Ich seh ja nie welche

AutorIn: Dietke Sanders
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Birgit Rommelspacher (Hg.): Behindertenfeindlichkeit – Ausgrenzungen und Vereinnahmungen, 1.Auflage, Göttingen 1999.
Copyright: © Dietke Sanders 1999

Über das Verhältnis von nichtbehinderten zu behinderten Frauen

Seit über 15 Jahren gibt es viele Veröffentlichungen, Aktionen und Veranstaltungen von behinderten Frauen, in denen es um ihre Alltagserfahrungen in der nichtbehinderten Gesellschaft und das Verhältnis zu nichtbehinderten Frauen geht. Dagegen existiert immer noch kaum Literatur von nichtbehinderten Frauen, in der sie ihr Verhältnis zu behinderten Frauen beschreiben und sich mit ihrer eigenen Position auseinandersetzen.

Deshalb habe ich 1994 in vier qualitativen Leitfadeninterviews nichtbehinderte Frauen über ihr Verhältnis zu behinderten Frauen befragt.[1] Ich wollte herausfinden, welche Berufs- und Alltagserfahrungen sie mit behinderten Frauen haben und wie diese Erfahrungen subjektiv erlebt und bewertet werden. Vor allem hat mit interessiert, wie die Befragten sich selbst in dem gegenseitigen Verhältnis sehen und ob sie ihre Position als Nichtbehinderte und ihren eigenen Anteil an der Ausgrenzung in Frage stellen.

Ich habe in der Untersuchung nichtbehinderte feministisch engagierte Frauen interviewt; alle haben zum Zeitpunkt der Befragung beziehungsweise im Jahr davor in autonomen Frauenprojekten gearbeitet. Die Frauen definierten sich selbst als politisch bewußt; alle hatten eine Ausbildung im sozialen Bereich. Sie zählten damit für mich zu dem Teil der Bevölkerung der sich mit eigener Unterdrückung beschäftigt und kritisch mit bestehenden Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzt. Ist die Frauenbewegung also ein Ort, an dem Ausgrenzung behinderter Menschen keine Normalität darstellt?

Die Suche nach Interviewpartnerinnen war überraschend schwierig. Innerhalb von zwei Monate bekam ich auf 51 Anfragen bei Frauenprojekten und einzelnen Frauen insgesamt 46 Absagen. Frauen, die sich zunächst sehr interessiert zeigten, an einem Interview teilzunehmen, zogen ihre Zusage zurück, als sie von dem Gegenstand der Untersuchung erfuhren. Die Mehrzahl der Frauen versicherte, großes Interesse an dem Thema zu haben, führte jedoch Zeitmangel sowie Urlaubs- und Krankheitssituationen als Gründe an, selber nicht an den Interviews teilnehmen zu können. Viele Frauen äußerten Bedenken, zu dem Thema behinderter Frauen etwas zu sagen, weil sie sich nicht kompetent genug fühlten. Auch der Einwand, daß gerade die Sichtweise des Verhältnisses durch nichtbehinderte Frauen im Mittelpunkt stünde und sie damit im Sinne der Untersuchung Expertinnen seien, konnte diese Befürchtungen offensichtlich nicht ausräumen.

Obwohl ich die Absagen in jedem individuellem Fall verstehen konnte, habe ich die große Anzahl der Absagen als Zeichen dafür interpretiert, daß das Thema behinderter Frauen in der Frauenbewegung tabuisiert wird. Die Tatsache, daß eine Kommilitonin im gleichen Zeitraum zu einem anderen Thema auf alle ihre Anfragen spontane Zusagen von Frauenprojekten erhielt, verstärkt ebenfalls die Vermutung, daß das Thema ein Grund für die Absagen war.

Auch die vier nichtbehinderten Frauen, die schließlich zu einem Gespräch bereit waren, behaupteten alle, wenig oder keinen Kontakt zu behinderten Frauen zu haben. Im Laufe der Interviews wurde jedoch deutlich, was für eine Vielzahl von Erfahrungen die Befragten tatsächlich hatten.

So ist eine nichtbehinderte Frau, hier Berta genannt, auf einem frauenpolitischen Kongreß einer Frau begegnet, die keine Arme hat:

„Erst dachte ich, als sie irgendwann ihre Füße auf den Tisch gelegt hat: Na, jetzt geht’s ja los hier. Wo kommen wir denn da hin. Aber dann fand ich die irgendwo faszinierend. Ich habe sie irgendwo richtig bewundert. Sie hatte eben Ringe an den Zehen, so wie ich sie am Finger habe. So was ist mir noch nie aufgefallen. Also, daß die da irgendwas mit ihren Füßen machen, ja, aber daß die da Schmuck dran tragen können.“

Auch diese offensichtlich doch beeindruckende Begegnung hinderte sie jedoch nicht, im Interview einige Minuten später zu behaupten, sie kenne keine behinderten Frauen, noch nicht einmal auf der Straße hätte sie je eine solche Frau erblickt.

„Nee, ich seh ja auch nie welche, muß ich dir ehrlich sagen, (...) Nee, überhaupt nicht. Ich bin wahrscheinlich die falsche Interviewpartnerin für dich. Nee, ist einfach nicht.“

In dem gleichen Interview erwähnt Berta außerdem noch die Zusammenarbeit mit einer behinderten Vorgesetzten, zwei behinderten Kommilitoninnen und zwei Kolleginnen mit körperlichen Beeinträchtigungen.

Stereotype Vorstellungen und tatsächliche Erfahrungen bilden offenbar zwei unabhängig voneinander existierende Welten. Die Begegnungen mit behinderten Frauen, die nicht in das Klischee passen, werden abgewehrt, nicht wahrgenommen oder wecken Interesse, das jedoch folgenlos bleibt. Nichts wissen (wollen), nicht darüber zu sprechen, sich nicht mit der spezifischen Lebensrealität auseinanderzusetzen, Lernsituationen aktiv zu vermeiden, sind scheinbar Mechanismen, die dazu dienen, die sichtbare Minderheit der behinderten Frauen unsichtbar zu machen und ihnen damit eine eigene Identität zu verweigern. Die Vermeidung oder Verleugnung von Kontakt zu behinderten Frauen hilft vielleicht auch, den offensichtlich angsteinflößenden Gedanken zu verdrängen, daß Behinderung als Möglichkeit in jeder, eben auch der eigenen Biographie enthalten ist.

Im folgenden werde ich zunächst den Umgang mit behinderten Frauen in den Frauenprojekten schildern, in denen die Befragten gearbeitet haben. Anschließend steht die persönliche Auseinandersetzung der Nichtbehinderten mit dem Thema Behinderung im Mittelpunkt.

Der Projektalltag

Die Aussagen über das Verhältnis der Frauenbewegung zu behinderten Frauen zeigen einen zentralen Widerspruch zwischen politischen Erkenntnissen und Ansprüchen einerseits und tatsächlich ausgrenzendem Verhalten andererseits.

Behinderte Frauen seien ein Tabuthema in der Frauenbewegung. Diese Feststellung wiederholt sich in den Interviews. Die befragten Frauen weisen auf den theoretischen Anspruch der Projekte hin, parteilich Arbeit für alle Frauen zu leiten und nicht nur bestimmte Interessengruppen innerhalb der Frauenbewegung zu vertreten. Kritisch wird gefordert, daß behinderte Frauen durch die Arbeitspraxis, die Stellenpolitik und die organisatorische Planung aus frauenpolitischen Zusammenhängen ausgegrenzt werden.

Behinderte Frauen als Kolleginnen

Behinderte Kolleginnen sind in den beschriebenen Frauenprojekten keine Selbstverständlichkeit. So tritt Alma zwar zunächst dafür ein, durch eine Quote für Frauen mit Beeinträchtigungen in Frauenprojekten, genau wie für schwarze Frauen, Gerechtigkeit zu schaffen. Kurz darauf schilderte sie jedoch im Zusammenhang mit der Einstellungspolitik des Projektes die ablehnende Reaktion der Projektfrauen gegenüber einer schwerbehinderten Frau. Die Tatsache, daß diese Frau schließlich nicht eingestellt wurde, begründet sie damit, daß diese Bewerberin versucht habe, ihren Benachteiligtenstatus zu mißbrauchen:

„...es ist eine absolute Empörung darüber da, daß die sich da im Prinzip über den Benachteiligtenstatus versucht, die Stelle zu schaffen.“

Im konkreten Einzelfall wandelt sich als das Recht auf bevorzugte Einstellung vom gerechten Nachteilsausgleich zu einem unbegründeten Vorteil, einem Sonderstatus, der von der behinderten Frau angeblich vorsätzlich ausgenutzt wird.

Wie gezielt die Ausgrenzung aus Frauenprojekten geschieht, beschreibt ebenfalls Dora:

„Das Thema – also die Einstellung einer behinderten Frau – tauchte nur einmal auf im Zusammenhang mit Geld, weil es ja diese Behindertenabgabe gibt, wenn keine Behinderten eingestellt sind. War aber ganz schnell weg vom Tisch, weil gleich klar war, daß wir keine Behinderte einstellen würden. Da wurde auch nicht groß drüber diskutiert.“

Da das Projekt durch Gelder des Berliner Senats finanziert wurde, standen die Frauen in dem Projekt vor dem Problem, daß die Behindertenabgabe auf keiner offiziellen Abrechnung erscheinen durfte:

„Also ganz kompliziert, ob du das dann aus eigener Tasche bezahlst oder wo du das Geld herholst. Das war dann schon ein Problem. Und wie das in Projekten eben gelöst wird, indem du irgendwo was ummodelst, daß das nicht weiter auffällt. Das war soweit das einzige Mal, daß über Behinderte gesprochen wurde.“

Dieses Beispiel ist ungeheuerlich, weil hier offengelegt wird, daß die nichtbehinderten Mitarbeiterinnen in dem betreffenden Projekt behinderte Frauen nicht aus Unachtsamkeit, quasi „aus Versehen“ ausgrenzen. Es wird deutlich, welcher organisatorische Aufwand nötig ist, um behinderte Frauen fernzuhalten und welcher Unwille bei nichtbehinderten Frauen herrschen kann, auf Privilegien und den eigenen Dominanzanspruch zu verzichten.

Berta gibt als einzige ein Beispiel dafür, wie in Ansätzen eine Zusammenarbeit aussehen könnte, bei der mit Unterschieden konstruktiv umgegangen wird. Sie schildert die gut funktionierende Zusammenarbeit in einem Frauenprojekt, die vor allem darauf basierte, daß die nichtbehinderten Mitarbeiterinnen bereit zu sein schienen, das zeitweise andere Verhalten und die individuellen Bedürfnisse von zwei behinderten Kolleginnen zu akzeptieren und ihren nichtbehinderten Arbeitsalltag dementsprechend anzupassen. Berta selbst jedoch scheint Probleme mit dieser Arbeitsweise zu haben, als sie in dem Projekt ein Praktikum absolviert.

„Und dann machte sich das auch noch so bemerkbar, daß ich eben dachte, na ja, entweder sie ist krank, oder sie ist eben nicht krank. Entweder sie kann richtig arbeiten oder eben nicht mehr. Aber dieses halbe Ding, na ja, sie ist eigentlich unentbehrlich, aber sie kann eben nicht so wir alle anderen Gesunden, sag ich jetzt mal. Damit konnte ich nicht gut umgehen.“

Auch Berta scheint zu erwarten, daß sich Frauen mit Beeinträchtigungen in den Projekten auf eine Weise anpassen, die ihre Behinderung unsichtbar werden läßt. Die alltägliche Ausgrenzung behinderter Menschen scheint für sie so sehr zur selbstverständlichen Normalität geworden zu sein, daß ihr der Gedanke, nichtbehinderte Frauen könnten die Arbeitsbedingungen den Bedürfnissen von Frauen mit Beeinträchtigungen entsprechend verändern, Probleme bereitet.

Behinderte Frauen als Klientinnen

Behinderte Klientinnen sind in keinem der beschriebenen Projekte Teil des Arbeitsalltags. Für die Ausgrenzung werden verschiedene, teilweise sehr widersprüchliche Gründe genannt.

Die Abwertung von behinderten Frauen und die Macht von nichtbehinderten Feministinnen werden deutlich, wenn Alma, Carla und Dora betonen, es gäbe stets so viele andere wichtige Themen, und Berta und Dora davor sprechen, daß behinderte Frauen in der Planung vergessen werden.

Dora erzählt von einer Informationsveranstaltung, die in einem Raum unter dem Dach stattfand, zu dem nur eine Wendeltreppe führte. Eine Rollstuhlfahrerin wollte diese Veranstaltung besuchen und mußte auf dem Hosenboden die Treppe wieder herunterrutschen:

„Und das war so grauenhaft, und da hat auch niemand mit gerechnet. Da war dann so 'ne Betroffenheit, also so: ‚Ach Gott, da haben wir ja gar nicht dran gedacht.‘ Da war ja unten noch ein Raum.“

Häufig wäre es ohne zusätzlichen Aufwand möglich, den Projektalltag für behinderte Frauen zu öffnen, wenn die Nichtbehinderten sie nicht so gänzlich aus ihrem Denken ausschließen würden.

Die Schlußfolgerung in den Interviews, daß behinderte Frauen an den feministischen Projekten offensichtlich kein Interesse hätten, da sie nicht von selbst kämen, mutet sehr zynisch an, da alle Frauen vorher geschildert hatten, daß keines der Projekte behindertengerecht erreichbar und eingerichtet sei. Hier wird offensichtlich die Verantwortung für den Kontakt an behinderte Frauen delegiert. Noch gesteigert wird der Zynismus durch das Argument, ein behindertengerechter Ausbau sei nicht notwendig, weil keine behinderten Frauen in das Projekt kämen.

Die meisten Frauenprojekte kämpfen mit chronischen Finanzierungsproblemen. Deshalb ist der Einwand verständlich, daß ein nachträglicher behindertengerechter Umbau des Projektes (zum Beispiel Einbau einer behindertengerechten Toilette, Informationen in Brailleschrift, Einsatz einer Gebärdendolmetscherin) wegen des Kostenaufwandes nicht zu realisieren sei. (Obwohl der Kosteneinwand an das von feministischer Seite heftig kritisiert Argument erinnert, Frauen könnten wegen der fehlenden sanitären Anlagen bestimmte „Männerberufe“ nicht erlernen und ausüben.)

Gemeinsam ist den Aussagen ein zentraler Widerspruch: Obwohl den interviewten Frauen sowohl der theoretische feministische Anspruch, alle Frauen zu vertreten, als auch die „behindernde“ ausgrenzende Realität in den Frauenprojekten bewußt ist, hat diese Erkenntnis keine praktische Konsequenzen.

Es wird einfach hingenommen, dass Integrationsbemühungen an baulichen und örtlichen Barrieren scheitern. Nichtbehinderte Frauen scheinen entschuldigt, von jeder Verantwortung für fehlenden Kontakt befreit. Keine der Befragten erwähnt die Notwendigkeit, die Forderungen von behinderten Frauen in die Projektpolitik aufzunehmen.

Eine weitere Erklärung, behinderte Frauen nicht in besonderer Weise beachten zu müssen, ist der Hinweis, sie „normal“ und gleichberechtigt behandelt zu wollen, also nicht anders als nichtbehinderte Frauen.

„Sie bekommt von mir auch nicht weniger Parteilichkeit als du zum Beispiel oder eine andere nichtbehinderte Frau.“ (Alma)

Dies führt dazu, daß die tatsächliche gesellschaftliche Benachteiligung behinderter Frauen sowie bestehende Unterschiede verleugnet werden. Voreilige Solidarität mit der Begründung, letztendlich gäbe es keinen Unterschied zwischen „krank“ und „gesund“, muß als gefährliche Gleichmacherei kritisiert werden, die als Mittel dienen kann, eigene Macht zu sichern. Eine Auseinandersetzung mit den Standpunkten behinderter Frauen wird durch diese Haltung vermieden.

Gründe für die Ausgrenzung und feministisches Selbstverständnis

Alle Frauen beklagen die Zersplitterung der Frauenbewegung in verschiedene Gruppen, die daraus resultierende Orientierungslosigkeit und das Fehlen verbindender Elemente und gemeinsamer Ansprüche. Folgerichtig ist das Fehlen einer feministischen Standortbestimmung, bei der auch die eigene Haltung zu Behindertenfeindlichkeit thematisiert werden müßte.

In den Interviews wird deutlich, wir eng die Ausgrenzung Behinderter mit politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen zusammenhängt. Die befragten Frauen blenden die Vielfalt von Abhängigkeiten und Hierarchien, in denen sie sich befinden, aus; also die Tatsache, daß es verschiedene Ebenen gibt, auf denen ein Mensch sowohl Unterwerfung als auch Dominanz leben kann. Auch wenn Frauen sich in ihrem Verhältnis zu Männern unterdrückt fühlen, können sie in anderen Rollen, die ihren Lebenszusammenhang ausmachen, dominant sein; als christliche Frauen gegenüber Lesben und als nichtbehinderte gegenüber behinderten Frauen.

Allen Befragten war die Teilnahme von Frauen an gesellschaftlicher Macht bewußt. So wird beispielsweise die Macht nichtbehinderter Frauen genannt, zu bestimmen, ob die Lebenssituation von behinderten Frauen zum Thema wird, oder die Macht, eigen Arbeitsplätze zu verteidigen. Alle Gesprächspartnerinnen erkennen rational, daß Frauen nicht nur Opfer von Unterdrückung, sondern auch Täterinnen mit einem eigenen Interesse an Machterhaltung sein können.

„Jeder, der in diese ‚normale‘ Gesellschaft so reinpaßt, hat natürlich Macht über andere, die nicht so reinpassen. Auch jede Frau, die möglichst nahe an der gesellschaftlichen Norm dran ist, hat ein Stückchen mehr Macht.“ (Berta)

Den Frauen ist auch bewußt, wie schwer der Abschied vom offenbar verlockenden Opferdasein fällt.

„Es ist halt viel einfacher als Opfer, dann muß ich nichts verändern. Manchmal denke ich auch, wie schön es wäre, nur noch Opfer zu sein. Da denke ich, da sind wir zu spät, in unserem Alter, mit all dem Wissen, kann man nicht mehr nur Opfer sein. Wir sind halt jetzt eher die Täterinnen.“ (Alma)

Tatsächlich scheint es jedoch für die befragten Frauen schwierig, diesen Unterschied auch in das eigene Selbstverständnis zu integrieren. Keine der Nichtbehinderten erkennt sich in einer konkreten Situation gegenüber einer behinderten Frau als aktiv diskriminierende Täterin; alle sehen sich als Opfer patriarchaler beziehungsweise gesellschaftlicher Verhältnisse und definieren sich selbst aus der Täterschaft und Verantwortung von Behindertendiskriminierung heraus.

„Wir sind alle auch infiltriert und leben das auch ein Stück weit aus. (...) Ich glaube, da sind Frauen nicht anders als Männer. Die übernehmen das einfach von denen.“ (Berta)

Indem sie sich als Nichtbeteiligte sehen, vermeiden sie die Auseinandersetzung mit der Existenz von Behindertenfeindlichkeit und eigener Verantwortung. Feministische Ansprüche müssen nicht als unehrlich entlarvt werden, die eigenen Privilegien bleiben gesichert, gesellschaftliche Machtverhältnisse werden gefestigt.

Frauen mögen in der Gesellschaft insgesamt weniger Macht und Entscheidungsbefugnisse haben. Innerhalb ihres Handlungsrahmens tragen sie jedoch genauso Verantwortung für gesellschaftliche Unterdrückungsformen.

Das Vergessen, Ignorieren und Ausgrenzen von behinderten Frauen in den ersten Phasen der „neuen“ Frauenbewegung ist, angesichts der Konzentration auf das Geschlechterverhältnis, vielleicht erklärbar. Als völlig unverständlich erschient jedoch, daß – auch nachdem das Thema „Unterschiede zwischen Frauen“ seit über zehn Jahren in der feministischen Debatte von Bedeutung ist – behinderte Frauen immer noch kein selbstverständlicher Teil der Frauenbewegung sind und weiterhin massiv ausgegrenzt werden. Die Auseinandersetzung biete viele Möglichkeiten für nichtbehinderte Frauen, sich mit ihrem Verhältnis zu Frauen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen. Auffällig ist jedoch, daß es bei Diskussionen um die Theorie und Praxis der Ungleichheit unter Frauen um Lesben, schwarzen Frauen, Migrantinnen oder Jüdinnen geht, aber nie um das Verhältnis zu behinderten Frauen. Das ist den Interviewpartnerinnen auch durchweg bewußt.

„Die Bewegung, die von WIR FRAUEN spricht, geht von nichtbehinderten Frauen aus. Da sind, glaube ich, die Behinderten ganz schön draußen.“ (Berta)

Eine Erklärung für die mangelnde Auseinandersetzung wäre, daß das Thema Behinderung sicherlich angstbesetzter ist als das der Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Die Nichtbehinderte kann jederzeit zu einer behinderten Frau werden, aber nicht zu einer Schwarzen.

Besonders in dem Interview mit Alma wird deutlich, wie Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden:

„Und ich merke, daß ich dann da meinen Feminismus nicht so sehr auslebe, und eine behinderte Frau bekommt von mir nicht diese Überlorbeeren wie eine Migrantin. Da bin ich sehr viel mehr rassistisch... Das ist für mich nicht gleich schwarz.“

Das Wissen über die Unterdrückung von Frauen auf einer Ebene wird nicht auf das eigene Verhalten in anderen Lebensbereichen übertragen. Seit den vermehrten Diskussionen um Rassismus würden Migrantinnen in der Frauenbewegung bevorzugt behandelt.

„Migrantinnen haben einen Extrabonus. Auf die wird besonders geachtet, sich mehr drum gesorgt. Dieses typische Weiße-Frauen-Helfersyndrom kommt da raus.“ (Alma)

Auf die Frage, warum mehr auf schwarze Frauen als auf Behinderte geachtet würde, antwortet Alma, daß Rassismus momentan ein Modethema sei, das aus den USA übernommen wurde und das „jetzt auf der Hitliste ganz oben steht“.

Die Grenzziehung wird auch deutlich, wenn Berta und Dora sich mit dem Gedanken an die „Sonderwelt“ beruhigen. „Denen bleiben eben ihre Behindertengruppen.“ (Berta)

Wieder wird deutlich, wie behinderte Frauen bereits im Denken ausgesondert werden. Indem ihnen eigene Orte in der Gesellschaft zugewiesen werden, versuchen nichtbehinderte Frauen, die Distanz zu Frauen mit Beeinträchtigungen zu vergrößern und sie aus der Frauenbewegung herauszudefinieren.

Die Ergebnisse der Befragung lassen daran zweifeln, ob die Rassismusdebatte in der Frauenbewegung Veränderungen im Umgang mit Minderheiten bewirkt hat, ob die Erkenntnis von der Dominanz weißer, christlicher, mittelschichtsorientierter, „nichtbehinderter“ Frauen nicht nur diskutiert, sondern auch umgesetzt wird.

Die Aussagen in den Interviews stützen die These, daß es im Verlauf der Etablierung der Frauenprojekte-Kultur zu einer Annäherung und teilweise auch zu einer Übernahme eines früher als männlich kritisierten Politik- und Werteverständnisses und zu einer Verschiebung feministischer Werte in Richtung von Leistung und Erfolg, verbunden mit der zunehmenden Orientierung an Geld, Macht und Status, gekommen ist.

Dora, die in ihrem Projekt für Neueinstellungen zuständig war, erklärt bewußt, keine behinderten Frauen in den Stellenausschreibungen angesprochen zu haben.

„Da kamen dann auch nur die Top-Bewerbungen von den superemanzipierten Frauen, die schon sonst was gemacht haben.“

Behinderte Frauen erscheinen nicht als emanzipiert, weil auch dazu inzwischen Leistungsfähigkeit, Unabhängigkeit, qualifizierte Ausbildung und beruflicher Erfolg gehören sollen. Genau diese Eigenschaften und Fähigkeiten werden behinderten Frauen in der Darstellung von Dora abgesprochen. Besonders deutlich wird dies noch einmal, wenn die gleiche Frau daran zweifelt, ob es für ein Frauenprojekt mit ihren Arbeitsinhalten überhaupt qualifizierte behinderte Frauen gäbe.

„Das sind ja alles wissenschaftliche Stellen, also, du mußt einen Studienabschluß haben. Ja, da gibt’s auch nicht so war wie Pförtner oder so was, daß da nur einfach jemand ist, der da sitzt und muß nicht groß was machen.“

Die Projektbewegung macht feministische Politik zunehmend zu einer Geldbeschaffungspolitik. Die Frauen sind an bestimmten Mittelschichts- beziehungsweise Arbeitsplatzinteressen orientiert.

Unter was für einem enormen Druck, nicht zu versagen, Angehörige der dominanten Mehrheit der Gesellschaft stehen können, wird besonders in der Beschreibung der Überforderung durch die Arbeitsweise in den Projekten deutlich.

„Also, dieser unglaublich Arbeitsdruck, der da war in der Realität oder den du dir selbst noch gemacht hast, daß du meintest, du mußt immer noch mehr und schneller arbeiten.“ (Dora)

Politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zwischen den Normen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft und der Ausgrenzung von Menschen, die nicht den dort geltenden Normen entsprechen, werden nicht mehr wahrgenommen.

Keine der Frauen stellte in der Befragung Arbeitsmethoden und Ziele der Projekte in Frage. Alle verteidigen die Normen der Leistungs- und Funktionsfähigkeit.

„Nicht, daß dermaßen hektisch gearbeitet wurde, daß es unvorstellbar war, mit jemanden zusammenzuarbeiten, der langsamer ist.“ (Dora)

Es bleibt offen, wie Dora Behindertenfeindlichkeit definieren würde. Jedenfalls scheinen ihrer Auffassung nach Frauen daran keinen Anteil zu haben.

Es läßt sich vermuten, daß Frauen im anstrengenden Projektalltag eigene Bedürfnisse nach Langsamkeit, Sich-gehen-Lassen und Versorgtwerden verdrängen und diese deshalb auch keiner anderen Frau gestatten können. Sehen sie ihre Bedürfnisse in der Begegnung mit behinderten Frauen gespiegelt, werden sie auch mit der eigenen Härte gegen sich selbst konfrontiert und reagieren die Wut und Aggression an ihrem Gegenüber ab.

Die eigene subjektive Problembewältigung nimmt in der Frauenbewegung im Verhältnis zum politischen Engagement zunehmend großen Raum ein. Nicht mehr die Frage „Was ist zu tun?“, sondern, „Wer bin ich?“, also die Suche nach der Identität, steht oft im Mittelpunkt der heutigen westlichen Frauenbewegung. Auf diese Weise fällt es leicht, eine „Behinderung“ als individuelles Schicksal zu sehen, mit der am Arbeitsplatz keine Auseinandersetzung mehr stattfinden muß.

Statt politisch gegen die alltägliche Unterdrückung und Ausgrenzung von Frauen Widerstand zu leisten, wenden sich weiße, nichtbehinderte Feministinnen nach innen und beschäftigen sich mit ihrem eigenen Befinden.

„Ich hab schon das Gefühl, weg vom Politischen, vom Kämpferischen, doch eher hin zum ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘, ja, okay, was Schönes machen“,

beschreibt Carla die Ziele der heutigen Frauenbewegung.

Als sie sich vor wenigen Jahren in einer feministischen Ausbildungsgruppe bewarb – es handelte sich um eine Ausbildung zur feministischen Gestalttherapeutin –, hat Carla die Ablehnung einer Mitbewerberin aufgrund deren Behinderung erlebt:

„Da war das eine Annahme, daß, wenn eine Frau eine Krankheit oder Behinderung über einen längeren Zeitraum hat, sie nicht in der Lage ist, so eine Ausbildung durchzuhalten. Daß es irgendwelche unterdrückten, verdrängten Geschichten sind, die sich da somatisieren.“

Die betroffene Frau wird also ausgegrenzt, indem ihr die Schuld an der eigenen Beeinträchtigung zugewiesen wird. Das erinnert unter anderem an den christlichen Hintergrund von Behindertenfeindlichkeit, bei dem die Beeinträchtigung als Strafe Gottes für begangene Sünden und individuelles Fehlverhalten ausgelegt wird.

Der ursprüngliche Anspruch der Frauenbewegung, die Spaltung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre aufzuheben und das Wirksamwerden von politischen Normen im Privatleben sichtbar zu machen, ist in den Aussagen nicht mehr zu erkennen. Behinderung wird zum individuellen Schicksal, die betroffene Frau zum pathologischen Fall. Die gesellschaftliche Dimension von Behinderung wird ignoriert. Solidarität mit Forderungen behinderter Frauen wird weder gezeigt noch gefordert.

In dieses Bild fügt sich die Tatsache, daß in feministisch orientierten Bibliotheken der Suchbegriff „behinderte Frauen“ entweder überhaupt nicht oder wie im Zentralinstitut für Frauenforschung von Berlin als Unterpunkt zu dem Bereich „Probleme in der Sozialarbeit“ zu finden ist.

Persönliche Auseinandersetzung

Alle Frauen waren im Laufe ihres Lebens auch in irgendeiner Form persönlich oder im Familien- und Freundeskreis mit dem Thema Behinderung konfrontiert. Alma, Berta und Dora hatten – wie sich im Laufe der Interviews herausstellte – selbst schwere Unfälle mit vorübergehender, erheblicher körperlicher Beeinträchtigung.

„Da konnte ich die Hände nicht bewegen. Ich konnte mich nicht waschen, mußte immer jemand kommen lassen. ‚Kannste mich mal waschen, bitte, bitte‘, so ungefähr immer. Total abhängig. So mit duschen eben auch und allem. Immer fragen, fragen.“ (Berta)

Carla hat sich aufgrund eigener chronischer Gesundheitsprobleme intensiv mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt. Doras Tochter war zeitweise erblindet. Die Krankheit ihrer Tochter hatte große Veränderungen in ihrem Leben zur Folge. Auf der Straße fühlte sich Dora mit ihrer Tochter am Arm als Außenseiterin.

„Alle gucken, oder das Gefühl war jedenfalls da. Da ging es mir überhaupt nicht gut mit. Ich kam mir so komisch vor. Als gehörste nicht dazu, so ein übles Gefühl. Wir sind anders, werden beglotzt, so eigenartig.“

Alle Interviewpartnerinnen haben sich gedanklich intensiv mit der Möglichkeit einer eigenen Behinderung und ihren möglichen Auswirkungen auseinandergesetzt.

„Wenn ich, sagen wir mal, den linken Arm gelähmt hätte, das könnte ich so abtun, das wäre nicht so schlimm wie eine geistige. Also meinen Kopf will ich nicht missen.“ (Berta)

Erschiene es nicht naheliegend, sich aufgrund dieser Erfahrungen und der eigenen Betroffenheit für einen Umgang und gleichberechtigte Lebensbedingungen einzusetzen? Statt dessen führen die eigenen Erfahrungen bei Alma, Berta und Dora nicht zu verstärkter Auseinandersetzung, einem bewußteren Umgang und mehr Verständnis für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern zu Abwehr und Verdrängung.

Dora beschreibt die Erfahrungen mit ihrer eigenen „Behinderung auf Zeit“ sogar als positiv. Durch den unerwartet unterstützenden Umgang ihrer Mitmenschen fühlte sie sich integriert. Aber auch dieses Erlebnis war für sie offenbar kein Impuls, darüber nachzudenken, wie sie sich selbst weniger ausgrenzend verhalten könnte.

„Das ist keine Entschuldigung. Aber da machst du dir eben nicht noch Gedanken drüber, es sei denn, du bist da persönlich engagiert, kennst Behinderte, hast welche in der Familie, so daß du da ein anderes Augenmerk hast.“ (Dora)

Sie sei viel zu überlastet mit Arbeit, um sich über Minderheiten Gedanken zu machen. Dabei verdrängt sie völlig, daß sie selbst beziehungsweise ihre Familie einmal betroffen war.

Im Laufe der Interviews versuchen die meisten Frauen, sich in die Situation behinderter Menschen hineinzuversetzen. Sie bemühen sich, nachzufühlen, wie belastend und verletzend es sein muß, mit ständiger gesellschaftlicher Abwertung leben zu müssen.

„Ich kann es mir vorstellen, daß das sehr erniedrigend seinen muß.“ (Berta)

Auch, wie sie selber behinderte Frauen verurteilen, das in ihren Schönheitsvorstellungen entsprechen, bemerken die interviewten Frauen. Gerade diese Fähigkeit zur Empathie könnte dazu führen, eigenes ausgrenzendes Verhalten als solches zu erkennen, in Frage zu stellen und zu verändern. Die Schilderungen der Frauen jedoch hinterlassen den Eindruck, daß durch die Einfühlungsfähigkeit lediglich das schlechte Gewissen, die Hilflosigkeit und der Wunsch nach Distanz verstärkt wird.

Eine Ausnahme ist Carla, die sich auffällig intensiv mit dem Gedanken auseinandergesetzt hat, mit einer eigenen oder der Beeinträchtigung anderer zu leben. In ihren Aussagen wird auch im folgende immer wieder deutlich, wie sehr sie sich im Umgang mit dem Thema Behinderung von den anderen nichtbehinderten Frauen unterscheidet. Dabei zeigt sich, daß sie ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema nicht verdrängt, sondern sich damit auseinandersetzt und bemüht ist, mehr Wissen und Erfahrungen in diesem Lebensbereich zu erwerben. Sie schildert immer wieder ihr Interesse an dem Thema und läßt sich als einzige auf engen emotionalen Kontakt mit behinderten Menschen ein.

Im Rahmen einer früheren Tätigkeit war sie bei einer Schulung in einer Gruppe hörgeschädigter Jugendlicher.

„Also, das fand ich total spannend, und das es auch eine Behinderung, die mir sehr nahe ist. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.“

Carla vermittelte im Interview den Eindruck, behinderte Frauen selbst nicht auszugrenzen, und schien auch persönlich keine Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung zu haben.

„Ich habe enge Freunde und Freundinnen, wo wir auch viel über Krankheiten sprechen. Es ist einfach so, daß es da einen sehr engen Zusammenhalt gibt. Selbst wenn da was wäre mit Behinderung, das sind so enge Kontakte. Und es wird immer wieder thematisiert.“

Kontakte mit Behinderten

Soziale Distanz und große Unsicherheit von seiten der nichtbehinderten Frauen prägen ihre Begegnungen mit Behinderten. Die befragten Frauen zeigen in den Interviews deutlich, daß sie zum Teil sehr genaues Wissen über Mechanismen haben, mittels der behinderte Frauen ausgegrenzt werden. Diese werden kritisiert, und doch agieren die Interviewten im realen Kontakt genau diesen Mechanismen entsprechend.

Auffällig ist in den Schilderungen von Alma, Berta und Dora, daß sie die Bedingungen für eine Kontaktaufnahme so paradox gestalten, daß eine Begegnung verhindert wird beziehungsweise daß sie die Ansprüche an behinderte Frauen so widersprüchlich definieren, daß es diesen unmöglich wird, ihnen zu entsprechen.

So erklärt Berta die Tatsache, daß sie keinen Kontakt zu Behinderten Kommilitoninnen hat, indem sie gerade die Kommunikationsebene als für den Kontakt entscheidend definiert. Einmal bezeichnet sie Augenkontakt als die wichtigste Voraussetzung, um Kontakt zu Menschen aufzunehmen, und begründet so, warum sie nichts mit einer blinden Kommilitonin zu tun hat. Später in der Befragung beschreibt sie Sprache als das entscheidende Kontaktmittel und erklärt damit, warum sie keinen Kontakt zu einer Frau aufnimmt, die sich nicht gut artikulieren kann.

Sind behinderte Frauen, denen die Nichtbehinderten begegnen, zurückhaltend, heißt es, sie würden sich selber ausgrenzen.

„Und dann ist es schwierig, gemocht zu werden, positiv mit anderen umzugehen, sich nicht in die Ecke zu stellen und zu sagen: Ich bin ja nicht wie ihr.“ (Berta)

Es liege schließlich an ihnen, die Stigmatisierung durch Persönlichkeit zu überwinden.

„Es kommt auf das Selbstbewußtsein der Leute an. Ich kenn diese sehr selbstbewußte Frau, die steht sehr viel im Mittelpunkt, von ihrer Persönlichkeit her. Die ist nicht still und schweigsam und sitzt in der Ecke. Die ist einfach wer. Von daher ist es eigentlich egal, ob sie diese Behinderung hat. Sie ist einfach eine Persönlichkeit.“ (Berta)

Tritt eine behinderte Frau aber wirklich selbstbewußt auf, wird ihr vorgeworfen, sie würde ihren Sonderstatus, der plötzlich zu etwas Positivem zu werden scheint, auf Kosten der nichtbehinderten Frau mißbrauchen.

„Mein Kontakt zu der ist etwas angespannt. Ich habe schon das Gefühl bei ihr, daß ihr das Behindertsein einen Sonderstatus einräumt und sie den auch ausnutzt. Da habe ich arge Probleme mit, weil ich steh nicht so drauf, wenn was benutzt wird.“ (Alma)

Die gesellschaftliche Machthierarchie, in der die Nichtbehinderten dominieren, wird umgekehrt, so daß plötzlich die Behinderten privilegiert scheinen.

Verhalten von behinderten Frauen, das nicht dem Klischee entspricht, wird von der Nichtbehinderten als Provokation erlebt. Alma schildert einen Vorfall auf der Straße, als sie „tierisch angemacht wurde“, weil sie einer behinderten Frau Hilfe angeboten hat:

„So dermaßen, daß ich so eins drüber gekriegt habe, daß da bei mir einfach auch ‘ne Angst ist. Ich habe keine Lust, mich anmachen zu lassen. Was ich anders gemeint hatte, kommt bei denen ganz anders an, nämlich, als stelle ich mich über sie.“

Sie fühlt sich angegriffen, abgelehnt und reagiert selbst aggressiv.

„Wo ich denke, ihr könnt mich alle mal.“

Sie wünscht sich, daß behinderte Frauen ihre Hilfsangebote entweder annehmen oder freundlich ablehnen, aber auf keinen fallen selbst einfordern.

„Das ist vielleicht auch, die soll Dankbarkeit zeigen, die steht ja unter mir, die soll demütiges Verhalten haben. Und wenn die auf einmal eins drübergibt, daß ich dann auch merke, jetzt geht der Kampf los.“

Als „normal“ erlebter Umgang mit behinderten Frauen scheint möglich, solange diese sich den nichtbehinderten Vorstellungen entsprechend verhalten. Benimmt sich eine behinderte Frau nicht dem Klischee der hilfsbedürftigen Behinderten entsprechend, reagiert Alma verstört und aggressiv. Abgrenzung und der Versuch, weitere Begegnungen zu vermeiden, sind die Folge.

„In dem Moment wo jemand sagt: ‚Ich bin aber doch behindert‘, ob verbal oder nonverbal, dann denke ich: ‚Nee, so nicht!‘“

Aggressive und destruktive Wünsche werden auf Behinderte projeziert. Ihnen wird unterstellt, daß sie unter der Behinderung leiden, bitter werden, wegen der Benachteiligung rachsüchtig und aggressiv sind und daher für die Nichtbehinderten gefährlich werden könnten.

„Ob da so ein innerer Zorn ist? Ich weiß es nicht.“ (Alma)

Dadurch, daß Nichtbehinderte sich unbewußt für die Diskriminierung von behinderten Frauen schuldig fühlen, diese Tatsache jedoch verdrängen, wird eine Grundlage für die Ablehnung Behinderter geschaffen.

In den Aussagen wird auch deutlich, wie ausgrenzend Hilfsbereitschaft sein kann und wie eng verbunden mit der Aufrechterhaltung bestehender Herrschaftsstrukturen, wenn die Helfende ihre Unterstützung an bestimmte von ihr definierte Bedingungen knüpft. Alma schildert, daß sie einer bestimmten behinderten Kommilitonin gerne hilft:

„Wenn ich die in der U-Bahn treffe, ist für mich völlig klar, daß ich hingehe, sie einhaken lasse und sie mitschleppe. Bei der Frau ist das für mich gar kein Problem, die ist behindert und trotzdem freundlich und nett.“

Je unauffälliger und „netter“, eben „normaler“, sich eine behinderte Frau verhält und aussieht, um so eher wird sie in der Gemeinschaft geduldet. Ein weiteres Rollenpostulat fordert, dankbar für die Zuwendung zu sein, die die Gesellschaft ihnen zukommen läßt, und sei es in Form der Aussonderung. Auf diese Weiße können Nichtbehinderte ihr schlechtes Gewissen beruhigen und ihre Unlustgefühle in der Begegnung mindern.

Berta erlebt sich selbst als Nichtbehinderte in einem Zwiespalt. Einerseits hat sie den Wunsch, Behinderten „normal“ begegnen zu können und selber aktiv Kontakt herzustellen, andererseits möchte sie die Frauen aber nicht auf ihre Hilfsbedürftigkeit und Behinderung reduzieren:

„Ich weiß einfach nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich kann doch nicht beim Einkaufen direkt auf jemand zugehen, den ich gar nicht kenne, und fragen, ob ich mal helfen soll. Helfen, helfen, helfen. So geht das doch nicht.“

Sich bemüht sich, ihren Umgang mit behinderten Frauen kritisch zu reflektieren; sie erkennt, daß sie selbst der Thematik ausweicht. Allerdings wird dies nicht als Chance genutzt, den Ursprung ihrer Gefühle zu ergründen, um produktiv mit ihnen umzugehen. Statt dessen reagiert Berta mit noch größerer Abwehr und ist bemüht, zukünftig Situationen zu vermeiden, in denen sie mit dem Thema und ihren eigenen Einstellungen konfrontiert werden könnte. Sie bedauert nachträglich an dem Interview teilgenommen zu haben.

„Wenn ich mir drei, vier Gedanken gemacht hätte, hätte ich gesagt, nee, mach ich nicht, ich kann dir nichts dazu sagen. Das wäre so die Konsequenz gewesen.“

Bilder von behinderten Frauen

Das Bild, das sich ein großer Teil der nichtbehinderten Gesellschaft von behinderten Menschen macht, ist durch die Zuschreibung eines abstoßenden Äußeren, eines unglücklichen Lebens voller Leid in gesellschaftlicher Isolation, existentieller Abhängigkeit von anderen Menschen und negativer charakterlicher Veränderung gekennzeichnet. Auch das Bild der interviewten Frauen scheint undifferenziert, von Abwehr und Abwertung geprägt. Sie bringen behinderte Frauen immer wieder mit Langsamkeit, Unlebendigkeit und Nicht-Funktionieren in Verbindung. Behinderte Frauen werden zu Klischeemenschen, die zu Passivität und Einsamkeit verurteilt ihr Leben erleiden.

„Statt tanzen zu gehen und hundert zu werden“, meint Alma, müßten behinderte Frauen „zu Hause sitzen, Fernsehen gucken und einsam sein“, und fügt hinzu, und alle würden „meinen Körper auf einmal ekelhaft finden.“

Behinderte werden auf ihre angebliche Hilfsbedürftigkeit reduziert und in eine „Sonderwelt“ versetzt, mit der Nichtbehinderte nichts zu tun zu haben scheinen.

„Nee, ich seh ja auch nie welche, muß ich dir ehrlich sagen. Und wenn, dann haben die ja irgendwelche Betreuungsleute dabei. Also, die sind ja unter sich und brauchen keine Hilfe.“ (Berta)

Behindertenfeindlichkeit wird nicht offen gezeigt, manifestiert sich jedoch im Ausschluß aus dem Denken und Fühlen.

Auffällig ist, daß Behinderung oft mit „Krankheit“, gleichgesetzt beziehungsweise gegen die Begriffe „Gesundheit“ und „Normalität“ abgegrenzt wird.

„Der Unterschied ist generell bei Behinderungen, da geht’s ja immer in Richtung Krankheit rein. Irgendwas nicht Normales. Auch bei feministischen Frauen, sag ich jetzt mal so pauschal.“ (Berta)

Während es für nichtbehinderte Frauen immer noch gesellschaftliche Pflicht scheint, Mutter zu werden, gilt für behinderte Frauen das Gegenteil. Behinderte Frauen, die sich mit ihrem Kinderwunsch gegen den gesellschaftlichen Druck behauptet haben, erfahren Abwertung. Ihnen wird unterstellt, sie seien nicht in der Lage, Kinder eigenständig zu erziehen und versorgen.

„Da würde ich dann denken, daß die Kinder bestimmt die Mutterfunktion mit übernehmen müssen und eher auf die aufpassen als umgekehrt.“ (Berta)

Die behinderte Frau wird zum hilflosen Kind, das bemuttert werden muß.

Die Stigmatisierung zeigt sich auch in der Sprache. Alma vermutet, daß es für Frauen mit Behinderung schwer sein muß, einen Partner zu finden:

„Was ist dann mit dem Partner? Können die dann auch wirklich jemanden finden, der auf der Sonnenseite des Lebens steht? Und werden deren Kinder auch behindert sein?“

Behinderte Frauen werden also zu geschlechtslosen Neutren degradiert; ihnen wird vermittelt, daß sie einen geringen Marktwert haben.

Carla ist die einzige Interviewpartnerin, die ein positiv differenziertes Bild von behinderten Menschen zu haben scheint.

„Mir fällt zum Beispiel ein, daß ich als Jugendliche in Jugendzentrum einen Mann und eine Frau gesehen habe, die kamen im Rollstuhl dahin und haben ganz toll getanzt. Das war irre. So was fällt mir ein. Oder eine Frau, die hat ein amputiertes Bein, so auf Krücken, die hab ich viel in der Frauenszene gesehen. Die mir auffiel, weil sie so ein auffälliges Outfit hatte, so eine Punkerin.“

Sie sieht und behandelt Frauen mit Behinderungen als Menschen, die unter anderem unterschiedliche physische Voraussetzungen haben und deswegen unter Umständen Dinge anders machen. Das Wort „Hilfe“ fällt kein einziges Mal in dem Interview mit Carla; die Gleichsetzung von Behinderung und Hilfebedürftigkeit hat sie offensichtlich nicht verinnerlicht.

Genauso auffällig wie die fehlende Stigmatisierung sind die positiven Gefühle, die Carla gegenüber behinderten Frauen zum Ausdruck bringt. Ihr Kontakt zu behinderten Frauen ist von Neugier, Interesse, Spaß, manchmal auch Irritation geprägt. Doch auch wenn eine Begegnung in ihr ambivalente Gefühle auslöst, hält sie diese Spannung aus und setzt sich mit ihr auseinander.

„Am Anfang war das ein bißchen schwierig, aber dann war es ganz leicht (...), und es gab auch sehr emotionsgeladene Diskussionen und Austausch. Das war sehr spannend. Das hat unheimlich Spaß gemacht.“

Carla vermittelt den Eindruck, daß sie sich im Kontakt mit behinderten Frauen sehr sicher fühlt. Sie verhält sich, als hätte sie keine Berührungsängste und hielte die Erfahrungen der anderen für genauso interessant wie ihre eigenen. Damit unterscheidet sie sich grundlegend von den anderen interviewten Frauen.

Die Gefühle von Alma, Berta und Dora gegenüber behinderten Frauen sind vorwiegend negativ und reichen von Verunsicherung und Abneigung bis zu Aggression und sogar Ekelgefühlen. Dies wird vor allem in den Schilderungen Almas deutlich, die sich sehr offen zu negativen, gesellschaftlich tabuisierten Gefühlen gegenüber behinderten Menschen bekennt. Sie beschreibt sogar tatsächliche körperliche Symptome wie Übelkeitsgefühle als Reaktion:

„Ich merke, ich finde es eklig. Wenn ich so was sehe, danke ich nur: ‚Ääh, ich will das nicht angucken!‘ Und ich merke, ich könnte von null auf hundert auf Toilette rennen und mich übergeben.“

Die befragten Frauen zeigen aber auch Neugier und Interesse bei der Begegnung mit behinderten Frauen.

„Wenn ... oh, wie soll ich das jetzt sagen, oh, diese Sprache ... wenn es jetzt zu weit abseits vom Normalen ist, wenn das einfach in meinen Augen komisch aussieht, dann würde ich, glaube ich, schon mal genauer hingucken wollen.“ (Berta)

Verbunden mit dem Gefühl, sich „richtig“ und „normal“ verhalten zu müssen, wird der Kontakt von der nichtbehinderten Frau oft als peinlich und verklemmt empfunden.

„Meistens gucke ich nicht hin, weil es mir total peinlich ist. Sie fühlt sich jetzt angeguckt, bloß weil sie anders aussieht. Das möchte ich vermeiden. Obwohl es mich schon interessiert. Also eigentlich würde ich schon ganz gerne. Immer so versteckt, und das ist wahrscheinlich dann noch schlimmer. Weil, das wird sie ja auch merken.“ (Berta)

Immer wieder wird in den Interviews der Wunsch nach einer „Gebrauchsanweisung“ für den Umgang mit Behinderten deutlich.

Die jahrhundertelange ideengeschichtliche Tradition der Ausgrenzung behinderter Menschen ist den interviewten Frauen bewußt. Sie kennen auch die behindertenpolitischen Forderungen, Behinderung als gleichwertige Lebensform anzuerkennen, das Sonderwesen abzuschaffen und eine Normalisierung des Umgangs durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, nicht der Behinderten anzustreben. Dieses theoretische Wissen scheint jedoch, abgesehen davon, daß es ihr schlechtes Gewissen und damit die Tabuisierung des Themas verstärkt, kaum Auswirkungen auf das Verhalten der nichtbehinderten Frauen zu haben.

Angst vor dem Verlust weiblicher Attraktivität

In einer Gesellschaft, in der der soziale Statuts in hohem Maße von der individuelle Leistungsfähigkeit abhängt, treffen Nichtbehinderte in der Begegnung mit Körperbehinderten immer wieder auf ihre eigene Ängste im Zusammenhang mit gesellschaftlich tabuisierten Themen wie Krankheit, Alter, Schmerz und Tod. Entscheidend ist auch die Angst vor den ablehnenden Reaktionen der Umwelt, vor Stigmatisierung und sozialer Isolation. Nichtbehinderte haben Angst, selbst zu Außenseitern zu werden, wenn sie sich mit Behinderten, die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, solidarisieren. Sie selbst können scheinbar ihr Überleben durch Selbständigkeit und Effektivität sichern; Behinderte dagegen erscheinen abhängig, unselbständig und nur aus Mitleid geduldet.

Am Beispiel des Schönheits- und Weiblichkeitsideals wird besonders anschaulich, wie nichtbehinderte Frauen zu Täterinnen bei der Unterdrückung von behinderten Frauen werden können, indem sie Normen aufstellen, denen diese nicht entsprechen können, und indem sie auf Abweichungen in besonderer Weise mit Befangenheit, Mitleid oder Ekel reagieren.

„Die können sich noch so sehr abhungern oder schminken oder eine Dauerwelle machen, sie fallen raus.“ (Alma)

Auf einer theoretischen Ebene kritisieren die befragten Frauen sehr deutlich gesellschaftliche Normen von Schönheit und Weiblichkeit. Sie kennen die feministische Kritik, daß Vorstellungen von Schönheit systemabhängig und geprägt von kulturellen und gesellschaftlichen Umständen sind. Sie wissen, daß das westliche Schönheitsideal von christlichen Traditionen beeinflußt ist und auch die Zeit des Nationalsozialismus das Bild von Schönheit in Deutschland rassistisch geprägt hat. Der damaligen Ideologie entsprechend, wird „schön“ auch heute noch oft mit gesund, durchsetzungsfähig und „lebenswert“ assoziiert.

Den Befragten ist bewußt, daß auch Frauen diese herrschenden Ideale internalisiert haben und das Bild der „perfekten“ Frau anzustreben versuchen, dem behinderte Frauen nicht entsprechen:

„Perfekt ist eine Frau, wenn sie toll aussieht, beruflichen Erfolg hat, einen tollen Mann hat, eine tolle Wohnung, zweimal im Jahr in Urlaub fährt. Und auf einmal sieht sie dann so eine Frau im Rollstuhl, die kommen in der ‚Brigitte‘ nicht vor. Und deren Leben kommt da auch nicht vor, und wenn, unter einem Problemaspekt. Ich will perfekt sein, und eine Frau sitzt mir gegenüber, die zumindest auf einem Gebiet nicht perfekt ist, weil ihr Körper einfach nicht so gut funktioniert wie meiner.“ (Alma)

Dennoch hinterfragen sie nicht, inwiefern sie selbst sich diesem Perfektionszwang unterwerfen, mit ihren persönlichen Vorstellungen, wie eine „richtige“ Frau zu sein und auszusehen hat, zur eignen Aufwertung und damit gleichzeitig zur Diskriminierung behinderter Frauen.

Deutlich wird in den Interviews, daß die Frauen mit ihren Ängsten dem gesellschaftlichen Schönheitsideal nicht zu entsprechen oder nicht funktionsfähig zu seinen, keinen Rückhalt und keine Unterstützung in der Frauenbewegung finden.

Sicher werden Menschen zunächst auch beurteilt, indem ihr Äußeres verglichen wird mit im Laufe des Lebens erworbenen Maßstäben dafür, welches Aussehen als „schön“ empfunden wird.

„Darüber mehr zu wissen, hat meine Wahrnehmung verändert. Das ist ein Teil von ihr. Am Anfang kannte ich sie ja nicht, und da ist das bei mir immer so, daß ich erst auf das Äußere achte und auch viel versuche, am Körper abzulesen. Und dadurch, daß ich eine Person kennenlerne, wird das ein Gesamtbild, das ist ein Teil; während das am Anfang im Vordergrund steht, das Äußere.“ (Carla)

Die Tatsache, daß die Schönheitsvorstellungen angeeignet sind, bedeutet also auch gleichzeitig die Möglichkeit, durch Auseinandersetzung (die frau allerdings auch aushalten muß) eigene Ausgrenzungsstrukturen zu durchbrechen.

Legitimationsmuster

Wie erklären sich nichtbehinderte Frauen selbst, aus welchen Gründen sie behinderte Frauen sowohl im Arbeitsbereich als auch im Privatleben ausgrenzen? In den Schilderungen vom beruflichen Alltag stehen vor allem zwei Legitimationsmuster im Vordergrund: zum einen die Begründung, keine behinderten Frauen zu kennen oder sie zu vergessen; zum anderen der Anspruch, behinderte Frauen nicht anders zu behandeln als nichtbehinderte. In der persönlichen Beziehung gelten ähnliche Erklärungsmuster, wobei hier zudem Gefühlsreaktionen im Vordergrund stehen.

Alma, Berta und Dora führen an, daß sie die Kontaktaufnahme zu einer behinderten Frau von der Sympathie für die Betreffenden abhängig machen. Für sie bedeutet das, behinderte Frauen, die sie kennen, nicht ausgrenzen zu wollen, sondern sie zufällig nicht leiden zu können. Das klingt zunächst sehr einleuchtend; wir umgeben uns alle gern mit Menschen, die wir mögen. Diese Argumentation läßt jedoch außer acht, daß es kein Zufall ist, wenn bestimmten Menschen mehr Zuneigung entgegengebracht wird als anderen. Natürlich ist es möglich, auch eine behinderte Frau nicht zu mögen. Den befragten Frauen ist aber gemeinsam, daß sie ihre Gefühle als „natürlich“ empfinden und den Einfluß historischer Traditionen, kultureller Rahmenbedingungen und Normen der sozialen Hierarchien nicht reflektieren. Eigenes ausgrenzendes Verhalten scheint dann keine Behindertenfeindlichkeit mehr zu sein, sondern wird durch „natürliche“ Antipathie legitimiert.

Dieses Verhalten fand ich gerade bei feministisch engagierten Frauen, die sich intensiv mit dem Einfluß äußerer Bedingungen auf den privaten Bereich auseinandergesetzt haben, bemerkenswert. Es ist sicher keine Voraussetzung, alle Angehörigen einer diskriminierten Gruppe persönlich zu mögen, um sich für ihre politische, gesellschaftliche und individuelle Gleichheit einzusetzen.

Mangelnde Hinwendung kann auch ein Abwehrmechanismus seinen, um Lebenserfahrungen und -bedingungen anderer Menschen zu vermeiden und eigenem Unbehagen in der Begegnung zu entgehen.

Macht sei ein schwieriges Thema für Frauen, betont eine Nichtbehinderte. Sie würden dazu neigen, eigene Macht zu verleugnen. Sich selbst erlebt diese Frau interessanterweise gegenüber Behinderten aber auch nicht als machtvoll.

„Ich habe noch nie einer behinderten Frau gegenüber Macht gehabt, kann mir das auch nicht vorstellen. Andersrum aber auch nicht.“ (Carla)

Macht ist offensichtlich auch für sie selbst ein schwieriges Thema. Weil sie sich selbst nicht als machtvoll erlebt, übersieht sie, daß aufgrund der strukturellen Gesellschaftshierarchie alle nichtbehinderten Frauen über Privilegien und Macht gegenüber Menschen verfügen, die aus dem anerkannten Normalitätsschema herausfallen.

Den anderen befragten Frauen war bewußt, daß Nichtbehinderte Macht über Menschen mit Beeinträchtigungen haben und sie durch die Aufstellung bestimmter Normen ausgrenzen. Auch worin diese Macht bestehen kann, wurde deutlich erkannt.

„Schon allein, weil die anderen nicht Thema sind oder daß die einen Arbeit haben und sich keine Gedanken machen, was mit den anderen ist. Daß es da spezielle Einrichtungen für geben muß. Daß es nicht selbstverständlich ist, daß die mit integriert sind, hat was mit Macht zu tun. Auch wo man nicht bereit ist, was abzugeben, mit ihnen zu teilen.“ (Dora)

Frauen haben eigene Wünsche nach Macht und profitieren ökonomisch, sozial und psychisch gegenüber von Herrschaftsstrukturen. Die Macht nichtbehinderter Frauen gegenüber Frauen mit Beeinträchtigungen liegt auf verschiedenen Ebenen. So stabilisieren sie eventuell ihr Selbst über die Abwehr der behinderten Frau als nicht vollwertig und geschlechtsneutral. Und sie leben Dominanzwünsche aus, indem sie sich im Zusammenhang mit der eugenischen Indikation zur Richterin über die Entscheidung machen, welches Leben als „lebenswert“ zu bewerten ist. Sie haben die Macht zu definieren, was/wer schön oder häßlich ist, ob Behindertsein etwas Positives oder Negatives ist. Sie können wählen, ob sie andere anerkennen oder sie durch Ignoranz ausgrenzen. Sie haben die Macht zu entscheiden, ob und wann sie sich mit Behindertenfeindlichkeit auseinandersetzen.

Trotz dieses Wissens fällt auf, daß alle Frauen, sobald sie auf konkrete Begegnungen eingingen, behaupteten, die Macht im gegenseitigen Verhältnis liege bei den behinderten Frauen. Was für eine Macht ist das, die behinderten Frauen zugewiesen wird?

In den Interviews beschweren sich die nichtbehinderten Frauen, Behinderte hätten die Macht, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Alma schildert eine Diskussion um Pränataldiagnostik, bei der sie die Anwesenheit einer behinderten Frau als Zensur empfand.

„Und ich habe gedacht, wenn ich jetzt (mich selbst) zensiere, dann wird es dermaßen gemein und falsch. Dann bin ich dabei geblieben, daß Frauen das Recht (auf Vorsorgeuntersuchungen und eugenische Indikation; d. Aut.) haben. Aber da kriege ich den totalen Streß in mir, weil ich einfach viel mehr darüber nachdenke, was ich überhaupt noch sagen kann, alldieweil die Behinderten einfach ‘ne gute Lobby haben.“

Gesellschaftlich würde immer erwartet, sie mit „Samthandschuhen“ anzufassen.

„Und dann kippt die Moral so über. (...) Da haben die nichtbehinderten Frauen gleich Tränen in den Augen und überlegen sich, was die Amerika (behinderte) Frau jetzt wohl denken mag.“

Es ist also eine moralische Macht, die hier beschrieben wird, aber von den nichtbehinderten Frauen in eine gesellschaftlich-politische Macht umgedeutet wird. Die Verantwortung für die gesellschaftliche Ausgrenzung wird den behinderten Frauen zugeschoben.

Möglichkeiten für einen anderen Umgang

Die Aussagen in den Interviews sind teilweise erschreckend in ihrer offenen Behindertenfeindlichkeit. Ich glaube aber, daß die interviewten Frauen keine Ausnahmen darstellen. Das Handlungen, Einstellungen und Gefühle, die sie beschreiben, spiegeln für mich gesellschaftliche und feministische Normalität wider, in der die alltägliche Ausgrenzung behinderter Menschen hingenommen und verstärkt wird.

Die Interviews, vor allem die Aussagen von Carla, zeigen aber auch, daß es unterschiedliche Umgangsformen mit behinderten Frauen gibt. Worin diese Unterschiede ihre Ursachen haben, kann auf der Basis dieser Interviews nicht geklärt werden. Genau wie Carla haben auch die anderen befragten Frauen sowohl Kontakt mit behinderten Menschen gehabt als auch biographische Erfahrungen mit körperlichen Beeinträchtigungen gemacht. Offensichtlich waren nur für Carla diese Erfahrungen Anlaß, sich mit dem Thema Behinderung intensiver auseinanderzusetzen und im Kontakt offen zu sein. Welche Bedingungen letztendlich dazu führen, ob sich Nichtbehinderte persönlich einlassen oder nicht, muß offen bleiben. Fest steht aber, daß das Problem der Ausgrenzung als Problem der Nichtbehinderten begriffen werden muß, um einen gleichberechtigten Umgang zu schaffen. Das bedeutet für die dominante Mehrheit auch, einen Teil ihrer Privilegien aufzugeben.

Tatsächlich fordern die nichtbehinderten Frauen in den Interviews, es sei Aufgabe nichtbehinderter Frauen, sich die Existenz behinderter Frauen bewußt zu machen und aktiv zu werden, um das Verhältnis zu verbessern. Die Verantwortung für das Verhältnis könne nicht allein bei den behinderten Frauen liegen.

„Dass wir so tun, als ob es keine Behinderte gäbe, weil wir sie nun mal gerade nicht neben uns sitzen haben. Dann zu sagen, das liegt an den Behinderten, die müssen kommen und sich neben uns setzen, damit wir merken, daß es sie gibt. ich finde, das ist ein falscher politischer Ansatz.“ (Alma)

Es liege an den Nichtbehinderten, Einfluß auf die gesellschaftlichen Strukturen zu nehmen.

„Klarzumachen, hier fehlen ein paar Leute, weil wir Ausschlußkriterien unbewußt gemacht haben, daß die hier sein können. sich bewußt zu machen, es liegt an uns, die Bedingungen zu ändern.“ (Berta)

Wenn Frauenpolitik als Bündnispolitik verstanden würde, könne ein Dialog zwischen nichtbehinderten und behinderten Frauen über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Berührungsängste entstehen, um eine Solidarität anzustreben, die nicht hierarchisch geprägt ist.

Nicht zuletzt durch die zahlreichen Aktionen und Veröffentlichungen behinderter Frauen in den letzten Jahre ist es offensichtlich gelungen, ein Bewußtsein für die Problematik bei nichtbehinderten Menschen zu schaffen. Kann das der Beginn einer Auseinandersetzung sein?

Unklar bleibt, welche Strategien nichtbehinderte Feministinnen verfolgen sollten, und eigene Einstellungen und Unsicherheiten gegenüber behinderten Frauen abzubauen.

„Es müßte viel mehr thematisiert werden. Obwohl, das reicht auch nicht aus. Dann heißt es irgendwann: ‚Ooh, schon wieder das Thema Behinderung!‘ Es müßte auch mehr Kontakt da sein, aber der ist nicht da. Wenn Behinderte dabei sind, kann etwas entstehen. Aber wenn sie nicht da sind, kann nichts entstehen.“ (Berta)

Nur, ob Behinderte „da“ sind und ob etwas „entsteht“, bestimmen eben immer noch die Nichtbehinderten. Und da zeigt sich das merkwürdige Phänomen, daß die Interviewpartnerinnen auf der persönlichen Ebene entweder überhaupt nicht an einer Veränderung ihres Verhältnisses interessiert sind oder plötzlich wieder eine Verhaltensänderung von behinderten Frauen als Grundvoraussetzung für Kontakt genannt wird. Da halten sie es plötzlich wieder für notwendig, daß die von Ausgrenzung Betroffenen selbst aktiv werden müßten, damit Nichtbehinderte aufmerksam würden.

„Wie ich es meist bei Randgruppen erlebt habe, daß die Betroffenen selbst aktiv werden müssen. Und wenn behinderte Frauen in der Frauenbewegung es selbst nicht notwendig finden, das Thema mehr zu bringen, ja anderen weiß ich auch nicht.“ (Carla)

Der Teufelskreis der nichtbehinderten Argumentation scheint wieder geschlossen: die behinderten Frauen sind seit über 15 Jahren aktiv, so aktiv, daß es Mühe kostet, ihre Aktionen zu übersehen, und trotzdem schaffen es Nichtbehinderte, die Auseinandersetzung zu vermeiden.

Das große Dilemma liegt darin, daß es für nichtbehinderte Frauen keinen wirklichen Handlungsbedarf gibt. Die Motivation, individuell oder gesellschaftlich etwas zu verändernd, entsteht daraus, daß Menschen es unter den bestehenden Umständen nicht mehr aushalten. Offenbar können das nichtbehinderten Frauen mit ihrem (un)bewußt ausgrenzenden Verhalten sehr gut leben, ohne ihre eigene Position in Frage zu stellen. Behindertenfeindlichkeit scheint trotz des Wissens um die eigenen Privilegien aufgrund des Nichtbehindertseins und trotz der hohen gesellschaftlichen Ansprüche für keine der interviewten Frauen ein Problem zu sein, das in irgendeiner Form etwas mit ihr zu tun hat.

Ist das wirklich so? Die interviewten Frauen jedenfalls scheinen kaum einen Zweifel daran zu haben.

Quelle

Dietke Sanders: Ich seh ja nie welche. Erschienen in: Birgit Rommelspacher (Hg.): Behindertenfeindlichkeit – Ausgrenzungen und Vereinnahmungen, 1. Auflage, Göttingen 1999.

bidok-Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 27.03.2017



[1] Sanders, Dietke: Frauen und Behinderung: Zum Verhältnis zwischen nichtbehinderten und behinderten Frauen. Diplomarbeit, ASFH Berlin 1994

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