Evaluierung "Jugendcoaching" - Endbericht

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Studie im Auftrag des BMASK; Durchgeführt durch das Institut für Höhere Studien - Institute for Advanced Studies
Copyright: © Institut für Höhere Studien - Institute for Advanced Studies 2013

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Der hier vorliegende Bericht stellt die Ergebnisse der Evaluierung der Pilotphase des 2012 eingeführten Jugendcoaching dar. Mit dem Jugendcoaching wird von Seiten des BMASK eine Strategie eingeschlagen, um Jugendliche unter 19 Jahren möglichst im Bildungs- bzw. Ausbildungssystem zu halten oder systemferne Jugendliche in diese Systeme zu reintegrieren. Das Programm wird seit dem 1. Jänner 2012 in den beiden Bundesländern Wien und Steiermark, auf die sich die Evaluation konzentriert, umgesetzt. Ein schrittweiser bundesweiter Ausbau ist geplant.

Das Ziel der Evaluierung war, die Pilotphase wissenschaftlich zu begleiten, auftretende Probleme bei der Umsetzung in den beiden Bundesländern zu identifizieren und Vorschläge für eine möglichst reibungslose Vollimplementierung in ganz Österreich zu erarbeiten. Die Evaluierung startete mit Jahresbeginn und die letzten Erhebungen erfolgten während des Sommers. Noch während dieser Phase wurden von Seiten des BMASK einige Adaptierungen im Konzept vorgenommen. Nachdem die meisten Erhebungen noch vor diesen Adaptierungen erfolgten, sind einige Aspekte somit nicht mehr aktuell. Wenn dies der Fall ist, wird im Bericht darauf hingewiesen. Wesentliche Erfahrungen aus der Pilotphase sind zudem in die adaptierten Umsetzungsregeln des Bundessozialamtes eingeflossen und werden ab 2013 umgesetzt.

1.1 Aufbau des Berichts

Den Auftakt des vorliegenden Berichtes bildet eine Auseinandersetzung mit den inhaltlichtheoretischen Grundlagen, auf denen das Jugendcoaching fußt. Zum einen wird dabei das Maßnahmenkonzept näher beschrieben, zum anderen wird auf theoretische Ansätze zu "Coaching" und "Case Management" eingegangen, die auf Basis einer Literaturanalyse erarbeitet wurden (vgl. Kapitel 2).

Danach wird die theoretische Ebene verlassen und werden nunmehr die Forschungsergebnisse ins Zentrum gestellt. Die Ergebnisdarstellung erfolgt gegliedert nach vier thematischen Schwerpunkten, wobei hier jeweils die Ergebnisse, die auf Basis unterschiedlicher empirischer Grundlagen gewonnen wurden, integriert sind.

Im Kapitel zum Konzept des Jugendcoachings sowie dessen Umsetzung wird eine große Bandbreite an Themen auf Basis qualitativer Interviews, einer quantitativen Träger- Befragung sowie Analysen des Monitorings der Träger inhaltlich besprochen. Dies beginnt beim Zugang ins Jugendcoaching, wo Zielgruppenerreichung, Zugangsprozesse und die Rolle der Schulen im Fokus stehen. Danach steht das Konzept von Jugendcoaching zur Diskussion, wie es durch die PraxisakteurInnen selbst wahrgenommen wird. Die derzeitige Umsetzung der Maßnahme - vom Betreuungsablauf über Betreuungsansätze, Ressourcenbedarf und -ausstattung bis zur Ausgestaltung der Rollen der Jugendcoaches - bildet einen thematischen Schwerpunkt. Schließlich werden die Ergebnisse zur elektronischen Datenerfassung, zu Kooperationsbeziehungen mit relevanten AkteurInnen sowie zur weiteren Angebotslandschaft dargestellt (vgl. Kapitel 3).

Kapitel 4 ist einer tiefergehendenden Betrachtung der Zielgruppen des Jugendcoachings gewidmet. Dabei erfolgt zunächst eine Abschätzung von Zielgruppengröße und -struktur in der Grundgesamtheit, die anschließend mit den Ergebnissen zu den tatsächlich bis September 2012 erreichten Personen kontrastiert wird. Danach werden die Merkmale, Problemlagen und das soziale Umfeld der Jugendcoaching-TeilnehmerInnen auf qualitativer Ebene herausgearbeitet. Dieser qualitativen Darstellung folgt eine quantitative Analyse der Problemlagen der Jugendlichen auf Basis der Angaben im Monitoring. Wenn es im Anschluss daran um zwei spezifische Zielgruppen - nämlich um NEETs sowie SchülerInnen in ihrem achten Schulbesuchsjahr - geht, sind damit die Ergebnisse angesprochen, die im Rahmen zweier Fokusgruppendiskussionen mit VertreterInnen der Jugendcoaching-Träger herausgearbeitet wurden.

Schulen nehmen bei der Umsetzung des Jugendcoachings eine zentrale Funktion ein, dementsprechend wird diesen ein eigenes Kapitel gewidmet. Inhaltlich werden dabei die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendcoaching sowie die Realisierung von Aufgaben, die im Rahmen von Jugendcoaching die Schulen übernehmen, einer näheren Betrachtung unterzogen. Den zweiten Schwerpunkt im Rahmen des Kapitels zu den Schulen bilden die Ergebnisse einer quantitativen Befragung von Schulen in den beiden Pilotbundesländern, wobei das Zugangssystem, schulische Unterstützungsangebote sowie eine generelle Einschätzung des Jugendcoachings im Zentrum des Interesses stehen (Kapitel 5).

Im Kapitel 6 werden erst erzielbare Wirkungserfolge durch das Jugendcoaching auf qualitativer Basis, danach beobachtete Wirkungen auf quantitativer Basis analytisch betrachtet. Dementsprechend baut diese Darstellung auch auf zwei unterschiedlichen Datenbasen auf: Einmal auf den im Rahmen der Fallstudien geführten Interviews und zum anderen auf einer Analyse der Monitoringdaten.

Abschließend werden in Kapitel 7 die wesentlichen Ergebnisse aus den vier Kapiteln zu Konzept und dessen Umsetzung, den Zielgruppen, dem Beitrag der Schulen sowie zu erzielbaren und beobachteten Wirkungen im Sinne einer Executive Summary gegliedert nach den Forschungsfragen, wie sie in der folgenden Abbildung 1 dargestellt sind, zusammengefasst sowie Empfehlungen für die Vollimplementierung des Programms ausgearbeitet.

1.2 Methodische Vorgehensweise

Für die Evaluierung von "Jugendcoaching" wurde ein umfassender Evaluationsansatz gewählt, in den unterschiedliche qualitative und quantitative Methoden einfließen. Diese bauen logisch aufeinander auf und werden zur Beantwortung der Forschungsfragen kombiniert. Abbildung 1 gibt einen Überblick über die Forschungsfragen bzw. -themen sowie die entsprechenden Erhebungs- und Analyseschritte, die im Rahmen der Evaluierung zur Anwendung gekommen sind.

Abbildung 1: Evaluierungskonzept "Jugendcoaching": Forschungsfragen und -methoden.

In den grau unterlegten Kästchen sind die Forschungsfragen/-themen dargestellt, in den Kreisen die Forschungsmethoden und Analyseschritte, die zu ihrer Beantwortung herangezogen werden. Rot unterlegt sind die quantitativen Primärerhebungen.

Insgesamt sind es acht verschiedene Erhebungs- bzw. Analyseschritte die die Grundlage für die in weiterer Folge dargestellten Evaluationsergebnisse bilden. Es finden sich darunter ebenso viele quantitative wie qualitative Module, die im Sinne der Triangulation wo möglich und sinnvoll systematisch aufeinander aufbauen. So bilden z.B. die Ergebnisse der qualitativen Fallstudien die Grundlage für die Konstruktion der Erhebungsinstrumente im Rahmen der Trägerbefragung sowie der Onlinebefragung der Schulen.

Die letztlich durchgeführten Erhebungsschritte sind nicht in allen Fällen deckungsgleich mit den ursprünglich geplanten. So war es z.B. vorgesehen das Frühmeldesystem quantitativ auszuwerten. Mangels ausreichender Umsetzung war dies jedoch nicht möglich, weshalb alternativ dazu eine Onlinebefragung der Schulen durchgeführt worden ist.

Der vorliegende Abschlussbericht orientiert sich in seiner Struktur jedoch nicht an den Erhebungs- und Analysemodulen, sondern es wurde eine thematisch integrierte Darstellungsweise gewählt. Demnach fließen z.B. bei der Behandlung des Themas Zielgruppe sowohl Erkenntnisse aus den Fallstudien, den Fokusgruppen sowie der Analyse sekundärstatistischer Datenbasen ein.

1.2.1 Qualitative Erhebungen und Analysen

Den Startpunkt der begleitenden Evaluierung bildete die Durchführung von vier Fallstudien auf Basis leitfadengestützter Interviews. Eine Fallstudie umfasst dabei einen Träger sowie die unterschiedlichen AkteurInnengruppen, die mit diesem in Zusammenhang stehen (d.h. die vom Träger betreuten Jugendlichen, Schulen, die mit ihm zusammenarbeiten etc.).

Die Auswahl der Fallstudien wurde nach dem Prinzip der "maximalen strukturellen Variation" vorgenommen, um möglichst unterschiedliche Träger in möglichst unterschiedlichen Kontexten zu berücksichtigen. In enger Abstimmung mit dem Auftraggeber wurden als Kriterien die geografische Lage (Stadt und Land), das jeweilige Vorgängerprojekt (Clearing und C'mon 14) sowie die Zusammenarbeit mit Schulen (Träger, die mit unterschiedlichen Schultypen arbeiten sowie solche mit Fokus auf höhere Schulen) herangezogen. Während auf dieser Ebene möglichst unterschiedliche Fallstudien ausgewählt wurden, fließen im Rahmen der jeweiligen Fallstudie möglichst unterschiedliche Perspektiven ein, indem Interviews mit unterschiedlichen Personengruppen bzw. AkteurInnen geführt werden: Vertretungspersonen der Träger, Jugendcoaches, LehrerInnen bzw. verantwortliche Personen an den Schulen, KooperationspartnerInnen, Jugendliche und deren Eltern.

Die Themenstellungen, die in den Interviews aufgegriffen werden, umfassen beinahe die gesamte Liste der Forschungsfragen, wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, wobei je nach AkteurInnengruppe unterschiedlich viele dieser Fragestellungen in den Interviews behandelt wurden.

Die qualitativen Erhebungen und Analysen wurden um drei in den Sommermonaten durchgeführte Fokusgruppendiskussionen mit VertreterInnen der Jugendcoaching-Träger ergänzt. Als Themen wurden in Abstimmung mit dem Auftraggeber die Zielgruppe der NEETs sowie die Integration des achten individuellen Schulbesuchsjahres festgelegt. Zwei Fokusgruppen fanden in Wien, eine in der Steiermark statt.

Die Leitfäden für die Interviews wie auch die Fokusgruppen wurden anhand zweier Grundlagen entwickelt: Zum einen den in der Ausschreibung formulierten Forschungsfragen, zum anderen den Erkenntnissen aus der Literaturanalyse. Die Interviews und Fokusgruppen wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen, deren Vorgehensweise an dieser Stelle kurz skizziert wird: Das grundsätzliche Ziel ist, die Sichtweisen der InterviewpartnerInnenzu den relevanten Themen darzustellen und miteinander in Beziehung zu setzen. Das bedeutet, es geht nicht darum, ob beispielsweise die Kooperation zwischen Jugendcoaching-Träger und Schule "wirklich" gut funktioniert. Vielmehr wird der Frage nachgegangen, wie dies von Trägern im Unterschied zu Schulen wahrgenommen und bewertet wird. Auf den Vergleich der Sichtweisen wiederum folgt die Suche nach Erklärungen für Gemeinsamkeiten oder Unterschiede. Wenn - wiederum auf ein fiktives Beispiel zurückgreifend - die Sichtweisen von Coaches und Eltern auf die "Wirkungen" von Jugendcoaching überhaupt nicht übereinstimmen, könnte dies damit zu tun haben, dass Eltern bestimmte Erwartungen an das Angebot stellen, die aus Sicht der ProjektmitarbeiterInnen nicht erfüllbar sind, was Eltern aber bislang nicht klar kommuniziert wurde.

Die Inhaltsanalyse der Interviews und der Fokusgruppen erfolgt in Anlehnung an das Analyseverfahren von Philipp Mayring. Die einzelnen Textstellen aus den Transkripten werden jeweils Kategorien zugeordnet. Das Kategoriensystem wird einerseits anhand der Evaluationsfragestellungen sowie der Konzept- und Literaturanalyse (z.B. "Zugang ins Jugendcoaching" oder "Kooperationen") entwickelt, andererseits im Zuge der Analyse anhand des empirischen Materials weiterentwickelt. Kategorien werden somit "[...] in einem Wechselverhältnis zwischen der Theorie (der Fragestellung) und dem konkreten Material entwickelt [...]" (Mayring 2007:53).

Die einzelnen, den Kategorien zugeordneten Textstellen werden - personenbezogen, d.h. für jedes Interview gesondert - dem dreistufigen Analyseprozess:

  • Paraphrasierung

  • Generalisierung

  • Reduktion (vgl. Mayring 2007:60f)

unterzogen. Im Zuge der Paraphrasierung werden die Textstellen auf ihren Inhalt beschränkt wiedergegeben, was bedeutet, "nichtinhaltstragende (ausschmückende) Textbestandteile" (Mayring 2007:61) wegzulassen. Generalisierung hat zum Ziel, alle Textstellen auf ein gemeinsames Abstraktionsniveau zu bringen. Reduktion meint schließlich, dass die sich daraus ergebenden Paraphrasen gebündelt bzw. dass Paraphrasen gleichen Inhalts gestrichen werden (vgl. Mayring 2007:61ff).

Das Resultat dieses dreistufigen Analyseprozesses sind Kernaussagen: Verdichtete

Aussagen, welche die jeweilige Kategorie beschreiben (z.B. Wie wird der Zugang am

Standort A umgesetzt?) sowie Zusammenhänge mit anderen Kategorien verdeutlichen (z.B.

Wie hängt der Zugang mit Kooperationen zusammen?).

Im abschließenden Arbeitsschritt werden die Interviews bzw. Fokusgruppenaussagen miteinander verglichen. Es wird nach Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Widersprüchen gesucht. Diese werden zunächst dargestellt und dabei wird auf Strukturierungsmerkmale geachtet, welche diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede erklären können (z.B. Sicht der Jugendcoaches im Kontrast zur Sicht der Schulen, theoretische Sichtweise im Kontrast zur Umsetzung, etc.). Im Zuge dieses Schrittes werden ausschließliche Einzelansichten nicht berücksichtigt. Das bedeutet, in der weiteren Beschreibung der inhaltlichen und strukturellen Merkmale sind nur solche Aspekte vertreten, die von mindestens zwei Personen, wenn auch auf einer abstrakten Ebene, berichtet werden.

Im Anschluss an diesen Arbeitsschritt werden die Ergebnisse interpretiert. Dabei wird über den manifesten Inhalt hinausgegangen und es werden, gegründet auf einer breiten empirischen Basis, Hypothesen und erste Schlussfolgerungen in Hinblick auf die definierten Forschungsfragen abgeleitet. Dabei handelt es sich um evaluative Fragen, welche einerseits dabei helfen sollen, Wirkungen zu verstehen, andererseits Verbesserungspotenzial und Erfolgsfaktoren aufzuzeigen.

1.2.2 Quantitative Primärerhebungen

Die Sichtweisen der Träger von Jugendcoaching, wie sie im Rahmen qualitativer Interviews im Rahmen der vier Fallstudien berücksichtigt wurden, wurden im Rahmen einer schriftlichen Befragung auf einer quantitativen Ebene ergänzt. Die Befragung fand im Juni und Juli 2012 statt und umfasste dabei alle Jugendcoaching-Träger.

Den thematischen Fokus bildeten auf der einen Seite die in der Ausschreibung definierten Forschungsfragen, auf der anderen Seite wurden auch Ergebnisse der Fallstudien, die sich als erfolgskritisch herausgestellt haben, im Zuge der Trägerbefragung nochmals aufgegriffen.

Die Onlinebefragung der Schulen wurde im Juni 2012 durchgeführt und hat sich an alle Schulen in Wien und der Steiermark gerichtet, die entweder bereits in der Umsetzung von Jugendcoaching aktiv waren, oder es aufgrund der Zielgruppendefinition in absehbarer Zukunft sein würden. Der Grundgedanke war, jenen AkteurInnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die eine entscheidende Funktion beim Zugang der Jugendlichen haben und deren Engagement einen erfolgskritische Einfluss auf das Gelingen der gesamten Maßnahme hat. Der inhaltliche Schwerpunkt lag so naheliegender Weise auf dem in den Schulen praktizierten Zugangssystem aber auch auf schulischen Unterstützungsangeboten sowie der Einschätzung des Jugendcoaching an sich. Diese inhaltliche Schwerpunktsetzung basiert wieder auf den Ergebnisse der Fallstudienuntersuchungen und die Erhebung verfolgt das Ziel, eine differenzierte Wahrnehmung des Feldes Schule - wo z.B. welche Probleme in der Umsetzung erkennbar werden - zu erhalten.

Die Analyse der Daten erfolgt über weite Strecken deskriptivstatistisch, wobei stark darauf geachtet wird durch die Differenzierung der Berechnungen in verschiedene Subgruppen Hinweise auf Unterschiede zu erhalten und diese gegebenenfalls abzutesten.

1.2.3 Analyse Sekundärdaten

Als sekundärstatistische Datenbasen sind der Labor Force Survey, die Schulstatistik sowie das JU-Monitoringsystem des BSB in die Evaluation eingeflossen. Labor Force Survey und Schulstatistik dienen dazu die Zielgruppengröße abzuschätzen sowie ihre soziale Zusammensetzung darzustellen. Dies bietet die notwendige Kontrastfolie, um die Anzahl der TeilnehmerInnen sowie ihre Struktur einzuschätzen und Aussagen z.B. darüber treffen zu können, welche Subgruppen besser oder schlechter Zugang zur Maßnahme finden und daher prioritär berücksichtigt werden sollen oder nicht.

Darüber hinaus bietet das Monitoringsystem die Grundlage für die Berechnung relevanter Kennziffern der Maßnahmenumsetzung und Wirkung. Die Wirkung schließlich kann auf Basis des Monitoringsystems nicht nur hinsichtlich von Erfolgs- und Abbruchquoten beurteilt werden, sondern auch in Hinblick auf ‚persönliche' Problembereiche wie Selbstbild, Motivation etc. Möglich wird dies durch Income- und Outcome-Messungen des gleichen Sachverhalts zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes werden in Abschnitt 6.2.3 besprochen.

Auch die sekundärstatistischen Daten werden über weite Strecken deskriptivstatistisch analysiert und dabei differenziert nach Geschlecht, Migrationshintergrund, Bundesland und Träger dargestellt. Eben diese Differenzierung bietet - neben den Erkenntnissen im Rahmen anderer Module auch - sodann Anhaltspunkte für Empfehlungen an den Auftraggeber.

2 Inhaltliche Grundlagen der Evaluierung

Der folgende Abschnitt leitet den Endbericht im Rahmen der Evaluierung von "Jugendcoaching" ein. Zum einen wird dabei das Konzept dieses Programms näher beschrieben, zum anderen geht es um theoretische Ansätze zu "Coaching" und "Case Management", die auf Basis einer Literaturanalyse erarbeitet wurden. Diese fließen neben dem Konzept und den in der Ausschreibung aufgestellten Forschungsfragen auch in der Erstellung der Erhebungswerkzeuge ein bzw. helfen, die Forschungsfragen zu konkretisieren.

2.1 Konzept

Mit dem Jugendcoaching wird eine Strategie eingeschlagen, um Jugendliche unter 19 Jahren so lange wie möglich im Bildungs- bzw. Ausbildungssystem zu halten oder systemferne Jugendliche in diese Systeme zu reintegrieren. Eine zentrale Zielsetzung dahinter lautet, ihre Arbeitsmarktchancen zu verbessern. Es handelt sich um "Beratung, Begleitung und Betreuung" bis zur nachhaltigen Integration in ein (weiterführendes) (Aus-) Bildungssystem, um die Befähigung der Jugendlichen, eigenständig die für sie passende Entscheidung zu treffen oder um die Erreichung alternativer Ziele oder Teilziele, wenn die Aufnahme weiterführender (Aus-)Bildungen (noch) nicht möglich ist. Als Beispiele dafür werden persönliche Stabilisierung, die Klärung familiärer Problemlagen oder die Aufnahme einer angelernten Hilfstätigkeit genannt (BSB 2011, 5).

Als Zielgruppe werden

  • alle SchülerInnen in ihrem individuellen 9. Schulbesuchsjahr,

  • "systemferne" Jugendliche unter 19 Jahren

  • sowie Jugendliche unter 25 Jahren, wenn ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wurde oder eine Behinderung vorliegt,

definiert, die

  • individuelle Beeinträchtigungen oder

  • soziale Benachteiligungen aufweisen oder

  • gefährdet sind, keinen Abschluss auf der Sekundarstufe I oder II zu erlangen ("early school leavers") (BSB 2011, 8).

"Systemferne" oder "out-of-school" Jugendliche sollen durch entsprechende Kooperationen mit außerschulischen Einrichtungen zu einer Wiederaufnahme des Schulbesuchs angeregt oder an weiterführende Systeme herangeführt werden. Auch dabei gilt es, alternativ dazu entsprechende Teilziele zu verfolgen, wenn dies aufgrund komplexer Problem- und Ausgangssituationen nötig ist.

Das bedeutet, mit dem Jugendcoaching ist der Anspruch verbunden, vielfältige Problemlagen zu klären (problematische Familiensituationen, Wohnungslosigkeit, Suchtproblematik, gesundheitliche Beeinträchtigung...), persönliche und soziale Stabilisierung zu ermöglichen, aber auch grundlegende Lern- oder Aufmerksamkeitsdefizite zu überwinden. Es handelt sich um eine Intervention, die in verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen agiert: Das Jugendcoaching hat die Aufgabe, vorhandene Angebote im (Aus-) Bildungssystem zu vernetzen, eventuelle Lücken ausfindig zu machen und Anregungen zur Ausweitung dieser Angebote geben. In Bezug auf die Institution Schule ist eine enge Kooperation angedacht, das Jugendcoaching soll jedoch weder Schulsozialarbeit noch schulpsychologische Dienste ersetzen.

Abbildung 2: Jugendcoaching - Prozessskizze

Kernstück des Jugendcoachings ist neben der Umsetzung eines Frühmeldesystems an Schulen, um Jugendliche, die in die Zielgruppe fallen, zu "identifizieren", ein abgestuftes Beratungs-, Begleitungs- und Betreuungsangebot für die Zielgruppe. Konzeptionell wird mit dem Jugendcoaching ein Case-Management-Ansatz aufgegriffen: Auf Stufe 2 erfolgt Beratung nach dem Case-Management-Ansatz, Stufe 3 beinhaltet eine Begleitung der Jugendlichen im Sinne von Case Management (BSB 2011, 17ff).

Auch Nachbetreuung bzw. Übergangsmanagement fällt in den Aufgabenbereich der Träger. Es ist vorgesehen, dass sich die Jugendcoaches mit den MitarbeiterInnen in den Folgemaßnahmen soweit absprechen, dass ein Nichtankommen oder Abbrüche der Jugendlichen ersteren kommuniziert werden und sie daraufhin wieder Kontakt zu den Jugendlichen aufnehmen. Generell soll bei Bedarf eine Rückkehr ins Jugendcoaching ermöglicht werden: Neuerliche Versagenserfahrungen und Drop-out aus dem Unterstützungssystem sind auf jeden Fall zu vermeiden (BSB 2011, 12).

Vier wesentliche Kennzeichen, die dem Case Management entsprechen, werden dabei im Konzept hervorgestrichen:

Zuständigkeiten liegen in einer Hand: Auf Ebene der Projektträger werden integrierte Servicepakete angeboten, die von Stufe 1 bis 3 reichen und auch Übergangsmanagement in eventuell nachfolgende Maßnahmen vorsehen. Auf Ebene der MitarbeiterInnen sind die BeraterInnen über den gesamten Prozess hinweg für "ihre" jeweiligen Jugendlichen zuständig. Mit den integrierten Zuständigkeiten sollen zum einen Schnittstellen vermieden werden, zum anderen bleibt damit der Entwicklungsprozess der Jugendlichen im Blickfeld der BeraterInnen. Dadurch soll ein optimales Matching zwischen den Fähigkeiten der Jugendlichen und den Anforderungen des (Aus-)Bildungssystems erfolgen und nicht adäquate Folgeschritte sollen vermieden werden.

Ressourcenorientierter Ansatz: Es wird davon ausgegangen, dass die Jugendlichen über Stärken, Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen. Diese bilden einen wesentlichen Ansatzpunkt der Interventionen. Neben der Sichtbarmachung der Ressourcen werden diese auch insofern bedeutsam, als die Stärkung der Autonomie der Jugendlichen und ihre Befähigung, Entscheidungen in Bezug auf ihre weitere Karriere selbstständig zu treffen, ein weiteres konzeptionelles Kennzeichen darstellen (BSB 2011, 5; 13).

Das Umfeld der Jugendlichen (Eltern/Erziehungsberechtigte, LehrerInnen) wird in die Umsetzung einbezogen. Begleitende Elternarbeit ist ein Ziel und in allen Phasen zu berücksichtigen. Im Zuge der Erstgespräche erhalten Erziehungsberechtigte eine Basisinformation und sie werden auch als AdressatInnen der Abschlussberichte genannt. Generell wird das Umfeld der Jugendlichen in der Zukunftsplanung immer mitgedacht (vgl. BSB 2011, 13f).

Schließlich bewegt sich die Intervention nicht nur auf Ebene des oder der einzelnen Jugendlichen. Eine weitere Aufgabe des Jugendcoachings ist, die vorhandenen Angebote im (Aus-)Bildungssystem zu vernetzen, dabei Lücken im Blick zu behalten und Anregungen zu deren Schließung zu geben. Auch dies entspricht dem Ansatz von Case Management: Ein Ausgangspunkt dabei ist, die Person in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt im Blickfeld zu haben (vgl. Neuffer 2005, 21). Es geht darum, sie unter Berücksichtigung ihrer eigenen Ressourcen (nicht nur materieller, sondern z.B. auch sozialer Netzwerke) optimal mit Unterstützungsleistungen auszustatten und gleichzeitig die Hilfsangebote effizient zu koordinieren (vgl. Galuske 2002, 196).

Gender Mainstreaming und Diversity Mainstreaming sind im Konzept des Jugendcoachings ebenfalls verankert. Festgehalten wird, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, einer Erstsprache, die nicht Deutsch ist, sowie einer Behinderung im Rahmen des Jugendcoachings nicht benachteiligt werden sollen. Sie erfahren in den inhaltlichen Überlegungen des Konzeptes besondere Berücksichtigung bzw. erhalten sie besondere Unterstützung bei der persönlichen Zukunftsplanung (bspw. Anhebung der Altersgrenze auf 25 Jahre, wenn ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorliegt). Mit dem "intercultural Mainstreaming" wird ein Ressourcenansatz verfolgt, mit dem Potenziale der Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgedeckt werden sollen, ohne dabei auf gesellschaftliche Benachteiligungen zu vergessen. Unterschiedliche Lebenslagen und Bedürfnisse von männlichen und weiblichen Jugendlichen (z.B. Lernstrategien) sollen berücksichtigt werden. Aber auch Ansätze von Dekonstruktion finden sich in dem Konzept wieder: So sollen (geschlechtsspezifische) Stereotype in Bezug auf Berufs- bzw. Bildungswegentscheidungen mit den Jugendlichen reflektiert werden (BSB 2011, 10f). Dies ist im Rahmen der Erfahrungen, die mit der Umsetzung des Clearings gemacht wurden, besonders relevant bzw. eine Herausforderung. Dabei zeigte sich eine deutliche Verfestigung von geschlechtsspezifischen Berufswahlstereotypen und eine dementsprechende Empfehlung der Evaluierung lautete, den Genderaspekt zukünftig stärker zu berücksichtigen (vgl. Lechner et al. 2006, 105f).

In den nächsten Abschnitten werden der Ansatz des Case Managements sowie Coaching als Methode in der Sozialen Arbeit auf Basis einer Literaturanalyse vorgestellt, um in Folge wesentliche Kriterien daraus abzuleiten, welche in weiterer Folge der Umsetzung des Jugendcoachings durch die einzelnen Träger als Vergleichsfolie gegenübergestellt werden.

2.2 Theoretischer Hintergrund

2.2.1 Coaching

Während "Coaching" in den letzten Jahren einen Boom erlebt hat und über seinen engeren Entstehungskontext (Businessbereich) hinaus auch in der Sozialen Arbeit Anwendung findet, gibt es keine einheitliche bzw. allgemein gestützte Definition des Begriffs (vgl. Müller12 Commichau 2006, 386; Birgmeier 2006, 19; Grammer 2009, 20). Coaching wird als Sammelbegriff für unterschiedliche Formen individueller, personenbezogener Beratung und Betreuung herangezogen. Allerdings lassen sich einige Kennzeichen als typisch für die Methode Coaching festhalten. Coaching basiert u.a. auf dem lebensweltorientierten Ansatz Sozialer Arbeit nach Thiersch: Im Kontext gesellschaftlichen Wandels (Individualisierung, Pluralisierung) weitet Soziale Arbeit ihren Interventionsbereich aus. Sie beschränkt sich nun nicht mehr auf Armut und Verelendung, sondern bietet ganz allgemein Hilfe bei der "Lebensbewältigung" in zunehmend komplexen Lebenssituationen (vgl. Grammer 2009, 9f). Der lebensweltorientierte Ansatz wird mit Coaching aufgegriffen und damit hängt bereits ein wesentliches Charakteristikum dieser Methode zusammen: Coaching leistet einen Unterstützungsbeitrag bei der Lebensbewältigung und versteht sich als Hilfe zurSelbsthilfe. Die Förderung der Selbstwahrnehmung, die Befähigung zur Selbstermächtigung (Empowerment) und die gemeinsame Suche nach Lösungen stehen im Vordergrund: ein gemeinsames Reflektieren, "(...) welches die ihm [=KlientIn] angemessenen Wege sind, um die ihm angemessenen Ziele zu erreichen" (Müller- Commichau 2006, 387). KlientInnen werden als Subjekte ihres eigenen Veränderungsprozesses verstanden und behalten über den gesamten Prozess die Verantwortung dafür, was sie tun oder eben nicht tun.

TeilnehmerInnen am Coaching werden in diesem Zusammenhang weniger in ihren "Defiziten" gesehen, den Fokus bilden ihre Ressourcen. Ausgangspunkt ist, dass Menschen ihre Ressourcen dazu einsetzen können, belastende Lebensumstände zu verbessern - insbesondere dann, wenn sie in aktivierender Weise darauf angesprochen werden (vgl. Müller-Commichau 2006, 392).

Zur Rolle des Coaches gehört dementsprechend ein Handeln als ZuhörerIn und GesprächspartnerIn. Wichtig ist, den Coaching-TeilnehmerInnen ihr Verhalten zu spiegeln und nicht stellvertretend für sie zu handeln. Grundsatz ist dabei das dialogische Prinzip: Der Coach besitzt kein Deutungsmonopol - die eigenen Wahrnehmungen werden als ebensolche verstanden. Mit diesem Ansatz wird Abstand davon genommen, den Teilnehmenden zu sagen, was richtig und was falsch ist. Die (u.U. nicht deckungsgleichen) Wahrnehmungen der Coaching-TeilnehmerInnen werden im Sinne einer Reflexion aufgegriffen und dabei als weiterer möglicher Lernanlass angesehen.

Schließlich sind Prozessualität und Ganzheitlichkeit ebenfalls konstitutive Aspekte von Coaching: Coaching versteht sich als Begleitung über eine gewisse Zeitspanne hinweg. Damit wird auch die Möglichkeit vorgesehen, dass TeilnehmerInnen am Coaching Zeit haben, ihre neuen Betrachtungen anzuwenden und neue Handlungskompetenzen zu erproben. Coaching nimmt außerdem nicht nur einen Aspekt aus dem Leben der Teilnehmenden wahr (wie z.B. die schulische Karriere), sondern bindet sie in ihren gesamten Lebensbereichen in diesen Prozess ein (vgl. Grammer 2009, 30f, Müller-Commichau 2006).

Ein wesentliches Spannungsfeld, das in der Anwendung von Coaching als Methode zu berücksichtigen ist, bilden dementsprechend die beiden Pole "Intervention" und "Zurücknahme". Coaches müssen zum einen ihre Coaching-TeilnehmerInnen begleiten und unterstützen, zum anderen sollten sie möglichst zurückhaltend agieren und ihre Interventionen auf bloßes Spiegeln dessen, was sie wahrnehmen, beschränken und ihnen somit Selbstreflexion ermöglichen. Gerade wenn es um das Coaching von KlientInnen geht, ist dies ein schwieriger Anspruch. Als "KlientInnen" werden in diesem Zusammenhang Personen definiert, die in einem Teilsegment von Leistungen aus dem Unterstützungssystem abhängig sind, wie z.B. langzeitarbeitslose Personen (vgl. Müller-Commichau 2006, 391). Die TeilnehmerInnen im Jugendcoaching sollen nicht generell als KlientInnen verstanden werden, auf einen Teil der Zielgruppe trifft die oben angeführte Definition dennoch zu (bspw. wohnungslose Jugendliche, die fremduntergebracht sind).

Grenzen von Coaching liegen dort, wo es vorrangig um Disziplinierung, um Regeleinhaltung und Auflagenerfüllung geht; bei einer unfreiwilligen "Teilnahme" oder wenn es nicht gelingt, extrinsisch motivierte Teilnehmende im Verlauf des Coachings intrinsisch zu motivieren (Müller-Commichau, 394f).

2.2.2 Case Management

Die oben genannten Aspekte des Coachings (Hilfe zur Selbsthilfe, Ressourcenansatz, dialogisches Prinzip, Prozessualität und Ganzheitlichkeit) sind auch im Case Management integriert. Dieses geht jedoch darüber hinaus. Laut der Case Management Society of America handelt es sich bei Case Management um einen kooperativen Prozess, in dem Versorgungsangebote und Dienstleistungen erhoben, geplant, implementiert, koordiniert, überwacht und evaluiert werden, um den individuellen Versorgungsbedarf von KlientInnen mittels Kommunikation und verfügbarer Ressourcen abzudecken (vgl. Harjes 2004, 11). Case Management wird als Form sozialer Unterstützungsarbeit definiert und verbindet individuelle Bedürfnisse und Ressourcen mit Maßnahmen aus dem gesamten Unterstützungssystem im Sozialraum (Harjes 2004, 6; Graf 2008, 31).

Ein Entstehungshintergrund von Case Management findet sich in der zunehmenden Zersplitterung sozialer Dienstleistungen und daran anschließenden Überschneidungen und Koordinationsproblemen (Galuske 2002, 195) bzw. in dem unübersichtlichen, vornehmlich auf dezentrale, freiwillige Träger beruhenden System sozialer Hilfe in den USA (Neuffer 2005, 41). Diesem Umstand begegnet Case Management mit dem Ansatz, dass die Verantwortung für den jeweiligen Fall in einer Hand liegt (siehe oben: BSB 2011, 11-13). Eine Aufgabe von Case Management ist, existierende Hilfsangebote effizient zu koordinieren und sie in ein Gesamtkonzept zu integrieren (vgl. Galuske 2002, 196f). Um diesen Ansatz umsetzen zu können, müssen Zuständigkeiten geklärt und Kompetenzen sinnvoll verteilt sein (Harjes 2004, 7).

Diese Vorgehensweise ist vor dem Hintergrund relevant, dass es sich bei KlientInnen Sozialer Arbeit um Menschen mit vielfältigen Problemen in einer komplexen Umwelt handelt. Deutlich wird dies etwa am Beispiel von Exklusionsketten: Exklusion aus einem Teilsystem zieht weitere Exklusionen nach sich (z.B. verstärkt Drop-out aus dem Bildungssystem das Risiko eines Ausschlusses vom Arbeitsmarkt). Als wesentliche Funktion von Sozialer Arbeit werden in diesem Kontext Inklusionsvermittlung, Exklusionsvermeidung bzw. -verwaltung festgehalten (vgl. Spiegel 2004, 21). Im Rahmen von Case Management sind dementsprechend nicht eindimensionale, sondern verschiedenartige und kumulierteProblembereiche im Blickfeld (Harjes 2004, 6f; Neuffer 2005, 18).

Aus einer theoretischen Perspektive steht bei Case Management das Individuum in Wechselwirkung mit seiner Umwelt im Blickfeld. Damit wendet es sich von derklassischen Methode sozialer Einzelfallhilfe ab und greift die Kritik daran auf, dass mitdiesem Zugang die Therapeutisierung von KlientInnen und damit die Individualisierung vongesellschaftlichen Entwicklungen verbunden war (Neuffer 2005, 199; Galuske 2002, 196).Dies schließt aber nicht per se die Individualisierung von Problemen im Rahmen von CaseManagement aus.

Case Management unterscheidet sich dadurch von "Fallmanagement", welches nur die Person der zu integrierenden KlientIn im Blickfeld hat (vgl. Neuffer 2005, 56). Sein Interventionsbereich ist sowohl der einzelne Fall als auch dessen Umfeld und das System an Hilfsangeboten überhaupt. Einzelfallorientiertes Vorgehen und soziale Netzwerkarbeitwerden kombiniert (Neuffer 2005). Netzwerkarbeit findet in und mit professionellen angrenzenden Systemen statt (vgl. Harjes 2004, 7). Ziel ist, ein passendes Bündel an unterschiedlichen Ressourcen aus unterschiedlichen Bereichen und Sektoren zu schnüren, um KlientInnen adäquate Unterstützungen anzubieten (vgl. Harjes 2004, 22). Dies erfolgt, indem in Absprache mit den KlientInnen die Institutionen vertraglich in das Hilfegeschehen eingebunden werden (vgl. Neuffer 2005, 163). Es handelt sich dabei nicht bloß um eine Koordination von Hilfsangeboten und die Begleitung eines Falles: Case ManagerInnen tragen über den ganzen Prozess hinweg die Verantwortung für "ihren" Fall und leisten Beziehungsarbeit (Neuffer 2005; 12, 43). Dadurch soll es möglich sein, eine Vertrauensbasis mit den KlientInnen herzustellen und die Kooperationen zwischen Case ManagerInnen und KlientInnen zu stärken (Harjes 2004, 22). In Bezug auf das Jugendcoaching wird im Konzept darüber hinaus festgehalten, dass über die Betreuungskontinuität die Entwicklungen der Jugendlichen sichtbar werden und inadäquate Folgeschritte vermieden werden (BSB 2011, 13) sollen.

Case Management übernimmt also zwei wesentliche Aufgaben: die Steuerung des Fallgeschehens und die Steuerung von Systemen. Diese beiden Funktionen müssenausbalanciert werden (Neuffer 2005, 158). Case Management ist nicht "vollständig", wenn esnicht auch auf Systemebene implementiert wird (vgl. Harjes 2004, 8). Im Kontext desJugendcoachings übernehmen die Jugendcoaches die "Steuerung des Fallgeschehens" -die Begleitung der Jugendlichen. An das Jugendcoaching an sich wird aber auch dieAufgabe gerichtet, zu Veränderungen in anderen Systemen beizutragen (etwa, dass imSchulsystem das Problembewusstsein zu frühzeitigem Schulabbruch gestärkt werden soll).

Ein Ressourcenansatz ist, wie bereits im Zusammenhang mit der Methode Coaching dargestellt, auch für Case Management grundlegend. Der "Fall" und seine Ressourcen werden als Ausgangspunkt herangezogen. Ressourcen werden dabei breit verstanden: Dazu gehören Kompetenzen der KlientInnen, ihre materiellen Mittel, aber auch soziale Beziehungen, informelle Hilfspotenziale oder ihre Netzwerke (vgl. Harjes 2004, 21f). Eine wesentliche Funktion von Case Management ist, die KlientInnen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Ressourcen zu nutzen und Ressourcen aus der Umwelt aktiv heranzuziehen (vgl. Harjes 2004, 6). Zentral ist die eigene Beteiligung im Prozess, wo ihnen bei der Veränderung belastender Situationen eine aktive Rolle zugedacht wird. Der Begriff "belastende Situationen" soll einen Abstand zu einer Problemsichtweise verdeutlichen, nach der es vorrangig um die Probleme der KlientInnen geht. Auch KlientInnen übernehmen häufig eine solche Problemsichtweise (ich selber "bin" das Problem). Diesen Blickwinkel in Richtung "ich befinde mich in einer belastenden Situation" umzudeuten, ist ebenfalls Aufgabe von Case ManagerInnen (vgl. Neuffer 2005, 11f). Auch in Bezug auf Drop-out im Bildungssystem sind individuelle Zuschreibungen von Benachteiligungen (als "Defizite" der Jugendlichen) und daran anschließende Kompensationsmaßnahmen ausschließlich auf individueller Ebene kritisch zu hinterfragen. Demgegenüber sollte dem Ansatz "noch nicht ausgenutzter Potenziale" mehr Beachtung geschenkt werden und es sollten entsprechende Interventionen auch auf Systeme erfolgen (Steiner/Wagner 2007, 43).

Auch bei Case Management geht es - wie bereits im Rahmen von Coaching festgehalten - um Empowerment: darum, teils verschüttete Stärken gemeinsam zu entdecken und zu stärken, mit dem Ziel, dass die KlientInnen Möglichkeiten finden, um mit belastenden Situationen umzugehen oder sie zu überwinden. In ihre bestehende Lebenswelt soll so wenig wie möglich eingegriffen werden, ebenso wie neue Abhängigkeiten - nämlich von Case ManagerInnen - vermieden werden sollen (vgl. Neuffer 2005, 19-23).

Allerdings sollen durch eine Übergewichtung des Empowerment-Ansatzes existierende Problemkonstellationen nicht verharmlost werden. Daraus ergibt sich (auch hier, vgl. Abschnitt 2.2.1) für Case ManagerInnen, diese beiden Ansprüche auszubalancieren: Sich einerseits zurückzuhalten, nicht zu sehr einzugreifen und die Stärken und Ressourcen der KlientInnen zu fokussieren, andererseits sehr wohl problematische Konstellationen im Prozess aufzugreifen, zu analysieren und bei ihrer Beseitigung zu unterstützen. Hier wird ein Dilemma sichtbar, das eine ressourcenorientierte Soziale Arbeit generell charakterisiert: Soziale Arbeit adressiert auf der einen Seite die Defizite einer Fallsituation - u.a. hängen Ansprüche auf Versorgungsleistungen auch davon ab, wie gut die Problemsituation in den Mittelpunkt gestellt wird. Auf der anderen Seite nimmt sie Abstand von einer dominierenden Problemsichtweise. Wie mit diesem Widerspruch umgegangen und eine Balance konkret hergestellt wird, unterscheidet sich nach dem jeweiligen Fall (vgl. Neuffer 2005, 23ff; 210f).

Eine weitere Ambivalenz, die für Soziale Arbeit charakteristisch ist, ist diejenige zwischen Hilfe und Kontrolle (vgl. dazu Galuske 2002, 200f). Eine Kontrollfunktion wird im Rahmen von Case Management abgelehnt. In der Praxis werden sich Grenzen ergeben, beispielsweise in Bezug auf die Freiwilligkeit einer Teilnahme: So wird im Jugendcoaching das Prinzip der Freiwilligkeit hoch gehalten, jedoch sollen SchülerInnen mit sehr schlechten Schulnachrichten "ermutigt" werden, eine Beratung in Anspruch zu nehmen (BSB 2011, 9). Daher schlägt Neuffer vor, Kontrolle als Schutzfunktion, z.B. bei Selbstgefährdung, von Kontrolle zu Sanktionierungszwecken zu unterscheiden (vgl. Neuffer 2005, 55).

Wie beschrieben ist der Ansatz, dass in den sozialen wie auch institutionellen Netzwerken der KlientInnen Ressourcen liegen, im Case Management zentral. Diese Netzwerke allerdings gestalten sich ebenfalls ambivalent: Neben den damit verbundenen Ressourcen und entlastenden Funktionen für die KlientInnen bringen sie eventuell auch Belastungen und Einschränkungen mit sich. Dies kann, bezogen auf die TeilnehmerInnen im Jugendcoaching, etwa eine belastende familiäre Situation sein oder eine mögliche Demotivation durch Peers. Auch diese Seite spielt im Unterstützungsprozess eine Rolle und wird einer Analyse unterzogen (vgl. Neuffer 2005, 160).

Auf Basis dieser einführenden Überlegungen wird deutlich, dass mit der Rolle von Case ManagerInnen hohe Ansprüche verbunden sind: Sie sind BeraterInnen und Coaches, die Motivationsarbeit leisten und die Fortschritte ihrer KlientInnen bestätigen, bei Bedarf treten sie als MediatorInnen oder KrisenmanagerInnen auf. Sie sind AnwältInnen, die helfen, die Interessen und Bedürfnisse ihrer KlientInnen durchzusetzen. Ebenso übernehmen sie koordinierende Aufgaben und agieren als NetzwerkerInnen (vgl. Galuske 2002, Neuffer 2005). Umso deutlicher wird die Relevanz von entsprechenden Qualifikationen, Kompetenzen und Erfahrungen wie auch ein unterstützendes Arbeitsumfeld mit Möglichkeiten zu gegenseitigem Austausch und Reflexion.

Wesentliche Merkmale von Case Management werden im Konzept des Jugendcoachings abgedeckt. Dabei kann zusammenfassend festgehalten werden:

  • Die Intervention erfolgt auf Ebene des einzelnen Falles und auf Systemebene.

  • Die Verantwortung für den Fall liegt in einer Hand.

  • Der Fokus auf den Ressourcen der Jugendlichen und Empowerment bilden einen zentralen Ansatz, ohne problematische Konstellationen auszusparen und ohne diese zu überfordern, inklusive einer Reflexion von Interventionsnotwendigkeiten und partieller Kontrolle.

  • Das Umfeld der Jugendlichen und darin liegende Ressourcen werden einbezogen, wobei neben Entlastungsmöglichkeiten auch eventuelle Belastungen analysiert werden.

  • Case ManagerInnen werden mit einem breiten Aufgabenspektrum und hohen Ansprüchen an ihr professionelles Handeln konfrontiert.

2.2.3 Kooperation und soziale Netzwerkarbeit

Kooperation ist ein wesentliches Element des Jugendcoachings und zieht sich über alle Stufen und Phasen: Bei der Erreichung der Zielgruppen ist im Zusammenhang mit der Implementierung des Frühwarnsystems eine Zusammenarbeit mit Schulen Voraussetzung. Jugendliche, die nicht mehr in der Schule angetroffen werden ("systemferne" Jugendliche), sollen über Kooperationen mit außerschulischen niederschwelligen Einrichtungen erreicht werden. Die Berücksichtigung von Eltern/Erziehungsberechtigten bildet einen weiteren Kooperationsanlass, ebenso wie die Vermittlung oder Begleitung in begleitende bzw. Folgemaßnahmen einen wesentlichen Bestandteil des Konzeptes darstellen.

Mit dem Case-Management-Ansatz auf den Stufen 2 und 3 treten Kooperation und Vernetzung nochmals deutlicher in den Vordergrund. Im Case Management werden einzelfallorientiertes Vorgehen und soziale Netzwerkarbeit kombiniert. Ein Anspruch liegt darin, unterschiedliche Unterstützungsangebote in ein Gesamtkonzept zu integrieren, um für die KlientInnen ein passendes Bündel an Hilfen zu schnüren. Voraussetzung dafür sind Kooperationen mit unterschiedlichen Stellen (Schulen, AMS, Familien, BSB...) bzw. ist die "Steuerung von Systemen" ein Aufgabenbereich von Case Management.

Im Kontext des Jugendcoachings wurde in diesem Zusammenhang bereits festgehalten, dass "mehrdimensionale Problemlagen" bzw. "kumulierte belastende Situationen" im Blickfeld sind und ein Beitrag zur Lösung dieser Belastungssituationen eine wesentliche Aufgabe darstellt, insbesondere auf Stufe 3. Diese Problemlagen können aus einer systemtheoretischen Perspektive in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen, bspw. Familie, Gesundheit, Erziehung/Bildung oder Arbeitsmarkt, verortet werden. Dies wiederum hängt mit einer fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung zusammen, in deren Rahmen Exklusion aus einem Teilsystem weitere Exklusionen wahrscheinlicher macht. Der Auftrag an die Träger des Jugendcoachings ist demzufolge die (Re-)Integration der Jugendlichen in unterschiedliche Systeme.

Idealerweise unterhalten Case ManagerInnen gleich gute Beziehungen zu allen relevanten Einrichtungen und AkteurInnen und berücksichtigen deren verschiedene Anforderungen gleichwertig. Dabei ist zu beachten, dass Systeme jeweils nach eigenen Logiken handeln, die nicht der Logik des Jugendcoachings entsprechen müssen (Harjes 2004, 23).

Einen Hinweis darauf, dass und inwiefern im Zuge von Kooperationen Schwierigkeiten zu begegnen ist, gibt die Evaluierung des Clearings. Dabei wurde die Zusammenarbeit mit Sonderschulen als "reibungslos" wahrgenommen, in Bezug auf sonstige Pflichtschulen und Berufsschulen hingegen ergaben sich deutliche Schwierigkeiten. Aus Sicht der ClearerInnen war dies durch "mangelnde Kooperationsbereitschaft oder fehlende zeitliche Ressourcen" begründet (Lechner et al. 2006, 37; 84f). Aber auch die Abstimmung mit dem AMS wurde als nicht optimal bewertet (vgl. dies. 2006, 117).

Aus einer netzwerktheoretischen Perspektive liegen gerade in den je eigenen Logiken der Systeme die Herausforderungen, aber auch die Potenziale von Vernetzung. Bedingungen für gelingende Vernetzung sind der wechselseitige Nutzen aller Beteiligten und eine gemeinsame Netzwerkvision (Reupold et al. 2009, 572; Schäffter 2001, 12f zit. nach Feld 2008, 39f). Beispielsweise müssen sowohl die Träger des Jugendcoachings als auch die Schulen im Frühmeldesystem einen Nutzen für die eigene Einrichtung sehen; eine gemeinsame "Vision" könnte in diesem Zusammenhang etwa die Reduktion von Drop-out sein. Als Erfolgsfaktor in der Netzwerkarbeit wird eine "Ermöglichungshaltung" angeführt. Diese enthält den Anspruch, sich mit Schwierigkeiten - die sich in der Umsetzung ergeben werden, schon deswegen, weil Systeme nach eigenen Logiken handeln - auseinanderzusetzen und Kritik zuzulassen (Klingebiel 2007, 104ff).

Entscheidend für den Erfolg in der Vernetzung sind weiters die Klärung von Kooperationsbedarf und -möglichkeiten, Zuständigkeiten und Aufgaben, aber auch die Klärung von Werten, Zielen und Interessen sowie die Vereinbarung von Regeln und Strukturen (Feld 2008, 39f). In diesem Kontext wäre etwa die Subsidiarität des Jugendcoachings gegenüber Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Diensten zu nennen oder die klare Verantwortung der Jugendcoaches für ein Übergangsmanagement in nachfolgende Maßnahmen.

Neben der Zusammenarbeit mit Schulen sowie unterschiedlichen Einrichtungen aus dem sozialen Unterstützungssystem wird die Rolle der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten im Jugendcoaching-Konzept hervorgestrichen. Elternarbeit ist in allen Phasen des Coachingprozesses zu berücksichtigen (vgl. BSB 2011, 13f). Aus der Umsetzung des Clearings sind einige Problematiken in Zusammenhang mit der Elternarbeit bekannt: Ein Teil der Eltern überschätzt ihre Kinder und verfolgt unrealistische Berufsvorstellungen, woraus sich Widerstände gegen das Clearing (bzw. die Zielsetzungen von ClearerInnen) ergaben. Bei anderen Eltern wiederum wurden Desinteresse und unzureichende Unterstützung für das eigene Kind kritisch festgehalten. Als Grund wird eine wahrgenommene Perspektivenlosigkeit genannt (Lechner et al. 2006, 73ff). Daneben ist bei manchen Eltern auch ein Mangel an Selbstwirksamkeit gegenüber den Mechanismen von Bildungssystem und Arbeitsmarkt, aber auch in Bezug auf die Träger von Jugendmaßnahmen festzuhalten (Leitner/Pessl 2010).

3 Konzept und Umsetzung

Im folgenden Kapitel zum Konzept des Jugendcoachings sowie seiner Umsetzung werden sowohl eine große Bandbreite an Themen angesprochen als auch Ergebnisse auf Basis von vier Erhebungs- bzw. Analysemethoden integriert. Die thematische Bandbreite beginnt beim Zugang ins Jugendcoaching, wo Zielgruppenerreichung, Zugangsprozesse und die Rolle der Schulen dabei sowie das Frühmeldesystem im Fokus stehen. Diese Themen werden auf Basis der Fallstudien sowie der quantitativen Trägerbefragung beleuchtet. Danach steht das Konzept von Jugendcoaching zur Diskussion: Dabei geht es vor allem um die Sichtweisen der Träger bzw. Jugendcoaches darauf, auf der einen Seite im Rahmen der Fallstudien, auf der anderen Seite auf Basis der Trägerbefragung. Die derzeitige Umsetzung von Jugendcoaching - vom Betreuungsablauf über wesentliche Betreuungsansätze bis zur Ausgestaltung der Rollen von Jugendcoaches - bildet einen thematischen Schwerpunkt: Dabei fließen Ergebnisse aus den Fallstudien, der Trägerbefragung sowie den Monitoring- Analysen ein. Getrennt davon werden die Ergebnisse zur elektronischen Datenerfassung, zu Kooperationsbeziehungen mit relevanten AkteurInnen sowie zur weiteren Angebotslandschaft dargestellt. Im Kern handelt es sich dabei um Ergebnisse aus den Fallstudien, ergänzt um Ergebnisse aus der Trägerbefragung.

Somit wird in diesem Kapitel fast die gesamte Liste an Forschungsfragen behandelt. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung nach Themen, wobei die Ergebnisse aus den unterschiedlichen Analysen nochmals stärker integriert und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

3.1 Ergebnisse der Fallstudien

Die Grundlage für die in diesem Abschnitt dargestellten Themen und Analyseergebnisse bilden vier Fallstudien von Trägern, die aktuell Jugendcoaching durchführen. Die Fallstudien wurden als erster Erhebungsschritt im Rahmen der Evaluierung bereits ab Februar 2012 durchgeführt, zu einem Zeitpunkt also, als Jugendcoaching ganz am Beginn seiner Umsetzung stand. Wie erwähnt erfolgten bereits während der Pilotphase Konzeptadaptierungen, so dass einige Ergebnisse zu den entsprechenden konzeptionellen Aspekten nicht mehr aktuell sind. Darauf wird jeweils im Text hingewiesen.

Zwei der Träger aus den Fallstudien sind in der Steiermark und zwei sind in Wien angesiedelt. Im Rahmen einer jeden Fallstudie wurden insgesamt elf Interviews mit den ProjektleiterInnen, Jugendcoaches, TeilnehmerInnen, SchulvertreterInnen, KooperationspartnerInnen sowie Eltern durchgeführt. Dabei werden aus diesen verschiedenen Perspektiven der Zugang zur Maßnahme, das Konzept und seine Umsetzung, die Ressourcen für die Maßnahme, die elektronische Datenerfassung, die Kooperationen, andere Unterstützungsangebote, sowie Erfolge und Schwierigkeiten der bisherigen Umsetzung thematisiert.

3.1.1 Zugang

In den untersuchten Fallstudien zeichneten sich verschiedene Wege des Zugangs zum Jugendcoaching ab. Der quantitativ bedeutendste Zugang läuft über die "Identifikation" der gefährdeten SchülerInnen durch die Schulen, wobei hier nicht nur das vom Jugendcoaching- Konzept vorgesehene Frühmeldesystem eingesetzt wird. An manchen Schulen wird darüber hinaus ein offener Zugang für die SchülerInnen angeboten, d.h. SchülerInnen können sich von Jugendcoaches beraten lassen, ohne dass von Lehrenden ein Gefährdungspotential erkannt worden wäre. Damit die SchülerInnen Gelegenheit bekommen, von den Coaches zu erfahren und sie kennenzulernen, ist es üblich, dass diese zu Beginn die betreffenden Klassen besuchen und sich vorstellen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Jugendliche außerhalb des Bildungssystems bzw. ihre Eltern sich selbst beim Träger melden und in das Jugendcoaching aufgenommen werden. Eine weitere Zugangsweise führt über Kooperationen mit unterschiedlichen Einrichtungen, dabei wird Jugendcoaching nicht zuletzt vom AMS weiterhin in der Tradition des Clearings genützt, um für Jugendliche geeignete Perspektiven zu erarbeiten, wofür die Jugendlichen vom AMS aus an das Coaching verwiesen werden.

Die Eltern der durch LehrerInnen identifizierten Jugendlichen werden mittels Elterninformationsblatt informiert, zusätzlich werden an manchen Schulen Informationsabende für die Eltern angeboten oder die SchülerInnen gemeinsam mit ihren Eltern zu einem Erstgespräch mit dem Jugendcoach eingeladen. Die individuelle Erstberatung für die SchülerInnen findet in diesem Fall an der Schule statt, die Folgetermine zum Teil in den Räumlichkeiten des Trägers (abhängig von dessen Gepflogenheiten).

Nach Einschätzung der Träger hängt es sehr vom Engagement der Schulen ab, inwieweit der Zugang zum Jugendcoaching gelingt. So wurde die Erfahrung gemacht, dass es gerade zu Beginn verstärkt Überzeugungsarbeit bedarf, um Jugendliche ins Jugendcoaching zu bringen. Eine gewisse Skepsis zeigt sich aber auch von Seiten der Jugendcoaches, ob Jugendliche, die von der Schule zugewiesen werden, nach der Erstberatung wiederkommen würden, während Jugendliche, die auf Basis eines offenen Zugangs freiwillig zur Beratung kommen, viel motivierter seien.

An den Schulen sollen laut Jugendcoaching-Konzept wie erwähnt ausgrenzungsgefährdete Jugendliche von den KlassenlehrerInnen per standardisiertem Fragebogen identifiziert und über Klassenlisten an das Jugendcoaching gemeldet werden. Dieses Frühmeldesystem wird bisher in sehr unterschiedlichem Grad und in recht verschiedener Art und Weise umgesetzt. Auf der einen Seite funktioniert das Frühmeldesystem an vielen Standorten, besonders in Wien, wie geplant (vgl. Kapitel 5.2.4). Auf der anderen Seite findet an manchen Schulen keine standardisierte Identifizierung statt, auf Basis des offenen Zugangs kommen aber trotzdem Jugendliche ins Jugendcoaching-Programm.

Dazwischen liegen jene Schulen, die zwar Jugendliche an das Jugendcoaching melden, dafür aber nicht wie vorgesehen die standardisierten Fragebögen verwenden. Dafür werden unterschiedliche Gründe genannt: Zum einen wurden die informierenden E-Mails der Schulbehörden häufig nicht wahrgenommen, es besteht also ein Informationsdefizit, das von den Jugendcoaches erst mühsam beseitigt werden muss. Zum anderen wird nicht immer die Notwendigkeit gesehen, die bisherige Vorgangsweise, die im Rahmen der Vorgängerprojekte etabliert wurden, zu verändern. Darüber hinaus gibt es an manchen Standorten eine explizite Ablehnung der standardisierten Fragebögen, weil sie als stigmatisierend wahrgenommen werden. Wie sich in der Online-Befragung zeigt, trifft dies jedoch nur auf eine Minderheit an Schulen zu (vgl. Kapitel 5.2.4). An neu in die Betreuung aufgenommenen Schulen sind die notwendigen organisatorischen Strukturen oft auch noch nicht aufgebaut worden. Dies betrifft nicht nur das Frühmeldesystem, sondern äußert sich ferner am Fehlen einer zentralen Ansprechperson für die Jugendcoaches.

Der Identifizierungsprozess sieht somit von Schule zu Schule unterschiedlich aus, was folgende Beispiele illustrieren sollen:

  • In den untersuchten steirischen Fallstudien ist es üblich, dass die/der KlassenlehrerIn gemeinsam mit dem Jugendcoach im Herbst die SchülerInnen danach screent, ob sie zur Zielgruppe gehören - Indikationen dafür sind SPF und schlechte Noten in der dritten Leistungsgruppe im Vorjahreszeugnis. Darüber hinaus wird die Arbeitshaltung im Unterricht beobachtet, und es werden Gespräche mit den Ausbildungsbetrieben im Anschluss an Schnuppertage geführt.

  • Neben der offiziellen, standardisierten Identifizierung gibt es eine andere Vorgehensweise, die sich an einer Wiener Schule etabliert hat: Schon im Oktober findet ein Risikocheck in allen ersten Klassen der BMHS mittels eines Software-Tools statt. Auf Basis der Ergebnisse des Risikochecks - ein Selbstbild - gelangen schon die ersten SchülerInnen ins Jugendcoaching. Bei diesem Risikocheck werden die unterschiedlichsten Risikofaktoren getestet, z.B. Elternhaus, Einstellungen der Familie, Unterstützung durch FreundInnen und Familie, Selbstwert, Vorerfahrungen in der Schule, Lerntechniken. Alle SchülerInnen bekommen ein Feedback zu ihren Ergebnissen und gegebenenfalls eine Einladung zur Beratung. Später, wenn die Klassenvorstände ihre SchülerInnen besser kennen und Informationen zu den Fehlstunden und Schulleistungen vorhanden sind (spätestens zur Semesterkonferenz), werden die standardisierten Fragebögen des Jugendcoachings ausgefüllt. So wird der Zugang nicht nur durch das Selbstbild (Risikocheck) bestimmt, sondern durch ein Fremdbild ergänzt.

  • Deutlich informeller läuft es wiederum an anderen Schulen ab: Die für das Jugendcoaching an der Schule verantwortliche Person macht die Lehrenden wiederholt darauf aufmerksam, dass sie darauf achten sollen, welche SchülerInnen für das Jugendcoaching in Frage kommen und dass sie die Betreffenden nach einem Gespräch zum Jugendcoaching schicken sollen.

Der Zugang von SchülerInnen verläuft also nicht überall unter Einsatz des Frühmeldesystems. Zum Teil wird in den Interviews mit schulverantwortlichen Personen explizit Kritik daran laut. So sei zu berücksichtigen, dass die 9. Schulstufe oft an einer neuen Schule absolviert wird. Daher kennen die Klassenvorstände die Jugendlichen im Herbst noch kaum und können die Fragen des Frühmeldesystems zum Teil nicht beantworten.

"Die kommen zu uns als unbeschriebene Blätter, die hat man als Klassenvorstand in einem, mit Glück vielleicht zwei Gegenständen, sieht sie in zwei, drei Stunden in der Woche und kann sie noch gar nicht kennen." (Fall 3 / Interview 5 / Seite 11)

Zugleich wird es aber als höchst sinnvoll erachtet, mit dem Jugendcoaching schon im Herbst zu beginnen, wenn auch klar ist, dass sich bei manchen SchülerInnen der Bedarf erst im Laufe des Schuljahres zeigen wird. Dies bedeutet, dass es ebenso zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit und die Ressourcen geben soll, SchülerInnen dem Jugendcoaching zuzuführen, was ja ohnehin konzeptionell so vorgesehen ist.

Dass das Frühmeldesystem von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse unterschiedlich gut funktioniert, hat darüber hinaus damit zu tun, dass bürokratische Mehraufwände von den Schulen kritisch gesehen werden, weil den Lehrenden in der Regel zu wenig Ressourcen (Zeit und Platz) dafür zur Verfügung stehen und/oder an der Notwendigkeit der Formulare und Unterschriften gezweifelt wird. Auf der anderen Seite zeigen die Erfahrungen mit den Vorgängerprojekten jedoch, dass eine systematische Identifizierung Sinn macht, weil dadurch auch ruhige, introvertierte SchülerInnen, die die Jugendcoaches nicht selbst ansprechen würden, die Möglichkeit zur Teilnahme haben.

Bezüglich der Gestaltung des Zugangs zum Jugendcoaching ist abschließend festzuhalten, dass sich eine gewisse Kontinuität der bisherigen Systeme abzeichnet: An Schulen, die schon bisher am Clearing oder an C'mon14 teilnahmen, wird häufig das bisher als gut funktionierend angesehene Zugangssystem beibehalten. Dieses Ergebnis wird im Rahmen der Onlinebefragung von Schulen bestätigt, wo als Grund für die Nicht-Verwendung der Formulare an erster Stelle die Existenz eines alternativen Zuweisungssystems genannt wird (vgl. Tabelle 46, S.137).

Zum Interviewzeitpunkt war die Beratung von SchülerInnen durch Jugendcoaches, beginnend bei der Erstberatung, aus datenschutzrechtlichen Gründen an eine Zustimmungserklärung von Erziehungsberechtigten gebunden. Dieses Prozedere wirkte sich in manchen Fällen als Teilnahmebarriere aus und zwar für diejenigen, die am dringendsten eine Unterstützung benötigen. Jugendliche, die von zu Hause keine Unterstützung bekommen, schaffen es aus Sicht des Feldes nur schwer, an eine Elternunterschrift zu kommen. Dieser Aspekt ist insbesondere bei systemfernen Jugendlichen ein großes Problem.

Andere wiederum haben ein so schlechtes Verhältnis zu den Eltern, dass sie ihnen die Einverständniserklärung gar nicht vorlegen. Im Extremfall sind die Eltern (bzw. ist die Beziehung zu ihnen) selbst das größte Problem der Jugendlichen, so dass es paradox ist, sich erst der Erlaubnis zur Teilnahme zu fragen: "Ich kann nicht quasi jemanden erst umBewilligung fragen, der eigentlich der Verursacher des Problems ist" (Fall 3 / Interview 5 / Seite 2).

Abgesehen von dieser grundsätzlichen Problematik würden viele Jugendliche oft ganz einfach vergessen, ihre Eltern unterschreiben zu lassen, was eigentlich zur Konsequenz hätte, dass die Beratung nicht durchgeführt werden darf. In der Praxis zeigen sich unterschiedliche Strategien, um an die Elternunterschriften zu gelangen:

  • Von den LehrerInnen identifizierte Jugendliche bzw. Jugendliche, die von sich aus das Jugendcoaching nützen wollen, bekommen die Einverständniserklärung ausgehändigt und sollen sie unterschrieben zur Erstberatung mitnehmen bzw. sie vorher schon an der Schule abgeben.

  • Die Eltern identifizierter Jugendlicher werden zu einem Informationsabend oder einem Erstgespräch eingeladen, in dessen Zuge die Unterschriften eingeholt werden.

  • Das Elterninformationsblatt mit der Zustimmungserklärung wird quasi präventiv an alle SchülerInnen der 9. Schulstufe zum Einholen der Unterschriften ausgeteilt.

Mittlerweile wurde diese Vorgabe zur Elternunterschrift überarbeitet. Neben dem Zugang über das Frühmeldesystem wurde von Seiten des BMUKK per Erlass an die Schulen auf die Möglichkeit des offenen Zugangs hingewiesen. Damit ist es nun nicht mehr zwingend notwendig, die Unterschrift von Erziehungsberechtigten vorzulegen, womit ein wesentlicher Schritt im Sinne eines niederschwelligen Zugangs gesetzt wurde. Darüber hinaus wurde im Erlass für die im Zuge des Vollausbaus des Programms neu hinzukommenden Bundesländer die Verwendung der Klassen- und Schullisten explizit erklärt.

Wie aus den Analysen der Trägerbefragung sowie dem Monitoring hervorgeht, fand bis Mitte September (dem Zeitpunkt des Datenbankauszugs) der größte Teil der betreuten Jugendlichen über die Schulen Zugang ins Jugendcoaching (vgl. Abschnitte 3.2.1 sowie 4.2). Doch auch AMS, Berufsausbildungsassistenz, Produktionsschulen und andere Jugendmaßnahmen verweisen bereits Jugendliche an das Jugendcoaching. Hier scheint die Vernetzungsarbeit der Träger bereits zu fruchten. Aktuell liegt der Fokus der Jugendcoaching-Träger auf den Schulen. Das Jugendcoaching-Konzept sieht auch vor, dass "systemferne Jugendliche, sogenannte "out-of-school-Jugendliche" bzw. "N.E.E.T.-Jugendliche" (Not in Education, Employment or Training), [..] vor allem durch eine engeZusammenarbeit mit der offenen Jugendarbeit, Jugendzentren und Jugendämternidentifiziert und erreicht werden [sollen]." (BSB 2011, 9) Die Zielgruppe der NEETs wurde erst sukzessive angesprochen, allerdings wurden bereits erste Kontakte zu Einrichtungen geknüpft, welche Zugang zu systemfernen Jugendlichen haben, insbesondere zur offenen Jugendarbeit (Bsp. Jugendzentren, Streetwork) sowie zu SozialarbeiterInnen des Jugendamts und ErziehungshelferInnen. Teils werden die Ressourcen hierfür noch bewusst aufgespart zugunsten der Abarbeitung der noch vorhandenen Clearingfälle und für den Aufbau der Kooperation mit den höheren Schulen.

Zum Teil gibt es von Trägerseite eine gewisse Skepsis, ob diese Zielgruppe überhaupt mit akzeptablem Aufwand erreichbar sei. Als Beispiele für besonders schwierig zu erreichende Gruppen werden Jugendliche mit Migrationshintergrund am Land sowie jugendliche MigrantInnen, die erst nach der Schulpflicht nach Österreich gekommen sind, genannt.

Nachdem sich die Erreichung von NEETs als erfolgskritische Frage herauskristallisiert hat, wurden im Frühsommer 2012 zwei Fokusgruppendiskussionen genau zu diesem Thema durchgeführt, deren Ergebnisse im Rahmen des Kapitels zu den Zielgruppen von Jugendcoaching einer genaueren Betrachtung unterzogen werden (vgl. Kapitel 4.4.1).

3.1.2 Konzept des Jugendcoaching

Im Anschluss an das Thema ‚Zugang' steht nun das Konzept des Jugendcoachings zur Diskussion. Dabei werden die Zielgruppendefinition, der Konzeptentwicklungsprozess, die Einteilung in verschiedene Betreuungsstufen sowie andere inhaltliche Aspekte der Maßnahme aus Sicht der interviewten PraktikerInnen thematisiert.

Sehr begrüßt am neuen Konzept des Jugendcoachings wird im Vergleich zum Clearing unisono die Ausweitung der Zielgruppe. Jetzt können aus Sicht des Feldes formal betrachtet nicht nur Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf, sondern auch jene in der dritten Leistungsgruppe betreut werden. Inhaltlich bzw. hinsichtlich der Problemlagen ist es durch die Ausweitung der Zielgruppe jetzt auch möglich, Jugendliche aufzunehmen, die z.B. aufgrund von Orientierungslosigkeit schlechte Leistungen aufweisen oder keinen Fortschritt erzielen. Deren Bedarf wurde auch vor der konzeptionellen Umstellung bereits gesehen, konnte jedoch nur z.T. abgedeckt werden, obwohl auch bisher im Clearing keine enge Zielgruppendefinition (z.B. nur in Hinblick auf Behinderungen) praktiziert wurde. Allerdings ist es den AkteurInnen im Zusammenhang mit der Zielgruppenausweitung wichtig, darauf hinzuweisen, dass dadurch die ehemalige Clearingzielgruppe nicht vernachlässigt werden sollte. Deren Bedarf besteht v.a. an einem längeren Betreuungsprozess (Stufe 3) und ist nicht geringer geworden.

Problematisiert wird im Zusammenhang mit der Zielgruppendefinition der im Konzept (BSB 2011, 9) angedeutete und von manchen Trägern explizit so verstandene Ausschluss von Jugendlichen, die sich in AMS-Betreuung befinden. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass gerade viele Jugendliche mit Bedarf an Jugendcoaching beim AMS gemeldet sind, dort jedoch oft keine passenden Maßnahmen besuchen bzw. diese abgebrochen haben. Ein gewisses Paradox wird auch darin erkannt, dass einer der ersten Ratschläge im Rahmen des Jugendcoachings darin besteht, sich beim AMS zu melden, der Weg vom Jugendcoaching zum AMS also einen integralen Bestandteil darstellt, der umgekehrte Weg vom AMS zum Jugendcoaching aber nicht gestattet sein soll. In der Praxis wurde das zumindest im Rahmen des Clearings auch anders gehandhabt. Hier war der Weg vom AMS zum Clearing (oft auch im Auftrag der AMS-BetreuerInnen) oftmals gelebte Praxis.

Am Prozess der Konzeptentwicklung an sich (unabhängig vom Inhalt) wird von den Trägern deutlich kritisiert, dass sie selbst darin zu wenig eingebunden gewesen wären. Darauf führen sie anschließend zurück, dass einige Punkte im Konzept inhaltlich unklar geblieben oder auf eine nicht umsetzbare Weise konzipiert worden. Ein gewisser Ausgleich dazu wird in der aktuell vorangehenden Feinkonzeptionierung auf Länderebene gesehen und besteht in der Hoffnung, im Anschluss an die Pilotphase in die Konzeptüberarbeitung eingebunden zu sein.

"Ich hab so ein Bild [...], das für das Jugendcoaching auch gut passt. Wir sitzen auf einer oder wir fahren auf einem Zug und bauen den zusammen während wir drauf fahren (lacht), so ein bisschen." (Fallstudie 4 / Interview 8 / Seite 11)

In diesem Zusammenhang wird jedoch die Befürchtung gehegt, dass die Pilotphase keine ist, in der Erfahrungen gesammelt werden können, die dann tatsächlich zu einer Überarbeitung des Konzepts führen würden. Dagegen spräche der ausgeübte Druck, Umsetzungsergebnisse zu erzielen. So sei beispielsweise bereits zu einem Zeitpunkt, als noch gar kein Kontakt zu höheren Schulen stattgefunden hatte, die Anforderung an die Coaches und Träger herangetragen worden, im Monitoring bereits Jugendcoaching-Fälle von höheren Schulen einzutragen.

Unter dem Stichwort des Prozesses ist auch die offizielle Information an die Schulen über die Veränderung von Clearing hin zum Jugendcoaching sowie den Aufgaben, die in diesem Zusammenhang den Schulen übertragen werden, einzuordnen. Dieser Prozess wird rückwirkend als verbesserungsfähig wahrgenommen. Viele Schulen hätten die entsprechenden E-Mails mit den Informationen und dem Erlass zum Jugendcoaching nicht wahrgenommen, seien aufgrund dessen nicht informiert, geschweige denn bereits daran herangegangen, eine zentralverantwortliche Person in der Schule zu nominieren oder gar das Frühmeldesystem zu etablieren.

"Momentan geht es mir in meinem Schulbezirk so, dass ich meine Direktoren bzw. BOLehrer, wo ich halt die guten Kontakte habe, direkt anspreche und nachfrage, habt ihr oder haben Sie dieses E-Mail vom Bezirksschulinspektor bekommen? Und teilweise sitze ich mit den Schulleitern vorm Outlook-Ordner und suche dieses E-Mail bzw. bekomme Rückmeldungen: Nein, wir haben nichts gekriegt. Oder es gelingt mir, nachdem ich weiß, es muss ungefähr Anfang Februar gewesen sein, das zu finden. Ist mir gestern an einer Schule gelungen. Und dann ist es noch einmal an die BO Lehrer ausgeschickt worden. Also, es ist bei meinen Schulen, merke ich, wenig bis gar nicht wahrgenommen worden, dass es das jetzt gibt." (Fall 2 / Interview 12 / Seite 1)

Dieser Befund ist jedoch nicht durchgängig zutreffend, sondern sehr unterschiedlich zwischen den Schulen einzuschätzen. Einflussfaktoren dabei seien die Relevanz, die in der Schule oder von der informationsempfangenden Stelle (zumeist der Direktion) dem Jugendcoaching beigemessen wird sowie der Kommunikationsstil innerhalb der Schule. Gewisse Unterschiede zeigen sich diesbezüglich jedoch auch zwischen den Bundesländern. Während im einen Fall bereits frühzeitig eine große Informationsveranstaltung für die Schulen durchgeführt wurde, wurde im anderen Fall zunächst Stillschweigen den Schulen gegenüber vereinbart, was jedoch einerseits durch die medialen Maßnahmen auf Bundesebene zu der Situation geführt hat, dass sich engagierte Schulen mit Verwunderung, weshalb sie nicht informiert worden seien, an die Träger gewandt haben. Andererseits haben einzelne Träger und Coaches von sich aus die Initiative ergriffen, Informationen zum Jugendcoaching und die entsprechenden Erhebungsbögen an den Schulen verbreitet, was sie in die Rolle drängte, z.B. diese Erhebungsbögen gegenüber der Kritik der Schulen verteidigen zu müssen.

Für die Kommunikation mit und an die Schulen wird die Notwendigkeit der Betonung von Kontinuität und Parallelen zwischen Vorgängerprojekt und Jugendcoaching hervorgehoben. Dies würde die Akzeptanz seitens der Schulen deutlich erhöhen. Zum Konzept des Jugendcoachings befragt, geben sodann einige Schulen auch zu Protokoll, dass sie keine große Veränderung zum Clearing erkennen könnten, einzig der Identifizierungsbogen sei neu und nunmehr sei die Möglichkeit gegeben, eventuell mehr Jugendliche betreuen zu lassen.

Was das Konzept selbst inhaltlich betrifft, so werden v.a. die Stufeneinteilung, die Nachbetreuung und der Wiedereinstieg thematisiert:

Die Stufeneinteilung im Jugendcoaching wird grundsätzlich von den AkteurInnen vor Ort begrüßt, wiewohl noch einige Unklarheit diesbezüglich herrscht. Stufe 3 wird als äquivalent zum ehemaligen Clearing interpretiert. Dabei wird jedoch aufgrund der hohen Planzahlen in Frage gestellt, ob die Intensität der Betreuung, die auf dieser Stufe notwendig sei, aufrechterhalten werden könne. Stufe 2 wird als sinnvolle Ergänzung für jene Jugendlichen wahrgenommen, die keiner umfassenden Betreuung, sondern v.a. einer Orientierung bedürfen, wobei die Absolvierung von Praktika bei den zeitlichen Vorgaben von 8 Stunden jedoch nicht möglich wäre. Große Skepsis besteht jedoch unisono gegenüber Stufe 1. Im Zusammenhang mit Stufe 1 wird v.a. in Frage gestellt, was diese leisten kann und in welcher Relation dabei KlientInnenarbeit und Administrationsaufwand stehen. Bei den vorgegebenen Rahmenbedingungen von drei Stunden für Stufe-1-KlientInnen gehen die PraktikerInnen davon aus, dass unter Berücksichtigung von Vorbereitung, Recherche und Dokumentation rund eineinhalb Stunden reine Beratungszeit übrigbleiben, im Fall von Fahrzeiten gar nur mehr eine Stunde. In dieser Zeit sei es nicht möglich (wie das durch das Monitoring jedoch verlangt wird), den sozialen Hintergrund der KlientInnen seriös einzuschätzen, geschweige denn nachhaltige Interventionen zu setzen. Ansatzweise könne man bei Stufe 1 von einem Informations- bzw. Perspektivengespräch sprechen, jedoch wenig mehr. Vereinzelt wird hinterfragt, ob Stufe 1 ausschließlich auf die Erreichung prinzipiell hoher Betreuungszahlen ausgerichtet sei. Hierbei bestünde jedoch die Gefahr, dass die Qualität der Quantität geopfert werde, wogegen man sich bewusst verwehren möchte.

Große Diskussionen ruft bei den Jugendcoaches und ProjektleiterInnen das Mengengerüst der betreuten KlientInnen über die einzelnen Stufen hervor. Dabei wird die Ausweitung von 35 Clearingfällen auf 100[1] Jugendcoaching-KlientInnen pro Vollzeitäquivalent von manchen pauschal als schockierend hoch, von anderen aber auch inhaltlich fundiert problematisiert. Eine derartig hohe Anzahl von Personen könne man aus ihrer Sicht nicht gleichzeitig präsent haben, wie dies bisher der Fall gewesen sei. Gleichzeitig wird die Zahl von 25 Stufe-3- KlientInnen als zu gering erachtet, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.[2] An diese Einschätzung anknüpfend reiht sich die Forderung, den bisherigen Bedarf der Clearing- Zielgruppe auch weiterhin zu decken bzw. die Betreuungsstunden flexibel in Abhängigkeit vom Bedarf der KlientInnen gestalten zu können. Die Sinnhaftigkeit einer fixen Vorgabe von 50:25:25 KlientInnen in den Stufen 1-3 wird demnach stark in Zweifel gezogen und die Frage in den Raum gestellt, ob es z.B. möglich wäre, sich mit der Betreuung eines 26. Stufe-3- Falls dafür zehn Stufe-1-Fälle ersparen zu können. Schließlich wird am Mengengerüst bemängelt, dass es einen ‚Stadt-Bias' beinhalte, also Fahrzeiten am Land (sowie den aufsuchenden Ansatz) nicht ausreichend berücksichtigen würde. Unter Berücksichtigung der Zusatz- und Nebenleistungen würde entweder die Zeit der reinen KlientInnenarbeit stark schrumpfen - die Qualität also leiden - oder es müsste das Mengengerüst auf Basis de Erfahrungen in der Pilotphase (die Quantität also) deutlich überarbeitet werden. Unter den derzeitigen Vorgaben könne sich das konzeptionelle Mengengerüst ohne unerwünschte Nebeneffekte auf Ebene der Qualität nicht realisieren lassen.

Zwei weitere Aspekte des Jugendcoaching-Konzepts im Vergleich zum Clearing stehen in Diskussion und werden sehr unterschiedlich bewertet. Positiv hervorgestrichen wird die Möglichkeit des Wiedereinstiegs in die Maßnahme. Das sei verglichen zum Clearing ein echter Fortschritt und durchaus sinnvoll, wenn z.B. Nachfolgemaßnahmen (oder eine Lehre) abgebrochen werden. Demgegenüber wird jedoch die Sinnhaftigkeit der generellen Nachbetreuung hinterfragt. Nachbetreuung könne in einem Fall sinnvoll sein, in einem anderen weniger. Nachbetreuung dürfe demnach zu keiner Zwangsbeglückung werden und sei in Fällen, wo Plätze in Nachfolgemaßnahmen fehlen oder darauf gewartet werden muss, nur von enden wollender Relevanz.

3.1.3 Konzeptumsetzung

Ein geschriebenes Konzept ist der eine, seine praktische Umsetzung der andere zumindest ebenso wichtige Aspekt, um nachvollziehen zu können, welche Maßnahmen und Interventionen tatsächlich gesetzt und gelebt werden. Dementsprechend steht an dieser Stelle die Konzeptpraxis zur Diskussion, wenn in weiterer Folge darauf eingegangen wird, welchen Prinzipien die Jugendcoaches in ihrer täglichen Arbeit folgen, wie sie den Ablauf der Intervention gestalten und welche Techniken dabei zum Einsatz kommen. Abgerundet wird diese Analyse der Konzeptumsetzung durch eine Darstellung der Überlegungen zur Einteilung der KlientInnen entsprechend der Betreuungsstufen sowie durch einige Anmerkungen zur generellen Arbeitssituation der Coaches, die auch in Zusammenhang mit dem Zeitpunkt des Umsetzungsstarts steht.

Jugendcoaching versteht sich als drop-out-präventive Intervention. Das erste erklärte Ziel ist demnach, die Jugendlichen dabei zu unterstützen, im Bildungssystem (worunter auch eine Lehre verstanden wird) zu verbleiben und sie erst in zweiter Linie - wenn sie von sich aus die Bildungslaufbahn abbrechen wollen und nicht davon abzubringen sind - hinsichtlich der Integration ins Berufsleben (z.B. durch eine Begleitung zum AMS) zu unterstützen. Um den präventiven Gedanken auch wirklich leben zu können, ist es aus Sicht der PraktikerInnen wichtig, Interventionen frühzeitig zu setzen, d.h. nicht nur bevor ein Abbruch stattgefunden hat, sondern auch bevor eine nicht passende Ausbildungs- und/oder Berufswegentscheidung getroffen worden ist. Dies bedingt, dass ein Kontakt zum Jugendcoaching im zweiten Semester des neunten Schulpflichtjahres schon zu spät sein kann.

Als ein weiteres Prinzip kann das der Freiwilligkeit der Intervention genannt werden. Die Bedeutung dabei ist eine zweifache und umfasst sowohl die Teilnahme am Jugendcoaching selbst als auch die Umsetzung der Ergebnisse. Freiwilligkeit ist wichtig, denn nur so ist es möglich, die für einen erfolgreichen Coachingprozess notwendige Motivation grundzulegen. Freiwilligkeit der Umsetzung wiederum ist auch die notwendige Voraussetzung für ein drittes Prinzip des Coachings, das als Realitätsbezogenheit umschrieben werden kann. Diese Realitätsbezogenheit bezieht sich dabei v.a. auf das Coaching-Ergebnis, sprich die vorgeschlagenen Optionen für eine weitere Entwicklung. Zuweilen stehen diese in Opposition zu den (unrealistischen) Berufs- und Karrierewünschen der KlientInnen oder von deren Eltern. Diese haben die Freiheit, die Vorschläge der Coaches anzunehmen, sind jedoch in keiner Weise dazu verpflichtet. Damit es erst gar nicht zu einer derartigen Differenz kommt, erweist sich die Beziehungsorientierung - ein weiterer Interventionsgrundsatz - als hilfreich. Wichtig für das Gelingen von Jugendcoaching ist der Aufbau einer Vertrauensbeziehung zwischen den Coaches und den KlientInnen. Um diese zu fördern, werden die Jugendlichen in der Regel auch durchgängig von ein und derselben Person betreut.

Der Coachingprozess an sich lässt sich schließlich durch die Prinzipien Ressourcenorientierung, Mehrdimensionalität und Prozessorientierung charakterisieren. Prozessorientierung meint dabei eine kontinuierliche Begleitung der Jugendlichen anstelle rein punktueller Interventionen, Mehrdimensionalität stellt auf die Berücksichtigung nicht alleine nur der Bildungs- und Berufslaufbahn der Jugendlichen, sondern auch ihrer sozialen Situation ab und letztlich bezeichnet die Ressourcenorientierung, einen Fokus auch auf die Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen als Grundlage für den Coachingprozess zu legen.

"Weil da wird sehr viel mit ihnen gearbeitet, dass sie eben ja auch Fähigkeiten haben. Was sie nicht können, hören sie eh dauernd. Aber wo wirklich geschaut wird, wo haben sie ihre Begabungen, ihre Fähigkeiten, wo können sie etwas leisten. Und wo sie dann auch die Freude, es hilft ja nichts, wenn sie in vollkommen falsche Betriebe gelangen, da sind sie wirklich arm. Und wenn sie jetzt, jetzt haben sie acht oder neun Jahre immer nur gehört, wo sie Defizite haben, und jetzt finden sie einen Lehrplatz auch nicht, oder haben wieder dort Misserfolge." (Fall 2 / Interview 3 / Seite 8)

Der idealtypische Ablauf des Coachingprozesses spannt einen Bogen von der Information hinsichtlich des Angebots und dem Erstgespräch mit den KlientInnen über eine Phase der Einschätzung und Erprobung von Möglichkeiten bis hin zur konkreten Formulierung von Entwicklungsperspektiven und ersten Schritten für deren Umsetzung.

Am Beginn steht die Information über das Angebot und die Leistungen des Jugendcoachings. Um über das Jugendcoaching zu informieren, gehen die Coaches in die Klassen und stellen sich dort vor, treten bei Regional- oder Schulveranstaltungen auf beziehungsweise (das v.a. im Fall von sonderpädagogischem Förderbedarf der Jugendlichen) sprechen bereits im Vorfeld direkt mit den Eltern einzelner SchülerInnen. Als hinderlich beim Zugang zu den Jugendlichen hat sich in der Vergangenheit die notwendige Zustimmungserklärung erwiesen (vgl. Abschnitt 3.1.1). Was den Zugang ebenfalls erschwert ist aus Sicht der Beteiligten auch ein Image als Maßnahme für Personen mit Behinderung oder die Vorstellung von Coaches als Psychiater. So werden die einzelnen Träger oft als Organisationen gesehen, die sich einer Zielgruppe widmen, derer man sich nicht angehörig fühlt und wo die Annahme einer Unterstützung als Stigma empfunden werden könnte. Daher wird eine Abgrenzung von SchülerInnen und Eltern v.a. in den höheren Schulen befürchtet. Als hilfreich in diesem Zusammenhang wird der Name ‚Jugendcoaching' empfunden. Dieser sei modern und im Gegensatz zum Clearing auch noch unbesetzt.

Beim Erstgespräch im Rahmen des Jugendcoachings geht es zuerst darum, die Jugendlichen kennenzulernen. Dementsprechend stehen ihre Interessen, ihre Eigenschaften, ihre Persönlichkeit, aber auch ihr Freizeitverhalten sowie eine Problemanamnese im Zentrum des ersten Kontakts. Zuweilen ist es auch notwendig (nach der außengeleiteten Festlegung des Jugendcoachingbesuchs), Motivation für die freiwillige Teilnahme zu wecken. Dies kann geschehen, wenn den Jugendlichen begreiflich wird, dass es tatsächlich um ihre Zukunft geht und dass für diese durchaus Chancen und Perspektiven bestehen. Darüber hinaus ist eine gute Beziehung zwischen Coaches und Jugendlichen als notwendige Voraussetzung zu sehen. Eine Voraussetzung, die, wenn man Jugendliche danach fragt, durchaus gegeben zu sein scheint. LehrerInnen führen alleine auf die Tatsache, dass Coaches eben nicht dem System Schule angehören, eine viel bessere Zugangsmöglichkeit zurück, die das System Schule niemals erlangen könnte. Letztlich bleibt für diese Erstphase im Jugendcoaching-Prozess übrig zu erwähnen, dass sich ein Unterschied zwischen den Trägern darin zeigt, ob sie es auch bereits als ihre Aufgabe erachten, auf Basis des Erstgesprächs eine Zielvereinbarung zu formulieren, oder sich dafür bis zur Erprobung verschiedenster Optionen Zeit zugestehen. Ein Unterschied liegt auch darin, ob und inwieweit sich die Coaches dazu angehalten fühlen, bereits nach dem Erstgespräch eine Stufeneinteilung vorzunehmen. Während sich die einen dazu verpflichtet fühlen, weisen es die anderen als unmöglich von sich, da zu den Jugendlichen erst Vertrauen aufgebaut werden müsse. Ein dritter Differenzbereich zwischen den Trägern steht damit im Zusammenhang und betrifft die Dateneingabe ins Monitoringsystem. Während die einen - wie vorgesehen - bereits im Zuge des Erstgesprächs alle relevanten Daten erheben und Unterschriften einholen, lassen sich andere damit bis zum zweiten oder dritten Gespräch Zeit, da sie darin eine Behinderung im Vertrauensaufbau erkennen. Eine dritte Gruppe von Trägen schließlich hat zum Zeitpunkt der Interviews v.a. für Stufe-1- TeilnehmerInnen nur die Namen, aber keinerlei sensible Daten wie z.B. Sozialversicherungsnummern erhoben, weshalb auch keine Datenschutzerklärungen unterschrieben werden mussten und gaben diese KlientInnen überhaupt nicht ins Monitoringsystem ein, sondern führten parallel dazu eigene Listen. Diese Vorgaben wurden geändert und nunmehr sind weniger Daten für Jugendliche auf Stufe 1 einzugeben (vgl. Abschnitt 3.1.7).

Nach dieser ersten Phase im Zuge des Jugendcoaching-Prozesses erfolgt jene der Einschätzung und Erprobung von Möglichkeiten. Diese Phase findet im Rahmen von Treffen zwischen Coaches und Jugendlichen entweder in den Schulen oder am Standort des Trägers in je nach Bedarf unterschiedlichen Rhythmen statt. Aus der Perspektive von Schulen bedeutet dies, dass die Coaches meist einmal in der Woche für einige Stunden an der Schule anwesend sind, wobei mit den Schulen abgestimmt ist, wann welche Jugendlichen aus dem Unterricht kommen können bzw. entschuldigt sind, sodass sie möglichst keine Unterrichtsstunden in den Hauptfächern versäumen. Terminvereinbarungen außerhalb der Schule bzw. Schulzeit sind jedoch oft auch von großer Relevanz, da Jugendliche manche Dinge nur außerhalb des Schulgebäudes verbalisieren. Die Einschätzung von Möglichkeiten - um auf den Coachingprozess zurückzukommen - erfolgt dabei über Interessens- und Fähigkeitstests, deren Erprobung meist über Praktika. Bei den Interessens- und Fähigkeitstests geht es darum, Motivation und Ehrgeiz, aber auch inhaltliche Fähigkeiten in Deutsch und Mathematik abzutesten. Bei Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (aber nicht alleine bei diesen) werden diese zuweilen um Tests des logischen Denkens, der Feinmotorik, des räumlichen Vorstellungsvermögens etc. ergänzt. Ziel davon ist es, die Ursachen für schlechte Leistungen zu erkennen und so ein Verständnis für die Jugendlichen zu entwickeln, das durchaus auch an die LehrerInnen zurückgespielt wird. Ziel ist auch, die Grundlage für die Feststellung herauszuarbeiten, welcher Unterstützung es bedarf, um einen Verbleib im Bildungssystem zu ermöglichen. Manche Eltern sehen diese "Tests" durchaus kritisch, jedoch nicht im Sinne einer Fundamentalopposition, dass nochmalige Testungen in einem an sich bereits stark auf Testung und Selektion hin ausgerichteten Schulumfeld als motivationale Barriere dem Jugendcoaching gegenüber wirken könnten, sondern bringen eher die Sorge zum Ausdruck, dass ihre Kinder durch derartige (einmalige) Überprüfungen nicht im richtigen Licht erscheinen, weil sie es z.B. (verglichen zu einem Test in der Schule) nicht ernst genug nehmen würden. Als Ergebnis der Tests werden den Jugendlichen oft verschiedene Lehrberufe (oder anderweitige Ausbildungs- bzw. Betreuungsformen) vorgestellt und Beschäftigungsperspektiven mit ihnen besprochen. Als wichtig in diesem Kontext, um die Vorstellung von Berufen mit praktischen Erfahrungen zu kontrastieren, werden Praktika erachtet. So wäre es z.B. gut möglich, unrealistische Zukunftspläne der Jugendlichen zu überwinden, wofür alleine nur Ratschläge und Einschätzungen der Coaches weder bei den Jugendlichen noch bei deren Eltern ausreichen würden. Während die Praktikumsstellen als solche durchaus noch auf Vermittlung der Coaches gefunden werden, wird bei der Absolvierung der Praktika die notwendige Eigenständigkeit der Jugendlichen betont. Es sei nur in Ausnahmefällen hilfreich, die Jugendlichen dabei zu begleiten, denn Firmen würden durchaus die Eigeninitiative der Jugendlichen begrüßen bzw. einer Begleitung gegenüber Skepsis hegen. Zur Unterstützung der Selbstständigkeit werden im Rahmen des Jugendcoachings durchaus auch Bewerbungstrainings (zuweilen in Form von Workshops) durchgeführt oder das Verfassen von Bewerbungsschreiben geübt. Insgesamt kristallisiert sich auf diese Weise des Abgleichs von Interessen mit praktischer Erfahrung und deren Reflexion im Rahmen der Coachinggespräche langsam ein Berufsweg heraus.

Im Rahmen der Phase der konkreten Formulierung von Entwicklungsperspektiven wird verstärkt der Kontakt zu den Eltern aufgebaut, um sie als Unterstützer für die entwickelte Perspektive zu gewinnen und auch um festzulegen, wer welchen Part bei der Unterstützung der Jugendlichen übernimmt. Denn können die Eltern als Unterstützer der erarbeiteten Perspektiven ihrer Kinder gewonnen werden, dann schreitet der Prozess deutlich besser voran. Ein Besuch im Elternhaus ist dabei (zumindest im ländlichen Kontext) obligatorisch, um einen zusätzlichen Eindruck von den Rahmenbedingungen, Problemlagen, aber auch Ressourcen der Jugendlichen zu erhalten. Die Notwendigkeit des Elternkontakts wird von allen Coaches betont, die Möglichkeit der tatsächlichen Umsetzung jedoch zwischen Stadt und Land sehr unterschiedlich eingeschätzt. Ist das Ziel festgelegt, geht es im nächsten Schritt darum, die Realisierung in die Wege zu leiten, d.h. Coaches sind damit befasst, Plätze in Nachfolgeeinrichtungen zu finden oder es wird mit vereinten Kräften daran gearbeitet, eine dem Berufswunsch entsprechende Lehrstelle zu finden, wobei manche PraxisakteurInnen stärker als andere betonen, dass es nicht Aufgabe des Jugendcoachings ist, Lehrstellen zu akquirieren. Eine Zusammenfassung all der bisherigen Schritte und weiteren Empfehlungen findet sodann in den Abschluss- bzw. Clearingbericht Eingang. Aus der Sicht der Coaches ist der Betreuungsprozess dann zufriedenstellend abgeschlossen, wenn nicht nur eine Anschlussperspektive, sondern auch eine Umsetzung dafür gefunden wurde. Idealerweise findet hierbei auch noch ein Übergabegespräch zwischen allen Beteiligten im Rahmen der aufnehmenden Institution statt. Die Nachbetreuung war bisher im Clearingkonzept nicht vorgesehen, wurde zuweilen von den Coaches jedoch ganz einfach deshalb wahrgenommen, weil sich die Jugendlichen (bzw. deren Eltern) als ihre Vertrauten oft auch nach dem Maßnahmenende an sie gewandt haben. Zum anderen wurde Nachbetreuung auch von vielen Coaches als notwendig erachtet, weshalb sie sie - einerlei ob im Clearing ein Auftrag dafür bestanden hat oder nicht - durchgeführt haben.

Dieser idealtypische Ablauf muss nach Ansicht der Coaches je nach Bedarfslage der Jugendlichen differenziert werden. Einmal geht es darum, Lehrstellen zu finden, in einem anderen Fall darum, einen Platz in einer geschützten Werkstätte zu bekommen. Bei MigrantInnen dreht sich die Beratung oft um Fragen der Arbeitsbewilligung, bei Jugendlichen mit Lerneinschränkungen dafür um Anträge nach dem Landesbehindertengesetz und so weiter.

Der vorangehend vorgestellte Ablauf des Jugendcoachings, der sich den danach befragten Jugendlichen in seinem Aufbau und seiner Logik nicht immer erschließt, ist sehr stark an der Stufe 3 bzw. dem ehemaligen Clearing orientiert. Konkrete praktische Erfahrungen, wie sich die anderen Stufen von diesem idealtypischen Ablauf unterscheiden, sind unter Coaches, die aus dem Clearing kommen, nicht weit verbreitet bzw. werden eher negativ in dem Sinne formuliert, was mit acht respektive drei Betreuungsstunden eben nicht mehr realisiert werden könnte. So könne man z.B. unmöglich für 100 Jugendliche Plätze in Nachfolgemaßnahmen finden und organisieren. Coaches, die nicht aus dem Clearing stammen, erwähnen demgegenüber eher, dass es durchaus möglich sei, mit einem guten Gespräch ein Leben zu beeinflussen, Aha-Erlebnisse zu provozieren, indem man sich der Techniken motivierender Gesprächsführung oder konfrontativer Pädagogik bediene. Manchmal würden Jugendliche einfach auch nur einige Informationen benötigen. Auch das könne man im Rahmen von Stufe 1 umsetzen. Darüber hinaus steht bei Trägern, die nicht in der Clearing-Tradition stehen, weniger die Lehrstellensuche, sondern eher die Unterstützung beim Verbleib in der Schule im Vordergrund. Gleichzeitig spielt jedoch auch die Zusammenarbeit und Integration der Eltern tendenziell eine weniger zentrale Rolle bzw. ist schwieriger umzusetzen. Aus dieser Gegenüberstellung wird ersichtlich, dass das konkrete Prozedere im Rahmen von Jugendcoaching nicht rein nur von der Bedarfslage der Jugendlichen, sondern auch stark vom Vorgängerprojekt und von den bereits gesammelten Erfahrungen mit dem neuen Konzept abhängt.

Damit ist implizit auch die Frage angesprochen, wie in der Praxis die Einteilung in verschiedene Betreuungsstufen erfolgt bzw. welche Vorstellungen im Feld darüber bestehen, für welche Zielgruppen sich die einzelnen Stufen eignen.

Hinsichtlich der reinen Stufe-1-TeilnehmerInnen bestehen diesbezüglich die größten Unsicherheiten. Stufe 1 sei viel Datenerhebung und wenig Arbeit mit Jugendlichen, weshalb vielen Coaches unklar ist, welche Problem- und Bedarfslage der Jugendlichen dem entsprechen könnte. Die meisten AkteurInnen gehen davon aus, dass es sich dabei um Jugendliche handelt, die einfach ein unbefriedigtes Informationsbedürfnis über alternative Ausbildungs- und/oder Berufsmöglichkeiten aufweisen und bei denen absehbar ist, dass sie im Stande sind, die nächsten Schritte selbstständig zu organisieren. Dementsprechend wird Stufe 1 auch als Bildungsberatung für Jugendliche definiert, die feststellen, dass sie sich in der falschen Schule befinden. Mutmaßlich ist diese Bedarfslage vermehrt in den höheren Schulen anzutreffen. In diesem Zusammenhang wird auch überlegt, Workshops für diese Jugendlichen anzubieten. Stufe-2-Jugendliche sind den Vorstellungen der PraktikerInnen entsprechend z.B. jene, die keine grundlegende Berufsorientierung benötigen, sondern bereits grobe Ideen haben, bei denen es darum geht, sie bei der Realisierung eines konkreten Anliegens zu unterstützen. Das könnte sein, eine reguläre Lehre abzubrechen und in die integrative Berufsausbildung einzutreten. Andere wiederum sprechen in Zusammenhang mit Stufe 2 von Jugendlichen, die keine langfristige Begleitung, sondern nur kurzfristige Beratung oder zeitweilige Anstöße benötigen. Eine dritte Gruppe von Coaches schließlich sieht hiermit Jugendliche gut betreut, die Motivationsprobleme haben oder bei denen Lernfragen und -techniken im Vordergrund stehen. Die Praxis ist also weit von einem einheitlichen Verständnis entfernt und manche merken auch an, dass man im Team erst darüber diskutieren müsse, was Stufe 2 sein soll. Gewisse Einhelligkeit besteht demgegenüber in der Einschätzung von Stufe 3. Darunter fallen eben Jugendliche, die aufgrund gravierender Problemlagen (z.B. keinerlei Vorstellungen von schulischen und/oder beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und keinerlei Unterstützung durch die Eltern) einer dauerhaften und langfristigen Unterstützung sowie intensiver Berufsorientierung inklusive Praktika in Form eines klassischen Case Managements bedürfen. Jedenfalls ist den AkteurInnen klar, dass durch die Umstellung von Clearing auf Jugendcoaching und die damit einhergehende Ausweitung der Zielgruppe insgesamt eine breitere Fülle an Bedürfnissen und Problemlagen abgedeckt werden muss.

Zuweilen sind es auch pragmatisch-praktische Gegebenheiten, die über die Stufenzuteilung entscheiden. Sie hängt z.B. von der Bereitschaft der Jugendlichen ab wiederzukommen bzw. ergibt sich automatisch, wenn Jugendliche schon öfter gekommen sind. Andere Coaches wiederum sehen sich außerstande nach dem Erstgespräch eine fundierte Stufenentscheidung zu treffen, weil es zunächst erforderlich ist, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, bevor die Jugendlichen bereit sind, über ihre Problemlagen und Bedürfnisse zu sprechen. Deshalb werden von manchen die Jugendlichen grundsätzlich einmal auf Stufe 2 eingestuft und es wird der Betreuungsfortschritt abgewartet, bevor sie die Entscheidung für Stufe 3 treffen. Letztlich obliegt es in der Praxis auch den Coaches zu entscheiden, wie intensiv sie in Abhängigkeit von ihrer Arbeitsbelastung einen Jugendlichen betreuen (können).

Die Arbeitsbelastung, womit das abschließende Thema im Zusammenhang mit der Konzeptumsetzung angesprochen ist, wird derzeit als enorm empfunden. Einerseits fühlen sich einige Coaches massiv überlastet, da sie neben der Betreuung ihrer Clearingfälle jetzt auch viel Ressourcen für die Vernetzung, die Akquise neuer Schulen und den Aufbau von Strukturen aufwenden müssen. Erschwerend wird ein großer Druck auf die Projektumsetzenden wahrgenommen. So sei die Erwartungshaltung übergeordneter Stellen groß, bereits jetzt Zahlen und Erfolge des Jugendcoachings präsentieren zu können bzw. werde man immer wieder damit konfrontiert, innerhalb kürzester Frist zusätzliche Vorgaben (Gestaltung der Homepage, Befüllung der Datenbank, Präsentation bestimmter Fälle) erfüllen zu müssen, obwohl die Rahmenbedingungen dafür oft noch nicht gegeben sind.

Als druckverschärfend wird in diesem Zusammenhang der Start des Jugendcoachings mit dem Wechsel des Kalenderjahres empfunden, zu einem Zeitpunkt also, wo im Herbst ‚normal' mit Clearing gestartet worden ist. Dadurch ergibt sich einerseits eine Doppelbelastung, andererseits sei es zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, das Jugendcoaching in vollem Umfang zu starten, da viele Aktivitäten bereits anderweitig geplant waren. Aus diesem Grund rechnen die AkteurInnen vor Ort damit, dass sich der Bedarf an Jugendcoaching im kommenden (Schul-)Jahr verglichen zu diesem vergrößern wird. Neben dem Druck, der in der Aufbauphase von Seiten der Projektumsetzenden konstatiert wird, bestehen auch generell hohe Ansprüche an die Arbeit der Coaches, die sich aus dem konzeptionellen Ansatz von Case Management ergeben. Daran schließt der folgende Abschnitt an.

3.1.4 Die Rolle(n) der Jugendcoaches: Erwartungen und Grenzen

Mit der Rolle von Jugendcoaches sind hohe Ansprüche verbunden: Sie sind BeraterInnen und Coaches, KrisenmanagerInnen und MediatorInnen, AnwältInnen und NetzwerkerInnen. Ihre Aufgaben sind umfassend und sie sind gefordert, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Es existiert keine klar abgrenzbare Rolle von Jugendcoaches. Im Gegenteil bündeln sie mehrere Rollen und sind manchmal ganz klar in einer professionellen Rolle, dann wieder übernehmen sie eher die Rolle eines Elternteils oder einer Vertrauensperson bzw. FreundIn. Dies ergibt sich als Konsequenz daraus, dass Jugendliche in ihrer gesamten Lebenswelt gesehen werden, nicht nur beschränkt auf Aspekte, die direkt mit Bildung und Beruf zu tun haben, und dementsprechend umfassende Anliegen ins Coaching bringen können. Für Coaches bedeutet dies, den Spagat zwischen Vertrauensperson und außenstehender ProfessionistIn zu überbrücken, was eine Reflexion der eigenen Rolle(n) und bei Bedarf auch eine explizite Klärung der Beziehung mit den Jugendlichen erfordert.

Die spezifischen Anforderungen an die Rolle der Coaches können je nach Bedürfnis der Jugendlichen unterschiedlich ausfallen und im Rahmen der Betreuung auch wechseln. Von Seiten Jugendlicher und ihrer Eltern wird diese Flexibilität in den Rollen sehr geschätzt. Von Seiten der Projektumsetzenden werden vor diesem Hintergrund multiprofessionelle Teams positiv bewertet, wo unterschiedliche Perspektiven auf die Jugendlichen angewandt werden können, und wie es an den meisten Trägerstandorten auch der Fall ist (vgl. dazu Abschnitt 3.2.2):

"Ich meine, ich finde diese Durchmischung immer sehr super. Weil ein klassischer Sozialarbeiterzugang der so ist "vielleicht machen wir zusammen Freizeitgestaltung" - sollte es auch nicht sein. Ein nur pädagogischer Zugang, der ist "ich gebe jetzt auch etwas vor, und das wird umgesetzt". Ein psychologischer Ansatz, der ist "mh, was könnte denn da dahinter stecken". Also ich denke mir, so diese Durchmischung ist das, was es ausmacht."(Fallstudie 1 / Interview 5 / Seite 10)

Jugendcoaches übernehmen entsprechend dem im Konzept verankerten Ansatz der Freiwilligkeit keine absolute Verantwortung für den jeweiligen "Fall", sondern verfolgen das Ziel, die Jugendlichen in ihrer Selbstständigkeit zu stärken. Vor diesem Hintergrund wird auch den Eltern ganz klar kommuniziert, dass sie weiterhin die Verantwortung für ihre Kinder haben und sich aktiv beteiligen müssen. An diesem Punkt wird die Notwendigkeit deutlich, Jugendcoaching deutlich vom Familiensystem abzugrenzen. Eine solche Abgrenzung ist jedoch auch schwierig. Die Einbindung der Eltern ins Jugendcoaching ist ganz wesentlich, gelingt jedoch in der Realität nicht immer. Jugendcoaches sollen Eltern nicht ersetzen - zum Teil ist es aber notwendig, die entsprechende Rolle kurzfristig einzunehmen, um das Fehlen einer Person aus dem Familiensystem, etwa jemanden, der den Jugendlichen vermittelt, hinter ihnen und ihren Zukunftsplänen zu stehen, zu kompensieren (vgl. Kapitel 4.3.2). Während das Engagement von Eltern als wesentlich beschrieben wird, wenn es darum geht, die erarbeiteten Empfehlungen auch umzusetzen, ist ein solches nicht immer vorhanden. Jugendcoaching kann sich entlastend auf die Jugendlichen bezüglich ihrer familiären Situation auswirken, wurde aber auch schon von Seiten der Eltern instrumentalisiert, indem eigene Unterstützungsbedarfe in den Coachingprozess eingebracht wurden. Die Grenze zu Elternberatung wird von den Trägern unterschiedlich gesteckt, aber auch unterschiedlich bewertet. Zum Teil sind viele Ressourcen in die Arbeit mit Eltern eingeflossen, zum Teil werden diese Interventionen als sehr sinnvoll wahrgenommen, im Gegensatz dazu wird von anderen wieder gewarnt, dass Jugendcoaching nicht zu Elternberatung mutieren dürfe.

Nicht nur bezogen auf das Familiensystem werden hohe Erwartungen an die Jugendcoaches gestellt. So sind auch Erwartungen durch die Schulen breit gestreut. Aus Sicht der schulverantwortlichen Personen entlasten die Coaches LehrerInnen oder Eltern, fangen SchülerInnen auf, machen individuelle Berufsorientierung, arbeiten mit lokalen Betrieben zusammen um Perspektiven für leistungsschwache Schüler zu ermöglichen etc. Aus der Perspektive der Coaches ist es gerade im Kontext solcher Erwartungen sehr wichtig, sich abzugrenzen, v.a. von dem Eindruck, für alles zuständig zu sein. So sei etwa bei der Darstellung der eigenen Aufgaben eine Abgrenzung zu verwandten Professionen wichtig. Bestimmte Problemlagen, z.B. psychiatrische Probleme, überschreiten den eigenen Verantwortungsbereich. In solchen Fällen werden flankierende Hilfen in Anspruch genommen. Weder stellten Jugendcoaches psychologische Diagnosen an, noch seien sie Streetworker, sehr wohl aber gehört die Organisation eines Therapieplatzes, die Vernetzung mit Einrichtungen z.B. für wohnungslose Jugendliche, oder mit der Schuldnerberatung zu ihren Aufgaben. Praktikumsplätze zu akquirieren sei Teil der Arbeit, nicht jedoch die Akquise von Lehrstellen. Jugendcoaches seien auch keine reinen BildungsberaterInnen noch LehrerInnen. Das Anliegen, den Handlungsauftrag an Jugendcoaching konkreter abzustecken, wurde auch im Rahmen der Fokusgruppendiskussionen nochmals eingebracht (vgl. Kapitel 4.4.2).

3.1.5 Gender und Diversity

Gender Mainstreaming und Diversity Mainstreaming sind im Konzept des Jugendcoachings verankert, wobei unterschiedliche Ansätze festgehalten werden: Keine Benachteiligung Jugendlicher mit Migrationshintergrund, einer nicht-deutschen Erstsprache sowie einer Behinderung. Daneben wird mit dem "intercultural Mainstreaming"-Ansatz versucht, Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen, ohne auf gesellschaftliche Benachteiligungen zu vergessen. Schließlich sollen unterschiedliche Bedürfnisse von weiblichen und männlichen Jugendlichen berücksichtigt und im Sinne einer Dekonstruktion geschlechtsspezifischer Stereotype in der Berufswahl reflektiert werden (vgl. BSB 2011:10f).

Von Fortbildungen im Bereich Gender Mainstreaming und Diversity wird an allen Trägerstandorten berichtet. Weitere Ansätze werden in sehr unterschiedlicher Art und Weise umgesetzt: Während zum Thema Gender und Diversity bei den einen auf ein Angebot an weiblichen und männlichen Coaches verwiesen wird, wird bei den anderen auch der Aspekt kultureller bzw. geschlechtsspezifischer Rollenmuster bei der Berufswahl reflektiert und zu steuern versucht und wieder bei einem anderen Träger wurde bislang jährlich eine eigene Diversitätsstudie erstellt, auf deren Basis Umsetzungsschritte erfolgten.

Ein Angebot an weiblichen und männlichen Coaches je nach Wunsch des oder der Jugendlichen gibt es nicht an allen Standorten. Wenn doch, ist es selbst dann in der Praxis nicht immer möglich, den Jugendlichen die Auswahloption zu bieten. Jugendcoaches mit Migrationshintergrund gibt es wiederum in Wien an jedem zweiten Standort, in der Steiermark jedoch an keinem einzigen Standort (vgl. Ergebnisse der Trägerbefragung, Abschnitt 3.2.2).

Rollenmuster bei der Berufswahl werden wie erwähnt bei einigen Trägern reflektiert und eine Gegensteuerung wird verfolgt, indem Jugendliche motiviert werden, geschlechts-untypische Berufe oder Ausbildungen zu ergreifen. Auch hier sind diesem theoretischen Anspruch Grenzen gesetzt und - das gilt unabhängig davon, ob es sich um Träger aus Wien oder aus der Steiermark handelt - Jugendliche entscheiden sich in der großen Mehrheit für "traditionelle" Laufbahnen. Die Gründe dafür erklären die Träger unterschiedlich bzw. in unterschiedlichem Reflexionsgrad. Auf der einen Seite wird dies damit erklärt, dass Jugendliche mit dem Ansatz Gender Mainstreaming nichts anzufangen wüssten, sie durch traditionelle Rollenbilder geprägt seien oder ihnen die "atypischen" Berufe einfach nicht liegen würden. Auf der anderen Seite gehen die Überlegungen weiter und es werden ebenso Barrieren von Seiten der Betriebe in die Überlegungen einbezogen.

Inwiefern Umsetzungsschritte im Zusammenhang mit Gender und Diversity möglich sind, die sich nicht in einem gemischtgeschlechtlichen Team sowie dem Fokus auf Laufbahnen erschöpfen, zeigt das Beispiel eines Trägers, der jährlich eine Diversity-Studie erstellt hat. Darin wurden die unterschiedlichen Bedürfnisse der Jugendlichen an die Betreuung reflektiert, das Angebot dementsprechend adaptiert und als Folge wurde beobachtet, dass der Mädchenanteil gestiegen sei bzw. Mädchen seltener abgebrochen hätten.

Schließlich wird im Zusammenhang mit Diversity auch das Thema "Sprache" von den MitarbeiterInnen angesprochen: Teils werden am Standort mehrere für die Zielgruppe relevante Sprachen abgedeckt, was als klarer Erfolg in der Umsetzung gewertet wird. Besonders die Zusammenarbeit mit Eltern hätte sich dadurch wesentlich verbessert bzw. sei dadurch überhaupt erst ermöglicht worden. Teils wird zumindest thematisiert, dass zu wenige Sprachen durch das Team abgedeckt würden, was bedauert, aber auf einen schlichten Mangel an geeignetem Personal zurückgeführt wird. An anderen Standorten ist hingegen "Sprache" kein Thema, das in der Umsetzung von Jugendcoaching als zentral erachtet wird, da bislang kaum Jugendliche mit Migrationshintergrund zur Klientel gehörten.

3.1.6 Ressourcenausstattung

Wenn an dieser Stelle das Thema der Ressourcenausstattung zur Diskussion steht, dann wird damit primär die Frage beleuchtet, wie die Personalsituation der Träger in Hinblick auf die übernommenen Aufgaben zur Umsetzung des Jugendcoachings eingeschätzt wird. Es steht also primär einmal nicht die Frage im Zentrum, ob ein/e Vollzeit angestellte/r Jugendcoach 100 Jugendliche im Verhältnis 2:1:1 über die Stufen hinweg betreuen kann. Diesbezügliche Überlegungen sind im Rahmen des Kapitels zum Konzept der Maßnahme dargestellt worden. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht hier die Frage, wie sich die Ressourcenausstattung in Relation zum Bedarf insgesamt gestaltet. Darüber hinaus wird die Frage behandelt, welche Konsequenzen auf Ebene der Umsetzung mit einer zu geringen personellen Ressourcenausstattung (bzw. zu großen Nachfrage) verbunden sind. Abschließend wird in diesem Abschnitt auch noch die Ressourcensituation an Schulen thematisiert.

Die Ressourcenausstattung der Träger für die Umsetzung des Jugendcoachings wird trotz der derzeitigen Arbeitsüberlastung reflektiert beurteilt. Mehrfach wird dabei die Position vertreten, dass eine seriöse Einschätzung der Ressourcenausstattung zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht möglich sei, da erst noch Erfahrungen gesammelt werden müssen, wie sich der Bedarf tatsächlich gestaltet und wie die Verteilung auf die einzelnen Coaching- Stufen sein wird. Die einzelnen Träger hätten aufbauend auf einer Bedarfsschätzung und angenommenen Stufenverteilung verglichen zur Situation im Clearing für die Umsetzung des Jugendcoachings zusätzliche Mittel erhalten, wobei dies jedoch nicht bei allen Trägern dazu geführt hat, dass zusätzliches Personal eingestellt worden ist. Die Argumentation lautet, zunächst einmal abwarten zu wollen, wie sich die Bedarfslage entwickelt. In Abhängigkeit davon wird die derzeitige Arbeitssituation von den Coaches der einzelnen Träger unterschiedlich eingeschätzt. Obwohl alle eine starke Arbeitsauslastung v.a. während der Aufbauphase betonen, empfinden sie die einen als überfordernd ("voll brutal"), weil sie z.B. 116 Jugendliche zeitgleich betreuen, während die anderen die Ressourcen als vorläufig ausreichend bzw. leicht ausbaubedürftig einstufen. Viel wird davon abhängen, wie sich der Bedarf in den höheren Schulen gestaltet, die bisher auch aus dem Grund, weil man momentan zu einem hohen Anteil der Arbeitszeit immer noch mit Clearingfällen ausgelastet sei, noch nicht kontaktiert wurden. Sollte der Bedarf deutlich steigen, sei aber auch bereits eine nochmalige Ressourcenaufstockung in Aussicht gestellt worden.

Wenn Ressourcenausstattung und Unterstützungsbedarf nicht in ausgewogener Balance zueinander stehen, eröffnen sich in der Praxis der Maßnahmenumsetzung mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Eine erste naheliegende Konsequenz sind Wartezeiten für den Eintritt in die Maßnahme, wie sie zuweilen auch schon für das Clearing von manchen KooperationspartnerInnen kritisch hervorgestrichen wurden. Eine Abwandlung davon ist in der Strategie zu sehen, den Kontakt zu den neuen Schulen erst langsam zu suchen und auf die Zeit zu verlegen, wenn die aktuelle Belastung durch "alte" Clearingfälle rückläufig ist. Eine zweite mögliche Reaktionsweise auf eine zu große Nachfrage ist die Selektion von TeilnehmerInnen z.B. nach ihrem Unterstützungsbedarf. Beides sind Strategien, die auf der quantitativen Ebene liegen und die inhaltliche Ausgestaltung der Maßnahme als solche nicht direkt beeinflussen. Doch auch derartig qualitative Strategien sind denkbar und werden im Feld als mögliche Konsequenz einer Überauslastung in den Raum gestellt. So sei es denkbar, das Jugendcoaching rein nur noch auf den Beruf auszurichten und die soziale und persönliche Situation der Jugendlichen außer Acht zu lassen, oder aber auch das Ausmaß von Proaktivität einzuschränken, d.h. bei den Jugendlichen zwischenzeitlich nicht nachzufragen, ob sie Probleme und damit verbundenen Unterstützungsbedarf haben. Die unmittelbarste Qualitätsauswirkung ist jedoch für die von vielen Coaches gezogene Konsequenz festzustellen, dass aufgrund all der Zusatzaufgaben und des vorgegebenen Mengengerüsts im Rahmen von Stufe 1 nicht mehr als 1 bis 1,5 Stunden Beratungszeit möglich sind.

Die Ressourcensituation an den Schulen schließlich wird auf zwei unterschiedlichen Ebenen und dabei auch wieder unterschiedlich beurteilt. Während der Haupttenor hinsichtlich der Teilnahme der Schulen am Jugendcoaching an sich bezogen auf die dafür notwendigen Ressourcen neutral bis leicht kritisch ist, merkt so mancher Jugendcoachingträger in diesem Zusammenhang an, dass dadurch mangelnde Wertschätzung der Leistung von Schulen zum Ausdruck gebracht und deren Engagement in die Sphäre einer Freizeitbeschäftigung abgeschoben werde. Die LehrerInnen empfinden unter diesen Umständen nicht so sehr die Teilnahme am Jugendcoaching selbst als Zumutung, doch aber das Ausfüllen der Formulare als Zeitverschwendung und bringen Unmut darüber zum Ausdruck, dass auch dafür keine Überstunden anerkannt werden (vgl. dazu auch Abschnitt 3.1.1).

3.1.7 Elektronische Datenerfassung

"Zur Sicherstellung eines adäquaten Betreuungsverlaufs sowie um die Möglichkeit der EDVgestützten Aufbereitung der fallbezogenen Informationen zu gewährleisten, ist in jedem Fall ein leistungsfähiges Datenverarbeitungssystem einzurichten, das auf die für die Prozessevaluierung notwendige Erhebung von Datenmaterial Rücksicht nimmt und eine Darstellung von Nachkarrieren sichtbar macht." (BSB 2011, 35)

Im Rahmen von Jugendcoaching steht dieses Datenverarbeitungssystem in Form des sogenannten Portals zur Verfügung. Die darin einzutragenden Daten gliedern sich in personenbezogene und nicht-personenbezogene Daten und umfassen soziodemographische Daten (zu Alter, Staatsbürgerschaft, Geschlecht, Wohnort etc.), dem Betreuungsverlauf (Eintritt-Austritt, Stufe) sowie eine lange Liste an Daten zu spezifischen Problemlagen bzw. Income- und Outcome-Faktoren. Darunter fallen Einschätzungen der Jugendcoaches zu Umfeld, Orientierung der Jugendliche, Motivation u.v.m., die bei Beginn und beim Austritt aus der Betreuung von den Jugendcoaches eingetragen werden (vgl. dazu genauer Kapitel 4.3).

Zum Zeitpunkt der Interviews mit den Projektumsetzenden war vorgesehen, alle Daten für alle Jugendlichen zu erheben, und zwar ungeachtet der Betreuungsstufe. Diese Situation führte zu teils heftiger Kritik von Seiten der Träger. Insbesondere für Jugendliche, die nur die Stufe 1 durchlaufen und damit maximal drei Stunden lang betreut werden, wurde der hohe Aufwand für die Eingabe der Daten als nicht gerechtfertigt gesehen. Weiters war die Eingabe der Income- und Outcome-Variablen aus ihrer Sicht mit der Implikation verbunden, dass innerhalb eines dreistündigen Betreuungsprozesses bereits eine Vielzahl an Wirkungen erreicht werden könnte oder sollte, was aus ihrer Sicht nicht der Realität entspricht. Schließlich wurde es ganz einfach als unmöglich gesehen, bereits bei einem ersten Treffen die Bandbreite an spezifischen Problemlagen einschätzen zu können. Darüber hinaus wurde von den Projektumsetzenden problematisiert, dass die Erhebung der teils sensiblen Daten den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den Jugendlichen störe und auch im Gegensatz zum niederschwelligen Zugang stehe. Damit war insbesondere die Eingabe der Sozialversicherungsnummer angesprochen.

Vor diesem Hintergrund wurden die notwendigen Eingaben für Jugendliche auf Stufe 1 erheblich reduziert, insbesondere um die kompletten Income- und Outcome-Variablen. Die im Rahmen der Interviews geäußerte Kritik muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden und dürfte mittlerweile in vielen Punkten nicht mehr der derzeitigen Sichtweise der Träger entsprechen.

Ein zweiter wesentlicher Kritikpunkt in Bezug auf das Portal bezog sich auf die mangelnde Einbindung der Träger bei der Konzeption des Monitorings und auf einen als hektisch erlebten Start der Dateneingabe, wo relevante Informationen an die Träger teils verspätet eingetroffen waren, andererseits die Aufforderung zu einer raschen Dateneingabe wahrgenommen wurde.

Schließlich wurde vonseiten der Träger auch bezüglich Anonymität Kritik laut. Aufgrund der geringen Zahl der betreuten Jugendlichen in ländlichen Regionen sei durch Kombination der Einträge der nicht-personenbezogenen Daten die Anonymität der Einträge nicht mehr sichergestellt. Auch hier wurde mittlerweile eine Lösung gefunden, indem die Postleitzahl der nächstgelegenen größeren Gemeinde eingegeben wird. Auch hier wurde also im Sinne der Träger, aber auch der zu betreuenden Jugendlichen, ein wichtiger Schritt getan.

Als weiteres Problem hinsichtlich der Dateneingabe wurde von den Trägern die Art der Fragen bzw. der konkreten Formulierungen angesprochen. Einige der Income-Variablen seien defizitorientiert oder stigmatisierend, forderten eher zu einer Diagnose auf, was von Jugendcoaches nicht geleistet werden könne, und impliziere die Möglichkeit, durch das Jugendcoaching Wirkungen zu erzielen, die nicht realistisch sind, beispielsweise bezüglich psychischer Beeinträchtigungen. Andere Fragen seien wiederum durchaus angemessen, etwa diejenige nach der beruflichen Motivation oder Orientierung der Jugendlichen. Daneben wird von Seiten der Träger auch auf die Möglichkeit von neuen Fragen hingewiesen die durchaus reale Wirkungen von Jugendcoaching abbilden würden. Insofern gibt es in diesem Bereich noch Potenzial für weitere Adaptierungen bzw. Verbesserungen.

3.1.8 Kooperationen

In den vorangegangenen Abschnitten wurden Ergebnisse zu wesentlichen Aspekten der Konzeptumsetzung dargestellt, in den folgenden Abschnitten wird das Thema Kooperation mit relevanten UmfeldakteurInnen inhaltlich näher beleuchtet. Im Konzept des Jugendcoachings wird Kooperation als wesentliches Element festgehalten, das sich über alle Stufen und Phasen zieht: Bei der Erreichung der Zielgruppen ist im Zusammenhang mit der Implementierung des Frühwarnsystems eine Zusammenarbeit mit Schulen Voraussetzung. ‚Systemferne' Jugendliche sollen über Kooperationen mit außerschulischen niederschwelligen Einrichtungen erreicht werden. Ebenso stellen die Vermittlung oder Begleitung in begleitende bzw. Folgemaßnahmen einen wesentlichen Bestandteil des Konzeptes dar. Ein Anspruch, der sich aus dem Case-Management-Ansatz ergibt, liegt darin, unterschiedliche Unterstützungsangebote in ein Gesamtkonzept zu integrieren, um für die KlientInnen ein passendes Bündel an Hilfen zu schnüren. Voraussetzung dafür sind Kooperationen mit unterschiedlichen Stellen und Personen (Schulen, AMS, Familien, Bundessozialamt...) bzw. ist die "Steuerung von Systemen" ein Aufgabenbereich von Case Management.

Im folgenden Abschnitt wird die Umsetzung dieser Kooperationen diskutiert, wie sie einerseits von den Trägern des Jugendcoachings, andererseits von deren KooperationspartnerInnen wahrgenommen wird, wie auch die Sichtweisen aller Beteiligten aufeinander.

Neben den Schulen (vgl. dazu Kapitel 5.1) bestehen vielfältige Kooperationen zwischen Jugendcoaching-Trägern und Einrichtungen aus dem gesamten Unterstützungssystem: Arbeitsmarkt(-politik) (AMS, Berufsausbildungsassistenz, Arbeitstraining...), soziales System (BH, Jugendamt), Gesundheit (psychische Beeinträchtigungen) und unterschiedliche Beratungsstellen. Diese Kontakte existieren teilweise schon seit der Phase der Vorgängerprojekte. Die unterschiedlichen Angebote werden zum einen flankierend zum Jugendcoaching in Anspruch genommen: bei spezifischen Problemlagen, z.B. psychischen Beeinträchtigungen oder Wohnungslosigkeit; aber auch um den Jugendlichen Praktika zu vermitteln, z.B. in Ausbildungszentren oder Beschäftigungsprojekten. Zum anderen sind die Projekte als Folgemaßnahmen zu verstehen, die in den Abschlussberichten empfohlen werden. Mit der Erweiterung der Zielgruppe ergeben sich neue Vernetzungsbedarfe, zugleich mussten bisherige KooperationspartnerInnen über die konzeptionellen Änderungen im Vergleich zu den Vorgängerprogrammen informiert werden. Das bedeutet, dass in der Anfangsphase ein größerer Arbeitsaufwand in den Bereich Vernetzung fließt.

Generell ist die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit hoch, sowohl aus Sicht der Jugendcoaching-Träger als auch aus Sicht der interviewten KooperationspartnerInnen. Dies hängt damit zusammen, dass mit dem Jugendcoaching eine Drehscheibe eingerichtet wurde, die die einzelnen Angebote bei der Betreuung der/des jeweiligen Jugendlichen sinnvoll kombiniert. Grundsätzlich wird auch die Möglichkeit, schnell Kontakt aufzunehmen und die relevanten Schritte setzen zu können, sehr positiv gesehen.

Mittlerweile ist die Kooperation mit den diversen Einrichtungen so institutionalisiert, dass die Jugendcoaching-Träger über neue Angebote und freie Plätze am Laufenden gehalten werden. Da sich die Angebotslandschaft aber ständig ändert, liegt es auch im Aufgabenbereich der Jugendcoaches, darüber Informationen einzuholen, um ständig auf dem neuesten Stand zu sein. In diesem Zusammenhang wird in beiden Bundesländern der Bedarf nach einem systematischen Überblick über das jeweils regionale Angebot für Jugendliche geäußert.

Die Clearing- bzw. Abschlussberichte werden unterschiedlich wahrgenommen. Sie werden von nachfolgenden Stellen (wie AMS, Berufsausbildungsassistenz, BH) zum Teil hoch gelobt und bilden einen integralen Bestandteil ihrer Arbeit. Die Jugendcoaching-Träger hingegen erkennen damit in Zusammenhang eine gewisse Ambivalenz: Auf der einen Seite sollen die Berichte die Jugendlichen motivieren, indem darin ihre Stärken hervorgehoben werden. Auf der anderen Seite sollten auch ganz klar Schwächen angesprochen werden, insbesondere, wenn nachfolgende Stellen diese als Kriterium für eine Aufnahme oder Gewährung von Förderungen heranziehen.

Das AMS wird bei allen Fallstudien als wichtiger Kooperationspartner geschildert, wobei sowohl Jugendliche vom Jugendcoaching zum AMS übermittelt werden als auch umgekehrt. Die konkrete Umsetzung der Zusammenarbeit erfolgt wiederum unterschiedlich. Bei einem Träger finden Termine mit Jugendlichen und Coaches direkt am AMS statt, vom anderen Träger wird davon Abstand genommen, die Jugendlichen persönlich zu den AMS-Terminen zu begleiten, sehr wohl aber wird Unterstützung bei der Vereinbarung von Terminen mit den AMS-BetreuerInnen geboten. Die Kooperation wird teils als sehr gut gelobt, teils werden große Unterschiede gesehen, was die Kooperationsbereitschaft einzelner AMSMitarbeiterInnen anbelangt. Wie bereits in Kapitel 3.1.2 beschrieben, existieren von Trägerseite auch Zweifel, ob AMS-gemeldete Jugendliche überhaupt im Rahmen des Coachings betreut werden dürfen. Dem gegenüber steht die Praxis, dass Jugendliche direkt vom AMS an das Jugendcoaching verwiesen werden, wenn der Bedarf nach einer Abklärung besteht. Was bei den Trägern Anlass zu Kritik an der Zusammenarbeit mit dem AMS gibt, sind Strukturen, die den Weg der Jugendlichen zur AMS-Meldung bzw. einem Beratungsgespräch kompliziert gestalten, z.B. wenn klare Ansprechpersonen fehlen. In diesem Zusammenhang wird durch die Träger auch Kritik an den Strukturen in Wien laut. In der Vergangenheit sei der Zugang zum AMS im Rahmen des SchulaustreterInnenteams mit klaren personellen Zuständigkeiten einfacher gewesen als gegenwärtig, wo mehr Personen beteiligt und die Kommunikationswege vielfältiger seien.

In Zukunft werden auch jene Einrichtungen, die im Zusammenhang mit dem niederschwelligen Zugang ins Jugendcoaching relevant sind, in die Kooperationen eingebunden werden: Jugendzentren, Streetwork bzw. die offene Jugendarbeit. Eine Zusammenarbeit mit entsprechenden Einrichtungen wurde zum Interviewzeitpunkt noch nicht systematisch umgesetzt, erste Kontaktaufnahmen waren aber bereits erfolgt. Die diesbezüglichen Erfahrungen gehen in unterschiedliche Richtungen: Auf der einen Seite wurde Jugendcoaching positiv aufgenommen und Kooperationsbereitschaft signalisiert. Auf der anderen Seite wurde mit Skepsis reagiert, da offene Jugendarbeit den Freizeitbereich der Jugendlichen, nicht deren berufliche Integration, im Fokus habe und diesen Bereich klar von der eigenen Arbeit abgrenzt (vgl. hierzu die Ergebnisse der Fokusgruppen, Kapitel 4.4.1).

In beiden Bundesländern sind auch die Träger des Jugendcoachings untereinander vernetzt, was über die jeweilige Koordinationsstelle organisiert bzw. unterstützt wird. Daneben existieren Arbeits- und Steuergruppen zu unterschiedlichen Themen und auf unterschiedlichen Ebenen. Als Aufgaben der Koordinationsstelle Wien und des Bundessozialamtes Steiermark wird neben der Vernetzung der Jugendcoaching-Träger auch Öffentlichkeitsarbeit wahrgenommen. Die Kooperation mit dem Auftraggeber wird von Trägerseite positiv wahrgenommen. Ausschlaggebend dafür ist, dass Träger eine Wertschätzung ihrer Arbeit von diesen Stellen wahrnehmen und ihre Erfahrungen insofern berücksichtigt werden, dass darauf bei Bedarf konzeptionelle Adaptionen erfolgen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein wechselseitiger Nutzen sowohl vonseiten des Jugendcoachings als auch für dessen KooperationspartnerInnen der Kooperation förderlich ist, wie auch in der Literatur festgehalten wird (vgl. Abschnitt 2.2.3). Wenn die Beteiligten eine Entlastung des eigenen Systems bzw. der eigenen Einrichtung wahrnehmen, stehen sie dem Jugendcoaching offen gegenüber. Dies betrifft nicht nur außerschulische Angebote für Jugendliche, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Schulen selbst, auf die im Rahmen von Kapitel 5.1 noch genauer eingegangen wird.

3.1.9 Angebotslandschaft, Überschneidungen und Lücken

Anschließend an das Thema "Kooperationen" geht es nun um die Positionierung des Jugendcoachings in der weiteren Angebotslandschaft sowie um die Wahrnehmung dieser Angebotslandschaft durch die Jugendcoaching-Träger. Damit steht die Frage nach Schnittstellen zu und Überschneidungen mit anderen Angeboten inner- und außerhalb des Schulsystems sowie Angebotslücken im Zentrum.

Überschneidungen zwischen Jugendcoaching und anderen Angeboten werden nicht wahrgenommen, weder von ProjektleiterInnen und MitarbeiterInnen selbst noch von ihren KooperationspartnerInnen und es wird auch keine Konkurrenz erlebt. Aus ihrer Perspektive unterscheidet sich Jugendcoaching deutlich von anderen Angeboten für Jugendliche. Da es an der Schnittstelle zwischen Schulsystem und Arbeitsmarkt angesiedelt ist, stünde es in keinem Konkurrenzverhältnis zu schulinternen Angeboten. Zum anderen verfolgt es einen präventiven Ansatz und setzt bereits im Schulsystem an. Dadurch unterscheide es sich von kompensatorischen Maßnahmen für Jugendliche, die zu dem Zeitpunkt ansetzen, wenn Jugendliche bereits nicht mehr im Schulsystem sind.

Überschneidungen mit dem Jugendcoaching werden auch von den interviewten Schulen nicht gesehen. Dieses Ergebnis wird im Kapitel Befragung von Schulen bestätigt sowie differenziert dargestellt werden (vgl. Kapitel 5.2.3).

Wenn es um die Frage nach potenziellen Überschneidungen mit anderen Jugendmaßnahmen außerhalb des Schulsystems geht, wird von Trägerseite mit dem Case Management-Ansatz argumentiert. Demnach versteht sich Jugendcoaching als Drehscheibe, das bei Bedarf an flankierende Angebote verweist und in der Empfehlung für ein entsprechendes Folgeangebot mündet. Da den Jugendlichen das jeweils für sie passende Angebot empfohlen wird, so die Argumentation, fühlen sich die Träger dieser Angebote weder benachteiligt noch sehen sie andere als bevorzugt an.

Aus Sicht der Koordinationsebene fällt die Einschätzung bezüglich Konkurrenz und Überschneidungen mit anderen Jugendmaßnahmen etwas anders aus. Zwar wird auch auf dieser Ebene Jugendcoaching als wesentliche Ergänzung zum existierenden Unterstützungssystem wahrgenommen und die Funktion von Case Management hervorgehoben. Allerdings wurden, gerade in der Anfangsphase, auch Begehrlichkeiten anderer Institutionen wahrgenommen, die die Beauftragung der Träger der Vorgängerprojekte (Clearing und C'mon 14) in Frage stellten. Schließlich wird auch von der Befürchtung berichtet, andere Angebote würden durch Jugendcoaching überflüssig: Zum einen durch eine prinzipielle Verdrängung anderer Maßnahmen im Bereich Übergang Schule-Beruf, zum anderen, da Jugendcoaching präventiv arbeitet und damit jene Angebote, die einem kompensatorischen Ansatz folgen, längerfristig obsolet machen würde. An dem Punkt, ob andere Angebote überflüssig werden, wenn Jugendcoaching flächendeckend implementiert wird oder ob angesichts der Problematiken auch weiterhin genug für jeden zu tun sein wird, unterscheiden sich die Sichtweisen.

Nach der Frage zu potenziellen Überschneidungen zwischen Jugendcoaching und anderen Angeboten wird nunmehr die Frage nach Lücken in der Angebotslandschaft diskutiert. An diesem Punkt zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. Während in Wien und in der Obersteiermark von einer guten Abdeckung gesprochen wird, wird die Situation in der Oststeiermark ganz anders wahrgenommen. Es werden hier grundsätzlich zu wenige Angebote für Jugendliche bzw. die Zielgruppe gesehen und wenn entsprechende Angebote existieren, ist deren Erreichung oft mit unzumutbaren Wegstrecken verbunden.

Abseits von der Einschätzung der generellen Versorgung werden sowohl für die Steiermark als auch für Wien recht ähnliche Lücken im Angebot gesehen, wenn es um spezifische Maßnahmen geht. So gäbe es zu wenige bzw. gar keine Maßnahmen für Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen, die Zielgruppe ist teils auf mindestens 17-Jährige begrenzt. Aber auch im niederschwelligen Bereich, d.h. wenn es primär um psychosoziale Stabilisierung, dem Training einer Tagesstruktur in Kombination mit Beschäftigung geht, werden Lücken wahrgenommen. Schließlich seien Angebote im arbeitsmarktpolitischen Bereich, bei denen auch Deutsch gelernt werden kann, Angebote für Jugendliche, die erst nach der Schulpflicht nach Österreich kommen, und für Jugendliche im Asylverfahren dünn gesät, was zumindest in der Steiermark so gesehen wird[3]. Daneben halten die Beteiligten - wieder in Wien und in der Steiermark - fest, dass im Bereich "Lernhilfe" ebenfalls Angebote fehlen - entweder prinzipiell oder in der jeweiligen Region oder zwar zur Verfügung stehen, jedoch kostenpflichtig sind.

Auch wenn es prinzipiell geeignete Nachfolgemaßnahmen in der Region gibt, gestaltet sich die Verfügbarkeit freier Plätze in Nachfolgeangeboten in der Steiermark als Problem. Aufgrund eines knappen Platzangebotes entstehen oft längere Wartezeiten und teils ändern sich frei verfügbare Plätze recht schnell, sodass eine Kalkulation schwierig ist. Daraus ergeben sich Probleme für die Umsetzung von Jugendcoaching: Teils sehen sich die Coaches vor die Frage gestellt, welche Empfehlung ausgesprochen werden soll bzw. kann, wenn es z.B. gar kein passendes Folgeangebot gibt. Oder Jugendliche müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen und es stellt sich die Frage, inwieweit sie während dieser Zeit ihre Motivation, ein nachfolgendes Angebot in Anspruch zu nehmen, aufrechterhalten können. Zudem sehen Träger an diesem Punkt die Schwierigkeit, die geforderte Nachbetreuung der Jugendlichen gewährleisten zu können. Beobachtet wird zudem die Tendenz, dass Angebote für Jugendliche, z.B. solche mit einer psychischen Problematik, in der letzten Zeit reduziert würden. Gleichzeitig und im Widerspruch dazu wird mit dem neuen Jugendcoaching ein Programm für eine große Zielgruppe, nämlich für alle, die einen Bedarf daran haben, implementiert.

An diesem Punkt lassen sich zwei Umgangsweisen mit dem teils knappen Platzangebot unterscheiden: Auf der einen Seite kommt es zu einem Ohnmachtsgefühl, weil der eigene Arbeitsauftrag nicht optimal erfüllt werden kann. Auf der anderen Seite wird eine der Wirkungen des Programms gerade darin gesehen, Lücken im Angebot aufzuzeigen und damit eine Grundlage für Adaptionen zu liefern.

3.2 Befragung der Jugendcoaching-Träger

Im Juni und Juli 2012 wurde eine schriftliche Befragung aller Jugendcoaching-Träger durchgeführt. Die damit abgedeckten Themen umfassen den Zugang ins Jugendcoaching, Kooperationen mit den relevanten UmfeldakteurInnen, die Bewertung des Jugendcoaching- Konzeptes, die Ressourcenausstattung, das Monitoring sowie die Qualifikationen der Coaches. Im Sinne des ganzheitlichen Evaluierungskonzeptes fließen Aspekte, die sich im Rahmen der Fallstudien als erfolgskritisch abgezeichnet haben, ebenfalls in die Befragung ein. Dies stellt einerseits einen Beitrag zur Qualitätssicherung der erzielten Evaluierungsergebnisse dar, andererseits können damit die Ergebnisse in ihrer quantitativen Bandbreite beschrieben werden. Dies ist umso mehr möglich, als tatsächlich alle Träger den Fragebogen ausgefüllt und retourniert haben. In Summe liegen 20[4] Fragebögen vor, 8 davon aus der Steiermark und 12 aus Wien. Obwohl es sich damit um eine geringe Anzahl an Fragebögen handelt, handelt es sich somit um eine Vollerhebung.

3.2.1 Zugang ins Jugendcoaching

Auch in diesem Kapitel bildet das Thema Zugang zum Jugendcoaching den Auftakt. Wie sich bereits in der Analyse der Fallstudien gezeigt hat, führt in der derzeitigen Pilotphase der quantitativ bedeutsamste Weg ins Jugendcoaching über Schulen. Im Durchschnitt aller Träger gelangen schätzungsweise 83% der Jugendlichen über Schulen in die Betreuung. Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass bereits durchaus andere Zugangswege ins Jugendcoaching hergestellt wurden und genutzt werden. Immerhin fast ein Fünftel, nämlich 17%, gelangte zum Erhebungszeitpunkt über Zugänge außerhalb von Schulen ins Jugendcoaching. Dabei ist festzuhalten, dass dieser Anteil zwischen den einzelnen Trägern beträchtlich schwankt und zwischen ‚gar keinen' und 80% liegt. Einige Träger sind demnach darauf spezialisiert, Jugendliche außerhalb des Schulsystems ins Jugendcoaching zu integrieren während andere Träger sich zum Zeitpunkt der Erhebung auf die Zielgruppenerreichung über Schulen konzentrierten.

Unabhängig davon, wie sich die Anteile der innerhalb- sowie außerhalb des Schulsystems akquirierten Jugendlichen gestalten, haben fast alle Träger bereits die Erfahrung gemacht, dass TeilnehmerInnen durch ihre Eltern ins Jugendcoaching gekommen sind. Etwa die Hälfte der Träger schließlich gibt an, dass sich Jugendliche von sich aus beim Träger gemeldet haben. Bis auf Ausnahmen verweisen auch Einrichtungen abseits der Schule potenzielle TeilnehmerInnen an die Träger (nämlich an 85%). Dabei handelt es sich um eine Bandbreite an Einrichtungen, angefangen vom AMS über Qualifizierungsprojekte, Ämter bis hin zu Jugendzentren und sonstigen Vereinen, bei denen Jugendliche aus der Zielgruppe angetroffen werden können.

Was den Zugang von SchülerInnen ins Jugendcoaching betrifft, lautet ein Ergebnis aus den Fallstudien, dass dieser nicht immer friktionsfrei abläuft (vgl. Abschnitt 3.1.1). An Schulen, die im Rahmen der Vorgängerprojekte noch nicht integriert waren, ist es aus Sicht der Projektumsetzenden mit einigem Arbeits- und Überzeugungsaufwand verbunden, um einen gelingenden Zugang herzustellen. Dieser Unterschied zwischen "alten" und "neuen" Schulen wird im Rahmen der quantitativen Trägerbefragung bestätigt, allerdings auch deutlich relativiert: Der Zugang über "alte" Schulen funktioniert aus Sicht der Träger ‚sehr gut', derjenige über neue Schulen wird immerhin als ‚eher' gut wahrgenommen.

Deutlich geringer ist die Zustimmung zur Aussage, dass an den Schulen tatsächlich auch das Frühmeldesystem genutzt wird (der Durchschnitt liegt zwischen ‚eher' und ‚eher nicht'). D.h. auch gegen Ende des Schuljahres 2011/2012 ist diese formale Zugangsweise durchaus noch nicht an allen Schulen etabliert.

Ebenfalls bestätigt wird die Beobachtung, dass die Einverständniserklärung der Eltern eine Barriere beim Zugang darstellt sowie diejenigen, die den höchsten Bedarf an einer Teilnahme hätten, behindert. Die Träger geben an, dass diese beiden Aspekte im Durchschnitt ‚eher' bis ‚sehr' zutreffen.[5]

Abbildung 3: Bewertung von Aspekten des Zugangs

Was den eigenen Arbeitsaufwand betrifft, damit der Zugang zu Jugendlichen über die Schulen gelingt, gestalten sich die Ergebnisse der quantitativen Befragung in Summe weniger dramatisch als dies im Rahmen der Fallstudien aufgezeigt wurde. Über alle Träger hinweg ist laut Trägern bei 20% aller Schulen Überzeugungsarbeit bzw. intensivere Kommunikation notwendig, damit auch tatsächlich SchülerInnen an das Jugendcoaching gemeldet werden. 9% aller Schulen reagieren mit Widerstand auf das Jugendcoaching und bei 6% der Schulen ist es sehr mühsam, überhaupt hineinzukommen. Allerdings unterscheiden sich diese Erfahrungen zwischen den Trägern sehr deutlich voneinander. Während einige Träger keine dieser drei Erfahrungen gemacht haben, geben andere an, dass 90% der von ihnen betreuten Schulen dazu überredet werden müssen, SchülerInnen ans Coaching zu verweisen. Dass Schulen mit Widerstand auf das Programm reagieren bzw. dass es mühsam ist, überhaupt den Kontakt herzustellen, trifft in einigen Fällen auf die Hälfte der betreuten Schulen zu.

Tabelle 1: Herausforderungen beim Zugang über Schulen

 

Trifft im Durchschnitt aller Träger auf ...% der Schulen zu

Trifft beim jeweiligen Träger auf ...% bis ...% der Schulen zu.

Anteil an Schulen, bei denen Überzeugungsarbeit/ intensivere Kommunikation notwendig ist, damit sie Jugendliche ans JU verweisen.

20%

0-90%

Anteil an Schulen, die mit Widerstand auf das JU reagiert haben.

9%

0-50%

Anteil an Schulen, wo es sehr mühsam ist, überhaupt hineinzukommen.

6%

0-50%

Q: IHS-Trägerbefragung, n=18. N<20 bedeutet, dass einzelne Frage nicht oder unplausibel beantwortet wurden.

3.2.2 Aspekte der Maßnahmenumsetzung

Mit der Aufgabe von Jugendcoaches sind hohe Ansprüche verbunden. Die Relevanz entsprechender Qualifikationen, Kompetenzen und Erfahrungen, aber auch eines unterstützenden Arbeitsumfeldes mit Möglichkeiten zu gegenseitigem Austausch und Reflexion wurde im einleitenden theoretischen Teil bereits festgehalten (vgl. Abschnitt 2.2). Die entsprechenden Ergebnisse aus der quantitativen Trägerbefragung werden im folgenden Abschnitt dargestellt. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, wie sich die Relation unterschiedlicher Arbeits- bzw. Tätigkeitsbereiche gestaltet und wie Träger die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie die Kooperation mit relevanten AkteurInnen einschätzen.

Insgesamt 134 Jugendcoaches (111 Vollzeitäquivalente) waren zum Erhebungszeitpunkt über alle Träger hinweg tätig. Was die Größe des jeweiligen Trägerstandortes betrifft, ist die Bandbreite sehr groß: Von einem bis zu 18 Vollzeitäquivalenten sind an einem Standort für das Jugendcoaching tätig. Im Durchschnitt hat ein/eine Jugendcoach (VZÄ) von Jänner bis Mitte September 2012 43 Jugendliche betreut (vgl. dazu die Daten aus dem Monitoring). Die Hälfte der Träger hat extra für das Jugendcoaching neue MitarbeiterInnen aufgenommen, in Summe 25 Coaches (23 VZÄ). Der überwiegende Anteil der Jugendcoaches war also bereits im Rahmen der Vorgängerprojekte beim jeweiligen Träger tätig und kann somit relevante Erfahrungen in das Jugendcoaching mitbringen. Insgesamt sind 37 Männer als Jugendcoaches tätig, was einem (bescheidenen) Anteil von 28% entspricht.

Ein beachtenswertes Ergebnis ist, dass alle Jugendcoaches angestellt sind. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass den hohen Ansprüchen, mit denen diese im Rahmen ihrer Tätigkeit konfrontiert werden, von Seiten der ArbeitgeberInnen mit stabilen Beschäftigungsverhältnissen entsprochen wird, was einen wichtigen Punkt an die Qualitätssicherung einlöst. Auch an anderen Aspekten zeigt sich, dass Qualitätssicherung einen wesentlichen Punkt in der Arbeit der Jugendcoaching-Träger darstellt. Alle Träger geben an, dass Teamaustausch regelmäßig stattfindet und die Coaches sich kontinuierlich weiterbilden.

Im Zuge der Interviews wird geschildert, dass sich insbesondere im Zuge der Umstellung auf Jugendcoaching Anlässe für Teambesprechungen ergeben, wenn auf neu auftretende Fragen und Probleme reagiert werden muss, Vorgehensweisen festgelegt und gemeinsame Strategien entwickelt werden. In diesem Zusammenhang werden auch längere Settings - etwa in Form von Klausuren - als notwendig erachtet. Dem steht jedoch aufgrund der hohen Arbeitsbelastung in der Anfangsphase sehr wenig Zeit entgegen.

Bis auf Ausnahmen untersuchen die Träger (90%) die Gründe dafür, wenn Jugendliche die Betreuung abbrechen. Immerhin gut drei Viertel der Träger führen eigene Messungen des Projekterfolges durch und gut die Hälfte aller Träger nutzt laut eigener Angaben dafür das Portal, das ansonsten kontroversiell diskutierte Monitoringsystem. Schließlich fließt bei zwei von drei Trägern das Feedback der Jugendlichen in die weitere Umsetzung des Projektes ein.

Abbildung 4: Qualitätssicherung

Ein Blick auf die Qualifikationen der Jugendcoaches zeigt, dass diese breit gestreut sind. Die quantitativ größte Bedeutung haben Ausbildungen im psychologischen Bereich, gefolgt von Sozialarbeit und (Sozial-)Pädagogik. Qualifikationen in den Bereichen Case Management, Coaching sowie Bildungsberatung stehen an einem von zwei Trägerstandorten zur Verfügung. Bei den meisten Trägern finden sich multiprofessionelle Teams, die Qualifikationen in mehreren Bereichen aufweisen, die Hälfte der Teams verfügt über Qualifikationen aus allen drei Bereichen Sozialarbeit, Psychologie und (Sozial-)Pädagogik.

Diese Multiprofessionalität wird in den Fallstudien von Seiten der Projektleitungen sowie der Coaches selbst als großer Vorteil gesehen. Dadurch sei es möglich, unterschiedliche Sichtweisen auf die konkrete Einzelfallarbeit einzubeziehen, von heterogenen Blickwinkeln zu profitieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Teils werden die Qualifikationen und Kompetenzen auch im Sinne teaminterner Weiterbildungen genutzt.

Abbildung 5: Qualifikationsstruktur der Jugendcoaches

Was die sprachlichen Kenntnisse betrifft, gelingt es, wie bereits in den Fallstudien angedeutet, bisher nicht, die Diversität der Jugendlichen abzudecken. Englischsprachige Coaches finden sich zwar bei jedem Träger; Coaches, die auf Französisch mit ihren Jugendlichen kommunizieren könnten, an fast einem Drittel aller Standorte. Allerdings nur an einem Viertel der Träger steht zumindest eine Person zur Verfügung, die Türkisch spricht, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch an drei, Ungarisch oder Polnisch gar an nur zwei Standorten. 10% der Jugendcoaches haben selbst eine andere Erstsprache als Deutsch, diese verteilen sich insgesamt auf sieben Träger ausschließlich in Wien. Das bedeutet, in der Steiermark gibt es überhaupt keine Jugendcoaches, die eine andere Erstsprache als Deutsch aufweisen, während dies in Wien zumindest auf über die Hälfte der Standorte zutrifft.

Im Rahmen der Fallstudienanalysen wurde festgehalten, dass die Projektumsetzenden von einer starken Arbeitsbelastung aufgrund des Strukturaufbaus sowie der Planzahlen sprechen und die Ressourcenausstattung in Relation dazu als zu niedrig beklagen. Durch die Trägerbefragung können diese Ergebnisse zum Teil bestätigt, zum Teil aber auch relativiert werden.

In erster Linie werden die personellen Ressourcen als knapp wahrgenommen, allerdings von weniger als der Hälfte der Träger (42%). Diese Einschätzung ist unabhängig davon, wie viele Coaches am Standort tätig sind und ob seit Start des Jugendcoachings neue MitarbeiterInnen aufgenommen wurden. Die finanziellen Ressourcen werden von fast drei Viertel der Träger als passend wahrgenommen. Dass personelle Ressourcen als unzureichend, finanzielle Ressourcen jedoch als passend eingeschätzt werden lässt sich dadurch erklären, dass sich mit der Anstellung neuer Jugendcoaches die Planzahlen um weitere 100 Jugendliche verändern - insofern ist die Kompensation von Arbeitsbelastung durch die Einstellung neuer MitarbeiterInnen auf diese Art kaum möglich.

Räumlichkeiten und Ausstattung werden von vier Fünftel der Träger als passend eingeschätzt und dass ausreichend Qualifikationen und Fachkompetenzen vorhanden sind, konstatiert die überwiegende Mehrheit.

Allerdings geben die Träger im Rahmen einer offenen Frage zur Ressourcenausstattung an, dass die intensive Arbeit mit neuen Schulen erst anläuft und ein eventuell erhöhter Ressourcenbedarf derzeit noch nicht absehbar sei. Bezüglich der Einschätzung, dass zu wenige Ressourcen in Hinblick auf Räumlichkeiten und Ausstattung zur Verfügung stünden, verweisen die Träger in der offenen Frage darauf, dass damit oftmals räumliche Ressourcen direkt an den Schulen angesprochen sind. Gespräche mit Jugendlichen an den Schulen zu führen ist manchmal notwendig, oft gibt es aber keine geeigneten Räumlichkeiten dafür.

Tabelle 2: Bewertung der Ressourcenausstattung

 

passt

zu wenig

personelle Ressourcen

58%

42%

finanzielle Ressourcen

72%

28%

Räumlichkeiten, Equipment, technische Ausstattung

79%

21%

Qualifikationen und Fachkompetenz

95%

5%

Q: IHS-Trägerbefragung, n=mind. 18. N<20 bedeutet, dass einzelne Frage nicht oder unplausibel beantwortet wurden.

Anschließend an die Bewertung der Ressourcenausstattung stellt sich die Frage, wie viel Arbeitszeit in die Betreuung der Jugendlichen fließt und wie sich ganz generell die Verteilung der Tätigkeitsbereiche unterscheidet. Die Träger schätzen im Schnitt, dass knapp die Hälfte der Arbeitszeit aller MitarbeiterInnen, die mit dem Jugendcoaching zu tun haben, in die Betreuung der Jugendlichen fließt. An zweiter Stelle stehen ‚sonstige' Tätigkeiten wie Administration, Koordination, Vernetzung, Fahrtzeiten, für die ein Drittel des Zeitbudgets veranschlagt wird. Jeweils auf unter 10% wird der Aufwand für die Akquise von Jugendlichen sowie die Dokumentation geschätzt. Deutlich wird auch hier, dass es große Unterschiede zwischen den Jugendcoaching-Trägern gibt.

Tabelle 3: Verteilung von Tätigkeitsbereichen

 

Durchschnitt

Akquise von Jugendlichen

8%

Betreuung der Jugendlichen inkl. vor- und Nachbereitung

49%

Dokumentation (Portaleingaben und alternative Dokumentation)

9%

sonstige (Fahrtzeiten, Administration, Koordination, Teamsitzungen, Weiterbildung, Vernetzung)

33%

Q: IHS-Trägerbefragung, n=18. N<20 bedeutet, dass einzelne Frage nicht oder unplausibel beantwortet wurden.

Was die Ergebnisse zu Kooperationen aus den Fallstudien betrifft, werden diese in quantitativer Hinsicht bestätigt. So wird Jugendcoaching kaum als Konkurrenz zu anderen Unterstützungsangeboten wahrgenommen; sondern als wichtige Ergänzung derselben. Auch ein klarer wechselseitiger Nutzen ist den betroffenen Personen bewusst. Trotzdem wird es auch in Zukunft notwendig sein, das Profil von Jugendcoaching gegenüber den VernetzungspartnerInnen zu schärfen.

Die Kooperationen mit nachfolgenden Angeboten bewerten die Träger im Durchschnitt auf einer Skala zwischen 0 und 3, wobei 3 für ‚sehr gut' steht, mit 2,8, diejenigen mit flankierenden fast genauso gut (2,6), die Zusammenarbeit mit dem AMS immerhin mit 2,2. Auch die Zusammenarbeit mit dem Bundessozialamt gibt Anlass zur Zufriedenheit (2,7) und diejenige mit der Koordinationsstelle des Bundeslandes noch etwas mehr (2,8).

3.2.3 Bewertung des Konzeptes

Im Anschluss an die Ergebnisse der Fallstudien wurden auch unterschiedliche Fragestellungen bezüglich des Jugendcoaching-Konzeptes und dessen Umsetzung in die Trägerbefragung integriert. Die Jugendcoaching-Träger wurden zu einer Bewertung des Konzeptes je nach Stufe hinsichtlich dreier Aspekte aufgefordert: Klarheit des definierten Handlungsauftrages, Sinnhaftigkeit der Stufe in Hinblick auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und schließlich die Angemessenheit des dafür veranschlagten Stundenausmaßes.

Der Handlungsauftrag von Stufe 1 ist aus Sicht der Träger im Durchschnitt ‚eher' klar, bei Stufe 2 geringfügig weniger klar definiert und bei Stufe 3 zwischen ‚eher' und ‚sehr klar' definiert. In Hinblick auf die Bedürfnisse der Jugendlichen schätzen die Träger insgesamt sowohl Stufe 2 als auch 3 zwischen ‚eher' und ‚sehr' sinnvoll ein. Kritik gibt es hingegen an Stufe 1, die im Durchschnitt als ‚eher nicht' sinnvoll in Hinblick auf die Bedürfnisse der Jugendlichen bewertet wird. Dieses Ergebnis hängt wesentlich mit der Sichtweise der Wiener Träger zusammen, wie noch genauer ausgeführt wird. Der quantitative Aspekt - das vorgesehene Stundenausmaß pro Stufe - könnte aus Sicht der Träger insgesamt durchaus noch besser ausfallen. Für Stufe 1 wird dieses im Schnitt als ‚eher nicht' angemessen empfunden, die Einschätzung bessert sich über Stufe 2 auf Stufe 3, wo es als ‚eher' angemessen eingeschätzt wird.

Abbildung 7: Einschätzung der 3 Stufen

Ein genauerer Blick auf die Ergebnisse zeigt, dass erstens die Stufen unterschiedlich bewertet werden, wobei die Einschätzung von Stufe 3 jeweils am besten ausfällt; zweitens unterscheiden sich die Träger in Wien von denjenigen in der Steiermark und sind (fast) durchgängig kritischer. Die Einschätzung aller drei Stufen fällt in der Steiermark besser aus als in Wien, wobei dies insbesondere für Stufe 1 gilt. Die steirischen Träger schätzen auch über die Stufen hinweg die Sinnhaftigkeit in Bezug auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und das vorgesehene Stundenausmaß besser ein als die Träger in Wien.

Abbildung 8: Bewertung der Stufen nach Bundesland

Insgesamt, d.h. bezüglich aller drei Aspekte (klare Definition, inhaltliche Sinnhaftigkeit und ausreichendes Zeitausmaß), nehmen die Träger also insbesondere Stufe 3 positiv wahr, während sich die Kritik in erster Linie auf Stufe 1 bezieht. Neben dieser Einschätzung der drei Stufen wurden in der Trägerbefragung weitere Aspekte aufgegriffen, die im Rahmen der Fallstudien kritisch eingeschätzt wurden, mit dem Ziel, sie auf einer breiteren quantitativen Ebene zu überprüfen.

Die Bewertung und teils kritische Sichtweise auf die konzeptionellen Aspekte von Jugendcoaching hat wie erwähnt zum Teil auch damit zu tun, dass die derzeitige Pilotphase als belastend wahrgenommen wird, wie dies auch in den Fallstudien festgehalten wurde. Die Analyse der Trägerbefragung verdeutlicht, dass solche Belastungen von der Mehrheit der Träger wahrgenommen werden. Diese Aspekte nehmen die Träger insgesamt am kritischsten wahr. Kritik richtet sich dabei auf das Mengengerüst und die hohen Erfolgserwartungen, mit denen sich die Träger bereits in der Pilotphase konfrontiert sehen. Dabei hat aus Sicht der Träger auch die Qualität zu leiden. Allen drei abgefragten Aspekten stimmen die Träger im Durchschnitt zwischen ‚eher' und ‚sehr' zu.

Auf Ebene der Teams spiegelt sich das in einer wahrgenommenen Überforderung, was durchschnittlich ‚eher' zutrifft. Wiederum etwas weniger wird dies von den steirischen Trägern wahrgenommen.

Abbildung 9: Wahrgenommene Belastungen

Weitere kritische Aspekte, wie sie im Rahmen der Fallstudien herausgearbeitet wurden und die nunmehr einer quantitativen Überprüfung unterzogen werden, beziehen sich auf folgende Fragen:

  • Ermöglicht das geplante Mengenverhältnis zwischen den drei Stufen, den Bedarf der Zielgruppe abzudecken?

  • Gelingt die Einteilung in Stufe 2 oder 3 problemlos?

  • Sind mindestens zwei Stunden reiner Beratungszeit auf Stufe 1 möglich?

  • Teilen die Träger die Befürchtung, dass die ehemalige Clearing-Zielgruppe nicht mehr entsprechend betreut werden kann?

Insgesamt gesehen spiegelt die Trägerbefragung jene Wahrnehmungen bzw. Sorgen wieder, die schon im Rahmen der Fallstudien aufgezeigt wurden. Eine Bedarfsabdeckung im Rahmen des geplanten Mengenverhältnisses zwischen den Stufen sehen die Träger im Durchschnitt ‚eher' nicht gegeben. Eine problemlose Einteilung in die Stufen 2 und 3 ist derzeit mittelmäßig möglich (der Durchschnitt liegt zwischen ‚eher nicht' und ‚eher schon').

Dass zwei Stunden reiner Beratungszeit auf Stufe 1 möglich sind, nehmen die Träger im Durchschnitt ‚eher nicht' wahr. Dahingegen befürchten sie im Durchschnitt ‚eher', dass die Clearing-Zielgruppe nicht mehr entsprechend betreut werden könne. Auch hier setzt sich das Ergebnis fort, dass die steirischen Träger etwas weniger kritisch sind als die Wiener. Allerdings teilen sie die Befürchtung bezüglich der Clearing-Zielgruppe in etwas höherem Ausmaß.

Abbildung 10: Kritikpunkte auf konzeptioneller Ebene

Schließlich wurden in der Befragung der Träger zwei Aspekte hinsichtlich der Zeit nach dem Jugendcoaching herausgegriffen. Aufgrund fehlender Nachfolgeangebote bzw. der teils knappen Verfügbarkeit von Plätzen ergeben sich aus deren Sicht Probleme für die Umsetzung. Teils sehen sie sich vor die Frage gestellt, welche Empfehlung ausgesprochen werden soll bzw. kann, wenn es z.B. gar kein passendes Folgeangebot gibt. Als schwierig erleben Träger damit in Zusammenhang, die geforderte Nachbetreuung der Jugendlichen zu gewährleisten und zum Teil kommt es zu einem Ohnmachtsgefühl, weil der eigene Arbeitsauftrag nicht erfüllt werden kann. Die entsprechende Einschätzung - inwiefern kann die geforderte Nachbetreuung der Jugendlichen gewährleistet und inwiefern können Empfehlungen aufgrund fehlender Nachfolgeangebote umgesetzt werden - zeigt sich auch auf quantitativer Ebene. Dabei treffen beide Aspekte diesmal mehr auf die Steiermark zu als auf Wien, wo in Summe ein umfassenderes Nachfolgeangebot für Jugendliche zur Verfügung steht.

Abbildung 11: Kritische Aspekte nach dem Coaching

3.2.4 Einschätzung des Monitoringsystems

Bevor abschließend die Befragungsergebnisse hinsichtlich des Monitoringsystems dargestellt werden, ist auch hier die Vorbemerkung notwendig, dass im Frühsommer 2012 vonseiten der Auftraggeber die Entscheidung getroffen wurde, Inhalt und Umfang der Eingaben in das Portal für die Stufe 1 deutlich zu reduzieren. Zum Zeitpunkt, als die Befragung der Träger durchgeführt wurde, war dies jedoch noch nicht entschieden bzw. den Trägern noch nicht bekannt. Die folgenden Ergebnisse bilden also die Wahrnehmung der Träger bezüglich der ursprünglichen Vorgabe zur Befüllung des Monitorings ab, nicht die Wahrnehmung der überarbeiteten Regelung und es ist zu erwarten, dass die Ergebnisse mittlerweile anders ausfallen würden.

Auch bezüglich der Dateneingabe macht es Sinn, die wesentlichen Aspekte getrennt nach den drei Stufen abzufragen. Zum einen stellt sich die Frage, wie die Träger das Verhältnis zwischen Dateneingabe und dem für sie daraus entstehenden Erkenntnisaufwand einschätzen. Zum anderen wurde erhoben, wie sie die Wirkungsmessung über das Portal, also die Income- und Outcome-Faktoren, beurteilen. Schließlich wurde mit der Frage, ob es möglich sei, die Fragen seriös zu beantworten oder ob einige der Fragen nicht seriös beantwortet werden könnten, ein weiterer Kritikpunkt aus den qualitativen Interviews aufgegriffen.

Die quantitativen Ergebnisse decken sich mit denen aus den Fallstudien. Was das Verhältnis zwischen eigenem Erkenntnisgewinn und dem Aufwand für die Eingaben betrifft, sehen dies über 90% als nicht ausgewogen bei Stufe 1 an, die Ablehnung sinkt über Stufe 2 (60%) zu Stufe 3 auf 45%. Das bedeutet, über die Hälfte der Träger sieht das Verhältnis für Stufe 3 als ausgewogen an.

Was die Wirkungsmessung über die entsprechenden Income- und Outcome-Faktoren betrifft, können die Träger dieser wenig abgewinnen. Für Stufe 1 befindet kein einziger Träger die entsprechenden Fragen als geeignet, um damit Wirkungen abzubilden. Diese Wahrnehmung verbessert sich nur geringfügig, wenn Stufe 2 und 3 betrachtet werden.

Was die Frage nach einer seriösen Beantwortung der Fragen betrifft, so glauben 70% der Träger, dass einige der Fragen auf Stufe 2 und 3 nicht seriös beantwortet werden können.

Für Stufe 1 ist dieses Ergebnis noch deutlicher.

Abbildung 12: Anteile die mit "nein" antworten

90% der Träger hatten zum Erhebungszeitpunkt Zweifel an der Gewährleistung der Anonymität der Jugendlichen und ein ebenso hoher Anteil betreute Jugendliche auf Stufe 1, ohne sie über das Portal zu dokumentieren. Dieses Ergebnis dürfte in der Zwischenzeit nicht mehr zutreffen, da mit dem Verzicht auf die Datenerhebung in vollem Ausmaß für die Stufe 1 nach Angaben des Bundessozialamtes die über das Portal dokumentierten Fälle drastisch gestiegen sind. Damit wurde nicht nur ein wesentlicher Schritt für die Niederschwelligkeit der Teilnahme getan, sondern auch in Hinblick auf die Qualität und damit Aussagekraft der Daten. Schließlich gilt es hinzuzufügen, dass aus evaluatorischer Sicht die Qualität der Daten sehr gut ist.

3.3 Monitoringanalysen zur Maßnahmenumsetzung

Im Zusammenhang mit der Maßnahmenumsetzung werden die bisher auf Basis der Fallstudien und der Trägerbefragung erzielten Ergebnisse durch die Analyse der Monitoringdaten ergänzt. In die Berechnung werden nur diejenigen TeilnehmerInnen einbezogen, die das Jugendcoaching auch schon abgeschlossen haben.

Dabei stellen sich die Fragen nach den Stufenaufteilungen der TeilnehmerInnen sowie jene nach der Teilnahmedauer. Hinsichtlich der Stufenaufteilung ist im Konzept vorgesehen, dass 50% der TeilnehmerInnen mit Stufe 1 abschließen und die restlichen 50% sich zu gleichen Teilen auf die Stufen 2 und 3 verteilen sollten. Entsprechend der in Tabelle 4 dargestellten Ergebnisse wird diese Aufteilung nicht ganz erreicht, jedoch auch nicht vollständig verfehlt. Mitte September 2012 waren es 40% der JU-AbsolventInnen, die nur Stufe 1 durchlaufen haben, während jeweils 30% auch Stufe 2 oder 3 absolviert haben. Die Unterschiede nach Bundesländern, Geschlecht und Migrationshintergrund sind vernachlässigbar.

Tabelle 4: Stufenaufteilung

 

Stmk.

Wien

weiblich

männlich

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

Stufe 1

38,5%

41,1%

43,3%

38,2%

40,2%

40,6%

40,4%

Stufe 2

30,5%

29,5%

29,5%

29,9%

30,2%

29,2%

29,7%

Stufe 3

31,0%

29,4%

27,2%

31,9%

29,6%

30,1%

29,8%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.170.

Deutlicher fallen die Unterschiede in der Stufenaufteilung differenziert zwischen den einzelnen Projekten aus. So reicht die Spannweite des Anteils der TeilnehmerInnen auf Stufe 1 von 6,5% bei Projekt T bis 93,3% bei Projekt K. Umgekehrt liegt der Anteil an Stufe 3 bei Projekt K (wie auch bei Projekt L) bei 0% und jener von Projekt T bei 92,8%. Die Ergebnisse für beide Projekte sind bemerkenswert, jene des Projekts T aber ganz besonders, da trotz des hohen Stufe-3-Anteils keine TeilnehmerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausgewiesen werden, 99% der TeilnehmerInnen einen Schulbesuch aufweisen und daher keine NEETs sind, die potentiell einen höheren Unterstützungsbedarf aufweisen.

Bei all jenen Projekten, die einen Stufe 3 Anteil von maximal 10% aufweisen, das sind die Projekte A, K, L, N, O, S und U, stellt sich die Frage, ob und inwieweit sie auf die Problemlage der TeilnehmerInnen mit der angemessenen Maßnahmenintensität reagieren.

Tabelle 5: Stufenaufteilung nach Projekten

 

Stufe 1

Stufe 2

Stufe 3 (incl. alle 3)

Summe

n

Projekt A

70,8%

20,8%

8,5%

100%

212

Projekt B

22,8%

24,1%

53,2%

100%

79

Projekt C

40,2%

41,0%

18,8%

100%

266

Projekt D

31,9%

15,6%

52,5%

100%

160

Projekt E

42,5%

36,8%

20,8%

100%

106

Projekt F

42,1%

30,5%

27,4%

100%

95

Projekt G

47,4%

36,8%

15,8%

100%

19

Projekt H

26,4%

25,7%

48,0%

100%

148

Projekt I

13,1%

57,1%

29,8%

100%

84

Projekt J

38,2%

26,5%

35,3%

100%

170

Projekt K

93,3%

6,7%

0,0%

100%

45

Projekt L

33,3%

66,7%

0,0%

100%

6

Projekt M

28,6%

57,1%

14,3%

100%

7

Projekt N

87,6%

9,7%

2,8%

100%

145

Projekt O

58,3%

40,3%

1,4%

100%

144

Projekt P

42,7%

26,6%

30,8%

100%

143

Projekt Q

11,2%

32,4%

56,4%

100%

367

Projekt R

27,3%

46,9%

25,8%

100%

271

Projekt S

59,4%

33,5%

7,1%

100%

155

Projekt T

6,5%

0,7%

92,8%

100%

138

Projekt U

61,9%

27,9%

10,2%

100%

315

Projekt V

17,9%

33,7%

48,4%

100%

95

gesamt

40,4%

29,7%

29,8%

100%

3.170

Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.170.

Die Maßnahmendauer, die insgesamt im Durchschnitt bei 96,6 Tagen liegt, stellt eine indirekte Funktion der Stufenaufteilung dar. Demnach ist zu erwarten, dass TeilnehmerInnen in Stufe 3 nach Kalendertagen betrachtet länger an der Maßnahme teilnehmen werden als jene in der Stufe 1. Insgesamt haben 20% der im Rahmen von Jugendcoaching beratenen Jugendlichen innerhalb des ersten Monats ihre Teilnahme auch wieder beendet. 1-3 Monate dabei war ein Drittel und bis zu 6 Monate weitere 37%. Der Anteil mit einer Teilnahmedauer über einem halben Jahr liegt bei nur 12,8%, woraus der Schluss gezogen werden kann, dass die konzeptionellen Möglichkeiten der Betreuung bis zu einem ganzen Jahr kaum genutzt werden.

Tabelle 6: Teilnahmedauer

 

Stmk.

Wien

weiblich

männlich

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

bis 30 Tage

24,8%

18,4%

21,5%

18,9%

19,6%

20,5%

20,0%

31-90 Tage

28,8%

30,8%

31,6%

29,3%

29,3%

31,3%

30,3%

91-180 Tage

31,1%

38,9%

35,7%

37,9%

39,2%

34,4%

36,9%

> 180 Tage

15,3%

11,9%

11,2%

14,0%

11,9%

13,7%

12,8%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.170.

Die Unterschiede der Teilnahmedauer nach Geschlecht und Migrationshintergrund sind vernachlässigbar. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind mit durchschnittlich 93,5 Tagen in der Steiermark und 97,7 Tagen in Wien eher gering, nicht aber jene nach den einzelnen Projekten.

Tabelle 7: Teilnahmedauer nach Projekten

 

bis 30 Tage

31-90 Tage

91-180 Tage

über 180 Tage

Summe

Projekt A

15,6%

34,4%

47,6%

2,4%

100%

Projekt B

30,4%

20,3%

29,1%

20,3%

100%

Projekt C

11,7%

16,5%

48,5%

23,3%

100%

Projekt D

26,9%

26,3%

29,4%

17,5%

100%

Projekt E

21,7%

28,3%

30,2%

19,8%

100%

Projekt F

40,0%

21,1%

35,8%

3,2%

100%

Projekt G

63,2%

10,5%

10,5%

15,8%

100%

Projekt H

18,9%

23,0%

20,9%

37,2%

100%

Projekt I

9,5%

26,2%

44,0%

20,2%

100%

Projekt J

27,6%

32,4%

30,0%

10,0%

100%

Projekt K

13,3%

82,2%

4,4%

0,0%

100%

Projekt L

50,0%

33,3%

16,7%

0,0%

100%

Projekt M

28,6%

28,6%

42,9%

0,0%

100%

Projekt N

22,1%

43,4%

34,5%

0,0%

100%

Projekt O

30,6%

40,3%

29,2%

0,0%

100%

Projekt P

27,3%

23,1%

44,1%

5,6%

100%

Projekt Q

15,0%

33,2%

42,5%

9,3%

100%

Projekt R

18,1%

49,1%

28,8%

4,1%

100%

Projekt S

21,3%

35,5%

39,4%

3,9%

100%

Projekt T

0,0%

6,5%

51,4%

42,0%

100%

Projekt U

21,6%

25,7%

44,4%

8,3%

100%

Projekt V

17,9%

28,4%

16,8%

36,8%

100%

gesamt

20,0%

30,3%

36,9%

12,8%

100%

Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.170.

Die Projekte G und L stechen hervor, weil die Hälfte oder gar zwei Drittel der TeilnehmerInnen eine Maßnahmendauer von nur maximal einem Monat aufweisen. Der Zusammenhang mit der Stufenaufteilung zeigt sich bei diesem Projekt insofern, als beide deutlich unterdurchschnittliche Anteile an Stufe 3 aufweisen.

Die Projekte K, L, M, N und O haben überhaupt keine TeilnehmerInnen aufzuweisen, die länger als 6 Monate betreut worden sind, die Projekte A, F, R und S darüber hinaus so gut wie keine. Auch hier besteht wieder eine große Korrelation zum Anteil von Stufe-3- TeilnehmerInnen, wobei hier die Projekte F und R eine Ausnahme bilden, was auf eine intensive Betreuung in relativ kurzer Zeit hinweist.

3.4 Finanzdaten: Überblick

An dieser Stelle werden die Finanzdaten der Jugendcoaching-Träger überblicksmäßig dargestellt. Nachdem Jugendcoaching erst mit Jänner 2012 und im Rahmen einer Pilotphase gestartet hat, standen zum Zeitpunkt der Analysen nur die Jahresbudgets der Träger als Datengrundlage zur Verfügung. Erst zum Zeitpunkt der Abrechnung im Jahr 2013 werden entsprechende Daten zu den Kosten vorliegen. Die Angaben zu den Jahresbudgets getrennt nach anonymisierten Trägern wurden von Seiten des Auftraggebers zur Verfügung gestellt.

Das Jahresbudget für 2012 beläuft sich auf insgesamt rund € 8.627.000. Den Trägern in Wien stehen 77%, denjenigen in der Steiermark 23% des gesamten Budgets zur Verfügung. Pro Träger stehen mindestens € 44.000 und maximal € 767.000 zur Verfügung. Im Durchschnitt (Median) liegt das Jahresbudget pro Träger bei knapp über € 400.000.

Tabelle 8: Jahresbudgets 2012 nach Bundesland

 

Budget für 2012

 

Insgesamt

 

€ 8.626.965

Steiermark

 

€ 1.944.579

Wien

 

€ 6.682.386

Minimum

 

€ 43.973

Steiermark

 

€ 82.151

Wien

 

€ 43.973

Maximum

 

€ 766.716

Steiermark

 

€ 388.250

Wien

 

€ 766.716

Median

 

€ 394.206

Steiermark

 

€ 259.086

Wien

 

€ 438.106

Q: BSB, Berechnungen: IHS. n=22.

Tabelle 9: Jahresbudgets 2012 nach Jugendcoaching-Trägern

Projekt A

749.906,00 €

Projekt B

432.252,00 €

Projekt C

742.748,00 €

Projekt D

387.712,00 €

Projekt E

388.249,67 €

Projekt F

167.889,24 €

Projekt G

82.150,80 €

Projekt H

189.397,20 €

Projekt I

317.580,00 €

Projekt J

281.139,60 €

Projekt K

256.640,00 €

Projekt L

112.898,00 €

Projekt M

43.972,58 €

Projekt N

443.959,00 €

Projekt O

400.163,00 €

Projekt P

261.532,80 €

Projekt Q

698.120,00 €

Projekt R

766.716,00 €

Projekt S

525.061,00 €

Projekt T

427.702,00 €

Projekt U

529.161,00 €

Projekt V

422.015,00 €

Summe

8.626.964,89 €

Summe Wien

6.682.385,58 €

Summe STMK

1.944.579,31 €

Q: BSB, Berechnungen: IHS. n=22.

3.5 Zusammenfassung

Was die Zielgruppenerreichung betrifft, liegt der Schwerpunkt in der derzeitigen Pilotphase auf der Erreichung von SchülerInnen und dabei erst sukzessive auf solchen Schulen, mit denen im Rahmen der Vorgängerprojekte noch nicht kooperiert wurde. Allerdings wurden bis Mitte September auch knapp über 16% an Jugendlichen, die keine Schule besuchen, betreut. Zwischen den Trägern lassen sich dabei große Unterschiede feststellen: Einige Träger betreuen derzeit fast ausschließlich SchülerInnen, andere wiederum legen ihren Schwerpunkt auf Jugendliche außerhalb des Schulsystems.

In Bezug auf die Zugangsprozesse an den Schulen lassen sich recht unterschiedliche Vorgehensweisen feststellen. An einigen Schulen wird das Frühmeldesystem wie im Konzept beschrieben eingesetzt, an anderen werden ausgrenzungsgefährdete SchülerInnen durch LehrerInnen an das Jugendcoaching gemeldet, allerdings ohne die entsprechenden Formulare oder nur mit Teilen davon, an anderen Standorten wiederum ist ein informeller, offener Zugang gelebte Praxis. Von einem flächendeckenden Einsatz des Frühmeldesystems kann in der derzeitigen Implementierungsphase noch nicht gesprochen werden, es zeigt sich eine gewisse Kontinuität in Bezug auf jene Zugangsweisen, die im Rahmen des jeweiligen Vorgängerprojektes etabliert wurden.

Wenn vonseiten der schulverantwortlichen Personen Kritik am Frühmeldesystem laut wird, hängt diese weniger mit inhaltlichen Aspekten zusammen als mit dem Prozess an sich. Die informierenden E-Mails der zuständigen Behörden wurden an den Schulen häufig nicht wahrgenommen, so dass Informationsdefizite teilweise erst durch die Jugendcoaches kompensiert werden mussten. Die schulinterne Kritik am Frühmeldesystem hängt außerdem damit zusammen, dass dieses System als bürokratischer Mehraufwand wahrgenommen wird. Ist die Sinnhaftigkeit des Systems nicht klar oder wird sie explizit angezweifelt, mündet dies im Kontext zeitlich begrenzter Ressourcen an den Schulen in Ablehnung.

Zum Zeitpunkt der Fallstudieninterviews war der Zugang ins Jugendcoaching an die Unterschrift von Eltern bzw. Erziehungsberechtigten gekoppelt. Das hat sich als Teilnahmebarriere erwiesen, die gerade diejenigen noch stärker betrifft, die eine Unterstützung am dringendsten benötigen. Die Möglichkeit einer Teilnahme auch ohne diese Unterschrift ist im Sinne eines niederschwelligen Zugangs höchst begrüßenswert.

Die Zielgruppenerweiterung im Zuge der Einführung von Jugendcoaching wird von den Projektumsetzenden sehr positiv und als dem Problemausmaß angemessen wahrgenommen, so lange die ehemalige Clearingzielgruppe dabei nicht vergessen wird. Die Perspektive auf das an sich als bedürfnisgerecht wahrgenommene Stufenkonzept des Jugendcoaching ist in der Anfangsphase der Umsetzung und je nach Vorgängerprojekt mehr oder minder stark am ehemaligen Clearing orientiert. Als Pendant dazu und besonders positiv wird Stufe 3 wahrgenommen, während die anderen beiden Stufen in Abgrenzung dazu - was ist im Vergleich zu Stufe 3 hier nicht leistbar - definiert werden. Insgesamt ist durchaus noch Klärungsbedarf vorhanden, was die Stufen an sich sowie die Einteilung der Jugendlichen in die Stufen 2 und 3 betrifft.

Positiv hervorgestrichten am Konzept des Jugendcoaching wird die Möglichkeit des Wiedereinstiegs in die Maßnahme, was im Vergleich zum Clearing einen echten Fortschritt darstellt. Die Möglichkeit einer längeren Betreuung bis zu 12 Monaten wird ebenfalls begrüßt, in der Praxis bisher allerdings kaum genutzt: Der Anteil mit einer Teilnahmedauer von über einem halben Jahr liegt bei nur knapp 13%.

Wenn die inhaltlichen Aspekte des Konzeptes differenziert und tendenziell positiv beurteilt werden, wird der Prozess der Konzepterstellung an sich deutlich kritisiert. So sehen Träger ihre Expertise darin nicht eingebunden, worauf sie wiederum inhaltliche Unklarheiten sowie nicht umsetzbare Aspekte zurückführen. Im Gegensatz dazu wird ihre Einbindung im Rahmen der Feinjustierung im jeweiligen Bundesland sowie bei weiteren Adaptierungen positiv bewertet und dies auch für die Zukunft erhofft.

Große Diskussion ruft das Mengengerüst von 100 Jugendlichen pro Jugendcoach hervor. Zum einen wird die Gesamtzahl als zu hoch, zum anderen die Verteilung auf die drei Stufen im Verhältnis 2:1:1 und dabei die Kalkulationen für Stufe 3 als zu niedrig kritisiert. Die Monitoring-Analysen zeigen, dass über alle Träger hinweg die konzipierte Aufteilung auf die drei Stufen zwar nicht ganz erreicht, jedoch auch nicht vollständig verfehlt wird. Aktuell gestaltet sich diese 40:30:30. Jedoch gibt es dabei große Unterschiede zwischen den einzelnen Trägern, wobei sich die Bandbreite bezogen auf die Stufen 1 und 3 zwischen praktisch keinen bis zu über 90% der Fälle bewegt.

Was die inhaltliche Umsetzung des Konzeptes betrifft, werden die in der Literatur beschriebenen und im Konzept des BSB verankerten Grundprinzipien von Coaching in der Praxis auch so gelebt. Darunter fallen die Freiwilligkeit der Teilnahme, Beziehungsorientierung, Ressourcenorientierung und die Ganzheitlichkeit der Betreuung. In Bezug auf den Betreuungsprozess lässt sich ein idealtypischer Ablauf ausmachen, der mit einer Information über das Angebot beginnt, woran ein Erstgespräch anschließt. Darauf folgt bei Bedarf die Phase der Einschätzung und Erprobung von Möglichkeiten und abschließend geht es um die konkrete Formulierung von Entwicklungsperspektiven. Je nach dem konkreten Anliegen der einzelnen Jugendlichen wird dieser Prozess individuell angepasst.

Jugendcoaches werden mit hohen Anforderungen in Bezug auf ihre Arbeit konfrontiert. Diese Erwartungen sind auf der einen Seite konzeptionell angelegt, auf der anderen Seite haben die unterschiedlichen Beteiligten hohe Erwartungen daran, was Jugendcoaching leisten kann und soll. Daraus ergibt sich für die Jugendcoaches ein Bedarf nach Abgrenzung von Zuständigkeitsbereichen sowie Wirkungsmöglichkeiten. Was die Rahmenbedingungen an den Trägerstandorten betrifft können diese als geeignet bezeichnet werden, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden. So sind alle Coaches angestellt, es liegen breite Qualifikationen vor, die Teams sind meist multiprofessionell aufgestellt und wesentliche Elemente der Qualitätssicherung sind in den Arbeitsalltag integriert. Von den Jugendlichen selbst und ihren Eltern wird Jugendcoaching an sich sehr gelobt: Zum einen die durch die Coaches vermittelte Kompetenz, zum anderen deren Engagement für den einzelnen Fall. Es gelingt, den Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, dass sie wahr- und ernst genommen werden, dass die Coaches für sie da sind und etwas für sie tun wollen.

Ein wesentlicher Kritikpunkt aus Trägersicht betrifft die derzeitige Arbeitsbelastung. In der Aufbauphase ergeben sich zusätzliche Arbeitsbelastungen durch den notwendigen Strukturaufbau. Darüber hinaus erfolgt aus dem Start des Programms mit Kalenderjahr eine Doppelbelastung, da parallel zur Betreuung der "neuen" Jugendcoaching-Fälle die Betreuung der Clearingfälle aus dem Vorjahr abgeschlossen werden muss. Gleichzeitig sehen sich die Träger hohen Erfolgserwartungen ausgesetzt. Insofern wird die Pilotphase nur bedingt als eine solche wahrgenommen, vielmehr sehen sie sich gefordert, jetzt schon entsprechende Zahlen und Erfolge zu liefern. Parallel dazu ergibt sich eine Reihe an Unsicherheiten aus der mangelnden Konkretisierung wesentlicher Punkte aus dem Konzept, was druckverschärfend wirkt und eine Erklärung für die zum Teil heftige Kritik ist. Im Gegensatz dazu zeigen sich die KooperationspartnerInnen mit der Zusammenarbeit mit ihrem Träger äußerst zufrieden und überrascht, dass die Umsetzung bereits zu diesem frühen Zeitpunkt so gut gelingt.

Was Kooperationen mit flankierenden und nachfolgenden Einrichtungen für Jugendliche betrifft, so zeigen sich auch die Jugendcoaching-Träger damit zufrieden. Eine Konkurrenz zu anderen Angeboten für die Zielgruppe wird nicht gesehen. Argumentiert wird, dass aufgrund des Case-Management-Ansatzes andere Angebote nicht ersetzt werden. Demnach versteht sich Jugendcoaching als Drehscheibe, das bei Bedarf an flankierende Angebote verweist und in der Empfehlung für ein entsprechendes Folgeangebot mündet. Darum stellt sich aus der Perspektive der Träger die Frage nach Konkurrenz zu anderen Angeboten nicht, auch nicht zu schulinternen Angeboten.

Aus der Perspektive der Steuerungsebene hingegen wurde Konkurrenz einerseits im Zusammenhang mit der Beauftragung der ehemaligen Clearing- und C'mon14-Träger wahrgenommen. Andererseits ist es längerfristig gesehen durchaus möglich, dass mit der flächendeckenden Umsetzung von Jugendcoaching als drop-out-präventiver Maßnahme reparierende Angebote nicht mehr notwendig sein werden.

Aus Sicht der Träger ist hingegen die Frage nach Lücken im Angebot relevant. Während in Teilen der Steiermark eine generelle Unterversorgung mit Angeboten für die Zielgruppe wahrgenommen wird, betrifft eine solche auch in Wien und der Steiermark spezifische Zielgruppen. Für die Umsetzenden des Programms ergibt sich daraus die Problematik, wie eine Empfehlung abgegeben werden soll, wenn das entsprechende Folgeangebot fehlt. In diesem Kontext wird die geforderte Nachbetreuung als nur schwer leistbar wahrgenommen. Dass gerade im Sichtbarmachen von Angebotslücken eine der Wirkungen von Jugendcoaching auf Makroebene besteht (und dass diese in Zukunft geschlossen werden) teilen bei weitem nicht alle Träger.

Die Zufriedenheit der Träger mit der Zusammenarbeit mit dem Bundessozialamt und den Koordinationsstellen ist sehr hoch. Ein relevanter Aspekt dabei ist die Wertschätzung für ihre Arbeit. Dies wird nicht nur vom Auftraggeber sondern auch durch die hohe Medienpräsenz vermittelt.

Eine seriöse Einschätzung der Ressourcenausstattung kann aus Sicht der Träger zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht erfolgen, da die Entwicklung des Bedarfs abgewartet werden muss. Diese geht allerdings in die Richtung, dass mehr Ressourcen notwendig sein werden, da die intensive Arbeit mit neuen Schulen sowie die systematische Erreichung von NEETs erst am Beginn stehen. Darüber hinaus startet im Herbst 2012 Jugendcoaching erstmals mit Beginn eines Schuljahres. Auch hier wird eine im Vergleich zum Start im Jänner, also während des Schuljahres, höhere Nachfrage erwartet.

Was die elektronische Datenerfassung betrifft, existiert ein komplexes Monitoringsystem, das zahlreiche Variablen enthält. Die Fülle an Daten, aber auch die inhaltliche Gestaltung wurde insbesondere für Stufe 1 von den PraxisakteurInnen kritisiert. Die Adaptierungen im Sinne einer Reduktion der erforderlichen Daten für Stufe 1 sind im Sinne der Träger, aber auch der Jugendlichen sehr begrüßenswert. Schließlich muss aus evaluatorischer Perspektive als Datennutzer ergänzt werden, dass die Qualität der Daten sehr gut ist. Es finden sich im Gegensatz zur Erfahrung mit anderen Administrativdatensätzen kaum Missings und unplausible Werte. Darüber hinaus ist der Ansatz einer Income-Outcome-Messung zum Zweck der Wirkungsmessung als durchaus fortschrittlich zu bezeichnen und muss in anderen Fällen von Maßnahmenevaluationen oft mühsam durch Primärerhebungen nachgeholt werden.



[1] Vorgesehen sind 100 Betreuungsfälle pro Jugendcoach, die alle die Stufe 1 durchlaufen, jeweils 25 setzen mit Stufe 2 und Stufe 3 fort. 50 Jugendliche schließen Jugendcoaching auf Stufe 1 ab. Die Betreuungsrelation wird im vorliegenden Bericht daher als ‚50:25:25' bezeichnet. Für die Gegenüberstellung mit der Zielgruppe macht es Sinn, TeilnehmerInnen statt Teilnahmen heranzuziehen.

[2] An dieser Stelle sei auf die Monitoringanalysen zur Umsetzung vorgegriffen. Demnach gestaltet sich über alle JUTräger hinweg die Betreuungsrelation 4:3:3, allerdings bestehen zwischen den einzelnen Trägern große Unterschiede. Vgl. Kapitel 3.3.

[3] Eine gewisse Entschärfung der Problematik kann in der Erweiterung der Beschäftigungsmöglichkeiten für AsylwerberInnen gesehen werden. Seit Juni 2012 besteht für jugendliche AsylwerberInnen bis zur Vollendung des18. Lebensjahres die Möglichkeit, eine Lehrausbildung in jenen Lehrberufen, in denen ein nachgewiesener Lehrlingsmangel besteht, und unter Beachtung der Ersatzkräfteregelung aufzunehmen.

[4] Einmal wurden zwei Jugendcoaching-Projekte an einem Trägerstandort durch die ausfüllende Person zusammengefasst.

[5] Zum Zeitpunkt der Trägerbefragung war noch nicht entschieden, dass diese formale Zugangshürde gelockert wird.

4 Zielgruppe

Das Jugendcoaching zielt darauf ab, ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen eine flächendeckende und nahtstellenübergreifende Beratung, Begleitung und Betreuung vom Ende der Pflichtschulzeit bis zu einer nachhaltigen Integration in ein weiterführendes (Aus-) Bildungssystem zu bieten. (BSB 2011, 5)

Das Jugendcoaching richtet sich konkret an SchülerInnen des 9. Schulbesuchsjahres, an Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf bzw. Behinderung bis unter 25 Jahre, sowie an systemferne Jugendliche unter 19 Jahre, die eine individuelle oder soziale Beeinträchtigung aufweisen oder gefährdet sind, keinen Abschluss auf der Sekundarstufe I oder II zu erreichen. (BSB 2011, 8f). Somit stellt die anvisierte Zielgruppe des Jugendcoaching eine klare Zielgruppenausweitung gegenüber dem bisherigen Clearing dar.

Im Rahmen dieses Kapitels wird unter Einsatz verschiedener methodischer Zugänge (qualitative Fallstudien, Fokusgruppen, Analyse der Monitoringdaten und LFS- und Schulstatistikdaten) eine tiefergehendende Betrachtung der Zielgruppe des Jugendcoaching vorgenommen. Dabei erfolgt zunächst eine Abschätzung der Zielgruppengröße und Zielgruppenstruktur des Jugendcoaching in der Grundgesamtheit. Dadurch kann eine differenzierte Bedarfsabschätzung erlangt und auf die Gesamtdimensionierung des Jugendcoaching geschlossen werden. Anschließend erfolgt eine Darstellung der Zielgruppenerreichung, d.h. es wird der Frage nachgegangen, welche Personen durch das Jugendcoaching tatsächlich erreicht werden konnten. Ein Vergleich zwischen Zielgruppe und TeilnehmerInnen ermöglicht so die Antwort auf die Frage, ob sich beim Zugang Selektionseffekte zeigen. Im Anschluss daran werden auf Basis der qualitativen Fallstudien die Merkmale, Problemlagen und das soziale Umfeld der Jugendcoaching-TeilnehmerInnen unter Einbeziehung der Perspektiven der verschiedenen relevanten AkteurInnengruppen (Träger, Coaches, KooperationspartnerInnen, Jugendliche und Eltern) herausgearbeitet. Der qualitativen Darstellung folgt eine quantitative Analyse der Problemlagen der Jugendlichen auf Basis der Angaben im Monitoring. Abschließend werden zwei spezifische Themenkomplexe im Zusammenhang mit der Zielgruppe des Jugendcoaching herausgegriffen und auf Basis der Analyse von Fokusgruppendiskussionen einer gesonderten Betrachtung unterzogen. Dabei handelt es sich erstens um die spezifische Zielgruppe der systemfernen Jugendlichen (NEETS), deren Einbindung im Rahmen des Jugendcoaching aufgrund ihrer vielschichtigen Problemkonstellationen eine besondere Herausforderung darstellt. Zweitens wird der Frage nachgegangen, welche Vor- und Nachteile aus Sicht der Jugendcoaching-Träger mit einer Zielgruppenausweitung auf SchülerInnen des achten Schulbesuchsjahres verbunden wären.

4.1 Zielgruppenabschätzung und Charakteristika

Ziel dieses Abschnitts ist es, Kontrastfolien zu entwickeln, mit denen es möglich wird, die geplante Dimensionierung der Maßnahme sowie die in der Umsetzung realisierte Struktur der TeilnehmerInnen einzuschätzen.

4.1.1 Größe der Zielgruppen

Die Zielgruppe des Jugendcoaching setzt sich laut Konzept (S.8) aus drei Gruppen zusammen:

  • Jugendliche in ihrem 9. Schulbesuchsjahr, die abbruchgefährdet sind

  • Jugendliche außerhalb des Beschäftigungs- und oder Bildungssystems im Alter von 15-19 Jahren (NEETs)

  • Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf (Behinderung) bis 24 Jahre

Für alle drei Gruppen sollen Schätzungen der Grundgesamtheit vorgenommen werden, um auf dieser Basis die Planungsgrößen für die Maßnahmenumsetzung einschätzen zu können.

4.1.1.1 Abbruchgefährdete Jugendliche am Ende der Schulpflicht

Die Bestimmung der abbruchgefährdeten Jugendlichen am Ende der Schulpflicht muss immer eine Schätzung bleiben, da nicht bekannt ist, welcher Anteil der Jugendlichen tatsächlich mit dem Gedanken spielt, seine Ausbildung abzubrechen. Eine erste Annäherung besteht darin, die Anzahl derer zu bestimmen, die unmittelbar am Ende der Schulpflicht tatsächlich die Bildungslaufbahn abgebrochen haben. Die diesbezügliche Anzahl wird im Rahmen der Schulstatistik (Statistik Austria 2012: 181) differenziert nach Bundesländern ausgewiesen:

Tabelle 10: AbbrecherInnen der Schullaufbahn am Ende der Schulpflicht Q: Statistik Austria, Bildung in Zahlen 2010/11.

 

im letzten Jahr der Schulpflicht

ohne Ausbildung im Folgejahr

Anteil Laufbahn-abbrecherInnen

Burgenland

2.982

213

7,1%

Kärnten

6.416

430

6,7%

Niederösterreich

17.923

1.148

6,4%

Oberösterreich

17.999

1.063

5,9%

Salzburg

6.484

363

5,6%

Steiermark

13.508

972

7,2%

Tirol

8.642

947

11,0%

Vorarlberg

4.862

378

7,8%

Wien

17.309

1.412

8,2%

gesamt

96.125

6.926

7,2%

Den Angaben in obenstehender Tabelle 10 entsprechend haben österreichweit von den 96.125 SchülerInnen, die 2008/09 in ihrem letzten Jahr der Schulpflicht waren, 6.926 SchülerInnen im Jahr 2009/10 ihre Bildungslaufbahn nicht mehr fortgesetzt. Das entspricht einem Anteil von 7,2%. Die Steiermark liegt diesbezüglich genau im Durchschnitt, Wien einen Prozentpunkt voran.

Zielgruppe des Jugendcoaching sind jedoch nicht nur jene Jugendlichen, die die gesamte Bildungskarriere abbrechen, sondern auch jene, die gefährdet sind, eine einzelne Schulform abzubrechen. Auch hier ist wiederum nicht bekannt, wie viele Jugendliche gefährdet waren, sehr wohl aber, wie viele Jugendliche, die eine Ausbildung in einer AHS-Oberstufe, BMS bzw. BHS begonnen haben, diese im nächsten Jahr nicht fortsetzen.

Tabelle 11: AbbrecherInnen der AHS-Oberstufe, BHS, BMS vom ersten auf das zweite Jahr Q: Statistik Austria, Bildung in Zahlen 2010/11.

 

SchülerInnen der Sek-II-Eintrittsstufe

Ausbildungsabbrecher-Innen im Folgejahr

Anteil Ausbildungs-abbrecherInnen

Burgenland

3.060

580

19,0%

Kärnten

5.790

1.138

19,7%

Niederösterreich

14.060

2.567

18,3%

Oberösterreich

13.185

2.745

20,8%

Salzburg

5.332

1.001

18,8%

Steiermark

9.787

1.853

18,9%

Tirol

6.038

1.158

19,2%

Vorarlberg

3.093

476

15,4%

Wien

14.598

2.923

20,0%

gesamt

74.943

14.441

19,3%

Den Angaben in Tabelle 11 zufolge haben in Wien 2.923 SchülerInnen auf der Eintrittsstufe einer AHS-Oberstufe, BMS oder BHS im Jahr darauf ihre Ausbildung in derselben Schulform nicht fortgesetzt, also abgebrochen. In der Steiermark beläuft sich diese Anzahl auf 1.853 Jugendliche. Dies entspricht einem Anteil von 18,9% in der Steiermark und 20% in Wien.

Um die Gesamtzahl der AbbrecherInnen zu bestimmen ist es nun nicht zulässig, einfach beide Gruppen (AbbrecherInnen der Bildungskarriere und AbbrecherInnen einer Schulform) zu addieren, da es bis zu einem gewissen Grad Überschneidungen zwischen den beiden Gruppen gibt, die darin liegt, wenn ehemalige AHS-Oberstufe-, BMS- bzw. BHS-SchülerInnen nicht nur diese Ausbildungsform beim Übergang vom ersten ins zweite Jahr vorzeitig beenden, sondern ihre gesamte Bildungslaufbahn. Laut Schulstatistik handelt es sich dabei um 2.583 SchülerInnen (Statistik Austria 2012: 214) insgesamt oder umgerechnet auf die einzelnen Bundesländer um 362 SteirerInnen und 527 WienerInnen. Wird nun diese Überschneidungsmenge in Abzug gebracht, dann ergeben sich für Wien insgesamt 3.808 (oder 22%) und für die Steiermark in Summe 2.463 (oder 18,2%) AbbrecherInnen am Ende der Schulpflicht.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, von der Zahl derer, die tatsächlich abgebrochen haben, auf die an sich unbekannte Anzahl von SchülerInnen zu schließen, die gefährdet gewesen sind, abzubrechen. Da dies nur mit sehr vielen letztlich nicht zu beweisenden Annahmen verbunden ist, wird an dieser Stelle darauf verzichtet und die tatsächliche Anzahl der AbbrecherInnen als unterste Grenze der abbruchgefährdeten SchülerInnen definiert, wobei man davon ausgehen und dies bei der Planung von Maßnahmengrößen bzw. Mengenzielen berücksichtigen muss, dass das Gefährdungspotential höher liegt.

4.1.1.2 Jugendliche außerhalb des Bildungs- und Beschäftigungssystems (NEETs)

Die zweite explizit genannte Zielgruppe des Jugendcoaching sind Jugendliche außerhalb des Beschäftigungs- und/oder Bildungssystems im Alter von 15-19 Jahren (NEETs). Wenn man im Rahmen des Labor Force Surveys die Anzahl jener Jugendlichen berechnet, die sich nicht in Beschäftigung, nicht in formaler Ausbildung, nicht in beruflicher sowie auch in keiner sonstigen Weiterbildung befinden und darüber hinaus nicht gerade Präsenz- oder Zivildienst absolvieren, dann werden österreichweit 25.162 Personen ausgewiesen, davon entfallen entsprechend der Darstellung in Abbildung 13 auf die Steiermark 1.840 und 8.298 auf Wien. Die Problematik beträgt in Wien (auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen EinwohnerInnenanzahl) also ein Vielfaches und liegt mit 9,6% österreichweit an der Spitze. Die Steiermark hingegen weist - ersichtlich in Tabelle 12 - mit einem Anteil von 2,7% die im Bundesländervergleich geringste Betroffenheit auf. Darüber hinaus sind männliche Jugendliche etwas stärker davon betroffen als weibliche.

Tabelle 12: Anteil der NEETs unter den 15-19 Jährigen nach Bundesländern Q: Statistik Austria.

 

gesamt

Burgenland

6,0%

Kärnten

5,0%

Niederösterreich

4,8%

Oberösterreich

3,8%

Salzburg

3,4%

Steiermark

2,7%

Tirol

5,0%

Vorarlberg

4,6%

Wien

9,6%

gesamt

6,0%

Abbildung 13: Anzahl der NEETs im Alter von 15-19 Jahren nach Bundesländern Q: Statistik Austria, Berechnung: IHS.

Da es sich bei den ausgewiesenen Zahlen um Größenangaben für eine Fünfjahreskohorte handelt, liegt der jährliche Zuwachs bei einem Fünftel davon. Wenn man nun beispielsweise den durchaus ambitionierten Anspruch erhebt, die Hälfte des jährlichen Inflows im Rahmen von Jugendcoaching zu betreuen, dann bedeutet dies eine TeilnehmerInnenzahl von 184 Personen für die Steiermark und 830 für Wien. Dies ist eine erste Richtgröße für diesen Teil der Maßnahmen-Zielgruppe, die sinkt, wenn es nicht gelingen sollte, die Hälfte der jährlich hinzukommenden NEETs zu aktivieren bzw. die sich in den Anfangsjahren erhöht, wenn es gilt, den Bestand an NEETs und nicht nur den jährlichen Inflow in diesen Status im Rahmen von Jugendcoaching zu betreuen. Damit ergibt sich bei den NEETs verglichen zur Zielgruppe der Jugendlichen im 9. Schulbesuchsjahr eine andere Ausgangsposition. Während die SchülerInnen eine jährlich mehr oder minder große Flussgröße darstellen, muss bei den NEETs auch ein Bestand berücksichtigt werden, der in den Anfangsjahren zu erhöhtem Bedarf führen könnte.

4.1.1.3 Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Als dritte Zielgruppe des Jugendcoaching werden Jugendliche mit (ehemaligem) sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) bzw. Behinderung bis zum Alter von 24 Jahren genannt. Diese Zielgruppe ist zu einem gewissen Anteil bereits in den anderen beiden Zielgruppen integriert. So ist zum einen die Gefahr eines Ausbildungsabbruchs nach Ende der Schulpflicht für diese Zielgruppe alleine schon aufgrund des eingeschränkten Ausbildungsangebots innerhalb des formalen Bildungssystems groß. Zum anderen werden sich auch unter den NEETs Jugendliche mit (ehemaligem) sonderpädagogischem Förderbedarf finden und derart auch in der Abschätzung der zweiten besprochenen Zielgruppe berücksichtigt.

Will man diese Zielgruppe nochmals gesondert hervorheben und in das Jugendcoaching integrieren, dann eignet sich die in Abbildung 14 dargestellte Gesamtzahl von SPF-SchülerInnen in den einzelnen Bundesländern als Grundlage für die Abschätzung einer möglichen TeilnehmerInnenanzahl aus dieser Zielgruppe.

Abbildung 14: SPF-SchülerInnen in Österreich Q: Statistik Austria, Berechnung: IHS.

Da es sich bei den ausgewiesenen Zahlen um eine 9-Jahres-SchülerInnen-Kohorte handelt, eignen sich diese Zahlen gut als Schätzer für die Zielgruppe der Jugendlichen mit (ehemaligem) SPF (von 16) bis zum Alter von 24 Jahren. Viele von diesen Personen wurden im Rahmen der dem Jugendcoaching vorausgehenden Maßnahme "Clearing" betreut, in das Bildungs- und/oder Beschäftigungssystem integriert und stellen daher nicht primäre Zielgruppen des Jugendcoaching dar. Wenn man annimmt, dass dies auf die Hälfte der Zielgruppe (immer noch) zutrifft und gleichzeitig als Zielgröße vorgibt, die Hälfte des nicht integrierten Anteils im Rahmen von Jugendcoaching betreuen zu wollen, dann bedeutet dies für Wien 1.591 und für die Steiermark 697 Personen gesamt. Da es sich hierbei um die Zielgruppengröße für die gesamte Alterskohorte (bis 24 Jahre) handelt und der jährliche Inflow ein Neuntel davon beträgt, kann langfristig mit jährlich 177 Personen in Wien und 77 in der Steiermark als TeilnehmerInnen aus dieser Zielgruppe gerechnet werden. Für eine Übergangsphase, in der es gilt, den Bestand in der gesamten Altersgruppe mit einem Angebot zu versorgen, wären die Bedarfszahlen dementsprechend erhöht und wenn man eine Verdopplung zugrunde legt, mit 354 in Wien und 154 in der Steiermark zu beziffern.

4.1.1.4 Schätzung der TeilnehmerInnenzahlen

Bevor nun die Schätzungen der drei Subgruppen zu einer Gesamtabschätzung des Bedarfs an Betreuungsplätzen zusammengeführt werden, lohnt es sich, in Abbildung 15 die regionale Verteilung der Problemlagen und Zielgruppen zu betrachten.

Abbildung 15: Regionale Verteilung der Problemlagen und Zielgruppen Q: Statistik Austria, Berechnung: IHS.

Dabei zeigt sich, dass die Zahl der SchülerInnen im letzten Pflichtschuljahr für die einzelnen Bundesländer einen mehr oder minder guten Ausgangspunkt für die Abschätzung der Zielgruppengröße des Jugendcoaching darstellt. Die SchülerInnenzahl ist dann ein guter Schätzer, wenn die Zielgruppen ein vergleichbares Ausmaß umfassen, die Problemlagen in einzelnen Bundesländern also nicht stärker oder weniger stark ausgeprägt sind. Nennenswerte Abweichungen zeigen sich hier gerade in den beiden Bundesländern für den Pilotbetrieb von Jugendcoaching. Die Steiermark umfasst 14% der Kohorte, weist jedoch nur 10% der SPF-SchülerInnen und rund 7% der NEETs auf. Am deutlichsten wird die Diskrepanz zwischen dem Anteil der SchülerInnen und dem Anteil an den Zielgruppen für das Jugendcoaching jedoch in Wien. Während Wien nur 18% der SchülerInnen auf sich vereint, sind es bereits 20% der AbbrecherInnen, 23% der SPF-SchülerInnen/Jugendlichen und gar 33% der NEETs in Österreich. Dementsprechend überproportional sollte das Angebot für diese Zielgruppen in Wien aufgebaut werden.

Wenn nun die vorangegangenen Berechnungen und Schätzungen der drei Zielgruppen zusammengeführt werden, dann ergibt sich der in Tabelle 13 ausgewiesene Bedarf an Betreuungsplätzen für Jugendcoaching differenziert nach Bundesländern.

Tabelle 13: Abschätzung des (Minimal-)Bedarfs an Betreuungsplätzen im Jugendcoaching Q: Statistik Austria (LFS & Schulstatistik).

 

Abbrecher/ innen im 9. Schuljahr

ehemalige SPF-SchülerInnen

NEETs

Summe

Burgenland

714

40

91

845

Kärnten

1.408

106

166

1.680

Niederösterreich

3.287

313

459

4.059

Oberösterreich

3.412

265

341

4.018

Salzburg

1.229

105

111

1.445

Steiermark

2.462

155

184

2.801

Tirol

1.752

113

222

2.087

Vorarlberg

713

87

112

912

Wien

3.808

354

830

4.992

gesamt

18.784

1.537

2.516

22.837

Dementsprechend kann für Wien ein jährlicher Bedarf an Jugendcoaching von rund 5.000 Personen und rund 2.800 in der Steiermark angenommen werden. Dies sind etwas geringere Werte, als sie der Gesamtplanung des Jugendcoaching zugrunde liegen. Da es sich hierbei jedoch um einen rechnerisch ermittelten Minimalbedarf handelt, weil zwar die Zahl der AbbrecherInnen bekannt ist, der Anteil abbruchgefährdeter SchülerInnen aber nicht zweifelsfrei bestimmt werden kann, können die dem Jugendcoaching zugrundeliegenden Planzahlen von 8.200 für Wien und 3.300 für die Steiermark an dieser Stelle als durchaus realistisch bezeichnet werden. Einzig die Relation dieser Planzahlen zueinander stimmt nicht ganz mit den Ergebnissen zur Berechnung der Zielgruppengrößen nach Bundesländern überein. Während der Anteil der steirischen JU-Plätze in den Planzahlen nur 27,5% beträgt, liegt er bei der Zielgruppenabschätzung bei 35,9%. Eine weiterführende Einschätzung der Planzahlen wird sodann auf Basis der tatsächlich realisierten TeilnehmerInnenzahlen, die im Anschluss besprochen werden, vorgenommen.

4.1.2 Struktur der Zielgruppe

Neben der Größe der Zielgruppe und einer daraus resultierenden Bedarfsabschätzung, um die Gesamtdimensionierung der Maßnahme einschätzen zu können, ist auch eine Analyse ihrer Zusammensetzung von Relevanz, um dadurch eine Kontrastfolie zu erhalten, mit der es möglich wird, die Struktur der TeilnehmerInnen einzuschätzen. Derart wird es möglich, eine Bewertung vorzunehmen, ob die verschiedenen Bedarfslagen in Abhängigkeit von soziodemographischen Merkmalen wie dem Geschlecht oder dem Migrationshintergrund entsprechende Berücksichtigung finden.

Um die Struktur der Zielgruppe einzuschätzen, bietet sich an, auf Grundlage des Labor Force Surveys (LFS) eine soziodemographische Analyse der Early School Leavers[6] (ESL) vorzunehmen. Die frühen BildungsabbrecherInnen sind zwar nicht zu 100% ident mit der Zielgruppe des Jugendcoaching, doch bietet die Datengrundlage des LFS die - zwar immer noch beschränkten aber im Vergleich - besten Möglichkeiten, Differenzierungen nach persönlichen Merkmalen vorzunehmen.

Tabelle 14: ESL-Quoten differenziert nach soziodemographischen Merkmalen 2011 Q: Statistik Austria.

Merkmal

Ausprägung

ESL-Anteil

Geschlecht

Weiblich

7,8%

 

Männlich

8,8%

Wohnort

Land

6,7%

 

Stadt

11,1%

 

beschäftigt

5,3%

AM-Status-Eltern

Nichterwerbsperson

16,4%

 

arbeitslos

25,6%

 

Österreich

3,9%

Herkunft

2.Generation

13,8%

 

Migrant/in (außer EU)

26,7%

 

Hoch

3,0%

Elternbildung

mittel

5,4%

 

niedrig

20,9%

gesamt

 

8,3%

Entsprechend der in Tabelle 14 dargestellten Berechnungsergebnisse differieren die Quoten des vorzeitigen Bildungsabbruchs stark. Der österreichweite Anteil an frühen BildungsabbrecherInnen liegt 2011 bei 8,3%, wobei sich kaum Unterschiede nach Geschlecht zeigen. Deutliche Unterschiede treten jedoch hinsichtlich des Arbeitsmarktstatus und der Bildung der Eltern zutage. Diese werden von den Unterschieden nach der Herkunft (ob also ein Migrationshintergrund vorliegt oder nicht) nochmals übertroffen.

Diese Unterschiede im ESL-Anteil haben entsprechend der Darstellung in Abbildung 16 zur Folge, dass Jugendliche, deren Eltern arbeitslos sind, verglichen zu Jugendlichen mit beschäftigten Eltern das beinahe fünffache Risiko tragen vorzeitig aus dem Bildungssystem auszuscheiden. Sind die Eltern niedrig gebildet, ist das Risiko der Jugendlichen siebenfach erhöht. Ebenso hoch ist das Risiko für Personen mit Migrationshintergrund in erster Generation, doch auch die Jugendlichen zweiter Generation sind gegenüber jenen, deren Eltern in Österreich geboren wurden, immer noch dem dreieinhalbfachen Risiko ausgesetzt.

Abbildung 16: Risikoverteilung des vorzeitigen Bildungsabbruchs Q: Statistik Austria, Berechnung: IHS.

Dies bedeutet umgelegt auf eine bedarfsgerechte Struktur der Jugendcoaching- TeilnehmerInnen, dass TeilnehmerInnen aus bildungs- und erwerbsfernen Elternhäusern sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund überrepräsentiert und entsprechend der Angaben in Tabelle 15 zusammengesetzt sein sollten.

Tabelle 15: Soziodemographische Zusammensetzung vorzeitiger BildungsabbrecherInnen Q: Statistik Austria.

Merkmal

Ausprägung

Verteilung

Summe

Geschlecht

Weiblich

47,4%

100%

 

Männlich

52,6%

 
 

beschäftigt

66,3%

 

AM-Status-Eltern

Nichterwerbsperson

24,8%

100%

 

Arbeitslos

8,9%

 
 

Österreich

36,8%

 

Herkunft

2.Generation

15,4%

100%

 

Migrant/in (außer EU)

47,8%

 
 

Hoch

13,5%

 

Elternbildung

mittel

40,5%

100%

 

niedrig

46,0%

 

Ob und inwieweit sich die Struktur der Zielgruppe auch unter den TeilnehmerInnen wiederfindet, ist die Fragestellung im folgenden Abschnitt.

4.2 Zielgruppenerreichung

Die Grundlage der in weiterer Folge dargestellten Berechnungsergebnisse bildet das vom Bundessozialamt den einzelnen Trägern zur Verfügung gestellte und von diesen befüllte Monitoringsystem, das aufbauend auf einer anonymisierten Individualstatistik neben soziodemographischen Daten auch Kennzahlen der Problemlagen der TeilnehmerInnen und Wirkungsvariablen umfasst. Im Rahmen dieses Kapitels erfolgt auf Basis der soziodemographischen Daten eine Darstellung der TeilnehmerInnenstruktur, die durch einen Vergleich mit der Zielgruppenstruktur (vgl. Abschnitt 4.1) das Ausmaß der ‚qualitativen' Zielgruppenerreichung durch das Jugendcoaching abbildet. Dem voran geht jedoch zunächst eine Darstellung der GesamtteilnehmerInnenzahlen und ihrer Entwicklung in Relation zu den Planzahlen.

Bis Ende 2012 wurden insgesamt 12.579 TeilnehmerInnen am Jugendcoaching ins Monitoringsystem eingetragen. 72,8% der GesamtteilnehmerInnenanzahl stammen aus Wien, 27,2% aus der Steiermark. Das entspricht der Bedarfsabschätzung, wie sie in Abschnitt 4.1.1.4 vorgenommen wurde, nur zum Teil. Zwar ist auch dort das Ergebnis, dass der Bedarf in Wien stärker ausgeprägt ist als derjenige in der Steiermark, der steirische Anteil wurde jedoch mit 35,9% berechnet, woraus sich als erste Schlussfolgerung ableiten lässt, dass in der Steiermark verglichen zu Wien ein merklicher Aufholbedarf hinsichtlich der TeilnehmerInnenzahlen besteht. Dieser Aufholbedarf besteht nicht in Relation zu den Planzahlen, die auch bereits für die Steiermark einen etwas geringeren Anteil vorsehen, als es den regional differenzierten Zielgruppenberechnungen entspricht.

Was die Gesamtzahl der TeilnehmerInnen in Relation zu den Planzahlen betrifft bestehen keine großen Diskrepanzen, sondern kann festgestellt werden, dass die auch der finanziellen Kalkulation zugrundeliegenden Planungen realisiert bzw. in Wien sogar überschritten werden konnten. Inwieweit dies für Wien einen Adjustierungsbedarf der Planzahlen nach sich zieht, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht schlüssig geklärt werden, da das Jahr 2012 als Übergangsjahr vom Clearing zum Jugendcoaching betrachtet werden muss, in dem es teilweise auch notwendig war, Strukturen erst einmal aufzubauen. Diese Fakten können jedoch als Indizien dafür gewertet werden, dass die sich in den Folgejahren einstellende TeilnehmerInnenzahl noch etwas höher liegen dürfte.

Tabelle 16: Entwicklung der TeilnehmerInnenzahlen Q: BSB, Monitoringsystem.

 

Stichtag 10.09.12

Stichtag 15.11.12

Stichtag 31.12.12

Planzahlen 2012

Steiermark

1.134

2.454

3.422

3.300

Wien

3.642

7.243

9.157

8.200

Summe

4.776

9.697

12.579

11.500

Abgesehen von der Gesamtzahl stellt sich auch die Frage, ob und inwieweit die Struktur der TeilnehmerInnen jener der Zielgruppe entspricht. Unter den TeilnehmerInnen zeigt sich (auf Basis eines Datenbankauszugs vom 10.9.2012) mit 56,4% ein leichter Überhang des männlichen Geschlechts und mit 53,2% ein leichter Überhang von Personen mit Migrationshintergrund. Während die geschlechtliche Verteilung mit der Zielgruppe übereinstimmt, sind Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas unterrepräsentiert. Während in der Zielgruppe der Early School Leavers 63,2% MigrantInnen in erster oder zweiter Generation sind, verfügen unter den TeilnehmerInnen rund 10%-Punkte weniger Personen über eine nicht-deutsche Muttersprache. Obwohl die Messkonzepte also etwas unterschiedlich sind, scheint es gerechtfertigt, die Zielgruppe der MigrantInnen unter den Jugendcoaching-TeilnehmerInnen etwas zu forcieren. Dieser Ausbaubedarf besteht insgesamt und auf den ersten Blick v.a. in der Steiermark, wenn man sich vor Augen führt, dass nur 27% der JU-TeilnehmerInnen in der Steiermark einen Migrationshintergrund aufweisen, während dies bei 61% der WienerInnen der Fall ist. Eine nach Bundesländern differenzierte Kontrastfolie zur Struktur der Zielgruppe steht zwar nicht zur Verfügung[7], in Anbetracht des regional stark differenzierten MigrantInnenanteils im Bildungssystem ist jedoch der Schluss naheliegend, dass in der Steiermark geringere Anteile von TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund als in Wien als bedarfsentsprechend gelten können. So weisen laut Schulstatistik 2010/11 in Wien 43,3% aller SchülerInnen eine nichtdeutsche Muttersprache auf, während dies in der Steiermark nur auf 10,3% zutrifft.

Was das Alter der TeilnehmerInnen betrifft, so liegt der Schwerpunkt mit 50,6% bei den 16/17-Jährigen. Dies überrascht insofern, als die Hauptzielgruppe mit Jugendlichen im individuellen 9. Schulbesuchsjahr definiert wurde, das der Altersgruppe der bis 15-Jährigen entsprechen würde. Es liegt demnach ein deutlicher Schwerpunkt auf jenen TeilnehmerInnen, die die Laufbahnentscheidung am Übergang zwischen Sekundarstufe I und II bereits getroffen haben. Es ist zwar unbestritten, dass es auch in weiterer Folge Unterstützungsbedarf durch Jugendcoaching gibt und viele Jugendliche aufgrund von Laufbahnverlusten am Übergang der Bildungsstufen älter sind, ein präventiverer Ansatz kann jedoch verfolgt werden, wenn die Intervention früher einsetzt. 16/17-Jährige haben sich schon dafür entschieden, die Bildungslaufbahn über das geforderte Mindestmaß hinaus fortzusetzen. Viele jedoch brechen nach Erfüllung der Schulpflicht, also dem 9. Schulbesuchsjahr, ab. Insofern scheint eine Diskussion über die Ursachen der Altersverschiebung und die Möglichkeiten, die Anteile jüngerer TeilnehmerInnen zu stärken, angebracht. Die womöglich starke Integration von NEETs ist nicht geeignet, als Erklärungsgrundlage herangezogen zu werden, da sich - wie noch zu zeigen sein wird - 83,6% der JU-TeilnehmerInnen noch in der Schule befinden.

Tabelle 17: Soziodemographische Struktur Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

Steiermark

Wien

gesamt

Weiblich

40,6%

44,5%

43,6%

Männlich

59,4%

55,5%

56,4%

nicht dt.

27,2%

61,3%

53,2%

Dt-MS[a]

72,8%

38,7%

46,8%

bis 15 J.

41,2%

36,4%

37,6%

16/17-J.

45,7%

52,1%

50,6%

über 17 J.

13,1%

11,4%

11,8%

[a] Dt-MS: Deutsch als Muttersprache

Differenziert nach einzelnen Projekten zeigen sich deutliche Unterschiede hinsichtlich der bisher besprochenen soziodemographischen Merkmale. Während der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund mit einer Schwankungsbreite von 12,8% in Projekt G und 87,4% in Projekt O regionalen Schwankungen des MigrantInnenanteils geschuldet sein dürfte, kann dies keine plausible Erklärung für die Schwankungen z.B. beim Frauenanteil darstellen. So weist z.B. Projekt D nicht einmal einen 30%-igen Frauenanteil auf und entspricht damit kaum der Zielgruppenstruktur. Schließlich sind auch die Schwankungen zwischen den Projekten hinsichtlich des Alters bemerkenswert. So liegt der Anteil der bis 15-Jährigen zwischen 7,1% in Projekt M und knapp 60% in Projekt G. Da die einzelnen Projekte in Wien jedoch auch unterschiedliche Zielgruppenausrichtungen aufweisen, kann daraus kein direkter Handlungsbedarf abgeleitet werden.

Tabelle 18: Soziodemographische Struktur nach Projekten Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

Weiblich

männlich

nicht dt.

Dt-MS

bis 15 J.

16/17-J.

> 17 J.

Projekt A

42,1%

57,9%

59,6%

40,4%

26,9%

59,3%

13,8%

Projekt B

41,8%

58,2%

15,7%

84,3%

10,5%

37,9%

51,6%

Projekt C

42,4%

57,6%

61,6%

38,4%

31,1%

57,1%

11,9%

Projekt D

29,9%

70,1%

43,3%

56,7%

16,0%

51,3%

32,6%

Projekt E

50,0%

50,0%

18,2%

81,8%

32,6%

51,5%

15,9%

Projekt F

41,2%

58,8%

31,4%

68,6%

48,0%

40,2%

11,8%

Projekt G

31,9%

68,1%

12,8%

87,2%

59,6%

34,0%

6,4%

Projekt H

37,0%

63,0%

25,9%

74,1%

41,8%

46,0%

12,2%

Projekt I

34,3%

65,7%

10,1%

89,9%

40,4%

45,5%

14,0%

Projekt J

40,2%

59,8%

38,8%

61,2%

43,1%

45,5%

11,5%

Projekt K

55,4%

44,6%

25,0%

75,0%

27,2%

48,9%

23,9%

Projekt L

44,4%

55,6%

50,0%

50,0%

38,9%

38,9%

22,2%

Projekt M

57,1%

42,9%

78,6%

21,4%

7,1%

28,6%

64,3%

Projekt N

55,0%

45,0%

45,3%

54,7%

17,2%

59,2%

23,6%

Projekt O

45,3%

54,7%

87,4%

12,6%

49,5%

44,7%

5,8%

Projekt P

38,4%

61,6%

40,5%

59,5%

43,8%

45,9%

10,3%

Projekt Q

43,3%

56,7%

64,1%

35,9%

37,7%

54,5%

7,8%

Projekt R

46,1%

53,9%

44,6%

55,4%

51,0%

47,5%

1,5%

Projekt S

44,8%

55,2%

75,2%

24,8%

45,4%

53,7%

0,9%

Projekt T

33,9%

66,1%

77,0%

23,0%

32,2%

57,5%

10,3%

Projekt U

50,7%

49,3%

70,5%

29,5%

50,5%

46,0%

3,5%

Projekt V

47,1%

52,9%

72,9%

27,1%

47,7%

47,1%

5,2%

gesamt

43,6%

56,4%

53,2%

46,8%

37,6%

50,6%

11,8%

Wird die Charakterisierung der TeilnehmerInnen nun anhand von Bildungsindikatoren fortgesetzt, zeigt sich damit implizit auch ein Bild, wo das Jugendcoaching im ersten Jahr seine Schwerpunkte gesetzt hat. Zunächst einmal kann festgestellt werden, dass drei Viertel der TeilnehmerInnen keinen sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen, ein Viertel aber sehr wohl. Dieser Anteil unterscheidet sich zwischen Wien mit 21% und der Steiermark mit 32% deutlich. Dieses Ergebnis steht in Opposition zur Zielgruppenanalyse (vgl. Abschnitt 4.1, Seite 74f.), wo herausgearbeitet werden konnte, dass der SPF-Anteil in Wien überdurchschnittlich ausgeprägt ist. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass in Wien ein gewisser Aufholbedarf hinsichtlich der Integration von SPF-SchülerInnen in das Jugendcoaching besteht.

Wien weist darüber hinaus mit 86% eine wesentlich deutlichere Schwerpunktsetzung auf JUTeilnehmerInnen, die aktuell eine Schule besuchen, auf als die Steiermark mit 76,3%. Daraus kann implizit auch der Schluss gezogen werden, dass es den steirischen JU-Trägern deutlich besser gelingt, NEETs in die Zielgruppe zu integrieren als den Wienern.

Demgegenüber sind die Wiener Träger mit 19,5% etwas weiter dabei vorangeschritten, TeilnehmerInnen höherer (und damit für das Jugendcoaching neuer) Schulen in die Maßnahme zu integrieren als die steirischen mit 16,2%. Insgesamt liegt der Anteil von TeilnehmerInnen aus höheren/neuen Schulen bereits bei 18,8%, was angesichts der Notwendigkeit, Kooperationsstrukturen mit diesen Schulen erst aufbauen zu müssen, durchaus beachtlich ist.

Tabelle 19: Bildungsbezogene Charakterisierung Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

Steiermark

Wien

gesamt

kein SPF

67,7%

78,9%

76,2%

SPF ja

32,3%

21,1%

23,8%

Schulbesuch-nein

23,7%

14,0%

16,4%

Schulbesuch-ja

76,3%

86,0%

83,6%

Pflichtschule

83,8%

80,5%

81,2%

höhere/neue Schule

16,2%

19,5%

18,8%

Eine nach Projekten differenzierte Betrachtung zeigt wieder einige interessante Unterschiede auf. So verfügen z.B. in Projekt T 0% der TeilnehmerInnen über einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Gleichzeitig wird in weiterer Folge aufgezeigt werden, dass sich beinahe alle TeilnehmerInnen in diesem Projekt in Stufe 3 befinden, womit sich eine erklärungswürdige Diskrepanz auftut.

Die Spannungsbreite beim Anteil der TeilnehmerInnen mit Schulbesuch ist enorm und reicht von 28,7% in Projekt B bis 98,7% in Projekt T. Trotz unterschiedlicher Zielgruppenausrichtungen wird damit bei vielen Trägern großes Potential erkennbar, sich im Rahmen zukünftiger Umsetzungen auch der Zielgruppe der NEETs zuzuwenden.

Die Unterschiede hinsichtlich des Anteils von TeilnehmerInnen aus höheren/neuen Schulen sind mit 0%-100% nochmals höher, lassen sich jedoch auf die unterschiedliche Schulverteilung zwischen den Trägern in Wien zurückführen.

Tabelle 20:Bildungsbezogene Charakterisierung nach Projekten Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

kein SPF

SPF ja

kein Schulbesuch

Schulbesuch ja

Pflichtschule

höhere/ neue Schule

Projekt A

99,1%

0,9%

16,3%

83,7%

1,2%

98,8%

Projekt B

96,1%

3,9%

71,3%

28,7%

76,9%

23,1%

Projekt C

33,3%

66,7%

15,6%

84,4%

95,1%

4,9%

Projekt D

25,7%

74,3%

18,6%

81,4%

81,9%

18,1%

Projekt E

72,7%

27,3%

31,5%

68,5%

71,8%

28,2%

Projekt F

67,6%

32,4%

20,8%

79,2%

87,5%

12,5%

Projekt G

40,4%

59,6%

18,6%

81,4%

100%

0,0%

Projekt H

70,9%

29,1%

26,1%

73,9%

84,6%

15,4%

Projekt I

51,1%

48,9%

26,3%

73,7%

91,9%

8,1%

Projekt J

66,5%

33,5%

15,0%

85,0%

88,6%

11,4%

Projekt K

94,6%

5,4%

33,7%

66,3%

44,3%

55,7%

Projekt L

55,6%

44,4%

50,0%

50,0%

66,7%

33,3%

Projekt M

35,7%

64,3%

61,5%

38,5%

60,0%

40,0%

Projekt N

99,7%

0,3%

11,5%

88,5%

0,5%

99,5%

Projekt O

93,7%

6,3%

6,5%

93,5%

99,4%

0,6%

Projekt P

71,9%

28,1%

21,1%

78,9%

88,0%

12,0%

Projekt Q

54,3%

45,7%

9,4%

90,6%

93,6%

6,4%

Projekt R

84,8%

15,2%

2,9%

97,1%

100,0%

0,0%

Projekt S

93,1%

6,9%

7,8%

92,2%

98,8%

1,2%

Projekt T

100%

0,0%

1,3%

98,7%

100%

0,0%

Projekt U

91,9%

8,1%

16,6%

83,4%

95,0%

5,0%

Projekt V

94,8%

5,2%

21,7%

78,3%

100%

0,0%

gesamt

76,2%

23,8%

16,4%

83,6%

81,2%

18,8%

4.3 Problemlagen und soziales Umfeld der TeilnehmerInnen

Nachdem eine quantitative Darstellung der Zielgruppengröße und Zielgruppenstruktur herausgearbeitet werden konnte, wird der Fokus nun auf die Problemlagen und das jeweilige soziale Umfeld der Jugendcoaching-TeilnehmerInnen gelegt. Dies erfolgt einerseits auf Grundlage der qualitativen Fallstudien unter Einbezug der Perspektiven der Träger, Coaches, KooperationspartnerInnen, Jugendlichen und Eltern und wird andererseits durch die Darstellung der Problemlagen der Jugendlichen auf Basis der Monitoringdaten komplettiert.

4.3.1 Exploration der Merkmale, Problemlagen und Erfahrungen der Jugendlichen

Im Konzept werden SchülerInnen in ihrem 9. Schulbesuchsjahr, systemferne Jugendliche sowie unter 25-Jährige mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Behinderung als Zielgruppe definiert, wenn sie individuelle Beeinträchtigungen oder soziale Benachteiligungen aufweisen oder gefährdet sind, keinen Abschluss auf Sekundarstufe I oder II zu erreichen (vgl. BSB 2011, 8). Dieser Abschnitt behandelt, in welcher Weise diese Zielgruppe von den am Jugendcoaching beteiligten AkteurInnen im Rahmen der Fallstudien wahrgenommen werden. Wer sind diese TeilnehmerInnen aus Sicht der Jugendcoaching- Träger, Schulen und relevanten KooperationspartnerInnen und welche Merkmale und Problemlagen werden ihnen zugeschrieben? Zudem fließen Erfahrungen der Jugendlichen und von ihnen selbst wahrgenommene Problemkonstellationen ein.

Zunächst lässt sich voranstellen, dass aus Trägersicht eine Darstellung typischer Problemlagen und Merkmale der TeilnehmerInnen aufgrund der großen und diversen Zielgruppe ein schwieriges Unterfangen ist. Die Träger mit Clearing-Projekterfahrung sprechen von einer vormals schon breit gefassten Gruppe an Jugendlichen, die durch die Zielgruppenerweiterung noch an Heterogenität zugenommen hat. Es lasse sich kein typischer Jugendcoaching-Teilnehmer beschreiben, sondern es gebe eine große Diversität an vielschichtigen und individuell unterschiedlich kombinierten Problembereichen.

Zudem wird angeführt, dass die Sichtbarkeit von Problemlagen im Jugendcoaching-Prozess eine zusätzliche zeitliche Dimension aufweist. Viele Probleme tauchen erst im Laufe des Beratungsprozesses auf, wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen den Coaches und den Jugendlichen etabliert werden konnte. Es bestehen also verdeckte Problemlagen, die erst durch eine längerfristige Beziehungsarbeit wahrnehmbar werden. Exemplarisch werden hierfür Suchtproblematiken oder Missbrauchserfahrungen genannt, aber auch belastende und konflikthafte Familiensituationen können von manchen Jugendlichen erst nach einiger Zeit zur Sprache gebracht werden. In einigen Fällen besteht anfänglich bis auf eine negative Note keine sichtbare Benachteiligung und die Problemlagen treten erst schrittweise im Coachingprozess hervor.

Trotz der Heterogenität und zeitlich gestaffelten Wahrnehmungsmöglichkeit von Problemlagen, stellen die Jugendcoaching-Träger verschiedene Systematisierungsversuche an, um die Gruppe der Jugendlichen beschreibbar zu machen.

Eine erste systematische Beschreibung erfolgt über den Bezug zur Zielgruppe des Clearings. So werden sozialpädagogischer Förderbedarf, verschiedene Formen von Behinderung, chronische Erkrankungen oder Lernbeeinträchtigungen von SchülerInnen der 3. Leistungsgruppen und Integrationsklassen, die häufig mit Schulabstinenz oder negativen Abschlüssen einhergehen, genannt. Darüber hinaus gehen die Ansichten auseinander, inwieweit sich die Problemlagen der neuen Jugendcoaching-Zielgruppe von der alten Clearing-Zielgruppe unterscheiden. Problemlagen wie sozial-emotionale Benachteiligung, voraussichtlicher negativer Schulabschluss, fehlende Anschlussperspektiven und Lernschwächen in einem breiten Ausprägungsspektrum werden von einem Teil der Jugendcoaching-MitarbeiterInnen als auch bisher schon betreut bezeichnet. Von anderen wird dies als neue und zahlenmäßig große Gruppe an Jugendlichen gesehen, die nun vor allem durch LehrerInnen identifiziert und an das Jugendcoaching weitervermittelt werden. Diese differente Wahrnehmung dürfte einerseits damit zusammenhängen, dass die Kooperation der einzelnen Träger mit höheren Schulen unterschiedlich weit vorangeschritten ist. Manche Träger rekrutieren ihre TeilnehmerInnen noch größtenteils aus bisher bestehenden Schulkooperationen aus der Phase der Vorgängerprojekte und haben dadurch noch kaum Zugang zu Jugendlichen aus höheren Schulen. Jene Träger, die bereits Erfahrungen mit höheren Schulen gesammelt haben, verweisen darauf, dass der Schultyp, aus dem der/die Jugendliche kommt, einen großen Unterschied ausmacht.

Auf der anderen Seite dürfte die Zielgruppendefinition in der Praxis der ehemaligen Clearingprojekte schon unterschiedlich weit gefasst worden sein. So wird die Einschätzung vertreten, dass steirische Clearing-Vorgängerprojekte im Unterschied zu anderen Bundesländern hinsichtlich der Zielgruppe immer schon breiter aufgestellt gewesen seien. Eine bundesländerspezifische Trennlinie zwischen Wien und der Steiermark lässt sich in den Fallstudien zwar nicht wiederfinden, aber zwischen den einzelnen Trägern dürften durchaus zielgruppenspezifische Unterschiede bestanden haben, die sich jetzt in differenten Wahrnehmungen der Zielgruppenerweiterung widerspiegeln.

Neben der Beschreibung der TeilnehmerInnen entlang der Zielgruppenerweiterung werden von den Trägern drei spezielle Gruppen an TeilnehmerInnen wahrgenommen, die spezifische Problemlagen und/oder Betreuungsbedarfe aufweisen. Es handelt sich dabei um die bereits erwähnten Jugendlichen aus höheren Schulen, um systemferne Jugendliche (NEETs) und um Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Ein Großteil der Träger hat zum Interviewzeitpunkt zwar nur in geringem Ausmaß Erfahrungen mit TeilnehmerInnen aus höheren Schulen gesammelt, die ersten Eindrücke verweisen allerdings auf Unterschiede zu Jugendlichen aus anderen Schultypen und dementsprechend auf spezifische Problemkonstellationen. So werden bei dieser Gruppe in einem verstärkten Ausmaß Lernschwierigkeiten sowie ein hoher Lern- und Erfolgsdruck wahrgenommen. Dies wird einerseits darauf zurückgeführt, dass es durch einen Umstieg von Hauptschulen und Kooperativen Mittelschulen in berufsbildende mittlere und höhere Schulen zu einem sprunghaften Anstieg der Leistungsanforderungen kommt. Andererseits ist es aus Sicht der Träger ein Resultat von ehrgeizigen Eltern, die die Fähigkeiten ihrer Kinder überschätzen und ihre Kinder in für sie ungeeigneten Schultypen halten (vgl. Abschnitt 4.3.2). In beiden Varianten führt dies für einen Teil der SchülerInnen zu Überforderung und Frustration mit teils starker demotivierender Wirkung. Ein weiterer Problemkomplex wird im Zusammenhang mit älteren Jugendlichen wahrgenommen, die bereits mehrmals eine Klasse wiederholen mussten und keine Abschlussperspektive mehr haben. Für diese Gruppe steht aus Sicht der Träger die Erarbeitung von Alternativen im Vordergrund.

Auch bei der zweitgenannten Gruppe, den systemfernen Jugendlichen, verfügen die Träger noch über ein geringes Ausmaß an Erfahrung, da sich die Vernetzungsarbeit mit relevanten KooperationspartnerInnen der offenen Jugendarbeit (Bsp. Streetwork, Jugendzentren) noch in Aufbau befindet (vgl. Abschnitt 3.1.1). Auf Grundlage erster Einschätzungen weisen die Jugendlichen, die sich weder in (Aus-)Bildung noch Beschäftigung befinden, jedoch spezifische Bedürfnisse und Problemlagen auf, die sie von den anderen Jugendcoaching- TeilnehmerInnen unterscheiden. Es wird eine Häufung von finanziellen Problemen und Suchterkrankungen sowie eine stark ausgeprägte Perspektivenlosigkeit, die zumeist mit mangelnder Motivation einhergeht, festgestellt. Um eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dieser Gruppe an Jugendlichen herstellen zu können, wird ein Adaptionsbedarf der im Jugendcoaching üblichen Arbeitsweisen und Kommunikationsformen gesehen. Eine besondere Problematik besteht laut den Trägern im Zusammenhang mit Jugendlichen in laufenden Asylverfahren, vor allem wenn die Migration nach der Schulpflicht stattgefunden hat. Hier werden strukturelle Defizite in der Maßnahmenlandschaft und daraus resultierende Unsicherheiten über Empfehlungs- und Weitervermittlungsmöglichkeiten bei fehlender Arbeitsbescheinigung festgehalten (vgl. Abschnitt 3.1.9 und Abschnitt 4.4.1)

Mit der Thematisierung der letztgenannten Jugendlichen findet ein fließender Übergang zu der Gruppe von TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund statt. In Hinblick auf diese Gruppe können die Träger mit Clearing-Vorgängerprojekten auf eine breite Erfahrungsbasis aufbauen, da Jugendliche mit Migrationshintergrund auch schon vor Einführung des Jugendcoaching eine große TeilnehmerInnengruppe waren. Aus Trägersicht sind Jugendliche mit Migrationshintergrund zwar eine sehr heterogene Gruppe, die sich nicht grundsätzlich von den anderen TeilnehmerInnen unterscheidet, es werden aber dennoch zwei spezifische Problemkomplexe herausgestrichen. Einerseits bestehen sprachliche Schwierigkeiten, die sich für weiterführende Schulbesuche als Hindernis herausstellen können oder verhindern, dass Fähigkeiten und Kompetenzen in anderen Bereichen ausreichend wahrgenommen werden. Andererseits existiert aus Sicht der Träger eine Gruppe an weiblichen Jugendlichen, deren Möglichkeiten in besonders ausgeprägter Weise durch ein einschränkendes familiäres Umfeld beschnitten werden.

Neben den bereits dargestellten Systematisierungsversuchen beschreiben die Träger verschiedene Problemlagen, die quer über alle TeilnehmerInnengruppen verlaufen. Es handelt sich dabei um Motivationsprobleme, unklare Berufsbilder und Orientierungslosigkeit, Mobilitätseinschränkungen sowie Probleme, die aus dem familiären Umfeld entspringen.

Motivationsprobleme werden als quantitativ stark ausgeprägtes Phänomen wahrgenommen. Diese Einschätzung wird von den Jugendcoaching-Trägern, den Schulen und KooperationspartnerInnen geteilt. Im schulischen Bereich verweisen besonders PflichtschulvertreterInnen auf eine große SchülerInnengruppe, die durch Unwillen, eine schlechte Arbeitshaltung und fehlende Motivation für die Suche nach Anschlussoptionen auffällt. Während manche Schulen auf der Ebene der Benennung und des Beklagens der Motivationsdefizite stehen bleiben, versuchen andere Schulen darüber zu reflektieren und auf mögliche Ursachen zu schließen. Die Gründe für die Motivationsprobleme werden auf der einen Seite in den familiären Umfeldern der Jugendlichen gesehen, in denen geringe Leistungsanforderungen an die Kinder gestellt werden und die Übernahme von Verantwortung und Verpflichtungen nie gelernt wurde. Auf der anderen Seite resultiert die fehlende Motivation der Jugendlichen aus Sicht der Schulen daraus, dass das Finden eines Ausbildungsplatzes als zu große bzw. schwer erreichbare Aufgabe empfunden wird. Die Träger verweisen auf die Erfahrung, dass Motivationsprobleme häufig mit fehlenden Zukunftsperspektiven zusammenhängen und dementsprechend als Ausdruck der dahinterliegenden Orientierungslosigkeit verstanden werden müssen. So können deutliche Verbesserungen erreicht werden, wenn es im Rahmen des Coachingprozesses gelingt, neue Zukunftsszenarien zu erarbeiten und Realisierungschancen aufzuzeigen. Zudem lassen sich in manchen Fällen starke kontextabhängige Unterschiede hinsichtlich der Motivation und Eigeninitiative der Jugendlichen feststellen. Sie haben beispielsweise im schulischen Bereich eine stark demotivierte Haltung, zeigen jedoch in Praktikumstätigkeiten viel Engagement und Selbständigkeit.

Als ein weiterer Problemkomplex werden von den Trägern und KooperationspartnerInnen unklare Berufsvorstellungen, Orientierungslosigkeit oder unrealistische Zukunftsperspektiven beschrieben. Diese resultieren vor allem aus geringen Kenntnissen über das österreichische Ausbildungssystem und den Arbeitsmarkt. Dies trifft nicht nur auf Jugendliche mit Migrationshintergrund zu, sondern auch auf eine große Gruppe an österreichischen TeilnehmerInnen. Das berufsspezifische Wissen begrenzt sich häufig auf ein Tätigkeitsspektrum, welches im sozialen Umfeld ausgeübt wird und beinhaltet zumeist eher rudimentäre Vorstellungen über dessen Beschaffenheit. Es werden auch Fokussierungen auf regionale Leitbetriebe festgestellt, deren Aufnahmekriterien in vielen Fällen sehr hoch angesetzt und für die Jugendlichen schwer zu erfüllen sind. Gelingt der Eintritt nicht, bestehen kaum weitere Perspektiven im enggeführten Möglichkeitsraum. In den meisten Schultypen gibt es aus Trägersicht aufgrund der knappen Zeitressourcen zu wenig Raum für eine ausreichende berufsspezifische Auseinandersetzung, die häufig mit einer Dethematisierung im sozialen Umfeld der Jugendlichen zusammenfällt.

Als ein weiteres Problem nehmen die Träger eine geringe Mobilität von einem Teil der Jugendlichen wahr. Im ländlichen Raum bestehen Abhängigkeiten von den regionalen Unterstützungsstrukturen und die Jugendlichen sind stärker ans Elternhaus gebunden. Auch für viele ältere Jugendliche bleiben die Mobilitätseinschränkungen bestehen, weil der Führerscheinerwerb häufig nicht erreichbar ist. Aber auch im urbanen Raum stellen die Träger eine Gruppe an Jugendlichen fest, die es nicht gewohnt ist, sich selbstständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen und deshalb innerhalb der Bezirksgrenzen verbleibt.

Schließlich werden von den Jugendcoaching-Trägern, Schulen und KooperationspartnerInnen übereinstimmend Problemlagen wahrgenommen, die mit schwierigen Konstellationen im familiären Umfeld zusammenhängen. Es wird ein breites Problemspektrum von fehlender Unterstützung über familiäre Konflikte und Gewalterfahrungen bis hin zu Überforderung durch unrealistische Zielvorgaben nachgezeichnet (vgl. Abschnitt 4.3.2).

Viele der von den Jugendcoaching-Trägern, KooperationspartnerInnen und Schulen wahrgenommenen Problemlagen finden sich in den Interviews mit Jugendcoaching- TeilnehmerInnen wieder, die im Rahmen der Fallstudien geführt wurden. Es bestehen starke Fokussierungen auf spezifische Lehrberufe, ohne mögliche Alternativen entwickelt zu haben. Durch längere zermürbende Phasen erfolgloser Bewerbungen oder einem Lehrstellenverlust aufgrund von chronischen Erkrankungen stehen die Jugendlichen ohne Zukunftsperspektiven da. In den Interviews wird sichtbar, dass derartige länger anhaltende Phasen der Perspektivenlosigkeit zu Frustrationen führen und eine stark demotivierende Wirkung auf die Jugendlichen haben können. Der von den Trägern wahrgenommene Zusammenhang zwischen Motivationsproblemen und fehlenden Zukunftsszenarien spiegelt sich in den Erfahrungen der Jugendlichen wider. Es werden schulische Leistungseinbrüche geschildert, die einerseits aus einem Umstieg von Pflichtschulen in höhere Schulen und einer damit verbundenen Überforderung resultieren. Andererseits beeinträchtigen anhaltende Beziehungskonflikte der Eltern die Konzentrationsfähigkeit von SchülerInnen und lassen kaum Raum für die Artikulation und Bearbeitung ihrer schulischen Probleme. Wiederholte Erfahrungen des Scheiterns im schulischen Kontext können zu Verunsicherungen über die eigenen Fähigkeiten führen oder familiäre Konflikte erzeugen. Dies geht in einem Extremfall so weit, dass es aufgrund eines Schulaustrittes und nachfolgender Lehrstellenprobleme sogar zu einem Beziehungsabbruch der halben Familie kommt und der Jugendliche als "Schmarotzer" beschimpft wird. Andere Jugendliche berichten hingegen über fehlende Unterstützung der Eltern bei der Lehrstellensuche und dem Gefühl des Desinteresses der Eltern für ihre Ausbildungskarriere. Die von den Jugendlichen in den Interviews geschilderten Erfahrungen stimmen in einem breiten Spektrum mit den von den Trägern wahrgenommenen Problemlagen überein. Es kann festgehalten werden, dass die Träger die Schwierigkeiten und Problembereiche der Jugendlichen gut erfassen und adäquat wahrnehmen können.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es die mit dem Jugendcoaching verbundene Zielgruppenerweiterung ermöglicht, ein breites Spektrum an vorhandenen Problemlagen der Jugendlichen abzudecken. Vor allem "verdeckte" Problemkonstellationen, die erst im Laufe des Coachingprozesses wahrnehmbar werden, können unter der erweiterten Zielgruppendefinition adäquat betreut werden. Unter den Bedingungen einer engeren Zielgruppendefinition würden manche Jugendliche mit derartigen "unsichtbaren" Problemlagen gar keinen Zugang zum Jugendcoaching finden.

4.3.2 Soziales Umfeld der Jugendlichen

Dieser Abschnitt thematisiert auf Grundlage der Fallstudien, welche Problemlagen im familiären Umfeld der Jugendlichen von den am Jugendcoaching beteiligten AkteurInnengruppen wahrgenommen werden. Zudem wird zu Beginn des Abschnittes die Bedeutung der Elternkooperation für das Gelingen des Coachingprozesses und deren Umsetzung im Jugendcoaching aus Sicht der Träger herausgearbeitet

Laut Jugendcoaching-Konzept soll das Umfeld der Jugendlichen in die Umsetzung einbezogen und in der Zukunftsplanung immer mitgedacht werden. Die Rolle der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten wird im Konzept im Besonderen hervorgestrichen und die Elternarbeit soll in allen Phasen des Coachingprozesses berücksichtigt werden (vgl. BSB 2011, 13f). Dieses Verständnis der Elternarbeit als wesentliches Element des Jugendcoaching wird von allen Trägern geteilt. Der Einbeziehung des familiären Umfeldes in den Coachingprozess wird einhellig eine große Bedeutung zuerkannt und die Elternkooperation wird als ein zentraler Faktor für das Gelingen des Coachingprozesses gesehen. Aus Trägersicht werden verschiedene Problembereiche unterschieden, die in verschiedenen Stadien des Coachingprozesses zur Geltung kommen und deren erfolgreiche Bearbeitung eine Kooperation mit dem familiären Umfeld voraussetzt:

In Familien bestehen berufs- bzw. ausbildungsspezifische Paradigmen, die zu einer Einengung des Möglichkeitsraumes der Jugendlichen führen können. Werden neue Perspektiven ausschließlich mit den Jugendlichen entworfen, zeigen sich Probleme bei der Umsetzung der erarbeiteten Empfehlungen, weil jemand aus dem Umfeld diese nicht akzeptiert. Es bedarf einer Reflexion und Erarbeitung von alternativen Perspektiven unter Einbezug des familiären Umfeldes, um derartige Engführungen aufweichen zu können. Jugendliche werden durch eine große Verantwortungsübernahme im familiären Kontext überbelastet, woraus beispielsweise schulische Leistungsprobleme resultieren können. Die Betreuung kleinerer Geschwister, die Übernahme von Haushaltspflichten oder die Begleitung nicht-deutschsprachiger Eltern bei Amtsgängen werden in diesem Zusammenhang genannt. Es bedarf der Einbindung der Eltern, um erfolgversprechende Strategien erarbeiten und das Familiensystem verändern zu können.

Es bestehen auf Seiten der Eltern unrealistische Zielvorstellungen für ihre Kinder, deren Fähigkeiten werden einerseits von einem Teil der Eltern überschätzt oder deren Beeinträchtigungen werden andererseits unterschätzt bzw. gar nicht wahrgenommen. Es bedarf wiederum der Einbindung der Eltern in den Coachingprozess, um ein realistisches Bild über Möglichkeiten und Fähigkeiten erarbeiten zu können.

Schließlich wird es im Sinne des Case-Management-Ansatzes als wesentliche Aufgabe des Jugendcoaching gesehen, Ressourcen im familiären Umfeld zu mobilisieren und ein Unterstützungsnetz für die Jugendlichen zu organisieren. Dies setzt evident eine erfolgreiche Einbindung der Eltern voraus, um wahrgenommene Ressourcen realisieren zu können.

Die hohe Bedeutung, die der Elternarbeit von Seiten der Jugendcoaching-Träger zugeschrieben wird, korrespondiert in der Regel mit großen Bemühungen, die Eltern in mehreren Stadien des Betreuungsprozesses einzubinden. In Zusammenarbeit mit den Schulen werden Elterninformationsabende veranstaltet. Die Eltern werden bei anstehenden relevanten Entscheidungen im Coachingprozess und bei Übergangsgesprächen mit BetreuerInnen von Nachfolgemaßnahmen zu Erstgesprächen eingeladen. Zudem gibt es von Beginn des Coachingprozesses an Bemühungen, Möglichkeiten gegenseitiger Kontaktaufnahme zwischen Eltern und Jugendcoaches zu schaffen.

Neben diesen unternommenen Anstrengungen der Träger für die Etablierung einer guten Kooperationsbasis mit den Eltern, wird jedoch auch vor der Gefahr einer bedenklichen Ressourcenverschiebung gewarnt. In Einzelfällen gehen viele Ressourcen verloren, wenn etwa Eltern nicht zu vereinbarten Terminen erscheinen oder deren eigene Problemlagen im Beratungssetting viel Raum einnehmen. Hier würden Therapiebedarfe auf Seiten der Eltern sichtbar und es bestünden keine Möglichkeiten, die Eltern an andere Stellen weiterzuverweisen. Deshalb wird die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung im Kontext der Elternarbeit betont, weil sonst die Ressourcen nicht in ausreichendem Ausmaß zu den Jugendlichen fließen würden. Es wird eine Auseinandersetzung darüber eingemahnt, was das Jugendcoaching in der Elternarbeit leisten kann und was nicht.

Zudem zeigen die Kooperationsbemühungen der Träger mit dem familiären Umfeld der Jugendlichen eine durchwachsene Erfolgsbilanz. Hinsichtlich der Bereitschaft und dem Willen zur Zusammenarbeit werden von den Trägern drei Gruppen von Eltern unterschieden.

Es gibt eine große Gruppe von Jugendlichen, bei deren Eltern die Einbindung in den Betreuungsprozess gut funktioniert. Die Eltern zeichnen sich durch hohes Engagement und Interesse am Beratungsprozess aus und mit ihnen kann problemlos Kontakt gehalten werden. Hier werden beispielsweise Eltern von schwerstbehinderten Jugendlichen hervorgestrichen, die in der Regel ein hohes Engagement aufweisen. Eine hohe Kooperationsbereitschaft zeigt sich zudem bei Eltern, deren Kinder weder in (Aus-)Bildung oder Beschäftigung sind und den Zugang zum Jugendcoaching durch die Initiative der Eltern gefunden haben.

Von den Trägern wird eine zweite Gruppe von Eltern beschrieben, die zwar ohne Probleme die Einverständniserklärung unterschreiben und am Erstgespräch teilnehmen, sich danach jedoch aus dem Betreuungsprozess zurückziehen. Diese Vorgehensweise wird von Trägerseite als bewusste Abgabe der Verantwortung an die Jugendcoaches interpretiert. KooperationspartnerInnen von Folgemaßnahmen berichten, dass trotz konsequenter Versuche, die Eltern in Übergangsgespräche zwischen Jugendcoaching und nachfolgende BetreuerInnen einzubinden, dies nur in seltenen Fällen gelingt. Im zeitlichen Verlauf des Coachingprozesses scheint dementsprechend die Kooperationsbereitschaft eines Teiles der Eltern abzunehmen, die ihre Kinder durch das Jugendcoaching als ausreichend betreut wahrnehmen.

Die Träger beschreiben eine dritte Gruppe von Eltern, die sich durch einen geringen bis nicht vorhandenen Kooperationswillen und durch eine fehlende Unterstützung ihrer Kinder charakterisieren lässt. Hier werden Eltern wahrgenommen, die ein Desinteresse für die Karriereverläufe ihrer Kinder und dementsprechend auch kaum Bereitschaft für eine aktive Beteiligung an Unterstützungsmaßnahmen aufweisen. Die Träger warnten in diesem Zusammenhang fast einmütig vor einem Selektionsprozess durch die zum Zeitpunkt der Interviewdurchführung bestehende Regelung bezüglich der Einverständniserklärung durch die Eltern. Dadurch sei der niederschwellige Zugang gerade für jene Jugendlichen gefährdet, die von ihrem familiären Umfeld alleine gelassen werden und deshalb in einem großen Ausmaß auf das Jugendcoaching angewiesen wären.

Diese Trägerwahrnehmung einer Gruppe an Eltern, bei denen fehlende Unterstützung für ihre Kinder mit einem geringen Maß an Kooperationsbereitschaft zusammenfällt, deckt sich mit den Erfahrungen und Sichtweisen der SchulvertreterInnen. Es wird ein Desinteresse bei Eltern für die Schulkarrieren ihrer Kinder und eine teilweise geringe Beteiligung der Erziehungsberechtigten bei Elternabenden beklagt. Schulische Probleme würden oft aus familiären Belastungssituationen resultieren, deshalb sei es wenig zielführend, die eigentlichen Verursacher des Problems zuerst um Bewilligung für das Jugendcoaching fragen zu müssen. Exemplarisch wird in diesem Zusammenhang die Situation von Mädchen genannt: "Also wenn das Mädl, jetzt quasi erst über seine Probleme reden darf, wenn derVater seine Genehmigung dazu erteilt, dann können Sie sich vorstellen, wie es ausgeht, unddas ist schade. Da übertreibt man den Datenschutz." (Fall 3 / Interview 5 / Seite 14)

Die Interviews wurden zu einem Zeitpunkt geführt, als die Adaption der Bedingungen der Einverständniserklärung noch nicht durchgeführt war. Es ist zu erwarten, dass vor allem jene Gruppe an Jugendlichen von den neuen Regelungen profitiert, deren soziales Umfeld sich durch fehlende Unterstützung und ein geringes Maß an Kooperationsbereitschaft charakterisieren lässt.

In Hinsicht auf Familien mit Migrationshintergrund verweisen vor allem die Wiener Jugendcoaching-Träger auf weitere spezifische Problematiken. Auf der einen Seite wird bei Eltern mit Migrationshintergrund verstärkt ein fehlendes Wissen über das österreichische Bildungssystem registriert. Auf der anderen Seite treten Sprachbarrieren bei den Einverständnisformularen und Verständigungsprobleme in der Elternarbeit auf. Ein Wiener Träger verweist aber auf sehr positive Erfahrungen, seitdem zwei türkischsprachige MitarbeiterInnen eingestellt wurden. Die Zusammenarbeit mit türkischsprachigen Eltern konnte dadurch stark verbessert werden.

Neben der bereits thematisierten Problematik eines desinteressierten familiären Umfeldes nehmen die Jugendcoaching-Träger in Übereinstimmung mit SchulvertreterInnen und KooperationspartnerInnen eine Gruppe von überforderten Eltern wahr. Einerseits werden prekäre Familienverhältnisse beschrieben, in denen Gewalt, Beziehungskonflikte, Scheidungen oder Arbeitslosigkeit bestimmende familiäre Thematiken sind. Die Eltern sind mit eigenen ungelösten Problemen beschäftigt und überfordert, weshalb kaum Raum für die Artikulation und innerfamiliäre Bearbeitung der Schwierigkeiten der Jugendlichen vorhanden ist. Andererseits werden orientierungslose Eltern wahrgenommen, die nur auf geringes Wissen über das österreichische (Aus-)Bildungssystem zurückgreifen können. Wenn kritische Bildungswegentscheidungen anstehen, fühlt sich diese Elterngruppe bei der Unterstützung und Beratung ihrer Kinder überfordert, vor allem wenn eine Arbeits- oder Lehraufnahme am ersten Arbeitsmarkt aufgrund von Beeinträchtigungen nicht möglich ist. Schließlich wird eine dritte Gruppe von überforderten Eltern genannt, die Probleme bei der Unterstützung ihrer lernschwachen Kinder aufweisen. Es handelt sich dabei um selbst "lernschwache Eltern", die weder in der Lage sind, ihren Kindern bei Lernschwierigkeiten aktiv zu helfen, noch die finanziellen Möglichkeiten haben, um externe Lernbegleitung zu organisieren. Für diese Gruppe wird von Schulen ein großer Bedarf an unentgeltlicher Lernunterstützung gesehen mittels derer große Erfolge erzielt werden könnten.

Eine andersartige Überforderungskonstellation im familiären Kontext wird vor allem von höheren Schulen und Jugendcoaching-Trägern, die bereits Kooperationen mit höheren Schulen aufgebaut haben, artikuliert. Hier werden einerseits Eltern wahrgenommen, die ihre Kinder durch einen hohen Erwartungsdruck, durch unrealistische Ausbildungs- und Berufsziele oder durch Überschätzung ihrer Fähigkeiten überfordern. Auf der anderen Seite unterschätzen Eltern die Lernschwächen ihrer Kinder oder wollen diese nicht wahrhaben. Dadurch werden Jugendliche auf Druck der Eltern in Schultypen gehalten, für die sie nach Einschätzung der LehrerInnen nicht geeignet sind. Es wird auch von SchülerInnen berichtet, die eigentlich eine Lehre anstreben würden, aber aufgrund ihrer Eltern weiterhin im Schulsystem verbleiben. Die betroffenen SchülerInnen stehen dadurch unter einem permanenten Leistungsdruck, sind von den hohen Ansprüchen überfordert und erleben Erfahrungen des Scheiterns. Diese Problematik zeige sich laut SchulvertreterInnen vermehrt in der 9. Schulstufe, da viele Eltern die prestigeträchtigeren höheren Schulen anstatt der Polytechnischen Schulen bevorzugen würden. In dieser Elterngruppe besteht zum Teil die Sorge, dass die Teilnahme ihrer Kinder am Jugendcoaching diese als lernschwache SchülerInnen stigmatisieren könnte.

Derartige Überforderungen durch hohe Erwartungshaltungen und unrealistische Einschätzung der Leistungsfähigkeit sind jedoch nicht auf den Bereich der höheren Schulen alleine beschränkt. KooperationspartnerInnen berichten von der Erfahrung, dass Eltern ihre Kinder in eine Lehre am ersten Arbeitsmarkt drängen, anstatt eine notwendige integrative Berufsausbildung anzustreben. Die Jugendlichen befinden sich dann in einer Situation, in der sie an den kaum erreichbaren Anforderungen scheitern und verzweifeln.

4.3.3 Quantitative Verteilung der Problemlagen

Nachdem im Abschnitt 4.3.1 die Problemlagen der Jugendlichen qualitativ exploriert wurden, erhebt sich hier nun die Frage, wie sich die Problemlagen quantitativ verteilen, wer also in welchem Ausmaß davon betroffen ist. Grundlage dafür ist eine Analyse der Income-Faktoren im Rahmen des Monitoringsystems.

Die Problemlagen der TeilnehmerInnen zu Maßnahmenbeginn werden im Monitoringsystem auf umfassende Weise abgebildet. Die Bandbreite reicht vom Zugang zu externen Unterstützungsangeboten bis hin zu persönlichen Problemlagen.

Bei der Frage nach dem Zugang zu zusätzlichen externen Unterstützungsangeboten zeigen sich bei 90% der TeilnehmerInnen keine Probleme, weil sie ihn entweder haben oder nicht brauchen. 10% scheinen unterversorgt zu sein, wobei dieser Anteil in der Steiermark höher ist als in Wien, womit auch quantitativ ein Befund bestätigt werden kann, der bereits im Zuge der Fallstudien zu Tage getreten ist. Die Unterschiede nach Geschlecht und Migrationshintergrund erweisen sich als unbedeutend.

Tabelle 21: Zusätzliche Unterstützungsangebote Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

Stmk.

Wien

Weiblich

männlich

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

braucht keine

50,5%

69,6%

67,8%

63,0%

68,6%

61,1%

65,1%

ausreich. vorh.

35,8%

21,7%

23,2%

26,5%

20,9%

29,8%

25,1%

unzureich. vorh.

12,3%

8,0%

8,4%

9,5%

9,5%

8,4%

9,0%

nicht vorhanden

1,4%

0,6%

0,7%

0,9%

0,9%

0,7%

0,8%

Summe

100,0%

100,0%

100,0%

100,0%

100,0%

100,0%

100,0%

Beim Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zeigt sich nach Regionen ein ähnliches Bild und unterstützt so wiederum die qualitativen Ergebnisse. Insgesamt werden für 47% der steirischen TeilnehmerInnen Mobilitätsprobleme ausgewiesen. In Wien sind es nur 5%. Während kein Unterschied nach Geschlecht zu erkennen ist, dürfte der Unterschied nach Migrationshintergrund auf die ungleiche Verteilung von MigrantInnen auf die beiden Bundesländer zurückzuführen sein.

Tabelle 22: Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln Q: Monitoringdaten BSB, n= 4.776.

 

Steiermark

Wien

weiblich

männlich

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

gute Erreichbark.

53,3%

95,2%

85,8%

84,7%

92,5%

76,9%

85,2%

Erreichbark. leicht eingeschr.

37,5%

4,6%

12,2%

12,6%

7,0%

18,5%

12,4%

Erreichbark. stark eingeschr.

9,3%

0,2%

2,0%

2,7%

0,5%

4,6%

2,4%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Die nun in weiterer Folge präsentierten Ergebnisse zu den persönlichen Problemlagen basieren auf den Income- und Outcome-Variablen, die im Monitoringsystem vorgesehen sind. Diese werden von den Trägern zuweilen kritisch gesehen, da sie sich teilweise außer Stande sehen, nach nur kurzer Betreuungszeit bereits Problemlagen einschätzen zu müssen, die sich oft erst in Folge eines längeren Betreuungsprozesses und des Aufbaus einer Vertrauensbeziehung offenbaren. Aus diesem Grund wurden die diesbezüglichen Datenerhebungsanforderungen durch den Fördergeber im Laufe des ersten Umsetzungsjahres auf TeilnehmerInnen der Stufen 2 und 3 eingeschränkt[8] und dürfen die Ergebnisse nicht auf die Kommastelle genau interpretiert werden, sondern muss der Blick mehr den großen Unterschieden zwischen den verschiedenen Gruppen gelten.

Das soziale Umfeld der TeilnehmerInnen wird bei rund zwei Drittel der TeilnehmerInnen als Unterstützung wahrgenommen, wobei dies auf die Steiermark eher als auf Wien zutrifft. Diese Unterschiede nach Bundesländern stehen teilweise im Zusammenhang mit Unterschieden nach Migrationshintergrund, wobei das soziale Umfeld von TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund schwieriger eingeschätzt wird. Hinsichtlich der Betreuungspflichten erweisen sich 95% der TeilnehmerInnen als unbelastet, wobei dies auf Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas weniger häufig zutrifft.

Tabelle 23: Soziale Situation Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

   

Stmk.

Wien

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

 

optimal unterstützend

44,5%

26,5%

24,0%

39,5%

31,2%

 

teilweise effektiv

31,4%

37,9%

37,2%

35,0%

36,2%

Soziales Umfeld

bemüht, aber nicht effektiv

15,7%

25,0%

26,3%

18,3%

22,6%

 

gleichgültig

5,1%

6,2%

7,7%

3,9%

5,9%

 

nicht vorhanden

0,9%

1,2%

1,4%

0,7%

1,1%

 

wirkt hemmend

2,4%

3,3%

3,4%

2,6%

3,0%

 

keine Betreuungspflichten

98,3%

93,5%

92,4%

97,4%

94,7%

Betreuungspflichten

Betreuung, aber Vollzeit mögl.

1,6%

6,3%

7,4%

2,2%

5,0%

 

Betreuung, Teilzeit möglich

0,1%

0,3%

0,2%

0,3%

0,2%

In der Dimension ‚Zukunftsperspektiven' werden die Variablen zum Berufswunsch, zum Selbstbild sowie zur Motivation zusammengefasst. Was den Berufswunsch betrifft, haben nur 42% vage bis keine Vorstellungen über ihren weiteren Werdegang, wobei sich hier kaum Unterschiede nach Migrationshintergrund zeigen. Bemerkenswert ist der Anteil von 20% der TeilnehmerInnen, die über klare Berufsvorstellungen sowie das dafür notwendige Realisierungswissen verfügen. Die Grundlage ihres Bedarfs an einer JU-Teilnahme liegt offensichtlich nicht im beruflichen Bereich und auch in den anderen Problemdimensionen, die noch behandelt werden, weist diese Gruppe oft deutlich überdurchschnittlich positive Werte auf.

Hinsichtlich ihrer Motivation werden knapp 20% der TeilnehmerInnen als unzureichend motiviert eingestuft. Die Unterschiede nach Bundesländern und noch viel mehr nach Migrationshintergrund liegen in Nuancen und bieten daher kaum Grundlage für Adaptionsbedarf. Ebenso verhält es sich mit dem Selbstbild der TeilnehmerInnen, das bei 12% der TeilnehmerInnen als problematisch (weil deutlich über- oder unterschätzt) eingestuft werden kann.

Tabelle 24: Zukunftsperspektiven Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

   

Stmk.

Wien

Nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

 

klare Berufsvorstell. & Realisierungswiss.

24,7%

18,8%

18,5%

22,5%

20,4%

Berufsvorstellungen

Berufsvorstellung ohne Realisierungswiss.

40,8%

35,9%

37,5%

36,9%

37,2%

 

vage Berufsvorstellungen

25,8%

34,8%

34,4%

30,3%

32,5%

 

keine Berufsvorstellungen

8,6%

10,4%

9,6%

10,3%

9,9%

 

eigeninitiativ

41,5%

30,8%

33,3%

34,0%

33,6%

Motivation

teilweise eigeninitiativ

41,8%

48,8%

46,9%

47,1%

47,0%

 

kaum/gar nicht eigeninitiativ

15,1%

17,3%

16,9%

16,4%

16,7%

 

nicht motiviert, erledigt Aufgaben nicht

1,6%

3,1%

2,9%

2,4%

2,7%

 

Realistisch

36,5%

34,6%

32,8%

37,8%

35,1%

 

großt. realistisch, punktuell überschätzt

45,5%

42,1%

44,7%

41,0%

43,0%

Selbstbild

großt. realistisch, punktuell unterschätzt

6,7%

11,0%

10,0%

9,8%

9,9%

 

deutlich überschätzt

10,1%

9,0%

9,9%

8,6%

9,3%

 

deutlich unterschätzt

1,1%

3,2%

2,6%

2,7%

2,6%

Tabelle 25: Soft-Skills und Kompetenzen Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

   

Stmk.

Wien

Nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

 

immer pünktlich

81,1%

58,8%

59,5%

70,5%

64,6%

Pünktlichkeit

mit wenigen Ausnahmen pünktlich

15,0%

34,6%

33,9%

24,4%

29,5%

 

häufig unpünktlich

3,9%

6,6%

6,6%

5,1%

5,9%

 

angemessen

84,1%

82,6%

84,9%

80,7%

83,0%

Auftreten

ängstlich/schüchtern/ zurückhaltend

11,6%

13,6%

11,6%

14,7%

13,1%

 

unangemessen fordernd, aggressiv

4,3%

3,9%

3,4%

4,6%

4,0%

 

kann teilnehmen, ohne Adaptierung

75,1%

76,2%

73,2%

79,1%

75,9%

Kommunikation

kann teilnehmen, mit leichten Adapt.

21,2%

18,6%

21,1%

17,2%

19,3%

 

kann teilnehmen, mit starken Adapt.

3,3%

4,7%

5,1%

3,5%

4,4%

 

kann gar nicht unmittelbar teilnehmen

0,5%

0,4%

0,6%

0,2%

0,4%

 

Ausreichend

30,7%

46,2%

37,6%

47,5%

42,2%

Kulturtechniken

müssen leicht verbessert werden

51,9%

38,1%

43,1%

40,1%

41,7%

 

müssen stark verbessert werden

15,5%

14,5%

18,2%

10,8%

14,8%

 

Kenntnisse für Tätigkeit nicht relevant

1,9%

1,1%

1,1%

1,6%

1,3%

Auch die Soft-Skills und Kompetenzen der TeilnehmerInnen zeigen nur in den wenigsten Fällen gravierende Probleme auf. Werden 6% der TeilnehmerInnen als häufig unpünktlich charakterisiert, wird das Auftreten bei 4% als unangemessen und aggressiv eingestuft. Bei 5% reichen die Kommunikationsfähigkeiten nicht aus, um daran teilzunehmen und bei 15% müssen die Kulturtechniken stark verbessert werden. Differenziert nach verschiedenen Merkmalen zeigen sich leichte Unterschiede. So gelten MigrantInnen als weniger pünktlich und mit höherem Verbesserungsbedarf in den Kulturtechniken. Leicht bessere Werte werden den Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Auftreten zugesprochen. Regional betrachtet werden die steirischen TeilnehmerInnen als pünktlicher, dafür weniger gut hinsichtlich der Kulturtechniken eingeschätzt.

Tabelle 26: Einschätzung von physisch-psychisch-intellektuellen Grundbedingungen Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

   

Stmk.

Wien

Nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

 

schränkt nicht ein

89,2%

92,0%

93,1%

89,2%

91,3%

 

schränkt Spektrum leicht ein (diagn.)

4,4%

4,6%

3,8%

5,5%

4,6%

Physische Situation

schränkt Spektrum stark ein (diagn.)

2,4%

1,5%

1,2%

2,3%

1,7%

 

Zweifel an Ausbild.-/Arbeitsfähigk. (diagn.)

0,1%

0,3%

0,4%

0,1%

0,3%

 

undiagnost. beobachtb. phys. Einschränk.

3,9%

1,6%

1,6%

2,8%

2,2%

 

schränkt nicht ein

78,2%

83,9%

90,0%

73,6%

82,4%

 

schränkt Spektrum leicht ein (diagn.)

6,0%

5,9%

2,5%

9,9%

5,9%

Psychische Situation

schränkt Spektrum stark ein (diagn.)

2,7%

3,7%

1,9%

5,1%

3,4%

 

Zweifel an Ausbild.-/Arbeitsfähigk. (diagn.)

1,5%

1,3%

0,7%

2,1%

1,3%

 

undiagnost. beobachtb. psych. Einschränk.

11,6%

5,3%

4,9%

9,2%

6,9%

 

schränkt nicht ein

43,3%

82,4%

80,1%

63,0%

72,2%

 

schränkt Spektrum leicht ein (diagn.)

14,6%

8,4%

6,5%

14,1%

10,0%

Intellektuelle Situation

schränkt Spektrum stark ein (diagn.)

8,3%

2,6%

2,7%

5,7%

4,1%

 

Zweifel an Ausbild-/Arbeitsfähigk. (diagn.)

1,6%

0,6%

0,7%

1,1%

0,9%

 

undiagn. beobachtb. intellekt. Einschränk.

32,2%

6,0%

10,0%

16,1%

12,8%

Hinsichtlich der physischen, psychischen und intellektuellen Situation der JUTeilnehmerInnen gilt die überwiegende Mehrheit der TeilnehmerInnen als nicht (gravierend) belastet, so werden 4% als physisch, 12% als psychisch und 18% als intellektuell stark eingeschränkt bewertet. Die größten Unterschiede zwischen den Bundesländern werden hinsichtlich der intellektuellen Situation erkennbar, insofern in der Steiermark ein deutlich höherer Anteil von 32% (gegenüber nur 6% in Wien) an TeilnehmerInnen als undiagnostiziert eingeschränkt eingeschätzt wird. Hier scheint es notwendig zu klären, ob in der Steiermark ein strengerer Maßstab zu diesen Ergebnissen führt, oder welche anderen Ursachen dafür verantwortlich sind. Differenziert nach Migrationshintergrund gelten TeilnehmerInnen mit deutscher Muttersprache hinsichtlich der psychischen und intellektuellen Situation als problembelasteter. Während von den MigrantInnen 90% (psychisch) bzw. 80% (intellektuell) als nicht eingeschränkt bewertet werden, sind die entsprechenden Prozentwerte von TeilnehmerInnen mit deutscher Muttersprache jeweils 17%-Punkte darunter.

Werden nun all diese Problemlagen in einen Gesamtindex zusammengefasst, wobei Jugendliche dann als gering belastet gelten, wenn sie in allen Problembereichen nur niedrige Werte aufweisen und eine hohe Belastung dann vorliegt, wenn in irgendeinem der Bereiche ein hoher Wert erzielt wird, dann gelten jeweils 30% der TeilnehmerInnen als gering oder mittel und 40% als hoch belastet. Nach Geschlecht und Migrationshintergrund zeigen sich hier keine nennenswerten Unterschiede. Differenziert nach Bundesländern ist festzustellen, dass die steirischen Jugendcoaches ihre Klientel kritischer einschätzen als die Wiener.

Tabelle 27: Gesamtproblemausmaß zu Maßnahmenbeginn Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

 

Stmk.

Wien

weiblich

männlich

nicht dt.

Dt-MS

gesamt

Gering

25,3%

31,2%

29,7%

29,5%

29,8%

29,4%

29,6%

Mittel

18,2%

35,2%

32,6%

29,5%

32,6%

28,7%

30,8%

hoch

56,5%

33,6%

37,7%

41,0%

37,6%

41,9%

39,6%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Deutliche Unterschiede sind demgegenüber in Tabelle 28 jedoch zwischen den Projekten festzustellen. Während nur 7% der TeilnehmerInnen in Projekt R als hoch belastet gelten, sind es drei Viertel im Projekt H. Ob und inwieweit sich diese Unterschiede im Erfolg der Maßnahme widerspiegelt, ist eine Frage, die in weiterer Folge noch zu klären sein wird.

Tabelle 28: Gesamtproblemausmaß zu Maßnahmenbeginn nach Projekten Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.370.

 

Gering

mittel

hoch

Summe

Projekt A

26,2%

40,0%

33,8%

100%

Projekt B

12,4%

27,3%

60,3%

100%

Projekt C

25,2%

49,5%

25,2%

100%

Projekt D

9,4%

42,9%

47,6%

100%

Projekt E

27,2%

26,3%

46,5%

100%

Projekt F

23,9%

26,9%

49,3%

100%

Projekt G

54,5%

36,4%

9,1%

100%

Projekt H

23,2%

2,3%

74,6%

100%

Projekt I

23,1

23,1

53,8%

100%

Projekt J

39,2%

21,0%

39,8%

100%

Projekt K

21,6%

29,4%

49,0%

100%

Projekt L

16,7%

33,3%

50,0%

100%

Projekt M

16,7%

41,7%

41,7%

100%

Projekt N

50,7%

27,4%

21,9%

100%

Projekt O

34,0%

42,0%

24,1%

100%

Projekt P

9,4%

12,6%

78,0%

100%

Projekt Q

40,9%

28,3%

30,8%

100%

Projekt R

74,1%

18,5%

7,4%

100%

Projekt S

21,9%

35,8%

42,2%

100%

Projekt T

11,5%

31,2%

57,3%

100%

Projekt U

28,7%

39,1%

32,2%

100%

Projekt V

15,4%

45,4%

39,2%

100%

Gesamt

29,6%

30,8%

39,6%

100%

4.4 Implikationen der Integration spezifischer Zielgruppen

Nachdem zuvor die Zielgruppenerreichung an sich das Thema gewesen ist sowie der Frage nach den Problemlagen der Jugendlichen nachgegangen wurde, stellen nun abschließend die Möglichkeiten und Grenzen, spezifische Zielgruppen im Rahmen des Jugendcoachings zu betreuen, das Thema dar. Konkret wird dabei für NEETs und für Jugendliche in ihrem achten Schulbesuchsjahr u.a. analysiert, welche Betreuungsbedarfe diese spezifischen Zielgruppen aufweisen, welche konzeptionellen Konsequenzen damit verbunden wären sowie welcher Methoden es für deren Betreuung bedarf.

4.4.1 Die Zielgruppe der NEETs im Rahmen des Jugendcoaching

Ein integraler Bestandteil des Jugendcoaching-Konzeptes ist die Reintegration von systemfernen Jugendlichen ins Berufs- bzw. Ausbildungssystem. Durch Kooperationen mit außerschulischen Einrichtungen wird eine Wiederaufnahme des Schulbesuches oder eine Heranführung an weiteführende Systeme angestrebt. Im Falle von besonders komplexen Problem- und Ausgangskonstellationen gilt es, entsprechende Teilziele zu formulieren und zu verfolgen (BSB 2011, 5).

Im Rahmen der durchgeführten Fallstudien wurde bereits deutlich, dass sich die Zielgruppe der NEETs von den schulbesuchenden Jugendlichen in vielerlei Hinsicht unterscheidet (Bsp. hinsichtlich Problemlagen, Bedürfnissen oder Zugangsmöglichkeiten zum Jugendcoaching). Eine gesonderte Betrachtung dieser spezifischen Zielgruppe im Kontext des Jugendcoachings erweist sich daher als unerlässlich und wird im Rahmen der Evaluierung unter anderem durch zwei Fokusgruppen mit Trägern aus Wien und Trägern aus der Steiermark eingelöst. Folgend werden die Sichtweisen der Träger zu den Themenkomplexen Problemlagen und Bedürfnisse, Zugangskanäle, Kooperationen mit relevanten Projekten, Konzepteignung, Handlungsauftrag und schließlich notwendige Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Zielgruppe der NEETs dargestellt und diskutiert.

4.4.1.1 Problemlagen und Bedürfnisse

Systemferne Jugendliche sind aus Sicht der Träger mit sehr unterschiedlichen Problemlagen konfrontiert und bilden demnach eine heterogene Zielgruppe. Es lassen sich allerdings anhand des Ausmaßes der außerfamiliären Eingebundenheit in soziale Netzwerke zwei Hauptgruppen differenzieren. Einerseits nehmen die Träger Jugendliche wahr, die sich zwar außerhalb des Ausbildungs- und Berufssystems aufhalten, sich jedoch in eigenen Netzwerken organisieren und so mitunter ein beträchtliches Maß an sozialen Kompetenzen in eigenen Anerkennungssphären entwickeln. Auf der anderen Seite gibt es jene systemfernen Jugendlichen, die sich in ihren familiären Kontext zurückziehen und kaum Sozialkontakte außerhalb der Familie aufrechterhalten. Als Gründe für den Rückzug werden beispielsweise Angsterkrankungen, sozial ängstliches Verhalten, Schulverweigerung oder fehlendes Wissen über Anschlussperspektiven genannt. Die erstgenannte Gruppe der selbstorganisierten Jugendlichen stellt sich in erster Linie als Phänomen des urbanen Raumes dar, wobei Träger auch von einzelnen Jugendlichen aus ländlichen Regionen berichten, die für längere Zeiträume untertauchen und später in der Stadt wieder gesichtet werden. Zudem wird von den Trägern eine dritte Gruppe an Jugendlichen herausgestrichen, die als "erzwungene" NEETs bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um Personen in laufenden Asylverfahren, die weder arbeiten dürfen noch eine Betreuung durch das AMS bekommen und sich deshalb außerhalb des Ausbildungs- und Berufssystems befinden.

Aus Sicht der Träger sind bei einer großen Gruppe an systemfernen Jugendlichen vielschichtige Problemlagen vorhanden, die es vor einer erfolgversprechenden Thematisierung von Ausbildungs- und Berufsperspektiven zu bearbeiten gilt. Hier wird einerseits auf Maßnahmen zur Existenzsicherung bei Wohnungslosigkeit oder finanzieller Unterversorgung verwiesen. In diesem Zusammenhang wird etwa von Jugendlichen berichtet, die nur eine Hose besitzen und sich dementsprechend nicht adäquat für Bewerbungsgespräche kleiden können oder aufgrund unzureichender Ernährung nicht die Energie und Konzentration für einen beruflichen Praxistag aufbringen können. Andererseits besteht bei einem Teil der Jugendlichen der Bedarf einer Stabilisierung und einer Reorganisation des Privatlebens. Diesbezüglich wird etwa von Jugendlichen berichtet, die es nicht länger als zwei Stunden in einem geschlossen Raum mit fremden Personen aushalten und die erst schrittweise an die Teilnahme und Interaktion in kleinen Gruppen herangeführt werden müssen. Zudem bestehen Suchtproblematiken und nicht diagnostizierte psychische Erkrankungen oder Traumatisierungen, ohne deren professionelle Behandlung eine Fokussierung auf Ausbildungs- und Berufsthematiken nicht zielführend erscheint.

Um den Bedürfnissen der Zielgruppe gerecht werden zu können, braucht es aus Sicht der Träger einerseits einen längerfristigen Vertrauensaufbau und eine begleitende Bezugsperson im Rahmen von Angeboten. Andererseits werden Nachfolgeprojekte benötigt, die es den Jugendlichen durch einen geringen Reglementierungsgrad und niederschwellige Rahmenbedingungen erlauben, zu kommen und zu gehen. Dadurch können aus Sicht der Träger weitere Abbrüche und neuerliche Systemaustritte vermieden und Kontinuitätserfahrungen ermöglicht werden.

4.4.1.2 Zugangskanäle

Betrachtet man die Zugangskanäle von systemfernen Jugendlichen zum Jugendcoaching, zeigen sich zwischen den Trägern deutliche Unterschiede im Ausmaß der bereits etablierten Kooperationsbeziehungen mit potentiellen Zuweisungsinstanzen, aber auch im Selbstverständnis des Handlungsauftrages zur Betreuung von systemfernen Jugendlichen. So gibt es etwa unter den Wiener Trägern voneinander abweichende Einschätzungen darüber, inwieweit eine aktive Bewerbung des Jugendcoachings bei KooperationspartnerInnen hinsichtlich der Betreuung von NEETs vom Fördergeber überhaupt erwünscht wird (vgl. Abschnitt 4.4.1.5). Die divergierenden Einschätzungen führen zu unterschiedlich ausgeprägten Vernetzungsbemühungen mit anderen Projekten und die Träger weisen dadurch unterschiedliche Zusammensetzungen von Zugangskanälen auf. Als quantitativ bedeutsamster Zuweisungskanal lassen sich in Wien dennoch die Stellen des Magistrats für Kinder, Jugend und Familie (Mag11) benennen. Darüber hinaus wurden Kooperationsbeziehungen mit Einrichtungen der Jugendarbeit (Offene Jugendarbeit, Jugendzentren) aufgebaut, die aber bislang nur eine geringe Zahl von Jugendlichen an das Jugendcoaching weiterverwiesen haben. Zudem werden systemferne Jugendliche von Kliniken im Anschluss an psychiatrische Diagnosen an einen darauf spezialisierten Wiener Träger weitervermittelt. In der Steiermark werden die Erziehungshilfe, Streetworker und ebenfalls Jugendzentren als Zuweisungskanäle genannt. Auch Schulen wird eine wichtige Funktion zugeschrieben, indem sie die Träger über mehrwöchige Abwesenheiten von SchülerInnen informieren. In diesem Zusammenhang kann allerdings nicht von bereits systemfernen Jugendlichen, sondern eher von einer Prävention von Systemaustritten gesprochen werden.

Jene Gruppe von systemfernen Jugendlichen, die sich über längere Zeiträume in ihren familiären Kontext zurückgezogen haben, ist aus Sicht der Träger kaum zu erreichen. Hier werden Bezugspersonen der Jugendlichen, die durch Mundpropaganda oder Öffentlichkeitsarbeit auf das Jugendcoaching aufmerksam werden, als beinahe einzige Zugangsmöglichkeit gesehen. Aus Sicht einiger Träger sollten neue Informationsflüsse angedacht und erschlossen werden, um systemferne Jugendliche und deren Eltern besser erreichen zu können. Möglichkeiten werden in einer aufsuchenden Strategie der Kontaktanbahnung in öffentlichen Räumen (Einkaufszentren, Parks) oder in verstärkter medialer Bewerbung des Jugendcoachings, etwa in der U-Bahn-Zeitung "heute", gesehen. Ob und inwieweit diese Ausweitung und Intensivierung des Zugangs im Handlungsauftrag der Jugendcoaches liegt, wird von den Coaches jedoch kontrovers diskutiert.

4.4.1.3 Kooperationen und Schnittstellen zu anderen Projekten

Wie bereits thematisiert wurde, besteht zwischen den Trägern, im Besonderen im Wiener Raum, eine große Varianz hinsichtlich etablierter Kooperationsbeziehungen zu potentiellen Zuweisungsinstanzen. So haben einige Träger bereits intensive Vernetzungsaktivitäten mit Einrichtungen der Jugendarbeit aufgenommen und erste Pläne für Kooperationen erarbeitet, die bis zur Veranstaltung eigener Workshops oder regelmäßiger Sprechstunden in Jugendzentren reichen. Andere Träger haben hingegen bislang kaum aktive Bemühungen gestartet, derartige Kooperationsstrukturen aufzubauen. Sie sehen ihren Handlungsauftrag bezüglich systemferner Jugendlicher auf präventive Arbeit in Schulen, das heißt auf die Verhinderung von zukünftigen Systemaustritten beschränkt.

Bezogen auf die Zuweisungszahlen von systemfernen Jugendlichen werden in der Steiermark die Erziehungshilfe und in Wien die Stellen des Mag11 als bislang erfolgreichste KooperationspartnerInnen genannt. Die Träger nehmen ein großes Interesse der SozialarbeiterInnen für das Jugendcoaching wahr, die vermittelte Jugendliche häufig auch zu den ersten zwei, drei Terminen des Jugendcoachings begleiten. Aus Trägersicht ist das hohe Engagement der SozialarbeiterInnen dadurch begünstigt, dass sich diese überlastet fühlen und das Jugendcoaching als Unterstützung wahrnehmen. Auf der Kehrseite führt dies nach Einschätzung einiger Träger allerdings auch dazu, dass dem Jugendcoaching "hoffnungslose" Fälle zugeschanzt würden und die Erwartungshaltung bestehe, die Jugendcoaches würden schon alles richten.

Die bislang etablierten Kooperationen zu Jugendzentren, Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und Streetworkern haben bisher nur geringe Erfolge hinsichtlich der Vermittlung von systemfernen Jugendlichen mit sich gebracht. Aus Sicht der Träger gelingt es diesen Projekten recht gut, insbesondere den Streetworkern, einen Zugang zur Zielgruppe der systemfernen Jugendlichen herzustellen, die Vermittlung ans Jugendcoaching funktioniert aber bislang kaum. Gründe dafür werden einerseits darin gesehen, dass Ausbildungs- und Berufsthemen in den Projekten offener Jugendarbeit eher eine untergeordnete Rolle spielen und die Aufmerksamkeit auf andere Problembereiche fokussiert ist. Andererseits bringen die unverbindlichen und niederschwelligen Ansätze der offenen Jugendarbeit Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von konkreten Terminen mit sich.

Um systemferne Jugendliche erreichen zu können, braucht es aus Sicht der Träger ein Zugangssystem, welches in aktiverer Form als bislang potentielle TeilnehmerInnen an das Jugendcoaching weitervermittelt. Kompensationsversuche der fehlenden Zuweisungsstrukturen durch das Jugendcoaching, wie etwa durch die bereits beschriebene Idee einer verstärkten Präsenz von Jugendcoaches in Jugendzentren, sind aus Trägersicht sehr ressourcenintensiv und unter derzeitigen Bedingungen kaum zu leisten. Zudem sind sie Teil einer kontrovers geführten Debatte unter den Trägern, inwieweit eine derartige Ausweitung des Handlungsauftrages zielführend ist (vgl. Abschnitt 4.4.1.5).

Hinsichtlich des Status von Nachfolgeprojekten an das Jugendcoaching besteht unter den Trägern unisono die Einschätzung, dass in der Maßnahmenlandschaft für systemferne Jugendliche große Lücken vorhanden sind. Diese Bewertungen werden für den ländlichen und urbanen Raum in unterschiedlicher Weise konkretisiert. Die Träger aus ländlichen Zuständigkeitsbereichen verweisen auf das Fehlen von niederschwelligen Folgeangeboten, die den Bedürfnissen der systemfernen Jugendlichen entsprechen. Wenn es im Coachingprozess gelingt, systemferne Jugendliche für eine Ausbildung zu motivieren, gibt es kaum passende Anschlussprojekte, in die weiterverwiesen werden kann. Es braucht aus Trägersicht einerseits niederschwellige Folgeprojekte, die auf eine Arbeitsvermittlung abzielen und dennoch ohne starken Präsenzdruck operieren, sowie andererseits unverbindliche Tagesstrukturangebote. Projekte mit zu starren Strukturen und Präsenzpflicht führen nach der Erfahrung der Träger zu häufigen Abbrüchen und bergen die Gefahr von erneuten Systemaustritten der Jugendlichen. Die wenigen bestehenden niederschwelligen Angebote im ländlichen Raum werden so stark nachgefragt, dass zum Teil Wartezeiten bis zu einem Jahr bestehen.

Im urbanen Raum wird von den Trägern hingegen eine reichhaltigere Maßnahmenlandschaft wahrgenommen, in der grundsätzlich viele gut organisierte Projekte vorhanden sind. Probleme ergeben sich hier durch zu strenge Zugangsvoraussetzungen und durch zu geringe Teilnahmedauern. Die Maßnahmenlandschaft müsse aus Sicht der Träger für systemferne Jugendliche geöffnet werden, die keine Behinderungen oder Diagnosen aufweisen. Zudem werden dringend längerfristige Nachreifungsangebote benötigt, um Projektwechsel zu verhindern, die stabile Betreuungsverhältnisse konterkarieren. Um den Bedürfnissen der systemfernen Jugendlichen entsprechen zu können, ist aus Sicht der Träger ein Ausbau des Projektspektrums in Richtung niederschwelliger und voraussetzungsfreier Maßnahmen mit modularen Systemen, familiären Strukturen und ohne Anwesenheitspflicht notwendig.

4.4.1.4 Konzepteignung

Bei der Frage, inwieweit sich das Jugendcoaching-Konzept für die Zielgruppe der systemfernen Jugendlichen eignet, werden von den Trägern einige positive Aspekte herausgestrichen. So wird zunächst die Zielgruppenerweiterung und die damit verbundene Möglichkeit, systemferne Jugendliche zu betreuen, als sehr positive Entwicklung wahrgenommen. Das Stufenkonzept an sich und die darin vorgesehene Möglichkeit zur Wiederaufnahme von Fällen ermöglichen die benötigte Flexibilität, um den Betreuungsprozess individuell adaptieren und auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen zu können. Ebenso erscheint der Case-Management-Ansatz aus Sicht der Träger als bedürfnisgerechte Herangehensweise, um einerseits eine konstante Betreuung durch eine Bezugsperson und einen Beziehungsaufbau gewährleisten zu können. Andererseits wird die im Ansatz enthaltene Ausrichtung auf den Aufbau eines Unterstützungsnetzes als wichtige Strategie beurteilt, um erzielte Erfolge längerfristig absichern zu können. In diesem Zusammenhang wird auch die konzeptuelle Einbindung der Elternarbeit als zielführender Bestandteil des Jugendcoaching bewertet.

Neben dieser grundsätzlich positiven Bewertung der genannten Konzeptbausteine streichen die Träger allerdings auch die Notwendigkeit von Anpassungen hervor. Die größte Kritik der Träger richtet sich einhellig auf die stufenspezifische Relation der Planzahlen. Durch die große Anzahl von Stufe-1-Fällen komme es einerseits zu einer "Massenabfertigung", die eine qualitativ hochwertige Betreuung nur schwer ermögliche und die andererseits zu einer Überbelastung der Coaches führe und so benötigte Zeitressourcen für längerfristige Betreuung entziehe. Die bereits im Rahmen der Fallstudien allgemein thematisierte Problematik im Zusammenhang mit dem Mengengerüst der Stufen (vgl. Abschnitt 3.1.2), wirkt sich aus Sicht der Träger im verstärkten Ausmaß auf systemferne Jugendliche aus, die aufgrund ihrer komplexen Problemkonstellationen fast ausschließlich auf längerfristige Betreuungsverhältnisse angewiesen sind. Dementsprechend bestehen aus Sicht der meisten Träger unter der derzeitigen Ressourcenlage und Fallzahlen nur geringe Kapazitäten für die Betreuung von systemfernen Jugendlichen. Diese Situation führt aus Trägersicht des Weiteren dazu, dass die Elternarbeit und Kommunikation mit betreuenden SozialarbeiterInnen nicht in einem ausreichenden Ausmaß möglich ist. Damit es sich in der Praxis nicht um ein "kosmetisches" Case Management handle, brauche es dementsprechend eine adäquatere Ressourcenausstattung.

Das derzeitige Konzept und die damit verbundenen Rahmenbedingungen sind nach Einschätzung einiger Träger für Jugendliche, die die Schule besuchen, passend, für eine bedürfnisgerechte Betreuung von systemfernen Jugendlichen brauche es aber Adaptionen und neue konzeptionelle Zugänge. In diesem Zusammenhang gibt es beispielsweise Vorschläge zu Betreuungssystemen, in denen Jugendliche selbst in betreuenden Funktionen anderen Jugendlichen gegenüber eingebunden werden.

Schließlich empfinden einige Träger die im Konzept enthaltenen Anforderungen an die Jugendcoaches, aber auch Erwartungshaltungen, die von Eltern an sie herangetragen werden, als nicht leistbar und unrealistisch. Viele systemferne Jugendliche seien von schwerwiegenden Problemkonstellationen belastet, die durch das Jugendcoaching alleine nicht gelöst werden können. Hier bedarf es aus Trägersicht einer begleitenden Einbindung von sozialarbeiterischen und therapeutischen Interventionen.

4.4.1.5 Handlungsauftrag

Der Handlungsauftrag des Jugendcoaching in Hinsicht auf systemferne Jugendliche ist Gegenstand eines kontrovers geführten Diskurses zwischen den Trägern. Darin eingebettet gibt es einerseits unterschiedliche Interpretationen darüber, inwieweit von Fördergeberseite eine Betreuung von NEETs überhaupt gewollt wird. Andererseits gibt es voneinander abweichende Einschätzungen über notwendige Abgrenzungen oder Erweiterungen des bestehenden Handlungsauftrages.

Die Debatte über die Intentionen des Fördergebers hinsichtlich der Betreuung von NEETs beschränkt sich auf den Wiener Raum. Einige Träger sprechen von Doppelbotschaften, die im Zusammenhang mit der Zielgruppe der NEETs an sie herangetragen werden. Einerseits würde die Zuständigkeit für systemferne Jugendliche nach außen transportiert, andererseits gebe es aber in der Kommunikation mit dem Fördergeber immer wieder Signale der Zurückhaltung. So wurde manchen Trägern beispielsweise nahegelegt, in der Kontaktaufnahme zu Jugendzentren nicht selbstständig aktiv zu werden und nur jene systemfernen Jugendlichen zu betreuen, die durch das Mag11 und durch Mundpropaganda an das Jugendcoaching herantreten. Diese Ausrichtung wurde allerdings nicht von allen Wiener Trägern in dieser Weise wahrgenommen oder teilweise anders interpretiert, wodurch bei den Wiener Trägern eine große Unsicherheit darüber entstanden ist, was nun im Zusammenhang mit systemfernen Jugendlichen von ihnen erwartet wird. Diese unterschiedlichen Einschätzungen über den Handlungsauftrag spiegeln sich auch in der Praxis der Vernetzungsaktivitäten mit potentiellen KooperationspartnerInnen wider (vgl. Abschnitt 4.4.1.3). Ein Träger interpretiert die momentane Zurückhaltung hinsichtlich der Betreuung von NEETs als Begleiterscheinung der Pilotphase des Jugendcoaching. Der Fokus werde vermutlich zu Beginn verstärkt auf den strukturellen Aufbau von Schulkooperationen gelegt und erst in weiterer Folge auf die systemfernen Jugendlichen übergehen. Andere Träger fordern schon für den jetzigen Zeitpunkt eine Klärung und Konkretisierung des Handlungsauftrages für die Zielgruppe der NEETs.

Von dieser wienspezifischen Debatte abgesehen, gibt es zwischen den Trägern eine diskursive Auseinandersetzung über die Grenzen des Handlungsauftrages und damit verbunden auch unterschiedliche Selbstverständnisse der eigenen Betreuungspraxis. Auf der einen Seite steht die Position eines möglichst klar und eng eingegrenzten Handlungsauftrages, der auf die Entwicklung einer realistischen Berufs- oder Ausbildungsperspektive unter Einbezug der sozialen Netzwerke abzielt. Unter dieser Perspektive wird eine Betreuung von NEETs im Rahmen des Jugendcoaching nur dann als sinnvoll erachtet, wenn die Jugendlichen von sich aus bereit sind, sich mit den Themen Beruf und Ausbildung auseinanderzusetzen. Das Leisten von ausschließlich 30-stündiger Beziehungsarbeit wird nicht als Auftrag des Jugendcoaching gesehen, sondern stattdessen auf berufs- und ausbildungsspezifische Beratung sowie eine weiterverweisende Funktion des Jugendcoaching verwiesen.

Die gegensätzliche Position zeichnet sich durch eine starke Betonung der als dringend notwendig empfundenen Beziehungsarbeit aus. Aus dieser Perspektive wird es als wesentlich erachtet, die systemfernen Jugendlichen für eine Betreuung zu gewinnen und über einen längerfristigen Prozess Vertrauen aufzubauen. Die Frage der Integration in den Arbeitsmarkt oder in das Ausbildungssystem wird an das Ende des Prozesses gestellt, der davor auf die persönliche Stabilisierung und den Aufbau von Selbstwirksamkeit abzielt. Ein reines Weiterverweisen und punktuelle Unterstützung wird als kontraproduktiv erachtet, weil die Jugendlichen danach erst wieder alleine dastehen und nicht selbstständig in der Lage sind, mit ihrer Situation zurechtzukommen.

Diese beiden Positionen bilden die Extrempunkte des vorhandenen Spektrums ab, in dem sich die einzelnen Träger in unterschiedlicher Abstufung wiederfinden. Diese gegensätzlichen Grundverständnisse über den Handlungsauftrag setzten sich auch in der Frage nach dem Coaching-Abschluss fort. Die einen betrachten ihren Handlungsauftrag dann als abgeschlossen, wenn eine Perspektive erarbeitet und deren Umsetzung besprochen wurde. Der weitere Verlauf wird dem eigenverantwortlichen Handeln der Jugendlichen zugedacht. Die anderen betrachten das Jugendcoaching erst dann als abgeschlossen, wenn für die Jugendlichen ein konkreter Arbeits- oder Ausbildungsplatz gefunden wurde. Dementsprechend wird beispielsweise die Begleitung bei der Lehrstellensuche oder das gemeinsame Erarbeiten von Bewerbungen als Bestandteil des Auftrages betrachtet.

Divergierende Auffassungen zeigen sich auch hinsichtlich des Auftrages zur Nachbetreuung von Fällen. Einerseits bemängeln einzelne Träger, dass sie die Jugendlichen nach der Vermittlung in eine andere Maßnahme aus dem Portal austragen müssen und nicht weiterbetreuen dürfen. Andere Träger monieren, dass die konzeptuell festgelegte Nachbetreuung durch die Herstellung eines telefonischen Kontaktes in manchen Fällen einen Eingriff in die Privatsphäre der Jugendlichen darstellt und zudem zur Überlastung der Coaches beiträgt. Eine generelle Verpflichtung zur nachträglichen telefonischen Kontaktaufnahme solle demnach zugunsten einer individuellen Handhabung fallengelassen werden. Es bestehen also auch im konzeptionellen Bereich der Nachbetreuung große Interpretationsunterschiede zwischen den Trägern.

Ein gemeinsam formuliertes Anliegen findet sich in einer klaren Abgrenzung zu sozialarbeiterischen, therapeutischen und familienberatenden Funktionen wieder. Durch den Case-Management-Ansatz werden an die Jugendcoaches hohe Anforderungen gestellt, die sich in Schnittbereichen zu den genannten Disziplinen befinden. Hier bedarf es aus Sicht der Träger eine Schärfung und Abklärung, was im Setting des Jugendcoaching geleistet werden kann und welche Grenzen vorhanden sind.

4.4.1.6 Rahmenbedingungen

Die Träger sehen in einigen der thematisierten Bereiche Adaptionsbedarfe der Rahmenbedingungen, um eine bedürfnisgerechte Betreuung von systemfernen Jugendlichen bewerkstelligen zu können. Die nachfolgenden Adaptionsbedarfe betreffen zwar zum Teil alle Jugendcoaching-TeilnehmerInnen, sind allerdings aus Sicht der Träger aufgrund der verstärkten Problemlagen besonders für die Gruppe der NEETs von Relevanz.

So wird ein Aufbau des Zugangs- sowie des Nachfolgemaßnahmensystems als notwendige Voraussetzung für das Gelingen des Jugendcoachings gesehen. Einerseits sollten die Einrichtungen offener Jugendarbeit, des Streetworks sowie Bezirkshauptmannschaften eigenständiger als bisher Kontakt zum Jugendcoaching herstellen, wenn sie Zugang zu einer potentiellen TeilnehmerIn haben. Andererseits braucht es einen Ausbau der Nachfolgeprojektlandschaft in Richtung niederschwelliger, voraussetzungsfreier und modularer Strukturen, um Jugendliche nach einem erfolgreichen Abschluss des Jugendcoachings zielführend weiterverweisen zu können. Plätze in vorhandenen Nachfolgemaßnahmen seien laut Erfahrung der Träger heuer sogar gekürzt worden, wodurch sich die Diskrepanz bei gleichzeitiger Zielgruppenerweiterung weiter verstärkt habe. Fehlende Strukturen in beiden Bereichen veranlassen einige Träger zur Übernahme kompensatorischer Funktionen[9], die zu einer Ressourcenverschiebung und folglich zu einem Ressourcenmangel für den Kernauftrag des Jugendcoaching führen können.

Aus Trägersicht sollte das Ausmaß an Dokumentation und Administration abgebaut werden, um dringend benötigte Zeitressourcen freizuspielen und die Belastung der Coaches zu reduzieren. In vielen Fällen wäre beispielsweise eine fachliche Stellungnahme anstatt eines Clearing-Berichtes ausreichend. Zudem sollte aus Sicht der Träger eine Adaption der Planzahlen oder eine höhere Ressourcenausstattung angedacht werden, um die Qualität der Betreuung zu gewährleisten (vgl. Abschnitt 3.1.2). Diese Anpassung würde nach bestehen. Einschätzung der Träger in besonderer Weise den systemfernen Jugendlichen zugutekommen, die in der Regel auf längerfristige Betreuungsformen angewiesen sind.

Als weitere Rahmenbedingung für die Betreuung von NEETs wird zudem die Anbindung des Jugendcoaching an therapeutische Einrichtungen und an Sozialarbeit erachtet. Mit der Betreuung von NEETs kommen einerseits ältere Jugendliche auf das Jugendcoaching zu, für die es aus Trägersicht Know-how über Existenzsicherung und bedarfsorientierte Mindestsicherung braucht. Andererseits sehen sich die Träger mit traumatisierten Jugendlichen konfrontiert, deren sofortige Weitervermittlung an eine externe Einrichtung als problematisch wahrgenommen wird und für die eine Erstversorgung notwendig wäre. Zudem werden Überlegungen angestellt, eineN MitarbeiterIn auf die Betreuung von NEETs zu spezialisieren und so Expertise aufzubauen.

Einzelne Träger würden ein Zusatzbudget für anfallende Kosten in der Betreuung benötigen. Es besteht die Notwendigkeit, für stark unterversorgte Jugendliche benötigtes Schutzgewand für Schnuppertage, adäquate Bekleidung für Bewerbungssituationen oder eine Minimalversorgung an Ernährung sicherzustellen.

4.4.2 Das individuelle achte Schulbesuchsjahr

Als zweite spezifische Zielgruppe, für die die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Integration ins Jugendcoaching ausgelotet werden sollte, wurden in enger Abstimmung mit dem Auftraggeber SchülerInnen in ihrem achten Schulbesuchsjahr gewählt. Diese Fragestellung ist im Rahmen einer Fokusgruppendiskussion mit den Trägern bearbeitet worden. Die Sichtweisen der Träger über die Zielgruppe des achten Schulbesuchsjahres ist inhaltlich mit Umsetzungsaspekten verknüpft, die deshalb zur Kontextualisierung der Diskussion zu Beginn dieses Abschnittes herausgearbeitet werden. Daran anschließend werden Vor- und Nachteile einer das achte Schulbesuchsjahr integrierenden Zielgruppendefinition in Relation zur derzeitigen Zielgruppendefinition aus Sicht der Träger dargestellt. Abschließend geht es darum auszuloten, welche Bedingungen für die konkrete Umsetzung sich daraus ableiten lassen - wie sollte oder müsste die Umsetzung von Jugendcoaching aussehen, wenn eine solche Erweiterung der Zielgruppe erfolgen würde?

4.4.2.1 Kontext der Diskussion: Aspekte der derzeitigen Umsetzung

Die Umsetzung der Maßnahme bildet einen Kontext für die Diskussion um die Einbindung des achten individuellen Schulbesuchsjahres. Festgehalten werden kann beispielsweise, dass teils schon jetzt bzw. in der Vergangenheit SchülerInnen in ihrem achten individuellen Schulbesuchsjahr betreut wurden. Dies trifft allerdings nicht für alle Träger in gleichem Ausmaß zu. Je nachdem, auf welche Zielgruppen der jeweilige Träger spezialisiert ist, ist das Thema der Diskussion damit auch unterschiedlich relevant und es ergeben sich unterschiedliche Sichtweisen auf die Sinnhaftigkeit bzw. Dringlichkeit einer Erweiterung der Zielgruppe auf Jugendliche in ihrem achten Schuljahr.

Die Träger von Jugendcoaching betreuen gegenwärtig unterschiedliche Zielgruppen. Dieses Ergebnis wurde bereits durch die Trägerbefragung sichtbar: Einige Träger sind darauf spezialisiert, Jugendliche außerhalb des Schulsystems ins Jugendcoaching zu integrieren, während sich andere Träger derzeit, im Rahmen der Pilotphase, auf Schulen konzentrieren. Aus einem etwas anderen Blickwinkel können sie danach unterschieden werden, ob ihre Zielgruppe breit gefasst ist und sie heterogene TeilnehmerInnen aus der umfassenden Zielgruppendefinition im Rahmen des Konzeptes betreuen, oder ob der jeweilige Träger eine spezifische Zielgruppe, z.B. mit bestimmten gesundheitlichen Beeinträchtigungen, betreut. Ersteres trifft auf alle Träger in der Steiermark zu, die jeweils in ihrer Region für alle Jugendlichen aus der breiten Zielgruppendefinition zuständig sind. Lediglich in Wien betreuen manche Träger eine spezifische Zielgruppe, während andere Wiener Träger ebenso wie in der Steiermark in ihrer jeweiligen "Region", d.h. dem oder den Stadtbezirken, für alle Jugendlichen laut Zielgruppendefinition zuständig sind.

Das Alter der derzeit betreuten Jugendlichen liegt nach Einschätzung der DiskussionsteilnehmerInnen im Durchschnitt zwischen 15-17 Jahren (was im Wesentlichen der Altersverteilung aller JU-Träger entspricht, die im Zuge der Monitoringanalysen sichtbar wird. Das Durchschnittsalter liegt hierbei bei 16-17 Jahren).

Allerdings sind die Jugendcoaching-TeilnehmerInnen zum Teil auch jünger. Es ist also bereits Realität, dass Jugendliche in ihrem individuellen achten Schuljahr betreut werden. Die Gründe dafür bzw. die damit zusammenhängenden Argumente der Träger sind dabei recht unterschiedlich:

  • Im Rahmen von Clearing war es ganz einfach vorgesehen, Jugendliche ab einem Alter von 13 Jahren zu betreuen.

  • Jugendliche haben bereits im achten Schuljahr einen Bedarf an Coaching, zum Beispiel, wenn es um eine anstehende Schulwahlentscheidung geht.

  • Dieser Bedarf ergibt sich daraus, dass Berufsorientierung schulintern in sehr unterschiedlicher Qualität umgesetzt wird. Als Konsequenz ist sie für einige SchülerInnen nicht passend oder schlicht zu wenig.

  • Jüngere SchülerInnen sprechen die Coaches direkt an, wenn sie diese an der Schule treffen. In anderen Fällen waren es Eltern jüngerer Jugendlicher, die von sich aus Kontakt zum Träger aufgenommen haben. In beiden Fällen wurde den betroffenen Personen eine Teilnahme am Coaching immer ermöglicht. Es wird prinzipiell niemand abgewiesen, der sich an das Jugendcoaching wendet.

Dieser letzte Punkt hat sich im Zuge der Diskussion als wesentlich herauskristallisiert. Auf der einen Seite kann als zentrale Logik von Jugendcoaching festgemacht werden, dass prinzipiell niemand abgewiesen wird (werden soll oder werden kann). Auf der anderen Seite wurde schon mehrfach auf die derzeit hohe Arbeitsbelastung hingewiesen, mit der die Jugendcoaches in der Pilotphase konfrontiert sind. Zum Zeitpunkt der Diskussion standen zudem das neue Schuljahr und damit die Betreuung von neuen SchülerInnen unmittelbar bevor. Da Jugendcoaching im September 2012 erstmals mit der Betreuung vom Anfang des Wintersemesters an beginnen würde, konnte auf keine Erfahrungswerte zurückgegriffen werden, was zu Unsicherheit bezüglich der künftigen Fallzahlen führte. Unter der Annahme, dass die Zielgruppe in Zukunft auf diejenigen im individuellen achten Schulbesuchsjahr erweitert würde, könnten sich diese verdoppeln. Angesichts dieser Kontextbedingungen sowie befürchteter Zukunftsszenarien wird sich der Anspruch, niemanden abzuweisen, der sich an die Jugendcoaches wendet, aus Perspektive der betroffenen Träger in Zukunft nicht mehr aufrechterhalten lassen. Mit kommendem Schuljahr würde es oder könnte es häufiger nötig sein, SchülerInnen abzulehnen, wenn die personellen Ressourcen der jeweiligen Träger ausgeschöpft sind.

In diesem Zusammenhang wird von den Trägern geschildert, dass an Schulen bzw. bei Jugendlichen oder Eltern etablierte Handlungsweisen äußerst stabil sind. Das bedeutet, haben sich die betroffenen Personen erst einmal daran gewöhnt, dass prinzipiell allen Anfragen stattgegeben bzw. jedeR SchülerIn, die einen Bedarf daran äußert, auch ins Coaching übernommen wird, wird es schwierig sein, diese Erwartung in Zukunft nicht mehr erfüllen zu können. Jugendcoaches, die vermitteln, für alles und jeden zuständig zu sein, würden demnach sehr schnell an den Rand ihrer Kapazitäten gelangen. Daran anschließend wird generell hinterfragt, ob diese Vorgehensweise überhaupt sinnvoll ist:

"Also ich denke mir, ein bisschen eine Verantwortung muss man da auslassen, also wenn ich jetzt für jeden alles übernehme, dann ist die Kapazität erschöpft. Also wenn ich jetzt den Schulen nichts mehr zutraue, den Eltern nichts mehr zutraue, den Schülern nichts mehr zutraue bzw. natürlich wird's da Dinge geben, die nicht laufen, aber das ist die Frage ob das noch unsere Verantwortung ist, dass wir wirklich für alle alles regeln." (Diskussion 3 / Seite15)

Weg von der Ebene von Zukunftsszenarien und diesbezüglicher Skepsis der Träger hin zur derzeitigen Umsetzung von Jugendcoaching ist festzuhalten, dass sich die Betreuung von SchülerInnen im achten Schulbesuchsjahr in mehreren Punkten von der Betreuung derjenigen Jugendlichen unterscheidet, die laut Konzept in die Zielgruppendefinition fallen:

  • Es handelt sich um Einzelfälle, da keine systematische Zielgruppenerreichung umgesetzt wird. Die Kontakte kommen wie oben beschrieben informell zustande (Gespräche am Gang, Anfragen von Eltern).

  • Die Betreuung wird nicht immer dokumentiert.

  • Zum Teil fällt die Betreuung kürzer aus als im Durchschnitt. Dies ist dann der Fall, wenn der Beratungsbedarf sehr fokussiert ist (z.B. Eltern sehr konkrete Informationen einholen) oder den SchülerInnen nur wenige Auswahloptionen bezüglich der weiterführenden Schule zur Verfügung stehen.

  • Die Betreuung von SchülerInnen im achten Jahr wird als Ausnahme umgesetzt, der erst durch das Bundessozialamt stattgegeben werden muss. Dies trifft auch auf alle Jugendlichen zu, die aus unterschiedlichen Gründen nicht (exakt) der Zielgruppedefinition entsprechen, trotzdem aber einen Bedarf an der Unterstützung haben. Bisher hat das Bundessozialamt allen Anfragen stattgegeben.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass bereits jetzt Jugendliche im achten Schuljahr von den Jugendcoaches betreut werden, allerdings handelt es sich dabei um Einzelfälle. Dies ist für die Träger unterschiedlich weit Realität bzw. unterschiedlich relevant, je nachdem, für welche Zielgruppen sie zuständig sind. Schließlich ist ein Spannungsverhältnis auszumachen zwischen der Herangehensweise, niemanden, der sich an Jugendcoaches wendet, abzuweisen und den Grenzen des jeweils Möglichen.

4.4.2.2 Diskussion um das achte Schulbesuchsjahr

Der inhaltliche Fokus der Gruppendiskussion lag auf Vor- und Nachteilen der aktuellen Zielgruppendefinition und im Unterschied dazu, wenn das achte Schulbesuchsjahr als Grundlage für die Zielgruppendefinition herangezogen würde. Mit anderen Worten ging es um Möglichkeiten und Grenzen und um die Frage, welche Bedarfe damit jeweils abgedeckt werden können und welche nicht. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Perspektiven der Träger dazu integriert und einander gegenüber gestellt.

Im 9. individuellen Schulbesuchsjahr steht die Entscheidung für die weitere berufliche und Bildungslaufbahn unmittelbar bevor. Deswegen wird dem Thema auch die notwendige Wichtigkeit beigemessen. Dies betrifft nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Eltern, die darum mehr Engagement im Rahmen der Betreuung zeigen. Eltern wiederum wurden als wesentlich für das Gelingen von Jugendcoaching festgehalten (vgl. Abschnitt 4.3.2)

Im Vergleich dazu ist die Frage nach Bildungs- und beruflicher Laufbahn für SchülerInnen, aber auch deren Eltern, im achten Schulbesuchsjahr weniger relevant. Die Relevanz steigt erst im Lauf der Zeit, wenn der Zeitpunkt der Entscheidung näher rückt und sie noch keine Anschlussperspektive haben. Aus diesem Blickwinkel wird eine zu früh erfolgte Beratung vergleichsweise wenig Wirkung zeigen. Außerdem ändern sich im achten Schulbesuchsjahr die Berufswünsche der Jugendlichen schnell. Eine Perspektive, die im Laufe des Wintersemesters gemeinsam mit den Jugendcoaches erarbeitet wurde, kann zu Schulschluss schon nicht mehr aktuell sein. Die Intervention ist in einem solchen Fall nicht nachhaltig.

Während im achten Schulbesuchsjahr Berufswünsche und Wünsche bezüglich einer weiterführenden Schule ständigem Wechsel unterlegen sind, kann im neunten Schulbesuchsjahr bereits mit einer höheren Verbindlichkeit der SchülerInnen gegenüber dieser Thematik gerechnet werden. Zu diesem Zeitpunkt können sie sich bereits intensiver und reflektierter mit dem neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen.

Sowohl die Relevanz des Themas "weitere berufliche und Bildungslaufbahn" für Jugendliche und deren Eltern als auch eine höhere Verbindlichkeit entsprechender Entscheidungen sind aus Sicht der Träger entscheidend dafür, dass eine Beratung im Rahmen von Jugendcoaching gelingen kann und auch nachhaltig ist. Daraus wird ein Argument für die Sinnhaftigkeit des neunten und gegen die Integration des achten Schulbesuchsjahres abgeleitet.

Auf der anderen Seite ist das achte Schuljahr für viele SchülerInnen mit der Frage nach einer weiterführenden Schule verbunden und stellt somit eine Schnittstelle dar. Die Entscheidung, in welcher Schulform das letzte Pflichtschuljahr erfüllt wird, ist für sie nicht immer einfach zu treffen. Daraus ergibt sich aus Trägersicht ein Beratungsbedarf und damit Bedarf an Jugendcoaching. Wenn sich Jugendliche am Ende ihres achten Schuljahres sehr kurzfristig und unter Druck für eine weiterführende Schule entscheiden, ihnen aber notwendige Informationen fehlen, resultieren daraus Kurzschlusshandlungen. In solchen Fällen wählen sie für sie ungeeignete Bildungswege, bei denen das Risiko hoch ist, diese in weiterer Folge abzubrechen. Genau dann fallen sie wiederum in die derzeit definierte Zielgruppe der NEETs und haben Bedarf an Jugendcoaching. Auch wenn es nicht zu einem Abbruch kommt, haben diese Jugendlichen in diesem Fall ein Jahr später trotzdem Bedarf an Jugendcoaching, um die Entscheidung für die weitere Bildungs- oder berufliche Laufbahn treffen zu können. Im Sinne von "Prävention vs. Kompensation" wäre aus diesem Blickwinkel die gezielte Arbeit mit dem achten Schuljahr von Vorteil.

Neben diesen Argumenten wird ein weiterer Vorteil genannt. Dieser bezieht sich auf strukturelle Aspekte des Jugendcoachings an sich. Derzeit ist es vorgesehen, dass die Coaches zu Beginn des Wintersemesters mit der Arbeit an den Schulen starten. Bevor die Betreuung der einzelnen SchülerInnen aber tatsächlich starten kann, ist eine Vorlaufzeit notwendig, um einerseits das Angebot an der Schule bekannt zu machen, andererseits die beteiligten SchülerInnen sowie deren Eltern kennenzulernen. Daher verzögert sich der Start der individuellen Betreuung. Vor diesem Hintergrund wird es als sinnvoll erachtet, diese Prozesse bereits mit dem vorangehenden Sommersemester erledigen zu können, damit notwendige Zeit für die individuelle Unterstützung gewonnen wird.

Der Beginn des Wintersemesters ist auch aus einem anderen Blickwinkel nur bedingt geeignet, um die Erstinformation an den Schulen durchzuführen. Einerseits werden SchülerInnen und ihre Eltern gerade zu Schulbeginn mit einer Masse an Informationen konfrontiert, sodass eine weitere Information leicht untergehen kann. Zu Beginn des Schuljahres ist das Thema Berufsorientierung, wie schon zuvor erwähnt, außerdem noch nicht so relevant. Eine Relevanz steigt erst mit Fortschreiten des Schuljahres, wenn die Entscheidung, wie es nach der Schule weiter geht, näher rückt. Diese Argumente gehen in die Richtung, dass der Informationsschwerpunkt zeitlich nach hinten rücken oder dass zwei "Erhebungswellen" erfolgen sollten. Zum Teil arbeiten Träger bereits jetzt mit zwei Informationswellen (zu Beginn des Winter- sowie des Sommersemesters) im Sinne einer den Bedürfnissen der Zielgruppe angepassten Umsetzung, da das Thema während des Schuljahres an Aufmerksamkeit gewinnt bzw. sich ein Bedarf an Unterstützung erst im Laufe des Wintersemesters ergibt.

Eine Frage, die diskutiert wird, lautet, ob generell von einem Bedarf an Beratung im individuellen achten Schulbesuchsjahr gesprochen werden sollte oder ob es auch hier notwendig ist, die Zielgruppe einzugrenzen. Generell ergibt sich aus Trägerperspektive ein Bedarf an einer Unterstützung im Sinn von Jugendcoaching nur dann, wenn in diesem Jahr eine Schulwahlentscheidung ansteht. Der konkrete Bedarf wird in diesem Fall als Bedarf an Berufsorientierung bzw. Schul- oder allgemeiner Bildungsberatung definiert. Daran anschließend wird sich ein solcher nicht für alle SchülerInnen ergeben, sondern nur für diejenigen, für die die schulintern angebotene Berufsorientierung nicht ausreichend ist bzw. die keine Anschlussperspektive haben. Auch gegenwärtig ist Jugendcoaching nicht als Intervention für alle SchülerInnen in ihrem neunten Schulbesuchsjahr zu verstehen, sondern kommt dann ins Spiel, wenn es um spezifische Problemkonstellationen geht.

Schließlich werden spezifische Zielgruppen genannt, die bereits im achten Schulbesuchsjahr einen Bedarf an Unterstützung durch das Jugendcoaching hätten:

  • SchülerInnen mit SPF dürfen nicht in jeder Schule ihr neuntes Jahr absolvieren. Diesbezüglich haben sie Beratungsbedarf.

  • Jugendliche, die neu nach Österreich kommen, haben Bedarf an Beratung bezüglich des österreichischen Bildungssystems und den Möglichkeiten, die sie darin haben. Zudem können sie so bereits das achte Schuljahr nutzen, um Deutsch zu lernen und somit ihre Chancen auf eine weitere Ausbildung zu verbessern. Auch hier gilt, dass eine frühzeitige Information generell vorzuziehen ist.

  • SchülerInnen, die nach Erfüllung der Schulpflicht eine niederschwellige berufliche Ausbildung absolvieren werden (z.B. in einer Lehrwerkstätte), müssen oft längere Wartezeiten in Kauf nehmen, bis sie einen Platz in einer solchen Maßnahme bekommen (vgl. Abschnitt 3.1.9). Wenn die Suche danach sowie Schnuppern bis hin zur konkreten Anmeldung früher, bereits in ihrem achten Schuljahr, startet, verlieren sie weniger Zeit, wenn sie direkt nach Beendigung der Schulpflicht in die Ausbildung einsteigen können.

Andere Zielgruppen wiederum weisen aus Sicht der Träger weniger oder keinen Unterstützungsbedarf in ihrem achten Schulbesuchsjahr auf:

  • Jugendliche mit spezifischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen (Sehen, Hören), auf die manche der Wiener Träger fokussiert sind, bedürfen laut deren Erfahrungen einer längeren Entwicklungszeit. Daher sind sie im Durchschnitt älter, wenn sie von den Jugendcoaches betreut werden und es ergibt sich demgemäß kein unmittelbarer Bedarf, die Altersgrenze nach unten hin zu verschieben.

  • Wenn den Jugendlichen aus der Zielgruppe nur sehr wenige weiterführende Schultypen zur Verfügungen stehen, ist der Bedarf an Schulberatung dementsprechend geringer und damit auch die dafür veranschlagte Zeit. Ein eingeschränktes Schulangebot betrifft zum einen Jugendliche mit spezifischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zum anderen SchülerInnen mit SPF. Für andere wiederum ist das Angebot de facto durch Selbstselektion sehr eingeschränkt.

In Bezug auf das eingeschränkte Angebot an möglichen weiterführenden Schulen kristallisieren sich sehr konträre Sichtweisen der Träger heraus: Die einen teilen die Einschätzung, dass Jugendliche in diesen Fällen weniger Unterstützungsbedarf hätten. Die anderen wiederum sehen gerade hier einen höheren Unterstützungsbedarf - wenn beispielsweise das Schulspektrum durch Selbstselektion eingeschränkt ist, zeigt sich akuter Handlungsbedarf im Rahmen von Jugendcoaching.

Zusammenfassend lassen sich Argumente für wie auch gegen eine Erweiterung oder Verschiebung der Zielgruppe finden. Diese Argumente basieren im Wesentlichen auf der Einschätzung der Träger, worin die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppen liegen und wie diesen am besten begegnet werden kann. Im Zuge der Diskussion wurden die genannten Argumente allerdings noch weiter vertieft, wovon im folgenden Abschnitt die Rede sein wird.

4.4.2.3 Bedingungen und Konsequenzen

Neben den argumentativen Pros und Kontras einer Integration des individuellen achten Schulbesuchsjahres geht es anschließend um die Frage, unter welchen Bedingungen eine Erweiterung der Zielgruppe überhaupt möglich wäre und welche Konsequenzen dies nach sich ziehen würde. Damit sind Fragen nach der Ressourcenausstattung der Träger, nach inhaltlichen und strukturellen Adaptierungen sowie dem Verhältnis zwischen schulinternen Angeboten und Jugendcoaching angesprochen.

Bei der Diskussion um die Öffnung der Zielgruppe sind die Fallzahlen ein ganz wesentliches Thema für die Träger. Zum Zeitpunkt der Diskussion ist aus ihrer Sicht noch nicht absehbar, wie hoch der Bedarf im kommenden Schuljahr überhaupt sein wird. Die Beobachtung, dass die Jugendcoaches bereits jetzt ausgelastet bzw. überlastet sind, wurde bereits in unterschiedlichen anderen Kapiteln festgehalten. Wird die Zielgruppe verbreitert, wird die Abdeckung des Bedarfs angesichts der zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht mehr möglich sein.

Im Falle einer Öffnung der Zielgruppe auf sowohl das achte als auch das 9. Individuelle Schulbesuchsjahr ist aus Sicht einiger Träger mit einer Verdoppelung der Zielgruppe zu rechnen. Der Aufwand, der dadurch für die Umsetzenden des Jugendcoachings entsteht, stiege allerdings sogar exponentiell dazu: So etwa würde die Kooperation mit den Schulen aufwändiger und mehr Zeit in Anspruch nehmen, da sodann mehrere Ansprechpersonen vorhanden wären, mit denen die Zusammenarbeit koordiniert werden muss.

Dem gegenüber steht das Argument der Prävention: Wenn frühzeitig, also bereits im achten Schulbesuchsjahr, mit einer Beratung begonnen wird, ist eine solche zu einem späteren Zeitpunkt eventuell nicht mehr notwendig. Dadurch reduziere sich die Zielgruppe der SchülerInnen im neunten Schuljahr.

Ob der Ressourceneinsatz verdoppelt oder gar exponentiell ansteigen würde, jedenfalls wird von den Trägern ganz klar kommuniziert, dass in diesem Fall die personellen - und damit finanziellen - Ressourcen entsprechend aufgestockt werden müssten.

In Hinblick auf die hypothetische Umsetzung von Jugendcoaching für SchülerInnen in ihrem achten Schulbesuchsjahr können Aspekte auf inhaltlicher und solche auf struktureller Ebene unterschieden werden. Im Unterschied zu SchülerInnen in ihrem 9. Schulbesuchsjahr ist - zumindest bei einem Teil der potenziellen Zielgruppe - der Bedarf nach beratender Unterstützung fokussierter. Er richtet sich im Wesentlichen auf die Frage, welche Schule für das letzte Pflichtschuljahr gewählt werden soll. Andere Optionen, wie die Entscheidung für eine Lehrausbildung, sind noch nicht relevant. Daran anschließend wird es zum einen als sehr schwierig bis unmöglich gesehen, in diesem Alter bereits Praktika für die Jugendlichen zu organisieren, zum anderen stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, über intensive Praktikumsphasen den jeweiligen Berufswunsch einem Praxischeck unterziehen zu können, wie dies - siehe Kapitel 3.1.3 - im Falle einer Betreuung im neunten Schulbesuchsjahr einen wesentlichen Baustein darstellt. Daher, so die weiterführende Argumentation, wird auch der Bedarf an einer Betreuung auf Stufe 2 oder Stufe 3 weniger ausgeprägt sein.

Auf der einen Seite unterscheiden sich die Bedürfnisse von SchülerInnen in dieser Lebensphase von denjenigen, welche die derzeitige Zielgruppe aufweist. Auf der anderen Seite werden Unterschiede in Bezug auf Fähigkeiten bzw. Kompetenzen der Jugendlichen gesehen. Je jünger, desto geringer seien im Durchschnitt Abstraktions- und Reflexionsvermögen. Wenn in Zukunft mit einer jüngeren Zielgruppe gearbeitet werden soll, müssen auch die eingesetzten Coachingmethoden diesem Umstand gerecht werden und darum sei ein breiteres Methodenrepertoire notwendig.

Schließlich bedarf es aus Trägersicht einer genauen Definition des Handlungsauftrages, wenn die Zielgruppe auf diejenigen in ihrem achten Schulbesuchsjahr ausgeweitet wird. Angesichts der vergleichsweise begrenzten Möglichkeiten (keine Lehre oder Praktika) müsse überlegt werden, welches Ziel mit einer Intervention überhaupt erreicht werden soll. Dieses müsse für Jugendliche, Eltern und andere Beteiligte transparent sein. Neben dem Ziel müsse auch genau überlegt werden, welche Ergebnisse am Ende des Betreuungsprozesses stehen können. Wenn dies nicht gelingt, sei das Risiko hoch, dass die Beteiligten Jugendcoaching an sich hinterfragen. In weiterer Folge könne es schließlich dazu kommen, dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr an den Jugendcoaching- Träger wenden, selbst wenn ein akuter Bedarf auftritt.

Parallel zur inhaltlichen Ebene tun sich weitere Fragen auf, die die strukturelle Ebene einer Umsetzung von Jugendcoaching betreffen, wenn die Zielgruppe auf SchülerInnen im achten Schulbesuchsjahr erweitert würde. Aus der Perspektive der an der Diskussion teilnehmenden Träger ist damit in erster Linie die Frage verbunden, ob es möglich sein wird, Jugendliche auch zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu betreuen, wie dies aktuell möglich ist. Diese Möglichkeit müsste auf jeden Fall sichergestellt werden. Vorstellbar wäre als idealtypischer Ablauf, dass zu Beginn des achten Schulbesuchsjahres eine Beratung bezüglich der weiterführenden Schule durchgeführt wird. Im Jahr darauf wendet sich der/die Jugendliche wieder an den Jugendcoach, diesmal mit der Frage, welche Lehrausbildung oder andere Ausbildungsperspektive geeignet wäre. Ebenfalls nach diesem idealtypischen Ablauf würde im achten Jahr die Stufe 1, im neunten Jahr die Stufen 2 oder 3 eingesetzt werden.

Eine solche idealtypische Kombination von Betreuungszeitpunkten und Stufen wird auf der einen Seite als bedürfnisgerecht betrachtet. Auf der anderen Seite lautet der skeptische Einwand, dass in einem solchen Fall ein enormer Verwaltungsaufwand absehbar sei. Derzeit handelt es sich eher um die Ausnahme, dass Jugendliche nach einer gewissen Zeit wieder ins Coaching zurückkommen. Soll dies in Zukunft nicht mehr Ausnahme, sondern die Regel sein, müssten Strategien überlegt werden, damit auf verwaltungstechnischer Ebene die Mehrfachbetreuungen dokumentiert werden können.

Als zweite Bedingung damit dies gelingen kann, wird eine gute Abstimmung gesehen, wenn im Rahmen einer solchen Betreuungskette mehrere Jugendcoaches für einen Fall zuständig sind. Eine Mehrfachbetreuung ist dann sinnvoll, wenn im Rahmen der zweiten Betreuung bekannt ist, was bereits bei der ersten Betreuung getan wurde. Daran allerdings schließen Fragen bzw. Zweifel bezüglich des Datenschutzes an.

Wie bereits angeführt lautet eine Überlegung, dass eine Intervention im achten individuellen Schulbesuchsjahr darum Sinn macht, weil dieses Jahr für SchülerInnen mit der Entscheidung für eine weiterführende Schule und damit ihre weitere Bildungslaufbahn verbunden ist. Prinzipiell ist aber für Berufsorientierung das Schulsystem verantwortlich. Dies wird allerdings aus Sicht der Träger in sehr unterschiedlicher Qualität auch tatsächlich geleistet. Zum einen werden deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Schulen festgehalten, zum anderen auch innerhalb von Schulen je nachdem, welche LehrerInnen für Berufsorientierung zuständig sind. Relevant für Jugendcoaching und besonders, wenn es um die Frage geht, ob die derzeitige Zielgruppe erweitert werden soll, sind folgende Punkte wesentlich, die in der Diskussion kontroversiell gesehen werden:

  • Der Beratungsbedarf wird schulintern derzeit nicht für alle SchülerInnen abgedeckt. Einige erhalten keine adäquate Unterstützung und werden in Zukunft ev. zu NEETs, und damit wiederum zu einer Zielgruppe von Jugendcoaching. Im Sinne einer Prävention von Laufbahnabbrüchen spricht dies dafür, das achte Schuljahr hinzuzunehmen.

  • Der Aufbau von Doppelstrukturen - schulinterne und durch Jugendcoaching angebotene Berufsorientierung für prinzipiell alle - erscheint nicht sinnvoll.

  • Jugendcoaching kompensiert etwas, das eigentlich Aufgabe der Schule ist.

  • In dem Bereich wird bereits jetzt von Seiten einzelner Schulen versucht, Aufgaben an Jugendcoaches abzugeben. Die letzten Punkte sprechen eher gegen eine Zielgruppenerweiterung.

Anstatt den generellen Auftrag zur Kompensation zu übernehmen, sollte - auch in Zukunft und auch bezogen auf das achte Jahr - eine Kooperation mit Schulen fortgeführt werden, die auch die Abklärung von Verantwortlichkeiten enthält. Dabei gilt es, klar zu kommunizieren, dass Jugendcoaching nicht für alle Anliegen zuständig ist:

"Also nicht wir haben den ganzen Bauchladen und wir können alles ersetzen, was bei euch gerade nicht funktioniert, sondern was ist unser Auftrag, was braucht's von eurer Seite aus, wie kommen wir jetzt gut zu einem gemeinsamen Arbeiten." (Diskussion 3 / Seite 23)

Dies betrifft den Bereich Berufsorientierung, aber auch andere schulinterne Unterstützungsangebote wie Schulsozialarbeit und -psychologie. Der Auftrag ans Jugendcoaching wird so verstanden, dass andere Angebote nicht ersetzt werden sollen. Vielmehr sollte es dort zum Einsatz kommen, wo das jeweilige Anliegen bzw. das Problem schulintern nicht mehr gelöst werden kann. Hier wird in die Argumentation eingebracht, dass es bei bestimmten Problemkonstellationen einfacher sei, wenn eine außenstehende Person die Betreuung übernimmt, die nicht mit "Schule" assoziiert wird.

Auch hier zeigt sich, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Wenn auch die Diskussion in Richtung Abgrenzung geht und klar hervorgestrichen wird, dass Jugendcoaching nicht einfach für "alle" Anliegen zuständig ist und dass dies klar kommuniziert werden soll, ist eine Grenzziehung nicht einfach. Abschließend geht es im folgenden Abschnitt um die Frage, wie Grenzen zwischen Jugendcoaching und anderen - schulinternen - Angeboten gezogen werden können und ob dies überhaupt im Sinne des Angebotes und seiner TeilnehmerInnen wäre.

Die derzeitige Regelung kann als explizite Zuständigkeit für das neunte Schulbesuchsjahr mit impliziter Zuständigkeit für das achte Schulbesuchsjahr bezeichnet werden. Implizit bedeutet, dass eine Betreuung nur in Ausnahmefällen und nachdem das Einverständnis durch den Auftraggeber eingeholt worden ist, erfolgt. Ein Einverständnis wird laut Erfahrung der Träger in 100% der Anfragen erteilt.

Ein Vorteil dieser impliziten Ausnahme-Zuständigkeit wird in der Praxistauglichkeit gesehen. So ist eine bedürfnisgerechte und rasche Intervention möglich, die im Sinne der Jugendlichen ist. Vergleichbar ist dies etwa mit der Praxis, notwendige Dokumente selbst einzuholen, auch wenn dies Auftrag der Schulen wäre. Auch hier übernehmen Jugendcoaches eine Aufgabe, für die sie formal nicht zuständig wären.

"Bevor ich dann den Schüler nicht, das ist ja immer dieses Spannungsfeld, wenn ich dann nicht betreuen kann, weil's nur an einer Unterschrift liegt, dann geb' ich ihm halt zum dritten Mal den Zettel und frag den Lehrer ob er's ins Mitteilungsheft hinein gibt." (Diskussion 3 /Seite 15)

Aus dieser Perspektive wird gerade die Freiheit, die aus einem Mangel an Standardisierung entsteht, als großer Vorteil gewertet, da es erst dadurch möglich wird, rasch und adäquat auf Bedürfnisse einzugehen, die nicht immer planbar sind. In Bezug auf die Entscheidung zwischen achtem und neuntem Schulbesuchsjahr wird dafür plädiert, nach dem jeweiligen Fall zu entscheiden.

Demgegenüber werden zwei Punkte an der impliziten Zuständigkeit kritisiert: Qualitätsunterschiede zwischen den Trägern können erstens größer sein, je mehr Freiheit diese haben. Wenn Träger zweitens selbst entscheiden müssen, wer eine Betreuung erhält und wer abgelehnt wird, geraten sie in ein emotionales Dilemma. Auf der einen Seite soll jeder, der einen Bedarf an Unterstützung hat, eine solche auch erhalten, auf der anderen Seite wird dies angesichts Ressourcenausstattung und Bedarf nicht immer möglich sein. Je weniger klar die Definition der Zielgruppe ist, desto eher verlagert sich die Entscheidung im jeweiligen Fall in den individuellen Verantwortungsbereich. In diesem Sinne wird eine Klärung des Handlungsauftrages an Jugendcoaching als unbedingt notwendig erachtet.

Auch an diesem Punkt - inwieweit soll die bedürfnisorientierte, implizite Ausnahmeregelung aufrechterhalten werden oder eine Formalisierung erfolgen - unterscheiden sich die Perspektiven der Träger, die an der Diskussion teilgenommen haben, also deutlich voneinander. Einigkeit besteht allerdings dahin gehend, dass entsprechende Überlegungen angestellt werden müssen, sollte sich an der Zielgruppe des Jugendcoachings künftig etwas ändern: Wie soll die Umsetzung aussehen, welche Zielsetzungen sind damit verbunden, wie werden Daten erhoben und verwaltet und schließlich, werden entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt?

4.5 Zusammenfassung

Die Schätzung des jährlichen Jugendcoachingbedarfs weist für Wien eine minimale Zielgruppengröße von ca. 5.000 und in der Steiermark von ca. 2.800 Jugendlichen aus. Damit wird die Problemlage zwangsläufig unterschätzt, da nur die Anzahl der tatsächlichen AbbrecherInnen, nicht jedoch die der gefährdeten Jugendlichen bekannt ist. Die realisierte TeilnehmerInnenzahl liegt für das Jahr 2012 in Wien bei mehr als 9.000 und in der Steiermark bei knapp 3.500, womit vorerst eine gute Übereinstimmung mit den Planzahlen erzielt werden konnte. Der Vergleich zwischen TeilnehmerInnen- und Zielgruppenstruktur zeigt, dass die Steiermark einen relativen Aufholbedarf hinsichtlich der TeilnehmerInnenanzahl hat. Während die Bedarfsabschätzung für die Steiermark einen Anteil von 35,9% der GesamtteilnehmerInnenanzahl erbringt, weisen die steirischen Träger momentan nur einen Anteil von 27,2% auf.

Eine differenzierte Analyse der Zielgruppenerreichung zeigt, dass die Verteilung nach Geschlecht mit der Zielgruppe übereinstimmt und dass Jugendliche mit Migrationshintergrund (v.a. in der Steiermark) noch etwas stärker fokussiert werden sollten, diese liegen bei den TeilnehmerInnen ca. 10% Punkte unter dem Anteil bei der Referenzgruppe der Early School Leavers. Insgesamt sind jedoch keine gravierenden Selektionsprozesse beim Maßnahmenzugang festzustellen. Hinsichtlich des Alters der Jugendlichen ist im Vergleich zur Zielgruppendefinition eine Altersverschiebung zugunsten älterer Kohorten festzustellen, denn 50,6% der TeilnehmerInnen sind zwischen 16 und 17 Jahren als. Bei der Integration von TeilnehmerInnen höherer Schulen schließlich sind die Wiener (19,5%) weiter vorangeschritten als die steirischen Träger (16,2%). Dafür gelingt in der Steiermark die Integration von NEETs (respektive von TeilnehmerInnen außerhalb des Bildungssystems) bereits besser als in Wien.

Im Zusammenhang mit den Problemlagen der TeilnehmerInnen werden drei Gruppen mit spezifischen Betreuungsbedarfen genannt: Jugendliche aus höheren Schulen sind verstärkt mit Lernschwierigkeiten und Erfolgsdruck konfrontiert, die sich durch Schulumstiege und unrealistische Erwartungshaltungen der Eltern ergeben. Bei systemfernen Jugendlichen sind Probleme der Existenzsicherung, Suchterkrankungen und Perspektivenlosigkeit verstärkt vorhanden. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind häufiger mit sprachlichen Schwierigkeiten konfrontiert.

Die Träger streichen Problemlagen heraus, die quer über alle TeilnehmerInnengruppen häufig auftreten: Motivationsprobleme, unklare Berufsbilder und Orientierungslosigkeit, Mobilitätseinschränkungen, sowie Probleme die aus dem familiären Umfeld entspringen. Diese Problemlagen zeigen sich auch in den Monitoringdaten, 20% der Jugendlichen werden als unzureichend motiviert eingestuft, bei 42% bestehen nur vage oder keine Berufswünsche und 12% haben ein problematisches Selbstbild. Starke Mobilitätsprobleme zeigen sich bei 9,3% der steirischen TeilnehmerInnen und nur bei 0,2% der Wiener. Der Gesamtindex an Problemlagen weist jeweils 30% der TeilnehmerInnen als gering oder mittel und 40% als hochbelastet aus. In der Steiermark sind die Anteile höher als in Wien.

Die von den Jugendlichen geschilderten Problemlagen stimmen in einem breiten Spektrum mit den von den Trägern wahrgenommenen Problemlagen überein. Die Träger können die Schwierigkeiten und Problemlagen der Jugendlichen gut erfassen und adäquat wahrnehmen.

Die Einbeziehung der Eltern wird von den Trägern durchwegs als zentraler Faktor für das Gelingen des Coachingprozesses gesehen. Dies ist wesentlich um einengende familiäre berufs- und ausbildungsspezifische Paradigmen zu hinterfragen, Überlastungen der Jugendlichen im familiären Kontext durch hohe Verantwortungsübernahme entgegenzuwirken, unrealistische Zielvorstellungen auf Seiten der Eltern zu relativieren und Ressourcen im familiären Umfeld zu mobilisieren.

Die Träger unternehmen hohe Anstrengungen, um die Eltern in verschiedene Stadien des Coachingprozesses einzubinden, die Bemühungen zeigen allerdings eine durchwachsene Erfolgsbilanz. Es besteht zudem die Gefahr von Ressourcenverschiebungen, wenn die Problemlagen der Eltern zu viel Raum im Beratungssetting einnehmen. Hier bedarf es einer klaren Abgrenzung, was im Rahmen des Jugendcoaching an Elternarbeit geleistet werden kann und was nicht.

Bei den NEETs stellen die Träger vielschichtige Problemlagen fest, die vor einer Thematisierung von Ausbildungs- und Berufsperspektiven bearbeitet werden sollten. Es besteht in diesem Zusammenhang Bedarf für Maßnahmen zur Existenzsicherung, Stabilisierung und Reorganisation des Privatlebens und zu einer begleitenden Betreuung von Suchtproblemen und psychischen Erkrankungen. Als wesentlicher Betreuungsaspekt werden ein längerfristiger Betreuungsaufbau und konstante Bezugspersonen gesehen.

Aus Trägersicht braucht es ein aktiveres Zugangssystem, um systemferne Jugendliche besser erreichen und einen Ausbau der Nachfolgemaßnahmenlandschaft, um sie adäquat weitervermitteln zu können. Im ländlichen Bereich bestehen aus der Sicht der Träger Lücken bei niederschwelligen Folgemaßnahmen und im urbanen Raum gibt es eine Vielzahl an gut organisierten Projekten, deren Zugangsvoraussetzungen allerdings verringert und deren Teilnahmedauer verlängert werden sollte.

Hinsichtlich der Konzepteignung für NEETs werden das Stufenkonzept und die Wiedereinstiegsmöglichkeit als geeigneter Rahmen gesehen, um den Betreuungsprozess an individuelle Bedürfnisse anpassen zu können. Der Case-Managementansatz ermöglicht konstante Betreuung und Beziehungsaufbau, die Ausrichtung auf Elternarbeit und der Aufbau eines Unterstützungsnetzwerkes werden als wichtige Strategie bewertet, um die erzielten Erfolge längerfristig absichern zu können.

Konzeptionellen Adaptionsbedarf sehen die Träger beim Mengengerüst der Planzahlen. Die derzeitigen Fallzahlen gefährden aus Trägersicht die Qualität der längerfristigen Betreuung und verringern so die Kapazitäten für NEETs.

Bei den Wiener Trägern besteht eine große Unsicherheit über den eigenen Handlungsauftrag zur Betreuung von NEETs. Die Träger sprechen von Doppelbotschaften und von kommunizierten Signalen der Zurückhaltung.

Was schließlich SchülerInnen in ihrem achten Schulbesuchsjahr betrifft, werden diese bereits heute von einigen Trägern in Ausnahmefällen nach Genehmigung des Bundessozialamtes betreut. Dies ergibt sich vor allem durch ein selbstständiges Herantreten von SchülerInnen und Eltern an die Jugendcoaches, wenn Entscheidungen zu weiterführenden Schulen anstehen und die schulinterne Berufsorientierung für die Jugendlichen nicht ausreichend war. Hier wird die gezielte Arbeit mit Jugendlichen im achten Schuljahr im Sinne von Prävention späterer Abbrüche und Kompensation als Vorteil gesehen.

Die Verbindlichkeit der SchülerInnen gegenüber der Entscheidung über die weitere berufliche und Bildungslaufbahn erhöht sich aus Sicht der Träger aber häufig erst im Laufe des 9. Schuljahres, wenn die Entscheidungsphase näher rückt. Zudem verändern sich die Berufswünsche und Perspektiven im jüngeren Alter häufiger. Dies spricht aus Sicht der Träger eher gegen eine flächendeckende Ausdehnung auf das achte Schulbesuchsjahr.

Sollte eine Zielgruppenausweitung erfolgen, werden aus Sicht der Träger zusätzliche Ressourcen benötigt, das Repertoire an Coachingmethoden müsste für die Gewährleistung einer bedürfnisgerechten Betreuung ausgeweitet werden und es bräuchte eine Abklärung über potentielle Ziele der Intervention.

Die momentane Praxis einer impliziten Zuständigkeit für das achte Schulbesuchsjahr in Einzelfällen, wird als bedürfnisgerecht wahrgenommen, weil durch den geringen Standardisierungsgrad rasche und individuelle Interventionen möglich sind.



[6] Early School Leavers sind EU-weit definiert als Jugendliche im Alter von 18-24 Jahren, die sich nicht mehr in Ausbildung befinden und keinen Abschluss über ISCED 3c hinaus (das entspricht einem Pflichtschulabschluss) aufweisen. Den hier dargestellten Berechnungsergebnissen liegen (weil dies für Österreich passender ist) die 15- 24-Jährigen sowie eine im Gegensatz zur EUROSTAT-Praxis strengere Definition von "in Ausbildung" zugrunde.

[7] Als Kontrastfolie gelten an dieser Stelle die Early School Leavers und deren soziodemographische Zusammensetzung. Die Berechnungen für diese Zielgruppe bauen auf dem Labor Force Survey auf, dessen Fallzahlen zu gering sind, um eine nach Bundesländern und soziodemographischen Merkmalen differenzierte Berechnung zugleich vorzunehmen.

[8] Dies ist auch der Grund dafür, warum die Anzahl der Personen, deren Angaben die Grundlage der in den Tabellen ausgewiesenen Ergebnisse darstellen (n) zwischen 4.776 und 3.370 schwanken. Knapp 5.000 Personen wurden bisher im Monitoringsystem erfasst und von 3.370 Angaben zu den Ausgangsproblemlagen (Income-Faktoren) gemacht. Die Differenz erklärt sich vornehmlich durch den zwischenzeitlichen Wegfall der Erhebungen zu den Problemlagen bei reinen Stufe 1 TeilnehmerInnen.

[9] Kompensationen des Zuführungssystems geschehen beispielsweise durch Versuche einer stärkeren Präsenz in Jugendzentren oder der Herausbildung einer stärkeren aufsuchenden Ausrichtung, die Besuche in Parks oder Einkaufszentren vorsieht. Kompensationen des Nachfolgesystems zeigen sich etwa in der Praxis, die Jugendlichen länger im Betreuungsprozess zu halten, weil für das geeignete Folgeprojekt Wartezeiten bestehen.

5 Der Beitrag der Schulen

Schulen nehmen bei der Umsetzung des Jugendcoaching eine zentrale Funktion ein, dementsprechend ist es notwendig den Schulen ein eigenes Kapitel zu widmen, das auf den Analyseergebnissen zweier empirischer Erhebungsschritte aufbaut.

Im Rahmen der Fallstudieninterviews wurde die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendcoaching sowie die Realisierung von Aufgaben, welche die Schulen im Rahmen von Jugendcoaching übernehmen, einer näheren Betrachtung unterzogen. Zum einen geht es dabei um die Perspektiven von Jugendcoaches sowie der Träger, zum anderen wurden im Rahmen jeder Fallstudie auch zwei Interviews an Schulen geführt. Der Ausgangspunkt dabei war, unterschiedliche Schultypen zu integrieren sowie Schulen, mit denen aus Sicht der Träger die Zusammenarbeit gut funktioniert, wie auch im Kontrast dazu Schulen, wo diesbezüglich noch Verbesserungspotenzial vorhanden ist.

Im Zuge der Fallstudien hat sich die Zusammenarbeit mit Schulen als eine erfolgskritische Fragestellung herausgestellt. Deswegen wurde im Anschluss daran eine quantitative Befragung aller (für die Zielgruppen des Jugendcoachings relevanten) Schulen in den beiden Pilotbundesländern durchgeführt. Dabei standen das Zugangssystem an den Schulen sowie die generelle Einschätzung des Jugendcoaching im Zentrum des Interesses. Die Ergebnisse der Onlinebefragung bilden den zweiten Abschnitt im vorliegenden Kapitel.

5.1 Qualitative Exploration der Rolle von Schulen

Zum Interviewzeitpunkt (März 2012) lag ein Umsetzungsschwerpunkt der Jugendcoaching- Träger auf den Zusammenarbeit mit den Schulen: Zum einen wurden Kontakte zu neuen Schulen hergestellt, mit denen in der Phase der Vorgängerprojekte noch nicht zusammengearbeitet wurde. Bei den ehemaligen Clearingträgern sind darunter die weiterführenden Schulen zu verstehen. Zum anderen hat sich die Zusammenarbeit mit den Schulen, mit denen schon bisher kooperiert wurde, durch die Umstellung auf Jugendcoaching geändert. Somit waren die Jugendcoaches in dieser Phase damit beschäftigt, Schulen über diesen Wechsel grundsätzlich zu informieren sowie die Zusammenarbeit entsprechend zu adaptieren. Darunter ist in erster Linie die Meldung betroffener SchülerInnen zu verstehen: Durch die Zielgruppenerweiterung ist dieser Prozess komplizierter geworden, zudem ist es konzeptionell vorgesehen, dass die Meldung über das Frühmeldesystem erfolgt, was - zum Interviewzeitpunkt - noch in der Aufbauphase begriffen war. Oft wurden etablierte Arbeitsweisen aus der Vergangenheit fortgeführt und arbeiteten die Schulen noch auf dieselbe Art wie zuvor (vgl. Abschnitt 3.1.1).

Welche Personen an den Schulen von der Schulleitung mit der Koordination im Zusammenhang mit Jugendcoaching betraut wurden, BO- oder IntegrationslehrerInnen bzw. die Schulleitungen selbst, unterscheidet sich zwischen den Schulen.

Generell lässt sich festhalten, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen Jugendcoaching und Schule eine Einbindung der dort zuständigen Personen erfordert. In Bezug auf zukünftige Kooperationen mit neuen Schulen, wo bis dato noch kein Kontakt durch ein Vorgängerprojekt besteht, wird eine solche Einbindung durch die Träger als sinnvoll erachtet und es wird geplant, Infoveranstaltungen oder Workshops mit allen LehrerInnen durchzuführen. Allerdings stehen diesem Anspruch knappe zeitliche Ressourcen gegenüber. Grundsätzlich ist auch bei schon bestehender Kooperation der gegenseitige Austausch zwischen Coaches und schulverantwortlichen Personen wesentlich, die Zeit dafür zu finden ist aber nicht einfach.

"Weil an der Schule einfach, es gibt fünf Minuten Pause, in der Phase hat der Lehrer Zeit und muss alles checken, vom Klo-Gehen bis zum Unterricht vorbereiten oder irgendwie zusammensammeln, was er für die nächste Stunde braucht, dann wird er von zehn Schülern und weiß Gott wem angesprochen, also das ist einfach ein Wahnsinn. Und da muss man es wirklich so einfach wie möglich machen. Dass das da logistisch alles gut abläuft. Das ist eben oft eine ziemliche Herausforderung." (Fall 3 / Interview 3 / Seite 3)

Eine gute Zusammenarbeit mit den Schulen ist eine wesentliche Grundlage für das Gelingen des Jugendcoachings. Das wird auch von allen Seiten betont und werden in der Praxis auch gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den schulverantwortlichen Personen gemacht. Wenn es um Aufgaben geht, die von diesen im Rahmen von Jugendcoaching übernommen werden, gehört dazu, herauszufinden, welche SchülerInnen Bedarf an einer Unterstützung haben, sprich in die Zielgruppendefinition fallen. Daneben wird schulintern auf Jugendcoaching überhaupt aufmerksam gemacht und werden die Klassenvorstände informiert. Schließlich werden die Sammlung der relevanten Daten sowie die Organisation von Treffen zwischen SchülerInnen und Coaches direkt an der Schule übernommen wie auch für entsprechende Räumlichkeiten z.B. für Workshops an den Schulen gesorgt.

Zum Teil geht das Engagement der verantwortlichen Schulpersonen über diese Aufgaben hinaus. So sehen sich die befragten Personen explizit in der Rolle, die Jugendcoaches bestmöglich zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird etwa bei der Kontaktherstellung zwischen Coaches und Jugendlichen bzw. deren Eltern Unterstützung geleistet, wenn letztere wenig Motivation aufweisen oder Skepsis gegenüber dem Programm zeigen. Solch positive Umsetzungserfahrungen stehen auf der einen Seite.

Die Kontaktherstellung mit neuen Schulen bringt hingegen Schwierigkeiten mit sich. So wird auf die Herausforderung verwiesen, in das Feld Schule erst einmal "hineinzukommen". Entsprechend war viel Aufbauarbeit notwendig, um die gegenwärtigen Beziehungen zu den Schulen bzw. den zuständigen Personen auf eine solche produktive Basis zu stellen.

Abgesehen von dem Aufwand, der mit der Anfangsphase des Jugendcoachings verbunden war, berichten die Träger prinzipiell davon, dass die Zusammenarbeit mit jenen Schulen, die sie bereits in der Phase des jeweiligen Vorgängerprojektes betreut haben, gut funktioniere. Diese Schulen begegnen auch dem neuen Programm mit Offenheit: Jugendcoaching wird hier als Entlastung des Systems Schule gesehen, das professionelle Unterstützung bietet, wo LehrerInnen nicht intervenieren können. Von Seiten der Jugendcoaching-Träger wird diese Offenheit darauf zurückgeführt, dass durch die jahrelange Zusammenarbeit das notwendige Vertrauen von den Schulverantwortlichen aufgebaut werden konnte. Der dafür nötige persönliche Kontakt ist ausschlaggebend dafür, dass eine gute Gesprächsbasis zwischen den Beteiligten geschaffen wird. Damit können im Falle von Unstimmigkeiten diese auch gelöst werden.

Im Rahmen der quantitativen Befragung der Jugendcoaching-Träger wird dieses Ergebnis bestätigt. Insgesamt wird die Zusammenarbeit mit den Schulen als gut eingeschätzt, in etwas geringerem Ausmaß trifft dies auch auf die neuen Schulen zu. Eine Vertrauensbasis ist also der Grundstein für gelingende Kooperationen zwischen Jugendcoaching und Schulen und wird auch von beiden Seiten einhellig so geschildert. Daneben lassen sich weitere Faktoren ausmachen, welche die Zusammenarbeit positiv beeinflussen. Professionalität ist ein solcher Faktor. Zum einen sind die Jugendcoaches gefordert, professionell aufzutreten, alle Fragen beantworten zu können und verlässlich zu agieren. Zum anderen wird die Professionalität des Jugendcoachings dadurch vermittelt, dass dieses Wirkung zeigt, die für die involvierten Personen an den Schulen auch sichtbar wird. So wird von ihnen positiv hervorgehoben, wenn sie über den Verbleib "ihrer" SchülerInnen informiert werden. Wenn man diese weiterhin gut betreut weiß, steigt auch aus Schulsicht die Motivation zur Zusammenarbeit mit dem Jugendcoaching. Wenn Coaches vermitteln, dass ihnen die SchülerInnen wichtig sind und sie engagiert auftreten, stärkt dies zudem das Vertrauen in ihre Arbeit.

Zeit für Vertrauensaufbau sowie die Vermittlung von Professionalität und Engagement sind also wesentliche Grundlagen für eine gelingende Kooperation zwischen Schulen und Jugendcoaching. Fehlen diese Voraussetzungen, wirkt sich dies umgekehrt negativ auf die Zusammenarbeit aus. Im Extremfall wurde schon die Erfahrung gemacht, dass Zusagen von Seiten einzelner Jugendcoaches nicht eingehalten wurden. Der klare Schluss der schulverantwortlichen Personen aus dieser Erfahrung lautete, künftig nicht mehr mit diesem Träger zu kooperieren.

Ein anderer Faktor, der sich negativ auf die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auswirkt, ist mangelnde Transparenz, was das Jugendcoaching betrifft, d.h. wenn die Prozesse für LehrerInnen nicht nachvollziehbar sind. Ist z.B. nicht verständlich, warum nun mit einem Frühmeldesystem gearbeitet werden soll, handelt es sich aus Sicht der involvierten LehrerInnen dabei um einen - sinnlosen, da unverständlichen - Arbeitsaufwand, der nicht abgegolten wird. Dies führt mitunter zu massivem Unmut (vgl. dazu Abschnitt 3.1.1).

Über diese genannten Faktoren, welche die Zusammenarbeit erschweren, besteht Einigkeit zwischen Personen in- und außerhalb des Schulsystems. Aus der Sicht von Personen außerhalb der Schule kann noch ein weiterer Grund dafür, dass schulverantwortliche Personen einer Zusammenarbeit mit dem Jugendcoaching skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, in der Befürchtung gefunden werden, dass über die Inanspruchnahme einer außerschulischen Unterstützungsmaßnahme Probleme, die innerhalb der Schule existieren, sichtbar würden. Wenn SchülerInnen Unterstützung von außen annehmen, bedeute dies, Schule bzw. LehrerInnen hätten versagt.

"Da sind vielleicht Befürchtungen, ja, dass man einfach schaut, okay, dort haben sie jetzt vielleicht mehr Fälle, sind wir jetzt vielleicht eine schlechtere Schule." (Fall 1 / Interview 1 /Seite 20)

In diesen Fällen ist die Sichtweise der Schulen auf das Jugendcoaching nicht das einer Unterstützung und Entlastung, sondern ein Eingeständnis eigenen "Versagens". Laut Erfahrung der Träger reagieren Schulen teils mit der Einstellung, es schon alleine schaffen zu können. Dies wiederum unterscheidet sich zwischen den einzelnen Schulen. Wenn das Problemausmaß an der Schule nicht so groß ist oder nicht als solches wahrgenommen wird, gibt es aus der Perspektive der Schule auch keinen Handlungsbedarf und es wird eher mit Unverständnis auf Unterstützung von außen reagiert.

Teils lassen sich auch recht kuriose Sichtweisen von Schulen auf das Jugendcoaching und dessen Wirkungsweisen festhalten. So existiert z.B. die Befürchtung, durch das Jugendcoaching würden SchülerInnen abgeworben, d.h. es wird als Instrument gesehen, um SchülerInnen der Konkurrenz, dem dualen Ausbildungssystem bzw. dem Arbeitsmarkt, zuzuführen.

5.2 Onlinebefragung der Schulen

Nachdem sich im Zuge der Fallstudienanalysen gezeigt hat, dass die Zusammenarbeit mit den Schulen wesentlich für das Gelingen von Jugendcoaching ist, jedoch auch kritische Aspekte hervorgetreten sind, die die Umsetzung des Programms vor große Herausforderungen stellen, wurde ein quantitativer Erhebungsschritt konzipiert und umgesetzt, um die Perspektiven von Schulen auf das Jugendcoaching entsprechend in der Evaluierung zu berücksichtigen. Im Rahmen einer Onlinebefragung standen neben Merkmalen der Schulen selbst, der empfundenen Problemlagen durch Drop-out-Gefährdung und der Beteiligung am Jugendcoaching v.a. der Zugang zum Jugendcoaching (d.h. das Frühmeldesystem) sowie die Bewertung dieser Maßnahme im Zentrum der Aufmerksamkeit. Darüber hinaus waren auch das standortbezogene Förderkonzept bzw. die sonstigen schulischen Unterstützungsangebote Gegenstand der Befragung.

5.2.1 Beschreibung des Samples

Mittels eines Informationserlasses des bm:ukk an die Landes- und BezirksschulrätInnen und in weiterer Folge an die Schulen wurde die Einladung zur Teilnahme an der Onlinebefragung an 544 Schulen in Wien und in der Steiermark per Mail versendet. Es handelt sich dabei um die Gesamtzahl aller Schulen, die die Jugendcoaching-Träger als von ihnen betreut oder für sie zuständig gemeldet haben. Die Jugendcoaching-AnsprechpartnerInnen von 338 Schulen haben den Fragebogen geöffnet und angesehen und in 291 Fällen auch tatsächlich in einem nennenswerten Ausmaß ausgefüllt. Demnach liegt die Rücklaufquote insgesamt bei 62,1% und der qualifizierte Rücklauf liegt bei 53,5%.

60% der an der Befragung teilnehmenden Schulen stammen aus Wien, 40% aus der Steiermark. Mehr als vier Fünftel dieser Schulen sind in Gemeinden mit mehr als 5.000 EinwohnerInnen angesiedelt.

 

Anzahl

Anteil

Steiermark

112

40%

Wien

170

60%

Summe

282

100%

Tabelle 30: Beteiligung nach Gemeindegröße Q: Onlinebefragung, n= 278.

 

Anzahl

Anteil

< 5.000 EW

51

18%

> 5.000 EW

227

82%

Summe

278

100%

Zwei Drittel der Schulen werden von 100 - 500 SchülerInnen besucht. Der Anteil kleiner Schulen mit weniger als 100 SchülerInnen liegt bei 17%, jener sehr großer Schulen mit mehr als 1.000 SchülerInnen bei 4%.

Tabelle 31: Beteiligung nach Schulgröße Q: Onlinebefragung, n= 282.

 

Anzahl

Anteil

bis 100 SchülerInnen

48

17%

101-500 SchülerInnen

180

64%

501-1.000 SchülerInnen

43

15%

über 1.000 SchülerInnen

11

4%

Summe

282

100%

Betrachtet man in Tabelle 32 die Verteilung nach Schulformen jener Schulen, die sich an der Befragung beteiligt haben, so sticht in der Steiermark ein starker Schwerpunkt auf den Pflichtschulen (HS, NMS, KMS, PTS, ASO) ins Auge. Bei den höheren Schulen wiederum (AHS und BHS) wird deutlich, dass der Schwerpunkt ganz deutlich in Wien liegt. So haben sich in Wien dreimal so viele BHS und gar zehnmal so viele AHS an der Befragung beteiligt als in der Steiermark. Als Erklärung dafür ist kaum eine ungleiche Verteilung einzelner Schulformen zwischen den Bundesländern ins Treffen zu führen, denn auch nach Abdeckungsquoten betrachtet bleibt der Befund aufrecht, dass sich die höheren Schulen in Wien wesentlich stärker an der Umfrage beteiligt haben. Darüber hinaus ist die Beteiligung in Wien mit 55% an sich deutlich höher als in der Steiermark mit 33% Abdeckung. Nach Schulformen betrachtet sticht die Abdeckung der AHS mit 71,7% positiv, jene der BMS mit nur 7,6% deutlich unterdurchschnittlich hervor.

Tabelle 32: Verteilung der Schulformen in den Bundesländern Aufgrund von möglichen Mehrfachnennungen (z.B. gibt eine AHS sowohl Unter- als auch Oberstufe an), entspricht die Anzahl hier nicht der Zahl der tatsächlich befragten Schulen. Q: Onlinebefragung, Statistik Austria.

   

Absolut

   

Abdeckungsquote der Grundgesamtheit

 
 

Stmk.

Wien

gesamt

Stmk.

Wien

gesamt

HS/KMS/NMS

86

101

187

58,5%

47,2%

51,8%

ASO

11

17

28

44%

48,6%

46,6%

PTS

17

13

30

36,2%

100%

51,7%

BMS

4

5

9

5,2%

12,2%

7,6%

AHS (Unter-/Oberst.)

9

90

99

18,8%

100%

71,7%

BHS

6

18

24

14,0%

48,6%

30,0%

sonstige

6

7

13

20,7%

25,0%

22,8%

Summe

139

251

390

33,4%

55,0%

44,7%

5.2.2 Problemlagen und Belastungen

Um sich der Frage zu nähern, wie stark die Abbruchgefährdung in den einzelnen Schulen ausgeprägt ist und welche Belastungen dadurch empfunden werden, sind die am Jugendcoaching teilnehmenden Schulbeauftragten gefragt worden, wie hoch sie den "Anteil jener SchülerInnen im letzten Pflichtschuljahr, deren Eltern im Rahmen des Frühwarnsystems über drohende negative Beurteilungen benachrichtigt werden müssen" einschätzen. Diese Operationalisierung von Abbruchgefährdung erbrachte nach Schulformen beträchtlich unterschiedliche Anteile von gut 10% bis knapp 30%.

Tabelle 33: Schul-Schätzung der Abbruchgefährdungen Q: Schulbefragung, eigene Berechnungen, n= 253.

 

Steiermark

Wien

Gesamt

HS/KMS

8,6%

12,2%

11,0%

ASO

10,9%

10,2%

10,5%

PTS

10,9%

25,9%

16,3%

BMS

27,5%

27%

27,2%

BHS

31,5%

24,5%

25,3%

AHS

23,0%

20,4%

21,0%

sonstige

21,2%

14,2%

17,7%

Der Anteil der Gefährdeten liegt bei den mittleren und höheren Schulen deutlich über dem der Pflichtschulen. Am geringsten wird die Gefährdung in den Sonderschulen gefolgt von den Haupt-, Neuen und Kooperativen Mittelschulen eingeschätzt. Der absolut höchste Gefährdungsanteil wird in Tabelle 34 für die BMS dicht gefolgt von der BHS ausgewiesen.

Tabelle 34: Abbruchgefährdungen nach Schulformen Q: Onlinebefragung, n=253.

 

HS/NMS/ KMS

ASO

PTS

BMS

BHS

AHS

gesamt

< 5 % Gedährdete

29,9%

61,5%

28,0%

12,5%

12,5%

17,6%

30,8%

5-10% Gefährdete

46,0%

23,1%

40,0%

25,0%

16,7%

17,7%

33,2%

11-20% Gefährdete

12,4%

0,0%

4,0%

25,0%

41,6%

31,4%

17,4%

> 20% Gefährdete

11,7%

15,4%

28,0%

37,5%

29,2%

33,3%

18,6%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Parallel dazu verhält sich die durch die Gefährdung von den Schulen empfundene Belastung. Während nur knapp 22% der Pflichtschulen eine hohe oder sehr hohe Belastung empfinden, trifft dies auf 53% der mittleren bzw. höheren Schulen zu. Kaum unterschiedlich zwischen den Schulformen werden die zur Verfügung stehenden Ressourcen, um mit den Gefährdungslagen umzugehen, empfunden. Jeweils mehr als drei Viertel der Pflichtschulen sowie mittleren und höheren Schulen sind sich darin einig, dass die Ressourcenlage als gering oder (noch) akzeptabel einzustufen ist. Zufrieden mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zeigen sich in Tabelle 35 nur 17% der befragten Schulen.

Tabelle 35: Einschätzung der Abbruchgefährdung Q: Onlinebefragung, n=291.

   

Sehr hoch

hoch

akzeptabel

gering

Kaum vorh.

Summe

 

Pflichtschule

7,7%

14,1%

38,5%

20,5%

19,2%

100%

Belastung daraus

höhere/mittl. Schule

10,3%

42,6%

29,4%

16,2%

1,5%

100%

 

Gesamt

8,3%

22,6%

34,8%

19,1%

15,2%

100%

 

Pflichtschule

3,7%

11,8%

41,2%

30,1%

13,2%

100%

Ressourcen dafür

höhere/mittl. Schule

6,2%

13,8%

44,6%

30,8%

4,6%

100%

 

gesamt

4,4%

12,6%

41,7%

30,6%

10,7%

100%

5.2.3 JU-Beteiligung und andere Unterstützungsangebote

Um mit diesen Problemlagen und den daraus resultierenden Belastungen umzugehen, stehen neben der Beteiligung am Jugendcoaching in den meisten Fällen auch noch andere Unterstützungsangebote wie Schulsozialarbeit und Schulpsychologie zur Verfügung. In welchem Ausmaß dies der Fall ist und wie gut die Koordination zwischen den verschiedenen Angeboten funktioniert, ist Gegenstand dieses Abschnitts.

Jugendcoaching wird bereits in mehr als drei Viertel der befragten Schulen umgesetzt, wiewohl manche davon noch am Beginn stehen und keine TeilnehmerInnen aufweisen. Interessant ist, dass 21,6% der Schulen die Beteiligung am Jugendcoaching dezidiert verneinen. Dieser Anteil ist unter mittleren und höheren Schulen mit einem Drittel besonders hoch, liegt bei Pflichtschulen aber auch immer noch bei 14%. Nennenswerte Unterschiede sind auch bei der Schulgröße festzustellen. Demnach beteiligen sich 37,5% der kleinen Schulen (das sind Schulen mit maximal 100 SchülerInnen) nicht am Jugendcoaching. Schließlich gilt es an den in Tabelle 36 dargestellten Ergebnissen noch hervorzuheben, dass das Ausmaß der Abbruchgefährdung keinen Einfluss auf das Ausmaß der Beteiligung am Jugendcoaching zu haben scheint.

Tabelle 36: Umsetzung des Jugendcoaching Q: Onlinebefragung, n=291.

   

Anzahl

Ja, mit TN

erst am Beginn

nein

Summe

 

Steiermark

112

68,8%

6,3%

25,0%

100%

Bundesland

Wien

170

70,6%

10,6%

18,8%

100%

 

Gering

126

67,5%

9,5%

23,0%

100%

Ausmaß DOGefährdung

Hoch

127

70,9%

9,4%

19,7%

100%

 

Klein

48

52,1%

10,4%

37,5%

100%

Schulgröße

mittel

180

77,2%

7,8%

15,0%

100%

 

Groß

54

61,1%

11,1%

27,8%

100%

 

Pflichtschule

191

78,0%

7,9%

14,1%

100%

Schulform

mittl./höhere Schule

86

54,7%

11,6%

33,7%

100%

gesamt

 

291

69,8%

8,6%

21,6%

100%

Neben dem Jugendcoaching wird von den Schulen eine große Bandbreite anderer Unterstützungsformen angeboten. An der Spitze stehen BeratungslehrerInnen, die in 84% der befragten Schulen zum Einsatz kommen. Auf Angebote der Schulpsychologie greifen immer noch mehr als die Hälfte der Schulen zurück. Peer Mediation und Schulsozialarbeit sind nur bei einem Drittel bzw. Viertel der Schulen anzutreffen. Unter den sonstigen Angeboten, die in einem Fünftel der Schulen zum Einsatz kommen, werden u.a. Konfliktberatung/Krisenintervention, psychologische Beratung, SchulärztInnen und TutorInnen genannt.

Tabelle 37: Zusätzliche Unterstützungsangebote für SchülerInnen Q: Onlinebefragung, n=259.

 

ja

nein

Summe

Schulsozialarbeit

28,2%

71,8%

100%

Schulpsychologie

54,1%

45,9%

100%

Beratungslehrer/in

84,2%

15,8%

100%

Peer Mediation

34,0%

66,0%

100%

sonstige Angebote

20,1%

79,9%

100%

Schulsozialarbeit wird in den Schulen zwar insgesamt weniger häufig angeboten, wenn es jedoch angeboten wird, dann in größerem Umfang als Schulpsychologie. So gibt die Hälfte der Schulen mit Sozialarbeit an, dass ihnen dieses Unterstützungsangebot mehr als 11 Stunden pro Monat zur Verfügung steht, während dies nur auf 15% der schulpsychologischen Angebote zutrifft. Tendenziell steht den größeren Schulen mehr Angebot zur Verfügung als den kleineren. In Relation steigen jedoch mittelgroße Schulen beim Ausmaß des sozialarbeiterischen Angebots am besten aus.

Tabelle 38: Ausmaß von Schulsozialarbeit und -psychologie am Standort Q: Onlinebefragung, n=71-140.

   

Schulsozialarbeit

   

Schulpsychologie

 

Schulgröße

klein

mittel

groß

klein

mittel

groß

weniger als 3 Stunden pro Monat

20%

31%

33%

57%

57%

28%

3 bis 10 Stunden pro Monat

50%

17%

17%

38%

24%

59%

11 bis 40 Stunden pro Monat

30%

39%

50%

5%

15%

13%

mehr als 40 Stunden pro Monat

0%

13%

0%

0%

4%

0%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Die Einführung des Jugendcoaching hatte nur in den wenigsten Fällen Auswirkungen auf das Ausmaß, in dem die sonstigen schulischen Angebote zur Verfügung stehen. Bei 10% der Schulen kam es zu Ausweitungen, bei 6% zu Reduzierungen des Angebots an Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie, während in 84% aller Fälle keine Veränderungen stattgefunden haben.

Tabelle 39: Auswirkungen des Jugendcoaching auf Schulpsychologie/-sozialarbeit Q: Onlinebefragung, n=117.

Ja - das Angebot wurde reduziert

6,0%

Ja - das Angebot wurde ausgebaut

10,3%

Nein

83,8%

Summe

100%

Auch die Abstimmung zwischen Jugendcoaching und den anderen Angeboten wie Schulsozialarbeit und Schulpsychologie am Schulstandort funktioniert in den allermeisten Fällen gut bis sehr gut. Nur in 15% der Fälle wird von Schwierigkeiten berichtet.

Tabelle 40: Abstimmung schulischer Angebote mit Jugendcoaching Q: Onlinebefragung, n=141

 

Anteil

sehr gut

21,2%

Gut

38,3%

weniger gut

7,2%

nicht gut

8,1%

es ist keine Abstimmung nötig

25,2%

Summe

100%

Die Form der Abstimmung bzw. Koordination zwischen den schulischen Angeboten und Jugendcoaching ist dabei ein offener und noch weiter zu definierender Prozess. So sehen fast 87% der befragten Schulen noch ungeklärte Koordinationsfragen, wobei regelmäßige Koordinationstreffen nur in den allerwenigsten Fällen als Methode genützt werden, um diese Fragen zu klären. Ein ständiger informeller Austausch erfreut sich diesbezüglich deutlich höherer Beliebtheit.

Tabelle 41: Koordination zwischen JU und schulischen Unterstützungsangeboten Q: Onlinebefragung, n=253.

 

ja

nein

Summe

kein Koordinationsbedarf

23,3%

76,7%

100%

alle Koordinierungsfragen geklärt

13,4%

86,6%

100%

ständiger informeller Austausch

48,2%

51,8%

100%

regelmäßige Koordinationstreffen

5,5%

94,5%

100%

Abgesehen von diesen z.T. externen Unterstützungsangeboten sind die Schulen im Rahmen der Qualitätsentwicklung angehalten, ein standortspezifisches Förderkonzept auszuarbeiten, um begabte wie abbruchgefährdete Jugendliche in ihren jeweiligen Lernbedürfnissen zu unterstützen.

Insgesamt geben 81,5% der befragten Schulen an, dass sie über ein derartiges Förderkonzept verfügen. Die Unterschiede nach Bundesland und Ausmaß der Abbruchgefährdung, ob ein derartiges Konzept entwickelt wurde oder nicht, sind entsprechend der in Tabelle 42 dargestellten Ergebnisse vernachlässigbar. Deutliche Unterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich der Schulgröße und Schulform. Während ca. 90% der kleinen Schulen sowie der "Pflichtschulen" über ein derartiges Konzept verfügen, trifft das nur auf rund 60% der großen sowie "mittleren bzw. höheren Schulen" zu.

Tabelle 42: Entwicklung standortbezogener Förderkonzepte Q: Onlinebefragung, n=260.

   

ja

nein

Weiß nicht

Summe

Bundesland

Steiermark

80,2%

14,9%

5,0%

100%

 

Wien

83,3%

12,8%

3,8%

100%

Ausmaß DO-Gefährdung

Gering

83,3%

10,0%

6,7%

100%

 

Hoch

80,3%

15,7%

3,9%

100%

 

Klein

88,6%

9,1%

2,3%

100%

Schulgröße

mittel

85,4%

11,6%

3,0%

100%

 

Groß

64,0%

24,0%

12,0%

100%

Schulform

Pflichtschule

91,9%

7,0%

1,2%

100%

 

mittl./höhere Schule

60,5%

27,2%

12,3%

100%

gesamt

 

81,5%

13,5%

5,0%

100%

Bei den Elementen, die im Rahmen der standortbezogenen Förderkonzepte vorgesehen sind, halten einander Sprachförderungen von MigrantInnen, Förderunterricht bei Leistungsdefiziten und Förderungen besonderer Begabungen die Waage. Jeweils ca. zwei Drittel aller befragten Schulen geben diese als Konzeptbestandteile an. Bei der Förderung von Lernkompetenzen steigt dieser Anteil gar auf drei Viertel.

Tabelle 43: Elemente des standortbezogenen Förderkonzeptes Q: Onlinebefragung, n=207.

 

für alle Jahrgänge

für best. Jahrgänge

Nicht vorgesehen

Summe

Förderunterricht in allen Fächern bei Leistungsdefiziten

42,0%

7,7%

50,2%

100%

Förderunterricht in ausgewählten Fächern bei Leistungsdefiziten

48,8%

13,5%

37,7%

100%

Förderung von SchülerInnen nicht deutscher Muttersprache

58,5%

13,0%

28,5%

100%

Förderung besonderer Begabungen und Interessen

52,7%

15,9%

31,4%

100%

Erwerb von Lernkompetenz/ Selbstorganisation

53,6%

21,7%

24,6%

100%

sonstige Maßnahmen

8,2%

4,8%

87,0%

100%

Wie bereits bei den sonstigen Unterstützungsangeboten (z.B. Schulsozialarbeit/- psychologie) gelingt auch beim standortbezogenen Förderkonzept die Abstimmung mit dem Jugendcoaching in den meisten Fällen gut bis sehr gut. Explizite Abstimmungsprobleme werden nur von 15% aller Schulen gesehen.

Tabelle 44: Abstimmung des standortbezogenen Förderkonzepts mit Jugendcoaching Q: Onlinebefragung, n= 222.

 

Anteil

sehr gut

30,5%

Gut

30,5%

weniger gut

9,2%

nicht gut

5,7%

es ist keine Abstimmung nötig

24,1%

Summe

100%

Insgesamt, so das Ergebnis der Befragung, ist an den Schulen durchaus Potential vorhanden, die Zielgruppe des Jugendcoaching mit eigenen Maßnahmen zu unterstützen und damit dem Schulabbruch entgegenzuwirken, wenngleich am Angebotsausmaß noch zu arbeiten ist. Auch die Koordination der jeweiligen Anstrengungen scheint in den meisten Fällen gut zu funktionieren.

Zudem ist sich das BMUKK nach eigenen Angaben dessen bewusst, dass das Thema Schulabbruch auch eine Frage der Schulqualität ist, weshalb das BMUKK über Reformmaßnahmen versucht, die Qualität des Schulsystems insgesamt und besonders die Qualität der Schulstandorte, z.B. über die Initiative SQA (Schulqualität in der Allgemeinbildung) und QIBB (Qualitätsinitiative BerufsBildung) zu erhöhen.

5.2.4 Zugang zum Jugendcoaching

An den Schulen sollen laut Jugendcoaching-Konzept ausgrenzungsgefährdete Jugendliche von den KlassenlehrerInnen per standardisiertem Fragebogen identifiziert und über Klassen- und Schullisten an das Jugendcoaching gemeldet werden. Die Fallstudien zeigten auf, dass dieses Frühmeldesystem bisher in sehr unterschiedlichem Grad und in recht verschiedener Art und Weise umgesetzt wird (siehe Kapitel 3.1.1). Zu beachten ist hierbei, dass der in der Umsetzung bereits gelebte offene Zugang von SchülerInnen ins Jugendcoaching mittlerweile auch konzeptionell verankert ist, dass dies zum Zeitpunkt der Schulbefragung allerdings noch nicht so war.

Die Online-Befragung wurde dazu genützt, herauszufinden, welcher Anteil von Schulen die Formulare wie geplant einsetzt. Demnach verwendet die Hälfte der Schulen die Identifizierungsbögen, etwas weniger als die Hälfte die Klassenlisten und ein knappes Viertel die Schullisten. 23% setzen keine dieser drei Formulare ein, 14% verwenden alle drei Formulare. Dabei zeigen sich bundesländerspezifische Unterschiede: In Wien werden die Formulare erheblich öfter eingesetzt. Zugleich werden die Identifizierungsbögen an Schulen mit hoher Drop-out-Gefährdung deutlich häufiger eingesetzt, an kleinen Schulen hingegen weniger als halb so oft wie in mittleren und größeren Schulen.

Tabelle 45: Einsatz der vorgesehenen Formulare für das Frühmeldesystem Q: Onlinebefragung, n=201.

 

Anteil

Anzahl

Identifizierungsbögen

Klassenlisten

Schullisten

alle 3 Formulare

Nichts davon

Bundesland

Steiermark

78

35,9%

34,6%

21,8%

9,0%

35,9%

 

Wien

118

61,0%

57,6%

25,4%

17,8%

15,3%

Ausmaß DO- Gefährdung

gering

86

40,7%

47,7%

26,7%

17,4%

31,4%

 

Hoch

92

62,0%

48,9%

23,9%

13,0%

16,3%

 

Klein

26

23,1%

26,9%

26,9%

3,8%

38,5%

Schulgröße

mittel

137

55,5%

56,2%

24,1%

17,5%

18,2%

 

Groß

34

52,9%

35,3%

20,6%

8,8%

32,4%

Schulform

Pflichtschule

147

51,7%

51,7%

25,9%

16,3%

21,8%

 

mittl./höh. Schule

48

50,0%

43,8%

18,8%

8,3%

27,1%

 

gesamt

201

50,2%

48,3%

23,4%

13,9%

22,9%

Im nächsten Schritt wird nun der Frage nachgegangen, warum die vorgesehenen Formulare nicht eingesetzt werden. Dies führt zu der überraschenden Erkenntnis, dass ein Drittel der Nicht-VerwenderInnen der Identifizierungsbögen diese gar nicht kennt (siehe Tabelle 46). Doch der Hauptgrund (43%) für die Nicht-Verwendung der Identifizierungsbögen liegt in der Anwendung alternativer Zuweisungssysteme. Immerhin plant ein gutes Fünftel der bisherigen Nicht-VerwenderInnen, die Identifizierungsbögen in Zukunft einzusetzen. In den Fallstudien wurden die Identifizierungsbögen als stigmatisierend kritisiert. Diese Missbilligung der Formulare scheint jedoch nur selten in eine Verweigerung, sie einzusetzen, zu münden, da nur gut 3% die inhaltliche Gestaltung des Formulars als Grund für dessen Nicht-Verwendung angeben.

Mehr als die Hälfte jener Schulen, die die Klassenlisten nicht verwenden, tut dies deswegen nicht, weil sie diesbezüglich ein alternatives Zuweisungssystem einsetzt. Rund ein Viertel der Befragten, welche die Klassenlisten nicht verwenden, kennt die Klassenliste ohnehin nicht, ein Zehntel will die Klassenlisten in Zukunft einsetzen.

Die Verwendung der Schullisten hat sich, wie erwähnt, noch nicht breit durchgesetzt. 42% der Schulen, welche die Schullisten nicht einsetzen, verwenden stattdessen alternative Zuweisungsmodi, 21% geben an, die Schulliste nicht zu kennen, für 7% ist der administrative Aufwand zu hoch,[10] 9% planen den zukünftigen Einsatz der Schullisten.

Tabelle 46: Gründe für die Nicht-Verwendung der vorgesehenen Formulare Q: Onlinebefragung, n=91;

   

Anteil unter jenen, die den/die

 
 

Identifizierungsbogen

Klassenliste

Schulliste

   

nicht verwenden

 

Formular unbekannt

33%

24%

21%

anderes System zur Zuweisung der SchülerInnen an das Jugendcoaching

43%

56%

42%

Wir lehnen die Identifizierungsbögen aus inhaltlichen Gründen ab.

3%

-

-

Der administrative Aufwand ist zu hoch.

7%

8%

7%

Formular wird derzeit noch nicht eingesetzt, ist aber für die Zukunft geplant

21%

10%

9%

andere Gründe

9%

11%

13%

keine Gründe angegeben

11%

11%

22%

n

91

96

152

Anmerkung: Da mehrere Gründe für die Nicht-Verwendung der jeweiligen Formulare angegeben werden konnten, ergibt die Summe der Ablehnungsgründe jeweils mehr als 100%.

Die ‚anderen Gründe', warum Formulare nicht eingesetzt werden, sind recht unterschiedlich, zwei Begründungen wiederholen sich jedoch: Zum einen werden Klassen- oder Schullisten nicht eingesetzt, weil die niedrige Zahl der betroffenen Jugendlichen den Aufwand eigener Sammellisten nicht rechtfertigt, zum anderen werden die SchülerInnen informell über persönliche Gespräche mit den Jugendcoaches an sie vermittelt.

An mehr als der Hälfte der befragten Schulen (siehe Tabelle 47) gibt es ergänzend oder anstatt der Identifizierung über die Fragebögen ein anderes System zur Zuweisung von SchülerInnen an das Jugendcoaching. Die Analyse der Texteingaben zur Beschreibung dieser alternativen Systeme zeigt, dass rund zwei Drittel der Schulen mit alternativem Zugangssystem angeben, die SchülerInnen auf Basis von informellen Gesprächen den Jugendcoaches zuzuweisen. Häufig werden dabei nicht nur die Klassenvorstände aktiv, sondern auch BeratungslehrerInnen, sonstige LehrerInnen oder die Direktion. Auf diese Weise werden zusätzlich SchülerInnen vermittelt, die als gefährdet angesehen werden, auch wenn sie nicht den Kriterien des Frühmeldesystems entsprechen. Manche Schulen fordern die Jugendlichen auf, sich bei Unterstützungsbedarf selbst an die Jugendcoaches zu wenden. In einigen wenigen Schulen erfolgt eine automatisierte Zuweisung der SchülerInnen nach anderen Kriterien (z.B. SPF oder 3. Leistungsgruppe in den Hauptgegenständen).

Tabelle 47: Alternativer Zugang Q: Onlinebefragung, n=175.

Ja

54,3%

Nein

45,7%

Summe

100%

In der Online-Erhebung wurde auch explizit nach der Möglichkeit eines offenen Zugangs gefragt, d.h. ob sich SchülerInnen eigeninitiativ, also ohne Zuweisung, an eineN Jugendcoach wenden dürfen. Diese Frage wurde von einer großen Mehrheit von 84% bejaht.

Den Themenbereich Zugang zum Jugendcoaching abschließend wird nun untersucht, wie die Befragten das an ihrer Schule praktizierte Zugangssystem bewerten. Demnach funktioniert für knapp 90% der Befragten das System an ihrer Schule sehr gut oder gut (vgl. Tabelle 48). Bezüglich Schulstandort, Schulgröße und Schulform sind keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Bewertung des Zugangssystems zu finden. Schulen, welche die Formulare des Frühmeldesystems nicht verwenden, sind zu einem signifikant größeren Anteil sehr zufrieden mit dem an ihrer Schule praktizierten Zugangssystem, als Schulen, die das vorgegebene System verwenden. Dasselbe gilt für Schulen, die (ergänzend oder ersetzend) einen alternativen Zugang zum Jugendcoaching anbieten (wobei diese beiden Aspekte miteinander korrelieren).

Tabelle 48: Bewertung des Zugangssystems Q: Onlinebefragung, n<= 182.

   

sehr gut

Gut

Weniger gut

nicht gut

Summe

Bundesland

Steiermark

68,2%

19,7%

10,6%

1,5%

100%

 

Wien

55,8%

34,6%

9,6%

0,0%

100%

Ausmaß DO-Gefährdung

Niedrig

67,9%

20,5%

10,3%

1,3%

100%

 

Hoch

53,4%

36,4%

10,2%

0,0%

100%

 

Klein

71,4%

23,8%

4,8%

0,0%

100%

Schulgröße

Mittel

61,7%

27,5%

10,0%

0,8%

100%

 

Groß

48,3%

37,9%

13,8%

0,0%

100%

 

Pflichtschule

63,8%

25,4%

10,0%

0,8%

100%

Schulform

mittl./höh. Schule

50,0%

40,0%

10,0%

0,0%

100%

Verwendung von mindestens einem Formular des FMS

ja

57,6%

33,3%

8,3%

0,8%

100%

 

nein

71,8%

12,8%

15,4%

0,0%

100%

alternativer Zugang vorhanden?

Ja

75,0%

18,5%

6,5%

0,0%

100%

 

nein

44,2%

40,3%

14,3%

1,3%

100%

offener Zugang

Ja

62,1%

28,6%

8,6%

0,7%

100%

 

Nein

55,6%

25,9%

18,5%

0,0%

100%

 

Gesamt

60,8%

28,7%

9,9%

0,6%

100%

5.2.5 Bewertung des Jugendcoaching durch Schulen

Die Bewertung des Jugendcoaching durch Schulen wird hier differenziert nach Informationsprozess, Zugang, Umsetzung sowie der Wirkung vorgenommen, bevor eine Gesamtbeurteilung erfolgt.

Bei der Bewertung des Informationsprozesses über das Konzept des Jugendcoaching und die Rolle der Schulen darin fällt in Tabelle 49 zunächst eine Unterscheidung zwischen Schulen, die Jugendcoaching umsetzen und jenen, die dies noch nicht tun, auf. Schulen ohne Umsetzung zeigen sich deutlich kritischer als Schulen mit Umsetzung. So fühlt sich eine deutliche Mehrheit der JU-inaktiven Schulen von den Coaches schlecht über ihre Rolle und das Konzept informiert, was ein Hinweis darauf sein dürfte, dass noch kein nennenswerter Kontakt zwischen den betreffenden Schulen und deren zuständigen Coaches stattgefunden haben dürfte. Ein Indiz für diese These kann aus dem Umstand gewonnen werden, dass die entsprechenden Anteile bei den Schulen mit JU-Umsetzung bei nur 10%-15% liegen.

Tabelle 49: Bewertung des Informationsprozesses Q: Onlinebefragung, n=66 -167.

   

JU in Umsetzung

JU noch nicht in Umsetzung*

 

stimme voll zu

38,9%

25,0%

von Schulbehörden gut über JU-Konzept informiert

stimme eher zu

38,3%

38,2%

 

stimme eher nicht zu

16,2%

27,9%

 

stimme nicht zu

6,6%

8,8%

 

stimme voll zu

25,7%

16,7%

von Schulbehörden gut über unsere Rolle im JU informiert

stimme eher zu

38,9%

30,3%

 

stimme eher nicht zu

23,4%

34,8%

 

stimme nicht zu

12,0%

18,2%

 

stimme voll zu

65,9%

15,9%

von Coaches gut über JU-Konzept informiert

stimme eher zu

23,4%

15,9%

 

stimme eher nicht zu

7,8%

31,7%

 

stimme nicht zu

3,0%

36,5%

 

stimme voll zu

49,7%

6,5%

von Coaches gut über unsere Rolle im JU informiert

stimme eher zu

34,1%

21,0%

 

stimme eher nicht zu

11,4%

37,1%

 

stimme nicht zu

4,8%

35,5%

 

stimme voll zu

77,8%

34,8%

Sinn und Zweck des JU klar und nachvollziehbar

stimme eher zu

18,0%

51,5%

 

stimme eher nicht zu

3,6%

13,6%

 

stimme nicht zu

0,6%

13,6%

*Diese Gruppe umfasst sowohl jene, die erst am Beginn stehen, also bereits informiert sind und von den Coaches kontaktiert wurden, aber noch keine TeilnehmerInnen vorzuweisen haben, als auch jene, die überhaupt noch keine Umsetzungsaktivitäten gesetzt haben.

Die JU-aktiven Schulen sind demgegenüber der Informationsleistung der Schulbehörden gegenüber relativ kritisch - jedenfalls jedoch kritischer als jener der Coaches gegenüber - eingestellt. Kritik besteht v.a. hinsichtlich der Information über die eigene Rolle im Rahmen des Jugendcoaching. Diese bringt ein Drittel der JU-aktiven und mehr als die Hälfte der JU-inaktiven Schulen vor.

Was die Einschätzung des Zugangs zum Jugendcoaching betrifft, zeigt sich in Tabelle 50 weitgehende Zufriedenheit der teilnehmenden Schulen. So sind jeweils ca. drei Viertel der befragten Schulen davon überzeugt, dass die Zielgruppe ausreichend breit definiert ist, das Meldesystem dazu beiträgt, die tatsächliche Zielgruppe zu erreichen und das Einholen der Elternunterschriften leicht möglich ist. Diese Auffassung hinsichtlich der Elternunterschriften steht damit in gewisser Opposition zu den Ergebnissen der Fallstudien, wonach die (zum Erhebungszeitpunkt) in allen Fällen notwendige Elternunterschrift eine relevante Teilnahmebarriere dargestellt hat.

Tabelle 50: Einschätzung des Zugangs zum Jugendcoaching durch Schulen Q: Onlinebefragung, n = 62-133.

   

JU in

Umsetzung

JU noch nicht in

Umsetzung

 

stimme voll zu

48,7%

k.A.

Die JU-Zielgruppe ist ausreichend breit formuliert.

stimme eher zu

37,8%

k.A.

 

stimme eher nicht

9,0%

k.A.

 

stimme nicht zu

4,5%

k.A.

 

stimme voll zu

36,1%

k.A.

Das JU-Meldesystem hilft die tatsächliche Zielgruppe zu erreichen

stimme eher zu

39,8%

k.A.

 

stimme eher nicht

17,3%

k.A.

 

stimme nicht zu

6,8%

k.A.

 

stimme voll zu

29,4%

29,0%

Das Einholen der Elternunterschriften ist leicht möglich.

stimme eher zu

43,1%

62,9%

 

stimme eher nicht

16,3%

8,1%

 

stimme nicht zu

11,3%

0,0%

Obwohl bereits die Einschätzung des Zugangs zum Jugendcoaching durchaus positiv war, ist es jene der Umsetzung sogar noch mehr. Bis zu 95% der befragten Schulen stehen den einzelnen Aspekten der Umsetzung sehr oder zumindest eher positiv gegenüber. Demnach agieren die Coaches aus Sicht der Schulen höchst professionell, arbeiten die Coaches zuverlässig und gab es bisher keine Probleme mit (dem Wechsel von) BetreuerInnen. Auch der eigene Beitrag wird als durchaus machbar und kaum als Belastung empfunden. Einzig, was das Ausmaß der Zeit betrifft, die die Coaches an der Schule verbringen, bringt ein Viertel der Befragten Defizite zum Ausdruck.

Tabelle 51: Einschätzung der Umsetzung des Jugendcoaching durch Schulen Q: Onlinebefragung, n>=151.

 

Stimme voll zu

Stimme eher zu

stimme eh. nicht zu

Stimme nicht zu

Summe

Der mit JU verbundene Aufwand für Schulen ist okay.

62,7%

30,7%

5,4%

1,2%

100%

Die Jugendcoaches agieren höchst professionell.

70,2%

20,5%

6,8%

2,5%

100%

Die Jugendcoaches arbeiten zuverlässig.

75,6%

18,9%

4,3%

1,2%

100%

Die Jugendcoaches sind ausreichend lang an der Schule.

40,6%

32,3%

18,7%

8,4%

100%

Bisher gab es keine Probleme durch Coach-Wechsel.

70,2%

21,2%

2,6%

6,0%

100%

Tabelle 52: Wirkung und Bewertung des Jugendcoaching Q: Onlinebefragung, n=62-154.

   

JU in Umsetzung

JU noch nicht in Umsetzung

 

stimme voll zu

58,9%

23,4%

Der Nutzen des JU ist klar erkennbar

stimme eher zu

31,6%

54,7%

 

stimme eher nicht zu

7,0%

12,5%

 

stimme nicht zu

2,5%

9,4%

 

stimme voll zu

51,9%

k.A.

Wirkung bei betreuten Jugendlichen schon erkennbar

stimme eher zu

37,8%

k.A.

 

stimme eher nicht zu

7,1%

k.A.

 

stimme nicht zu

3,2%

k.A.

 

stimme voll zu

61,0%

17,7%

JU trägt dazu bei, mangelnde Elternunterstützung zu kompensieren

stimme eher zu

30,2%

41,9%

 

stimme eher nicht zu

6,3%

33,9%

 

stimme nicht zu

2,5%

6,5%

 

stimme voll zu

43,5%

16,1%

JU kann einen großen Beitrag zur DO-Prävention leisten

stimme eher zu

43,5%

58,1%

 

stimme eher nicht zu

10,4%

21,0%

 

stimme nicht zu

2,6%

4,8%

 

stimme voll zu

70,5%

37,5%

Es war höchste Zeit JU einzuführen

stimme eher zu

23,7%

45,3%

 

stimme eher nicht zu

3,8%

12,5%

 

stimme nicht zu

1,9%

4,7%

Diese äußerst positive Grundstimmung setzt sich bei der Beurteilung der Wirkung des Jugendcoachings fort. Es sind jeweils wieder 90% der befragten Schulen, für die der Nutzen des Jugendcoachings klar erkennbar ist, die Wirkungen bei den betreuten Jugendlichen erkennen, die im Jugendcoaching eine Kompensation mangelnder Elternunterstützung erblicken, die Jugendcoaching als großen Beitrag zur Prävention von Drop-out empfinden und schließlich das Urteil abgeben, dass es höchste Zeit gewesen ist, eine Maßnahme wie das Jugendcoaching einzuführen. Schulen, die die Maßnahme noch nicht umsetzen, sind etwas kritischer, doch dies bedeutet lediglich, dass die Zustimmungsraten zur positiven Wirkung von Jugendcoaching anstelle von 90% bei rund 70% liegen.

Passend für den Schulbereich ist es, das Jugendcoaching durch die Befragten mit Noten beurteilen zu lassen. Den Angaben in Tabelle 53 entsprechend beurteilt mehr als die Hälfte der SchulvertreterInnen das Jugendcoaching als sehr gut und rund ein weiteres Viertel als gut. Die schlechten Beurteilungen bleiben - ganz egal welche Unterscheidung (Bundesländer, Schulform, Ausmaß der Abbruchgefährdung) dafür herangezogen wird - unter 10%. Der einzig nennenswerte Unterschied hinsichtlich der Beurteilung des Jugendcoaching zeigt sich in Tabelle 53 abhängig von der Schulgröße, der zufolge größere Schulen etwas (jedoch nicht signifikant) kritischer sind.

Tabelle 53: Bewertung des Jugendcoaching nach Schulnoten Q: Onlinebefragung, n=163.

   

1

2

3

4

6

Sum.

Bundesland

Steiermark

55,9%

22,0%

13,6%

6,8%

1,7%

100%

 

Wien

54,4%

30,1%

9,7%

3,9%

1,9%

100%

Ausmaß DO-Gefährdung

gering

59,5%

21,6%

10,8%

5,4%

2,7%

100%

 

hoch

51,7%

31,5%

11,2%

4,5%

1,1%

100%

 

Klein

65,0%

25,0%

5,0%

5,0%

0,0%

100%

Schulgröße

mittel

52,6%

28,9%

11,4%

4,4%

2,6%

100%

 

Groß

57,1%

21,4%

14,3%

7,1%

0,0%

100%

Schulform

Pflichtschule

56,2%

25,6%

10,7%

5,0%

2,5%

100%

 

mittl./höhere Schule

53,7%

29,3%

12,2%

4,9%

0,0%

100%

gesamt

 

55,2%

27,0%

11,0%

4,9%

1,8%

100%

Bei der am Schluss des Fragebogens offen formulierten Frage, was man (bei der Einführung des Jugendcoaching in den anderen Bundesländern) besser machen könnte, werden v.a. die Information der Schulen, der Wechsel bzw. die Einführung während des Schuljahres sowie die Einverständniserklärung der Eltern genannt. So geben viele Schulen an, dass sie unzureichend über die Maßnahme informiert wurden und darunter auch die Definition der Rollen, sowie die Abstimmung verschiedener Angebote leidet. Die Implementation des Jugendcoaching während des Schuljahres wird als suboptimal empfunden, weil zu dem Zeitpunkt viele Entscheidungen über weitere Wege sowie Betreuungs- und Unterstützungspläne bereits gefallen sind. Schließlich wird das bereits bekannte Problem der Elternunterschriften auch in diesem Kontext von einigen SchulvertreterInnen erwähnt.

Ganz allgemein zur Maßnahme wird in vielen Fällen der Wunsch nach mehr Ressourcen für das Jugendcoaching, womit es auch möglich wäre, mehr Stunden an den Schulen zu verbringen, zum Ausdruck gebracht. Darin spiegelt sich die auch in Tabelle 51 ersichtliche vergleichsweise niedrige Bewertung der entsprechenden Frage wider, wiewohl dabei darauf zur verweisen ist, dass die Mehrheit mit dem JU-Ausmaß am Schulstandort durchaus zufrieden ist.

5.3 Zusammenfassung

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Jugendcoaching und Schulen ist eine wesentliche Grundlage für das Gelingen des Jugendcoaching. Für den Kooperationsaufbau mit neuen Schulen, der als sehr arbeitsintensiv wahrgenommen wird, werden von den Trägern Informationsveranstaltungen und Workshops durchgeführt. Die Einbindung und intensive Zusammenarbeit mit der an den Schulen für Jugendcoaching zuständigen Person und damit deren Rolle an sich ist dabei von essentieller Bedeutung. Bei Schulen, die schon in der Phase von Vorgängerprojekten des Jugendcoaching betreut wurden, funktioniert die Zusammenarbeit gut und es besteht Offenheit gegenüber dem neuen Programm. Als Grund dafür wird eine bereits etablierte Vertrauensbasis gesehen.

Der Aufbau von Vertrauen und die Vermittlung von Professionalität durch die Jugendcoaches werden in den Fallstudien als zentrale Faktoren für eine gelingende Zusammenarbeit mit den Schulen herausgestrichen. Zudem ist es wesentlich, dass die Jugendcoaches zuverlässig agieren und die positiven Wirkungen des Jugendcoaching sichtbar machen. Im Rahmen der Onlinebefragung zeigen sich in all diesen zentralen Bereichen sehr hohe positive Werte. Jeweils über 90% der befragten Schulen beurteilen das Agieren der Coaches als höchst professionell, ihre Arbeit als zuverlässig, erkennen einen klaren Nutzen des Jugendcoaching und nehmen Wirkungen bei den betreuten Jugendlichen wahr.

Mangelnde Transparenz hat hingegen negative Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Jugendcoaching. Wenn Prozesse, wie die Verwendung des Frühmeldesystems, für die LehrerInnen wenig nachvollziehbar sind, werden diese als nicht verständlicher Arbeitsaufwand bewertet und führen teilweise zu Unmut. So werden z.B. die Identifizierungsbögen nur von ca. 50%, die Klassenlisten von ca. 48% und die Schullisten von ca. 23% der befragten Schulen eingesetzt. Es zeigen sich große bundeslandspezifische Unterschiede, in Wien werden Identifizierungsbögen und Klassenlisten deutlich häufiger benutzt als in der Steiermark.

Die Gründe für die Nicht-Verwendung der Identifizierungsbögen liegen bei 43% der Schulen am Einsatz von alternativen Zuweisungssystemen und 33% der Schulen ist das Formular gar nicht bekannt. Als weiterer Grund wird die geringe Anzahl von betroffenen Jugendlichen, für die sich der Aufwand eines formalisierten Systems aus Sicht der Schule nicht auszahlt, genannt.

Das alternative Zugangssystem baut dann meist auf der Vermittlung von Jugendlichen auf Basis informeller Gespräche zwischen Jugendcoach und verschiedenen SchulakteurInnen (BeratungslehrerIn, KlassenvorständIn, Direktion, sonstige LehrerInnen) auf. Bei 84% der Schulen besteht zusätzlich die Möglichkeit für SchülerInnen, sich eigeninitiativ an die Jugendcoaches zu wenden. Die Schulen selbst sehen kaum Handlungsbedarf beim Zugangssystem, denn 90% sind mit dem von ihnen praktizierten System zufrieden.

Ein kritischer Punkt, der unter dem Stichwort mangelnde Transparenz und deren Auswirkungen zusammengefasst werden kann und derart die Kooperationsbereitschaft negativ beeinflussen, bezieht sich auf eine unzureichende Informationsweitergabe über die Maßnahme an sich und die Rolle der Schulen. Ein Drittel der Schulen mit Jugendcoaching und die Hälfte der Schulen ohne Jugendcoaching fühlt sich von den Schulbehörden noch nicht ausreichend über ihre Rolle informiert. Des Weiteren wird die Implementierung des Jugendcoaching während des Schuljahres als suboptimal empfunden.

Die Schulen bieten neben dem vom Bundessozialamt angebotenen Jugendcoaching eine große Bandbreite anderer Unterstützungsformen an. BeratungslehrerInnen sind in 85%, ein standortspezifisches Förderkonzept in 82%, Schulpsychologie in ca. 54%, Peer Mediation in 34% und Schulsozialarbeit in ca. 28% der befragten Schulen vorhanden. Dieser Bandbreite entgegengesetzt ist das Ausmaß diese Unterstützungen zuweilen bescheiden. So stehen die SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen zumeist nur im geringen Stundenausmaß zur Verfügung. Die Einführung des Jugendcoaching hat kaum Auswirkungen auf das Ausmaß der sonstigen Unterstützungsangebote an den Schulen. Bei 10% der befragten Schulen gab es eine Ausweitung des Angebotes, bei 6% eine Reduzierung und bei der überwiegenden Mehrheit keine Veränderungen.

Die Abstimmung bzw. Koordination zwischen Jugendcoaching und den schulischen Angeboten funktioniert in der Regel gut, nur 15% der befragten Schulen berichten von Schwierigkeiten. Die Koordination erfolgt bei rund 48% über einen informellen Austausch und nur in 5,5% der Schulen werden regelmäßige Koordinationstreffen durchgeführt. Es ist also noch kein hoher Institutionalisierungsgrad der Koordination erreicht und bei fast 87% der befragten Schulen bestehen noch ungeklärte Koordinationsfragen.



[10] Diese 7% stellen wahrscheinlich eine Unterschätzung des tatsächlichen Anteils an Schulen, welche die Formulare verweigern, dar, da anzunehmen ist, dass sich diese Schulen auch zu einem geringeren Ausmaß an der Onlinebefragung beteiligten.

6 Wirkung des Jugendcoaching

Die Evaluierung des Jugendcoaching erfolgt begleitend zum Aufbau der Maßnahme, weshalb es nicht seriös möglich ist, tatsächliche Wirkungen im Sinne der allgemeinen Systemintegration oder der spezifischen Entwicklung von Bildungs- und Berufslaufbahnen nachzuzeichnen. Dies sollte zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, wenn sich die Maßnahme im Vollausbau befindet und auf zumindest einige wenige Jahre an Umsetzung zurückgegriffen werden kann.

Zum jetzigen Zeitpunkt möglich ist es jedoch, Einschätzungen möglicher Wirkungen auf qualitativer Basis vorzunehmen sowie - neben einer Analyse von Abschluss- und Abbruchquoten - Einschätzungen von beobachteten Wirkungen durch die AkteurInnen auf quantitativer Basis zu analysieren. Dementsprechend baut die folgende Darstellung der Wirkung des Jugendcoachings auch auf zwei unterschiedlichen Datenbasen auf: Einmal auf die im Rahmen der Fallstudien geführten Interviews und zum anderen auf eine Analyse der Variablen innerhalb des Monitoringsystems, die darauf abzielen, das Ausmaß der erlangten Orientierung sowie Veränderungen in persönlichen Problembereichen sichtbar zu machen.

6.1 Erzielbare Wirkungserfolge aus qualitativer Perspektive

In diesem Abschnitt wird auf Basis einer qualitativen Datengrundlage der Frage nachgegangen, welche Wirkungen durch das Jugendcoaching erzielt werden bzw. werden können. Dazu sind drei Vorbemerkungen wichtig:

Die Interviews mit den beteiligten Projektumsetzenden, SystempartnerInnen sowie Jugendlichen und ihren Eltern wurden schwerpunktmäßig im März 2012 durchgeführt, zu einem Zeitpunkt also, wo Jugendcoaching erst am Beginn seiner Umsetzung stand. Bei der Thematisierung von Wirkungen, die mit dem Programm erreicht werden können, flossen daher auch Erfahrungen aus den Vorgängerprojekten ein.

Daneben kann zwischen Intervention und den Folgen dieser Intervention nicht immer fein säuberlich unterschieden werden. Wenn z.B. die Stärkung des Selbstbewusstseins Jugendlicher thematisiert wird, indem diesen ihre eigenen Kompetenzen aufgezeigt werden, kann dies sowohl als "Wirkung" verstanden werden als auch als zentraler Aspekt der Umsetzung. In den folgenden Ausführungen zu erzielbaren Wirkungserfolgen fließen daher sowohl Fragen danach, was sich verändert hat, ein als auch Fragen danach, wie dies erreicht wurde.

Im Folgenden wird schließlich zwischen Wirkungserfolgen auf Mikro- und solchen auf einer Makro-Ebene unterschieden. Wie in den theoretischen Überlegungen ausgeführt, umfasst Case Management die Steuerung des Einzelfalles wie auch die Steuerung von Systemen. Auf Mikroebene geht es darum, was im jeweiligen Jugendcoaching-"Fall" erreicht wird oder werden kann. Auf der Makroebene geht es um Aspekte, die (andere) Systeme betreffen.

6.1.1 Erzielbare Wirkungserfolge auf Mikroebene

Eine wesentliche Wirkung des Jugendcoachings auf Mikroebene wird in der Integration Jugendlicher in unterschiedliche Systeme gesehen. Diese Wirkung, die an zentraler Stelle im Konzept verankert ist, wird in der Umsetzung auch so wahrgenommen, und zwar von den unterschiedlichen Beteiligten (Coaches, Eltern, Jugendliche, LehrerInnen, KooperationspartnerInnen). Systemintegration kann dabei Unterschiedliches meinen: Verbleib im Schulsystem, Eintritt in eine - geförderte oder nicht geförderte - Lehrausbildung, Eintritt in den Arbeitsmarkt oder Eintritt in eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme. Eine Integration oder Reintegration in Bildung oder Arbeitsmarkt hat weitere Folgen für die Jugendlichen: Sie fühlen sich entlastet, haben einen strukturierten Tagesablauf oder das tägliche Herumsitzen zuhause, im Park oder Einkaufszentrum hat ein Ende. Aus Sicht der Beteiligten, die diese systemintegrativen Wirkungen schildern, wären diese ohne das Jugendcoaching nicht eingetreten.[11]

Auf Basis der Fallstudien kann gezeigt werden, wie eine solche Integration erreicht oder erreichbar wird. Damit sind weitere Wirkungen des Jugendcoachings angesprochen, die jedoch, wie eingangs angemerkt, auch als Aspekte der Umsetzung verstanden werden können.

Im Rahmen des Coachings werden gemeinsam mit den Jugendlichen Lösungen erarbeitet und Perspektiven eröffnet. Dies gelingt, indem den Jugendlichen zum einen neue Möglichkeiten überhaupt aufgezeigt und Perspektiven gemeinsam besprochen werden, zum anderen, indem sie solche im Rahmen von Praktika selbst ausprobieren können. Dies wird als wichtige Möglichkeit, die eigenen Erwartungen und Möglichkeiten mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen, gesehen. Über Gespräche und Praktika können vormals fehlende oder eingeschränkte Berufsvorstellungen erweitert oder die eigene Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft überwunden werden. Dabei wird betont, dass gemeinsam Lösungen erarbeitet werden können, die Jugendlichen allerdings selbst den Weg dorthin gehen müssen - wenn sie dazu nicht bereit seien, könne die Intervention nichts bewirken. Die Eröffnung von Zukunftsperspektiven findet sich auch in den Erfahrungen von Jugendlichen und Eltern. So ist davon die Rede, dass sich durch das Jugendcoaching neue Möglichkeiten eröffnet hätten; eigene Zukunftsvorstellungen und realisierbare Möglichkeiten konnten in Übereinstimmung gebracht werden; oder es konnte eine Option gefunden werden, die besser passt. Diese neuen Möglichkeiten wurden zum Zeitpunkt der Interviews unterschiedlich weit umgesetzt. Zum Teil wurden Ziele bereits erreicht, zum Teil wussten Jugendliche über die nächsten Schritte schon Bescheid, hatten einen Plan sowie einen alternativen Plan B ausgearbeitet oder waren im Gegensatz dazu noch immer unschlüssig bezüglich der eigenen Zukunft.

Mit den neuen Erfahrungen kann eine veränderte Selbstsicht verbunden sein, wie einige Jugendliche in den Interviews ausführen. So wird davon berichtet, die Angst, keinen Job zu finden, verloren, oder sich bei Bewerbungsprozessen als selbstwirksam erfahren zu haben. Diese veränderte Selbstsicht ist nicht zwingend abhängig davon, ob tatsächlich schon eine Lehr- oder Arbeitsstelle gefunden wurde.

Inwiefern durch das Jugendcoaching auch Probleme gelöst werden können, beurteilen die Projektumsetzenden unterschiedlich. Einerseits gehen die Erfahrungen in die Richtung, dass bereits verschiedene Probleme gelöst werden konnten, z.B. im familiären Bereich, was in Folge auch zu einer Verbesserung der schulischen Leistungen führte. Andererseits werden die Grenzen des Möglichen betont: Jugendcoaching könne Probleme nicht lösen (z.B. psychische Probleme), dieser Anspruch sei unrealistisch[12]. Auch könne die Intervention keine Verbesserung schulischer Leistungen bewirken, was aber auch kein Auftrag an die Coaches sei, die keine Nachhilfe geben müssen. Allerdings, auch wenn die Lösung von Problemen keine Wirkung von Jugendcoaching sein könne, würden gemeinsam mit den Jugendlichen Wege erarbeitet, um mit Problemen besser umgehen zu können. In diesem Sinn ist die Betreuung dann zu Ende, wenn Jugendliche das Coaching nicht mehr brauchen, weil sie selbstständig ihren Weg gehen können.

Wenn es wiederum um die Frage geht, wie diese Wirkungen erreicht werden (können), spielt die Vermittlung von Wertschätzung den Jugendlichen gegenüber eine wesentliche Rolle. Dabei lassen sich unterschiedliche Zugangsweisen ausmachen: Auf der einen Seite werden sie insofern bestärkt, als ihnen ihre Kompetenzen klar aufgezeigt werden ("du kannst das"). Auf der anderen Seite, indem vermittelt wird, auch dann etwas wert zu sein, wenn ein ehemaliges Berufsziel (z.B. eine "reguläre" Lehrstelle in einem prestigereichen Betrieb in der Region) nicht erreicht und eine Alternative gefunden wird (z.B. geförderte Lehrstelle in einem weniger bekannten Betrieb). Indirekt wird den Jugendlichen Wertschätzung vermittelt, wenn sie in ein Folgeangebot integriert sind und dort sehen, was sie alles können. Um Wertschätzung vermitteln zu können, wird außerdem als wichtig gesehen, dass Jugendcoaching ein von der Schule entkoppeltes Angebot darstellt, die für die Zielgruppe oft mit Scheitern assoziiert ist.

Als weitere zentrale Wirkung wird geschildert, dass Jugendliche nunmehr auf eine "Stütze" zurückgreifen können. Ihnen wird signalisiert, dass sie nicht auf sich selbst gestellt sind, sondern dass jemand für sie da ist. Das ist gerade dann wichtig, wenn Jugendliche oder auch ihre Eltern mit den Prozessen von Lehrstellensuche, der Suche nach einer geeigneten weiterführenden Schule oder dem Arbeitsmarkteinstieg überfordert sind. Die Coaches stehen ihnen als Ansprechpersonen auch längerfristig zur Verfügung, bei Bedarf können sie wieder in den Coaching-Prozess einsteigen. Nachdem es aus Sicht der Jugendcoaches bei manchen Jugendlichen länger dauert, bis die Intervention Wirkung zeigt, werden die längere Interventionsdauer von einem Jahr auf Stufe 3 sowie die Möglichkeit eines Wiedereinstiegs als sehr positiv wahrgenommen.

Was Wirkungsmöglichkeiten und wahrgenommene Wirkungen des Jugendcoachings betrifft, streichen die beteiligten Personen - und zwar angefangen von Jugendlichen und Eltern über SystempartnerInnen bis zu den Jugendcoaches - die hohe Bedeutung dieser Aspekte hervor. So wurde jemandem "eine gewaltige Last von den Schultern genommen" und es konnten "schlimme Entwicklungen" verhindert oder sogar "Menschenleben gerettet" werden.

6.1.2 Erzielbare Wirkungserfolge auf Makroebene

Durch die durchgängige Integrationskette vom Schulsystem über Jugendcoaching und im Sinne der "Drehscheibenlogik" zu weiteren Systemen bildet das Programm eine wichtige Nahtstelle zwischen unterschiedlichen Systemen (Schule, weiterführende Ausbildung, Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktpolitik etc.). Dadurch könne verhindert werden, dass Jugendliche "verschwinden", d.h. dass es zu dauerhafter Exklusion kommt. Eingeräumt wird, dass dies nicht für alle gelingen wird, teils schon deswegen, da Nachfolgeangebote fehlen. Inwiefern das Jugendcoaching gerade an diesem Punkt vorhandene Lücken in der Angebotslandschaft feststellen und zu ihrer Schließung anregen soll bzw. inwiefern dies in Folge auch gelingt, sehen die involvierten Personen unterschiedlich. Die Projektumsetzenden selber definieren ihren Arbeitsauftrag dabei eher vorsichtig, um Überforderung zu vermeiden. Aus der Sicht von VernetzungspartnerInnen liegt hier einiges Potenzial:

"An und für sich bin ich total ein Fan von dem. Also ich bin begeistert davon und wünsch mir auch eine ganz eine enge Zusammenarbeit mit denen, dass wir auch die Jugendcoaches unterstützen können und dass wir uns gegenseitig austauschen: Was braucht's ihr? Was brauchen wir? Oder: Was können wir euch anbieten? Was steht von unsren Lehrgängen einfach frei? Was könnt's ihr brauchen? Dass man da mehr noch zusammenarbeitet." (Fall 3/ Interview 8 / Seite 9)

Jugendcoaching wirkt nicht nur für die Jugendlichen entlastend, wie zuvor beschrieben, sondern stellt auch eine Entlastung für Schule und Eltern dar. Genauso aber werden diese in die Pflicht genommen: Aufseiten der Eltern etwa kann dies bedeuten, sich intensiv mit der Lehrstellensuche des Kindes auseinanderzusetzen. Was die Schule betrifft, wird hier - teils mit großer Vorsicht - die Möglichkeit bzw. die Hoffnung gesehen, dass sich ihre Rolle ein Stück weit ändern könnte. Das bedeutet, dass sie (mehr als bisher) eine Zuständigkeit für abbruchgefährdete SchülerInnen wahrnehmen und bei Bedarf die Unterstützung durch das Jugendcoaching heranziehen, um Abbrüche zu vermeiden oder die Jugendlichen bei der Suche nach alternativen (Aus-)Bildungswegen zu unterstützten.

"Es muss nicht jeder, nur weil er jetzt diese klassische Krätzen ist, keine Perspektive haben, sondern es ist auch wer da zu schauen und dann ist vielleicht dieses Setting nicht das richtige, aber es gibt auch eine andere Möglichkeit. Ich denke mir das kann auch ein bissi damit erreicht werden. Das würde ich mir schon, zumindest bei Einzelpersonen, das sollte ja schon der Anspruch sein, dass das auch erreicht wird. Ein anderer Zugang zu diesen lästigen Schülerinnen und Schülern, weil es sind halt oft dann die Lästigen." (Fall 1 /Interview 5 / Seite 24)

Gleichzeitig wird das Risiko reflektiert, dass es zu einer Abwertung von SchülerInnen und LehrerInnen kommen könnte: Indem SchülerInnen als "Problemfälle" identifiziert und ins Jugendcoaching abgeschoben werden, womit ein weiterer Segregationsschritt im Bildungssystem verbunden wäre. Auf Ebene der Schulen schließlich, indem diese verstärkt als nicht fähig, mit Problemen umgehen zu können, und auf eine Hilfe von außen angewiesen, wahrgenommen würden.

6.2 Quantitative Wirkungsanalyse

Viele der Aspekte die zuvor auf qualitativer Basis angesprochen wurden, werden an dieser Stelle nun mittels quantitativer Analysen bearbeitet. Der Frage der Integration in das System kann man sich mit einer Untersuchung des Anteils an AbsolventInnen, die das Jugendcoaching mit einer tragfähigen Zukunftsperspektive beenden, annähern. Die Veränderungen in der Berufsorientierung und im Selbstbild wiederum werden im Rahmen des Monitoringsystems, das die Grundlage der hier präsentierten Analyseergebnisse bildet, direkt abgebildet. Schließlich findet auch die qualitative Erkenntnis, dass Jugendcoaching viele Probleme (z.B. psychischer Natur) selbst nicht lösen könne, in dem Ergebnis seine Bestätigung, dass das Problemniveau der TeilnehmerInnen von den Coaches im Vergleich zwischen einer Eintritts- und Austrittsmessung konstant eingeschätzt wird.

Die Darstellung der Analyseergebnisse der Maßnahmenwirkung auf quantitativer Basis umfasst in erster Linie die Abschluss- bzw. Abbruchquoten, Abbruchgründe und Karriereempfehlungen. Dem folgt eine Diskussion von Variablen (wie z.B. die Einschätzung zu überwindender Problemlagen vor einer Planumsetzung), die einen Hinweis auf die Nachhaltigkeit der Wirkung erlauben sollen. Schließlich erfolgt eine Auseinandersetzung mit den Veränderungen in den Problembereichen, die bereits beim Maßnahmeneintritt gemessen und im Kapitel zu den Zielgruppen dargestellt worden sind.

6.2.1 Abschluss und Abbruch

Insgesamt betrachtet sind die Abschlussquoten des Jugendcoaching hoch und die Abbruchquoten im Umkehrschluss mit nur 6,7% gering. Erfreulicherweise zeigen sich dabei keinerlei nennenswerte Unterschiede nach Geschlecht und Migrationshintergrund, weshalb sich auch keine Ansatzpunkte für sozial ungleiche Wirkungen der Maßnahme daraus ableiten lassen. Im Vergleich zwischen den Bundesländern sind die Abbruchquoten in Wien etwas erhöht, im Umkehrschluss der Erfolg in der Steiermark etwas höher.

Tabelle 54: Abschlussquoten Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.088.

 

Stmk.

Wien

weiblich

männlich

nicht-dt.

Dt-MS

gesamt

JU abgeschlossen

96,2%

92,2%

93,0%

93,5%

93,1%

93,4%

93,3%

JU abgebrochen

3,8%

7,8%

7,0%

6,5%

6,9%

6,6%

6,7%

Summe

100%

100%

100%

100%

100%

100%

100%

Tabelle 55: Abschlussquoten nach Projekten Q: Monitoringdaten BSB, n= 3.088.

 

JU mit Bericht abgeschlossen

JU wurde abgebrochen

Summe

n

Projekt A

93,4%

6,6%

100%

212

Projekt B

100%

0,0%

100%

79

Projekt C

95,7%

4,3%

100%

255

Projekt D

96,9%

3,1%

100%

129

Projekt E

95,3%

4,7%

100%

106

Projekt F

98,9%

1,1%

100%

95

Projekt G

100,0%

0,0%

100%

19

Projekt H

100,0%

0,0%

100%

148

Projekt I

97,6%

2,4%

100%

84

Projekt J

92,9%

7,1%

100%

170

Projekt K

91,1%

8,9%

100%

45

Projekt L

83,3%

16,7%

100%

6

Projekt M

100,0%

0,0%

100%

5

Projekt N

83,4%

16,6%

100%

145

Projekt O

96,5%

3,5%

100%

142

Projekt P

95,1%

4,9%

100%

143

Projekt Q

99,7%

0,3%

100%

361

Projekt R

92,8%

7,2%

100%

264

Projekt S

59,1%

40,9%

100%

154

Projekt T

99,3%

0,7%

100%

136

Projekt U

89,2%

10,8%

100%

295

Projekt V

97,9%

2,1%

100%

95

gesamt

93,3%

6,7%

100%

3088

Betrachtet man die Abbruchquoten differenziert nach Projekten, sticht Projekt S mit einem Anteil von 40,9% negativ hervor. Diese exorbitant erhöhte Abbruchquote lässt sich in keinen Zusammenhang mit einer eventuell besonders schwierigen Klientel bringen, denn bei keinem der problembezogenen Indikatoren zeigt sich eine auffällige Häufung gerade bei diesem Projekt. An dieser Stelle muss daher eine klare Empfehlung an den Auftraggeber ausgesprochen werden, den Ursachen auf den Grund zu gehen und dieser singulären Fehlentwicklung entgegenzusteuern. Weniger dramatisch, aber doch auch deutlich erhöht, sind die Abbruchquoten auch in den Projekten L und N. Während das Projekt L quantitativ unbedeutend ist, ließe sich durch eine Halbierung der Abbruchquoten in den Projekten S und N die Gesamtquote aller Projekte unter 5% drücken und so nochmals deutlich verbessern.

Was die Abbruchgründe betrifft, zeigen sich zwischen der Steiermark und Wien unterschiedliche Häufungen dabei, inwieweit der Abbruch durch die KlientInnen oder durch das Jugendcoaching erfolgt. Da die Grenzen dabei aber auch fließend sein können (wenn ein/e Teilnehmer/in einfach nicht mehr kommt, kann man das als Abbruch seitens des/der Klienten/in sehen, aber auch als Abbruch durch das Jugendcoaching werten, wenn die Coaches nach einer gewissen Zeit den Fall im Monitoring einfach schließen) ist es kaum möglich daraus relevante Steuerungsinformationen zu ziehen. Unterschiede nach Geschlecht und Migrationshintergrund sind kaum festzumachen. Ebenso ist eine Differenzierung der Abbruchgründe nach Projekten wenig ertragreich und wird daher auch nicht gesondert ausgewiesen.

Tabelle 56: Abbruchgründe Q: Monitoringdaten BSB, n= 208.

 

Stmk.

Wien

weiblich

männlich

nichtdt.

Dt-MS

gesamt

Mutterschutz/Karenz

3,2%

1,1%

3,2%

0,0%

1,8%

1,0%

1,4%

Abbruch durch KlientIn

32,3%

81,4%

76,3%

72,2%

77,1%

70,7%

74,0%

Abbruch durch JU

35,5%

8,5%

6,5%

17,4%

10,1%