Ich bin die Chefin.

Aus meinem Leben mit Assistenz

Schlagwörter: Erfahrungsbericht, Selbstbestimmung, Freizeit, Assistenz, Emanzipation, Selbstbestimmt Leben, Barrierefreiheit
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Wiederveröffentlichung des in der Zeitschrift Behinderte Menschen, Ausgabe 06/2012, erschienenen Artikels.
Copyright: © Monika Rauchberger 2012

Ich bin die Chefin. Aus meinem Leben mit Assistenz

Inhaltsverzeichnis

Ich habe jetzt schon seit 4 Jahren Persönliche AssistentInnen, die mich in meiner eigenen Wohnung unterstützen.

Ich habe schon vor der Übersiedlung mit einem Assistenten das Anleiten üben können.

Zum Beispiel:

Ich bin mit dem Assistenten viele Sachen für meine Wohnung in verschiedenen Möbel-Kaufhäusern anschauen gegangen.

Ich habe für mich und meinen Freund einige Doppel-Betten angesehen.

Welches Doppel-Bett mir gefällt und auch, ob es im meinem Schlaf-Zimmer Platz hat.

Ich habe damals schon ein wenig AssistentInnen anleiten können, weil ich das bei meiner Arbeits-Stelle bei Wibs gelernt habe.

Dann bin ich von der betreuten Wohn-Gemeinschaft in meine neue behinderten-gerechte Wohnung gezogen.

Dort habe ich von Anfang an Persönliche AssistentInnen gehabt.

Unter der Woche kommt in der Früh um 7 Uhr eine oder einer von meinen 6 AssistentInnen zu mir.

Meistens sage ich gleich zu ihr, was ich zum Trinken und auch zum Essen will.

Manche AssistentInnen fragen mich danach, wenn sie in die Wohnung hereinkommen.

Die Assistentin macht mir das Frühstück.

Anschließend frisiert sie mir die Haare durch und bindet sie mit einem Haargummi zusammen.

Die Assistentin richtet mir die Tabletten auf einem Tuch her, dass ich sie nur mehr von dem Tuch nehmen und in den Mund geben muss.

Während ich frühstücke, macht sie im Schlaf-Zimmer die Balkon-Türe auf.

Sie schüttelt die Bett-Decke aus und richtet sie so her, dass ich mich am Abend nur mehr zudecken brauche.

Dann richtet mir die Assistentin ein Mittag-Essen für die Arbeit.

Mittlerweile brauche ich das den AssistentInnen oft nicht mehr zu sagen, weil sie wissen, dass ich ein Mittag-Essen brauche.

Sie fragen nur mehr, welches Essen sie herrichten sollen, und packen es mir in den Ruck-Sack.

Wenn ich in der Früh um 6 Uhr die volle Wasch-Maschine eingeschaltet habe, hängt die Assistentin kurz nach 8 Uhr die Wäsche auf den Wäsche-Ständer.

Am Abend sage ich den AssistentInnen, sie sollen mit mir die Wasch-Maschine mit Bunt-Wäsche oder Koch-Wäsche oder Woll-Wäsche vollfüllen.

Ich sage ihnen auch, welches Wasch-Mittel und welchen Weich-Spüler sie in die Waschmaschinen-Schublade leeren sollen.

Wenn in der Früh noch Zeit bleibt, dann sage ich zu der Assistentin, sie soll bitte noch die Böden zusammen kehren.

In der Früh machen die AssistentInnen 1 oder 2 Stunden bei mir Dienst, am Abend 3 bis 4 Stunden.

Ich leite die AssistentInnen immer an.

Wochenende

Am Wochenende habe ich meistens 3,5 Assistenz-Stunden, von 11 Uhr bis halb 3.

Ich will am Wochenende nicht so früh aufstehen.

Ab und zu habe ich mehr oder weniger Assistenz-Stunden am Wochenende.

Zum Beispiel:

wenn ich ein Boccia-Turnier habe, dann brauche ich viel mehr Assistenz-Stunden.

Wir schauen immer, wie lange das Boccia-Turnier wirklich gedauert hat, dann schreibt die Assistentin die Stunden auf.

Jeden Monat kann ich 115 Assistenz-Stunden verbrauchen.

Ich kann selber einteilen, wofür ich meine Assistenz-Stunden verwende.

Ab und zu brauche ich weniger Assistenz-Stunden.

Zum Beispiel, wenn ich mit einer Freundin unterwegs bin, die mich unterstützt.

Wenn am Ende des Monats Stunden überbleiben, kann ich sie in den nächsten Monat mitnehmen und später verbrauchen.

Am Anfang war es für mich gar nicht leicht, zu den AssistentInnen zu sagen, was sie in meiner Wohnung alles machen sollen.

Man braucht gegenseitig viel Geduld, um das zu erlernen.

Es kann von niemandem erwartet werden, dass das mit dem Anleiten plötzlich von heute auf morgen geht.

Einige Menschen mit Lernschwierigkeiten brauchen länger, um das Anleiten zu erlernen.

Konflikte lösen

Manchmal habe ich Konflikte mit den AssistentInnen.

Zum Beispiel:

Wenn sie etwas nicht so machen, wie ich es will.

Oder wenn sie einfach ohne zu fragen die Balkontüre aufreißen, obwohl ich in der Früh noch beim Anziehen bin.

Oder wenn sie mit der Arbeit einfach anfangen, bevor ich ihnen einen Arbeitsauftrag gegeben habe.

Am Anfang haben mich die AssistentInnen oft nicht gefragt, was ich zum Frühstück trinken will.

Immer wieder kommt es auch vor, dass AssistentInnen den Schreib-Tisch aufräumen, ohne mich zu fragen.

Dann bekomme ich immer einen Ärger.

Es ist nicht leicht, über die Konflikte zu reden.

Mittlerweile mache ich es so:

Wenn mich etwas stört, sage ich zu den AssistentInnen sofort, was mich stört.

Wenn eine Assistentin oder ein Assistent zu mir in die Wohnung kommt, sage ich gleich, was zu tun ist.

Auch wenn das für mich manchmal schwierig ist.

Damit ich in meine eigene behinderten-gerechte Wohnung ziehen kann, haben mir 2 Mitarbeiterinnen und auch ein Assistent von Selbstbestimmt Leben Innsbruck geholfen.

Eine Mitarbeiterin hat mit mir das Bauliche besprochen, damit in der behinderten-gerechten Wohnung alles für mich barrierefrei ist.

Das heißt zum Beispiel:

alle Licht-Schalter müssen gleich hoch sein, damit ich sie aus dem Rollstuhl erreichen kann.

Oder dass sich die Wohnungs-Tür automatisch öffnet, dass ich ohne Hilfe hinein- und herausfahren kann.

Die andere Mitarbeiterin von Selbstbestimmt Leben Innsbruck hilft mir mit den AssistentInnen.

Sie gibt mir den Namen und die Handy-Nummer von Leuten, die als AssistentInnen arbeiten wollen.

Dann schreibe ich ihnen eine SMS und stelle mich kurz vor.

Ich frage, wann sie Zeit haben für ein Vorstellungs-Gespräch und mache einen Termin-Vorschlag mit einer Uhr-Zeit.

Meistens bekomme ich sofort eine Antwort.

Ich mache immer ein Vorstellungs-Gespräch, bevor jemand fix bei mir arbeitet.

Zuerst stelle ich mich vor.

Ich habe am Computer einen Text, in dem ich die wichtigsten Dinge über mich aufgeschrieben habe.

Die BewerberInnen lesen vom Computer vor und können mir auch noch Fragen stellen.

Nachher stellen sie sich bei mir vor.

Auf dem Computer habe ich Fragen vorbereitet, was ich wissen will.

Ich frage meistens sehr genau nach.

Die ersten Vorstellungs-Gespräche habe ich gemeinsam mit der Mitarbeiterin von Selbstbestimmt Leben Innsbruck gemacht.

Ich habe die Buchstaben-Tafel zum Sprechen verwendet.

Das war für mich oft sehr mühsam, weil es sehr lange gedauert hat.

Deshalb habe ich nach einer Weile den Text über mich und die Fragen für die AssistentInnen geschrieben.

Die AssistentInnen bekommen ihr Geld von Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

Ich habe leere Assistenz-Stundenzettel.

Die AssistentInnen tragen in die Assistenz-Stundenzettel die Stunden ein, die sie bei mir gearbeitet haben.

Am Monats-Ende gebe ich die Assistenz-Stundenzettel vollständig und mit meiner Unterschrift bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck ab.

Dann bekomme ich von der Buch-Haltung jeden Monat eine Rechnung.

Ich muss nur einen Selbst-Behalt bezahlen.

Das Meiste bezahlt das Land Tirol.

Ich kenne mich jetzt schon sehr gut aus, bekomme aber immer noch Hilfe von Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

Zum Beispiel:

Wenn eine Assistentin aufhört bei mir zu arbeiten.

Dann schreibe ich meiner zuständigen Mitarbeiterin von Selbstbestimmt Leben Innsbruck eine E-Mail.

Ich schreibe, ab welchem Zeitpunkt die AssistentIn keine Assistenz mehr bei mir macht.

Dann weiß die Mitarbeiterin, dass sie diese AssistentIn abmelden soll.

Auch wenn ich eine neue Assistentin brauche, schreibe ich eine Email.

Dann schickt mir die Mitarbeiterin Namen und Telefon-Nummern von neuen BewerberInnen.

Urlaub

Ich kann auch mit AssistentInnen auf Urlaub fahren.

Ich bin schon einmal mit einer Assistentin und mit 2 Freundinnen von mir auf Urlaub gefahren.

Ich habe für die Assistentin auch die Bus-Fahrt, das Hotel und das Essen mitbezahlt.

Vor dem Urlaub habe ich vieles ausgemacht.

Zum Beispiel, ob ich die Assistentin die ganze Zeit brauche.

Und ob die Assistentin zwischendurch für sich Freizeit hat.

Sie hat zwischendurch Freizeit gehabt.

Das haben wir vor Ort ausgemacht.

Dann habe ich mit meinen 2 Freundinnen mit Lernschwierigkeiten alleine etwas gemacht.

Wir haben immer gut zusammen gefunden.

Seit ich in meiner eigenen behinderten-gerechten Wohnung lebe, weiß ich, was der Unterschied zwischen persönlicher Assistenz und Betreuung ist.

Davor habe ich Ewigkeiten lang in Heimen und in einer Wohn-Gemeinschaft gelebt.

Dort gab es nur Betreuung und keine persönliche Assistenz.

Die BetreuerInnen in den Heimen und auch in den Wohn-Gemeinschaften geben den Dienst-Plan vor.

Sie sagen, was die Menschen mit Behinderungen zu tun haben.

Die BetreuerInnen lassen die Menschen mit Behinderungen nie aus die Augen.

Weil die BetreuerInnen haben viel zu viel Angst, dass mit den Menschen mit Behinderungen im Heim etwas passieren könnte.

Die Leute mit Behinderungen müssen zu bestimmten Zeiten im Heim sein.

Zum Beispiel zu den Essens-Zeiten.

Die persönlichen AssistentInnen kommen zu mir, wann ich es mit ihnen ausgemacht habe.

Das heißt, ich sage zu ihnen, um welche Uhr-Zeit sie in meine Wohnung oder woanders hinkommen sollen.

Dann sage ich ihnen, was sie für mich tun sollen.

Und wie sie es tun sollen.

Die AssistentInnen machen sich um mich keine Sorgen.

Das Organisieren und das Anleiten sind oft nicht so leicht.

Man muss sich beides erarbeiten und man muss mit sich selber auch geduldig sein.

Dieser Text war auch in der Zeitung behinderte Menschen.

Nummer 6 2012.

Die Bilder sind von:

Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013.

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Quelle:

Monika Rauchberger: Ich bin die Chefin. Aus meinem Leben mit Assistenz.

Original: Zeitschrift Behinderte Menschen, Ausgabe 06/2012

bidok - Internetvolltextbibliothek. Wiederveröffentlichung im Internet.

Stand: 21.01.2014

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