit Hauptschulabschluss beträchtlich (auf 37 Berufe).

    12 % der befragten Schülerinnen und Schüler, also ein relativ kleiner Teil der Schülerschaft, äußerten die Absicht, noch im System der Allgemeinen Schule den Hauptschulabschluss zu erwerben. Der Anteil unter den Jungen ist dabei höher als unter den Mädchen. Ein Viertel der auf Verbesserung des Schulabschlusses im System der Allgemeinen Schule orientierten Schülerinnen und Schüler problematisiert zudem die Chancen auf Erfolg schon im Vorfeld.

    20 % der Jugendlichen haben geplant, nach der Schule ein berufsvorbereitendes Jahr (BVJ) zu absolvieren. Von diesen Schülerinnen und Schülern sind es nun wieder nur wenige (4 % der befragten Gesamtpopulation), die den Hauptschulabschluss in diesem Kontext antizipieren. Auch bei der Wahl dieses Weges der Chancenaufbesserung ist der relative Anteil in der Jungengruppe höher als der in der Mädchengruppe. Der Befund, dass sich die große Mehrheit der Befragten mit dem Abschlusszeugnis der Schule für Lernbehinderte abgefunden hat, ist ernüchternd und kann gewiss nicht als Fördererfolg der separierten Beschulung gewertet werden. Trotz dieses scheinbaren Abfindens mit dem Schulabschluss streben die meisten Befragten aber eine berufliche Ausbildung an.

    Abbildung 3 zeigt, inwieweit Schülerinnen und Schüler eine Berufsausbildung in ihre biographische Planung aufgenommen haben.

    Abbildung 3. Ziele der SchülerInnen des 9. Schuljahres (Schulen für Lernbehinderte, n—140) in Bezug auf Berufsausbildung

    Darstellung der Ergebnisse als Diagramm. Näheres im
Text.

    Lediglich zwei der Befragten (jeweils Mädchen) lehnen eine berufliche Ausbildung explizit ab. 69 % gaben an, dass sie eine Berufsausbildung anstreben. Weitere 13 % der Schülerinnen und Schüler akzeptieren diese Entwicklungsaufgabe für sich, bewerten aber die Chance einen Platz zu bekommen bzw. eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen eher pessimistisch.

    64 % der Jugendlichen haben sich zum Befragungszeitpunkt bereits für einen konkreten Beruf entschieden, weitere 24 % sehen für sich noch verschiedene Möglichkeiten. Die Liste der Ausbildungsvorstellungen ist lang. Insgesamt wurden 57 Berufe von der Altenpflegerin bis zum Zugführer genannt. Die Realitätsnähe erscheint hoch: Bis auf zwei Ausnahmen (Arzt, Lehrerin) liegen die anstrebten Berufe im Bereich der Möglichkeiten, die den Jugendlichen generell offen stehen, wenn auch z.T. nur über mehrere Zwischenschritte langfristig erreichbar.

    3 Wie prognostizieren Lehrerinnen und Lehrer die Zukunft ihrer Schülerinnen und Schüler mit mittelfristiger Zeitperspektive?

    Die Lehrerinnen und Lehrer wurden im Rahmen der Befragung gebeten, sich die Schülerinnen und Schüler ihrer Abschlussklassen zu vergegenwärtigen und einen Blick auf das Leben dieser jungen Menschen im Jahr 2012 zu wagen. Wie könnte dann die Lebenssituation der ehemaligen Schülerinnen und Schüler aussehen? In Tabelle 1 wird die Prognostik zukünftiger Lebenssituationen von Schulabgängerinnen und Schulabgängern der Schule für Lernbehinderte durch Lehrerinnen und Lehrer (N=43) dieses Schultyps dargestellt.

    Tab. 1: Prognostik zukünftiger Lebenssituationen von Schulabgängerinnen und Schulabgängern der Schule für Lernbehinderte durch Lehrerinnen und Lehrer (N=43) dieses Schultyps, Ergebnisse einer schriftlichen Befragung, Juni 2002 (Angaben in Prozent)

    Ich vermute: Diese Aussage wird zutreffen auf

    fast alle

    rund 75%

    rund 50%

    rund 25%

    nur wenige

    Unsere ehemaligen Schülerinnen und Schüler befinden sich von den materiellen Rahmenbedingungen her in zehn Jahren in einer zufrieden stellenden Lebenssituation. Sie gehen einer Erwerbstätigkeit nach und verfügen so über finanzielle Ressourcen, die ein von der Herkunftsfamilie unabhängiges Leben ermöglichen.

    11,6

    30,2

    58,1

    Unsere Schülerinnen und Schüler werden eine Berufsausbildung abgeschlossen haben.

    9,3

    27,9

    30,2

    32,6

    Unsere ehemaligen Schülerinnen und Schüler werden sich von den sozialen Rahmenbedingungen her in einer zufriedenen stellenden Lebenssituation befinden. Sie haben dann Lebenspartner gefunden, soziale Kontakte auch außerhalb der Familie, evt. eine eigene Familie gegründet.

    6,0

    27,9

    30,2

    27,9

    6,0

    Unsere ehemaligen Schülerinnen und Schüler werden in der Lage sein, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Sie haben auch zukünftig Interessen, Hobbys, sind evt. in Vereinen, Freizeitgruppen.

    13,9

    44,2

    41,9

    Die Ergebnisse der Befragung von Lehrerinnen und Lehrern nach den mittelfristigen Lebensperspektiven ihrer Schulabgängerinnen und Schulabgänger fügen sich zu einem Bild, das dem von den Schülerinnen und Schülern antizipierten widerspricht. 58 % der Lehrerinnen und Lehrer nehmen an, dass nur einzelne ihrer Schülerinnen und Schüler eine zufrieden stellende Lebenssituation auf der Basis von Erwerbstätigkeit erreichen werden. Die Chance, die zweite Schwellensituation zu bewältigen (von der Berufsausbildung in das Erwerbsleben), wird also eher pessimistisch bewertet, während die Chance, die erste Schwellensituation zu meistern (Erlangung eines Berufsabschlusses), etwas günstiger gesehen wird. Viele Lehrerinnen und Lehrer (74,4 %) meinen, dass die Erfolgsaussichten von Jungen und Mädchen unterschiedlich zu sehen sind. Von diesen Lehrkräften erwartet wiederum die Mehrheit (70 %), dass die jungen Männer die nachschulischen Schwellensituationen erfolgreicher meistern könnten als die ehemaligen Schülerinnen.

    Die Prognosen der Lehrerinnen und Lehrer zur nachschulischen Lebensperspektive sind nicht überraschend. Sie entsprechen genau dem theoretisch reflektierten Bild zur Lebenswelt von benachteiligten jungen Erwachsenen (z.B. HILLER 1989) und den Befunden aus Untersuchungen zu den nachschulischen Biographien von Absolventen der Sonderschule für Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen (z.B. ORTHMANN 2000 und 2001; HILLER/ FRIEDEMANN 1997; BURGERT 1998; FRIEDEMANN/ SCHROEDER 2000). Auch eine Studie zur Rekonstruktion nachschulischer Biographien von 20 Absolventinnen und Absolventen der Schule für Lernbehinderte in Sachsen-Anhalt (ELSNER 2002) zeigt deutlich die Situation von Maßnahmekarrieren mit einem hohen Maß an sozialen Risiken. Die Meisterung der zweiten Schwelle (Einstieg von der Berufsausbildung in ein Erwerbsleben) erweist sich für alle, auch für die als ‚motiviert’ und ‚flexibel’ bezeichneten jungen Erwachsenen, als problematisch und führt mehrheitlich in die Arbeitslosigkeit.

    4 Zusammenfassende Reflexion

    Die Ergebnisse der Befragung von Schülerinnen und Schülern an Schulen für Lernbehinderte in Sachsen-Anhalt zu ihren Zukunftswünschen und Vorstellungen (hier nur in Auszügen dargestellt) vermitteln insgesamt das Bild einer vorsichtig abwägenden, aber dennoch optimistischen Grundorientierung. Ein traditionelles Leben auf der Basis der Erwerbstätigkeit wird eindeutig präferiert.

    In der Lernbehindertenpädagogik wird zur Zeit diskutiert, ob sich lebensvorbereitende Zielstellungen der Lernbehindertenschule unter den heutigen Bedingungen des Arbeitsmarktes nicht stärker als Vorbereitung auf eine sinnvolle Freizeitnutzung in zu erwartenden Phasen der Arbeitslosigkeit konkretisieren sollten. Sinnvolle Freizeitnutzung kann z.B. durch Eingliederung in Vereine und ehrenamtliche Tätigkeit unterstützt werden. Eigenarbeit im Sinne von Selbstversorgung und Nachbarschaftshilfe kann zu der traditionellen Erwerbstätigeit als nebengeordnet betrachtet werden. Die Sinnhaftigkeit der einseitigen, tradierten Erwerbsorientierung wird in Frage gestellt (z.B. HILLER 1989; KRETSCHMANN 1999,184; STEIN 1999, 502).

    Festzustellen ist, dass diese Orientierung sich nicht deckt mit den subjektiven Zielsetzungen der von uns befragten Akteure. Sie sehen schwere Herausforderungen auf sich zu kommen und glauben zum Befragungszeitpunkt aber doch (noch) in der Mehrheit, dass sie auch Chancen haben. Erfüllung von Konsum wünschen und auch die Familienplanung werden in vielen der Aufsätze deutlich als abhängig von Einnahmen durch Erwerbstätigkeit antizipiert.

    Setzt man die auf die Zukunft der Schülerinnen und Schüler gerichteten Erwartungshaltungen der Lehrerinnen und Lehrer in Beziehung zu den subjektiv erlebten Perspektiven der Schülerinnen und Schüler ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Die Lehrerinnen und Lehrer wissen recht gut, dass ihre Neuntklässler eine Berufs- und Familienorientiertheit entwickelt haben. Diese Orientierungshaltung entspricht offensichtlich auch ihren erzieherischen Absichten. Gleichzeitig vermuten die Lehrerinnen und Lehrer aber auch, dass diese Antizipationen für einen Großteil ihrer Schüler nicht realistisch sind.

    Welche Auswirkungen hat die beschriebene Situation auf das Interaktionsgeschehen im Setting Sonderschule und welche Bedeutung hat dies wiederum für die Stabilisierung des Selbstwertgefühls, die Handlungswirksamkeit der Zielbildungen und die Orientierungssicherheit der Schülerinnen und Schüler? Werden den Heranwachsenden im „Schonraum“ der Sonderschule auf unterschiedlichen Ebenen widersprechende Botschaften vermittelt, die deren Selbstwertgefühl und Zielbindung eher verunsichern als fördern? Ist die beschriebene Situation auch nachweisbar, wenn Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen im Gemeinsamen Unterricht gefördert werden? Diese und ähnliche Fragen schärfen den Blick für die Komplexität der Problematik, die hinter der schlichten Aussage steht, dass Schule auch auf das Leben nach der Schulzeit vorbereiten soll. Gleichzeitig verweisen die offenen Fragen auf ein noch wenig bearbeitetes Forschungsfeld.

    Literatur

    BURGERT, MICHAEL: Trotz Berufsausbildung chancenlos? Berufliche Ausbildungs- und Beschäftigungschancen benachteiligter Jugendlicher. In: ANGERHOEFER UTE & DITTMANN, WERNER (Hrsg.): Lernbehindertenpädagogik: Eine institutionalisierte Pädagogik im Wandel. Neuwied 1998,146-179

    DEUTSCHE SHELL (Hrsg.): Jugend 2000. 13. Shell-Jugendstudie. Opladen 2000

    ELSNER, NORA: Einmündung der Schülerinnen und Schüler der Lernbehindertenschule in das berufliche Leben. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2002 (unveröffentlicht)

    FRJEDEMANN, HANS JOACHIM & SCHROEDER, JOACHIM: Von der Schule... ins Abseits? Untersuchungen zur beruflichen Eingliederung benachteiligter Jugendlicher – Wege aus der Ausbildungskrise. Langenau-Ulm 2000

    FRITSCHE, YVONNE & MÜNCHMEIER, RICHARD: Mädchen und Jungen. In: DEUTSCHE SHELL (Hrsg ): Jugend 2000. Bd.l. Opladen 2000, 343-348

    HILLER, GOTTFRIED GERHARD & FRIEDEMANN, HANS JOACHIM: Plädoyer für eine sonderpädagogische Erwachsenenbildung für junge Menschen in erschwerten Lebenslagen. In: GEW-Hauptvorstand (Hrsg.): Benachteiligte und Berufsausbildung. Frankfurt (Main) 1997,33-68

    HILLER, GOTTFRIED GERHARD: Ausbruch aus dem Bildungskeller. Langenau-Ulm 1989

    KRETSCHMANN, RUDOLF: Lernbehindertenpädagogik 2000. In: SCHMETZ, DITMAR/ WACHTEL, PETER (Hrsg): Entwicklungen, Standpunkte, Perspektiven. Sonderpädagogischer Kongress 1998. Materialien. Würzburg 1999

    LINDMEIER, CHRISTIAN: Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich des Lernens und Möglichkeiten ihrer Vorbereitung auf Arbeit und Leben in der nachindustriellen Gesellschaft. In: ZfH 50 (1999) 5,234-239

    ORTHMANN, DAGMAR: Nachschulische Lebensperspektiven lernbehinderter Mädchen – Anmerkungen zum aktuellen Forschungsstand. In: ZfH 51 (2000) 3,108-114

    ORTHMANN, DAGMAR: Berufliche Eingliederungsprozesse bei Jugendlichen mit Lernbehinderung In: ZfH 52 (2001) 10, 398 - 404

    SILBEREISEN, RAINER K./ VASKOVICS, LASZLO A/ ZINNECKER, JÜRGEN (Hrsg ): Jungsein in Deutschland. Jugendliche und junge Erwachsene 1991 und 1996. Opladen 1996

    STEIN, ROLAND: Lernbeeinträchtigte nach der Schule: Arbeit oder Sozialhilfe? Erfahrungen aus der Berufsausbildung ehemaliger Sonderschüler. In: ZfH 46 (1995) 11, 505-518

    STEIN, ROLAND: Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen unter besonderer Berücksichtigung des Berufsbezugs. In: ZfH 50 (1999) 11, 502-510

    WOCKEN, HANS: Am Rande der Normalität: Untersuchungen zum Selbst- und Gesellschaftsbild von Sonderschülern. Heidelberg 1983

    ZINNECKER, JÜRGEN u.a.: Null Zoff & voll busy. Die erste Jugendgeneration des neuen Jahrhunderts. Opladen 2002

    Quelle

    Ute Geiling: Nachschulische Perspektiven aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern und von Lehrerinnen und Lehrern der Schule für Lernbehinderte

    Erschienen in: Schnell, Irmtraud [Hrsg.]; Sander, Alfred [Hrsg.]: Inklusive Pädagogik. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn 2004.

    bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 20.06.2018

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