Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit

AutorIn: David Sporschill
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Masterarbeit
Releaseinfo: Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts in Social Sciences (MA), Fachhochschul-Studiengang: "Soziale Arbeit, Sozialpolitik und -management" Management Center Innsbruck. Betreuer: Kevin Brown, BA (Hons.) MA, CQSW. Für die Veröffentlichung überarbeitete Fassung vom 15.12.2012
Copyright: © David Sporschill 2012

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Internationale Definitionen der Sozialen Arbeit

Tabelle 2: Vergleich SLI und DOWAS für Frauen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dienstleistungsdreieck 'Persönliche Assistenz in Tirol'

Abbildung 2: Dienstleistungsdreieck 'Betreutes Wohnen'

Abbildung 3: Dienstleistungsdreieck 'Sozialpädagogische Wohngemeinschaft'

Abbildung 4: Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit

Abbildung 5: Orientierung der Theorien der Sozialen Arbeit

Abbildung 6: Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit

Abbildung 7: Tripelmandat der Macht und der Praxis der Sozialen Arbeit

Abkürzungsverzeichnis

CRPD Convention on the Rights of Persons with Disabilities, Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

DOWAS für Frauen Durchgangsort für wohnungs- und arbeitsuchende Frauen

IFSW International Federation of Social Workers

IASSW International Association of Schools of Social Work

MOHI Tirol Mobiler Hilfsdienst Tirol

Monitoringausschuss Unabhängiger Monitoringausschuss zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

OBDS Österreichischer Berufsverband der SozialarbeiterInnen

SLI Selbstbestimmt Leben Innsbruck

WIBS Wir informieren, beraten und bestimmen selbst

UN United Nations

Kurzfassung

Inhaltsverzeichnis

Diese Masterarbeit fragt nach der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der 'Peer-Arbeit'. 'Peer-Arbeit' bedeutet hier die Vermittlung von Dienstleistungen von und für Menschen mit Behinderungen bzw. von und für Frauen. Es wurden die Persönliche Assistenz von Selbstbestimmt Leben Innsbruck sowie das betreute Wohnen und die sozialpädagogische Wohngemeinschaft des DOWAS für Frauen analysiert. Diese Analyse zeigt einen Beratungsprozess und eine Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen, die zu Dienstleistungsdreiecken führen. MitarbeiterInnen müssen unterschiedliche Interessen berücksichtigen und mit Macht umgehen. Somit geht Peer-Arbeit über die Beratung 'von Gleichen für Gleiche' eindeutig hinaus, was eine Professionalisierung in der Sozialen Arbeit nahelegt.

Die Systemtheorie von Silvia Staub-Bernasconi und die Theorie der feministischen Sozialen Arbeit von Lena Dominelli werden im Hinblick auf den Umgang mit Spannungsfeldern und Professionsverständnissen von Sozialer Arbeit bearbeitet. Die Tripelmandate sind im Umgang mit Spannungsfeldern und für die Profession der Sozialen Arbeit zentral. Es gibt vielfältige Professionsverständnisse, die aktive Beteiligung von SozialarbeiterInnen benötigen. Das 'moderne Professionsverständnis' der Sozialen Arbeit legitimiert sich durch Wissenschaft von Sozialer Arbeit. Das 'neue Professionsverständnis' fordert gleichberechtigte Partnerschaften zwischen allen Menschen, was einen kontinuierlichen sozialen Wandel notwendig macht.

Im Rahmen der empirischen Forschung wurden problemzentrierte Interviews mit jeweils zwei Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck und DOWAS für Frauen zu ihren Professionsverständnissen der Sozialen Arbeit im Kontext der Selbstbestimmt Leben Bewegung und der Frauenbewegung geführt. Für die Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck sind Soziale Arbeit und Peer Counseling zwei getrennte Konzepte, die sich ideal ergänzen. Für Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen lassen sich Soziale Arbeit und feministische Beratung nicht bzw. schwer voneinander trennen. Kennzeichnend für die Praxis aller interviewten Sozialarbeiterinnen ist der Umgang mit unterschiedlichen Interessen und Konflikten, auch solchen zwischen KundInnen/'KlientInnen' und den Sozialarbeiterinnen. Der Kampf für sozialen Wandel und gegen Diskriminierungen wird als Aufgabe den sozialen Bewegungen zugerechnet und nicht der Sozialen Arbeit. Die eigene Praxis wird überwiegend als Soziale Arbeit bewertet. Alle Sozialarbeiterinnen fühlen sich der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig, ausschlaggebend dafür waren die Ausbildung und persönliche Gründe.

Abstract

This master thesis asks about the profession of social workers in the field of 'peerwork'. 'Peer-work' means arranging services by people with disabilities for people with disabilities and by women for women. This thesis analyses services provided by Selbstbestimmt Leben Innsbruck (personal assistance) and DOWAS für Frauen (supported living and a supported shared flat). The result is that these services consist of a process of counselling and various decision and agreements which conclude to relationships with three partners. Employees have to deal with different interests and aspects of power. Consequently peer-work goes beyond counselling 'by and for equals' and might lead to an understanding of a profession of social work.

The system theory by Silvia Staub-Bernasconi and the theory of feminist social work by Lena Dominelli are analysed in terms of dealing with different interests and understandings of the profession of social work. Concepts of dealing with three conflicting mandates at the same time are important and helpful for managing different interests and key issues for professional social work. There are diverse understandings of professional social work which all need active participation of social workers. The 'modern understanding' of professional social work emphasizes the science of social work. The 'new understanding' of professional social work emphasizes equal partnerships between all human beings; this requires constant social change.

The empirical research consists of interviews of two female social workers of Selbstbestimmt Leben Innsbruck and two from DOWAS für Frauen. They are asked about their understanding of the profession of social work in the context of the independent living movement and the feminists' movement. For social workers from Selbstbestimmt Leben Innsbruck peer counselling and social work are two separate but complementary concepts. For social workers from DOWAS für Frauen, feminist counselling and social work cannot be differentiated. A characteristic part of their practical work is to manage different interests and conflicts, including those between customers/'clients' and social workers. Fighting for social change and ending all forms of discrimination has been seen as a mission of social movements and not of social work. All social workers consider themselves as part of the social work profession. The causes have been the graduated training and personal reasons.

1 Einleitung

In diesem Kapitel werden der persönliche Zugang, die Forschungsfragen und die Forschungsthesen vorgestellt. Des Weiteren werden der Aufbau der Masterarbeit und die Relevanz der weiblichen Perspektive auf die Professionalisierung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter beschrieben.

1.1 Persönlicher Zugang

Ich habe von Geburt an eine Behinderung. 2002 habe ich die Akademie für Sozialarbeit in Innsbruck abgeschlossen und bin seit diesem Zeitpunkt Diplomsozialarbeiter. Seit 2006 arbeite ich als Sozialarbeiter und Koordinator bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck (SLI). Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist die Vermittlung von Persönlicher Assistenz. Selbstbestimmt Leben Innsbruck arbeitet nach dem 'Peer-Prinzip'. Das bedeutet "Unterstützung durch Ebenbürtige oder Gleiche" (Miles-Paul 1992). Alle BeraterInnen von SLI haben persönliche Erfahrungen mit ihrer eigenen Behinderung, die wichtiger sind als die formale Ausbildung und die Zugehörigkeit zu einer Profession. Das grundsätzliche Selbstverständnis ist, als Peer BeraterIn 'an der Seite der AssistenznehmerInnen' zu beraten und zu unterstützen.

Die Vermittlung von Persönlicher Assistenz bedeutet für mich

Peer Berater der AssistenznehmerInnen,

Ansprechpartner für Persönliche AssistentInnen sowie

Vertreter von Selbstbestimmt Leben Innsbruck als Dienstleistungsanbieter für AssistenznehmerInnen und Arbeitgeber der AssistentInnen zu sein.

In den unterschiedlichen Rollen muss ich unterschiedliche Interessen berücksichtigen. Es ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Interessen von AssistenznehmerInnen, Persönlichen AssistentInnen und rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, die in keiner Richtung eindeutig aufzulösen sind, sondern täglich aufs Neue bearbeitet werden. Der zentrale Inhalt der Profession der Sozialen Arbeit bedeutet für mich, mit Spannungsfeldern umzugehen und diese umsichtig und 'ganzheitlich' zu bearbeiten. Ich denke also, dass ich als Sozialarbeiter mit Behinderungen Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen vermittle und erbringe, die der Praxis der Sozialen Arbeit zuzurechnen sind. Nicht nur aus diesem Grund fühle ich mich der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Mangels passender Begriffe nenne ich diese Arbeit 'Peer-Arbeit' (siehe: 2.3 Peer-Arbeit, S 8).

Persönliche Erfahrungen und die einschlägige Literatur lassen den Schluss zu, dass die Professionalisierung als SozialarbeiterIn im Rahmen der Peer-Arbeit bei SLI gering ist. Die persönlichen Erfahrungen der SozialarbeiterInnen im Umgang mit der eigenen Behinderung spielen für die Berufsausübung eine wichtigere Rolle. Diese persönlichen Erfahrungen können auch Personen ohne Ausbildung zum/zur SozialarbeiterIn mitbringen. Außerdem sind in der Vermittlung der Persönlichen Assistenz Personen mit verschiedenen Ausbildungen tätig.

Damit ist der Weg nicht weit in die in Österreich noch nicht abgeschlossene Debatte der Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Diese Masterarbeit ist ein Teil der Professionalisierungsdebatte der Soziale Arbeit. Ausgehend vom Umgang mit Spannungsfeldern wird erforscht, was die Professionalisierung von SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit unterstützt und was nicht.

1.2 Entstehung der Forschungsfrage

Die Forschungsfrage und die Forschung dieser Masterarbeit nehmen ihren Ausgangspunkt darin, dass in der Praxis des SLI Peer Support und Soziale Arbeit als teilweiser Widerspruch und als sich oft ausschließende Konzepte wahrgenommen werden. Peer Support bedeutet in diesem Zusammenhang die Beratung von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen. Die Vermittlung von Persönlicher Assistenz als Dienstleistung ist eine wichtige Aufgabe von MitarbeiterInnen von SLI. Diese Vermittlungstätigkeit geht über die reine Beratung eindeutig hinaus. Hier müssen verschiedene Interessen und rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigt werden, was für ein Verständnis von Sozialer Arbeit und eine Professionalisierung in der Sozialen Arbeit sprechen würde. Dieses Verständnis und diese Professionalisierung ist aber nur teilweise vorhanden.

Die weitere Überlegung war: Wo ist es anders? Wo wird die Vermittlung von Dienstleistungen 'von Gleichen für Gleiche' als Soziale Arbeit verstanden und führt zu einem Professionsverständnis von Sozialer Arbeit? Hier ist mir das DOWAS für Frauen eingefallen. Dort sind die Mitarbeiterinnen 'stolze Sozialarbeiterinnen' und sie bieten neben feministischer Beratung von und für Frauen ein zusätzliches Angebot für wohnungslose Frauen an: Betreutes Wohnen und eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft. Auch hier müssen unterschiedliche Interessen und rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Das spricht für eine Professionalisierung in der Sozialen Arbeit.

Das Gemeinsame dieser Angebote 'von Gleichen für Gleiche' ist, dass sie 'zur Lebensgestaltung' genutzt werden können. Wie es der 'Zufall' so wollte, sind meine Kolleginnen von SLI mit einer Ausbildung in der Sozialen Arbeit beides Frauen. Dadurch lässt sich das Professionsverständnis mit jenem von Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen 'besser vergleichen'.

Die Frage der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in dieser Masterarbeit zielt auf jene Tätigkeiten von Sozialarbeiterinnen von SLI und DOWAS für Frauen ab, die über ein Verständnis von Peer Support bzw. feministischer Beratung als Beratung hinausgehen. Dies drücke ich schon im Titel der Masterarbeit mit dem Begriff 'Peer-Arbeit' (siehe: 2.3 Peer-Arbeit, S 8) aus. Anhand begründeter Differenzierungen zwischen und Gemeinsamkeiten von Peer Support, feministischer Beratung sowie Sozialer Arbeit sollen Schlüsse für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit gezogen werden.

1.3 Fragestellungen der Masterarbeit

Die Hauptfrage dieser Masterarbeit lautet:

Was führt zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit?

Die Forschungsfragen lauten:

  • Wie wird mit unterschiedlichen Interessen von Personen oder Personengruppen, die sich im Rahmen der Dienstleistungserbringung an Sozialarbeiterinnen von SLI und DOWAS für Frauen wenden, umgegangen?

  • Wie werden die unterschiedlichen Interessen von Personen oder Personengruppen mit Machtverhältnissen, Diskriminierungen, institutionellen Vorgaben und rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht?

  • Wie wird die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit von Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit verstanden?

  • Was führt im Umgang mit unterschiedlichen Interessen und dem Kampf um sozialen Wandel in der 'Peer-Arbeit' zu einem 'passenden Professionsverständnis' in der Sozialen Arbeit und was nicht?

1.4 Thesen der Masterarbeit

Ausgehend von den Fragestellungen und einer ersten Literaturrecherche habe ich Thesen gebildet:

Es gibt zwei Hauptthesen:

  • Das Professionsverständnis von Sozialer Arbeit in der Peer-Arbeit ist bei Sozialarbeiterinnenbei DOWAS für Frauen stärker als bei Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

  • Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit hängt von der Bewertung der Tätigkeit als Soziale Arbeit und dem Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit ab.

Die Unterthesen lauten:

  • Die Vermittlung von Dienstleistungen von SLI und DOWAS für Frauen durch 'Peers' ist Soziale Arbeit.

  • Der Umgang mit unterschiedlichen Interessen ist eine Hauptaufgabe bei der Vermittlung von Dienstleistungen.

  • Soziale Arbeit und Peer Support werden von Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck als Widerspruch wahrgenommen, von Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen dagegen nicht.

  • Durch die gemeinsame Betrachtung von Sozialer Arbeit und Peer Support lässt sich ein Verständnis von Peer-Arbeit als Teil der Sozialen Arbeit entwickeln.

  • Folgende Faktoren (von vielen Weiteren) führen zu einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit:

  1. Die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen;

  2. der Umgang mit unterschiedlichen Interessen;

  3. der Umgang mit Macht;

  4. der Kampf für soziale Veränderung und gegen Diskriminierungen;

  5. die Wahrnehmung der eigenen praktischen Tätigkeit als Soziale Arbeit;

  6. das persönliche Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Soziale Arbeit.

1.5 Frauen und Männer in der Sozialen Arbeit

Diese Masterarbeit befasst sich mit der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit. Die Interviewpartnerinnen sind Frauen. Es entsteht daher ein Bild der Professionalisierung in der Sozialen Arbeit aus dem Blickwinkel von Frauen. Die feministische Soziale Arbeit nach Dominelli (2002) betrachtet die Beziehungen von Frauen zu anderen Frauen, Männern und Kindern. In weiterer Folge werden Männer in alle Bereiche der feministischen Sozialen Arbeit einbezogen. Dies bedeutet, dass auch Männer Soziale Arbeit und Forschung zu Sozialer Arbeit nach feministischen Grundsätzen anbieten können. (vgl. Dominelli 2002, 7; siehe: 4.3.1 Feministische Soziale Arbeit 'für alle', S 60) Somit ist die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit von Frauen bedeutsam für eine Professionalisierung der Männer.

Im DOWAS für Frauen arbeiten - mit einer Ausnahme - nur weibliche Mitarbeiterinnen und das Angebot richtet sich nur an Frauen. Bei SLI arbeiten sowohl Frauen als auch Männer. Für die geschlechtergerechte Schreibweise bedeutet das, dass in dieser Masterarbeit die Schreibweise mit 'großem I' verwendet wird, wenn Frauen und Männer gemeint sind, beispielsweise SozialarbeiterInnen, AssistenznehmerInnen von SLI. Aus den Interviews gewonnene Erkenntnisse, denen eine allgemeine Bedeutung zumessen wird, gelten ebenso für Frauen und Männer. Allerdings werden immer dann, wenn nur Frauen gemeint sind, die Personenbezeichnungen mit 'kleinem i' geschrieben, beispielsweise die Interviewpartnerinnen oder die Untermieterinnen des DOWAS für Frauen.

2 Grundbegriffe der Masterarbeit

Dieses Kapitel befasst sich mit den Grundbegriffen meiner Masterarbeit. Diese sind:

  • Soziale Arbeit

  • 'Vermittelte Dienstleistungen'

  • Peer-Arbeit

  • Die 'Betroffenen'

  • Vielfalt von Menschen

  • Überschneidung von Diskriminierungen

  • Modelle von Behinderung

  • Verständnis von Geschlechtern

  • Macht und Empowerment

Einige Grundbegriffe können aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Um diese darstellen zu können, fällt dieses Kapitel etwas länger aus.

2.1 Internationale Definitionen der Sozialen Arbeit

Um sich näher mit dem Professionsverständnis von Sozialer Arbeit beschäftigen zu können, ist es wichtig zu wissen, was Soziale Arbeit ist. Bis jetzt wurden auf internationaler Ebene zwei Definitionen von Sozialer Arbeit beschlossen. Die International Federation of Social Workers (IFSW) beschloss die erste Definition 1982 in Brighton. 2000 wurde in Montreal bei der Generalversammlung der IFSW der zweiten Definition von Sozialer Arbeit zugestimmt. 2001 hat die International Association of Schools of Social Work (IASSW) die gleiche Definition verabschiedet und sie ist seit diesem Jahr für beide Vereinigungen gültig. Diese ersetzt und ergänzt die Definition von Brighton. (vgl. IFSW o.J., 25)

Tabelle 1: Internationale Definitionen der Sozialen Arbeit

Brighton Definition 1982

Montreal Definition 2001

"Social work is a profession whose purpose it is to bring about social changes in society in general and in its individual+ forms of development." (IFSW o.J., 25)

"The social work profession promotes social change, problem-solving in human relationships, and the empowerment and liberation of people to enhance well-being. Utilising theories of human behaviour and social systems, social work intervenes at the points where people interact with their environments. Principles of human rights and social justice are fundamental to social work." (IFSW o.J., 25)

Aus der Definition von Brighton lassen sich als Ziele der Profession der Sozialen Arbeit sozialer Wandel und individuelle Entwicklung ableiten.

Die aktuelle Definition von Montreal behält sozialen Wandel und individuelle Entwicklung als Ziele der Sozialen Arbeit bei und erweitert diese um "Ermächtigung und Befreiung" (Staub-Bernasconi 2009, 31) von Menschen.

Der 'Ort' der Sozialen Arbeit ist dort, wo Menschen mit anderen Menschen und/oder mit ihrer Umwelt bzw. Gesellschaft in Beziehung treten. Da Beziehungen von Menschen in der Regel autonom gestaltet werden, kommt Soziale Arbeit meist dann ins Spiel, wenn es "Probleme in sozialen Beziehungen" (ebd.) gibt.

Des Weiteren werden die wissenschaftlichen Grundlagen genannt: "Theorien menschlichen Verhaltens und sozialer Systeme" (ebd.).

Die ethischen Fundamente der Sozialen Arbeit sind Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit (vgl. ebd., 31).

Beide Definitionen gehen davon aus, dass Soziale Arbeit eine Profession ist.

2.2 'Vermittelte Dienstleistungen'

In dieser Masterarbeit wird öfter von 'Dienstleistungen' bzw. 'Angeboten' die Rede sein. Daher sei hier kurz erklärt, was darunter verstanden wird. Die Volkswirtschaft wird in einen primären, sekundären und tertiären Sektor unterteilt. Der primäre Sektor baut Rohstoffe ab und der sekundäre Sektor produziert daraus Güter des täglichen Lebens, beides ist 'greifbar' bzw. 'materiell'. Der tertiäre Sektor ist der Dienstleistungssektor. "In volkswirtschaftlicher Sicht sind Dienstleistungen Leistungen, die nicht der Produktion materieller Güter dienen" (Horcher 2008, 247). Zum Dienstleistungssektor zählen auch "Unternehmen der Sozialwirtschaft" (ebd.) und "Wohnungsunternehmen" (ebd.). Darüber hinaus wird zwischen materiellen Sachleistungen und immateriellen Dienstleistungen unterschieden, wobei sich das nicht immer scharf trennen lässt. Eine Beratung kommt beispielsweise meist nicht ohne Büromaterial aus. Kennzeichnend für Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitswesen ist unter anderem auch, dass sie in der Regel im direkten Austausch und in Kooperation zwischen DienstleistungserbringerInnen und DienstleistungsnehmerInnen erbracht werden (vgl. Horcher 2008, 248). Dies bedeutet zunächst, dass Soziale Arbeit und jede Form der Beratung Dienstleistungen sind. Des Weiteren zählen jede Form der persönlichen Unterstützung (Persönliche Assistenz, Betreuung, Pflege etc.) und das Vermieten von Wohnungen ebenso zum tertiären Wirtschaftssektor.

In dieser Masterarbeit geht es aber darum, dass SozialarbeiterInnen nicht nur selbst Dienstleistungen für ihre AssistenznehmerInnen und 'KlientInnen' anbieten, sondern auch solche vermitteln, die von anderen (Persönliche AssistentInnen, VermieterInnen) erbracht werden. Wenn in dieser Masterarbeit von 'Dienstleistungen' bzw. 'Angeboten' die Rede ist, sind diese 'vermittelten Dienstleistungen' gemeint.

2.3 Peer-Arbeit

Schon bei der Erstellung der Disposition für diese Masterarbeit zeigten sich begriffliche Probleme:

SLI arbeitet nach den Prinzipien des "Peer Counseling" (vgl. SLI o.J., Miles-Paul 1992). Peer Counseling nach Miles-Paul bedeutet Beratung von und für Menschen mit Behinderungen. Für die Beschäftigung als BeraterIn sind in Deutschland formale Qualifikationen erforderlich. Miles-Paul führt daher den Begriff des Peer Support ein, der den Austausch in selbstorganisierten Gruppen und die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen durch qualifizierte BeraterInnen mit Behinderungen umfasst. (vgl. Miles-Paul 1992; siehe: 3.1.4 Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen, S 25)

Das DOWAS für Frauen bietet Beratung mit feministischem Hintergrund von und für Frauen an. Die parteiliche Unterstützung von Frauen durch Frauen ist hier zentral. (vgl. DOWAS 2011b) Auch die Qualitätskriterien des Netzwerkes österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen (2005) zielen auf Frauen- und Mädchenberatungsstellen ab. (siehe: 3.2.4 Feministische Beratung: Frauen beraten Frauen, S 37)

Das wesentliche 'Werkzeug' von Peer Counseling und feministischer Beratung ist das Gespräch. Inhalte dieser Masterarbeit sind aber konkrete Angebote im Sinne von 'vermittelten Dienstleistungen' (siehe: 2.2 'Vermittelte Dienstleistungen', S 7) von und für Frauen bzw. Menschen mit Behinderungen für die 'tägliche Lebensgestaltung'. Beratung ist ein Teil davon. Damit diese konkreten Angebote entstehen und bestehen, müssen die MitarbeiterInnen von DOWAS für Frauen und SLI über die Beratung hinaus weitere Aufgaben erledigen und weiteren Anforderungen gerecht werden.

Solche zusätzlichen Aufgaben und Anforderungen sind beispielsweise organisatorische Tätigkeiten, das Verhandeln und Abschließen von Vereinbarungen, das Treffen von Entscheidungen sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen und die Vermittlung bei Konflikten.

Gerade diese Tätigkeiten und Herausforderungen - so die These - führen viel unmittelbarer zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit als die alleinige Beratung.

In dieser Masterarbeit wird daher Peer-Arbeit im engeren Sinne als eine Dienstleistungsvermittlung 'von Gleichen' bzw. von Peers verstanden. Im weiteren Sinne könnte unter Peer-Arbeit Soziale Arbeit mit den Beratungsmethoden des Peer Counseling bzw. der feministischen Beratung oder Soziale Arbeit durch Peers verstanden werden.

Der Begriff 'Peer-Arbeit' konnte in der Literatur nicht gefunden werden und wird aus den dargelegten Gründen vorab verwendet, ohne die angeführten Thesen schon verifiziert oder falsifiziert zu haben.

2.4 Die 'Betroffenen'

Es gibt unterschiedliche Begriffe für Personen, die Peer-Arbeit in Anspruch nehmen. Bei SLI werden Menschen mit Behinderungen, die Persönliche Assistenz in Anspruch nehmen, 'AssistenznehmerInnen' oder 'KundInnen' genannt (vgl. Wasle o.J., 33). Das DOWAS für Frauen nennt Frauen, die Beratung in Anspruch nehmen, 'KlientInnen'. Gehen Frauen im Rahmen des betreuten Wohnens Untermietverhältnisse ein, nehmen sie die Rolle der Untermieterinnen ein (siehe: 10.3.2 Protokoll, S 166).

Silvia Staub-Bernasconi schreibt von "AdressatInnen" (Staub-Bernasconi 2007a, 197) der Sozialen Arbeit und meint damit, dass

"individuelle und kollektive Akteure, die in irgendeiner Weise mit dem Problem als Betroffene, Definitor(inn)en, Verursacher(innen), Akteure oder Akteurinnen des Wandels zu tun haben, prinzipiell angesprochen [sind]" (ebd.).

Lena Dominelli (2002) schreibt in ihrem Buch von 'client' unter Anführungszeichen:

"I use 'client' in quotes to indicate the problematic nature of this term and question the assumption that those who engage in 'client' relationships with social workers are dependent beings with no capacity to shape the world to their own liking. I consider both 'clients' and social workers as agents capable of influencing the social relationships in which they participate" (Dominelli 2002, 15).

Es ist nicht möglich, diese Begriffe zu vereinheitlichen und dies scheint auch nicht sinnvoll. Es wird versucht, diese unterschiedlichen Begriffe für Personen, die Peer-Arbeit in Anspruch nehmen, dem theoretischen oder praktischen Zusammenhang entsprechend zu verwenden.

Personen, die Peer-Arbeit in Anspruch nehmen, sind Individuen, die Namen und Lebensgeschichten haben. Sie werden als Persönlichkeiten wahrgenommen. Es ist nicht angedacht, sie in dieser Masterarbeit 'zu KlientInnen zu machen'. Um diese Abschlussarbeit schreib- und lesbar zu machen und natürlich aus Gründen des Datenschutzes sowie zum Schutz der Privatsphäre, sind die genannten Begriffe notwendig.

2.5 Vielfalt von Menschen

Zur Gründung der Selbstbestimmt Leben Bewegung schlossen sich Menschen mit Behinderungen zusammen, die aufgrund ihrer Behinderung die "besten ExpertInnen in eigener Sache" (Miles-Paul 1992) waren und ihr Leben und ihre Dienstleistungen selbstbestimmt gestalteten.

Die neue Frauenbewegung in den 1970er Jahren ging von der Gleichheit aller Frauen aus, die sich aus dem Unterschied zu Männern und gemeinsamen Diskriminierungserfahrungen ergab (siehe: 3.2.1 Geschichte der Frauenbewegung, S34).

In den jeweiligen Gründungsphasen wurden die Gemeinsamkeiten über unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und Wünsche verschiedener Menschen gestellt. Aktuelle Konzepte betonen dagegen die Vielfalt von Menschen.

Mit dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRDP) wird Vielfalt erstmals ein Menschenrecht (von Menschen mit Behinderungen). (vgl. Schulze 2010, 28) Die Vielfalt von Menschen mit Behinderungen (vgl. Präambel lit. I CRPD) und ihr wertvoller Beitrag zu einer vielfältigen Gesellschaft (vgl. Präambel lit. m CRPD) wird anerkannt. Daraus leitet sich ein Grundsatz der CRPD ab: "die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit;" (Art 3 lit. b CRPD). Die Unterschiedlichkeit bzw. Vielfalt leitet sich vom englischen Begriff 'Diversity' ab.

Das Konzept 'Diversity' spielt auch in den feministischen Theorien eine wichtige Rolle.

Es wird ein breites Verständnis von Vielfalt beschrieben, das in der Praxis der Sozialen

Arbeit und auch bei Dienstleistungen berücksichtigt werden muss:

"Diversity zielt so auf die demokratische Öffnung aller gesellschaftlichen Räume für alle Menschen ab: unabhängig von dem jeweiligen kulturellen Hintergrund, Religion, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, Geschlechterrolle, sexuelle Orientierung, Klasse, körperliche Verfasstheit etc. und unabhängig von der "Nützlichkeit" des jeweiligen Menschen" (Czollek u.a. 2009, 61).

Dieser Diversity-Ansatz geht von gleichen Erfahrungen von Menschen und der Vielfältigkeit von Lebenssituationen aus. (vgl. ebd., 60) Gerade im Peer Counseling und der feministischen Beratung wird 'die Gleichheit' von Frauen und Menschen mit Behinderungen betont. Es werden 'gleiche Lebenserfahrungen' vorausgesetzt. Um die Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen zu berücksichtigen, werden in Anlehnung an Dominellis Schreibweise von 'clients' (siehe: 2.4 Die 'Betroffenen', S 9) die Begriffe 'gleich', 'von Gleichen' usw. unter Anführungszeichen gesetzt: Beratung 'von Gleichen', Angebot 'von Gleichen' etc.

2.6 Überschneidungen von Diskriminierungen

Sowohl Menschen mit Behinderungen als auch Frauen machen viele Diskriminierungserfahrungen. Personen können aus verschiedenen Gründen gleichzeitig diskriminiert werden. Diskriminierungen können sich überschneiden und nicht differenzierbar sein; mit dem möglichen Effekt, dass sich niemand für die Unterstützung zuständig fühlt und auch eine rechtliche Verfolgung der Diskriminierungen ausbleibt. Die "Kreuzung als Überlagerungen unterschiedlicher Formen von Diskriminierungen" wird als "Intersektionalität" bezeichnet. (Czollek u.a.2009, 55) Der Fachbegriff wird am bildhaften Beispiel eines Rettungseinsatzes erklärt. Frauen werden zugleich aufgrund des Geschlechts (gender) und der Hautfarbe (race) diskriminiert:

"Diese Frauen sind verwundet, aber wenn die race-Ambulanz und die gender-Ambulanz am gleichen Ort eintreffen, sehen sie diese Frauen (of color) im intersektionellen Raum liegen und sie sagen: Wir können nicht erkennen, ob es sich hier um einen Fall von Rassismus oder Sexismus handelt und wenn sie uns das nicht sagen können, können wir nichts tun" (Crenshaw n. Czollek u.a., 2009, 55).

Das gleiche Bild lässt sich umlegen auf Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Behinderungen diskriminiert werden. Die gender-Rettung und die disability-Rettung fahren zum Ort an dem die Diskriminierungen erfolgen. Dort angekommen fühlt sich keine für die Unterstützung bei der Bekämpfung der Diskriminierungen zuständig.

Ein Verständnis von Intersektionalität ermöglicht einen Blick auf mehrfache und überschneidende Diskriminierungen. Dieses Konzept fordert, dass sich vielfältige Menschen verbünden und gegen Diskriminierungen bzw. Diskriminierungsstrukturen kämpfen und dabei inhaltliche Grenzen überschreiten. (vgl. Czollek u.a. 2009, 55)

"Intersektionalität soll darauf hinarbeiten, Konzepte zu entwickeln, in denen Menschen zusammen arbeiten und nicht unterschiedliche Kommittees und Stellen für einzelne Gruppen sich nur einsetzen (zum Beispiel nur für Frauen oder "behinderte" Menschen oder Migrant_innen)" (Czollek u.a. 2009, 55).

2.7 Modelle von Behinderung

2.7.1 Modelle von Behinderung aus wissenschaftlicher Sicht

Das wissenschaftliche Verständnis von Behinderung ist unterschiedlich und zieht sich quer durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen. Im Laufe der Zeit hat es sich verändert. Die ersten Wissenschaften, die sich mit dem Thema Behinderung befasst haben, waren die Medizin, die Psychologie und die Pädagogik. Des Weiteren hatten auch die Rechtswissenschaften ein Interesse an der Beschreibung von Behinderung. Diese wissenschaftlichen Disziplinen zielten vor allem darauf ab, Behinderung 'wieder gut' zu machen, und befassten sich mit dem Thema Behinderung in Bezug auf Therapie und Rehabilitation. (vgl. Waldschmidt 2005, 9)

Kritik an diesem traditionellen Wissenschaftsverständnis von Behinderung übten WissenschaftlerInnen mit Behinderungen und begründeten die Disability Studies:

"Eine Alternative zur vorherrschenden rehabilitationswissenschaftlichen Herangehensweise bietet die interdisziplinäre Forschungsrichtung Disability Studies, die in den 1980er Jahre in den USA und Großbritannien begründet wurde" (ebd.).

Die Disability Studies umfassen WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen.

"Die Disability Studies sind eine Querschnittsdisziplin, welche die vereinzelten Forschungsarbeiten zu Behinderung, die in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen unternommen werden, dort aber wenig Beachtung erfahren, unter einem eigenen Dach zusammenfasst" (ebd., 13).

Waldschmidt macht zwei Ziele der Disability Studies ausfindig:

"Erstens geht es darum, das Thema Behinderung aus seiner Randlage herauszuholen und in den Mittelpunkt eines interdisziplinären, theoretisch und methodologisch anspruchsvollen Forschungsprogrammes zu stellen" (ebd.).

Zweitens üben sie Kritik an den traditionellen Wissenschaften mit ihrer klinischen Sichtweise:

"Sie wollen zeigen, dass Behinderung zur Vielfalt des menschlichen Lebens gehört und eine allgemeine, weiter verbreitete Lebenserfahrung darstellt, deren Erforschung zu Kenntnissen führt, die für alle Menschen und die allgemeine Gesellschaft relevant sind" (ebd.).

Im deutschsprachigen Raum ist es den Disability Studies noch nicht gelungen, sich im wissenschaftlichen Betrieb vollständig zu etablieren und die wissenschaftliche Basis für eigene Forschungsprogramme zu entwickeln. (vgl. ebd.) Vor diesem Hintergrund lassen sich drei wissenschaftliche Modelle von Behinderung unterscheiden:

" Individuelles Modell von Behinderung" (ebd., 15): In den 1970er und 1980er Jahren wurde in den Industrieländern die Rehabilitation stark forciert, die zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt führen sollte. Ziel war, dass "der Einzelne so weit wie möglich an seine Umwelt angepasst wird" (ebd.). Es wurde zwischen "Schädigung (impairment), [...] Beeinträchtigung (disability) und Benachteiligung (handicap)" (ebd., 16) unterschieden. Die individuelle Schädigung wurde als einzige Ursache der Beeinträchtigung und Benachteiligung gesehen. Die Begriffe Benachteiligung/Handicap sind abwertend und werden jetzt nicht mehr verwendet. Die Abhängigkeit von Menschen mit Behinderungen von der Medizin und Rehabilitation sowie Psychologie und Pädagogik ist hier vorherrschend und es wird erwartet, dass sich Menschen mit Behinderungen individuell anpassen und 'ihre Behinderung bewältigen'.

" Soziales Modell von Behinderung " (ebd., 17): Dieses Modell von Behinderung entstand zu Beginn der 1980er Jahre. Es kam zu einer starken Unterscheidung zwischen 'impairment' und 'disability'. Impairment meint hier die individuelle, körperliche Beeinträchtigung, während disability gesellschaftliche Benachteiligung und Exklusion bedeuten. Das Soziale Modell besagt:

"Behinderung ist kein Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern das Produkt sozialer Organisationen. Sie entsteht durch systematische Ausgrenzungsmuster, die dem sozialen Gefüge inhärent sind. Menschen werden nicht aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigung behindert, sondern durch das soziale System, das Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet" (ebd., 18).

Die gesellschaftlichen Veränderungen sollen nicht durch ExpertInnen erfolgen, sondern durch die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen. Sie sind "mündige Bürgerinnen und Bürger, die zu Selbstbestimmung und demokratischer Partizipation fähig sind" (ebd., 19). Dieses Verständnis von Behinderung wird von der Selbstbestimmt Leben Bewegung bevorzugt und ist geeignet für Interessenvertretung und um soziale Veränderungen zu erkämpfen. Kritisiert wird, dass dieses Modell von Behinderung körperliche Beeinträchtigungen nicht berücksichtigt, der Medizin überlässt und/oder 'als gegeben' ansieht.

Gemeinsam ist beiden Modellen, dass Behinderung 'ein Problem' ist und 'eine Lösung' braucht. Das Problem 'Behinderung' wird durch soziale Dienstleistungen 'gelöst', allerdings mit unterschiedlichen Zielen. Sie werden dazu benötigt,

"damit - so das individuelle Modell - der einzelne möglichst reibungslos seinen gesellschaftlichen Pflichten nachkommen kann oder um - so das soziale Modell - soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und Anerkennung zu ermöglichen" (ebd., 23).

Das soziale Modell von Behinderung ist auch dazu geeignet, jene Dienstleistungen einzufordern, die Menschen mit Behinderungen zur gesellschaftlichen Teilhabe benötigen. (vgl. ebd., 19-24)

" Kulturelles Modell von Behinderung" (ebd., 24): Behinderung ist in diesem Modell kein 'Problem', sondern eine "körperliche Differenz" (ebd.). Es wurde im Rahmen der Kulturwissenschaften entwickelt und sieht Behinderung weder als Einzelschicksal noch als gesellschaftliche Diskriminierung. "Vielmehr geht es um ein vertieftes Verständnis der Kategorisierungsprozesse selbst, um die Dekonstruktion der ausgrenzenden Systematik und der mit ihr verbundenen Realität" (ebd., 25). Die strenge Unterscheidung zwischen 'behindert' und 'nicht-behindert' wird aufgeweicht. Diese Unterscheidung wird aktiv und durch Strukturen hergestellt.

"Die kulturwissenschaftliche Sichtweise [...] lässt die Relativität und Historizität von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozessen zum Vorschein kommen. Sie führt vor Augen, dass die Identität (nicht)behinderter Menschen kulturell geprägt ist und von Deutungsmustern des Eigenen und des Fremden bestimmt wird" (ebd.).

Hier wird die Gesellschaft als Ganzes und die soziale Konstruktion von 'Körper', 'Behinderung', 'Normalität' betrachtet. Dieses Modell geht davon aus, dass die Erbringung von Dienstleistungen für Chancengleichheit nicht genügt, "viel mehr bedarf es auch der kulturellen Repräsentation" (ebd., 27). (vgl. Waldschmidt 2005, 4-27)

2.7.2 Barrierefreiheit und Behinderung aus menschenrechtlicher Sicht

Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD) trat ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Behinderung ein. Sie geht nicht von einem Verständnis von Behinderung aus, sondern von der vollen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben. Die volle Teilhabe an der Gesellschaft ist nur möglich, wenn diese barrierefrei ist. Die Barrierefreiheit umfasst sechs Dimensionen:

  • "Physische Barrierefreiheit im Sinne der Ermöglichung von Mobilität Kommunikative Barrierefreiheit im Sinne der Ermöglichung von Kommunikation für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen, non-verbale Menschen und Menschen mit Sprachschwierigkeiten, aber auch Menschen mit Lernschwierigkeiten

  • Intellektuelle Barrierefreiheit im Sinne der Zugänglichkeit von Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten, zB durch Leichter-Lesen Formate

  • Soziale Barrierefreiheit im Sinne des Abbaus von Vorurteilen, Stereotypen und anderen Einstellungen, die Inklusion verhindern

  • Ökonomische Barrierefreiheit im Sinne von leistbarem Zugang zu Angeboten der Verbesserung der Inklusion unabhängig von eigenen Ressourcen

  • Institutionelle Barrierefreiheit im Sinne des Abbaus von segregativen Strukturen in wichtigen Lebenswelten" (Monitoringausschuss 2012, 3)

Vor diesem Hintergrund des Anspruchs auf Barrierefreiheit findet sich in der CRPD in der Präambel lit. e und Artikel 1 eine 'Nichtdefinition von Behinderung'. (vgl. Schulze 2010, 27) Behinderung entsteht durch Diskriminierungen und Barrieren in den genannten sechs Dimensionen. Dieses Verständnis von Behinderung wird auch als 'soziales Modell von Behinderung' bezeichnet.

"This non-definition enshrines the social model, i. e. recognizing that discrimination and therewith the disabling of access for persons with disabilities is largely due to barriers of various kinds, including the built environment, but even more so to social and attitudinal ones such as stereotypes, prejudices and other forms of paternalistic and patronizing treatment" (Schulze 2010, 27, Hervorhebung im Original).

Die CRPD geht von der Wechselwirkung zwischen 'behindert-sein' und 'behindertwerden' aus und drückt das sprachlich mit dem Begriff 'Menschen mit Behinderungen' bzw. 'Frau, Mann, Kinder etc. mit Behinderungen' aus. Die Verwendung des Mehrzahlwortes 'Behinderungen' wird wie folgt begründet:

"Im Englischen fasst der Plural die soziale Dimension des be-hindert Werdens - 'dis-able', sowie die physische Manifestation der Beeinträchtigung - impairment - zusammen. Letztere wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung auch als 'disability' bezeichnet" (Monitoringausschuss 2010, 3).

Die CRPD garantiert allen Menschen mit Behinderungen ihre Menschenrechte und Grundfreiheiten und die Vertragsstaaten haben diese zu gewährleisten. (vgl. Art 4 Abs. 1 CRPD) Die Vertragsstaaten müssen daher entsprechende und ausreichende Dienstleistungen zur Teilhabe an der Gesellschaft garantieren. Beispielsweise verpflichtet der Artikel 19 CRPD die Vertragsstaaten Persönliche Assistenz zu gewährleisten. Der Artikel 24 CRPD umfasst die Verpflichtung zur Gestaltung eines inklusiven Bildungssystems.

2.7.3 Verständnis von Behinderung in der Praxis

Die Interviewpartnerinnen von SLI betonen neben der Behinderung aufgrund körperlicher Einschränkungen und mangelnder Barrierefreiheit die subjektive Dimension davon. Behinderung ist abhängig von den eigenen Wünschen und der eigenen Einstellung zur Behinderung. Die Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen berichten von einer Frau, die durch einen nicht notwendigen Besuch der Sonderschule in der Folge behindert ist und wird. (siehe: 6.2.2.2 Begriff 'Behinderung', S 84)

2.7.4 Resümee zum Verständnis von Behinderung

Es wurden drei wissenschaftliche Verständnisse von Behinderung dargestellt, das individuelle, soziale und kulturelle Modell von Behinderung. Das medizinische und soziale Modell sieht Behinderung als individuelles bzw. gesellschaftliches Problem, das durch Dienstleistungen 'gelöst' werden soll. Die CRPD geht von der Barrierefreiheit der Gesellschaft in sechs Dimensionen aus, die der Staat zu gewährleisten hat. Ist diese nicht gegeben, werden Menschen mit Behinderungen von der Gesellschaft ausgeschlossen und an der Verwirklichung ihrer Menschenrechte gehindert. Die CRPD geht davon aus, dass 'behindert-sein' und 'behindert-werden' in einer Wechselwirkung stehen, und drückt das in der Verwendung des Begriffes 'Behinderungen' aus, beispielsweise Menschen, Frauen, Männer, SozialarbeiterInnen usw. mit Behinderungen. Der Staat hat die Pflicht, jene Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die Menschen mit Behinderungen für die volle Teilhabe an der Gesellschaft benötigen. Die Interviewpartnerinnen betonnen die subjektive Dimension von Behinderungen und berichten von Formen von Behinderung, die durch mangelnde Unterstützung entsteht.

In dieser Masterarbeit wird der menschenrechtliche Begriff von Behinderung verwendet, da sich Soziale Arbeit mit Wechselwirkungen zwischen Personen und Gesellschaft befasst und die Menschenrechte zu ihren Grundprinzipien zählen.

2.8 Verständnis von Geschlechtern

Die wissenschaftlichen Grundlagen zu den Kategorien Sex und Gender sind in den 'Gender Studies' zu finden. Diese entstanden in den 1975er Jahren in den USA. Sie stellen die Verhältnisse der Geschlechter in den Mittelpunkt ihrer Forschungen, "im Rahmen derer die Unterschiede und Beziehungen von biologischem und kulturellem Geschlecht untersucht werden." (Czollek u.a. 2009, 18) Die Gender Studies sind eine eigene, etablierte wissenschaftliche Disziplin, die fachübergreifend forscht:

"Gender Studies sind interdisziplinäre bzw. transdisziplinäre Studien. [...] Dabei gehen sie vom Geschlecht (Gender) als kulturelle Konstruktion von Sexualität und nicht als biologisches Geschlecht (Sex) aus" (ebd.).

Inter- und Transdisziplinarität bedeutet, dass WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen und mit verschiedenen und/oder abgewandelten Methoden Beiträge zu den Gender Studies leisten. Vor diesem Hintergrund lassen sich folgende Verständnisse von Geschlechtern bzw. Geschlechterverhältnissen beschreiben:

Sex:

"Sex wird als biologisches Geschlecht verstanden. Während es in Gender Studies

als biologische Gegebenheit aufgefasst wird, zeigen Queer Studies Sex wie Gender

als kulturell-gesellschaftlich konstruiert" (Czollek u.a. 2009, 22).

Gender:

"Die Konstruktion von Gender bedeutet die gesellschaftlich-kulturelle Herstellung bestimmter Rollen, Rollenbilder und Funktionen von Frauen und Männern. Es geht um die Erzeugung bzw. Herstellung von bestimmten Bedeutungen und Klassifikationen der Geschlechter sowie um bestimmte Zuordnungen und Zuweisungen der Geschlechter 'Mann und Frau' und um die Bestimmung ihrer Verhältnisse" (ebd., 21).

Aufgrund der Tatsache, dass Gender gesellschaftlich definiert wird, können sich die Geschlechterrollen und -aufgaben verändern. Es können sich daher auch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verändern.

Erst aufgrund der Unterscheidung von Sex und Gender war es möglich, die Wechselwirkungen zwischen dem biologischen Geschlecht und den sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen wissenschaftlich zu untersuchen. (vgl. Czollek u.a. 2009, 11-22)

Die Queer Studies kritisieren die Einschränkung auf Frau und Mann als einzige Geschlechtlichkeiten einer Gesellschaft, da sie Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten ausschließen.

"Queer Studies erweitern den Begriff Gender (Mann, Frau) hin zur Vielfältigkeit von Genderformen (Intersexuelle, Transgender etc.) und gelten als Ansatz der Infragestellung von festgelegten, stereotypen Identitäten mit der Zielsetzung der gleichen Möglichkeiten und gleichberechtigten Partizipation an gesellschaftlichen (d.h. sozialen, materiellen, politischen und kulturellen...) Ressourcen für queere Menschen. In ihrer pluralen Richtung vertreten sie den intersektionalen Ansatz" (ebd., 34).

Dies bedeutet, dass Sex keine biologische Gegebenheit ist, sondern ebenso sozial konstruiert ist. (vgl. ebd., 33-34)

Die Interviewpartnerinnen stellen in ihrer Arbeit 'reale Unterschiede' zwischen Männer und Frauen fest, die sich in wirtschaftlichen und politischen Nachteilen von Frauen ausdrücken. Die Rolle von Frauen in der Gesellschaft wird auch durch die Erziehung beeinflusst. Frauen mit Behinderungen sehen sich mit mehrfachen Diskriminierungen konfrontiert. (siehe: 6.2.2.3 Begriff 'Frau sein', S 85)

2.9 Macht und Empowerment

Empowerment ist ein wichtiger Begriff in der Sozialen Arbeit. Des Weiteren stellt sich in dieser Masterarbeit die Frage nach dem Umgang mit Macht. Es gibt viele Konzepte und Theorien zum Thema Macht. Das Wort 'Empowerment' enthält das englische Wort power, das in vielschichtiger Weise übersetzt werden kann. Es macht daher Sinn, Macht und Empowerment gemeinsam zu betrachten. Herriger (2010) tut dies auf vier Ebenen:

Das politische Verständnis von Empowerment befasst sich mit der "ungleiche[-n] Verteilung von politischer Macht und Einflußnahme." (Herriger 2010, 14) Empowerment bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Menschen mit wenig politischer Macht "sich ein Mehr an demokratischen Partizipationsmöglichkeiten und politischer Entscheidungsmacht aneignen" (ebd.). Es geht dabei darum, dass benachteiligte gesellschaftliche Gruppen, beispielsweise Menschen mit Behinderungen und Frauen, sich gemeinsam mehr politische Einflussmöglichkeiten erkämpfen. (vgl. ebd., 14-15)

Das lebensweltliche Verständnis von Empowerment übersetzt power mit "Stärke, Kompetenz, Durchsetzungskraft" (ebd., 15) zur Lebensgestaltung.

"Verwenden wir diesen zweiten Wortsinn, so meint Empowerment das Vermögen von Menschen, die Unüberschaubarkeiten, Komplikationen und Belastungen ihres Alltags in eigener Kraft zu bewältigen, eine eigenbestimmte Lebensregie zu führen, und ein nach eigenen Maßstäben gelingendes Lebensmanagement zu realisieren" (ebd.).

Dieses Verständnis von Empowerment umfasst die vorwiegend psychische Kraft zur Lebensgestaltung. Es beinhaltet auch die Kraft, mit komplexen beruflichen Situationen umzugehen und Entscheidungen, auch gegen den Willen anderer, zu treffen und durchzusetzen. (vgl. ebd., 15-16)

Das reflexive Verständnis von Empowerment bedeutet, dass sich Menschen, die sich machtlos oder ohnmächtig fühlen, selbst Macht und Kraft aneignen. Es handelt sich dabei um "Selbst-Bemächtigung" (ebd., 16) bzw. um "Selbst-Aneignung von Lebenskräften" (ebd., 16), die durch die Person selbst erfolgt und zu einer Änderung der Lebensgestaltung bzw. zu einem neuen, selbstbewussten Lebensverständnis führen. Die Selbstermächtigung kann auf "der Ebene der Alltagsbeziehungen wie auch auf der Ebene der politischen Teilhabe" (ebd., 16) erfolgen. (vgl. ebd., 16-17)

Das transitive Verständnis von Empowerment umfasst die Rahmenbedingungen und MitarbeiterInnen der Sozialen Arbeit, die Menschen bei der Gestaltung ihrer Selbstbestimmung unterstützen. Die Arbeitsweisen und Methoden von MitarbeiterInnen sollen so gestaltet sein, dass sie "Prozesse der (Wieder)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregen, fördern [...] und Ressourcen für Empowerment-Prozesse bereitstellen" (ebd., 17). (vgl. ebd., 17-18)

Das politische und reflexive Verständnis von Empowerment beschreibt Macht von Personen und sozialen Bewegungen, für ihre Interessen einzutreten und Ohnmacht in 'Eigenmacht' zu verändern. Diese Formen der Macht sind der Sozialen Arbeit nicht zugänglich. (vgl. ebd., 18-19)

Das lebensweltorientierte und transitive Verständnis von Empowerment umfasst Handlungsanleitungen für die Soziale Arbeit, die die selbstbestimmte Lebensgestaltung von Menschen verbessern. Das lebensweltorientierte Verständnis von Empowerment ist zusätzlich Entscheidungs- und Gestaltungsmacht, die in dieser Masterarbeit vor allem im beruflichen Zusammenhang interessant sind. (vgl. ebd., 19)

2.10 Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden Grundbegriffe der Masterarbeit beschrieben. Sie basieren auf zum Teil sehr umfangreichen wissenschaftlichen Grundlagen.

Soziale Arbeit ist dort gefragt, wo Menschen mit anderen Menschen und der Gesellschaft in Beziehungen treten und diese 'mit sozialen Problemen' behaftet sind. Sie trägt zum Wohlergehen von Menschen bei und ist den Menschenrechten verpflichtet. Die internationale Definition von Sozialer Arbeit geht von einer Profession der Sozialen Arbeit aus.

Soziale Arbeit sowie jede Form der Beratung und Unterstützung sind Dienstleistungen. Diese Masterarbeit betrachtet Dienstleistungen, die SozialarbeiterInnen vermitteln.

Peer-Arbeit umfasst konkrete Angebote für die Lebensgestaltung 'von Gleichen für Gleiche', die Beratung ist ein Teil davon. SLI vermittelt Persönliche Assistenz; das DOWAS für Frauen bietet betreutes Wohnen und eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft an.

Menschen, die Peer-Arbeit in Anspruch nehmen, sind individuelle Persönlichkeiten. In den Theorien der Sozialen Arbeit werden sie als 'clients' oder AdressatInnen bezeichnet. Bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen nehmen sie verschiedene Rollen ein: als AssistenznehmerInnen bzw. KundInnen oder als 'Klientinnen' bzw. Untermieterinnen. Eine Vereinheitlichung ist weder möglich noch sinnvoll. Daher wird versucht, im jeweiligen Kontext die richtigen Begriffe zu verwenden.

Das menschenrechtliche Verständnis von Behinderung geht von grundsätzlicher Barrierefreiheit und einer Wechselwirkung von 'behindert-sein' und 'behindert-werden' aus. Dies wird im Mehrzahlwort 'Behinderungen', bzw. Menschen/Männer/Frauen/usw. mit Behinderungen ausgedrückt.

Die Differenzierung zwischen Sex und Gender macht eine Unterscheidung zwischen dem körperlichen Geschlecht und den gesellschaftlichen Rollen von Frauen und Männern möglich. Die Queer Studies gehen von einer Vielfalt der Geschlechter aus. Sie sehen auch das körperliche Geschlecht als gesellschaftliche Konstruktion an. Die Praxis der Sozialen Arbeit zeigt wirtschaftliche und politische Benachteiligungen von Frauen.

Macht und Empowerment sind eng miteinander verbunden. Die persönliche Aneignung von Macht ist Schwerpunkt des politischen und reflexiven Verständnisses von Empowerment. Die psychische Macht zur praktischen Lebensgestaltung liegt dem lebensweltorientierten Verständnis zugrunde. Das transitive Verständnis von Empowerment richtet sich an SozialarbeiterInnen, die in ihrer Arbeit Selbstbestimmung und Selbstermächtigung unterstützen.

3 Peer-Arbeit im Vergleich

Die Peer-Arbeit in dieser Masterarbeit umfasst die Vermittlung von Dienstleistungen von und für Menschen mit Behinderungen sowie von und für Frauen. Diese sind

  • die Persönliche Assistenz von Selbstbestimmt Leben Innsbruck,

  • das betreute Wohnen sowie

  • die sozialpädagogische Wohngemeinschaft des DOWAS für Frauen.

Es werden die Entstehungsgeschichten der Selbstbestimmt Leben Bewegung und der Frauenbewegung und ihre Forderungen beschrieben. Die Analyse der Dienstleistungen von SLI und DOWAS für Frauen mit einer Differenzierung in Peer Support bzw. feministische Beratung und eine Abfolge von Entscheidungen sowie Vereinbarungen stellt den Schwerpunkt dieses Kapitels dar.

3.1 Peer-Arbeit von und für Menschen mit Behinderungen

3.1.1 Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung entstand in den 1960er Jahren in den USA, als sich an den Universitäten Illinois und California Menschen mit Behinderungen Studienplätze erkämpften. Ed Roberts - er benötigte ein Atemgerät und seine Arme und Beine waren gelähmt - erkämpfte sich 1962 an der University of California in Berkeley einen Studienplatz und übersiedelte auf den Campus der Universität. Er wird als "Vater der Independent Living Bewegung bezeichnet" (Miles-Paul 1992).

Für weitere Studierende mit Behinderungen war Ed Roberts ein Vorbild und sie erkämpften sich ebenfalls einen Studienplatz. Ende der 1960er Jahre gründeten sie gemeinsam die "Rolling Quards (die rollenden Tetraplegiker)" (ebd.). Das war die erste Organisation von Studierenden mit Behinderungen und der Beginn der Selbstbestimmt Leben Bewegung. (vgl. Miles-Paul 1992) Diese Gruppe kämpfte gegen bauliche Barrieren an der Universität und entwickelte Dienstleistungen, die eine selbstbestimmte Lebensgestaltung garantierten.

"Wir brauchten ein Dienstleistungssystem, das unseren Bedürfnissen nach Persönlicher Assistenz, VorleserInnen, GebärdendolmetscherInnen, Interessenvertretung gegenüber den Wohlfahrtsbehörden, Rollstuhlreparaturen [...], der Beseitigung von architektonischen Barrieren, Peer Support, Beförderungs- und Arbeitsmöglichkeiten gerecht wird" (Roberts n. Miles-Paul 1992).

Damit diese Dienstleistungen auch in der Zeit nach dem Studium der InitiatorInnen an der Universität weiter bestanden, wurde 1972 das erste Center for Independent Living in Berkeley gegründet, das allen Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde zur Verfügung stand und immer noch steht. (vgl. Miles-Paul 1992)

3.1.2 Grundsätze und Forderungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung

Die Grundsätze der Selbstbestimmt Leben Bewegung sind, dass sich Menschen mit Behinderungen gegenseitig unterstützen, sich selbst vertreten und in alle Bereiche des Lebens eingebunden sind. 1970 wurden diese Grundsätze erstmals formuliert:

  1. "Diejenigen, die die Bedürfnisse behinderter Menschen am besten kennen und wissen, wie diesen Bedürfnissen am besten begegnet werden kann, sind die Behinderten selbst.

  2. Den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen kann am effektivsten durch eine umfassende Organisation entsprochen werden, die eine weite Palette von Dienstleistungen anbietet.

  3. Behinderte sollen soweit wie möglich in das Leben der Gemeinde integriert sein" (Roberts n. Miles-Paul 1992).

Diese Grundsätze sind heute noch aktuell und lassen sich in sechs Forderungen der internationalen Selbstbestimmt Leben Bewegung differenzieren (vgl. Miles-Paul 2004):

  1. "Anti-Diskriminierung und Gleichstellung behinderter Menschen" (ebd.): Die Selbstbestimmt Leben Bewegung kämpft gegen alle Formen von Diskriminierung und fordert deren Beseitigung. Es geht dabei nicht um 'Almosen', sondern um Menschen- und Bürgerrechte, die die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen garantieren und auf UN-, EU- sowie nationalstaatlicher Ebene einklagbar sind.

  2. "Entmedizinisierung von Behinderung" (ebd.): Eine medizinische Sichtweise von Behinderung sieht Menschen ohne Behinderungen als Norm an. Daher ist der Großteil der Unterstützungen von 'ExpertInnen' (PflegerInnen, ÄrztInnen usw.) dominiert. Die Selbstbestimmt Leben Bewegung fordert, dass Menschen mit Behinderungen selbst ihre Unterstützung bezahlen und anleiten. Menschen mit Behinderungen sollen gemeinsam für ihre Rechte kämpfen und nicht 'nach medizinischen Diagnosen' Untergruppen bilden.

  3. "Nicht-Aussonderung und größtmögliche Integration in das Leben der Gemeinde" (ebd.): Heime, Sonderschulen und Institutionen, die Menschen mit Behinderungen an der freien Lebensgestaltung hindern, müssen abgeschafft werden. "Die Selbstbestimmt Leben Bewegung [...] fordert und betreibt den Aufbau von wohnortnahen und bedarfsgerechten Beratungs- und Unterstützungsdiensten, die allen Menschen ein Leben in einer frei gewählten Umgebung mit akzeptablen Möglichkeiten zusichern sollen" (Miles-Paul 2004). Die Finanzströme sollen dementsprechend von großen Institutionen hin zu Unterstützungen, die ein selbstbestimmtes Leben am Wohnort ermöglichen, umgeleitet werden.

  4. "Größtmögliche Kontrolle über die eigenen Organisationen" (ebd.): Menschen mit Behinderungen schließen sich in Organisationen zusammen, vertreten ihre Interessen selbst und verhandeln ihre Anliegen mit der Politik. Menschen mit Behinderungen vertreten ihre Forderungen auch in der Öffentlichkeit und sind in den Medien präsent.

  5. "Größtmögliche Kontrolle über die Dienstleistungen für Behinderte durch Behinderte" (ebd.): Dienstleistungen werden von Menschen mit Behinderungen selbst gesteuert und aufgrund ihrer Erfahrungen gestaltet.

  6. "Peer Counseling, Peer Support und Empowerment als Schlüssel zur Ermächtigung Behinderter" (ebd.): Im Rahmen der Beratung von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen können Lebenserfahrungen geteilt und gegenseitige Bestärkung erlebt werden. (vgl. Miles-Paul 2004; Details dazu: 3.1.4.1 Allgemeines zum Peer Support, S 25)

Mit 1.1.2006 trat das Bundes-Behindertengleichstellungspaket (Republik Österreich 2005) in Kraft, das mit mehreren Gesetzen einen Diskriminierungsschutz für Menschen mit Behinderungen schuf. Seit 26.10.2008 gilt das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" (CRPD), das die Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen bekräftigt und differenziert. Beide Gesetze waren langjährige Forderungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung und stärken die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die garantierten Rechte müssen in die Realität umgesetzt werden. Dies ist bei Weitem noch nicht der Fall, wie die Praxis von SLI zeigt. Beispielsweise ist die Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Persönliche Assistenz noch nicht umgesetzt. (siehe: 6.2.5 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen, S 93)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die zentralen Forderungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung die rechtliche Gleichstellung und die selbstverständliche Teilhabe aller Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sind. Diese Forderung wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder aktualisiert und mit unterschiedlichen Schwerpunkten ausformuliert.

3.1.3 Entstehung von Selbstbestimmt Leben Innsbruck

Die Ideen der Selbstbestimmt Leben Bewegung kamen in den 1980er Jahren aus den USA (siehe: 3.1.1 Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung, S 21) über Deutschland nach Österreich.

1978 entstand in Innsbruck eine Initiativgruppe von Menschen mit und ohne Behinderungen.

1985 entstand aus dieser Initiativgruppe der Mobile Hilfsdienst Tirol.

1994 gründeten Menschen mit Behinderungen des Mobilen Hilfsdienstes Tirol die

Selbstbestimmt Leben Initiative.

2003 wurde diese zum eigenständigen Verein Selbstbestimmt Leben Innsbruck (SLI).

(vgl. Stockner o.J. a., 17)

2004 wurde ein Organisationsentwicklungsprozess durchgeführt, in dem sich SLI an den steigenden Bedarf der Persönlichen Assistenz anpasste (vgl. Stockner o.J. b, 53).

Die Tätigkeit von SLI umfasst drei "Arbeitsschwerpunkte":

  • "Beratung"

  • "Assistenzvermittlung"

  • "Interessensvertretung" (ebd.).

3.1.4 Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen

3.1.4.1 Allgemeines zum Peer Support

Um die Ziele und Grundsätze der Selbstbestimmt Leben Bewegung (siehe: 3.1.2 Grundsätze und Forderungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung, S 22) umzusetzen, ist Peer Support notwendig. Peer Support übersetzt Miles-Paul (1992) in das Deutsche mit "Unterstützung durch Ebenbürtige oder Gleiche".

"Mit dieser Begriffsverwendung kann sowohl die professionelle Beratung und die Anleitung von Gruppen durch Behinderte und für Behinderte, als auch die äußerst wichtige Selbsthilfeförderung und Selbsthilfetätigkeit von Behinderten für Behinderte mit einbezogen werden" (ebd.).

Das wichtigste Merkmal des Peer Support ist, dass BeraterInnen selbst eine Behinderung haben und somit Rollenvorbilder sind.

"Da die behinderten BeraterInnen bereits einen bestimmten Grad an Selbstbestimmung erreicht haben müssen, zeigen sie, daß die Führung eines selbstbestimmten Lebens für Behinderte möglich ist" (ebd.).

Das folgende, aktuelle Verständnis von Peer Support hebt hervor, dass Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an der Gesellschaft teilen:

"In diesem Zusammenhang heißt 'Peer' eine Person, die dazu steht, eine Behinderung zu haben, und die somit eine gemeinsame Lebenserfahrung hat, nämlich die, mit einer Behinderung in der selben Gesellschaft zu leben" (Stix o.J.).

Durch diese Vorbilder können Menschen mit Behinderungen auf Ideen zur selbstbestimmten Lebensgestaltung kommen, die durch eine Beratung von Menschen ohne Behinderung nicht möglich wäre.

Miles-Paul unterscheidet folglich zwischen der "informelle[-n] Peer-Beziehung" (Miles-Paul 1992) und "Peer Support in Independent Living Programmen" (ebd.). Ersteres sind private Bekanntschaften zwischen Menschen mit Behinderungen, die es immer schon gab. Gerade in (vorübergehend) aussondernden Einrichtungen wie Heimen, Sonderschulen, Rehabilitationszentren usw. treffen sich Menschen mit Behinderungen, tauschen sich aus und unterstützen sich. Jedoch leben in diesen Einrichtungen wenig Menschen mit Behinderungen, die als Rollenvorbild für ein emanzipiertes und selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz dienen können.

"So bleiben unterstützende Kontakte zwischen Behinderten weitgehend dem Zufall

und denjenigen überlassen, die ohnehin schon über gute Beziehungen zu anderen

Behinderten verfügen" (Miles-Paul 1992).

"Peer Support in Independent Living-Programmen" (ebd.) ist das 'professionelle und öffentliche Angebot' des Peer Support, das jedem und jeder zugänglich sein soll. Angestellte BeraterInnen mit Behinderungen sind Rollenvorbilder und bieten Peer Support an. In den USA hat dieses Angebot viele verschiedene Formen: institutionalisierte Selbsthilfegruppen bzw. Peer Gruppen, Beratung auf Außendiensten, Beratung im Rahmen der Rehabilitation und informeller Netzwerke. (vgl. ebd.)

Die wichtigste Methode des Peer Support ist die klientInnenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers. Dabei stehen nicht Gesprächsführungstechniken im Vordergrund, sondern eine gute Vertrauensbasis zwischen Kunde bzw. Kundin und Peer BeraterIn. Aufgrund dieser Vertrauensbasis haben KundInnen dann die "Freiheit" (ebd.) sich angstfrei zu verändern und weiter zu entwickeln. (vgl. Miles-Paul 1992)

Die Interviewpartnerinnen von SLI sehen Möglichkeiten und Risiken für Peer BeraterInnen und Zu-Beratende. Das Teilen gemeinsamer Erfahrungen und das Aufzeigen von Diskriminierungen sind die großen Vorteile des Peer Support bei SLI. Mangelnde Abgrenzungsmöglichkeiten auf beiden Seiten sind die Risiken. (siehe: 6.2.2.4 Begriff Beratung 'von Gleichen für Gleiche', S 86)

3.1.4.2 Ausbildung im Rahmen des Peer Support

Je nachdem welche Aufgaben im Rahmen des Peer Support übernommen werden, ist in den USA eine akademische Ausbildung der BeraterInnen notwendig. Diese leiten auch BeraterInnen ohne akademische Ausbildung an.

"Die Peer-UnterstützerInnen, die oft nicht über einen akademischen Abschluß verfügen müssen, arbeiten unter der engen Anleitung von professionellen BeraterInnen, die als KoordinatorInnen fungieren und die Zuordnung zu den verschiedenen Peer-UnterstützerInnen übernehmen" (Miles-Paul 1992).

Damit ist klargestellt, dass für einen beruflichen Peer Support neben der eigenen Behinderung eine akademische Ausbildung notwendig ist. Eine Ausbildung in der Sozialen Arbeit ist für den Peer Support besonders geeignet. Das belegt das folgende Zitat:

"Die US-amerikanische Behindertenarbeit hat sich neben den professionellen Methoden der Sozialarbeit auch die Vorteile der Selbsthilfe zu Nutze gemacht und eine Form der psychosozialen Unterstützung und Ermächtigung von behinderten Menschen entwickelt, die eine Vielzahl von Vorteilen mit sich bringt und mittlerweile weltweite Anerkennung und Nachahmung gefunden hat" (ebd.).

3.1.5 Persönliche Assistenz

3.1.5.1 Persönliche Assistenz als internationale Modelle

Menschen mit Behinderungen benötigen in unterschiedlichen Bereichen des Alltags Unterstützung. Diese wird oft von Eltern, Angehörigen oder einem Wohnheim erbracht. Diese Unterstützungsangebote führen zu Abhängigkeiten, die keine selbstbestimmte Lebensführung zulassen. (vgl. Ratzka 2004, 1) Für die Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens haben Menschen mit Behinderungen in den 1960er Jahren das Modell der Persönlichen Assistenz entwickelt. (siehe: 3.1.1 Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung, S 21) Adolf Ratzka hat 2004 eine "Richtlinie für eine beispielhafte nationale Gesetzgebung für persönliche Assistenz" verfasst und dabei ein 'weiteres Modell' der Persönlichen Assistenz beschieben.

Nach dieser Richtlinie ist Persönliche Assistenz 'ganzheitlich' und umfasst die Unterstützung bei der Körperpflege, im Haushalt und im Berufsleben sowie bei "der Kommunikation, der Tagesstrukturierung oder ähnlichen kognitiven oder psychosozialen Aufgaben" (Ratzka 2004, 3).

Die Finanzierung der Persönlichen Assistenz erfolgt nicht über eine Institution, sondern geht immer von Menschen mit Behinderungen selbst aus.

"Dies schliesst das Recht mit ein, sich massgeschneiderte Dienstleistungen einzukaufen. Damit die freie Wahl gewährleistet ist, müssen die Assistenznehmer/innen frei darüber entscheiden können, wer, was wann, wo und wie für sie erledigt" (ebd., 4).

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Kontrolle der Persönlichen Assistenz. Dieses umfasst die notwendige Unterstützung bei mehreren, unterschiedlichen DienstleistungsanbieterInnen einkaufen zu können oder als ArbeitgeberInnen die Persönlichen AssistentInnen selbst anzustellen, auszubilden, zu organisieren und anzuleiten. "Vereinfacht ausgedrückt bedeutet 'persönliche Assistenz', dass Assistenznehmende Kunden bzw. Vorgesetzte sind" (ebd., 4).

Um diese Vorgesetztenfunktion wahrnehmen und aus verschiedenen Angeboten auswählen zu können, kann ebenso Unterstützung in Anspruch genommen werden. "Kinder, sowie Assistenznehmer/innen mit kognitiven oder psycho-sozialen Einschränkungen, benötigen eventuell Unterstützung von Dritten, um diese Aufgaben ausführen zu können" (ebd., 4).

Ein 'engeres und älteres Modell' der Persönlichen Assistenz liegt beim 'ArbeitgeberInnenmodell' vor. Die AssistenznehmerInnen nehmen hier vier Kompetenzen selbst wahr:

  • "Personalkompetenz: Die Assistenznehmerin wählt ihre Persönlichen Assistentinnen selbst aus und schließt mit ihnen Arbeitsverträge ab.

  • Anleitungskompetenz: Die Assistenznehmerin leitet ihre Persönlichen Assistentinnen selbst an, da sie am besten weiß, in welchen Bereichen sie Persönliche Assistenz benötigt.

  • Organisationskompetenz: Die Assistenznehmerin bestimmt selbst den zeitlichen Ablauf der erforderlichen Persönlichen Assistenz, d.h. sie gestaltet ihren Tagesablauf in Eigenregie.

  • Finanzkompetenz: Die Assistenznehmerin bezahlt ihre Persönlichen Assistentinnen selbst" (Mobile 2001, 189, Hervorhebungen im Original).

Diese Kompetenzen sind Voraussetzung, um die Persönliche Assistenz in Anspruch zu nehmen. Sie können im Rahmen des Peer Support kurz- bis mittelfristig erworben und vertieft werden. Daher ist der Personenkreis, der Persönliche Assistenz nach dem 'engeren Modell' in Anspruch nehmen kann, kleiner. (vgl. Ratzka 2004, 4)

Das 'ArbeitgeberInnenmodell' sieht grundsätzlich kein Dienstleistungsmodell vor, bildet aber dennoch die Grundlage der Persönlichen Assistenz als Dienstleistung von SLI.

Damit Menschen mit Lernschwierigkeiten diese Dienstleistung in Anspruch nehmen können, möchte SLI seine Dienstleistung in Richtung 'weiteres Modell' weiterentwickeln. (siehe: 6.2.2.1 Vorstellen von Vereinen und Personen, S 83)

Stellen AssistenznehmerInnen die Persönlichen AssistentInnen selbst an, haben sie die größte Autonomie und den größten Gestaltungsspielraum bei der Organisation der Persönlichen Assistenz.

Das Dienstleistungsmodell beinhaltet die Zusammenarbeit mit DienstleistungsanbieterInnen, die Beratung und Vermittlung der Persönlichen AssistentInnen sowie Unterstützung bei organisatorischen und administrativen Aufgaben anbieten. Das kann Erleichterungen bei der Assistenzorganisation mit sich bringen. Die DienstleistungsanbieterInnen von Persönlicher Assistenz haben selbst Interessen und Regeln, die mit AssistenznehmerInnen abgestimmt werden. Die AssistenznehmerInnen müssen diese Interessen und Regeln im Rahmen ihrer Assistenzverhältnisse berücksichtigen. Das kann ihre Autonomie einschränken.

3.1.5.2 Persönliche Assistenz als Beratungsprozess

Der Weg zur Persönlichen Assistenz erfolgt in mehreren Beratungsschritten:

Am Beginn steht ein Beratungsgespräch, in dem Peer BeraterInnen und potenzielle KundInnen persönliche Wünsche und Vorstellungen sowie Art und Umfang der Persönlichen Assistenz besprechen. In einem nächsten Schritt geht es um die Auswahl der geeigneten Persönlichen AssistentInnen. Die KoordinatorInnen schlagen mehrere mögliche Persönliche AssistentInnen aus der Kartei vor. AssistenznehmerInnen nehmen ihre ArbeitgeberInnenrolle wahr, führen Vorstellungsgespräche und suchen sich ihre geeigneten MitarbeiterInnen aus. Bei Vorstellungsgesprächen, bei der Auswahl der Persönlichen AssistentInnen und bei der Organisation und Anleitung der Persönlichen Assistenz können wiederum Beratung und Unterstützung durch die KoordinatorInnen in Anspruch genommen werden. (vgl Wasle o.J., 33-35)

Die Interviewpartnerinnen von SLI ergänzen, dass sie im Rahmen der Erstgespräche die Wünsche der potenziellen AssistenznehmerInnen mit den Möglichkeiten des SLI und der KoordinatorInnen vergleichen und überlegen, ob diese erfüllbar sind. (siehe: 6.2.3.2 Erstberatung, S 90)

Die laufende Beratung orientiert sich am Bedarf und an den Wünschen der AssistenznehmerInnen und ist die Begleitung von der Selbstbestimmung zur Fremdbestimmung. (siehe: 6.2.3.4 Laufende Begleitung, S 90) Im Laufe des Assistenzverhältnisses kann es zu verschiedenen Konflikten kommen, die an die KoordinatorInnen herangetragen werden. Ist dies der Fall, unterstützen sie bei Konflikten auf vielfältige Weise. (siehe: 6.2.4 Umgang mit unterschiedlichen Interessen, S 91)

3.1.5.3 Persönliche Assistenz als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen

In Tirol kann Persönliche Assistenz nur über den Verein Selbstbestimmt Leben Innsbruck in Anspruch genommen werden. Die Verrechnung erfolgt direkt zwischen Selbstbestimmt Leben Innsbruck und dem Land Tirol nach dem Tiroler Rehabilitationsgesetz (vgl. Land Tirol 1983). Die AssistenznehmerInnen bezahlen den festgesetzten Selbstbehalt direkt an SLI. (vgl. Wasle o.J., 33-35) Die Finanzkompetenz der AssistenznehmerInnen nach dem 'engeren Modell' der Persönlichen Assistenz ist daher eingeschränkt. (siehe: 3.1.5.1 Persönliche Assistenz als internationale Modelle, S 27 - 'engeres Modell' von Persönlicher Assistenz)

Parallel zur Peer Beratung müssen von den KoordinatorInnen (und potenziellen KundInnen) Entscheidungen und Vereinbarungen getroffen sowie bürokratische Tätigkeiten erledigt werden.

Zuerst entscheiden die potenziellen AssistenznehmerInnen selbst, ob sie das Angebot von SLI in Anspruch nehmen möchten. Ist dies der Fall, entscheiden die KoordinatorInnen im Rahmen der Erstberatung oder in komplexen Situationen das KoordinatorInnenteam, ob die Persönliche Assistenz in der gewünschten Art und Weise angeboten werden kann. (siehe: 6.2.3.3 Entscheidung über das Angebot, S 90)

Anschließend stellen die AssistenznehmerInnnen einen Antrag auf die notwendigen Assistenzstunden nach dem Tiroler Rehabilitationsgesetz (die KoordinatiorInnen sind dabei unterstützend tätig) und erhalten nach der Durchführung des Behördenverfahrens eine Bewilligung. Diese enthält eine Zusage über die Finanzierung von Persönlicher Assistenz über SLI und die Höhe des Selbstbehalts.

Danach schließt Selbstbestimmt Leben Innsbruck mit den AssistenznehmerInnen Leistungsvereinbarungen ab.

"Verträge zwischen KundInnen und SLI werden einerseits auf den konkreten Bedarf zugeschnitten, die Leistungen zu definieren, die SLI zu erbringen hat und andererseits für die KundInnen die Verpflichtung zur Fortbildung enthalten" (Stockner o.J. b, 53).

Die Leistungen von SLI für die AssistenznehmerInnen sind die Vermittlung von Persönlichen AssistentInnen, die Veranstaltung von KundInnenschulungen und das Angebot der Peer Beratung.

Die KundInnen haben die ArbeitgeberInnenkompetenzen und -pflichten gegenüber den Persönlichen AssistentInnen. Sie bestimmen, wann, wo und wie die Persönliche Assistenz erfolgt und sind auch für die 'gute' Anleitung, Organisation und Kontrolle der Persönlichen AssistentInnen verantwortlich. (siehe: 3.1.5.1 Persönliche Assistenz als internationale Modelle, S 27 - 'engeres Modell' von Persönlicher Assistenz) Des Weiteren verpflichten sich die KundInnen gegenüber SLI zur Teilnahme an den KundInnenschulungen und zur Teilnahme an Beratungen.

SLI schließt Dienstverträge mit den Persönlichen AssistentInnen ab, geht mit ihnen ein Rechtsverhältnis ein und die KoordinatorInnen werden zu Ansprechpersonen, wenn Probleme mit den AssistenznehmerInnen nicht direkt lösbar sind. SLI bietet AssistentInnenschulungen an und verpflichtet sich zur Auszahlung der Löhne für geleistete Persönliche Assistenz, wenn die AssistentInnen die von den KundInnen unterschriebenen Stundenzettel abgeben.

Persönliche AssistentInnen sind verpflichtet die Persönliche Assistenz bei den AssistenznehmerInnen zu leisten und einmalig an der AssistentInnenschulung teilzunehmen.

Insgesamt ergibt sich daher folgendes Dienstleistungsdreieck:

Abbildung 1: Dienstleistungsdreieck 'Persönliche Assistenz in Tirol' - eigene Darstellung

Im Rahmen der Vermittlung von Persönlichen AssistentInnen handelt der Verein durch seine KoordinatorInnen. Sie übernehmen eine zentrale und vermittelnde Rolle. Sie schließen für den Verein die Leistungsvereinbarungen mit den AssistenznehmerInnen und die freien Dienstverträge mit den Persönlichen AssistentInnen ab. Dies ist erst möglich, wenn alle Interessen und Wünsche abgeglichen sind.

3.1.6 Resümee zur Persönlichen Assistenz als Dienstleistung

Das Modell der Persönlichen Assistenz wurde von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der Selbstbestimmt Leben Bewegung entwickelt. Im Laufe der Zeit wurde es von einem 'engeren' ArbeitgeberInnenmodell zu einem 'weiteren' Unterstützungsmodell für alle Menschen mit Behinderungen ausgebaut.

Das Modell der Persönlichen Assistenz sieht seit Langem zwei Organisationsformen vor: AssistenznehmerInnen stellen als ArbeitgeberInnen die Persönlichen AssistentInnen selbst an; die AssistenznehmerInnen bekommen Persönliche AssistentInnen von DienstleistungsanbieterInnen vermittelt, suchen diese selbst aus und entscheiden dann 'frei' über ihren Einsatz. Die Administration der AssistentInnen wird zum großen Teil über die DienstleistungsanbieterInnen abgewickelt.

Ein Beratungsprozess durch Peer BeraterInnen steht am Beginn der Inanspruchnahme der Persönlichen Assistenz als Dienstleistung. Parallel dazu müssen von allen Beteiligten mehrere Entscheidungen getroffen werden. Kommt es zu übereinstimmenden Entscheidungen, werden die entsprechenden Verträge und Vereinbarungen abgeschlossen.

Im weiteren Verlauf des Assistenzverhältnisses findet die Beratung nach Bedarf statt. Des Weiteren kann es in Assistenzverhältnissen zu Konflikten kommen, für deren Bearbeitung die KoordinatorInnen unterstützend zur Verfügung stehen.

In Tirol erfolgt die Finanzierung der Dienstleistung der Persönlichen Assistenz ausschließlich indirekt über die öffentliche Hand. Ginge die Finanzierung der Persönlichen Assistenz direkt von AssistenznehmerInnen aus und würden sie das Dienstleistungsmodell über SLI wählen, wäre das dargestellte Dienstleistungsdreieck grundsätzlich gleich. Statt der Vorlage der Bewilligung über die Persönliche Assistenz und der Bezahlung des Selbstbehalts würden die AssistenznehmerInnen die gesamten Kosten der Dienstleistung begleichen.

3.1.7 Exkurs: Eine Selbstbestimmt Leben Bewegung, die differenziert

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung wurde von Menschen mit Körperbehinderungen gegründet. Sie entwickelten zuerst das 'engere Modell' von Persönlicher Assistenz, das viele Kompetenzen voraussetzt. Wer diese Kompetenzen nicht hatte oder nicht (mittelfristig) im Rahmen des Peer Support erwerben konnte, konnte Persönliche Assistenz nicht in Anspruch nehmen. Das schloss Menschen mit Behinderungen aus, ebenso viele Menschen mit Lernschwierigkeiten. Erst das 'weitere' und zeitlich jüngere Modell der Persönlichen Assistenz von Adolf Ratzka steht - zumindest in der Theorie - allen Menschen mit Behinderungen offen. (siehe: 3.1.5.1 Persönliche Assistenz als internationale Modelle, S 27)

An diesem Beispiel lässt sich zeigen, dass die Selbstbestimmt Leben Bewegung nicht die Interessen aller Menschen mit Behinderungen vertritt bzw. vertreten hat. Das gilt nicht nur für die Persönliche Assistenz, sondern auch für viele Lebensbereiche, wie die folgende Kritik belegt:

"Dass körper- und sinnesbehinderte Menschen für sich selbst sprechen, ihre Interessen vertreten, Forderungen an die Politik stellen und richtiges Geld für richtige Arbeit verdienen können, ist mittlerweile durchaus selbstverständlich. Männer und Frauen mit Lernschwierigkeiten werden davon allerdings meistens ausgeschlossen. [...] Doch der Selbstbestimmt Leben Bewegung ist die gleichberechtigte Teilhabe aller behinderten Frauen und Männer an allen gesellschaftlichen Prozessen und Lebensbereichen ein wichtiges Anliegen" (Gritsch 2005, 25).

Das Projekt WIBS, eine Beratungsstelle von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten, hat seit 2002 das 'engere Modell' der Persönlichen Assistenz um ein Vorschlagsrecht in Richtung des 'weiteren Modells' ergänzt. (vgl. ebd.) Die praktische Umsetzung des 'weiteren Modells' wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

3.2 Peer-Arbeit von und für Frauen

3.2.1 Geschichte der Frauenbewegung

Die Frauenbewegung hat die Grundlagen für die feministische Beratung entwickelt. In Westeuropa werden drei Phasen der Frauenbewegung unterschieden. Die erste Phase ist die sogenannte "alte Frauenbewegung" (Czollek u.a. 2009, 101). Diese Periode der Frauenbewegung dauerte von "Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts" (ebd.) und setzte sich "vor allem für politische und bürgerliche Rechte von Frauen ein" (ebd.). Die Gleichheit von Männern und Frauen in Politik und Gesellschaft war ihr Ziel. Wichtige Forderungen waren unter anderem das Wahlrecht für Frauen, die Verwirklichung von Menschenrechten für Frauen - die erst später, 1979 zur UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau führte - sowie der freie Zugang zu Bildung und Universitäten. (vgl. ebd., 101-103)

Die "Neue (autonome) Frauenbewegung" (Czollek u.a. 2009, 117) formierte sich zeitlich parallel und inhaltlich in Abgrenzung zur Studierendenbewegung der 1968er Jahre. Ihr Beginn wurde mit den 1970er Jahren festgelegt und sie wandte sich gegen bestehende gesellschaftliche Diskriminierungen von Frauen, die von der Studierendenbewegung nicht aufgegriffen wurden. In inhaltlicher Hinsicht standen die Gemeinsamkeiten 'aller Frauen' im Vordergrund. Frauen fühlten sich als Opfer der Gewalt von Männern, zeitgleich wehrten sie sich gegen gesellschaftliche Rahmenbedingungen und waren politisch und wissenschaftlich aktiv (vgl. ebd., 117-121):

"Die neue Frauenbewegung der 1970er veränderte Einiges auf der Ebene des Politischen und der Sozialen Arbeit und etablierte gleichzeitig neue wissenschaftliche-theoretische Zugänge (Frauenforschung und feministische Theorien)" (ebd., 117).

Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten entstanden Frauenhäuser und feministische Beratungsstellen von und für Frauen sowie weitere Projekte.

"Durch die Auffassung einer gemeinsamen Gewaltgeschichte der Frauen etablierte sich feministisch orientierte Soziale Arbeit im Bereich der Arbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen, im Zuge derer die Entstehung der Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen zu verankern ist" (ebd.).

Ab den 1980er Jahren änderten sich die inhaltlichen und die theoretischen Schwerpunkte. Es stand die "Mittäterschaft von und die Differenzen zwischen Frauen" (ebd., 121) im Vordergrund. Unter "Mittäterschaft" (ebd.) wurde verstanden, dass Frauen nicht nur Opfer und Männer nicht nur Täter waren. Frauen trugen ihren Teil zum Fortbestand des ungerechten Gesellschaftssystems bei.

Des Weiteren wurden geschichtliche Forschungen über die Zeit des Nationalsozialismus durchgeführt, und es stellte sich dabei heraus, dass Frauen auch Täterinnen waren. (vgl. ebd., 121-122)

Die feministischen Theorien der westeuropäischen Frauenbewegung bezogen sich auf Westeuropa und wurden verallgemeinert. Es wurden die Lebensbedingungen "Schwarzer Menschen, Schwarzer Frauen und Rassismus nicht reflektiert" (ebd. 124). Mit dieser Nichtbeachtung handelte sich die Frauenbewegung die Kritik ein, dass sie Rassismus zu wenig beachtete. Die Situation von Frauen mit Behinderungen wurde in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt. (vgl. Czollek u.a. 2009, 117-125)

Die dritte Phase der Frauenbewegung begann in 1990er Jahren. Es kam zu einer weiteren Differenzierung der Theorien. Es wurde die Unterscheidung zwischen Sex und Gender hinterfragt. Im Rahmen dieser Phase der Frauenbewegung entwickelten sich die Queer Studies, die die ausschließliche Unterscheidung in Frauen und Männern und den Vorrang von heterosexuellen Beziehungen kritisierten. Es gab und gibt "eigene Genderformen: gemeint sind damit intersexuelle Menschen, Transsexuelle, Transgender, Lesben, Schwule etc." (ebd., 33; vgl. ebd., 33 u. 126).

3.2.2 Grundsätze und Forderungen der Frauenbewegungen

Die zentrale Forderung der 'alten Frauenbewegung' ab Mitte des 19. Jahrhunderts war die nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Gesellschaft. Diese Forderung lässt sich in eine ökonomische, politische und rechtliche Dimension differenzieren. Die Forderung nach Gleichberechtigung bezog sich vor allem auf das gesellschaftliche Zusammenleben und nicht auf die Verteilung von Sozialleistungen. Jedoch war diese Differenzierung mit der Forderung "nach gleicher Partizipation von Frauen an gesellschaftlichen Ressourcen" (Czollek u.a. 2009, 102) schwer aufrechtzuerhalten. Des Weiteren waren die Begründerinnen der Profession der Sozialen Arbeit Teil der alten Frauenbewegung und lenkten schon damals ihren Blick nicht nur auf die gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch auf Fürsorge und Wohlfahrt. (vgl. ebd., 102-103)

Die Forderung der alten Frauenbewegung nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern bleibt weiterhin aufrecht, jedoch werden unterschiedliche Ursachen der Ungleichheit identifiziert und auch bekämpft. Die neue Frauenbewegung in den 1970er Jahren befasst sich mit:

"Macht- und Herrschaftsstrukturen und zielt auf die Veränderung der Gesellschaft ab, in der Frauen qua Geschlecht unterdrückt, diskriminiert, marginalisiert werden, (struktureller) Gewalt ausgesetzt oder mit Sexismus konfrontiert sind." (Czollek u.a. 2009, 118).

Die gesellschaftliche Dominanz der Männer soll auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene verändert werden (vgl. ebd.).

In den 1990er Jahren wird die Anerkennung der Vielfältigkeit von Geschlechtsidentitäten, Geschlechterrollen und sexueller Orientierungen gefordert (vgl. ebd., 126-127).

Lena Dominelli fasst - trotz aller Verschiedenheit feministischer Ansätze und Bewegungen folgende - Grundsätze zusammen, die auch einen Ausblick in die Zukunft geben:

  • "integrating the personal and political dimensions of life" (Dominelli 2002, 3);

  • "respecting the diversity encompassed by women" (ebd.);

  • "seeking more egalitarian forms of social relationships" (ebd.);

  • "transforming the existing social order for it serves badly the needs, of men,

  • women and children" (ebd.).

Wie die Praxiserfahrungen der Interviewpartnerinnen des DOWAS für Frauen zeigen, sind die Forderungen der Frauenbewegung unverändert: Diese sind die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern für gleiche Arbeit sowie die Aufteilung von Erziehungs- und Hausarbeit zu gleichen Teilen. (siehe: 6.2.5 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen, S 93)

Zusammenfassend ist die zentrale Forderung der Frauenbewegung eine kontinuierliche gesellschaftliche Veränderung, die zu einer Gleichberechtigung von Frauen und Männern und zu besseren Lebensbedingungen für Frauen führen. Es ist klar, dass diese Verbesserungen für Frauen nur erreicht werden können, wenn sich die Lebensbedingungen von Männern und Kindern ebenso ändern und verbessern.

3.2.3 Entstehung des DOWAS für Frauen

Das DOWAS für Frauen als Institution mit feministischem Hintergrund hat folgende Ent- und Bestehungsgeschichte:

1984 wurde eine Initiativgruppe "DOWAS für Frauen" (DOWAS für Frauen 2011a) gegründet, die "ein Konzept für eine betreute Wohngemeinschaft (WG) für obdachlose Frauen [...] erstellt[-e]" (ebd.). Eine Bedarfserhebung für eine Wohngemeinschaft für Frauen mit Wohnungsproblemen wurde durchgeführt.

1985 erfolgte die Anmietung und Renovierung von Räumlichkeiten und die Wohngemeinschaft wurde eröffnet.

1991 übersiedelte die Wohngemeinschaft in neue Räumlichkeiten und ein Teil der frei

werdenden Wohnungen wurden für Übergangswohnen bzw. betreutes Wohnen adaptiert.

Ein Jahr später wurden weitere Wohnungen angemietet. Betreutes Wohnen

und die Beratungsstelle gehörten zusammen.

2007 erfolgte eine Neuorganisation des DOWAS für Frauen:

"Es kommt zu einer Umstrukturierung weg von einem basisdemokratischen Modell hin zu einem Modell der spezielleren Arbeitsteilung und Hierarchisierung. Was als Antwort auf den ansteigenden Arbeitsaufwand in der Verwaltung und Organisation aber auch in der Arbeit mit den Klientinnen gesehen werden kann" (DOWAS für Frauen 2011a).

2008 erfolgte die budgetäre Trennung von Beratungsstelle und betreutem Wohnen.

Die Geschichte des DOWAS für Frauen zeigt außerdem einen laufenden harten Kampf um finanzielle Mittel, der mit viel Mühe immer erfolgreich war. (vgl. DOWAS für Frauen 2011a)

Das Dienstleistungsangebot des Verein DOWAS für Frauen umfasst:

  • "Beratungsstelle

  • Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft

  • Betreutes Wohnen"

(DOWAS für Frauen 2011c)

3.2.4 Feministische Beratung: Frauen beraten Frauen

3.2.4.1 Allgemeines zur feministischen Beratung

Das DOWAS für Frauen nimmt eine "frauenspezifische Grundhaltung" (DOWAS für Frauen 2011b) ein. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Beschäftigung mit der Lebenssituation von Frauen sowie dem damit verbundenen gesellschaftlichen Machtgefüge und den damit einhergehenden Diskriminierungen. Die Beratungen werden nur von Frauen durchgeführt und haben eine besondere Qualität:

"Frauenspezifische Beratung von Frauen durch Frauen bietet einen geschützten Rahmen zur Auseinandersetzung mit individuellen Problemen und schafft unterstützende Netzwerke zwischen Frauen durch Bezogenheit aufeinander" (DOWAS für Frauen 2011b).

Neben "Verschwiegenheit und Anonymität" (ebd.) spielen "Vernetzung" (ebd.), "[r]essourcenorientiertes Arbeiten" (ebd.) sowie "Parteilichkeit" (ebd.) eine große Rolle:

"Die Beraterin steht auf der Seite der Klientin, unterstützt und begleitet sie bei der Durchsetzung ihrer Bedürfnisse auf dem Hintergrund der gesellschaftlich bedingten Diskriminierung von Frauen" (ebd.).

Das DOWAS für Frauen ist Mitglied im Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen. Dieses hat Qualitätskriterien für Frauen- und Mädchenberatungsstellen herausgegeben. Darin wird das Qualitätsmerkmal Beratung von Frauen für Frauen folgendermaßen begründet:

"Aus psychologischen, kulturellen und sozialen Gründen ist es notwendig, dass die Beratung von Frauen durchgeführt wird, da dies folgende positive Effekte hat:

  • Professionelle Distanz der Beraterin auf der Basis von Selbstreflexion und Reflexion von weiblichen Rollenmustern und Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft

  • Hohes Maß an Empathie aufgrund der gemeinsamen Betroffenheit von der sozialen Rolle als Frau

  • Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins durch das Durchbrechen der sonst vielfach üblichen Gender-Strukturen (Hierarchie zwischen männlichen Experten und weiblichen Ratsuchenden bzw. Untergebenen)

  • Modellfunktion der Beraterin für die Weiterentwicklung von Berufs- und Lebensperspektiven der Klientin

  • Erleichterung des Aufbaus einer Vertrauensbasis zwischen Klientin und Beraterin Förderung qualifizierter Arbeitsplätze für Frauen Förderung eines neuen qualifizierten Berufsbildes für Frauen" (Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen 2005, 7)

Wie auch beim Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen (siehe: 3.1.4 Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen, S 25) werden auch hier die Vorbildwirkung, ein besseres Verständnis und Vertrauen als Vorteile der Beratung von und für Frauen angeführt.

Im Rahmen der Prozessqualität der Beratung werden folgende Kriterien genannt:

"Ganzheitlichkeit", "Parteilichkeit", "Wertschätzung", "Vertrauen in die Selbstheilungs- und

Selbstregulierungskräfte", "Ressourcenorientierung, Lösungsorientierung",

"Datenschutz" (ebd., 8-9).

Im gleichen Punkt werden die persönliche Betroffenheit von Berarterin und 'Klientin' sowie die professionelle Beratung als Qualitätskriterien genannt:

"Die Beraterin ist sich der grundsätzlichen gemeinsamen Betroffenheit durch Frau-Sein und durch strukturell bedingte Probleme von Frauen (Diskriminierungen, Formen der Gewalt gegen Frauen etc.) bewusst. Die Klientin kann aufgrund dieser gemeinsamen Betroffenheit Vertrauen aufbauen und fühlt sich angenommen" (ebd.).

"[Die] [p]rofessionelle Durchführung der Beratung durch Anwendung adäquater Beratungsmethodiken entsprechend der aktuellen professionellen Standards" (ebd.).

3.2.4.2 Ausbildung im Rahmen der feministischen Beratung

Die Qualitätskriterien für MitarbeiterInnen von Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehen einen Abschluss an einer Fachhochschule oder Universität vor. Dieser kann durch eine gleichwertige Berufserfahrung ersetzt werden. Als Professionen werden genannt: "Psychologie, Pädagogik, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Psychotherapie, Medizin, Sozial- und Geisteswissenschaften, Jura oder ähnliches" (ebd., 6). Es sind multiprofessionelle Teams vorgesehen. (vgl. ebd.)

3.2.5 Betreutes Wohnen

3.2.5.1 Konzept des betreuten Wohnens

Der Verein DOWAS für Frauen verfügt über neun Wohnungen in Innsbruck. Diese Wohnungen stehen wohnungslosen Frauen mit ihren Kindern zur Verfügung. Aufnahmekriterien sind:

  • "Wohnungsbedarf

  • Betreuungsbedarf

  • Eigenverantwortlichkeit

  • Gewisses Maß an Selbstständigkeit

  • Finanzierbarkeit der Wohnung durch die Frau" (DOWAS für Frauen 2011d, 15).

Das betreute Wohnen umfasst das Wohnen in einer Mietwohnung als Untermieterin des Vereins kombiniert mit Beratung:

"Betreutes Wohnen bedeutet, dass der Verein Wohnungen am freien Markt anmietet und diese in Koppelung an einen Betreuungsvertrag an Frauen mit und ohne Kinder untervermietet. Der Mietzins ist von den Frauen in voller Höhe zu leisten. Der Verein fungiert auf administrativer Ebene unter anderem als Vermittler zwischen Mieterin und VermieterIn" (DOWAS für Frauen 2011d, 13).

Ziel ist das Wohnen in einer eigenen Wohnung, entweder durch Zuteilung einer Stadtwohnung oder durch Mieten einer Wohnung am freien Wohnungsmarkt, die langfristig und selbstständig bewohnt werden kann (vgl. ebd., 13). Im Durchschnitt wohnen Frauen zwei bis drei Jahre in betreuten Wohnungen. (siehe: 6.2.3.1 Angebote, S 89)

3.2.5.2 Betreutes Wohnen als Beratungsprozess

Der Erstkontakt von Frauen zum betreuten Wohnen findet im Rahmen eines Beratungsgespräches statt. Eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin führen das Beratungsgespräch und sie klären dabei ab, ob das Angebot für die interessierte Frau das Richtige ist. Ist dies der Fall, kommt die Frau auf eine Warteliste.

Ist eine Wohnung frei, kommt es zu einem Einzug. (vgl. DOWAS für Frauen 2011d, 13; siehe: 6.2.3.2 Erstberatung, S 90)

Während des Einzuges ist die Beratung besonders intensiv, weil viele organisatorische und administrative Angelegenheiten zu erledigen sind. Die Beratung und die Unterstützung werden durch die Sozialarbeiterin und Psychologin nach dem Einzug fortgesetzt und sind in drei Teilbereichen aufgeteilt. Es wurden Beratungsthemen beispielhaft ausgewählt, die Konfliktpotenzial enthalten:

  • "Psychosozialer Bereich [...]

  1. Thematisieren von Beziehungskonflikten mit sozialem Umfeld/sozialen Kontakten, Nachbarschaft und Unterstützung im Umgang mit diesen [...]

  • Sozialarbeiterischer Bereich [...]

  1. Erstellen eines Haushaltsplanes [...]

  • Pädagogischer Bereich [...]

  1. Schule - beispielsweise bei Problemen Kontakt zu Lehre[-rInnen] herstellen" (DOWAS 2011d, 14).

Bevor die Befristung des Betreuungsvertrages abläuft, wird die Situation der Mieterin erneut besprochen: "Vor Ablauf der einjährigen Befristung des Betreuungsvertrages erfolgt eine Art Zwischenbilanz und eine Abklärung über die Notwendigkeit einer Verlängerung" (DOWAS für Frauen 2011d, 13).

Die laufende Beratung ist Bedingung, damit Frauen das betreute Wohnen in Anspruch nehmen können. Es gibt wöchentliche Gespräche mit einer Sozialarbeiterin bzw. Psychologin. (siehe: 6.2.3.4 Laufende Begleitung, S 90) Während eines Aufenthaltes im betreuten Wohnen kann es zu verschiedenen Konflikten kommen, die von den Frauen und Sozialarbeiterinnen (und dem multiprofessionellen Team) bearbeitet werden (siehe: 6.2.4 Umgang mit unterschiedlichen Interessen, S 91).

3.2.5.3 Betreutes Wohnen als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen

Die Sozialarbeiterin und die Psychologin entscheiden nach dem Beratungsgespräch darüber, ob das betreute Wohnen für die wohnungssuchende Frau das passende Angebot ist. Ist die Entscheidung positiv und wird eine Wohnung frei, kommt es zum Einzug. (vgl. DOWAS für Frauen 2011d, 13)

Beim Einzug wird ein Betreuungsvertrag zwischen Untermieterin, Psychologin und Sozialarbeiterin abgeschlossen, der folgende Punkte enthält:

  • Befristung für ein Jahr (Verlängerung möglich)

  • Bezahlung der Miete an DOWAS für Frauen

  • regelmäßige Kontakte zur Sozialarbeiterin, Psychologin (und Pädagogin bei Frauen mit Kindern)

  • "Erfüllung der Untermietspflichten" (DOWAS für Frauen 2011d, 13)

  • "telefonische Erreichbarkeit und prinzipielle Bereitschaft zur Zusammenarbeit" (ebd.)

Der Verein DOWAS für Frauen hat Mietverträge, die das Recht zur Untervermietung der Wohnung beinhalten, mit den VermieterInnen und bezahlt an sie die Miete. Dadurch erhält der Verein die Möglichkeit, die Wohnung an wohnungslose Frauen weiter zu vermitteln. Die VermieterInnen überlassen den Untermieterinnen die Wohnung.

Insgesamt ergibt sich folgendes Dienstleistungsdreieck, das mit den Interviewpartnerinnen des DOWAS für Frauen gemeinsam erarbeitet wurde (siehe: 10.3.2 Protokoll, S 166):

Abbildung 2: Dienstleistungsdreieck 'Betreutes Wohnen'

Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen des DOWAS für Frauen schließen mit den Untermieterinnen die Betreuungsverträge ab. (vgl. DOWAS für Frauen 2011d, 13) Sie müssen dabei auch die Interessen der VermieterInnen und des Vereins berücksichtigen. Mit Untermieterinnen, VermieterInnen und dem DOWAS für Frauen sind nur die wichtigsten PartnerInnen des betreuten Wohnens genannt.

Seitens des DOWAS für Frauen wird dazu ergänzt, dass es von Vorteil ist, wenn der Verein als Mieterin auftritt, weil das Mietverhältnis zum/zur VermieterIn stabil bleibt, auch wenn die Untermieterinnen nicht immer pünktlich die Miete bezahlen. (vgl. 10.3.2 Protokoll, S 166)

3.2.6 Sozialpädagogische Wohngemeinschaft

3.2.6.1 Konzept der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft

Als weiteres Angebot gegen akute Wohnungslosigkeit von Frauen hat das DOWAS für Frauen eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft. Sie bietet für zwölf Frauen und ihre Kinder Platz. Der Aufenthalt in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft ist vorübergehend:

"Primäres Ziel des Aufenthaltes in der Wohngemeinschaft ist es, gemeinsam mit der Frau realistische Zukunftsperspektiven zu entwickeln und die Basis für eine bessere Lebenssituation zu schaffen" (DOWAS für Frauen 2011d, 23).

Die Zusammenarbeit unter den Frauen und ein gelingendes Gemeinschaftsleben sind wichtig. Es wird gemeinsam gekocht, die Gartenarbeit erledigt sowie Geburtstage und Festtage gefeiert. "Gemeinsame Aktivitäten in der Gruppe fördern die Bereitschaft zu Solidarität unter den Bewohnerinnen" (ebd.). Des Weiteren findet wöchentlich eine Hausversammlung statt (vgl. ebd.). Im Durchschnitt wohnen Frauen ein halbes bis ein Jahr in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft. (siehe: 6.2.3.1 Angebote, S 89)

3.2.6.2 Beratungsprozess in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft

Der Beratungsprozess ist dem des betreuten Wohnens sehr ähnlich, jedoch ist die Betreuungsdichte in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft höher. Das Erstgespräch mit Frauen, die in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft wohnen wollen, führen eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin. Dabei wird der Frau die Wohngemeinschaft gezeigt. (siehe: 6.2.3.2 Erstberatung, S 90) Die Sozialarbeiterin und die Psychologin entscheiden, ob eine Aufnahme in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sinnvoll und möglich ist. Die Frau entscheidet sich ebenso, ob sieeinziehen möchte.

Nach dem Einzug bekommen die Bewohnerinnen eine Bezugsfrau, mit der wöchentlich Beratungsgespräche stattfinden. Darüber hinaus werden sie von einem multidisziplinären Team unterstützt. Die Sozialpädagogin unterstützt bei der Gestaltung des WG-Lebens, die Sozialarbeiterin bei der Existenzsicherung und Wohnungs- und Arbeitssuche, die Psychologin unterstützt beim Wohlbefinden und beim Finden von neuen Zielen. Hat eine Frau Kinder, gibt es noch ein Kinderteam. (vgl. DOWAS für Frauen 2011e, 4-7; siehe: 6.2.3.1 Angebote, S 89)

Die laufende Beratung ist im Vorhinein vereinbart. Es gibt wöchentliche Gespräche mit einer Sozialarbeiterin bzw. Psychologin. (siehe: 6.2.3.4 Laufende Begleitung, S 90). Während eines Aufenthaltes in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft kann es zu verschiedenen Konflikten kommen, die von den Frauen und Sozialarbeiterinnen (und dem multiprofessionellen Team) bearbeitet werden. (siehe: 6.2.4 Umgang mit unterschiedlichen Interessen, S 91)

3.2.6.3 Entscheidungen und Vereinbarungen in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft

Über die Aufnahme in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft entscheiden die Sozialarbeiterin und die Psychologin, die das Erstgespräch geführt haben. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Tagsatzkosten vom Sozialamt übernommen werden bzw. von den Frauen teilweise selbst bezahlt werden. Die Frauen werden über die Entscheidung persönlich informiert, schriftliche Verträge mit den Frauen gibt es nicht. (vgl. DOWAS für Frauen 2011e, 10; siehe: 6.2.3.3, Entscheidung über das Angebot, S 90) Das Dienstleistungsdreieck ist jenem des betreuten Wohnens sehr ähnlich (siehe: 3.2.6.3 Entscheidungen und Vereinbarungen in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft, S 43):

Abbildung 3: Dienstleistungsdreieck 'Sozialpädagogische Wohngemeinschaft' Diese Abbildung wurde mit dem DOWAS für Frauen erarbeitet. (siehe: 10.3.2 Protokoll, S 166)

3.2.7 Resümee zum betreuten Wohnen und zur sozialpädagogischen

Die ersten Angebote der Frauenbewegung waren Frauenwohnhäuser, die Frauen vor männlicher Gewalt schützten. Das betreute Wohnen und die sozialpädagogische Wohngemeinschaft des DOWAS für Frauen stellen ein Angebot für wohnungslose Frauen dar. Der Arbeitsweise des DOWAS für Frauen liegt eine feministische Grundhaltung zugrunde.

Damit wohnungslose Frauen diese Angebote nützen können, sind ein Beratungsprozess und mehrere Entscheidungen und Vereinbarungen notwendig. Den Mitarbeiterinnen des DOWAS für Frauen kommt eine zentrale Rolle bei der Beratung der Frauen und beim Abschluss der Beratungsverträge zu.

Eine laufende Beratung ist fixer Bestandteil des betreuten Wohnens und der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft, die von Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen durchgeführt wird. Im Laufe des Wohnens in den Wohnungen des DOWAS für Frauen kann es zu vielfältigen Konflikten kommen, bei deren Lösung die Mitarbeiterinnen unterstützen.

3.2.8 Exkurs: Eine Frauenbewegung, die differenziert

Wie bereits kurz angedeutet, bezogen sich feministische Theorien im Westeuropa der 1970er Jahre auf westeuropäische (weiße) Frauen ohne Behinderungen, gleichzeitig wurde aber in Anspruch genommen, die Interessen 'aller Frauen' zu vertreten. Dieser Widerspruch konnte ab den 1980erJahren in der Differenzierungsphase und dem Bewusstwerden der Mittäterinnenschaft nicht vollständig überwunden werden. (vgl. Czollek u.a. 2009, 117-125)

Dietke Sanders führte 1994 eine qualitative Studie zum Verhältnis von feministischen Frauen ohne Behinderungen zu Frauen mit Behinderungen durch. Sie stellte fest, dass Frauen mit Behinderungen an der Frauenbewegung nicht teilnahmen und ein "Tabuthema" (Sanders 1999, 70) waren. Frauen mit Behinderungen fanden bauliche Barrieren, Diskriminierungen bei der Anstellung von Frauen in Frauenprojekten sowie einen Anpassungsdruck an das Leistungspensum von Mitarbeiterinnen ohne Behinderungen vor. (vgl. Sanders 1999, 69-79)

"Obwohl den interviewten Frauen sowohl der theoretische feministische Anspruch, alle Frauen zu vertreten, als auch die 'behindernde' ausgrenzende Realität in den Frauenprojekten bewußt ist, hat diese Erkenntnis praktischen keine Konsequenzen" (Sanders 1999, 73).

Es ist also ein 'Irrtum', dass die Frauenbewegung 'allen Frauen' offen stand bzw. dass 'alle Frauen' barrierefrei an der Frauenbewegung und ihren Projekten teilnehmen (konnten). Den Interessen von Frauen mit Behinderungen (und möglicherweise auch anderer Frauen) wurde weniger Gewicht beigemessen. In der Praxis zeigt sich, dass die Beratungsstelle und die Wohnungen des DOWAS für Frauen nicht barrierefrei zugänglich sind. (siehe: 6.2.2.2 Begriff 'Behinderung', S 84)

3.3 Zusammenfassung

3.3.1 Parallelen von SLI und DOWAS für Frauen

Die Parallelen in der Peer-Arbeit von SLI und DOWAS für Frauen sind offensichtlich und lassen sich in folgende Dimensionen zusammenfassen:

Tabelle 2: Vergleich SLI und DOWAS für Frauen

Dimension

SLI

DOWAS für Frauen

Geschichtlicher Hintergrund

Selbstbestimmt Leben Bewegung

Frauenbewegung

Erste Dienstleistungen

Persönliche Assistenz u.a.

Frauenhäuser u.a.

Politische Forderungen

Volle Teilhabe an der Gesellschaft; Gleichstellung;

Gleichberechtigung von Frauen und Männern;

UN-Konvention

UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2008

UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau 1979

Gründungszeit

Der MOHI Tirol wird 1985 gegründet, SLI entwickelte sich 1994 daraus;

Gründung des DOWAS für Frauen 1984;

Beratung 'von Gleichen für Gleiche'

Peer Support: Beratung von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen;

Feministische Beratung: Beratung von Frauen für Frauen;

Dienstleistungen

Beratung Assistenzvermittlung Interessenvertretung

Beratungsstelle Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft Betreutes Wohnen

Dauer der Inanspruchnahme der Dienstleistung

Persönliche Assistenz wird ein Leben lang benötigt, daher grundsätzlich unbefristet;

Betreutes Wohnen: ca. zwei bis drei Jahre; Sozialpädagogische Wohngemeinschaft: ca. ein halbes bis ein Jahr;

Ausbildung der BeraterInnen

Akademische Ausbildung wird in der Grundlagenliteratur 'vorgeschlagen';

Akademische Ausbildung ist ein vorgeschriebenes Qualitätskriterium;

Miles-Paul stellt einen direkten Vergleich zwischen der Selbstbestimmt Leben Bewegung und der Frauenbewegung her:

"So hat die US-amerikanische Independent Living Bewegung im Laufe der letzten 20 Jahre weitreichende psychosoziale Unterstützungsangebote aufgebaut, die auf dem Peer Support basieren. Dabei werden diese Unterstützungsangebote weitgehend von Behinderten selbst angeboten und sind mit den Unterstützungsleistungen der Frauenbewegung zu vergleichen" (Miles-Paul 1992).

3.3.2 Soziale Bewegungen, die differenzieren

Die Studierendenbewegung der 1968er Jahre hatte offensichtlich nicht die Interessen aller berücksichtigt, die an gesellschaftlichen Veränderungen interessiert waren. Daher haben sich die Selbstbestimmt Leben Bewegung und die neue Frauenbewegung zeitnah formiert.

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung hat den Anspruch, 'alle Menschen mit Behinderungen' zu vertreten, entwickelte aber in ihren Anfängen ein 'engeres Modell' von Persönlicher Assistenz. Erst das 'breitere Modell' von Persönlicher Assistenz macht diese Unterstützung Menschen mit Lernschwierigkeiten zugänglich.

Die Frauenbewegung erhebt den Anspruch, die Interessen 'aller Frauen' zu vertreten. Frauen mit Behinderungen und vermutlich auch Frauen ohne Behinderungen fanden oder/und finden Barrieren aller Art vor und ihre Interessen wurden und/oder werden ungenügend vertreten.

In der Zusammenschau lässt sich als erste - ungeplante - Erkenntnis sagen, dass soziale Bewegungen nicht grundsätzlich vor Diskriminierungen schützen. Offensichtlich ist es sehr schwierig, eine 'Bewegung für alle' zu sein. Eine 'Unterstützung für alle', die 'allen Ansprüchen' tatsächlich gerecht wird, lässt sich gegenwärtig weder praktisch noch theoretisch realisieren.

Durch die Überlagerungen von Diskriminierungen kann es sein, dass Menschen kein (passendes) Unterstützungsangebot zur Verfügung steht. Um dies zu verhindern und erfolgreich gegen überlagernde Diskriminierungen vorzugehen, müssen 'offenere Dienstleistungen' entwickelt werden. (siehe: 2.6 Überschneidungen von Diskriminierungen, S 11)

3.3.3 MitarbeiterInnen, die Peer-Arbeit leisten

Die differenzierte Analyse der Angebote von SLI und Frauen DOWAS hat ergeben, dass MitarbeiterInnen zwei Prozesse parallel betrachten und bearbeiten müssen:

  • einen Beratungsprozess sowie

  • eine Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen.

Die Beratungsprozesse sind in der Literatur recht gut beschrieben. Die Vorteile des Peer Support und der feministischen Beratung stehen außer Zweifel. Diese sind die persönlichen Erfahrungen der BeraterInnen, die Möglichkeit Rollenvorbilder zu sein und bessere Empathiemöglichkeiten zu haben. Der fortlaufende Beratungsprozess umfasst aber auch die Bearbeitung von Konflikten.

Der zweite parallel laufende Prozess umfasst das Fällen von Entscheidungen und das Abschließen von Vereinbarungen. Dabei sind die Interessen Dritter (Persönliche AssistentInnen, VermieterInnen, SLI, DOWAS für Frauen etc.) zu berücksichtigen.

Mit der Differenzierung in einen Beratungsprozess und in die Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen konnten zwei Elemente herausgefiltert werden, die zentral für die vorab erstellen Annahmen von Peer-Arbeit im engeren Sinne sind. (siehe: 2.3 Peer-Arbeit, S 8)

Die gleichzeitige Durchführung einer Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und das Treffen von Entscheidungen sowie das Abschließen von Vereinbarungen sind eine hohe Anforderung an MitarbeiterInnen, die im Bereich der Peer-Arbeit tätig sind. Um dieser Komplexität der Peer-Arbeit 'gerecht' zu werden, bieten sich Theorien der Sozialen Arbeit an. Folglich könnte bei SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit ein Professionsverständnis in der Sozialen Arbeit vorliegen. Davon handeln die nächsten Kapitel.

4 Theoretische Zugänge zur Sozialen Arbeit

In diesem Kapitel werden die theoretischen Zugänge zur Sozialen Arbeit beschrieben. Zuerst werden konstruktivistische Überlegungen zur Sozialen Arbeit nach Malcolm Payne dargestellt. Danach erfolgt eine Einordnung der Theorien. Das systemtheoretische Paradigma nach Silvia Staub-Bernasconi und die feministische Soziale Arbeit von Lena Dominelli werden hinsichtlich ihrer Professionsverständnisse untersucht. In der Zusammenfassung dieses Kapitels wird die Bedeutung dieser Theorien für die Peer-Arbeit beschrieben.

4.1 Eine theoretische Einordnung

4.1.1 Soziale Arbeit als soziale Konstruktion

Wie schon die Einleitung (siehe: 1 Einleitung, S 1) zeigt, gibt es offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was Soziale Arbeit und die Profession der Sozialen Arbeit sind. Malcolm Payne spricht in seinem Buch "Modern Social Work Theory" (2005) ganz offen davon, dass es keine Einigung darüber gibt, was Soziale Arbeit sei. Vielmehr definieren jeden Tag verschiedene Menschen und unterschiedliche (Interessen-) Gruppen Soziale Arbeit durch ihr Handeln und Denken neu. "We call it a social construction because it does not exist as a reality, but as ideas, and what it is emerges from our debates and actions" (Payne 2005, 7).

Das Ergebnis dieser individuellen Diskussionen und der täglichen Praxis ist ein persönlich, gemeinschaftlich und gesellschaftlich konstruiertes Verständnis von Sozialer Arbeit. Verschiedene soziale Konstruktionen von Sozialer Arbeit und verschiedene (Interessen-)Gruppen führen zu einem 'politischen Wettkampf' der Theorien.

"I refer to politics of social work because particular theories have interest groups that try to gain our acceptance of theory within social work. This goes on in professions in the same way as in ordinary social life, as part of the constant interaction about what is reality" (ebd., 8).

Payne nennt drei Ebenen, auf denen die Konstruktion der Sozialen Arbeit und des Professionsverständnisses erfolgt:

  • "Political-social-ideological arena" (Payne 2005, 17): Diese Ebene umfasst soziale, politische und auch wissenschaftliche Diskussionen, die den politischen Rahmen für Sozialeinrichtungen vorgeben. SozialarbeiterInnen werden auf dieser Ebene durch Berufsverbände vertreten oder werden als AutorInnen von Fachliteratur selbst aktiv tätig. SozialarbeiterInnen und 'KlientInnen' sind WählerInnen und beeinflussen so die Politik.

  • "Agency-professional arena" (ebd.): SozialarbeiterInnen bilden Berufsverbände und sind Teil von Gewerkschaften. Diese Organisationen beeinflussen das Verständnis von Sozialer Arbeit.

  • "Client-worker-agency arena" (ebd.): Dies ist die Ebene der Praxis der Sozialen Arbeit. Payne macht deutlich, dass 'KlientInnnen', SozialarbeiterInnen und die DienstleistungsanbieterInnen laufend für sich definieren, was Soziale Arbeit sei. Payne hebt dabei die Einflussmöglichkeit der 'KlientInnen' erneut hervor: Sie können Unterstützungsangebote mehr oder weniger nachfragen und so Einfluss ausüben. (vgl. ebd.)

Diese Ebenen sind nicht getrennt voneinander zu sehen, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Einzelne Personen können auf allen Ebenen beeinflusst werden und Einfluss ausüben.

Für diese Masterarbeit bildet die Literatur der "Political-social-ideological arena" (ebd.) und die "Agency-professional arena" (ebd.) den theoretischen Rahmen für die Professionsverständnisse der Sozialen Arbeit. Dann werden mittels qualitativer Sozialforschung auf der "Client-Worker-agency arena" (ebd.) mögliche Professionsverständnisse von SozialarbeiterInnen erforscht.

4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit

Ausgehend von der internationalen Definition der Sozialen Arbeit (siehe: 2.1 Internationale Definitionen der Sozialen Arbeit, S 6) entwickelte sich im deutschsprachigen Raum aus dem Doppelmandat (bestehend aus Hilfe und Kontrolle) das Tripelmandat mit drei widersprüchlichen Zielen. (vgl. Brown 2008, 4)

Für die Praxis der Sozialen Arbeit beschreibt Kevin Brown das Tripelmandat mit folgenden Aufgaben:

  • "Hilfe für Leute mit Bedürfnissen, ungeachtet ihrer Handlungen;

  • Kontrolle, z. B. wenn Kinder (bzw. Erwachsene) gefährdet sind;

  • und Soziale Veränderung, zur Beseitigung der Ursachen sozialer Probleme" (Brown 2008, 4; Hervorhebung im Original)

Abbildung 4: Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit (vgl. Brown 2008)

Diese widersprüchlichen Aufgaben ergeben ein Spannungsfeld, das sich nie eindeutig auflösen lässt. Werden SozialarbeiterInnen um Unterstützung angefragt, können sie aus verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten, die eine Kombination aus Hilfe, Kontrolle und sozialer Veränderung darstellen, auswählen.

Die Peer-Arbeit nimmt ihren Ausgangspunkt im Peer Support und der feministischen Beratung, die sich zwischen individueller Unterstützung (Hilfe) und gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung (Sozialer Wandel) einordnen lassen. Die Peer-Arbeit mit den Angeboten der Persönlichen Assistenz, des betreuten Wohnens und einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft richtet den Blick zusätzlich auf die damit verbundenen Kontrollaufgaben von SozialarbeiterInnen.

4.1.3 Einordnung und Auswahl von Theorien der Sozialen Arbeit

Ausgehend vom 'Tripelmandat der Praxis' (siehe: 4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit, S 50) ordnet Brown (2008), aufbauend auf Payne (2005), die Theorierichtungen der Sozialen Arbeit folgenden Ansätzen zu:

  • "der reflexive/therapeutische Ansatz (Hilfe, begründet im Individualismus)

  • der individuelle/reformistische Ansatz (Soziale Ordnung/Kontrolle, begründet im Individualismus und Utilitarismus) und

  • der sozialistische/kollektive Ansatz (Sozialer Wandel, begründet im Radikalismus, soziale Gerechtigkeit und soziale Gleichheit)" (Brown 2008, 4)

Die Theorien der Sozialen Arbeit lassen sich an folgendem Dreieck ordnen:

Abbildung 5: Orientierung der Theorien der Sozialen Arbeit (Brown 2008, 4)

Reflexive/therapeutische Theorien der Sozialen Arbeit stellen die Einzelperson mit ihren persönlichen Gefühlen und Emotionen in den Vordergrund. Sie möchten das Individuum durch Beratung fördern. (vgl. Payne 2005, 8-9)

Individuelle/reformistische Ansätze nehmen die bestehende und 'reale' gesellschaftliche Ordnung als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und möchten eine 'soziale Entwicklung' fördern. "I have placed social development theories as individualist-reformist because they are generally theories that accept the current social order" (Payne 2005, 12).

Theorien der Sozialen Arbeit, die sich mit Feminismus, Unterdrückungsmechanismen und Emanzipation beschäftigen, zielen auf die Veränderung der Gesellschaft ab. Diese Theorien gehen davon aus, dass Diskriminierungen bestehen und diese nur durch soziale Veränderungen aufgrund von Gruppenaktivitäten (von Betroffenen) möglich sind. Sie sind daher dem sozialistischen/kollektiven Ansatz zuzuordnen. (vgl. Payne, 2005, 11-15)

Alle Theorien der Sozialen Arbeit kombinieren unterschiedliche Ansätze, lassen sich aber schwerpunktmäßig zuordnen.

Der Peer Support nimmt seinen Ausgangspunkt in der klientInnenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers, die dem reflexiven/therapeutischen Ansatz zugeordnet werden kann. (vgl. Miles-Paul 1992) Die Methoden des Peer Support wurden ausführlich beschrieben (siehe: 3.1.4.1 Allgemeines zum Peer Support, S 25). Im Folgenden wird auf diese theoretischen Grundlagen nicht weiter eingegangen, da sie für die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit wenig Anhaltspunkte liefern.

Für die weiteren Teile dieser Masterarbeit habe ich die Systemtheorie nach Staub-Bernasconi gewählt, die dem individuell/reformistischen Ansatz zugeordnet wird. Für die Peer-Arbeit im engeren Sinne ist von Bedeutung, dass diese Theorie von den aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausgeht, die vorerst akzeptiert werden müssen, damit dadurch entsprechende Angebote für Menschen mit Behinderungen und Frauen möglich werden. (siehe: 3 Peer-Arbeit im Vergleich, S 21) Für die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit geht es um die Anerkennung der Profession der Sozialen Arbeit in der aktuellen Gesellschaft bzw. wie diese Anerkennung erreicht werden kann. Diese Anerkennung soll durch wissenschaftliche Erkenntnisse und durch ein Zugehörigkeitsgefühl von SozialarbeiterInnen zum Mandat der Profession der Sozialen Arbeit entstehen. Die feministische Theorie der Sozialen Arbeit von Lena Dominelli ist dem sozialistischen/kollektivistischen Ansatz zuzuordnen.

Diese Theorie kommt der Peer-Arbeit im Bereich des Kampfes gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen und Frauen zugute. Für die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit schlägt sie ein 'neues Professionsverständnis' vor, das gleichberechtigte Beziehungen von SozialarbeiterInnen und 'KlientInnen' schafft und somit Hierarchien beseitigt. Beides braucht kontinuierliche soziale Veränderungen und liegt in der Zukunft.

4.1.4 Resümee zur theoretischen Einordnung

Es gibt eine internationale Definition von Sozialer Arbeit, aber das Verständnis davon wird individuell, gemeinschaftlich und gesellschaftlich täglich neu konstruiert. Die soziale Konstruktion der Sozialen Arbeit eröffnet den Weg von einem Verständnis der Profession der Sozialen Arbeit hin zu vielfältigen, unterschiedlichen Verständnissen. Das hat den Vorteil, dass nicht um die Ausgestaltung der einen Profession gestritten werden muss. Es kann sich eine offene Debatte darüber entwickeln, was die Profession der Sozialen Arbeit ausmacht.

Von der internationalen Definition der Sozialen Arbeit lässt sich das Tripelmandat der Praxis - bestehend aus Hilfe, Kontrolle und soziale Veränderung - ableiten. Diese drei Ziele der Sozialen Arbeit sind widersprüchlich und dieser Widerspruch ist nie eindeutig lösbar. SozialarbeiterInnen arbeiten immer in einem Spannungsfeld und müssen in diesem eine passende Kombination aus Hilfe, Kontrolle und sozialer Veränderung individuell finden.

Aus verschiedenen sozialen Konstruktionen von Sozialer Arbeit entstehen viele verschiedene Theorien der Sozialen Arbeit mit unterschiedlichen Inhalten und Schwerpunkten. In dieser Masterarbeit werden in der Folge Theorien verwendet, die sich dem individuellen/reformistischen Ansatz (die Profession der Sozialen Arbeit im systemischen Paradigma nach Staub-Bernasconi) und dem sozialistischen/kollektiven Ansatz (feministische Soziale Arbeit nach Dominelli) zuordnen lassen. Die klientInnenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers, die sich am reflexiven/therapeutischen Ansatz orientiert, wurde bereits beim Peer Support (siehe: 3.1.4 Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen, S 25) behandelt. Diese drei Theorien sind für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit wichtig. Es zeigt sich somit, dass die Peer-Arbeit im engeren und weiteren Sinne (siehe: 2.3 Peer-Arbeit, S 8) im gleichen theoretischen Spannungsfeld steht wie die Soziale Arbeit.

4.2 Die Profession der Sozialen Arbeit im systemischen Paradigma

4.2.1 Wissenschaft von Sozialer Arbeit

Silvia Staub-Bernasconi ist eine der führenden SozialarbeitswissenschaftlerInnen im deutschsprachigen Raum. Sie übt massive Kritik an einem überwiegend konstruktivistischen Wissenschaftsverständnis von Sozialer Arbeit. (vgl. Staub-Bernasconi 2007a, 227-239) Sie ordnet Soziale Arbeit den empirisch forschenden Human- und Sozialwissenschaften zu. Ihr Wissenschaftsverständnis geht davon aus, dass die Realität erkennbar ist.

"In diesem Beitrag gehe ich davon aus, dass ein wissenschaftlicher Zugang zur Welt - auch der Welt des Sozialen und des 'Geistes' - voraussetzt, dass die Welt real, gesetzmäßig, prozesshaft und in mehr oder weniger gelingenden Annäherungen erkennbar ist" (Staub-Bernasconi 2007a, 218).

Forschen ist die Suche nach Wahrheit, die nicht von einem Individuum oder einem Forschungsinstitut etc. festgelegt, sondern durch Fakten bestimmt ist. "Fakt sei als Zustand eines 'Dinges' oder als Wandel des Zustandes eines Dinges definiert" (ebd., 244). Neue Fakten ändern die Wahrheit (vgl. ebd., 217-218).

Der reale Gegenstand der Wissenschaft von Sozialer Arbeit sind soziale Probleme:

"[S]oziale Probleme [sind] jenes Bündel an praktischen Problemen, die sich für ein Individuum in Zusammenhang mit der Befriedigung seiner Bedürfnisse nach einer befriedigenden Form der Einbindung in die sozialen Systeme seiner Umwelt ergeben" (Obrecht n. Staub-Bernasconi 2007a, 182).

Der Mensch kann die Wahrheit über viele Quellen begreifen: "nämlich Intuition und Erfahrung, vernunftgeleitetes Denken und Tun, mentale Konstruktionsprozesse, ferner zwischenmenschliche Verständigung" (Staub-Bernasconi 2007a, 237).

Die persönlichen Wahrnehmungen sind wichtige Informationsquellen für die Realwissenschaft, wenn sie überprüfbar sind. "Empirismus in der Wissenschaft bezieht sich auf die Forderung, dass die Hypothesen empirisch testbar sein sollen" (ebd., 234),

Reine empirische Forschung ist vor politischem Einfluss, Ideologien und Missbrauch nicht gefeit. Sie muss daher auch ihre Ergebnisse philosophisch im Rahmen der Human-und Sozialwissenschaften rechtfertigen. Nur eine an der Realität orientierte Wissenschaft und die philosophische Legitimation der Forschungsergebnisse können vor unberechtigter Einflussnahme auf neues Wissen schützen. (vgl. ebd., 239)

Da die menschliche Realität hochkomplex ist, kann keine Disziplin der Human- und Sozialwissenschaften ihre Fragestellungen alleine lösen. Für die Beschreibung des Forschungsgegenstandes braucht es meistens eine inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit.

"Relativ autonom oder disziplinspezifisch kann nur ihr Gegenstands- bzw. Problembereich sein, der unter Beizug der unterschiedlichsten Disziplinen transdisziplinär erhellt wird" (ebd., 240).

Soziale Arbeit als realwissenschaftliche Disziplin definiert ihre Forschungsfragen selbst und sucht Kooperationen mit Partnerdisziplinen, um diese zu beantworten.

Die Disability Studies (siehe: 2.7 Modelle von Behinderung, S 12) und die Gender Studies (siehe 2.8 Verständnis von Geschlechtern, S 16) sind beides inter- und transdisziplinäre Forschungsdisziplinen, die Kritik am traditionellen Forschungsverständnis üben. Beide können Partnerwissenschaften von Sozialer Arbeit sein.

Soziale Arbeit als 'Anwendungswissenschaft' bedeutet, dass sie sich mit praktischen Problemen beschäftigt. Die zu erforschenden sozialen Probleme können von verschiedensten Personen und Personengruppen definiert werden. Von Personen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen - z. B. SozialarbeiterInnen, Gemeinwesen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen selbst. Wichtig ist, dass Wissenschaft Wissen generiert und nicht Konzepte und Methoden für die Anwendung. (vgl. ebd., 237-241)

Der Theorie-Praxis-Transfer ist dennoch ein wichtiges Thema in Anwendungswissenschaften. Staub-Bernasconi hat dazu den "transformativen Dreischritt" (ebd., 202) entwickelt (vgl. ebd., 202-213), auf den ich hier nicht weiter eingehen kann.

Menschen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen und Menschen mit Diskriminierungserfahrungen haben zu diesem wissenschaftlichen Wissen nur schwer Zugang. Obwohl ihre Fragestellungen Ausgangspunkt sozialarbeiterischer Forschung sein können, ist ihre inklusive Teilhabe nicht der Schwerpunkt dieses Wissenschaftsverständnisses. Das wurde und wird von der Selbstbestimmt Leben Bewegung und der Frauenbewegung kritisiert.

4.2.2 Soziale Arbeit als Beruf oder Profession

Aufbauend auf einem realwissenschaftlichen Verständnis von Sozialer Arbeit (siehe: 4.2.1 Wissenschaft von Sozialer Arbeit, S 54) hat die Soziale Arbeit zwei Perspektiven: Sie ist ein Beruf oder eine Profession. (vgl. Staub-Bernasconi 2011, 10) Das hat unterschiedliche Folgen für die Soziale Arbeit.

"Ein Beruf wendet mehrheitlich Methoden an, die sich fachlich bewährt haben. Er kommt vielfach ohne Erklärungen und je nachdem auch ohne explizite ethische Beurteilung aus - dies gilt für viele Methoden der Sozialen Arbeit [...] Ein Beruf hat ein Doppelmandat" (Staub-Bernasconi 2011,10).

Soziale Arbeit als Beruf ist im Auftrag anderer Berufe und Professionen, die beispielsweise als ManagerInnen und ÄrztInnen Einrichtungen leiten, tätig. Ihre praktischen Aufgaben sind die Vermittlung überlebenswichtiger Ressourcen und die Vermittlung an weitere Institutionen. Die Ausbildung wird im Rahmen eines Bachelorstudiums absolviert. (vgl. Staub-Bernasconi 2007b, 9-10) Dieser Abschluss genügt als formale Voraussetzung nicht, um formaler Leiter bzw. formale Leiterin eines Teams von SozialarbeiterInnen zu sein.

Eine Profession geht über die Anwendung von Wissen unter fremder Anleitung hinaus:

"Eine Profession muss aufgrund eines mindestens fünfjährigen Studiums sowie systematisch fortgesetzter Weiterbildung und Supervision zwingend auf dem aktuellen Wissensstand ihrer Disziplin sein und ihre Interventionen entsprechend wissenschaftsbasiert begründen. [...] Eine Profession hat ein Tripelmandat" (Staub-Bernasconi 2011,10-11).

Staub-Bernasconi beschäftigt sich nicht mit einer "klassischen Profession" (Staub-Bernasconi 2007a, 198), die durch Gesetze, Freiberuflichkeit sowie Interessenvertretung gekennzeichnet ist, sondern mit einer 'modernen Profession':

"Eine berufliche Tätigkeit im modernen Sinn kann aufgrund eines Beitrages in einem zentralen Bereich menschlichen Zusammenlebens, einer wissenschaftlichen Wissens- und Methodenbasis, einen ethischen Berufskodex sowie einer relativen Unabhängigkeit von delegierten Aufträgen ebenfalls eine Profession sein" (ebd., 198-199).

Die Profession der Sozialen Arbeit gibt sich also ihr drittes Mandat selbst. (siehe: 4.2.3 Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, S 57)

4.2.3 Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit

Wie bereits ausgeführt, bildet für Silvia Staub-Bernasconi das Doppelmandat die Basis für den Beruf der Sozialen Arbeit. Sie beschreibt dieses Doppelmandat mit Blick auf die Gesellschaft:

  1. "Hilfe für die Adressat(in)en" (Staub-Bernasconi 2007a, 199)

  2. "Auftrag der gesellschaftlichen Instanzen, repräsentiert durch die Akteure und Träger des Sozialwesens" (ebd.)

Die Auswirkungen dieses Doppelmandates sind:

"Damit ist fürs Erste festgehalten, dass es kein einseitiges Mandat seitens der Klientel wie seitens der Gesellschaft geben soll. Mithin soll Soziale Arbeit aber auch nicht von einer Seite für ihre Interessen vereinnahmt werden können" (ebd.).

SozialarbeiterInnen mit einem Doppelmandat sind organisatorisch tätig und vermitteln zwischen den gesellschaftlichen Vorgaben und den Anliegen der AdressatInnen. Das hat deutliche Folgen:

"Damit lässt sich ein Beruf mit gewissen Handlungsspielräumen, großer Verantwortung, aber wenig Entscheidungskompetenzen formulieren (die strukturelle Konstellation für Burn-Out-Syndrome)" (ebd.).

Das Doppelmandat bleibt bestehen und durch das "selbstbestimmte Mandat seitens der Profession Sozialer Arbeit" (ebd., 201) wird Soziale Arbeit vom Beruf zur Profession. Das Mandat der Profession der Sozialen Arbeit - das dritte Mandat -besteht aus:

  • "wissenschaftliche[-r,] Beschreibungs- und Erklärungsbasis" (ebd., 200)

  • "ethischer Basis (Berufskodex)" (ebd.)

  • "Menschenrechte[-n,] als Legitimationsbasis, die über legale Gesetze [...] hinausweisen" (ebd.).

Die wissenschaftlichen Grundlagen der Sozialen Arbeit werden durch empirische Forschung geschaffen. Dies ist in inter- und transdisziplinärer Zusammenarbeit mit anderen Sozial- und Humanwissenschaften möglich. Autonom ist die Wissenschaft von Sozialer Arbeit vor allem in der Wahl von sozialen Problemen als Forschungsgegenstand. (siehe: 4.2.1 Wissenschaft von Sozialer Arbeit, S 54)

Die IFSW und die IASSW haben gemeinsam einen Ethikkodex (IFSW 2012) beschlossen. Der Österreichische Berufsverband der SozialbeiterInnen hat 2004 "Ethische Standards - Berufspflichten für SozialarbeiterInnen" (OBDS 2004) festgelegt.

Sowohl der internationale Ethikkodex als auch das österreichische Äquivalent legen fest, dass die Achtung der Menschenwürde und die Menschenrechte die Grundlage der Sozialen Arbeit sind.

Der Ethikkodex und der darin enthaltene Bezug zu den Menschenrechten ermöglichen der Profession der Sozialen Arbeit eine relative Autonomie. (vgl. Staub-Bernasconi 2007a, 198-201)

Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit lässt sich grafisch wie folgt darstellen:

Abbildung 6: Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, eigene Darstellung

Eine Aufgabe von Sozialer Arbeit ist es, zwischen allen drei Mandaten so zu vermitteln, dass "eine adressatengerechte Problemlösung ermöglicht" (Staub-Bernasconi 2011, 11) wird. Aufgrund des professionellen Mandats der Sozialen Arbeit können Aufträge von der Gesellschaft und den AdressatInnen eigenständig bewertet, verhandelt, verändert oder zurückgewiesen werden. (vgl. ebd.)

Die Profession der Sozialen Arbeit muss ihr selbst geschaffenes, drittes Mandat und ihre relative Unabhängigkeit öffentlich legitimieren. Diese Legitimation geschieht durch empirische Wissenschaft, die neben anderen Human- und Sozialwissenschaften Bestand hat. Das fordert von SozialarbeiterInnen, sich laufend über aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen zu informieren und dieses Wissen in der Praxis zu berücksichtigen. Des Weiteren sind SozialarbeiterInnen dazu aufgerufen, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen und in der Folge als SozialarbeitswissenschaftlerInnen tätig zu sein.

Der Ethikkodex und die Menschenrechte sind nicht durch berufsgesetzliche Regelungen verpflichtend, SozialarbeiterInnen müssen sie 'freiwillig' einhalten.

4.2.4 Resümee zur Profession der Sozialen Arbeit im systemischen Paradigma

Der wissenschaftliche Realismus ist die Basis des Professionsverständnisses im systemischen Paradigma. Es ist gekennzeichnet durch empirische Sozialforschung, die den Sozial- und Humanwissenschaften zugeordnet wird.

Ob Soziale Arbeit ein Beruf oder eine Profession ist, hat Auswirkungen auf die praktische Tätigkeit sowie die autonome Berufs- bzw. Professionsgestaltung von SozialarbeiterInnen.

Die Professionalisierung im systemischen Paradigma beschäftigt sich damit, wie die Profession der Sozialen Arbeit nach außen wirkt. Das 'moderne Professionsverständnis' verzichtet auf gesetzliche Festschreibungen - wie Freiberuflichkeit etc. - wie bei einer 'klassischen Profession'. Soziale Arbeit als 'moderne Profession' geht davon aus, dass sie gebraucht wird, und überzeugt durch ihren wichtigen Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft. Dieser wichtige Beitrag ist die Lösung von sozialen Problemen. Diese wichtige gesellschaftliche Leistung wird durch empirische Sozialforschung belegt und findet allgemeine Anerkennung als Wissenschaft. Die Anerkennung als Wissenschaft von Sozialer Arbeit kann nur erreicht werden, wenn sie im 'wissenschaftlichen Wettstreit' mit anerkannten Disziplinen der Human- und Sozialwissenschaften besteht.

Die Profession der Sozialen Arbeit gibt sich ihr drittes Mandat selbst. Es besteht aus wissenschaftlicher Erklärung und Beschreibung von sozialen Problemen und wissenschaftlichen Belegen für das methodische Handeln von SozialarbeiterInnen. Des Weiteren umfasst es einen von Berufsverbänden festgelegten Berufskodex. Damit verbunden sind die Achtung der Menschenwürde und die Beachtung der Menschenrechte als Grundlagen der Sozialen Arbeit. Diese dienen als Beurteilungs- und Entscheidungsgrundlage in der Praxis.

Ein 'modernes Professionsverständnis' macht es auch notwendig, sich aus eigenem Interesse dem dritten Mandat der Sozialen Arbeit freiwillig verpflichtet zu fühlen und sich an die ethischen Prinzipien zu halten.

4.3 Feministische Soziale Arbeit

4.3.1 Feministische Soziale Arbeit 'für alle'

Lena Dominelli bezieht sich in ihrem Buch "feminist social work theory and practice" (2002), auf die verschiedenen Strömungen der 'neuen Frauenbewegung'. (siehe: 3.2.1 Geschichte der Frauenbewegung, S 34) Sie betont, dass es viele verschiedene Strömungen des Feminismus gibt. Deren gemeinsame Forderungen sind, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie die Beendigung jeder Diskriminierung von Frauen. Auf dieser Basis wurden strömungsübergreifende Grundsätze der feministischen Bewegung beschrieben. (siehe: 3.2.2 Grundsätze und Forderungen der Frauenbewegungen, S 35) Aus verschiedenen Elementen des Feminismus leitet Dominelli ihr Verständnis von Feminismus und von feministischer Sozialer Arbeit ab. Ausgehend von den Diskriminierungserfahrungen von Frauen, aber auch von deren Fähigkeiten und Stärken damit umzugehen, stellt sie das Wohlergehen aller - also von Frauen, Kindern und Männern - in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen.

"Women's determination to survive bleak social situations and create new visions for a better world is what inspires me to promote feminist social work as one way of contributing to women's desire to improve the welfare of all" (Dominelli 2002, 1; Eigene Hervorhebung).

Feministische Soziale Arbeit definiert Dominelli daher so:

"I define feminist social work as a form of social work practice that takes women's experience of the world as a starting point of its analysis and by focusing on the links between a woman's position in society and her individual predicament, responds to her specific needs, creating egalitarian relations in 'client'-worker interactions and addresses structural inequalities" (ebd., 7).

Feministische Soziale Arbeit sieht sich als ein Teil der Sozialen Arbeit. (siehe: 2.1 Internationale Definitionen der Sozialen Arbeit, S 6) Der Blickwinkel von Frauen ist der Ausgangspunkt der Betrachtungen, die nach Zusammenhängen zwischen sozialen Problemen und Diskriminierungen von Frauen und ihrer gesellschaftlichen Rollen und Positionen suchen. Die Veränderung von ungerechten sozialen Strukturen ist daher ein Schwerpunkt feministischer Sozialer Arbeit. Diese soll nicht für Frauen erreicht werden, sondern im Rahmen gleichberechtigter Beziehungen zwischen 'KlientInnen' und Sozialarbeiterinnen. Diese Gestaltungen gleichberechtigter Beziehungen ist ihr 'Herzstück'. Der angeführten Definition feministischer Sozialer Arbeit liegen folgende Entwicklungen zugrunde:

In den Anfängen feministischer Sozialer Arbeit arbeiteten nur weibliche Sozialarbeiterinnen mit Frauen. Dies diente dazu, dass Frauen ausführlich ihre Situation analysierten und feministische Sozialarbeiterinnen sie entsprechend unterstützten, damit ihre Analysen nicht in der vorherrschenden männlich dominierten (Gedanken-) Welt untergingen. In einem weiteren Schritt kamen soziale Beziehungen von Frauen zu vielen Menschen in den Blick feministischer Sozialer Arbeit.

"Its focus on the interdependent nature of social relations ensures that it also addresses the needs of those that women interact with - men, children and other women" (Dominelli 2002, 7).

Feministische Soziale Arbeit befasst sich also auch mit den Beziehungen von Frauen zu anderen Frauen, Kindern und Männern. Die nächste Weiterentwicklung der feministischen Sozialen Arbeit umfasst die aktive Einbeziehung von Männern in alle Bereiche:

"In social work, these have been replaced with women-centered approaches that advocate sensitive gendered response to the needs of women 'clients' and women workers. More recently, feminist social work has incorporated men more fully into this theory and practice" (ebd.).

Davon lässt sich ableiten, dass Theorien der feministischen Sozialen Arbeit nicht nur für die Peer-Arbeit von und für Frauen geeignet sind. Diese Grundsätze lassen sich auf die Peer-Arbeit von und für Menschen mit Behinderungen direkt umlegen. Hier wird ebenfalls eine ebenbürtige Beziehungsgestaltung zwischen Menschen mit Behinderungen angestrebt bzw. angenommen. (siehe: 3.1.4.1 Allgemeines zum Peer Support, S 25) Des Weiteren ist dieser Ansatz der Sozialen Arbeit für 'alle Menschen' geeignet. Dominelli vertieft ihre Theorie - wohl beispielsweise - für Männer, Kinder und Familien, Menschen im Alter und StraftäterInnen. (vgl. Dominelli 2002, 1-16)

4.3.2 Herausforderungen der 'traditionellen Sozialen Arbeit'

Wenn die Gestaltung gleichberechtigter Beziehungen eine wesentliche Grundlage der Profession (feministischer) Sozialer Arbeit ist, dann muss das 'traditionelle Professionsverständnis' kritisiert werden. Dominelli würde wohl mit den folgenden Argumenten auch das 'moderne Professionsverständnis' von Staub-Bernasconi kritisieren. (siehe: 4.2.2 Soziale Arbeit als Beruf oder Profession, S 56)

Dieses traditionelle Verständnis von Profession im Allgemeinen umfasst:

"[E]mpirically-based knowledge [that] claims and restricted[-s] access to its ranks to ensure the survival of social work. [...] defining the profession's limits and boundaries; identifying a set of knowledges and skills to be taught to practitioners through specified training" (Dominelli 2002, 66).

Dieses Verständnis von Profession macht eine rechtliche Eingrenzung der Profession der Sozialen Arbeit notwendig, die bis jetzt nur in wenigen Ländern erfolgte. Des Weiteren wäre diese Profession ohne Werte und sie könnte die politischen Forderungen der Frauenbewegung nicht berücksichtigen. Ihr Schwerpunkt wäre Einzelfallhilfe. (vgl. ebd., 67)

Dominelli führt aus Sicht der Sozialen Arbeit 'interne und externe Gründe' an, warum an diesem traditionellen Professionsverständnis von Sozialer Arbeit nicht festgehalten werden soll.

Der 'interne Grund' ist, dass es bis jetzt nicht gelungen ist, Soziale Arbeit als 'traditionelle Profession' zu etablieren. Weiterführend liegt es in der Tradition der Sozialen Arbeit andere zu unterstützen und ihre Anliegen zu formulieren, anstatt die eigene ExpertInnenmeinung in den Vordergrund zu stellen.

Der 'externe Grund' liegt darin, dass 'KlientInnen' die Profession begrenzen, indem sie an ihrer Unterstützung nicht interessiert sind. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, in denen SozialarbeiterInnen nicht hilfreich waren, die Rechte von Benachteiligten nicht eingefordert sowie diskriminierende Strukturen und Beziehungen aufrechterhalten haben. Das führte zu entsprechender Ablehnung von SozialarbeiterInnen durch Frauen, Schwarze, Menschen im Alter und Menschen mit Behinderungen etc. Wollen SozialarbeiterInnen diese Personen unterstützen und von ihnen um Unterstützung angefragt werden, müssen sie ihre Anliegen zu Themen der Sozialen Arbeit machen. (vgl. ebd., 67-68)

Daher gilt es folgende "challenges" (Dominelli 2002, 71) des Feminismus für die Profession der Sozialen Arbeit anzunehmen:

  • "recognising the uniqueness of individuals in their social context" (ebd.);

  • "a variation of the feminist theme that a woman's personal plight reflects her social position" (ebd.);

  • "being committed to 'client' self-determination which can be used to meet feminist demands for empowering women (ebd.);

  • "involving clients in the assessment processes and action plans as a way of promoting 'client'-led practice" (ebd.).

Diese Grundsätze dienen dazu, auf ungleiche Machtverhältnisse in sozialen Beziehungen adäquat zu reagieren und diese zu verändern. (vgl. ebd.)

Dominelli betont die großen Unterschiede zwischen Frauen, insbesondere die unterschiedlichen Erfahrungen von schwarzen und weißen Frauen. Um diese Erfahrungen entsprechend zu berücksichtigen, ist das Gespräch - oder vielmehr ein 'Rederecht' über die eigene Lebenssituation - besonders wichtig:

"Being inclusive of differences means accepting, responding to and validating women's right to speak about their own lives in their own terms. (ebd., 73-74).

Dies hat besonders in der feministischen Beratung, dem Peer Support und der Peer-Arbeit Bedeutung, da durch die Soziale Arbeit 'von Gleichen für Gleiche' noch lange nicht jede Diskriminierung ausgeschlossen ist. Die Benachteiligung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Selbstbestimmt Leben Bewegung (siehe: 3.1.7 Exkurs: Eine Selbstbestimmt Leben Bewegung, die differenziert, S 32) und die Benachteiligung von Frauen mit Behinderungen in der Frauenbewegung (siehe: 3.2.8 Exkurs: Eine Frauenbewegung, die differenziert, S 44) wurden kurz beschrieben. Dominellis Empfehlung anzuerkennen, als SozialarbeiterIn (in der Peer-Arbeit) Fehler zu machen und zu diskriminieren, ist ein erster und wichtiger Schritt in Richtung Besserung:

"Seeing herself as an oppressor with hope for a better future and having trust in others are central to her capacity to move forward. There is guilt to overcome, vulnerability to consider and a healing process to be embarked upon before mutual acceptance can become reality, an insight crucial for professionals to note" (Dominelli 2002, 74-75).

4.3.3 Die 'Neudefinition' der Sozialen Arbeit

Für Dominelli ist das wichtigste Kennzeichen der 'neuen Profession' der Sozialen Arbeit, gleichberechtigte Partnerschaften einzugehen, die sich an den Anliegen der Betroffenen orientieren, und dafür die Verantwortung zu übernehmen.

"Partnerships that hold professionals responsible for their actions become fora for establishing accountability. [...] Building effective partnerships requires professionals to respond to the concerns of those using their services and adapt their organisational structures to facilitate their involvement. Without these alterations, partnership becomes a paternalistic way of disempowering 'clients'" (Dominelli 2002, 67).

SozialarbeiterInnen, die im Rahmen der 'neuen Profession' der Sozialen Arbeit PartnerInnenschaften eingehen, berücksichtigen folgende feministische Grundsätze:

  • Ansprechen und Aufzeigen von Diskriminierung in bezahlter und unbezahlter Arbeit;

  • Daraus folgen 'zwangsläufig' Konflikte mit dem Mandat des Staates.

  • Feministische Soziale Arbeit als Teil der Frauenbewegung ist frauenzentriert und setzt sich für sozialen Wandel und ein Ende jeder Diskriminierung von Frauen ein: "its ultimate goal of ending the oppression of all women whether this occurs through public patriarchy, private patriarchy or other oppressive structuring of social relations" (Dominelli 2002, 76).

  • Ganzheitliche Veränderung aller sozialen Beziehungen hin zur 'Gleichberechtigung' mit "clients, colleagues, employers and the state" (ebd., 77) und im Privaten.

  • "Feminist social workers respond to a woman's needs for services to enhance her well-being as a whole person by understanding socially structured gender oppression and its interconnections with other forms of oppression" (ebd.).

  • Trotz geschlechtsspezifischer Diskriminierung haben Frauen Ressourcen für die Lösung ihrer eigenen Probleme.

  • Beendigen von Diskriminierungen, ohne neue zu schaffen. (vgl. ebd. 76,77)

Diese Grundsätze zwingen Frauen, die feministische Soziale Arbeit in Anspruch nehmen, nicht, sich für sozialen Wandel einzusetzen. Sie entscheiden selbst, welchen Beitrag sie leisten wollen.

Die Grundsätze feministischer Sozialer Arbeit und der Kampf gegen Diskriminierungen lassen sich nur durch Kooperation mit anderen und über die Soziale Arbeit hinaus umsetzen. (vgl. ebd., 77) Diese Kooperationen schließen auch Männer sowie Institutionen, die sich nicht unmittelbar feministischer Sozialer Arbeit verschrieben haben, mit ein. (siehe: 4.3.1 Feministische Soziale Arbeit 'für alle', S 60)

4.3.4 'Falsche Gleichheit'

In der feministischen Sozialen Arbeit bzw. der Peer-Arbeit besteht die große Gefahr, dass SozialarbeiterInnen 'automatisch' von ähnlichen Unterdrückungserfahrungen als Frau und von der Chancengleichheit aller Frauen ausgehen. (vgl. Dominelli 2002, 78) Dominelli nennt das "false equality traps" (Dominelli 2002, 78). "False equality traps reflect seldomly acknowledged power differentials between women and a presumed equality" (ebd.). Es gibt viele Rahmenbedingungen, die solche Fallen fördern. Die Wichtigsten sind:

  • "Minimising women's experiences of oppression" (ebd.): In diesem Fall warden Diskriminierungen unterbewertet und die Vielfalt der Frauen zu wenig beachtet. Eine weitere Folge kann sein, dass Sozialarbeiterinnen von ihren 'Klientinnen' Dinge verlangen, die sie aufgrund ihrer Benachteiligungen nicht leisten können. Bspw.: Termin in einem Büro, wenn keine Kinderbetreuung vorhanden ist. (vgl. ebd., 78-79)

  • "Denying women's experiences of oppression" (ebd., 78): Hier werden strukturelle und zwischenmenschliche Diskriminierungen schlicht und einfach nicht wahrgenommen. Sie können daher nicht bekämpft werden und sie gehen auch als 'Ausgangspunkt' bzw. Thema für die Beratung und Unterstützung verloren. (vgl. ebd. 79-80)

4.3.5 Drei Formen der Macht

Um 'falsche Gleichheit' zu vermeiden und Diskriminierungen erfolgreich zu bekämpfen braucht es einen bewussten und 'neuen' Umgang mit Macht. Es gibt viele verschiedene Formen von Macht: zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen, zwischen Frauen, 'zwischen Gleichen' und natürlich auch zwischen SozialarbeiterInnen und 'KlientInnen'. Dominelli unterscheidet drei Formen der Macht, die sich teilweise mit dem 'Tripelmandat der Praxis' (siehe: 4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit, S 50) kombinieren lassen:

Power over: Diese Macht ist hierarchisch und wird durch eine höhere Position in einem bürokratischen System oder durch einen gesetzlichen oder gerichtlichen Auftrag begründet. SozialarbeiterInnen üben Macht über andere aus, wenn sie Kontrollbefugnisse und Entscheidungsbefugnisse haben, ohne den Betroffenen bzw. die Betroffene einbinden zu müssen.

Power to: Diese Form der Macht bedeutet die Fähigkeit, etwas zu tun bzw. etwas zu verändern. Es geht hier um 'gemeinsame Aktionen'. Das bedeutet, dass SozialarbeiterInnen die direkte Zusammenarbeit mit den 'KlientInnen' und KollegInnen suchen, um gemeinsam bestimmte Ziele zu erreichen. Zusammenarbeit bedeutet hier partnerschaftliche und direkte Zusammenarbeit - keinesfalls schriftliche Zustimmungserklärungen und/oder mündliche Aufträge an SozialarbeiterInnen. Wichtig dabei ist, dass niemand die Beziehung dominiert und jede/-r ihren/seinen Beitrag leistet und niemand ohne Macht ist. Dafür ist ein aufmerksamer und respektvoller gegenseitiger Umgang notwendig. Mit Blick auf das Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit bedeutet diese Machtform: gemeinsamer Kampf für soziale Veränderung.

Power of: Diese Machtform umfasst die gegenseitige Stärkung in einer (Peer-)Gruppe, die Diskriminierungen nicht weiter erdulden möchte und sich aktiv damit auseinandersetzt. "In the process of taking action, women empower themselves and grow in confidence to become survivors. From there, they can move on to become thrivers or women who set their own agendas in their lives" (ebd., 81).

Mit anderen Worten geht es hier um persönliche Selbstermächtigung im Rahmen einer Gruppe. (vgl. Dominelli 2002, 80-81) Diese Form der Macht ist an das reflexive Verständnis von Empowerment anschlussfähig. (siehe: 2.9 Macht und Empowerment, S 18) Sie lässt sich daher nicht mit dem Mandat der Hilfe des Tripelmandats der Praxis der Sozialen Arbeit in Verbindung bringen.

Für die Kombination des Tripelmandats der Praxis der Sozialen Arbeit mit dem 'Tripelmandat der Macht' bedeutet das Folgendes: Das Tripelmandat der Macht hat mit dem Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit (siehe: 4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit, S 50) eine gemeinsame Basis mit 'power over'/Kontrolle und 'power to'/soziale Veränderung. 'Power of' als kollektive Selbsthilfe findet im Mandat der Hilfe durch SozialarbeiterInnen keine Entsprechung. Daher ist das Mandat der Hilfe hier nicht dargestellt:

Abbildung 7: Tripelmandat der Macht und der Praxis der Sozialen Arbeit (eigene Darstellung)

Der hier beschriebene Umgang mit Macht gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, für Menschen mit und ohne Behinderungen usw. Einfach gesagt: Für alle Menschen.

Die gegenseitige Selbstermächtigung im Rahmen von 'power of' kann zu gemeinsamen Aktionen im Rahmen 'power to' werden. "And from there, without a commitment to egalitarianism and due attention to process issues, power to can become power over" (Dominelli 2002, 81).

Für eine Profession der Sozialen Arbeit, die gleiche Beziehungen zwischen SozialarbeiterInnen und Betroffenen herstellen will, bedeutet das, dass Macht nichts Unveränderbares ist, sondern auf allen Ebenen verhandelbar ist.

"Achieving egalitarian objectives requires feminist social workers to reconceptualise their understanding of power relations and move from thinking about power as a zero-sum entity to one that is negotiated and re-negotiated through social interaction" (ebd., 81-82).

Diese Verhandlung der Macht kann bzw. muss zwischen 'KlientInnen' und SozialarbeiterInnen, SozialarbeiterInnen untereinander, den ArbeitgeberInnen sowie letztlich auch mit dem Staat bzw. öffentlichen Stellen erfolgen. (vgl. ebd., 82)

Für partnerschaftliche Beziehungen zwischen Männern und Frauen braucht es nicht nur Änderungen im Rahmen der praktischen Sozialen Arbeit und der Profession der Sozialen Arbeit, sondern auch darüber hinaus: "Changing workplaces relations to accommodate men's full involvement in domestic activities is also important in redefining professionalism in egalitarian dimensions" (Dominelli 2002, 83).

4.3.6 Resümee zur feministischen Sozialen Arbeit

Dominelli geht von einem 'traditionellen Professionsverständnis' aus, das sich durch rechtliche Grenzen definiert. Diese rechtlichen Rahmenbedingungen gibt es für die Profession der Sozialen Arbeit nicht. Daher stellt sie diesem ihr 'neues Professionsverständnis' als Kritik gegenüber. Die Erfahrungen von Frauen sind der Ausgangspunkt ihres Verständnisses von feministischer Sozialer Arbeit und sie stellt dieses 'der ganzen Sozialen Arbeit' zur Verfügung. Dieses 'neue Professionsverständnis' der Sozialen Arbeit definiert sich durch die 'interne Gestaltung' der Profession mittels gleichberechtigten Beziehungen. 'Nach außen' setzt sich die 'neue Profession' der Sozialen Arbeit für sozialen Wandel ein.

Die 'neue Profession' der Sozialen Arbeit anerkennt jeden Menschen, seine Individualität, seine Verschiedenheit und Selbstbestimmung. Sie erkennt und sucht den Zusammenhang zwischen einer Notlage einer Person und seiner sozialen Position. Sie lässt sich in der Arbeit von den 'KlientInnen' leiten. Sie ist sich ihrer Fehler bewusst, die zu Diskriminierungen führen können. Werden diese Fehler benannt, kann es zu Besserung und Versöhnung kommen.

Die Ziele der 'neuen Profession' der Sozialen Arbeit sind das Wohlergehen aller und die Beendigung aller Diskriminierungen, ohne neue zu schaffen. Dies wird durch die Veränderung von Beziehungen hin zur Gleichberechtigung erreicht. Die positive Veränderung von Beziehungen ist möglich, wenn die Grundsätze des Feminismus und der feministischen Sozialen Arbeit berücksichtigt werden, 'falsche Gleichheit' vermieden sowie mit Macht bewusst umgegangen wird.

Für den bewussten Umgang mit Macht wurde eine Differenzierung in 'power over', 'power to' und 'power of' entwickelt. Das lässt sich als 'Tripelmandat der Macht' darstellen. Um der Verschiedenheit und den Lebenserfahrungen von Menschen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen, gerecht zu werden, wird ein 'Rederecht' dieser Personen gefordert. Diese Gestaltungsgrundsätze der Sozialen Arbeit und die damit verbundenen sozialen Veränderungen beziehen sich nicht nur auf 'KlientInnen'-SozialarbeiterInnen-Beziehungen, sondern auch auf die Gestaltung des Arbeitsumfeldes, die Gestaltung des Privatlebens und darüber hinaus.

4.4 Zusammenfassung

4.4.1 Die Bedeutung der Theorien der Sozialen Arbeit für den Beratungsprozess in der Peer-Arbeit

Die Analyse der Peer-Arbeit hat einen Beratungsprozess und eine Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen hervorgebracht. (siehe: 3.3.3 MitarbeiterInnen, die Peer-Arbeit leisten, S 48) Für den Beratungsprozess von Menschen mit Behinderungen sind die Ansätze der feministischen Sozialen Arbeit sehr hilfreich.

Ottmar Miles-Paul hat 1992 mit "Wir sind nicht mehr aufzuhalten" ein Standardwerk für den Peer Support für Menschen mit Behinderungen herausgegeben. Er unterscheidet zwischen informellen und formellen Angeboten des Peer Support. 'Die Gleichheit' aufgrund der Behinderung wird 'angenommen', woraus sich das Rollenvorbild ableitet. Die klientInnenzentrierte Gesprächsführung soll in einem Vertrauensverhältnis zwischen KundIn und Peer BeraterIn Veränderungen ermöglichen. (siehe: 3.1.4 Peer Support von und für Menschen mit Behinderungen, S 25)

Lena Dominelli hat zehn Jahre später, 2002, ihr Buch zu Theorie und Praxis feministischer Sozialer Arbeit herausgegeben. Dieses Buch liest sich wie eine Weiterentwicklung des Peer Support. Sie geht von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Frauen aus und dehnt diese Überlegung auf alle Menschen aus. Die Vielfältigkeit von Menschen (mit Behinderungen) ist in der CRPD als Menschenrecht festgeschrieben. (siehe: 2.5 Vielfalt von Menschen, S 10) Das Gespräch bzw. ein 'Rederecht' dient ihr auch zur Klärung und Wahrnehmung von Unterschieden zwischen den GesprächspartnerInnen. Statt 'Gleichheit' anzunehmen, warnt sie davor, 'falsche Gleichheit' vorauszusetzen. (siehe: 4.3.4 'Falsche Gleichheit', S 64) Das Reden über die eigenen Lebenserfahrungen macht es möglich, diese Unterschiede zu erkennen.

In der feministischen Sozialen Arbeit geht es um die Gestaltung gleichberechtigter Beziehungen in allen Lebensbereichen. Dabei geht es nicht nur um die Lebenssituationen 'gleicher Personengruppen', sondern um das Wohlergehen aller. Diese ganzheitliche Sicht wird damit begründet, dass alle Menschen in Beziehungen mit anderen Menschen stehen. Machtverhältnisse in und außerhalb der Sozialen Arbeit werden bewusst mitgedacht und in drei Formen der Macht differenziert. Die Anwendung von 'power to' als Macht zur sozialen Veränderung führt zu gesellschaftlichen Veränderungen: 'Power of' ermöglicht persönliche Bestärkung und Ermächtigung im Rahmen gegenseitiger Unterstützung.

4.4.2 Die Bedeutung der Theorien der Sozialen Arbeit für Entscheidungen und Vereinbarungen in der Peer-Arbeit

Für die Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen in der Peer-Arbeit (siehe: 3.3.3 MitarbeiterInnen, die Peer-Arbeit leisten, S 48) sind die systemtheoretische und die feministische Sichtweise von Sozialer Arbeit hilfreich.

Die systemische Sichtweise ist dienlich für Situationen, in denen SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit Entscheidungen treffen müssen. Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, besteht aus Hilfe für AdressatInnen, dem Auftrag der gesellschaftlichen Instanzen und dem 'übergeordneten' Mandat der Profession der Sozialen Arbeit. Davon lassen sich für die Praxis der Peer-Arbeit Anleihen nehmen. SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit vermitteln zwischen zwei Personen(-gruppen) (zwischen Untermieterinnen und VermieterInnen oder zwischen AssistenznehmerInnen und Persönlichen AssistentInnen) und haben zusätzlich die allgemeinen Interessen des Dienstleistungsanbieters bzw. der Dienstleistungsanbieterin und die rechtlichen Rahmenbedingungen im Kopf. Alle Beteiligten haben unterschiedliche Interessen und Macht, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen.

Die Abgleichung dieser Interessen soll im Sinne der Untermieterinnen bzw. AssistenznehmnerInnen erfolgen. Entscheidungen treffen SozialarbeiterInnen oder Teams selbst und situativ. Für diese Entscheidungen gibt es keine direkten Vorgaben, aber sie müssen dem Berufskodex der Sozialen Arbeit und den Menschenrechten entsprechen. (siehe: 4.2.3 Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, S 57)

Um einseitige Einzel- und Teamentscheidungen zu reduzieren und den Abschluss von Vereinbarungen gleichberechtigt zu gestalten, ist die feministische Soziale Arbeit dienlich. Das 'Rederecht' der feministischen Sozialen Arbeit lässt sich zu einem 'Verhandlungsrecht' sowie zu einer 'Verhandlungspflicht' zwischen 'KlientInnen' und SozialarbeiterInnen weiterdenken. Für Angebote der Peer-Arbeit - wie die Persönliche Assistenz, das betreute Wohnen oder die sozialtherapeutische Wohngemeinschaft - müssen mehrere schriftliche und mündliche Verträge abgeschlossen werden. (siehe: 3.1.5.3 Persönliche Assistenz als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen, S 29; 3.2.5.3 Betreutes Wohnen als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen, S 40 und 3.2.6.3 Entscheidungen und Vereinbarungen in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft, S 43) Die schriftlichen Verträge sind in der Praxis Formulare, die vom Verein vorgegeben sind und in ihren Grundsätzen nicht abgeändert werden können. Im Sinne des 'Verhandlungsrechts' bzw. der 'Verhandlungspflicht' wäre es eine Idee, mit Untermieterinnen die Betreuungsverträge und mit AssistenznehmerInnen sowie Persönlichen AssistentInnen die Leistungsvereinbarungen und Dienstverträge zu überarbeiten und gemeinsam zu gestalten. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

4.4.3 Soziale Arbeit als 'Institution'

Ist die Wissenschaft von Sozialer Arbeit (siehe: 4.2.1 Wissenschaft von Sozialer Arbeit, S 54) nachgefragt und erfolgreich, kann das zu Lehrstühlen an Universitäten führen. Sie würde zu Forschungsfragen der Sozialen Arbeit quantitative und qualitative Sozialforschung betreiben.

Die Wissenschaft von Sozialer Arbeit würde inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekte ermöglichen, die sich mit 'harten Fakten' der Peer-Arbeit beschäftigen und Wissen über Zusammenhänge und Verbesserungen erarbeiten. Beispielsweise welche gesetzlichen Rahmenbedingungen für die optimale Erbringung von Dienstleistungen im Rahmen der Peer-Arbeit notwendig wären. Eine gleichberechtigte Partizipation von ForscherInnen und AssistenznehmerInnen bzw. 'KlientInnen' am Forschungsprozess wäre hier Voraussetzung. Soziale Arbeit als anerkannte akademische Disziplin wäre eine 'Institution' im Rahmen der Human- und Sozialwissenschaften.

Das neue Professionsverständnis sieht keine Institutionalisierung vor. Es werden immer wieder neue Beziehungen eingegangen, um als Gruppen und Initiativen soziale Veränderungen zu bewirken.

4.4.4 Das gemeinsame Verständnis der Profession der Sozialen Arbeit

Das Professionsverständnis hängt von der Theorieorientierung ab:

Ein klassisches bzw. traditionelles Professionsverständnis geht von einem rechtlichen Rahmen aus, der die Profession beschreibt. Dieses Professionsverständnis liegt für die Soziale Arbeit nicht vor und wäre auch nicht geeignet.

Das Gemeinsame der zwei folgenden Professionsverständnisse von Sozialer Arbeit ist, dass sie die internationale Definition von Sozialer Arbeit als Grundlage haben. Von dieser Definition lässt sich das Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit - bestehend aus Hilfe, Kontrolle und Sozialem Wandel - ableiten. Es stellt ein nicht eindeutig lösbares Spannungsfeld dar. Der Umgang mit Spannungsfeldern ist kennzeichnend für die Soziale Arbeit. Das Tripelmandat ist auch ein Auftrag nach Spannungsfeldern zu suchen - in denen sich Personen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen, befinden - und mit diesen umzugehen und diese zu verändern. Auch die folgenden Professionverständnisse haben Tripelmandate mit Spannungsfeldern.

4.4.5 'Modernes Professionsverständnis'

Das 'moderne Professionsverständnis' orientiert sich an der gesellschaftlichen Ordnung und hat als Basis eine Realwissenschaft, die Teil der Human- und Sozialwissenschaften ist. Die Profession erhält ihre gesellschaftliche Anerkennung dadurch, dass sie einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leistet und dies empirisch belegt.

Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit besteht aus der Hilfe für AdressatInnen, dem Auftrag der gesellschaftlichen Instanzen und dem Mandat der Profession der Sozialen Arbeit. Es hat gesellschaftliche Gruppen im Blick.

Der Beruf wird durch das dritte und selbstbestimmte Mandat der Profession der Sozialen Arbeit zur Profession. Dieses besteht aus wissenschaftlicher Begründung ihrer Analysen und Handlungen sowie einem Berufskodex und der Einhaltung der Menschenrechte.

Die Etablierung des modernen Professionsverständnisses benötigt ForscherInnen der Sozialen Arbeit, die wissenschaftliche Erkenntnisse erarbeiten, und SozialarbeiterInnen, die in der Praxis tätig sind. Alle müssen sich dem Ethikkodex und den Menschenrechten verpflichtet fühlen. Durch öffentlich bekannte und anerkannte Forschungsergebnisse besteht die Hoffnung, dass Soziale Arbeit auch in Österreich eine 'greifbare bzw. sichtbare' Disziplin an den Universitäten wird.

4.4.6 'Neues Professionsverständnis'

Das 'neue Professionsverständnis' lässt sich dem sozialistischen/kollektiven Theorieansatz zuordnen. Es ist auch eine Kritik am 'modernen Professionsverständnis'. Es lehnt die empirische Suche nach 'objektiven Wahrheiten' ab und geht von den individuellen (Diskriminierungs-)Erfahrungen von Frauen aus. Es nimmt die einzelnen Lebensgeschichten ernst und wendet sich gegen eine Beforschung und Verallgemeinerung von persönlichen Erfahrungen. Zentral ist die Gestaltung der Sozialen Arbeit mit veränderbaren und gleichberechtigten Beziehungen und einem bewussten Umgang mit Macht. 'Zeitgleich' muss dies zu Veränderungen in allen Lebensbereichen führen.

Dieses Professionsverständnis hat das 'Tripelmandat der Macht' - bestehend aus 'Power of' (Macht der Selbsthilfe), 'Power over' (Macht der Kontrolle) und 'Power to' (Macht zur sozialen Veränderung) - als Handlungsleitlinie.

Daraus resultiert ein dauernder Handlungsauftrag 'nach außen' für die Veränderung von Beziehungen und Macht. Dieser hat zum Ziel, dass alle Diskriminierungen beseitigt und die Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Beziehungen geschaffen werden. Die Beseitigung aller Diskriminierungen und die Gestaltung von gleichberechtigten Beziehungen betrifft nicht nur die Soziale Arbeit, sondern alle individuellen und gesellschaftlichen Lebensbereiche. Dieser soziale Wandel ist von SozialarbeiterInnen nicht alleine zu erreichen, sondern nur in gleichberechtigter Kooperation mit den 'KlientInnen' und vielen weiteren Menschen.

Das 'neue Professionsverständnis' entsteht und besteht durch die persönliche Beteiligung und den Einsatz für gesellschaftliche Veränderung von SozialarbeiterInnen und jenen, die mit ihnen in Beziehung stehen.

4.4.7 Vielfältiges Professionsverständnis

Aufgrund der sozialen Konstruktion der Sozialen Arbeit (siehe: 4.1.1 Soziale Arbeit als soziale Konstruktion, S 49) kann angenommen werden, dass sich die eben beschriebenen Verständnisse der Profession der Sozialen Arbeit verändern. Des Weiteren besteht darüber hinaus eine Vielfalt an Professionsverständnissen. Jede Sozialarbeiterin bzw. jeder Sozialarbeiter ist somit gefordert, ihr/sein Professionsverständnis mitzukonstruieren und entsprechend diesem seinen/ihren Beitrag für die Entwicklung der Profession der Sozialen Arbeit zu leisten.

Der Umgang mit Vielfalt wird auch zu Widersprüchen führen. Damit umzugehen ist letztlich eine persönliche Aufgabe von SozialarbeiterInnen, was wiederum eine Herausforderung zur Identitätsbildung darstellt.

Der kleinste gemeinsame Nenner der Profession Sozialer Arbeit könnte daher sein, dass sich SozialarbeiterInnen zu ihrer Profession bekennen und immer wieder öffentlich kundtun: 'Ich gehöre der Profession der Sozialen Arbeit an!' bzw. 'Ich bin gerne SozialarbeiterIn!'. Dadurch kann die Identität der SozialarbeiterInnen gestärkt werden.

5 Empirische Forschung

Für diese Masterarbeit wird folgender qualitativer Forschungsplan gewählt:

  • Qualitatives Design: Handlungsforschung

  • Erhebungsverfahren: Problemzentrierte Interviews

  • Aufbereitungsverfahren: Wörtliche Transkription in normales Schriftdeutsch

  • Auswertungsverfahren: Qualitative, strukturierte Inhaltsanalyse (vgl. Mayring 2002, 134)

Dieser Forschungsplan wird in diesem Kapitel begründet.

5.1 Auswahl der Forschungspartnerinnen

Die Forschungsfrage dieser Masterarbeit (siehe: 1.2 Entstehung der Forschungsfrage, S 2) nimmt ihren Ausgangspunkt in der Annahme der geringen Professionalisierung von SozialarbeiterInnen bei SLI und beschäftigt sich mit der Frage der Professionalisierung von Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit. Bei SLI arbeiten zwei Sozialarbeiterinnen, die bereit sind, ihr Wissen und ihre Erfahrungen für diese Masterarbeit zur Verfügung zu stellen. Beim DOWAS für Frauen sind ebenfalls zwei Sozialarbeiterinnen bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen für diese Masterarbeit zur Verfügung zu stellen.

Daher ergeben sich folgende 'Auswahlkriterien' für die Interviewpartnerinnen:

  • Abschluss der Akademie für Sozialarbeit oder Abschluss eines Fachhochschulstudiums für Soziale Arbeit (Mag.a (FH), Bachelor of Arts);

  • weiblich;

  • in der Peer-Arbeit tätig;

  • jeweils zwei Interviewpartnerinnen von SLI und DOWAS für Frauen.

5.2 Auswahl der Forschungsmethoden

In der empirischen Sozialforschung wird zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung unterschieden. Die quantitative Sozialforschung ist die historisch ältere Forschungsweise. Sie befasst sich mit Zahlen, standardisierten Fragebögen, Statistiken und versucht ihr 'Objekt real' zu erfassen. Dabei kommt es oft vor, dass die befragten Personen als Individuen bzw. Subjekte in den Hintergrund geraten oder nicht 'ganzheitlich' betrachtet werden. Die ausschließliche Forschung in dieser Weise wurde daher kritisiert und qualitative Forschungsmethoden wurden entwickelt.

Laut Mayring (2002) kam es in den 1970er Jahren zur "qualitativen Wende" (ebd., 9) in vielen Disziplinen: Soziologie, Psychologie und Pädagogik. (vgl. Mayring 2002, 5-18) Die qualitative Forschung der Pädagogik entwickelte die "Handlungsforschung" (ebd., 50), die große Bedeutung erlangt. Die Handlungsforschung will Forschung und Praxis näher zusammenbringen. Ihre Ergebnisse sollen im laufenden Forschungsprozess bereits in die Praxis einfließen. Das ist nur bei "einer gleichberechtigten Beziehung zwischen Forschern und Praktikern bzw. Betroffenen" (ebd.) zulässig.

"Die von der Forschung Betroffenen sind innerhalb von Handlungsforschung nicht Versuchspersonen, Objekte, sondern Partner, Subjekte. Forscher und Praktiker sind im stetigen gleichberechtigten und herrschaftsfreien Austausch, in Diskurs begriffen. [...] Der Diskurs steht im Zentrum der Handlungsforschung; diesen Diskurs zu analysieren und zu steuern ist eine Aufgabe der Forscher, bei der sie qualitativinterpretative Techniken bevorzugt einsetzen" (ebd., 50-51).

Der direkte Einfluss der Forschung auf die Praxis hängt von den Einschätzungen und Entscheidungen aller Beteiligten ab:

"Elemente von Handlungsforschung sind in all den Forschungsprojekten enthalten, die ihre Ergebnisse den 'Versuchspersonen' nach Abschluss der Auswertungen übermitteln und mit ihnen diskutieren" (ebd., 53, Anführungszeichen ergänzt.).

Die Handlungsforschung braucht ein praktisches Problem am Beginn und eine Veränderung als Ziel. Sie verknüpft Informationssuche und die Diskussion mit den ForschungspartnerInnen. (vgl. Mayring 2002, 50-54)

Wie im Kapitel 4.1.1 Soziale Arbeit als soziale Konstruktion (S 49) dargestellt, ist das Verständnis von Sozialer Arbeit unterschiedlich und hängt von individuellen oder gemeinschaftlichen Konstruktionen ab. Noch viel persönlicher ist ein Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit (siehe: 4.2.3 Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, S 57). Beides ist nicht in Zahlen messbar, daher wird hier die qualitative Sozialforschung gewählt.

Die Handlungsforschung als Teil der qualitativen Sozialforschung wurde gewählt, weil vom Praxisproblem der geringen Professionalisierung der Sozialen Arbeit bei SozialarbeiterInnen von SLI ausgegangen wird. Das Ziel ist, das sich das Professionsverständnis von SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit verbessert. Die Interviews werden mit Berufskolleginnen durchgeführt, die in der Selbstbestimmt Leben Bewegung und Frauenbewegung tätig sind. Daher sind eine Diskussion 'auf gleicher Ebene' im Rahmen der Interviews und das Eingebundensein der Interviewpartnerinnen in die Forschungsergebnisse selbstverständlich.

5.3 Erhebungsverfahren

5.3.1 Problemzentrierte Interviews

Für die qualitative Forschung im Rahmen dieser Masterarbeit werden "problemzentrierte Interviews" (Mayring 2002, 67) ausgewählt. Sie geben den Interviewpartnerinnen die Möglichkeit, frei zu Wort zu kommen. Sie sind gut geeignet, wenn die Forschung einen theoretischen Ausgangspunkt hat, und die Analyse der Forschungsfrage theoretisch möglich ist.

"Es eignet sich hervorragend für eine theoriegeleitete Forschung, da es keinen rein explorativen Charakter hat, sondern die Aspekte der vorrangigen Problemanalyse in das Interview Eingang finden" (ebd., 70).

Durch den Interviewleitfaden werden die Interviews teilweise standardisiert und leichter vergleichbar. (vgl. Mayring 2002, 67-70)

Das Thema der problemzentrierten Interviews ist durch das Thema der Masterarbeit vorgegeben, und die Forschungsfrage wurde in einem ersten Schritt theoretisch bearbeitet. (siehe: 3 Peer-Arbeit im Vergleich, S 21 und 4 Theoretische Zugänge zur Sozialen Arbeit, S 49) Es wird davon ausgegangen, dass die Konstruktion der Profession Sozialer Arbeit besser gelingt, wenn Sozialarbeiterinnen gemeinsam diskutieren. Daher wurden im SLI und im DOWAS für Frauen jeweils beide Sozialarbeiterinnen gemeinsam interviewt.

5.3.2 Erstellung des Interviewleitfadens

Der Interviewleitfaden besteht ausschließlich aus offenen Fragen. Es war wichtig, dass die Interviewpartnerinnen die Fragen möglichst frei beantworten können, damit ihr Professionsverständnis von Sozialer Arbeit deutlich wird. Der Leitfaden besteht aus sechs Fragengruppen und einer Abschlussfrage. Für jede Fragengruppe wurde ein Ziel formuliert. Im Folgenden wird der Aufbau des Interviewleitfadens erklärt und die theoretischen Bezüge im Rahmen dieser Masterarbeit hergestellt. Der gesamte Interviewleitfaden befindet sich im Anhang. (siehe: 10.1 Interviewleitfaden, S 122)

Gesamtziel des Interviews:

Gesamtziel: Es wird anhand der ersten fünf kategorisierten Fragengruppen das Verständnis der Praxis der Sozialen Arbeit und des Peer Support bzw. der feministischen Beratung erfragt. Die Interviewpartnerinnen stellen in jeder Fragengruppe Verbindungen zum Peer Support bzw. zur feministischen Beratung und zur Sozialen Arbeit her. In der sechsten Fragengruppe konstruieren die Interviewpartnerinnen ihr Verständnis von der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit und beschreiben ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit.

Das Gesamtziel des Interviews ist auf Basis der erstellen Forschungsfragen und Thesen formuliert. (Siehe: 1.3 Fragestellungen der Masterarbeit, S 3) Anhand des Verständnisses von Sozialer Arbeit, Peer Support und feministischer Beratung soll auf Gründe, die zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit führen, geschlossen werden.

Am Beginn dieser Masterarbeit wurde die These aufgestellt, dass von Sozialarbeiterinnen des SLI Peer Support und Soziale Arbeit als Widerspruch wahrgenommen werden; Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen feministische Beratung und Soziale Arbeit jedoch nicht als widersprüchlich erleben. (siehe: 1.4 Thesen der Masterarbeit, S 4) Die Interviewpartnerinnen werden daher in der Fragengruppe 1 eingeladen, selbst eine mögliche Unterscheidung zwischen Peer Support und feministischer Beratung sowie Sozialer Arbeit zu erstellen. (siehe: Frage 1.7) In jeder Fragengruppe des Interviews werden sie nach Verbindungen zum Peer Support bzw. zur feministischen Beratung und zur Sozialen Arbeit gefragt. (siehe: Fragen 2.6 und 2.7; 3.4 und 3.5; 4.5 und 4.6; 5.6. und 5.7; 6.3 und 6.4)

Fragengruppe 1: Kennenlernen & Grundbegriffe

Ziel: Mit dieser Fragengruppe erfolgt ein Kennenlernen der Interviewpartnerinnen und der Einrichtung. Sie stellen ihr eigenes Verständnis wichtiger Grundbegriffe der Masterarbeit dar.

Der Fragebogen soll eng an das Thema der Masterarbeit geknüpft sein. Daher ist es wichtig, dass die Interviewpartnerinnen ihr Verständnis wichtiger Grundbegriffe der Masterarbeit darstellen. (siehe: 2 Grundbegriffe der Masterarbeit, S 6) Somit kann das Wissen der Praktikerinnen in die Beschreibung von Grundbegriffen der Masterarbeit einfließen. Die Interviewpartnerinnen erstellen eine mögliche Unterscheidung zwischen Peer Support bzw. feministischer Beratung und Sozialer Arbeit.

Fragengruppe 2: Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungsangeboten

Ziel: Die (Dienstleistungs-)Angebote von SLI und DOWAS für Frauen - insbesondere die Persönliche Assistenz, das betreute Wohnen und die sozialpädagogische Wohngemeinschaft - werden beschrieben.

Die Masterarbeit beschäftigt sich mit der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit. (siehe: 2.3 Peer-Arbeit, S 8) Daher ist es wichtig zu erfragen, welche Dienstleistungsangebote es gibt und wie die Erstberatung zu diesen Angeboten erfolgt. Des Weiteren ist der Entscheidungsprozess von Interesse, der dazu führt, dass Menschen mit Behinderungen die Dienstleistungsangebote von SLI und Frauen diejenigen des DOWAS für Frauen in Anspruch nehmen können. Außerdem wird nach dem Ablauf der laufenden Beratung gefragt.

Fragengruppe 3: Umgang mit unterschiedlichen Interessen

Ziel: Die Interviewpartnerinnen benennen und beschreiben unterschiedliche Interessen bei der Dienstleistungsvermittlung. Sie beschreiben den Umgang damit und bewerten unterschiedliche Interessen.

Im Theorieteil wurde der Umgang mit verschiedenen Interessen als ein wichtiges Kennzeichen für Soziale Arbeit identifiziert. Die unterschiedlichen Interessen können zwischen Personen, Personengruppen und Gesellschaft bestehen. (siehe: 4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit, S 50 und 4.2.3 Das Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit, S 57) Diese Fragengruppe zielt auf die unterschiedlichen Interessen in der Praxis der Peer-Arbeit ab. Sie befasst sich mit unterschiedlichen Interessen 'innerhalb' der Dienstleistungsdreiecke. (siehe: 3.1.5.3 Persönliche Assistenz als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen, S 29; 3.2.5.3 Betreutes Wohnen als Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen, S 40; 3.2.6.3 Entscheidungen und Vereinbarungen in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft, S 43) Dieser Inhalt wird mit der Frage 3.1 und Unterfragen erfragt. Des Weiteren werden die unterschiedlichen Interessen zwischen den Beteiligten an der Dienstleistung und dem Umfeld erfragt. (siehe: Frage 3.2 und Unterfragen)

Fragengruppe 4: Kampf für soziale Veränderung und gegen Diskriminierungen

Ziel: Die Interviewpartnerinnen bewerten die Bedeutung und Aktualität der Frauen- und Behindertenpolitik bzw. Frauen- und Behindertenbewegung. Sie nennen Beispiele von Diskriminierungen und Möglichkeiten, diese zu beseitigen.

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung hat den Peer Support und die Persönliche Assistenz entwickelt, die Frauenbewegung die feministische Beratung und erste Frauenhäuser (siehe: 3.1.1 Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung, S 21; 3.2.1 Geschichte der Frauenbewegung, S 34). Beide Bewegungen kämpfen gegen Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen bzw. Frauen. Das dritte Mandat der Praxis der Sozialen Arbeit ist sozialer Wandel (siehe: 4.1.2 Tripelmandat der Praxis der Sozialen Arbeit, S 50). Es wird nach dem Einfluss der Frauenbewegung oder der Selbstbestimmt Leben Bewegung sowie nach aktuellen Diskriminierungen von Frauen und Menschen mit Behinderungen gefragt.

Fragengruppe 5: Umgang mit Macht

Ziel: Die Interviewpartnerinnen stellen den Umgang mit Macht in der Praxis der Peer-Arbeit dar.

Der bewusste Umgang mit Macht ist wichtig, um Diskriminierungen zu verhindern und zu bekämpfen. (siehe: 4.3.5 Drei Formen der Macht, S 65) Diese Fragengruppe fragt nach dem Umgang mit dem Widerspruch zwischen der parteilichen bzw. partnerschaftlichen Unterstützung 'von Gleichen' und den Kontrollaufgaben ('power over') der Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit. Es wird auch nach der Macht von AssistenznehmerInnen und Untermieterinnen gefragt.

Fragengruppe 6: Praxis und Profession der Sozialen Arbeit

Ziel: Die Interviewpartnerinnen erstellen ihre Konstruktion der Sozialen Arbeit, vergleichen diese mit ihrer praktischen Tätigkeit und stellen ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit dar.

Malcolm Payne beschreibt, wie Soziale Arbeit konstruiert wird. (siehe: 4.1.1 Soziale Arbeit als soziale Konstruktion, S 49) Die Interviewpartnerinnen konstruieren zusammenfassend ihr Verständnis von Sozialer Arbeit und verifizieren oder falsifizieren ihre Peer-Arbeit als Soziale Arbeit. Des Weiteren wird nach dem Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit und individuellen Auswirkungen gefragt.

Fragengruppe 7: Abschlussfrage

Ziel: Die Interviewpartnerinnen haben die Möglichkeit, eigene Überlegungen und nicht abgefragte Aspekte zum Thema der Masterarbeit auszudrücken.

Die Abschlussfrage ist eine 'ganz offene Frage', die den Interviewpartnerinnen die Möglichkeiten gibt, noch eigene Überlegungen und noch 'nicht Gesagtes' zum Thema der Masterarbeit zu formulieren.

5.3.3 Probeinterview

Mit einem Probeinterview (Pre-Test des Interviewleitfadens) wurde die Vollständigkeit und Verständlichkeit des Interviewleitfadens überprüft. Das Probeinterview fand am 10.2.2012 statt. Die Interviewpartnerin war eine Studienkollegin des Masterstudiums für Soziale Arbeit, Sozialpolitik & -management. Sie ist Sozialarbeiterin und arbeitet schon seit vielen Jahren mit Menschen mit Behinderungen bei einem großen Träger in Tirol. Sie möchte namentlich nicht genannt werden.

5.4 Durchführung der Interviews

5.4.1 Allgemeine Beobachtungen

Der Interviewleitfaden war gut geeignet, das Gespräch im Hinblick auf die Forschungsfragen zu strukturieren. Es waren alle Fragen verständlich oder konnten mit einer kurzen Erklärung verständlich gemacht werden. In der Fragengruppe 3 'Umgang mit unterschiedlichen Interessen' wurden die Fragen zum Umgang mit unterschiedlichen Interessen 'in- und außerhalb der Dienstleistungsdreiecke' zusammengefasst, da sich diese Differenzierung während der Interviews als nicht praktikabel erwies.

Die Themen der Fragengruppen mit Peer Counseling (SLI) bzw. feministischer Beratung (DOWAS für Frauen) und Sozialer Arbeit zu verbinden, stellte eine große Herausforderung an die Interviewpartnerinnen dar, konnte aber mit leichter Unterstützung des Interviewers kompetent gelöst werden.

5.4.2 Interview bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck

Das Interview fand am 15.2.2012 von 17:00 bis 18:30 in den Büroräumlichkeiten von SLI statt. Beide Interviewpartnerinnen wünschten sich eine Anonymisierung des Interviews mit DSAin X und DSAin Y, der Verein darf genannt werden. So ist zumindest eine 'teilweise Anonymität' der Interviewpartnerinnen gewahrt.

Für die Beratung von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen wurde von beiden Interviewpartnerinnen der Begriff 'Peer Counseling' gewählt. Das Interview fand in einer ruhigen und konzentrierten Stimmung statt, die Fragen wurden ausführlich beantwortet. (siehe: 10.2.2 Protokoll, S 142)

5.4.3 Interview im DOWAS für Frauen

Das Interview fand am 8.3.2012 von 13:15 bis 15:00 in den Büroräumlichkeiten des DOWAS für Frauen statt. Beide Interviewpartnerinnen wünschten sich, dass das Interview mit DSAin Carla und DSAin Lena anonymisiert wird, der Verein darf genannt werden. So ist zumindest eine 'teilweise Anonymität' der Interviewpartnerinnen gewahrt. Das Interview fand in ruhiger Atmosphäre statt. Es gab kürzere und längere Antworten. Das Interview entwickelte sich teilweise zu einer Diskussion. Die Beratung von Frauen für Frauen wurde als 'feministische Beratung' bezeichnet. Die Fragengruppen mit der feministischen Beratung bzw. mit der Sozialen Arbeit zu verbinden war nicht immer möglich, da die feministische Beratung als Teil der Sozialen Arbeit verstanden wurde. Es wurde daher während des Interviews zusätzlich nach Parallelen oder Widersprüchen zur Frauenbewegung gefragt. (siehe: 10.3.2 Protokoll, S 166)

5.5 Aufbereitungsverfahren

Beide Interviews wurden mit einem digitalen Aufnahmegerät im Dateiformat 'mp3' aufgenommen.

Bei der Aufbereitung von qualitativen Daten kann zwischen der Schriftform, Grafiken und hör- bzw. sehbaren Darstellungen unterschieden werden. Grafiken umfassen Tabellen, bildliche Darstellungen von Zeitabläufen und Strukturen. Darstellungen, die gehört und gesehen werden können, sind Bilder, Filme und alle Arten von Tonmaterialien. (vgl. Mayring 2002, 85-88)

Die Darstellungen von Interviews in Schriftform lassen sich in folgende Bereiche untergliedern:

  • "Wörtliche Transkription" (ebd., 89)

  • "Kommentierte Transkription" (ebd., 91)

  • "Zusammenfassendes Protokoll" (ebd., 94)

  • "Selektives Protokoll" (ebd., 97)

Wörtliche Transkription umfasst die Übertragung sämtlicher Materialien in Text. Dabei ist zu überlegen, ob die Übertragung Dialekte berücksichtigt:

"Die Übertragung in normales Schriftdeutsch ist dabei die weitestgehende Protokolltechnik. Der Dialekt wird bereinigt, Satzbaufehler werden behoben, der Stil wird geglättet. Dies kommt dann in Frage, wenn die inhaltlich-thematische Ebene im Vordergrund steht, wenn der Befragte beispielsweise als Zeuge, Experte, als Informant auftreten soll" (ebd., 91).

Die Interviewpartnerinnen sind Expertinnen in der Peer-Arbeit. Das Interesse an den Interviews besteht in der inhaltlichen Darstellung der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit. Eine wörtliche Transkription in Schriftdeutsch ist daher das passende Aufarbeitungsverfahren, wie das angeführte Zitat deutlich belegt. Die Transkription wurde von Franziska Brugger übernommen. Das Transkript wurde gegengelesen und von den Interviewpartnerinnen bestätigt.

5.6 Auswertungsverfahren

Die qualitative Inhaltsanalyse ist ein Auswertungsverfahren, das eine systematische Analyse von Medien ermöglicht. Das Wichtigste ist dabei, dass ein Kategoriensystem erarbeitet wird, das der Beantwortung der Forschungsfragen und -hypothesen dient. Im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse werden drei Arten der Analyse unterschieden: Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung. Die Zusammenfassung reduziert den Text auf das Wesentliche und die Explikation bearbeitet bestimmte Textstellen mit weiterem Informationsmaterial. (vgl. Mayring 2002, 115) Die Strukturierung hat folgendes Ziel:

"Ziel der Analyse ist es, bestimmte Aspekte aus dem Material herauszufiltern, unter vorher festgelegten Ordnungskriterien einen Querschnitt durch das Material zu legen oder das Material auf Grund bestimmter Kriterien einzuschätzen" (Mayring 2002, 115).

Ziel der strukturierten Inhaltsanalyse in dieser Masterarbeit ist, jene Aspekte herauszufiltern, die zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit führen bzw. jene, die nicht dazu führen. Der Interviewleitfaden ist aufgrund der theoretischen Bearbeitung der Forschungsfrage erstellt worden und deckt alle Inhalte ab. Das Kategoriensystem wird aufgrund des Interviewleitfadens entwickelt. (vgl. ebd., 118-120)

6 Auswertung der Interviews

In diesem Kapitel werden die Kategorisierung beschrieben und die wesentlichen Inhalte der Interviews wiedergegeben.

6.1 Kategorien

Wie schon bei den Interviews werden auch in der Auswertung in der Fragengruppe 3 'Umgang mit unterschiedlichen Interessen' die Fragen nach unterschiedlichen Interessen im Rahmen der Dienstleistungsvermittlung (Frage 3.1 mit Unterfragen) und Spannungsfelder mit dem Umfeld (Frage 3.2 mit Unterfragen) zusammengefasst.

Die Antworten zu den Fragen nach Verbindungen zur Sozialen Arbeit bzw. zum Peer Counseling/zur feministischen Beratung/zur Frauenbewegung werden in eigenen Kategorien I und II für Fragengruppen 2 bis 6 'im Querschnitt' kodiert. In der Fragengruppe 6 bestehen nur Verbindungen von der eigenen Praxis zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' sowie zur Sozialen Arbeit, die auf diese Weise ausgewertet werden. Aufgrund dieser 'Kodierung im Querschnitt' können die Verbindungen übersichtlich analysiert werden. Die Transkripte der Interviews und der Kodierleitfaden befinden sich im Anhang. (siehe: 10 Anhang, S 122)

6.2 Inhalte der Interviews

6.2.1 Allgemeines zur Wiedergabe des Interviews

In diesem Unterkapitel werden die wichtigsten Inhalte der Interviews dargestellt. Es werden immer zuerst die Ergebnisse des Interviews bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck dargestellt und dann jene des DOWAS für Frauen. Die Ergebnisse lassen sich meistens als wechselseitige Ergänzung lesen, die zu einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit führen.

6.2.2 Kennenlernen und Grundbegriffe

6.2.2.1 Vorstellen von Vereinen und Personen

DSAin X beschreibt den Verein Selbstbestimmt Leben Innsbruck folgendermaßen:

"SLI heißt 'Selbstbestimmt Leben Innsbruck' und ist eine Selbstvertretungsorganisation, Interessensvertretungsorganisation für Menschen mit Behinderung. Das Angebot vom SLI besteht aus drei Säulen:

1. Beratung in Form des Peer Counseling

2. Angebot der Persönlichen Assistenz

3. Interessensvertretung" (Interview SLI, DSAin X, Z 18-23).

Der Verein ist in ganz Tirol tätig und richtet sich an Menschen mit Körperbehinderungen, das Angebot für Menschen mit Lernschwierigkeiten soll ausgebaut werden. Nicht in die Zielgruppe von SLI fallen Menschen mit psychischer Erkrankung.

DSAin X ist seit 2001 Diplomsozialarbeiterin und arbeitet seit Ende 2001 als Koordinatorin und Sozialarbeiterin bei SLI.

DSAin Y hat 1997 die Akademie für Sozialarbeit abgeschlossen und hat anschließend Psychologie und Pädagogik studiert. Sie arbeitet seit acht Jahren bei SLI.

(vgl. Interview SLI, Z 9-14, Z 25-28)

Der Verein DOWAS für Frauen ist ein feministischer Verein von und für Frauen und ihre Kinder in schwierigen Notlagen, wie beispielsweise "Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 33-34).

Der Verein gliedert sich in drei Teilbereiche:

  1. Beratungsstelle

  2. Betreutes Wohnen

  3. Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft

Beim DOWAS für Frauen arbeiten - mit Ausnahme eines Mannes als geringfügig beschäftigter Kinderbetreuer - nur Frauen (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 31-52).

DSAin Carla hat vor 12 Jahren die Akademie für Sozialarbeit abgeschlossen, hat vorher in einer Anlaufstelle für Menschen, die wohnungslos sind, gearbeitet und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft des DOWAS für Frauen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 9-21)

DSAin Lena absolvierte vor 11 Jahren die Akademie für Sozialarbeit, arbeitet seit drei Jahren in der Beratungsstelle des DOWAS für Frauen und hat vorher ein halbes Jahr im betreuten Wohnen gearbeitet. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 18-19, 25)

6.2.2.2 Begriff 'Behinderung'

Behinderung hängt für die Interviewpartnerinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck von den körperlichen Voraussetzungen, dem subjektiven Empfinden und den Umweltbedingungen ab. Ist die Umwelt barrierefrei gestaltet, ist die Behinderung gering. In manchen Lebensbereichen braucht es Unterstützung. Das subjektive Erleben von Behinderung ist oft unabhängig von der Barrierefreiheit.

Bestehen Wünsche, die aufgrund der Behinderung nicht erfüllbar sind, wird die Behinderung stärker empfunden, als wenn diese nicht bestehen.

"Ob ich das als Behinderung empfinde oder nicht, hängt von meinem Wunsch ab. Wenn Wünsche bestehen, dann empfinde ich es als Behinderung, wenn es mir total gleich ist, dann empfinde ich es nicht als Behinderung. Die persönliche Behinderung, wie man diese empfindet, hat also mit den eigenen Wünschen zu tun" (Interview SLI, DSAin X, Z 46-50).

Die Wahrnehmung der Behinderung hängt auch von der persönlichen Einstellung und auch davon, ob die Behinderung seit Geburt besteht oder durch einen Unfall erworben wurde. (vgl. Interview SLI, Z 31-68)

Die Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen stellen die bauliche (Nicht-)Barrierefreiheit der Räumlichkeiten ihres Vereins in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und betonen, dass für barrierefreie Wohnungen mehr finanzielle Mittel notwendig wären. Des Weiteren nennen sie das Beispiel einer jungen Frau, die 'mangels' Rechenkenntnissen in die Sonderschule gehen musste, anstatt entsprechend gefördert zu werden. Dadurch wird sie behindert und stigmatisiert. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 153-190)

6.2.2.3 Begriff 'Frau sein'

Die Interviewpartnerinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck bewerten ihr 'Frau sein' sehr positiv. Sie stellen aber fest, dass Frauen mit vielen Diskriminierungen konfrontiert sind, beispielsweise durch schlechtere Bezahlung am Arbeitsmarkt. Frauen mit Behinderungen sehen sich doppelter Diskriminierung ausgesetzt. Menschen mit Behinderungen und Frauen haben gemeinsam, dass sie sich ihre Rechte erkämpfen müssen. Trotz all dieser Nachteile vergessen Frauen nicht, ihre Stärken zu nutzen: "Dass man als Frau trotzdem nicht vergisst, was man eigentlich für Kräfte hat und dort anzuzapfen, trotz aller widrigen Umständen" (Interview SLI, DSAin X, Z 85-87; vgl. Interview SLI, Z 73-91).

Das Verständnis von 'Frau sein' wird von den Interviewpartnerinnen im DOWAS für Frauen durch die Unterscheidungen zum 'Mann sein' entwickelt. Die gesellschaftlichen und politischen Unterschiede bestehen heute noch:

"Ja und dass das irgendwie momentan so scheint, als wären wir alle emanzipiert, als hätten wir alle die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten. Und das stimmt einfach überhaupt nicht. Vorne und hinten nicht. Es wird die Hausarbeit, die Hausfrauenarbeit überhaupt nicht anerkannt, es schaut immer so aus, als täten die Männer das Geld heimbringen und die Frauen keine Leistung bringen. Das wird den Frauen auch so vermittelt und sie steigen bei einer Trennung immer blöd aus. Fast" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 108-113).

Die Benachteiligungen von Frauen entstehen durch

  • Unterschiede beim Einkommen und bei der Aufteilung der Hausarbeit sowie

  • das von Medien vermittelte Schönheitsideal von Frauen und

  • Erziehung:

"Naja, ich bin viel der Meinung, dass weibliches Verhalten sehr viel auch anerzogen ist. Also ich finde, dass Frauen massiv in der Erziehung zu Weibchen gemacht werden" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 126-149).

(vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 70-136)

6.2.2.4 Begriff Beratung 'von Gleichen für Gleiche'

Die Beratung von und für Menschen mit Behinderungen wird bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck als Peer Counseling bezeichnet. BeraterIn und Beratende sind auf gleicher Ebene und teilen gemeinsame Erfahrungen, beispielsweise jene der Diskriminierung. Des Weiteren können sich BeraterInnen besser einfühlen. Im Rahmen der Beratung wird nicht nur Wissen zur Verfügung gestellt, sondern auch die eigene Persönlichkeit. Das birgt für alle Beratungsbeteiligten Chancen und Gefahren:

"Für mich ist Peer Counseling Beratung mit Haut und Haaren. Und das ist eine Chance und auch eine Gefahr. Für die Person, die beraten wird und für jene, die berät, ebenso. Mit Haut und Haaren heißt: Als Beraterin stellt man sich mit seiner Persönlichkeit und seinen persönlichen Erfahrungen zur Verfügung und nicht nur mit Dingen, die man weiß, sich also lernend angeeignet hat" (Interview SLI, DSAin X, Z 108-113).

Das Peer Counseling hat eine besondere Qualität, aber es besteht auch die Gefahr 'hineingefressen' zu werden. (vgl. Interview SLI, Z 95-123)

Im DOWAS für Frauen wird die Beratung von Frauen für Frauen als feministische Beratung verstanden. Hier werden die größere Empathie, das positive Rollenvorbild als Frau und das einfachere Bearbeiten von Gewalterfahrungen der 'Klientinnen' als Vorteile genannt. Während Männer in schwierigen Partnerschaften oft die dominante Rolle übernehmen, erfolgt in der feministischen Beratung die Unterstützung durch Frauen. Außerdem kann die Wut über Ungerechtigkeiten vermittelt werden. Die Parteilichkeit mit Frauen ist besonders wichtig für die Arbeit von Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen:

"Das ist auch diese Parteilichkeit; das wollte ich zuerst noch sagen. Das heißt: Neben der Frau stehen. Oder hinter der Frau stehen. Und das finde ich als Sozialarbeiterin unserem Klientel gegenüber total wichtig" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 1034-1036).

(vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 195-254)

Im weiteren Verlauf der Diskussion werden im Rückblick die Veränderungen der feministischen Beratung im DOWAS für Frauen betrachtet. Von lang gedienten Mitarbeiterinnen wird von den "guten alten Zeiten" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 289) erzählt, die aber nicht ganz greifbar sind. Das Bewusstsein, dass Probleme von Frauen durch strukturelle Rahmenbedingungen bedingt sind, verstärkte sich. Die Distanz zwischen Beraterinnen und Beratenden wurde größer und die Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. Dies führte dazu, dass sich die Psychohygiene von Mitarbeiterinnen verbesserte. Dieser Abstand wird besonders geschätzt, wenn 'Klientinnen' von ihren Gewalterfahrungen erzählen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 252-328)

6.2.2.5 Begriff 'Soziale Arbeit'

Als Kennzeichen von Sozialer Arbeit wird bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck genannt:

  • Sozialarbeiterinnen setzen sich mit Lebenssituationen anderer Menschen auseinander und dienen ihnen als Spiegel der Realität.

  • Sie unterstützen Menschen im Privatleben.

  • Soziale Arbeit hat viel mit "Checkerei" (Interview SLI, DSAin X, Z 140) zu tun. Das bedeutet, jene Unterstützungen und Ressourcen zu organisieren und zu vermitteln, die Menschen benötigen.

(vgl. Interview SLI, Z 127-142)

Im DOWAS für Frauen umfasst Soziale Arbeit folgende Aspekte:

  • "Unterstützung beim Ausgleichen von Ungerechtigkeiten" sowie "Selbstermächtigung" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 259-260).

  • Das Aufzeigen verschiedener Handlungsmöglichkeiten.

  • Das Vermitteln neuer Rollenbilder.

  • Sorgen für die wirtschaftliche Absicherung von 'Klientinnen'.

  • Die Vertretung von Interessen von Frauen in der sozialpolitischen Arbeit und im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit als Verein.

(vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 259-267)

6.2.2.6 Vergleich von Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und Sozialer Arbeit

Bei einem ersten Vergleich von Peer Counseling und Sozialer Arbeit werden keine Widersprüche formuliert. Bei SLI wird die wechselseitige Erweiterung und der wechselseitige Nutzen von Sozialer Arbeit und Peer Counseling betont:

Das Peer Counseling erweitert die Soziale Arbeit um die Komponente der persönlichen Erfahrungen und des besseren Einfühlungsvermögens. Umgekehrt erweitert die Soziale Arbeit das Peer Counseling um das Wissen der Ressourcenerschließung. Soziale Arbeit bietet die Möglichkeit, sich im Beratungsprozess herauszuhalten. Diese Wechselwirkung führt zu folgendem Schluss: "Eigentlich ist es eine super Kombination" (Interview SLI, DSAin X, Z 167; vgl. Interview SLI, Z 148-169).

Der erste Vergleich von feministischer Beratung und Sozialer Arbeit bringt eine Gemeinsamkeit zutage: "Schon ganz klar, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen eben

bemächtigt werden, sich auch wieder selbst zu helfen" (Interview DOWAS für Frauen,

DSAin Carla, Z 278-279).

Im Laufe des Interviews im DOWAS für Frauen wird deutlich, dass bei der Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen (siehe: 6.2.3 Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungsangeboten, S 89) weder die Beratung von der Dienstleistungserbringung noch die Soziale Arbeit von der feministischen Beratung zu trennen sind und sich auch nicht gegenseitig ausschließen. Das zeigt der folgende Diskussionsabschnitt:

"DSAin Lena: Das kann man nicht trennen.

D.S.: Das läuft unter dem Fokus feministische Beratung?

DSAin Lena: Ja.

DSAin Carla: Ich weiß jetzt keinen Teil, der nicht feministisch wäre.

DSAin Lena: Ich auch nicht.

D.S.: Gibt es Teile, die Soziale Arbeit sind?

DSAin Carla: Und feministische? Oder ganz banale Soziale Arbeit?

D.S.: Ja.

DSAin Carla: Ja.

DSAin Lena: Formulare sind jetzt nicht gegendert. Ja das ist einfach Papierarbeit oder sowas, würde ich sagen. Aber sobald man redet oder berät, wird's dann feministisch.

D.S.: Und dann verliert es ein wenig an Sozialarbeit? - Könnte?

DSAin Carla: Nein.

DSAin Lena: Für mich ist es so schwierig, das zu trennen."

(Interview DOWAS für Frauen, Z 473-498, Leerzeilen ausgelassen).

'Das Besondere' der feministischen Beratung im Rahmen der Sozialen Arbeit ist die inhaltliche Ausrichtung, die stärker an der Selbstständigkeit und an der Selbstermächtigung von Frauen orientiert ist und nicht an einem katholischen Familienbild. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 500-518)

6.2.3 Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungsangeboten

6.2.3.1 Angebote

Die Gestaltung der Persönlichen Assistenz ist grundsätzlich Sache der AssistenznehmerInnen. Sie leiten die Persönlichen AssistentInnen an, diese sind die Ausführenden. Die Beschreibung der Persönlichen Assistenz sowie das Selbstverständnis von AssistenznehmerInnen fasst folgendes Zitat zusammen:

"Streng nach Lehrbuch haben sie die Definitionsmacht über die Assistenz, was also geschehen soll. Sie sind die, die definieren und anleiten und sagen, was sie brauchen, wie sie es brauchen und von wem sie es haben wollen, zu welchem Zeitpunkt. Die Praxis ist nicht immer so ganz geklärt. Vom Namen her: Die Kunden sind Kunden, keine Klienten, keine Almosenempfänger. Das heißt, sie bekommen eine Dienstleistung und haben das Recht, eine gute Dienstleistung, mit der sie zufrieden sind, zu bekommen. Wenn die Leistung nicht passt, wechsle ich den Anbieter oder den Assistenten" (Interview SLI, DSAin Y, Z 481-488).

Zu den Angeboten der KoordinatorInnen gehören die Beratung und Unterstützung der KundInnen bei der Organisation der Persönlichen Assistenz, das Suchen und Vermitteln von Persönlichen AssistentInnen sowie die Durchführung von AssistentInnen- und AssistenznehmerInnenschulungen. (vgl. Interview SLI, Z 216-239)

Das betreute Wohnen hat eine geringere Betreuungsdichte als die sozialpädagogische Wohngemeinschaft. Ein multiprofessionelles Team, bestehend aus einer Psychologin, einer Sozialarbeiterin und einer Kinderfachfrau, unterstützt die Frauen. Die Frauen haben wöchentlich einen Beratungstermin, meistens in der Beratungsstelle, und werden zu Ämtern begleitet. Der Betreuungsvertrag ist an den Mietvertrag gekoppelt und gilt immer für ein Jahr. Frauen wohnen ca. zwei bis drei Jahre im betreuten Wohnen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 344-376, 436-438)

Die sozialpädagogische Wohngemeinschaft bietet für zwölf wohnungslose Frauen Platz. Wie beim betreuten Wohnen werden die Frauen individuell von Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und einer Kinderfachfrau unterstützt. Bei der Alltagsgestaltung begleitet zusätzlich eine Sozialpädagogin. Der Aufenthalt dauert ca. ein halbes Jahr bis ein Jahr. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 380-409, 601-609)

Beide Angebote haben gemeinsam, dass es eine Arbeitsteilung unter den Professionen gibt. Die Psychologin ist die 'Fallführende' und arbeitet mit den Frauen am Wohlbefinden und an ihren Zielen. Die Sozialarbeiterinnen sind für die Abklärung der finanziellen und beruflichen Situation sowie der Wohnsituation und Kontakte zu Ämtern zuständig. Ist die finanzielle Situation geregelt, stehen begleitende Beratungsgespräche im Mittelpunkt der sozialarbeiterischen Tätigkeit, da die Frauen Zeit zur Entwicklung brauchen. Frauen können nur so lange die Wohnmöglichkeiten des DOWAS für Frauen nutzen, solange sie die Beratung in Anspruch nehmen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 380-409, Z 436-438)

6.2.3.2 Erstberatung

Die Erstberatung bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck führen KoordinatorInnen durch. Dabei wird über das Angebot informiert. Darüber hinaus werden Erwartungen und Wünsche der potenziellen AssistenznehmerInnen erfragt und überprüft, ob diese von SLI und dem Koordinator bzw. der Koordinatorin persönlich erfüllt werden können. Je nach Beratungsverlauf wird gleich ein Antrag auf Persönliche Assistenz gestellt, oder der Interessent bzw. die Interessentin nimmt sich mehr Zeit für die Entscheidung. (vgl. Interview SLI, Z 174-195)

Im DOWAS für Frauen führen eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin gemeinsam das Aufnahmegespräch. Dabei wird über das Angebot informiert und das Wohnhaus gezeigt. Während des Aufnahmegespräches wird auch geprüft, ob die interessierte Frau bereit ist, das verpflichtende, begleitende Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 424-438)

6.2.3.3 Entscheidung über das Angebot

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck werden grundsätzlich alle Erstgespräche zur Persönlichen Assistenz im Team besprochen. Ist der Sachverhalt klar, entscheiden die BeraterInnen, während des Erstgespräches die Persönliche Assistenz anzubieten. Im Anschluss an die Beratung muss der Kostenträger noch über die Finanzierung der Persönlichen Assistenz entscheiden. (vgl. Interview SLI, Z 174-202)

Im DOWAS für Frauen entscheiden jene Sozialarbeiterin und jene Psychologin, die das Aufnahmegespräch geführt haben, über die Aufnahme in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft oder im betreuten Wohnen. Des Weiteren ist für die Entscheidung maßgebend, dass die Finanzierung über die Mindestsicherung gegeben ist. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 443-453)

6.2.3.4 Laufende Begleitung

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck orientiert sich die laufende Begleitung am Beratungsbedarf der AssistenznehmerInnen. Manche KundInnen organisieren ihre Persönliche Assistenz völlig autonom und nehmen keine Beratung in Anspruch. Die laufende Beratung unterstützt grundsätzlich den Weg von der Fremdbestimmung im Heim zur selbstbestimmten Lebensgestaltung mit Persönlicher Assistenz. Die Unterstützung ist daher zu Beginn des Assistenzverhältnisses intensiver und nimmt ab, wenn die AssistenznehmerInnen ihre AssistentInnen selbst organisieren. (vgl. Interview SLI, Z 206-239)

Im DOWAS für Frauen ist die laufende Beratung klar vereinbart und Voraussetzung für das Wohnen im betreuten Wohnen oder in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft. Die Untermieterinnen haben wöchentlich ein bis zwei Beratungsgespräche, die von der Sozialarbeiterin oder der Psychologin geführt werden. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 424-434)

6.2.4 Umgang mit unterschiedlichen Interessen

6.2.4.1 Formen

Interviewpartnerinnen nennen folgende Formen und Beispiele für unterschiedliche Interessen und Konflikte:

Selbstbestimmt Leben Innsbruck:

  • KundInnen wollen Betreuung und haben kein Interesse an einem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Das Konzept sieht aber dies und die Steuerung der Persönlichen Assistenz durch sie vor.

  • Angehörige wollen, dass die KundInnen betreut werden, anstatt einer Begleitung auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Das führt zu Konflikten mit Angehörigen.

  • AssistenznehmerInnen und AssistentInnen wollen, dass ihre Konflikte von den KoordinatorInnen gelöst werden. (vgl. Interview SLI, Z 275-289)

DOWAS für Frauen:

  • Es gibt Konflikte bezüglich der Bezahlung der Miete, wenn Frauen ihr Geld anders ausgeben wollen.

  • Es gibt Konflikte zwischen Bewohnerinnen der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft, die durch die beengten Wohnverhältnisse entstehen.

  • Es gibt Konflikte zwischen Frauen und NachbarInnen, z.B. wegen Lärm. • Es gibt Konflikte zwischen 'Klientinnen' und Sozialarbeiterinnen, wenn der Umgang mit Geld einen längeren Lernprozess erfordert. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 538-575)

Des Weiteren gibt es Konflikte zwischen 'Klientinnen' und Sozialarbeiterinnen bezüglich der Ziele und Lösungsansätze:

"Mit den Klientinnen, fällt mir ein, ist es oft ein Konflikt, dass die Klientin eine

schnelle Lösung von einem Problem will und ich als Beraterin will oft eine nachhaltige

Lösung. Das ist oft so" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 564-565).

6.2.4.2 Häufigkeit

Konflikte kommen in der Arbeit von Sozialarbeiterinnen bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck und im DOWAS für Frauen sehr oft vor. Sie sind kennzeichnend für die Arbeit. Die nachfolgenden Zitate sprechen für sich:

"Ob Konflikte oft vorkommen? Sie gehören dazu zum Geschäft. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn sich verschiedene Leute so nahe kommen in einem Arbeitsverhältnis wie in der Persönlichen Assistenz, dann muss das fast konfliktträchtig sein. Die totale Harmonie zwischen fremden Menschen gibt es nicht" (Interview SLI, DSAin X, Z 293-296).

DSAin Lena meint auf die Frage, welche unterschiedlichen Interessen es gibt: "Ja. Unterschiedliche Interessen, wo man hinschaut" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 538).

6.2.4.3 Umgang

Im Umgang mit Konflikten werden bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck folgende Möglichkeiten genannt:

  • Werden Konflikte nicht gut kommuniziert, muss manchmal vonseiten der KoordinatorInnen interveniert werden.

  • KundInnen und AssistentInnen werden dabei unterstützt, dass sie Konflikte direkt besprechen. Dies erfolgt durch direktes Feedback und/oder durch KundInnen- bzw. AssistentInnenschulungen.

Konflikte können dazu führen, dass von den KoordinatorInnen die Parteilichkeit mit den AssistenznehmerInnen zugunsten einer neutralen Position zwischen AssistenznehmerInnen und AssistentInnen aufgegeben wird. (vgl. Interview SLI, Z 300-319)

Eine 'schlechte Lösung' im Rahmen von Assistenzverhältnissen ist, dass ein Beteiligter bzw. eine Beteiligte nachgibt, obwohl das seinen/ihren Interessen widerspricht. Das kann mittel- und langfristig zu neuen Konflikten führen. (vgl. Interview SLI, Z 335-338)

Im DOWAS für Frauen werden folgende Möglichkeiten des Umgangs mit unterschiedlichen Interessen genannt:

  • Es sind Fixpunkte vereinbart, die eingehalten werden müssen, beispielsweise die Bezahlung der Miete und Beratungstermine.

  • Es wird zwischen Bewohnerinnen und NachbarInnen vermittelt mit dem Ziel eines besseren gegenseitigen Verstehens.

  • Manche Probleme sind aufgrund der Lebensgeschichten von Frauen nur langfristig lösbar und können nicht während des Aufenthaltes im DOWAS für Frauen gelöst werden. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 580-609)

Sowohl bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck als auch im DOWAS für Frauen können Konflikte zu einem Ende der Dienstleistungen führen. Das ist aber selten. (vgl. Interview SLI, Z 300-302 und Interview DOWAS für Frauen, Z 594-595)

6.2.4.4 Bewertung

Sowohl bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck als auch im DOWAS für Frauen werden Konflikte positiv bewertet. Konflikte bieten die Möglichkeit der Weiterentwicklung und sind ein Zeichen, dass sich Menschen selbst vertreten. Der Umgang mit Konflikten ist anstrengend und die Unterstützung des Teams ist wichtig. (vgl. Interview SLI, Z 323- 338 und Interview DOWAS für Frauen, Z 614-626)

6.2.5 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen

6.2.5.1 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen

Die SozialarbeiterInnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck heben die historischen Leistungen der Selbstbestimmt Leben Bewegung hervor, die noch heute die Grundlage der Arbeit sind. Dies ist das Bewusstsein, dass Menschen mit Behinderungen laufend für ihre Rechte eintreten müssen und sollen. Die Selbstbestimmt Leben Bewegung hat auch das Modell der Persönlichen Assistenz entwickelt, welches bis heute vielen Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben garantiert. Das ist besonders wichtig:

"Wenn es nicht die Leute, die das Modell der Persönlichen Assistenz entwickelt haben, [gegeben] hätte, dann könnte man es den Leuten nicht anbieten. Man kann schon Peer Counseling machen, wenn dann kein Werkzeug da ist, wie man von der Fremd- zur Selbstbestimmung kommt, weil man einfach allein nicht wohnen kann ohne Unterstützung. Zum Beispiel von der praktischen Seite" (Interview SLI, DSAin X, Z 378-382).

Eine aktuelle Forderung der Selbstbestimmt Leben Bewegung ist, dass ein Rechtsanspruch

auf Persönliche Assistenz besteht.

Voraussetzung für das Erkennen von Diskriminierungen ist das Wissen um Formen der Diskriminierung. Dabei wird zwischen offensichtlichen Diskriminierungen - wie beispielsweise bauliche Barrieren und verdeckten Diskriminierungen - unterschieden. Es gibt viele Diskriminierungen, die von Menschen mit Behinderungen 'hingenommen' und nicht öffentlich gemacht werden. Neben der Information über Diskriminierungen werden Menschen mit Behinderungen vom Juristen des Vereins zu Schlichtungen beim Bundessozialamt begleitet. (vgl. Interview SLI, Z 366-418)

6.2.5.2 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen von Frauen

Die Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen sehen sich als aktiver Teil der Frauenbewegung. Die 'alten Forderungen' der Frauenbewegung nach Gleichberechtigung sind nach wie vor aktuell: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Aufteilung der Pflege-, Kinder- und Hausarbeit zu 50:50" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 693-694). Aktuell, aber auch nicht neu, ist die Forderung nach Quotenregelungen in Führungspositionen.

Aktuelle Diskriminierungen von Frauen sind prekäre und schlecht bezahlte Arbeitsplätze und zu wenig Kinderbetreuungsplätze. Bei Scheidungsverfahren entscheiden die finanziellen Möglichkeiten für die Finanzierung eines Anwaltes mit über deren Ausgang. Da Frauen oft weniger Geld haben als Männer, sind sie bei Scheidungen im Nachteil.

Die Unterstützung von Frauen gegen Diskriminierungen umfasst das Stellen von Anträgen auf Verfahrenshilfe und die Bewusstmachung, dass Frauen die Hälfte des Familieneinkommens zusteht. Im Rahmen der Beratung werden Berufswünsche von Frauen kritisch hinterfragt:

"Wenn sie einen schlecht bezahlten Frauenberuf machen will, Friseurin zum Beispiel, dann schauen wir, was gibt es noch für Möglichkeiten, um sie in einen besser bezahlten Männerberuf zu bekommen" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 734-736).

Des Weiteren werden von der Frauenbewegung im Kampf gegen Diskriminierung Veranstaltungen - beispielsweise Demonstrationen - organisiert. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 679-736)

6.2.6 Umgang mit Macht

6.2.6.1 Formen

Die Frage nach Formen der Macht löst bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck Diskussionen darüber aus, ob SozialarbeiterInnen überhaupt Macht besitzen und wenn ja, ob diese angewendet wird. Folgende Formen ihrer Macht werden identifiziert:

  • Macht zur Kontrolle der Persönlichen Assistenz, wenn AssistenznehmerInnen mit den Persönlichen AssistentInnen keinen guten Umgang haben.

  • Kontrolle über die Anstellung von Persönlichen AssistentInnen.

  • Die Ursachen für Macht können auch 'am Umfeld' liegen, wenn keine Persönlichen AssistentInnen gefunden werden.

  • Die Machtposition der KoordinatorInnen wird deutlich, wenn Assistenzverhältnisse im Ausnahmefall beendet werden müssen. (vgl. Interview SLI, Z 432-470)

Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen stellen folgende Formen ihrer Macht fest:

  • Ihr Wissen ist eine Form der Macht, die sie ihren 'Klientinnen' zur Verfügung stellen können, oder auch nicht. In der Beratung kann dieses Wissen unterschiedlich eingesetzt werden.

  • Sozialarbeiterinnen haben Macht, weil sie Dienstleistungen (Wohnraum) zur Verfügung stellen.

  • Macht, die sich aus der Fähigkeit zur Verhandlung mit Behörden ergibt: Viele Frauen verhandeln nicht gerne mit Behörden und aus einer weniger guten Position heraus als die Sozialarbeiterinnen.

  • Es besteht ein Machtverhältnis, wenn Sozialarbeiterinnen mit Frauen eine Geldverwaltung vereinbart haben.

  • Im DOWAS für Frauen haben Sozialarbeiterinnen die Macht, Dienstleistungen zu beenden, wenn Untermieterinnen die Miete nicht bezahlen oder der Verpflichtung zur Beratung nicht nachkommen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 775-809)

Die Macht der AssistenznehmerInnen bei SLI ist umfangreich:

  • Nehmen die AssistenznehmerInnen ihre Kompetenzen und ihre Aufgaben war, können sie sehr mächtig sein.

  • Die AssistenznehmerInnen haben ein Recht auf eine gute Dienstleistung und die Macht, den/die DienstleistungsanbieterIn jederzeit zu wechseln.

  • Das Konzept der Persönlichen Assistenz sieht eine Machtumkehr vor. AssistenznehmerInnen haben die Macht über die Persönliche Assistenz und nicht umgekehrt. (vgl. Interview SLI, Z 481-520)

Die Macht der 'Klientinnen' im DOWAS für Frauen umfasst hauptsächlich ihr Missfallen auszudrücken, indem sie die Sozialarbeiterinnen nicht freundlich finden, die Kooperation verweigern und/oder die Miete nicht bezahlen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 813-817)

6.2.6.2 Umgang

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck findet Macht fast nie eine Anwendung, wie das folgende Zitat belegt: "Wir hätten die Macht vielleicht, aber wir setzen das nie um, fast nie um. Wenn wir die Macht haben, dann setzen wir das fast nie um" (Interview SLI, DSAin X, Z 449-450).

Im DOWAS für Frauen findet Macht eine Anwendung, wenn Frauen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen; in letzter Konsequenz müssen sie aus dem betreuten Wohnen oder der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft ausziehen. Die Anwendung von Macht wird als Widerspruch zu den Grundsätzen der Frauenbewegung empfunden, der mit den Kolleginnen besprochen wird. Der Widerspruch bezieht sich darauf, dass die Anwendung von Macht dem Ziel der Selbstermächtigung zuwiderläuft. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 797-809, 835-843)

6.2.6.3 Bewertung

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck wird Macht grundsätzlich negativ bewertet. Die Bewertung von Macht hat eine subjektive Komponente, die mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden ist. Macht kann aber auch positiv sein:

"Da kommt das Peer Counseling wieder hinein, weil wir uns mit Macht schwer tun. Durch unsere eigene Erfahrung mit Behinderung haben wir uns oft ohnmächtig erlebt in vielen Situationen. Deswegen tun wir uns schwer, uns mächtig zu fühlen. Weil Macht negativ besetzt ist. Aber Macht ist wirklich nicht nur negativ. Ein respektvoller Umgang als mächtiger Mensch, das kann ganz gut passen, dass ich mächtig bin, wenn ich dann mache" (Interview SLI, DSAin X, Z 507-512).

Im DOWAS für Frauen werden mit Macht die ökonomischen Aspekte von Dienstleistungen in Verbindung gebracht. Außerdem wird Macht negativ bewertet: "Macht mag man nicht in der feministischen Bewegung" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 833; vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 823-850).

6.2.7 Praxis und Profession der Sozialen Arbeit

6.2.7.1 Ideale Soziale Arbeit

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck ist die Idealvorstellung von Sozialer Arbeit, dass sich SozialarbeiterInnen "überflüssig mache[-n]" (Interview SLI, DSAin Y, Z 546). Sie gehen Beziehungen ein und beenden diese wieder, ohne dass dabei Abhängigkeiten bei SozialarbeiterInnen und KundenInnen be- und entstehen.

SozialarbeiterInnen stehen alle Ressourcen zur Verfügung, die sie für die Arbeit mit den KundInnen brauchen - Finanzen, Einfühlungsvermögen, Wohnungen usw. (vgl. Interview SLI, Z 539-554)

Bei der Frage nach der idealen Sozialen Arbeit denken die Interviewpartnerinnen im DOWAS für Frauen über ihre Arbeitssituation nach:

DSAin Lena ist mit ihrer derzeitigen Arbeitsstelle sehr zufrieden. Sie schätzt niederschwellige Frauenberatung und wenn Frauen freiwillig in die Beratung kommen.

DSAin Carla interessiert sich darüber hinaus auch noch für weitere Bereiche der Sozialen Arbeit, beispielsweise für Arbeit mit Männern oder eine Tätigkeit in einem Arbeitsprojekt. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 905-930)

6.2.7.2 Ist die eigene Praxis Soziale Arbeit?

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck wird die praktische Tätigkeit grundsätzlich als Soziale Arbeit betrachtet:

"Ich habe mit Menschen zu tun, mit deren alltäglichem Leben und dafür gute Lösungen miteinander, mit dem Kunden zu erarbeiten. Von dem her ist es einmal ganz klar, es ist Soziale Arbeit, weil ich mache nicht irgendeinen Handwerksberuf und nichts Wirtschaftliches" (Interview SLI, DSAin Y, Z 561-564).

Aufgrund der persönlichen Beziehungen, die in der Peer-Arbeit entstehen, passt aber das Wort 'Arbeit' nicht immer:

"Bei mir ist es nicht so einfach; das Persönliche macht es schon [...] Sagen wir so: Soziale Arbeit; ich hänge an dem Wort 'Arbeit'. Es ist manchmal so persönlich, dass es nur mehr persönlich ist. Das passiert einfach. Das empfinde ich halt. Und da fehlt mir dann das 'Arbeit'. Das passt nicht so ganz, oft" (Interview SLI, DSAin X, Z 567-570).

Im DOWAS für Frauen ist die Praxis 'per Definition' Soziale Arbeit. Sie wird mit der Tätigkeit der Arbeit begründet. Diese umfasst hauptsächlich die Ressourcenerschließung. Mit dem betreuten Wohnen und der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft wird wohnungslosen Frauen Wohnraum zur Verfügung gestellt. Das ist Wohnungslosenhilfe, eine Aufgabe des Staates, die vom DOWAS für Frauen als freier Wohlfahrtsträger übernommen wird. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 936-976)

6.2.7.3 Zugehörigkeit zur Profession der Sozialen Arbeit

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck fühlen sich die interviewten Sozialarbeiterinnen der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig, dazu hat die Ausbildung geführt. Die Zugehörigkeit zur Profession der Sozialen Arbeit bleibt im Rahmen des Peer Counseling bestehen. (vgl. Interview SLI, Z 596-608)

Im DOWAS für Frauen fühlen sich die Sozialarbeiterinnen ebenfalls der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Neben der Ausbildung haben persönliche und familiäre Gründe dazu geführt. Weitere Motivationen waren ein ausgeprägtes Bewusstsein für Gerechtigkeit und der Wunsch benachteiligte Menschen parteilich zu unterstützen. Zur Professionszugehörigkeit gehört die Verantwortung laufend Fortbildungen und Supervisionen zu absolvieren, um "eine gute Beraterin zu sein" (DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 1031; vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 1021-1039).

6.2.7.4 Vorteile/Nachteile Sozialarbeiterin zu sein

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck werden folgende Vorteile des Sozialarbeiterinnenseins genannt:

Die Ausbildung zum Sozialarbeiter bzw. zur Sozialarbeiterin bringt den Vorteil des Wissens über den sozialen Bereich und auch eine persönliche Weiterentwicklung mit sich. Des Weiteren wird noch einmal die gute Kombination aus der Ausbildung und den Erfahrungen als Peer betont. (vgl. Interview SLI, Z 621-639) Ziel wäre, dass die Ausbildung und die eigenen Erfahrungen aufgrund der Behinderung gleich wichtig werden:

"Es ist wichtig, dass man eine Behinderung hat im SLI, und ebenso, dass man eine Ausbildung hat, weil die nicht spurlos an einem vorbei geht. Sofern man sich nicht hinter etwas versteckt. Ich finde es total wichtig, dass man sich weder hinter der Behinderung, noch hinter der Sozialarbeit versteckt. Sondern, dass beides irgendwie da sein darf und mit beidem arbeiten kann" (Interview SLI, DSAin X, Z 635-639).

Im DOWAS für Frauen werden folgende Vorteile der Profession der Sozialen Arbeit genannt:

  • Sozialarbeiterinnen bekommen Anerkennung von Personen, die nicht im Sozialbereich arbeiten.

  • Sozialarbeiterinnen können gut Lügengeschichten erkennen.

  • Sozialarbeiterinnen haben einen eigenen Blick auf die Stadt.

  • Sie können gut 'Geschichten erzählen' und auch einmal die Wahrheit beugen.

Als Nachteile werden genannt:

  • Das Einkommen von Sozialarbeiterinnen könnte besser sein im Vergleich zu anderen akademischen Professionen.

  • Leute haben falsche Vorstellungen von der Profession Soziale Arbeit und glauben, dass Sozialarbeiterinnen 'wie Samariterinnen' arbeiten.

  • Sozialarbeiterinnen werden mit 'Randgruppen' assoziiert. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 1043-1110)

6.2.7.5 Bedeutung Sozialarbeiterin zu sein

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck wird der Profession der Sozialen Arbeit eine hohe Bedeutung zugemessen. Die Interviewpartnerinnen haben sich bewusst entschieden Sozialarbeiterinnen zu werden. Diese Entscheidung war richtig:

"DSAin X: Das ist Geschmackssache; es ist einfach mein Beruf. Mein Interesse. Gärtnerin wäre jetzt auch nicht schlecht, aber lieber bin ich Sozialarbeiterin. DSAin Y: Das ist einfach meine Profession, für die ich mich einmal entschieden habe und von der ich damals gedacht habe, es sei der richtige Weg für mich. Das glaube ich auch heute noch, dass das nicht ganz falsch war" (Interview SLI, Z 643-648, Leerzeilen ausgelassen).

Im DOWAS für Frauen wird der Profession der Sozialen Arbeit eine sozialpolitische Bedeutung gegeben, indem Frauen - trotz der Übermacht des Staates - in kleinen Bereichen erfolgreich geholfen werden kann. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 1120-1131)

Der Profession der Sozialen Arbeit anzugehören bedeutet, ein hohes ethisches Bewusstsein zu haben:

"DSAin Carla: Und wir sind die Guten.

DSAin Lena: Wir sind die Guten. Meistens.

DSAin Carla: Die anderen sind bös."

(Interview DOWAS für Frauen, Z 1128-1131, Leerzeilen ausgelassen)

6.2.8 Verbindungen zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und zur Sozialen Arbeit

Die Fragen nach den Verbindungen zum Peer Counseling bzw. zur feministischen Beratung und zur Sozialen Arbeit waren für die Interviewpartnerinnen jene Fragen mit der größten Herausforderung. Gleichzeitig stellen sie ein 'Kernstück' der Interviews und dieser Masterarbeit dar. Für die Interviewpartnerinnen des DOWAS für Frauen besteht eine grundsätzliche Gemeinsamkeit von Sozialer Arbeit und feministischer Beratung (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 252-297), daher war es für sie besonders schwierig, Verbindungen zu finden. Die Frage wurde daher erweitert um Verbindungen zur Frauenbewegung, wodurch sich weitere Verbindungen ergaben.

6.2.8.1 Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungsangeboten

Personen zu informieren und dabei zu unterstützen, dass sie Persönliche Assistenz bekommen, und die damit verbundenen organisatorischen Aufgaben wird bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck klar der Sozialen Arbeit zugeordnet:

"So rein klassisch zur Sozialen Arbeit gehört es, jemanden dabei zu unterstützen, seine Möglichkeiten besser ausschöpfen zu können, also wie kann ich helfen, indem ich über ein Angebot informiere, indem ich behilflich bin bei einer Antragstellung. Möglichkeiten aufzeige, die er hat. Das sehe ich eher wie Soziale Arbeit in dem Zusammenhang" (Interview SLI, DSAin Y, Z 246-250).

"Das Sozialarbeiterische ist sicher das Assistenten suchen, Assistenten vermitteln. Das checken, einfach alles, was die Assistenz betrifft" (Interview SLI, DSAin X, Z 260-261).

Verbindungen zum Peer Counseling werden hergestellt, wenn erklärt wird, 'wie die Persönliche Assistenz ist' und die AssistenznehmerInnen auf dem Weg von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung begleitet werden.

"Das Peer Counseling sehe ich eher darin, dass ich vermittle, wie sich das anfühlt, wie das ist, wenn man persönliche Assistenz bekommt. Was heißt das für mich selbst, dass es ein Lernprozess ist, in den man hineinwachsen muss. Vielleicht erzähle auch ich kurz, wie es mir mit der Persönlichen Assistenz geht, wie ich das erlebt habe" (Interview SLI, DSAin Y, Z 252-255).

"Das Peer Counseling ist für mich auch die Begleitung von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Wie ist das, wenn ich mich zurücklehne und mich betreuen lasse? Wie ist das, wenn ich jetzt der Chef bin, wenn ich die Selbstverantwortung habe. Wie fühlt sich dieser Wechsel an, was bedeutet das, wo bin ich noch weit weg davon? Als Peer Counselerin, da ich mich weniger fremdbestimmt fühle, bringe ich meine eigene Erfahrung ein" (Interview SLI, DSAin X, Z 262-267).

Für die Interviewpartnerinnen im DOWAS für Frauen ist Soziale Arbeit und feministische Beratung schwer unterscheidbar. Die feministischen Beratung führt zu einer inhaltlichen Schwerpunktsetzung im Rahmen der Sozialen Arbeit. Die Selbstermächtigung von Frauen wird mit Sozialer Arbeit und feministischer Beratung verbunden.

"Es ist kaum trennbar. Ich meine, eine feministische Beratung unterscheidet sich vielleicht schon. [...] Und wir gehen natürlich in die Richtung, der Frau möglichst viel Selbstständigkeit zu geben und zu eröffnen und möglichst neue Wege aufzuzeigen, wie sie selbstständig leben kann. Und da ist schon ein ... es ist beides Soziale Arbeit, aber der feministische Anteil ist das, dass wir sicher in eine andere Richtung beraten" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 500-509).

"Du hast zuerst das schöne Wort 'Selbstermächtigung' gesagt; es ist eben die Selbstermächtigungsstärkung einfach vom Selbstwert der Frauen und die Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Das ist auch Soziale Arbeit" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla, Z 516-818).

6.2.8.2 Umgang mit unterschiedlichen Interessen

Bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck wird der Umgang mit unterschiedlichen Interessen spontan weder mit der Sozialen Arbeit noch mit dem Peer Counseling in Verbindung gebracht. (vgl. Interview SLI, Z 345) Im Laufe der Diskussion werden Verbindungen zur Mediation als Spezialgebiet der Sozialen Arbeit hergestellt, wobei im Rahmen der Assistenzvermittlung die KoordinatorInnen keine Außenstehenden sind.

"Zur Konfliktregelung fällt mir Mediation ein. Mediation ist im sozialen Umfeld noch einmal eine ganz spezielle Geschichte, wobei man als Sozialarbeiter natürlich schon mediatorische Fähigkeiten besitzen sollte. Ist ja auch Unterrichtsbestandteil" (Interview SLI, DSAin Y, Z 347-349).

Konflikte gehören zum Weg der Emanzipation dazu und können auch lebensgeschichtlich betrachtet werden, daher gibt es Verbindungen zum Peer Counseling:

"Das Peer Counseling sollten wir doch nicht aus den Augen verlieren, weil unser erster Auftrag ja ist, die Kunden auf dem Weg der Emanzipation zu begleiten. Auch wenn der Konflikt zunächst vom Kunden ausgeht, aus seiner Lebensgeschichte heraus, sollte es etwas mit Peer Counseling zu tun haben. Dass man ihn stützt, dass er sich das anschaut" (Interview SLI, DSAin Y, Z 355-359).

Im DOWAS für Frauen sorgt die Frage nach Verbindungen vom Umgang mit unterschiedlichen Interessen zur Sozialen Arbeit und zur feministischen Beratung für Unverständnis. Dann wurde diese Fragengruppe 'eindeutig mit beidem' verbunden:

"DSAin Carla: Das sind immer die Fragen, die wir nicht verstehen. Wenn wir froh sind, dass Frauen lautstark preisgeben, was sie grad wollen oder was sie ärgert, dann ist das natürlich ein Bestandteil der feministischen Arbeit, weil wir wollen, dass Frauen sich äußern und ihre Bedürfnisse lautstark ankündigen.

DSAin Lena: In der Sozialen Arbeit steckt ja der Konflikt sowieso schon drin, weil es ja um Umverteilung von Ressourcen geht, zum Beispiel. Und da ist ja schon der Konflikt drin" (Interview DOWAS für Frauen, Z 631-638, Leerzeilen ausgelassen).

6.2.8.3 Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen

In der Kategorie 'Kampf für soziale Veränderungen und gegen Diskriminierungen' werden bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck die Vorteile des Peer Counseling hervorgehoben:

"Das Bewusstmachen von Diskriminierung ist Peer Counseling. Das kann man ganz natürlich hinüberbringen. Das ist so und so. Da braucht man nichts gelernt zu haben, da kann man dem anderen einfach sagen, dass das eine Diskriminierung ist und dass ich mir das nicht gefallen lassen würde. Wenn man in einem Dorf am Land ein Gasthaus ist und dort kommt der Mensch mit Behinderungen nicht hinein und er sagt, er möchte das gerne; das ist Peer Counseling, finde ich" (Interview SLI, DSAin X, Z 422-427).

Im DOWAS für Frauen werden die Vorteile der Frauenbewegung herausgestrichen:

"Ich finde die Frauenbewegung kampfhafter als die Sozialarbeiterinnenbewegung. [...] Wehrhafter und lauter. Man hat schon eine größere Gruppe Frauen als Sozialarbeiterinnen, wenn man so was fordert wie gleichen Lohn. Es sind auch nicht alle sozialarbeiterischen Bereiche so auf einer Linie mit uns. Aber feministisch sind wir schon eher auf einer allgemeinen feministischen Schiene. Da fordern so ziemlich alle das Gleiche" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Lena, Z 748-757, mit Auslassungen).

Verbindungen zur Sozialen Arbeit werden keine hergestellt.

6.2.8.4 Umgang mit Macht

Die Reflexion der Macht und ein guter Umgang mit Macht steht bei den Interviewpartnerinnen bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck im Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Dies gilt sowohl für das Peer Counseling als auch für die Soziale Arbeit.

"Es bedarf eines sehr reflektierten Umgangs mit Macht. Wenn du sagst, ich habe als Sozialarbeiter keine Macht, das stimmt schlichtweg nicht. Ich denke man hat sehr viel Macht und ich finde es wichtig, mit der Macht, das zu reflektieren. Welche Entscheidungsmacht auch habe ich als Sozialarbeiterin über meine Klienten zum Beispiel, oder Kunden. Das ist in der Sozialen Arbeit schon ein wichtiger Punkt. Die grundsätzlich Macht von SozialarbeiterInnen wird, abhängig vom Arbeitsbereich, unterschiedlich eingeschätzt" (Interview SLI, DSAin Y, Z 526-530).

Des Weiteren wird festgestellt, dass die Macht von SozialarbeiterInnen je nach Arbeitsbereich unterschiedlich ist. (vgl. Interview SLI, Z 532-535)

Im DOWAS für Frauen wird der Umgang mit Macht der Sozialen Arbeit zugeordnet:

"Zur feministischen Beratung finde ich jetzt gar nicht. Ich bin als Beraterin einfach in einer anderen Situation, ich habe deswegen mehr Macht. Ein rein klassisches Beispiel der Sozialen Arbeit: Berater oder derjenige, der Wohnraum zur Verfügung stellt, hat immer mehr Macht, finde ich" (Interview DOWAS für Frauen, DSAin Carla,

Z 823-826).

6.2.8.5 Eigene Praxis

Bei der Bewertung der eigenen Praxis als Soziale Arbeit wurden schon erste Verbindungen zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und zur Sozialen Arbeit hergestellt. (siehe: 6.2.7.2 Ist die eigene Praxis Soziale Arbeit?, S 97) Darüber hinaus werden von bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck weitere Verbindungen festgestellt. Das Wissen über rechtliche Grundlagen sowie das Vermitteln von Kontakten und Dienstleistungen spricht für die Soziale Arbeit. Die Sozialarbeiterin ist hier eine "Schaltstelle" (Interview SLI, DSAin Y, Z 581).

Die Verbindungen zum Peer Counseling sind die Unterstützung von KundInnen beim Empowerment, das Aufzeigen von Diskriminierungen und das Einbringen von eigenen Erfahrungen. Bildlich gesprochen: "Da ist der Rollstuhl die Schaltstelle" (Interview SLI, DSAin X, Z 587; vgl. Interview SLI, Z 577-592).

Die Interviewpartnerinnen des DOWAS für Frauen verbinden ihre Praxis mit der Sozialen Arbeit. Die staatliche Aufgabe der Wohnungslosenhilfe wird aus der feministischen Perspektive und mit wenig Kontrolle wahrgenommen. Sollten die Vorgaben und Kontrollen strenger werden, würde dies feministischen Vorstellungen widersprechen, da wohnungslose Frauen vermehrt für Kinder sorgen und komplexere Lebenssituationen haben als Männer. Bei finanziellen Kürzungen würde das DOWAS für Frauen daher auf mehr Ressourcen als eine vergleichbare Einrichtung für Männer bestehen. (vgl. Interview DOWAS für Frauen, Z 951-1016)

6.3 Zusammenfassung

Die Ergebnisse der problemzentrierten Interviews mit Sozialarbeiterinnen von SLI und DOWAS für Frauen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Der Vergleich von Beratung 'von Gleichen für Gleiche ' und Sozialer Arbeit durch die Interviewpartnerinnen ergibt keine Widersprüche. Bei SLI werden Peer Counseling und Soziale Arbeit als wechselseitige Ergänzung gesehen. Im DOWAS für Frauen ist Selbstermächtigung von Frauen das Gemeinsame von feministischer Beratung und der Sozialen Arbeit und daher schwierig zu unterscheiden. Die feministische Ausrichtung der Sozialen Arbeit bewirkt eine inhaltliche Schwerpunktsetzung.

Nach einer Information über das jeweilige Angebot und der Abklärung wechselseitiger Erwartungen bzw. der Bereitschaft zur Zusammenarbeit entscheiden letztlich MitarbeiterInnen von SLI bzw. DOWAS für Frauen und der jeweilige Kostenträger über die Zurverfügungstellung der Dienstleistungen. Die laufende Beratung erfolgt entweder nach Bedarf oder ist regelmäßig. Im DOWAS für Frauen ist sie in schriftlichen oder mündlichen Betreuungsvereinbarungen geregelt.

Unterschiedliche Interessen im Rahmen der Dienstleistungserbringung bestehen zwischen den beteiligten (Personen-)Gruppen. Die Sozialarbeiterinnen sind hier vermittelnd tätig. Darüber hinaus gibt es Unterschiede bei den Interessen der KundInnen von SLI und den Vorgaben des Konzepts der Persönlichen Assistenz sowie den Interessen der 'Klientinnen' des DOWAS für Frauen und jenen der Sozialarbeiterinnen. Etwas vereinfacht stehen die Interessen nach 'einfachen und schnellen Lösungen' einer 'nachhaltigen und emanzipatorischen' Arbeitsweise gegenüber. Konflikte werden positiv bewertet, weil sie der Weiterentwicklung von Menschen dienen.

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung und die Frauenbewegung haben Einfluss auf die Arbeit von SLI und DOWAS für Frauen. Aktuelle Diskriminierungen sind bei Frauen offensichtlicher als bei Menschen mit Behinderungen. Es gibt individuelle Unterstützung auf rechtlicher Ebene, gegen diese anzukämpfen. Das DOWAS für Frauen organisiert auch gemeinschaftliche Aktionen, die viele Frauen einbinden.

Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit haben grundsätzlich Macht über Menschen mit Behinderungen bzw. Frauen. Viel Macht haben auch die AssistenznehmerInnen bei SLI, weniger Macht wird den 'Klientinnen' des DOWAS für Frauen zugeschrieben. Der Umgang mit Macht wird heftig diskutiert. Bei SLI wird Macht fast nie eingesetzt, im DOWAS wird sie eingesetzt, wenn Frauen Vereinbarungen dauerhaft nicht einhalten. Die Bewertung von Macht bei SLI ist negativ, wobei Macht im Sinne von 'machen' auch positiv sein könnte. Im DOWAS für Frauen wird Macht als Widerspruch zu den Grundsätzen der feministischen Bewegung gesehen.

Die eigene Praxis wird von den Interviewpartnerinnen überwiegend als Soziale Arbeit bewertet. Im SLI wird dies damit begründet, dass mit Menschen in ihrem alltäglichen Leben zusammengearbeitet wird und nach guten Lösungen gesucht wird. Werden Peer Beziehungen bei SLI sehr persönlich, dann geht die 'Arbeit' in der Wortkombination 'Soziale Arbeit' verloren. Im DOWAS für Frauen wird das Bereitstellen von Wohnraum an wohnungslose Frauen als Ressourcenerschließung und staatliche Aufgabe beschrieben.

Weitere Verbindungen zur Sozialen Arbeit bestehen bei SLI aufgrund der Weitergabe von Informationen über Angebote und die damit verbundenen organisatorischen Aufgaben. Außerdem sprechen für die Soziale Arbeit das erworbene Wissen in der Ausbildung und eine 'Schaltstellenfunktion'. Verbindungen zum Peer Counseling bestehen durch das bessere Einfühlungsvermögen und die Begleitung beim Empowerment. Hier wird der 'Rollstuhl zur Schaltstelle'.

Die Unterstützung von Frauen erfolgt aus feministischer Perspektive, die sie bei der Selbstermächtigung unterstützt. Frauen haben komplexere Lebenssituationen als Männer, daher benötigt das DOWAS für Frauen grundsätzlich mehr Ressourcen als eine vergleichbare Einrichtung für Männer. Dafür setzt sich die feministische Bewegung ein.

Alle interviewten Sozialarbeiterinnen fühlen sich der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Überwiegend hat dazu die Ausbildung zur Sozialarbeiterin geführt, des Weiteren persönliche Gründe und bewusste Entscheidungen für die Profession der Sozialen Arbeit. Die Zugehörigkeit zur Profession der Sozialen Arbeit bringt auch die Verantwortung für Fort- und Weiterbildung mit sich.

Das Herstellen von Verbindungen von der jeweiligen Fragengruppe zur Beratung ' von Gleichen für Gleiche ' bzw. zur Sozialen Arbeit erweist sich im Interview bei SLI als gutes Analyseinstrument der Peer-Arbeit. Im Interview mit dem DOWAS für Frauen wird klar, dass sich bei der Dienstleistungserbringung die feministische Beratung von organisatorischen und administrativen Tätigkeiten sowie vom Treffen von Entscheidungen und Vereinbarungen nur schwer bzw. nicht trennen lässt. Meistens gibt es Verbindungen zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und zur Sozialen Arbeit.

Die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen sowie der Umgang mit unterschiedlichen Interessen wird mit Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und Sozialer Arbeit verbunden.

Der Kampf für soziale Veränderung und gegen Diskriminierung wird von den Interviewpartnerinnen im SLI und im DOWAS für Frauen 'direkt' mit dem Peer Counseling bzw. der feministischen Bewegung verbunden. Verbindungen zur Sozialen Arbeit werden hier keine gemacht.

Der Umgang mit Macht wird bei SLI ebenso mit Peer Counseling und Sozialer Arbeit verbunden. Im DOWAS für Frauen steht Umgang mit Macht im Widerspruch zur Frauenbewegung und wird daher nur der Sozialen Arbeit zugeschrieben.

Die Verbindungen von der eigenen Praxis zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und zur Sozialen Arbeit wurden schon bei der Bewertung der eigenen Praxis als Soziale

Arbeit dargestellt.

7 Diskussion der Forschungsergebnisse

In diesem abschließenden Kapitel werden die theoretisch und empirisch erworbenen Erkenntnisse diskutiert und gleichzeitig die Thesen (siehe: 1.4 Thesen der Masterarbeit, S 4) verifiziert bzw. falsifiziert und die Forschungsfragen (siehe: 1.3 Fragestellungen der Masterarbeit, S 3) beantwortet. Die Beantwortung erfolgt in umgekehrter Reihenfolge ihrer Erstellung.

7.1 Prüfung der Thesen

Unterthese: Folgende Faktoren (von vielen Weiteren) führen zu einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit:

  • Die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen;

  • der Umgang mit unterschiedlichen Interessen;

  • der Umgang mit Macht;

  • der Kampf für soziale Veränderung und gegen Diskriminierungen;

  • die Wahrnehmung der eigenen praktischen Tätigkeit als Soziale Arbeit.;

  • das persönliche Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit.

'Professionalisierung in der Sozialen Arbeit' bedeutet die freiwillige Zugehörigkeit von SozialarbeiterInnen zur Profession der Sozialen Arbeit. Peer-Arbeit im engeren Sinne bedeutet die Vermittlung von Dienstleistungen 'von Gleichen für Gleiche' bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck bzw. im DOWAS für Frauen. Die Ausgangsbeobachtung für diese Masterarbeit war eine geringe Professionalisierung in der Sozialen Arbeit und ein nicht eindeutiges Professionsverständnis von Sozialer Arbeit bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck. Daher wurden sechs Faktoren festgelegt, die zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit führen könnten, und diese als These formuliert. Diese sechs Aspekte der Sozialen Arbeit wurden in der gesamten Masterarbeit theoretisch und empirisch bearbeitet und konnten als Faktoren, die zu einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit führen, verifiziert werden. Theoretisch lässt sich sagen:

Die analysierten Dienstleistungen von SLI und DOWAS für Frauen dienen zur selbstbestimmten Lebensgestaltung von Menschen mit Behinderungen und zur Absicherung von wohnungslosen Frauen. Für die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen in der Peer-Arbeit sind ein Beratungsprozess 'von Gleichen für Gleiche' und eine Abfolge von Entscheidungen und Vereinbarungen notwendig.

Es handelt sich um Dienstleistungsdreiecke, die die Berücksichtigung vieler Interessen notwendig machen. Es konnte theoretisch gezeigt werden, dass für den Umgang mit Dienstleistungsdreiecken die Theorien der Sozialen Arbeit höchst geeignet sind. Das führt zu einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit.

Die Internationale Definition von Sozialer Arbeit enthält mehrere Ziele: soziale Veränderung, individuelle Hilfe sowie Befreiung und Empowerment. Daraus leiten sich verschiedene Tripelmandate ab, die Spannungsfelder aufzeigen und geeignet sind damit umzugehen. Sie sind für die Peer-Arbeit dienlich, um Dienstleistungen zu vermitteln und herzustellen. Daher führt der Umgang mit unterschiedlichen Interessen zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit.

Die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen bedeutet den Umgang mit rechtlichen Rahmenbedingungen und daher mit Machtverhältnissen. Für das Vorhandensein von Machtverhältnissen spricht auch, dass es in der Peer-Arbeit grundsätzlich Kontrollmöglichkeiten von SozialarbeiterInnen gibt. Das Tripelmandat der Praxis - bestehend aus Hilfe, Kontrolle und sozialer Veränderung - zeigt, dass Kontrolle und somit der Umgang mit Macht Aspekte von Sozialer Arbeit sind. Die Dienstleistungen wurden von der Selbstbestimmt Leben Bewegung und der Frauenbewegung entwickelt. Diese wollen gleichberechtigte Beziehungen gestalten. Dazu ist der bewusste Umgang mit Macht eine Voraussetzung. Das Tripelmandat der Macht der feministischen Sozialen Arbeit bietet hier zentrale Ansatzpunkte, die zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit führen.

Sozialer Wandel ist als (erstes) Ziel in der internationalen Definition der Sozialen Arbeit festgeschrieben. Feministische Soziale Arbeit nach Dominelli hat sozialen Wandel und die Beendigung jeder Form der Diskriminierung als Handlungsauftrag 'nach außen'. Die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung ist das Ziel der Selbstbestimmt Leben Bewegung. Die Gleichberechtigung von Frauen ist das Ziel der Frauenbewegung. Der Kampf gegen Diskriminierungen und die Unterstützung von benachteiligten Personengruppen führen somit zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit.

Die Identifizierung der Vermittlung von Dienstleistungen 'durch Gleiche' als Soziale Arbeit konnte mit den verwendeten Theorien der Sozialen Arbeit gezeigt werden. Auch die bereits angeführten Faktoren machen deutlich, dass Peer-Arbeit im engeren Sinne Soziale Arbeit ist. Das 'moderne' bzw. 'neue' Professionsverständnis von Sozialer Arbeit macht ein Zugehörigkeitsgefühl zu und die aktive Beteiligung an der Gestaltung der Profession der Sozialen Arbeit von SozialarbeiterInnen notwendig.

Im Rahmen der problemzentrierten Interviews wurden fünf Fragengruppen zu den angeführten Faktoren gebildet. Ausgehend von diesen konnten jeweils Verbindungen zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' bzw. zur Sozialen Arbeit hergestellt werden. Die Vermittlung und Herstellung von Dienstleistungen sowie der Umgang mit unterschiedlichen Interessen im Rahmen der Peer-Arbeit wird in Verbindung zu beidem gebracht. Der Umgang mit Macht wird nur der Sozialen Arbeit zugeordnet. Der Kampf für soziale Veränderung und gegen Diskriminierungen wird nur mit dem Peer Counseling bzw. der Frauenbewegung in Verbindung gebracht. Die eigene Praxis wird überwiegend als Soziale Arbeit bewertet, und es liegt ein Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit vor.

Die hergestellten Verbindungen zur Sozialen Arbeit von Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit sprechen für eine Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Die ebenso hergestellten Verbindungen zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' widersprechen dem aus mehreren Gründen nicht: Feministische Soziale Arbeit des DOWAS für Frauen sieht sich als Teil der Frauenbewegung, und daher können ihre unterschiedlichen Verbindungen als eine Form der Schwerpunktsetzung angesehen werden. Für die Interviewpartnerinnen bei SLI sind Peer Counseling und Soziale Arbeit 'ideale Ergänzungen', die sich nicht ausschließen. Das 'neue Professionsverständnis' der Sozialen Arbeit zielt auf vielfältige Kooperationen ab.

Unterthese: Durch die gemeinsame Betrachtung von Sozialer Arbeit und Peer Support lässt sich ein Verständnis von Peer-Arbeit als Teil der Sozialen Arbeit entwickeln.

Diese These kann ebenso verifiziert werden. Der Begriff 'Peer-Arbeit' wurde für diese Masterarbeit entwickelt, um - im engeren Sinne - die Dienstleistungsvermittlung 'von Gleichen für Gleiche' oder - im weiteren Sinne - die Kombination aus Beratung 'von Gleichen für Gleiche' und Sozialer Arbeit zu bezeichnen.

Die in dieser Masterarbeit analysierten vermittelten Dienstleistungen werden 'durch Gleiche' bzw. Peers vermittelt. Sie beinhalten neben einem Beratungsprozess einen Prozess mit Entscheidungen und Vereinbarungen. Es ist daher gerechtfertigt, den Begriff 'Peer-Arbeit' im engeren Sinne im Unterschied zur Beratung 'von Gleichen für Gleiche' zu verwenden.

Um der Komplexität der Dienstleistungen gerecht zu werden, erscheint die Verwendung der Theorien der Sozialen Arbeit höchst geeignet. Die interviewten Sozialarbeiterinnen, die in der Peer-Arbeit tätig sind, bewerten die eigene Praxis größtenteils als Soziale Arbeit und fühlen sich - mit leichten Unterschieden - der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Somit kann 'Peer-Arbeit' im weiteren Sinne als Soziale Arbeit durch Peers betrachtet werden. Der Begriff 'Peer-Arbeit' selbst ist in beiden Bedeutungen nicht geläufig. Diesen in der Praxis zu verbreitern war nicht Ziel dieser Masterarbeit und wäre auch vermessen gewesen. Des Weiteren müsste die Sinnhaftigkeit vorher geprüft werden.

Unterthese: Soziale Arbeit und Peer Support werden von Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck als Widerspruch wahrgenommen und von Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen nicht.

Diese These muss falsifiziert werden. Ein Widerspruch zwischen Peer Counseling bzw. feministischer und Sozialer Arbeit konnte nicht gefunden werden.

Die Interviewpartnerinnen von SLI sehen Peer Counseling und Soziale Arbeit als ideale wechselseitige Ergänzung an. Das Peer Counseling bietet größere Empathiemöglichkeiten und ermöglicht die Vermittlung eigener Erfahrungen. Das führt zu mehr Nähe zwischen BeraterInnen und zu Beratenden. Die Soziale Arbeit ermöglicht Ressourcenerschließung und bietet die Vorteile einer professionellen Distanz. Theoretisch sei ergänzt, dass in den USA seit jeher für den professionellen Peer Support eine akademische Ausbildung notwendig ist. Die Kombination von Sozialer Arbeit und Peer Erfahrungen wird hier ebenso als besonders geeignet dargestellt.

Die Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen können keine Differenz zwischen feministischer Beratung und Sozialer Arbeit feststellen. Die Ermächtigung von benachteiligten Personengruppen ist Teil der Sozialen Arbeit und der feministischen Beratung. Die Soziale Arbeit wird aus einer feministischen Perspektive gestaltet. Historisch haben die Soziale Arbeit und die Frauenbewegung seit ihren Anfängen Überschneidungen. Die Gründerinnen der Sozialen Arbeit waren Mitglieder der alten Frauenbewegung. Politische Forderungen ließen sich nicht von sozialen Forderungen trennen. Mit der neuen Frauenbewegung wurden Frauenhäuser gegründet, die als Dienstleistungen der Sozialen Arbeit angesehen werden können. Mit Lena Dominellis Buch 'Feminist Social Work Theorie and Practice' liegt ein Werk vor, das feministische Soziale Arbeit 'allen' - auch Männern - zugänglich macht.

Unterthese: Der Umgang mit unterschiedlichen Interessen ist eine Hauptaufgabe bei der Vermittlung von Dienstleistungen.

Diese These kann theoretisch und empirisch verifiziert werden:

Die theoretische Darstellung der Dienstleistungen von SLI und DOWAS für Frauen als Dienstleistungsdreiecke zeigt deutlich, dass hier die Interessen von mindestens drei unterschiedlichen (Personen-)Gruppen sowie dem Umfeld berücksichtigt und in Einklang gebracht werden müssen. Dies bestätigt sich auch im Rahmen der Interviews. Die Interviewpartnerinnen heben zusätzlich hervor, dass viele Konflikte zwischen AssistenznehmerInnen bzw. 'Klientinnen' und Sozialarbeiterinnen verlaufen. Bei SLI vertreten die Koordinatorinnen das Konzept der Persönlichen Assistenz, das hohe Anforderungen an die AssistenznehmerInnen stellt, während manche KundInnen 'einfach Betreuung' wollen. Im DOWAS für Frauen wollen Sozialarbeiterinnen langfristige und nachhaltige Lösungen erreichen, während 'Klientinnen' oft 'einfache Lösungen' suchen. Diese Haltungen und das bewusste Eingehen von Konflikten für eine 'bessere Unterstützung' von Menschen mit Behinderungen bzw. Frauen zeugen von der qualitätvollen Praxis der interviewten Sozialarbeiterinnen.

Alle Sozialarbeiterinnen berichteten, dass Konflikte 'sehr häufig' vorkommen und markantes Kennzeichen ihrer Arbeit sind.

Unterthese: Die Vermittlung von Dienstleistungen von SLI und DOWAS für Frauen durch 'Peers' ist Soziale Arbeit.

Diese These kann ebenfalls verifiziert werden. Die analysierten 'vermittelten Dienstleistungen' werden von Menschen mit Behinderungen bzw. Frauen 'über den Umweg eines Vereins' in Anspruch genommen. Die Angebote bestehen aus einem Beratungsprozess und Dreiecks(rechts)verhältnis mit verschiedenen Entscheidungen und Vereinbarungen. Ziel der Vermittlung von Dienstleistungen ist der Interessensausgleich zwischen allen Beteiligten, sodass AssistenznehmerInnen und Untermieterinnen mit dem Angebot zufrieden sind. Das lässt sich direkt mit dem Tripelmandat der Profession der Sozialen Arbeit in Verbindung bringen: Aufgabe der Sozialen Arbeit ist hier zwischen individuellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten und dem Mandat der Profession der Sozialen Arbeit zugunsten der AdressatInnen zu vermitteln.

Die Interviewpartnerinnen bewerten ihre Arbeit überwiegend als Soziale Arbeit. Entstehen im Rahmen des Peer Counseling bei SLI sehr persönliche Beziehungen, ist die Zuordnung zur Sozialen Arbeit nicht mehr so klar gegeben.

Hauptthese: Das Professionsverständnis von Sozialer Arbeit in der Peer-Arbeit ist bei Sozialarbeiterinnen bei DOWAS für Frauen stärker als bei Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

Diese Hauptthese kann verifiziert werden. Es liegt grundsätzlich bei Sozialarbeiterinnen von SLI als auch bei Sozialarbeiterinnen des DOWAS für Frauen ein Professionsverständnis von der Sozialen Arbeit vor. Alle nennen im Laufe der Interviews viele Aspekte von Sozialer Arbeit und bewerten ihre Praxis größtenteils als Soziale Arbeit. Alle fühlen sich der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Es können jedoch Unterschiede in der Ausprägung des Professionsverständnisses festgestellt werden.

Für Sozialarbeiterinnen von Selbstbestimmt Leben Innsbruck sind Peer Counseling und Soziale Arbeit wechselseitige ideale Ergänzungen, aber dennoch unterschiedliche Konzepte.

Für Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen lässt sich die feministische Beratung von der Sozialen Arbeit nicht trennen. Ein feministisches Verständnis von Sozialer Arbeit bedingt eine thematische und inhaltliche Schwerpunktsetzung. Feministische Soziale Arbeit wird als Teil der Sozialen Arbeit verstanden. Somit kann hier ein stärkeres Professionsverständnis von der Sozialen Arbeit festgestellt werden.

Hauptthese: Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit hängt von der Bewertung der Tätigkeit als Soziale Arbeit und dem Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit ab.

Diese These kann verifiziert werden. Dass für die analysierten 'vermittelten Dienstleistungen' die verwendeten Theorien der Sozialen Arbeit dienlich sind, wurde schon öfter erwähnt. Damit konnte belegt werden, dass die in dieser Masterarbeit analysierte Peer-Arbeit - im engeren Sinne - als Soziale Arbeit zu bewerten ist. Ergänzt sei hier, dass sich die verwendeten Theorien mit der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, der Systemtheorie von Silvia Staub-Bernasconi und der feministischen Sozialen Arbeit von Lena Dominelli genau im theoretischen Spannungsfeld der Sozialen Arbeit befinden.

Die interviewten Sozialarbeiterinnen nennen im Laufe des Interviews viele Aspekte Sozialer Arbeit. Sie bewerten ihre Praxis überwiegend als Soziale Arbeit und fühlen sich der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Dieses Zugehörigkeitsgefühl wird mit der absolvierten Ausbildung sowie mit persönlichen Motivationen begründet, weniger mit der praktischen Tätigkeit.

7.2 Beantwortung der Forschungsfragen

7.2.1 Beantwortung der Unterfragen

Unterfrage: Was führt im Umgang mit unterschiedlichen Interessen und dem Kampf um sozialen Wandel in der 'Peer-Arbeit' zu einem 'passenden Professionsverständnis' in der Sozialen Arbeit und was nicht?

Der soziale Wandel ist das erste Ziel der internationalen Definition der Sozialen Arbeit, gemeinsam mit individueller Unterstützung und Empowerment. Von diesen drei Zielen werden verschiedene Tripelmandate abgeleitet, die Spannungsfelder aufweisen, die nicht eindeutig auflösbar sind. Somit ist in der Sozialen Arbeit der Konflikt enthalten, der einen dauernden Umgang und immer wieder neue, angepasste Lösungen erfordert. Der Umgang mit Konflikten, an denen Sozialarbeiterinnen auch selbst beteiligt sind, ist zentral für das Professionsverständnis in der Sozialen Arbeit.

Feministische Soziale Arbeit nach Dominelli kann nur mit sozialem Wandel und durch gleichberechtigte Kooperationen vieler Menschen umgesetzt werden. Die Unterstützung von benachteiligten Personengruppen, damit sie zu ihren Rechten kommen, war ein Entscheidungsgrund der Sozialarbeiterinnen im DOWAS für Frauen der Profession Sozialer Arbeit anzugehören. Sie tragen 'im Kleinen' dazu bei, die vorherrschenden Machtverhältnisse zu verändern.

Das Aufzeigen von Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen bzw. von Frauen und der Einsatz für sozialen Wandel durch den Zusammenschluss Vieler werden von den Interviewpartnerinnen den jeweiligen sozialen Bewegungen zugeordnet und führen nicht zu einem Professionsverständnis in der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit als Profession im systemischen Paradigma sowie als Einkommensgrundlage von SozialarbeiterInnen muss hier mehrere institutionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigen und hat daher weniger 'Schlagkraft'. Es wäre wünschenswert, wenn das Mandat der Sozialen Arbeit für sozialen Wandel und das Engagement sozialer Bewegungen nebeneinander bestehen und sich gegenseitig ergänzen könnten.

Forschungsfrage: Wie wird die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit von Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit verstanden?

Die verwendete Literatur geht eindeutig vom Vorliegen und von der Weiterentwicklung der Professionalisierung der Sozialen Arbeit aus. Die untersuchten Professionsverständnisse entstehen, wenn sich SozialarbeiterInnen ihnen verpflichtet fühlen und sie aktiv mitgestalten. Daher wurde im Rahmen der empirischen Forschung nach dem Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit sowie den Vorteilen/Nachteilen und der Bedeutung der Profession der Sozialen Arbeit gefragt.

Das theoretische Verständnis der Profession der Sozialen Arbeit wurde nicht direkt erfragt. Es kann aber gesagt werden, dass die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit als bewusste, persönliche Entscheidung verstanden wird.

Forschungsfrage: Wie werden die unterschiedlichen Interessen von Personen oder Personengruppen mit Machtverhältnissen, Diskriminierungen, institutionellen Vorgaben und rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht?

Diese Frage lässt sich mit einem Verständnis von Peer-Arbeit im engeren Sinne als Vermittlung von Dienstleistungen durch Peers beantworten. Die vermittelten Dienstleistungen kommen erst zustande, wenn die unterschiedlichen Interessen mit rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht werden. SozialarbeiterInnen, die Dienstleistungen anbieten, sind in einer Machtposition. AssistenznehmerInnen und Frauen haben ebenso Macht. Für den Umgang mit Macht gibt das Tripelmandat der Macht theoretische Anhaltspunkte. In der Praxis der Interviewpartnerinnen wird die Frage, ob Macht überhaupt besteht und wenn ja, wie damit umgegangen wird, intensiv diskutiert. Der Umgang mit Diskriminierungserfahrungen ist nicht zentraler oder integraler Bestandteil der Vermittlung von Dienstleistungen durch Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit. Hier wird an JuristInnen verwiesen, juristische Unterstützung beantragt oder es werden gemeinschaftliche Aktionen organisiert.

Forschungsfrage: Wie wird mit unterschiedlichen Interessen von Personen oder Personengruppen, die sich im Rahmen der Dienstleistungserbringung an Sozialarbeiterinnen von SLI und DOWAS für Frauen wenden, umgegangen?

Der Umgang mit unterschiedlichen Interessen und Konflikten ist kennzeichnend für die Arbeit von Sozialarbeiterinnen in der Peer-Arbeit. Sie unterstützen dabei, dass Konflikte gut kommuniziert und durch Feedbacks gut bearbeitet werden können. Klare Vereinbarungen können helfen, Konflikte zu vermeiden. Es gibt Konflikte, die sich nicht oder nicht in der gewünschten Zeit lösen lassen. Konflikte führen dazu, dass Sozialarbeiterinnen ihre parteiliche Rolle verlassen und vermitteln bzw. verhandeln. Da sie im Rahmen der Vermittlung von Dienstleistungen auch einen Teil der Dienstleistung erbringen, können sie nicht gänzlich neutral sein. Bei Konflikten, die zwischen Sozialarbeiterinnen und AssistenznehmerInnen bzw. 'KlientInnen' bestehen, werden grundsätzlich nachhaltige und emanzipatorische 'Lösungen' angestrebt.

7.2.2 Beantwortung der Hauptfrage

Die Hauptfrage lautet:

Was führt zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit?

Um die Hauptfrage dieser Masterarbeit zu beantworten, wurde eine Analyse von 'vermittelten Dienstleistungen von Gleichen für Gleiche' durchgeführt und diese als Soziale Arbeit bewertet. Die Suche nach passenden, theoretischen Professionsverständnissen der Sozialen Arbeit und ein Zugehörigkeitsgefühl zur Profession der Sozialen Arbeit führen zur Professionalisierung von SozialarbeiterInnen in der Peer-Arbeit. Dass die Vermittlung von Dienstleistungen 'durch Gleiche' zu einem sehr hohen Grad der Sozialen Arbeit zugerechnet werden kann, konnte theoretisch gezeigt werden. Die interviewten Sozialarbeiterinnen nennen viele Aspekte der Praxis der Sozialen Arbeit und bewerten überwiegend ihre Praxis als Soziale Arbeit. Für die Professionszugehörigkeit waren die Absolvierung der Ausbildung zur Sozialarbeiterin und persönliche Gründe ausschlaggebend. Der gesamte Forschungsprozess dieser Masterarbeit kann als ein Beispiel einer Vorgangsweise angesehen werden, die zu einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit (in der Peer-Arbeit) führt:

  • Die Überlegung, dass eine Praxis Soziale Arbeit sein könnte.

  • Die Analyse der Praxis und der Nachweis, dass Theorien der Sozialen Arbeit für dieses Praxisfeld geeignet sind.

  • Die Bewertung der praktischen Arbeit als Soziale Arbeit durch die handelnden SozialarbeiterInnen.

  • Das Zugehörigkeitsgefühl der PraktikerInnen zur Profession der Sozialen Arbeit.

  • Die aktive Mitgestaltung der Profession der Sozialen Arbeit von SozialarbeiterInnen.

Die Professionsverständnisse von Sozialer Arbeit sind vielfältig. Es braucht 'selbstbewusste Professionsverständnisse', die auch dann Bestand haben, wenn sie sich nicht auf ein exklusives Praxis- oder Theoriefeld berufen können. Die Professionsverständnisse werden unter anderem durch Überschneidungen mit sozialen Bewegungen und von inter- und transdisziplinärer Forschung beeinflusst.

8 Zusammenfassung und Ausblick

Die Erkenntnisse dieser Masterarbeit lassen sich in folgende Dimensionen zusammenfassen, wobei sich überall Ansätze für weitere Forschung anbieten:

Ausgehend von der Beratung durch Peers wurde ein Verständnis von Peer-Arbeit im engeren Sinne als Vermittlung von Dienstleistungen 'von Gleichen für Gleiche' entwickelt. Insbesondere das Dienstleistungsdreieck der Persönlichen Assistenz zeigt, dass AssistenznehmerInnen und AssistentInnen direkt zusammenarbeiten, aber schriftliche Vereinbarungen jeweils nur mit dem SLI bestehen. Wie diese Arbeitsverhältnisse gestaltet sind und unter welchen Rahmenbedingungen diese evtl. besser gestaltet werden können, kann Ausgangspunkt weiterer Forschungen sein.

Peer-Arbeit von und für Frauen versteht sich als feministische Soziale Arbeit und ist de facto uneingeschränkt Teil der Sozialen Arbeit. In der Peer-Arbeit von und für Menschen mit Behinderungen sind Soziale Arbeit und Peer Counseling eine sich wechselseitig sehr gut ergänzende Kombination. Hier wäre wünschenswert, dass beides nebeneinander gleichberechtigt existiert und kooperiert. Ob das der Fall ist und unter welchen Rahmenbedingungen dies möglich ist, kann genauer untersucht werden.

Ein zentrales Kennzeichen der Peer-Arbeit ist trotz aller 'Gleichheit' und Parteilichkeit der Umgang mit unterschiedlichen Interessen. Dabei gibt es viele Konflikte zwischen Sozialarbeiterinnen und jenen Personen, die sie unterstützen. Die Sozialarbeiterinnen sollen langfristige, emanzipatorische und selbstbestimmte Prozesse begleiten; die KundInnen/'KlientInnen' wollen oft 'schnelle Lösungen'. Wie diese 'internen Konflikte' in der Peer-Arbeit bearbeitet werden, kann durch weitere Forschungen ergründet werden.

Für die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit bieten sich vielfältige Professionsverständnisse an, die letztlich alle von der aktiven Beteiligung von SozialarbeiterInnen 'leben'. Die interviewten Sozialarbeiterinnen fühlen sich alle der Profession der Sozialen Arbeit zugehörig. Den größten Ausschlag dafür gab die absolvierte Ausbildung, des Weiteren waren es individuelle Gründe. Welche weiteren Gründe vorliegen und welche Rahmenbedingungen zu einer vertieften Professionalisierung führen, daran können weitere Forschungen anknüpfen.

9 Literaturverzeichnis

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Wasle, Gerda (o.J.): Das Modell der Persönlichen Assistenz. In: Selbstbestimmt Leben Innsbruck (Hg): 11 ½. Ein Zwischenbericht. Innsbruck: Eigenverlag. 33-35.

10 Anhang

Anmerkung der bidok Redaktion:

Der Anhang ist als PDF abrufbar unter: http://bidok.uibk.ac.at/download/anhang-sporschill.pdf

Quelle:

David Sporschill: Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Peer-Arbeit

Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts in Social Sciences (MA), Fachhochschul-Studiengang: "Soziale Arbeit, Sozialpolitik und -management" Management Center Innsbruck. Betreuer: Kevin Brown, BA (Hons.), MA, CQSW. Für die Veröffentlichung überarbeitete Fassung vom 15.12.2012

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 22.05.2013

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