Das Persönliche Budget gefangen im Netz der Angebotszentrierung

Ein ergänzender Blick auf eingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten für Budgetnehmer(innen)

AutorIn: Jochen Schneider
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Teilhabe, Die Fachzeitschrift der Lebenshilfe, Nr. 4/10, Jg. 49, S. 179-180. Neuere Texte der Fachzeitschrift Teilhabe ab der Ausgabe 01/11 finden Sie als E-Paper unterwww.zeitschrift-teilhabe.de.
Copyright: © Jochen Schneider 2010

Abbildungsverzeichnis

    Das Persönliche Budget gefangen im Netz der Angebotszentrierung

    Markus SCHÄFERS erläutert in seinem Beitrag „Wie man aus einem Persönlichen Budget eine verdeckte Sachleistung macht“ in der Fachzeitschrift Teilhabe 4/09 die recht zweifelhafte Handhabung des Persönlichen Budgets durch verschiedene Leistungsträger.

    Doch nicht nur in der von SCHÄFERS beschriebenen Praxis der Leistungsbemessung und -gewährung, sondern auch auf Seiten der Leistungsgestaltung und -erbringung stoßen die Budgetnehmer(innen) noch immer auf Schwierigkeiten. Die nur schleppende Umsetzung des Paradigmenwechsels von der Angebotszentrierung hin zur Personenzentrierung und des von SCHÄFERS erwähnten Systemwechsels sowohl bei Leistungsträgern als auch -erbringen (be)hindern viele Budgetnehmer(innen) bei der praktischen Gestaltung und Umsetzung ihres Persönlichen Budgets. So bleibt es trotz des seit 2008 bestehenden Rechtsanspruches noch immer beim „Exoten Persönliches Budget“ (vgl. SCHÄFERS 2009, 176).

    SCHÄFERS stellt kritisch und ironisch fünf Strategien der Leistungsträger dar, aus einem Persönlichen Budget eine verdeckte Sachleistung zu machen. Hier soll nun ergänzend betrachtet werden, wie auch manche Leistungserbringer diese fünf Strategien für eigene Zwecke verwenden. Man könnte die folgenden Strategien auch eine „Kurzanleitung zur Machtsicherung der Leistungserbringer in Zeiten aufkommender Selbstbestimmung“ nennen.

    1. Zweckbindung

    In der Praxis können Budgetnehmer(innen) von manchen Diensten nur eine zuvor exakt festgelegte Dienstleistung einkaufen. Das heißt, ein Budgetnehmer, der sich acht Stunden Fachkraft pro Monat einkaufen kann und möchte, bekommt diese nur als „zwei Stunden/Woche-Paket“, eine flexiblere, individuelle Aufteilung sei – der Argumentation der Leistungserbringer folgend – aufgrund dienstinterner Planungen nicht möglich. Eine weitere Strategie ist, den Budgetnehmer(inne)n nur das „Komplettangebot Betreutes Wohnen“ anzubieten, welches dann aber wieder bestimmte Einschränkungen mit sich bringt (z. B. keine Assistenz am Wochenende). Der „Aspekt der Selbststeuerung“ (ebd., 177) ist hier nicht mehr zu erkennen.

    2. Fachkraftquote

    Es gibt Leistungserbringer, die ihre Dienstleistungen nur „verkaufen“, wenn man neben dem Zivildienstleistenden oder der Putzhilfe auch noch eine Fachkraft bei ihnen in Anspruch nimmt (et vice versa).

    3. Abtretungserklärung

    Budgetnehmer(innen) berichten, dass ihnen Leistungserbringer Verträge vorlegen, in denen sich der Kunde verpflichtet, in den nächsten sechs Monaten eine bestimmte Anzahl von Leistungen (bzw. eine festgelegte Stundenzahl) einzukaufen.

    4. Nachweispflicht

    Kommt der Budgetnehmer bzw. die Budgetnehmerin mit der Absicht, Leistungen zu kaufen, auf einen Dienst zu, so wird hin und wieder verlangt, er/sie solle sein/ihr ganzes Persönliches Budget (bzw. seine/ihre komplette Zielvereinbarung) offen legen, auch wenn die Person nur beabsichtigt, einen klar definierten Teil des Budgets dort auszugeben.

    5. Zielvereinbarung

    Potenzielle Budgetnehmer(innen), die vor der Antragstellung durch Dienste beraten wurden, bringen zum (Hilfeplan-) Gespräch vorformulierte Maßnahmenkataloge der jeweiligen Dienste mit (verpackt als Ziele). Es gibt auch Beispiele, in denen Leistungsanbieter innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl an neuen (nicht inklusiven) Angeboten schaffen, um dann ganz gezielt Budgetnehmer(innen) anzuwerben, die daraufhin Anträge auf Persönliche Budgets stellen (z. T. bereits mit Geldbeträgen versehen). Diese dienen oft einzig und allein der Auslastung und Finanzierung der neu geschaffenen Angebote. Hierbei wird sehr oft vergessen, dass das Persönliche Budget keine neue Leistung, sondern eine neue Form der Leistungserbringung darstellt.

    Fazit

    Noch immer werden Menschen mit Behinderung in der individuellen Ausgestaltung ihres Persönlichen Budgets, welches ja ihren „individuell festgestellten Bedarf“ (BMAS 2008, 15) decken soll, durch starre Vorgaben und eine maßnahmenorientierte Sichtweise beeinträchtigt.

    Für die Leistungserbringer bedeutet das Persönliche Budget einen Machtverlust, sie müssen sich nun an den Vorstellungen ihrer „Kundinnen und Kunden“ orientieren. Dies ist für sie eine neue Situation, auf die sie sich noch einstellen müssen, da viele das Selbstverständnis haben, schon immer nutzerorientiert agiert zu haben (vgl. HANSEN 2006, 16).

    Sowohl auf Seiten der Leistungsträger als auch -erbringer muss der (Um-) Denkprozess vorangetrieben werden. Dies kann und darf zukünftig nicht mehr in einem getrennten Vorgehen, das ein „Gegeneinander“ oft noch fördert, geschehen. Durch die Schaffung von regionalen und örtlichen Arbeitskreisen (unter Beteiligung der Menschen mit Behinderung), wie sie in der psychiatrischen Bewegung schon lange praktiziert wird (z. B. durch Gründung von Gemeindepsychiatrischen Verbünden), kann ein Anfang gemacht werden. Beide Seiten müssen die alten Strukturen der Angebotszentrierung hinter sich lassen und den Weg in ein personenzentriertes System gehen. Dies beinhaltet neben der Einführung von personenzentrierter Hilfeplanung (anstelle von defizit- und maßnahmenorientierter Bedarfsfeststellungsverfahren) auch die Umstellung der Finanzierungssystematik. Nur ein solches Vorgehen kann den „Exoten Persönliches Budget“ für Menschen mit Behinderung zu einer attraktiven und sinnvollen Möglichkeit der individuellen Teilhabeumsetzung machen.

    Der Autor:

    Abbildung 1. Jochen Schneider

    Portraitfoto des Autors

    Dipl.-Soz.Päd. (BA) Jochen Schneider, u.a. Multiplikator für personenzentrierte Hilfeplanung der Aktion Psychisch Kranke e. V.

    jochen-tobias.schneider@web.de

    Literatur

    BMAS – Bundesministerium für Arbeit (Hg.) (2008): Das trägerübergreifende Persönliche Budget. Bonn: BMAS

    HANSEN, Eckhard (2006): Soziale Leistungen zwischen Sparzwang und Nutzerorientierung. In: AHA e. V.; Windisch, Matthias (Hg.): Persönliches Budget – Neue Form sozialer Leistungen in der Behindertenhilfe und Pflege. Neu-Ulm: AG SPAK.

    SCHÄFERS, Markus (2009): Wie man aus einem Persönlichen Budget eine verdeckte Sachleistung macht. In: Teilhabe 48 (4), 176–183.

    Quelle

    Jochen Schneider: Das Persönliche Budget gefangen im Netz der Angebotszentrierung. Ein ergänzender Blick auf eingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten für Budgetnehmer(innen). Erschienen in: Teilhabe, Die Fachzeitschrift der Lebenshilfe, Nr. 4/10, Jg. 49, S. 179-180. Neuere Texte der Fachzeitschrift Teilhabe ab der Ausgabe 01/11 finden Sie als E-Paper unter www.zeitschrift-teilhabe.de.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 17.08.2017

    zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation