Giordanos Auftrag

Ein Roman

AutorIn: Erwin Riess
Themenbereiche: Rezension
Schlagwörter: Beziehung, Literatur
Textsorte: Rezension
Copyright: © Erwin Riess 1999

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Erwin Riess

Titel: Giordanos Auftrag. Ein Roman

Infos: Elefanten Press Berlin, 1999. 285 Seiten Hardcover, DM 39,- / öS 285,- / sFr 38,-; ISBN 3-88520-735-4

Themenbereich: Literatur

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Petra Flieger

Mehr als ein Kriminalroman

"Es gibt gewisse Figuren in der Literatur - die größten, wie ich glaube -, die wir in aller Bescheidenheit zweifellos Freunde nennen dürfen", meint Jorge Luis Borges. Erwin Riess gelingt in seinem ersten Roman der bemerkenswerte Wurf, daß Groll, jener streitbare Rollstuhlfahrer, der Lesern und Leserinnen bislang vor allem aus Dialogen mit dem Soziologen Tritt bekannt sein dürfte, zu solch einem Freund wird.

Groll fährt im Auftrag Joe Giordanos, seines Zeichens Herausgeber einer amerikanischen Behindertenzeitschrift, nach Ungarn. Dort soll er in einem Behindertenheim, wo sich angeblich Skandalöses ereignet, dem Hilferuf eines Bewohners nachgehen. Doch um einen Kriminalroman, zügig und mit Spannung erzählt, handelt es sich nur vordergründig, denn was den Reiz der Geschichte ausmacht, sind die eigenwilligen Persönlichkeiten der Protagonisten und deren Beziehung. Anfangs hat Groll, der Ich-Erzähler, die Dinge noch fest im Griff. Er macht den Dozenten zu seinem Begleiter, gibt die Route entlang der Donau vor und erweist sich als profunder Kenner Ungarns und seiner Geschichte.

In seiner Entschlossenheit, dem Skandal im Behindertenheim auf die Spur zu kommen, gleicht Groll jenen unerschütterlichen Detektiven in Fernsehkrimis, die exakt beobachten, klug kombinieren und sich auch unter widrigsten Umständen nicht hinters Licht führen lassen. Doch gleichzeitig, und das verleiht dem Buch einen außergewöhnlichen Wert, vermittelt Groll mit Leidenschaft und Akribie einen umfassenden Eindruck, wie es ist, bei einem solchen Unterfangen auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Die Suche nach zugänglichen Toiletten und das leidige Getragen-Werden-Müssen über Stiegen sind ebenso Anlaß für eingehende Betrachtungen wie die Konversation aus sitzend-rollender Perspektive.

"Erzählen Sie", bat der Dozent und hockte sich neben mich. Diese selbstverständliche Geste nahm mich jedesmal für ihn ein. Ich habe sie ihm nicht beigebracht, von allem Anfang an hockte er sich gerne nieder, wenn er mit mir sprach. Ich glaube sogar, daß diese Geste der Kern meiner Freundschaft zu ihm ist. Es gibt einem Rollstuhlfahrer gegenüber keine größere Höflichkeit, als sich auf seine Ebene zu begeben, sei es mittels eines Stuhls oder eben durch das Niederhocken. Dem Gegenüber während eines Gesprächs in die Augen schauen zu können und nicht mit steifem Genick auf den Adamsapfel starren zu müssen, während eine Stimme weit oben Wahrheiten verkündet, ist eine Voraussetzung zivilisierter Verhältnisse.

Die Recherchen führen die zwei in eine Budapester Peep-Show, wo sie mit Auswüchsen der Pornografie konfrontiert werden. Für Groll steht es außer Zweifel, daß er der Sache auf den Grund gehen wird. Er reist mit dem Dozenten nach Eger weiter, alleine gelangt er in der Burgfestung schließlich in ein geheimes Filmstudio. Dort macht er ungeheuerliche Entdeckungen - ein internationaler Pornoring mißbraucht behinderte Menschen bis zur allerletzten, tödlichen Konsequenz. Um seinem sicheren Tod zu entgehen, bleibt Groll nur die Flucht durch ein unterirdisches Gangsystem. In den finsteren, modrigen Gängen ist er bis zum Äußersten auf sich selbst zurückgeworfen, und was in persönlichen Rückblenden und Erzählungen bereits angedeutet wurde, erfährt eine weitere Steigerung: Groll, der trocken zynische Theoretiker, dem Streitgespräche die pure Lust bedeuten, läßt Einblicke in sein Inneres zu.

"Giordanos Auftrag" ist Lektüre ersten Ranges, packend, unterhaltsam und von großer sprachlicher Schönheit. Doch zugleich macht das Buch mit der Figur Grolls vertraut, mit seiner persönlichen Geschichte, seinen Vorlieben und Schwächen, Gedanken und Gefühlen. Was den Groll-Tritt-Dialogen früher fehlte, entsteht nun langsam vor dem inneren Auge: ein vollständiges Bild von Groll als Person. Und beim Lesen wächst jene Nähe zu ihm, die ihn schließlich, im Sinne Borges´, zum Freund werden läßt.

Petra Flieger

Quelle:

Rezensiert von Petra Flieger

Entnommen aus: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 4/5/99

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 27.04.2006

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