Behinderung als Schicksals-Konstruktion.

Zur Analyse von öffentlichen Darstellungen behinderter Menschen

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Virus, Beiträge zur Geschichte der Sozialmedizin, Nr. 11, 2012, S. 11-26.
Copyright: © Volker Schönwiese 2012

Summary

Disability as construction of fate. A contribution to the analysis of public representation of people with disabilities

This article intends to analyse the historical and current media representation patterns of people with disabilities by using a multidimensional approach. Pictures are used to specify representations already described and enable a reference to the historical construction of disability. Concepts of discourse, myths and identity are used as frames for interpretation in the analysis of specific image documents of the early modern period up until today.

Vorbemerkung

In diesem Beitrag wird versucht Möglichkeiten der Annäherungen an historische und aktuelle mediale Darstellungsmuster von behinderten Menschen über mehrdimensionale Zugangsweisen aufzuzeigen. Bildbeispiele dienen der Konkretisierungen und Weiterführungen von schon beschriebenen Darstellungs- und Deutungsmustern und ermöglichen es auf historische Konstruktionen zu verweisen. In der Analyse werden Konzepte von Diskursen, Mythos und Selbst als Interpretationsfolien verwendet.

1. Dimension der Konstruktion von Behinderung

Prinzipiell können drei allgemeine Dimensionen in der Analyse von Darstellungsmustern, die behinderte Menschen definieren, relevant sein:

Diskurse

Behinderung ist ein sozial und kulturell dynamisches Phänomen, das im Zusammen-hang mit gesellschaftlichen und individuellen Konstruktionen und Rekonstruktionen bzw. Diskursen Bedeutsamkeit erlangt. Träger und Vermittler dieser Re-Konstruktionen sind unterschiedliche innere, äußere und reale Bilder und Repräsentationen:

  • historisch entstandene Bilder

  • durch die Wissenschaften geschaffene systematische Bilder

  • in der individuellen Sozialisation vermittelte Bilder und

  • über die Medien re-produzierte beziehungsweise verstärkte Bilder von Behinderung.

Es besteht die Möglichkeit, diese Bilder Diskursen und diskursiver Praxis zuzuordnen:

"Unter 'diskursiver Praxis' wird [...] das gesamte Ensemble einer speziellen Wissensproduktion verstanden, bestehend aus Institutionen, Verfahren der Wissenssammlung und -verarbeitung, autoritativen Sprechern bzw. Autoren, Regelungen der Versprachlichung, Verschriftlichung, Medialisierung, Beispiele wären der 'medizinische' oder der 'juristische Diskurs'. [...] die diskursive Praxis [müsse] im strikten Sinne als materielles Produktionsinstrument aufgefaßt werden, mit dem auf geregelte Weise historisch-soziale Gegenstände (z. B. 'Wahnsinn' oder 'Sex') allererst produziert würden.[1]"

Diagramm 1: Diskurse von Behinderung

In Anschluss an Foucault argumentiert Keller, dass eine Analyse von Diskursen sich nicht-interpretativ an der Beobachtung von Regelmäßigkeiten und nicht an der Tiefenstruktur von Bedeutung orientieren soll.[2] Sarasin meint: "Genealogie, wie Foucault sie versteht, ist nicht einfach die Geschichte der Zeichen und selbst nur ein weiterer Spielzug im Spiegelkabinett der eigenen Kultur. Sie ist vielmehr der Versuch, das Wirkliche als tatsächlich historisch Gewordenes zu verstehen. Alles ist für den Genealogen historisch - aber nicht, weil es in unseren sich wandelnden Räumen der Repräsentation als Bild sich wandelt, sondern weil die Menschen, die Dinge und die Verhältnisse historisch sind".[3]

Bildliche Darstellungen sind Teil von historisch real gewordenen Verhältnissen und auch im "Spiegelkabinett der eigenen Kultur" gebrochen symbolisiert.

Mythos

Es erscheint demnach auch wichtig und sinnvoll Tiefenstrukturen zu analysieren, um inhaltlich zu interpretierende Zeichen hinter den Zeichen unserer Gesellschaft zu erkennen. Roland Barthes hat - am Ursprung des Poststrukturalismus stehend - Mythenstrukturen mit unbewusster, kollektiver Bedeutung beschrieben und Mythenanalyse zur Aufdeckung der Oberflächenstruktur von öffentlichen Aussagen verwendet: Mythos als sekundäres semiologisches System:

Diagramm 2: Mythos Roland BARTHES: Mythen des Alltags (Frankfurt 1970) 93.

Behinderung könnte im Rahmen einer mehrstufigen Mythenanalyse in Anlehnung an Roland Barthes in ihrem Zusammenhang z.B. mit unbewussten Deutungsmustern so beschreibbar gemacht werden:

Diagramm 3: Mythos Behinderung - Behinderung als Schicksalskonstruktion

Diese Darstellung verweist auf Repräsentationen von Behinderung als Projektionsfeld für Schicksalskonstruktionen, wobei ein allgemeinerer Sinn darin zu finden ist, von politisch-sozialen-ökonomischen Konflikten abzulenken. Im "Spiegelkabinett unserer Kultur" kann ein Stück sichtbar werden, wie bestimmte Diskurs-Zusammenhänge Wirksamkeit erlangen. Die Frage nach dem Wie ist in diesem Sinne genauso bedeutsam wie die Frage nach dem Was.

Wichtig ist, dass der Mythos Behinderung nicht als fixer kultureller Zusammenhang, sondern sowohl allgemein sozial-kulturell dynamisch zu verstehen ist, als auch als individuelles Produkt, individuell vermittelt mit Angst und Distanzgefühl verbunden, mit Fremdheit und Unvollständigkeit besetzt entsteht und dabei einen allgemeinen transformatorischen Blick beinhaltet. Behinderte Menschen werden real und symbolisch in einem Zustand des Zwischen gehalten und durch eine ewig angekündigte und nie erreichbare endgültige Transformation als nicht wirklich menschlich fixiert.[4]

Selbst

Im Spannungsfeld sozialer und personaler Identität[5] nimmt das soziale Selbst eine vermittelnde Position ein. "Das Soziale Selbst steht für die ‚interne Ebene der Selbsterfahrung, auf der die Person sich aus der Perspektive ihrer Umwelt definiert' [...] . Es geht um die Frage, wie die anderen das Individuum sehen, und wie das Individuum dieses vermutete Fremdbild von sich selbst wahrnimmt. Das Soziale Selbst nimmt also Außeninformationen wahr, es wählt wichtige Informationen aus, und auf diese Weise entsteht ein Bild von der Meinung anderer."[6] Gesellschaftliche Repräsentationen werden individuell transformiert in das eigene Selbst mehr oder weniger gut integriert. Bei behinderten Personen entsteht oft eine Spannung, die nicht wirklich bearbeitet werden kann, die Identität ist nicht balancierend zwischen den externen und internen Aspekten von Identität, es entsteht ein behindertes Selbst, das wiederum entsprechend generalisiert gesellschaftliche Repräsentationen als real erscheinen lassen. Bilder befinden sich als Andere und Selbst in einem dauernden Re-Produktionsprozess.

Die Dimensionen Diskurs, Mythos und Selbst können im Folgenden als Anregungen und als Hintergrundfolien für den Versuch der Darstellung historischer Repräsentationen von Behinderung gesehen werden, klar abgrenzbare methodisch-methodologische Konsequenzen für Orientierungen im "wuchernden Gewimmel" der Diskurse[7] sind bei mehrdimensionalen Ansätzen nicht so leicht zu ziehen. Im vorliegenden Beitrag werden nur bildliche Repräsentationen von behinderten Männern verwendet. Eine Trennung nach Repräsentationen von Geschlecht hat sich im Laufe der Analyse als sinnvoll ergeben. Als Ausgangpunkt für die gesellschaftliche Repräsentation von Frauen über Bilder könnte die Analyse des Bildnisses der "Elisabet stulta" aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts außerordentlich bedeutsam sein.[8]



[1] Siegfried JÄGER, Diskurstheorien. In: Helmwart HIERDEIS, Theo HUG (Hg.), Taschenbuch der Pädagogik. (Baltmannsweiler 1996) 238-248, hier 242.

[2] Rainer KELLER, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (Wiesbaden 2007) 47.

[3] Philipp SARASIN, Wie weiter mit Michel Foucault? (Hamburg 2008) 42.

[4] Vgl. Volker SCHÖNWIESE; Vom transformatorischen Blick zur Selbstdarstellung. Über die Schwierigkeit der Entwicklung von Beurteilungskategorien zur Darstellung von behinderten Menschen in Medien. In: Petra FLIEGER, Volker SCHÖNWIESE (Hg.), Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Sammelband (Neu Ulm 2007) 43-64. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/schoenwiese-blick.html (15.8.2012).

[5] Vgl. Erving GOFFMAN: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (Frankfurt 1970).

[6] Günther CLOERKES, Die Stigma-Identitäts-These. In: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung 3-2000, 104-111. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/gl3-00-stigma.html (17.5.2011)

[7] Siegfried JÄGER. In: Rainer KELLER, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (Wiesbaden 2007) 33.

[8] Vgl. Verena OBERHÖLLER, Zum Bildnis der Elisabeth: zwischen Anerkennung und Projektion. In: Petra FLIEGER, Volker SCHÖNWIESE (Hg.), Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jhd. Wissenschaftlicher Sammelband (Neu Ulm 2007) 272-305.

2. Körper-Geist Dualismus

Das Bildnis eines behinderten Mannes

Bild 1: Das Bildnis eines behinderten Mannes aus dem 16. Jahrhundert Kunsthistorisches Museum, Wien, Sammlung Schloss Ambras, Innsbruck

Deskription

Auf dem Bild ist ein behinderter Mann zu sehen, der nackt auf dem Bauch auf einem grünlich dunklen Tuch auf einem Tisch oder Podest liegt. Der schlaffe und deformier-te Körper ist absolut realistisch gemalt. Das Bild hängt in der Kunst- und Wunder-kammer von Schloss Ambras bei Innsbruck. Begründer der Kunstkammer war Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) von Österreich, Graf zu Tirol. Über die Sammlung von Porträts gibt erstmals ein Inventar von 1621 genauer Auskunft. Margot Rauch, die Kuratorin von Schloss Ambras, konnte mit Hilfe von Inventareintragungen im Archiv der Kunst- und Wunderkammer und Spuren am Bild belegen, dass am Bildnis der Körper des behinderten Mannes von Anfang an mit einem roten Papier bedeckt war. Wollte ein Besucher mehr vom Bild sehen, konnte er das Papier anheben und den nackten Körper betrachten. Damit ist dieses Bild ein historisches Dokument, das kein vergleichbares Gegenstück hat.

Diskurs

Vermutlich ist der Mann zu den "natürlichen Narren" zu zählen[9], die in höfische Selbstinszenierungen einbezogen wurden. "Riesen", "Zwerge" und "Haarmenschen" galten als Wunder der Natur. "Die Darstellung dieser menschlichen Wunder waren den Portraits des Fürsten, seiner Familie und den Mitgliedern anderer Herrscherhäuser ‚gleichwertig', d.h. sie hingen zusammen mit den fürstlichen Bildern in der gleichen Galerie. Erzherzog Ferdinand II. inszenierte sich auf diese Weise als Weltherrscher über eine Wunderwelt."[10] Für Wundermenschen gab es zwei Kategorien. Einerseits Fremde (von fremden Völkern abstammend, zu denen auch regional gehäuft beobachtete "Kretinen" - im heutigen Sinne Personen mit Lerneinschränkungen - gezählt wurden), andererseits "natürliche Narren" und physisch abweichende Menschen, wie Wundergeburten (zum Beispiel Siamesische Zwillinge), deren Existenz als Zeichen Gottes mit prophetischer Bedeutung interpretiert worden sind.[11] Rauch (2003, o. S.) reiht die Bildnisse, wie das des behinderten Mannes, nicht in die Darstellung von Personen mit prophetischer Bedeutung ein: "Diese ‚Monstren' fallen [...] nicht in die Kategorie der Vorzeichen, sondern waren mehr ein Quell des Studiums, des Vergnügens und des ästhetischen Genusses." Rauch verweist in diesem Zusammenhang auf die Groteskenmalereien in zeitgenössischen Festsälen, in denen eine Unzahl von Monstren und Mischwesen von Mensch und Tier dargestellt werden. "Die frühneuzeitlichen Betrachter empfanden somit angesichts der Monstren je nach den Begleitumständen Vergnügen, Bewunderung, Verstörung oder Grauen, vor allem aber Erstaunen. Dieses Staunen diente besonders im Zusammenhang mit den Kunst- und Wunderkammern als Ansporn für Nachforschungen, als Ur-Akt der Erkenntnis, als Antrieb das Geheimnis zu lüften."[12] Dennoch kann davon ausgegangen werden, wie auch Rauch schreibt, dass Objekte in den Wunderkammern für mehrere Bedeutungsinhalte standen und Ziel unterschiedlicher Interessen waren.

Es ist anzunehmen, dass das Bildnis des behinderten Mannes in der Kunst- und Wunderkammer zumindest in einem mittelbaren Zusammenhang mit der Entwicklung der Medizin im 16. Jahrhundert steht. Unter den Sammlern für das Wunderkabinett von Ferdinand II. waren auch Ärzte und es bestand ein reger Austausch zwischen den Herrscherhöfen. Für eine Beteiligung eines medizinischen Interesses bei der Aufnahme des Bildes in die Sammlung gibt es keinen direkten Hinweis. Durch die Nacktheit des Körpers und die detailgetreue Darstellung des behinderten Mannes, für die es kein zeitgenössisches Vorbild gibt, drängt sich jedoch ein Zusammenhang mit der Entwicklung eines medizinischen Blicks auf.

Im 16. Jahrhundert sind viele Ärzte an Universitäten damit beschäftigt, Körper zu öffnen. Nicht erklären steht dabei im Vordergrund, sondern zerlegen, untersuchen und beschreiben, um eine Kartografie des Körpers zu erstellen.[13]

Egger schreibt: "In der Neuzeit findet (auch in der Medizin) der Paradigmenwechsel von der teleologischen Sicht zur mechanistisch-funktionalistischen Sicht statt [...] [Dabei] liegt ein wesentliches Moment in der Geschichte der Sektion und einem veränderten anatomischen Blick, der den Körper vom Skelett her (nicht mehr von den Eingeweiden aus nach außen, oder von oben nach unten) aufbaut. Dadurch werden die Funktionen der einzelnen Körperteile, eine Systematik des Körperbaus und eine Rekonstruktion seiner mechanischen Bewegungsmöglichkeiten schrittweise erfassbar. Als dessen Folge ergibt sich in der Anthropologie ein neues Denkmuster, das den Menschen als ein Maschinenwesen, immer wieder neu konstruierbar, beschreibt."[14]

Der französische Philosoph René Descartes hat ca. 100 Jahre nach der vermutlichen Entstehung des Bildnisses des behinderten Mannes eine Grundformel vom Menschen entwickelt: Körper = Maschine, Tier = Körper = Maschine, Mensch = Körper = Maschine + Geist/Seele. Kathan hält fest: "Genaugenommen hat Descartes nur theoretisch formuliert, was bereits Praxis war. Bereits in den Sektionen des 16. Jahrhunderts wurde der Körper wie eine Maschine oder ein Uhrwerk betrachtet und behandelt. Aber erst durch Descartes wurde er konsequent der Funktionslogik der Maschine unterworfen. Das Wesentliche an Descartes' Maschinenmodell ist nicht die Vorstellung, dass der menschliche Körper wie eine Maschine funktioniert, sondern das Bemühen, ihn wie eine Maschine betrachten zu können, das heißt ihn in einen Raum zu stellen, in welchem er tatsächlich so gesehen werden kann."[15]

Das Bildnis des behinderten Mannes kann als ein Zeugnis für die neu heraufdämmernde Sichtweise der Trennung von Körper und Geist betrachtet werden. Der Mann wird nicht nur einem isolierten Blick auf seinen Körper ausgesetzt, es ist auch eine deutliche Teilung zwischen Kopf und Körper erkennbar: Der Kopf mit Hut und Halskrause gibt der Person Geschichte und Status. Der Körper ist davon getrennt, es dominiert ein mit beobachtender Distanz dargebotener realistischer Blick auf Deformationen.

Fiel es den frühen Anatomen offensichtlich schwer, sich den Körper sozial isoliert vorzustellen[16], so ist das Bildnis des behinderten Mannes Zeugnis eines Zusammen-hanges von Körper und Geist, der über eine Kontraststruktur begreifbar gemacht wird. Der erschreckt oder nüchtern protokollierten Normabweichung des Körpers wird die Normalität des Kopfes gegenübergestellt. Das Maschinenmodell ist noch nicht verwirklicht. Die deformierte Oberfläche wird noch nicht geöffnet, die Distanz ist noch nicht vollkommen.

Mythos

Es dokumentiert in aller Schärfe den zutiefst ambivalenten neuzeitlichen Blick auf behinderte Menschen zwischen Neugier, Erschrecken, Distanzierung.

Selbst

Die Frage der Spaltung von Körper und Geist ist immer noch prägend für vielfache Rehabilitationsbemühungen. Spaltungen und Trennungen auch im Sinne struktureller Gewalt charakterisieren die Praxis der Sonderpädagogik - über Therapie vermittelt, ist dies ein bedeutsamer Sozialisationshintergrund behinderter Menschen heute. Daraus ergeben sich spontane Fragen: Hat der Mann aus dem 16. Jahrhundert ähnliche Erfahrungen gemacht? Ist er "gefördert" worden und konnte so stolz präsentiert werden, nach dem Schema, "seht her, so schwer behindert und doch so erfolgreich"? Oder ist er völlig zum Objekt gemacht, nur mit Hut und Halskrause zur besseren Akzeptanz für die höfischen Betrachter ausstaffiert worden, als Person aber völlig uninteressant, wie in einer medizinischen Vorlesung vorgeführt oder in einem medizinischen Handbuch abgebildet? Oder ist das Bild ein Dokument des Selbstbewusstseins der betroffenen Person, die eine gebotene Gelegenheit wahrnimmt, sich offensiv als Teil der Menschheit zu präsentieren? Unabhängig von der kunsthistorischen Sinnhaftigkeit dieser Fragen und der Möglichkeit, diese zu beantworten, allein schon über die Stimulierung dieser Fragestellungen kann das Bild heute Bedeutung erlangen.



[9] Vgl. Christian MÜRNER: Kultur- und Mediengeschichte behinderter Menschen ( Weinheim 2003) 104.

[10] Ruth von BERNUTH, Aus den Wunderkammern in die Irrenanstalten. In: Anne WALDSCHMIDT (Hg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies (Kassel 2003) 49-62, hier 50.

[11] Vgl. BERNUTH, Wunderkammern 53f; MÜRNER, Kultur-und Mediengeschichte 34f.

[12] Margot RAUCH, Monster und Mirakel. Wunderbares in der Kunstkammer von Schloss Ambras (Innsbruck 2003) o.S.

[13] Zum "Zergliederungsspektakel" im Anatomischen Theater siehe: Anna BERGMANN, Der entseelte Patient. Die moderne Medizin und der Tod (Berlin 2004) 97.

[14] Gertraud EGGER, Irren-Geschichte - irre Geschichten. Zum Wandel des Wahnsinns unter besonderer Berücksichtigung seiner Geschichte in Italien und Südtirol (Innsbruck 1999). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/egger-irre.html (15.8.2012)

[15] Bernhard KATHAN, Das Elend der ärztlichen Kunst. Eine andere Geschichte der Medizin (Wien 1999) 23.

[16] KATHAN, Das Elend der ärztlichen Kunst 19.

3. Funktionalisierung des Körpers

Bild 2: Die Darstellung eines behinderten Mannes in einem Flugblatt von 1620 Flugblatt, Innsbruck 1620, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

Deskription

Ein mit dem Jahr 1620 datiertes Flugblatt aus Innsbruck, das bisher nur in kleinsten Kreisen von KunsthistorikerInnen bekannt ist, stellt einen behinderten Tischler dar, der im Bett liegend gezeigt wird.

Der Name des Tischlers ist Wolffgang Gschaidter. Es wird in dem Flugblatt sehr präzise beschrieben, dass der Tischler nach großen Schmerzen im linken Arm und Rücken innerhalb von drei Tagen vollständig gelähmt wurde. Es wird berichtet, dass er nun schon 15 Jahre außer Augen und Zunge nichts mehr bewegen kann. Das Flugblatt ruft dazu auf, für den "armen Krüppel" ein Almosen zu spenden und in der nahen Kirche (Dreiheiligen) für ihn zu beten.

Selbst

Der Körper des Innsbrucker Tischlers Wolffgang Gschaidter wird in jeder Hinsicht als leidender dargestellt, die Körperhaltung ist die des vom Kreuz abgenommenen Christus. Behinderung wird als "Imitatio Christi" zur Darstellung allen menschlichen Elends als Bild verallgemeinert und dafür verwendet, zur Demut aufzufordern. Der behinderte Mann wird dazu verwendet, allen Menschen zum Spiegel ihrer eigenen Armseligkeit zu dienen, ein typischer Topos - Memento Mori -, der uns bis heute verfolgt:

"Allhie wirdt dir / O Christen Mensch / ein lebendiger Tod / oder Todtlebendige / gantz vunerhörte / doch warhafftige Bildnuß noch heutiges tags allhie zu Ynßprugg bey der Kirchen der dreyen Heiligen / vor Augenligend / zum Spiegel fürgestellt / dich der allgemainen / diser Welt mühe vnd Armseligkait damit zuerinnern."[17]

Diskurs und Mythos

Der gegenreformatorische religiöse Aufruf an die Innsbrucker Stadtbevölkerung und der neuzeitlich wissenschaftliche Blick schaffen zwei völlig verschiedene Bilder von Behinderung nebeneinander. Der Kontrast in der Darstellung des behinderten Mannes im herrschaftlichen Schloss Ambras und in der Darstellung im Flugblatt für das Volk ist mehr als deutlich. Ein stark religiös gefärbter mitleidiger Blick steht gegen den ambivalenten aufgeklärten Blick[18]:

  • Projektive Funktion: Aufruf beim Anblick des behinderten Mannes über sich selbst nachzudenken - insbesondere über den eigenen Tod: Projektive Funktionalisierung behinderter Menschen, ohne dass die Eigensicht behinderter Personen in irgendeiner Weise deutlich wird

  • Massenmediale Verbreitung: Verwendung eines Massenmediums mit Bild und Schrift um weiträumig und über alle Standesgrenzen hinaus wirksam zu werden

  • Dramatisierende Inszenierung: z. B. Argumentation mit einer Trennung von Körper und Geist als massen-mediale Strategie zur Erhöhung der Dramatik ("Du siehst einen heilen Geist in einem wahnsinnigen Körper.")

  • Geld-Spenden ("Almosen") als individualisierend-entlastende Handlungs-strategie: Aufruf dem behinderten Mann Geld zu spenden; ein Beispiel wie der durch die Reformation zurückgedrängte Ablass in neuer und komplexerer Form fortgeführt und funktionalisiert wird

  • Institutionelle Funktion: Institutionelle Interessen der beteiligten Institutionen Klinik (Seuchenspital und Siechenhaus) und Kirche: Finanzierung und öffentliche Legitimierung von Institutionen über Spenden

  • Politische Funktion: Verwendung des Flugblattes im Rahmen einer allgemeinen gegenreformatorischen und politischen Propaganda: gegenreformatorische Mission

  • Etablierung eines alltagswirksamen Topos: Verwendung und versuchte massenmediale Etablierung des Topos "armer Krüppel" als Kürzel für diesen gesamten Zusammenhang



[17] Text auf dem Flugblatt von 1620

[18] Vgl. Christian MÜRNER, Volker SCHÖNWIESE: Wolffgang Gschaidter - Innsbrucker Wahrzeichen. In: Petra FLIEGER, Schönwiese, Volker SCHÖNWIESE (Hg.), Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jhd. Wissenschaftlicher Sammelband (Neu Ulm 2007) 244-257. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/muerner-innsbruck.html (17.5.2011)

4. Materialismus und die Zivilisation des Körpers

Bild 3: Foto des Präparates des behinderten Mannes Anton Steinwendner Foto des Hautpräparates des behinderten Mannes Anton Steinwendner im "Haus der Natur", Salzburg, nach: Schmitten, Inghwio aus der: Schwachsinnig in Salzburg. Zur Geschichte einer Aussonderung. Salzburg (Umbruch 1985). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/schmitten-schwachsinnig.html (15.8.2012)

Deskription

Hautpräparat von ca. 1830 des aus Salzburg stammenden alltagsweltlich als "Fex" bezeichneten Anton Steinwendner - genannt Leprosenhausfex, der in einem medizinischen und gesundheitspolitischen Diskurs als an "Cretinismus" erkrankt und Prototyp eines Kretinen definiert wurde.

Diskurs

Die wissenschaftliche Entdeckung der Kretinen und die Definition von Kretinismus, erfolgt in mehreren Schritten[19]:

  1. Schritt - Krankheitsdefinition: der Versuch "Cretinismus" als Krankheit und Abweichung von Normen zu definieren, eine Diagnose zu ermöglichen, die Verteilung in der Bevölkerung festzustellen (Epidemiologie)

  2. Schritt - Suche nach Ursachen: Versuch der Feststellung der Ursachen; bezogen auf den Kretinismus vermuteten die Brüder Wenzel Zusammenhänge mit der unterschiedlichen Feuchtigkeit in den Tälern.

  3. Schritt - Versuche der Heilung: Versuche der med. Behandlung mit bestimmten Erkenntnissen. In diesem Zusammenhang Einführung der Institutionalisierung: Zur besseren Beobachtung und Heilung, Überstellung der betroffenen Personen in eigene immer spezialisiertere Einrichtungen (Schulen, Heime). Die Anstalt wird zum Mittel der Heilung, Ordnung als oberstes Prinzip gesehen, wie z.B. durch Philippe Pinel (1745-1826), Mediziner und Philanthrop, ab 1793 in Paris Leiter großer psychiatrischer Anstalten:

  • " [....]'Ordnung' (ist) einer der wesentlichsten Begriffe bei Pinel, ihr liegt seine gesamte Asylpraxis zugrunde. Die Einschließung bzw. Isolierung ist für ihn die erste Ordnungsleistung seiner Reform; sie ist die erste Bedingung jeder Therapie [...]".

  • Die zweite Ordnungsleistung Pinels beruht darin, daß er eine strenge Asylordnung aufstellt, die nicht nur die Handlungen der Irren minutiös nach Zeit und Ort regelt, sondern auch die Hierarchie der Beziehungen festlegt. Die ‚Unordnung' dieser Menschen verlangt nach einer Umprogrammierung, die nur in einem veränderten Milieu stattfinden kann. Die ‚normale' Welt ist nun der Ort, an dem sich die Unordnung reproduziert, während sich durch die Ordnung im Asyl die Vernunft entfalten soll.

  • Die dritte Ordnungsleistung ist die Autoritätsbeziehung zwischen Arzt/Pfleger und Kranken. Da der Wahnsinn Unordnung, Charakterleere und Willenlosigkeit ist, muß der Kranke zunächst einen fremden, aber vernünftigen Willen (die Vernunft des Arztes) verinnerlichen und dadurch seine eigene Unruhe und Unordnung bezwingen. Sobald dies geschehen ist, ist er geheilt! (Castel)" [20]

  1. Schritt - Prognosebildung: Im Zusammenhang mit Heilungsversuchen, Erstellung von Prognosen auf Heilungsaussichten

  2. Schritt - Asylierung: Dauerhafte Aufbewahrung/Internierung von Unheilbaren als ordnungspolitischer Akt mit sozialer Legitimierung

  3. Schritt - Neubewertung: Systematisierung der Erkenntnis mit negativ besetzter Neubewertung der Nichtheil-/Nichtanpassbaren, Erstellung eines Systems von Pathologie. Die Cretinen werden z. B. mit Tieren und Pflanzen verglichen, ihr Menschsein wird bezweifelt und damit eugenische Überlegungen eingeleitet.

Dazu ein Zitat von Dr. Johann von Knolz 1821, der nach der Untersuchung des Anton Steinwendner weitreichende Schlussfolgerungen formulierte:

"Ist der Fex aber nicht Mensch, so ist er Tier, was man schon [entsprechend der ‚Physischen Anthropologie'] an seinem Gesicht sehe, das ‚größtentheils zum Fraßwerkzeuge, zum Kiefer und zur Schnauze geworden' sei.... Die Fexen seien noch weiter ‚in die Classe tiefstehender Thiere hinabgestoßen', ihre enorme Verdauungskraft deute darauf hin, daß sie ‚an die Thierclassen, in denen noch außer den Baucheingeweiden kaum ein anderes Eingeweide erwacht ist, an die sogenannten Pflanzenthiere' grenzten.... ‚Der Glaube an die Pflanzennatur der Cretinen (wird) immer zudringlicher. Denn bey ihnen, wie bey den Pflanzen, ist die Entwicklung der Genitalien die höchste Entfaltung.' Die Fexen haben den Pflanzen nur voraus, ‚daß sie nicht wie diese unmittelbar darauf, wenn sie den Samen haben fallen lassen, sterben müssen.'"[21].

Es gab zu diesen Formulierungen eine kritische Gegenposition, die aus heutiger Sicht sehr sozialmedizinisch und an Inklusion orientiert klingt, sich allerdings in keiner Weise durchsetzen konnte:

"Der Zeitgenosse Dr. Maffei, Arzt in Salzburg meint, dass Knolz' Methode, einen Prototyp zu postulieren, völlig abzulehnen sei, noch dazu jenen ‚Anton Steinwendner, der durch 20 Jahre, wie ein Schaupfennig durch die Hände aller hier durchreisenden Gelehrten ging und so wie abgegriffen in seinem ursprünglichen Gepräge am Ende sich darstellen mußte.'"[22]

Mythos

An Anton Steinwendner und dem Bild des Präparates hat sich kein bedeutsamer Mythos festgemacht, wenn auch die dauerhafte Aufbewahrung (und zeitweise Ausstellung?) im "Haus der Natur" auf den exemplarischen Charakter der Untersuchungen des "Leprosenhausfex" verweisen. Wichtig ist, dass Dr. Johann von Knolz ganz im Unterschied zu Dr. Maffei sehr von seinen Untersuchungen profitiert hat und als Universitätsprofessor nach Wien berufen wurde.

Bild 4: Ein Foto von Joseph Merrick, aufgenommen am Royal London Hospital,circa 1886

Im Gegensatz zu Anton Steinwender ist Joseph Merrick im 19. Jahrhundert in England als "Elefantenmensch" zum nationalen Mythos geworden. An Joseph Merrick konnte die körperliche Deformation und die bürgerliche Bildung eine mythische Bindung eingehen, die bis ins 20. Jahrhundert z. B. mit dem Film "Der Elefantenmensch" von David Lynch (1980) nachwirkte und Mensch-Maschine-Themen aufgriff[23] sowie eine Verbindung mit einem mythisch besetzten "ärztlichen Blick" einging (Anthony Hopkins als der Arzt Frederick Treves).

Ähnlich mythische Darstellungen ranken sich in Deutschland um den "Wilden Peter von Hameln" (bei dem im 18. Jahrhundert am englischen Königshof durch einen Arzt Erziehungsversuche erfolgten) und Kaspar Hauser im 19. Jahrhundert sowie in Frankreich um den "Wolfsjungen Victor von Aveyron" und den ihn erziehenden Arzt Jean Itard zu Beginn des 19. Jahrhunderts (verewigt im Film "Der Wolfsjunge" 1970 von François Truffaut), obwohl ein wissenschaftlicher Rückblick andere, weniger leicht mythisch besetzbare Seiten aufzeigt: "Die Wissenschaft und die daraus abgeleiteten pädagogischen Maßnahmen verlangen von Victor ihren Tribut: die Brechung seines Willens, die Verfügbarmachung für pädagogisch-medizinische Experimente. Für Itard war Victor formbares Rohmaterial. Er setzte Victor als Spielball forcierter Absichten ein, als Objekt und Illustrator seiner philosophischen Überlegungen. Victor wurde im Dienste der Wissenschaft zum Exerzierplatz pädagogischer und medizinischer Maßnahmen, zum Kriegsschauplatz ´erziehungswissenschaftlicher` Experimente."[24]



[19] Vgl. zur Geschichte der Fexen und Kretinen in Salzburg: SCHMITTEN, Inghwio aus der: Schwachsinnig in Salzburg. Zur Geschichte einer Aussonderung. Salzburg (Umbruch 1985). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/schmitten-schwachsinnig.html (15.8.2012)

[20] EGGER, Irren-Geschichte.

[21] SCHMITTEN, Schwachsinnig in Salzburg.

[22] Ebd.

[23] Johannes HOFMAYR, "Der Elefantenmensch". Eine Filmbetrachtung unter dem Blickwinkel der Technik (Innsbruck 1995). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/hofmayr-elefant.html (16.5.2011)

[24] Johannes ELBERT, Geistige Behinderung - Formierungsprozesse und Akte der Gegenwehr (1982). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/elbert-formierungsprozesse.html (17.5.2011)

5. Flexibler Normalismus

Die Darstellung eines behinderten Jugendlichen

Ein Beispiel post-moderner Konstruktionen von Behinderung soll abschließend anhand eines Werbespots "Mutprobe" der Spendenkampagne des ORF "Licht ins Dunkel" verdeutlicht werden (siehe Bild 5, umseitig).

Deskription

Ein Jugendlicher im Rollstuhl steht an der Kante einer Treppe, alle Zeichen stehen auf Drama und Schicksal - Wind, Vogel, dramatische Musik. Der Rollstuhlfahrer stürzt sich über die Treppe, es erscheint in einem Zwischenschnitt die Botschaft: "Ein Leben mit Behinderung kann ausweglos erscheinen. Muss es aber nicht." Der Rollstuhlfahrer vollbringt die sportliche Leistung mit dem Rollstuhl gekippt die Treppe hinunter zu fahren. Unten empfangen ihn begeisterte Jugendliche, die ihm eine Video-Aufnahme der Treppenfahrt zeigen.

Diskurs

Der seit der frühen Neuzeit existierende Diskurs über die Heilung war immer auch im Sinne des neuzeitlichen Dualismus mit der Frage der abgespaltenen Personalität verbunden. In der Postmoderne verschwimmt der Zusammenhang über ein immer größeres zugelassenes Normalitätsspektrum immer mehr, Grenzziehungen werden individualisiert.

Bild 5: Bildfolge aus dem Film "Mutprobe", Spot von "Licht ins Dunkel": "Ein Leben mit Behinderung kann ausweglos erscheinen. Muss es aber nicht." http://lichtinsdunkel.orf.at/?story=1916 (15.8.2012).

"Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist in den westeuropäischen Gesellschaften der Protonormalismus, der durch die Dichotomie normal/gesund oder abnorm/krank gekennzeichnet ist und die starre Ausgrenzung der Abweichenden beinhaltet, auf dem Rückzug. Gleichzeitig haben sich flexibel-normalistische Strategien verstärkt durchgesetzt. Mit ihnen sind innerhalb der normalistischen Felder größere Normalitätsspektren und variable Grenzziehungen möglich."[25]

Selbst

Der allgemein zunehmende flexible Normalismus[26] erzeugt immer mehr Anforderungen an das Individuum:

"Der starke und durchsetzungsfähige Junge, der auch zurückstecken kann; der Junge, der cool bleiben, aber auch Gefühle zeigen kann; der Junge, der im intellektuellen und beruflichen Wettbewerb erfolgreich ist, aber diesen auch nobel zurückhalten kann, um anderen den Vortritt zu lassen; der Mann, der sich mit seinesgleichen verbündet, aber andere nicht ausschließt, sind Vorstellungen, die ein in sich widersprüchliches Anforderungsprofil .... ergeben, das von den einzelnen Jungen integriert werden muß."[27]

In dem Film ist sichtbar, dass die Initiation des Leistungsbeweises im Mittelpunkt der Darstellung steht. Behinderung wird als Schicksal dargestellt und in einer paradoxen Formulierung die Kontingenz von Behinderung darüber betont, indem formuliert wird, dass Behinderung nicht Schicksal sein muss. Über am Individuum ansetzenden Leistungsvermögen verwirklicht sich nicht nur ein modernes Rehabilitationsparadigma, sondern auch ein allgemeines individualisiertes Selektionsprinzip. Behinderung ist dafür ein öffentlich inszeniertes Lehrbeispiel.



[25] Anne WALDSCHMIDT (Hg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies (Kassel 2003) 89.

[26] Vgl. Jürgen LINK, Versuch über den Normalismus: Wie Normalität produziert wird (Göttingen 2006).

[27] METZ-GLÖCKEL nach: Karsten EXNER, Deformierte Identität behinderter Männer und deren emanzipatorische Überwindung (1997). Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/exner-deformiert.html (17.5.2011)

Schluss

Ausdrückliche Gegenbilder zu den gezeigten Bildern und produktiv-aufklärende Verstörungen durch Bilder sind selten und wenn, dann in Produktionen von behinderten Personen selbst unter dem Titel "disability culture" zu finden[28] . Unter den wenigen hier präsentierten Bildern ist am ehesten "Das Bildnis des behinderten Mannes" aus dem 16. Jahrhundert in seiner Komplexität und Berührung herausfordernden Funktion zumindest für die heutigen BetrachterInnen ein Gegenbild zu konventionellen Schicksalsproduktionen.

Das bisher Gesagte kann im Sinne einer Ikonographie der Darstellungen von behinderten Menschen inhaltlich in folgender Weise zusammengefasst werden[29] (vgl. auch Schönwiese 2007): Behinderte Menschen sind über unterschiedlichste mediale Inszenierungen einem transformatorischen Blick ausgesetzt - wie im ersten Kapitel schon angedeutet. Dieser ist dadurch charakterisiert, dass behinderte Personen als Zwischenwesen gesehen werden, die Identität nur darüber erhalten, dass sie für bestimmte (alltags-) kulturelle, soziale und politische Zwecke zur Verfügung stehen. Selbstrepräsentationen kommen dabei weder in den Diskursen um Ordnung, noch im Rahmen der dominierenden ideologischen und transformatorischen Funktion von behinderten Menschen vor. Gleichzeitig gibt es aber im Sinne der Ambivalenz der Moderne vielfältige Diskurse um Befreiung und symbolische Widerstandsformen, deren Höhepunkt der praktische politische Diskurs um die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist. Bilder können in diesem Zusammen-hang als Selbstrepräsentationen einen herausfordernden Charakter haben.



[28] Vgl. z.B. den Film "Vital Signs: Crip Culture Talks Back" von David T. Mitchell/Sharon Snyder 1997.

[29] Vgl. SCHÖNWIESE, Vom transformatorischen Blick.

Information zum Autor

A.Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese, seit 1983 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck tätig, Aufbau des Lehr- und Forschungsbereichs der Inklusiven Pädagogik und Disability Studies, Leitung der Internetbibliothek und Lernplattform bidok (http://bidok.uibk.ac.at ), zuletzt Leiter des inter- und transdisziplinären Forschungsprojektes "Das Bildnis eines behinderten Mannes aus dem 16. Jhd." (http://bidok.uibk.ac.at/projekte/bildnis )

Kontakt: Volker.Schoenwiese@uibk.ac.at

Quelle:

Volker Schönwiese: Behinderung als Schicksals-Konstruktion. Zur Analyse von öffentlichen Darstellungen behinderter Menschen. Erschienen in: Virus, Beiträge zur Geschichte der Sozialmedizin, Nr. 11, 2012, S. 11-26.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 29.08.2013

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