Inklusion

Soziale Arbeit ist erst am Anfang

Autor:in - David Sporschill
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: OBDS - Landesgruppe Tirol (Hg.): SIT – Sozialarbeit in Tirol – Nr.91, S. 22.
Copyright: © David Sporschill 2014

Einleitung

Im August diesen Jahres hat ein Artikel in der Zeitung Der Standard[1] eine Diskussion über (wenig vorhandene) Inklusion im Rahmen der Schulbildung ausgelöst. Die Diskussion ist schon fast wieder 'eingeschlafen'. Im Rahmen der Sozialen Arbeit wird wenig über Inklusion gesprochen. Den Weg zur Inklusion in der Schule (Schulpädagogik) und im Rahmen der beruflichen Rehabilitation beschreibt der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Hinz in einem 'Standardartikel' aus dem Jahr 2006[2] Er bildet die theoretische Grundlage dieses Textes. Ferner werden Bezügen zur sommerlichen Inklusionsdiskussion hergestellt. Abschließend wird überlegt, wo Soziale Arbeit auf dem Weg zur Inklusion steht.



[1] derstandard.at (2014): Das Comeback der Sonderschule in Österreich. Url.: http://derstandard.at/2000003342181/Das-Comeback-der-Sonderschule-in-Oesterreich , Letzte Aktualisierung: 7.8.2014, Abruf: 24.8.2014.

[2] Hinz, Andreas (2006): Inklusion und Arbeit - wie kann das gehen? In:impulse Nr. 39, März 2006. 3 – 12. Url:.http://bidok.uibk.ac.at/library/imp-39-06-hinz-inklusion.html . Letzte Aktualisierung: 7.4.2008, Abruf: 24.8.2014.

Von der Exklusion zur allgemeinen Pädagogik in der Schule und am Arbeitsmarkt[3]

Aus dem Blickwinkel der Erziehungswissenschaften gibt es fünf Entwicklungsphasen des Bildungs- und Rehabilitationssystems auf dem Weg zu einer selbstverständ-lichen Inklusion:

  1. Exklusion

  2. Segregation

  3. Integration

  4. Inklusion

  5. Allgemeine Pädagogik

Exklusion bedeutet den Ausschluss aus der Schule oder von sämtlichen Unterstützungsformen für die Erlangung einer Arbeitsstelle. Es gibt eine strenge Trennung zwischen den 'Schul-' bzw. 'Arbeitsfähigen' und jenen, die das nicht sind. Den Ausgeschlossenen drohte während der Zeit des Nationalsozialismus der Tod. In der Zeit danach wurden sie in Heimen oder 'Anstalten' untergebracht.

Segregation bedeutet die Trennung von Menschen nach bestimmten Kriterien. Diese Trennung kann nach Leistung, medizinischen, sozialen oder anderen Kriterien erfolgen. Sie kann direkt (z.b. durch Diagnosen), oder indirekt (z.b. durch Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu) erfolgen. „Normalen“, nicht-behinderten SchülerInnen steht das allgemeine Schulsystem von der (Vor-) Volksschule bis zum Gymnasium grundsätzlich offen. SchülerInnen mit Behinderungen – insbesondere SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten – kommen in die Sonderschule. Eigentlich gesetzeswidrig besuchen SchülerInnen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien überproportional oft die Sonderschule[4] Mit einem Sonderschultyp ist es übrigens nicht getan, es gibt in Österreich zehn verschiedene Formen der Sonderschul[5].

Für den Bereich der (beruflichen) Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen gibt es eine Vielzahl von Angeboten und Projekten, die sich in der Regel auf bestimmte Zielgruppen spezialisieren.

Abgesehen, davon dass Menschen (mit Behinderungen) im Rahmen der Segregation nicht voll an ihrem sozialen Umfeld teilhaben können, ergeben sich diagnostische Probleme: Wer passt in welche Schule? Wer passt zu welcher Rehabilitationsmaßnahme? Was passt, wenn 'nichts passt'? Besonders wichtig: Wer bestimmt überhaupt, wer wann wohin kommt? – Bei einem segregierten System entscheiden die Betroffen in der Regel nie, sondern die Institutionen bzw. FachexpertInnen , wie ÄrztInnen, PädagogInnen und SozialarbeiterInnen.

Integration bedeutet die (Wieder-)Eingliederung von Menschen in die Gesellschaft. Die Trennung bzw. Unterscheidung in Menschen ohne und mit Behinderungen bleibt. Je nach Umstände und Glück, können sich einzelne/mehrere in die (Mehrheits-) Gesellschaft integrieren. Schulen und (Rehabilitations-)Einrichtungen vergrößern ihre Zielgruppen, behalten aber ihre Ziele und Leistungserwartungen weitgehend bei. Die zu erbringende Leistung zur Eingliederung liegt hauptsächlich bei Menschen mit Behinderungen, im dem sie sich besonders anstrengen (müssen), um an der Gesellschaft teilhaben zu können. Diese Form der Anpassung wird durch eine Vielzahl von Rehabilitationsmaßnahmen gefördert.

Sogar gesetzliche Regelungen helfen nicht bei der Integration: Seit 1993 ist die Integration in die Volksschule, seit 1996 in die Hauptschule gesetzlich geregelt. Der Standard hat erhoben: Die Anzahl aller SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt und knapp die Hälfte davon besucht (immer noch) die Sonderschule[6]. Die berufliche Rehabilitation und berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen gibt es schon seit Jahren und Jahrzehnten. Der gleiche Zeitungsartikel beschreibt, dass Ende 2013 die Gesamtarbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen (16,5 %) mehr als doppelt so hoch war als jene der Gesamtbevölkerung von Österreich (7,6 %.)[7].

Inklusion bedeutet die (selbstverständliche) Einbeziehung aller Menschen in die Gesellschaft. Das Schlagwort der Inklusion heißt: „Es ist normal verschieden zu sein“. Genau genommen sind alle Menschen verschieden. Eine Unterscheidung behindert/nichtbehindert ist nicht mehr notwendig. Der Blick ändert sich von den Defiziten des/der Einzelnen zu einer vielfältigen Gesellschaft in der jeder/jede so ein kann, wie er/sie ist. Jeder und jede kann seine/ihre Fähigkeiten einbringen und es gibt heterogene Gruppen, an denen jeder/jede teilhaben kann. Alle entscheiden selbstbestimmt, was er/sie tun möchte. Für die Schule bedeutet das, dass alle SchülerInnen in die gleiche, regionale Schule gehen und jeder/jede individuell gefördert und unterstützt wird. Die berufliche Integration geht in einem inklusiven Arbeitsmarkt auf: „In der beruflichen Rehabilitation wäre Inklusion denkbar als willkommenheißende Kultur von Betrieben, die auf die Heterogenität ihrer MitarbeiterInnen setzen und sich [...] mit Hilfe von Diversity Management der gesellschaftlichen Heterogenität öffnen“ (Hinz 2006).

Ist Inklusion in der Schule und am Arbeitsmarkt selbstverständlich, braucht sie nicht mehr besonders erwähnt werden, sondern es gibt eine Allgemeine Pädagogik.



[3] Soweit nichts anderes angegeben ist, ist dieses Kapitel eine Zusammenfassung von o.a. Artikel von Andreas Hinz aus 2006.

[4] Vgl. Endnote 1

[5] Bundeskanzleramt (2014): Sonderpädagogische Betreuungsformen. Url.: https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/123/Seite.1230300.html , Letzte Aktualisierung: 1.3.2014, Abruf: 24.8.2014.

[6] Vgl. Endnote 1

[7] Vgl. Endnote 1

Inklusion und Gesellschaft

Die Integration geht von einer überwiegend individuellen Anpassung von Menschen (mit Behinderungen) an die Mehrheitsgesellschaft aus. Bei der Inklusion hingegen wandelt sich die Gesellschaft. Dafür müssen sich gesellschaftliche, rehabilitative sowie integrative Strukturen und somit auch die Soziale Arbeit verändern.

Dass die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwierig sind, erfahren die LeserInnen des SIT täglich. Mit Inklusion wird kein gesellschaftliches Paradies ausbrechen. Hinz deutet das in seinem Text zumindest an, wenn er schreibt, dass Inklusion jenseits 'klassischer Strukturen', aber „... innerhalb vorhandener Machtverhältnisse“ (Hinz 2006) erfolgen muss.

Inklusion und Soziale Arbeit

Abschließend sollen hier ein paar kritische Überlegungen angestellt werden, was die beschriebenen fünf Entwicklungsphasen des Bildungs- und Rehabilitationssystems – Exklusion, Segregation, Integration, Inklusion, Allgemeine Pädagogik – für die Soziale Arbeit bedeuten:

  • Dass SozialarbeiterInnen Exklusion (Ausgrenzung) von Menschen aufzeigt und – wenn von den Betroffenen gewünscht – sich mit ihnen dafür einsetzen, dass diese beendet wird, darf vorausgesetzt werden. Ebenso, dass Soziale Arbeit immer bemüht ist, selbst Exklusion zu vermeiden.

  • Soziale Arbeit ist in mehrere Handlungsfelder gegliedert, das Angebot (für Menschen mit Behinderungen) ist groß und unterschiedlich. Die meisten Einrichtungen haben ihre offiziellen oder inoffiziellen Zielgruppen. Das Weiterverweisen an die richtige Stelle ist eine gute Fähigkeit von SozialarbeiterInnen. Dennoch ist festzustellen, dass Soziale Arbeit in einem von Segregation gekennzeichneten System stark verhaftet ist.

  • Eine Stärke von Sozialer Arbeit liegt in der Integration. Die Unterstützung von Einzelpersonen und Gruppen mit ihrem Umfeld sowie die Suche nach passenden Einzel(fall)lösungen in der gegebenen Gesellschaft sind tägliche Soziale Arbeit, die oft gelingt. SozialarbeiterInnen sind erst recht gefragt, wenn kein Angebot passt.

  • Soziale Arbeit setzt sich in (auch in der neuen internationalen Definition von Melbourne 2014[8]) für gesellschaftlichen/sozialen Wandel ein. Sie bezieht Betroffene ein und verändert Strukturen so, dass sich Wohlergehen ausbreitet. Der Einsatz für einen sozialen/gesellschaftlichen Wandel ist auf gesellschaftlicher Ebene ein kleiner Beitrag zur Inklusion.

  • Inklusion heißt mit Vielfalt umgehen und niemanden 'weiterzuschicken'. Ferner bedeutet Inklusion die Einbeziehung der Betroffenen in alle Bereiche der Sozialen Arbeit. In beiden Bereichen steht Soziale Arbeit erst am Anfang, hat aber viel Potential. (Mehr dazu in einem der nächsten SIT.)

  • Von einer selbstverständlichen Inklusion aller SchülerInnen im Bildungsbereich, die in eine 'Allgemeine Pädagogik' übergeht, sind wir weit entfernt Noch viel mehr gilt das für eine 'Allgemeine Soziale Arbeit für alle'. Es lässt sich davon ableiten, dass es auch in einer inklusiven Gesellschaft eine Allgemeine Soziale Arbeit, Allgemeine Therapien, Allgemeine Medizin, usw. brauchen wird. Soziale Arbeit schafft sich folglich nicht ab, wenn sie sich für Inklusion einsetzt, sondern sie wird nur etwas anders und mit hoher Wahrscheinlichkeit noch besser.

Fangen wir an mit Inklusion!

DSA David Sporschill, MA

Sozialarbeiter und Koordinator bei

Selbstbestimmt Leben Schwaz

FH-Lektor am MCI

david@sporschill.at

Quelle

Sporschill, David 2014: Inklusion. Soziale Arbeit ist erst am Anfang.In: OBDS - Landesgruppe Tirol (Hg.): SIT – Sozialarbeit in Tirol – Nr.91, S. 22.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 13.01.2015



[8] Inernational Federation of Social Workers (2014): Global Definition of Social Work. Url.: http://ifsw.org/get-involved/global-definition-of-social-work/ , Letzte Aktualisierung: o.J:, Abruf: 24.8.2014.

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