Paulo Freire - ein Nachruf

AutorIn: Peter Stöger
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: erziehung heute e.h. Heft 2, 1997 Studien Verlag, Innsbruck. BIDOK veröffentlicht diesen Text in der Erinnerung an Paulo Freire. Sein Werk ist im besonderen Maße geprägt durch einen vertieften Dialogansatz. Er hat sich mit dem Alltagsleben von (erwachsenen) SchülerInnen und mit den für sie relevanten Dingen befaßt. Seine revolutionären Schriften gehören zu den Grundlagen einer Allgemeinen (integrativen) Pädagogik. (RB 19. Feb. 1998). (Zwischenüberschriften eingefügt von BIDOK)
Copyright: © Peter Stöger 1997

Inhaltsverzeichnis

Sein Leben

Am 2. Mai 1997 verstarb der bekannteste Pädagoge der "Dritten Welt", der brasilianische Pädagoge Paulo Freire, Vater der "Pädagogik der Unterdrückten". Er wurde am 19 September 1921 in Recife geboren und studierte Jus und Philosophie. In der Schule, so erzählte er, haperte es beim "1 x 1", auch die Hauptstadt Englands wollte nicht in den Kopf. "Ich kannte aber die Geographie des Hungers". Der Kind galt als "geistig zurückgeblieben". Die Wahrheit: Paulo war unterernährt (s. W. Schweiger, 1997, S. 11). Von seinem Vater lernt er Lesen und Schreiben. Er malte dem Kind die Buchstaben in den Meeresand ... Als es seiner Familie wirtschaftlich besser ging, stiegen auch die Schulleistungen. Elfjährig legte er das "Gelübde" ab, sein Leben dem Kampf gegen den Hunger zu widmen.

Die Tätigkeit als Rechtsanwalt gab er nach einem Jahr auf, als er entdeckte, "daß das Recht, das er studiert hatte, das Rechte der Eigentümer gegen die Habenichtse war" (E. Lange, in P. Freire, 1973, S. 10). Auf Grund seines Studiums war er dazu berechtigt, auch den Beruf eines Sekundarschullehrers auszuüben und so wurde er Lehrer. Er machte dabei wertvolle Erfahrungen mit Arbeiterkindern, berief Elternabende ein und organisierte auch Hausbesuche bei den Familien der Kinder. Die Erkenntnis dessen was die soziale Lage wirklich ist, die Erfahrungen mit den Eltern, die erwachsenenbildnerischen Aktivitäten schärften sein Bewußtsein der Umwelt und vertieften die Einsicht, daß der Lehrer in erster Linie vom Volk lernen müsse. Er erkannte die Notwendigkeit der Anschaulichkeit, immer von praktischen Beispielen auszugehen. Dies wurde zum Leitfaden der beginnenden Alphabetisierungsprogramme. Mit Eliza, seiner Frau, diskutierte er all die erziehungswissenschaftlichen Probleme seines Schaffens. (Sie starb anfangs der achtziger Jahre. Das Ehepaar hat fünf Kinder. Nach ihrem Tode hat Freire nochmals geheiratet.) 1947 initiierte er Alphabetisierungskurse in Slums und Landarbeitersiedlungen. Mit Studenten und Freunden entwickelte er die "Bewegung für Volkserziehung", die nun mit Materialien arbeitete, die unmittelbaren auf die Lebensbedürfnisse der Teilnehmer abgestimmt waren.

1955 begann Freire seine Lehrtätigkeit an der "Escola de Belas Artes" der Universität Recife. Sehr fruchtbar gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der "Katholischen Universitätsjugend". Sie setzte sich für die Rechte der Bewohner in den Elendsvierteln, ein. In vielen Arbeitszirkeln wurde über die schreienden sozialen Probleme des Landes diskutiert. (Das pädagogische Doktorat erwarb sich Freire 1959 mit einer Dissertation über den Unterricht von Erwachsenen und von Analphabeten.)

Die Situation zwischen 1960 und 1963 erlaubte die Gründung von Zirkeln zur Alphabetisierung. 1962 akzeptiert der Bürgermeister Recifes ein Erwachsenenalphabetisierungsprogramm. Damit begann die erste große Alphabetisierungskampagne. Bis 1964 bilden sich in ganz Brasilien Alphabetisierungsgruppen. Wäre die Alphabetisierungsarbeit nicht durch den Militärputsch 1964 gestoppt worden, so hätte sie in ca. 20.000 Kulturzirkeln 2 Mio. Erwachsene alphabetisiert, was 2 Mio. zusätzliche Wähler bedeutet hätte. Der Putsch war nicht zuletzt eine Folge der Angst vor einer solchen Entwicklung, da die Menschen lernten, "ihr Leben zu buchstabieren". Freire blieb nach dem Putsch in der Hauptstadt Brasilia bei einem Freund. Vorerst lehnte er es ab, bei einer Botschaft um Asyl anzusuchen. "Vielleicht war das naiv, aber ich dachte daran, die unzähligen Jugendlichen nicht zu enttäuschen, die ins Gefängnis gingen, weil sie sich auf die von mir entwickelte Pädagogik eingelassen hatten" (in: Freire/Betto, 1986, S. 55).

Freire ließ Zeit verstreichen und kehrte erst dann nach Recife zurück wo er auch prompt 75 Tage lang interniert wurde. Nach seiner Entlassung wurde er nach Rio geschickt und weiter verhört. Repression und die Verhaftung vieler Mitarbeiter bewogen ihn, dem Rat vieler nachzugeben und um Asyl anzusuchen. Er tat dies in der bolivianischen Botschaft. Dann ging Freire nach La Paz. Da es bald darauf auch hier einen Staatsstreich gab sah er sich gezwungen, weiter nach Chile zu emigrieren. Dort verfeinerte er seine Methoden und nahm er die Agenden eines UNESCO-Beauftragten wahr. 1969/70 folgten Vorlesungen an der Harvard-Universität und 1970 wechselte er als Berater für Bildungsfragen zum Ökumenischen Weltrat der Kirchen nach Genf (in Paris wurde Mitglied des UNESCO Konsultativkomitees für Alphabetisierung). Unübersehbar wird der Einfluß auf pädagogische Alternativgruppen und Dritte-Welt-Solidaritätsbewegungen, die die Schule als einen Ort (kaschierter) Ungleichheit, als einen Ort des Lernens von Abhängigkeit und Passivität, verändern wollen. Das Ehrendoktorat der Universität Löwen (eines von über zwanzig Ehrendoktoraten) nimmt Freire 1975 "für die Campesinos und Arbeiter von Pernambuco" an. Im Exil, der "geliehenen Realität" fühlte er freilich Heimweh "nach Menschen ..., den Gerüchen, den Farben..., dem lauwarmen Meer von Recife" (1981, S. 217f).

Mitte der siebziger Jahre begann er in ehemals portugiesischen Kolonien, so in Sao Tome und in Guinea Bissau, zu wirken. Nach sechzehn Jahren im Exil kehrte er am 2. Juli 1980, im Zuge einer "liberaleren" Situation, in seine Heimat zurück. Äußerer Anlaß war eine Einladung Kardinal Arns und die Möglichkeit, an der katholischen PUC und an der staatlichen UNICAMP (zwei Universitäten in Sao Paulo) zu lehren und in der Erzdiözese Sao Paulo mitzuarbeiten. Damals meinte er: "Ich kehre nicht heim ins Paradies, aber an meine eigentliche geschichtliche Quelle, ich kehre heim zu mir selber" (ebd., S. 219). Freire engagierte sich nun für die Arbeiterpartei. 1991 nahm er das Amt eines Sekretär im Erziehungskabinett seiner PT(Artbeiterpartei)-Freundin der Bürgermeisterin Luiza Erundina de Sousa in Sao Paulo an. Freilich, das Heimweh nach Recife, der großen, fernen Stadt, hat ihn auch im südlicheren Sao Paulo nicht verlassen.

Sein Werk

Freires Bücher sind in 18 Sprachen übersetzt. Die Bücher der letzten Lebensjahre, Pädagogik der Hoffnung (1994), "Im Schatten des Mangobaumes (1995) und "Pädagogik der Autonomie" (1997), sind eine Kritik des Neoliberalismus und ein Plädoyer für einen vertieften Dialogansatz.

Freires Methode ermutigt dazu, daß der Lehrer "Bekanntschaft mit sich selbst" zu knüpfen beginnt. Der Lehrer entchiffriert dabei sein behütetes Bild, seine mechanisch gewordenen Aktionsweisen und sorgfältig geübten Rollen. Er entdeckt sich, schrittweise, selbst als Lernender mit Lernenden, die auch ihn etwas lehren können (z.B. Fertigkeiten, Einsichten, Spontaneität, Herzlichkeit). Bildung erscheint nicht weiter als Einweg-, und Transfergeschehen, sondern als ein Prozeß. Bildung wird zu einem beidseitigen gemeinschaftlichem Angelegensein einer gemeinsamen Lebensgeschichte, die auch Freude bereitet.

Lernen war für ihn eine "Bewegung" hin zu Dialog und sozialer Verantwortlichkeit. Das setzt - in einem Akt des Mehr-und-Mehr-Bewußtwerdens - das Erkennen der tausend Abhängigkeiten voraus. Die Einsicht in die vielfältigen Querverbindungen strukturellen Unrechts braucht eine "Dechiffrierung" von Phänomenen der Wirklichkeit (z.B. der Gemeinde, der Ernährungsgrundlagen für Kleinkinder, der Abhängigketi vom Patron, usw.). Manche Wörter stellen einen "Code" neokolonialer Verhältnisse dar. Diesem be-wegenden Lernen steht eine völlig konträre Vorstellung entgegen, die, das Wissen als Deponie zu gebrauchen. Solche Deponien entsprechen einem Konzept, das von Freire als "Bankiers-Methode" karikiert wurde. Kognitive Güter, Wissenseinlagen sollen angehäuft und als Anlage verzinst werden. Der Lernende ist dabei nur mehr Rezipient, dem ettiketiertes Wissen verabreicht wird. Freire gebrauchte für solche Bildungs-Transferleistungen den Ausdruck "Extension". Werden Menschen für unwissend gehalten, so muß es "dafür jemanden geben, der sie dafür hält". Dieser "jemand" ist der Bildner, der "sein" Wissen einfach zu transferieren versucht. Freire nannte dieses Geschehen bezeichnenderweise auch "kulturelle Invasion".

Einmal schrieb er: "Dialog ist eine Ich-Du-Beziehung und daher notwendigerweise eine Beziehung zwischen zwei Subjekten. Jedesmal, wenn das Du in ein Objekt verwandelt wird, in ein Es also, wird der Dialog untergraben, und Erziehung wird zur Deformation" (1974 a, S. 70). Dieses Bewußt-werden erst kreiert den Dialog. So spricht er auch von "Lehrer-Schülern" beziehungsweise von "Lehrer-Schülern". Subjekt ist ja der Mensch in dem Maße, "als er sich für die wirklichkeitsverändernde Aktion engagiert und damit seine Wahl und seine Entscheidung trifft" (1974 b, S. 42). Demnach lernt in einem umfassenden Sinne nur der, der "Erfaßtes" umwandeln kann, auf seine eigene Situation anwenden kann und auf diese Weise Subjekt ist. Alle Formen der "kulturellen Invasion" sehen das Subjekt nur als "Erdulder" und als "Archivar" von Mitteilungen. Freire sah seine Methode als eine "Erziehung als Praxis der Freiheit", keiner abstrakten Freiheit, sondern einer Freiheit als "Befreiung".

Betrachtet man die Leben und Werk Paulo Freires, so zieht sich ein roter Faden durch: Erziehung kann niemals neutral sein! Es gibt es nur zwei Bildungsoptionen. Entweder ist Bildung ein Instrument zur Befreiung des Menschen von Marionettenschnüren (dann hilft sie ungerechte Strukturen aufzulösen) oder sie ist ein Instrument zur Domestizierung und Unterdrückung (dann hilft sie die bestehenden Unrechtsstrukturen verfestigen). Dies macht dann Freires Ausspruch zu seiner Methode der Benennung von Lebensumständen im Akte der Bewußtseinsbildung verständlich: "Es gibt kein wirkliches Wort, das nicht gleichzeitig Praxis wäre. Ein wirkliches Wort sagen heißt daher, die Welt verändern" (1973, S. 71). Die Veränderung muß dabei von den Betroffenen selbst kommen (der Lehrer kann es nicht für seine Schüler besser wissen).

Der Lehrer ist für Freire insofern auch ein Politiker als er sich in einer befreienden - ureigentlich dialogischen - Bildungsarbeit in einem Geschehen wiedererkennt, das Bildung als Herausforderung begreift, um eine gerechtere Umwelt verwirklichen zu helfen: "Wir können das Erziehungssystem weder erneuern noch von Grund auf verändern, ohne dabei das Gesellschaftssystem, in dem die Erziehung nur ein Subsystem ist, nicht auch zu verändern" (1980, S. 96). Diese politischen Provokationen brachten Vorwürfe. "Was mich bestürzt macht, ist zu hören und zu lesen, daß ich die Absicht verfolgt hätte, das Land mit meiner Methode zu bolschewieren. Mein tatsächliches Verbrechen war aber eher, daß ich Bildung als mehr denn ein mechanisches Problem behandelt und es mit der Conscientizacao (Bewußtseinsbildung, PS) verbunden habe, die 'gefährlich' war. Es lag darin, daß ich in der Erziehung eine Anstrengung zur Befreiung des Menschen gesehen habe und nicht ein weiteres Instrument zu seiner Unterdrückung" (1974 a, S. 76 FN 24). (Ob der Unklarheiten und einiger Mißbrauchsformen des Ausdruckes "Conscientizacao" hat Freire später diesen Ausdruck nicht mehr gebraucht.) Erst unter den Gesichtspunkt strukturellen Unrechtes wird der Befreiungscharakter seiner Pädagogik Freires verständlich. Daran hat sich in der Zeit von Globalisierungsfallen nichts geändert.

Es sind nun gute zwanzig Jahre her, daß Freires Ideen in Europa gezündet haben.

Vieles - auch in der pädagogischen Landschaft - hat sich geändert. Was bleibt von Freire?

Was bleibt, ist der grundsätzlich taugliche Ansatz, Phänomene der Wirklichkeiten in einem Bewußtseinsakt zu entchiffrieren. Für Interkulturelles Lernen ist das Arbeiten mit generativen Wörtern (Situationen, Bildelementen) besonders geboten. Was bleibt, ist die Sinnhaftigkeit, Bildung in ihren extensiven Dimensionen, das betrifft nicht nur einen Großbetrieb wie die Universität, kritisch zu befragen. Was bleibt, ist die Einsicht, Erziehung als politisches Instrument zu begreifen, ist eine kritische Sicht des Begriffes Entwicklung (in Hinsicht auf Entwicklungspolitik, Entwicklungspädagogik, Entwicklungspsychologie, die ihre Eurozentrik, nur schwer verbergen können). Was bleibt ist der Gedanke von Lehrer-Schülern und Schüler-Lehrern, die sich im Dialog, "in einer problemformulierenden Bildung", begegnen.

An der Aktualität einer Schlüsselaussage hat sich nichts geändert: "Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung" (in: Lange, 1973, S. 13). Freires Pädagogik ist nicht auf eine "Pädagogik der Unterdrückten" einzuengen, auf eine Pädagogik die die Unterdrücker ausklammert. Auch der Unterdrücker soll die Chance haben, sein Unterdrücktsein erkennen und wandeln zu lernen. In einer nächsten Stufe sah Freire seinen pädagogischen Ansatz auf einen "Prozeß permamenenter Befreiung" (s. W. Schweiger, 1997, S. 11) hin orientiert. Er meinte, daß uns das alle anginge.

Literatur

Freire Paulo (1970): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit, Reinbek bei Hamburg, 1973

Freire Paulo: Erziehung als Praxis der Freiheit, Stuttgart-Berlin, 1974 a (Kreuz-Verlag)

Freire Paulo: Pädagogik der Solidarität - für eine Entwicklungshilfe im Dialog, in: "Reihe friedenspolitische Konsequenzen", Bd. 2, hrsgg. von K. Lefringhausen, J. Rau u. H. G. Schmidt, Wuppertal, 1974 b (Hammer)

Freire Paulo: Erziehung als Praxis der Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Unterdrückten, Reinbek bei Hamburg, 1980 (1977) (Rowohlt)

Freire, Paulo: Der Lehrer ist Politiker und Künstler. Neue Texte zur befreienden Bildungsarbeit, Reinbek bei Hamburg, 1981 (Rowohlt)

Freire, Paulo/Betto Frei: Schule, die Leben heißt. Befreiungstheologie Konkret. Ein Gespräch, München, 1986 (Kösel)

Lange Ernst: Einführung, in: Freire P.: Pädagogik der Unterdrückten, a.a.O., 1973, S. 9 - 23

Schweiger Wolfgang: Paulo Freire (Nachruf), in: Lateinamerika anders (Wien), XII (1997), Nr. 5-97, S. 11

Ao. Univ.Prof. Peter Stöger unterrichtet Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck und an der Pädagogischen Akademie in Stams/Tirol.

Quelle:

Peter Stöger: Paulo Freire - ein Nachruf

Erschienen in: erziehung heute e.h. Heft 2, 1997 Studien Verlag, Innsbruck

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.05.2005

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