Sind wir im Bezirk Reutte auf dem Weg zu einer gemeinsamen Schule für alle Kinder?

AutorIn: Norbert Syrow
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Referat am 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein". Veranstaltungszeitraum: 6. - 8. Juni 1996 in Innsbruck. Veranstalter: "Tafie - Tiroler Arbeitskreis für integrative Erziehung" in Zusammenarbeit mit der "Tiroler Vereinigung zugunsten behinderter Kinder" und dem "Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck".
Copyright: © Norbert Syrow 1996

Sind wir im Bezirk Reutte auf dem Weg zu einer gemeinsamen Schule für alle Kinder?

In meinen Ausführungen möchte ich nicht nur die bisherigen Integrationsbemühungen in unserem Schulbezirk Reutte darstellen, sondern gleichzeitig damit versuchen, auch einige konkrete Erfahrungen aus der alltäglichen Unterrichtspraxis aufzuzeigen.

Wo stehen wir nach über 10 Jahren Schulversuch bzw. nach nun drei Schuljahren gesetzlicher

Regelung der schulischen Integration?

Befinden wir uns heute wirklich auf dem Weg zu einer kindgerechten, demokratischen und damit humanen Schule, oder ist nicht doch zu befürchten, daß künftig vielleicht verstärkt im Rahmen der unser öffentliches Leben weiterhin beherrschenden Wertehierarchie unter dem schulorganisatorischen Etikett "Integration" vielfach auch nur z.B. ein zielgleiches Leistungsfördersystem für sogenannte schwache SchülerInnen in Regelklassen der Allgemeinen Schulen unter der Voraussetzung der Kostenneutralität administriert wird? (vgl.Urs Haeberlin)

Die Liste an offenen Fragen bezüglich der Integrationsentwicklung ließe sich sicherlich noch sehr lange fortsetzen.

Ich hoffe vor allem aber, daß sich die lange Geschichte des Mißbrauchs von Visionen humaner Pädagogik im öffentlichen Schulwesen durch die Einrichtung der sogenannten "Sonderpädago-gischen Zentren" an der Institution Sonderschule nicht noch fortsetzt! (vgl. Hans Wocken)

Auf dem Weg zum Ziel einer gemeinsamen Schule für alle Kinder, auf dem ich nach über zehnjährigen Bemühungen und Erfahrungen in den damit verbundenen Reformbestrebungen die Spann-ungen zwischen Vision und Realität überaus deutlich erleben konnte, fällt es mir heute mitunter recht schwer, noch auf das wünschbar Bessere zu hoffen, nämlich auf ein Leben und damit verbunden auf einen Kindergarten bzw. eine Schule, in denen kein Mensch, kein Kind auf dem langen Weg der Menschwerdung durch Erziehung als "nicht integrierbar" zurückgelassen wird. Denn dies würde bedeuten, wie es Udo Sierck ausdrückt, diesem Menschen bzw. diesem Kind nicht nur das Menschsein abzusprechen, sondern zudem auch die große Gefahr, "von dieser möglichen Entscheidung der Pädagogen zu Beginn der Schulzeit die Rechtfertigung für einige Mediziner oder Philosophen abzuleiten, einem Menschen bzw. einem Kind bereits am Beginn seines Lebens das Recht auf Leben abzusprechen".

Um aber am Beginn einer derartigen Veranstaltung nicht allzu pessimistisch zu sein, möchte ich Ihnen zunächst die schulische Integrationssituation unseres Bezirkes Reutte darstellen.

Persönlich bemühe ich mich in meiner täglichen schulischen Arbeit dabei, die Richtung eines Weges beizubehalten, der sich nicht nur auf das Leitbild des in der Menschenrechtskonvention festgeschriebenen Rechtes auf Nichtaussonderung und das Recht auf ein gemeinsames Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen bezieht, sondern sich auch am Bekenntnis einer "nichtaussondernden Pädagogik der Vielfalt" orientiert (Prengel, 1992).

Alle Kinder - ohne Ausnahme - werden integriert:

Im Bezirk Reutte wurden mit der Einrichtung der zweiten Integrationsklasse innerhalb Österreichs im Schuljahr 1985/86 durch Eltern, LehrerInnen und in späterer Folge der regionalen Bezirksschulbehörde bereits frühzeitig Veränderungen bzgl. der vorschulischen und schulischen Förderung von Kindern mit besonderem Förderbedarf angestrebt und bis zum heutigen Zeitpunkt, zwar noch mit unterschiedlichem Erfolg, auch umgesetzt.

Ab dem Schuljahr 85/86 kamen mit einer Ausnahme keine Kinder mehr an die vormals vierklassige Sonderschule Reutte. Eine große Anzahl von Kindern konnte zudem im Laufe der folgenden Jahre von der Sonderschule an die entsprechenden Volks- und Hauptschulen zurückgeführt werden, sodaß jetzt im Schuljahr 1995/96 nur mehr fünf Kinder im bereits letzten Schulbesuchsjahr die Sonderschule Reutte - es ist zudem die einzige Sonderschule im Bezirk - besuchen. Auch ein privater Sonderkindergarten wurde mangels Kindern schon vor Jahren geschlossen.

Heute, nach über zehn Jahren intensivster Integrationsbemühungen in unserem Bezirk, sind die gemeinsame Erziehung und der gemeinsame Unterricht aller Kinder im Kindergartenbereich und im Grundschulbereich mit sehr wenigen Ausnahmen in einem hohen Maß zur Selbstverständlichkeit geworden. Probleme bestehen derzeit sicherlich noch im Bereich der Hauptschule und der AHS. Da an der Hauptschule mit dem integrativen Unterricht u.a. die Auflösung der drei Leistungsgruppen verbunden sein muß, wird dies schon aus diesem Grund eine völlig neue Umstrukturierung innerhalb dieser Schulart erforderlich machen.

Konkret werden in diesem Schuljahr 1995/96 im Bezirk Reutte insgesamt 46 Kinder mit "sonder-pädagogischem Förderbedarf" in 24 Klassen unterrichtet. Es sind dies 12 Volksschulen mit 17 Klassen und 4 Hauptschulen bzw. ein Polytechnischer Lehrgang mit insgesamt 7 Klassen.

Alle Integrationsklassen werden dabei nur nach den Modell einer "Integrationsklasse" bzw. "Stütz-lehrerklasse" geführt.

Das Sonderpädagogische Zentrum Reutte:

Im Schuljahr 1994/95 erhielt auch die derzeit noch bestehende Sonderschule Reutte- zwar nicht ohne Schwierigkeiten - den zusätzlichen gesetzlichen Auftrag eines Sonderpädagogischen Zentrums.

Im Kontext des schon einleitend genannten Leitbildes der Menschenrechtskonvention bestimmen u.a. folgende Grundsätze (Eberwein, 1994) die Arbeit bzw. das Selbstverständnis des Sonderpädagogischen Zentrums Reutte:

"Wenn es normal ist, verschieden zu sein, - unter diesem Motto steht ja auch das diesjährige Integrationssymposium - wenn also die Vielfalt als Normalität angesehen wird, dann brauchen wir bestimmte Menschen nicht mehr auszusondern und dann bedarf es auch keiner als besonders bezeichneten Pädagogik mehr. Wenn zudem jedes Kind aufgrund seiner Einmaligkeit einen besonderen Förderbedarf hat, und insofern jeder Förderbedarf ein anderer ist, dann ist auch die Frage nach sonderpädagogischem Förderbedarf müßig. Wir sind ohnehin nicht in der Lage zu sagen, was regulärer und was zusätzlicher Förderbedarf ist" (ders.).

Als Konsequenz, die sich aus diesen Überlegungen für das veränderte Selbstverständnis der Pädagogik allgemein und der Sonderpädagogik speziell ergibt, sollten meiner Ansicht nach diese "Sonderpädagogischen Zentren" nicht nur losgelöst werden von der Institution Sonderschule, sondern auch in ihrer Namensgebung z.B. als "Schulpädagogische Zentren" bezeichnet und eingerichtet werden.

Ich möchte die derzeitigen Sonderpädagogischen Zentren in unserem Land aber noch deutlicher in Frage stellen:

Solange nämlich Sonderpädagogische Zentren sich als Einrichtungen verstehen, an denen - aus welchen Gründen immer - Kinder und Jugendliche dauerhaft verbleiben, -es sind bestehende Sonderschulen - eröffnet sich die Gefahr, daß bei behinderten Kindern zwangsläufig zwischen integrierbaren und nicht integrierbaren Kindern bzw. Jugendlichen unterschieden wird.

Hans Wocken folgert in seinem Aufsatz "Weiterentwicklung" von Sonderschulen zu sogenannten "Förderzentren" u.a. daraus:

"Sonderpädagogische Zentren produzieren in der Folge die Restschule mit nicht-integrierbaren Schülern, also genau jenes Übel, das der Integrativen Pädagogik als vermeintlichem Verursacher anklagend zum Vorwurf gemacht wird". Und er sagt weiter: "Für die Geschichtsschreibung der Sonderpädagogik kann schon jetzt vorgemerkt werden, daß die Sonderpädagogischen Zentren die Rede von nicht-integrierbaren, stationsbedürftigen behinderten Schülern in die Welt gesetzt haben. Sonderpädagogische Zentren sind Monumente des unheilvollen Satzes: "Es gibt nicht integrationsfähige Schüler!"

In den vergangenen Jahren versuchten wir in unserem Bezirk - mit "wir" meine ich Eltern, einige Lehrpersonen, aber vor allem auch einen Bezirksschulinspektor, der nach anfänglicher Skepsis die Integration behinderter Kinder öffentlich als "einen Schritt auf dem Weg in das Glück" für diese Kinder (Kleiner, 1994) bezeichnete - die Integration und ihre fundamentalen Eckpfeiler an Rahmenbedingungen mitunter auch gegen die unterschiedlichsten Widerstände einiger Bildungspolitiker und Schulbeamte des Landes entsprechend abzusichern.

Einige der wichtigsten Rahmenbedingungen, die zumindest derzeit fester Bestandteil der Integrationsbemühungen im Bezirk Reutte sind, möchte ich in fünf Punkten kurz zusammenfassen.

1. Alle Kinder mit einer Behinderung, gleich welcher Art oder Schwere ihre Beeinträchtigung ist, besuchen einen Regelkindergarten und eine gemeinsame Schule für alle!

Damit ist eindeutig die Aussage verbunden: Integration ist unteilbar! Es gibt keine

nicht integrierbaren Kinder!

2. Alle Kinder mit einer Beeinträchtigung besuchen ihren wohnortnahen Kindergarten bzw. ihre wohnortnahe Sprengelschule!

Damit möchte ich die Aussage verbinden, daß kein Kind im Bezirk Reutte eine Schule

außerhalb seiner zuständigen Wohnortschule bzw. seiner zuständigen Sprengelschule besucht!

3. Keine Neuaufnahme von Kindern an der Sonderschule Reutte!

Es zeigt sich, daß Eltern eines behinderten Kindes bei Gewährleistung einer Förderung ihres Kindes, die zumindest dem Standard eines Sonderkindergartens oder eine Sonderschule bzw. einer dem behinderten Kind entsprechenden Sonderinstitution entspricht, sich für eine Förderung an der Regelschule entscheiden.

4. Lehrerfort- und -weiterbildung:

Ich möchte dazu Georg Feuser (1995) aus seinem neuen Buch "Behinderte Kinder und

Jugendliche - zwischen Integration und Aussonderung" zitieren, er schreibt u.a.:

"Pädagogen haben, wenn sie Neuland betreten, auch das Recht, zu irren, wenn sie verantwortlich handeln. Das ist kein Grund, ein Kind nicht in einen integrativen Kindergarten oder eine Integrationsklasse zu geben. Nur Kinder, Schüler und Pädagogen können gemeinsam - in Zusammenarbeit mit den Eltern - Integration entwickeln. Hier und jetzt - und das vor allem an die Eltern gerichtet - halte ich für die Realisierung der Integration auf allen Ebenen der Erziehung, der Bildung und des Unterrichts die Fort- und Weiterbildung der Pädagogen an erster Stelle für erforderlich".

In Zusammenhang mit der Lehrerfort- und weiterbildung führen wir in unserem Bezirk in Zusammenarbeit mit dem Pädagogischen Institut, dem Amt der Landesregierung, der Elternvereinigung "Integration Österreich" und der regionalen Einrichtung einer Lernwerkstatt seit Herbst 1995 einen über drei Semester laufenden Ausbildungslehrgang mit dem Titel "LehrerIn für integrativen Unterricht" durch. Zielgruppe sind alle Personen, die in Integrationsklassen die Kinder ein Stück des Lebensweges begleiten, wobei die Integrationspraxis immer wieder deutlich macht, daß auch bzgl. des pädagogischen Personals mitunter eine besondere Flexibilität erforderlich ist.

Ca. 40 KollegInnen, fast alle ausschließlich aus dem Bezirk Reutte, nehmen an diesem Lehrgang teil!

Ich denke, durch die Praxis auch immer wieder belegt: Den Brennpunkt integrativer Pädagogik stellt eine noch immer unzureichende bis völlig fehlende integrationspädagogische Lehrerausbildung dar!

Eine Reform der Lehrerausbildung ist ein Gebot der Stunde, denn zuviele offene Fragen in diesem Zusammenhang harren einer längst überfälligen Bearbeitung!

Die Bedeutung der Lernwerkstatt:

"Pädagogisches Personal muß die Chance haben, die Ghettos in ihren eigenen Köpfen zu beseitigen. Dabei geht es um die Beschäftigung mit dem eigenen Welt- und Menschenbild ebenso, wie mit den auf diesem Hintergrund basierenden neuro-, entwicklungs- und lernpsychologischen und entwicklungsdiagnostischen Grundlagen und darauf wiederum bezogen um didaktische Grundfragen und um die Fähigkeit, effizient im Team zu arbeiten", so Georg Feuser.

Die Lernwerkstatt in den inzwischen frei gewordenen Klassen- und Unterrichtsräumen der Sonderschule unseres Bezirkes bildet dazu in Kooperation mit dem Sonderpädagogischen Zentrum den in Integrationsklassen arbeitenden LehrerInnen und allen daran interessierten Personen u.a. vor allem eine Möglichkeit zu versuchen, in Eigentätigkeit Formen des Offenen Unterricht, des Projektunterrichts selbst an sich zu erfahren, um dadurch ev.die zuvor genannten Ghettos in den eigenen Köpfen zu durchbrechen.

Weitere Rahmenbedingungen:

Unter dem Stichwort "Rahmenbedingungen" möchte ich noch auf einige für mich unabdingbare Aspekte integrativer Pädagogik bzw. auch auf deren derzeit realisierbare Umsetzung in unserem Bezirk verweisen.

Auf die Unteilbarkeit von Integration und das Prinzip der Wohnortnähe für jedes Kind habe ich schon zuvor hingewiesen.

Konzepte, die sich an der Entwicklung eines Menschen bzw. eines Kindes orientieren und nicht an seinen Defiziten, müssen die Leitprinzipien unseres pädagogischen Handelns sein:

Soll integrativer Unterricht erfolgreich sein, ist nicht nur eine gelingende "Kooperation" aller am Erziehungs- und Bildungsprozeß beteiligten Personen Voraussetzung, sondern auch die entsprechende Aneignung entwicklungsdiagnostischer Kompetenzen. Damit verbunden sind aber auch Kompetenzen, diese Erkenntnisse didaktisch auf die Lernsituation jedes einzelnen Kindes zu übertragen.

Daß zur didaktischen Umsetzung u.a. eine ausreichende zur Verfügungstellung von zusätzlichen LehrerInnenstunden gegeben sein muß, erachte ich in diesem Zusammenhang für eine Selbstverständlichkeit. Nach den gesetzlichen Vorgaben und dem daraus für den Bezirk resultierenden Stundenkontingent für den sonderpädagogischen Bereich konnten an allen Integrationsstandorten weitestgehend ausreichend zusätzliche Stunden zugeteilt werden. Es ist dies sicherlich auch zusätzlich damit zu begründen, daß wir im Bezirk Reutte prozentuell zur Gesamtschülerzahl, im Vergleich zum Tiroler Landesdurchschnitt, die wohl niedrigste Anzahl von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben.

Prinzip des Kompetenztransfers und die Vernetzung pädagogischer Kompetenzen:

Das Prinzip der gleichberechtigten Kooperation aller Lehrkräfte in einer Integrationsklasse, vornehmlich der gleichberechtigten Teamarbeit von Regel-, Sonder- oder StützlehrerIn, stellt zwar ein Grundprinzip integrativer Pädagogik dar, ist aber für einzelne LehrerInnen in unserem Bezirk mitunter doch noch ein mitunter mühsamer und beschwerlicher Lern- bzw. Umstellungsprozeß. Ich denke aber, daß diese Phasen der Umorientierung und auch der Selbsterfahrung legitim sind, ebenso wie die Bemühungen, den herkömmlichen Frontalunterricht durch kindgerechten Unterricht, das sind Formen des z.B. Offenen oder Projektunterrichts, abzulösen.

Zwei wichtige Erkenntnisse aus der Praxisarbeit im Bezirk gilt es aber noch hervorzuheben:

1. Allgemeine integrative Pädagogik läßt sich nicht realisieren, solange Kinder in einer Klasse nicht ohne in Kooperation zueinander nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet werden. Integration im pädagogischen Sinn erfolgt erst, so wie es Georg Feuser ausdrückt, wenn "Schüler und Lehrer sich als ein Kollektiv, deren Arbeit im Lernen und deren Produkte in der Erweiterung ihrer Erkenntnisse und ihres Wissenshorizontes auf der Basis der Kooperation an einem "gemeinsamen Gegenstand" begreifen" (Feuser, 19995, S. 193).

2. Immer wieder müssen wir LehrerInnen uns in der alltäglichen Praxis eingestehen, daß wir letztlich nur einen Bruchteil von dem Wissen besitzen, das heute erforderlich ist, um Kinder auf dem Weg ihrer Entwicklung pädagogisch entsprechend kompetent zu begleiten bzw. zu unterstützen. Besonders der Unterricht in einer Integrationsklasse erfordert mitunter ein weit höheres Maß an Flexibilität bezüglich Unterrichtszeiten, Unterrichtsorten, aber auch in der Auswahl der Unterrichtsinhalte, die gemeinsam bearbeitet, gelöst oder beantwortet werden sollen.

Durch die Integration z.B. eines gehörlosen, eines blinden nicht sprechenden Mädchens, aber auch durch die Integration von Kindern mit schweren bis schwersten Kommunikationsbeeinträchtigungen haben wir u.a. lernen müssen, uns immer wieder entsprechend professionell verantwortungsvoll nicht nur auf neue und mitunter unbekannte pädagogische Wege einzulassen, sondern auch unsere eigene Kompetenz um das nötige Wissen zu erweitern.

Dies machte es z.B. ganz konkret für uns erforderlich, uns dieses Wissen - da im eigen Land nicht verfügbar - auch durch entsprechende Fachleute aus dem Ausland zu holen.

Bereitstellung entsprechender Lehr- und Unterrichtsmaterialien:

Die Bereitstellung notwendiger Lehr- und Unterrichtsmaterialien bzw. der Kosten für personelle Fachunterstützungen ist derzeit z.T. noch völlig unzureichend.

Einerseits, so habe ich den Eindruck, bereitet es wohl einigen SchulleiterInnen noch immer erhebliche Probleme, sich dafür entsprechend nachhaltig bzw. engagiert - wohl vielfach mangels Überzeugung von der Richtigkeit des gemeinsamen Unterrichts - bei den Gemeinden, also den Schulerhaltern, einzusetzen, anderseits müssen aber auch die Gemeinden verstärkt darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie zunächst einmal für ein Kind mit einer speziellen Förderung aus ihrer Gemeinde auch die entsprechende Mitverantwortung tragen.

Im Zusammenhang mit den Kosten noch eine Anmerkung:

Die angebliche Unfinanzierbarkeit der Integration , weil zu teuer, ist ja vielfach das "Totschlag-argument Nr. 1" gegen den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. So ist u.a. auch in einer durch den Landesschulrat von Tirol im April dieses Jahres aufgelegten Informationsbroschüre zu lesen: "Dieser Aufgabe - nämlich der Integration - kann in den meisten Fällen in Ballungsräumen leichter entsprochen werden. In dünnbesiedelten ländlichen Gebieten treten jedoch immer wieder verschiedenste Schwierigkeiten auf, die einer dem neuesten Stand der sonderpädagogischen Erkenntnisse entsprechenden bestmöglichen Erziehung eines behinderten Kindes entgegenstehen. In solchen Fällen - überdies, weil eine Konzentration aus Gründen einer besseren Finanzierbarkeit angebracht sein kann - kommt eine Spezialisierung oder Sonderausstattung einzelner und nicht aller Volksschulen in Betracht".

Um die Haltlosigkeit bzgl. der finanziellen Argumentation zu belegen, haben wir für den Bezirk die drei derzeit möglichen Varianten sonderpädagogischer Unterrichtung nach den konkreten Schülerzahlen und auch den Behinderungsarten der betroffenen Kinder berechnet. Berücksichtigen wir dabei z.B. Personalkosten,Schulerhaltungskosten, Heimkosten, Fahrtkosten u.a., so ist das derzeitige Paralellsystem von Sonderschule und Integration die eindeutig teuerste Variante. Die zweitteuerste Situation ergäbe sich, wenn alle behinderten Kinder je nach ihrer Behinderung die Sonderschule in Reutte bzw. eine ihrer Behinderungsart entsprechende Landessonderinstitution besuchen würden.

Die kostengünstigste Situation ergibt sich gesamtwirtschaftlich gesehen eindeutig durch die Integration. Dies bedeutet allerdings die Auflösung der Sonderinstitutionen, und somit besuchen alle Kinder ihre wohnortnahe Regelschule.

Ich komme zum Schluß:

Auch wenn wir derzeit im Bezirk Reutte auf den ersten Blick hin bislang eine schulische Integrationssituation erreicht haben, die zumindest aus meiner Sicht in ihren Grundprinzipien nicht völlig in eine falsche Richtung weist, müssen wir leider unablässig die Erfahrung machen, daß das öffentliche Schulsystem als Teil unseres gesellschaftlichen Systems bürokratisch verwaltet, einheitlich reglementiert, strukturiert und auch kontrolliert den Weg zum Ziel einer demokratischen bzw. humanen, kindgerechten Schule anscheinend nicht wirklich ernsthaft will. "Denn Lehrkräfte, die ihrer pädagogischen Arbeit ein entwicklungsorientiertes Konzept zugrundelegen, müssen dieses in der Regel gegen die Logik des Schulsystems, gegen die Dogmatik der Fachdisziplin, gegen alltägliche Sprach- und Denkgewohnheiten, gegen eigene Erfahrungen und Handlungsmuster durchsetzen. Erforderlich wird dadurch aber ein widerständiges Denken und Handeln, um Herrschaftsansprüche und die damit verbundenen Einengungen von Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu durchschauen. In dieser Zielsetzung verbindet sich zudem das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit mit der Idee einer von Unmenschlichkeit befreiten Menschheit.

Wer dieses Ziel anstrebt, so Heydorn (1979), der begibt sich auf den Weg einer humanen Bildung." (vgl. Kornmann, 1996)

Literatur

Eberwein, H.: Konsequenzen des gemeinsamen Lernens behinderter und nichtbehinderter Kinder für das Selbst-verständnis der Sonderpädagogik und der Förderschulen.

Feuser, G. (1995): Behinderte Kinder und Jugendliche: zwischen Integration und Aussonderung. Darmstadt: Wiss. Buchges.

Haeberlin, U. (1992) Ängste und Hoffnungen bezüglich der Integrationsentwicklung. In: Lersch/vernooij (Hrsg.) Behinderte Kinder und Jugendliche in der Schule: Herausforderungen an Schul- und Sonderpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Heydorn, H.-J. (1979): Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Bildungstheoretische Schriften Bd. 2. Frankfurt: Syndikat.

Heyer, P. (1994): Soll Integration Ausnahme bleiben oder Normalität werden? In: Zeitschrift "Gemeinsam leben" 2, Neuwied: Luchterhand.

Kornmann, R. (1995) Der Widerspruch zwischen Entwicklungsorientierung und Defizitorientierung - ein Bildungsinhalt für Lehrkräfte an Sonderschulen. In: Sonder-pädagogische Impulse: Lehrer und Institutionen, Band 1. Köln: Dürr+Kessler.

Landesschulrat für Tirol (1996) Grundinformationen über schulische Eingliederungshilfen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. In: Pädagogische Brennpunkte, Stück IV - Nr. 84.

Wocken, H.(1995): Zukunft der Sonderpädagogik. In: Zeitschrift "Gemeinsam leben" 3, Neuwied: Luchterhand.

Quelle:

Norbert Syrow: Sind wir im Bezirk Reutte auf dem Weg zu einer gemeinsamen Schule für alle Kinder?

Referat am: 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein", Innsbruck, 6.-8. Juni 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.05.2008

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