"Auf gleicher Augenhöhe"

Möglichkeiten und Grenzen des Peer Counseling

AutorIn: Sebastian Ruppe
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Abschlussarbeit zur Erlangung des Diploms als Lebens- und Sozialberater, eingereicht bei Mag.a Christa Renoldner für Ausbildungsgruppe Ö 14 bei ORGANOS / Linz. Eine Zusammenfassung dieser Arbeit ist in der Zeitschrift Behinderte Menschen 04/2011 zu lesen.
Copyright: © Sebastian Ruppe 2011

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Man kann überhaupt nicht genug dankbar sein, auch dankbar für das Schwierige, dankbar für die Verstörungen, die man erleben durfte, weil sie einen woanders hingestellt haben, wenn man sie weise genützt hat und nicht nur gehasst und verachtet. (André Heller)[1]

1.1. Zur Themenwahl

Die folgende Arbeit dient dem Abschluss einer Lebens- und Sozialberaterausbildung, die ich bei "Organos" in den Jahren 2003 bis 2006 gemacht habe. Das Thema ist Peer Counseling, also die Beratung behinderter Menschen durch behinderte BeraterInnen.[2]

Das Thema wählte ich, weil ich seit einem Badeunfall 1991 wegen einer hohen Querschnittlähmung selbst im Rollstuhl sitze, und weil ich während der für die Ausbildung zu absolvierenden Übungsberatungsstunden unter anderem auch mit behinderten KlientInnen gearbeitet habe und dabei als Berater signifikante und sich wiederholende Unterschiede zu Stunden mit nicht-behinderten KlientInnen feststellen konnte. Dass die Sache, die ich da tat, international bereits einen eigenen Namen hatte, bemerkte ich, als eine behinderte Klientin, die selbst eine Lebens- und SozialberaterInnen-Ausbildung absolvierte, mir erzählte, dass sie ein Peer Counseling-Seminar bei einem amerikanischen Ehepaar, Bill und Victoria Bruckner, besuchen werde[3], und dann begeistert davon zurückkehrte.

Mir selbst war es bisher noch nicht möglich ein Peer Counseling-Seminar bei Victoria und Bill Bruckner, beide selbst behindert, zu besuchen. Die Arbeit der Bruckners, die getrost als "Urgesteine" der Szene bezeichnet werden dürfen, und ihre Ideen werden in dieser Diplomarbeit dennoch präsent sein, und zwar in Form eines Skriptums, das sie bei ihren Kursen verwenden.[4]

Peer Counseling entstand im Sog der aufkommenden Independent-Living-Bewegung in den späten sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts an kalifornischen Universitäten in den USA. Es wird am Anfang dieser Arbeit also wichtig sein, auf die internationale Entwicklung der Emanzipationsbewegungen behinderter Menschen einzugehen und damit eng verbundene Begriffe, wie Independent Living (im Deutschen: Selbstbestimmt Leben), Empowerment (Selbstbemächtigung, Stärkung von Autonomie und Eigenmacht), Persönliche Assistenz etc., definitorisch und historisch zu umkreisen, weil Peer Counseling als Beratungsform einerseits ideologisch auf diesen Begriffen aufbaut, andererseits auch seine Inhalte daraus bezieht. Sehr oft steht zum Beispiel im Zentrum eines Beratungsprozesses mit einem behinderten Menschen die Frage, wie kann ein möglichst selbstbestimmtes (was nicht heißen muss: selbstständiges) Leben mit Persönlicher Assistenz erreicht werden außerhalb der Herkunftsfamilie und unabhängig von traditionellen Versorgungs- und Hospitalisierungsstrukturen.

1.2. Politische Implikationen des Peer Counseling

Eingehen möchte ich auch auf die politische Dimension von Peer Counseling. Denn Peer Counseling ist eine Beratungsform, bei der KlientIn und BeraterIn einer gesellschaftlichen Minderheit angehören, die Jahrhunderte lang der Diskriminierung ausgesetzt war und noch immer ist. Erst die letzten beiden Dekaden haben vor allem in den USA und Europa klare Fortschritte in der Gleichbehandlung behinderter Menschen gebracht. So wurde 1990 in den USA der "Americans with Disabilities Act", ein weltweit vorbildliches Antidiskriminierungsgesetz, beschlossen, seit 1.1.2006 hat Österreich ein Bundesbehindertengleichstellungsgesetz und die erste UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen wurde am 13. Dezember 2006 verabschiedet. Weltweit gesehen verbessert sich die Situation behinderter Menschen durch eine UN-Konvention erst einmal nur auf dem Papier. Denn eine UN-Konvention hat in der Praxis nur Empfehlungscharakter. Erst wenn ein Staat die Konvention ratifiziert und dann auf nationaler Ebene Gesetze folgen lässt, ändert sich die Rechtslage für behinderte Menschen. Derzeit gibt es erst in 45 von 193 UN-Mitgliedsstaaten behindertenrelevante Gesetzgebungen.[5] Damit ist klar, dass der weltweite Kampf um Grund-, ja um Existenzrechte für behinderte Menschen noch lange nicht beendet ist.

Überall da, wo behinderte Menschen im Kampf um ihre BürgerInnenrechte etwas erreicht haben, waren Peer Counseling und die damit verbundene Ideologie des "Empowerment" maßgeblich an dieser Zielerreichung beteiligt. Selbstbewusste, autonom denken, handeln, entscheiden und fühlen könnende und damit selbstbestimmte KlientInnen sind das Ziel des Peer Counseling. Hier besteht also eine Ähnlichkeit zu anderen Beratungs- oder Therapieformen. Dadurch, dass Peer Counseling eben auch das Instrument einer gemeinsame Leidens-, Ohnmachts- und Diskriminierungserfahrungen teilenden gesellschaftlichen Randgruppe ist, wird das miteinander Reden, und dies besonders in der Vertrautheit des Beratungskontextes, schnell zu etwas Politischem, weil die "Gegenrede" das Normale ist und nicht der Konsens mit den bestehenden Strukturen.

"Durchs Reden kommen die Leut' z'sammen", mit dieser in Österreich gebräuchlichen Redewendung könnte man die solidaritätsstiftende und damit gesellschaftspolitische Bedeutung von Peer Counseling umschreiben. Dieses "gemeinsam im gleichen Boot Sitzen" ist einerseits die Stärke von Peer Counseling, andererseits kann es dabei zu Konflikten mit der im klassischen Beratungskontext hoch gehaltenen und sinnvollen Neutralität der Beraterin kommen. Im Peer Counseling kann die über das Beratungssetting hinausgehende Vernetzung und persönliche Bekanntschaft von Berater und KlientIn, oder auch zwischen verschiedenen KlientInnen, sogar ein erwünschter, jedenfalls nicht tabuisierter Nebeneffekt sein. Peer Counseling ist damit per definitionem ein Ermächtigungs- und damit ein politisches Instrument behinderter Menschen. Es kann zur Normalisierung, also zur Angleichung der Lebens- und Existenzbedingungen behinderter Menschen an eine nicht-behinderte gesellschaftliche "Norm" beitragen.

Es wird daher eine wichtige Aufgabe dieser Arbeit sein, zu untersuchen, wie stark dieses Angesiedeltsein auf einer gesellschaftlichen Pionierebene und der gemeinsame Erfahrungshintergrund bei BeraterIn und KlientIn Einfluss hat auf das Beratungssetting, auf Rollenverteilungen zwischen KlientIn und BeraterIn und auf die Themen im Peer Counseling. Und es wird interessant sein, hier die Unterschiede zur klassischen systemischen Beratung aufzuzeigen.

1.3. Praktischer und theoretischer Hintergrund

Schließlich stehen natürlich meine eigenen Beratungserfahrungen mit behinderten Menschen im Vordergrund dieser Arbeit. Von 75 supervidierten Einzelberatungen habe ich etwa ein Viertel mit behinderten KlientInnen gemacht. Methodisch erscheint ein Vergleich sinnvoll zwischen Erfahrungen mit behinderten und nicht-behinderten KlientInnen. Ergänzen möchte ich Selbstreflexionen über mich als behinderten Berater, wobei mir, so hoffe ich, ein großer Fundus an gelebter Selbsterfahrung in Einzeltherapien, Supervisionen und Gruppensupervisionen zu Hilfe kommt. Theoretisch möchte ich vor allem auf Carl Rogers Bezug nehmen. Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von Rogers ist Ideengeber und ideologisches Fundament für Peer Counseling bis heute, zudem ist auch meine erste eigene Psychotherapieerfahrung (noch vor meinem Unfall) eine zweijährige klientenzentrierte Gesprächstherapie gewesen. Die damals als Klient absolvierten Stunden sind für mich bis heute positiv besetzt, unter anderem weckten sie damals schon das Interesse und die Lust, es dereinst auch einmal am anderen Ende des Beratungsspektrums, also in der Rolle des Beraters zu probieren. Meine Entscheidung Lebens- und Sozialberater zu werden, hat also mit Carl Rogers zu tun, könnte man verkürzt sagen.

Der Titel dieser Arbeit verspricht neben dem Ausblick auf die Möglichkeiten des Peer Counseling auch ein Erfassen seiner Grenzen. Dies hat mit einem Praktikum zu tun, das ich für die Lebens- und Sozialberater-Ausbildung bei der "Lebenshilfe" in Graz absolvierte. Während fünf Wochen versuchte ich dabei, mich in einem Wohnhaus für schwer mehrfach behinderte SeniorInnen als Berater zu etablieren. Ein Vorhaben, bei dem ich Momente des Erfolgs erlebte, das mich dann aber auch immer wieder vor frustrierende Erlebnisse stellte, die mich zwangen, über mein Selbstbild als Berater nachzudenken, über Definitionen des Hilfreich-Seins, über die Distanz, die auch im Peer Counseling zwischen behinderten Menschen und anderen behinderten Menschen da sein und manchmal sogar unüberbrückbar sein kann... Aber was kann einem Besseres passieren als Schwierigkeiten? Womit ich wieder beim Einstieg und beim Thema Dankbarkeit bin:

1.4. Dank

Danken möchte ich an dieser Stelle mehreren Menschen: zuallererst Rosa Ohner und Manfred Kannchen, zwei Persönlichen AssistentInnen, die mich auf vielen Fahrten zu Ausbildungsblöcken in Oberösterreich begleitet und mich hoch professionell im Ausgleich meiner Behinderung unterstützt haben. Ich möchte meinen Peergruppen-Mitgliedern, Schwester Hiltrud Bittermann, Martina Fassbender, Maria Fellner-Ebner, Andrea Fleischanderl, Roswitha Gruber, Sandra Hauser und Gerhard Inzinger, für viele inspirierende gemeinsam verbrachte Stunden danken, in denen auch tiefe Freundschaften entstanden sind. Ich möchte Christa Renoldner, unserer Supervisorin, für ihre stets konstruktive, herausfordernde Kritik und viele wertvolle inhaltliche Inputs danken sowie der Lehrgangsleiterin Gundi Mayer-Rönne stellvertretend für alle KollegInnen, die uns während dieser Ausbildung unterrichtet und begleitet haben. Sie alle haben mich definitiv "woanders hingestellt" als da, wo ich im September 2003 vor der Ausbildung gestanden bin, und nicht nur weil sie schwierig, sondern besonders auch, weil sie hoch interessant, tiefgehend, bereichernd und schön war, diese Ausbildungszeit mit Ö14!

Graz, Jänner 2007

1.5. Nachbemerkung und Dank 2010

Wegen einer gesundheitlichen Krise habe ich das Schreiben an der vorliegenden Arbeit, nachdem bereits etwa die Hälfte fertig gestellt war, für fast drei Jahre unterbrochen. Es fiel mir daraufhin nicht leicht einen Wiedereinstieg zu finden. Sobald dieser aber gelungen war, war ich mit wachsender Freude am Werk und nützte die Verzögerung, um Daten zu aktualisieren und neue Literatur einzuarbeiten. Unter anderem konnte ich so noch die ersten beiden universitären Diplomarbeiten, die in Österreich zum Thema Peer Counseling 2009 erschienen sind, in diese Arbeit mit einbeziehen[6] sowie ein Feedback bringen von zwei Klienten auf hier beschriebene Beratungen, das im Sommer 2010 bei mir einlangte, und in dem in wenigen Worten viel Erhellendes zur Wirkungsweise von Peer Counseling zu finden ist.[7]

Mitbeteiligt an meinem Motivationsschub war auch das Grazer Forschungsinstitut "Erzherzog-Johann-Gesellschaft", das sich 2009 auf meinen Antrag hin entschlossen hat, die Fertigstellung dieser Arbeit finanziell zu unterstützen[8]. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch noch herzlich bedanken!

Graz, September 2010



[1] André Heller im Interview mit Claudia Stöckl in "Frühstück bei mir" vom 12. November 2006 im Radioprogramm Ö3, Österreichischer Rundfunk.

[2] Ich bemühe mich in der folgenden Arbeit um eine geschlechtergerechte Sprache. Meine Mittel sind dabei das groß geschriebene Binnen-I, manchmal die Nennung beider Geschlechter sowie neutrale Formen. Dort, wo ich durch ein gemeinsames Anzeigen von weiblicher und männlicher Form um die Lesbarkeit des Textes fürchten würde, beschränke ich mich auf ein Geschlecht, um dann beim nächsten Mal abzuwechseln und das andere Geschlecht zu verwenden.

[3] Wien, 11.-14. Oktober 2004

[4] Nach Wien im Oktober 2004 waren die Bruckners nochmals im September 2006 in Innsbruck. Für 22. und 23. Oktober 2010 ist ein Workshop mit ihnen in Linz angekündigt, für den ich mich angemeldet habe.

[5] Siehe: www.bizeps.or.at/news.php?nr=7407&suchhigh=UN-Konvention

[6] Katrin Brunner: Betroffene für Betroffene - Peer Counseling als Weg zu Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion. Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie, vorgelegt am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Inklusionspädagogik, der Karl-Franzens-Universität Graz. 2009.

Claudia Unterberger: Peer Counseling - Beratung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung. Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie. Studienrichtung: Pädagogik. Universität Wien 2009.

[7] S. Kapitel 9 und 11 dieser Arbeit.

[8] Die Erzherzog-Johann-Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben von Menschen mit Behinderung zu erleichtern und vergibt zu diesem Zweck Forschungsarbeiten und fördert Diplomarbeiten oder Dissertationen, die diesem Zweck dienen. Siehe: www.behindert.or.at/enter/erzherzogjohann.htm

Exemplare der geförderten Arbeiten sind in der Fachbibliothek der Mosaik GmbH Graz aufgestellt.

2. Peer Counseling und die Selbstbestimmt Leben-Bewegung

2.1. Berkeley und die sechziger Jahre in den USA

"Stellt Euch vor, wir sind Mitten [sic!] in den 60ern und zwei behinderte Studis an einer kalifornischen Universität treffen sich und jedeR gibt dem bzw. der anderen genau eine Stunde Zeit zum Reden, [sic!] über die Erfahrungen beim Studium, die Schwierigkeiten mit der Assistenz, den [sic!] alltäglichen Diskriminierungen und dem [sic!], wie er/sie sich dabei fühlt. Der oder die andere beschränkt sich darauf, lediglich zuzuhören. Nach einer Stunde wechseln die Rollen, wieder eine Stunde reden und zuhören. So oder ähnlich entstand Peer Counseling."[9]

Salopp und etwas verkürzt umreißt Matthias Rösch in einem Artikel über "Peer Counseling und Psychotherapie", die Ursprünge des Peer Counseling an der Universität von Berkeley in den USA. Peer Counselors hatten ursprünglich nichts mit behinderten Menschen zu tun. Es waren nicht-behinderte Studierende, die an Universitäten spezielle Frage- und Redetechniken erlernt hatten, um damit anderen Gleichgestellten (Peers) in verständnisvollen Gesprächen beizustehen, in denen es um die gemeinsamen Erfahrungen und Herausforderungen in Bezug auf das Lernen und Leben auf dem Campus fernab von zu Hause ging. Die Gesprächsführungstechniken, wie aktives Zuhören, Zusammenfassen, Spiegeln von Gefühlen, etc., waren stark von der klientenzentrierten Lehre Carl Rogers beeinflusst, die in den sechziger Jahren allgegenwärtig an den kalifornischen Universitäten war. Auch in Berkeley konnten Studierende diese sogenannten "communication skills" als Bestandteil ihrer Fachstudien oder zusätzlich erlernen.

Berkeley war in den späten sechziger Jahren studentisch-intellektuelles Zentrum der Hippiegeneration. "Make love not war" hieß die Parole gegen den Vietnamkrieg. "Freie Liebe", "Flower Power", Rockmusik und Marihuanakonsum waren die sinnstiftenden Elemente einer Gegenkultur, die versuchte bürgerliche Tabus hinter sich zu lassen. Es waren die Jahre der aufkommenden civil-rights-Bewegungen, in denen benachteiligte Minderheiten (Schwarze, Frauen, Homosexuelle) nachdrücklich begannen, ihnen lange vorenthaltene Rechte einzufordern. Inmitten dieser gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung inskribierten einige behinderte Menschen an der Universität von Berkeley, was an sich schon einer Sensation gleichkam. Mangels anderer barrierefreier Unterkünfte brachte man sie in einem Spital am Campus unter. Sie fanden sich bald als Gruppe zusammen, die "Rolling Quads", unter ihnen der später international bekannte Ed Roberts. Bill und Victoria Bruckner setzen in einem Peer Counseling-Ausbildungsskriptum die Geschichte des Peer Counseling folgendermaßen fort:

"Behinderte Menschen wandten Peer Counseling an, um voneinander mehr über die anderen Behinderungsarten zu erfahren. Auf diese Weise vermieden sie es, sich gegenseitig aufgrund von Unwissenheit bezüglich der Bedürfnisse der anderen zu bevormunden. In diesen gemeinsamen Gesprächen nutzten Menschen mit Behinderungen Peer Counseling auch, um die Quellen gemeinsamer sozialer und politischer Unterdrückung, Diskriminierung und Intoleranz zu ergründen.[...] Indem sie miteinander sprachen und einander zuhörten, nahm ihre Entschlossenheit zu, sie gewannen Stärke und Selbstvertrauen. Sie nutzten diese Stärke, um für Chancengleichheit einzutreten, zu entscheiden, wo sie leben wollten, wen sie für Assistenz haben wollten und wie sie ihre Ausbildung und ihre Arbeitsleben gestalten wollten."[10]

Hier wird klar, wie Peer Counseling durch das Reflektieren über die eigene Behinderung, durch das Nachdenken über die eigenen Bedingungen im "System" Gesellschaft zum Instrument der Selbstermächtigung (Empowerment) wird.[11] Die so erlangte "Stärke" kann dann dafür genutzt werden, auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verändern.

2.1.1. Peer Support

1970 hatten die behinderten Studierenden rund um Ed Roberts es geschafft, das erste "Physically Disabled Students' Program" (PDSP) einzurichten: Joan Leon, die später (1983) gemeinsam mit Ed Roberts das "World Institute on Disability" gründete, erinnert sich zurück:

"PDSP was unbelievably supportive. It provided disabled students with an unheard-of level of assistance, including wheelchair repair, attendant referral, housing referral, benefits counseling, peer support and more. Even disabled people in the Berkeley area who were not students began to come to PDSP for services."[12] [Hvhbg. SR]

In dieser Aussage begegnet uns zum ersten Mal das Wort Peer Support. Damit ist vor allem der pragmatische Teil des Peer Counseling gemeint, also konkrete Tipps zur Alltagsbewältigung in einem Leben mit Behinderung. Manchmal geht es im Peer Counseling nämlich in allererster Linie um einen alltäglichen praktischen Erfahrungsaustausch und um praktische Tipps zur Lebensbewältigung unter von einer ähnlichen Situation Betroffenen. Das nennt man dann Peer Support. Dies setzt meist eine Beraterin voraus, die bereits erfahrener ist als ihre KlientInnen, also mehr Behinderungs-Expertise besitzt als ihr Gegenüber. In diesem "Erfahrungsgefälle" kommen gewöhnlicher Weise pragmatische Fragen zu technischen Hilfsmitteln, zu Rollstühlen, zu Persönlicher Assistenz, zu barrierefreiem Wohnen, Freizeitgestaltung, Reisen, zu Therapien und Möglichkeiten finanzieller Unterstützung zur Sprache. Aber auch zum Beispiel die Frage, wie bewältigt der Peer Counselor/die Peer Beraterin eine Phase, wo er/sie ganz deprimiert ist wegen der Behinderung kann Platz finden.

Um zu betonen, dass eine längere zeitliche Erfahrung mit einer Behinderung oft schon reicht, um eine Person, die sich in einer ähnlichen Situation, aber erst seit kürzerer Zeit, befindet, hilfreich zu unterstützen, verwenden einige AutorInnen den Ausdruck Peer Support statt Peer Counseling, weil sie meinen, dass mit dem Wort "Counseling" suggeriert werden könnte, dass man als behinderter Mensch nur mit einer umfassenden BeraterInnen-Ausbildung und speziellen Beratungstechniken für andere behinderte Menschen hilfreich sein kann. Dies wird von den besagten AutorInnen schon aus dem Grund abgelehnt, weil es das Independent Living-Ziel der Niederschwelligkeit unterlaufen würde.[13] Independent Living - auf Deutsch "Selbstbestimmt Leben" - strebt an, dass möglichst viele behinderte Menschen in der Arbeit mit anderen behinderten Menschen zum Zug kommen, weil die Dominanz Nicht-Behinderter in der Behindertenarbeit als Problem angesehen wird. Deswegen lautet auch das internationale Motto der Independent Living-Bewegung "Nothing about us without us" - nichts über uns ohne unsere Beteiligung daran. Wird die Beratungsarbeit mit behinderten KlientInnen also unter der Bezeichnung Peer Support angeboten oder in den Blick genommen, steht dahinter also auch das von der Idee des Empowerment[14] getragene Konzept niederschwellige Job-Einstiegsmöglichkeiten für behinderte Menschen bereitzustellen, auch wenn das, was dann im Beratungssetting tatsächlich passiert, sich wenig von dem unterscheidet, was anderenorts als Peer Counseling angeboten und praktiziert wird.

Ich persönlich betrachte Peer Support als einen Bereich des Peer Counseling, Es ist für mich jener Teil, in dem es um Handlungsorientierung und durchaus auch um konkrete Tipps geht, wie man ein Leben mit Behinderung im Alltag besser bewältigen kann. Den Bereich, wo die Beratungsarbeit mehr die Persönlichkeit und ihre psychologische Verfasstheit umkreist, bezeichne ich als Peer Counseling. Beides geht meiner Erfahrung nach ineinander über, wenn sich zwei behinderte Menschen in einem Beratungssetting gegenüber sitzen. Deswegen halte ich scharfe Begriffsabgrenzungen hier nicht für notwendig.

Dafür scheint es aus meiner Sicht allerdings sehr wohl sinnvoll, dass Peer Counselor Beratungs- oder Therapieausbildungen absolvieren. Dieser Standpunkt ist natürlich von meiner eigenen Biographie geprägt. Ich habe zuerst eine Lebens- und Sozialberaterausbildung gemacht und habe dann in meinen hier zur Diskussion stehenden Übungsberatungen versucht, dieses beraterische Wissen aktiv in die Arbeit mit behinderten Menschen einzubringen. Ich stehe also für den Einstieg von der "klassischen" Seite der Beratung hin zum Peer Counseling, während andere behinderte Menschen in Beratungs- oder Selbstbestimmt Leben-Zentren mit Beratungsanliegen behinderter Menschen in Kontakt kommen und dann oft "on the job" spüren, dass beratungsspezifische Weiterbildungen für sie selbst und die Tätigkeit Sinn machen.

2.1.2. Vom Peer Support zur politischen Aktion im Peer Counseling

Meine eigene Erfahrung als behinderter Mensch hat mir gezeigt, dass sich behinderte Menschen, wenn sie sich treffen, normalerweise viel zu sagen haben. Und dafür braucht es gar kein Beratungssetting. Ich meine Begegnungen im Alltag. Das heißt nicht, dass in jeder Begegnung zwischen behinderten Menschen sofort Sympathie da ist - es ist ein weit verbreiteter Irrglaube unter nicht-behinderten Menschen, dass "die Behinderten" eine solidarisch miteinander verbundene freundschaftliche Gemeinschaft bilden - aber wenn eine positive Grundschwingung zwischen zwei behinderten Menschen vorhanden ist, dann ist auch ein normales Zwiegespräch unter "Peers" oft einfach zu führen und sehr schnell auch hilfreich, da die geteilte Lebensrealität meist eine solide Gesprächsbasis abgibt. So habe ich zum Beispiel beobachtet, dass man unter RollstuhlfahrerInnen häufig relativ direkt über die jeweils verwendeten Rollstuhl-Modelle miteinander ins Gespräch kommt. Dies ist ein Thema, dass einem nicht-behinderten Menschen gar nicht so schnell in den Sinn kommen würde, im Peer Counseling ist es oft eine willkommene, weil unverfängliche Art des Joinings - also des Miteinander ins Gespräch-Kommens -, doch dazu später in den Fallbeispielen noch Genaueres.

Die obigen Zitate, in denen Bill und Victoria Bruckner die Grundstruktur von Peer Counseling-Prozessen und Joan Leon die Effizienz des Berkeley-Programms für behinderte Studierende beschreiben, zeigen anschaulich, wie fließend der Übergang von beraterischer Reflexion zu praktischer Handlungsanweisung und weiter zu politischer Aktion im Peer Counseling sein kann: Wird nachgedacht darüber, ob das Wohnen in einem Spital eigentlich eine dem Leben anderer Studierender auf dem Campus gleichwertige Existenzform ist, kommt man schnell auf die Handlungsebene: barrierefreie Wohnungen müssen her, Assistenz muss organisierbar sein, Finanzmittel, mit denen diese bezahlt wird, müssen verfügbar sein. Werden diese nicht gewährt, bleibt der Weg des öffentlichen Protestes und zuletzt der Weg auf die Straße. Dies ist, was ich in der Einleitung gemeint habe: So lange behinderte Menschen nicht gleichberechtigt sind auf allen Ebenen, wird ein Nachdenken über die eigene Bedingtheit, wie sie ja jedem beraterischen Reflektieren inhärent ist, automatisch auch in politische Pragmatik führen, und wenn diese nur darin besteht, dass wahrgenommene Ungerechtigkeiten umkonnotiert werden in einforderbare Rechte.

Genau dies passierte in der intellektuell fruchtbaren Atmosphäre am Campus in Berkeley und gleichzeitig auch an anderen Universitäten in den USA. Unterstützt von dem in den Vereinigten Staaten seit jeher ausgeprägten gesellschaftlichen Bewusstsein, dass jedes Individuum InhaberIn unverrückbarer Grundrechte ist, kam es bald zu einer kraftvollen BürgerInnenrechtsbewegung behinderter Menschen, die auch zunehmend an politischem Einfluss gewann, lange bevor in Europa überhaupt die Rede war von Rechten für behinderte Menschen. Peer Counseling war eine zentrale Komponente in diesem Prozess.

2.1.3. Von den ersten Independent Living Centers zum "Americans with Disabilities Act" (1990)

Aus der Nachfrage nach Beratung und "Support" durch behinderte Menschen auch außerhalb des Universitäts-Campus entstand 1971 in Berkeley das erste "Center for Independent Living" (CIL). Sowohl das Unterstützungsprogramm am Campus (PDSP) als auch das CIL wurden von behinderten Menschen selbst organisiert und geleitet, ein Grundsatz, der sich bis heute in der Independent Living-Bewegung erhalten hat: "Nothing about us without us!" Behinderte Menschen sind ExpertInnen für sich selbst. Ein Prinzip, das sich auch in der systemischen Beratung wieder findet: die KlientInnen sind die ersten und einzigen ExpertInnen für ihre eigenen Probleme.

In den nächsten Jahren machte Berkeley Schule. Weitere CILs wurden gegründet und behinderte Menschen aus allen Teilen der USA zogen nach Kalifornien, um sich der hoffnungsvollen neuen Bewegung anzuschließen. 1977 erkämpften mehrere Hundert von ihnen in einem legendär gewordenen 26-tägigen Sitzstreik in zehn Städten, unter anderem vor dem Gesundheits- und Bildungsministerium in San Francisco, so etwas wie die Bill of Rights für behinderte Menschen. Im "Rehabilitation Act" heißt es seither in Section 504: "No otherwise qualified handicapped person in the United States [...] shall, solely by reason of his handicap, be excluded from participation in, be denied the benefits of, or be subjected to discrimination under any program or activity receiving Federal financial assistance."[15]

Das heißt im Klartext, dass keine Organisation, keine Institution und keine Firma, die in den USA Bundesmittel bezieht, und damit waren Universitäten, Schulen und Bibliotheken genauso gemeint wie Flughäfen und Busstationen, behinderte Menschen von ihren Angeboten und Service-Leistungen ausschließen darf.

Damit war das Thema Behinderung in den USA endgültig als Menschen- und Bürgerrechtsthema etabliert. Der Weg für den "Americans with disabilities Act" (ADA), das bundesweite Antidiskriminierungsgesetz von 1990, war geebnet, auch wenn er noch lange und nur möglich war durch die hervorragende Aufstellung der amerikanischen Behinderten-Bewegung rund um Independent Living, Peer Counseling und Peer Support und einige charismatische Führungsfiguren. "It will make America flat", sagte eine von ihnen über das ADA, das tatsächlich nationale Barrierefreiheit bis in minutiöse Details festschreibt und behinderten Menschen Gleichberechtigung und bei deren Nicht-Erfüllung Individualklagerechte in allen Lebensbereichen einräumt. Wer die USA mit dem Rollstuhl bereist, bekommt die positiven Auswirkungen dieses Gesetzes tagtäglich und überall zu spüren.



[10] Bill und Victoria Bruckner: Peer Counseling. Wie es von Menschen mit Behinderungen zur fortschreitenden Selbstbestimmung angewandt werden kann. Kopierte Arbeitsunterlage zum Peer-Counseling Einführungskurs v. 11.-13 Oktober 2004 bei BIZEPS, Wien. San Francisco 1993.

[11] S. dazu Kapitel 5 dieser Arbeit.

[13] Vgl. dazu z.B. Othmar Miles-Paul: Wir sind nicht mehr aufzuhalten. Behinderte auf dem Weg zur Selbstbestimmung. 1992. In: http://bidok.uibk.ac.at/library/miles_paul-peer_support.h tml#id3199105

Näheres zu den Grundgedanken des Independent Living-Konzepts weiter unten im Abschnitt "Selbstbestimmt Leben in Europa".

[14] S. dazu Kapitel 5 dieser Arbeit.

3. Selbstbestimmt Leben in Europa

"Selbstbestimmt Leben bedeutet, dass wir dieselben Wahlmöglichkeiten und Kontrolle in unserem täglichen Leben verlangen, wie sie für unsere nicht-behinderten Brüder, Schwestern, Nachbarn und Freunde selbstverständlich sind. Wir möchten in unseren Familien aufwachsen, in die Schule des Bezirkes gehen, den selben Bus wie unsere Nachbarn benützen, einer Arbeit nachgehen, die unserer Ausbildung und unseren Interessen entspricht und Familien gründen. Da wir selbst die besten Experten unserer eigenen Bedürfnisse sind, müssen wir die Lösungen, die wir wollen, aufzeigen, selbst für unser Leben Verantwortung übernehmen und für uns selbst denken und sprechen, so wie jeder andere auch."[16]

Adolf Ratzka, der Autor dieser Zeilen, ist selbst schwer behindert und einer der Pioniere, die das Gedankengut der Independent Living-Bewegung aus den USA zu Beginn der achtziger Jahre nach Europa importiert haben. Ausgehend von Schweden und Deutschland gibt es heute Selbstbestimmt Leben-Initiativen in den meisten europäischen Ländern, die Bewegung ist aber bei weitem nicht so kraftvoll und geschlossen wie in den USA.

3.1. Das medizinische und das soziale Modell von Behinderung

Mehrere Gründe dürften für die Unterschiede in der Positionierung der Behindertenbewegungen und damit auch der gesamtgesellschaftlichen Stellung behinderter Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten ausschlaggebend sein: In den USA ist man stark an einem Grundrechtsmodell orientiert, das allen BewohnerInnen der USA gleiche Startbedingungen in der gemeinsamen Heimat einräumen will. Aus dieser Sichtweise ergibt sich ein "soziales Modell" von Behinderung, das letztlich auch das der Independent-Living Bewegung ist: "Nothing about us without us", behinderte Menschen sind ExpertInnen in eigener Sache. Behinderte Menschen sind nicht behindert, sondern sie werden durch gesellschaftliche, soziale und kulturelle Faktoren behindert.

In Europa hingegen herrschte und herrscht noch immer aus historischen Gründen ein "medizinisches Modell" von Behinderung vor, in dem Behinderung vor allem als Defizit am Subjekt festgemacht wird. So kam es, dass behinderte Menschen Jahrhunderte lang durchaus im Gedanken der Nächstenliebe, vor allem von kirchlichen Institutionen "betreut", "behandelt" und "versorgt" wurden , was unter anderem zu einer Dominanz der institutionellen Unterbringung in Heimen und Anstalten geführt hat und nicht zu einer Integration in die Mitte der Gesellschaft und schon gar nicht zur Ausprägung eines BürgerInnen-Bewusstseins. Dann kam der Nationalsozialismus, in dem tausende behinderte Menschen in der Aktion "T4" als "unwertes Leben" ermordet wurden. Man darf, wenn man in Mitteleuropa über Behinderung spricht, nie vergessen, wie kurz diese Zeit erst zurück liegt.

So erregte zum Beispiel 2006 in Europa eine Zeitungsmeldung aus dem Magazin "Stern" über eine italienische Frau mit geistigen und körperlichen Einschränkungen, die von ihrer eigenen Mutter unter Mitwissenschaft von Nachbarn 30 Jahre lang in einem Badezimmer "versteckt" worden war, mit der Begründung, sie habe sich für die Behinderung ihres Kindes geschämt[17], in der europäischen Medienlandschaft immer noch weniger Aufsehen als gleichartige Verbrechen an nicht-behinderten Menschen, wie zum Beispiel der Entführungsfall Natascha Kampusch, in dem eine nicht-behinderte Frau acht Jahre gefangen gehalten wurde.[18] Dies hat, so bin ich überzeugt, mit der völlig entrechteten Position behinderter Menschen unter den NationalsozialistInnen zu tun. Scham, Angst und Verunsicherung im Umgang mit Behinderung sind im Europa von heute noch immer eher die Regel und nicht die Ausnahme. Das traue ich mich einerseits durch meine alltägliche Erfahrung mit Reaktionen auf meine eigene Behinderung, andererseits durch meine Tätigkeit als Lehrtrainer für soziale Kompetenz im Umgang mit behinderten Menschen zu konstatieren.

3.1.1. Lebensbedingungen behinderter Menschen in Österreich

Im medizinischen Modell fühlt sich der durchschnittliche europäische Staat zwar zu einer finanziellen Basis-Absicherung behinderter Menschen verpflichtet, er lässt aber - wie in vielen EU-Staaten üblich - Grundrechte außer acht, vergisst auf die Situation von Angehörigen und verzichtet auf das Herstellen geeigneter Rahmenbedingungen für eine möglichst weitgehende Inklusion behinderter Menschen mitten im Leben der Gesellschaft. Die zwei wichtigsten Bedingungen für die Teilhabe behinderter Menschen sind Barrierefreiheit und Persönliche Assistenz.

Barrierefreiheit meint die Zugänglichkeit von Gebäuden, Informationen, Medien, Arbeitsorten und Freizeitangeboten für alle Menschen. Im österreichischen Bundesbehindertengleichstellungsgesetz von 2006 wurde auf Druck der Europäischen Union die Barrierefreiheit öffentlicher Gebäude und des öffentlichen Verkehrs bis spätestens 2016 geregelt. Vor diesem Zeitpunkt können für Diskriminierungen zwar Schadenssätze erstritten, nicht aber die Entfernung von Barrieren eingeklagt werden. Unbefriedigend bis gar nicht geregelt bleibt außerdem der halböffentliche Bereich. Selbst bei Umbauten von Geschäften, Restaurants und anderen Gewerbebetrieben ist Barrierefreiheit nicht zwingend vorgeschrieben. Anders als in den USA, wo es ein Individualklagerecht auf Unterlassung von Barrieren gibt, ist die gesetzliche Situation in Österreich durch neun verschiedene Bauordnungen und unzählige Ausnahmebestimmungen gekennzeichnet, was dazu führt, dass die Gestaltung einer barrierefreien Umwelt viel langsamer voranschreitet, als es durch entsprechend mutige und einheitliche Vorschriften - bei geringfügig höheren Kosten - möglich wäre.[19]

Ähnlich ist es mit Persönlicher Assistenz. Auch hier gibt es auch 2010 noch keinen bundesweit einheitlichen Rechtsanspruch, sodass es in einem kleinen Land wie Österreich vom Wohnort der behinderten Person abhängt, ob diese ein selbstbestimmtes Leben führen kann oder nicht.[20]

Symptomatisch für diese Grundhaltung der österreichischen Gesellschaft und Politik, Menschen mit Behinderung nicht mit klaren Grundrechten auszustatten, sind dann andererseits punktuelle, von Mitleidsgedanken getragene Charity-Aktionen, mit denen Geld für behinderte Menschen gesammelt wird. Besonders negativ sticht hier der öffentlich-rechtliche österreichische Rundfunk (ORF) hervor, der jedes Jahr in der Weihnachtszeit zu einer Spendenaktion mit dem entlarvenden Namen "Licht ins Dunkel" aufruft, bei der behinderte Menschen stereotyp als bemitleidenswerte "arme Hascherln" dargestellt werden. Gleichzeitig bleibt dieselbe Sendeanstalt ORF ihren HörerInnen und SeherInnen Programmangebote für behinderte Menschen schuldig. Es kommen weder ModeratorInnen mit Behinderung zum Einsatz noch gibt es ein ausreichendes Angebot an Untertitelungen und Sendungen in Gebärdensprache für hörbehinderte Menschen. Das Programmangebot für sehbehindertes Publikum verbesserte sich 2010 leicht durch den verstärkten Einsatz von Audiokommentaren.[21] Gleichzeitig sind die erwähnten Charity-Aktionen gar nicht mehr wegzudenkende zivilgesellschaftliche Strategien, weil sie dort aushelfen, wo der Staat bewusst auslässt.

Bezeichnenderweise ist in Mitteleuropa auch die Arbeitslosigkeit unter behinderten Menschen die Regel, und zwar nicht deswegen, weil behinderte Menschen nicht arbeiten könnten oder wollten, sondern weil zusätzlich zu einer überwiegend nicht barrierefrei gestalteten Umwelt, die den Zugang zum Arbeitsmarkt per se erschwert, Sozialleistungen in Österreich zum Beispiel an das Einkommen geknüpft sind und nicht in Form eines Grundeinkommens an die Existenz an sich. So stehen viele behinderte Menschen, die noch arbeiten könnten, vor der Wahl für ein ihnen zumutbares Quantum an Arbeit letztlich gleich viel oder sogar weniger Geld zu bekommen, als sie durch Sozialleistungen bei Arbeitslosigkeit erhielten, und so entscheiden sich daher logischerweise viele für den Verzicht auf Erwerbsarbeit. Passivität, soziale Isolation und eine gewisse gesellschaftliche Opferrolle sind damit prädestinierte Rollen für behinderte Menschen in Österreich.

Dazu kommt eine Sozialpolitik, die - so meine persönliche Meinung - in Österreich nach dem Prinzip vorgeht, "zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel", das heißt, behinderte Menschen geschickt "ruhig stellt". Die öffentliche Hand stellt genügend Unterstützung und Mittel zur Verfügung, um Proteste nicht offen ausbrechen zu lassen, für eine echte, würdevolle Inklusion behinderter Menschen in die Mitte der Gesellschaft reicht es aber an allen Ecken und Enden nicht. So sind behinderte Menschen gezwungen, einen kaum wahrgenommenen und gleichzeitig Kräfte raubenden Kampf um ihre Rechte am Rande der Gesellschaft zu führen. Dieser wird alle zehn Jahre einmal mit einer "Errungenschaft" wie einem zahnlosen Behindertengleichstellungsgesetz oder einer bereits überfälligen aber immer noch unter der Inflationsrate liegenden Pflegegeldanpassung "belohnt".[22] Damit wird ein Teil potenzieller KritikerInnen ruhig gestellt, der andere Teil zermürbt sich weiter in individuellen Kleinkriegen mit den Behörden um die Absicherung der eigenen Existenz.

Die großen Dienstleistungsanbieter und Betreuungsorganisationen sind an einer progressiven Inklusionspolitik auch nicht interessiert, denn sie sind die materiellen Gewinner einer Politik, die behinderte Menschen nach wie vor am liebsten in Heime "steckt" und sie damit als zu verwaltende und zu betreuende Ausnahmewesen sieht und nicht als autonome BürgerInnen wie alle anderen auch. Dies bestätigen auch andere Autoren:

"Die obersten Ziele der österreichischen Behindertenpolitik werden mit den Begriffen "Rehabilitation" - wenn konkrete Maßnahmen, insbesondere im beruflichen Bereich gemeint sind - und mit "Integration" umschrieben, wenn es sich um eher unbestimmte, vage Vorstellungen handelt. In der Regel sieht diese Integrationsarbeit so aus, daß [sic!] jemand zuerst desintegriert wird in eine Sondereinrichtung, damit man dann dort Eingliederungshilfe aus dem Behindertengesetz ausschöpft, um jemand zu integrieren; d. h. kurz Integration über Desintegration."[23]

Bezieht man zusätzlich zu diesem Befund die allgemeinen Individualisierungs- und Entsolidarisierungstendenzen des beginnenden 21. Jahrhunderts in die Betrachtung mit ein, kann die Diagnose nur lauten: sehr schlechte Aussichten für eine kraftvolle BürgerInnenrechtsbewegung behinderter Menschen (á la USA in den sechziger Jahren) und eine umfassende Realisierung des Selbstbestimmt Leben-Gedankens. Dies gilt übrigens für alle Behinderungsarten in etwa gleichem Ausmaß, wobei Menschen mit Lernbehinderungen in Europa den schwierigsten Weg vor sich haben, wollen sie es je schaffen heraus aus den großen Institutionen hinein in die Mitte der Gesellschaft.

3.1.2. Übersichtstabelle: medizinisches versus soziales Modell

Im Folgenden zur Übersicht nochmals eine tabellarische Gegenüberstellung der beiden Ansätze Behinderung zu betrachten:[24]

 

Medizinisches Modell von Behinderung: Rehabilitations-Paradigma

Soziales Modell von Behinderung: Indipendent-Living-Paradigma

Problemdefinition

Körperliche Einschränkung Mangelnde Fähigkeit zu Ausbildung und Berufsausübung

Abhängigkeit von Fachleuten, Angehörigen etc., Diskriminierung wegen "Andersartigkeit"

Ort des Problems

Der/die einzelne Betroffene

Nicht barrierefreie Umwelt, Rehabilitationsprozess, Abhängigkeit schaffende Strukturen, fehlende Geld- und Hilfsmittel

Problemlösung

Fachkundiges Vorgehen von ÄrztInnen, KrankengymnastInnen, BeschäftigungstherapeutInnen, BerufsberaterInnen etc.

Beratung durch gleichfalls Betroffene (=Peer Counseling), Rechtsbeistand, Selbsthilfe, Kontrolle durch behinderte "KonsumentInnen", Abbau architektonischer Hindernisse, politischer Aktivismus

Soziale Rolle

PatientIn/KlientIn

"KonsumentIn", KundIn, ExpertIn für die eigenen Angelegenheiten

Wer ist tonangebend?

nicht-behinderte Menschen, professionelle BetreuerInnen, große Institutionen

Behinderte Menschen selbst, "Nothing about us without us"

Erwünschtes Ergebnis

Größtmögliche Fähigkeiten in Bezug auf Aktivitäten des täglichen Lebens, Berufstätigkeit

Independent Living (=autonomes, selbstbestimmtes Leben) mit bedarfsgerechter Persönlicher Assistenz

Aus der Tabelle wird klar, dass Peer Counseling ein zentrales Problemlösungsinstrument des emanzipatorischen Independent Living-Ansatzes ist. Im medizinischen Modell fehlt die Einbeziehung psychologischer Aspekte völlig.

Meine eigene praktische Erfahrung geht in die gleiche Richtung: In keinem der drei Rehabilitations-Zentren der Unfallversicherung (AUVA) in Österreich[25], welche die erste Anlaufstelle beim Eintritt einer Körperbehinderung sind, und wo daher PatientInnen mit posttraumatischen Belastungsstörungen die Regel sind, gibt es ein "auf die seelische Verfassung" ausgerichtetes Beratungsangebot durch Peer Counselors, PsychotherapeutInnen oder LebensberaterInnen. Othmar Miles-Paul beschreibt in seinem Buch "Selbstbestimmt Leben" eine ähnliche Situation in Deutschland und kommt zu der Schlussfolgerung: "Auf diese Weise wird Menschen mit Behinderungen nicht nur eine ermächtigende Beratung vorenthalten, sondern auch die Dominanz der Nichtbehinderten und ihrer Normen über die Behindertenarbeit beibehalten und verfestigt."[26]



[16] Übersetzung von SR nach Adolf Ratzka; Institute for Independent Living, Stockholm, Schweden. Siehe: www.independentliving.org

[18] Vgl. z.B.: "Entführungsfall Kampusch. Unsere Neugier ist grenzenlos", FAZ, 3. September 2006. Siehe:

www.faz.net/s/Rub77CAECAE94D7431F9EACD163751D4CFD/Doc~E6C807626ADDE490AB48F3833C45D2653~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[19] Eine Studie des Instituts für Hochbautechnik in Zürich belegt die niedrigen Kosten für Barrierefreiheit: 0,5,% bei einer Bausumme ab 3,6 Mio. Euro, darunter 1,8%. Ab einer Bausumme von etwa 11,7 Mio. Euro betragen die Kosten für Barrierefreiheit überhaupt nur mehr 0,15%! Vgl. www.bizeps.or.at/news.php?nr=5332

[20] Näheres zu Persönlicher Assistenz auch im Kapitel 4 dieser Arbeit.

[21] Im September 2010 erfolgte nach politischen Protesten auch eine Ausweitung des Programmangebots für hörbehinderte Menschen. Siehe: www.bizeps.or.at/news.php?nr=11616&suchhigh=orf

[22] Der Wertverlust des Pflegegeldes in Österreich seit seiner Einführung im Jahr 1993 bis 2010 beträgt wegen nicht erfolgter Inflationsanpassung etwa 20%. Siehe dazu z.B.: www.bizeps.or.at/mobil/news.php?nr=8729

[23] Gottfried Wetzel: Selbstbestimmtes Leben. Ein Erfahrungsbericht über die "Independent Living Centers" in den USA. Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Heft 3/1988. Volltext unter: http://bidok.uibk.ac.at/library/wetzel-independent.html#id2669127

[24] Vgl.: Gottfried Wetzel (1988): Selbstbestimmtes Leben. Ergänzt von SR.

[25] Bad Häring, Tirol; Weißer Hof, Wien-Klosterneuburg; Tobelbad, Steiermark.

[26] Othmar Miles-Paul: Wir sind nicht mehr aufzuhalten. Behinderte auf dem Weg zur Selbstbestimmung. 1992. In: http://bidok.uibk.ac.at/library/miles_paul-peer_support.html > Einleitung

4. Persönliche Assistenz

Persönliche Assistenz - ihre Verfügbarkeit, Organisation und Finanzierbarkeit - ist neben der barrierefreien Gestaltung der Umwelt eine Grundbedingung für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen und ein immer wiederkehrendes Thema im Peer Counseling. Aber was genau versteht man unter Persönlicher Assistenz?

"People with extensive disabilities need personal assistance for activities of daily life such as getting dressed, going to bed, cooking, cleaning, assistance at work, about town and when travelling. Personal assistance, like no other service, illustrates the key elements of Independent Living."[27]

"Leben mit Behinderung bedeutet meist, Hilfen im Alltag zu brauchen. Persönliche Assistenz ist eine Möglichkeit, die Hilfen so zu bekommen, wo, wie, wann und von wem man sie braucht. Damit ist es Menschen mit Behinderung möglich, gleichberechtigt und selbstbestimmt am Leben teilzunehmen und so zu leben wie alle anderen auch."[28]

Was hier auf den Homepages einer schwedischen und einer österreichischen Assistenzgenossenschaft logisch und einfach klingt, ist in der Realität für viele Betroffene noch immer ein Wunschtraum und oft ein lebenslanger Kampf um Geldmittel, Ressourcen und Organisationsformen. Persönliche Assistenz ist für Menschen mit einem hohen Hilfebedarf, und damit mit einem hohen Grad an Abhängigkeit von anderen Menschen, jene Form von Hilfe, welche die meiste Selbstbestimmtheit zulässt, sofern sie gewillt und fähig sind eigene Organisations- und Entscheidungskompetenzen einzubringen. Die behinderten Menschen selbst sind die Vorgesetzten der Persönlichen AssistentInnen, ihnen obliegt es, die AssistentInnen in die notwendigen Tätigkeiten einzuschulen, sie dabei anzuleiten und für die entsprechende Entlohnung zu sorgen. Im Unterschied zu traditionellen Hilfsdiensten leisten Persönliche AssistentInnen all jene Arbeiten, welche die behinderte Person zur Bewältigung des Alltags braucht, es werden also nicht für verschiedene Tätigkeitsfelder verschieden ausgebildete Hilfspersonen (z.B. Diplomkrankenschwester, Heimhilfe) eingesetzt. Das vereinfacht den Organisations- und Finanzaufwand. Auch mit wem zusammengearbeitet wird, entscheidet der behinderte Mensch selbst; eine Wahlmöglichkeit, die bei konventionellen Hilfsdiensten nicht besteht. Diese schicken ihr Personal, ohne dass normaler Weise vorher die Möglichkeit des einander Kennenlernens besteht. Lohnabrechnung sowie arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Belange der Persönlichen Assistenz sollten, so gewünscht, gegen einen Kostenbeitrag an eine Assistenzorganisation (meist Genossenschaft) abgetreten werden können. Assistenzgenossenschaften, die nach dem Independent Living-Modell organisiert sind, beschäftigen im Idealfall wiederum überwiegend behinderte Menschen, so dass die ExpertInnenschaft in eigener Sache möglichst gewahrt bleibt. Die Bezahlung Persönlicher Assistenz erfolgt im Idealfall bedarfsgerecht und ohne Selbstbehalte aus Persönlichen Budgets, die AssistenznehmerInnen vom Staat bekommen und, selbst verwaltet, über das Jahr einteilen können. Obwohl das Leben mit Persönlicher Assistenz auf den ersten Blick vor allem für sich autonom entscheiden könnende behinderte Menschen geeignet erscheint, können und sollen auch Menschen mit Lernbehinderungen darin unterstützt werden, Persönliche Assistenz in Anspruch zu nehmen und dadurch zu einem möglichst selbstbestimmten Lebensstil zu finden.

Es wurde in dieser Arbeit allerdings bereits erläutert, dass die Politik speziell in Österreich an derart autonomen behinderten Menschen bisher nur wenig Interesse zeigt, beziehungsweise gar nicht weiß, wie sie mit diesen Autonomiebestrebungen umgehen soll. Während in Skandinavien, Deutschland, und in Großbritannien bereits erfolgreich mit Persönlichen Budgets, also mit Finanzmitteln, die direkt in der Verantwortung behinderter Menschen zur Verwendung für Persönliche Assistenz liegen, operiert wird, läuft die Finanzierung in Österreich über diverse Bundes- und neun Landesgesetze, sodass behinderte Menschen hierzulande je nach Wohnort mit völlig unterschiedlichen Bedingungen konfrontiert sind. Bis auf die Bundesländer Wien und Steiermark bekommen behinderte Menschen in Österreich die Gelder, mit denen ihre Assistenz bezahlt wird, nie direkt zu Gesicht. Das Misstrauen der Behörden ist groß, behinderte Menschen durch Geld direkt auf die Hand mit Autonomie und Eigenverantwortung auszustatten. Man "verwaltet" sie lieber. Das Pflegegeld, das eine einkommensunabhängige Pauschalzahlung für pflegebedingten Mehraufwand darstellt, reicht nicht für die Bezahlung von Persönlicher Assistenz. Der Stundensatz, der sich aus dem für die einzelnen Pflegestufen vorgesehenen Stundenausmaß errechnen lässt, beläuft sich zwischen drei und vier Euro während die minimalen Kosten für eine Stunde Persönlicher Assistenz, abgewickelt über eine Assistenzgenossenschaft, bei etwa 22 Euro liegen[29]. Wie die Diskussionen rund um den "Pflegenotstand" und 40.000 illegal beschäftigte ausländische Pflegekräfte in Österreich 2006 zeigten, ist das Problem nicht leistbarer Assistenz und Pflege nicht nur auf behinderte Menschen beschränkt, sondern betrifft in zunehmendem Maße ältere Menschen und deren Angehörige. Als Konsequenz verspricht das Regierungsprogramm der im Jänner 2007 in Österreich angelobten SPÖ-ÖVP-Koalition zwar Verbesserungen der Pflegesituation älterer Menschen, behinderte Menschen wurden in diesem Zusammenhang als eigene Zielgruppe allerdings nicht einmal erwähnt und also auch nicht wahrgenommen. Das Konzept Persönliche Assistenz bleibt auch im Unterkapitel "Behinderte Menschen" des Regierungsprogramms unerwähnt.[30]

So finden sich geeignete Rahmenbedingungen für Persönliche Assistenz, und das heißt vor allem ausreichende Finanzierung und existierende Anbieter-Organisationen, in Österreich derzeit nur dort, wo Gruppen besonders engagierter behinderter Menschen sich regional die Bedingungen dafür erkämpft haben, konkret in Wien, Linz und Innsbruck.

Der Kampf um Geldmittel und Rechtsgrundlagen für Persönliche Assistenz ist für viele behinderte Menschen also "tägliches Brot" und damit auch eines der zentralen Themen im Peer Counseling. Denn sind schon die Finanzierung und Organisation von Persönlicher Assistenz ArbeitgeberInnen, müssen Dienstpläne machen, Finanzmittel verwalten und in der täglichen beratungsintensive Themen, so ist es viel mehr dann noch das tägliche Leben mit Persönlicher Assistenz. Behinderte Menschen müssen plötzlich Management-Qualitäten zeigen: Sie sind Zusammenarbeit klare AuftraggeberInnen, gute KommunikatorInnen und immer wieder KonfliktlöserInnen sein. Das Leben mit Persönlicher Assistenz ist psychisch fordernd, schon wenn es gut geht. Treten Konflikte und Frustrationen auf, sind diese oft nur durch beraterische Hilfe von außen bewältigbar. Deswegen bieten gut und nach den Prinzipien der Selbstbestimmt Leben-Bewegung organisierte Assistenzgenossenschaften auch Schulungen für die AssistenznehmerInnen und Peer Counseling an.[31] Im Peer Counseling können Konflikte rund um die Persönliche Assistenz auf einer individuellen Ebene behandelt werden.

4.1. Beispiel einer Beratungssituation rund um Persönliche Assistenz

Ein Beispiel aus meinen eigenen Beratungen kann die Bedeutung von Persönlicher Assistenz als Peer Counseling-Thema verdeutlichen: Klientin 1 (in der Folge K1) zögert, den Konflikt mit einer Assistentin, die immer wieder unpünktlich ist und sich auch sonst in der Zusammenarbeit in einigen Bereichen nicht vereinbarungsgemäß verhalten hat, ihr gegenüber anzusprechen. Am liebsten würde sie sie sogar gleich kündigen, denn die Dinge, die sich die Assistentin zu schulden kommen hat lassen, wiegen schwer für die Klientin. Da die Klientin aber in einer ländlichen Umgebung zu Hause ist, in der es auch keine Assistenzgenossenschaft gibt, die sie beim Suchen von neuem Personal unterstützen würde, traut sich die Klientin nicht ohne weiteres die Assistentin zu kündigen. Bisherige AssistentInnen hatte sie sich immer selbstständig über Stellenanzeigen in lokalen Zeitungen gesucht. In der Beratung mit ihr kommen mehrere Dinge zur Sprache: wie kann der Schaden minimiert werden? Welche Bereiche in der Beziehung zur Assistentin sind noch gestaltbar? Wie kann die Klientin möglichst schnell zu einem größeren Netzwerk von Assistentinnen kommen, das auch den plötzlichen Ausfall einer Hilfskraft verträgt? Ist die Klientin sich selbst gegenüber aufrichtig und realistisch, was ihren tatsächlichen Hilfebedarf betrifft? Haben ihre periodischen depressiven Phasen der Selbstzweifel und der Krankheitsschübe eventuell einen Mitgrund in der Tatsache, dass sie bei der Schwere ihrer Behinderung zu wenig Assistenz in Anspruch nimmt bzw. zur Verfügung hat und dadurch überlastet ist? Oder nimmt sie die Überlastung bewusst in Kauf, um sich selbst (oder anderen?) ihre Autarkie zu beweisen?

An diesem Punkt kann Peer Counseling oft tief gehen, denn hier kommt es zur grundlegenden Frage des persönlichen Verhältnisses zur eigenen Behinderung, der eigenen Lebensgeschichte und Fragen, wie: Wie stark und identifiziert stehe ich hinter meiner Behinderung? Will ich sie eher verstecken oder kompensieren, oder kann ich damit auch in der Öffentlichkeit kongruent und authentisch umgehen? Bei Klientin 1 kam es in der Folge zum Beispiel zum Thema, wie selbstbewusst sie vor der Bezirksbehörde auftritt, wo es um die Genehmigung der Gelder für Persönliche Assistenz geht. Hier war zum Beispiel die Haltung der Klientin auffällig, ja nicht "zu viel" zu verlangen, ohne dass dieses Zuviel eine Definition erfahren hätte, und als ob es sich bei den angesuchten Assistenzgeldern um die Privatmittel der Sachbearbeiterin handeln würde, bei der die Klientin das Ansuchen stellte, und nicht um einen öffentlichen Etat, auf den die Klientin nach Maßgabe ihres Bedarfes sogar einen Rechtsanspruch hatte.

Über solche Fragen kommt man im Peer Counseling dann leicht in eine Diskussion der allgemeinen Lebensumstände behinderter Menschen, die - so jedenfalls meine Beobachtung - oft ihre eigenen Rechte und Möglichkeiten nicht kennen und manchmal eher eine Haltung demütiger Dankbarkeit einnehmen gegenüber ihrer nicht-behinderten Umwelt, statt selbstbewusst Rechte einzufordern. Das ist der Moment, wo Peer Counseling "ermächtigend" werden kann, wo die politische Dimension der "Leidenserfahrung", die Berater und Klientin gemeinsam haben, tragend wird. So arbeitete ich mit jener Klientin nach dem Abschluss des Beratungsprozesses in Folge bei der Gründung einer bundeslandweiten Assistenzgenossenschaft zusammen, eine freiwillige Arbeit, die aus dem Bewusstwerdungs- und Solidarisierungsprozess zwischen Berater und Klientin im Peer Counseling entstanden war.[32]



[27] Adolf Ratzka auf: www.stil.se

[28] Homepage der Wiener Assistenzgenossenschaft: www.wag.or.at/index.php?cont=6

[29] Preis laut WAG (Wiener Assistenzgenossenschaft), September 2010. Schließt Stundenlohn des Assistenten, alle Lohnnebenkosten und Overhead-Kosten der Assistenzgenossenschaft ein. Dies ist übrigens deutlich billiger als die Preise großer Hilfsorganisationen (z.B. Caritas, Volkshilfe, Rotes Kreuz), die bis zu 100% über diesem Stundensatz liegen und noch dazu nicht nach Selbstbestimmt Leben-Prinzipien organisiert sind, also zum Beispiel keine behinderten Menschen beschäftigen. Außerdem sind diese Organisationen meist auf ältere und nicht speziell auf behinderte Menschen als Zielgruppe ausgerichtet.

[30] Vgl. www.bizeps.or.at/news.php?nr=7455

[31] S. z.B. Fortbildungsangebot der WAG, Wiener Assistenzgenossenschaft: Moderierte Teamgespräche mit den KundInnen und ihren Persönlichen AssistentInnen, Fortbildungsreihe "Managen will gelernt sein", Begleitende Beratung und Reflexion zum Auftreten als ArbeitgeberIn, Konfliktmanagement, Umgang mit Nähe und Distanz; Peer-Groups für KundInnen etc. Vgl.: www.wag.or.at/index.php?cont=7

[32] Die Steirische Assistenzgenossenschaft (STAG) existierte von 3. Oktober 2006 bis 22. Oktober 2008. Sie musste wegen wirtschaftlicher und organisatorischer Inkompetenz der beiden Geschäftsführer den Konkurs anmelden. Derzeit (Stand September 2010) gibt es in der Steiermark keine Organisation, die Persönliche Assistenz nach Selbstbestimmt Leben-Kriterien anbietet.

5. Empowerment

"Empowerment ("Selbstbefähigung"; "Stärkung von Autonomie und Eigenmacht") - das ist heute eine Sammelkategorie für alle solchen Arbeitsansätze in der psychosozialen Praxis, die Menschen zur Entdeckung eigener Stärken ermutigen und ihnen Hilfestellungen bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie vermitteln."[33]

Das schreibt Norbert Herriger, Professor für Soziologie, auf einer eigenen Website zum Thema Empowerment. Empowerment ist heute ein weit verbreiteter Begriff und in Arbeiten dazu werden viele Seiten nur auf seine Definition verwendet.

Für uns hier ist wichtig, dass der Begriff nicht nur mit behinderten Menschen zu tun hat, sondern mit Bürgerrechts- bzw. Ermächtigungsbewegungen allgemein. So war es den Schwarzen rund um Martin Luther King um Empowerment zu tun, andererseits betreibt sogar die Weltbank Empowerment, wenn sie HandwerkerInnen in Entwicklungsländern Mikrokredite zur Verfügung stellt, um so die Hilfe zur Selbsthilfe anzukurbeln und damit Menschen in die Lage bringt, sich eigene wirtschaftliche Existenzgrundlagen zu schaffen.

"Einem anderen Menschen etwas zuzutrauen, heißt ihn ernst zu nehmen. In diesem Sinne gilt der Betroffene im Empowerment-Konzept als ‚Experte in eigener Sache'."[34] Sehr schön zeigt dieser Satz aus einem Empowerment-Lehrbuch, warum Empowerment, systemische Beratung und Peer Counseling viel miteinander zu tun haben.

Empowerment bezeichnet also einerseits etwas Aktives: Menschen - meist in einer Situation der Machtlosigkeit - organisieren sich, um gemeinsam etwas durchzusetzen. Sie beschaffen sich "power", sie "bemächtigen" sich selbst. Andererseits kann Empowerment auch durch berufliche HelferInnen "ermächtigend" zu bestimmten Personen gebracht werden und bezeichnet dann die Vermittlung von Selbstgestaltungskräften bzw. eines Rüstzeugs für eigenverantwortliches Lebensmanagement.[35] In diesem Fall werden die KlientInnen sozusagen passiv ermächtigt.

Im Peer Counseling passiert beides: Die Beraterin ermächtigt den Klienten, dieser befindet sich sodann in einer Situation weitere "selbstbemächtigende" Schritte alleine zu gehen. Durch seine Autonomie und ein öffentliches Eintreten für diese Position "ermächtigt" er wiederum die Gemeinschaft behinderter Menschen in ihrer Gesamtheit.

5.1. Beratungsbeispiel zu Empowerment

Ein Beispiel aus meiner eigenen Beratungspraxis - hier schon ein Stück weitergedacht - soll illustrieren, was ich meine: Klient K2, etwa 30 Jahre alt, hat durch einen Unfall eine Querschnittlähmung davongetragen. Nach der Entlassung aus dem Spital findet er vorerst nur in einem Altersheim Unterkunft, denn er braucht eine barrierefreie Umgebung und viel Assistenz. Im Peer Counseling erfährt er von Möglichkeiten, wie er mobile Persönliche Assistenz auch außerhalb einer Einrichtung finanzieren und organisieren könnte. Er bekommt konkrete Tipps von mir, dem ebenfalls mit einer Querschnittlähmung lebenden Berater, bezüglich Größe und Adaptierungsmöglichkeiten einer eigenen Wohnung (Peer Support). Gemeinsam werden Vor- und Nachteile des Ausziehens aus dem Heim durchgegangen und Rechte auf Förderungen erläutert. Hier passiert "Ermächtigung". Bestärkt in dem Bewusstsein, dass es überhaupt möglich ist in seiner Situation eigenständig zu wohnen, - etwas, was er ohne Peer Counseling gar nicht für möglich gehalten hätte - passieren die nächsten Schritte "selbstermächtigend" alleine. Er schaut mehrere Wohnungen an und entschließt sich schließlich zu einer Wohngemeinschaft mit zwei nicht-behinderten Studenten. Er zahlt mehr als die anderen für die Wohnung, die anderen übernehmen dafür einen Teil seiner Assistenz. Indem er nun selbstbestimmt (und immer selbstbewusster) in einer "normalen" Umgebung lebt, nimmt ihn auch seine Umwelt nach anfänglicher Unsicherheit als "normalen" Mitbewohner der Wohnanlage wahr, es entstehen nachbarschaftlich-freundschaftliche Beziehungen. Er ist damit in eine auch für nicht-behinderte Menschen gültige Lebenswelt integriert. Nachbarn denken vielleicht so: Aha, man kann also auch im Rollstuhl ein normales, aktives Leben führen. Ab diesem Moment trägt die integrierte Lebenssituation des Klienten sogar zu einer über ihn hinausgehenden Ermächtigung des Kollektivs behinderter Menschen bei, denn nicht-behinderte Mitmenschen von K2 nehmen sich ein positiv besetztes Bild eines "normal" lebenden behinderten Menschen mit. Stereotype der Hilflosigkeit, des Defizits, der Außenseiterrolle werden damit unterlaufen und von einem positiv besetzten Bild abgelöst. Empowerment ist passiert, gesamtgesellschaftliche Paradigmenwechsel kommen in Gang. Das alles kann Peer Counseling! Und so schreiben auch Bill und Victoria Bruckner: "Die starke Übermittlung einer mächtigen inneren Kraft ist einer der wichtigsten politischen Aspekte von Peer Counseling."[36]



[33] Norbert Herriger: www.empowerment.de/index.html

[34] Georg Theunissen,/ Wolfgang Plaute: Empowerment und Heilpädagogik. Ein Lehrbuch. Freiburg in Breisgau 1995, zit. nach: www.a-wagner-online.de/empowerment/emp2.htm

[35] Vgl. Norbert Herriger: www.empowerment.de/grundlagentext.html

[36] Bill und Victoria Bruckner: Peer Counseling. Wie es von Menschen mit Behinderungen zur fortschreitenden Selbstbestimmung angewandt werden kann. Kopierte Arbeitsunterlage zum Peer Counseling-Einführungskurs vom 11.-13. Oktober 2004 bei BIZEPS, Wien. San Francisco 1993., Abschnitt 6.6.4.

6. Der Beratungsprozess mit Klientin 1 und das Konzept der Neutralität

Im Folgenden will ich einen längeren, zusammenhängenden Beratungsprozess mit einer behinderten Klientin präsentieren, um zu analysieren, ob darin beobachtete Eigenheiten schon als typische Wesensmerkmale des Peer Counseling gelten können. Besonders interessiert mich dabei, ob das systemische Konzept der Neutralität im Peer Counseling aufrecht zu erhalten ist.

Der Beratungsprozess mit Klientin 1 (in der Folge K1) war mein erster mit einer behinderten Klientin und gleichzeitig einer der ersten zusammenhängenden Beratungsprozesse während meiner Übungsphase für die Ausbildung. Er dauerte ein halbes Jahr lang und erstreckte sich über sieben Einheiten, von denen vor allem die letzten länger dauerten als 50 Minuten. "Fühle mich in meiner Kraft beim Thema Behinderung"[37], schrieb ich in der persönlichen Reflexion im Protokoll über die erste Einheit.

6.1. Die Klientin und die Themenwahl

K1 war zum Zeitpunkt der Beratung 39 Jahre alt und wegen einer rheumatischen Erkrankung bereits seit über zehn Jahren im Rollstuhl. Die Klientin war auch gerade dabei eine Lebens- und Sozialberaterinnen-Ausbildung zu machen, so kam es auch zu unserer Kontaktaufnahme, da eine gemeinsame Bekannte ihr von mir erzählt hatte.

Folgende Themen formulierte K1 als Anliegen für die Beratung: die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin: "Traue ich mir das zu?" Sie wollte Austausch darüber, wie es mir, (Sebastian Ruppe), damit ging. Das Leben mit Persönlicher Assistenz. "Ich als Frau im Rollstuhl.": Die Klientin hatte nach einer geschiedenen Ehe gerade eine weitere Trennung hinter sich und sah einen Zusammenhang zum Thema Behinderung: "Immer werde ich durch nicht-behinderte Frauen ersetzt." Dazu wollte sie Trauerarbeit machen.

Mir als Berater ist rückblickend vor allem folgendes Thema der Klientin stark in Erinnerung geblieben: Wie kann sie selbstbewusster um Hilfe bitten? Dieses Thema begegnete der Klientin in vielen Bereichen ihres Lebens: bei Ausflügen mit der Familie, in ihrer eigenen Wohnung mit den Persönlichen Assistentinnen, in der Arbeit, auf Reisen und selbst im Beratungssetting mit mir. Hier ein Auszug aus dem Protokoll, das ich über die zweite Sitzung verfasst habe: "Dann merke ich, dass sie Schwierigkeiten mit ihrer Tasche hat, frage sie, ob sie's bequem hat, erinnere sie, dass das jetzt ihre Zeit ist, ‚ertappe' sie, dass sie erst dann sich traut, mich um Hilfe zu bitten."[38] Oder ein Beispiel aus der dritten Sitzung: Ich biete der Klientin einen Tee an, sie lehnt ihn aber ab, weil sie keine Strohhalme mitgebracht hat, die sie zum Trinken braucht. Schließlich finden wir eine Lösung mit einem improvisierten Strohhalm bei mir, sie genießt den Tee. In der persönlichen Reflexion zu jener Stunde habe ich notiert: "Es ist wieder das Thema: lass' ich mir helfen oder versteck' ich meine Behinderung? [...U]nterdrücke ich meine Bedürfnisse ganz, nur um anderen keine Mühe zu machen?"[39]

Aus dem Thema des selbstbewussten Umganges mit der eigenen Hilfsbedürftigkeit heraus kamen wir auch auf Persönliche Assistenz zu sprechen. Dieses Thema sollte uns sogar über die sieben Beratungseinheiten hinaus begleiten. Denn auch nach dem Abschluss der Beratungen mit K1 kam es zu weiteren freundschaftlichen Treffen mit der Klientin. Ein dreiviertel Jahr nach Ende der Beratung arbeiteten wir im Rahmen der Gründung einer Steirischen Assistenzgenossenschaft zusammen mit anderen behinderten Menschen. Außerdem leiteten wir später gemeinsam ein Seminar zum Thema "Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz" sowie ein weiteres zum sozial kompetenten Umgang mit behinderten Menschen. Da ich die Klientin bis heute drei bis vier Mal pro Jahr auch privat treffe, kann ich sagen, dass sie in der Zeit nach der Beratung ihr Assistenznetz ausgebaut hat und aus meiner Sicht professioneller mit dem Thema Persönliche Assistenz umgeht, als zu dem Zeitpunkt, als ich sie kennen gelernt hatte.

6.2. Rollen-Ambivalenz, direkte Tipps und die Neutralität des Beraters

Stark spürbar war für mich während des ganzen Beratungsprozesses die Ambivalenz, wer ist hier BeraterIn, wer KlientIn? Alle sieben Einheiten waren durch diese Rollenunschärfe geprägt, und bei einer Revision der Protokolle merke ich, dass ich oft darum ringen musste, in diesem Punkt "klare Verhältnisse" zu erzeugen. Hierzu einige Zitate aus meinen Aufzeichnungen:

"Ich sehe mich bei ihr einer Klientin gegenüber, die gerne direkte Tipps von mir will. Da wir in einer ähnlichen Situation sind, macht das auch durchaus manchmal Sinn, jedoch versuche ich, mehr ihr eigenes Erleben anzusprechen. [...] Als sie vorschlägt, wir sollen die Situation auch umdrehen, wird mir das zu viel und ich sage, entweder, oder. Entweder sie ist K und ich Berater, oder wir treffen uns als 2 Bekannte und tauschen uns aus, da kann ich mir dann auch vorstellen, dass wir was üben gemeinsam [die Klientin hatte vorgeschlagen beraterische Interventionen gemeinsam zu üben, Anm. SR]. Schließlich wird die Stunde aber doch wieder eher eine Beratungsstunde[40]."

Bei der Lektüre dieses Protokolls, kann ich das Dilemma nacherleben, das ich damals spürte. Einerseits lernte ich in der systemischen Ausbildung viel zu den Themen Neutralität des Beraters, Abgegrenztheit des Settings, klarer zeitlicher Rahmen, andererseits hatte ich es hier mit einer Klientin (oder eben nicht Klientin im klassischen Sinne?!) zu tun, der es vor allem um einen freundschaftlichen Austausch über - wie sie zurecht annehmen konnte - ähnliche Lebenswelten (Behinderung, Rollstuhl, LSB-Ausbildung) zu tun war. Die Klientin kam an-fangs nie pünktlich und machte unter anderem (s. oben) den Vorschlag, die Rollen Berater-Klientin zu tauschen. Interessanter Weise wäre selbst mir dieser Zugang durchaus angenehm gewesen, wie ich in der Persönlichen Reflexion zu Gespräch 3 vermerkt habe: "Ich merke, wie ich in dieser Stunde ziemlich die Leitung des Prozesses aufgebe. Das mag daran liegen, dass ich gar nichts dagegen hätte, wenn wir uns nur so sähen, als befreundete Bekannte sozusagen."[41]

6.2.1. Typisch Peer Counseling?

Sind die Rollenunschärfe zwischen BeraterIn und KlientIn sowie der Austausch gegenseitiger Ratschläge schon typische Merkmale des Peer Counseling? Ja und nein. Ja, weil direkte Tipps (in diesem Fall hatte ich K1 die Adresse einer barrierefreien Unterkunft für einen Aufenthalt in Linz genannt) im Setting des Peer Counseling Sinn machen und erlaubt sind. Man spricht hier von Peer Support.[42] Aufgrund der kollegialen Verbindung, die sich aus der nicht alltäglichen Gemeinsamkeit behindert zu sein ergibt, ist auch das Hierarchiegefälle zwischen BeraterIn und KlientIn, selbst wenn sich diese noch nie zuvor gesehen haben, nie so groß wie in der Beratung zwischen nicht-behinderten Menschen. Außerdem hat die systemische Haltung, dass die Klientin Expertin für ihre eigenen Probleme ist, zur Folge, dass sie auch für das Thema Behinderung Expertin ist, und so komme ich als behinderter Berater hier in die Situation, dass ich einerseits Neutralität wahren will, andererseits in mir als selbst Betroffener ein sehr vitales Interesse angesprochen wird, mehr auch über den Umgang der Klientin mit ihrer eigenen Behinderung zu erfahren. Denn das Wissen zwischen zwei behinderten Menschen ist, wie ich schon an anderer Stelle dieser Arbeit betont habe, immer wertvoll. Es kann sich dabei zum Beispiel um direkte Informationen handeln, bei welcher Stelle welche Förderungen gewährt werden, oder welche neuen technischen Hilfsmittel auf dem Markt sind, bis hin zu medizinisch-therapeutischen Fortschritten, die dem einen Peer bereits zu Ohren gekommen sind, während der/die andere noch nichts davon weiß. Wissen ist Macht, dies gilt vor allem innerhalb der relativ kleinen "community" der behinderten Menschen[43], die auch deswegen auf die direkte mündliche Weitergabe von Informationen angewiesen ist, weil ihr von offizieller Seite oft sogar bewusst Informationen vorenthalten werden.[44] Der/die behinderte BeraterIn spürt also Lust an einem egalitären Austausch mit seinem/ihrem behinderten Gegenüber. Diese Erfahrung machte ich nicht nur im Beratungsprozess mit K1 sondern dann auch später in meiner Arbeit mit anderen behinderten KlientInnen. Wenn wir uns an die im vorherigen Kapitel beschriebenen Ursprünge des Peer Counseling in Berkeley erinnern, wo es vor allem um das Zuhören mit wechselnden Rollen ging, sind dieses Wechseln der BeraterInnen auf eine von Eigeninteresse und Neugier an eigenem Wissensgewinn geprägte freundschaftliche Ebene mit den KlientInnen und in der Folge der Austausch von konkreten Tipps durchaus typische Wesensmerkmale des Peer Counseling. Damit ist natürlich auch eine gewisse Rollenunschärfe in Bezug auf die Frage, wer berät hier wen, prädestiniert.

Andererseits - und deswegen ein Nein auf die Frage, ob die spürbare Ambivalenz in Bezug auf die Rollen BeraterIn-KlientIn in meinem Beratungsprozess mit K1 ein typisches Merkmal des Peer Counseling sei - darf nicht vergessen werden, dass die zur Diskussion stehenden Beratungen schon im Wissen begonnen wurden, dass es sich dabei um Übungsberatungen handelte. Es bestand also von Seiten der Klientin kein explizit formulierter Beratungsbedarf, eher eine diffuse Neugier im Sinne eines: Wie geht es Dir mit der Behinderung, wie geht es Dir mit der LSB[45]-Ausbildung? Auch meine Rolle war nicht die des "alteingesessenen", routinierten Beraters, sondern ich stand am Anfang eines Ausbildungs- und Übungsprozesses. Es fand bis auf die letzte Stunde keine Bezahlung statt. Auch dadurch, und vor allem durch die Überschneidung, beide behindert, beide etwa gleiches Alter, gleiche Zeit im Rollstuhl und beide LSB-KandidatInnen, war die Beratungsebene aus meiner Sicht eher horizontal gelegt, als dass sie von einem starken Wissens- bzw. Erfahrungsgefälle geprägt gewesen wäre. Auffällig dazu ist allerdings die Tatsache, dass die Klientin mehrmals während der Beratungen betonte, dass sie zu mir aufschaue und dass ich ein Vorbild für sie sei. Öfters versuchte ich in den Beratungen genau hier anzusetzen und an einem verstärkten Selbstbewusstsein der Klientin zu arbeiten.

Heute weiß ich, dass die Vorbildwirkung, die von den BeraterInnen im Peer Counseling ausgeht, ebenfalls ein typisches Wesensmerkmal des Peer Counseling ist, und kann dieses Wissen auch besser als damals in meiner ersten Peer-Beratung mit K1 fruchtbar machen.

6.3. Systemische Neutralität und das erweiterte Neutralitätsverständnis im Peer Counseling

Wie vertragen sich diese Eigenheiten nun aber mit den Grundsätzen systemischer Beratung, speziell mit dem Konzept der Neutralität? "Neutralität ist für systemische Berater zum einen eine Voraussetzung, um von allen Beteiligten als kompetent akzeptiert zu werden, zum anderen, um nicht unterschiedslos in bestehende Beziehungsmuster eingebaut zu werden."[46] Das schreiben Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer in ihrem "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung". Wenn sie "von allen Beteiligten" schreiben, meinen sie das Setting einer Familientherapie mit mehreren KlientInnen gleichzeitig, die Aussage hat aber auch für die Einzelberatung Gültigkeit. Dieselben Autoren führen aus, dass sich das Verständnis von Neutralität seit der Einführung des Konzepts durch die Mailänder Schule in mehr als zwei Jahrzehnten systemischer Beratung gewandelt hat. Postulierten Selvini Palazzoli und KollegInnen Anfang der achtziger Jahre noch einen distanzierten, emotionslosen und unpersönlichen Beratungsstil, so wird dies heute zunehmend als kritisch gesehen und der Aufbau einer warmen, empathischen Beziehung als "bedeutsame Grundlage für die Kooperation im Therapieverlauf" betrachtet.[47] In dieser warmen, empathischen Beziehung hat das kollegiale Verhältnis zwischen BeraterIn und Klientin im Peer Counseling seinen berechtigten Platz, glaube ich. Schweitzer und Schlippe meinen außerdem, dass Neutralität weniger eine Frage der Absicht als vielmehr der Wirkung sei, das heißt, nicht so sehr die theoretische Position zählt, als vielmehr der Eindruck der bei den KlientInnen zurückbleibt. Der Berater kann sich also durchaus in einer Sache emotional engagieren, wichtig im Sinne systemisch verstandener Neutralität sei nur, dass im Gesamteindruck für die KlientInnen offen bleibe, für welche Position der Berater steht.[48]

Als Argument für die Gültigkeit eines erweiterten Neutralitätsbegriffes im Peer Counseling ins Treffen führen ließe sich hier auch sicher die Haltung von Carl Rogers, der Empathie und Kongruenz als essentiell für den Aufbau der therapeutischen Beziehung bezeichnet:

"Echtheit oder Kongruenz

Dies ist die grundlegendste unter den Eigenschaften des Therapeuten, die den positiven Verlauf einer Therapie fördern. Eine Therapie ist mit größter Wahrscheinlichkeit dann erfolgreich, wenn der Therapeut in der Beziehung zu seinem Klienten er selbst ist, ohne sich hinter einer Fassade oder Maske zu verbergen. [...] Es bedeutet, dass der Therapeut er selbst ist und sich nicht verleugnet."[49]

Wäre es also kongruent, würde ich mir in einem Beratungsgespräch mit einer Rollstuhlfahrerin die mir auf der Zunge brennende Frage unterdrücken, ob die Badezimmer in einem Quartier, das sie erwähnt und das mich auch als mögliche Urlaubs-Destination interessiert, rollstuhlgerecht ausgestattet sind oder nicht? Sicher nicht! Bringe ich die Frage aber ein, könnte in der Folge in einem Peer Counseling-Setting dann zum Beispiel bei der Klientin die Frage auftauchen, welchen Duschrollstuhl[50] ich verwende. Mit der Antwort darauf ist meine Aufmerksamkeit dann auch schon wieder bei der Klientin. Die entsprechende Information kann für die Klientin eventuell eine große Erleichterung im Umgang mit ihrer Behinderung darstellen. Es wäre nicht zu diesem Informationsaustausch gekommen, hätte ich mir als Berater die vorhergehende Frage unterdrückt mit dem Hintergedanken neutral wirken zu wollen, Eigeninteressen hintan zu stellen, nicht von mir persönlich zu sprechen. Maxime für den Berater in solchen Situationen sollte allerdings sein, glaube ich, respektvoll mit dem Zeitbudget und den eingebrachten Fragen der KlientInnen umzugehen und das Eigeninteresse hintanzustellen. Eine Möglichkeit, die ich in diesem Zusammenhang zum Beispiel praktiziere, ist mein Interesse zwar anzusprechen, einen längeren Austausch über nicht direkt beratungsrelevante Themen aber auf außerhalb der Beratungszeit zu verschieben.

Speziell für das Setting des Peer Counseling spricht mich persönlich die Haltung "respektvoller Neugier" an, die Cecchin, ein Mitglied des Mailänder Teams, in Arbeiten der späten achtziger Jahren als bewusste Weiterentwicklung des rigiden Neutralitätskonzeptes formuliert hat. Diese Haltung der systemischen Neugier, welche die Unwissenheit des Therapeuten als Ressource nutzt, interessiert sich für die jedem System immanente Eigenlogik und sieht diese als weder gut noch schlecht, sondern schlicht als wirksam an, weil sie sich für dieses System offensichtlich evolutionär bewährt hat.[51]

"Wir [...] sind aufgefordert dieses Nicht-Wissen [...] dazu zu nutzen weitere Puzzle-Varianten zu fördern und die vorschnelle Schließung des Dialogs zu verhindern [...] Fragen wir von einer Perspektive des Wissens, geleitet von Theorien oder eigenen Verstehenskonzepten, so erfragen wir damit die Geschichte, die bereits in unserem Kopf ist"[52]....

...schließen Schweitzer und Schlippe, Epstein zitierend, ihre Ausführungen zum Konzept der "nicht wissenden Neugier". Ich denke, angewandt auf das Peer Counseling, hat gerade in diesem respektvollen Nichtwissen auch der freundschaftliche Informationsaustausch zwischen BeraterIn und KlientInnen seine theoretische Berechtigung und seinen praktischen Platz.

6.4. Neutralität des Ortes

Nach der vierten Stunde, die wir in einem Seminarraum auf der Universität abhielten, notierte ich zufrieden: "Das war heute eine gute Stunde, da nicht so ausufernd, da ich gut Ziel und Auftrag einfangen konnte. Wir hielten auch den zeitlichen Rahmen gut ein und die Rollen, ich Berater, sie Klientin sind fürs erste Mal klar! Der neutrale Ort half mir auch!"[53]

Der neutrale Ort, den ich in dieser Reflexion erwähne, war in diesem Fall ein Seminarraum auf der Grazer Universität, wo ich angestellt bin. Die Stunden davor hatten wir bei mir zu Hause gemacht, rückblickend mit Sicherheit ein problematischer Faktor, wie sich auch aus dem Protokoll der darauf folgenden Stunde herauslesen lässt, als ich den wohl schlimmsten Faux Pas meiner Übungsphase beging und mit der Klientin K1 im Schlafzimmer meiner Wohnung arbeitete, weil zur selben Zeit ein Freund in meinem Wohnzimmer anwesend war. Das Protokoll über diese Einheit liest sich auch entsprechend aufgewühlt und selbstkritisch: "generell unzufrieden mit der Stunde vor allem wegen des Raumes, [...] Scheiße, Stunde ungenutzt vorbei, [...] lass mich beim Familienthema stark ins Problem hineinziehen"[54].

Die Neutralität des Ortes im Sinne eines für beide von besonders persönlichen oder gar intimen Referenzen (wie das persönliche Bett des Beraters) freien Raumes ist, das weiß ich nach nun absolvierten 75 Übungsberatungen noch besser als im Moment jener vierten Beratungseinheit mit K1, ein zentraler Faktor für die Ermöglichung einer guten Gesprächsatmosphäre. In den letzten beiden Stunden berücksichtigte ich dies auch mit der Klientin K1 und arbeitete mit ihr nur mehr außerhalb der Wohnung.

Der Grund, warum sich für mich als schwer mobilitätsbehinderten Berater die eigenen vier Wände als Beratungsort aufdrängen, ist andererseits auch logisch. Jede Fortbewegung für mich außerhalb der Wohnung ist extrem mühsam, auch der Transfer in das und aus dem eigenen Auto. Schnee, Regen und tiefe Temperaturen verkomplizieren die Mobilität nochmals. Auch barrierefreie Toiletten sind außerhalb der eigenen adaptierten Wohnung schwer zu finden bzw. oft nicht so ausgestattet, wie es die Behinderung erfordert.

Wer also wirklich Peer Counseling als selbstständiger Berater anbieten will, tut gut daran dies in einer barrierefreien Praxis zu tun, die nicht mit der eigenen Wohnung ident ist. Die Barrierefreiheit der Praxis ist im Peer Counseling schon wegen der zu erwartenden Klientel ein Muss.

6.5. Das Ende des Beratungsprozesses mit Klientin 1

Der Beratungsprozess nahm interessanter Weise ab dem Zeitpunkt ein Ende, wo ich mich dazu entschloss, in Zukunft Geld für die Beratungseinheiten zu verlangen. In einem Email an die Klientin nach der sechsten Sitzung kündigte ich an, ab der nächsten Sitzung zehn Euro pro Einheit verlangen zu wollen. Meine Motivation war, ein professionelles Setting zu forcieren, damit die spürbare und mir unangenehm gewordene Ambivalenz BeraterIn-KlientIn aufzulösen und eventuell auch in der Auftragsklärung einen Schritt weiter zu kommen. Bereits vor der siebenten Sitzung ließ mich die Klientin daraufhin wissen, dass diese für sie definitiv die letzte Einheit sein werde. Sie brachte mir in dieser letzten Einheit - so wie auch in den beiden ersten - ein Geschenk mit und überreichte auch die vereinbarten zehn Euro in einer geschenksähnlichen Verpackung, was für mich nochmals deutlich machte, dass sie während des ganzen Prozesses ebenfalls in der Ambivalenz "bin ich hier Beraterin oder Klientin?" gefangen gewesen war.

Gleichzeitig betonte sie, dass sie sich umgekehrt nie getraut hätte von mir Geld zu verlangen, was in dieser letzten Einheit noch zu einem guten Gespräch über ihr Selbstverständnis als Beraterin führte. Auszug aus dem Protokoll der letzten Beratungsstunde: "Positiv auch die ersten Reaktionen ihrer Klientinnen (‚allein Dein Zuhören wirkt'), ich mache sie darauf aufmerksam."[55]

6.7. Zusammenfassung

Der Beratungsprozess mit K1 war für mich ein schönes Erlebnis, aber auch in verschiedener Hinsicht herausfordernd. Die Klientin war meine erste überhaupt, ich war sicher bezüglich mancher Abläufe angespannter, als ich es heute wäre. Schwierig war vor allem, dass sie mich ständig in eine Vorbildrolle drängte und sich dabei selbst klein machte. Es war nicht einfach, sie sehen zu machen, dass sie selbst vieles gut machte und leistete. Das Problem der Rollenambivalenz war für mich schwer in den Griff zu bekommen, ich versuchte es manchmal mit einem mir heute aggressiv und autoritär anmutenden Beratungsstil. Beispiel einer Intervention aus der vierten Stunde: "Entziehe ihr durch Abdecken ihre schriftliche Unterlage, ‚meine Stütze' sagt sie gleich."[56] Heute würde ich KlientInnen wahrscheinlich nicht mehr "ihre Stützen" entziehen, sondern mit systemischer Neugier nachfragen, wozu die Stützen dienen und was passieren würde, falls sie nicht mehr zur Verfügung stünden.

In Bezug auf die von mir während dieses Peer Counseling-Prozesses wahrgenommene Rollenunschärfe zwischen beratendem und beratenem Pol mag die Situation, dass die Klientin zu dieser Zeit selbst eine Lebensberaterinnenausbildung absolvierte, zwar einerseits verstärkend auf die Rollenambivalenz gewirkt haben, andererseits war die Klientin so auch vorsensibilisiert für Abläufe und Techniken in einem Beratungsprozess. So funktionierten zum Beispiel Entspannungsübungen sehr gut mit dieser Klientin, weil sie eine hohe Bereitschaft hatte, sich darauf einzulassen.

Unsere gemeinsame Arbeit endete bezeichnenderweise mit bewusst erlebten vier Minuten Schweigen. Im Protokoll der letzten Stunde vermutete ich, dass der Grundstein für eine "gleichberechtigte" Freundschaft nun gelegt sei.[57] Zweieinhalb Jahre später kann ich das nur bejahen. Wir treffen uns regelmäßig, manchmal "schenken" wir uns eine Beratungseinheit gegenseitig, oder einfach nur aufmerksames Zuhören am Telefon, wodurch wir uns schon gegenseitig in mancher schwierigen Situation geholfen haben. Persönliche Schlussbilanz für mich über die Beratungen mit K1: positiv! Habe viel dazugelernt.



[37] Protokoll vom 15. März 2004, S.3.

[38] Zitat aus dem Gesprächsverlauf der 2. Sitzung, Protokoll vom 29. März 2004, S.3.

[39] Zitat aus Persönliche Reflexion zur 3. Sitzung, Protokoll vom 19. April 2004, S.3.

[40] Zitat aus Persönliche Reflexion zur 3. Sitzung, Protokoll vom 19. April 2004, S.3.

[41] Protokoll vom 19. April 2006, S.3.

[42] Siehe dazu auch Abschnitt 2.1.1. dieser Arbeit.

[43] Die Europäische Union geht von einem Anteil von 10% behinderter Menschen an der Gesamtbevölkerung der Union aus.

[44] Mir sind mehrere Bemerkungen von BeamtInnen aus österreichischen Sozialressorts bekannt, alle mit dem Tenor: "Wenn alle kämen, die Anspruch hätten, wäre der österreichische Sozialstaat längst pleite..."

[45] LSB: Lebens- und Sozialberatung

[46] Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht 2003. 9. Aufl., S.119.

[47] Vgl. ebda.

[48] Vgl. ebda.

[49] Carl R. Rogers: Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. Frankft./M.: Fischer 2004, 18. Aufl., (Reihe: Geist und Psyche.), S.30f., Hervorhebung original.

[50] Ein Rollstuhl aus Plastik und anderen rostfreien Materialien, der das Überfahren von WCs und das Befahren von schwellenlosen Duschen ermöglicht. Am Markt sind eine Reihe von Modellen, manche davon sind zerlegbar und damit für Reisen geeignet.

[51] Vgl. von Schlippe / Schweitzer (2003), S. 121.

[52] E. Epstein: The Narrative Turn, 1996, zit. n. von Schlippe / Schweitzer (2003), S.121f.

[53] Protokoll vom 11. Mai 2004, S.2.

[54] Protokoll vom 16. Juni 2004, S.2. u. S.4.

[55] Protokoll vom 14. September 2004, Interventionen und Aufgaben, S.2.

[56] Protokoll vom 11. Mai 2004, S.2.

[57] Vgl. Protokoll vom 14. September 2004, Persönliche Reflexion, S.2.

7. Der Beratungsprozess mit Klient 2 und die "Falle" als Berater Experte zu sein

Der Beratungsprozess mit dem Klienten K2, 35 Jahre, Rollstuhlfahrer mit Querschnittlähmung nach einem ungeklärten Sprung oder Sturz aus einem Fenster, dauerte genau eine Doppeleinheit lang, soll hier aber trotz dieser Kürze zur Sprache kommen, da er ein gutes Beispiel für eine der "aufgelegten Fallen" im Peer Counseling abgibt. Es ist dies die Falle, wenn BeraterInnen mit KlientInnen eine große Menge an behinderungsspezifischer Erfahrung teilen und sich verführen lassen auf Problemschilderungen des Klienten oder der Klientin sofort mit Lösungsvorschlägen aus der eigenen "Lösungsschatzkiste" zu reagieren. Dies ist selbstverständlich auch in der "normalen" Beratung eine Gefahr, im Peer Counseling scheint es aber besonders häufig zu passieren, wie ich später noch genauer zeigen will.

In der hier zur Diskussion stehenden Einheit mit K2 hatte ich unmittelbar im Anschluss an die Stunde stark den Eindruck zu direktiv, zu stark "ratschlagend" - nach dem Motto "auch Ratschläge sind Schläge" - agiert zu haben, wie ich anhand von selbstkritischen Zitaten aus meinem Protokoll über die Sitzung zeigen möchte.

7.1. Vorgeschichte: Klient oder "Besucher"?

Vom Klienten K2 hatte ich schon mehrmals gehört, bevor wir uns das erste Mal trafen. Ein anderer Rollstuhlfahrer, mit dem ich peripher bekannt bin, hatte mir K2 per Telefon und Email quasi "ans Herz gelegt", mich gebeten, mich um ihn zu kümmern, er selbst würde das schon eine geraume Zeit lang tun, es ginge vor allem darum, ihm Lebensmut zu vermitteln, ihn über Förderungen aufzuklären und mit ihm daran zu arbeiten, ihn aus seiner derzeitigen Wohnsituation zu "befreien"[58]. K2 lebte seit seiner Entlassung aus dem Rehabilitationszentrum in einem Altersheim, da er vorerst nur dort die für ihn unerlässlichen Bedingungen Barrierefreiheit und Pflege vor Ort vorgefunden hatte. Als ich daraufhin einwilligte, dass der befreundete Rollstuhlfahrer selbstverständlich meine Telefonnummer an K2 weitergeben könne und ich für eine Beratung gerne zur Verfügung stünde, hatte ich, wenn ich es jetzt im Nachhinein genau bedenke, eigentlich bereits stillschweigend einen Auftrag eines Dritten angenommen, der lautete: Ändere mit diesem Klienten dessen Wohnsituation!

Der Klient meldete sich dann einige Tage später per Telefon und wir vereinbarten eine Stunde bei mir zu Hause. Zu dieser Stunde kam er um gute 30 Minuten zu spät und wunderte sich, dass es mir zunächst darum zu tun war, den zeitlichen Rahmen zu klären. Er wunderte sich einerseits darüber, dass ich ein aktives Leben führte, in dem eine halbe Stunde auf oder ab eine Rolle spielte, andererseits wurde eigentlich schon in dieser Situation deutlich, dass es sich bei K2 eher um einen durch Dritte geschickten "Besucher" und nicht um einen ausschließlich aus eigenem Antrieb heraus Rat suchenden "Klienten" handelte. Dies kann ich jetzt im Nachhinein mit unverstelltem Blick gut sagen, in der Situation selbst war es mir an jenem Tag allerdings nicht genau bewusst.

7.2. Beratungsverlauf

Mein erster Eindruck vom Klienten war auch verschieden von der Vorstellung, die ich mir gemacht hatte. Statt eines deprimierten, "gebückten" Rollstuhlfahrers erlebte ich einen sportlich wirkenden gut aussehenden jungen Mann mit einem farbenprächtigen Pullover, der obwohl erst seit zehn Monaten im Rollstuhl, einen Gutteil des (ansteigenden) Weges zu mir im eigenen, ebenfalls sehr sportlich wirkenden Rollstuhl zurückgelegt hatte, nachdem er zuvor öffentliche Verkehrsmittel alleine verwendet hatte. Dies ist mit einer tetraplegischen Lähmung so kurz nach der Erstrehabilitation als starke, mutige Leistung zu beurteilen, aus der sich auch die Verspätung des Klienten erklären ließ, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Für mich war es aus diesem Wissen heraus letztlich auch kein Problem den vereinbarten Zeitrahmen zu überziehen, auch weil ich selbst Interesse an der Stunde, nicht zuletzt in Hinblick auf die für den Abschluss meiner Ausbildung noch notwendigen Beratungsprotokolle hatte.

Die Stunde lief, stark zusammengefasst, wie folgt ab: Joining über die vom jeweils anderen gefahrene Rollstuhlmarke, Besichtigung meiner Wohnung, Austausch über verwendete Hilfsmittel. Dann erzählte der Klient die Vorgeschichte, die ihn zu mir geführt hatte: schon vor dem Unfall, der ein Sturz aus einem Fenster, wie von einem anderen Ich gesteuert, gewesen sei, war der Klient oft depressiv gewesen, hatte unter Panikattacken gelitten und auch bereits Gesprächstherapie gemacht. Er erzählte, dass er aus dem Heim in eine eigene Wohnung ziehen wolle, aber nicht wisse, wie er das finanzieren solle, wie er an die notwendige Assistenz kommen könne. Dann sprach er von seinen Depressionen, vom Wunsch wieder einer Arbeit nachgehen zu können, gleichzeitig von seiner Antriebslosigkeit, von seinen Träumen von früher, die in Richtung einer Biolandwirtschaft gegangen waren.

Ich konzentrierte mich anfangs - ganz gemäß dem "unsichtbaren" Auftrag durch den gemeinsamen Freund - auf das Thema "Raus aus dem Heim, rein in eine eigene Wohnung", wobei ich sogar eine frei stehende Wohnung im Bezirk, wo der gemeinsame Freund wohnte, ins Spiel brachte, und damit zu einem gewissen Anteil wieder fremdgelenkt agierte, denn der gemeinsame Freund schien es sich geradezu zu wünschen, dass sein "Schützling" K2 in seine Nähe ziehen möge. Es war auch er gewesen, der mir die Information über diese Wohnung gegeben hatte. Mir stand in diesen Momenten der Beratung sehr stark der Glaubenssatz vor Augen: "So ein junger Mann kann ja wirklich nicht zwischen lauter alten Menschen in einem Heim wohnen."

Was ich dabei im Gespräch mit dem Klienten überhörte, - wie ich im Nachhinein analysierte - war, dass K2 mehrmals einwendete, jene Wohnung wäre zu groß, er wüsste nicht, wie er das finanzieren sollte, es ginge auch um die Leistbarkeit persönlicher Assistenz.

An diesem Punkt der Beratung griff ich sehr stark auf meine eigene Erfahrung zurück, die mir sagte, dass mit entsprechenden Anträgen und Förderungen sowohl Assistenz als auch Wohnen für den Klienten leistbar sein sollten. Und so "verordnete" ich ihm, während ich selbst aufs WC gehen musste, sich an meinen Schreibtisch zu setzen und sich dort im Internet auf meinem Computer das Steiermärkische Behindertengesetz durchzulesen, in dem genau aufgelistet ist, auf welche Hilfen Menschen mit Behinderung in der Steiermark einen Rechtsanspruch haben.

7.3. KlientInnen brauchen Zeit für eigene Lösungen

Diese sehr direktive Vorgehensweise in der Beratung schien mir kurz nach der Sitzung als etwas zu aufdringlich. Ich hatte dabei möglicherweise Folgendes übersehen: Es machte für den Klienten in seiner momentanen Situation vielleicht durchaus Sinn im Altersheim zu wohnen, da dort für ihn ein grundlegendes Bedürfnis nach Sicherheit abgedeckt war.[59] In der systemischen Beratung spricht man in diesem Zusammenhang auch "vom Guten im Schlechten". Sein wahres Thema könnte vielleicht gar nicht so sehr die Frage des Ausziehens gewesen sein, sondern möglicherweise eher die allgemeine Stimmungslage so kurz nach dem Unfall. Er erwähnte mehrmals die eigene psychische Situation und auch den Wunsch eventuell selbst eine Berater- oder Therapieausbildung zu beginnen, worauf wir dann aber nicht näher eingingen. Andererseits beantwortete er eine "Auftragsfrage" für die aktuelle Stunde doch auch klar mit dem Wunsch über das Ausziehen aus dem Heim und über Assistenzmöglichkeiten zu sprechen. Auch dahinter könnte aber Beeinflussung durch den gemeinsamen Bekannten stehen, wie ich mir nachher dachte. K2 könnte die Beratungsstunde bei mir ebenso "verordnet" worden sein wie mir der Auftrag über die Wohnsituation zu sprechen. All dies reflektierte ich in einem Protokoll nach der Stunde:

"[I]n der Beratung mit einem Rollstuhlfahrer ca. in meinem Alter und kurz nach einem Unfall mit mehr oder weniger den gleichen Folgen wie bei mir, fühle ich mich als Berater wie ein Fisch im Wasser. Das heißt, ich denke, ich kann einerseits wirklich superhilfreich sein, weil ich viele der Aufgaben, die diesem Menschen jetzt bevorstehen, schon selbst gelöst habe [...] andererseits ist aber genau das eine Falle/Gefahr in der Beratungssituation. Denn natürlich komme ich so ganz leicht in die Rolle, Tipps zu geben, Ratschläge zu geben, genau zu wissen, was für den anderen gut ist. Aber damit verlasse ich eigentlich meine neutrale Rolle, damit gebe ich Geschwindigkeiten und Ziele vor, die eventuell nicht die meines Gegenübers sind. Damit werde ich schnell zum autoritären, erfahrenen "Vorbild" [...], dann passiert nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern Bevormundung."[60]

Hier spreche ich die Qualität und die Gefahr im Peer Counseling an, wie sie auch in der Literatur immer wieder beschrieben wird: Die gemeinsamen Erfahrungen erzeugen Nähe, die Lösungen der BeraterInnen dürfen aber nicht den KlientInnen "übergestülpt" werden. Diese müssen vielmehr darin unterstützt werden, ganz bewusst ihren eigenen Weg zu gehen.

Die angesprochene Bevormundung von "Frischverletzten", also Menschen, die erst seit kurzem mit einer Querschnittlähmung konfrontiert sind und sich daher in einer sehr labilen Lebens- und Gemütslage befinden, halte ich dabei aus eigener Erfahrung für besonders problematisch. Gerade in Rehabilitations-Zentren habe ich dies öfters beobachtet. Die dort angesammelte Menge an Erfahrungsreichtum (bei TherapeutInnen, ÄrztInnen, anderen PatientInnen) dient frischen Querschnittgelähmten einerseits als wichtige erste praktische Orientierung, andererseits - das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung - hat das System Rehabilitationszentrum für "NormabweichlerInnen", also jene, die sich nicht gefügig und widerspruchslos in den vorgegebenen Rehabilitationsprozess eingliedern, wenig Verständnis und Platz zur Entfaltung eigener kreativer Lösungsstrategien und -rhythmen. Die Lähmung der Beweglichkeit großer Teile des Körpers ist ja nur der eine evidente Teil des Querschnittsyndroms. Der Ausfall der Hautsensibilität und damit verbundene Probleme im Sexualleben, Dekubitus-Gefahr, ein mit jeder Querschnittlähmung einhergehendes Temperaturanpassungs-Problem, Muskel-Spasmen, die das Gleichgewicht im Rollstuhl gefährden sowie schließlich die besonders schwierig und oft erst Jahre nach dem Unfall in Griff zu bekommende Lähmung von Blase und Mastdarm werden in der Erstrehabilitationsphase bei einer Querschnittlähmung oft sogar als dramatischer erlebt als das offensichtliche nicht mehr Gehen-Können. Ein frisch querschnittgelähmter Mensch befindet sich, und das schreibe ich auch im Protokoll:

"in einer komplett neuen, nie zuvor erlebten Lebenssituation, die durch keine Vorerfahrung "manage-bar" ist (Kleinkindrolle sozusagen, und das als Erwachsener), entsprechende Bedeutung gibt man allem/hat alles, was einem von außen erzählt, vermittelt, als Lösung angepriesen wird. Und man nimmt als absolute Wahrheit, was einem andere sagen."[61]

7.4. Das richtige Maß (an Veränderung)

Ich glaube, dies ist die wahre Herausforderung für Peer Counselors und eine so genannte Gratwanderung, besonders wenn sie mit Menschen arbeiten, die erst seit kurzem mit einer Behinderung leben müssen: Es ist ein Maß zu finden zwischen einem gutem Quantum an Tipps und an praktischen Ratschlägen, die zum Teil überlebensnotwendig sein können, zum anderen darf der/die BeraterIn nie vergessen, dass jeder Mensch ein Individuum für sich ist, mit seinen ganz eigenen Bewältigungsstrategien und -geschwindigkeiten.[62] Zu agieren zwischen dem richtigen Maß an Tipps und Ratschlägen und einem tiefen Einfühlen in die ganz persönlichen Lebensentwürfe der behinderten KlientInnen, darin besteht meiner Meinung nach die Herausforderung im Peer Counseling.

Die voreilige Lösungsfokussiertheit ist zwar im "normalen" Beratungssetting ebenfalls eine ständig schlummernde Bedrohung für die Offenheit und damit für die Qualität des Beratungsprozesses, die Explizitheit, mit der aber in der Literatur über Peer Counseling auf die "Falle" hingewiesen wird, als BeraterIn Partei für eine Lösung zu ergreifen, lässt den Rückschluss zu, dass es sich dabei wirklich um eine spezifische "Gefahr" im Peer Counseling handelt. So schreibt zum Beispiel Daniela Buckel in einer Hausarbeit im Rahmen einer Peer Counseling-Weiterbildung:

"In diese Falle tappt man als Beraterin häufiger. Man erfährt als Beraterin einige Informationen und folgert daraus, welches Problem vorliegt und welcher Lösungsweg dazu passen würde. Die Klientin ist sich aber meistens noch nicht ganz sicher, ob er [sic!] sich wirklich verändern soll. Wenn man als Beraterin für eine Veränderung plädiert, dann wird die Klientin meistens Argumente suchen, die dagegen sprechen. [...] Bei dieser Falle ist es am wichtigsten, sie zu vermeiden, weil sie Hindernisse für Veränderung aufbaut"[63].

Während Daniela Buckel in diesem Zitat sehr hellsichtig den Widerstand betont, in den KlientInnen gehen, wenn sie zu Lösungen, die nicht die ihren sind, gedrängt werden, tappt die Autorin gleichzeitig selbst in eine Falle, glaube ich. Denn sie formuliert, dass sich die Klienten "meistens noch nicht ganz sicher [sind, ob sie] sich wirklich verändern soll[en]". Das klingt so, als wäre sich zumindest Frau Buckel ganz sicher, dass sich ihre KlientInnen wirklichverändern sollen, deswegen warnt sie ja auch im letzten Satz davor, dass sich Hindernisse für Veränderung aufbauen könnten.

Dem möchte ich im nächsten Kapitel die Frage gegenüber stellen, ob das Streben nach sichtbarer Veränderung bei den KlientInnen nicht an sich schon eine "Falle" ist.



[58] Die Wortwahl des Bekannten war so oder so ähnlich, jedenfalls kam die Botschaft in meiner Erinnerung mit diesem Appellcharakter bei mir an.

[59] Das Leben in einer eigenen Wohnung und möglichst selbstständig ist mit einer hohen Querschnittlähmung im Rollstuhl realistischer Weise oft erst Jahre nach der Erstrehabilitation möglich. Gängige Modelle für die Übergangsphase dazwischen sind zum Beispiel Trainingswohnungen.

[60] Protokoll vom 24. November 2006, S.3.

[61] Protokoll vom 24. November 2006, S.3.

[62] Ein Credo in Österreichs Reha-Zentren zum Beispiel ist noch immer, dass eine gute Rehabilitation nur über ein hohes Maß an aktiver Sportausübung zu erreichen ist. Dabei ist nicht jeder Mensch eine "Sportskanone". Oft können auch technische Hilfsmittel sehr gut und nachhaltig körperliche Einschränkungen auszugleichen helfen.

[63] Daniela Buckel: Die Sache mit der Motivation. Motivierende Gesprächsführung - eine Methode für das Peer Counseling? Hausarbeit im Rahmen der Peer-Counseling-Weiterbildung 2004/2005, online unter: www.peer-counseling.org

8. Muss das Ziel von Beratung immer Veränderung sein?

Sichtbare Veränderungen, greifbare Ergebnisse in kurzer Zeit, das hat die lösungsorientierte Kurztherapie rund um Steve de Shazer und Insoo Kim Berg bekannt gemacht, ein systemischer Therapieansatz aus den USA, wo in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter anderem der Druck von Kostenträgern stark zu einem Effizienzdenken im therapeutischen Tun geführt hat.

In diesem Kapitel will ich, angeregt durch eigene Erfahrungen und durch die Abschlussarbeit eines Ausbildungskollegen, die kritische Frage stellen, ob das Ziel von Beratung und Peer Counseling immer "sichtbare Veränderung" im Klientensystem sein muss? Wenn ja, wie hat diese auszusehen? Woran sind Veränderungen messbar, wann bleiben sie unsichtbar?

Wie ich im vorigen Kapitel schreibe, habe ich die Konzentration auf das Erreichen sichtbarer Veränderungen in einer Übungsberatung als "Falle" erlebt, insofern, als ich durch nachträgliche Reflexion feststellen musste, dass für den Klienten die Arbeit mit gegenwärtigen Emotionen, das Ergründen aktueller Seelenzustände, das empathische Durcharbeiten von Trauerprozessen wohl hilfreicher gewesen wäre, als mein voreiliger, pragmatischer, "veränderungswütiger" Fokus auf Themen, wie den Auszug aus der für den jungen Menschen damals nicht passend erscheinenden Lebensumgebung Altersheim. Dieser Schritt hätte in jedem Fall früher oder später zum sinnvollen Beratungsthema werden können, im Nachhinein gesehen, wäre es aber wahrscheinlich ergiebiger gewesen mit jenem Klienten zuerst stark auf die emotionale Ebene zu gehen, weil für andere Themen in dem Moment einfach "die Zeit noch nicht reif" war. So brach der Klient die Beratung nach der ersten Doppelstunde und einem längeren Telefongespräch ein paar Tage darauf ab, für mich heute ein Indiz, dass es zuwenig emotionales Joining miteinander gegeben hatte und ich als Berater zu schnell in die Veränderungsdynamik gegangen war.

8.1. Die Gegenwart erträglich machen

Mein Ausbildungs- und Peergruppenkollege Gerhard Inzinger hat in seiner Abschlussarbeit "Systemische Beratung ohne expliziten Auftrag von Klientinnen und Klienten" die Erfahrungen reflektiert, die er mit Beratungsgesprächen in einem Altersheim gemacht hat. Ähnlich wie ich in meinen Übungsberatungen, ging auch Inzinger mit seinem Beratungsangebot zu den KlientInnen, nicht diese kamen aktiv zu ihm. Er hatte es also quasi mit einer "absichtslosen Klientel" zu tun, die es für ein gemeinsames Beratungsanliegen meist erst zu motivieren galt. Obwohl dies also nicht das klassische Beratungssetting ist, entsteht gerade aus diesem Perspektivenwechsel ein neuer Blickwinkel auf das "Beratungsgeschäft". Inzinger hat diesen Perspektivenwechsel - aus systemischer Sicht immer ein lohnendes Unterfangen! - für seine Arbeit fruchtbar gemacht. Er schreibt:

"Wie wurden aus Besuchten (im Seniorenheim) [...] Klientinnen und Klienten für Beratungsgespräche? Anfangs widmete ich vergleichsweise viel Zeit direkter Hilfe und Unterstützung von Bewohnern bei den verschiedenen Schwierigkeiten der Alltagsbewältigung [...] z.B. bei den Mahlzeiten behilflich zu sein wurde allgemein gerne angenommen. Es entstand daraus in der Folge das eine oder andere Gespräch in offener Runde [...] Lösungsorientiert bedeutet in der Arbeit mit überwiegend älteren Menschen meist nicht ein Problem, dessen Ursache häufig eben im vorgerückten Alter gesehen wird, aufzulösen, sondern vielmehr mit der entstandenen Schwierigkeit gut zu leben. [...] Der Blick der Klientinnen und Klienten ist dabei nicht auf ein Ziel in der Zukunft gerichtet, sondern - vielleicht eher vergleichbar mit Beratung in Krisensituationen - ganz nahe an der Gegenwart."[64]

Was Inzinger für die Arbeit mit älteren Menschen formuliert, lässt sich sinngemäß gut auf die Beratung behinderter Menschen im Peer Counseling übertragen. Auch hier ist die Grundsituation, die das Leid erzeugt (die Behinderung) definiert und in den meisten Fällen auch nicht "auflösbar", so wie bei alten Menschen das Alter und die sich daraus ergebenden Themen. Beraterisches Tun in diesem Kontext orientiert sich daher sinnvoller Weise an Strategien, welche die Gegenwart erträglich machen. Das kann praktische Unterstützung sein: so ging Inzinger mit seinen KlientInnen spazieren und half ihnen beim Essen. Im Bereich des Peer Counseling entspräche dieser praktischen Unterstützung der Peer Support, wo KlientInnen mit Adressen, Produkttipps, Hinweisen auf Einrichtungen, Veranstaltungen etc. weiter geholfen werden kann. Oder es kann, wie ich anhand des vorigen Kapitels zu zeigen versuchte, notwendig sein, einfach einmal ausgiebige Trauerarbeit zu machen, denn eine Behinderung, die "in ein Leben eintritt", stellt zuallererst ein schweres Trauma dar. Auf dieses wird, wie ich in dieser Arbeit bereits ausgeführt habe, in österreichischen Rehabilitationszentren in der Regel in medizinischer Hinsicht professionell eingegangen, meist gibt es in diesen Institutionen aber keine Angebote zur psychischen Aufarbeitung der immensen seelischen Belastung, welcher PatientInnen durch die Behinderung ausgesetzt sind. BeraterInnen, die mit behinderten Menschen arbeiten, sollten auf jeden Fall darauf achten, ob noch immer eine Traumatisierung vorliegt, egal wie weit das Eintrittsdatum der Behinderung zurückliegt, denn die Bewältigung/Verarbeitung von Behinderung kann Jahre, ja ich glaube sogar ein Leben lang dauern.

Anders mag der Fall liegen bei Menschen, die seit ihrer Geburt mit einer Behinderung leben. Eventuell ist hier die Akzeptanz der eigenen Behinderung zum Zeitpunkt einer Beratung schon weit vorangeschritten. Dafür erleben geburtsbehinderte Menschen oft besonders "dornige" Sozialisations- und Ausbildungswege, schwierige Ablösungsprozesse von zu Hause sowie in der Regel dieselben Diskriminierungen im Alltag wie Menschen, die eine Behinderung später im Leben "erworben" haben. Auch hier tun BeraterInnen gut daran, durch genaue Auftragsfragen und empathisches Zuhören sich auf den Status Quo einzustellen.

Beide Strategien aber, also das Geben von praktischer Unterstützung zur Gegenwartsbewältigung sowie das Durcharbeiten von Trauerprozessen, zielen nicht darauf ab, den Status Quo vergessen zu machen oder so zu tun als gäbe es die Quelle des Leides (Alter, Behinderung) nicht. Sie soll nur besser ins Leben integriert werden. Oder anders: das Unglück kann nicht verändert werden, nur meine Einstellung dazu. Aber auch das erst, wenn ich bereit bin dazu.

8.2. Wenn BeraterIn und KlientIn nicht "auf gleicher Augenhöhe" sind...

Ich will aus der Geschichte der Bewältigung meiner eigenen Behinderung ein Beispiel dafür anführen, wie ein beraterisches Erstgespräch nicht laufen sollte. Als ich im ersten Jahr nach der Erstrehabilitation an meinem neuen Lebensort einen nicht behinderten Psychotherapeuten aufsuchte, dessen Praxis sich übrigens nicht barrierefrei im zweiten Stock eines Altbauhauses befand - ich musste von Sanitätern über die Treppe hinaufgetragen werden - war einer seiner ersten Kommentare in meiner Erinnerung, ich müsse ja froh sein, dass ich den Unfall überlebt hätte, denn nun habe mir das Leben eine zweite Chance gegeben. Obwohl inhaltlich richtig, empfand ich die Umschreibung meiner damaligen Situation als frisch querschnittgelähmter junger Mann als derart empathielos und unpassend, dass ich die betreffende Praxis am liebsten gleich wieder verlassen hätte, nur war dies aufgrund der Stiegen und des vorbestellten Fahrtendienstes gar nicht möglich. Es war jedenfalls meine erste und letzte Therapiestunde bei jenem Therapeuten, der aus meiner heutigen Sicht seine Umdeutung nicht mit böser Absicht äußerte, nur eben damit meinem eigenen Bewältigungsprozess um Lichtjahre voraus war. Das heißt er drängte auf Veränderung (der Perspektive) zu einem Zeitpunkt, wo es mir überhaupt erst um ein Herantasten an das Unfassbare ging. Ich war, obwohl mein Unfall zu dem damaligen Zeitpunkt sicher bereits eineinhalb Jahre zurücklag, noch ganz tief in einem unbewältigten Trauerprozess und hätte in jener Situation Anteilnahme, Interesse, Empathie, Nachfragen und vielleicht ein wörtliches oder übertragenes Gehalten-Werden benötigt. Der Sichtweise, auch das Gute im Schlechten zu sehen, konnte ich mich erst Jahre später öffnen.

Das Beispiel kann vielleicht auch zeigen, dass Peer Counseling sich neben etablierten Beratungsformen - wie im eben angeführten Beispiel die Psychotherapie - nicht zu verstecken braucht. Ein Peer Counselor hätte mir alleine durch seine "geteilte Lebensrealität" (selbst bewältigte Behinderung, Wissen um die Intensität von Trauer, medizinische Probleme, Diskriminierungserfahrungen "am eigenen Leib", Vertrautheit mit der Ausnahmesituation Rehabilitationszentrum, Wichtigkeit von Barrierefreiheit) eventuell mehr helfen können, als in jenem Fall ein nicht behinderter Psychotherapeut. Vorausgesetzt er oder sie hält sich mit eigenem "Wissen" dezent zurück, stellt genügend Auftragsfragen und erfragt Ziele, die die KlientInnen selbst ins Visier nehmen wollen. Das Motto der Selbstbestimmt Leben-Bewegung "Nothing about us without us" - Nichts über uns (entscheiden) ohne unsere Beteiligung daran - kann hier eins zu eins auf den systemischen Beratungsprozess angewendet werden: Die KlientInnen sind ExpertInnen für sich selbst und für ihre Anliegen. Als BeraterIn ist es wichtig diese Anliegen herauszuarbeiten und nicht auf "spektakuläre" Veränderung hinzuarbeiten. Und vor allem darf ich als Berater keinem Klienten sagen, wie er eine Situation sehen "muss", wie es der erwähnte Psychotherapeut damals mit mir tat.

8.3. Lebensqualität als Beratungsziel

In der erwähnten Arbeit schreibt Gerhard Inzinger, dass es KlientInnen häufig eher um "Zugänge zu besserer psychischer Lebensqualität" als um große sichtbare Veränderungen gehe. Oft seien es aber die "sichtbaren" Veränderungen, die von den BeraterInnen selbst als Messlatte des Erfolgs oder des Nicht-Erfolgs herangezogen würden, gerade in einem Setting, wo der Klient (zahlender) Auftraggeber ist und der Berater eine "Gegenleistung" zu erbringen hat.[65] So komme, schreibt Inzinger weiter, "Veränderung als einem der sichtbarsten Zeichen von Beratungserfolg [...] auch ein hoher Stellenwert als Legitimation des Beraters [...] zu. Es ist deshalb besonders wichtig, sich möglicherweise daraus folgender Beeinflussung des Beratungsprozesses bewusst zu sein."[66]

Nun könnte man hier einwenden, dass, wenn nach einer Beratung mehr Lebensqualität besteht als vorher, dies natürlich auch eine Veränderung darstellt, nur eben eine innerpsychische und damit eine nicht so sicht- und messbare, wie im Beispiel mit Klient 2 der Auszug eines jungen Rollstuhlfahrers aus dem Altersheim in eine eigene Wohnung. Ähnliche Beispiele für "sichtbare" Veränderungen könnten beispielsweise sein: eine Scheidung, die Aussprache eines Konflikts mit einer Partnerin, ein Jobwechsel etc.

Erkennend, dass solche großen Beratungsziele bei seiner "absichtslosen" Klientel im Altersheim fern des Erreichbaren, fern aber auch des sinnvoll Hilfreichen lagen, beschränkte Inzinger sich in seinem Praktikum neben alltagspraktischen Hilfestellungen (Hilfe beim Essen, Spazierengehen) auf die Technik des "sinnstiftenden Erzählens"; ein Prozess, in dem Berater und Klient gemeinsam versuchen über erinnerte, "beruhigende" Geschichten aus der Vergangenheit des Klienten einen Anschluss an ein "lebenswertes Leben" herzustellen und so Ressourcen für den Klienten zu erschließen, die es ihm ermöglichen, mit der Jetzt-Situation besser umzugehen.[67]

Dieses sinnstiftende Erzählen, im Sinne eines Brückenschlags zu einer positiv besetzten Vergangenheit, halte ich auch für den Peer Counseling-Prozess für eine fruchtbare Technik, gerade bei Unfallopfern oder Menschen, deren Biographie sich in ein Leben ohne und ein Leben mit Behinderung unterteilen lässt. Wobei es hier nicht um einen nostalgisch verklärenden Zugang zur Vergangenheit gehen darf, sondern im Beratungsprozess sollten KlientInnen sich die Vergangenheit als Ressource für gegenwärtiges Problemlösen, als Quelle für Positives im als schwierig erlebten Heute, als Folie, vor der ein Kontinuum der Persönlichkeit trotz der eingetretenen Behinderung erlebt werden kann, erschließen können. Denn durch die Behinderung wird niemand zu einem "anderen Menschen".

8.4. Hellhörig für das Unspektakuläre

Wichtig auf der Ebene des Beraterhandwerks scheint mir vor allem zu sein, dass wir als BeraterInnen sensibel sind für die kleinen Schritte, hellhörig für das Unspektakuläre im Kontakt mit unseren KlientInnen. Als Berater können wir letztlich nie entscheiden, was hilfreich für unsere KlientInnen war. Es können große Interventionen kleine Wirkungen haben, eine beiläufige Nebenbemerkung aber bei einer Klientin "hängen bleiben". Eine Stimmung, ein Geruch, eine Farbe, ein Einrichtungsdetail können zu Schlüsselerlebnissen in der Beratung werden. Irvin D. Yalom, der berühmte amerikanische Psychotherapeut und Autor, hat zu diesem Thema einmal einen Selbstversuch mit einer Patientin gemacht, in dem beide nach jeder Stunde eine Zusammenfassung des für sie jeweils Bedeutsamen jeder Stunde verfassten. Das Ergebnis liegt in dem Buch "Jeden Tag ein bisschen näher" vor. In seinem Ratgeber für angehende Therapeuten "Der Panama-Hut" bezieht sich Yalom auf diesen Selbstversuch, wenn er schreibt:

"Meine eleganten und brillanten Interpretationen? Sie hatte sie nicht einmal gehört. Stattdessen würdigte sie die kleinen, persönlichen Äußerungen, die ich kaum bemerkt hatte: Meine Komplimente über ihre Kleidung oder ihr Aussehen oder ihr Schreiben, meine unbeholfenen Entschuldigungen, wenn ich mich ein paar Minuten verspätet hatte, mein Lachen über ihren Witz, meine Neckereien, wenn wir ein Rollenspiel machten."[68]

Mir selbst erzählte einmal eine ehemalige (nicht behinderte) Übungs-Klientin, die ich vier Jahre nach unseren gemeinsamen Sitzungen zufällig auf einer Veranstaltung traf, dass sie sich immer wieder an einen Satz erinnere, in dem ich sinngemäß formuliert hatte, dass gute Bergsteiger manchmal auch knapp vor dem Gipfel umkehrten, wenn Weitergehen für sie Gefahr bedeuten könnte. Dieses einfache Bild hatte sich der Klientin eingeprägt und als bedeutsam für ihren eigenen Lebens- und Berufsweg erwiesen, ich selbst konnte mich an den Satz, der für die Klientin in der Folge ein Schlüssel für bessere Lebensqualität war, gar nicht mehr erinnern.

8.5. Auch "statische Veränderung" ist Veränderung. Über die "Ehrenrunde im Alten"

Dass Veränderung sich auf den ersten Blick auch als "statisch" präsentieren kann, wird in dem in unserer Ausbildung wiederholt erwähnten Phänomen der "Ehrenrunde im Alten" deutlich. Diese "Ehrenrunde" meint, dass sich viele KlientInnen nur schwer von alten Mustern lösen können, ohne diese vorher noch einmal so richtig "durchzukauen". Das wäre dann im Sinne Inzingers keine sichtbare erreichte Veränderung, denn faktisch sieht das Verharren in den alten Zuständen von außen aus wie Stagnation oder Resignation, innerpsychisch kann es für die Klientin aber genau jenes notwendige letzte Durcharbeiten des Alten sein, aus dem sie Energie für die anschließenden, auch für die Umwelt sichtbaren Veränderungsschritte schöpft.

Fazit - und systemische Grundannahme: Alles ist aufhaltbar, nur Veränderung nicht. Eine schöne Entlastung für uns BeraterInnen: Wir brauchen nicht "versessen" auf Veränderung hinzuarbeiten, sie passiert einfach von selbst, sofern wir unseren KlientInnen in einer Haltung der passgenauen Empathie, des Respekts, der Akzeptanz, der Neugierde und der Anerkennung ihrer Autonomie und Problemlösungskompetenzen begegnen. Und das beste von allem: Vertrauen wir auf die Theorie der autopoietischen, selbstregulierenden Systeme, dann passiert die Veränderung immer auch zum Besten unserer KlientInnen. Wir können uns darauf beschränken, die Veränderungen anzuregen, sie zu begleiten, bewusst zu machen, zu unterstützen. Panta rhei, alles fließt.



[64] Gerhard Inzinger: Systemische Beratung ohne expliziten Auftrag von Klientinnen und Klienten. Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater. Lehrgang Ö 14. Linz: Organos 2006, S. 1f.

[65] Vgl. G. Inzinger (2006): Systemische Beratung ohne expliziten Auftrag von Klientinnen und Klienten, S.3.

[66] Ebda,

[67] Vgl. G. Inzinger (2006): Systemische Beratung ohne expliziten Auftrag von Klientinnen und Klienten, S.7.

[68] Irvin D. Yalom: Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht. München: Goldmann btb 2002; 1. Auflage, S. 35f.

9. Der Beratungsprozess mit dem Klienten 3 und ein positives Feedback Jahre später

In diesem Kapitel will ich zwei Beratungseinheiten, die ich mit dem blinden Klienten K3 durchführte, rekapitulieren. Obwohl der Beratungskontakt mit K3 also nur kurz war, lassen sich aus unserer Begegnung mehrere wichtige Beobachtungen für das Peer Counseling ableiten:

  1. BeraterInnen und KlientInnen müssen nicht unbedingt dieselbe Behinderung haben, damit Peer Counseling von KlientInnen als hilfreich erlebt wird.

  2. Konkrete Tipps sind im Peer Counseling nicht tabu sondern manchmal explizit erwünscht. Der Erfahrungsvorsprung, den behinderte KlientInnen in behinderten BeraterInnen vermuten, kann Motiv für den Beratungswunsch sein.

  3. Die Vorbildwirkung der BeraterIn kann stärkende Wirkung bei den KlientInnen haben.

  4. Ein zu nahes, zu freundschaftliches Verhältnis zwischen BeraterIn und KlientIn kann, so wie auch in der klassischen Beratung, kontraproduktiv sein.

9.1. Beratungsverlauf mit Klient 3

Der vollblinde Klient K3 ist etwa gleich alt wie ich. Auch seine Behinderung ist in sein Leben "getreten" (Augenerkrankung), als er etwa im gleichen Lebensalter war, in dem ich meinen Unfall hatte. Wir kannten uns aus einem Kontext, auf den ich hier aus Anonymitätsgründen nicht näher eingehe, schon vor den Beratungen. Als aktuellen Anlass für die Beratungen gibt er Schlafstörungen an, aber er erwähnt auch eine generelle Sinnfrage: Wo will ich hin im Leben, wohin geht mein Weg? Er mache sich sehr viel Druck und spüre starken Leistungsdruck, vor allem wenn er sich mit nicht behinderten Menschen vergleiche. So zum Beispiel, wenn er vergleiche, wie viele Reisen er und wie viele Reise Sehende machten. Er habe Angst zu wenig erlebt zu haben, wenn er einmal sterbe. Er wolle konkret wissen, wie ich mit Krisen umgehe und mir dazu Fragen stellen. Er gibt an, dass er das Gespräch mit mir auch suche, weil ich auch behindert sei.[69]

Hier Auszüge aus meiner persönlichen Reflexion zur ersten Sitzung im Protokoll vom 29. September 2005:

"[Es] macht Spaß mit ihm zu arbeiten, weil ich einerseits wirklich spüre, dass meine "Behinderungs-Erfahrung" ihm helfen kann, andererseits hilft sie mir bei [der] "Respektlosigkeit vor dem Problem".... Manches ist mir von mir selbst vertraut, manches bringt mich zum Nachdenken über mich selbst. Wie vertraut ist mir z.B. diese Angst, zu wenig erlebt zu haben und dann natürlich der daraus resultierende Leistungsanspruch, Perfektionismusanspruch: gleich; nein, am besten besser, höher, weiter als alle anderen zu sein trotz der Sch... mit der Behinderung. [...] Bin dann sehr berührt, als er davon spricht, dass er Angst habe bei seinem Tod zu denken, er habe zu wenig erlebt."[70]

In der zweiten Stunde, knapp eine Woche später, eröffnet mir der Klient gleich zu Beginn, dass dies seine letzte Stunde sein werde. Er sei zu dem Schluss gekommen, dass er sich mir gegenüber, da wir uns schon außerhalb des Beratungskontextes kannten, nicht so öffnen könne, wie es ihm für eine erfolgreiche Therapie notwendig erscheine. Erzählt, dass er bereits Vorerfahrungen mit Psychotherapie hat.

Ich merke Enttäuschung darüber, dass mir schon wieder ein Klient so schnell abhanden kommt. Kann es daran gelegen sein, dass ich für diese Stunde mit ihm ein Honorar von zehn Euro vereinbart hatte und dass er dadurch noch genauer sein Anliegen überprüft hat, frage ich mich heute?

Jedenfalls kommt er sehr direkt zu seinem Anliegen: er will diese Stunde nützen, um mir alle Fragen zu stellen, die ihn aus seiner Sicht an meinem Umgang mit der eigenen Behinderung interessieren. Auszug aus meinen Gedanken zur Stunde, niedergeschrieben im Protokoll vom 4. Oktober 2005:

"Ich antworte klar auf seine Fragen, ich erwähne als Gegenstrategie zu Traurigkeit die Konzentration auf den Moment, auf das Hier und Jetzt [...] Wir sprechen von der Sinnhaftigkeit eher dorthin zu schauen, wo es schlechter ist als dahin, wo es besser ist.

Ich betone, dass das meine Strategien sind. [...] Ich glaube er bekommt wirklich einige für ihn wichtige Antworten auf Fragen, die man so direkt vielleicht auch wirklich nur zwischen zwei selbst Betroffenen besprechen kann. Für mich als Berater ist es natürlich ein bisschen ein Problem zu sehen, dass ich in die Rolle des "Ratschlägers" /Ratgebers quasi hineingedrückt werde [...] aber solange der Klient sagt, es war hilfreich, ist das glaube ich auch legitim."[71]

9.2. Direktiv oder neutral?

Dieser Dichotomie, also diesem theoretisch unüberbrückbaren Gegensatz, begegnet man im Peer Counseling immer wieder: Einerseits sollte ich, folgt man klassischen Beratungsansätzen, als Berater aus einer Position der Neutralität heraus handeln und die Expertise im Klienten fördern statt meine eigenen persönlichen Überzeugungen einzubringen. Andererseits entsteht im Peer Counseling, wie auch im hier beschriebenen Beispiel ersichtlich, oft der Wunsch von KlientInnen mit ganz konkreten Tipps "versorgt" zu werden. Ich glaube dies ist insofern logisch, als durch die gemeinsame Ausgangslage Behinderung auch automatisch ein Fokus auf die Vergleichbarkeit von Lösungsstrategien entsteht, nach dem Motto, wenn Bedingung A, wie schaut dann Deine Lösung B aus?

Auffällig in diesem Zusammenhang, dass auch Bill und Victoria Bruckner, zwei "Urgesteine" des Peer Counseling, aus den USA, die auch in Europa Seminare zum Thema halten, an einer Stelle ihres Skriptums, wo es um "Die Grundregeln des Peer Counseling" geht, schreiben: "Gib keine persönlichen Ratschläge"[72] An einer anderen Stelle im selben Skriptum findet sich der relativierende Satz: "Manchmal kann der/die ZuhörerIn [hier synonym für "BeraterIn" verwendet, Anm. SR] auch praktische Informationen anbieten".[73]

Ich glaube, diese Widersprüchlichkeit, als BeraterIn keine direkten persönlichen Ratschläge zu geben, andererseits aber sehr wohl "praktische Informationen" anzubieten, die ja auch persönlich gefiltert sind, lässt sich in der Praxis des Peer Counseling am ehesten durch den Stil, durch die "Weichheit" dieser Ratschläge auflösen. Es macht einen Unterschied, ob ich von einer Position des arroganten Besserwissens aus agiere, oder "Angebote lege": So habe ich im Gespräch mit K3 über meine Strategien der Krisenbewältigung immer wieder betont, dass es sich dabei eben um meine Strategien handle, die eventuell für ihn nicht passend sein könnten.

Irvin D. Yalom geht so weit zu sagen, der Therapeut müsse danach streben, für jeden Patienten eine neue Therapie zu kreieren[74]. Yalom macht sich damit bewusst frei von therapeutischer Dogmatik, die ihn mehr einschränke als sie ihm und seinen PatientInnen bringe:

§Ich versuche, Techniken zu vermeiden, die vorfabriziert sind, und arbeite am besten, wenn ich zulasse, dass sich meine Entscheidungen spontan aus den Erfordernissen der unmittelbaren Situation ergeben. [...] Ich versuche, die Therapie genau auf jeden Patienten abzustimmen und die jeweils beste Vorgehensweise zu finden, und [...] ich erachte diesen Prozess der Ausgestaltung der Therapie nicht als Grundlage oder Vorspiel, sondern als das Wesentliche an meiner Arbeit."[75]

Im Sinne dieses Zitats wäre es in meiner Beratung mit K3 nicht zielführend, ja sogar missachtend gewesen, hätte ich den vom Klienten mehrfach klar geäußerten Wunsch ignoriert, mit ihm über meine Strategien der Krisenbewältigung zu sprechen.

9.3. Ein Feedback von Klient 3 fünf Jahre nach der Beratung

Ich möchte dieses Kapitel abschließen, indem ich aus den persönlichen Erinnerungen des Klienten an die gemeinsam mit mir absolvierten Beratungseinheiten zitiere, um die ich ihn fast fünf Jahre danach brieflich gebeten habe. Im Sinne Yaloms (vgl. Abschnitt 8.4. dieser Arbeit) erschien es mir interessant zu wissen, wie meine und wie die Sichtweise des Klienten auf das gemeinsam Erlebte aussahen. Zur Frage, was er an der Beratung als hilfreich erlebt habe, schrieb K3:

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja enorme Schlafstörungen. Zu sehen, wie Du mit deiner Behinderung und den tagtäglichen Herausforderungen umgehst, hatte zwar keinen unmittelbaren Einfluss auf diese, jedoch würde ich sagen, dass in mir wieder eine gewisse Motivation keimte. [...] Insofern war das Beratungsgespräch mit Dir vielleicht ein gewisser Impulsgeber, sich von Leiderfahrungen (bei mir zu diesem Zeitpunkt der fehlende Schlaf) nicht klein kriegen zu lassen. Meine Auseinandersetzung mit der Logotherapie [...] hat mir immer wieder gezeigt, wie wichtig andere Menschen sind, die eine Vorbildwirkung einnehmen. Denn von diesen Menschen kann man etwas lernen. Und ich würde sagen, dass ich für mich bei jedem unserer gemeinsamen Treffen auch immer etwas dazu lernen konnte.[76]

Der Klient spricht hier also von sich aus die Vorbildwirkung an, die der Berater auf ihn hat, und von der er "etwas lernen" kann. Ich glaube, dass hier die unterschiedlichen Behinderungen von Klient und Berater (Blindheit, Querschnittlähmung) sogar von Vorteil sind, da der Umgang mit Schwierigkeiten, die einem selbst nicht vertraut sind, vielleicht sogar motivierender wirken kann als ein Eins-zu-eins-Vergleich, wo man immer schneller zu wissen meint, warum eine Lösung für einen selbst nicht passt.

Auf die Frage, was er an unseren Treffen als problematisch erlebt habe, antwortete K3 mit einem Problemfeld, das auch mir während der Beratungen bewusst wurde:

Unsere Freundschaft; aus heutiger Perspektive würde ich eine Beratung in diesem Kontext nicht mehr machen. Denn unter Freunden kann man darüber reden und sich austauschen, aber ein professionelles Beratungsgespräch würde ich von Freunden nicht mehr in Anspruch nehmen.[77]

Ich erinnere mich, dass in unserer Beratung auch das Thema "Kinderwunsch" auftauchte. Und obwohl wir vor den Beratungen eine freundschaftliche Beziehung hatten, waren wir in dieser noch nie so weit gekommen, dass wir die Themen Liebe, Sexualität, Ehe, Kinder näher berührt hätten - ein, wie ich glaube, nicht ganz untypisches Muster für Männerfreundschaften. In der Beratung erwies sich diese Informationslücke plötzlich insofern als problematisch, als sich ein Ungleichgewicht auf Freundschaftsebene ergeben hätte, wenn sich der K3 zu diesem Thema einseitig geöffnet hätte und ich, bloß um in unserem etwas artifiziellen Beratungskontext aufrecht zu erhalten und die Neutralität des Beraters zu wahren, zu diesem Thema nichts Persönliches von mir preisgegeben hätte. Freundschaftliche Treffen außerhalb der Beratungsstunden hatten wir uns während des Prozesses allerdings untersagt, was sich ebenfalls etwas unnatürlich anfühlte. In den Stunden wäre zum Thema "Kinderwunsch" eine "neugierige Neutralität" meinerseits zielführend gewesen, diese Neutralität war aber aufgrund unserer bestehenden Freundschaft gar nicht mehr möglich.

So kann ich resümierend sagen, dass bestehende Freundschaftsbeziehungen einem Beratungsprozess nicht dienlich sondern abträglich sind. Anders habe ich es nur mit Einzelgesprächen erlebt. Beispielsweise bitte ich manchmal einen Freund/eine Freundin mit Beratungsausbildung, mir zu einem konkreten Thema einmal bewusst mit "Beraterohren" zuzuhören. Daraus habe ich schon öfters bereichernde Erkenntnisse ziehen können.

In einer abschließenden Frage, bat ich den Freund und damaligen Klienten K3 mir zu schreiben, ob er sich an irgendeine Veränderung "vorher-nachher" in Bezug auf den Umgang mit seiner Behinderung erinnern könne, die durch unsere Gespräche entstanden ist. Darauf antwortete er:

"Die Veränderungen kann man meiner Ansicht nach nicht ausschließlich auf unsere gemeinsamen Gespräche zurückführen. Aber wie schon gesagt, lerne ich bei all unseren Treffen dazu. Beispielsweise dein Einsatz für barrierefreies Bauen, das Reisen und das Schaffen eines Lebensraumes in einer fremden Kultur, das Gestalten des eigenen Lebensraumes etc..

Ich habe mit dem Doktoratsstudium begonnen und setze mich mit einem Thema auseinander, das mich begeistert [...], wo meine Leidenschaft dabei ist [...]. Dein Einsatz und Engagement, denke ich, ist [sic!] nichts anderes.

Weiters habe ich heuer wieder regelmäßig zu meditieren begonnen. Wiederum nach einer Krise (die Geschichte mit der Niere). Damit versuche ich eine gewisse Achtsamkeit und Gelassenheit zu entwickeln [und] äußere Gegebenheiten und Bedingungen so zu relativieren, dass trotz der Belastungen und Krisen etwas Fruchtbares sich entwickeln kann. [G]lücklicherweise gibt es genügend Beispiele, wie auch Du mir immer beweist, wozu der Mensch trotz Krisen im Stande ist. Meine Erblindung, wie auch deine Behinderung, wird uns das ganze Leben begleiten. Was wir daraus machen, liegt an uns selbst. Und ich finde toll, wie Du mit deiner Behinderung umgehst."[78]

  1. "Stark wird aus diesem positiven Feedback deutlich, dass die Vorbildwirkung im Peer Counseling etwas Stärkendes haben kann. Der direkte Vergleich, welche Möglichkeiten ein ähnlich Betroffener aus einer ähnlichen Bedingtheit entwickelt, kann motivierend wirken.

  2. Und über meine Enttäuschung über den relativ kurzen Verlauf der Beratung mit K3 (zwei Einheiten) habe ich mich mit einem Zitat von Bill und Victoria Bruckner getröstet:

ZuhörerInnen sollten sich nicht persönlich zurückgewiesen fühlen, wenn die betreffende Person nicht eine Nachfolge-Sitzung wünscht. Oft hat der Prozeß [sic!], die Aktion durchzuführen, schon einen genügend starken Effekt auf das Leben des/der Betroffenen gehabt."[79]



[69] Vgl. Protokoll vom 29. September 2005, S. 1f.

[70] Protokoll vom 29. September 2005, S.2f.

[71] Protokoll vom 4. Oktober 2005, S.2.

[72] Bill und Victoria Bruckner (1993-2004): Peer Counseling. Abschnitt 5.3.

[73] Ebda., Abschnitt 6.6.6.

[74] Irvin D. Yalom (2002): Der Panama-Hut, S. 47. Die Überschrift zu Kapitel 10 lautet: "Kreieren Sie für jeden Patienten eine neue Therapie"

[75] Ebda., S.49.

[76] Aus einem Email an den Autor vom 4. Juni 2010.

[77] Ebda.

[78] Aus einem Email an den Autor vom 4. Juni 2010.

[79] Bill und Victoria Bruckner (1993-2004): Peer Counseling, Abschnitt 6.6.7.

10. An den Grenzen des Peer Counseling - Beratungsversuche in einem Wohnheim für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Im November 2006 absolvierte ich in einer betreuten Wohneinrichtung für mehrfach behinderte SeniorInnen in Graz ein einmonatiges Praktikum mit dem Ziel, es mir für die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater (LSB) anrechnen zu lassen.

Meine Vorstellung war, mich in der Einrichtung, in der zum damaligen Zeitpunkt 14 KlientInnen betreut wurden, mit meinem in der LSB-Ausbildung erworbenen Wissen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen, und bei Bedarf Beratung anzubieten. Bei einem ersten Abklärungsgespräch mit dem Leiter der Einrichtung stieß ich auf wohlwollendes Interesse, ohne dass meine Aufgabenstellung aber von Seiten der Einrichtung näher definiert worden wäre. Ich sollte einfach einmal dabei sein, den Tagesablauf mitmachen, um die KlientInnen kennen zu lernen und Handlungsfelder zu erkunden. Als Aufgabenstellung neben der Kontaktaufnahme zu den behinderten BewohnerInnen wurde vereinbart, dass ich auch bei Teamsitzungen des Betreuungspersonals dabei sein und diese bei Gelegenheit auch moderieren sollte. Als Arbeitszeit wurde der späte Nachmittag von 16 bis 20 Uhr vereinbart, außer an Tagen mit Teamsitzungen, die meist am frühen Nachmittag (14 Uhr) angesetzt waren.

Ein Großteil der BewohnerInnen des Wohnhauses war von 8 Uhr 30 bis 15 Uhr 30 in einer im gleichen Gebäude untergebrachten Tageswerkstätte tätig, wo sie auch zu Mittag aßen, nur für manche BewohnerInnen kam dies aufgrund des Schweregrades der Behinderung nicht in Frage, sie blieben auch unter Tags im Wohnheim, wo sie in Wohneinheiten, die jeweils aus einem bis zwei Zimmern mit einem gemeinsamen Badezimmer und einer kleinen Kücheneinheit bestanden, über eine hausinterne Rufanlage jederzeit Hilfe in Anspruch nehmen konnten.

10.1. Erster Arbeitstag und Vorstellung

Ich kann mich gut an meinen ersten Arbeitsnachmittag erinnern, an dem ich mich bei allen BewohnerInnen einzeln vorstellte und dann beim Zubereiten und der Einnahme des gemeinsamen Abendessens dabei war.

Es war, obwohl ich ja selbst körperbehindert bin, mein erster länger als eine kurze Begegnung andauernder Kontakt mit lernbehinderten Menschen, und es war eine wirklich intensive und im ersten Moment auch verstörende Erfahrung. Verstörend, weil mir schon in dieser ersten Kontaktaufnahme auffiel, dass ich mit den meisten meiner "einstudierten", mir vertrauten Verhaltensmuster, die ich einsetze, wenn ich andere Menschen kennen lerne, bei den zum Teil schwer mehrfach behinderten BewohnerInnen des Wohnhauses auf einen Reigen unterschiedlicher, mich zum Teil überraschender Reaktionen stieß. Die Bandbreite reichte dabei von Begrüßungsumarmungen, Begrüßungsküssen auf die Wange über ein wortloses Lächeln, ein kurz angebundenes Hallo bis zum grußlosen Rückzug aufs Zimmer. Manche der BewohnerInnen schenkten mir in diesem ersten Kontakt gleich ihr ganzes Vertrauen, als hätten sie mich schon immer gekannt, anderen sah ich ihr Misstrauen deutlich an.

Nun lag es an mir, was ich aus diesem Einstand machen würde. Ich kann mich erinnern, dass ich mich am Abend nach meinem ersten Dienst sehr erschöpft und nahe der Überforderung fühlte. In der Nacht hatte ich sehr intensive und phantasiereiche Träume. Aber schon ab meiner zweiten Begegnung mit den BewohnerInnen gelang es mir innerlich Vertrauen in die mir neuen Menschen aufzubauen und ich beschloss, ihre mich verwirrenden Reaktionen als Teil ihrer "inneren Programme" zu verstehen, gar nicht so sehr als "direkte Antworten" auf meine Person. Ich entwarf eine A4-Seite mit zwei Fotos zum Aushängen am Gang an einer Stelle, wo auch Bilder der anderen MitarbeiterInnen hingen. In meiner Vorstellung sprach ich davon, dass ich eine systemische Beraterausbildung gemacht hätte, und formulierte meine Angebote mit den folgenden Worten:

"Für BewohnerInnen: Einzel- oder Gruppengespräche, Unterstützung im Alltag, Animation zur Selbstständigkeit.

Für das Team: Moderation der Teamsitzungen in Absprache mit der Leitung.

Für BetreuerInnen und Angehörige: Möglichkeit zu Einzelgesprächen (auch über den Praktikumszeitraum hinaus) zu Themen Ihrer Wahl."[80]

Auf meine ausgehängten Angebote gab es in der Folge von den BewohnerInnen aus allerdings keine direkten Reaktionen. Heute fällt mir auf, dass ich in meiner Vorstellung keine "leichte Sprache" verwendet hatte. "Leichte" oder "einfache" Sprache meint eine möglichst vereinfachte, man könnte auch sagen eine "barrierefreie" Ausdrucksweise, welche Menschen mit sprachlichen und kognitiven Schwierigkeiten die Verständlichkeit sprachlicher Inhalte erleichtert. So konnten die überwiegend lernbehinderten BewohnerInnen des Wohnheimes mein Angebot wahrscheinlich als solches gar nicht gut wahrnehmen. Schon für Menschen ohne Lernschwierigkeiten ist der Begriff "systemische Beraterausbildung" normaler Weise erklärungsbedürftig. Eine Vorstellung in leichter Sprache hätte eventuell so aussehen können:

"Hallo, ich bin der Sebastian. Ich bin 39 Jahre alt. Ich habe eine Ausbildung zum Lebensberater gemacht. Jetzt kann ich anderen Menschen mit Gesprächen helfen. Willst Du ein Problem besprechen? Suchst Du jemand zum Reden? Ich habe Zeit. Jeden Tag von vier bis acht Uhr am Nachmittag. Sprich mich einfach an. Oder sag' es XY[81], dass Du mit mir sprechen willst."

In Bezug auf meine beraterischen Absichten stellte sich neben dem Fehlen von direkter Nachfrage seitens der BewohnerInnen auch die Raumfrage. Es gab neben dem Speisesaal und den Zimmern nur einen einzigen großen Aufenthaltsraum für die BewohnerInnen, der gleichzeitig auch ein Fernsehraum war. Dieser war zwar meistens unbenutzt, vor ungewollter Störung bei einem Vier-Augen-Gespräch konnte man sich allerdings dort auch nie sicher sein. Für ungestörte Gespräche unter vier Augen boten sich also nur die Zimmer der BewohnerInnen an.

10.2. Auf der Suche nach Klienten

Da sich auf meine schriftliche Vorstellung niemand meldete bei mir, beschloss ich mein Angebot, Gespräche mit den BewohnerInnen zu führen, direkt zu diesen zu bringen. Das hat zwar mit dem Setting eines Beraters, der von KlientInnen aufgesucht wird, wenig zu tun, aber es war meine einzige Chance, selbst aktiv zu werden und die Kommunikation zu suchen, wollte ich mein Praktikum nicht untätig verbringen. Ich klopfte also der Reihe nach an den verschiedenen Zimmertüren und fragte, ob ich für ein Gespräch willkommen sei. So lernte ich nach und nach die BewohnerInnen, ihre Arten der Behinderung und ihre Eigenheiten besser kennen und bekam bald ein Gefühl dafür, wer lieber in Ruhe gelassen werden wollte und wo ich meistens willkommen war.

10.3. Klientin 4 und der kaputte Rollstuhl

So gab es zum Beispiel eine Bewohnerin (in der Folge auch K4), die sich verbal kaum verständlich äußern und aufgrund starker Spastik nur schwer kontrolliert bewegen konnte, über deren Mimik und Lautäußerungen (herzliches Lachen) aber gut zu erkennen war, dass sie sich über Besuche freute. In meiner Dienstzeit wurde die Klientin allerdings meistens vom Pflegepersonal bereits für die Nachtruhe fertig gemacht, das heißt, sie wurde von ihrem manuellen Rollstuhl, den sie kaum selbst antreiben konnte, ins Bett umgelagert und es wurde ihr bei der Abendtoilette geholfen. Sobald sie im Bett lag, lief im Zimmer meistens der Fernseher, und sie schien die Programme zu genießen. Manchmal hatte sie abends auch Besuch von ihrer Mutter. Es war also häufig so, dass ich für länger als fünf- bis zehnminütige Gesprächsversuche kaum Zeit vorfand. Beim Fernsehen wollte ich sie auch nicht unterbrechen, denn das wäre mir bevormundend vorgekommen. Am unkompliziertesten und spontansten war die Kontaktaufnahme zu ihr wie auch zu den meisten anderen BewohnerInnen möglich im gemeinsamen Speisesaal, wo ab 17 Uhr jeweils zwei BewohnerInnen gemeinsam mit zwei BetreuerInnen das Abendessen zubereiteten und ab 18 Uhr sich die anderen BewohnerInnen zum Essen einfanden. Dort erlaubte ich mir auch einmal eine Intervention, die man unter den Namen Peer Support einreihen könnte, als ich die Bezugsbetreuerin[82] der Klientin darauf hinwies, was aus meiner "Expertensicht" beim Rollstuhl der Klientin falsch eingestellt war (unter anderem, als kleinster Mangel, fehlte eindeutig Luft in den Rädern) und dazu führte, dass sich die Klientin kaum selbstständig fortbewegen konnte. Der Rollstuhl der betreffenden Bewohnerin war dann auch Thema in einer der nächsten Teamsitzungen, bei der ich dabei war. Ich schlug langfristig die Anschaffung eines Elektrorollstuhles für die Klientin vor. Noch während meines Praktikums kam ein Orthopädietechniker in die Einrichtung und nahm Verbesserungen an der Sitzschale der Klientin vor, sodass durch meine Intervention immerhin eine konkrete Veränderung in ihrer Lebensqualität stattfand. Freilich kann man hier nicht von einer beraterischen Intervention im klassischen Sinn sprechen, der vorher ein Kennenlernen der Klientin und ihrer Systeme vorausgegangen wäre. Hier handelte es sich um eine Aufmerksamkeit gegenüber einem Themenbereich, für den ich als "Peer" (auch im Rollstuhl unterwegs) besonders sensibilisiert bin. Daher erkannte ich das Problem am Rollstuhl der Bewohnerin offensichtlich schneller als ihr Umfeld und konnte etwas für sie Hilfreiches in Gang setzen. Die Kategorie "hilfreich" als Erfolgskriterium für gute Beratung habe ich mir aus der LSB-Ausbildung gemerkt, es liegt nahe, sie auch auf das Peer Counseling anzuwenden.

10.3.1. Expertin für die eigenen Probleme?

Den Begriff Experte/Expertin für die eigenen Probleme gilt es in der "Beratung" mit kognitiv beeinträchtigten Menschen offensichtlich zu überdenken. Denn hätten wir im Zusammenhang mit dem Rollstuhlproblem auf die "Selbstbestimmung" der Klientin gewartet, hätte das nur bedeutet, sie auf unbestimmte Zeit mit einem technisch defekten Rollstuhl und den daraus resultierenden Beschwerlichkeiten unterwegs sein zu lassen, denn die Behinderung der Klientin war so schwer, dass sie dieses Thema von selbst nicht angesprochen hätte. Man kann auch sagen, die Klientin war hier nicht Expertin für ihr eigenes Problem, da sie es in seiner Ursache und Tragweite intellektuell nicht erfassen konnte. Den Grad an Selbstbestimmung zu erkennen, der Menschen mit Lernbehinderung je nach Situation möglich und zuzutrauen ist, das scheint mir die besondere Herausforderung für UnterstützerInnen und BeraterInnen in diesem Behinderungsfeld zu sein.

10.4. Klient 5 und der kaputte Computer

In ähnlicher Weise wie bei K4 "half" ich in der Folge auch noch einem anderen Klienten, K5, während meines Praktikums. K5 war bis auf einen "Klumpfuß", den er mit einem Spezialschuh ausglich, und einen Rollator mobil und schien auch geistig-verbal fast alles zu verstehen, was ich ihm sagte. Meine große Schwierigkeit war ihn zu verstehen, da man seine Sprache als Ungeübter kaum verstehen konnte. Bei Zweifelsfällen in der verbalen Kommunikation verwendete er eine Buchstabentabelle, auf der er orthographisch korrekt mit einem Finger die Wörter buchstabierte, die sein Gegenüber nicht verstanden hatte. Er war vor allem malerisch sehr begabt. Nicht nur in seinem Zimmer, in der ganzen Wohneinrichtung waren seine Bilder, die von einer beachtlichen künstlerischen Begabung zeugten, aufgehängt. K5 erregte in gewisser Weise mein Mitleid, weil ich den Eindruck hatte, dass er in dem Wohnheim eigentlich fehl am Platz war. Ich glaubte, er könnte bei genügend und entsprechender Assistenz in einer eigenen Wohnung leben und am allgemeinen Leben außerhalb einer Einrichtung teilnehmen, ohne dadurch sich oder andere zu gefährden. Waren sieben Stunden Tageswerkstätte und ein Leben in einer Gemeinschaft von Menschen, die zum Großteil kaum sprachlich kommunizieren konnten, für diesen kreativen, ganz offensichtlich Gesellschaft suchenden Menschen wirklich das richtige Umfeld? K5 kam mir einsam vor. Dazu passte seine Familiengeschichte. Von den Verwandten lebte nur mehr ein Bruder in der Steiermark, der aber nach Angabe des Klienten nichts mehr von ihm wissen wollte, und eine Schwester, die er als nahe Bezugsperson beschrieb. Diese lebte allerdings in Australien. Das einzige Bindeglied zu ihr war ein Computer, den K5 im Zimmer stehen hatte, und über den er Email-Kontakt zu seiner Schwester pflegte. Außerdem besaß er ein Telefon, von dem er selbst aber - wenn ich das richtig verstand - nicht anrufen konnte. Als ich mein Praktikum begann, war der Computer defekt. Davon und von der Kommunikation mit seiner Schwester sprach K5 bei meinem ersten Besuch in seinem Zimmer, das er mit Fotos von seiner Familie und mit eigenen Bildern an den Wänden sehr persönlich gestaltet hatte.

10.4.1. "Herz, Hirn und Hausverstand" als hilfreiche Kategorien

Ich bat den Einrichtungsleiter um Erlaubnis, auf einem Computer in seinem Büro gemeinsam mit dem Klienten ein Email an dessen Schwester verfassen zu dürfen. Gleichzeitig machte ich mich beim Heimleiter für eine Reparatur des Computers des Bewohners K5 stark. Im Email, das wir von meinem privaten Email-Account aus sendeten, weil sich der Klient nicht an die eigenen Zugangsdaten erinnerte, erklärte ich kurz die Situation, dann schrieb der Klient selber seiner Schwester ein paar Zeilen. Schon am nächsten Tag konnte ich dem Klienten ein bei mir eingegangenes Email seiner Schwester ausdrucken und mitbringen. Die Schwester hatte sich sehr über die Kontaktaufnahme gefreut und umgehend geantwortet, da sie sich schon länger gefragt habe, wie es ihm wohl ginge. In der Folge sendeten wir Fotos von K5 und der Email-Verkehr ging eine Weile hin und her, wobei ich mir beim Empfangen und Ausdrucken der Nachrichten aus Australien für K5 immer ein bisschen wie ein Eindringling in ein Privatleben fühlte, das mich im Grunde nichts anging,.

Was für meine Begriffe lange dauerte, war die Computer-Reparatur. Da erfuhr ich dann aber in einer Teambesprechung, dass der Grund dafür auch darin lag, dass K5 zögerte, das Geld für eine neue Festplatte, die ein Zivildiener der Einrichtung besorgt und eingebaut hätte, von seinem Konto abzuheben. Er war nicht besachwaltet. Außerdem schien es organisatorisch schwierig zu sein, dass ein dazu befugter Betreuer mit ihm zur passenden Zeit zur Bank ging. Zu diesem Zeitpunkt endete auch mein Praktikum und obwohl ich K5 danach noch mehrmals privat besuchte, beschloss ich, mich aus weitern Interventionen seinen Computer betreffend herauszuhalten, da ich bei diesem Klienten durchaus die Möglichkeit der Selbstbestimmung erkannte und mir weiteres Intervenieren meinerseits bevormundend vorgekommen wäre. Als ich ein halbes Jahr später, im Juni 2007 erneut von der Schwester gebeten wurde, einen Brief an ihren Bruder weiterzuleiten, nahm ich noch einmal Kontakt mit der Einrichtung auf und übermittelte der Schwester von K5 nochmals alle aktuellen Adressen. Daraufhin hatte sie, wie sie mir danach schrieb, ein gutes Gespräch mit der Bezugsbetreuerin ihres Bruders, bei dem auch vereinbart wurde, dass der Computer von K5 nun endlich hergerichtet werde.... Gut' Ding braucht manchmal Weile. Ich glaube als direkter Mitarbeiter in der Einrichtung hätte ich mich auch in diesem Fall pragmatisch um eine schnelle Reparatur des Computers bemüht. In Kursen zum sozial kompetenten Umgang mit behinderten Menschen, die ich halte, nenne ich das den Einsatz von Herz, Hirn und Hausverstand, der in der Arbeit mit behinderten Menschen anzuwenden ist, bevorzugt bevor durch viel Theorie und institutionelle Strukturen Entscheidungsprozesse und in diesem Fall auch wichtige Kommunikationsprozesse ins Stocken geraten.[83]

10.5. Zwei Beratungsstunden mit Klientin 6

Um meiner eigenen Vorstellung von Beratungstätigkeit im Kontext des Wohnheimes für Menschen mit Lernschwierigkeiten noch näher zu kommen, konzentrierte ich mich in der Folge vor allem auf eine junge Frau[84] mit fortgeschrittener multipler Sklerose, deren Kommunikationsverhalten weitestgehend unbeeinträchtigt zu sein schien. Sie war mir bereits im Speisesaal durch ihre überlegte Ausdrucksweise aufgefallen. Nach näherem Kennenlernen und auch durch Rückfragen bei den BetreuerInnen wurde mir aber klar, dass die Krankheit auch schon zu psychischen Veränderungen bei der Klientin geführt hatte. Mit ihr absolvierte ich zwei einstündige Gespräche, die mir besonders durch ihre Unstrukturiertheit in Erinnerung geblieben sind. Es war schwierig mit der Klientin K6 in einen Gesprächsfluss zu kommen und bei einem Thema zu bleiben. Sie wechselte oft das Thema, und oft war auch ich Gegenstand ihrer Neugier. Sie stellte mir viele Gegenfragen, auch zu meiner Behinderung. Das kann - so meine Beobachtung auch bei anderen KlientInnen - als durchaus normale Konstante im Peer Counseling gelten. Gleichzeitig erinnere ich mich, dass mich in den Gesprächen mit ihr jeweils eine bleierne Müdigkeit befiel, die ich mir im Nachhinein so erklärte, dass das Gespräch mit einer von mir sonst nicht gekannten Beliebigkeit und Ergebnisoffenheit ablief und es mir nicht gelang, das (Beratungs?-)Setting an sich zum Thema zu machen.

10.5.1. Zwischen Peer Support und Verdrängung

Dazu kam eine ironische Distanziertheit in der Sprache der Klientin, mit der sie alles Gesagte gleich wieder relativierte, sodass ich nicht gut spürte, wo die ihr wirklich wichtigen Themen lagen. Ich nahm meine Müdigkeit in beiden mit ihr absolvierten Stunden zum Anlass jeweils für uns beide Kaffee zu kochen, was sie dankbar annahm, da Kaffee trinken für sie sonst auch nur über das Zuhilferufen einer Betreuungsperson möglich war. Sie brauchte dazu jemand, der ihr die Tasse mit einem Strohhalm zum Trinken in der richtigen Position hielt. Das Kaffeetrinken gemeinsam mit mir bereitete ihr offensichtlich Vergnügen. Auf meine Nachfrage gab sie aber an, dass sie sonst nie jemand um diese Hilfe bitten würde. Es sei ihr ohnehin "wurscht". Im Protokoll zu dieser Stunde notierte ich unter "Hypothesen":

"Da, wo sie sagt, es ist ihr wurscht, leidet sie eigentlich am meisten. Ihre ironisch distanzierte Sprache ('Monsieur...') dient auch der Distanzierung von der wahren Trauer über ihre Behinderung. Sie erhält sich die Illusion an ihr Studium aufrecht. Sagt, sie ist zu faul, um zu lernen, dabei schafft sie es intellektuell nicht mehr. Sie hat die Lernsachen unter der unterfahrbaren Abwasch gestapelt...., als würde sie die Lernsachen ständig aber den Rollstuhl [und die unterfahrbare Abwasch, Anm.] nicht brauchen."[85]

Ein bisschen gelingt es mir ihre scheinbare Unberührtheit von allem zu durchbrechen, als ich sie direkt und ein wenig provokant nach der Lebbarkeit von Partnerschaft im Wohnheim und ihren diesbezüglichen Sehnsüchten frage. Aus der Nachdenklichkeit, die auf diese Frage folgt, kommen wir noch auf ihren Ex-Mann zu sprechen, den sie schon einmal sehr negativ erwähnt hatte. Jetzt gibt sie zu, dass sie eigentlich Sehnsucht nach ihm hat und sie äußert die Absicht, ihn am selben Abend noch anzurufen. Die nächste Stunde vereinbaren wir gleich für den nächsten Tag. In der "Persönlichen Reflexion" zu dieser Stunde notiere ich im Protokoll:

"Hab ein gutes Gefühl mit dieser Klientin, obwohl ich bei allen hier im Haus nicht genau weiß/noch nicht weiß, wie und ob sich Selbstreflexionsprozesse in Gang bringen und aufrecht halten lassen. So hat die Klientin z.B. auch schon wieder vergessen, wie mein Unfall passiert war, dabei hatte sie mich das erst wenige Tage zuvor gefragt."[86]

10.5.2. Die zweite Einheit

Als ich am nächsten Tag in die Einrichtung komme, scheint die Klientin bereits vergessen zu haben, dass wir ein Gespräch vereinbart hatten. Ich begegne ihr am Gang und frage sie, ob sie unser Gespräch von gestern fortsetzen wolle, sie antwortet: "Warum nicht?" Da mir die Atmosphäre in ihrem eigenen Zimmer am Tag zu vor zu wenig neutral war, habe ich für dieses Mal den Fernsehraum reserviert und ihn mit einer angenehmen Sitzordnung und einer Kerze versucht gemütlich zu machen. Sehr bald merke ich aber, dass die Klientin heute nicht in der gleichen Gesprächslaune wie am Vortag ist. Sie wirkt verschlossen, nervös, fahrig und unzufrieden. Sie reagiert auf die meisten meiner Fragen mit ausweichenden Gegenfragen á la "warum nicht?". Ihren Ex-Mann hat sie am Vortag nicht mehr angerufen. Vielleicht hatte ich mit meinen Fragen zu Partnerschaft einst und jetzt auch unbewusst ein heikles Thema bei der Klientin berührt. Heute will sie davon jedenfalls nichts wissen. Dafür beschäftigt sie ihr Handy, das sie sich von einer Mitbewohnerin ausgeborgt hat und das nicht mehr funktioniert. Dann äußert sie den Wunsch rauchen zu gehen auf die Terrasse. Ich gehe inzwischen aufs WC. Als ich wiederkomme, ist die Klientin nicht mehr da, sie hat sich in den Terrassenbereich ihres Zimmers zurückgezogen. Dort plaudere ich noch ein wenig mit ihr. Als ich sehe, dass sie mit dem Rollstuhl nicht selbständig über die kleine Schwelle zwischen Terrasse und ihrem Zimmer fahren kann, weil sie dabei immer mit den Rollstuhlvorderrädern stecken bleibt, versuche ich mit ihr noch zu üben, wie sie die Schwelle im Rückwärtsgang, also mit den großen Hinterrädern des Rollstuhls zuerst, überfahren könnte, um so selbstständiger aus und ein zu können. Doch auch dieser Versuch ist heute von wenig Erfolg gekrönt und so notiere ich etwas frustriert im Protokoll zu dieser Stunde:

"Als ich merke, dass es heute nur darum geht, bald wieder zu unterbrechen und auf dem Balkon "eine rauchen zu gehen", merke ich, wie Unmut in mir aufkommt, auch weil der Beratungsraum geöffnet wird, kalte Luft herein kommt, das Rauchen auch ungesund ist etc. Ich spüre manchmal Frust in mir, dass ich hier mit Klientinnen arbeite, mit denen es schwierig ist, eine Reflexion über den Beratungsprozess selbst zu führen. Aber schließlich: es geht hier auch darum, dass es der Klientin gut geht, und heute war für sie einfach nichts anderes möglich, also muss ich das auch akzeptieren.... [I]ch werde jetzt vor allem abwarten, ob die Klientin noch einmal sprechen will. Es geht hier um die ganze Konstruktion im Haus: wie biete ich mich als Berater an, wie komme ich zu meinen Stunden. Was ist mein Interesse? Was das der Bewohnerinnen?"[87]

In der Folge, nachdem von der Klientin keine anderslautenden Wünsch geäußert werden, beschränke ich mich auf gelegentliche Besuche bei K6 im Zimmer, bei denen ich ihr meistens helfe, Kaffee oder Tee zu trinken. Manchmal probieren wir Kleinigkeiten aus, wie sie ihre Selbstständigkeit erhöhen kann. Zum Beispiel versuchen wir, ob sie sich trotz ihrer zitternden Hände Zigaretten mit dem Feuerzeug selbst anzünden könnte. Dabei verbrennt sie sich auch einmal kräftig, was mich sehr verunsichert in Bezug auf meine Kompetenzen und meine Rolle im Wohnheim.

10.6. Zusammenfassung meiner Erfahrungen als Peer Counselor mit lernbehinderten Menschen

Mein einmonatiges Praktikum in einer Wohneinrichtung mit lernbehinderten Menschen hat mir menschlich wichtige Erfahrungen gebracht und meinen Horizont im Bereich behinderte Menschen erweitert, da ich zuvor wenig Kontakt mit Menschen mit Lernschwierigkeiten gehabt hatte. Gleichzeitig ist meine Absicht, in diesem Kontext als Berater zu agieren, auf klare Grenzen gestoßen. Im Nachhinein kam ich zu dem Schluss, dass meine Zielsetzung wahrscheinlich von Anfang an problematisch war. Dazu im Folgenden zusammenfassend einige Überlegungen, die ich auch mit Gedanken aus der Literatur über Beratung und lernbehinderte Menschen ergänzen möchte.

10.6.1. Beratung ohne Auftrag ist höchst problematisch

Geleitet durch die Notwendigkeit insgesamt 100 Beratungsprotokolle für die LSB-Ausbildung "zu sammeln", drehte ich den "normalen" Ablauf, wie eine Beratung zustande kommt (jemand sucht Rat und sucht sich daher eine/n BeraterIn) nicht nur in meinem Praktikum sondern auch zuvor schon öfters um und machte mich als Berater selbst auf die Suche nach KlientInnen. Denn obwohl ich mein Angebot als Berater kostenlos KlientInnen zu beraten sowohl während meiner Ausbildung als auch im Wohnheim öffentlich publik machte, blieb der Response darauf zu gering, um damit die geforderten 100 Beratungsstunden und Beratungsprotokolle zu füllen. Dieses aktive Agieren - "komm' zu mir in Beratung!" - hat, so habe ich es erlebt, nicht nur etwas Aufdringliches, es unterläuft auch das Konzept der Neutralität, denn auch wenn ich meine zukünftige KlientInen noch nicht genau kenne, bin doch ich der erste, der im Kommunikationsprozess auf den/die andere/n zugeht. Ich suche mir die betreffende Person quasi aus und dabei enttehen in mir automatisch erste Hypothesen. Ich bin also nicht völlig unvoreingenommen. Zweitens tendiert man in der Beratung von "halb freiwilligen" KlientInnen dazu Probleme zu suggerieren oder zu konstruieren, wo zuerst keine waren, zumindest nicht in der Dimension, dass sich die Person Beratung dafür geholt hätte. Denn irgendetwas "muss ja passieren" in der etwas gezwungen zustande gekommenen Beratungseinheit. So "schief", wie ich es hier durch Anführungszeichen anzudeuten versuche, fühlte sich das für mich wirklich öfters an, wenn ich "Beratungsstunden" abhielt mit "KlientInnen", die ich mir selbst ausgesucht hatte. Im speziellen Kontext von Menschen mit Lernschwierigkeiten kommt noch folgende theoretische Grundüberlegung dazu:

"Der allseits beschriebene Therapieboom sowie der inflationäre Gebrauch des Wortes Therapie hat den Bereich der behinderten Menschen voll erfasst [sic!]. Aus Musizieren wird Musiktherapie, aus Turnen Sporttherapie, aus Malen und Basteln Beschäftigungstherapie, aus Tanzen Motopädie, aus Freizeit Freizeittherapie usw. Der Alltag wird zur Therapie erklärt. Aber es handelt sich nicht nur um Wortgeklingel. Die Therapeutisierung des Alltags ist hier wie anderswo Ersatz für wirkliches Leben und gleichberechtigten normalen Umgang zwischen Menschen. [...] Hinter der Therapeutisierung, hinter dem krankhaft gesteigerten Bedürfnis (sprich Sucht), den gesamten Alltag des behinderten Menschen zu therapieren, steht Hilflosigkeit, Distanzsuche und vor allem auch, die so vorgefundene Strukturen nicht grundsätzlich anzutasten."[88]

Obwohl dieses Statement von Michael Wunder aus den späten achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammt, als noch die medizinische Sichtweise auf Behinderung über den heute verbreiteten sozialen Ansatz dominierte[89], spricht mich darin an, dass auf die Gefahr verwiesen wird, dass "Therapieangebote" zum Ersatz für wirkliches Leben werden können und sich sogar hinter vordergründig engagierten und persönlichen Angeboten wie Gesprächstherapie und Beratung Motive wie Distanzsuche und Hilflosigkeit verstecken lassen, wodurch wahre Begegnungen verhindert und der Status Quo (zum Beispiel fragwürdige Lebensbedingungen durch Heimunterbringung) festgeschrieben werden.

Wenn ich das auf mein Herangehen an die BewohnerInnen des Wohnheimes am Rosenhain übertrage, kommt mir das Bild, dass ich eigentlich schon in meiner schriftlichen Vorstellung (s. Anhang II) mein Beratungs-Know-how wie einen Schutzpanzer zwischen mich und die BewohnerInnen gestellt hatte und in der Folge ja auch tatsächlich Hilflosigkeit erlebte, als ich es nicht schaffte, die Begegnungen mit den mir neuen und in vieler Hinsicht unkonventionellen Menschen eben nicht in das (offensichtlich nur mir Sicherheit bietende) Beratungsschema einzupassen.

Es ging besser, sobald ich mir vor mir selbst meine eigene Hilflosigkeit eingestand. Auch Gespräche darüber mit den anderen MitarbeiterInnen waren hilfreich für mich. Nähe statt Distanz zu den einzelnen BewohnerInnen stellte sich ab dem Moment ein, als ich es schaffte meinen inneren Code von "Berater" auf "Besucher" umzustellen und damit authentisch das sein konnte, was ich in Wirklichkeit ja war, nämlich jemand, der ohne Auftrag dieser Institution einen mehrwöchigen Besuch abstattete. Als ich begann statt Beratung einfach meine Zeit für Kommunikation zur Verfügung zu stellen, ergab es sich, dass ich - im Inneren absichtslos - aus mancher Beobachtung heraus dann auch hilfreich agieren konnte, wie ich im Vorangegangenen beschrieben habe und in Abschnitt 10.6.5. nochmals zusammenfasse.

10.6.2. Beratung braucht einen eigenen Ort und ein geregeltes Setting

Was ich schon im Zuge meiner Übungsberatungen vor meinem Praktikum festgestellt hatte, dass nämlich ein neutraler, ungestörter Raum eine wichtige Voraussetzung für gutes Beraten ist, bestätigte sich nochmals im Wohnheim während des Praktikums, wo meine Gespräche mit den BewohnerInnen mangels anderer Alternativen in deren Privatzimmern stattfanden, was ich als belastend empfand, weil ich mir dabei oft wie ein Eindringling auf fremdem Territorium vorkam.

Ulrike Gritsch, eine Tiroler Psychotherapeutin, die acht Jahre lang eine Beratungsstelle für Menschen mit Lernschwierigkeiten geleitet hat (WIBS[90]), verweist in einem Aufsatz zur Psychotherapie von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf die besondere Bedeutung, die dem Ort der Beratung zukommt, gerade wenn es sich bei den KlientInnen um Menschen handelt, die in Heimen leben,. Sie verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der "Totalen Institution", den der amerikanische Soziologe Goffmann 2009 prägte:

"Zu den wesentlichen Kennzeichen von "Totalen Institutionen" gehören für die "BewohnerInnen" die zwangsläufige Aufgabe der Verantwortung in fast allen Lebensbereichen an eine übergeordnete Autorität und die Beschränkung aller Lebensbereiche an ein und denselben Ort. Es findet [sic!] daher Arbeit, Wohnen, Freizeit, Therapie und so weiter innerhalb einer Organisation und oft sogar in denselben Räumen statt."[91]

Diese Agglomeration von Arbeit, Wohnen, Freizeit und Therapie an einem Ort traf in gewissem Sinn auch auf das Wohnheim zu, in dem ich mein Praktikum absolvierte, auch wenn sich die Tagswerkstatt in einem anderen Gebäudeteil befand und man seitens des Personals sichtlich um individuelles Eingehen auf einzelne BewohnerInnen bemüht war. Aber mein Anliegen mich in einem derartigen Kontext beraterisch zu betätigen, musste an Grenzen stoßen, wie mir angesichts der Analysen von Gritsch und Goffmann im Nachhinein klar wird, denn "Totale Institutionen" förderten letztlich - so argumentieren die beiden - durch die ständige Verfügbarkeit von Betreuungspersonal, das für die Erfüllung aller Wünsche da ist, regressives Verhalten bei den BewohnerInnen, also das Gegenteil von dem, was Beratung und Psychotherapie anstreben. Dies könne für "Personen, die große Teile ihres Lebens in Institutionen verbringen müssen, von großem Schaden sein, da Entwicklungsschritte und Individuationsprozesse strukturell verhindert werden."[92] Genau dies war in dem Wohnheim zu beobachten. Es wurden eigentlich alle Aktivitäten - vor allem auch das Essen - gemeinsam gemacht, ich konnte nur beim jüngsten Bewohner eine gewisse Eigenständigkeit beobachten.

Gerade also ein Beratungsprozess, der auf Selbstentfaltung oder Selbstaktualisierung, wie es Carl Rogers nennen würde, abzielt, muss örtlich gesehen hinaus aus der Institution, die symbiotische Versorgungsphantasien der Menschen mit Lernschwierigkeiten bedient, statt Ablösungsprozesse zu fördern. "Oder ganz einfach formuliert: Wird das psychotherapeutische Setting [...] in die Organisation verlegt, ist damit strukturell bereits vorgegeben, über welche Entwicklungsstufe die Klientin nicht hinauskommen kann.[93]

Das ist eine harte Diagnose, trifft sich aber mit meinem Unbehagen, als ich merkte, dass es für mich und meine KlientInnen eigentlich keinen Platz gab in dem Wohnheim. Dazu passt, dass es einmal sogar vorkam, dass mich eine Betreuerin nach einer Stunde mit der Klientin K6 fragte, was wir geredet hätten. Ich verwies selbstverständlich auf meine Schweigepflicht. Ulrike Gritsch schreibt dazu, dass diese Übergriffe in der Praxis der Beratung mit lernbehinderten Menschen immer wieder vorkämen, ja dass Pflegepersonen oder Angehörige es manchmal sogar als notwendig erachten würden, in der Stunde direkt dabei zu sein. Diese Abänderungen des herkömmlichen Beratungssettings (Beratungsort = Wohnort; Verletzung der Privatsphäre und Schweigepflicht) würden von BetreuerInnen und Angehörigen häufig als notwendiges Eingehen auf vorhandene Defizite argumentiert. Eine empirische Studie unter Menschen mit Lernschwierigkeiten erweise diese Änderungen aber als unnotwendig, so Gritsch. Und die Autorin gibt zu bedenken, dass durch diese unnotwendigen "Veränderung[en] des Settings Menschen mit Behinderungen einmal mehr Rahmenbedingungen vorfinden, die den Ausschluss dieser Personengruppe und damit die Entwicklungsdefizite unbewusst reinszenieren."[94]

10.6.3. Als Peer Counselor muss ich eigentlich "dagegen reden"

Ausschluss ist das Stichwort, über das ich auch wieder auf die politische Komponente des Peer Counseling zu sprechen kommen möchte. Als Peer Counselor, der dem Selbstbestimmt Leben-Gedankengut verpflichtet ist, stehe ich jeglicher Heimunterbingung kritisch gegenüber. Inklusion aller Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft ist meine Vision, die ich gleichermaßen für Menschen mit Behinderung wie auch für die Gesellschaft für heilsam hielte. Denn nur wenn "das Andere" sichtbar ist, kann es "normal" werden. Nur wenn nicht behinderte Menschen alltäglich mit behinderten Menschen gemäß ihrem prozentualen Vorkommen in der Gesellschaft (mindestens zehn Prozent) zu tun haben, kann ein Abbau von Vorurteilen, kann "Normalisierung" stattfinden. Dass es sich dabei nicht um unrealistische Träumereien handelt, dafür kann man in Europa auf Schweden als Beispiel verweisen. Dort gibt es seit 1994 ein Assistenzleistungsgesetz, das allen behinderten Menschen ein Leben mit Persönlicher Assistenz am Ort ihrer Wahl ermöglicht. Große Heime wurden geschlossen. Mehrfachbehinderte Menschen mit hohem Assistenzbedarf leben in Gruppenwohnungen mit maximal fünf BewohnerInnen. Die Offenheit und Entspanntheit der SchwedInnen im Umgang mit behinderten Menschen wird von KennerInnen des Landes bestätigt.

10.6.4. Sehnsucht nach Normalität

Diese Sehnsucht nach Normalität, nach wahrer Inklusion, die ich als Peer (ebenfalls behindert) aus meinem eigenen Leben kenne, hat mich durch mein Praktikum im Wohnheim für mehrfach behinderte SeniorInnen begleitet. Und auch wenn hier durch die Einzelwohnungen und durch so manches Freizeitangebot seitens der Betreiberorganisation versucht wurde, dem Leben der HeimbewohnerInnen einen Anstrich von Normalität zu geben, ließ sich nicht leugnen, dass der Tagesablauf und die Strukturen die eines Heimes waren. Die in der Mehrzahl älteren BewohnerInnen[95], die in dem 2004 eröffneten Heim wohnten, hatten auch den Großteil ihres Lebens zuvor in Heimen verbracht und wussten zum Beispiel mit ihren kleinen individualisierten Wohnküchen gar nichts anzufangen, weil sie die kollektive Versorgung aus Gemeinschaftsküchen zu fixen Essenszeiten ihr Leben lang gewohnt waren. Und ebenso wenig passte mein Beratungsangebot in dieses Setting. Es konnte sich unter diesen Bedingungen nicht fruchtbar entwickeln. Ich möchte diesen Abschnitt mit einem Zitat von Michael Wunder beenden, das meiner oben angesprochenen Vision der Inklusion ALLER behinderten Menschen in die Mitte der Gesellschaft sehr nahe kommt:

"Wären die gleichen Menschen in einer anderen Umgebung, z.B. in einer Wohngruppe im Stadtteil und könnten den Nachbarn zugucken, in die Eckkneipe gehen und die normalen Geschäfte, kurz: am alltäglichen Leben dort teilnehmen, dann könnten sie kommunizieren und täten dies wahrscheinlich auch."[96]

10.6.5. Erfolgreicher Peer Support. Aber bin ich hier wirklich Peer?

Immer wieder gab es auch positive, sinnstiftende Momente während meines Praktikums im Wohnheim für lernbehinderte SeniorInnen. Dies vor allem dann, wenn ich die "Berater-Haltung" ablegte und einfach nur da war, anwesend, bereit zu kommunizieren, bereit zuzuhören, bereit mich auf Rhythmus und Eigenheiten der Bewohnerinnen einzulassen. In Absichtslosigkeit da sein, ohne Auftrag, so gelang es mir oft am besten an die mich umgebenden Menschen anzudocken. Aus dieser inneren Ruhe "des Besuchers", der nichts will außer die Gegenwart mit seinem Gegenüber zu teilen, in einer Haltung des Einfach-Da-Seins und des authentischen Interesses für den/die anderen, ergab es sich dann manchmal wie von selbst, dass ich, wie oben beschrieben, auf Probleme aufmerksam wurde: Rollstuhl von K4, Internet von K5, K6' Probleme beim Überfahren der Schwelle, beim Kaffeetrinken, beim Anzünden der Zigarette. Hier half mir sicher auch der unvoreingenommene Blick und die Perspektive einer Person, die ein System zum ersten Mal von außen betrachtet. Sie sieht mehr und anderes, als die Menschen im System (BewohnerInnen, Personal, TherapeutInnen).

Fern aller Systemtheorie griff ich, wie schon oben erwähnt, außerdem auf das zurück, was ich in Schulungen, die ich mit Menschen mache, die später mit behinderten Menschen arbeiten werden, Herz, Hirn und Hausverstand nenne. Allzu oft sitzen mir in diesen Schulungen nämlich Menschen gegenüber, die über sehr viel theoretisches Fachwissen über behinderte Menschen verfügen, die aber auf Nachfrage große Verunsicherung angesichts scheinbar einfacher Themen verspüren: Wie soll ich einen behinderten Menschen ansprechen, wie ihm/ihr die Hand geben? Darf ich Menschen mit Behinderung Hilfe anbieten? Wenn ja, wie? Grundlegende Prinzipien des menschlichen Miteinanders (Hilfe anbieten, grüßen) funktionieren bei vielen nicht-behinderten Menschen plötzlich nicht mehr "normal", wenn ihr Gegenüber eine Behinderung hat. Das beobachte ich selbst in meinen Alltagsbegegnungen. Unter der Last des heute allgegenwärtigen theoretischen Diskurses rund um Inklusion, Selbstbestimmung, Empowerment etc. scheint da in der Praxis oft in Vergessenheit zu geraten, dass behinderte Menschen zuallererst einmal Menschen sind und einen Anspruch auf die gleichen, normalen menschlichen Umgangsformen haben, welche nicht-behinderte Menschen miteinander pflegen. Von dieser Normalität sind wir, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, in Österreich aber noch weit entfernt.[97] Deswegen versuche ich in Kursen, die ich auf der Universität und in andern Ausbildungseinrichtungen halte, die Prinzipien Herz, Hirn und Hausverstand tatsächlich als Handlungsmaximen in die Behindertenarbeit einzuführen und als Richtschnur, die jedem Menschen zur Verfügung steht, für den alltäglichen Umgang mit behinderten Menschen zu vermitteln. Freilich besteht hier das Risiko, dass diese "Richtschnur" bei manchen Menschen dünner, bei manchen Menschen dicker angelegt ist. Aus meiner Sicht ist das aber das geringere Übel, als wenn viele krause Theorien die alltägliche Begegnung von nicht-behinderten mit behinderten Menschen überfrachten. Gerade bei sogenannten "ExpertInnen" habe ich diese Theorielastigkeit im Zugang auf behinderte Menschen beobachtet, und ich vermute dahinter ebenso eine Strategie der Distanzsuche, wie es Michael Wunder für den oben beschriebenen Therapieboom tut[98]. Denn Distanzsuche kann keine Basis für Normalisierung sein, nach der sich behinderte Menschen sehnen, und die auch dem Peer Counseling ein inhärentes Anliegen ist. Mir ist in diesem Zusammenhang auch aufgefallen, wie oft nicht-behinderte AutorInnen in der Fachliteratur über behinderte Menschen den Begriff "diese Menschen" verwenden und damit (unbewusst?) wiederum die kollektive Andersartigkeit behinderter Menschen festschreiben, gegen die sie vordergründig doch gerade anschreiben...

Herz, Hirn und Hausverstand waren es also, die mich erkennen ließen, dass K5 einen reparierten Computer brauchte, um nicht zu vereinsamen, dass K6 gerne Kaffee trank, wenn man das Zubereiten übernahm und ihr beim Trinken half, dass K4 Probleme an ihrem Rollstuhl hatte, die ihre Fortbewegung wesentlich erschwerten.

In diesem letzten Fall half mir auch meine Eigenschaft als Peer ebenfalls Rollstuhlbenützer zu sein. Auch, als ich der Klientin K6 eine neue Technik zeigen konnte, wie sie mit den Hinterrädern ihres Rollstuhls zuerst besser über die Schwelle auf die Terrasse hinaus fahren konnte als im normalen "Vorwärtsgang", bei dem sie immer mit den kleinen Vorderrädern an der Schwelle hängen blieb, kam mir meine eigene Expertise im Rollstuhl entgegen.

In Bezug auf das Konzept des Peer Counseling gilt es aber natürlich auch zu hinterfragen, bis zu welchem Grad ich als Mensch, der mit einer Querschnittslähmung lebt aber zum Glück ohne Lernschwierigkeiten, mich im Kontakt mit lernbehinderten Menschen als Peer definieren darf. In Beratungsstellen der "People First"-Bewegung, also der Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten, arbeiten immer auch Menschen mit Lernschwierigkeiten an vorderster Front als BeraterInnen.[99] In Bezug auf das Leben mit Lernschwierigkeiten bin ich in vieler Hinsicht genauso wenig Peer Counselor wie ich das mit meiner Mobilitätsbehinderung von BeraterInnen ohne Mobilitätsbehinderung erwarten kann.

So habe ich, kann ich abschließend sagen, in meinem Praktikum mit lernbehinderten Menschen vor allem viel über mich selbst und viel über Menschen mit Lernschwierigkeiten gelernt. Ich habe gelernt, Menschen mit Lernschwierigkeiten mit viel innerer Ruhe und achtsamer Aufmerksamkeit authentisch gegenüberzutreten. Ob, und wenn ja, wie viel diejenigen, die ich in meiner anfänglichen Herangehensweise als meine KlientInnen sehen wollte, durch den Kontakt mit mir profitiert haben, kann ich nicht sagen. Beim Abschied am Ende des Praktikums drückten jedenfalls einige BewohnerInnen ihr Bedauern aus, dass ich jetzt nicht mehr kommen würde.

Das ist dann auch nicht so geblieben. Hin und wieder schaue ich vorbei im Wohnheim auf einen Kaffee bei den Menschen, die sich mir durch ihre durch die Bank starken Charaktere und in vielen Fällen durch ihre besondere Herzlichkeit in kurzer Zeit nachdrücklich eingeprägt haben.



[80] Aus der Selbstpräsentation an meiner Praktikumsstelle, siehe Anhang II.

[81] Vorname des damaligen Heimleiters

[82] Jede/r KlientIn in der Einrichtung hatte unter den MitarbeiterInnen eine/n sogenannte/n BezugsbetreuerIn, also eine Person, die besonders eingearbeitet war in die persönlichen Umstände und Angelegenheiten des/der einzelnen Bewohners/Bewohnerin. Diese waren zum Großteil auch besachwaltet. So fiel zum Beispiel die Kontaktaufnahme mit dem/der jeweiligen SachwalterIn in den Aufgabenbereich der betreffenden BezugsbetreuerInnen.

[83] Siehe dazu auch Abschnitt 10.6.5. dieser Arbeit.

[84] Obwohl das Wohnheim für SeniorInnen konzipiert war, lebten unter den insgesamt 14 KlientInnen auch drei, die erst unter 35 Jahre alt waren. Offensichtlich weil keine andere Wohnform für sie gefunden werden konnte. Dies ist, durch die "Selbstbestimmt Leben-Brille" betrachtet, eine problematische Tatsache, aber symptomatisch für den Umgang mit behinderten Menschen in Österreich.

[85] Protokoll vom 13. November 2006, S.1.

[86] Ebda., S.2.

[87] Protokoll vom 14. November 2006, S.2.

[88] Michael Wunder: Wider die Therapiesucht. Vorwort zur 2. Auflage des Sammelbandes "Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand". Frankfurt am Main: Dr. med Mabuse 1987. Zitiert aus der Online-Bibliothek der Universität Innsbruck: http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_wunder-sucht.html

[89] Siehe dazu auch Kapitel 3 dieser Arbeit.

[90] Siehe: www.selbstbestimmt-leben.net/wibs

[91] Ulrike Gritsch: Psychotherapie von Menschen mit Lernschwierigkeiten unter besonderer Berücksichtigung der Konzentrativen Bewegungstherapie. Innsbruck: 2010, S.11. Download von www.psyonline.at/name/gritsch-ulrike-mag-18526

[92] Ulrike Gritsch (2010), S.11.

[93] Ebda., S. 12.

[94] Ulrike Gritsch (2010), S.11.

[95] Unter den 14 BewohnerInnen waren drei unter 35, alle anderen über 55 Jahre alt.

[96] Michael Wunder: Wider die Therapiesucht. Vorwort zur 2. Auflage des Sammelbandes "Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand". Frankfurt am Main: Dr. med Mabuse 1987. Zitiert aus der Online-Bibliothek der Universität Innsbruck: http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_wunder-sucht.html

[97] So passiert es mir zum Beispiel öfters, dass ich, eindeutig wegen meiner Behinderung, von mir völlig fremden Menschen auf der Straße mit "Du" angeredet werde.

[98] Vgl. Michael Wunder (1987): Wider die Therapiesucht. http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_wunder-sucht.html

[99] S. z.B. WIBS, Beratungsstelle für Menschen mit Lernschwierigkeiten: www.selbstbestimmt-leben.net/wibs

11. Zwei Beratungsstunden mit Klient 7 - Über die Vorteile von Nähe und Distanz, gelebten Peer Support und die Bedeutung von klassischen Beratungstechniken

In diesem Kapitel möchte ich abschließend zwei Beratungseinheiten mit einem jungen Rollstuhlfahrer Revue passieren lassen, da sie einerseits chronologisch das Ende der hier analysierten Übungsberatungen bildeten und sich andererseits an ihnen schön zeigen lässt, wie befruchtend das Peer-Sein, also die gleiche oder ähnliche Ausgangslage bei Klient und Berater, sein kann. Außerdem waren sie ein Beispiel dafür, wie leicht im Peer Counseling von der Theorie in die Praxis (Peer Support) gewechselt werden kann.

Anhand eines schriftlichen Feedback, das mir der Klient dreieinhalb Jahre nach der Beratung auf meine Anfrage zugesandt hat, möchte ich zeigen, dass es von Vorteil ist, wenn man als Peer Counselor auch auf allgemeine Beratungstechniken zurückgreifen kann. Im vorliegenden Fall konnte erfolgreich die "Wunderfrage" eingesetzt werden.

Zu meinen eigenen Ausführungen werde ich ergänzend aus einer österreichischen Diplomarbeit zitieren, in der Katrin Brunner 2009 sehr umfassend anhand eines Literaturüberblicks und mit Hilfe von Interviews mit Peer-BeraterInnen in ganz Österreich die Vor- und Nachteile von Peer Counseling aufbereitet hat.

11.1. Die erste Einheit. Schnelles Joining

Klient 7 (in der Folge auch K7) war zum Zeitpunkt unserer Beratung 30 Jahre alt und hatte neun Monate zuvor bei einem Sportunfall eine Querschnittlähmung erlitten. Über seine Eltern, die ich aus anderem Zusammenhang kannte, und über die ich K7 ausrichten ließ, ich stünde bei Bedarf für Gespräche zur Verfügung, kam die Beratungssituation zustande. "Kommt im Rollstuhl", notiere ich im Protokoll über den Beginn der Beratung, - als hätte ich etwas anderes erwartet -"wirkt sehr schlank, Gleichgewichtsprobleme noch [...], wirkt etwas melancholisch aber mit Blick 'nach vorne'."[100] Tatsächlich hatte ich K7 zuletzt einige Jahre davor bei seinen Eltern gesehen, als er noch unverletzt gewesen war, ich aber bereits Rollstuhlfahrer. Dann "finden" wir aber schnell zueinander, wie ich im Protokoll unter "Gesprächsverlauf" notiere:

" [...] recht typisch f. ein Peer Counseling: wir beginnen meine Wohnung anzuschauen, ich zeige ihm Trainingsgerät, Badezimmer, unterfahrbare Küche, wir sprechen über Rollstühle, kommen auf seine gesundheitlichen Probleme zu sprechen. Er macht noch immer Therapie [...] Wir sprechen über die Kliniken, in denen ich war, was ich von Elektrostimulation halte."[101]

Ein typisches Peer Counseling-Joining liegt hier vor. Unter Joining versteht man das Herstellen einer ersten Verbindung zwischen BeraterIn und KlientIn zu Beginn einer Stunde. In "normalen" Beratungsstunden zwischen nicht behinderten Menschen könnte ein typisches Joining zum Beispiel über den Weg des Klienten in die Praxis oder über die Wetterlage laufen. Im Peer Counseling ist das Joining meist einfach, weil durch die geteilten Behinderungserfahrungen einer Fülle von Anhaltspunkten (auch mit emotionalem Tiefgang) da sind, auf die das Gespräch aufbauen kann. Dadurch kommen Peers schnell auf eine vertrauliche Ebene miteinander, wie auch die Fachliteratur über Peer Counseling immer wieder betont. Katrin Brunner zum Beispiel hat für ihre 170-seitige Diplomarbeit über Peer Counseling[102] große Mengen an Fachliteratur gesichtet und außerdem Interviews mit neun Peer Counselors/Counselorinnen[103] in sechs österreichischen Bundesländern geführt. Sie berichtet: "Die Literatur verweist als weiteren Vorteil [von Peer Counseling] auf das rasche Entstehen einer Vertrauensbasis durch gemeinsame Erfahrungen, was einen schnellen Einstieg in die Beratung ermöglicht [...]. Dies lässt sich durch die Interviews bestätigen."[104]

Da ich selbst durch einen Freizeitunfall eine Querschnittlähmung erlitten habe, danach sechs Wochen auf einer Intensivstation und dann acht Monate im selben Rehabilitationszentrum wie K7 verbracht hatte, fiel es mir als Counselor im konkreten Fall nicht schwer Empathie für mein Gegenüber aufzubringen, eine Empathie, die ein Berater, der dies nicht erlebt hat, abstrakt herstellen muss. Mit K7 teilte ich des weiteren folgende Ähnlichkeiten: beide Akademiker, beide zum Zeitpunkt des Unfalls in Wien lebend, durch den Unfall wieder im Elternhaus in Graz eingezogen, Freundin in Wien, daher nach dem Unfall eine "Fernbeziehung" lebend. Diese Gemeinsamkeiten waren natürlich Zufall, erhöhten das gemeinsame "Schwingen" in jener Beratung aber noch weiter.

11.1.1. Das Gespräch über das Auto endet im Konzert

Nach dem schnellen Einstieg kamen wir auf medizinische Probleme der Lähmung von K7 zu sprechen, dann auf seinen Badezimmerumbau, der gerade anstand. Das führte uns zum Thema Wohnen: K7 wohnte nach Jahren der selbstständigen Lebensführung wieder im Elternhaus in der Stadt seiner Kindheit, was natürlich auch zu Konflikten mit den Eltern führte, die wir auch zum Thema machten. Schließlich kamen wir auf das Thema Mobilität, das nach meiner Erfahrung in der Beratung mobilitätsbehinderter Menschen meistens eine große Rolle spielt. Im Falle von K7 ging es darum, dass er zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes adaptiertes Auto hatte, und so auch für seine Fortbewegung in der Stadt immer wieder von seinen Eltern abhängig war. So war er zum Beispiel auch zur Beratungseinheit von seinem Vater chauffiert worden und machte sich bereits wieder Gedanken, ob er für die Rückfahrt erneut seinen Vater oder besser ein Taxi anrufen sollte. Auch diese Ambivalenzen waren mir bestens aus der eigenen Lebensgeschichte vertraut. Weiters ging es um die Frage der Fortbewegung zwischen dem Lebensort des Klienten und der Stadt, wo seine Freundin lebte. Auch K7 hatte zu diesem Zeitpunkt schon negative Erfahrungen mit der mangelnden Barrierefreiheit des öffentlichen Verkehrs gemacht.[105] Wir besprachen daher als Alternative, welche Varianten der Umbau- und Finanzierungsmöglichkeiten für ein eigenes Auto es für den Klienten geben könnte.

Diese Stunde endete mit einer "Peer Support-Intervention". Ich schlug vor, dass wir gemeinsam ein Konzert in einem barrierefreien Studentenheim besuchen könnten. Einerseits spürte ich über allem Beraterischen eine freundschaftliche Verbindung zu K7 und war selbst daran interessiert, mit ihm noch den Rest des Abends zu verbringen, andererseits dachte ich daran, dass ich ihm dann gleich meinen eigenen Autoumbau zeigen könnte und ihm damit auch in der Praxis Mut und Lust auf ein eigenes Auto machen könnte, was seine Unabhängigkeit und Freiheit erweitern würde.[106] Wir schafften es tatsächlich ohne fremde Hilfe gemeinsam in meinem Auto zum Konzert zu fahren. Da K7 bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum öffentliche Veranstaltungen im Rollstuhl besucht hatte, kann meine Initiative ihn dazu zu bewegen ein Konzert zu besuchen und sich dort unter Leuten aufzuhalten als ein Beispiel von Empowerment gewertet werden, eines der deklarierten Ziele im Peer Counseling.[107] Denn selbst die alltäglichsten Situationen sind, wenn man sie plötzlich im Rollstuhl bewältigen muss, anders als früher und mit vielen Herausforderungen versehen. Es braucht im wahrsten Sinne des Wortes Übung, bis man sich als Rollstuhlfahrer, der erst seit kurzem in dieser Situation ist, bei einem Konzert zum Beispiel wieder auf die Musik konzentrieren kann und die eigene Aufmerksamkeit nicht mehr völlig von den durch die Behinderung veränderten Umständen absorbiert wird. Der Peer Support, also die praktische Unterstützung durch einen, der sich in einer ähnlichen Situation befindet, regte hier also Kräfte der Selbstermächtigung im befreundeten Klienten an. Dazu passt ein Zitat von Katrin Brunner:

"So gesehen leistet Peer Counseling einen großen Beitrag zur Inklusion [...] durch eine Stärkung von Menschen mit Behinderung selbst. Jeder von ihnen, der sich auf den Weg macht, ein Stück selbstbestimmter zu werden, setzt damit ein Zeichen, dass er oder sie genauso Teil dieser Gesellschaft ist und für sich nicht mehr oder weniger fordert als die Rechte, die jeder Mensch in dieser Gesellschaft hat."[108]

11.1.2. Feedback von Klient 7: Hilfreiche Gespräche, problematische Nähe

Dreieinhalb Jahre nach dieser "Beratungsbegegnung habe ich K7 in einem Email gebeten, mir zu schreiben, was er damals als hilfreich erlebt habe. An seiner Antwort ist interessant, dass er den gemeinsamen Konzertbesuch, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, nicht einmal erwähnt, dafür hätten ihm unsere gemeinsamen Gespräche dabei geholfen Abstand zu gewinnen von seiner damals allgemein problematischen Situation, die neben dem kurz zurück liegenden Unfall auch durch Konflikte mit seinen Eltern geprägt war:

"es war eine zeit, wo ohnehin viel bei mir passiert ist, die gespraeche haben mich aber dazu bewegt, einen schritt heraus zu machen und alles aus einer gewissen distanz zu betrachten und bewusst darueber nachzudenken, was allein deshalb schon mal gut war fuer mich. speziell kann ich mich daran erinnern, dass ich gerade probleme mit meinen eltern hatte, wieder zuhaus, rolli, enge und so, da wars einfach mal gut darueber zu reden, und ich weiss nicht mehr was du da gesagt hast oder wie das dann eigentlich war, aber mir kam vor ich bin nachher mit einer anderen einstellung in den konflikt reingegangen, hatte irgendwie besser gewusst was ich will, auch wenn ich das jetzt nicht mehr formulieren kann...[109] [Zitat unverändert übernommen]"

Über den Konflikt zu reden und ihn im beraterischen Gespräch aus der Distanz zu betrachten, war also gut für den Klienten. Auf die Frage, was er als problematisch empfunden habe in der Beratung, erwähnt er interessanter Weise wieder den Konflikt mit den Eltern:

"irritierend war, dass ich dich schon gekannt hatte, aber nicht ganz so gut, sodass ich anfangs schwierigkeiten hatte mich ganz zu oeffnen, wie man es bei ganz guten freunden kann, oder eben wieder bei fremden auch, und dass du eben meine eltern auch kennst, ueber die ich mich gerade damals beklagte, das war auch irritierend, da haett ich mir leichter getan wenn du sie nicht kennst[110] [Zitat unverändert übernommen]"

Es wäre für den Klienten in Bezug auf sein Gesprächsanliegen (Konflikt mit den Eltern) also besser gewesen, wir hätten uns sehr gut oder gar nicht gekannt.

An diesem Beispiel möchte ich nochmals verdeutlichen, dass es im Peer Counseling mehrere Arten von Nähe zwischen dem Klienten und dem Berater geben kann, wobei manche davon "gut", manche "problematisch" zu sein scheinen. Unter "guter Nähe" verstehe ich eine Nähe, die den Beratungsprozess fördert und befruchtet, mit "problematischer Nähe" meine ich ein Naheverhältnis zwischen BeraterIn und KlientIn, das dem Beratungsanliegen im Wege steht. Die "gute Nähe" ergibt sich aus dem Peer-Sein. Je näher sich KlientIn und BeraterIn in puncto Vergleichbarkeit der Behinderung sind, desto hilfreicher können direkte Tipps und Ratschläge sein. Komme ich also zum Beispiel als querschnittgelähmter Rollstuhlbenützer in eine mir fremde Stadt, kann ich die besten Tipps, wie ich in der neuen Umgebung gut zurecht komme, wahrscheinlich am ehesten von einem selbstbestimmt und aktiv in dieser Umwelt lebenden männlichen Rollstuhlfahrer etwa gleichen Alters bekommen. Eine blinde Beraterin wird sich allenfalls gut einfühlen und mir eventuell Tipps aus ihrem Wissensschatz geben können, die direkte Erfahrungswelt dieser Person wird aber von meiner immer sehr verschieden bleiben. Der Unterschied in der Behinderungsart kann auf einer allgemein Ebene (z.B. Bewältigung der Behinderung) in der Beratung sogar wieder von Vorteil sein[111], dort wo es um "lebenspraktische" Tipps geht, wirkt sich dieser Unterschied aber trennend aus.

Unter "problematischer Nähe" verstehe ich ein persönliches Kennen auch außerhalb des Beratungskontextes. Gerade in kleineren Städten passiert es häufig, dass behinderte Menschen einander schon außerhalb des Kontextes der Beratung begegnet sind, das heißt miteinander bekannt oder sogar befreundet sind, wie es bei mir mit Klient 7 der Fall war und auch mit Klient 3 aus Kapitel 9 dieser Arbeit. Die Nähe, die sich aus einer Bekanntschaft oder Freundschaft ergibt, behindert meiner Erfahrung nach vor allem das Herangehen an tiefere psychologische Fragestellungen im Peer Counseling-Prozess. In diesem Prozess sollte ja der Berater möglichst neutral sein und dem Klienten helfen, sich zu öffnen. Das kann dieser aber nur, wenn der Berater wirklich eine "weiße Projektionsfläche" für den Klienten abgibt und auf professioneller Distanz zum Problem ist. Oder der Gesprächspartner ist ein guter Freund, dann aber ist der Beratungskontext unstimmig, wie auch die Aussage von K7 beweist, dem es nicht gelang "mich ganz zu oeffnen, wie man es bei ganz guten freunden kann, oder eben wieder bei fremden auch"[112] Die einzige Situation, wo Beratung unter Freunden funktioniert, ist meiner Erfahrung nach dann gegeben, wenn beide Freunde eine Berater-Ausbildung machen oder gemacht haben und - etwa im Rahmen einer Übungssituation - ganz bewusst mit den Rollen spielen. Zum Beispiel hole ich mir manchmal bei ehemaligen AusbildungskollegInnen Rat, indem ich sie bitte, mir in einer bestimmten Angelegenheit einmal ganz bewusst mit "BeraterInnen-Ohren" zuzuhören.

Von Vorteil ist die persönliche Bekanntschaft oder Freundschaft zwischen KlientIn und BeraterIn wiederum dort, wo es um die gesellschaftspolitische Wirksamkeit von Peer Counseling geht, denn hier sind freundschaftliche Verbindungen zwischen behinderten Menschen stärkend und erhöhen die Durchschlagskraft gemeinsamer Aktionen oder Proteste. Also auch die "problematische Nähe" hat wiederum ihre positive Seite. Wichtig scheint mir zusammenfassend, dass sich Peer BeraterInnen immer bewusst sein sollten, in welchem Nähe- oder Distanzverhältnis sie sich gerade zu ihren KlientInnen befinden.

11.2. Die zweite Einheit

Fast zwei Monate nach dem beschriebenen Abend kam K7 zu einem zweiten und letzten Beratungsgespräch zu mir in die Wohnung. Ich ging bewusst offen und neutral in die Stunde, auch setzten wir, anders als beim ersten Mal, einen Zeitrahmen fest, ich merkte, dass ich dieser Stunde einen anderen Charakter geben wollte als unserem letzten Treffen. Ich wollte die Initiative diesmal bewusst beim Klienten lassen. Als Probleme bzw. Themen für die Stunde gab K7 an (Zitat aus meinem Protokoll): "Was will ich machen, was ist mir wichtig? Tage vergehen oft schnell, ohne dass was passiert. Ist zur Freundin öfter grantig, redet 'nur' über, was ihn stört, zu Eltern oft unklar, unbestimmt, noch kein Auto ('war faul')"[113]

Auf dieses eher negativ gestimmte Zustandsbild hin, verwendete ich ganz bewusst eine klassische Technik der systemischen Beratung, die "Wunderfrage". Eingeführt als Fragetechnik in die lösungsorientierte Kurztherapie von Insoo Kim Berg und Steve de Shazer für Situationen, in denen KlientInnen stark problemassoziiert sind und es kaum schaffen über Ausnahmen vom Schlechten zu berichten, - Situationen also, in denen nur mehr ein "Wunder" zu helfen scheint -, ist die "Wunderfrage" eine hochwirksame Intervention, in der KlientInnen in einer leichten Trance-Induktion ein positives Bild von ihrer Zukunft entwerfen können. Die Anleitung lautet, der/die KlientIn möge sich vorstellen, über Nacht passiert, ohne dass er/sie das wahrnimmt, ein Wunder, welches alle gegenwärtigen Probleme zum Verschwinden bringt. Wie und woran würde der/die KlientIn selbst und seine/ihre Umwelt am nächsten Tag und in Folge bemerken, dass das Wunder passiert ist? Was wäre anders?

Über Technik und Wirkung der Wunderfrage findet sich ausführliches Material in der Beratungsliteratur:

"Die Wunderfrage erzeugt zwei Effekte. Zum einen ist sie so unverbindlich (für ein Wunder kann man ja nichts), daß [sic] man Veränderungen phantasieren kann, ohne sich gleich schon für deren Herstellung verantwortlich fühlen zu müssen. Zum anderen stellt man häufig fest, daß das, was man nach dem "Wunder" tun würde, nichts Übernatürliches ist, sondern recht schlichte, handfeste Tätigkeiten"[114]

schreiben Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer in ihrem "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung". Im hier besprochenen Fall gelang dieses Hineingleiten in eine Welt der Möglichkeiten und Veränderungen mit dem Klienten 7 sehr gut. Im Protokoll zur Stunde notierte ich einige seiner Beschreibungen, wie er und seine Umwelt sich nach dem "Wunder" fühlen oder handeln würden:

"er ist energiegeladener, klarer, steht schneller auf, setzt sich an den PC, beginnt mit projekt für schwester. macht expressive handbewegungen, [als er beschreibt,] was er tun muss, um grundlagen für dieses projekt zu legen, das er sonst wie eine schwere sisyphus-kugel vor sich herschiebt. schwester würde sagen, dass sie sich sehr freut. mutter merkt es an klarheit bezgl essenszeiten, freunde merken es, weil er positiv erzählt, freundin auch, weil er gut drauf ist und von dem erzählt, was er gut kann. auch die auszeiten auf der magnet-therapiematte werden bewusster, entspannter genutzt. er ist auch vater ggü klarer, [...] wird zeitplan erstellen! [...] würde früh, zw. 10+11 zu bett gehen, gut einschlafen"[115]

11.2.1. Über das Realistische im Möglichen

Die Wunderfrage ist eine wirksame Methode der Zielarbeit mit KlientInnen, denn "während sich ihr Vorstellungsbild mehr und mehr entwickelt, fühl[en] sie sich oft immer stärker von der Möglichkeit angezogen"[116], schreiben Insoo Kim Berg und Peter de Jong in ihrem Buch "Lösungen (er-)finden" und zitieren David Saleebey: "Erst wenn Menschen anfangen, Szenarios des Möglichen zu entwerfen, bewegen sie sich in Richtungen, die sie zufriedener machen".[117]

Wichtig bei der Anwendung der Wunderfrage ist die richtige Technik. KlientInnen tendieren dazu aus dem Wunderbild herauszufallen und wieder in ihre Problem-Sprache zurückzukehren. Das kann man als Berater verhindern, indem man durch eine ruhige Sprech- und Fragetechnik den entspannten tranceartigen Zustand der KlientInnen aufrecht erhält, und indem man durch zukunftsorientierte Formulierungen ("was wird anders sein, was werden Sie tun, was wird XY bemerken?") die Lösungs-Sprache der KlientInnen verstärkt. So versuche ich zum Beispiel immer, wenn KlientInnen in ihren Antworten in den Konjunktiv verfallen, sie wieder zurück in den Indikativ zu holen und betone, dass das Wunder (in ihrem Bild) ja tatsächlich passiert ist. Durch diesen Indikativ bekommen die Zukunfts-"Träumereien" einen Realitätsbezug. Das Realistische im Möglichen wird verankert, und dies hilft KlientInnen dabei, auch im wahren Leben überprüfbare Schritte in Richtung Realisierung ihrer Träume zu setzen. Mit Klient 7 scheint mir das recht gut gelungen zu sein, wie ein Feedback von ihm dreieinhalb Jahre nach der gemeinsam erlebten Beratungseinheit zeigt. Dabei hatte ich ihn gefragt, ob er durch die Beratung Veränderungen in Bezug auf seinen Umgang mit der Behinderung festgestellt habe. Er antwortete:

2kann es sein, dass wir damals so eine wo-siehst-du-dich-in-5-jahren-sache gemacht haben? ich kann mich leider gar nicht daran erinnern, aber wenn wir das da gemacht haben, dann war das der ausschlaggebende moment, dass ich mich das immer wieder einmal frag, beziehungsweise vorstell, und mir prinzipiell zeit fuer solche was-will-ich-ueberhaupt-fragen nehme[118] [Zitat unverändert übernommen]"

An dieser Aussage ist zweierlei interessant: Dem Klienten steht zwar sehr genau noch die Ziel- und Zukunftsorientiertheit der Beratungseinheit vor Augen ("so eine wo-siehst-du-dich-in-5-jahren-sache"), er erinnert sich aber nicht mehr an den genauen Aufhänger (die Wunderfrage). Die Aussage, "ich kann mich leider gar nicht mehr daran erinnern", lässt in diesem Zusammenhang auch auf die tiefe Trance schließen, in der sich der Klient während der "Wunderfrage" befand.

Jetzt, dreieinhalb Jahre nach diesem Treffen, haben wir keinen Beratungskontakt mehr, dafür freundschaftlichen Kontakt. So weiß ich auch, dass das eigene Auto im Leben von K7 zum selbstverständlichen, nicht mehr wegzudenkenden Fortbewegungsmittel geworden ist und er das Projekt abgeschlossen hat, das er in der Antwort auf die Wunderfrage noch als "Sisyphus-Projekt" bezeichnete. Er wohnt selbstständig in einer eigenen Wohnung, übt einen Beruf aus, unternimmt Reisen und führt von außen gesehen ein sehr aktives und selbstbestimmtes Leben, anders also als in seiner Selbstwahrnehmung vor der Wunderfrage, wo er sich als faul, unklar und unbestimmt bezeichnete.

11.2.2. Und noch einmal: Die viel zitierte Vorbildwirkung

Das soll nicht heißen, dass sich K7 ohne meine beraterische Intervention von damals nicht genauso entwickelt hätte. Faktum ist, dass er in seinem Wunderbild ziemlich genau die Dinge vor Augen hatte, die er dreieinhalb Jahre später alle schon realisiert hat. Und noch ein weiteres Mal spricht er in seinem Feedback auf unsere Beratungsbegegnung von einem "ausschlaggebenden Moment":

"unsere gespraeche waren fuer mich auch ein stein in einem grossen mosaik eines veraenderungs- und bewusstwerdungs-prozesses... vielleicht waren sie auch der ausschlaggebende moment, auf alle faelle war es natuerlich auch gut zu sehen, wie gut du mit deinem leben zurecht kommst und allein dadurch auch motivierend für mich ganz ohne beratung und gespraech...[119] [Zitat unverändert übernommen]"

Hier kommt nochmals die Vorbildwirkung im Peer Counseling zur Sprache, die auch in Untersuchungen über diese Beratungsmethode eine anerkannte Rolle spielt. Dazu Katrin Brunner in ihrer Diplomarbeit:

"Peer Counselors/Counselorinnen können durch eine selbstbestimmte Lebensweise den Ratsuchenden Mut machen, ebenfalls den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu beschreiten [...]. Das funktioniert aber nur, wenn das Vorbild der Peer Counselors/ Counselorinnen nicht einfach kopiert wird, sondern als Anregung dient, das Leben nach den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen positiv zu gestalten. In der Literatur wird das Vorbild der Peer Counselors/Counselorinnen als "mutmachend" beschrieben, da Menschen mit Behinderung generell in der Öffentlichkeit so gut wie nicht vertreten sind und ein positives Beispiel daher schwer zu finden ist [...]. In den Interviews wurde diese Ansicht bestätigt."[120]

Peer Counseling kann also mutmachend und motivierend sein "ganz ohne gespraech und beratung", wie es K7 in seinem Feedback formuliert. Allein einem Menschen gegenüber zu sitzen, der es geschafft hat "der Behinderung ein Schnippchen zu schlagen", der sich von der potenziell erdrückenden Last, die eine Behinderung bedeuten kann, eben nicht erdrücken hat lassen, einen Peer Counselor gegenüber zu haben, der ein "normales" Leben führt, wie so manche gesunde Menschen auch, das allein kann KlientInnen Mut machen, besonders wenn sie erst seit kurzem mit ihrer Behinderung konfrontiert sind. Das ist die Vorbildwirkung im Peer Counseling, und die funktioniert tatsächlich ohne "gespraech und beratung". Bloß so.

11.2.3. Betroffenheit alleine reicht nicht

Was ich, Sebastian Ruppe, aus meiner bisherigen Beratungserfahrung heraus aber schon glaube, ist, dass da, wo es im Peer Counseling zu Gespräch und Beratung kommt, das Beherrschen von Beratungstechniken von großem Vorteil sowohl für die Peer-BeraterInnen als auch für ihre KlientInnen ist. Nicht nur, wie oben erwähnt, bei der Anwendung der Wunderfrage hilft es Fragetechniken zu kennen, um KlientInnen im Trance- und damit im Ressourcenzustand zu halten. In vielen Situationen, die mir in Beratungsgesprächen begegnet sind, war ich froh "Berater-Handwerkszeug" und theoretisches Wissen parat zu haben, um professionell handeln zu können.

Ich nenne im folgenden Stichworte, zu denen ich während meiner fünfsemestrigen systemischen Beratungsausbildung viel - auch durch praktisches Üben - gelernt habe: Ressourcenorientierung, Joining, Pacing, Körperhaltung, Empathie, Wertschätzung, Kongruenz, Akzeptanz, Komplimente, gut für sich selbst Sorgen, der Beratungsraum, Krisenintervention, bedeutsame Andere, systemisches Fragen, Skalierungen, Familienbrett, inneres Team, Paraphrasieren, Zusammenfassen, mit Bildern arbeiten, Genogramm-Arbeit, Kybernetik (der Berater als Teil des Systems), Entspannungstechniken, Klarheit, Rahmenkontrakt, Auftragsklärung, Zielarbeit, Lebensphasen, Übergänge...; das alles sind Themen und Bereiche, die einem bei der Arbeit mit KlientInnen automatisch begegnen. Sie in einer spezifischen Ausbildung theoretisch umkreist und praktisch durchgearbeitet zu haben, gibt mir Sicherheit im Beraten. Dazu kommt noch ein hohes Ausmaß an Selbstreflexion, welches in einer zertifizierten Lebens- und Sozialberaterausbildung zum Beispiel durch die nachzuweisenden supervidierten Beratungsprotokolle, die Einzelselbsterfahrung, die Gruppenselbsterfahrung, die Gruppensupervision, die Einzelsupervision und die Peergruppenarbeit sichergestellt wird.

Es ist wie ein Handwerk. Auch ohne es gelernt zu haben, werden manche Menschen es schaffen mit Hammer, Säge und Nägeln einen Tisch zu bauen. Er wird aber anders aussehen als ein Tisch, der von einem gelernten Tischler hergestellt wurde. Auf das Peer Counseling übertragen heißt das: Betroffenheit alleine reicht nicht. Erst im Zusammenhang mit weiteren Beratungskenntnissen und vor allem einem hohen Grad an Selbstreflektiertheit wird sie zur Ressource. Dazu Katrin Brunner in ihrer Masterarbeit über Peer Counseling:

"Gefühle, die durch Betroffenheit verursacht werden, stellen noch keine Fähigkeit dar. Erst durch die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen, ihren Ursachen und durch das "Sich-Zurechtfinden" in dieser Lebenssituation wird eine Person nach und nach kompetent."[121]

Noch knapper sagt es Peter van Kan: "Peer Counseling führt immer zu persönlichem Wachstum, außer wenn falsch gearbeitet wird." [122]



[100] Protokoll vom 15. November 2006, S.1.

[101] Protokoll vom 15. November 2006, S.2.

[102] Katrin Brunner: Betroffene für Betroffene - Peer Counseling als Weg zu Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion. Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie, vorgelegt am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Inklusionspädagogik, der Karl-Franzens-Universität Graz, 2009.

[103] Brunner verwendet die weibliche Mehrzahl "Peer Counselorinnen", ich ziehe den Ausdruck "Peer Beraterinnen" vor.

[104] Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S.136.

[105] Die routinemäßige selbstständige Verwendung der öffentlichen Verkehrsmittel ist Menschen mit gravierenden Mobilitätsbehinderungen in Österreich aufgrund der durchwegs ungenügenden Barrierefreiheit der Verkehrsmittel selbst und des umgebenden öffentlichen Raums auch im Jahr 2010 noch immer nicht zuzumuten. Dies wird sogar in den offiziellen "Behindertenpässen" des Bundessozialamtes vermerkt, worauf sich dann Ansprüche auf die kostenlose Beförderung von Begleitpersonen gründen.

[106] Wie die meisten zuvor selbstverständlichen Prozesse ist auch das Einsteigen in ein Auto und das Verladen des Rollstuhls darin nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung ein motorischer Ablauf, der dem/der Gelähmten je nach Höhe der Lähmung anfangs große Schwierigkeiten bereiten kann und viele Male geübt werden muss, bis er zur alltagstauglichen Routine wird. Je höher (umfassender) die Lähmung ist, desto schwieriger ist es, dass die querschnittgelähmte Person dabei völlige Selbstständigkeit erlangen kann. Durch entsprechende technische Adaptierungen ist das sichere Lenken eines Fahrzeugs meist selbst bei hohen Lähmungen (im Halswirbelbereich) möglich, selbst wenn zum Ein- und Aussteigen und für das Verladen des Rollstuhls Hilfe benötigt wird.

[107] Siehe dazu Kapitel 5 dieser Arbeit.

[108] Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S.142.

[109] Aus einem Email des Klienten an den Verfasser im Sommer 2010.

[110] Aus einem Email des Klienten an den Verfasser im Sommer 2010.

[111] Vgl. dazu die Beratung mit K3 in Abschnitt 9.3. dieser Arbeit.

[112] Email von K7 an den Verfasser im Sommer 2010. Orthographie unverändert übernommen.

[113] Protokoll vom 12. Jänner 2007, S.1.

[114] Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer (2003): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, S.159.

[115] Protokoll vom 12. Jänner 2007, S.2.

[116] Peter de Jong / Insoo Kim Berg: Lösungen (er-)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kurztherapie. 5. Auflage. Dortmund: verlag modernes lernen 2003. (= systemische Studien. 17), S.126.

[117] Ebda., S.124. De Jong und Berg widmen der Wunderfrage ein ganzes 38-seitiges Kapitel im zitierten Werk.

[118] aus einem Email von K7 an den Verfasser im Sommer 2010, Orthographie unverändert übernommen.

[119] aus einem Email von K7 an den Verfasser im Sommer 2010, Orthographie unverändert übernommen.

[120] Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S. 62 u. 137f.

[121] Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S. 19.

[122] Peter van Kan: Das Peer-Counseling. Ein Arbeitshandbuch. In: Van Kan, Peter / Dooser, Stefan: Zukunftsweisend. Peer Counseling & Persönliche Zukunftsplanung. 3. Auflage. Kassel: bifos Schriftenreihe 2004, S.48.

12. Resümee des Autors und Ausblick mit Schwerpunkt auf Österreich

Peer Counseling - die Beratung behinderter Menschen durch behinderte BeraterInnen - ist, das hat diese Arbeit zu zeigen versucht, eine Beratungsform, die sich im breiten Spektrum heute existierender Beratungs- und Therapieformen nicht schüchtern am Rand einzuordnen braucht; im Gegenteil: Peer Counseling hält sowohl für den einzelnen behinderten Menschen als auch, gesellschaftlich gesehen, für die Gesamtheit behinderter Menschen ganz spezifische Möglichkeiten und Vorzüge parat, die klug genützt, dieser Beratungsform noch zu weitreichender Anerkennung verhelfen werden. Davon bin ich als Autor dieser Arbeit genauso überzeugt wie davon, dass um diese Anerkennung von Peer Counseling sowie um die Rechte und Lebensbedingungen behinderter Menschen allgemein noch gerungen werden muss. Diese Arbeit versteht sich als ein Teil dieser Bemühungen.

12.1. Theoretische Fundierung und praktische Verbreitung von Peer Counseling

Nur in den USA, wo Peer Counseling gemeinsam mit der Independent Living-Bewegung in den späten sechziger und beginnenden siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden ist, ist diese Beratungsform durch die Vielzahl an existierenden Independent Living-Organisationen bereits etabliert[123]. Heute haben die USA die weitreichendste Anti-Diskriminierungs-Gesetzgebung weltweit[124], woran Peer Counseling und die Independent Living-Bewegung maßgeblich beteiligt waren.

In Europa kann man davon sprechen, dass sich sowohl die Verbreitung des Selbstbestimmt Leben-Gedankenguts als auch konkrete Peer Counseling-Angebote noch immer in einer Pionierphase befinden[125]. Gisela Hermes spricht 2006 in diesem Zusammenhang von einer "Nichtbeachtung des Themas [Peer Counseling], von mangelnder gesellschaftlicher als auch professioneller Anerkennung, von mangelhafter Ausstattung der Beratungsstellen und von einem eklatanten Mangel an theoretischer Fundierung".[126]

Während in Deutschland mittlerweile mehrere AutorInnen zu Peer Counseling publiziert haben, sind in Österreich vor dieser Arbeit, mit der ich eine Beraterausbildung abschließe, bisher (Stand September 2010) erst zwei universitäre Diplomarbeiten zum Thema Peer Counseling erschienen, wobei eine konkret die Peer Counseling-Arbeit des Selbstbestimmt Leben-Zentrums BIZEPS in Wien untersucht[127], die andere bemüht sich um einen österreichweiten Überblick[128]. Demnach wird Peer Counseling in Österreich derzeit von folgenden Organisationen angeboten:

  1. BIZEPS - Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, Wien

  2. WAG - Wiener Assistenzgenossenschaft, Wien

  3. domino - Zentrum für Kompetenzen, Wien

  4. BMKz - Beratungs- Mobilitäts- und Kompetenzzentrum, Klagenfurt

  5. Reiz - Selbstbestimmt Leben, Vorarlberg

  6. Selbstbestimmt Leben, Innsbruck

  7. Selbstbestimmt Leben-Initiative (SLI OÖ), Oberösterreich

  8. Uniability - österreichweite Arbeitsgemeinschaft zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an Österreichs Universitäten und Hochschulen

Der Österreichische Zivil-Invalidenverband (ÖZIV) bietet in allen Bundesländern ein vom Bundessozialamt unterstütztes Beratungsangebot mit dem Namen ÖZIV-Support an, das aber, da hier auch nicht-behinderte Berater agieren, nicht vollinhaltlich unter Peer Counseling subsumiert werden kann.

Außerdem betreibt die "People First"-Bewegung, die Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten, eine Peer-Beratungsstelle in Innsbruck: WIBS - Wir informieren, beraten und bestimmen selbst.

12.2. Vorzüge des Peer Counseling aus der Sicht des Autors

Die vorliegende Arbeit habe ich aus der Perspektive eines selbst behinderten Beraters geschrieben, der eine Lebens- und Sozialberaterausbildung absolviert hat und mit behinderten und nicht-behinderten KlientInnen Übungsberatungen absolviert hat. Gleichzeitig fließen darin frühere persönliche Erfahrungen von mir in der Rolle als damals noch nicht behinderter Klient von nicht-behinderten BeraterInnen und später als behinderter Klient von nicht-behinderten BeraterInnen ein.

Aus dieser Vergleichsposition sind die positiven Eigenheiten des Peer Counseling aus meiner Sicht die folgenden:

  1. Sehr schnelles Joining: Das heißt, BeraterIn und KlientIn kommen zu Beginn der Stunde schnell und unkompliziert miteinander ins Gespräch, weil, auch wenn man sich noch gar nicht kennt, durch die geteilte Behinderungserfahrung immer eine Fülle von Anhaltspunkten praktischer Natur (zum Teil mit emotionalem Tiefgang) da sind, auf die das Gespräch aufbauen kann.

  2. Angstfreiheit: Behinderung ist vielen Fällen eine körperliche Extremsituation. So haben behinderte Menschen manchmal auch Schamgefühle im Kontakt mit nicht-behinderten Menschen zum Beispiel wegen bestimmter Körperhaltungen, Bewegungsabläufe oder anderer Eigenheiten, die sich aus der Behinderung ergeben. Man denke zum Beispiel an Spasmen. Hinter dieser Scham steckt die Angst nicht so akzeptiert zu werden, wie man ist. Diese Scham- und Angstgefühle fallen im Peer Counseling weg, weil der behinderte Körper hier die Norm ist. Aus einem neutralen Interesse an der Behinderung des/der anderen kann auch ein enttabuisiertes Sprechen über die körperlichen Aspekte von Behinderung entstehen. Das fördert eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der Akzeptanz im Peer Counseling.

  3. "Peer Support": Erfahrungen mit behinderungsbedingten Hilfsmitteln, das Wissen über Persönliche Assistenz, über finanzielle Hilfestellungen, Tipps zu barrierefreien Reise- und Freizeitmöglichkeiten, Erfahrungen mit bestimmten Therapien..., dies alles kann authentisch und am besten zwischen Menschen, die damit selbst Erfahrung haben, weitergeben werden. Ob ein Autoumbau zum Beispiel für eine bestimmte Lähmungssituation funktioniert, kann am besten mit jemandem besprochen werden, der/die mit der gleichen Lähmungsart lebt und das Produkt kennt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Menschen, die Barrierefreiheit selbst nicht benötigen, zum Beispiel auch nicht darauf achten, ob ein Gebäude stufenlos erreichbar ist. Diesen unschätzbar wertvollen Bereich der Weitergabe praktischer Lebenserfahrung im Peer Counseling nennt man "Peer Support". Er funktioniert umso besser je ähnlicher einander die Behinderungsarten von BeraterIn und KlientIn sind und nimmt je nach Ausrichtung der Beratungsstelle einen großen Teil der Beratungsinhalte im Peer Counseling ein.

  4. Die Vorbildwirkung: Peer Counselors/Beraterinnen haben sich idealer Weise, bevor sie zu beraten beginnen, mit ihrer Behinderung auseinandergesetzt und führen ein selbstbestimmtes Leben. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn viele Menschen mit Behinderung leben in Abhängigkeiten, die sie so nicht wählen würden, wären sie nicht behindert. Peer Counselor/BeraterInnen dienen KlientInnen daher oft als "best practice"-Beispiele. Stärker als in anderen Beratungsformen, wo BeraterInnen oder TherapeutInnen auch idealisiert werden, kann im Peer Counseling das bloße Faktum jemand gegenüberzusitzen, der/die es geschafft hat trotz der verschärften Ausgangsbedingung Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu führen, mobil zu sein, finanziell unabhängig zu sein, außerhalb der Herkunftsfamilie, eventuell in einer Partnerschaft zu leben, ein motivierender Impuls für KlientInnen sein, sich das selbst zuzutrauen und selbstbewusst Schritte in die gleiche Richtung zu setzen. Peer Counseling ist damit ein Instrument der Selbstermächtigung oder, wie der englische Fachausdruck dafür lautet, des Empowerment.

  5. Geteiltes Leid und politische Wirksamkeit: Behinderung ist eine existenzielle Extremsituation einer gesellschaftlichen Randgruppe. Im Peer Counseling kann das Bewusstsein einer gesellschaftlichen Minderheit anzugehören, die Leidens-, Ohnmachts- und Diskriminierungserfahrungen teilt, mit jemandem besprochen werden, der diese Probleme aus eigener Erfahrung kennt. Dabei können allgemein die Trauer und die Wut über erlebte Benachteiligungen zur Sprache kommen oder ganz konkret Strategien besprochen werden, wie man gegen Diskriminierung vorgehen kann. Auf jeden Fall sind hier behinderte BeraterInnen ihren nicht-behinderten KollegInnen gegenüber immer im Vorteil, denn diese können nur theoretisch und empathisch zu erfassen versuchen, was Peers "am eigenen Leib" täglich selbst erleben.

Gleichzeitig führen die geteilten Leidenserfahrungen zu einem Solidaritätsgefühl zwischen BeraterInnen und KlientInnen, das über den Beratungsraum hinaus auch gesellschaftspolitische Wirkung entfalten kann.

Denn einerseits tritt ein behinderter Mensch, der sich nicht allein weiß mit seiner Problematik, selbstbewusster auf mit seiner Identität in der Gesellschaft und traut sich auch Rechte einzufordern. Damit trägt er/sie zur stärkeren Anerkennung der Gesamtheit behinderter Menschen bei.

Andererseits ist das Kennenlernen anderer behinderter Menschen im Peer Counseling-Kontext oft die konkrete Basis dafür, sich auch außerhalb des Beratungssettings aktionistisch zusammenzutun, sich gegen einschränkende Strukturen zur Wehr zu setzen und gemeinsam behindertenpolitische Ziele zu verfolgen.

Dies ist auf der Ebene des Individuums und auf der Ebene der Gruppe die viel beschriebene politische Wirkung von Peer Counseling.

12.3. Die Haltung der BeraterInnen im Peer Counseling

Auf der Ebene des Berater-Handwerkszeugs orientiert sich Peer Counseling an der klientenzentrierten Gesprächstherapie von Carl Rogers und am systemischen Gedankengut. Die Haltung von Peer BeraterInnen ihren KlientInnen gegenüber ist durch Empathie, Wertschätzung und Akzeptanz geprägt. Aktives Zuhören, Zusammenfassen von Gesagtem, Spiegeln von Gefühlen, die Vermeidung von direkten Ratschlägen sind weitere Elemente dieses Beratungsansatzes, der an vorhandene Ressourcen und positive Entwicklungsmöglichkeiten in jedem Menschen glaubt. KlientInnen werden als die ersten und einzigen ExpertInnen für ihre eigenen Angelegenheiten betrachtet. Sie können von kongruenten, das heißt mit sich im Einklang stehenden und handelnden Peer-BeraterInnen, die auch ihre Behinderung reflektiert und bereits ein Stück weit in ihr Leben integriert haben, dabei unterstützt werden eventuelle innere und äußere Blockaden, die einer Selbstentfaltung im Wege stehen, zu bearbeiten.

Ich persönlich halte es auch für wichtig, dass sich behinderte Menschen mit ihrem Körper auseinandersetzen, denn ein feinfühliger, akzeptierender Umgang damit ist die Voraussetzung sowohl für körperliche als auch für seelische Gesundheit. So leite ich KlientInnen zum Beispiel gerne bei Entspannungsübungen an, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass KlientInnen in der Entspannung oft besonders fruchtbaren Kontakt zu ihren Ressourcen aufnehmen können.[129] Auch Peter van Kan betont die Bedeutung des Körperbewusstseins im Peer Counseling: "Es ist zu vermuten, dass jemand, der sich im eigenen Körper nicht zu Hause fühlt, sich auch nirgendwo anders auf der Welt heimisch fühlen wird. Integration kann nicht außerhalb anfangen."[130]

Und Matthias Rösch tritt dafür ein, nicht dogmatisch an einzelnen Beratungsideologien zu "kleben", sondern methodisch aus dem Vollen zu schöpfen und dabei einen Fokus nie aus den Augen zu verlieren: die KlientInnen und ihren Weg zur Selbstbestimmung:

Wichtig erscheint mir, eine Vielfalt zu erhalten und zu ermöglichen, aus der wir im Peer Counseling schöpfen können. [...] Ziel des Peer Counseling soll die Unterstützung zu einer selbstbestimmten Lebensführung sein. Als grundlegendes Prinzip liegt daher nahe, die Ratsuchenden dort abzuholen, wo sie gerade sind und nicht durch ideologisch begründete Erwartungen zu überfordern."[131]

Nahe an den KlientInnen, frei von beraterischer Ideologie, Hilfe zur Selbsthilfe oder, in einem einzigen Wort zusammengefasst, "hilfreich" sollte Peer Counseling also sein. Das ist auch meine Meinung. Die Definition von "hilfreich" muss dabei freilich immer den KlientInnen überlassen werden: "Nothing about us without us." Dieses Motto der internationalen Selbstbestimmt Leben-Bewegung gilt auch für die KlientInnen im Peer Counseling.

12.4. Grenzen, Probleme, Notwendigkeiten im Peer Counseling

12.4.1. Zu nahe

Probleme im Peer Counseling können auftreten, wenn BeraterIn und KlientIn sich schon außerhalb des Beratungskontextes kennen. Ein Gespräch über eine tiefer gehende oder seelisch belastende Angelegenheit kann entweder zwischen Freunden in einem Freundschaftskontext gut funktionieren oder zwischen einem Klienten und einem neutralen Berater in einem Beratungskontext. Ist aber der Freund der Berater, so ist die Situation asymmetrisch - nur einer fragt, nur einer erzählt. Dieses Ungleichgewicht wiederum ist der bestehenden Freundschaft nicht angemessen. Die Folge ist, dass das Gespräch ins Stocken kommt, weil die Klientin spürt, sie kann sich der Beraterin gegenüber nicht so öffnen, wie es für eine lösungsorientierte Erörterung des Themas notwendig wäre. Dies haben meine eigenen Beratungen und Feedbacks von KlientInnen, mit denen ich auch so bekannt oder befreundet war, mehrfach gezeigt.

Peer Support, also die praxisbezogene Unterstützung in Alltagsproblemen mit der Behinderung, ist auch unter Bekannten möglich. Auch für die politische Komponente des Peer Counseling, also gemeinsam Verbesserungen für die Lebenssituation behinderter Menschen zu erreichen, ist das einander Kennen naturgemäß wieder von Vorteil. Allerdings, so Katrin Brunner: "Für politische Arbeit sind Peergruppen sowie Veranstaltungen oder Radiosendungen zum Thema Empowerment und Selbstbestimmung in der Behindertenarbeit weitaus besser geeignet [als die Einzelberatung]."[132]

Von Peer Counseling mit FreundInnen oder Bekannten ist also abzuraten!

12.4.2. Ich löse nicht deine Probleme

BeraterInnen im Peer Counseling müssen darauf achten, dass sie nicht in eine bevormundende Rolle kommen. Das passiert dann leicht, wenn KlientInnen Probleme bringen, die die Beraterin aus der eigenen Biographie kennt und für sich bereits gelöst hat. Es liegt nahe, die gleiche Lösung dann dem Klienten rezeptartig zu "verschreiben". Aber alle Menschen sind verschieden und jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus.

Bevormundung passiert auch leicht gegenüber KlientInnen, die erst seit kurzer Zeit mit einer Behinderung leben und noch sehr verunsichert sind durch die neue Situation. Auch in diesem Fall müssen sich BeraterInnen mit der eigenen Expertise bewusst zurückhalten und im Wissen agieren, dass alle KlientInnen nur dann nachhaltig Fortschritte machen, wenn sie diese Schritte aus eigenem Antrieb in der ihnen persönlich angemessenen Art und Geschwindigkeit setzen können.

KlientInnen im Peer Counseling müssen ebenfalls durch den Lernprozess, dass nicht alles, was BeraterInnen ihnen vorleben, auch passend ist für das eigene Leben. Vorbild ja, aber mit Vorsicht genießen. Der Weg zum selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Behinderung führt auch über dornige "try and error"-Abschnitte, die kein Peer Counselor seinen KlientInnen gänzlich abnehmen kann.

12.4.3. Barrierefreie Beratungsorte

Barrierefreie, neutrale Beratungsorte sind eine Grundvoraussetzung für professionelles Peer Counseling. Kompromisslose Barrierefreiheit nach Ö-Norm B-1600, am besten abgesprochen mit einer kompetenten Beratungsstelle für barrierefreies Bauen[133], ist nicht nur die funktionale Voraussetzung für die Arbeit mit behinderten Menschen. In der barrierefreien und natürlich auch sonst angenehmen Gestaltung des Beratungsortes drückt sich bereits die erste Wertschätzung gegenüber KlientInnen aus. Die Neutralität des Ortes, im Sinne eines von intimen Referenzen auf den Berater freien Raumes, halte ich aus eigener Erfahrung für wichtig. Öfters habe ich aus Mangel an barrierefreien Alternativen in meiner eigenen Wohnung beraten und dabei keine guten Erfahrungen gemacht.

In Zukunft sollte es selbstverständlich werden, dass sämtliche Beratungsangebote in Österreich sowie auch alle anderen Dienstleistungsangebote im Gesundheits- und Sozialbereich barrierefrei erreichbar sind. Dann erst kann man von Wahlfreiheit sprechen. Peer Counseling soll aus Gründen der Methode, nicht aus Gründen der Zugänglichkeit als eines unter vielen Angeboten von behinderten Menschen gewählt werden können.

12.4.4. Bezahlung, Ausbildung und Berufsbild

Ich sehe die Notwendigkeit der Niederschwelligkeit im Peer Counseling, bin aber ein Befürworter bezahlter Beratungsangebote. Wenn ich mich entscheide für etwas zu bezahlen - hier sind natürlich vielfältige Modelle denkbar, dass Menschen nicht wegen sozialer Bedürftigkeit von Angeboten ausgeschlossen bleiben[134] - , und wenn es nur ein Anteil der wahren Kosten ist, so ist dies ein Akt der Selbstbestimmung. Ich werde zum Kunden, der auch etwas einfordern darf. Zum Beispiel zeitliche und räumliche Ressourcen sowie natürlich eine/n professionell agierende/n Peer Counselor/Beraterin.

Dies führt zum Thema der Ausbildung. Erfreulicher Weise hat es die Selbstbestimmt Leben-Initiative in Oberösterreich (SLI OÖ) geschafft, dass das Berufsbild des Peer Counselors im Oberösterreichischen Sozialhilfegesetz verankert wurde. Parallel dazu entwickelt die SLI OÖ ein Curriculum für eine Peer Counseling-Ausbildung und hat auch mit einem Lehrgang für psychisch beeinträchtigte Menschen begonnen. Über die Peer Counseling-Ausbildungen der SLI OÖ, die Katrin Brunner in ihrer Überblicksarbeit erwähnt, finden sich auf der Homepage der SLI OÖ derzeit (September 2010) aber keine näheren Angaben.[135]

Da ich selbst während einer Lebens- und Sozialberaterausbildung gemerkt habe, dass das Beraten anderer Menschen eine Tätigkeit ist, die gelernt sein will, weil man mit ihr viel Gutes bewirken kann, wenn man professionell handelt, andererseits aber Menschen Schaden zufügen kann, wenn man nicht sorgfältig agiert, bin ich ein klarer Befürworter einer zertifizierten Peer Counseling-Ausbildung. Es ist für mich dabei auch denkbar, dass sich diese Ausbildung, solange die Selbstbestimmt Leben-Bewegung noch kein eigenes Curriculum entwickelt hat, modular aus auf dem Markt angebotenen Therapie- und Beratungsausbildungen zusammensetzen lässt, solange das Spezifikum Peer Beratung in einem eigenen Modul hinreichend eingebracht wird.

Ein zertifiziertes Berufsbild wäre auch für Peer Counselors/Beraterinnen eine Entlastung, weil damit Pflichten, Rechte und Abgrenzungen in Bezug auf andere Berufsgruppen (Psychotherapeutinnen, Lebens- und SozialberaterInnen, Coaches etc.) klar definiert werden könnten. Denn es ist für das Wohl von KlientInnen wichtig, dass BeraterInnen auch wissen, wo ihre professionellen Kompetenzen enden, und wo weiter zu überweisen ist.

12.4.5. Peer Counseling und Menschen mit Lernschwierigkeiten

An Grenzen bin ich auch gestoßen, als ich Peer Counseling als Gesprächsführungstechnik in einem Praktikum mit lernbehinderten Menschen in einem Wohnheim erproben wollte. Das lag nur zum Teil an der Art der Behinderung der BewohnerInnen, als problematisch habe ich vor allem auch die institutionelle Wohnform erlebt, die für mich im Widerspruch zu dem im Peer Counseling verfolgten Ziel der Selbstbestimmung zu stehen schien.

Die Beratung von Menschen mit Lernschwierigkeiten steht gesellschaftlich gesehen genauso im Abseits wie lernbehinderte Menschen selbst, ist mein Eindruck. Es gibt dazu auch kaum Literatur. Erfreulicher Weise gibt es zumindest eine Beratungsstelle in Österreich der "People First"-Bewegung für Menschen mit Lernschwierigkeiten, wo auch Peers als BeraterInnen arbeiten: "WIBS - Wir informieren, beraten und bestimmen selbst" in Innsbruck.

Zur Beratung von Menschen mit Lernschwierigkeiten kann ich nach 100 Stunden Praktikum in einer Wohneinrichtung keine allgemein gültigen Aussagen treffen. Aber ich werde Fragen zur Verfügung stellen, die in mir durch den Kontakt zu 14 charakterstarken Menschen mit Lernschwierigkeiten während eines Monats, der mich persönlich sehr weiter gebracht hat, entstanden sind:

  1. Wie weit bin ich als körperbehinderter Mensch "Peer" in Bezug auf Menschen, die keine körperlichen Einschränkungen haben, aber offensichtlich ganz anders denken als ich? Wenn ich die Betroffenheit durch Behinderung als gemeinsamen Nenner heranziehe, bin ich Peer. Im Sinne Adolf Ratzkas gehört zur Betroffenheit allerdings auch "das Bewusstsein, einer unterdrückten Minderheit anzugehören [und] die Erfahrung, tagtäglich struktureller Gewalt ausgesetzt zu sein und diskriminiert zu werden"[136] Wie viele der 14 BewohnerInnen, deren Mehrheit einen Großteil ihres Lebens in Heimen verbracht hatte, lebten tatsächlich mit dem Bewusstsein, struktureller Gewalt ausgesetzt zu sein? Dabei waren sie es ohne Zweifel mehr als ich, der ich eine eigene Wohnung und eine freie Zeiteinteilung besitze. Als Peer BeraterInnen wären hier Menschen geeignet, die mit ähnlichen Behinderungen in ähnlichen Lebensverhältnissen leben.

  2. Peer Counseling ist eine Beratungsform, die auf mündlicher Kommunikation zwischen BeraterIn und KlientIn und der Fähigkeit der Reflexion der eigenen Bedingtheit aufbaut. Wie kann ich mit diesem Beratungsangebot Menschen hilfreich sein, mit denen ich nur eingeschränkt kommunizieren kann und bei denen ich kaum Selbstreflexion wahrnehme? Ist es mein Kommunikationsinstrumentarium, das da geschärft werden muss? Ich glaube es fast.

  3. Als Peer Counselor bin ich der Ideologie der Selbstbestimmt Leben-Bewegung verpflichtet, die Heimunterbringung ablehnt. Idealer Weise stelle ich mir vor, dass auch schwer mehrfach behinderte Menschen mit Lernschwierigkeiten in Wohngruppen bis maximal vier oder fünf BewohnerInnen mit entsprechender Persönlicher Assistenz mitten in der Gesellschaft und nicht ausgesondert in Großeinrichtungen leben könnten, so wie das in Schweden offensichtlich funktioniert. Ich hielte das für heilend und fördernd für beide Seiten, die nicht-behinderten und die behinderten Menschen. Beide Seiten könnten so Lernprozesse durchmachen, Normalisierung fände statt. Kann ich also seriöser Weise in einem Wohnheim für 14 behinderte SeniorInnen, das die meisten von ihnen wahrscheinlich erst nach ihrem Tod verlassen werden, Peer Counseling anbieten und Normalisierung "predigen"?

  4. Warum bin ich überhaupt der Meinung, dass die Menschen, die ich in der Wohneinrichtung kennengelernt habe, anders leben sollten? Wollen sie das überhaupt? Vielleicht sind meine Ideale des selbstbestimmt Wohnens in kleinen Wohngruppen gar nicht die ihren. Es geht ihnen ja objektiv gesehen nicht schlecht hier. Aber reicht "satt, sauber, sicher"?

  5. Welche Möglichkeiten Partnerschaft und Sexualität zu leben haben Menschen mit Lernschwierigkeiten in Einrichtungen? Haben sie dafür genügend Freiheit, Privatsphäre und Unterstützung? Werden sie von den BetreuerInnen aktiv über Möglichkeiten und Angebote auf dem Gebiet der Sexualität aufgeklärt?[137]

  6. Können die BewohnerInnen in der Beratung eigene Ziele formulieren? Haben Sie es je im Leben gelernt, Ansprüche zu formulieren, kritisch zu sein, fordernd nach etwas, was es in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht gibt? Wissen sie Bescheid über ihre Menschenrechte, über andere Wohnformen, über mögliche andere Arten der Unterstützung als die Heimbetreuung?

  7. Gestehe ich Menschen mit Lernschwierigkeiten ehrlich alle Rechte und Möglichkeiten zu, die ich für mich selbstverständlich in Anspruch nehme? Meine Beobachtung ist, dass viele lernbehinderte Menschen das machen, was andere für sie entscheiden. Kleidung, Essen, Wohnort, Arbeit, Freizeitbeschäftigung, alles vorgegeben. Wie kann man schwer kognitiv beeinträchtigten Menschen adäquate Prozesse der Entscheidungsfindung zugänglich machen? Das Paradoxe an der Situation: Menschen mit Lernschwierigkeiten brauchen eventuell Unterstützung dabei, um sich vielleicht genau gegen ihre UnterstützerInnen entscheiden zu können. Diese Art der Hilfe wird ihnen - aus Bequemlichkeit der nicht-behinderten Umwelt, glaube ich - selten zuteil.

  8. Geht es den Menschen, die ich in der Wohneinrichtung kennen gelernt habe, überhaupt um Selbstbestimmung? Ist das Selbstbestimmungskonzept nicht auch eine Konstruktion nicht-behinderter Köpfe? Wie denken Menschen mit Lernschwierigkeiten dazu? Kann ich darüber überhaupt gesichert Bescheid wissen?

  9. Wie aber soll ich dann handeln? Das ist für einen Berater, der es gewohnt ist, ExpertInnenschaft bei seinen KlientInnen zu lassen, eine zentrale Frage. Wenn ich zum Beispiel beobachte, wie ein Mensch mit Lernschwierigkeiten Handlungen setzt oder unterlässt, die ihn/sie gefährden könnten: An welchem Punkt greife ich ein, übernehme Verantwortung und entziehe dem anderen damit Selbstbestimmung? In der vorangegangenen Arbeit habe ich für solche Zweifelsfälle die Kategorie "Herz, Hirn und Hausverstand" als handlungsleitend eingeführt. In der Theorie klingt das vage. In konkreten Situationen aber, mit konkreten Menschen und konkreten Problemstellungen erzeugt diese Trias bei den meisten Menschen aber viel Resonanz und lässt sich leicht mit Leben erfüllen. Eleganter hat es Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ ausgedrückt.:"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."[138] Denkt man darüber genauer nach, sind aber freilich wieder viele Fragen offen...

12.5. Ein Blick in die Zukunft

Generell glaube ich, dass sich Peer Counseling-Angebote in Österreich in dem Maße etablieren werden, in dem sich auch die Stellung und das Ansehen und die Rechte behinderter Menschen verbessern. Freilich besteht hier eine Wechselwirkung. Denn immer waren es in den letzten 19 Jahren, die ich in Österreich beobachtet habe, behinderte Menschen selbst, die langsam aber stetig den Zug der Selbstbestimmung vorangeschoben haben. Je mehr MitstreiterInnen die Selbstbestimmt Leben-Bewegung findet, je mehr Peer Counseling-Stellen gegründet werden, desto mehr autonom denken, handeln und fühlen könnende Menschen gehen daraus hervor, die wiederum die Selbstbestimmung und die Grundrecht behinderter Menschen in Österreich voranbringen werden.

Ich selbst trage mich mit dem Gedanken als Peer Counselor tätig zu werden. Möge die Übung gelingen!



[123] Die Datenbank auf www.ilusa.com/ilcenters2.htm weist im September 2010 609 Independent Living-Organisationen in den USA aus.

[124] ADA - Americans with Disablities Act, 1990.

[125] Innerhalb Europas nimmt Österreich mit acht aktiven Organisationen neben Ländern wie Deutschland, Irland, England und den skandinavischen Ländern eine Vorreiterrolle ein, was die Anzahl von Selbstbestimmt Leben-Organisationen auf nationalem Territorium betrifft. Vgl. Auflistung im Europäischen Netzwerk für Independent Living, ENIL: www.enil.eu/enil/index.php?option=com_weblinks&catid=9&Itemid=98

[126] Hermes, Gisela (2006): Peer Counseling - Beratung von Behinderten für Behinderte als Empowerment-Instrument, zitiert nach Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S.55.

[127] Claudia Unterberger: Peer Counseling - Beratung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung. Diplomarbeit zur Erlangung eines akademischen Grades der Magistra der Philosophie. Universität Wien 2009.

[128] Katrin Brunner: Betroffene für Betroffene - Peer Counseling als Weg zu Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion. Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie, vorgelegt am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Inklusionspädagogik, der Karl-Franzens-Universität. Graz: 2009.

[129] Weiteres zu meiner ganz persönlichen Beraterhaltung siehe Anhang I.

[130] Peter van Kan (1996): Peer Counseling - die Idee und das Werkzeug dazu. S. www.peer-counseling.org

> Peer Counseling-Online-Bibliothek > Beitrag 3 > Abschnitt 3.4.

[131] Matthias Rösch (1995): Peer Counseling und Psychotherapie. S. www.peer-counseling.org

> Peer Counseling-Online-Bibliothek > Beitrag 2.

[132] Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S. 128.

[133] S. z.B.: www.graz.at/cms/beitrag/10026599/421916 - Referat für barrierefreies Bauen der Stadt Graz

[134] So könnten zum Beispiel eine oder zwei Stunden zum Einstieg gratis sein, danach ist ein - bei sozialer Bedürftigkeit auch förderbarer - Kostenanteil von den KlientInnen selbst zu tragen.

[135] Vgl. www.sli-ooe.at sowie Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S.99 u. 157.

[136] Adolf Ratzka (1988) zitiert nach Katrin Brunner (2009): Betroffene für Betroffene, S.19.

[137] So gibt es zum Beispiel in der Steiermark Angebote auf dem Gebiet der Sexualbegleitung. Siehe: www.libida-sexualbegleitung.at

13. ANHANG I: Mein persönliches Beratungskonzept

Mein Beratungskonzept hat mit meinem Menschenbild zu tun. Ich erlebe jeden Klienten/jede Klientin als einzigartig. Ich stelle meine innere Aufmerksamkeit auf "weißes Blatt", auf "offenes Ohr", auf "aufnahmebereit mit allen Sinnen", sobald eine Beratungsstunde beginnt. Im Prinzip habe ich dabei immer die drei Rogers-Prinzipien vor Augen: Empathie, Kongruenz, Akzeptanz.

Einem neugierigen Hineinhören in die Lebens- und Problemgeschichte von KlientInnen folgt konkretes Nachfragen dort, wo ich die fremde Geschichte nicht verstehe. Ich folge dabei meiner Intuition und bin noch selten schlecht gefahren damit. Ich höre auf auffällige Brüche in der Erzählung genau so, wie auf spezielle Wörter, ungewöhnlich verwendete Ausdrücke oder auch auf Nicht-Gesagtes. Ich achte auf den Ausdruck von Stimme und Körper, auf Körperhaltung und Erzähltempo. Freilich kommen in einem Erstgespräch auch die klassischen Fragen nach Ausnahmen, bereits erfolgten Lösungsversuchen, dem Grund, warum gerade jetzt Therapie aufgesucht wird, nach Zielvorstellungen, und die Arbeit am Auftrag für mich als Berater zum Tragen. Die Arbeit mit dem Genogramm erlebe ich zu gewissen Zeitpunkten der Beratung als sehr hilfreich, sie kann helfen, das Beziehungsgeflecht, oder anders gesagt, das System, in dem die KlientInnen stehen, anschaulich und "besprechbar" in den Beratungs-Kontext herein zu holen.

Gelernt habe ich in der Ausbildung, eventuell aufsteigende negative Emotionen in mir ebenfalls ernst zu nehmen. Meistens sind sie ein Zeichen dafür, dass ich etwas noch nicht verstanden habe, dass ich nochmals einen Schritt zurück machen muss. Manchmal, sofern dies wertschätzend möglich ist, stelle ich negative Emotionen im Sinne der Kongruenz sogar zur Verfügung. Also, wenn zum Beispiel ein/e Klient/Klientin derart verwirrend erzählt, dass ich trotz Konzentration immer wieder den Anschluss an die Erzählung verliere, dann spiegle ich das zurück. Frage, ob ihm/ihr das bekannt vorkommt.

Ich kann außerdem sagen, dass ich die Wichtigkeit eines neutralen Raumes für die Beratungsstunden erkannt habe, oder anders gesagt, in den eigenen vier Wänden arbeitet es sich nicht gut. Ebenso gelernt habe ich, dass das Arbeiten mit mir bekannten, befreundeten oder gar verwandten Menschen nicht gut funktioniert. Ich lehne eine Beratung dann von vornherein ab. Je neutraler, desto besser. Das Gestalten eines eigenen Raumes für Beratung ist noch Zukunftsmusik, ich würde mich aber darauf freuen und es sehr ernst nehmen.

13.1. Innere Leitsätze

Den systemischen Ansatz verstehe ich als Ansatz der Weite und der Perspektiven-Erweiterung. Ich werde in der Folge einfach einige Maximen im Imperativ formulieren, die mich beim Beraten innerlich leiten: Schau' nie etwas isoliert an! Betrachte "MitspielerInnen" und Umwelt der KlientInnen, beziehe Zweite, Dritte, Vierte und nicht zuletzt dich selbst als Teil des Systems, in dem deine KlientInnen stehen, mit ein. Mach' dir keinen Stress, schau gut auf dich selbst, auf dein eigenes Körpergefühl, auf dein eigenes Wohlfühlen. Schau' auf die Zeit, aber klebe nicht an der Uhr. Mach' dir Notizen, aber nur, wenn du es für unbedingt notwendig hältst.

Meine Erfahrung ist, dass mich Mitschreiben während des Beratens eher ablenkt. Es reicht mir meist, wenn ich mir am Ende der Stunde ein paar Notizen mache. Wichtiger als kleine faktische Details ist mir vor allem in den ersten Stunden der Gesamteindruck, den ich mir von einem Menschen mitnehme. "Verloren gegangene" Fakten kann ich immer auch noch zu einem späteren Zeitpunkt wieder erfragen.

Weitere innere Leitsätze: Nimm' Störungen ernst! Sei authentisch im Komplimentieren und in der gezeigten Wertschätzung! Keinen falschen Honig ums Maul! Lass' Verwunderung zu! Hör' bezüglich Interventionen auf dein inneres Gefühl. Es sagt dir, wann etwas gut ist. Aber probiere ruhig Sachen aus! Nur dadurch lernst du. Meistens ist auch bei Experimenten, bei denen du dich nicht hundertprozentig sicher fühlst, für die Klientinnen irgendetwas dabei - oft Überraschendes -, an dem wir dann gemeinsam weiterarbeiten können.

Wenn Klientinnen sehr viel reden, versuche ich manchmal mit nonverbalen Interventionen gegenzusteuern. Schlage dann zum Beispiel Entspannungsübungen oder "innere Reisen" zu Ressourcenplätzen vor. Oft kommen dann in der Nachbesprechung Dinge zum Vorschein, die trotz vieler Worte nicht gesagt worden wären.

Schau' auf die Ästhetik einer Stunde, es gibt im Beratungsgespräch immer wieder Wege, Abzweigungen, Räume, die sich spontan anbieten und auftun, denen in einem Moment leicht zu folgen ist, später kann es schwierig sein, darauf zurückzukommen. Erlaube Dir generell Spontaneität im Einklang mit deinem inneren Gefühl. Schau' auf die Leichtigkeit! Wenn es schwer wird, bist du am Holzweg.

Ich nenne das die Energie, die in einer Beratungsstunde fließt. Ich kann mit ihr mitgehen oder dagegen anschwimmen. Dann wird es anstrengend. Zum Glück ist es in der Beratung anders als in der katholischen Kirche: das Gute muss nicht unbedingt schwer sein...!

13.2. Der Weg als Ziel

Klarer Weise sind die Inhalte, die mir in der Beratung von KlientInnen erzählt werden, Gegenstand von Verschwiegenheit. Ich will das Beste für meine KlientInnen. Das kann sich auch darin äußern, dass ich sie gegebenenfalls weiter überweise an andere ProfessionistInnen, die ich in der Angelegenheit für kompetenter halte.

Zu meiner Ethik würde es auch gehören, KlientInnen, deren Weltbild (politische, religiöse, sexuelle Einstellungen) ich absolut nicht teilen oder verstehen kann, weiter zu überweisen. Bisher kann mich noch nie in diese Situation.

Mein Beratungskonzept selbst verstehe ich als eines, das sich ständig in Entwicklung befindet, also offen dafür, sich noch in viele Richtungen auf den Weg zu machen, neue Ansätze und Techniken in sich aufzunehmen. Schließlich gefällt mir auch die Haltung von Irvin D. Yalom: "Kreieren Sie für jeden Patienten eine neue Therapie."[139]

Mein eigenes Leben schließlich wird mein Beratungskonzept beeinflussen, nehme ich an. Das Schöne am Beraten ist ja, dass ich dabei ständig Lernender, Suchender und Reisender zugleich sein darf. Der Weg als Ziel...

Sebastian Ruppe



[139] Irvin D. Yalom (2002): Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht. In Kapitel 10, überschrieben mit "Kreieren Sie für jeden Patienten eine neue Therapie", geht Yalom näher auf seine diesbezüglichen Ideen ein. Goldmann btb 2002; 1. Auflage, S. 47ff.

14. ANHANG II: Selbstpräsentation an der Praktikumsstelle

MAG. SEBASTIAN RUPPE - PRAKTIKANT BIS ENDE NOVEMBER 2006

Anwesenheit im Haus: werktags von 16 - 20 Uhr

Hallo Allerseits!

Ich bin Sebastian Ruppe und bin bis Ende November Praktikant im Wohnhaus. Dieses Praktikum mache ich als Abschluss einer systemischen Lebens- und Sozialberaterausbildung, die ich in den letzten 3 Jahren bei ORGANOS in Linz absolviert habe.

Dabei habe ich Kenntnisse in Einzelberatung, Gruppenleiten, Supervision, Kommunikation und Konfliktmanagement erworben, außerdem viel Selbsterfahrung gemacht.

Angestellt bin ich an der Universität Graz am Zentrum für Soziale Kompetenz als Lehrtrainer für "Soziale Kompetenz im Umgang mit behinderten Menschen". Dieses Lehrangebot richtet sich an alle Studierende.

Ich bin nach einem Badeunfall vor 15 Jahren querschnittgelähmt. Ich wohne selbstbestimmt, d.h. mit mobiler, persönlicher Assistenz in einer Wohnung in der Heinrichstraße.

Meine Angebote:

für BewohnerInnen: Einzel- oder Gruppengespräche, Unterstützung im Alltag, Animation zur Selbstständigkeit.

für das Team: Moderation der Teamsitzungen in Absprache mit Herrn xxxx.[140]

für BetreuerInnen und Angehörige: Möglichkeit zu Einzelgesprächen (auch über den Praktikumszeitraum hinaus) zu Themen Ihrer Wahl.

Termin- und Ortsvereinbarungen für Einzelgespräche direkt bei mir, wenn ich im Haus bin, oder unter Telefon: 0316/58 31 30

ICH FREUE MICH AUF DIE ZUSAMMENARBEIT!



[140] anonymisiert für Verwendung als Anhang zur Abschlussarbeit

15. LITERATURVERZEICHNIS

15.1. Literatur in gebundener Form, als Handout und aus dem Internet

BRUCKNER, Bill und Victoria: Peer Counseling. Wie es von Menschen mit Behinderungen zur fortschreitenden Selbstbestimmung angewandt werden kann. Kopierte Arbeitsunterlage zum Peer Counseling-Einführungskurs vom 11.-13. Oktober 2004 bei BIZEPS Wien. San Francisco: 1993-2004.

BRUNNER, Katrin: Betroffene für Betroffene - Peer Counseling als Weg zu Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion. Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie, vorgelegt am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Inklusionspädagogik, der Karl-Franzens-Universität Graz. 2009.

BUCKEL, Daniela: Die Sache mit der Motivation. Motivierende Gesprächsführung - eine Methode für das Peer Counseling? Hausarbeit im Rahmen der Peer Counseling-Weiterbildung 2004/2005, online unter: www.peer-counseling.org

DE JONG, Peter / BERG, Insoo Kim: Lösungen (er-)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kurztherapie. 5. verbesserte u. erweiterte Aufl. Dortmund: verlag modernes lernen 2003. (= systemische Studien. 17.)

GRITSCH, Ulrike: Psychotherapie von Menschen mit Lernschwierigkeiten unter besonderer Berücksichtigung der Konzentrativen Bewegungstherapie. Innsbruck: 2010. Download von www.psyonline.at/name/gritsch-ulrike-mag-18526

INZINGER, Gerhard: Systemische Beratung ohne expliziten Auftrag von Klientinnen und Klienten. Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater. Lehrgang Ö 14. Linz: Organos 2006.

MILES-PAUL, Othmar: Wir sind nicht mehr aufzuhalten. Behinderte auf dem Weg zur Selbstbestimmung. 1992. Online unter: http://bidok.uibk.ac.at/library/miles_paul-peer_support.h tml#id3199105

ROGERS, Carl Ransom: Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. 18. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer 2004. (Reihe: Geist und Psyche.)

RÖSCH, Matthias: Peer Counseling und Psychotherapie. S. www.peer-counseling.org > Peer Counseling-Online-Bibliothek > Beitrag 2. 1995.

UNTERBERGER, Claudia: Peer Counseling - Beratung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung. Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie. Studienrichtung: Pädagogik. Universität Wien 2009.

VAN KAN, Peter: Peer Counseling - die Idee und das Werkzeug dazu. Online unter: www.peer-counseling.org > Peer Counseling-Online-Bibliothek > Beitrag 3. 1996.

VAN KAN, Peter: Das Peer-Counseling. Ein Arbeitshandbuch. In: VAN KAN, Peter / DOOSER, Stefan: Zukunftsweisend. Peer Counseling & Persšnliche Zukunftsplanung. 3. Auflage. Kassel: bifos Schriftenreihe 2004.

VON SCHLIPPE, Arist / SCHWEITZER, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht 2003.

WETZEL, Gottfried: Selbstbestimmtes Leben. Ein Erfahrungsbericht über die "Independent Living Centers" in den USA. Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Heft 3/1988. Volltext online unter: http://bidok.uibk.ac.at/library/wetzel-independent.html#id2669127

WUNDER, Michael: Wider die Therapiesucht. Vorwort zur 2. Auflage des Sammelbandes "Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand". Frankfurt am Main: Dr. med Mabuse 1987. Zitiert aus der Online-Bibliothek der Universität Innsbruck: http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_wunder-sucht.html

YALOM, Irvin D.: Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht. München: Goldmann btb 2002; 1. Auflage.

15.2. Konsultierte und zitierte Internetseiten

www.a-wagner-online.de/empowerment/emp2.htm

zu Empowerment

www.bizeps.or.at/news.php?nr=5332

Kosten von barrierefreiem Bauen

www.bizeps.or.at/news.php?nr=7407&suchhigh=UN-Konvention

zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

www.empowerment.de/index.html

zu Empowerment

http://en.wikipedia.org/wiki/Rehabilitation_Act

über den Rehabilitation Act in den USA 1973

www.enil.eu/enil/index.php?option=com_weblinks&catid=9&Itemid=98

Selbstbestimmt Leben-Organisationen in Europa

www.faz.net/s/Rub77CAECAE94D7431F9EACD163751D4CFD/Doc~E6C807626ADDE490AB48F3833C45D2653~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Artikel über den Entführungsfall Natascha Kampusch

www.graz.at/cms/beitrag/10026599/421916

Referat Barrierefreies Bauen der Stadt Graz

www.ilusa.com/ilcenters2.htm

Independent Living-Organisationen in den USA

www.independentliving.org

Independent Living Institute, Stockholm

www.stern.de/politik/panorama/:Behinderte-Mutter-Tochter-30-Jahre/553537.html

Bericht über die Misshandlung einer behinderten Frau in Italien

www.peer-counseling.org

deutsche Seite über Peer Counseling mit Online-Bibliothek und Weiterbildungsangeboten

www.selbstbestimmt-leben.net/wibs

WIBS - Beratungsstelle für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Innsbruck

www.sli-ooe.at

Selbstbestimmt-Leben-Initiative Oberösterreich

www.stil.se

Assistenzgenossenschaft in Stockholm

www.wag.or.at

Assistenzgenossenschaft in Wien

www.wid.org

World Institute on Disability

www.wid.org/about-wid/highlights-from-speeches-by-ed-roberts

Zitate von Ed Roberts, Pionier der Independent Living-Bewegung

http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ

Wikipedia-Seite zum Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant

Quelle:

Sebastian Ruppe: "Auf gleicher Augenhöhe". Möglichkeiten und Grenzen des Peer Counseling

Abschlussarbeit zur Erlangung des Diploms als Lebens- und Sozialberater, eingereicht bei Mag.a Christa Renoldnder für Ausbildungsgruppe Ö 14 bei ORGANOS / Linz

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 18.10.2011

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation