"Menschsein ... heisst wohnen."

Ambulant Begleitetes Wohnen als Wohnform, die Menschsein ermöglicht.

AutorIn: Andrea Riedmann
Themenbereiche: Kultur, Lebensraum
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra am Institut für Erziehungswissenschaft der Leopold- Franzens-Universität Innsbruck, eingereicht bei Herrn A. Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese, Innsbruck, November 2003
Copyright: © Andrea Riedmann 2003

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

"Ich habe eine große Wahrheit entdeckt,

nämlich zu wissen, dass die Menschen wohnen,

und dass sich der Sinn der Dinge wandelt

je nach dem Sinn ihres Hauses."

(Antoine de Saint-Exupery)

"Mensch sein ...heißt wohnen".[1] Diese Feststellung von Martin Heidegger ist das Leitmotiv meiner Arbeit. Wohnen ist eine ureigenste Tätigkeit des Menschen, und es ist "der Grundzug des Seins".[2] Wohnen beinhaltet also viel mehr als das Verweilen an einem bestimmten Ort. Wohnen in seiner ursprünglichen Bedeutung meint "im Frieden bleiben, zufrieden sein" und "geschützt sein vor Schaden und Bedrohung". Es ist nicht beliebig, sondern es befriedigt zahlreiche Bedürfnisse des Menschen wie Sicherheit, Beständigkeit, Vertrautheit, Geborgenheit, Ungestörtheit, Individualität, Prestige, Selbstdarstellung, Kontrolle, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Wohnen bedeutet, "an einem bestimmten Ort zu Hause sein, in ihm verwurzelt sein und an ihn gehören".[3] Der Philosoph Bollnow ist davon überzeugt, dass der Mensch, um überhaupt leben zu können, einen Bereich braucht, wo er sich geborgen fühlt. Hat er solch einen Bereich nicht, ist "der Mensch in der Zufälligkeit eines ‚irgendwo' verloren".[4]

Vor allem geistig behinderten Menschen wurde über Jahrhunderte ein solcher Raum der Geborgenheit vorenthalten. Wie kaum eine andere Gesellschaftsgruppe gingen geistig behinderte Menschen irgendwo und irgendwann "verloren". Sie gingen nicht nur in den Zucht-, Korrektions- und Arbeitshäusern, in den Sonderanstalten, den psychiatrischen Anstalten oder in den Heimen verloren, sondern sie gingen auch sich selbst verloren. Weil intellektuell beeinträchtige Menschen äußerst selten an einem Ort wohnten, der sie vor Schaden und Bedrohung schützte und ihnen ein Gefühl der Heimat und Geborgenheit gab, konnten sie kaum Bedürfnisse befriedigen, die Mensch sein ausmachen.

In den letzten Jahren wurde das Wohnkonzept des Ambulant Begleiteten Wohnens (ABW) entwickelt. Zielsetzungen des Ambulant Begleiteten Wohnens sind, dass geistig behinderte Menschen mit Unterstützung von AssistentInnen so selbständig und selbstbestimmt wie möglich wohnen und leben. Selbständigkeit und Selbstbestimmung sind wichtige menschliche Bedürfnisse und sollen in dieser Arbeit behandelt werden. Weit wichtiger war es für mich aber, der Frage nachzugehen, ob das Wohnkonzept des Ambulant Begleiteten Wohnens Mensch sein ermöglichen kann?

Vorgehensweise

Das zweite Kapitel beinhaltet den Methodenteil. Da ich für meine Arbeit auch Interviews mit intellektuell beeinträchtigten Menschen geführt habe, die ambulant begleitet wohnen, beschreibt dieses Kapitel, welche Methode ich für die Interviews angewendet habe.

Im dritten Kapitel geht es darum, die besondere Bedeutung des Wohnens für den Menschen herauszustreichen. Dieser Teil beschreibt auch die drei Forderungen, die der Philosoph Otto Friedrich Bollnow für das wahre Wohnen aufgestellt hat und anhand derer die Interviews ausgewertet werden.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Lebenswelt geistig behinderter Menschen in den vergangenen Jahrhunderten. Dieses Kapitel zeigt neben den verschiedensten Formen der Verwahrung auch die gesellschaftlichen Hintergründe auf, die zu einem stetigen Wandel der Anstalten geführt haben. Diese Ausführungen sollen ein Bild zeigen von der Verlorenheit der geistig behinderten Menschen bis zum letzten Jahrhundert.

Im fünften Kapitel geht es um das Ambulant Begleitete Wohnen (ABW). Es wird zuerst beschrieben, wie es zur Entwicklung von alternativen Wohnformen gekommen ist. Anschließend erfolgt eine grundlegende Charakterisierung des Ambulant Begleiteten Wohnens und der Assistenz.

Das sechste Kapitel behandelt das Ambulant Begleitete Wohnen im Blick der Gesellschaft. Die Gesellschaft traut nur erwachsenen Menschen zu, selbständig zu wohnen. Gleichzeitig schließt sie damit intellektuell behinderte Menschen aus, weil diese "ewige Kinder" sind. Diese Vorstellung von "Erwachsenheit" wird in diesem Teil der Arbeit hinterfragt.

Das siebte Kapitel befasst sich kritisch mit den Zielvorstellungen der Selbständigkeit und Selbstbestimmung.

Im achten Kapitel erfolgt die Auswertung der Interviews anhand der drei Forderungen Bollnow's zum wahren Wohnen. Interviewpartner habe ich mit Hilfe des Vereins IWO (Tiroler Verein Integriertes Wohnen) "gefunden". Der Verein IWO bietet einerseits WG-Plätze für geistig behinderte Menschen an, die - noch - nicht in der Lage sind, alleine zu leben und für sich selbst zu sorgen. In diesen Wohngemeinschaften sollen die BewohnerInnen auf ein Leben in der eigenen Wohnung vorbereitet werden. Neben diesen Wohngemeinschaften begleitet das IWO geistig behinderte Menschen, die schon ambulant - sprich allein - in einer Wohnung leben. Ich habe drei Interviews mit Bewohnerinnen von Wohngemeinschaften geführt und ein Interview mit einem Mann, der schon seit zwölf Jahren alleine in seiner Wohnung lebt.

Das neunte Kapitel beinhaltet eine kurze Zusammenfassung und Schlussbetrachtung der Arbeit.



[1] M. Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, in: Vorträge und Aufsätze. 1951. S. 141.

[2] Ebenda, S. 155.

[3] O. F. Bollnow, Mensch und Raum. 1963. S. 125.

[4] Ebenda, S. 274.

2 Methodologie

Im Allgemeinen wird in der empirischen Sozialforschung zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren unterschieden. Martha Heizer, Assistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck schreibt zu dieser Unterscheidung: "Der alte Streit, welche Vorgangsweise an sich die bessere sei, ist längst in eine immer wieder neue kritische Prüfung gemündet, was für die aktuelle Frage und ihren Verwertungszusammenhang der sinnvollere Weg ist und welche Anregungen die jeweils andere Form für die gewählte Methode bietet."[5] Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sich quantitative Methoden auf bereits erstellte Theorien und Hypothesen stützen und deren Vorkommen und Häufigkeit in der sozialen Wirklichkeit untersuchen. Sie vermögen Erstinformationen über Grobstrukturen zu liefern und sind in der Lage, Informationen überschaubar und handhabbar für die Analyse zu machen. Qualitative Verfahren sind nötig, um inhaltliche Dimensionen der sozialen Wirklichkeit angemessen zu analysieren. Qualitative Methoden werden deshalb durch die Abstraktion aus den Alltagsmethoden entwickelt.[6] Diese Arbeit basiert auf der Methode der qualitativen Sozialforschung.

2.1 Merkmale der qualitativen Sozialforschung

Den Ausgangspunkt der qualitativen Sozialforschung bilden die Wahrnehmung und Deutung der Wirklichkeit durch einzelne Subjekte. Diese Wirklichkeit kann nur dann gültig untersucht werden, wenn es gelingt, Erlebnisse und Deutungen konkreter Subjekte verstehend nachzuvollziehen. Maßgeblich sind dabei die zwei Prinzipien der Kommunikation und der Offenheit nach Christa Hoffmann-Riem: "Das Prinzip der Kommunikation besagt, dass der Forscher den Zugang zu bedeutungsstrukturierten Daten im allgemeinen nur gewinnt, wenn er eine Kommunikatonsbeziehung mit dem Forschungssubjekt eingeht und dabei das kommunikative Regelsystem des Forschungssubjekts in Geltung lässt."[7] Prinzipiell und für das weitere Vorgehen verlangt das Prinzip der Offenheit, dass "die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird, bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat".[8] Erst

nach Offenlegung einzelner Strukturelemente und Zusammenhänge verschiedenster Deutungsmuster erstellt die Forschungsperson ihre Hypothesen. Das bedeutet, sie nimmt selektiv wahr und ordnet die Wahrnehmung in ein Deutungssystem ein.

Um jedoch möglichst offen zu sein und um keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen, arbeitet die qualitative Forschung gemäß den in der "Grounded Theorie" erstellten und von ihr am häufigsten angewandten Prinzipien theorieentwickelnd. Das bedeutet, dass sie grundsätzlich von einem Vorverständnis ihres Untersuchungsgegenstandes ausgeht, diesen aber korrigiert und im fortlaufenden Prozess in die jeweils gewonnen Ergebnisse integriert.

Für die qualitative empirische Sozialforschung wird als Erhebungsmethode vorwiegend die Vorgehensweise des halbstandardisierten bzw. unstrukturierten Interviews auf der Basis eines Gesprächsleitfadens gewählt. Für all diese Befragungen gilt, dass die dabei aufgezeichneten Informationen unverzerrt, authentisch und intersubjektiv nachvollziehbar sind. Besonders der mögliche Vergleich des aufgezeichneten Interviews mit den daraus gezogenen Interpretationen verleihen dem qualitativen Interview einen hohen methodischen und methodologischen Status.[9]

2.2 Das qualitative Interview

Bei qualitativen Interviews ist nicht eine große Anzahl durchgeführter Gespräche entscheidend. Wichtiger ist, einige typische Fälle systematisch auszuwählen, die die theoretischen Konzepte des Forschers bestätigen. Ein weiteres methodisch-technisches Charakteristikum von qualitativen Befragungen ist, dass es keine geschlossenen Fragen gibt. Das bedeutet, keine Frage kann nur mit "ja" oder "nein" vom zu Befragenden beantwortet werden. In allen Fällen wird vom Befragten somit Verbalisierungs- und Artikulationsvermögen verlangt. Weil mein Interesse bei den Interviews besonders der konkreten Wohn- und Lebenssituation geistig behinderter Menschen gegolten hat, habe ich als qualitative Befragungsmethode das problemzentrierte Interview gewählt.

2.2.1 Das problemzentrierte Interview

Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Interview-Variante, die eine sehr lockere Bindung an einen knappen, der thematischen Orientierung dienenden Leitfaden mit dem Versuch verbindet, den Befragten sehr weitgehende Artikulationschancen einzuräumen und sie zu freien Erzählungen anzuregen. Problemzentrierte Interviews werden oft auch als Kompromiss zwischen leitfadenorientierten und narrativen Gesprächsformen angesehen. Grundgedanken des problemzentrierten Interviews sind:

  • Der sprachliche Zugang wird gewählt, um die Fragestellung vor dem Hintergrund subjektiver Bedeutungen - vom Befragten selbst formuliert - zu eruieren.

  • Eine Vertrauenssituation zwischen Interviewer und Befragtem soll entstehen.

  • Die Forschung setzt dabei an konkreten gesellschaftlichen Problemen an, deren objektive Seite vorher analysiert wird.

Beim problemzentrierten Interview steht die Formulierung und Analyse des Problems immer am Anfang. Daraus werden die zentralen Aspekte für den Interviewleitfaden zusammengestellt. Er enthält die Themen des Gesprächs sowie Formulierungsvorschläge. Durch den Interviewleitfaden werden die Befragten zwar auf bestimmte Fragestellungen hingeleitet, sie sollen und können aber offen, ohne Antwortvorgaben, darauf reagieren. Die Gespräche bestehen im Wesentlichen aus drei Teilen, die verschiedene Arten der Frage beinhalten:

a) Sondierungsfragen sind ganz allgemeine Einstiegsfragen in eine Thematik. Dabei soll herausgefunden werden, ob das Thema für den einzelnen überhaupt wichtig ist und welche subjektive Bedeutung es für ihn oder sie besitzt.

b) Leitfadenfragen formulieren die Themenaspekte, die als wesentlichste Fragestellungen im Interviewleitfaden festgehalten sind.

c) Der Interviewer wird hin und wieder Ad-hoc-Fragen stellen müssen, weil er im Verlauf des Interviews immer wieder auf Aspekte stößt, die im Leitfaden nicht verzeichnet, aber dennoch für das Gespräch oder die Thematik bedeutsam sind.[10]

Das sprachliche Material wird üblicherweise - mit Einverständnis der Befragten - auf Tonband aufgenommen.

2.3 Auswertung

In der Regel werden Interviews in einer ersten Phase einer Grobanalyse unterzogen, um erste Strukturmerkmale und Themen zu eruieren. Da beim problemzentrierten Interview das Thema schon konkret vorgegeben ist, habe ich bei der Auswertung der Interviews auf die Grobanalyse verzichtet und gleich mit der Konversationsanalyse begonnen.

2.3.1 Konversationsanalyse

Im Anschluss an jedes Interview wird ein Zusatzprotokoll erstellt, in dem wichtige Daten über den Gesprächsverlauf, Dauer, Ort und Umgebungseinflüsse, Störungen usw. festgehalten werden. Ziel der Konversationsanalyse ist es, "solche Textstellen ausfindig zu machen, die vollständig oder stark von den Wirkungen und Prozessen der Situation bestimmt sind und nicht situationsunabhängige Informationen enthalten".[11]

2.3.2 Feinanalyse

Generell wird bei der Feinanalyse der Interviewtext in einzelne Sequenzen und Sinneinheiten unterteilt. Ich habe das nicht gemacht, da ich die Interviews in Relation zu den drei Forderungen Bollnow's bezüglich des wahren Wohnens gestellt habe. Deshalb habe ich nur jene Aussagen des Interviews verwendet, die ich als bedeutend für die Arbeit empfunden habe.

Im Sinn der objektiven Hermeneutik geht man davon aus, dass sich hinter Aussagen und Deutungen der erfahrenen Wirklichkeit handlungsleitende und bewusstseinsbestimmende Strukturen verbergen, die durch eine Analyse herausgearbeitet werden können. Die objektive Hermeneutik versucht, ihren Gegenstand ungefähr zu erfassen. Sie liefert keine eindeutige und endgültige Interpretation. Das bedeutet, dass der Interpretationsprozess prinzipiell offen ist und seine Ergebnisse jederzeit revidierbar sind.[12]

An sich wird die Feinanalyse und der anschließende Interpretationsprozess im Gruppenverfahren durchgeführt. Anhand der oben genannten Angaben sollen jedoch die Ergebnisse der Analyse, die ich immer wieder "unbefangenen Mitmenschen" zur Beurteilung vorgelegt habe, nachvollzogen werden.



[5] M. Heizer, Erfahrung, Erfahrung..., in: Österreichisches Religionspädagogisches Forum 10. 2000. S. 65.

[6] Vgl. T. Heinze, Qualitative Sozialforschung. 1995. S. 13.

[7] C. Hoffmann-Riem, Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie, in: KZSS 32. 1980. 346f.

[8] Ebenda, S. 343.

[9] Vgl. W. Stangl, Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. Arbeitsblätter. 1997.

[10] Vgl. P. Mayring, Einführung in die qualitative Sozialforschung. 1996. S. 45f.

[11] M. Lueger / C. Schmitz, Das offene Interview. 1984. S. 183.

[12] Vgl. T. Heinze, Qualitative Sozialforschung. a.a.O., S. 140.

3 "Mensch sein ...heisst wohnen"[13]

Besonders die Philosophen Martin Heidegger und Otto Friedrich Bollnow haben sich mit der Wichtigkeit des Wohnens für den Menschen auseinandergesetzt. Ihr Blick richtet sich dabei weniger darauf, wie die Menschen wohnen. Vielmehr betrachten sie das Wohnen als eine Wesenbestimmung des Menschen, die sein ganzes Leben beeinflusst.

3.1 Das Haus als Mitte der Welt

Der Mensch lebt in Räumen und er bewohnt Räume. Der Begriff Wohnen ist darum sehr eng mit den Begriffen Raum und Räumlichkeit verbunden. Raum wird vom Menschen aktiv angenommen, manchmal auch erobert und er wird zum Wohnen hergerichtet. Ein Raum wird geschaffen durch die Bearbeitung des Menschen. Raum bedeutet für den Menschen darum Anforderung, Aktivität, Tätigsein. "Raum wird durch menschliche Ordnung geschaffen und geht verloren durch menschliche Unordnung."[14] Raum wird zum Entfaltungsraum menschlichen Lebens. Keinen Raum zu haben bzw. Raum verweigert bekommen weist auf eine existentielle Not des Menschen hin, verhindert Entfaltung und kann auch zu psychischen und seelischen Beeinträchtigungen führen.

Eine Grunddynamik des menschlichen Lebens ist das Fortgehen und das Zurückkehren. Das Fortgehen in die "Welt da draußen in ihrer ganzen Weite" [15], das erfüllen von Aufgaben, das Nachgehen einer Arbeit... Aber in dieser Welt allein könnte der Mensch nicht leben. Er würde seinen Halt verlieren, wenn er nicht an einen festen Bezugspunkt zurückkehren könnte, in die "Mitte seiner Welt"[16]. Der Mensch braucht eine Mitte, einen Bezugspunkt, einen Ort, an dem er verwurzelt ist. Das ist sein Haus, seine Wohnung, sein Zimmer, in dem er wohnt.

3.2 Zur Wortgeschichte des Begriffs "Wohnen"

Für das umfassende Verständnis der Wortbedeutung von "Wohnen" ist ein Blick auf die Sprachgeschichte hilfreich. Das altsächsische "wuon", sowie das gotische "wunian" bedeuten ebenso wie das althochdeutsche Wort "buan" das Bleiben, das Sich-Aufhalten. Doch das gotische "wunian" sagt viel deutlicher, wie dieses Bleiben erfahren wird. "Wunian" heißt: zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben. Das Wort Friede meint das Freie, das "Frye" und "fry" bedeutet: bewahrt vor Schaden und Bedrohung.[17] Wohnen in seiner ursprünglichen Bedeutung meint demnach "im Frieden bleiben, zufrieden sein" und "geschützt sein vor Schaden und Bedrohung". Erst später kommt zu dieser Grundbedeutung eine räumliche Bestimmung hinzu. "Wohnen" bezeichnet nun auch das Verweilen an einem bestimmten Ort im allgemeinen Sinn. Heute bindet sich die räumliche Bestimmung an einen bleibenden Wohnsitz. "Wohnen" in unserem heutigen Sprachgebrauch beinhaltet die Bindung an ein konkretes Haus oder eine konkrete Wohnung. In diesem Sinn erklärt das deutsche Wörterbuch den Begriff "wohnen" als ansässig sein.

3.3 Das Wohnen in seiner besonderen Bedeutung für den Menschen

Damit wir Menschen überhaupt in dieser Welt leben können, die sich unserer Übersicht und unserer Kontrolle entzieht, brauchen wir einen Raum der Geborgenheit. In diesen Raum ziehen wir uns zurück in der Gewissheit, die oft so bedrohliche, fordernde und laute Außenwelt hinter uns zu lassen. In diesem Raum können wir entspannen, Kraft tanken und wieder zu uns selbst kommen. So ist für uns, wie schon erwähnt, unser Haus, unsere Wohnung die Mitte unserer Welt. Wohnen beinhaltet also viel mehr als das bloße Sein an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Raum. Wohnen heißt, "an einem bestimmten Ort zu Hause sein, in ihm verwurzelt sein und an ihn gehören".[18] Diese Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort zeigt sich auch in der je eigenen Individualität einer Wohnung. Denn der Mensch zeigt sein Innerstes in seinen eigenen vier Wänden. Er gestaltet einen Raum mit seiner Persönlichkeit in Form von Erinnerungen, Andenken, Bildern, Photos etc. und sorgt damit für eine positive Wirkung der Wohnung auf seine Psyche. Wohnen ist demnach nicht beliebig, sondern es befriedigt zahlreiche Bedürfnisse des Menschen wie Sicherheit, Beständigkeit, Vertrautheit, Geborgenheit, Ungestörtheit, Individualität, Prestige, Selbstdarstellung, Kontrolle, Selbst-bestimmung und Unabhängigkeit.

Wie wichtig es für den Menschen ist, ein Zuhause zu haben, ist auch immer wieder in den Interviews deutlich geworden. Einige Aussagen der Befragten sollen dies zum Ausdruck bringen:

"Ich bin auf der einen Seite, dass es eine Wohngemeinschaft gibt, dass man da seinen Ort hat und sein Leben hat und dass man da bleiben kann und dass mein, mhm, ja..."

"Ja, daheim. Also ich bin gerne in der WG, weil ich da mein eigenes Zimmer hab und da kann ich tun und machen, was ich will."

"Weil manchmal sind die Leute nicht da und dann bin ich da und dann such ich das Gefühl zu haben, wie das sein wird ... nicht, wenn ich einmal allein in der Wohnung bin. Das ist ein gutes Gefühl eigentlich."

3.3.1 Forderungen für das wahre Wohnen

Bollnow hat für das wahre Wohnen drei Forderungen aufgestellt. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch sich nur dann verwirklichen und finden kann, wenn er sich diesen Forderungen stellt.

  1. Die erste Forderung richtet sich darauf, sich einen Eigenraum der Geborgenheit zu schaffen. Hat der Mensch diese Möglichkeit nicht, ist er ein ewig Heimatloser und ein ewig Haltloser.

  2. Die zweite Forderung richtet sich auf die Gefahr, sich im Eigenraum abzukapseln. Sie fordert also, die bedrohliche und gefährliche Außenwelt voll in das Leben einzubeziehen und die Spannung zwischen diesen zwei Welten auszuhalten, in der sich allein menschliches Leben erfüllen kann.

  3. Daran schließt sich die dritte Forderung. Bollnow glaubt, dass der Mensch seinen naiven Glauben an die Festigkeit des eigenen Hauses, der eigenen Wohnung überwinden und Vertrauen fassen muss zu der Außenwelt. Dadurch verliert dieser bedrohliche Raum seinen gefährlichen Charakter und wird selber wieder zum bergenden Raum.[19]

Mit seinen Überlegungen zum Wohnen hat Bollnow deutlich gezeigt, dass das Wohnen nicht eine beliebige Tätigkeit neben manchen anderen ist, sondern dass es eine Wesensbestimmung des Menschen ist, die über sein Verhältnis zur Welt im Ganzen entscheidet. Der Mensch braucht, um überhaupt leben zu können, einen Bereich der Geborgenheit. Hat er solch einen Bereich nicht, ist "der Mensch in der Zufälligkeit eines ‚irgendwo' verloren".[20]

Vor allem den behinderten Menschen wurde über Jahrhunderte ein solcher Raum der Geborgenheit vorenthalten. Dadurch war es für sie nicht möglich, sich selbst zu verwirklichen bzw. sich selbst zu finden. Im Gegenteil: Wie kaum eine andere Gesellschaftsgruppe gingen Behinderte irgendwo und irgendwann "verloren".



[13] M. Heidegger, a.a.O., S. 141.

[14] O. F. Bollnow, a.a.O., S. 37.

[15] Ebenda, S. 123.

[16] Ebenda, S. 124.

[17] Vgl. M. Heidegger, a.a.O., S. 143.

[18] O. F. Bollnow, a.a.O., S. 125.

[19] Ebenda, S. 310.

[20] Ebenda, S. 274.

4 Der Blick zurück: Verloren in der zufällig-keit eines ‚irgendwo'

In diesem Kapitel werden für geistig behinderte Menschen Bezeichnungen verwendet, wie sie zu der damaligen Zeit üblich und zugleich Ausdruck für die abwertende Haltung gegenüber behinderten Menschen waren. Die Änderung im Sprachgebrauch vom Idioten, Irren, Cretin über den Minderbemittelten, den nicht ganz "Dichten", demjenigen, der ein bisschen "plem-plem" ist bis hin zum geistig behinderten Menschen soll deutlich machen, dass mit ihr eine sich ständig erhöhende Wertschätzung und Lebensqualität von behinderten Menschen einhergeht.

Als Einführung in die erschreckende Lebenswelt geistig behinderter Menschen soll der Bericht des Arztes B. Knapp aus dem Jahre 1879 dienen, der ein prägnantes und bezeichnendes Bild vor Augen führen. Knapp war Bezirksarzt der österreichischen K&K Monarchie und interessierte sich besonders für den "Cretinismus." Mit seiner ersten Broschüre mit dem Titel "Untersuchungen über Cretinismus in einigen Theilen Steiermarks" wollte er "auf die Ursachen dieses Leidens, auf die Mittel der Abhilfe hinweisen, überhaupt die Frage in Fluss bringen".[21] Später benützte er dann einen Urlaub dazu, deutsche Idioten- und Cretinenanstalten zu besuchen. Seine Eindrücke und Erlebnisse veröffentlichte er in einem kleinen Buch, in dem er "auf die grossen Vortheile und Erfolge der Idiotenanstalten hinweisen, ihre erforderlichen Einrichtungen besprechen und andeuten (‚möchte' Einfügung d.Autorin), durch welche Mittel solche Anstalten nach dem Beispiele der deutschen auch bei uns zu erreichen wären".[22]

Neben dem Leben in diesen Anstalten, das nur Kindern von vermögenden Familien vorbehalten war, beschreibt er auch das "normale" Leben der geistig behinderten Menschen. Bemerkenswert an diesem Bericht ist, dass Knapp "negative" Verhaltensweisen der geistig behinderten Menschen auf ihre unmenschliche Behandlung zurück führt. Normalerweise wurden zu dieser Zeit Verhaltensweisen wie Bosheit, Gewalttätigkeit, etc. als angeborene Eigenschaften geistig behinderter Personen angenommen. Die Beschreibung zeigt auch deutlich, dass behinderte Menschen einen sehr niederen bzw. gar keinen gesellschaftlichen Stellenwert hatten. Nur jenen ging es ein bisschen besser, die für eine Arbeit herangezogen werden konnten. Es ist dies eine Wirklichkeit, die sich vor allem seit der Neuzeit bis heute gehalten hat: Gesellschaftlich anerkannt wird nur der, der Leistung erbringen kann.

"Ist schon das Schicksal der schwachsinnigen, idiotischen Kinder bei Bemittelten ein trauriges, so ist es bei den Armen noch viel trauriger, ja mitunter wahrhaft schrecklich! Und leider gehört die überwiegende Mehrzahl solcher Kinder armen Eltern an. Schon in der ersten Kindheit vielfach vernachlässigt, weil die Eltern dem Erwerbe nachgehen müssen, erlischt auch die vielleicht noch vorhandene geistige Anlage, die bei aufmerksamer Behandlung noch zu gänzlicher Ausbildung sich hätte entwickeln können. ... Gewöhnlich lernen sie (die Kinder) spät, einige gar nicht gehen und sprechen, liegen immer in Nässe und Unreinlichkeit in ihren Wiegen in dumpfen, nie gelüfteten Stuben. Lernen sie endlich gehen und mühsam sprechen, so werden sie manchmal zur Schule geschickt, wo sie von den anderen Kindern geneckt und verspottet, den Lehrern ein Hindernis, ohne Nutzen ihre Zeit zubringen, gewöhnlich aber bald als unterrichtsunfähig wieder entlassen werden, mit gereiztem Gemüthe, scheu und boshaft gemacht durch die erlittenen Zurücksetzungen und Kränkungen. Die etwas Besseren, Kräftigeren werden nun zu Hause zu verschiedenen gröberen Arbeiten verhalten, dabei gewöhnlich grob, roh behandelt, mit schlechter Nahrung und unregelmässig gefüttert, oft abseits von den anderen Hausgenossen, wegen ihrer Eckelhaftigkeit. Die Arbeitsunfähigen bleiben sich selbst ganz überlassen, versinken immer mehr in Stumpfsinn, werden vielfach verhöhnt, oft misshandelt, liegen in Schmutz, besäet mit Ungeziefer, vor den Häusern oder auf den Ofenbänken, sind nur zu oft die Zielscheiben des rohesten Spottes. Sie ziehen oft vagabundirend, mit schmutzigen Lumpen nothdürftig bedeckt, herum, betteln mit fratzenhaften Grimassen die Vorübergehenden an; wieder andere werden in einen abgelegenen Winkel des Hauses oder in einem Stalle eingesperrt, bekommen oft geradezu eckelhafte Nahrung, die sie gierig verschlingen; überall erregen sie Abscheu und Eckel. Dadurch geht die angeborne Gutmüthigkeit zu Grunde, sie werden scheu, boshaft. "[23]

Dieser Ausschnitt aus dem Buch des Arztes Knapp entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert, als es schon einige "Verbesserungen" für das Leben von geistig behinderten Menschen gab und sich auch schon Sonderpädagogen für sie interessierten. Es lässt sich darum aufgrund der wenigen schriftlichen Aufzeichnungen nur erahnen, wie die Lebenswelt behinderter Personen in noch früheren Zeiten aussah.

4.1 Die Welt der Narren im Mittelalter - Ein Leben im Gefängnis

Aus der Zeit des Mittelalters gibt es wenig Wissen über die Lebenswelt von behinderten Menschen. Es ist anzunehmen, dass Menschen mit einer körperlichen Behinderung im Familienverband ihren Platz hatten und auch in die Gesellschaft integriert waren. Anders war das bei den Idioten, den Irren, den Narren, den Cretinen. Bezeichnungen, die für geistig behinderte Menschen und psychisch Kranke damals üblich waren und die sich in der Fachliteratur bis ins 20. Jahrhundert gehalten haben, in der Umgangssprache leider bis heute. Über die Situation der Irren im ausgehenden Mittelalter gibt es einige schriftliche Hinweise, die ein unvollständiges Bild von ihrer Lebenswelt zeichnen.

4.1.1 Die "Narren aus gutem Hause"

Gehörten geistig behinderte Menschen einer wohlhabenden Familie an, wurde oft noch der "Versuch" unternommen, aus ihnen etwas zu machen. Sie wurden gepflegt und sauber gehalten, bekamen manchmal sogar einen Hauslehrer und lebten - wenn auch meist eingeschlossen und getrennt von der Gesellschaft - in der Familie. Der bequemere Weg für reiche Familien war es aber, ihre irren Angehörigen entweder gegen Zahlung von Geldmitteln und Gütern in Klöstern versorgen zu lassen oder sie gegen ein gutes Pflegegeld einer armen Familie zu übergeben, wo sie meistens sich selbst überlassen waren.[24]

4.1.2 Die Narrentürme

Es geschah oft, dass die Irren ein Wanderleben führten. Häufig wurden sie aus der Stadt gejagt und ihrem Schicksal überlassen. Doch in der Mehrzahl der europäischen Städte im Mittelalter gab es eigene Gebäude, die für die Einschließung der Irren bestimmt waren. In Deutschland waren es die zahllosen Narrentürme, in Frankreich wurden sie teilweise in den Hospitälern aufgenommen und gepflegt. Diese Einrichtungen - oft Gefängnisse - lassen darauf schließen, dass Geisteskranke nicht unterschiedslos verjagt wurden, sondern nur die Fremden. Jede Stadt war demnach bereit, sich um "ihre" Irren zu kümmern. Sie wurden auf Stadtkosten untergebracht und ernährt.[25]

4.1.3 Das Narrenschiff

Besonders in Deutschland vertraute man die Irren oft einer Gruppe von Händlern und Pilgern an oder übergab sie Schiffern. Meist gingen die Irren auf der Reise in größeren Städten "verloren", und ihre Herkunftsorte wurden damit von ihnen gesäubert. Dadurch, dass man die Narren den Schiffern anvertraute, wurde vermieden, dass sie sich ständig vor den Mauern der Stadt aufhielten und zudem sichergestellt, dass sie weit fortgebracht wurden. Neben diesen nützlichen Konsequenzen ging von den Narrenschiffen aber auch eine starke symbolische Kraft aus: "Der Irre mit seinem Narrenschiff fährt in eine andere Welt, und aus der anderen Welt kommt er, wenn er an Land geht. Diese Reise des Irren ist zugleich rigorose Trennung und endgültige Überfahrt."[26] Dem Wasser und somit der Fahrt übers Meer von der alten Welt in eine unbekannte und neue Welt wurde eine reinigende Wirkung zugesprochen. Die Sorge, die Irren auszuschließen und die, sie zu heilen, vereinigten sich in der Gestalt des Narrenschiffs.

Die Lebenswelt von behinderten Menschen im Mittelalter ist vor allem durch den Ausschluss aus der Gesellschaft geprägt. Ihre geistige oder körperliche Behinderung wurde als etwas Gegebenes gesehen und Behinderung war keine Krankheit im medizinischen Sinn, die einer Behandlung bedurft hätte. Heilung erhofften sich die Menschen von Wundern und reinigenden Ritualen. Obwohl im Mittelalter vor allem geisteskranke Menschen an bestimmten Orten eingesperrt wurden, waren diese Orte auf große Städte beschränkt und es gab es noch keine Tendenz für eine umfassende Internierung der Geisteskranken in gesonderten Anstalten - im Gegenteil. Die europäische Kultur des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts zeigte sich dem Wahnsinn und seinen Erscheinungsformen gegenüber relativ aufgeschlossen. Die Menschen vergnügten sich bei Narrentänzen und Narrenfesten, literarische Werke behandelten das Thema des "Narrenschiffes" und des Narrenhauses". Diese Sympathie für den Wahnsinn änderte sich jedoch Mitte des 17. Jahrhunderts schlagartig und die Zeit der "großen Gefangenschaft" brach an.[27]

4.2 Die Ausgrenzung der Unvernunft in den Zucht-, Korrektions- und Arbeitshäusern

Die Entstehung der ersten flächendeckenden Anstalten gründet auf der Bewegung der Aufklärung, die im Lauf des 17. und 18. Jahrhundert die soziale Landschaft Europas grundlegend veränderte. Es ist der Aufstieg des Zeitalters der Vernunft mit seiner Forderung nach logischem und klarem Denken und seinem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen. Und es ist das Zeitalter des Merkantilismus mit seinen frühkapitalistischen Manufakturbetrieben, dem es vorrangig um die Vergrößerung des nationalen Reichtums und der Macht des Staates ging. So bemühten sich die Regierenden als "erste Unternehmer" ihres Landes, ihre Untertanen zu höchster Arbeitsamkeit als einer sittlichen und moralischen Pflicht zu erziehen, um dadurch den größtmöglichen Reichtum zu erwirtschaften.[28] In dieser Arbeits- und Vernunftwelt war für Bettler, Arbeitslose, Vagabunden, Dirnen, Alkoholiker, Verrückte, Idioten und Sonderlinge kein Platz und man ließ diese Menschen hinter Schloss und Riegel verschwinden.[29] Zu diesem Zweck entstanden große Internierungslager in ganz Europa. Wer nicht der gesellschaftlichen Prämisse der Vernunft und deren Forderungen entsprach, musste umerzogen bzw. "sozial unsichtbar gemacht" werden.[30] "Europa überzog sich erstmals mit einem System von so etwas wie Konzentrationslagern für Menschen, die als unvernünftig galten."[31]

In Frankreich wurde 1676 ein Edikt erlassen, das für jede Stadt die Errichtung eines "hôpital général" vorschrieb. Die Aufgabe des hôpital général war es, "Bettelei und Müßiggang als Quelle jeglicher Unordnung" zu verhindern.[32] Dieselbe Entwicklung setzte in England schon früher ein. Schon 1575 wurden dort Vorschriften zur Errichtung von "houses of correction" erlassen. Doch trotz Strafandrohung kam dieses Modell nie zu einer allgemeinen Verbreitung. Viel mehr erfolgte eine Verschmelzung mit den bestehenden Gefängnissen. Größeren Erfolg hatten die so genannten "workhouses", die vor allem in Regionen der beginnenden Industrialisierung entstanden. In Deutschland begann die Errichtung von Zucht-, Korrektions- bzw. Arbeitshäusern 1620 in Hamburg. Aufgrund der zahlreichen deutschen Kleinstaaten waren die "verwahrenden" Einrichtungen ungemein vielgestaltig. So gab es neben den oben genannten Häusern auch noch Verwahrungs-, Versorgungs-, Waisen-, Findel-, Fremden-, Narren- und Tollhäuser. Michel Foucault spricht, wie oben schon erwähnt, von der großen Gefangenschaft im 17. Jahrhundert.[33]

4.2.1 Hintergründe für die Entstehung der Zucht-, Korrektions- und Arbeitshäuser im 17. Jahrhundert

Es gibt mehrere Motive für diese gesamteuropäische Bewegung. Der Hauptgrund für die Errichtung der Internierungshäuser war der Versuch, der steigenden Arbeitslosigkeit oder zumindest der Bettelei ein Ende zu bereiten. Die Wirtschaftskrise, ungerechte Bodenreformen und die anhaltenden Religionskriege vervielfachten die Anzahl der Bettler und Arbeitslosen durch die von ihrem Land vertriebenen Bauern, durch entlassene Soldaten, arme Studenten und Kranke. Die Religionskriege und die Kritik der Aufklärung an religiösen und kirchlichen Autoritäten führten wiederum zur Auflösung zahlreicher Klöster, Stifte und anderer geistlicher Besitztümer. Sie verpflegten nun nicht mehr wie bisher einen großen Teil der Bettler und der Irren und die Klosterarmen wurden nun erstmals der Bevölkerung sichtbar. Den Autoritäten des Staates erschien dieses Heer der "Unvernünftigen" als eine zu große Gefahr für die bürgerliche Ordnung und die Moral des öffentlichen Lebens und sie ließen diese Menschen in den Arbeits- und Korrektionshäusern einsperren.

Zum anderen zerbrachen durch das merkantilistische Arbeitssystem die gesellschaftlichen Strukturen der Zünfte, Vereinigungen und Berufsverbände, die seit dem Mittelalter versucht hatten, Not und Unglück aufzufangen. Auswirkungen hatte dies ebenso auf die soziale Struktur der Familien. Hatte die Großfamilie bislang behinderte Familienmitglieder mehr schlecht als recht "durchgeschleppt" und im Bedarfsfall auch den entfernten Verwandten geholfen, musste sie nun der Kleinfamilie weichen. Diese fühlte sich nur noch für die nächsten Angehörigen verantwortlich und hatte keinen Platz mehr für arbeitsunfähige Mitglieder. Gerade auf die Situation der Irren musste sich das auswirken. Sie erhielten nicht mehr die notwendige Aufsicht in der Familie und sie gehörten auch nicht mehr selbstverständlich zur Gemeinschaft. So wurden durch Irre verursachte Zwischenfälle immer häufiger der Allgemeinheit sichtbar.

Weil Unvernunft und Müßiggang in der beginnenden Industriegesellschaft keinen Platz mehr hatten, diente die Verwahrung solcher Menschen in Korrektions-, Zucht- und Arbeitshäusern als Mittel zum Zweck. So garantierten diese Häuser "billige Arbeitskräfte in den Zeiten der Vollbeschäftigung und der hohen Löhne; in Zeiten der Arbeitslosigkeit jedoch Resorption der Müßiggänger und Schutz der Gesellschaft gegen Agitation und Aufstände".[34] Die Anstaltsordnungen schrieben vor, dass alle Internierten arbeiten müssen. Von dem genau errechneten Wert ihrer Arbeit erhielten sie ein Viertel. Die Arbeit sollte nämlich nicht nur eine Beschäftigung, sondern auch produktiv sein. Die Insassen der Internierungshäuser wurden also in den Dienst des wirtschaftlichen Wohlstands gestellt, indem sie zu staatlicher Zwangsarbeit und zur Unterstützung privater Unternehmer eingesetzt wurden. Die gesellschaftliche und moralische Bedeutung der Arbeit war demnach ein wesentlicher Faktor für die Internierung der "Unvernünftigen".

Zu den Insassen dieser Häuser gehörten auch die Irren. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass sie zusammen mit den Bettlern, Arbeitslosen, Vagabunden - den "Müßiggängern" - von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Den Wahnsinnigen wurde nun ebenfalls "Müßiggang" vorgehalten, der moralisch nicht mehr zu tolerieren war. Nicht arbeiten zu wollen bedeutete, "über das Maß die Macht Gottes zu versuchen", weil dieser versprochen hat, die Vögel unter dem Himmel zu ernähren.[35] Von Anfang dieser Entwicklung an hatten die Irren ihren Platz neben den Armen und Arbeitslosen. Wie jene unterlagen sie den Regeln der Zwangsarbeit und in den Werkstätten hoben sie sich durch ihre Unfähigkeit zu arbeiten ab. Einige von ihnen erhielten im Gegensatz zur Masse der anderen Ausgeschlossenen eine Sonderstellung, vorrangig "ihre gemeingefährlichste Spezies, nämlich die Tobenden, Rasenden und Bedrohlichen (d. h. die Manien). Diese wurden im buchstäblichen Sinne als ‚Monstren' in Käfigen gegen Entgelt dem bürgerlichen Publikum vorgeführt ... Eine Fülle zeitgenössischer Berichte und Reiseführer zeigt, wie die Irrendemonstrationen in Paris und London ebenso wie in verschiedenen deutschen Städten mit den Vorführungen wilder Tiere um die Gunst des Publikums konkurrierten".[36] Diese Vorführung der Irren als wilde und gefährliche Tiere sollte den Zuschauern die soziale Gefährlichkeit der Irren vor Augen führen und zugleich als unbedingte und vernünftige Berechtigung dafür dienen, diese Menschen einzusperren und anzuketten.

4.3 Die Gründung der ersten Sonderanstalten im 19. Jahrhundert - Internierung als Therapie

Früh schon waren Tendenzen erkennbar, in den Armenanstalten die arbeitsfähigen Armen von den arbeitsunfähigen, wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Defekte sozusagen schuldlos Armen zu unterscheiden. Beide Gruppen wurden zunehmend gesondert versorgt. Gleichzeitig wuchs das wissenschaftliche, d.h. das psychiatrische und pädagogische Interesse an diesem Personenkreis der schuldlos Armen, zu denen besonders Irre und Idioten gezählt wurden.

Es ist kein Zufall, dass das Interesse der Wissenschaft und die Schaffung der ersten Sonderanstalten speziell für Behinderte in die Zeit der Aufklärung fällt. Der Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen erfasste nun auch diese bislang vernachlässigte Gruppe. Waren sie im 17. und 18. Jahrhundert noch gemeinsam mit Bettlern, Arbeitslosen, Vagabunden, Dirnen, Alkoholikern, Verbrechern und Sonderlingen in den Zucht-, Korrektions- und Arbeitshäuser verwahrt worden, wurden nun eigene Sonderanstalten errichtet, deren Bezeichnungen schon spezifisch ausgerichtet waren: Taubstummenanstalt, Blindenanstalt, Anstalt für Schwach- und Blödsinnige, Idiotenanstalten, Unterrichts- und Erziehungs-Anstalt für geistig Zurückgebliebene, Siechenhäuser, Cretinen-Anstalt.[37] Ergebnis war, dass zum einen viele behinderte Menschen aus ihren Familien und Nachbarschaften heraus den Anstalten übergeben wurden und dass zum anderen die Leitung der Armenhäuser auf die Suche nach Geisteskranken, Epileptikern... in ihren Häusern ging. Das führte dazu, dass sich in den ersten Jahren die Zahl der Insassen in den Sonderanstalten stark vermehrte und die Armenhäuser entlastet wurden: "Die Zahl der Anstaltsinsassen wuchs weiter, Internierung und Bewahrung der Blödsinnigen, also der Schutz der Gesellschaft vor ihnen, wurde vorrangiges Prinzip; und, als Gipfel der Absurdität, das trostlose Bild der idiotischen Kinder und Erwachsenen in den Massenanstalten der 20er und 30er Jahre diente den NS-Mördern als Legitimation für Zwangssterilisations- und Mordprogramme."[38]

Ein beispielhafter Vorläufer für diese Sonderanstalten war das "retreat" bei York, England. Gegründet von der religiösen Gemeinschaft der Quäker für ihre Mitglieder und verwirklicht von William Tuke, wurde in dieser Anstalt ein Milieu hergestellt, dass dem der Gemeinschaft der Quäker so ähnlich wie möglich sein sollte.[39] In ihrer Vorstellung von der Heilkraft der Natur, die auch das Irresein heilen kann, wurde das Retreat außerhalb von York gebaut, so wie auch danach die Anstalten im 19. Jahrhundert auf lange Zeit in einer "Landschaft" errichtet wurden. Ländliches Glück und das einfache Leben auf dem Land galten als Voraussetzung für Heilung. Ebenso viel Heilkraft wie der Natur maß das Retreat der natürlichen Autorität der idealen Familie bei. Die Familie bestand aus der geschwisterlichen Gemeinschaft von Kranken und Aufsehern unter Leitung der patriarchalen Vaterfigur des Direktors - eine strenge, aber gerechte Familie, ohne Schwäche und Nachgiebigkeit. Die Patienten hatten zu lernen, dass sie durch abweichendes Verhalten die Familie schädigen und wie Kinder wurden sie nach einer Tat bestraft oder belohnt. "Seitdem gibt es den fatalen therapeutischen Trick: scheinbare Gleichberechtigung auf der verbalen Ebene bei eindeutig einseitiger Machtverteilung auf der Handlungsebene."[40] Darüber hinaus war das Retreat religiös, nicht nur als Quäkergründung, sondern vor allem als Heilungsprinzip. Religion wurde den Patienten als Moral vermittelt und sollte sie dazu bringen, durch Angst und Gewissensdruck ihre "unanständigen" Begierden zu besiegen. Überhaupt waren Angst und Schuldgefühle ein wichtiges Mittel in der Behandlung der Irren. Der Irre musste sich nicht für seinen Wahnsinn schuldig fühlen, jedoch für das, was sein Wahnsinn an der Moral der Gesellschaft zerstören konnte. Darum musste er sich für seine Bestrafung auch selbst verantwortlich machen. Diese Gründzüge des Retreat wurden dann von den Sonderanstalten übernommen.

4.3.1 Motive für die Gründung der Sonderanstalten

4.3.1.1 Humanitäre Motive

Die Ideale der Wohlfahrt richteten sich angesichts der traurigen Lebenssituation der behinderten Menschen nun auch dieser Gruppe zu. Viele Anstaltsgründer berichteten, dass die entwürdigende Verspottung, die vernachlässigten Kinder etc. zu ihren Gründungsmotiven beigetragen hätten. Die Lebensbedingungen des als idiotisch bezeichneten Personenkreises waren im 19. Jahrhundert erschreckend. Besonders Lehrer, Ärzte und Ordensangehörige sprachen sich für ein menschenwürdigeres Leben der Behinderten aus. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte eine Gründungswelle von weiblichen, aber auch männlichen Ordensgemeinschaften ein, die sich zunehmend im Bereich des Idiotenwesens betätigten. Sie knüpften damit an die Armenfürsorge und die Pflegetraditionen der mittelalterlichen Ordensgemeinschaften an. Zugleich wurden die kirchlichen Organisationen durch dieses Engagement im sozialen Bereich zum gesellschaftlichen Machtfaktor.

Wegbereiter für die ersten Sonderanstalten waren auch die frühen Sonderpädagogen, die sich in einem langwierigen Prozess gegenüber ihren rivalisierenden Kollegen und einer oft verständnislosen Umwelt laufend bestätigen mussten. Ihre Risiko- und Einsatzbereitschaft, ihr Erfindungsgeist und ihre Vielseitigkeit führten zu den positiven Begleiterscheinungen dieser Entwicklung. Bei vielen von ihnen waren jedoch die karitativen Motive nur noch schwer von der eigenen Selbstentwicklung und Selbstbefriedigung zu trennen. Das übertriebene Sendungsbewusstsein und das Engagement der Sonderpädagogen rief eine Eigendynamik hervor, die nicht nur das Wohl der Behinderten im Auge hatte. Oft war ihr Bestätigungsdrang gepaart mit Engstirnigkeit, Bereitschaft zur Disziplinierung, Bevormundung und Geltungssucht. Das zeigt sich auch in den zahlreichen Methodenstreitigkeiten, die vor allem darauf zurückzuführen sind, dass sich jeder Lehrer und Erzieher als Pionier auf diesem neuen Gebiet fühlte.[41]

Eine solche Einstellung lässt sich bereits bei Samuel Heinicke, dem Begründer der ersten deutschen Taubstummenanstalt in Leipzig feststellen: "Es ist kein kleines Vergnügen, Menschen aus einem fast tierischen Zustand herauszuziehen und eine Seele in der Nähe zu betrachten, die noch entblößt, sich mit Anreihung ihrer Begriffe beschäftigt; wie sie Nahrung für sich ergreift, sie, wenn ich so sagen darf, verdaut, und wie sie damit webt."[42]

Auch der österreichische Sonderpädagoge Czech entdeckte mit wahrer Begeisterung menschliches Neuland: "Der Fortgang des Schülers ist ganz das Werk, ganz das Verdienst des Lehrers; er ist der alleinige Schöpfer dessen, was aus seinem Schüler wird. Daher gewährt ihm auch schon beim Unterrichte, der allmälig, wenn auch noch so langsam, wachsende Fortgang des taubstummen Schülers einen im Verhältnisse zu seinem Verdienst stehenden, hohen Genuß, welcher der größte, ja der einzige Ersatz für seine verdienstlichen Bestrebungen ist."[43]

Die beginnende Industrialisierung und der Verlust der traditionellen Versorgungs-systeme erschwerte das Leben der Behinderten noch mehr und ließ auch die Zahl der Behinderten in den gesellschaftlichen Randgruppen deutlich ansteigen. Diese stetig wachsende Gruppe von "unbrauchbaren" Menschen musste nun als soziales Problem thematisiert werden.

4.3.1.2 Wirtschaftlich-soziale Motive

In der ersten Phase der industriellen Welt erscheint die Arbeit als unfehlbares Universalmittel, wenn es darum geht, irgendeine Form des Elends zu beseitigen. Vorrangiger Beweggrund für die Gründung der Sonderanstalten war deshalb der Versuch, behinderte Menschen in diesen Anstalten langfristig zu brauchbaren

Arbeitskräften zu machen: "...und wenn es auch die wenigsten zur vollen Selbständigkeit bringen, so wird doch die Mehrzahl zu brauchbaren Menschen, zu Hilfs-Arbeitern bei zweckmässiger Leitung, zu Menschen, die mit Menschen verkehren und sich ihr Brod mehr minder vollständig verdienen können, herangebildet".[44] Dieser Versuch verfolgte meist mehrere aufeinander abgestimmte Ziele: Verhinderung des Abstiegs in die Verwahrlosung und Kriminalität, Einordnung in das bestehende politisch-wirtschaftliche System und Senkung des Armenaufwands: "Gewiss könnten Gemeinden und Länder entlastet werden, wenn alle derlei Kinder in solchen Anstalten erzogen und so zum grossen Theil zu producirenden Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft gebildet werden, statt dass sie sonst als Ekel erregende Einleger oder Bewohner der Gemeinde-, Versorgungs- oder Landessiechenhäuser während des ganzen oft langen Lebens eine Last für Gemeinden und Länder sind."[45]

4.3.2 Das Leben in den Sonderanstalten

Das Anstaltsmodell im 19. Jahrhundert war vor allem von katholischen und evangelischen Großeinrichtungen dominiert. Damit wurden die Bewohner der von Orden geführten Sonderanstalten in die oft "mittelalterlich-verklärte Abgeschiedenheit des klösterlichen Lebens" hineingezogen.[46] Die klösterlichen Tugenden der Armut, Keuschheit und Barmherzigkeit galten wie selbstverständlich auch für die behinderten Menschen. Die Anstaltsfürsorge war verbunden mit körper- und sexualfeindlichen Zwangsregelungen und insgesamt infantilen Grundhaltungen gegenüber den betreuten Menschen. Die sich daraus ergebende Rollenerwartung bildete eine wesentliche Grundlage für die Vorstellungen der Gesellschaft des geistig behinderten Anstaltsbewohners als einem ewigen Kind.

Die Erziehungsprogramme der Anstalten waren von Verzicht, Zucht und religiöser Unterweisung, Frömmigkeit, moralischer Errettung und Arbeitserziehung geprägt. Die Heranbildung zu arbeitsfähigen bzw. brauchbaren Menschen geschah bei den "bildungsfähigen Zöglingen" durch den Unterricht von Lesen, Schreiben, Rechnen

und Religion. Das handwerkliche Geschick wurde durch "... Bürstenbinderei, Korbflechterei, Tischlerei, Papp-Arbeiten, Farbenreiberei, Anstreichen etc." gefördert.[47] Arbeiten, wie sie auch heute noch zum Teil in den geschützten Werkstätten verrichtet werden. Die Bildungsunfähigen, sprich die "Cretinen und Idioten" sollten wenigstens dazu gebracht werden, "... unter einer vernünftigen und humanen Anleitung leichtere Gewerbe zu erlernen, namentlich aber, um nutzbringende häusliche Arbeiten verrichten zu können, wenngleich Idioten zu einem selbständigen Auftreten im Leben erfahrungsgemäß niemals (wenigstens sehr selten) gebracht werden."[48]

Folglich bildeten die Aspekte der "Brauchbarkeit" und der "Bildungsunfähigkeit", die in den Anstaltsprogrammen und in pädagogischen Schriften immer wieder auftauchten, ein wichtiges Kriterium für rigorose Einteilungs- und Ausleseverfahren. Nicht selten wurden Behinderte auch gar nicht in den Anstalten aufgenommen, weil sie "nach zureichend angestellten Unterrichtsversuchen als moralisch unbildsam oder blödsinnig sich ausweisen".[49] Meist waren dies Jugendliche, die bisher mehr schlecht als recht in Familien oder unterstützt von der Gemeindefürsorge ihr Dasein gefristet hatten und erst verhältnismäßig spät in die Anstalten gekommen waren. Oder es wurden aus Rentabilitätsgründen nur Personen aufgenommen, die auch zur Arbeit verwendet werden konnten. Ihr Arbeitserlös sollte die Verwahrungskosten möglichst niedrig halten. Hier setzte also schon ein erster Ausgrenzungsprozess von "schlechtem Material", "Schwererziehbaren" und "Unangepassten" ein.

4.4 Die Herausbildung der psychiatrischen Dominanz

In Deutschland begannen sich besonders im 19. Jahrhundert die Ärzte für die Idioten zu interessieren. Die Anstaltspsychiater erhoben einen theoretischen und praktischen Führungsanspruch in der Idiotenfürsorge, den sie mit den biologisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen ihrer Disziplin begründeten. In dieser wissenschaftlichen Fortschrittsbegeisterung wirkte der Satz Wilhelm Griesingers "Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten!" wie ein Schlachtruf.[50] Idiotie wurde als unheilbare Gehirn- bzw. Nervenschädigung diagnostiziert und man begann, die Idioten- bzw. Irrenanstalten als Krankenhäuser zu gestalten und unter irrenärztliche Leitung zu stellen.[51] Dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Leitern der konfessionellen Anstalten, bei denen es sich in der Regel um Theologen mit einem mehr pädagogischen Berufsverständnis handelte. Die Irrenärzte stießen jedoch auf die Unterstützung des Staates und "bedankten" sich mit der Neuorganisation der Irrenanstalten nach staatlichen Vorgaben. Die Folge war, dass nun auch die kirchlichen Anstalten das psychiatrische Verständnis von geistiger Behinderung als unheilbarer und sozial belastender Krankheit übernahmen. Pädagogische Aufgaben wurden auf den Bereich der Anstaltshilfsschule beschränkt und zugleich änderte sich das Selbstverständnis der Pfleger und der Ordensangehörigen: "Der ‚Pfleger' schien keine pädagogische Funktion mehr zu haben. So wurde er nicht selten zum bloßen ‚Wärter' ohne eigene aktive Verantwortung. Der Patient wurde zum Behandlungsobjekt oder, wenn eine aktive ärztliche Therapie nicht mehr sinnvoll zu sein schien, zum Objekt ‚barmherziger Pflege'".[52]

Mit der Verbreitung der naturwissenschaftlichen Erklärung von Idiotie ging auf dem Hintergrund der Lehre Darwins zunehmend ein erbbiologisches Denken einher. Geisteskranke, zu denen nun auch geistig behinderte Menschen gehörten, stellten nicht mehr nur eine Gefahr für die mit ihnen in Kontakt befindlichen Menschen dar, sondern wurden wegen ihrer erblichen Belastung auch als soziale Bedrohung gesehen. Es wurde befürchtet, dass die unkontrollierte Fortpflanzung geistig kranker Menschen mit ihrem minderwertigen Erbgut zum Verfall des ganzen Volkes führen könnte. Klaus Dörner zitiert in seinem Buch "Bürger und Irre" den zu seiner Zeit weltweit angesehenen schweizer Psychiater August Forel: "Wir bezwecken keineswegs, eine neue menschliche Rasse, einen Übermenschen zu schaffen, sondern nur die defekten Untermenschen allmählich ... durch willkürliche Sterilität der Träger schlechter Keime zu beseitigen, und dafür bessere, sozialere, gesundere und glücklichere Menschen zu einer immer größeren Vermehrung zu veranlassen."[53]

Die Durchsetzung der psychiatrischen Denkweise als Grundlage für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen hat ohne Zweifel dazu beigetragen, das Anstaltsmodell als die vermeintlich einzig richtige, weil psychiatrisch-wissenschaftlich begründete Hilfeform für geistig behinderte Menschen zu verfestigen. Gleichzeitig hat diese Entwicklung behinderte Menschen nahtlos in die Sterilisations- und Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten geführt, an deren wissenschaftlicher Durchführung renommierte Psychiater der damaligen Zeit maßgeblich beteiligt waren.

4.5 Die Entwicklung nach 1945

Die Nachkriegszeit in den Anstalten war zunächst bestimmt durch den Wiederaufbau und die Beseitigung baulicher Kriegsschäden. Die von der Wehrmacht beanspruchten Gebäude wurden zurückgegeben und allmählich füllten sich die Anstaltsbetten. Nach anfänglichen Hungerjahren stellte sich die politische und finanzielle Unterstützung wieder ein und man versuchte, zum Anstaltsalltag zurückzukehren. Insgesamt ist festzustellen, dass die Geschichte der Anstalten in den Nachkriegsjahren nur schwach dokumentiert ist. Die aktive Mittäterschaft der Anstalten an den Euthanasieprogrammen wurde verleugnet, tabuisiert und in einen Mantel des Schweigens gehüllt.

Der wohl bedeutendste Bruch mit den bisher vorhandenen Betreuungsformen für geistig behinderte Menschen ergab sich durch die Gründung der "Bundesvereinigung Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind" im Jahre 1958 in Deutschland. Damit begann eine bis dahin kaum vorstellbare Form der Selbstorganisation betroffener Eltern und Angehöriger, die neue Betreuungskonzepte für Menschen mit geistiger Behinderung forderten. Der neue Verband sollte eine Elternvereinigung auf Bundesebene werden, deren wichtigste Aufgaben "in der Reform der Pädagogik für geistig Behinderte und der Schaffung von Einrichtungen wie Beschützende Werkstätten und Heilpädagogische Einrichtungen" liegen sollten. [54]

4.5.1 Der familienorientierte und teilstationäre Ansatz

Das wohnortnahe und teilstationäre Konzept der Lebenshilfe war am Anfang ganz bewusst als Alternative zur Anstaltsunterbringung entwickelt worden. Geistig behinderte Kinder sollten gefördert werden, ohne dass eine ständige Trennung von der Familie zu erfolgen hatte. Auch waren die Anstalten für viele Eltern immer noch mit dem Grauen der Euthanasieprogramme und dem Bild der Verwahranstalten verbunden. Das Lebenshilfe-Engagement der ersten Jahre richtete sich auf die Errichtung von Bildungseinrichtungen für geistig behinderte Kinder. Es wurden Sonderkindergärten und Sonderschulen und schließlich auch Wohn- und Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung geschaffen. Damit verbunden war der Ansatz einer gezielten Förderung durch speziell ausgebildete Pädagogen und Therapeuten. Die "Defizite" geistig behinderter Menschen sollten soweit wie möglich ausgeglichen werden, um ihnen eine Eingliederung in die Gesellschaft und insbesondere in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Der Modernisierungsvorsprung des Lebenshilfekonzepts gegenüber dem Anstaltskonzept war offensichtlich.

Vor allem die schnelle Ausbreitung des gemeindenahen Wohnstättenkonzepts, das keine strikte Geschlechtertrennung vorsah, bewirkte heftige Proteste der kirchlichen Pflegeanstalten, da ihr Ansatz der zentrierten und umfassenden Fürsorge in Frage gestellt wurde: "Ihr geht in der Lebenshilfe den falschen Weg, wenn ihr durch Teilzeiteinrichtungen den geistig behinderten Menschen der Grausamkeit seiner Umwelt aussetzt, anstatt ihn im Schonraum der Vollzeiteinrichtungen hiervor zu bewahren."[55] Obwohl die Lebenshilfe mit ihrem teilstationären Modell einen neuen Weg einschlug, war sie weiterhin von der Wichtigkeit der Sondereinrichtungen überzeugt. Streitpunkt zwischen den Anstalten und der Lebenshilfe war also nicht, ob geistig behinderte Menschen in besonderen Einrichtungen betreut werden sollten, sondern lediglich in welchem Ausmaß die "Besonderung" zu erfolgen hatte. Auch bezogen auf Fragen wie Sterilisation oder genetische Beratung der Eltern herrschte Übereinstimmung. Bedeutsam war in diesem Zusammenhang der bis Ende der 70er Jahre reichende psychiatrische Einfluss auf die Geistigbehindertenhilfe. Dies galt sowohl für den Bereich der Lebenshilfe als auch für die konfessionellen Träger. Für den kirchlichen Bereich berichtet Stockhausen aus den 70er Jahren, "wie Psychiater in Deutschland, im Geist des nationalsozialistischen Rassismus aufgewachsen, Anstalten als Leiter zugeordnet waren. ... Wir mussten erleben, dass diese das Leben in allen nur denkbaren Lebensbereichen steuerten und die Strukturen des Miteinanders, die Freiheit und das Milieu bestimmten. ‚Zum Schwachsinn verurteilt' waren diese Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Gutachten dieser Ärzte".[56]

4.5.2 Der Einfluss des Normalisierungsprinzips

In den fünfziger Jahren wurde erstmals von skandinavischen Juristen und Pädagogen die Formel geprägt, dass es darauf ankomme, die Lebensbedingungen für geistig behinderte Menschen so zu gestalten, dass diese so normal wie möglich leben können. Die Anstaltspflege mit ihren riesigen Schlafsälen, den schlechten - oft katastrophalen - hygienischen Bedingungen und die fehlende fachliche Hilfe erschien unwürdig. Besonders der dänische Jurist Niel Erik Bank-Mikkelsen und die beiden Schweden Karl Grunewald und Bengt Nirje waren die Wegbereiter für das Normalisierungsprinzip. Bank-Mikkelsen fasste sein Verständnis des Normalisierungsprinzips wie folgt zusammen:

"Als Ziel einer modernen Betreuung von geistig Behinderten sehen wir die möglichst weitgehende ‚Normalisierung' der Lebensbedingungen an. Für Kinder bedeutet Normalisierung, dass sie in einer ihnen gemäßen, wenn möglich in der gewohnten Umgebung leben und spielen, in den Kindergarten und später in geeignete Schulen gehen. Erwachsene sollen das Recht haben, ihr Elternhaus zu verlassen und schließlich einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Für Kinder wie für Erwachsene gehört eine sinnvolle Freizeitgestaltung und Erholung zur Gestaltung eines normalen Lebens. So streben wir die Eingliederung der Behinderten in die Gemeinschaft auf jede nur mögliche Weise an. Wir wollen ihnen helfen, von ihren Fähigkeiten Gebrauch zu machen, so begrenzt sie auch immer sein mögen. Wie andere Menschen haben die Behinderten ein unabdingbares Recht auf die bestgeeignete Behandlung, Förderung und Eingliederung. Ebenso unbestreitbar ist, dass jeder Umgang mit ihnen in ethisch einwandfreier Weise gestaltet werden muss."[57]

Bank-Mikkelsen forderte, dass geistig behinderte Kinder in ihren Familien aufwachsen und diese durch Entlastungs- und Beratungshilfen unterstützt werden sollen. Geistig behinderte Erwachsene sollten in kleinen Heimen und Wohnungen leben. Die Anstalten hatten im Konzept von Bank-Mikkelsen aber immer noch eine wichtige Bedeutung. Die Betreuung der Schwerstbehinderten fiel seiner Meinung nach wie vor den Anstalten zu.

Mit der Orientierung der Lebenshilfe am international anerkannten Normalisierungsprinzip konnte sich eine Verständigung zwischen Lebenshilfe und Anstaltsvertretern entwickeln: Die teilstationären Einrichtungen der Lebenshilfe sahen sich für jene geistig behinderten Menschen zuständig, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung noch in ihren Familien leben bzw. mit dem üblichen Aufwand an Personal in den Einrichtungen betreut werden konnten. Die Anstalten wiederum fühlten sich für die schwerer behinderten und pflegebedürftigen Menschen verantwortlich. Die grundsätzliche Infragestellung des Anstaltsmodells durch die Lebenshilfe wurde aufgegeben und eine Notwendigkeit der Anstalten nicht mehr bestritten. Besonders der Betreuung der schwerstbehinderten Menschen wurde nun die zentrale Bedeutung für eine Fortführung der Anstalten zugesprochen. Trotzdem geriet das ursprüngliche Anstaltskonzept durch das Normalisierungsprinzip in immer größere Legitimationsschwierigkeiten. Diese wurden zusätzlich verstärkt durch die publik werdenden Betreuungsskandale in den großen Anstalten und durch die Bekanntmachung der Mittäterschaft der Anstaltsleitungen an den Euthanasieprogrammen des Dritten Reichs. Unter diesem wachsenden Druck der Öffentlichkeit und der Konkurrenz der Lebenshilfe begannen immer mehr Anstalten, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten und sich und ihr Angebot zu reformieren.

Generell ist festzuhalten, dass die Entwicklung der Hilfen für geistig behinderte Menschen nach 1945 einerseits gekennzeichnet war durch den Ausbau von teilstationären Einrichtungen für geistig behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemäß dem Lebenshilfekonzept. Zum anderen gab es einen kontinuierlichen Ausbau der Plätze in den Anstalten, die durch aufwendige Sanierungsprogramme renoviert und zum Teil umstrukturiert wurden.

4.6 Die Auswirkungen des Anstaltslebens auf die Insassen

1961 veröffentlichte der amerikanische Soziologe Erving Goffman seine empirische Untersuchung zum Leben in totalen Institutionen. Totale Institutionen sind für ihn geschlossene Welten, wie Gefängnisse, Kasernen, Internate, Klöster, Altenheime, Irrenhäuser. Sie definieren sich für ihn dadurch, dass sie ihre Insassen auf umfassende Weise von der Außenwelt abschließen: "Ihr allumfassender oder totaler Charakter wird symbolisiert durch Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt sowie der Freizügigkeit, die häufig direkt in die dingliche Anlage eingebaut sind, wie verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht, Felsen, Wasser, Wälder oder Moore."[58] Goffman untersuchte das Leben in diesen Institutionen, besonders in den Irrenhäusern und den Sanatorien und er zeigte auf, was sie aus den "Insassen"[59] machen und was diese wiederum daraus machen können. Seine zentrale These lautet, dass der Patient nicht vorrangig durch seine Krankheit geprägt wird, sondern durch die Institution, der er ausgeliefert ist.[60]

Totale Institutionen zeichnen sich nach Goffman durch folgende Merkmale aus: "

  1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle statt.

  2. Die Mitglieder der Institutionen führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen.

  3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.

  4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institutionen zu erreichen."[61]

Demnach ist es die zentrale Funktion der totalen Institution, die menschlichen Bedürfnisse der Insassen durch Vorschriften, Einschränkungen und Bestimmungen zu reglementieren: "Die Insassen müssen dazu gebracht werden, sich selbst in der Weise zu steuern, dass sie leicht zu verwalten sind."[62] Das erfordert eine massive Gewalteinwirkung auf den einzelnen Anstaltsbewohner, weil seine bisherige Lebensgeschichte, seine sozialen Beziehungen und sein persönliches Vermögen dem bürokratischen Ablauf der Anstalt im Weg stehen.

4.6.1 Der Verlust des Persönlichkeitsgefühls durch Isolation und Demütigung

Menschen, die in totalen Institutionen leben, sind oft Opfer von systematischer Demütigung und vollkommener Isolation. Vor allem das psychiatrische Anstaltsmodell mit seinem biologistisch-nihilistischen Menschenbild fördert die Isolation und Hospitalisierung von behinderten Menschen. Das biologistisch-nihilistische Menschenbild spricht dem geistig behinderten Menschen jeden Wert und jede Entwicklung ab. Das unterstreichen die psychiatrischen Fachgutachten von schwerst- und mehrfachbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die "in der überwiegenden Zahl der Fälle als ‚bildungsunfähig', ‚total spielunfähig', ‚kommunikationsunfähig', ‚lernunfähig', ‚total pflegebedürftig' ‚reaktionsunfähig' u.a.m. charakterisiert" werden.[63] Zur Rechtfertigung solcher Aussagen verweist man in der Regel auf einen absolut nachweisbaren Defekt, der den betreffenden Personen jede Möglichkeit nimmt, sich menschlich zu entwickeln.

Durch die Abwertung der geistig behinderten Menschen zu einem reinen Pflegefall wird ihnen der Anspruch und das Recht auf sozialen Kontakt, auf eine Bezugsperson, auf einen Platz in der Gemeinschaft, auf Achtung ihrer Persönlichkeit genommen.[64] Die Folgen dieser Isolation hat Jervis treffend herausgestellt: "Der Patient verschließt sich langsam immer mehr in sich selbst, wird energielos, abhängig, gleichgültig, träge, schmutzig, oft widerspenstig, regrediert auf infantile Verhaltensweisen, entwickelt starre Haltungen und sonderbare stereotype Tics, paßt sich einer extrem beschränkten und armseligen Lebensroutine an, aus der er nicht einmal ausbrechen möchte und baut sich oft als eine Art Tröstung Wahnvorstellungen auf."[65]

Ein anderer Faktor, der Menschen in totalen Institutionen ihrer Persönlichkeit beraubt, sind systematische Demütigungsrituale, welche regelmäßig, wenn auch häufig unbeabsichtigt, durchgeführt werden. Der Kreislauf der Erniedrigungen und Demütigungen beginnt schon beim "Eintritt" in eine totale Institution. Der Insasse muss schon bei den meist üblichen Aufnahmeprozeduren feststellen, dass seine soziale Stellung, seine Herkunft, sein Beruf, kurz sein Selbst in der Institution keine Bedeutung mehr haben. Er wird durch Fotografieren, Wiegen und Messen, Abnehmen von Fingerabdrücken, Leibesvisitation, Erfassung der persönlichen Habseligkeiten zur Einlagerung, Entkleiden, Baden, Desinfizieren, Haare schneiden und Anziehen von Anstaltskleidung in die konforme Masse der Insassen eingereiht. Diese Aufnahmeprozeduren sind darum eher als ein "Trimmen" oder eine "Programmierung" auf die neue Rolle als Insasse zu bezeichnen. Anhand von zahlreichen schockierenden Beispielen zeigt Goffman dann weiter auf, wie durch Erniedrigungen, Demütigungen, Entwürdigungen, durch Entkleidungs- und Ankleidungsrituale, Gehorsamstests, körperliche Züchtigung, durch Straf- und Privilegiensysteme, durch zwangsweise Fütterung, durch Beschimpfungen, durch ständiges Bitten-Müssen die Menschen in ihre vorbestimmte Insassen-Rolle gezwungen werden. Diese "Züchtigungsmaßnahmen" werden von einem Personal durchgeführt, das gewissermaßen dazu berechtigt ist, jeden der Insassen zu disziplinieren, wodurch die Wahrscheinlichkeit von Sanktionen wesentlich erhöht wird. Das Personal sieht seine Arbeit nicht darin, Dienstleistungen zu erbringen, sondern es "bearbeitet in erster Linie Objekte und Produkte - doch diese Objekte und Produkte sind Menschen".[66]

4.6.1.1 Abwehr- und Anpassungsmechanismen

Viele Menschen, die in Anstalten untergebracht sind, entwickeln gegen diesen Raub ihrer Persönlichkeit verschiedenste Abwehrmechanismen. Goffman spricht von unterschiedlichen Formen der Anpassung an die Demütigungsrituale und er glaubt, dass die Insassen mehrere Formen der Anpassung "durchlaufen". In den meisten totalen Institutionen verfolgen die Insassen eine Strategie, die sich mit "ruhig Blut bewahren" bezeichnen lässt. Sie verwenden die meiste Energie darauf, Schwierigkeiten zu vermeiden, um physisch und psychisch ohne größeren Schaden zu bleiben. Eine andere Form der Anpassung ist der Versuch, sich relativ zufrieden auf die Anstaltssituation einzurichten. Indem sich die Menschen ständig die schlechten Erfahrungen vor Augen führen, die sie in der "Außenwelt" gemacht haben, erhält das Leben in der Institution einen angenehmen Reiz. Wieder andere ziehen sich vollständig in ihre eigene Welt zurück. Sie zeigen für nichts mehr Interesse, außer für Dinge, die sie unmittelbar körperlich umgeben und sie brechen jede Interaktion ab. Diese Anpassungsreaktion ist unter den Namen Regression bekannt.

Eine weitere Form der Abwehr bzw. Anpassung ist es, die Rolle des perfekten Insassen zu übernehmen und zu spielen. Menschen, die diesen Mechanismus anwenden, tun alles, was das Personal von ihnen erwartet. Dieses Verhalten geht manchmal so weit, dass sie Verhalten und Kleidung des Personals imitieren, diesem bei der Beaufsichtigung der anderen Patienten behilflich sind und dabei mitunter sogar strenger sind als das Personal selbst. Ein fünfter Modus der Abwehr ist die Verweigerung der Zusammenarbeit mit dem Personal. Das geschieht in Form von körperlicher Auflehnung, durch Kommunikationsverweigerung oder die Menschen zeigen ihre Unzufriedenheit durch die Zerstörung von Einrichtungsgegenständen.[67] Dieses Verhalten dient in den Heilanstalten für Geisteskranke dann geradezu als Bestätigung dafür, "dass der Patient korrekterweise dorthin gehört, wo er sich nunmehr befindet".[68] Das Stigma "geisteskrank" kann nun auch durch die "geisteskranken" Verhaltensweisen der Insassen untermauert werden.

Exkurs: Stigmata

Goffman hat sich in seinem Buch "Stigma" intensiv damit befasst, welche Auswirkungen Stigmata auf die betroffenen Personen haben. Ein Stigma zu "haben" bedeutet, in unerwünschter Weise anders zu sein. "Ein Individuum, das leicht in gewöhnlichen sozialen Verkehr hätte aufgenommen werden können, besitzt ein Merkmal, das sich der Aufmerksamkeit aufdrängen und bewirken kann, dass wir uns bei der Begegnung mit diesem Individuum von ihm abwenden, wodurch der Anspruch, den seine anderen Eigenschafen an uns stellen, gebrochen werden.[69] Goffman beschreibt, wie Stigmatisierte im Kontakt mit den "Normalen" gezwungen sind, Stigma-Management zu betreiben. So versuchen Menschen mit dem Stigma "geisteskrank", beschämende Situationen zu vermeiden und sich möglichst "normal" zu verhalten. Denn wie schon erwähnt, würde ein abweichendes Verhalten als Bestätigung für ihre Geisteskrankheit angesehen werden. Laut Goffman ist es für "geistig behindert" stigmatisierte Menschen besonders schwierig, Stigma-Management zu betreiben, weil ihnen von vornherein jegliche Eigenkompetenz und Intelligenz abgesprochen wird. Das Bild vom unfähigen und nicht urteilsfähigen Behinderten macht es ihnen fast unmöglich, sich von den Rollenerwartungen der Heilanstalten zu distanzieren. Sie werden gerade dazu gedrängt, ihre vordefinierte Rollenerwartung möglichst vollständig zu übernehmen. Folglich befinden sich viele als "geistig behindert" stigmatisierte Menschen auf der verzweifelten Suche nach Selbstwertgefühl. (Ende Exkurs)

Überdenkt man auf dem Hintergrund der Isolation, der systematischen Demütigungen und ihren Auswirkungen auf die Menschen noch einmal die zentrale These von Erving Goffman wird einsichtig, warum der Patient vorrangig durch die Institution und nicht durch seine Krankheit bzw. Behinderung geprägt wird. Denn die menschenverachtende Behandlung beraubt Menschen, die in Anstalten leben, ihres Selbstwertgefühls, ihrer Selbstbestimmung, ihrer Handlungsfreiheit, ihrer Individualität, ihrer Würde. Sie werden zu einem nichtmenschlichen Wesen ohne Gefühlsleben, ohne Eigenverantwortung, oft ohne Intelligenz degradiert, dem jegliche Form von Privatatmosphäre, Eigentum und freie Kommunikation vorenthalten wird.

Generell kann gesagt werden, dass totale Institutionen in erster Linie jene Handlungen unterbinden, die in der Gesellschaft die Funktion haben, einem Menschen Selbstbestimmung, Autonomie und die Handlungsfreiheit eines Erwachsenen zuzugestehen.[70] So ist es nicht verwunderlich, dass bei den Insassen vieler totaler Institutionen weitgehend das Gefühl vorherrscht, dass die in der Anstalt verbrachte Zeit verlorene, vergeudete und nicht gelebte Zeit ist, die abgeschrieben werden kann. Die Menschen empfinden die Zeit in der Anstalt als Vergeudung ihres Lebens.

Die Aussagen einer der Interviewpartner, der in verschiedensten Heimen aufgewachsen ist, lassen nur erahnen, was er alles erlebt hat:

"Na, ich weiß nicht. Der (gemeint ist der Chef des Heims) hat mir nicht viel gelassen. Der hat mir alles weggenommen der Chef, weißt..."

"Und nachher hat man mich nach Mils hinaufgetan und dann hat es nicht mehr hingehaut, weil da die Klosterschwestern so bös waren und da haben sie die Kinder so hergeschlagen. Das haben sie auch angezeigt."

"Die Heime gefallen mir einfach nicht mehr, weil ich so viel erlebt habe. Jetzt will ich nicht mehr, weißt. Um das geht es".

4.7 Rückblick und Ausblick

Der Mensch braucht, um überhaupt leben zu können, einen Bereich der Geborgenheit. Hat er solch einen Bereich nicht, ist "der Mensch in der Zufälligkeit eines ‚irgendwo' verloren".[71] Der historische Rückblick auf die verschiedenen Formen des Wohnens von behinderten Menschen bestätigt diese Aussage von Otto Friedrich Bollnow. In den Narrentürmen und auf den Narrenschiffen, in den Korrektions-, Zucht- und Arbeitshäusern, in den Sonderanstalten und in den psychiatrischen Anstalten gingen behinderte Menschen "verloren". Behinderte Menschen hatten und haben auch heute oft noch nicht die Möglichkeit, sich einen Eigenraum der Geborgenheit zu schaffen. Damit sind sie dazu verdammt, ewig haltlos und ewig heimatlos zu sein.

Wie solch eine "Verlorenheit" heute aussehen kann, hat ein Interviewpartner in seinen Erzählungen aufgezeigt:

"Ja, ja. In Vorarlberg. Da bin ich neun Jahre in die Schule gegangen, in Schlins. Und nachher hat man mich nach Mils hinaufgetan und dann hat es nicht mehr hingehaut, weil da die Klosterschwestern so bös waren und da haben sie die Kinder so hergeschlagen. Das haben sie auch angezeigt. Nachher bin ich halt abgehaut, dann haben sie mich nach Hall hinuntergetan und von Hall bin ich dann später auf Ried hinaufgekommen und da hat es mir auch nicht gefallen, in dem Heim, weißt. Und die wollten mich wieder auf Hall tun ... da hab ich ein Glück gehabt, dann bin ich auf Strengen gekommen. Und dann später auf Mentlberg, weißt, weil die L. mich da eben schon einmal vorgestellt hat. Ja ... aber ich bin in mehr Heimen gewesen. In Fügen bin ich gewesen, ja".

"In Fügen bin ich gewesen, das war so ein Erziehungsheim, aber da war ich noch klein, weißt. Warum ich da hineingekommen bin, weiß ich auch nicht. Das kann ich jetzt auch nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Mutter fünf Mal verheiratet war und dann bin ich noch von einem Heim zum anderen gekommen und das ist auch nicht richtig ..."

Raum wird zum Entfaltungsraum menschlichen Lebens. Raum bedeutet für den Menschen Anforderung, Aktivität, Tätigsein. Bis vor kurzem wurde behinderten Menschen noch jeder Anspruch auf einen eigenen Raum abgesprochen. Keinen Raum zu haben bzw. Raum verweigert zu bekommen weist auf eine existentielle Not des Menschen hin, es verhindert Entfaltung und kann auch zu psychischen und seelischen Beeinträchtigungen führen. Wie sehr diese These von Bollnow der Wahrheit entspricht, hat Goffman mit seinem Bericht zum Leben in totalen Institutionen gezeigt. Menschen, die in Anstalten wohnen und keinen Raum zur Verfügung haben, verkümmern und erleiden einen massiven Persönlichkeitsverlust. Sie haben keine Rückzugsmöglichkeiten, keinen Raum, wo sie sich entspannen, Kraft tanken und wieder zu sich selbst kommen können. Weil behinderten Menschen bis heute vorenthalten wird, ihren Raum bzw. ihren festen Bezugspunkt frei zu wählen, ist es ihnen kaum möglich, grundlegende Bedürfnisse wie Sicherheit, Beständigkeit, Geborgenheit, Ungestörtheit, Individualität, Kontrolle, Selbstbestimmung, die durch das "richtige" Wohnen befriedigt werden, zu erfahren.

Bollnow hat drei Forderungen für das wahre Wohnen aufgestellt, die im 3. Kapitel vorgestellt wurden. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch sich nur dann verwirklichen und finden kann, wenn er sich diesen Forderungen stellt. Behinderte Anstalts- und Heimbewohner konnten und können sich nicht einmal ansatzweise diesen Forderungen stellen, weil dazu ein Eigenraum der Geborgenheit Voraussetzung ist.[72] Folglich bleibt ihnen ihre Selbstverwirklichung, die das Recht eines jeden Menschen ist, verwehrt.

Erst in den letzten Jahren setzte zögerlich ein Umdenken ein. Nicht nur den "Normalen", sondern auch behinderten Menschen wurde langsam zugestanden, dass ein eigener Raum, ein selbstbestimmtes Wohnen zu ihrer Wesensbestimmung dazugehört. Wie für jeden Menschen seine Art des Wohnens über sein Verhältnis zu sich und zu seiner Umwelt entscheidet, tut es das ebenfalls bei behinderten Personen. Eine Umsetzung dieses mühsam erworbenen Wissens in die Praxis ist das Ambulant Begleitete Wohnen (ABW). Das ABW ist ein Wohn- bzw. Lebenskonzept, dass auf dem Recht behinderter Menschen nach Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit basiert und "Menschsein" ermöglichen will.



[21] B. Knapp, Beobachtungen über Idioten- und Cretinen-Anstalten und deren Resultate. 1879. S.1.

[22] Ebenda, S. 1.

[23] Ebenda, S. 35f.

[24] Ebenda, S. 36-38.

[25] Vgl. M. Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. 1969. S. 26f.

[26] Ebenda, S. 29.

[27] Ebenda, S. 68.

[28] Vgl. K. Dörner, Bürger und Irre. 1995. S. 186.

[29] Ebenda, S.20.

[30] K. Dörner/U. Plog, Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. 1987. S. 464.

[31] K. Dörner, a.a.O., S. 20.

[32] M. Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. a.a.O., S. 81.

[33] Ebenda, S. 68.

[34] Ebenda, S. 85.

[35] Calvin, Sermon 49 sur le Deutéronome. 1555, in: M. Foucault, a.a.O., S. 90.

[36] K. Dörner, a.a.0., S. 22.

[37] Vgl. B. Knapp, a.a.O., S. 4-31.

[38] Ch. Bradl, Anfänge der Anstaltsfürsorge für Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Beitrag zur Sozial- und Ideengeschichte des Behindertenbetreuungswesens am Beispiel des Rheinlands im 19. Jahrhundert 1991. S. 70.

[39] Vgl. M. Foucault, a.a.O. S 503.

[40] K. Dörner, a.a.O., S. 85.

[41] Vgl. G. Hofmüller/H. Stekl, Ausschließung, Förderung, Integration. Historische Wurzeln von Einstellungen gegenüber Behinderten, in: Behindertenalltag - wie man behindert wird. 1982. S. 120, 122.

[42] S. Heinicke, Gesammelte Schriften. Leipzig 1912. S. 103., in: G. Hofmüller/H. Stekl, a.a.O., S. 122.

[43] F. H. Czech, Notwendigkeit der allgemein einzuführenden Elementar-Bildung der Taubstummen. Wien 1837. S. 20., in: G. Hofmüller/H. Stekl, a.a.O., S. 122.

[44] Ebenda, S. 40.

[45] Ebenda, S. 41.

[46] C. Bradl, Anfänge der Anstaltsfürsorge für Menschen mit geistiger Behinderung, 1991. S. 335.

[47] F. H. Czech, Notwendigkeit der allgemein einzuführenden Elementar-Bildung der Taubstummen. Wien 1837. S. 20., in: G. Hofmüller/H. Stekl, a.a.O., S. 5.

[48] Ebenda, S. 5.

[49] L. Meisner, Taubstummheit und Taubstummenbildung. Stuttgart 1856., in: G. Hofmüller/H. Stekl, a.a.O., S. 123.

[50] K. Dörner, a.a.O., S. 28.

[51] C. Bradl, a.a.O., S. 510.

[52] J. Klevinghaus, Hilfen zum Leben. 1972. S. 23.

[53] A. Forel 1892, zit. nach K. Dörner, a.a.O., S. 32.

[54] Bundesvereinigung Lebenshilfe. 1983. S 12.

[55] Ebenda, S. 60.

[56] K.H. Stockhausen, Gemeindediakonie versus Anstaltsdiakone, in: M. Hahn, Menschen mit geistiger Behinderung auf dem Weg in die Gemeinde. 1998. S. 90.

[57] N. Bank-Mikkelsen, Die staatliche Fürsorge für geistig Behinderte in Dänemark, in: R. Kugel / W. Wolfensberger, Geistig Behinderte - Eingliederung oder Bewahrung? 1974. S. 76.

[58] E. Goffman, Asyle. 1973. S. 15f.

[59] Erving Goffman bezeichnet Menschen, die in verschiedenen Institutionen und Anstalten leben, bewusst als "Insassen".

[60] Vgl. E. Goffmann, a.a.O., S. 2.

[61] Ebenda, S. 17.

[62] Ebenda, S. 89.

[63] G. Theunissen, Abgeschoben, isoliert, vergessen. 1990. S. 24.

[64] Vgl. G. Theunissen, Wege aus der Hospitalisierung. 1991. S. 35.

[65] G. Jervis, Kritisches Handbuch der Psychiatrie. 1980. S. 131.

[66] E. Goffman, a.a.O., S. 78.

[67] Ebenda, S. 65-69.

[68] Ebenda, S. 292.

[69] E. Gofmann, Stigma. 1974. S. 13.

[70] Ebenda, S. 49f.

[71] O.F. Bollnow, a.a.O., S. 274.

[72] Ebenda, S. 310.

5 Der Blick nach vorne: Ambulant begleitetes Wohnen für geistig behinderte Menschen

"Jeder Mensch mit geistiger Behinderung kann, unabhängig von Grad und Schwere der Behinderung, mit entsprechenden Hilfen selbständig leben. Es gibt keine bessere Förderung, als behinderte Menschen selbst ihre Bedürfnisse entdecken und einfordern zu lassen, statt ständig als Advokat dazwischenzutreten." [73]

In den 70er Jahren spaltete sich der Weg zu einem selbstbestimmten Wohnen behinderter Menschen. Einerseits fand besonders durch die Bemühungen der Lebenshilfe, das Normalisierungsprinzips umzusetzen, ein erstes Umdenken hinsichtlich der Lebensweise von geistig behinderten Menschen statt. Andererseits begann in der Bundesrepublik in den 70er Jahren mit der Behinderten- und Krüppelbewegung der Kampf gegen die seit Jahrhunderten andauernde Fremdbestimmung behinderter Menschen. Die Behinderten- und Krüppelinitiativen waren und sind Selbsthilfegruppen von meist körperlich behinderten Menschen, die die Ausgrenzung, die Aussperrung und Diskriminierung sowie die Bevormundung einer zahlenmäßig großen Minderheit mit unerwarteter und unbekannter Härte anprangerten.

5.1. Die Entwicklung in der traditionellen Geistigbehindertenhilfe

Ein erster großer politischer Erfolg äußerte sich in der Psychiatrie-Enquete des Deutschen Bundestages aus dem Jahre 1975. Die Enquete beinhaltete die Forderung der Dezentralisierung der großen Psychiatrien und Anstalten. Es wurde erkannt, dass geistig behinderte Menschen überwiegend deshalb in psychiatrischen Anstalten leben, weil andere Wohnangebote für sie fehlen. Darum empfahl die Enquete, die Versorgung psychisch Kranker und erwachsener geistig behinderter Menschen zu trennen. Dies sollte durch die Einrichtung von Behindertenzentren bzw. Heilpädagogischen Einrichtungen realisiert werden. "Behindertenzentren sind selbständige Einheiten auf der Ebene übergeordneter Versorgungsgebiete mit Siedlungscharakter. ... Sie dienen zur Versorgung und Förderung von seelisch oder geistig und mehrfach Behinderten... Im Behindertenzentrum gruppieren sich um Einrichtungen für Diagnostik und Therapie Wohn- und Pflegeheime, Werkstätten, Sonderschulen und Freizeiteinrichtungen."[74] In der Folge wurden als erster Schritt ehemalige Psychiatriestationen zu Wohngruppen umgebaut. Nach dieser ersten "Ausgliederungsphase" begann der Aufbau der Heilpädagogischen Einrichtungen mit vollständig vom Krankenhaus getrennter und pädagogisch ausgerichteter Leitungsstruktur. Wesentlich zum damaligen Zeitpunkt war ein Konzeptwandel in Richtung pädagogische Förderung und humane Wohnbedingungen, verbunden mit einer Veränderung im rechtlichen Status des Behinderten. Dieser war nun nicht mehr länger Patient, sondern Heimbewohner mit erweiterten Rechten.[75] Doch wie schon den Anstalten haftete auch den Heilpädagogischen Einrichtungen vorrangig der allumfassende Versorgungsgedanke an, der die individuellen Vorstellungen und Wünsche der HeimbewohnerInnen nur ungenügend berücksichtigte.

5.1.1 Der Weg der Lebenshilfe zu alternativen Wohnformen

Die Entwicklung in den örtlichen Lebenshilfevereinigungen war in der Regel anders verlaufen als in den Heilpädagogischen Zentren. Anfang der 80er Jahre bemühte sich die Lebenshilfe vor allem um die Etablierung kleiner und pädagogisch orientierter Wohnformen inmitten der Gemeinden. Ausdifferenzierte stationäre Wohnangebote wie gruppengegliederte Wohnstätten, Gruppenwohnungen und Einzelwohnungen wurden geschaffen. Ziel einer Studientagung im Jahr 1988 mit dem Thema "Alternative Wohnformen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung" war es, alternative Wohnformen von offenem Wohnen vorzustellen sowie Fragen der Organisation und der Finanzierung zu erörtern. Dazu gehörten auch die Bedingungen für selbstständiges Wohnen, wie beispielsweise die personellen und sachlichen Ausstattungen der einzelnen Wohnformen. Einige Forderungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der erstmals von der Bundesvereinigung Lebenshilfe zu dieser Thematik angebotenen Veranstaltung lauteten:

  • "Der geistig behinderte Erwachsene muss mehr Wahlmöglichkeiten haben - auch im so wichtigen Lebensbereich des Wohnens. Voraussetzung dafür aber ist eine größere Vielfalt von Wohnmöglichkeiten im offenen Bereich. Die Träger von Wohneinrichtungen - auch die Lebenshilfevereinigung - sind daher aufgefordert, über die traditionelle Angebotspalette gruppengegliederter Kernwohnstätten, Gruppenwohnungen und Einzelwohnungen hinaus verstärkt neue, selbstständigere Formen des Wohnens wie das ambulant betreute Einzel- und Gruppenwohnen zu realisieren.

  • Ein Rechtsanspruch auf Wohnen in ambulant betreuten Wohngruppen oder Einzelwohnungen sollte in das Bundessozialhilfegesetz (Eingliederungs-hilfeverordnung) aufgenommen werden.

  • Jeder erwachsene Mensch mit geistiger Behinderung sollte ab einem bestimmten Alter das Recht auf eine gewisse Wohnmöglichkeit, unabhängig von seiner familiären Situation außerhalb des Elternhauses haben.

  • Den Eltern müssen seitens der Träger und Verbände Hilfen und Information gegeben werden, ihre Töchter und Söhne rechtzeitig auf ein Wohnen in offenen Wohneinrichtungen vorzubereiten."[76]

Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte nun nicht mehr von "Alternativen Wohnformen", sondern nur von neueren und selbstständigen Wohnformen gesprochen werden. Mit Hilfe von Wohntrainingsangeboten wurde den Bewohnerinnen und Bewohnern, die einen gewissen Grad an Selbständigkeit vorweisen konnten, die Möglichkeit eröffnet, in Wohneinrichtungen des ambulant begleiteten Einzel- und Gruppenwohnens überzuwechseln.

In der Folgezeit waren vor allem die unzureichende personelle Ausstattung, aber auch die Heranziehung der Eltern zu einem Unterhaltsbeitrag die beiden Hauptgründe, warum sich der Bereich des ambulant begleiteten Einzel- und Gruppenwohnens im Vergleich zum Bereich des stationären Wohnens nicht richtig entfalten konnte. Daran änderten auch Bestrebungen einzelner Landesregierungen und Sozialverwaltungen wenig, die sich hier und dort bemühten, den Ausbau des ambulant betreuten Wohnbereichs zu forcieren und für gemeinnützige Träger der

Behindertenhilfe attraktiv zu machen, da auch hier die unzureichenden Personalschlüssel letztendlich verhinderten, den Kreis der Nutzerinnen und Nutzer im ambulanten Wohnbereich wesentlich zu vergrößern. Der überwiegenden Zahl der Menschen mit geistiger Behinderung und höherem Hilfebedarf war darum von Anfang an aufgrund unzureichender finanzieller Mittel der ambulante Wohnbereich versperrt.[77]

Im Verlauf der 70er und 80er Jahre war es aber nicht nur die Lebenshilfe, die sich nachhaltig für die Realisierung ambulant begleiteter Wohnformen einsetzte. Vor allem durch die Behinderten- und Krüppelbewegung wurde das Konfliktfeld der Lebenssituation von behinderten Menschen zum Gegenstand gesellschafts-politischer Auseinandersetzung. Zusätzlich führte der Protest der politischen Behindertenbewegung gegen das überkommene Hilfesystem im Behindertenbereich zur Entwicklung von Alternativen zum Leben im Heim.

5.1.2 Die Entwicklung von Alternativen durch die Behinderten- und Krüppelbewegung

Die Behinderten- und Krüppelbewegung hat in den vergangenen 25 Jahren einen eigenen Weg zu den heutigen Alternativen im Bereich des Wohnens zurückgelegt. Selbstbestimmung für das eigene Leben und der Kampf gegen Fremdbestimmung spielten schon in den 70er Jahren eine entscheidende Rolle in den Anfängen der Behindertenbewegung als Politische Selbsthilfe. Die Grundausrichtung der politischen Behindertenbewegung orientierte sich von Anfang an an der Selbstbestimmung Betroffener. Die Selbstbestimmung im Leben Behinderter setzt voraus, dass notwendige Hilfe weitestgehend unabhängig von Institutionen und deren fremdbestimmenden Zwängen und von fremdbestimmter, entmündigender Hilfe durch die so genannte Fachlichkeit von Helferinnen organisiert wird.[78] Basierend auf der Forderung nach Selbstbestimmung entwickelten die Selbsthilfegruppen Alternativen zum staatlichen Hilfesystem. Diese Alternativen waren Ambulante Dienste und Selbstorganisierte Hilfen, die in den 80er Jahren zu einem weitgehend gemeinsamen Konzept von Persönlicher Assistenz führten.[79] Ziel der örtlichen Selbsthilfegruppen, die sich immer öfter zu Initiativen und Vereinen zusammenschlossen, war es von Anfang an, ausschließlich ambulante Wohnangebote für Menschen mit Behinderung zu verwirklichen.

5.1.2.1 Ambulante Wohnformen

Ambulante Wohnformen im Bereich der Behindertenhilfe sind alle jene Wohnmodelle, die es behinderten Personen ermöglichen, ihr Leben möglichst selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten. Im Unterschied zu stationär will ambulant verdeutlichen, dass die Menschen nicht an eine Institution gebunden sind. Selbstbestimmung im Bereich des Wohnens setzt deshalb zunächst einmal Wahlmöglichkeiten voraus. Nur wer zwischen dem Wohnen in seiner Familie, in einer Wahlfamilie, in der eigenen Wohnung oder Wohngemeinschaft und auch in einem Wohnheim wählen kann, kann für diesen Lebensbereich selbst bestimmen. Eigenverantwortlich leben behinderte Menschen in ambulanten Wohnformen, weil sie nicht mehr davon abhängig sind, die notwendigen Hilfeleistungen irgendwie, irgendwann und von irgendwem zu bekommen. Statt dessen organisieren sie als ExpertInnen für ihr eigenes Leben ihren Hilfebedarf gemäß ihrer individuellen Bedürfnisse indem sie die Dienstleistungen von persönlichen AssistentInnen in Anspruch nehmen. Das bedeutet, dass bei ambulanten Wohnformen die behinderten Menschen nicht rund um die Uhr einen Assistenten oder eine Assistentin um sich haben, sondern die Assistenz gemäß ihrem persönlichen Bedarf zur Verfügung steht. Inhalte und Ausmaß der persönlichen Assistenz sind an die individuellen Erfordernisse angepasst. Ambulante Wohnformen bieten behinderten Menschen somit einen Weg aus ihrer traditionell abhängigen und bevormundeten Rolle.

5.1.2.2 Das Modell der Persönlichen Assistenz in Abgrenzung zur Unterstützung für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Durch das Modell der persönlichen Assistenz werden behinderte Menschen ermächtigt, ihr eigenes Leben trotz Hilfeabhängigkeit selbstbestimmt zu leben. Kernpunkte dieses Ansatzes sind, dass derjenige, der Hilfe braucht, die persönlichen AssistentInnen aussucht, sie anleitet, unter seinen Vorstellungen einsetzt und bezahlt. Der behinderte Mensch nimmt die Rolle des Arbeitgebers ein, der zur Abdeckung seines Hilfebedarfs persönliche AssistentInnen einstellt. Dabei wird in einem Arbeitsvertrag festgelegt, wer welche Pflichten und Rechte hat. In seiner Ausübung als Arbeitgeber nimmt der behinderte Mensch Kompetenzen wahr und trägt für diese die Verantwortung. Wer sich von diesem Aufwand überfordert fühlt, kann mit anderen Betroffenen eine Assistenzorganisation in Form eines Vereins oder einer Genossenschaft gründen, die die notwendigen Organisationsarbeiten erledigt.

Das Modell der Persönlichen Assistenz wurde von Menschen entwickelt, die körperlich behindert und in der Lage sind, die Kompetenzen wahrzunehmen, die dieses Modell erfordert. Geistig behinderten Menschen bzw. Menschen mit Lernschwierigkeiten ist es nicht möglich, uneingeschränkt die Rolle des Arbeitgebers wahrzunehmen. Die Unterstützung für Menschen mit Lernschwierigkeiten unter-scheidet sich gegenüber dem Modell der Persönlichen Assistenz vor allem dadurch, dass sie auf ihrem Weg in ein ambulantes und selbstbestimmtes Wohnen von anderen Menschen begleitet und unterstützt werden. Da sie nicht unbedingt bis ins Detail beschreiben können, welche konkreten Hilfeleistungen sie benötigen, benennen sie sehr oft die Dinge, die sie nicht oder nicht so gut können. Daran erkennt die Unterstützungsperson den Hilfebedarf. Je mehr Menschen mit Lernschwierigkeiten gewohnt sind, nach Unterstützung zu fragen, umso eher können sie ihren konkreten Hilfebedarf benennen.

Es werden vor allem zwei Formen der Unterstützung unterschieden:

a) Praktische Unterstützung

Bei der praktischen Unterstützung sagt die betroffene Person, was sie will oder was sie nicht kann. Die Unterstützungsperson muss vor allem "Hände, Füße und Kopf" für den Mensch mit Lernschwierigkeiten sein.

b) Inhaltliche Unterstützung

Bei dieser Form der Unterstützung hat die unterstützende Person eine aktivere Rolle. Sie muss ihr ganzes Wissen zur Verfügung stellen. Dieses Wissen äußert sich in Form von Beratung, Ideen und Ratschläge geben, Aktivitäten unterstützend vor- und nachbereiten, komplexe Abläufe strukturieren etc. Wichtig ist dabei, dass alle Entscheidungen darüber, was gemacht wird, grundsätzlich bei der betroffenen Person liegen.

Im Gegensatz zum Modell der Persönlichen Assistenz liegt der aktive Part der Unterstützung in der Vor- und Nachbereitung von Aktivitäten. Während der eigentlichen Aktivität bleibt die Unterstützungsperson im Hintergrund. [80]

5.2 Grundlegende Charakterisierung des Ambulant Begleiteten Wohnens (ABW)

Grundintention des Ambulant Begleiteten Wohnens ist es, Menschen mit geistiger Behinderung ein Leben zu ermöglichen, das Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit beinhaltet. Der geistig behinderte Mensch soll kompetent "werden" hinsichtlich des eigenverantwortlichen und bedürfnisorientierten Gestaltens seines Alltags und er soll entsprechend seiner Fähigkeiten auf seine Lebensbedingungen Einfluss nehmen.

In der Praxis sieht ABW so aus, dass geistig behinderte Menschen in einer eigenen Wohnung bzw. Wohngemeinschaft leben und von AssistentInnen begleitet werden. Bei dieser Begleitung handelt es sich um eine Teilzeitbegleitung, die sich an die je individuellen Hilfestellungsbedürfnisse der behinderten Personen anpassen. Inhalte und Ausmaß der Unterstützung werden den persönlichen Erfordernissen angepasst. Die Arbeit der AssistentInnen besteht darin, je nach Bedarf Unterstützungs-, Anleitungs- und Begleitungsfunktionen wahrzunehmen. Diese dürfen aber erst dort ansetzen, wo die BewohnerInnen in ihrer Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Unabhängigkeit Grenzen erfahren. Grundlegend muss dabei beachtet werden, dass die Privatsphäre immer respektiert und bewahrt wird.

Das ABW soll geistig behinderten Menschen ermöglichen, Selbstbestimmung, Selbständigkeit und Eigenverantwortung wahrzunehmen und damit ihre Lebensqualität erhöhen. Ein erster wichtiger Schritt zur Selbstbestimmung ist es, dass die BewohnerInnen ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen erkennen und diese für sich einfordern. Selbständigkeit im Sinne des ABW bedeutet, dass geistig behinderte Menschen die Fähigkeit erlangen, die alltäglichen Anforderungen selbst zu bewältigen oder, wo es ihnen nicht möglich ist zu wissen, wo sie Hilfe bekommen können. Selbständigkeit steht somit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Eigenverantwortung. Das ABW bietet den Menschen die Chance, Verantwortung für sich selbst und für ihr Handeln zu übernehmen, aus "Fehlern" zu lernen und die Konsequenzen dafür zu tragen.

Ein Beispiel, was es heißt, Konsequenzen zu tragen, hat mir ein Interviewpartner erzählt:

"Ja, Blödsinn darf ich keinen machen, weil sonst staucht mich der Sachverwalter zusammen. Das ist einmal passiert. Oder er (gemeint ist der Hausbesitzer) haut mich raus. Weißt, früher hab ich immer mit Strom herumgebastelt und so Zeug, dass es geknallt hat. Ja, weil ich immer Techniker sein will. Und letztes Jahr habe ich da draußen bei den Sicherungen da draußen herumgebastelt und nachher hat es auch... Aber es hätte alles brennen können. Eine falsche Sicherung hineingetan. Nachher hat einer kommen müssen ... über 2.000 Schilling kostet. Dann hätt ich die Wohnung nicht mehr lange. Kann ja alles brennen."

5.2.1 Die Umsetzung des Konzepts des ABW in die Praxis

So wie sich in den 70er Jahren der Weg zum selbstbestimmten Wohnen und Leben behinderter Menschen in zwei "Lager" spaltete, erfolgte auch die konkrete Umsetzung des ABW für geistig behinderte Menschen gemäß diesen zwei Schienen. Auf der einen Seite waren es die öffentlichen Trägerorganisationen der Geistigbehindertenhilfe, die eine restriktivere Umsetzung des ABW einschlugen. Auf der anderen Seite bildeten sich Interessensvertretungen in Form von Vereinen und Initiativen, die unter dem Oberbegriff "Offene Hilfen" bzw. "Ambulante Dienste" zusammengefasst werden. Die Realisierung des ABW durch Offene Hilfen basierte von Anfang an stärker auf dem Grundsatz der Selbstbestimmung als bei den öffentlichen Trägerorganisationen.

5.2.2 Öffentliche Trägerorganisationen

Zu den öffentlichen Trägerorganisationen zählen die zahlreichen Behindertenverbände, auf dem Gebiet der Geistigbehindertenhilfe vorrangig die Lebenshilfe. Während in zahlreichen Behindertenverbänden die Mitglieder aus den eigenen Reihen kommen, ist die Geistigbehindertenhilfe als Elternvereinigung entstanden. Diese Elternvereinigungen haben sich zu eher institutionalisierten und damit professionalisierten Gebilden entwickelt, sodass vereinfachend gesagt werden kann, dass die Stellvertreterrolle von den Trägerorganisationen übernommen wird.[81] Dementsprechend erfolgt auch die Umsetzung des ABW: Weil sich die Trägerorganisationen zu einem großen Teil den Eltern verpflichtet fühlen und zugleich die Verantwortung der elterlichen Stellvertreterrolle übernommen haben, werden die ihnen anvertrauten Schützlinge nur vereinzelt und sehr behütet in ein selbstständiges Leben entlassen.

Konkret werden bei der Geistigbehindertenhilfe nur jene Personen in das Programm des ABW aufgenommen, die einen hohen Grad an Selbstständigkeit vorweisen können. Um die BewohnerInnen zu befähigen, eigenständig und selbständig zu wohnen, müssen diese in der Regel zuerst für ca. 2-3 Jahre in einer Trainingswohnung leben, bevor sie in das ABW überwechseln können. Nach der Übungsphase in der Trainingswohnung entscheiden Fachkräfte, Eltern bzw. Sachwalter und der geistig behinderte Mensch gemeinsam, welche Art des Wohnens die adäquateste ist: Einzelwohnungen werden wirklich nur jenen Menschen mit geistiger Behinderung "zugestanden", die über ein sehr hohes Maß an Selbständigkeit verfügen. Eine andere Möglichkeit ist der Garconnierenverbund. Hier werden mehrere Einzelwohnungen in räumlicher Nähe zusammengefasst. Dadurch soll das gemeinschaftliche Empfinden vorhanden bleiben und zugleich ein höheres Maß an Begleitung gewährleistet werden. Eine weitere Wohnform ist die Wohngemeinschaft. Zwei bis vier BewohnerInnen bilden eine Wohngemeinschaft, das Ausmaß der Begleitung orientiert sich an ihren Bedürfnissen. Die Wohnungen bzw. Garconnieren werden generell über die Trägerorganisationen angemietet bzw. gekauft. Mieter sind also nicht die BewohnerInnen, die die Miete bezahlen, sondern die Trägerorganisation.

Bei der Realisierung des ABW durch öffentliche Trägerorganisationen wird deutlich, dass die Selbstbestimmung der geistig behinderten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen steckt. Die BewohnerInnen werden nicht als erwachsene Persönlichkeiten wahrgenommen, sondern verbleiben vorwiegend in der Rolle des Kindes. Es wird von den Fachkräften und den Eltern entschieden, wer überhaupt in das Programm des ABW aufgenommen wird. Der Großteil der Arbeit - wie Wohnungssuche, Finanzierung... - wird abgenommen. Die behinderten Personen müssen zuerst mehrere Jahre ein Trainingsprogramm in einer Trainingswohnung absolvieren. Wobei sich hier die Frage stellt, inwieweit "richtiges" Wohnen trainiert werden kann und was die BewohnerInnen hier mehr oder besser lernen, als sie es später in einer "eigenen Wohnung" tun? Diese sehr restriktive Sicht des ABW ergibt sich - wie schon oben erwähnt - durch die vorrangige Elternvertretung der Geistigbehindertenhilfe. Eltern wollen ihre Kinder verständlicherweise bestens versorgt, behütet und beschützt wissen. Doch lässt sich diese Behütung des geistig behinderten Kindes schwer mit einer Lebensweise vereinbaren, die den erwachsenen geistig behinderten Menschen aus der Kinderrolle entlässt und ihm Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zugesteht.

5.2.3 Offene Hilfen bzw. Ambulante Dienste

Offene Hilfen sind all die mobil-ambulanten Angebote und Hilfen, die von behinderten Menschen oder von Familien mit einem behinderten Familienmitglied in Anspruch genommen werden können. Vorrangiges Ziel von Ambulanten Diensten ist es, Menschen mit Behinderung zu ermöglichen, die von ihnen gewählte Lebensweise aufrechtzuerhalten und ihr Leben in größtmöglicher Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu führen. Die Verwirklichung von diesem Ziel erfolgt durch die Offerierung eines umfassenden Dienstleistungs- bzw. Serviceangebots, welches nach freiem Ermessen von behinderten Menschen aufgrund ihrer persönlichen Einschränkung angenommen und selbst bezahlt wird. Der behinderte Mensch tritt damit in den Status eines Kunden und kann somit selbst bestimmen, wer die Serviceleistungen wann, wo und wie leistet. Wie das Wort "ambulant = umherziehend" schon besagt, gehen die Ambulanten Dienste zu denjenigen, die ihre Hilfe benötigen. Die "Machtverhältnisse" sind schon von vornherein umgedreht und ein wesentliches Element der Fremdbestimmung damit aufgelöst: Nicht der hilfeabhängige Mensch passt seine Bedürfnisse an die Institution an, sondern die Institution muss ihre Leistungen am Bedürfnis des Kunden orientieren.[82] Konkret bedeutet dies, dass Autorität und Bestimmungsrecht zu den Menschen zurückverlagert werden, die Hilfe benötigen.

5.2.3.1 Anforderungen an Ambulante Dienste

Eine wichtige Grundvoraussetzung für Ambulante Dienste ist die ständige Selbstreflexion und Selbstkontrolle. Ansonsten sind sie leicht der Gefahr ausgesetzt, selbst in die von ihnen kritisierten stationären Strukturen zu verfallen. Ambulante Dienste müssen immer wieder überprüfen, ob und inwieweit durch ihr Serviceangebot die Selbstbestimmung behinderter Menschen ermöglicht wird. Das Serviceangebot von Ambulanten Diensten sollte folgende Merkmale beinhalten:

a) Gemeindenähe

Niemand sollte seinen Wohnort nur deshalb ungewollt verlassen müssen, weil es keine entsprechenden Dienste gibt. Zusätzlich sollen Ambulante Dienste für behinderte Menschen leicht zu erreichen sein, z. B. mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

b) Bedürfnisorientierung

Die Dienstleistungen müssen umfassend sein. Das bedeutet, dass Ambulante Dienste im Bedarfsfall ihre Serviceleistungen auch rund um die Uhr bereitstellen können, dass neben der Assistenz sowohl pflegerische, psychosoziale, beratende Leistungen und auch Freizeitgestaltung angeboten werden.

c) Krisenintervention

Die Krisenintervention gehört in einen gut funktionierenden Dienst und muss aufgrund ihrer Aktualität Bestandteil des normalen Angebotes sein. Denn immer wieder geraten Menschen durch Gefährdung des Arbeitsplatzes, durch Diskriminierung, Krankheit, Enttäuschungen durch den Partner/die Partnerin oder die Mitmenschen in Krisen.

Wie wichtig gerade auch das Angebot der Krisenintervention ist, bekundete eine Interviewte:

"Hier ist die WG-Leiterin da und dann kann man und dann hat man das Gefühl, ja es hilft einem mehr. Und man kann wenigstens endlich einmal reden oder seine Probleme sagen."

d) Wahlfreiheit

Wenn mehrere Ambulante Dienste ihre Leistungen anbieten, muss das Prinzip der Wahlfreiheit gewährleistet sein. Jeder und jede Betroffene muss die Möglichkeit haben, das für ihn/sie beste Angebot auszuwählen.

5.2.3.2 Handlungsfelder von Ambulanten Diensten

Es ist kaum möglich, die vielfältigen Angebote der Offenen Dienste in ein Konzept zu pressen, da diese ihre Serviceleistungen immer neu an die Bedürfnisse ihrer KundInnen anpassen müssen. Darum sollen hier die wichtigsten Handlungsfelder von Ambulanten Diensten angeführt werden:

a) Wohnungssuche und Einrichtung der Wohnung

Ambulante Dienste sind ihren KundInnen dabei behilflich, die für sie geeignete Wohnung zu finden und anschließend beim Umzug und dem Einrichten zu helfen. Die KundInnen wählen grundsätzlich frei aus dem vorhandenen Wohnangebot (Eigentumswohnung, Mietwohnung, Wohnung von öffentlichen Trägern) aus und entscheiden sich für die ihnen ansprechendste Wohnform (alleine wohnen, zusammen mit dem Partner, Wohngemeinschaft, Wohnheim...). Dieses "grundsätzlich" wird jedoch durch die finanziellen Möglichkeiten, die vorhandenen Angebote, die regionalen Strukturen, durch das Einverständnis der Angehörigen usw. eingeschränkt. Dazu müssen vorher die persönlichen Vorstellungen und die finanziellen Möglichkeiten abgeklärt werden.

b) Finanzen

Ein weiteres Handlungsfeld von Ambulanten Diensten sind die Finanzen. Ambulante Dienste zeigen auf, welche Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten bestehen. Sie helfen bei Anträgen und machen auf Wunsch auch Finanzierungspläne für verschiedenste Anschaffungen. Oft geben Ambulante Dienste Regelungen bezüglich der alltäglichen Geldeinteilung vor. Diese Regelungen sollten auf der Freiwilligkeit und Zustimmung der KundInnen beruhen, tun es faktisch aber oft nicht.

c) Wohnumfeld und Soziale Kontakte

Ambulante Dienste helfen ihren KundInnen beim Kennenlernen ihres neuen Wohnumfeldes. Gemeinsam wird "erforscht", wo sich Einkaufsmöglichkeiten, die Bank, der Friseur, ein Arzt, eine Bus- oder Straßenbahnhaltestelle, Cafes etc. befinden. Auf Wunsch unterstützen sie ihre Klientel auch bei Nachbarschaftskontakten, beim Besuch von Vereinen, Veranstaltungen usw.

d) Arbeit

Eine große Gefahr für Ambulante Dienste besteht darin, zum Arbeitsvermittler für ihre KundInnen zu werden, indem sie über deren Köpfe hinweg ein Arbeitsverhältnis mit einem möglichen Arbeitgeber "aushandeln". Das würde dem Prinzip der Selbstbestimmung widersprechen, da sich die Menschen selbst aktiv für eine Arbeit entscheiden und sich um diese bemühen sollen. Äußern KundInnen ihren Wunsch nach Arbeit, sollen die Ambulanten Dienste Kontakte zum Arbeitsamt knüpfen, bei Gesprächen anwesend sein etc.

e) Freizeit

Auf Verlangen sind Ambulante Dienste ihren KlientInnen auch bei der Freizeitgestaltung behilflich. Sie geben Tips und Anregungen und stehen als BegleiterInnen zur Verfügung. Dabei sollen sie immer die finanziellen Möglichkeiten der KundInnen berücksichtigen, die eine meist nur beschränkte Freizeitgestaltung zulassen.[83]

Wie sich diese Handlungsfelder in der Arbeit eines Assistenten oder einer Assistentin konkretisieren, zeigt die folgende Beschreibung von Wolfgang Urban: "Wir sind Begleiter ins Kino, Assistenten bei Klogang, Essen oder Körperpflege, Unterstützer bei der Auswahl eines Freizeitangebots, Beistand im Ausfüllen eines Amtsformulars. Ich mache Angebote für die Freizeitgestaltung, rege an, doch mal zu kochen, gebe Anleitung, wie ein Gericht zubereitet wird. Wir erklären, was eine einmalige Beihilfe ist und wie man sie bekommt. Wir fördern die Kontaktaufnahme zu Nachbarn und aktivieren den ängstlich Verschlossenen, zur Arbeit zu gehen. Wir sind Katalysatoren für jede Art von Konflikten. Den ganzen Prozess der Hilfe bezeichnen wir als Hilfe zum selbständigen Leben und kürzen dies oft mit Betreuung ab, wohl wissend, dass dies genauso wenig stimmt wie die Umbenennung zur Assistenz."[84]

Diese sehr komprimierte Beschreibung der Arbeit eines Assistenten bzw. einer Assistentin stellt eindrucksvoll die Vielfältigkeit der Tätigkeiten heraus. Zugleich macht sie deutlich, dass Assistenz in der Geistigbehindertenhilfe kein klar umrissenes und abgrenzbares Handlungsfeld ist und dass AssistentInnen mehr sind als die Hilfskräfte von Fachkräften: Sie sind auch Begleiterinnen, Unterstützer, Beistand, Förderer, Anleiterin etc.

5.3 Assistenz

Assistenz ist ein Schlüsselbegriff des ABW. Denn ohne die Arbeit der Assistenten und Assistentinnen wäre ABW nicht möglich. Noch in den 90er Jahren wurde nicht vom Ambulant Begleiteten Wohnen, sondern vom Ambulant Betreuten Wohnen gesprochen. Durch den Einfluss der Behindertenbewegung wurde das traditionelle Verständnis von Betreuung kritisch als eine Form der Entmündigung angesehen. Demgegenüber wurde der Begriff der Assistenz entwickelt.

5.3.1 Begriffsbestimmung von Assistenz

Die Behinderten- und Krüppelbewegung hat in den vergangenen 30 Jahren in ihrer Kritik am Behindertenhilfesystem eine bestimmte Begrifflichkeit entwickelt und jeden einzelnen Begriff mit bestimmten Inhalten gefüllt. All diese Begriffe wenden sich gegen Fremdbestimmung und die Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Sie sind auch nur so zu verstehen, wie sie aus dieser geschichtlichen Entwicklung gedacht waren. Oft besteht die Gefahr, dass Begriffe wie Assistenz inhaltlich "entleert" und für jedes Arbeitsverhältnis in der Behindertenhilfe verwendet werden. Unkritisch werden die professionellen Fachkräfte in Heimen und Anstalten als AssistentInnen bezeichnet, obwohl gerade an diesen Orten das Konzept der Assistenz nicht praktiziert wird. Der Assistenzbegriff ist von seinem historisch-politischen Ursprung her als Antwort auf die Fremdbestimmung von behinderten Menschen entstanden. Assistenz dreht die Verhältnisse um, um den Betroffenen Selbstbestimmung zu ermöglichen: Das Bestimmungsrecht liegt nicht mehr bei den Fachkräften, sondern bei den behinderten Menschen. Die Professionalität der AssistentInnen muss sich der Professionalität der behinderten Person unterordnen, die weiß und bestimmt, was sie braucht. Persönliche Assistenz macht Behinderte von Objekten der Fremdbestimmung und der Bevormundung zu Subjekten ihrer eigenen Entscheidungen für ihr Leben - unabhängig von der Schwere der Behinderung. Diese Definierung von Assistenz basiert auf den Forderungen der Krüppelbewegung, der großteils körperlich behinderte Menschen angehören und die nicht zu Unrecht fordert, dass die Berufsbezeichnung "Assistent" und "Assistentin" im Behindertenhilfesystem nur dann verwendet werden darf, wenn hinter diesen Begriffen auch das geschichtlich gewachsene Konzept der Assistenz steht.

In der Theorie ist immer wieder die Rede davon, dass im System der Assistenz die betroffenen Behinderten die Personal-, Organisations-, Anleitungs- und Finanzkompetenz haben. Kompetenz ist demnach ein Schlüsselbegriff von Assistenz. Der Duden übersetzt Kompetenz mit Vermögen, Fähigkeit, Zuständigkeit, Befugnis.[85] Behinderte Personen sind demnach zuständig für ihre eigene Person, sie besitzen die Fähigkeit, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Selbst wenn sie aus Gründen einer Behinderung diese Zuständigkeit nicht allein verwirklichen können, bleibt alle Kompetenz für ihr eigenes Leben in ihren Händen. Gusti Steiner, Aktivist der Politischen Behinderten-Selbsthilfebewegung, schreibt dazu: "Man muss dann höchstens darüber nachdenken, wie man ihnen helfen kann, diese Zuständigkeit in ihrem Leben umzusetzen. Man muss nachdenken, wie man ihnen assistieren kann - orientiert am Leitgedanken der Selbstbestimmung, ihre Selbstbestimmung und ihre Zuständigkeit für ihr eigenes Leben zu verwirklichen - ohne Fremdbestimmung und ohne bevormundende Hilfe."[86]

In Bezug auf die Hilfen für geistig behinderte Menschen birgt die uneingeschränkte Übertragung des Assistenzbegriffs aber auch Gefahren. Von der Behindertenbewegung wurde der Assistenzbegriff inhaltlich deutlich abgegrenzt als "Hilfe am Körper". Geistig behinderte Menschen bedürfen jedoch nicht nur einer rein körper- oder sachbezogenen Assistenz. Oftmals haben sie wegen äußerer Bedingungen den Bezug zu sich selbst verloren bzw. nie hergestellt und tun sich deshalb schwer, ihre Bedürfnisse zu formulieren oder selbst zu bestimmen. Aus diesem Grund sieht Assistenz in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen komplizierter aus, als sie von der Behinderten- und Krüppelbewegung definiert wurde. Laut Wolfgang Urban müsste man von einer "auf Assistenz ausgerichteten Hilfe sprechen".[87]

5.3.2 Das Expertentum der professionellen Helferinnen und Helfer

Durch das Normalisierungsprinzip geriet ein Prozess in Gang, der heute an den Punkt gekommen ist, auch den Bereich der Beziehung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen, zwischen den Fachkräften und den Betroffenen zu beleuchten. Man hat erkannt, dass Normalisierung nicht nur bedeuten kann, behinderten Menschen ein "normales" Leben zu ermöglichen, ohne an den Kommunikationsstrukturen zu rühren. "Normalität ist nicht vereinbar mit Lebensverhältnissen, in denen ein Teil ausschließlich den Gang der Dinge bestimmt und der andere Teil die Aufgabe hat, sich den Bedingungen anzupassen."[88]

Der Gang der Dinge wurde jahrzehntelang durch Fachleute wie MedizinerInnen, PsychologInnen, SozialhelferInnen, BetreuerInnen bestimmt. Der Grund für die Fremdbestimmung war die negative Sichtweise, die die Fachleute von behinderten Menschen hatten. Bis heute ist die Ausbildung zum professionellen Helfer in der Behindertenhilfe noch großteils vom Bild des "fehlerhaften", defizitären geistig behinderten Menschen geprägt. Der geistig behinderte Mensch wird als behandlungs-, pflege- und schutzbedürftig angesehen. Aufgabe der professionellen HelferInnen ist es darum, die "Bedürftigkeit" bzw. den Hilfebedarf der geistig Behinderten so weit wie möglich zu mindern. Grundlage dieser Arbeitsweise ist es, dass der bzw. die BetreuerIn den Hilfebedarf des geistig behinderten Menschen diagnostiziert, zum Teil mit Unterstützung durch PsychologInnen und MedizinerInnen. Die Diagnose - die Beschreibung der Defizite - ist dann Grundlage für ein umfangreiches Förderkonzept, dass in Fein- und Grobziele, in kurzfristig und langfristig angestrebte Veränderungen unterteilt ist. Und so werden auch schon erwachsene Menschen mit Behinderung gefördert, ohne dass jemals mit ihnen das Förderkonzept besprochen oder gemeinsam die Ziele festgelegt wurden.

Professionelle HelferInnen als gelernte Fachleute verstehen sich als ExpertInnen für die Probleme ihrer Zielgruppe und tragen als solche die Verantwortung für die Erreichung der Förderziele. Gerade durch diesen Druck, die angestrebten Ziele erreichen zu müssen, wird die Fremdbestimmung der behinderten Menschen noch verstärkt. So steht nicht der geistig behinderte Mensch mit seinen Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt, sondern das Förderkonzept. Der geistig behinderte Mensch wird dadurch zum Behandelten, es wird über ihn entschieden und er verbleibt in der Passivität.

Weiters wurde im Zuge der Normalisierungs- und Selbstbestimmungsdebatte im fachlichen Sprachgebrauch deutlich, wie wenig von einer Beziehung auf gleicher Ebene zu geistig behinderten Menschen ausgegangen werden kann. Es wird davon gesprochen, dass professionelle HelferInnen Bedürfnisse der Behinderten berücksichtigen, ihnen Freiräume zugestehen und Teilnahme ermöglichen. Die Aktivität liegt also wie gehabt auf der Seite der Fachleute. Sie können entscheiden, wie viel Selbstbestimmung für den geistig behinderten Menschen gut ist.[89]

Betrachtet man das System der Behindertenhilfe und schätzt die Möglichkeiten der Menschen mit geistiger Behinderung realistisch ein, dann wird klar, dass die Frage der Selbstbestimmung stark von der Frage abhängig ist, ob und in welchem Ausmaß die Fachkräfte Selbstbestimmung unterstützen. Versteht man Selbstbestimmung auf dem Hintergrund von Empowerment, muss sich das Expertentum der Fachkräfte der Professionalität des behinderten Menschen unterordnen, weil nur er wirklich weiß, was er braucht.

5.3.3 Empowerment

Der Empowerment-Gedanke kommt aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und entwickelte sich aus den praktischen Erfahrungen von Selbsthilfeinitiativen und Protestaktionen von armen, arbeitslosen, psychisch kranken, behinderten und anderen sozial benachteiligten Menschen. Deren Ziel war "die Überwindung sozialer Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Ungleichheiten".[90] Indem diese Menschen zur Selbsthilfe griffen, versuchten sie neue Wege zu finden und dadurch gleichzeitig eine größtmögliche Kontrolle über das eigene Leben durchzusetzen. Geschehen sollte dies durch Empowerment.

5.3.3.1 Die Grundaussagen des Empowerment-Konzepts

Empowerment kann mit Selbstbefähigung bzw. Selbstbemächtigung übersetzt werden. Der Grundgedanke beinhaltet die Stärkung von Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen in einer machtlosen Situation befinden. Unter Stärkung ist dabei das Entdecken, Bewusstwerden und Entwickeln von eigenen Ressourcen gemeint. Die Stärkung von Menschen heißt aber auch, solche Bedingungen zu fördern, die es den Betroffenen ermöglichen, selbst über das eigene Leben bestimmen zu können. "Leitperspektive ist die selbstbestimmte Bewältigung und Gestaltung des eigenen Lebens."[91]

Empowerment schließt alle Möglichkeiten und Hilfen ein, die es Menschen in einer machtlosen Situation erlauben, Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen, indem sie ihre eigenen Stärken im Austausch mit anderen erkennen. Das Empowerment-Konzept geht grundlegend davon aus, dass jeder Mensch über individuelle Stärken verfügt, denen er sich selbst, aber auch die Menschen in helfenden Berufen bewusst werden müssen. Somit erteilt es der defizitorientierten Betrachtung des Menschen eine Absage und stellt statt dessen seine persönlichen Fähigkeiten, Stärken und Potentiale in den Mittelpunkt, die es zu entfalten gilt.[92] Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen nur die Fähigkeiten entfalten können, die ihnen auch zugetraut werden. Einem anderen Menschen etwas zuzutrauen bedeutet gleichzeitig, ihn ernst zu nehmen. In diesem Sinn gilt der Betroffene im Empowerment-Konzept als Experte in eigener Sache. Das bedeutet einen klaren Bruch mit dem vorher beschriebenen Expertentum der professionellen HelferInnen, das durch das Bild des defizitären behinderten Menschen geprägt ist.

5.3.3.2 Voraussetzungen für Empowerment-Prozesse

Das Ziel von Empowerment ist es immer, einen Prozess zu beginnen, der Menschen zu einer größeren Kontrolle über ihr Leben und ihre soziale Umwelt verhelfen soll. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Zustandekommen von Empowerment-Prozessen ist, dass sich der Betroffene seiner "machtlosen" Situation bewusst wird. Erst dann kann der eigentliche Prozess beginnen, der immer nur zusammen mit anderen Menschen in Form von sozialer Unterstützung gelingen kann. Soziale Unterstützung kann eine fördernde Haltung durch andere Personen sein, kann der Austausch in einer Gruppe sein. Empowerment-Prozesse leben von der Mitarbeit und der Beteiligung der Betroffenen und sie finden immer in einem sozialen Kontext statt.

5.3.3.3 Empowerment und Geistigbehindertenhilfe

Im Vergleich zur herkömmlichen Behindertenhilfe ist das Empowerment-Konzept nicht an einer medizinischen, sondern an einer sozialwissenschaftlichen Sichtweise von Behinderung ausgerichtet. Theunissen geht davon aus, dass zum Verständnis von Behinderung "Lebenssituation, Lebensereignisse, lebensweltliche Zusammenhänge, Interaktionen und individuelle Bedürfnisse als wesentlich, ja bedeutsamer als persönliche Charakteristika oder individuelle Schädigungen erachtet" werden..."[93] Empowerment in der Behindertenhilfe geht davon aus, dass die Hilfsbedürftigkeit geistig behinderter Menschen zu einem großen Teil angelernt ist und von den Institutionen begünstigt wird. Umso mehr sollten im Empowerment-Prozess die Stärken und Kompetenzen der Betroffenen im Vordergrund stehen, die geistig behinderte Menschen oftmals für sich selbst zuerst entdecken müssen. Dieser Prozess ist langwierig und braucht viel Geduld von Seiten der Betroffenen selbst und vom sozialen Umfeld. Menschen, die den Empowerment-Prozess von geistig behinderten Personen begleiten, dürfen nicht von dem Ziel geleitet sein, ein bestimmtes Ergebnis oder eine bestimmte Norm erreichen zu müssen. Vielmehr muss die Grundhaltung bestehen, dass auch der "Mensch mit einer geistigen Behinderung Experte seiner selbst ist".[94] Er allein bestimmt die Art der Entwicklung, die Richtung, die Geschwindigkeit.

Wenn der geistig behinderte Mensch die Art der Entwicklung, die Richtung und die Geschwindigkeit des Prozesses bestimmt, können und dürfen professionelle HelferInnen nicht mehr die Expertenrolle für sich beanspruchen. Ihre Aufgabe ist es dann nicht mehr wie bisher "für ihre Adressaten zu handeln bzw. zu sorgen", sondern ihre Aufgabe ist es, "durch kooperative professionelle Unterstützung, Parteinahme und Konsultation die Betroffenen bei ihrer Selbstbemächtigung" zu unterstützen.[95] Diese Solidarität bedeutet eine Umkehrung der traditionellen Hierarchie und verändert das professionelle Selbstverständnis der Betreuung. "Nicht mehr der professionelle Helfer ist die Leitfigur, der behinderte Mensch selbst wird zum Auftraggeber, ist Kunde einer Leistung, die der professionelle Helfer erbringt."[96]

Professionelle Helfer und Helferinnen erhalten damit die Rolle von Assistenten und Assistentinnen.

5.3.4 Die "neue" Fachlichkeit der Assistentinnen und Assistenten

Die auf der Grundlage von Empowerment geforderte Fachlichkeit verlangt von AssistentInnen, geistig behinderte Menschen als Experten für ihr eigenes Leben anzuerkennen. Nicht mehr sie bestimmen auf Grund einer Diagnose, wie der geistig behinderte Mensch gefördert wird und welche Ziele er erreichen soll, sondern der Betroffene bestimmt selbst, was er erreichen möchte. Aufgabe der AssistentInnen ist es, die Menschen auf diesem Weg zu begleiten, zu unterstützen und nur dort zu helfen und zu beraten, wo dies gefordert wird.

Die Aufgabenbeschreibung macht klar, dass Assistenz in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen nicht ohne "helfende" Begriffe auskommt: Assistenten und Assistentinnen sind de facto auch immer, Unterstützer, Beraterinnen, Helfer und vor allem Begleiter und Begleiterinnen. Bezeichnungen, die im Modell der "Persönlichen Assistenz" kaum vorkommen, weil in ihnen immer schon Ansätze zur Fremdbestimmung gesehen werden. Will man realistisch bleiben, kommen Personen, die AssistentInnen für geistig behinderte Menschen sind, ohne diese "helfenden" Arbeitsfelder nicht aus. Auch beinhalten sie nicht automatisch den Ansatz der Fremdbestimmung wenn Assistenz durch die Haltung getragen wird, dass der geistig behinderte Mensch aus sich selbst heraus wachsen kann. In diesem Sinn bedeutet Unterstützung, dass AssistentInnen ihre KlientInnen dabei unterstützen, ihre Bedürfnisse zu äußern und sie zu befriedigen. Das ist ein oft langwieriger und mühsamer Prozess, da viele geistig behinderte Menschen durch äußere Bedingungen den Bezug zu sich selbst verloren bzw. nie hergestellt haben und es nicht gewohnt sind, eigene Wünsche "zugestanden" zu bekommen und diese zu artikulieren.

Begleitung positiv und im Sinn von Empowerment verstanden heißt, Wahlmöglichkeiten zu schaffen, Verhaltensmöglichkeiten und Alternativen anzubieten, Angebote unter der Voraussetzung von Wahlfreiheit zu machen. Begleiten setzt Einfühlungsvermögen, Verständnis, positive, nicht wertende Zuwendung und ganz besonders das Vertrauen in die Fähigkeiten der geistig behinderten Menschen voraus. "Das Wesentliche beim Begleiten ist, nicht zu dominieren, und das erfordert Toleranz und Distanz. Toleranz als die Fähigkeit, andere Ansichten akzeptieren zu können, andere Lebensformen und Lebensentwürfe nicht (negativ) zu bewerten, zulassen zu können, dass andere Menschen mit einer anderen Biographie und anderen leiblichen Voraussetzungen anders denken und anders handeln."[97]

Die "neue" Fachlichkeit der Assistenten und Assistentinnen muss sich darum vor allem durch ein neues Rollenbild ausdrücken: AssistentInnen als Fachkräfte begleiten ihre KundInnen auf ihrem oft anstrengenden Weg in ein selbstbestimmtes Leben, indem sie dort assistieren, wo der behinderte Mensch Hilfe benötigt.

5.3.4.1 Die "neue" Fachlichkeit in der Praxis

Wo benötigt der behinderte Mensch Hilfe? Allein schon diese Frage macht deutlich, dass in der Theorie meistens das sehr gut klingt, was in der Praxis unglaublich schwer ist. Im Arbeitsverhältnis eines Assistenten bzw. einer Assistentin im ABW sind die Art der Tätigkeit, die Aufgabenverteilung, die Zuständigkeit und die Verantwortung nicht klar umrissen. Im konkreten Arbeitsalltag stehen AssistentInnen täglich vor dem Dilemma, was zu ihrer Tätigkeit gehört, wie viel Verantwortung sie übernehmen sollen, was sie entscheiden oder nicht. Die häufigsten Bereiche, in welchen diese Dilemmas vorkommen, sind:

a) Assistenzarbeit zwischen Hilfe und Bevormundung

An die grundlegende Forderung, im Sinne von Empowerment Assistenzarbeit zu leisten und den geistig behinderten Menschen als Experten für sich selbst anzuerkennen, schließt sich die Aufgabe an, den Betroffenen wirklich nur dort helfend zur Seite zu stehen, wo es nötig ist. Sehr oft stehen AssistentInnen jedoch vor dem Konflikt, aus ihrer Sicht und ihrem Verantwortungsgefühl Hilfestellung geben zu wollen, wo sie der Kunde oder die Kundin gar nie verlangt. Sollen Assistenten ihre KundInnen dann bevormunden und ihnen damit die Expertenrolle absprechen? Wie vielfältig die Widersprüche sind, in denen sich AssistentInnen tagtäglich befinden, sollen die folgenden Fragen zeigen:

  • Wie findet man heraus, was die Betroffenen wirklich wollen?

  • Welche Bedürfnisse und Wünsche sind ihre eigenen und welche davon sind "angelernt"?

  • Inwieweit sind AssistentInnen bereit, auf Wünsche einzugehen, die aus ihrer Sicht problematisch sind?

  • Soll KundInnen, die immer mehr Geld ausgeben, als sie wirklich besitzen, ihr eigenes Geld in Form von Taschengeld ausbezahlt werden?

  • Sollen BewohnerInnen, die sich an Unordnung und Schmutz nicht stören dazu angehalten werden, in ihrem Zimmer oder ihrer Wohnung eine gewisse Ordnung oder Sauberkeit einzuhalten?

  • Die KlientInnen sollen so weit wie möglich für ihr Leben verantwortlich sein. Was aber heißt "so weit wie möglich"? Wer bestimmt, wo die Grenzen sind?

  • Soll man aus Angst vor einer Selbstgefährdung lieber gleich am Anfang etwas verbieten oder soll man das Risiko eingehen?

  • Ist es nicht besser, die Betroffenen an eine gewisse gesellschaftliche Normalität anzupassen, damit sie es leichter haben?[98]

Das Umgehen mit diesen Konflikten ist so individuell, wie es die Menschen sind, die in diesem Arbeitsverhältnis aufeinander treffen. Deutlich wird an dieser Stelle aber erneut, wie wichtig es ist, dass Assistent und Kunde ständig im Dialog bleiben und über die anfallenden Probleme miteinander reden.

b) Nähe und Distanz

Durch ihre intensive Arbeit kommen sich AssistentInnen und KundInnen oft sehr nah. AssistentInnen erhalten Informationen aus dem privaten Lebensbereich ihrer KlientInnen, sie haben Kenntnis von deren Lebensgeschichte, Freunden und Freundinnen, Familie, sie wissen um die verschiedenen Beziehungen und die bestehenden Konflikte. Zudem bekommen sie Einblick in persönliche Abneigungen, Vorlieben, Gewohnheiten, und oft auch in Stimmungs- und Gefühlslagen. So sind der vertrauensvolle Umgang und die Nähe Grundlage eines positiven Assistenzverhältnisses. Jedoch bedingt genau diese Tatsache eine ständige Gratwanderung zwischen der notwendigen Nähe und der ebenso notwendigen Distanz.

In einer Studie der VHS Köln benannten Persönliche AssistentInnen, MitarbeiterInnen von Ambulanten Diensten und Zivildienstleistende als Problem, dass ihnen das Verhältnis zu den Personen, denen sie Hilfestellungen geben, manchmal wie eine Verschmelzung vorkommt, in der sie den Grad der Nähe nicht beeinflussen können und in der die Grenze zwischen Eigenem und Fremden verschwindet.[99] Gefangen zwischen beruflicher Pflichtleistung und sehr persönlicher Betroffenheit bzw. emotionalem Engagement, sehen sich AssistentInnen oft einem inneren Konflikt gegenüber. Dieser Konflikt verdichtet sich noch zusätzlich, indem AssistentInnen für ihre KlientInnen oft Ersatz für mangelnde Sozialkontakte sind. Nicht selten kommt es vor, dass AssistenznehmerInnen das Arbeitsverhältnis zu einem Freundschaftsverhältnis "umwandeln" möchten, dabei aber nicht berücksichtigen, dass das Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit nur von ihrer Seite verspürt wird. Solche Situationen bergen einige Probleme sowohl für KundInnen als auch für AssistentInnen: So kann es für AssistentInnen schwierig werden, zwischen den tatsächlichen und den angenommen Bedürfnissen der AssistenznehmerInnen zu unterscheiden. Enge emotionale Beziehungen können bei KundInnen Barrieren schaffen, bestimmte Wünsche oder Bedürfnisse zu äußern, um nicht zur Last fallen zu müssen oder um zu gefallen. Äußerungen über eine Unzufriedenheit in der Arbeit können als persönliche Kränkung verstanden werden.

Die Einhaltung von Grenzen ist in einem Assistenzverhältnis von beiden Beteiligten sehr wichtig. Es muss immer klar sein, dass es sich um ein Arbeitsverhältnis handelt. Beide Seiten sollten in der Lage sein, eine gewisse emotionale Distanz zu wahren, um Klarheit über ihre jeweilige Rolle zu behalten und nicht in emotionale Abhängigkeitsstrukturen zu gelangen.[100]

c) Pädagogisierung der AssistenznehmerInnen

Viele Menschen, die im Bereich der Assistenz tätig sind, besitzen eine Ausbildung zum Sozialpädagogen, zur Sonderpädagogin, sind Früherzieherinnen oder haben ein Pädagogikstudium abgeschlossen. Somit verfügen sie über ein Fachwissen bezüglich verschiedener Erziehungs- und Fördermethoden. Auch wenn Pädagogik immer nur als Werkzeug dienen darf, das angeboten wird, um Interessen zu erkennen oder Probleme zu verdeutlichen, kann sie leicht zu einer verschleierten Form von Fremdbestimmung werden. Nicht selten befinden sich AssistentInnen im Konflikt darüber, ob sie ihr pädagogisches Können einsetzen sollen, um so ihrer Meinung nach das Beste für ihre KundInnen zu erreichen. Menschen mit geistiger Behinderung können sich in der Regel selten gegen eine solch gekonnte Beeinflussung wehren, weil sie sie oft nicht durchschauen.[101]

Der Umgang mit Konflikten gehört für AssistentInnen zu den wichtigsten Aspekten innerhalb eines Assistenzverhältnisses, denn es ist vollkommen natürlich, dass sie besonders in einer solchen nahen Arbeitsbeziehung auftreten. Entscheidend ist, wie AssistentInnen mit solchen Konflikten umgehen. Viel hängt davon ab, wie sie die speziellen Anforderungen der Rolle eines Assistenten bzw. einer Assistentin für geistig behinderte Menschen übernehmen können und wollen. Ansatzpunkte dafür sind die eigene Haltung, eigene Erfahrungen, Werte und Normen. Auch ist es von größter Wichtigkeit, dass persönliche Grenzen, Ängste und Unsicherheiten wahrgenommen und angesprochen werden. Voraussetzung dazu ist die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Kommunikation. Nicht jeder Konflikt wird sich zur vollen Zufriedenheit beider Seiten lösen lassen, ein ständiger Dialog ermöglicht es jedoch, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.

Wie aus diesen Beispielen ersichtlich wird, verlangt die "neue" Fachlichkeit der Assistenten und Assistentinnen viel mehr als eine pädagogische oder pflegerische Ausbildung. Mehr als diese Aspekte sind die eigene Motivation, die eigene Haltung, die Bereitschaft, sich auf eine Beziehung einzulassen und zugleich Grenzen zu setzen, die Fähigkeit, sich zurückzunehmen und den eigenen Gestaltungswillen zurückzuhalten, die Standfestigkeit, keine Problemlösungen von außen vorzugeben, sondern den Betroffenen selbst nach einer Lösung suchen lassen, die Geduld, Entwicklungspotenziale zu entdecken und ihnen Raum zu schaffen, etc. von grundlegender Bedeutung. Die "neue" Fachlichkeit verlangt nicht die richtige Qualifikation, sondern pädagogische, psychologische und praktische Fähigkeiten und vor allem einen gesunden Menschenverstand. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sind Supervision und Teamarbeit für AssistentInnen unverzichtbar. Sie ermöglichen Selbstkontrolle, Zielüberprüfung, Lernen und Üben von Rollen und machen eigene Charaktere und Einstellungen erfahrbar.[102]



[73] fib. e.V. (Hrsg.), Leben auf eigene Gefahr. 1995. S. 328.

[74] Psychiatrie-Enquete 1975 a. S. 232f.

[75] Vgl. C. Bradl, Enthospitalisierung von Menschen mit geistiger Behinderung, in: Leben auf eigene Gefahr. 1995. S. 198f.

[76] Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hg.), Selbstständige und neuere Wohnformen . 1990. S. 159-160.

[77] Ebenda

[78] Ebenda, S. 26.

[79] Vgl. MOBILE (Hg.), Handbuch Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz. 2001. S. 28f.

[80] Vgl. S. Göbel / M. Puschke, Was ist Unterstützung für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Abgrenzung zu Assistenz?, in: Wir vertreten uns selbst! Projektberichte der Pepole First Bewegung. 2002. S. 1-3.

[81] Vgl. J. Bernard, Normalisierung. Zur Entwicklung integrativer Wohn- und Lebenszusammenhänge geistig und mehrfach behinderter Menschen in Österreich. 1991. S. 51.

[82] Vgl. W. Urban, Allgemeine Grundsätze ambulanter Hilfen und Anforderungen an ambulante Dienste, in: Leben auf eigene Gefahr, a.a.O., S. 47.

[83] Vgl. fib e.V. Marburg, Ambulante Hilfen zum selbständigen Wohnen für geistig behinderte Erwachsene, in: Leben auf eigene Gefahr, a.a.O., S. 71.

[84] W. Urban, Allgemeine Grundsätze ambulanter Hilfen, a.a.O., S. 49.

[85] Vgl. Duden, Das Fremdwörterbuch, Band 5. 2001, S. 522.

[86] G. Steiner, Selbstbestimmung und Persönliche Assistenz, in: Mobile - Selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz, a.a.O., S. 42.

[87] W. Urban, a.a.O., S. 49.

[88] G. Steiner, a.a.O., S. 128.

[89] R. Sack, Normalisierung der Beziehungen, in: Vom Betreuer zum Begleiter, a.a.O., S. 111.

[90] G. Theunissen/W. Plaute, Empowerment und Heilpädagogik. 1995. S. 11.

[91] Ebenda, S. 12.

[92] Ebenda, S. 13.

[93] Ebenda, S. 18.

[94] U. Hähner, Überlegungen zur Entwicklung einer Kultur der Begleitung, in: Vom Betreuer zum Begleiter. 1999. S. 130.

[95] G. Theunissen/W. Plaute, Empowerment und Heilpädagogigk, a.a.O., S. 13.

[96] Ebenda, S. 145.

[97] Ebenda, S. 138f.

[98] Vgl. Fib e.V. Wohn-AG, Betreuungsarbeit zwischen Hilfe und Bevormundung, in: Leben auf eigene Gefahr, a.a.O., S. 87-91.

[99] Vgl. M. Koch, Untersuchungen über eine Qualifikation zum Assistenten für Menschen mit Behinderung, in: Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz, a.a.O., S. 149.

[100] S. Rehfeld, Die Beziehung zwischen der Assistenznehmerin und der Persönlichen Assistentin, in: Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz, a.a.O., S. 147-150.

[101] Vgl. fib e.V. Wohn-AG, Betreuungsarbeit zwischen Hilfe und Bevormundung, a.a.O. S. 89.

[102] W. Urban, Allgemeine Grundsätze ambulanter Hilfen, in: Leben auf eigene Gefahr, a.a.O., S. 60f.

6 Das Ambulant Begleitete Wohnen im Blick der Gesellschaft

Breite Teile der Gesellschaft wissen nicht, dass es das Konzept des ABW gibt. Das Wissen der Gesellschaft um geistig behinderte Menschen beschränkt sich in der Regel darauf, dass "diese Menschen" entweder daheim oder in Wohnheimen der Lebenshilfe wohnen und dass sie in den beschützenden Werkstätten der Lebenshilfe ein bisschen arbeiten. Die Werkstätten sind in den Augen der Gesellschaft recht sinnvoll, weil "diese Menschen" dann eine Beschäftigung haben und außerdem "machen sie dort wirklich nette Sachen". Diese Darstellung klingt recht zynisch, entspricht aber leider der Wahrheit. Der Großteil der Gesellschaft ist in Bezug auf die Geistigbehindertenhilfe in den 70er Jahren hängen geblieben. Die Menschen glauben immer noch, dass geistig behinderte Menschen "ausgesondert" gehören. Ausgesondert in Sonderschulen, ausgesondert in Werkstätten, ausgesondert in spezifische Förderzentren und natürlich ausgesondert in spezielle Wohnheime, wo sie unter sich sind. Dass geistig behinderte Personen "normal" wohnen und leben, ist für die Gesellschaft nicht denkbar. Dieses Denken basiert auf dem Bild, das die meisten Menschen von geistig behinderten Personen haben: Bedauernswert, unselbständig, abhängig, infantil, unberechenbar, ohne Verstand und Vernunft und ganz sicher nicht in der Lage, ein selbständiges Leben zu führen. Das können nur Erwachsene.

6.1 Selbständig wohnen kann nur, wer erwachsen ist

Unsere Gesellschaft verbindet mit Erwachsensein Eigenschaften wie Reife, Vernunft, Selbständigkeit, etc. Normalerweise entlassen Eltern ihre Kinder erst dann einigermaßen beruhigt aus dem elterlichen Schutz ins "unabhängige" Leben, wenn sie erwachsene Verhaltensweisen bei ihren Kindern feststellen können. Sie trauen den jungen Erwachsenen auch zu, dass sie Probleme meistern und aus Fehlern lernen - wie es Erwachsene eben tun. Nicht so bei geistig behinderten Erwachsenen. Der gesellschaftliche Normwert des Erwachsenseins schließt geistige Behinderung aus. Daran schließt sich die logische Folgerung, dass geistig behinderte Erwachsene nicht selbständig wohnen können, weil sie ja nie erwachsen werden.

Die Möglichkeiten, ein geistig behindertes Kind in der Familie zu behalten, wurden in den letzten Jahrzehnten sehr viel besser. Waren früher die meisten Familien mit mehreren Kindern schon aus räumlichen Gründen gezwungen, ihr geistig behindertes Kind in ein dafür geeignetes Heim oder eine Anstalt zu geben, so ermöglichen heute so genannte Sonderkindergärten und Sonderschulen sowie beschützende Werkstätten, dass behinderte Kinder heute in der Familie bleiben - was natürlich sehr begrüßenswert ist. Dies führt aber andererseits dazu, dass sich geistig behinderte Menschen stärker und längerfristig an ihre Eltern, speziell an die Mutter binden. Es führt aber auch dazu, dass sich die Eltern, und wiederum ist es meist die Mutter, sich ihrerseits stärker auf ihr geistig behindertes Kind fixieren.

Ein "klassisches" Beispiel für solch eine Situation ist eine Frau, die ich interviewt habe. Sie ist über 40 Jahre alt und hat bis zum Tod ihrer Mutter vor ca. fünf Jahren mit dieser zusammengelebt.

6.2 Das "ewige Kind"

Eine der sozialen Aufgaben der Pubertät und Adoleszenz ist die Ablösung vom Elternhaus und die Erlangung einer relativen Selbständigkeit. Dies gilt genau so für geistig behinderte Heranwachsende, unabhängig von ihrer Intelligenzminderung. Leider wird bei ihnen der notwendige Ablösungsprozess von vielen Eltern bzw. von den Bezugspersonen erschwert. In der Betreuung ihrer behinderten Kinder sehen Eltern eine sie alles erfüllende Lebensaufgabe, die zugleich Sinn und Lebensziel gibt. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass ihr behindertes Kind einmal nicht mehr bei ihnen wohnen wird. So reagieren viele Eltern auf die natürlichen Selbständigkeits- und Unabhängigkeitswünsche ihrer heranwachsenden Kinder mit diffusen Trennungsängsten, die die geistig behinderten Jugendlichen meist noch stärker emotional binden. Durch vermehrtes Verwöhnen geraten die Jugendlichen in Abhängigkeit und die Überbehütung durch die Eltern erzeugt Schuldgefühle. Für den Jugendlichen wird es dadurch fast unmöglich, sich vom Elternhaus zu lösen.[103] Das Erwachsenwerden geistig behinderter Jugendlicher wird durch ihre ständige Abhängigkeit schwer beeinträchtigt. Betrachtet man das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und ihren behinderten Kindern aus dem Blickwinkel der Psychoanalyse, zeichnen sich zwei Erklärungen ab, weshalb geistig behinderte Menschen immer das "ewige Kind" bleiben.

6.2.1 Die Nicht-Auflösung der Mutter-Kind-Symbiose

Die Mutter ist ihrem Kind von Geburt an immer ein Spiegel, wo sie seine Äußerungen aufgreift, mit ihrer Antwort und ihrer Stimme, ihrem Gesicht, den Bewegungen und Handlungen dem Erleben des Kindes begegnet. Dieser Spiegel ist im Normalfall so zuverlässig, dass das Kind sich darin als Subjekt mit eigenen Wünschen, mit Vorlieben und Abneigungen langsam selbst zu erkennen beginnt. Mutter und Kind bilden eine Symbiose. In dieser symbiotischen Phase bekommen dritte Personen, die außerhalb der symbiotischen Zweierbeziehung stehen und für das Kind eine wichtige Rolle spielen, eine große Bedeutung. In der Regel tritt hier der Vater als neben der Mutter wichtigstes Beziehungsobjekt in Erscheinung. Dieser Dritte lebt dem Kind eine Möglichkeit des Umgangs mit der Mutter vor, die keine Symbiose darstellt, sondern Eigenständigkeit. Indem sich das Kind mit dieser dritten Person identifiziert und von ihr beschützt weiß, kann es sich von der Mutter entfernen und sich ihr auf eine ganz neue Art nähern - als eigenständiges Individuum.

Diese notwendige Phase der Löslösung und Individuation wird von geistig behinderten Kindern nur unzureichend, manchmal auch gar nicht bewältigt.[104] Ein Grund für diese nicht stattfindende Auflösung der Symbiose sind die "fehlenden" Väter. Der Schock, die Betroffenheit, Trauer und Schuldgefühle führen bei vielen Vätern von behinderten Kindern dazu, das Kind der Mutter zu überlassen, sie mit dieser Aufgabe allein zu lassen. Sie weigern sich, die gleiche Verantwortung wie die Mütter zu übernehmen. Dies hat für die Entwicklung des Kindes schwerwiegende Folgen. Denn in der Entwicklung zum Dritten hin wird der Grundstein für lebendiges und eigenständiges Lernen gelegt. Dietmut Niedecken, analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin beschreibt die Bedeutung des "Dritten" wie folgt:

"'Dritte' sind ja auch Symbole, Worte, Lieder, sogar Gedanken und Phantasien. Solche Symbole stehen für Personen und Interaktionen. Sie machen es dem Kind möglich, sich eine Person oder ein Gefühl vorzustellen, unabhängig von ihrer Präsenz. Daraus kann sich dann selbständiges Denken und eine realistische, auch kritische Wahrnehmung von sich selbst und der Umwelt entwickeln."[105] Die oft lebenslange Symbiose zwischen der Mutter und ihrem behinderten Kind ist also sehr oft durch das Fehlen einer dritten Person bzw. durch die frühzeitige Loslösung des Vaters von seinem behinderten Kind bedingt.

Das Fehlen der Väter ist auch bei den Interviews ganz deutlich zum Ausdruck gekommen. Keine der weiblichen Interviewpartnerinnen hat jemals von ihrem Vater gesprochen. In den Erzählungen war immer nur von der Mutter bzw. von anderen Familienmitgliedern die Rede. Der männliche Interviewpartner erwähnte ganz zum Schluss unseres Gesprächs, dass er seinen Vater nie kennen gelernt hat, obwohl er das gern tun würde.

6.2.2 Angst

Der Mensch hat Angst vor dem Leid und er entwickelt unbewusst Abwehrmechanismen, um seine Angst vor dem Leid und dem dadurch verkörperten "Bösen" auszuhalten. Milani Comparetti geht davon aus, dass auch die Begegnung mit einem behinderten Kind Angst macht und er bezeichnet die Behinderung des Kindes im oben gedachten Sinn als das "Böse".[106] Gegen diese Angst wird von Erwachsenen der Versuch einer allmächtigen Verteidigung aufgebaut, die es leichter macht, sie zu ertragen. Milani Comparetti hat aus seiner langjährigen Erfahrung drei verschiedene Verteidigungspositionen erarbeitet.

a) Die Position der Verleugnung

Diese Position findet sich häufig zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Leid, wenn Eltern z.B. zum ersten Mal vom Arzt die Diagnose der Behinderung ihres Kindes erfahren. In dieser Anfangsphase, die auch als Schockphase bezeichnet werden kann, wird die Realität ausgeblendet. Man will das Leid nicht wahr haben und nimmt es dementsprechend auch nicht wahr. Man tut so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen einem behinderten und einem nichtbehinderten Kind.

b) Die schizo-paranoide Position

Diese Abwehrposition ist durch Aggression gegen das "Böse" gekennzeichnet und am häufigsten zu beobachten. Schuldgefühle der Eltern und eine sich daraus entwickelnde krankhafte Angst vor dem "Bösen" führen zu einer regelrechten Sucht nach immer neuen Therapieformen. Eltern hoffen, dass jeder Defekt ihres Kindes mit einer entsprechenden Therapie heilbar ist und es kommt nicht selten zu einer gleichzeitigen Anhäufung verschiedener Therapieformen. Meist bleibt bei solch einer "Übertherapierung" des Kindes der gewünschte Erfolg aus und es kommt zu der Situation, die Comparetti als "perverse Allianz" zwischen Therapeuten und Eltern bezeichnet hat: Die ständig wachsende Aggression, die aus der Enttäuschung und dem Misserfolg der Therapie entstanden ist, wird an der eigentlichen Ursache - dem Kind - "ausgelassen". Und zwar in der Form, dass die Therapien nun erst recht mit unverminderter Gewalt über Jahre weitergeführt werden. Die Aktivitäten, denen das Kind ausgesetzt ist, dienen hierbei letztendlich nur den Erwachsenen.

Diese beiden Haltungen wehren die Angst der Eltern vor der Behinderung ihres Kindes ab. Sie nähren die Hoffnung, dass ihr behindertes Kind einmal ein "normales" Kind sein wird und dass die Behinderung heilbar ist. Die Abwehrmechanismen bringen es mit sich, dass Eltern ihr behindertes Kind nicht in seiner Ganzheitlichkeit sehen. Sie teilen das Kind sozusagen in zwei Teile auf: In den einen Teil "unser Kind" und in den anderen Teil der "Behinderung". Ganzheitlichkeit würde bedeuten, dass Eltern ihr Kind als "unser behindertes Kind" sehen und annehmen können. In Angstabwehr verhaftete Eltern sehen in der Betreuung ihrer behinderten Kinder eine sie alles erfüllende Lebensaufgabe - auch wenn die Kinder schon erwachsen sind. Ist es ihnen nicht mehr möglich, ihre erwachsenen Kinder selbst zu betreuen, wissen sie sie lieber in der versorgenden Obhut von Sondereinrichtungen, als in einem ambulant begleiteten Wohnverhältnis.

c) Die depressive Position

Den Gegensatz zu den vorherigen Verteidigungspositionen bildet die depressive Position. Die depressive Position ist getragen vom Akzeptieren des "Bösen". "Depressiv" will die Gefühle ausdrücken, die bei der Geburt eines behinderten Kindes vorhanden sind: Niedergeschlagenheit, Bedrücktheit, Schmerz, Trauer. Jedoch handelt es sich bei dieser Position vor allem um ein Durcharbeiten dieser Gefühle. Die Eltern sind bereit, sich ihre Angst einzugestehen, was zur Annahme des Leids und zum Akzeptieren der Realität führt. Eltern in der depressiven Position nehmen ihr Kind in seiner behinderten Ganzheitlichkeit wahr. Sie versuchen, das Kind im System der Familie, der sozialen Bindungen und der Gemeinschaft zu integrieren.[107] Sie tun sich auch am "leichtesten", den erwachsenen geistig Behinderten in ein eigenes Leben zu entlassen, weil sie in ihm nicht für immer das "ewige Kind" sehen.

Doch nicht nur Eltern, sondern auch die Gesellschaft verbindet mit dem Bild der geistigen Behinderung eng die Vorstellung einer lebenslangen Abhängigkeit und Unfähigkeit. Dem geistig behinderten Menschen wird nicht zugetraut, den Status des reifen, mündigen und unabhängigen Erwachsenen zu erreichen, wie ihn unser Alltagsverständnis definiert.

6.3 Der Erwachsenenbegriff im Alltagsverständnis

Das Alltagsverständnis der Gesellschaft verbindet mit Erwachsensein "reif", "fertig", "ausgewachsen", "abgeschlossen". Der Zustand der Reife als natürliche Variante des Erwachsenseins gilt unangefochten als erstrebenswertes Ziel. "Der Erwachsene hat seine ‚Vorbereitungszeit' hinter sich und ist ein ‚reifer Mensch' mit ‚gefestigter Persönlichkeit'. Er hat ‚ausgelernt', d.h. den erforderlichen Wissensvorrat an Kulturtechniken, Fertigkeiten, Kompetenzen erworben, um als ‚vollwertiges' Mitglied seiner Gesellschaft mit der entsprechenden ‚Verhaltenssicherheit eines Erwachsenen' leben zu können."[108] Lenz definiert Erwachsensein folgend: "Wem das Recht und auch die Pflicht, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen zugetraut und zugesprochen wird, der ist als Erwachsener zu bezeichnen."[109] Die von Lenz angesprochene Rolle des "selbstverantwortlich" Erwachsenen lässt erkennen, dass Erwachsensein nicht nur als biologischer Reifebegriff, erweitert durch politisch-juristische Bestimmungen verstanden wird, sondern als normative gesellschaftliche Zuschreibung. Selbstverantwortung und Eigenständigkeit werden somit als die zentralen gesellschaftlichen Normen des Erwachsenen gesehen.

Wenn im Alltagsverständnis derjenige als erwachsen gilt, dem die Gesellschaft diesen Status zuerkennt, insofern er eigenständig und selbstverantwortlich die reife Erwachsenenrolle erfüllt, dann liegt es nahe, dass geistig behinderte Menschen diesen gesellschaftlich definierten Status von Erwachsensein kaum erreichen werden. Für geistig behinderte Menschen verdichtet sich somit die Vorstellung von der Unerreichbarkeit des Erwachsenenstatus mit der Festlegung auf die unselbständige Kinderrolle. Sie bleiben das "ewige Kind", mit lebenslanger Abhängigkeit und eingeschränktem Lebensraum. Wissenschaftlich "bestätigt" wird das Alltagsverständnis durch das idealisierte Erwachsenenleitbild pädagogisch-philosophischer Anthropologien.

6.3.1 Erwachsenenleitbilder in der Anthropologie

Theorien zur Anthropologie des Erwachsenen sind in ihrer Begrifflichkeit relativ diffus und bieten meist eine Idealvorstellung von "Erwachsenheit". Das liegt einerseits daran, dass zu wenig anthropologische Kenntnisse vom Erwachsenen vorhanden sind und es andererseits unmöglich ist, eine endgültige Antwort auf die Frage zu geben, was der Mensch ist. Jedes Menschenbild unterliegt geschichtlichen Veränderungen, dem kulturellen Wandel, den sozialen Gegebenheiten. Diese Grundproblematik verunmöglicht die Formulierung eines einheitlichen Menschenbildes. Dennoch hat die Anthropologie versucht, einige Grundlinien der "Erwachsenheit" aufzuzeigen.[110]

a) Reife

Reife wird in der Anthropologie im Gegensatz zur biologisch-naturhaften Reife als etwas Vorläufiges und Relatives gesehen. Jede Lebensphase hat ihre eigene Reife, "d.h. jedes Lebensalter hat besondere Chancen und Aufgaben, bestimmte Werte von Sein und Dasein auszuprägen. Keine Lebensphase kann von der anderen abgeleitet werden".[111] Die einzelnen Lebensphasen beinhalten jeweils spezifische kulturell definierte Reifeziele und erwachsen ist, wer diese kulturellen Anforderungen erfüllen kann. So gesehen ist menschliche Reife verbunden mit kontinuierlichem Lernen. Dieser Reifebegriff erlaubt es, auch für geistig behinderte Menschen im Erwachsenenalter permanente Lernfähigkeit anzunehmen. Gleichzeitig spricht er ihnen "Erwachsenheit" ab, weil es für geistig behinderte Menschen kaum möglich ist, die kulturell definierten Reifeziele wie Berufstätigkeit, Eigenständigkeit, Partnerschaft, Familie... in vollem Ausmaß zu erfüllen.

b) Sozialität

Menschsein bedeutet in irgendeiner Weise Leben in einer Gemeinschaft bzw. Gruppe. Die Gruppe bietet Schutz, Furchtreduzierung, Anerkennung und Bestätigung, sie verleiht Stärke und Sicherheit. Die Bedeutung der Sozialität ergibt sich aus der Tatsache, dass sich jeder Mensch von anderen, vorrangig von den Eltern, abgrenzen muss, um seine eigene Identität und Individualität zu finden. "Das Herauswachsen des Ich aus dem physischen und psychischen Mutterschoß in seine Selbständigkeit ist zugleich sein Hineinwachsen in neue Formen und Qualitäten sozialer Bezüge."[112]

Haeffner schreibt in seinem Artikel: "Das soziale Wesen Mensch verhält sich zu sich selbst, indem er sich zu anderen verhält. Genauer: Es verhält sich zu seinen eigenen Seinsmöglichkeiten, die ihm durch die Erwartungen der anderen, welche selbst sozial vorgeprägt sind, entgegengebracht werden."[113]

Solch verstandene Sozialität schließt den geistig behinderten Menschen vom Erwachsensein aus. Für geistig behinderte Menschen ist es meist unmöglich, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Da sie meist bis ins Erwachsenenalter bei ihren Eltern wohnen, fehlt geistig behinderten Menschen allein schon die räumliche Distanz, um sich abzugrenzen. Zusätzlich bleiben sie für ihre Eltern und für die Gesellschaft die "ewigen Kinder", die niemals in ein eigenes Leben entlassen werden können. Die Seinsmöglichkeiten, die dem geistig behinderten Menschen entgegengebracht werden, schließen Erwachsenheit aus und somit sind Identitätsfindung und Individualität kaum möglich.

c) Mündigkeit

Seit der Aufklärung gilt Mündigkeit als das Attribut des Erwachsenenstatus. Der Philosoph Kant formulierte in seinem aufklärerischen Appell: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung des Muts liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen ... Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."[114]

Mit dem Mündigkeitsbegriff wird meist eine gesellschaftliche Komponente an konkreten Normen und Erwartungen verbunden, nach denen der mündige Mensch im Sinne einer sittlichen Reife handelt. Mündigkeit ist damit an einsichtiges Entscheiden und Handeln gebunden. Diese Konzeption eines mündigen Individuums entwickelte sich zum leitenden Menschenbild der Anthropologie. Hinzugefügt wurde diesem Verständnis von Mündigkeit das Kriterium der individuellen Freiheit und der sozialen Mitverantwortung. "Mündig ist demnach der, der die Fähigkeit, Motivation und gesellschaftlich zugesprochene Möglichkeit hat, in freier selbstbestimmter Lebensführung und Verantwortung für sich und sein Haus bzw. seine Mitmenschen 'munt', d.i. ‚Schutz und Sicherheit' zu garantieren."[115]

Erneut zeigt sich, dass geistig behinderte Menschen Erwachsenheit auch nicht über den Aspekt der Mündigkeit erlangen können. Die idealistische Betonung des Verstandes und der Vernunft als Voraussetzung einer mündigen Person geht von einem Mündigkeitsbegriff aus, der es geistig behinderten Menschen nicht erlaubt, mündig zu werden.

Wie schon eingangs erwähnt, schließt der gesellschaftliche Normwert des Erwachsenseins geistige Behinderung aus. Mit Erwachsensein wird eine Durchschnittsnorm vorausgesetzt, die allgemein hochgehalten und ausgesprochen oder unausgesprochen als Maßstab gehandhabt wird: Erwachsenheit setzt selbständige, selbstverpflichtete und eigenverantwortliche Rollenübernahme in Beruf und Familie, altersspezifische Verhaltensweisen und somit eine entsprechende Anpassung an das gesellschaftliche Normleitbild des Erwachsenen voraus. Andernfalls wird seitens der gesellschaftlichen Umwelt der Erwachsenenstatus abgesprochen. Weil altersgerechtes Verhalten von jedem Mitglied der Gesellschaft mehr oder weniger erbracht wird, geistig behinderte Menschen hierzu aber angeblich nicht in der Lage sind, drängt sie die Gesellschaft in die Rolle des "ewigen Kindes". Dieses permanente Auseinanderklaffen zwischen biologischem Alter und sozialem Alter wird von geistig behinderten Personen als Bedrohung und Stress erlebt und führt zu Störungen des Selbstwertgefühls bis hin zu psychischen Krisen.[116]

6.3.2 Der Erwachsenenbegriff orientiert an den Grundbedürfnissen des Menschen

Es ist vermessen anzunehmen, dass alle Menschen dem gesellschaftlichen Normwert von Erwachsensein entsprechen, geschweige denn den idealisierten Erwachsenenleitbildern der Anthropologie. Jeder Lebenslauf ist geprägt von Brüchen und krisenhaft erlebten Ereignissen, von Höhen und Tiefen. Attribute wie Reife, Mündigkeit, Sozialisation, Vernunft bleiben immer relative und idealisierte Größen. Darum lässt sich auch geistig behindertes Erwachsensein nicht allein auf diese Begriffe bzw. auf bloßes Kindbleiben reduzieren. "Den geistigbehinderten Erwachsenen verstehen heißt, seinen Grundbedürfnissen näher kommen. ... Es dürfte eine nachgerade triviale Einsicht sein, dass diese Grundbedürfnisse allen Menschen gemeinsam sind ... Unterschiede sind keine Wesensunterschiede, sondern solche der persönlichen Ausprägung auf Grund konstitutioneller, vor allem kognitiver und kommunikativer Erschwerung und Blockierung."[117]

Die Grundbedürfnisse, die allen Menschen - ob behindert oder nicht - gemeinsam sind, hat Thomae folgend formuliert:

  • Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. "Ja, weil ich immer Techniker sein will".

  • Das Bedürfnis, als Mitmensch angesehen zu werden. "Ja. Dass man halt die Gemeinschaft auch kennen lernt, eine andere vielleicht. Das halt ist für mich irgendwie schön."

  • Das Bedürfnis nach Liebe, Zuwendung und Geborgenheit. "Ich möchte halt gerne eine Freundin, aber ich finde einfach keine."

  • Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.[118]"Ja, bei den WG-Zeiten muss ich da sein. Sonst kann ich tun und lassen, was ich will."

Erst wenn diese "vereinfachte" Form des Erwachsenenbegriffs mehr in das Bewusstsein der Bezugspersonen und der Gesellschaft vordringt, ist auch für geistig behinderte Menschen Erwachsensein erfahrbar. Wird ihnen Erwachsensein zugestanden, wird es auch selbstverständlich, dass sie selbständig und selbstbestimmt wohnen und leben. Nipkow hat diese Forderung treffend zusammengefasst: "Das Erwachsenwerden des Geistigbehinderten ist davon abhängig, wie nicht zuletzt wir Nichtbehinderten uns sein Erwachsensein vorstellen. Ein infantilisiertes, isoliertes, marginalisiertes Erwachsensein, das im Grunde kein Erwachsensein ist, erzeugt als Zielvorstellung eine entsprechend infantilisierende,

isolierende, marginalisierende pädagogische Praxis gegenüber dem Heranwachsenden und verhindert Erwachsenwerden, wie es vielleicht doch sein und erreicht werden könnte. Wir müssen uns fragen, wieweit nicht der Behinderung der Geistigbehinderten auf diese Weise eine zweite Behinderung von uns hinzugefügt wird."[119]



[103] Vgl. J. Walter, Pubertätsprobleme bei Jugendlichen mit geistiger Behinderung, in: Sexualität und geistige Behinderung, a.a.O., S. 171.

[104] Vgl. D. Niedecken, Namenlos. Geistig Behinderte verstehen. 1989. S. 68-71.

[105] Ebenda, S. 72.

[106] Adriano Milani Comparetti absolvierte eine umfangreiche Fortbildung als Arzt für Pädiatrie, Neurologie, Psychiatrie und Physiater, d.h. Facharzt für überwiegend krankengymnastische Therapiemaßnahmen. Wissenschaftlich beschäftigte er sich neben anderem mit ganzheitlichen Rehabilitationskonzepten. In seinem Buch "Von der ‚Medizin der Krankheit' zu einer ‚Medizin der Gesundheit'" hat er ein Konzept einer am Kind orientierten Gesundheitsförderung erstellt.

[107] A. Milani Comparetti, Von der "Medizin der Krankheit" zu einer "Medizin der Gesundheit". Entnommen aus der Dokumentation von E. Jannsen / H. von Lüpke (Hrsg.): Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit. 1996. S. 16-27.

[108] J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen. 1987. S. 29.

[109] W. Lenz, Grundlagen der Erwachsenenbildung. 1979, in: Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 30.

[110] Vgl. J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, a.a.O., S. 33.

[111] F. Pöggeler, Handbuch der Erwachsenenbildung, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 34.

[112] Haeffner, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 35.

[113] Ebenda, S. 36.

[114] I. Kant ,1783, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 38.

[115] J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, a.a.O., S. 37.

[116] Ebenda, S. 58f.

[117] O. Speck, Erwachsenenbildung bei geistiger Behinderung, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 88.

[118] Vgl. I. Thomae, Bedürfnisse und Wünsche geistig behinderter Menschen zu ihrer Lebenssituation, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 88.

[119] E. Nipkow, Beschützen und Freigeben, in: J. Walter / A. Hoyler-Herrmann, Erwachsensein und Sexualität in der Lebenswirklichkeit geistigbehinderter Menschen, a.a.O., S. 89.

7 Selbständigkeit und selbstbestimmung als zielvorstellungen des abw

Selbstbestimmung ist das Schlagwort in der heutigen Behindertenhilfe und wird als geradezu selbstverständliche Zielsetzung beinahe jeder Praxis in der Arbeit mit behinderten Menschen genannt. Oft wird Selbstbestimmung in einem Atemzug mit Selbständigkeit genannt - als würden beide Begriffe dasselbe bedeuten. Oft auch wird Selbständigkeit als Voraussetzung für Selbstbestimmung betrachtet. Dieser Sichtweise unterliegt in großen Teilen das Konzept des ABW. Will man aber der Selbstbestimmung intellektuell beeinträchtigter Menschen gerecht werden, ist eine klare Unterscheidung der zwei Begriffe notwendig. Haeberlin hat mit Rücksicht auf eine realitätsnahe Betrachtung die beiden Begriffe wie folgt definiert: "'Selbständigkeit' als optimale Unabhängigkeit von Unterstützung ist ein objektiver Tatbestand und als solcher beobachtbar und messbar. ‚Selbstbestimmung' hingegen ist ein subjektives Lebensgefühl und als solches nicht beobachtbar und messbar. ‚Selbständigkeit' ist durch geplante Ausbildung optimierbar... ‚Selbstbestimmung' hingegen als individuell erfassbares Lebensgefühl ist nicht im gleichen Sinn durch (sonder-) pädagogische Maßnahmen machbar. Denn diese haben notwendigerweise immer eine fremdbestimmte Komponente, die im Widerspruch von Selbstbestimmung steht."[120]

7.1 Selbständigkeit ist machbar

Ein vorrangiges Ziel des ABW ist das Erreichen von Selbständigkeit. Selbständigkeit ist umgangssprachlich als ein Leben ohne fremde Hilfe zu verstehen. Selbständigkeit im Sinne des ABW bedeutet, dass geistig behinderte Menschen die Fähigkeit erlangen, die alltäglichen Anforderungen selbst zu bewältigen oder, wo es ihnen nicht möglich ist zu wissen, wo sie Hilfe bekommen können. Daran schließt sich meist die trügerische Ansicht, dass derjenige über mehr Selbstbestimmung verfügt, der auf möglichst wenig Hilfe angewiesen ist und so viel wie möglich selbst machen kann.

Da das Konzept des ABW von der Zielvorstellung der Selbstbestimmung getragen ist, sehen viele ambulante Dienste und Initiativen ihre vorrangige Aufgabe darin, ihren KlientInnen möglichst viel Selbständigkeit beizubringen. Sie "... fühlen sich berufen, ihm (dem geistig behinderten Menschen, Anm. der Autorin) das Leben gründlich ‚beibringen' zu müssen".[121] Wie Haeberlin richtig festgestellt hat, ist Selbständigkeit durch pädagogische Maßnahmen machbar und kann erlernt werden. Selbständige Fähigkeiten, die die BewohnerInnen des ABW am Anfang vor allem erlernen müssen, sind Kochen, das Zimmer in Ordnung halten, Putzen, Wäsche waschen - was in einem Haushalt eben anfällt. Machbar wird diese Selbständigkeit, indem z.B. ein Dienstplan erstellt wird, der eingehalten werden muss. Die Selbständigkeit der KlientInnen wird durch eine geplante Ausbildung optimiert. Die Wichtigkeit, die den erlernten Fähigkeiten zugemessen wird, ist auch in den Interviews immer wieder zum Vorschein gekommen:

B: Ja, ich hab halt gelernt einfach. Kochen hab ich schon ein bisschen was können aber das andere halt nicht, zusammenräumen und sonst irgend etwas.

C: Weil ich mach jetzt selbständig meine Putzdienste, selbständig mach ich meinen Waschplan, ich mach alles selbständig.

C: Ja, dass ich mein Zimmer jetzt sauber wisch, das hat sich geändert. Und dass ich die Wäsche, die Gemeinschaftswäsche sauber mach. Das hat sich auch verändert.

Es ist unbestreitbar, dass Fähigkeiten wie Kochen, Putzen, Waschen etc. für ein selbständiges Leben wichtig sind. Trotzdem steckt in der Förderung solch einer Selbständigkeit die Tendenz, Menschen mit einer geistigen Behinderung an die "Normalität" anzupassen. Sie werden auf ein von der Umwelt vorgegebenes Leitbild hin erzogen. Damit wird deutlich, dass auch die Anbieter von ambulanten Diensten dem "klassischen" Verständnis von Erwachsensein unterliegen. Das ist insofern verständlich, als sich ihre gesellschaftliche Berechtigung davon ableitet: Indem den BewohnerInnen ein möglichst hoher Grad an Selbständigkeit "angelernt" wird, wird dem Alltagsverständnis von "Erwachsenheit" entsprochen. Damit wird das Konzept des ABW vor der Gesellschaft teilweise legitimiert, weil es die Gesellschaft für gut befindet, wenn die geistig behinderten Menschen auch ein bisschen etwas lernen und ein bisschen selbständig sind.

Diese Sicht von Selbständigkeit orientiert sich an dem, was dem geistig behinderten Menschen fehlt, an seinen Defiziten. Sie ist mit dem Menschen so, wie er ist, nicht zufrieden und will ihn verbessern. Wird Selbständigkeit in diesem Sinn als Voraussetzung für Selbstbestimmung gesehen, kann von Selbstbestimmung nicht gesprochen werden. Denn wie Haeberlin festgestellt hat, ist Selbstbestimmung nicht durch pädagogische Maßnahmen machbar.

Eine andere Herangehensweise an Selbständigkeit und Selbstbestimmung bietet der "Anthropologische Dreischritt" von Helmut Walther. Er basiert auf dem Empowerment-Konzept, dass gerade der defizitorientierten Betrachtung des Menschen eine Absage erteilt und seine Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt.

7.1.1Selbstverantwortung - Selbstleitung - Selbständigkeit

Walther hat Selbstbestimmung als einen anthropologischen Dreischritt dargestellt. Zu diesem Dreischritt zählt er auch die Selbständigkeit - nicht jedoch als Voraussetzung für, sondern als Verwirklichung von Selbstbestimmung. Nach Walther setzt sich Selbstbestimmung aus drei Komponenten zusammen: Selbstverantwortung, Selbstleitung und Selbständigkeit.

a) Selbstverantwortung

Selbstverantwortung ist grundsätzlich in jedem Menschen vorhanden. Es ist eine "konstitutive Bedingung des Menschseins".[122] Selbstverantwortung besteht zuerst darin, etwas zu wollen. "Der Ursprung jeder Selbstbestimmung kann nur im Willen des Menschen verortet werden. Was den Willen ausmacht, ist die Unabhängigkeit und Freiheit von jeglichem Äußeren."[123] Indem die Person ihren Willen verwirklicht, schafft sie eine neue Wirklichkeit. Zu dieser neuen Wirklichkeit muss sie in Beziehung treten, sie muss sie verantworten und zu ihr stehen. Das ist nur dann möglich, wenn die Person zu sich selbst steht und sich selbst annehmen kann. Selbstverantwortung beinhaltet neben dem Wollen auch die Fähigkeit, zu sich selbst zu stehen und aus möglichen Fehlern zu lernen.

b) Selbstleitung

Selbstleitung schließt sich an die Selbstverantwortung an. Selbstleitung besteht darin, auszuwählen und zu entscheiden. Dazu werden Wissen, Informationen, Kenntnisse über sich selbst, über andere, über Zusammenhänge benötigt. Erst dann kann ausgewählt und entschieden werden. Grundlage jeder Auswahl und Entscheidung ist aber das Wollen.

c) Selbständigkeit

Selbständigkeit schließlich ist die praktische Umsetzung der Selbstleitung. Im Handeln und Tun wird die vorher getroffene Entscheidung realisiert. Dieser Schritt ist der umfassendste, da er das Wollen und das Entscheiden beinhaltet. Für Walther verwirklicht sich im Handeln und Tun Selbstbestimmung.[124]

Selbständigkeit wird nach dem Konzept von Walther nicht angelernt, sondern von den Personen selbst erarbeitet. Im ABW durch die Unterstützung der AssistentInnen, die bei Bedarf ihre Hilfe anbieten. Dass auch das Annehmen von Hilfe ein wichtiger Schritt zum Erlernen von Selbständigkeit ist, zeigt die Aussage einer Interviewpartnerin:

"Ja, das halt einfach, dass wenn du in einer WG wohnst, halt alles, ja, wenn du lernen magst oder willst und wenn du eine eigene Wohnung haben willst oder wenn du nicht so gut bist, dass es dir dann halt wer lernt - da ist ja auch praktisch. ... "Ja. Weil ich hab ja früher auch keine Hilfe angenommen. Das war ja für mich ein eigenes Kapitel. Das war... ich hab einmal daheim gelernt, dass man keine Hilfe annimmt und dass man alles selber machen muss. Aber ja, jetzt versuch ich das halt auch. Es ist schwierig, überhaupt wie ich den Bandscheibenvorfall gehabt hab. Das war ganz schwierig."

Dieses Beispiel macht aber auch ganz deutlich, was Walther als "ich-nahe" und "ich-ferne" Tätigkeiten bezeichnet. Zu den ersten zählt er das Wollen, das Verantworten, das Sich-Wählen. Für ihn sind dies Handlungen, die zentral für den Menschen sind und eine Person erst ausmachen. In diesem Fall ist es der Wunsch, einmal allein in einer eigenen Wohnung zu leben. "Ich-ferne" Tätigkeiten sind für Walther das Wissen und das Können. Sie sind Instrumente, mit denen das Wollen verwirklicht wird. "Wollen, Verantworten und Sich-Wählen sind Triebfedern des Menschen und daher viel bedeutungsvoller für die Person als Wissen und Können."[125] Daraus leitet sich ab, dass AssistentInnen vorrangig für die "ich-fernen" Tätigkeiten zuständig sind. Sie können Informationen, Wissen und auch Lösungsvorschläge anbieten. AssistentInnen sollen behilflich sein, Können auf Wunsch der KlientInnen anzueignen. Es geht darum, Willensäußerungen der BewohnerInnen wahrzunehmen und ernst zu nehmen und die nötige Hilfe anzubieten. Anbieten bedeutet, Wahlmöglichkeiten und somit Raum für Selbstbestimmung zu geben.

7.2 Selbstbestimmung

Selbstbestimmung geht von einem humanistischen Menschenbild aus. Sack schreibt, dass der Mensch mit geistiger Behinderung ein einzigartiges Individuum mit einer einzigartigen Biographie ist: "Neben der Einzigartigkeit ist die Annahme der Fähigkeit, Entscheidungen für sich selbst treffen zu können, wesentliches Merkmal dieses humanistischen Menschenbilds."[126]

7.2.1 Selbstbestimmung als dialogischer Prozess

Liest man manche Erfahrungsberichte von Menschen, die ambulant begleitet Wohnen oder manchen Text von Mitgliedern der Krüppelbewegung hat man das Gefühl, dass Selbstbestimmung bedeutet, tun und lassen zu können, was man will. Ein Beispiel, dass diese Einstellung verdeutlicht, habe ich in einer WG erlebt, in der ich Interviews mit den BewohnerInnen gemacht habe. Als ich in die Wohnung gekommen bin, war gerade ein Streit im Gange. E. hatte seinen Wohnungsschlüssel verloren und wollte sich den Schlüssel von F. ausborgen, um den Müll zu entsorgen. F. wollte den Schlüssel aber partout nicht hergeben und so blieb der Müll weiterhin im Hausflur stehen, obwohl sich die Nachbarn schon beschwert hatten. Es ist kein dramatisches Beispiel und ähnliche Szenen finden alltäglich statt. Aber es zeigt, dass Selbstbestimmung nicht bedeuten kann, tun und lassen zu können, was man will - ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen.

Klaus von Lüpke beschreibt Selbstbestimmung als einen dialogischen Prozess: "Selbstbestimmung heißt dann, - erstens - von anderen so akzeptiert zu werden, wie ich bin, keinem fremdbestimmten Änderungsinteresse ausgesetzt zu sein. Und Selbstbestimmung heißt dann - zweitens -, in ein wechselseitiges Interesse einbezogen zu werden und sich selbst einem wechselseitigen Interesse zu öffnen, das daran interessiert ist, das eigene Wollen und das Wollen des anderen zu verstehen und zu klären, was dem Wohl- und Gutsein dienen könnte."[127] Selbstbestimmung beinhaltet die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können. Sie erfährt jedoch dort ihre Grenzen, wo die Freiheit eines anderen Menschen eingeschränkt wird. Selbstbestimmung kann darum nicht von Selbstverantwortung getrennt werden. Entscheidungen zu treffen bedeutet auch, Verantwortung für sich und seine Mitmenschen zu übernehmen.

7.2.2 Selbstbestimmung als subjektives Lebensgefühl

Wenn Selbstbestimmung als Zielvorstellung des ABW genannt wird, kann leicht der Eindruck entstehen, dass Selbstbestimmung machbar ist. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn Selbstständigkeit als Voraussetzung für Selbstbestimmung erachtet wird. Dann scheint es wirklich so zu sein, als würden die BewohnerInnen im ABW zu selbstbestimmten Menschen gemacht. Gerade dieser Eindruck sollte jedoch vermieden werden.

Haeberlin hat Selbstbestimmung als ein subjektives Lebensgefühl bezeichnet, das nicht durch pädagogische Fördermaßnahmen "gemacht" werden kann. Selbstbestimmung ist darum nicht beobachtbar und nicht messbar. Selbstbestimmung soll als Sichtweise verstanden werden, die die Pädagogik des Förderns ablöst. Denn die Pädagogik des Förderns hat notwendigerweise immer eine fremdbestimmte Komponente, die im Widerspruch von Selbstbestimmung steht.

AssistentInnen im ABW sollten sich deshalb gleich von der falschen Hoffnung verabschieden, den BewohnerInnen Selbstbestimmung lernen zu wollen. Diese müssen sich die BewohnerInnen selbst aneignen. Das können sie dann, wenn die Aneignungsräume frei von institutionellen Zwängen und frei von fachlicher Bevormundung sind.

Zusammenfassend lässt sich mit Gusti Steiner sagen, dass Selbstbestimmung nie ein Alles-oder-Nichts-Prinzip oder gar ein Synonym zu Selbstverwirklichung ist: "Selbstbestimmung heißt, sich für eine Möglichkeit zu entscheiden und zwar in Abwesenheit institutionalisierter Zwänge und bevormundender Fachlichkeit. Das ist die Definition, die rehistorisiert und radikalisiert gemeint ist und die es gilt, im Leben eines Individuums über Assistenz oder mit Assistierender Hilfe zu verwirklichen. Kein Mensch auf dieser Welt - gleich ob behindert oder nichtbehindert - ist gänzlich selbstbestimmt. Aber für behinderte Menschen ist entscheidend, dass in der Aneignung von Selbstbestimmung Fremdbestimmung und Bevormundung keine Rolle spielen."[128]



[120] U., Haeberlin, Selbständigkeit und Selbstbestimmung für alle - pädagogische Vision und gesellschaftliche Realitiät, in: W. Baudisch (Hrsg.), Selbstbestimmt leben trotz schwerer Behinderung. Schritte zur Annäherung an eine Vision. 2000. S. 19.

[121] H. Walther, Selbstverantwortung - Selbstbestimmung - Selbständigkeit, in: Bundesvereinigung Lebenshiolfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. (Hrsg.), Vom Betreuer zum Begleiter, a.a.O., S. 71.

[122] R. Sack, a.a.O., S. 111.

[123] H. Walther, a.a.O., S. 82.

[124] Ebenda, S. 82f.

[125] Ebenda, S. 84.

[126] R. Sack, a.a.O., S. 122.

[127] Klaus von Lüpke, zitiert nach R. Sack, Normalisierung der Beziehungen, a.a.O., S. 106.

[128] G. Steiner, Selbstbestimmung und Persönliche Assistenz, in: Mobile - Selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz, a.a.O., S. 42.

8 Auswertung der Interviews anhand der drei Forderungen Bollnow's zum wahren wohnen

Wie schon im dritten Kapitel beschrieben, hat Bollnow für das wahre Wohnen drei Forderungen aufgestellt. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch sich nur dann verwirklichen und finden kann, wenn er sich diesen Forderungen stellt. Ich möchte diese drei Forderungen noch einmal in Erinnerung rufen:

  1. Die erste Forderung richtet sich darauf, sich einen Eigenraum der Geborgenheit zu schaffen. Hat der Mensch diese Möglichkeit nicht, ist er ein ewig Heimatloser und ein ewig Haltloser.

  2. Die zweite Forderung richtet sich auf die Gefahr, sich im Eigenraum abzukapseln. Sie fordert also, die bedrohliche und gefährliche Außenwelt voll in das Leben einzubeziehen und die Spannung zwischen diesen zwei Welten auszuhalten, in der sich allein menschliches Leben erfüllen kann.

  3. Daran schließt sich die dritte Forderung. Bollnow glaubt, dass der Mensch seinen naiven Glauben an die Festigkeit des eigenen Hauses, der eigenen Wohnung überwinden und Vertrauen fassen muss zu der Außenwelt. Dadurch verliert dieser bedrohliche Raum seinen gefährlichen Charakter und wird selber wieder zum bergenden Raum.[129]

Ich werde im Anschluss die Forderungen einzeln durchgehen und die wichtigsten Sequenzen der Interviews in Relation zu der jeweiligen Forderung stellen.

Forderung 1:

Der Mensch muss sich einen Eigenraum der Geborgenheit schaffen. Hat der Mensch diese Möglichkeit nicht, ist er ein ewig Heimatloser und ein ewig Haltloser.

Aus den Interviews geht deutlich hervor, dass einige der Befragten Heimatlosigkeit und Haltlosigkeit erleben mussten und dass dies Erfahrungen waren, die ihr ganzes Leben geprägt haben.

D: "Ja, ja. In Vorarlberg. Da bin ich neun Jahre in die Schule gegangen, in Schlins. Und nachher hat man mich nach Mils hinaufgetan und dann hat es nicht mehr hingehaut, weil da die Klosterschwestern so bös waren und da haben sie die Kinder so hergeschlagen. Das haben sie auch angezeigt. Nachher bin ich halt abgehaut, dann haben sie mich nach Hall hinuntergetan und von Hall bin ich dann später auf Ried hinaufgekommen und da hat es mir auch nicht gefallen, in dem Heim, weißt. Und die wollten mich wieder auf Hall tun ... da hab ich ein Glück gehabt, dann bin ich auf Strengen gekommen. Und dann später auf Mentlberg, weißt, weil die L. mich da eben schon einmal vorgestellt hat. Ja ... aber ich bin in mehr Heimen gewesen. In Fügen bin ich gewesen, ja. ... In Fügen bin ich gewesen, das war so ein Erziehungsheim, aber da war ich noch klein, weißt. Warum ich da hineingekommen bin, weiß ich auch nicht. Das kann ich jetzt auch nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Mutter fünf Mal verheiratet war und dann bin ich noch von einem Heim zum anderen gekommen und das ist auch nicht richtig ..."

D: "Weißt eh, weil immer haben die Leute auch nicht Zeit und schau, man wird ja älter auch, drum. Um das geht es mir auch. Weil ich will ja dann nicht in ein Heim, wenn ich nicht mehr kann. Das weiß ich ja nicht."

A: "Ich bin auf der einen Seite, dass es eine Wohngemeinschaft gibt, dass man da seinen Ort hat und sein Leben hat und dass man da bleiben kann und dass mein, mhm, ja..."

Umso wichtiger scheint nun für sie ihr eigenes Zimmer bzw. ihre eigene Wohnung zu sein. Das wurde für mich auch daran ersichtlich, dass die BewohnerInnen beim Verlassen der Wohnung ihr Zimmer immer zusperren. Dort ist ihre Privatsphäre, die niemand ohne ihr Einverständnis betreten darf. Dort ist der Ort, der ihnen ihre ganz persönliche Freiheit gibt.

B: "Ja, daheim. Also ich bin gerne in der WG, weil ich da mein eigenes Zimmer hab und da kann ich tun und machen, was ich will."

Auffallend war für mich, dass bei den Interviewpartnerinnen, die in einer WG wohnen, wirklich nur das eigene Zimmer als Raum der Geborgenheit angesehen wird, nicht aber die Wohnung an sich. Sie fühlen sich auch nicht als "Mitbesitzerinnen" einer Wohnung. Vielmehr hat es den Anschein, als ob sie das Leben in der WG als notwendiges "Übel" hinter sich bringen müssen, damit sie später dann alleine wohnen können.

I: "Hast du das Gefühl, dass das jetzt deine Wohnung ist?

A: Ja, die gehört uns allgemein. Ja, ja Andrea."

I: "Möchtest du gerne einmal alleine wohnen?

C: Mhm.

I: Kannst du dir das auch vorstellen?

C: Mhm. Ich hab zum C. schon gesagt, dass ich noch herinnen bin dieses und nächstes Jahr, aber dann ab."

A: "Ja, eben, meine eigene Wohnung. Ich hab noch keine eigene Wohnung bis jetzt.

I: Ja aber, das ist doch eure eigene Wohnung?

A: Ja, ja. Eine eigene Wohnung ist das noch lange nicht, weil mehr Leute zusammenwohnen müssen, weißt.

I: Aber du hast ein eigenes Zimmer.

A: Ja, ein eigenes Zimmer, ja, ja."

Die Aussage dieser Interviewpartnerin ist umso bedeutender, weil sie gar nicht vorhat, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Obwohl sie nun schon fünf Jahre in der WG lebt, kann sie die Wohnung als ganzes nicht als Eigenraum erfahren. Auch der Interviewpartner, der schon über zwölf Jahre in seiner Garconniere wohnt und Miete bezahlt, antwortete auf meine Frage, wie lange er schon in seiner eigenen Wohnung lebt:

D: Zwölf Jahre. Aber die gehört nicht mir, weißt, die Wohnung gehört dem H., da kann ich lei wohnen.

I: Aber sie ist gemietet?

D Ja, ja, schon.

Die Antwort entspricht rein objektiv gesehen den Tatsachen. Trotzdem sollte man meinen, dass jemand nach zwölf Jahren nicht mehr sagt: "... da kann ich lei wohnen". Bei diesem Bewohner war es sehr auffallend, dass er um seine Wohnsituation sehr besorgt ist. Einerseits ist die Garconniere für ihn sicher sein Eigenraum, in dem er auch schon einiges erneuert hat. Er bemüht sich auch sehr, nichts mehr "anzustellen", weil er Angst hat, die Wohnung ansonsten zu verlieren - und dann vielleicht wieder in ein Heim zu müssen.

D: "Ja, Blödsinn darf ich keinen machen, weil sonst staucht mich der Sachverwalter zusammen. Das ist einmal passiert. Oder er (gemeint ist der Hausbesitzer) haut mich raus."

D: "Nein, das nicht. Aber es hätte alles brennen können. Eine falsche Sicherung hineingetan. Nachher hat einer kommen müssen ... über 2.000 Schilling kostet. Dann hätt ich die Wohnung nicht mehr lange. Kann ja alles brennen."

Andererseits scheint es gerade für ihn, der in den verschiedensten Heimen aufgewachsen ist und nie die Erfahrung von Heimat gemacht hat, schwierig, sich daheim zu fühlen.

I: "Und fühlst du dich in deiner Wohnung so richtig daheim?

D: Ja, ja. Jetzt bin ich es eh schon gewöhnt."

Die Forderung Bollnow's beinhaltet, sich einen Eigenraum der Geborgenheit zu schaffen. Das bedeutet, dass der Mensch selbst aktiv sein muss, dass er sich Geborgenheit selbst erarbeiten muss. Das beginnt schon damit, dass man sich seinen Eigenraum nach den persönlichen Vorstellungen einrichtet, ihn auch sauber hält. Wieder hat sich in Bezug auf diesen Aspekt gezeigt, dass die Bewohnerinnen der WG sich in ihrem Zimmer Geborgenheit geschaffen haben, indem sie es selbst eingerichtet haben und ordentlich halten. Nicht so in der Wohnung selbst. Ich hatte den Eindruck, dass die Arbeiten, die in einem Haushalt anfallen, mit ziemlichem Widerwillen ausgeführt werden. Weil die übrigen Räume der Wohnung nicht als Eigenraum erfahren werden, scheint auch nicht der Anspruch da zu sein, sich in diesen Räumen selbst Geborgenheit zu erarbeiten. Vielmehr wird dieser Anspruch anscheinend von außen vorgegeben.

I: "Ist es so, dass ihr jeder in der Wohnung verschiedene Dienste habt, hat da jeder etwas zu tun?

A: Ja, da muss man die Badsachen machen und so. Mein das tut die V. entscheiden, das tu ich auch nicht bestimmen, weißt."

I: "Und was hat sich für dich verändert, seit du da bist? Bist du selbständiger geworden?

C: Bin ich, ja. Weil ich mach jetzt selbständig meine Putzdienste, selbständig mach ich meinen Waschplan, ich mach alles selbständig.

I: Hast du das bei dir daheim auch schon getan?

C: Doch.

I: Was hat sich für dich verändert, seit du hier bist? Kannst du ein bisschen erzählen?

C: Ja, dass ich mein Zimmer jetzt sauber wisch, das hat sich geändert. Und dass ich die Wäsche, die Gemeinschaftswäsche sauber mach. Das hat sich auch verändert."

I: "Wenn du noch einmal einziehen würdest. Würdest du dann etwas anders machen als vor drei Jahren?

C: Da würd ich schon was anders machen, ja.

I: Nämlich?

C: Dass ich in der Woche keinen Putzdienst machen brauch.

I: Du putzt also nicht gern?

C: Doch, tu ich schon gern, doch."

Betrachtet man die Forderung Bollnow's in einem größeren Zusammenhang, kann jedoch sehr wohl bejaht werden, dass die Bewohnerinnen der WG selbst aktiv und auf dem Weg sind, sich einen Eigenraum der Geborgenheit zu schaffen. Ihr Ziel ist es, einmal allein zu wohnen. Die eigene Wohnung soll der wahre Eigenraum der Geborgenheit werden und auf dieses Ziel arbeiten und lernen die Befragten aktiv hin.

B: "Ja, das halt einfach, dass wenn du in einer WG wohnst, halt alles, ja, wenn du lernen magst oder willst und wenn du eine eigene Wohnung haben willst oder wenn du nicht so gut bist, dass es dir dann halt wer lernt - da ist ja auch praktisch.

I: Dass man die Hilfe auch annimmt?

B: Ja. Weil ich hab ja früher auch keine Hilfe angenommen. Das war ja für mich ein eigenes Kapitel. Das war... ich hab einmal daheim gelernt, dass man keine Hilfe annimmt und dass man alles selber machen muss. Aber ja, jetzt versuch ich das halt auch. Es ist schwierig, überhaupt wie ich den Bandscheibenvorfall gehabt hab. Das war ganz schwierig."

B: "Ja, ich hab halt gelernt einfach. Kochen hab ich schon ein bisschen was können aber das andere halt nicht, zusammenräumen und sonst irgend etwas. Weil das war bei uns unten nicht so. Und das Leben irgendwie anders zu meistern, halt auch.

I: Aber für dich besser?

B: Ja, für mich schon besser."

I: "Hast du jetzt das Gefühl, dass du über dein Leben wirklich selber entscheiden kannst? Was du willst und was du nicht möchtest?

B: Da muss ich noch manchmal viel dazulernen. Aber es geht eigentlich schon, ja.

I: Also, besser als wie vorher?

B: Besser schon als wie vorher."

Forderung 2:

Der Mensch soll sich nicht im Eigenraum einkapseln. Er muss die bedrohliche und gefährliche Außenwelt voll in das Leben einbeziehen und die Spannung zwischen diesen zwei Welten aushalten, in der sich allein menschliches Leben erfüllen kann.

Ich hatte bei keinem meiner InterviewpartnerInnen das Gefühl, dass sie sich einkapseln - im Gegenteil. Vielmehr wagen sich die einen etwas vorsichtiger, die anderen jedoch mit vollem Tatendrang in die Außenwelt. Wahrscheinlich auch, weil ihnen die Außenwelt lange Zeit durch die Eltern, durch ihre Bezugspersonen, durch die Heime vorenthalten worden ist.

B: "Da hast du dann ein bisschen vielmehr gelernt da, eigentlich da. Weil unten hab ich nicht so viel lernen können. Hat meine Oma halt nicht lassen. Weil sie halt auch damals noch für mich angesehen hat als Kind oder ich weiß auch nicht."

C: "Besser, ja. Weil bei meiner Mutter hab ich ja nicht tun dürfen, was ich will."

Wenn die BewohnerInnen in eine WG einziehen, ist diese selbst für sie schon eine Art Außenwelt, die sie tagtäglich in ihr Leben mit einbeziehen müssen. Viele kommen in eine fremde Gegend, leben mit fremden Menschen zusammen, haben fremde AssistentInnen. Während sie sich erst daran gewöhnen müssen, einen Eigenraum der Geborgenheit zu haben, sind sie parallel dazu mit lauter Neuem konfrontiert. Dass das nicht leicht ist, haben die Interviewten auch zum Ausdruck gebracht.

B: "... Wie ich eingezogen bin, Andrea, habe ich mich hinten und vorne nicht ausgekannt, weil ich hab zuerst ein anderes Zimmer gehabt und das ist mir zu klein gewesen, das hat mir nicht gepasst und dann hab ich gesagt "Wenn ich das Zimmer jetzt krieg" und dann haben wir übersiedelt und haben das alles zu mir herüber getan und das haben wir nachher gemacht.

I: Und was war da für dich so schwer, wie du eingezogen bist, was war da anders?

A: Ja, das war so anders. Einmal die Leute kennen lernen, es war die E. schon da, es ist jetzt die M. mit mir eingezogen und es war schon anders, ja. Ich hab mich auch nicht so richtig wohl gefühlt am Anfang, aber jetzt geht es super.

I: Und ihr versteht euch auch gut?

A: Ja, nicht gar so, nicht immer, na.

I: Wenn du jetzt noch einmal einziehen würdest, würdest du da irgend etwas anders machen?

A: Ja, da ist schwierig. Schwierig. Ja, das ist schwierig."

I: "Und was war für dich am Anfang besonders schwer, wie du eingezogen bist.

B: Mit den Leuten umzugehen. Mit der Wohnung umzugehen und mit meinem Zimmer umzugehen. Mit dem ganzen, dass ich jetzt weg bin und dass ich nicht auf die Oma schauen muss. Also das ist halt das gewesen. Da hab ich länger gebraucht, halt zumindest."

Die Erzählungen der Interviewten zeigen auch ganz deutlich, dass jeder und jede schon verschiedenste Erfahrungen mit der Außenwelt gemacht hat - gute und schlechte. Man kann den Stolz heraushören, wenn sie alleine etwas "geschafft" haben.

I: "Und was hast du alles lernen müssen, wie du in die Stadt gekommen bist?

C: Ja, am Anfang hab ich mich überhaupt nicht mehr ausgekannt, wo ich hin muss. Am Anfang hab ich mich nicht ausgekannt.

I: Aber du hast zurückgefunden?

C: Ich hab zurückgefunden, ja. Am Anfang bin ich mit einer Freundin von mir am Fischmarkt gewesen. Am Anfang!"

C: "Nein. Mein Leben hat sich sehr verändert, weil jetzt hab ich auch eine Arbeitsstelle gefunden."

C: "Nein, ich bin allein hingefahren. Gestern bin ich hingefahren und der eine ist dann nachgekommen, mein Betreuer. Da hab ich es mir zuerst angeschaut, dass ich schau, wo ich umgeh, an welcher Stelle. Aber wenn ich es mir da nicht angeschaut hätte, wär ich nicht hinausgekommen, dann hätte ich es nicht gefunden."

Aber genauso kann man die Enttäuschung erkennen, wenn etwas nicht in Erfüllung gegangen ist.

D: "... Dann hab ich es einmal da bei der Spira (Fernssehsendung "Liebesgeschichten und Heiratssachen") probiert anzurufen, aber da hat sich nie jemand gemeldet. Mit der Betreuerin haben wir einmal hinunter geschrieben, unmöglich. Weil da muss das ORF hier mithelfen, sonst geht das gar nicht.

I: Fühlst du dich manchmal einsam?

D: Ja, ab und zu. Ich bin schon oft bei Leuten eingeladen und so, das schon. Aber ... das ist echt schwierig. Ich rede mit vielen Leuten, aber dass mir einmal eine zulauft, das ist... Ja und es muss ja zusammenpassen, weißt, drum. Und eine zwingen kann man auch nicht. Ich hab einmal gehört, dass die von selber kommen sollen, aber bis jetzt ist mir das noch nie passiert ... ja. Weil ich bin oft viel in der Stadt und so ... aber eine finden, das ist unmöglich."

Die Interviewten wurden mit den Vorgaben der Außenwelt auch schon unangenehm konfrontiert. Sie mussten lernen, was erlaubt ist und was nicht, was gesellschaftlich als gut oder weniger gut angesehen wird, was gefährlich sein kann für sich selbst und andere. Besonders eindrucksvoll zeigt das die Erzählung des männlichen Interviewpartners.

D: "... Weißt, früher hab ich immer mit Strom herumgebastelt und so Zeug, dass es geknallt hat. Ja, weil ich immer Techniker sein will. Und letztes Jahr habe ich da draußen bei den Sicherungen da draußen herumgebastelt und nachher hat es auch...

I: Einen Knall gemacht?

D: Nein, das nicht. Aber es hätte alles brennen können. Eine falsche Sicherung hineingetan. Nachher hat einer kommen müssen ... über 2.000 Schilling kostet. Dann hätt ich die Wohnung nicht mehr lange. Kann ja alles brennen. ... Ja und mit den Telefonen früher mit Viertelanschluss, Telefone abgehört und wie man gratis telefoniert, hab ich einmal ... weißt früher einmal.

I: Echt?

D: Ja, wo wir einen Viertelanschluss gehabt habe, da hat man können umschließen, weißt, umklemmen. Ja, weil das hab ich von der Störung... (die folgenden Worte könnte ich nicht verstehen) Weil ich hab oft herumgebastelt und dann hab ich hundertmal die Störung oben gehabt und dann hat der Sachverwalter mir einmal das Telefon gesperrt, nicht. Und durch den Viertelanschluss hab ich irgendwie einmal den Trick gewusst, wie man gratis telefoniert. Da hat der eine (gemeint ist der Hausnachbar) 6.000 Schilling oben gehabt, in dem Haus. Ja, da (gemeint sind die anderen Hausbewohner) haben sie auch Rechnungen gehabt ... im Ganzen wäre es ja mehr gewesen. Aber er hat mich nicht angezeigt, weil er mich gekannt hat ... da oben. Und dann ist die Post gekommen und dann haben sie die Viertelanschlüsse alle weg getan. Und nachher hab ich da draußen herumpoliert gehabt, um zwei in der früh hab ich den Hauptkasten aufgemacht und wollte da etwas herumbasteln. Nachher hat mich der Hausherr erwischt ... ich hab zuerst gemeint, die Post steht da draußen. Mah, da hat er aber gemault ... und der Deckel war zu. Ja, ja, so wars."

Für viele mag dieses Beispiel als Bestätigung dafür dienen, dass intellektuell beeinträchtigte Menschen nicht alleine wohnen können. Für mich zeigt dieses Beispiel aber gerade, dass sich menschliches Leben darin erfüllt, wenn man die Möglichkeit hat, eigene Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen.

Forderung 3:

Der Mensch muss seinen naiven Glauben an die Festigkeit des eigenen Hauses, der eigenen Wohnung überwinden und Vertrauen fassen zu der Außenwelt. Dadurch verliert dieser bedrohliche Raum seinen gefährlichen Charakter und wird selber wieder zum bergenden Raum.

Die dritte Forderung Bollnow's lässt sich mit den Aussagen der Interviewpartner insofern nicht in Relation setzten, als keiner und keine von ihnen einen naiven Glauben an die Festigkeit des eigenen Zimmers bzw. der eigenen Wohnung hat. Ich denke, dass jeder und jede von ihnen in irgend einer Form Heimatlosigkeit erlebt hat. Entweder sie sind in Heimen aufgewachsen oder sie sind nach dem Tod der Mutter plötzlich allein dagestanden und bei wieder anderen "gibt" es anscheinend keine Eltern. Insofern hegt keiner und keine einen naiven Glauben an die Festigkeit der eigenen Wohnung, weil sie wissen, was Heimatlosigkeit ist. Vielleicht haben sie deshalb auch weniger Angst vor der Außenwelt.



[129] Ebenda, S. 310.

9 Schlussbetrachtung

"Mensch sein ... heißt wohnen."[130] Diese Aussage von Martin Heidegger habe ich mir während des Entstehens der Diplomarbeit immer wieder vor Augen geführt, da ich mich nicht in einer Aufzählung über die verschiedensten Wohnformen von geistig behinderten Menschen verlieren wollte. Mein Anliegen war es, neben den verschiedenen Wohnformen auch gesellschaftliche Hintergründe aufzuzeigen. Vor allem aber war es mir wichtig, die Auswirkungen der jeweiligen Wohn- und Lebensform auf den Menschen zu verdeutlichen. Grundlegend für dieses Anliegen war es, das Wohnen in seiner besonderen Bedeutung für den Menschen zu veranschaulichen. Bollnow zeigt mit seinen Überlegungen, dass das Wohnen nicht eine beliebige Tätigkeit neben manchen anderen ist, sondern dass es eine Wesensbestimmung des Menschen ist, die über sein Verhältnis zur Welt im Ganzen entscheidet. Das bedeutet, dass wir erst dann ansatzweise nachvollziehen können, welches Leid geistig behinderten Menschen in den Anstalten widerfahren ist, wenn uns die Wichtigkeit des Wohnens bewusst wird. Bollnow ist davon überzeugt, dass der Mensch einen Raum der Geborgenheit braucht. Hat er solch einen Bereich nicht, ist "der Mensch in der Zufälligkeit eines ‚irgendwo' verloren".[131]

Wie sehr diese Behauptung von Bollnow der Wahrheit entspricht, habe ich im vierten Kapitel beschrieben. Schon im Mittelalter - und wahrscheinlich noch früher - wurden geistig behinderte Menschen an besonderen Orten verwahrt: In den Narrentürmen, in den Zucht-, Korrektions- und Arbeitshäusern, in den Sonderanstalten, den psychiatrischen Anstalten und in den Heimen. Die näheren Ausführungen zu den Häusern und Anstalten und auch Aussagen der InterviewpartnerInnen zeigen, dass all diese "besonderen" Orte der Verwahrung geistig behinderten Menschen keinen Raum der Geborgenheit geboten haben. Die Folgen dieses Mangels hat vor allem der amerikanische Soziologe Erving Goffman aufgezeigt: Verlust des Persönlichkeitsgefühls, Entwickeln von Abwehr- und Anpassungsmechanismen, Aufbau von Wahnvorstellungen etc. Mit seinen empirischen Untersuchungen zum Leben in totalen Institutionen hat Goffman seine zentrale These bestätigt, dass der Mensch vorrangig durch die Institution und nicht durch seine Krankheit bzw. Behinderung geprägt wird. Denn die menschenverachtende Behandlung in den Anstalten beraubt Menschen ihres Selbstwertgefühls, ihrer Selbstbestimmung, ihrer Handlungsfreiheit, ihrer Individualität, ihrer Würde, kurz - ihres "Mensch-Seins".

Umso wichtiger sind darum die Bemühungen der Geistigbehindertenhilfe, alternative Wohnformen anzubieten. Für die fortschrittlichste Wohnform halte ich das Ambulant Begleitete Wohnen. Nicht nur, weil Selbständigkeit und Selbstbestimmung als Zielvorstellungen propagiert werden. Vor allem ist es eine Wohn- und Lebensform, die die Würde geistig behinderter Mensch achtet und "Mensch sein" ermöglicht. Dieser grundlegende Aspekt wird meiner Meinung nach von den Ambulanten Diensten noch zu wenig in den Fordergrund gerückt. Meistens ist in den Informationsbroschüren der Fokus auf die Selbständigkeit, auf das Wahrnehmen von eigenen Wünschen und Zielsetzungen gerichtet. Viel zu selten wird dazu angeregt, über das Wohnen an sich nachzudenken, über die Auswirkungen, die das jeweilige Wohnen auf die Persönlichkeit des Menschen hat. Dann wäre die gesellschaftliche Akzeptanz des Ambulant Begleiteten Wohnens vielleicht auch eine andere. Aus verschiedensten Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass das ABW seine Legitimation von der Gesellschaft vorrangig durch die Zielsetzung der Selbständigkeit erhält: Es wird für gut befunden, dass auch geistig behinderte Menschen etwas lernen, dass sie sich selbst etwas kochen oder auch selbst Wäsche waschen können usw. Trotzdem betrachtet die Gesellschaft geistig behinderte Menschen immer noch als "ewige Kinder", die versorgt werden müssen. Dass es vorrangig die Eltern, die Heime, das Pflegepersonal sind, die intellektuell beeinträchtige Menschen zu "ewigen Kindern" machen, ist kaum im Bewusstsein der Gesellschaft. Und schon gar nicht, dass auch geistig behinderte Menschen grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Sicherheit, Beständigkeit, Geborgenheit, Ungestörtheit, Individualität, Kontrolle, Selbstbestimmung haben, die durch das "richtige" Wohnen zum Teil befriedigt werden können.

Ein weiterer Aspekt des ABW, den ich für sehr fortschrittlich halte, ist das Arbeitsfeld der Assistenz, das auch noch viel zu selten von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Früher gestaltete sich die Beziehung zwischen dem Anstalts- bzw. Pflegepersonal und den geistig behinderten Menschen rein einseitig: Das Pflegepersonal bestimmte, wie der Tagesablauf der Insassen auszusehen hatte, was sie tun durften, wie sie sich verhalten sollten. Die Insassen waren zur Passivität verdammt. Die Beziehung zwischen AssistentInnen und BewohnerInnen des ABW erfordert Aktivität von beiden Seiten und basiert auf einem dialogischen Prozess. Wenn Assistenz vom Gedanken des Empowerment getragen ist, dürfen sich Assistenten und Assistentinnen nicht als ExpertInnen sehen, die immer wissen, was das Beste für den intellektuell beeinträchtigten Menschen ist. Die Sichtweise des Expertentums ist durch das Bild des defizitären Menschen geprägt und achtet nicht die Würde des behinderten Menschen. AssistentInnen, die im Sinne des Empowerment arbeiten, stellen die Stärken und Kompetenzen der geistig behinderten Menschen in den Vordergrund, die diese oftmals für sich selbst zuerst entdecken müssen. Dieser Prozess ist langwierig und braucht viel Geduld von beiden Seiten. Er macht aber deutlich, dass auch geistig behinderte Menschen ihre eigenen Stärken nur im Austausch mit anderen erkennen können. So ermöglicht der Aspekt der Assistenz "Mensch sein", weil er den geistig behinderten Menschen ernst nimmt.

Auch aus den Aussagen der InterviewpartnerInnen konnte ich erkennen, dass sie sich ernst genommen fühlen, dass sie durch die Beziehung mit ihren MitbewohnerInnen und den AssistentInnen persönlich wachsen, dass sie stolz auf sich sind. Am deutlichsten sichtbar wurde für mich das "Mensch sein" an den ganz alltäglichen Erzählungen der BewohnerInnen. Zum ersten Mal erfahren sie die ganze Bandbreite des menschlichen Lebens - mit seinen Höhen und Tiefen, mit seiner Freude und seinen Schattenseiten, mit seiner Verantwortung.

Ich bin davon überzeugt, dass das Ambulant Begleitete Wohnen eine Wohnform ist, die "Mensch sein" ermöglicht. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob es geistig behinderten Menschen jenen Raum der Geborgenheit ermöglichen kann, den Bollnow meint. Auch wenn keiner der InterviewpartnerInnen dorthin zurück möchte, wo er oder sie früher gewohnt und gelebt hat, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie sich daheim fühlen. Irgendwie kamen sie mir immer noch "verloren" vor. Ich denke, wer den beschützenden Raum der Geborgenheit und des Daheims nicht schon als Kind kennen gelernt hat, bleibt in unserer Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad immer "verloren".



[130] M. Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, in: Vorträge und Aufsätze. 1951. S. 141.

[131] Bollnow, a.a.O., S. 274.

Anhang

Leitfaden für das Interview

1. Wie lange leben Sie schon in ihrer eigenen Wohnung?

2. Haben Sie von Anfang an die Dienste des IWO in Anspruch genommen?

3. Wo haben Sie früher gewohnt?

4. Können Sie ein bisschen erzählen, wie es dort war? (Tagesablauf, Wohnsituation, Heimordnung, Besucher, Arbeitsfelder...)

5. Möchten Sie etwas darüber erzählen, warum Sie nicht mehr im Heim, bei der Familie... leben?

6. Fühlen Sie sich hier daheim?

7. Was hat sich für Sie verändert, seit Sie in ihrer eigenen Wohnung leben?

8. Was können Sie nun alles tun, was ihnen vorher nicht möglich war?

9. Finden Sie, dass Sie jetzt wirklich selbst über ihr Leben entscheiden können?

10. Was war für Sie am Anfang besonders schwierig, als Sie in ihre Wohnung eingezogen sind?

11. Gibt es etwas, dass Sie heute anders machen würden?

12. Möchten Sie gerne einmal allein wohnen?

13. Würden Sie anderen Menschen, die in Heimen oder bei ihrer Familie wohnen anraten, auch in eine eigene Wohnung zu ziehen? Warum ja bzw. warum nein?

14. Was ist für Sie persönlich das Schönste am eigenständigen Wohnen und Leben?

Interview mit A., am 24.07.2003

A. ist 44 Jahre alt. Sie wohnt seit 5 Jahren in einer Wohngemeinschaft, zusammen mit 3 weiteren MitbewohnerInnen. Bis zum Tod ihrer Mutter hat sie mit dieser zusammengewohnt. Danach war sie für kurze Zeit in der Nervenheilanstalt in Hall und ist dann in die WG gekommen.

Vor dem Interview hat eine erste Kontaktaufnahme stattgefunden. Die WG-Leiterin hat mir angeboten, zuerst einmal in die WG zu kommen und die Leute kennenzulernen und ihnen mein Anliegen zu unterbreiten. A. war damals die erste in der WG, die sich ziemlich spontan bereit erklärt hat, ein Interview mit mir zu machen. Es war dann von ihrer Seite etwas schwierig, einen fixen Termin auszumachen und ich hatte das Gefühl, dass sie sich doch nicht ganz so sicher ist und eine Möglichkeit "sucht", dem Interview auszuweichen. Schließlich vereinbarten wird dann einen Termin.

Das Interview selbst fand in der WG, im Zimmer von A. statt. Sie öffnete mir die Türe und empfing mich mit den Worten: "Du kommst heute schon?" Ich sagte ihr, dass wir ja für heute ausgemacht hätten, das Interview zu führen und ob es für sie immer noch okay ist. Sie meinte, das ginge schon in Ordnung. Als ich in der Wohnung ankam, war gerade ein Konflikt zwischen A. und ihrem Wohnungskollegen in Gang und ich hatte das Gefühl, gerade in irgend etwas hineingeplatzt zu sein. Auch ging mir durch den Kopf, wie sich dieser Streit wohl auf das Interview auswirken würde. Nach kurzer Zeit gingen A. und ich dann in ihr Zimmer, wo sie zuerst verschiedene Gegenstände ein bisschen umordnete und Platz auf dem Sofa machte. Noch bevor ich überhaupt dazukam, mein Aufnahmegerät auszupacken, mich hinzusetzen und noch einmal kurz zu sagen, was ich in etwa fragen würde, fing A. schon an zu erzählen, wie lange sie schon in der WG wohne, etc. Daraus schloss ich, dass sie sich auf jeden Fall schon vorher einige Gedanken zum Thema gemacht hatte. Ich war unentschlossen, was ich nun tun sollte: Einerseits wollte ich den Redefluss nicht unterbrechen, andererseits konnte ich ihre Erzählung nicht "sinnvoll" einordnen, weil sie an irgend einem Punkt in ihrem Leben begann. Ich packte dann einfach das Aufnahmegerät aus und fragte sie, ob es ihr recht sei, wenn ich es einschalte und knüpfte dann an dem an, was sie zuletzt gesagt hatte, dass sie jetzt 5 Jahre in dieser WG ist.

Das Interview war für mich unglaublich schwierig. Teils weil ich manchmal Probleme hatte, A. zu verstehen. Vor allem aber, weil A. ihre Sätze selten beendete und das von ihr Erzählte zeitlich überhaupt nicht nachvollziehbar war. A. machte oft große Gedankensprünge und antwortete zum Teil widersprüchlich. Manchmal wusste ich überhaupt nicht, von was sie eigentlich sprach und ich war mir nicht immer sicher, ob wirklich alles so passiert war, wie sie es erzählte.

Während des Gesprächs fanden zwei Unterbrechungen statt. Die erste nach ca. drei Minuten, weil A. aufs WC musste. Die nächste Unterbrechung fand nach ca. 10 min statt, als A. aufstand, um sich Kaffee zu holen. Beide Male hatte ich dabei das Gefühl, dass es für A. wichtig war, aus der Interviewsituation "auszubrechen", um ein bisschen Zeit zu gewinnen. Auffällig beim Gespräch war, dass A. immer wieder von Partnern gesprochen hat. Und zwar bei Fragen, die überhaupt nichts damit zu tun hatten. Auch sehr interessant war, dass mich A. mich während des ganzen Interviews nie direkt angeschaut. Erst als es um so unverfängliche Themen wie die Einrichtung ihres Zimmers ging, schaute sie mich an.

Interview:

I: Du bist also seit fünf Jahren in dieser Wohnung?

A: Ja. Ja. Im Jänner bin ich eingezogen und dann war ich teilweise ... also ich wird dir einmal meine Geschichte, meinen Lebenslauf erklären. Ich war fünf Jahre in der ... bei der Mutter, bin ich teilweise bei ihr gewohnt und dann ist die Mama gestorben und ich hab nachher gesagt, ja also... Die V. (ist die WG-Leiterin) hat mich im Jänner genommen und seit dem bin ich eigentlich da. Fünf Jahre bin ich jetzt voll und nächstes Jahr ... Wenn du möchtest kannst du eine Feier haben und dann kannst du zu mir kommen und mit mir feiern.

I: Wieso, was ist nächstes Jahr?

A: Nächstes Jahr ist die 5-Jahres-Feier. Wenn du willst, also. Ich lad dich ein. Auf einen Kaffee, Kuchen und so, Abendessen gibt es auch. Darf ich bitte einmal aufs Klo gehen?

Erste Unterbrechung. Ich habe das Aufnahmegerät ausgeschalten, bis A. wieder zurückgekommen ist.

I: Und wie bist du zu V. oder zum IWO gekommen?

A: Also ich hab mich ein Jahr für die Wohngemeinschaft beworben, weil ich in Hall teilweise war, in der Nervenheilanstalt. Und da bin ich heraus und dann bin ich nachher da her gekommen. Und ich habe mich hinten und vorne nicht ausgekannt mit der Wohngemeinschaft und ich hab gesagt, ich möchte einmal in der Wohngemeinschaft schauen, wie es da tut und so ... und nachher hab ich gesagt "Ja, nimm ich halt" und dann hat die G. zu mir gesagt, ob ich einziehen will und dann sag ich im Jänner wärs eventuell das Zimmer, da hab ich danach das Zimmer gekriegt von .... (die nächsten Worte konnte ich nicht verstehen). Die sind aus und ein gekommen, die Bewohner, weißt eh, dann musst auch ausziehen, alles nicht meine Sache. Und nachher.... (die nächsten Worte konnte ich wieder nicht verstehen) und dann hat sie ("sie" ist die WG-Leiterin) mich genommen.

I: Mhm.

A: Mhm. Ja, ich hab teilweise, am Dienstag hab ich es teilweise so stressig gehabt, weil wir zu viert sind, oder und ich bin um halb fünf heimgekommen, stressig wars und ich sags dir Andrea, dann wollten sie noch einen Pudding und ich hab gesagt "Jetzt mach ich keinen Pudding mehr" weil keine Milch mehr da war und dann hab ich gesagt "Ich mach uns eventuell nächsten Dienstag einen Pudding".

I: Ist es so, dass ihr jeder in der Wohnung verschiedene Dienste habt, hat da jeder etwas zu tun?

A: Ja, da muss man die Badsachen machen und so. Mein das tut die V. entscheiden, da tu ich auch nicht bestimmen, weißt.

I: Fühlst du dich hier jetzt daheim?

A: Ja, eigentlich schon. Ja, ja. Ich sag zu den Leuten oft, wenn ich Dienst mache untertags, die sagen "Du musst jetzt heim", ich kann mich nicht zwingen, ich kann mich nicht zwingen heimzugehen, weißt eh. Ich bin jetzt da mein daheim und ich wohn da.

I: Hast du das Gefühl, dass das jetzt deine Wohnung ist?

A: Ja, die gehört uns allgemein. Ja, ja Andrea.

I: Was hat sich für dich alles verändert, seit du eingezogen bist? Darfst du mehr oder kannst du mehr?

A: Ja, wie soll ich sagen. Also, ich hab voriges Jahr die Kochschule gemacht mit der S. in Wattens. Sie ist die Betreuerin von mir und der M. Und sie ist für mich privat eine Frau, äh, wie soll ich sagen. Sie macht sehr viel für mich. Sie macht, sie macht ... Ich hab zu ihr gesagt "Ich kann nicht einkaufen gehen allein" ... (die nächsten Worte konnte ich nicht verstehen) ... Wie ich eingezogen bin, Andrea, habe ich mich hinten und vorne nicht ausgekannt, weil ich hab zuerst ein anderes Zimmer gehabt und das ist mir zu klein gewesen, das hat mir nicht gepasst und dann hab ich gesagt "Wenn ich das Zimmer jetzt krieg" und dann haben wir übersiedelt und haben das alles zu mir herüber getan und das haben wir nachher gemacht.

I: Und was war da für dich so schwer, wie du eingezogen bist, was war da anders?

A: Ja, das war so anders. Einmal die Leute kennen lernen, es war die E. schon da, es ist jetzt die M. mit mir eingezogen und es war schon anders, ja. Ich hab mich auch nicht so richtig wohl gefühlt am Anfang, aber jetzt geht es super.

I: Und ihr versteht euch auch gut?

A: Ja, nicht gar so, nicht immer, na.

I: Wenn du jetzt noch einmal einziehen würdest, würdest du da irgend etwas anders machen?

A: Ja, da ist schwierig. Schwierig. Ja, das ist schwierig.

Zweite Unterbrechung. A. geht Kaffee holen. Ich habe das Aufnahmegerät ausgeschalten, bis A. wieder zurückgekommen ist.

A: Die Situation bei der Wohngemeinschaft ist schon ganz anders, nicht. Die Leute sind teilweise nicht so nett, wie ich es mir vorgestellt habe.

I: Wieso, wie hast du es dir vorgestellt?

A: Ja, weil, weil ... der M. war am Anfang nett mit mir und danach doch nicht mehr und heut hab ich erfahren, dass er bös ist mit mir... (den Rest konnte ich nicht mehr verstehen).

I: Möchtest du lieber alleine wohnen?

A: Nein, da möchte ich nicht allein, nein, nein. Ja, fünf Jahre ist eine lange Zeit, sicher, aber was willst du machen, nicht? Ich bin auf der einen Seite, dass es eine Wohngemeinschaft gibt, dass man da seinen Ort hat und sein Leben hat und dass man da bleiben kann und dass mein, mhm, ja...

I: Ich denke, das ist etwas Schönes?

A: Ja, ja schön. Mhm.

I: Wenn du jetzt irgend jemanden treffen würdest, der frisch einzieht in eine WG, was würdest du ihm raten?

A: Ich sag, mich reden oft die Leute an, wo ich wohne und so und ich mags aber nicht so bekannt geben, als Privatleben und wenn ich einen Partner hab, das ist auch Privatleben. Ich habe einen kennen gelernt, der ist auch nicht mein Typ. Ich war jetzt in der Pizzeria, vorige Woche, und er wollt, dass er bei mir nachher wohnt, aber ich hab gesagt "Na, das geht leider nicht, das kannst du nicht machen. Du wohnst allein und ich will auch eine Ruhe haben vor dir".

I: Ja, man muss sich wehren. Du führst dein Leben also schon total selbständig?

A: Ja, ja, mhm, mhm, ja, ja.

I: Was ist für dich das Schönste, seit du da bist?

A: Wir haben viel Ausflüge gemacht mit dem Verein. Einmal im Jahr haben wir einen Ausflug mit der Wohngemeinschaft und so, mit alle ... und wir kriegen Essen und Saftl und Kaffee und solche Sachen kriegen wir alles umsonst. Da zahlt der Verein das meiste. Im September haben wir wieder einen, da fahr ich wahrscheinlich auch mit, hätt ich geplant. Mhm. Na, Partner, also ein Partner ist für mich ein Kommen und Gehen, weißt. Ich hab drei Jahre einen kennen gelernt, der hat mich geschlagen, und der hat bei mir gewohnt und die V. hat gesagt ... ist so aggressiv mit mir und ich hab dann gesagt "Wenn du einmal schlagst, dann schlag ich zurück, das sag ich dir". Und ich hab dann bei ihm geschlafen und nachher hat er eben seine Freunde gehabt und so und dann hab ich gesagt... (den Rest des Satzes konnte ich nicht verstehen). Ich fühl mich jetzt allein besser, weil, weil ich kann wohnen wie ich will und nicht wie die anderen.

I: Darf ich dich fragen, wie du daheim gewohnt hast oder möchtest du das nicht?

A: Ja, Andrea, ja.

I: Wie du willst.

A: Ja, ich hab daheim einen Ding gehabt, einen Bungalow und den hab ich drei Jahre oder vier Jahre hergeben müssen weil ich es nicht mehr derpackt habe mit der Mama, weißt eh ... und das war ein Pflegefall und dann hab ich gesagt "Tut die Mama in ein Krankenhaus" und ich hab nachher mit dem Arzt geredet, was los ist und sie haben gesagt, sie wird nicht mehr lange leben und ich hab das mitgekriegt wie ich unten war, ich hab sie besucht nachher im Krankenhaus danach, oder... Nachher hab ich gesagt "Mama, wie geht es dir denn?" (A. fängt an zu weinen)

I: Fehlt sie dir?

A: Ja.

I: Das wollte ich jetzt nicht, dass du weinst?

A: Nein, passt schon. Eltern zu haben ist nicht so leicht. ... Sie war nicht so fein, wie ich sie mir vorgestellt habe, meine Mama. Die war eine Böse, mhm. Aber die hat jetzt die Strafe gekriegt, mhm.

Die folgenden Sätze von A. waren für mich so unverständlich und so verwirrt, dass ich sie nicht aufgeschrieben habe.

I: Möchtest du noch etwas irgend etwas über das Leben in der Wohnung erzählen, etwas, wo du denkst, das ist ganz wichtig für dich?

A: Ja, schon. Ja, also teilweise schon, ja aber. ... Ja, wie soll ich das sagen. Mei, es ist, ich hab auch nicht gewusst, was da ist, eine WG und so, muss ich echt sagen. Ich tät hier nicht mehr ausziehen, ich tu ja auch da wohnen, weißt es. Weil, wenn du fünf Jahre da voll hast, dann hast du langsam auch die Schnauze voll, weißt. Wenn du heim kommst von der Arbeit dann möchtest du alles tun ... da hast du eine Druckstelle und das geht an, wenn sie sagen "Des, des, des, des, des". Mah, das geht einem auf die Nerven, ja ist ja wahr.

I: Glaubst du nicht, das das auch normal ist?

A: Mhm, mhm.

A. sieht sich den Zettel an, auf den mein Interviewleitfaden steht. Die erste Frage lautet: "Wie lange leben Sie schon in ihrer eigenen Wohnung?"

I: Möchtest du irgend etwas dazu sagen?

A: Mhm, mhm, mhm. (A. fängt an zu lachen). Ma, die hat alles aufgeschrieben. Die hat alles aufgeschrieben. Das darf nicht wahr sein.

I: Was habe ich aufgeschrieben?

A: Ja, eben, meine eigene Wohnung. Ich hab noch keine eigene Wohnung bis jetzt.

I: Ja aber, das ist doch eure eigene Wohnung?

A: Ja, ja. Eine eigene Wohnung ist da noch lange nicht, weil mehr Leute zusammenwohnen müssen, weißt.

I: Aber du hast ein eigenes Zimmer.

A: Ja, ein eigenes Zimmer, ja, ja.

I: Eine eigene Wohnung, wäre das etwas für dich?

A: Nein, auf die Dauer ist das nichts. Nein, auf die Dauer ist das nichts.

Wir haben uns dann noch über die Einrichtung in ihrem Zimmer unterhalten, was sie alles selbst gekauft hat und wie viel es gekostet hat. Anschließend zeigte sie mir ihren Computer.

Interview mit B., am 29.07.2003

B. ist 32 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in der gleichen Wohngemeinschaft wie A. Sie ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen.

Mit B. war es nicht leicht, einen Interviewtermin auszumachen. Als ich das erste Mal in der WG war, um mich vorzustellen, erklärte sie sich zwar bereit, ein Interview zu machen. Sie wollte damals aber keinen fixen Termin ausmachen, sondern meinte, dass sie mich anruft. Als ich beim Gehen noch einmal nachfragte, ob sie sich dann meldet, versicherte sie es mir. B. rief dann nicht an. Als ich dann nach zwei Wochen wieder in die WG kam, um mit A. das Interview zu führen, fragte die WG-Leiterin sie erneut, ob sie das Interview machen will. B. meinte: "Ja, eigentlich schon." Wie beim letzten Mal war ich auch diesmal nicht wirklich überzeugt, dass sie ein Interview machen will, weil ihre Zusicherung für mich immer sehr halbherzig klang. Als ich sie dann fragte, wann sie Zeit hat, antwortete sie zuerst einmal gar nichts. Erst bei nochmaligen Fragen machten wir dann einen Termin aus.

Am Tag des Interviews war ich um 17:00 Uhr in der WG, weil wir diesen Zeitpunkt ausgemacht hatten. B. war nicht da und ich hatte die leise Befürchtung, dass sie "kniff". Nach fast einer halben Stunde kam sie dann nach Hause und ließ sich eine Weile gar nicht blicken. Erst als sie die Begleiterin zum zweiten Mal darauf hinwies, dass ich da bin, kam sie. Ich fragte sie, ob sie das Interview immer noch machen möchte und sie bejahte. Als ich sie fragte, wo sie das Interview machen möchte, überlegte sie eine Weile und ich hatte das Gefühl, dass sie darauf wartete, dass ich entscheide. Schließlich entschied sie sich für das Wohnzimmer und ich war darüber ziemlich überrascht. Denn schon beim ersten Treffen und auch beim zweiten hatte sie immer wieder betont, dass sie auf keinen Fall möchte, dass ihre MitbewohnerInnen beim Interview mithören können. Jetzt entschied sie sich für das Wohnzimmer, wo jeder mithören konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ihr das Wohnzimmer mehr Sicherheit und zugleich mehr Distanz zu mir bot, als wenn wir in ihr eigenes Zimmer gegangen wären. Während des Gesprächs waren wir dann allein im Wohnzimmer, außer dass einmal ihre Mitbewohnerin kurz in ihr Zimmer und wieder zurück in die Küche ging.

Interview:

I: Wie lange bist du schon in dieser Wohnung?

B: Eigentlich jetzt zwei Jahre. Zwei Jahre. Zwei Jahre eigentlich. Zuerst war ich Saisonarbeit in Alpbachtal und danach hat es halt nicht so funktioniert. Wegen der Arbeit und dann wollt ich nicht heimfahren und dann bin ich da eingezogen.

I: Bist du gleich zum IWO gekommen?

B: Ja, ich hab dann gleich die Arbeitsassistenz in Tirol kennen gelernt, weil ich hab eine vom B; gehabt und dann dort angerufen und dann ist sie gekommen und dann hat sie gesagt, sie kennt den Verein IWO, wo Leute drinnen sind, die halt nicht so behindert sind... Und ich hab zuerst nicht gewusst, was das ist oder war, weil ich das noch nicht gehört hab... Und dann bin ich einmal da hergekommen und hab die V. (das ist die WG-Leiterin) kennen gelernt und da haben wir die Wohnung angeschaut und dann hab ich gesagt "Ja, ich möchte halt einmal eine Probezeit da sein".

I: Kann man das schon, eine Probezeit machen?

B: Ja, Probezeit ist schon möglich.

I: Und hat es dir aber so gut gefallen, dass du geblieben bist?

B: Ja, schon. Am Anfang nicht. Da eingewöhnen, das ist halt schwierig beim Eingewöhnen, halt, aber danach ist es eigentlich gegangen.

I: Und hast du vorher schon einmal einer WG gewohnt?

B: Na, ich hab vorher in B. gewohnt, da war ich bei meiner Großmutter, bei der Oma. Ja und dort bin ich dann praktisch aufgewachsen, seit Baby auf schon.

I: Wieso bist du dann nach Tirol gekommen? Wenn du es erzählen möchtest?

B: Na, es war so. Daheim war ich zuerst beim R. in einem Gasthaus, ein Hotel vielmehr. Und nach zwei Jahren bin ich dann gegangen, weil ich schwer arbeiten hab müssen und das hat mir nicht so gut getan und dann hab ich aber keine Arbeit unten gefunden und unten sind viel Leute weg, entweder nach Wien oder Niederösterreich oder Saisonarbeiten. Und ich hab dann nachher so ein Coaching gehabt. Jobcoaching hab ich ein Jahr gehabt und da haben sie gesagt "Ja, ich soll jetzt einmal auf Probezeit irgendwo arbeiten". Und dann hab ich in der Kurierzeitung gelesen, dass halt die National... (ich konnte dieses Wort nicht wirklich verstehen) Saison arbeiten und wen suchen und ich hab mir gedacht "Na ja, geh ich halt einmal dort hin und versuch es einmal und schau ob das meinen Leuten passt". Weil ich nämlich auf die Oma geschaut habe jahrelang.

I: Echt?

B:Und mein Onkel und meine Tante haben gearbeitet und haben ein Haus gebaut. Ja und dann haben sie gesagt, weil sie in Pension gewesen sind, sie schauen auf die Oma.

I: Aha. Und dann ist es auch leichter zum Gehen?

B: Ja. Ja, weil mein Bruder hat nicht schauen können und meine Tante auch nicht, weil sie gearbeitet haben und ich bin die einzige gewesen.

I:Fühlst du dich da jetzt daheim oder ist es für dich einfach nur eine Bleibe? Oder hat du das Gefühl, du bist da daheim?

B: Also, in Tirol fühl ich mich schon wohl. Da, also in Innsbruck. Weil das ist eine Gegend, da kannst du viel mehr unternehmen auch und hast viel mehr Chancen und Möglichkeiten. Wie bei uns unten ist ein Dorf und ist eine Mannschaft und des ist ganz anders. Da musst du 20 oder 30 Kilometer fahren, bis du überhaupt irgendwo hinkommst oder überhaupt wenn du halt kein Auto nicht hast. Dann ist es noch blöder. Weil die Busse fahren nicht und das ist halt auch nicht so klass.

I: Und in der WG selber, dass du dich hier daheim fühlst?

B: Ja, daheim. Also ich bin gerne in der WG, weil ich da mein eigenes Zimmer hab und da kann ich tun und machen, was ich will. Und mit die Leut kann ich auch reden. Es geht schon.

I: Und was hat sich für dich verändert, seit du jetzt allein in der WG wohnst? Im Unterschied zu früher? Gibt es da irgend etwas?

B: Ja, ich hab halt gelernt einfach. Kochen hab ich schon ein bisschen was können aber das andere halt nicht, zusammenräumen und sonst irgend etwas. Weil das war bei uns unten nicht so. Und das Leben irgendwie anders zu meistern, halt auch.

I: Aber für dich besser?

B: Ja, für mich schon besser. Da hast du dann ein bisschen vielmehr gelernt da, eigentlich da. Weil unten hab ich nicht so viel lernen können. Hat meine Oma halt nicht lassen. Weil sie halt auch damals noch für mich angesehen hat als Kind oder ich weiß auch nicht. Es gibt halt Leute, die mit Kinder und andere Jugendliche nicht umgehen können. Dann, ich weiß auch nicht.

I: Ja, ich denke, für die Omas ist man auch immer das ewige Kind.

B. verzieht das Gesicht und signalisiert deutlich, dass sie in diese Richtung nicht weiterreden will.

I: Hast du jetzt das Gefühl, dass du über dein Leben wirklich selber entscheiden kannst? Was du willst und was du nicht möchtest?

B: Da muss ich noch manchmal viel dazulernen. Aber es geht eigentlich schon, ja.

I: Also, besser als wie vorher?

B: Besser schon als wie vorher.

I: Und was war für dich am Anfang besonders schwer, wie du eingezogen bist.

B: Mit den Leuten umzugehen. Mit der Wohnung umzugehen und mit meinem Zimmer umzugehen. Mit dem ganzen, dass ich jetzt weg bin und dass ich nicht auf die Oma schauen muss. Also das ist halt das gewesen. Da hab ich länger gebraucht, halt zumindest.

I: Ja, aber ich denke, das ist eh klar. Und gibt es etwas, wenn du noch einmal irgendwo einziehen würdest, dass du anders machen würdest? Oder dass du dir denkst, so würde ich es nicht mehr machen?

B: Vielleicht das Umgewöhnen. Dass man allein in der, also da könnt ich schon was lernen jetzt. Weil manchmal sind die Leute nicht da und dann bin ich da und dann such ich auch das Gefühl zu haben, wie das sein wird... nicht, wenn ich einmal allein in der Wohnung bin. Das ist ein gutes Gefühl eigentlich.

I: Also, du möchtest schon einmal alleine wohnen?

B: Ja, ich möchte schon einmal alleine wohnen. .... Weil ich hab nie gelernt, in einer WG zu wohnen, erst jetzt. Weil in der Saisonarbeit, da arbeitest du und nur das zählt dann nachher und da hast du dein Zimmer und gehst schlafen und redest mit den Leuten kurz und das ist eigentlich schon alles gewesen. Das ist wieder total anders.

I: Ja, das ist klar.

B: Hier ist die WG-Leiterin da und dann kann man und dann hat man da Gefühl, ja es hilft einem mehr. Und man kann wenigstens endlich einmal reden oder seine Probleme sagen.

I: Hast du das früher nicht können?

B: Das ist ein anderes Kapitel.

I: Wenn du nicht willst, frag ich nicht weiter. ... Wenn jetzt zum Beispiel jemand von seiner Familie oder von einem Heim auch in eine WG zieht, was würdest du ihm anraten? Aus deinen eigenen Erfahrungen?

B: Ja, das halt einfach, dass wenn du in einer WG wohnst, halt alles, ja, wenn du lernen magst oder willst und wenn du eine eigene Wohnung haben willst oder wenn du nicht so gut bist, dass es dir dann halt wer lernt - da ist ja auch praktisch.

I: Dass man die Hilfe auch annimmt?

B: Ja. Weil ich hab ja früher auch keine Hilfe angenommen. Das war ja für mich ein eigenes Kapitel. Das war... ich hab einmal daheim gelernt, dass man keine Hilfe annimmt und dass man alles selber machen muss. Aber ja, jetzt versuch ich das halt auch. Es ist schwierig, überhaupt wie ich den Bandscheibenvorfall gehabt hab. Das war ganz schwierig.

I: Da muss man sich dann auch eher noch pflegen lassen.

B: Ja, dann ist es halt nicht so gut gegangen, weil ich hab halt nicht schwer heben dürfen. Ich hab das nicht tun dürfen und das und das ist ungewohnt alles.

I: Ist das bei euch wirklich so?

B: Ja, da sind die Leute irgendwie anders als wie da in Tirol. Ein anderes Volk wieder.

I: Das ist sicher schwer, wenn man zuerst alles allein macht und dann Hilfe annehmen muss?

B: Ja, das ist eine Umstellung für mich.

I: Gibt es irgend etwas, wo du sagen würdest, "Das ist das Schönste seit ich in der WG wohne"? Gibt es irgend etwas?

B: Einfach, wie soll ich das erklären. Die Feiern und so halt und dass man einmal gemütlich zusammensitzt und ja, das ist schön.

I: Die Gemeinschaft also?

B: Ja. Dass man halt die Gemeinschaft auch kennen lernt, eine andere vielleicht. Das halt ist für mich irgendwie schön.

I: Möchtest du sonst noch erzählen, wo du dir denkst, es wäre wichtig?

B: Ja, wie ich da nach Tirol gekommen bin, ich weiß nicht. Die Umstellung halt, dass man da auch lernt, mit anderen Leuten und mit der Stadt. Die Erfahrung hab ich auch noch nie gehabt.

I: Die Stadt, wie war das für dich?

B: Ja, die Stadt. Ein anderer Verkehr und ein anderes Klima halt auch und die Luftveränderung.

I: Wenn das Interview für dich so passt, schalte ich das Tonband aus.

B: Ja, passt schon.

I: Für mich auch. Dann schalte ich aus.

B: Aha, sind wir schon fertig?

Interview mit C., am 29.07.2003

C. lebt seit drei Jahren in einer Wohngemeinschaft, zusammen mit zwei MitbewohnerInnen. Sie ist in ihrer Familie aufgewachsen.

Ich habe C. vor dem Interview nicht kennen gelernt. Ihre WG-Leiterin rief mich an und sagte mir, dass C. zu einem Interview bereit wäre. Auf meine Frage, ob ich mich vorher vorstellen soll meinte sie, dass sie nicht glaubt, dass das nötig ist. Ich rief dann C. an und machte mit ihr einen Termin in ihrer WG aus. Am Interviewtag öffnete mir C. gleich die Türe, wir stellten uns kurz vor und ich fragte sie, wo sie das Interview machen möchte. Auch diesmal überraschte mich der Vorschlag. C. wollte das Interview im Gang machen. Nachdem ich ihr noch einmal kurz erklärte, wieso ich die Interviews mache, begannen wir.

Das Interview selbst war für mich schwierig, weil ich C. oft nicht verstanden habe und nicht ständig nachfragen wollte. Mit dem Satz: "Passt das Interview für dich so?" habe ich das Interview dann eigentlich abgebrochen, weil ich mir immer schwerer getan habe, sie zu verstehen. Ich musste mich so stark auf das Zuhören konzentrieren, dass ich kaum genauer auf ihre Antworten eingehen konnte und mich darum mehr an meinem Interviewleitfaden "festhielt". Ich hatte oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten und konnte das Gespräch nicht wirklich in Gang bringen.

Für mich war bei diesem Interview sehr auffallend, dass es sehr oft um das Putzen, das Waschen etc. ging. Das Einhalten des Putzplans scheint für C. eine große Stelle in ihrem Leben einzunehmen.

Interview:

I: Wie lange wohnst du schon in dieser WG?

C: Drei Jahre. Das dritte Jahr bin ich jetzt schon da. Diese Woche habe ich einmal meine Feier. Meine Jahresfeier.

I: Macht ihr da immer eine Feier?

C: Ja. Eben diese Woche, Anfang August. Am Donnerstag.

I: Und dir gefällt es hier?

C:Mhm.

I: Und wo hast du vorher gewohnt? Bist du direkt von daheim hier eingezogen?

C: Ich habe vorher in H. gewohnt, im Unterland.

I: Und hast du da bei deinen Eltern gewohnt?

C: Mhm. Bei meinen Eltern und bei meinem Bruder hab ich gewohnt.

I: Und war das dann deine Entscheidung, dass du.... (bevor ich die Frage zu Ende stellen kann, antwortet C. schon).

C: Meine Mama hat gesagt ich soll heraufkommen, damit ich ein bisschen selbständiger werde.

I: Warst du gleich beim IWO? Haben sie dir diese WG vermittelt?

C: Ja, ich war gleich beim IWO.

I: Und was hat sich für dich verändert, seit du da bist? Bist du selbständiger geworden?

C: Bin ich, ja. Weil ich mach jetzt selbständig meine Putzdienste, selbständig mach ich meinen Waschplan, ich mach alles selbständig.

I: Hast du das bei dir daheim auch schon getan?

C: Doch.

I: Was hat sich für dich verändert, seit du hier bist? Kannst du ein bisschen erzählen?

C: Ja, dass ich mein Zimmer jetzt sauber wisch, das hat sich geändert. Und dass ich die Wäsche, die Gemeinschaftswäsche sauber mach. Das hat sich auch verändert.

I: Mhm.

C: Das hat sich verändert.

I: Fühlst du dich hier daheim?

C: Mhm. Dass ich selbständig mein Zimmer zusammenkehren, wischen tue. Und den Boden zusammen und den Teppich gesaugt, ist auch selbständig.

I: Also ist es für dich auch wichtig, dass du es sauber haltest?

C: Mhm.

I: Gibt es irgend etwas, was du jetzt mehr tun darfst als zum Beispiel bei dir daheim, dass du anderes tun kannst, als bei dir daheim?

C: Ja, bei den WG-Zeiten muss ich da sein. Sonst kann ich tun und lassen, was ich will.

I: Du kannst also über dein Leben frei entscheiden?

C: Mhm.

I: Besser als wie früher?

C: Besser, ja. Weil bei meiner Mutter hab ich ja nicht tun dürfen, was ich will.

I: Mhm. Was war für dich am Anfang besonders schwierig, wie du in die Wohnung gekommen bist?

C: Am Anfang hab ich keinen Putzdienst machen brauchen. Und die haben mir dann alles einmal gezeigt, die Bewohner, die haben mir gezeigt, wie es geht. Da hab ich ein, zwei Wochen keinen Putzdienst machen, die nächsten 14 Tage hab ich dann Putzdienst gehabt. Die erste Woche, wie ich hergekommen bin, hab ich eine Betreuerin gehabt. So eine Betreuerin hab ich gehabt. Drei Betreuer, die wir bis jetzt gehabt haben. Die erste war die B. die zweite die C. und der dritte ist jetzt der C, Betreuer.

I: Und hast du dich mit den Leuten gleich verstanden?

C: Mhm.

I: Echt. Ich denk mir, dass ist nicht immer so, dass man sich gleich gut versteht.

C: Mhm.

I: Und was hast du alles lernen müssen, wie du in die Stadt gekommen bist?

C: Ja, am Anfang hab ich mich überhaupt nicht mehr ausgekannt, wo ich hin muss. Am Anfang hab ich mich nicht ausgekannt.

I: Aber du hast zurückgefunden?

C: Ich hab zurückgefunden, ja. Am Anfang bin ich mit einer Freundin von mir am Fischmarkt gewesen. Am Anfang!

I: Wenn du noch einmal einziehen würdest. Würdest du dann etwas anders machen als vor drei Jahren?

C: Da würd ich schon was anders machen, ja.

I: Nämlich?

C: Dass ich in der Woche keinen Putzdienst machen brauch.

I: Du putzt also nicht gern?

C: Doch, tu ich schon gern, doch.

I: Möchtest du gerne einmal alleine wohnen?

C: Mhm.

I: Kannst du dir das auch vorstellen?

C: Mhm. Ich hab zum C. schon gesagt, dass ich noch herinnen bin dieses und nächstes Jahr, aber dann ab.

I: Kannst du das selbst entscheiden?

C. nickt.

I: Und wie ist dann das mit der Wohnung? Musst du dir dann selbst eine Wohnung suchen?

C: Die suchen sie (=IWO) nachher. Sie oder das Sozialamt, das zuständig ist.

I: Und du hast das Gefühl, dass du es in einem Jahr schaffst, allein zu wohnen?

C: Mhm.

I: Wenn jetzt jemand neu hier einzieht, was würdest du ihm raten? Aus deinen eigenen Erfahrungen?

C: Äh, da würd ich ihm mal raten, den Putzdienst mitzumachen oder zuschauen. Und ihm sein Zimmer zeigen, wo er wohnt, wo er drinnen ist.

I: Ist es schwer für dich, von den Betreuern Hilfe anzunehmen.

C: Nein, nicht schwer, nein. Einfach, weil bei ihnen bin ich auch pünktlich gewesen im Büro. (Den nächsten Satz konnte ich nicht verstehen.) Ich bin überpünktlich.

I: Und sie helfen, wo es nötig ist?

C:Mhm.

I: Und ist das für die angenehm oder denkst du manchmal "Das könnte ich selber auch machen?"

C: Kann ich selber auch machen.

I: Hast du das Gefühl, du bräuchtest sie manchmal nicht?

C: Brauch ich nicht.

I: Was ist für dich das Schönste, seit du hier wohnst? Gibt es da etwas?

C: Die Stadt. Das Goldene Dachl, die Maria-Theresien-Straße, die Skulptur, die sie da haben. Das Rathaus ist schön, dass sie neu gemacht haben.

I: Und vom Leben in der Wohnung her? Im Unterschied zu früher gibt es etwas, wo du sagst, das ist viel toller als daheim?

C: Dass so viel los ist. Beim Goldenen Dachl ist viel los.... (das weitere konnte ich nicht verstehen).

I: Möchtest du mir noch etwas sagen, wo du denkst, es wäre wichtig. Über das Leben in der WG oder über dein Leben?

C: Mein Leben. Mmh. Mein Leben. Mein Leben hat sich, seit ich da bin, total verändert, da. Da baut mich keiner mehr auf, wie in H. und dort haben sie mich oft aufgebaut. Da baut mich keiner mehr auf.

I: Also, hier baut dich niemand mehr auf?

C: Hmh.

I: Fehlt dir das?

C: Nein. Nein, überhaupt nicht, überhaupt nicht.

I: Es hat jetzt für mich eher so geklungen, als ob es dir fehlen würde, aber dann ist es nicht so?

C: Nein. Mein Leben hat sich sehr verändert, weil jetzt hab ich auch eine Arbeitsstelle gefunden.

I: Wo arbeitest du?

C: In Hötting draußen, bei der Wäscherei in einem Hotel. In Innsbruck da.

I: Und gefällt es dir?

C: Mhm. Ich hab gerade angefangen.

I: Und da bekommst du dann auch Geld.

C: Ende Woche wahrscheinlich. Ja, Ende Woche. (Sie hat dann etwas vom Arbeitslosengeld gesagt, aber ich konnte es nicht verstehen.)

I: Und wie bist du zu der Arbeit gekommen?

C: Über die Arbeitsassistenz.

I: Ist da am Anfang jemand dabei?

C: Nein, ich bin allein hingefahren. Gestern bin ich hingefahren und der eine ist dann nachgekommen, mein Betreuer. Da hab ich es mir zuerst angeschaut, dass ich schau, wo ich umgeh, an welcher Stelle. Aber wenn ich es mir da nicht angeschaut hätte, wär ich nicht hinausgekommen, dann hätte ich es nicht gefunden. (Den Rest habe ich nicht mehr verstanden.)

Interview mit D., am 01.08.2003

D. ist 45 Jahre alt. Er lebt seit 12 Jahren allein in einer Garconniere. Aufgewachsen ist er in verschiedensten Heimen, dazwischen war er manchmal kurz bei seiner Mutter.

Auch mit D. fand vor dem Interview keine persönliche Kontaktaufnahme statt. Seine Betreuerin hatte ihn gefragt, ob er ein Interview machen möchte und er erklärte sich dafür bereit. Vom IWO habe ich dann seine Telefonnummer bekommen. Ich rief ihn an und wir machten gleich für den nächsten Tag einen Termin aus. Schon am Telefon meinte er, er werde wahrscheinlich bei der Straße auf mich warten, damit ich das Haus, in dem er wohnt, finde. Und wirklich empfing er mich dann schon unten bei der Straße und führte mich in seine Wohnung. Dort bot er mir etwas zu trinken an und ich erklärte noch einmal kurz, wieso ich Interviews mache. Wir einigten uns darauf, dass wir uns duzen. Trotzdem sprach er mich bei direkten Fragen mit Sie an.

Das Interview mit D. war für mich sehr berührend. Aus seinen Erzählungen ließ sich in etwa erahnen, wie sein Leben von klein auf verlaufen war. Trotzdem strahlte er so viel Heiterkeit und Zufriedenheit aus. Und sein Wunsch nach einer Freundin, den er immer wieder betonte und seine Schilderungen, was er schon alles versucht hat, um eine Freundin zu finden, zeigten so deutlich, wie sehr jeder Mensch das Bedürfnis nach Liebe, Nähe und Geborgenheit hat.

Interview:

I: Wie lange wohnst du schon in deiner eigenen Wohnung?

D: 12 Jahre. Aber die gehört nicht mir, weißt, die Wohnung gehört dem H., da kann ich lei wohnen.

I: Aber sie ist gemietet?

D: Ja, ja, schon.

I: Und bist du gleich am Anfang mit dem IWO in Kontakt gewesen?

D: Nein, zuerst bin ich im Mentlberg oben gewesen, auch 12 Jahre, das ist ein Schülerheim, das Schloss. Und dann hab ich einen anderen Betreuer gehabt und durch den hab ich die Wohnung gekriegt und durch die L., weil die vom Jugendamt war. Drum ... und jetzt hab ich einen Sachverwalter und das ist von der Betreuerin, die was ich jetzt hab, die Frau, weißt.

I: Und früher warst du im Mentlberg?

D: Da war ich auch 12 Jahre.

I: Und wie war es da zum Wohnen?

D: Nein, das war so ein Schülerheim, weißt. Ich hab wohl ein Zimmer gehabt, aber da hab ich auch gearbeitet wie jetzt im Z., aber die Küche, die hat mir auch nicht so gefallen. Küchenarbeit ist auch nicht mein richtiges Ding gewesen. Und nachher ist dann so ein anderer Chef mit der Zeit gekommen und da hab ich müssen mehr tun, die ganze Heimwäsche waschen und so. Und der hat mich lei ausgenützt, weißt drum.

I: Und hat es da bestimmte Regeln in dem Heim gegeben? Was man tun darf und was man nicht tun darf im Heim?

D: Na, ich weiß nicht. Der (gemeint ist der Chef) hat mir nicht viel gelassen. Der hat mir alles weggenommen, der Chef, weißt ... keinen Fernseher hab ich kaufen dürfen auf einmal. Ein bisschen komisch ... halt ausgenützt, hat er mich. Da hab ich ja nachher müssen nur noch die ganze Heimwäsche waschen, was ich beim alten Chef nicht hab so müssen, weißt. Dann hat es mir nicht mehr gefallen, irgendwie und dann bin ich mit ihm nicht mehr ausgekommen, nachher...

I: Bist du dann selber gegangen?

D: Na, das ist auch nicht gut gegangen. Dann haben wir halt um Frühpension angesucht, die hab ich jetzt ... und mit der Zeit nachher hab ich eben durch die L. die Wohnung bekommen, weil in ein Heim will ich auch nicht. Dort bin ich genug gewesen, weißt eh ... und so weiter.

I: Warst du in einigen Heimen?

D: Ja, ja. In Vorarlberg. Da bin ich neun Jahre in die Schule gegangen, in Schlins. Und nachher hat man mich nach Mils hinaufgetan und dann hat es nicht mehr hingehaut, weil da die Klosterschwestern so bös waren und da haben sie die Kinder so hergeschlagen. Das haben sie auch angezeigt. Nachher bin ich halt abgehaut, dann haben sie mich nach Hall hinuntergetan und von Hall bin ich dann später auf Ried hinaufgekommen und da hat es mir auch nicht gefallen, in dem Heim, weißt. Und die wollten mich wieder auf Hall tun ... da hab ich ein Glück gehabt, dann bin ich auf Strengen gekommen. Und dann später auf Mentlberg, weißt, weil die L. mich da eben schon einmal vorgestellt hat. Ja ... aber ich bin in mehr Heimen gewesen. In Fügen bin ich gewesen, ja.

I: Echt. Das ist aber auch nicht leicht.

D: Ja, ja. Na und die Mutter ist fünf Mal verheiratet gewesen und so weiter...

I: Und bei ihr hast du gar nicht gewohnt?

D: Doch, ab und zu. Da hat sie in Rum gewohnt, dass ich wieder einmal daheim war und sein tut sie aus S., aber da kann ich mich nicht erinnern an das.

I: Dann hast du einiges erlebt.

D: Ja und dann hab ich die Schule nicht dermacht, nicht ... sonst könnte ich jede Stelle aussuchen. Jetzt sind es eh lei nur noch fünf Jahre, dann kann ich es eh lassen.

I: Dann kannst du ganz in Pension gehen oder wie?

D: Ja, dann bin ich fünfzig und dann kann ich es lassen.

I: Und freust du dich?

D: Ja, wenn ich es nur hinter mir habe. Das hab ich eh zu der Betreuerin gesagt. Weil sie hat gesagt, suchen tut sie auch nicht mehr. Weil wir haben schon einmal angesucht und das Arbeitsamt tut nichts durch die Frühpension und dann waren wir bei der Arbeitsassistenz und da war auch nichts Passendes. Und dann hat der Sachverwalter gesagt, dann kann ich es in fünf Jahren einmal lassen. Ja, drum, mhm ... da bin ich auch froh.

I: Das kann ich mir vorstellen. Wenn dir eine Arbeit nicht gefällt und du musst sie machen, das ist sicher nicht so fein.

D: Ja, aber wenn ich nichts anderes bekomme, was ich gerne tue. Ja doch, es gibt auch Heimarbeit, aber das ist wieder zu wenig, weil die Wohnung kostet auch 5.000 Schilling. Die ist früher einmal billig gewesen. Aber das zahlt eh der Sachverwalter von meinem Geld. Weil das kann ich von meinem Taschengeld gar nicht zahlen. Weil wenn ich da jeden Montag lei 1000 (gemeint sindSchilling) auf die Hand bekomme, da muss ich dann schon auskommen.

I: Und fühlst du dich in deiner Wohnung so richtig daheim?

D: Ja, ja. Jetzt bin ich es eh schon gewöhnt. Ich möchte halt gerne eine Freundin, aber ich finde einfach keine. Unmöglich, weißt. Ich habs einmal in die Zeitung getan, aber unmöglich. Dann haben sich so Blöde gemeldet und da hab ich dann 350 Schilling gezahlt (für die Anzeige), das war dann schon etwas teuer, wenn ich mit dem Geld auskommen muss ... das ist schon länger her. Heiraten will ich eh nicht und eine Freundin ohne Sex. Ich bin einmal im Fernsehen gewesen. Ich hab sogar ein Video da. Soll ich dir das zeigen?

I: Ja, nach dem Interview.

D: Das geht nicht so lange, weißt. Das ist jetzt schon eine Weile her. Aber das hat alles nichts genützt ... Dann hab ich es einmal da bei der Spira (Fernssehsendung "Liebesgeschichten und Heiratssachen") probiert anzurufen, aber da hat sich nie jemand gemeldet. Mit der Betreuerin haben wir einmal hinunter geschrieben, unmöglich. Weil da muss das ORF hier mithelfen, sonst geht das gar nicht.

I: Fühlst du dich manchmal einsam?

D: Ja, ab und zu. Ich bin schon oft bei Leuten eingeladen und so, das schon. Aber ... das ist echt schwierig. Ich rede mit vielen Leuten, aber dass mir einmal eine zulauft, das ist... Ja und es muss ja zusammenpassen, weißt, drum. Und eine zwingen kann man auch nicht. Ich hab einmal gehört, dass die von selber kommen sollen, aber bis jetzt ist mir das noch nie passiert ... ja. Weil ich bin oft viel in der Stadt und so ... aber eine finden, das ist unmöglich.

I: Ja und ich denke, wirklich jemanden zu finden, der zu einem passt, ist schwer.

D: Ja, das stimmt. Kannst mir du eine suchen? Eine Nette. Aber die halt keinen Freund hat und so. Weil sonst nützt mir das nichts, da hab ja ich nichts davon. ... Und verheiratet kann sie sowieso nicht sein. Die darf halt keinen haben ... eine Nette, was gut zusammenpasst. Und wie schaut es mit ihnen aus?

I: Ich habe schon einen Freund.

D: Aha, ja nachher nützt es wieder nichts. Aber Heiraten werden sie auch nicht?

I: Ich weiß noch nicht.

D: Also, ich möchte es lieber nicht ... Freundin ist besser. Weißt es ist so, wenn sie nicht will, kann sie automatisch wieder gehen. Und weißt eh, Scheidung, das ist ja auch alles teuer. Man weiß ja nie, wie man dran ist. Ja, ja, es ist so viel. Manche nützen einen ja aus. Das weiß ich ja gar nicht vorher.

I: Ja, das stimmt ... mmh.

D: Noch was?

I: Ja. Was hat sich bei dir alles verändert, seit du alleine wohnst? Kannst du jetzt alles machen, was du willst?

D: Ja, Blödsinn darf ich keinen machen, weil sonst staucht mich der Sachverwalter zusammen. Das ist einmal passiert. Oder er (gemeint ist der Hausbesitzer) haut mich raus. Weißt, früher hab ich immer mit Strom herumgebastelt und so Zeug, dass es geknallt hat. Ja, weil ich immer Techniker sein will. Und letztes Jahr habe ich da draußen bei den Sicherungen da draußen herumgebastelt und nachher hat es auch...

I: Einen Knall gemacht?

D: Nein, das nicht. Aber es hätte alles brennen können. Eine falsche Sicherung hineingetan. Nachher hat einer kommen müssen ... über 2.000 Schilling kostet. Dann hätt ich die Wohnung nicht mehr lange. Kann ja alles brennen. ... Ja und mit den Telefonen früher mit Viertelanschluss, Telefone abgehört und wie man gratis telefoniert, hab ich einmal ... weißt früher einmal.

I: Echt?

D: Ja, wo wir einen Viertelanschluss gehabt habe, da hat man können umschließen, weißt, umklemmen. Ja, weil das hab ich von der Störung... (die folgenden Worte könnte ich nicht verstehen) Weil ich hab oft herumgebastelt und dann hab ich hundertmal die Störung oben gehabt und dann hat der Sachverwalter mir einmal das Telefon gesperrt, nicht. Und durch den Viertelanschluss hab ich irgendwie einmal den Trick gewusst, wie man gratis telefoniert. Da hat der eine (gemeint ist der Hausnachbar) 6.000 Schilling oben gehabt, in dem Haus. Ja, da (gemeint sind die anderen Hausbewohner) haben sie auch Rechnungen gehabt ... im Ganzen wäre es ja mehr gewesen. Aber er hat mich nicht angezeigt, weil er mich gekannt hat ... da oben. Und dann ist die Post gekommen und dann haben sie die Viertelanschlüsse alle weg getan. Und nachher hab ich da draußen herumpoliert gehabt, um zwei in der früh hab ich den Hauptkasten aufgemacht und wollte da etwas herumbasteln. Nachher hat mich der Hausherr erwischt ... ich hab zuerst gemeint, die Post steht da draußen. Mah, da hat er aber gemault ... und der Deckel war zu. Ja, ja, so wars.

I: Hast du dann also verschiedene Sachen lernen müssen, wie du hierher gekommen bist? Mit den Leuten umgehen und für dich selbst zu sorgen.

D: Na. Also das Kochen haut nicht hin. Frühstück mach ich selber und sonst geh ich halt was günstig essen und sonst bin ich jeden Dienstag bei den P.

I: Sind das Bekannte von dir?

D: Ja. Und alle vierzehn Tage bei den D. Und jetzt einmal über meinen Urlaub war ich sowieso viel eingeladen, nicht. Und heikel bin ich nicht, weil ich eh alles mag. Und dieses Mal sind sie mit mir halt ins Gasthaus gegangen ... und vorgestern war ich am Achensee oben mit dem Herrn W. Der hat mir da die Wohnung hergerichtet ... so ist es.

I: Dann kennst du eigentlich viele Leute?

D: Ja. Da (im Haus) haben früher auch viel Leute gewohnt, die haben mich auch einmal eingeladen ... am Anfang. Aber da sind jetzt alles andere, die mögen das nicht ... weißt eh. Weil sonst sagen sie es ihm (gemeint ist der Hausbesitzer) nachher. Weißt, dann ruft der an, nachher ... weißt eh, jetzt bin ich ein bisschen vorsichtig. Drum.

I: Gibt es etwas, wo du sagst, das ist das Schönste, seit ich alleine wohne?

D: Ja, das geht schon. Aber eine Freundin wäre halt doch recht. Weißt eh, weil immer haben die Leute auch nicht Zeit und schau, man wird ja älter auch, drum. Um das geht es mir auch. Weil ich will ja dann nicht in ein Heim, wenn ich nicht mehr kann. Das weiß ich ja nicht.

I: Also du möchtest auf keinen Fall in ein Heim?

D: Na, das nicht. Da bin ich genug gewesen, genug erlebt, weißt ... das ist lang.

I: Mhm.

D: Die Heime gefallen mir einfach nicht mehr, weil ich so viel erlebt habe. Jetzt will ich nicht mehr, weißt. Um das geht es.

I: Möchtest du erzählen, was du erlebt hast oder nicht?

D: Da hab ich dir eh schon etwas erzählt. Das von Mils. Vorarlberg ist gegangen. In Fügen bin ich gewesen, das war so ein Erziehungsheim, aber da war ich noch klein, weißt. Warum ich da hineingekommen bin, weiß ich auch nicht. Das kann ich jetzt auch nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Mutter fünf mal verheiratet war und dann bin ich von einem Heim zum anderen gekommen und das ist auch nicht richtig ... und die anderen haben die Schule alle dermacht, die sind noch lange nicht so viel in die Heime gekommen wie ich. Ja, das ist irgendwie blöd ausgegangen.

I: Das ist auch sicher nicht leicht, eine Schule abzuschließen, wenn man so viel herumkommt.

D: Ja. Und ich wollt in eine normale Schule, nicht in ein Heim wollt ich, weißt. Aber das ist blöd ausgegangen. Drum.

An dieser Stelle hatte ich das Gefühl, dass es besser ist, aufzuhören. Ich hielt das Thema nun für zu persönlich, als dass ich noch weiter "nachbohren" wollte. Auch hatte es für mich den Anschein, dass D. nicht mehr weiter über seine Heimerfahrungen sprechen will. Er schien ein bisschen abwesend, als würde sein Leben in den Heimen an ihm vorbeiziehen. Ich fragte ihn dann, ob ich nun das Video sehen kann und er zeigte es mir.

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Quelle

Andrea Riedmann: "Menschsein ... heisst wohnen." Ambulant Begleitetes Wohnen als Wohnform, die Menschsein ermöglicht.

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra am Institut für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, eingereicht bei A. Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese, Innsbruck, November 2003

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 14.06.2010

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