So habe ich es von einer Werkstatt für behinderte Menschen auf einen richtigen Arbeitsplatz geschafft

Schlagwörter: Erfahrungsbericht, Arbeit, Beruf, Werkstatt für Behinderte (WfB)
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Dieser Text ist von der Fach-Tagung 20 Jahre bidok
Copyright: © Monika Rauchberger

So habe ich es von einer Werkstatt für behinderte Menschen auf einen richtigen Arbeitsplatz geschafft

 Das Foto zeigt Monika Rauchberger

Die Zeit in der Werkstatt

Ich fing im August 1989 an, in einer Werkstätte zu arbeiten.

Damals war ich 18 Jahre alt.

Ich machte verschiedene Handarbeiten:

Bilder sticken, große und kleine Teppiche weben, kaputte

Seidenstrümpfe zusammenknüpfen, damit daraus Teppiche gewebt

werden konnten.

Ich musste auch sinnlose Arbeiten machen, z.B. ewig lang Speckstein

oder Holzklötze schleifen, irgendetwas zeichnen, Seidenpapier

zerreißen oder Listen auf dem Computer ausfüllen.

Aber auch die Arbeiten wie Teppiche weben sind mir sinnlos

vorgekommen, weil niemand die Teppiche kaufen wollte.

Es gab Arbeiten, die ich nicht gerne tat, wie die Schmutzwäsche der

Werkstätte ins Wohnheim führen und die saubere Wäsche wieder

mitbringen.

Vor der Schmutzwäsche ekelte mich.

Es gab auch Arbeiten, die ich gerne gemacht hätte.

Nützliche Tätigkeiten wie Büroarbeiten.

Ich hätte so gerne Einladungen oder Vorankündigungen geschrieben,

Adressetiketten auf Briefumschläge geklebt, die Briefe in die

Umschläge gesteckt, auf dem Computer wichtige Sachen geschrieben

oder was sonst noch so in einem Büro anfällt.

Eine Zeitlang durfte ich das auch tun, ich arbeitete eine Woche lang

am Nachmittag im Büro.

Dann kam eine andere Arbeitskollegin für eine Woche dran, und

dann kam wieder ich dran.

Für mich war das richtige Arbeit.

Am Ende kam ich in die Holzwerkstätte, wo auch mit Speckstein

gearbeitet wurde.

Dort gefiel es mir nicht so gut, denn es gab zu wenig Arbeitszeit für

die vielen Aufträge.

Außerdem war es sehr oft extrem laut, was mich ziemlich anstrengte.

Ich konnte mich sehr oft nicht mehr konzentrieren.

Außerdem machten einige Menschen mit Lernschwierigkeiten

einfach, was sie wollten.

Häufig wurden während der Arbeitszeit Spiele gemacht, oder wir

gingen spazieren.

Die WerkstättenleiterInnen fragten uns nicht einmal, ob wir das

überhaupt wollten.

Ich habe das nie verstanden.

Arbeitszeit ist keine Freizeit.

Zum Spielen und Spazieren-Gehen hätten wir zu Hause bleiben

können. Mich störte auch, wenn KollegInnen in der Arbeitszeit

schliefen.

Dazu gab es einen Ruheraum, aber manche schliefen einfach neben

mir.

Das Taschengeld bekamen sie trotzdem, egal ob sie gearbeitet oder

geschlafen hatten.

Das fand ich ungerecht.

Was mich sehr ärgerte, war, dass die Werkstättenleiter oft nicht

dahinter waren, dass wir noch etwas dazulernten.

Ich sah überhaupt nicht ein, warum sie sich nicht mehr bemühten,

uns eine richtige Arbeitsstelle zu suchen.

Es ist wichtig, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten etwas

Nützliches arbeiten und auch geregelte Arbeitszeiten haben.

Wir brauchen die Möglichkeit, auf richtigen Arbeitsplätzen Geld

verdienen zu können.

Nach einiger Zeit fuhr ich echt ungern in die Werkstätte.

Es war mir einfach alles zu viel, und ich hatte keine Energie mehr dort

weiterzuarbeiten.

Wie ich einen richtigen Arbeitsplatz gefunden habe

Ich träumte davon, in einem Büro zu arbeiten.

Und träumte von mehr Geld.

Das Taschengeld, das ich in der Werkstätte bekam, war eindeutig zu

wenig.

Vor 15 Jahren bewarb ich mich bei dem EU-Projekt von

Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

Meine BetreuerInnen und meine KollegInnen in der Werkstätte

rieten mir ab.

Sie sagten, dass ich es auf einem richtigen Arbeitsplatz nicht schaffen

würde.

Sie hatten Angst, weil sie überhaupt keine Vorstellung hatten, was ich

an meinem neuen Arbeitsplatz tun musste.

Sie glaubten nicht, dass ich mit meinen Einschränkungen, mit meiner

Behinderung einen richtigen Job schaffen könnte.

Sie hatten Bedenken, dass ich einige Arbeiten nicht alleine machen

konnte und dass ich für manche Arbeiten länger als einen Tag

brauchte.

Sie fragten mich auch, was nach den drei Jahren sein würde, wenn es

das Projekt nicht mehr gäbe.

Aber ich wollte das Risiko eingehen.

Ich war überzeugt davon, dass ich die Arbeit bestimmt schaffen

würde.

Ich hatte ein gutes Gefühl.

Als ich erfahren habe, dass ich an einer richtigen Arbeitsstelle

anfangen könnte, war das ein Sprung ins eiskalte Wasser.

Der Werkstattleiter und auch die gesamten BetreuerInnen hatten ein

ungutes Gefühl dabei.

Sie haben mir nicht zugetraut, dass ich an einem richtigen

Arbeitsplatz arbeiten könnte.

Sie hatten Befürchtungen, weil ich nicht deutlich reden kann und

außerdem am Computer langsam schreibe.

Und sie meinten, dass ich sehr oft Hilfe brauche.

Ich wusste aus dem Vorstellungsgespräch, dass ich mir an der neuen

Arbeitsstelle Unterstützung holen konnte, wenn es notwendig war.

Mir ist auch vorgekommen, dass manche von ihnen gedacht haben,

ich mache einen Witz.

Der Werkstättenleiter wollte, eine Bestätigung, dass es ganz sicher

ist, dass ich bei dem neuen Job anfangen kann.

Darüber habe ich mich ziemlich geärgert.

Sie haben mich immer wieder gefragt, ob das wirklich stimmt, dass

ich eine richtige Arbeitsstelle bekomme und was ich tun werde, wenn

ich die neuen Aufgaben nicht schaffe.

Ich hab ziemlich stark sein müssen.

Ich habe zu ihnen gesagt, warum sollte ich das nicht schaffen?

Ich habe zu ihnen gesagt, am Anfang ist es bei einer neuen Arbeit

immer schwer.

Es dauert eben, bis man sich an alles gewöhnt.

Ich habe zu ihnen gesagt, ich kann alles irgendwie lernen und ich

habe bis jetzt noch alles geschafft, wenn auch mit einigen Umwegen

und einem großen Aufwand.

Die erste Zeit auf einem richtigen Arbeitsplatz

Dann begann ich bei Wibs als Peer-Beraterin für Menschen mit

Lernschwierigkeiten in einem Büro zu arbeiten.

Das war im Jahr 2002. .

Am Anfang war es schwierig:

Mir ist bewusst geworden, dass ich die Einzige im Projekt war, die

einen Rollstuhl hatte.

Die anderen MitarbeiterInnen konnten alle ganz normal gehen.

Und dazu kam, dass ich auch schwer sprechen kann.

Die MitarbeiterInnen haben mich nicht ohne Buchstabentafel

verstanden.

Sofort bekam ich wieder ein ungutes Gefühl. Ich habe mir Sorgen

gemacht, wie das nur gut gehen könnte.

Im Stillen bekam ich große Zweifel, ob die mich behalten würden.

Also habe ich versucht, möglichst gute Arbeit zu leisten und die

UnterstützerInnen möglichst wenig um Hilfe zu bitten.

Alles war anders als in der Werkstatt.

Am Anfang habe ich gar nicht gewusst, wie ich eigentlich mit den

neuen Leuten umgehen sollte.

Wenn ich etwas gebraucht habe, habe ich gewartet bis jemand von

den UnterstützerInnen Zeit hatte.

Sie haben dann immer erst fragen müssen, was ich eigentlich

brauche.

Ich habe ihnen viel erklären müssen.

Ich hatte große Angst, dass ich ihnen auf die Nerven gehe und sie

mich wieder loswerden wollen.

Meine Arbeit als Projektleiterin

Ich leite das neunte Jahr gemeinsam mit einer Unterstützungs-Person

das Projekt Wibs.

Wir sagen: Das ist eine geteilte Projekt-Leitung.

Am Anfang war das für mich wieder eine große Herausforderung.

Die vielen neuen Sachen für die geteilte Projekt-Leitung dazu lernen.

Ich bin für das Inhaltliche zuständig.

Zum Beispiel:

Ich teile die Arbeiten auf die einzelnen MitarbeiterInnen auf.

Ich mache mit den MitarbeiterInnen zweimal im Jahr ein

MitarbeiterInnen-Gespräch.

Zweimal schreibe ich einen Bericht in leichter Sprache.

Wenn eine Anfrage per Mail reinkommt, dann überlege ich:

ob wir den Auftrag brauchen und ob wir Zeit dazu haben.

Einmal im Jahr schreibe ich gemeinsam mit der geteilten

Projektleitung in schwerer Sprache einen neuen Antrag.

Ich überlege immer vorher:

Was ist für den neuen Antrag für Wibs wichtig?

Dann schreibe ich an die geteilte Projekt-Leitung die Ideen.

Jetzt mache ich die geteilte Projekt-Leitung ganz fließend.

Mir macht die Arbeit viel Spaß und sie ist auch noch immer

herausfordernd.

Nun bin ich schon seit 15 Jahren bei Wibs angestellt.

Ich habe einen richtigen Job, mit ordentlichem Gehalt und

Sozialversicherung.

Wenn ich nicht mehr hier arbeiten könnte, wäre ich unglücklich und

hätte ein ungutes Gefühl in mir.

Ich hätte Angst, dass ich keine richtige Arbeit mehr finde.

Auf jeden Fall würde ich rechtzeitig eine neue Arbeitsstelle suchen.

Ich würde gerne ausprobieren, ob ich an einem neuen Arbeitsplatz

auch gut arbeiten kann.

In die Werkstätte will ich auf keinen Fall mehr zurück.

Ich will unbedingt wieder einen richtigen Job haben und werde mir

Unterstützung holen, damit ich einen finde.

Mehr Texte von Monika Rauchberger finden Sie auf

Mehr Information über Wibs finden Sie auf

http://www.wibs-tirol.at/

Quelle

Monika Rauchberger: So habe ich es von einer Werkstatt für behinderte Menschen auf einen richtigen Arbeitsplatz geschafft. Innsbruck 2017.

bidok - Volltextbibliothek: Neuveröffentlichung im Internet

Stand: 19.03.2018

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