Die Kategorie Behinderung in der Intersektionalitätsforschung

Theoretische Grundlagen und empirische Befunde

Textsorte: Rezension
Releaseinfo: Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 45-48. AEP Informationen (1/2019)
Copyright: © Christine Riegler 2019

Buchinformationen:

Infos: Ulrike Schildmann, Sabrina Schramme, Astrid Libuda-Köster; Projektverlag Bochum/Freiburg 2018, ISBN 978-3-89733-447-2, 157 S., 18,30 Euro

Buchbesprechung von Christine Riegler

Foto Buchumschlag

Um Behinderung als soziale Konstruktion in Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Strukturkategorien stellen zu können, bedarf es, wie Ulrike Schildmann äußert, eines dafür geeigneten Forschungsansatzes. Sie beschreibt die aus der sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung heraus entwickelte Intersektionalitätsforschung als jenen wissenschaftlichen Ansatz, der die Kategorie Behinderung in Relevanz zu anderen Strukturkategorien zu analysieren vermag. Schildmann und ihre Mitautorinnen Schramme und Libuda-Köster gehen in ihrem wissenschaftlichen Sammelband von zwei Fragestellungen aus: 1) Welche Relevanz hat die Kategorie Behinderung für die Intersektionalitätsforschung? 2) Wie können Erkenntnisse der allgemeinen Intersektionalitätsforschung die spezifische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Kategorie Behinderung bereichern?

Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt, welche Behinderung in Verbindung mit den Kategorien Geschlecht und Alter aus einer zeitgeschichtlichen, einer theoretischen und einer empirischen Perspektive in den Intersektionalitätsdiskurs einarbeitet.

Kapitel 1:

In Kapitel 1 widmet sich Ulrike Schildmann der zeitgeschichtlichen Einordnung des Diskurses über Verhältnisse zwischen Geschlecht und Behinderung in der feministischen Frauen- und Geschlechterforschung.

Ihren Ausführungen zufolge sind erste Forschungsaktivitäten hierzu – auch unter ihrer persönlichen Beteiligung – Ende der 1970er Jahre zu verorten. Die Aktivitäten mündeten, so Schildmann, sowohl in politische Aktionen und Publikationen der Behindertenbewegung (zu nennen sind hier politische Selbstreflexionen behinderter Frauen) wie auch in wissenschaftliche Arbeiten der feministischen Frauenforschung (vgl. S. 18ff). Diese konzentrierten sich auf die Erforschung der Lebensbedingungen behinderter Frauen und Mädchen, auf Skizzierung der Geschlechterdimensionen in der integrativen Pädagogik und auf die Entwicklung von Theorien zum Verhältnis von Behinderung und Geschlecht.

Schildmann stellt in diesem Zusammenhang exemplarisch ihre eigenen Arbeiten und Publikationen vor, ohne – wie sie betont – die Aktivitäten anderer schmälern zu wollen (vgl. S. 31) und sieht damit den Nachweis für die Relevanz feministischer Forschung über Geschlecht und Behinderung für die allgemeine Intersektionalitätsforschung erbracht. Die Wurzeln der Erforschung von Verhältnissen über Behinderung und Geschlecht ortet Schildmann (bezogen auf den deutschsprachigen Raum) in der feministischen Frauen- und Geschlechterforschung und weniger in den Ansätzen der Disability Studies.

Kapitel 2:

Kapitel 2 von Ulrike Schildmann und Sabrina Schramme beinhaltet die Theoriebildung im Intersektionalitätsdiskurs mit dem Ziel, Antworten auf folgende Fragen zu geben:

  • Wie ist die Strukturkategorie Behinderung in den bestehenden Ansätzen der allgemeinen Intersektionalitätsforschung bereits eingearbeitet?

  • Welche theoretischen Modelle der Intersektionalitätsforschung eignen sich für die Einbeziehung der Kategorie Behinderung?

  • Welchen theoretischen Beitrag zur Ausdifferenzierung der Intersektionalitätsforschung kann die Analyse der Wechselwirkung von Geschlecht, Alter und Behinderung leisten?

Schildmann und Schramme geben zu Beginn ihres Kapitels einen Überblick über die unterschiedlichen Definitionen, Modelle und Theorieansätze, die Behinderung als ein vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen verdeutlichen. Anschließend gehen sie auf Behinderung als soziale Strukturkategorie näher ein und setzen diese ins Verhältnis zu anderen Strukturkategorien, wie Alter und Geschlecht, und in Verhältnis zu einer als nicht behindert definierten Mehrheitsgesellschaft. In diesem Zusammenhang benennen die beiden Autorinnen strukturelle gesellschaftliche Ungleichheitslagen und Formen sozialer Ausgrenzung bzw. Abwertung, die Gegenstand der Intersektonalitätsforschung sind und auch eine als behindert definierte Minderheit treffen: Neben „sexism“ und „racism“ tritt „ableism“ als Ausdrucksform sozialer Diskriminierung in Erscheinung (vgl. S. 52).

Bis dato ist die allgemeine Intersektionalitätsforschung weitgehend auf die Analyse der Wechselwirkung der Kategorien class – gender – race fokussiert. In einem ausführlichen Beitrag erläutern die Autorinnen jedoch zwei Systematisierungsansätze der Intersektionalitätsforschung, die einerseits bereits in Forschungsarbeiten zur Dekonstruktion von Behinderung im Rahmen der Disability Studies Anwendung finden, und sich andererseits ihrer Ansicht nach für die Systematisierung der Forschungsansätze über Verhältnisse von Geschlecht und Behinderung eignen.

Schildmann und Schramme beenden das Kapitel zum theoretischen Diskurs mit Erläuterungen zur Verknüpfung von inklusiver Pädagogik und Intersektionalitätsforschung: Ausgangspunkt dieser Erläuterungen bildet das wissenschaftliche Verständnis von inklusiver Pädagogik als gemeinsame Erziehung und Bildung aller Kinder und Jugendlichen und deren gleichberechtigte Teilhabe und Partizipation an den gesellschaftlich relevanten Ressourcen (vgl. S. 78). Ziel und Aufgabe inklusiver Pädagogik ist somit der Abbau jeglicher Formen sozialer Diskriminierung, wobei die Diskriminierung auf Grund von Behinderung eine von vielen möglichen Diskriminierungsformen darstellt. Im pädagogischen Umfeld treffen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Lebensbedingungen aufeinander und mit ihren sozialen Ungleichheiten in Wechselwirkung zueinander. Um den Herausforderungen eines reflektierten Umgangs mit den sozialen Ungleichheitslagen der Kinder und Jugendlichen begegnen zu können, bedarf es – so die Autorinnen – geeigneter Theorieansätze (vgl. S. 79). Mit den Ansätzen der Intersektionalitätsforschung sei eine wesentliche theoretische Grundlage hierfür gegeben.

In ihrem Resümee zu Kapitel 2 plädieren die Autorinnen dafür, die Kategorie Behinderung als relevant für den Intersektionalitätsdiskurs zu erkennen und systematisch in diesen einzubeziehen. Sie begründen ihr Plädoyer mit ihrer im Vorfeld ausformulierten Erkenntnis, dass Behinderung als soziale Kategorie durch ihre Verwobenheit mit anderen Strukturkategorien zur Perspektiverweiterung innerhalb des allgemeinen Diskurses zur Intersektionalität beitragen kann.

Kapitel 3:

Kapitel 3 von Ulrike Schildmann und Astrid Libuda-Köster widmet sich der empirischen Intersektionalitätsforschung. Die Autorinnen stellen eine empirische Forschungsarbeit zu Geschlecht, Alter und Behinderung vor, die auf der gesellschaftlichen Makroebene angesiedelt ist. Die statistische Analyse basiert auf den Mikrozensus-Untersuchungen des deutschen „Forschungszentrums des Bundes und der Länder“, eines der zentralen statistischen Instrumente der deutschen Bevölkerungsstatistik, das alle vier Jahre auch Daten über die gesellschaftliche Strukturkategorie Behinderung erhebt (vgl. S. 108).

Gegenstand der Analyse sind folgende Fragestellungen:

  • Wie bestreiten behinderte Frauen und Männer im Vergleich zu nicht behinderten Frauen und Männern ihren überwiegenden Lebensunterhalt?

  • Welche Rolle spielt dabei die eigene Vollzeit- oder Teilzeit-Erwerbstätigkeit?

  • Über welches durchschnittliche persönliche Netto-Einkommen verfügen die vier Personengruppen im Vergleich miteinander?

Die Personengruppen der behinderten und nicht behinderten Frauen und Männer werden einerseits als Gesamtgruppe der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren verglichen, andererseits unterteilt in drei aufeinanderfolgende Lebensabschnitte von 18 bis 27 Jahren, 28 bis 45 und 46 bis 64 Jahren. Damit soll dem engen Zusammenhang zwischen den Kategorien Geschlecht, Behinderung und Alter Rechnung getragen werden.

Die beiden Autorinnen bezeichnen die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen, insbesondere Artikel 6, als Ausgangspunkt für ihre Beschäftigung mit der Statistik zur sozialen Lage behinderter Frauen. Artikel 6 der UN-BRK verweist auf das geschlechtsspezifische Problem der Mehrfachdiskriminierung behinderter Frauen und Mädchen und fordert die Stärkung und Förderung ihrer Autonomie. Vor diesem Hintergrund liegt ihr Interesse – wie sie schreiben – darin, die Entwicklung der gesellschaftlichen Teilhabechancen behinderter Frauen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene – widergespiegelt in der Bevölkerungsstatistik – systematisch zu analysieren (vgl. S. 103). Dementsprechend werden in ihrer Analyse auch die Mikrozensus-Daten dreier aufeinander folgender Jahrgänge verglichen: 2005 – als Zeitraum vor der UN-BRK, 2009 – als Zeitpunkt der Ratifizierung der UN-BRK durch Deutschland, sowie 2013 – als erster Zeitraum unter dem politischen Einfluss der UN-BRK.

Schildmann und Libuda-Köster geben eine ausführliche differenzierte Darstellung der Ergebnisse ihrer empirischen Forschungsarbeit und der daraus abgeleiteten inhaltlichen und methodischen Erkenntnisse. Diese hier auszuformulieren, würde den Rahmen einer Zusammenfassung sprengen. Folgendes – für die Theoriebildung wichtiges – Ergebnis ihrer Analyse soll jedoch vorweggenommen werden: Es sind vor allem nicht behinderte Männer, die in Deutschland ihren Lebensunterhalt vorwiegend aus eigener Erwerbstätigkeit bestreiten. Frauen – nicht behinderte wie behinderte – sind nach wie vor vielfach von nicht eigenen Einnahmequellen/Unterhalt abhängig. Für behinderte Männer und Frauen ist eine deutliche Abhängigkeit von gesetzlichen Versicherungsleistungen u. ä. festzustellen (vgl. S. 149).

„Für die Teilhabeforschung, die sich auch mit dem Thema Armut und ihren diversen Facetten zu beschäftigen hat, […] ist der Blick darauf zu richten, auf welche Weise (und auf welchen verschlungenen Wegen) der überwiegende Lebensunterhalt einzelner Bevölkerungsgruppen bestritten wird […] und welche Risiken und Nebenwirkungen ggf. damit einhergehen“ (S. 149). Um einen gesamtgesellschaftlichen Blick auf mögliche Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen sozialen Strukturkategorien zu richten und die Vielschichtigkeit sozialer Lagen abbilden zu können, bedarf es – so die Autorinnen – sowohl makrosoziologischer wie auch meso- und mikrosoziologischer Analysen. Es bedarf der quantitativen und der qualitativen Forschung (vgl. S. 150).

Resümee der Leserin, die ihre individuelle und soziale Identität als Resultat eines Wechselspiels unterschiedlicher sozialer Kategorien versteht

Die Autorinnen gehen mit einer wissenschaftlichen Distanziertheit an ihr Thema heran, die mein Interesse nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesem Buch trübte. Begründen kann ich diese ganz und gar unwissenschaftliche Aussage allein mit Verweis auf meine Lebensgeschichte. Diese ist geprägt von Diskriminierungserfahrungen als Kind, Jugendliche und Erwachsene in den Bereichen Bildung und Arbeit sowie im Bereich der Anerkennung meiner geschlechtlichen Identität. Als Frau mit Behinderung kann ich nicht über mein „Frau-Sein“ reflektieren, ohne mein körperliches So-Sein, zu dem eine wahrnehmbare Beeinträchtigung gehört, miteinzubeziehen.

Welchen Erkenntniszuwachs und wissenschaftlichen Mehrwert birgt Schildmanns Feststellung, dass die Frauen- und Geschlechterforschung eher damit begonnen habe, die Kategorie Behinderung in den wissenschaftlichen Diskurs bzw. in die Intersektionalitätsdebatte aufzunehmen als die Disability Studies? (vgl. S. 12 und S. 32f.)

Die (Jahrzehnte lange) Ausgrenzung behinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener aus dem allgemeinen Bildungsbereich verhinderte – und behindert noch heute – ihre Etablierung als im Forschungsbereich arbeitende und publizierende WissenschaftlerInnen und verweist auf Behinderung als ein mit gesellschaftlichen Strukturkategorien verflochtenes soziales Phänomen.

Meiner Ansicht nach ist die Verortung des Begriffs Behinderung als soziale Kategorie das Verdienst der Behindertenbewegung bzw. ihrer aktivistisch und theoretisch agierenden Mitglieder. Als gesellschaftliches und kulturelles Konstrukt ist Behinderung per definitionem Teil einer Vielzahl gesellschaftlicher bzw. sozial-kultureller Strukturen, die ein Individuum in der Entwicklung seiner individuellen und sozialen Identität in Wechselwirkung und unterschiedlichster Gewichtung formen. Wenn auch nicht als Intersektionalitätsfrage ausformuliert, so beschreibt die bereits in den 1970er-Jahren gestellte Forderung der Behindertenbewegung nach einem Paradigmenwechsel – weg vom medizinischen Blick auf Behinderung hin zu einem sozialen – die Verwobenheit historischer, kultureller, sozialer Phänomene, die ein gesellschaftliches Bild von Behinderung und „dem behinderten Menschen“ prägte und immer noch in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen auf unterschiedlichste Weise prägt.

Die Intersektionalitätsforschung – hervorgegangen aus der feministischen Frauen- und Geschlechterforschung – beschäftigte sich in ihren Anfängen mit den Wechselwirkungen zwischen den Kategorien class – gender – race, wobei – wie die Autorinnen vermerken – die Kategorie race von schwarzen, politisch engagierten Frauen und Wissenschaftlerinnen in den Diskurs eingefordert wurde. Es ist vor allem die eigene, persönliche Betroffenheit, die eine politische und diskursive Auseinandersetzung erzwingt. Im wissenschaftlichen Diskurs allgemein – und in der Intersektionaltätsforschung im Besonderen – erlangt die soziale Kategorie Behinderung in dem Ausmaß an Bedeutung, in dem die Disability Studies allgemein – und behinderte Wissenschaftlerinnen im Besonderen – mit ihren Arbeiten an Bedeutsamkeit gewinnen.

Die Erkenntnis der Relevanz von Behinderung als soziale Kategorie in ihrer Verwobenheit mit anderen Strukturkategorien ist für mich eine Erkenntnis „meiner selbst“ – ich habe sie mir nicht erarbeitet – sondern (er)lebe sie.

Quelle

Christine Riegler: Die Kategorie Behinderung in der Intersektionalitätsforschung. Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 45-48.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.07.2019

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