Keine Angst mehr, über Gewalt im Heim zu sprechen

Schlagwörter: Erfahrungsbericht, Psychotherapie, Heim, Gewalt, Österreich, Rehistorisierung, Missbrauch
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen im Gaismair-Jahrbuch 2015
Copyright: © Monika Rauchberger, Lisa Wimmler

Keine Angst mehr, über Gewalt im Heim zu sprechen

Ich heiße Monika Rauchberger.

Ich arbeite seit 12 Jahren bei Wibs.

Wibs ist eine Beratungs-Stelle

von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Seit 2009 leite ich gemeinsam

mit einer Unterstützerin das Projekt Wibs.

Jetzt erzähle ich Ihnen,

wie ich zur Opferschutz-Stelle gekommen bin.

Meine Unterstützerin von Wibs

hat mich darauf angesprochen:

Ob ich weiß, was Missbrauch und Gewalt sind?

Die Unterstützerin hat mir dann erklärt, was das heißt.

Und was der Unterschied zwischen Missbrauch und Gewalt ist.

Dann habe ich gesagt:

Ich glaube, ich habe auch Missbrauch erlebt im Heim.

Ich habe ihr erzählt, was mir damals passiert ist.

Meine Unterstützerin hat mir erklärt:

Es gibt eine Opferschutz-Stelle,

wo ich mich hinwenden kann.

Und meine Erfahrungen mit Missbrauch erzählen kann.

Und dass ich vielleicht Geld bekomme.

Wir haben überlegt, ob ich eine Therapeutin kenne,

zu der ich gehen kann.

Ich habe mit ungefähr 25 Jahren

eine Gesprächstherapie gemacht.

Weil es ist mir damals total schlecht gegangen.

Ich habe ein Magen-Geschwür gehabt.

Dann bin ich drauf gekommen,

dass die Therapeutin keine Therapien mehr macht.

Deswegen habe ich mit meiner Unterstützerin überlegt,

wer das auch machen kann:

Mit mir gemeinsam meine Erfahrungen aufschreiben.

Und an die Opferschutz-Stelle schicken.

Ich habe mich dann an eine ehemalige Kollegin erinnert,

die jetzt Therapeutin ist.

Wir haben uns einige Male getroffen.

Um darüber zu reden, was mir im Heim passiert ist.

Und um aufzuschreiben, was mir im Heim passiert ist.

Ich habe zuerst Angst und Hemmungen gehabt,

das alles aufzuschreiben.

Und mich bei der Opferschutz-Stelle zu melden.

Ich habe immer wieder nachgedacht.

Meine Therapeutin hat mir immer wieder

Mut gemacht und mich bestärkt.

Das Vertrauen zu meiner Therapeutin war sehr wichtig.

Für mich war es auch wichtig, dass wir uns

bei einem Vertrauens-Ort getroffen haben.

Meine Therapeutin hat meine Erfahrungen dann

an die Opferschutz-Stelle nach Wien geschickt.

Das war im Jahr 2011.

Ich war mir nicht sicher, ob ich Geld bekomme.

Weil das alles ist vor 30 Jahren passiert.

Und ich habe mich erst im Jahr 2011 gemeldet.

Dann habe ich einen Brief bekommen.

Dass ich Geld bekomme von der Opferschutz-Stelle.

Es hat lange gedauert, bis ich das Geld bekommen habe.

Ein paar Monate später hat mich eine Betreuerin

von meinem ehemaligen Heim angeredet.

Diese Betreuerin hat gesagt:

„Warum hast du dich

bei der Opferschutz-Stelle gemeldet?

Das Heim war doch ok.“

Damals, als ich noch im Heim war,

war diese Betreuerin in einer anderen Gruppe.

In meiner Gruppe waren damals andere BetreuerInnen,

die diese Sachen mit mir gemacht haben.

Ich war nicht gefasst darauf, dass sie mich anredet.

Es war für mich echt ungut.

Weil ich habe nicht gewusst, wie ich reagieren soll.

Und was ich sagen soll.

Im ersten Moment habe ich mir gedacht:

Scheiße, jetzt erzählen sie meine Erfahrungen im Heim herum.

Ich habe auch nicht gewusst,

wer alles noch davon weiß im Heim.

Ich habe ein bisschen Angst gehabt.

Dass mich noch jemand darauf anredet.

Und dass ich blöd angeredet werde.

Ich habe mich machtlos und alleine gefühlt.

Ich habe im Stillen gedacht:

Das ist mein Recht.

Dass ich mich gemeldet habe.

Und meine Erzählungen stimmen auch.

Weil sonst hätte ich mich nicht bei der Opferschutz-Stelle

Gemeldet und die Opferschutzstelle hätte mir kein Geld bezahlt.

Ich bin jetzt froh und auch glücklich,

dass ich das gemacht habe mit der Opferschutz-Stelle.

So kann das Heim jetzt etwas daraus lernen.

Die MitarbeiterInnen und die LeiterInnen.

Ich weiß dass es noch andere Menschen mit

Lernschwierigkeiten gibt, die jetzt noch im Heim leben.

Und die nicht wissen, was Missbrauch und Gewalt ist.

Es ist wichtig dass sie über diese Themen

informiert und aufgeklärt werden:

Was Gewalt und Missbrauch ist.

Und was das bedeutet.

Oft ist es so, dass die Menschen mit Lernschwierigkeiten

auf der Strecke bleiben.

Es ist wichtig,

dass sie jemanden haben, der mit ihnen darüber redet:

Was gut ist und was nicht so gut ist.

Damit sie sagen können, was sie verändern wollen.

Dass sie Vertrauen und Mut bekommen.

Damit sie keine Angst haben

darüber offen zu reden.

Wie geht das Heim mit dem Thema Gewalt und Missbrauch um?

Mein Name ist Lisa Wimmler.

Ich arbeite bei Wibs.

Ich bin Unterstützerin von Monika Rauchberger.

Frau Rauchberger hat Geld bekommen.

Für die Erfahrungen, die sie im Heim machen musste.

Das heißt,

die Opferschutz-Stelle hat die Erfahrungen anerkannt.

Die Opferschutz-Stelle sagt:

„Es ist nicht ok, was damals im Heim passiert ist.“

Dann spricht eine Betreuerin

Frau Rauchberger darauf an.

Die Betreuerin sagt:

„Es war ja alles ok.

Warum hast du dich dort gemeldet?“

Obwohl die Opferschutz-Stelle sagt, dass es nicht ok war.

Frau Rauchberger hat auf einmal keinen Schutz mehr.

Frau Rauchberger wird noch einmal beschuldigt.

Und ihr werden Vorwürfe gemacht.

Die Heim-Struktur wird verteidigt.

Es wird nicht anerkannt, dass Fehler passiert sind.

Die Betroffenen werden wieder

nicht ernst genommen und nicht wahrgenommen.

Die Frage ist:

Wie gehen Heime mit ihrer Vergangenheit um?

Wie gehen Heime mit Menschen um,

die in ihrem Heim Missbrauch und Gewalt erfahren haben?

Sind Heime bereit,

etwas aus diesen Erfahrungen zu lernen?

Oder zahlen sie einfach nur Geld

und ändern ihre Einstellung nicht?

Die Bilder sind von: © Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013 und Wibs

Quelle

Monika Rauchberger, Lisa Wimmler: Keine Angst mehr, über Gewalt im Heim zu sprechen

Erschienen in: Monika Jarosch, Elisabeth Gensluckner, Martin Haselwanter, Elisabeth Hussl, Horst Schreiber (Hrsg.) Gegenstimmen. Gaismair-Jahrbuch 2015. Innsbruck-Wien-Bozen 2014, StudienVerlag, ISBN: 978-3-7065-5393-3, S. 152-155.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 29.01.2018

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