Das Unbehagen in der Inklusion

AutorIn: Nils Ramthun
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Zeitschrift Distanz: Online-Magazin abseits deutscher Konsenswünsche/Behinderung, Ausgabe 2, Juni 2015, S. 13-19.http://distanz-magazin.de/ Distanz (2/15)
Copyright: © Nils Ramthun 2015

Vorwort:

"Der Doppelcharakter des Fortschritts, der stets zugleich das Potential der Freiheit und die Wirklichkeit der Unterdrückung entwickelte […].“

Theodor W. Adorno – Minima Moralia

Im vergangenen Sommer (Kalenderwoche 20-35/2014) konnte man den Eindruck gewinnen, als sei das Thema Behinderung tatsächlich in der Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit angekommen. Einige Ereignisse haben jedenfalls Interesse erregt und ein entsprechendes mediales Echo hervorgerufen. Da war der ‚Fall Henri‘, anhand dessen plötzlich das ‚Problem‘ der Inklusion behinderter Kinder in die ‚normale‘ Regelschule verhandelt worden ist (Mitte/Ende Mai). Da war der ‚Fall‘ des Weitspringers Rehm, der akut die Frage aufwarf, wie es um die Inklusion behinderter Sportler in die ‚normale‘ Welt des Sports steht (Ende Juli/Anfang August). Und da war nicht zuletzt auch der ‚Fall‘ eines australischen Ehepaares, das ihr, von einer Leihmutter ausgetragenes, behindertes Kind nicht mehr haben wollte, um den herum man die ganz ‚normalen‘ individuellen und gesellschaftlichen Ressentiments gegenüber behinderten Menschen diskutieren konnte (Mitte August).

Vielleicht war es nur ein laues mediales Sommerlüftchen und vielleicht ist die Euphorie um den emphatisch-emanzipatorisch gedeuteten Inklusionsbegriff, wie er sich vor allem um die UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung[1] herausgebildet hat, einer neuerlichen Ernüchterung gewichen.[2] Es ist (und war) nicht davon auszugehen, dass die politische Umsetzung der Inklusion widerstandslos (Konservatismus) und vor allem nicht (was wenig berücksichtigt zu werden scheint) interessenlos (Neoliberalismus) stattfinden würde, bloß weil diese nun den Status eines Menschenrechts innehat. Der Streit, die Auseinandersetzung um Macht und Deutung dessen, was Inklusion meint, was sie sein kann und was sie letztlich sein wird, hat gerade erst begonnen.

Gleichwohl stehen wir an einer Epochenschwelle: der Krise der Disziplinargesellschaften, die nach und nach von den Normalisierungs- bzw. Kontrollgesellschaften abgelöst werden. Sie gilt es ins Auge zu fassen, will man den gegenwärtigen Hype um Inklusion verstehen. Ihr Erscheinen im Diskurs wäre weniger auf eine veränderte, fortschrittlichere Sichtweise von Behinderung, sondern vielmehr auf eine sich längst vollziehende Umformung der Gesellschaft selbst zurückzuführen.



[1] Einige exemplarische Punkte der UN-Konvention sollen zumindest anerkennende Erwähnung finden. Sie berücksichtigen langjährige Forderungen der Behindertenbewegung: Das medizinisch-defizitäre Modell in der Betrachtung von Behinderung ist eingefügt worden in ein soziales Modell von Behinderung, demzufolge behinderte Menschen insbesondere durch soziostrukturelle Hindernisse an der gesellschaftlichen Partizipation ‚behindert‘ werden: „Zu den Menschen mit Behinderung zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren, an der vollen, wirksamen gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (Art. 1,2). Sodann wird die „Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderung […] als Teil menschlicher Vielfalt“ anerkannt (Art. 3). Gegenüber dem Prinzip der Fürsorge wird das der Selbstbestimmung gestärkt. Menschen mit Behinderung haben demnach das Recht, frei in der Gemeinschaft zu leben, d.h. frei zu entscheiden, z. B. „wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“ (Art. 19). Schließlich – hier ist der Inklusionsgedanke vielleicht am stärksten verankert – wird davon ausgegangen, dass „Menschen mit Behinderung [einen wertvollen Beitrag, N. R.] zum allgemeinen Wohl und zur Vielfalt ihrer Gemeinschaften leisten und leisten können.“ Interessant, wenn auch nicht unproblematisch, ist die darauf folgende Formulierung um die angestrebte Förderung des sogenannten „Zugehörigkeitsgefühls“ behinderter Menschen (Präambel (m)).

[2] Der Monitoring-Bericht März 2015 hat z. B. keine besonders große mediale Beachtung mehr gefunden. Zwar wird Deutschland ein verheerendes Zeugnis bei der Umsetzung der UN-Konvention ausgestellt, doch reagierten nicht einmal die Behindertenverbände. Interessant zu beobachten sein wird, wie und wo diese sich überhaupt positionieren werden. Denkwürdige Überraschungen nicht ausgeschlossen. Schließlich droht den Behindertenverbänden durch die Inklusion, die sie laut UN-Konvention zwar fördern und mit organisieren sollen, nichts weniger als der eigene Bedeutungsverlust und u. U. die eigene Abwicklung.

Die Krise der Einschliessungsmilieus

Den Begriff der Kontrollgesellschaften hat Deleuze 1990 skizzenhaft in seinem kleinen, mitunter rätselhaft bleibenden Text Postskriptum über die Kontrollgesellschaften entworfen.[3] Auf Foucaults Überlegungen zur „Normalisierungsgesellschaft“ aufbauend, diagnostiziert er für die Gegenwart eine Krise der Disziplinargesellschaften mit all ihren Einschließungsmilieus („Heime“ jeglicher Art: Gefängnis, Krankenhaus, Fabrik, Schule, Familie) die abgelöst werden durch „Kontrollgesellschaften, die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation“.[4] Kontrolle, die sich in einer permanenten Variation der Bereitstellung bzw. Abweisung von Informationen zeigt.

Angesichts der heute schon möglichen Apparaturen der Informationstechnologie, etwa der digitalen Brille und Uhr mögen die Kontrollmöglichkeiten, die Deleuze entwirft, mittlerweile banal wirken. Insofern sich aber weiterhin unverändert die Pole „der Befreiungen und Unterwerfungen“ gegenüberstünden, sei davon auszugehen, dass auf die neuen Mechanismen der individuellen Freiheit auch neue Mechanismen der individuellen Kontrolle folgten. Kurz gesagt: Die Gesellschaften befinden sich gegenwärtig im Aufbau einer neuen Herrschaftsform. Als Indiz für das Entstehen der Kontrollgesellschaft könne man den öffentlich propagierten „Reformbedarf“ sehen: „Eine Reform nach der anderen wird von den zuständigen Ministerien für notwendig erklärt: Schulreform, Industriereform, Krankenhausreform, Armeereform, Gefängnisreform.“[5]



[3] Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: Ders.: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 254 – 262.

[4] Gilles Deleuze: Kontrolle und Werden. In: Ders.: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 250. Vgl. Michel Foucault: Die Disziplinargesellschaft in der Krise. In: Ders.: Analytik der Macht. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005, S. 144 f.: „In den industrialisierten Ländern gerät die Disziplin in die Krise. Seit vier oder fünf Jahrhunderten war man der Meinung, dass die Entwicklung der westlichen Gesellschaften von der Effizienz der Macht bei der Erfüllung ihrer Funktion abhängig sei. In der Familie beispielsweise war es wichtig, wie die Autorität des Vaters oder der Eltern die Verhaltensweisen der Kinder kontrollierte. Wenn dieser Mechanismus zerbrach, brach die Gesellschaft zusammen. Wie das Individuum gehorchte, war ein wichtiges Thema. In den letzten Jahren hat sich die Gesellschaft geändert und die Individuen ebenso; sie sind mannigfaltiger, unterschiedlicher und unabhängiger.“ Wegweisend sind/waren Foucaults Untersuchungen zur Bio-Macht und Gouvernementalität. An die Stelle der „Disziplinar-“ trete die „Normalisierungsgesellschaft“: „Eine Macht, die das Leben zu sichern hat, bedarf fortlaufender regulierender und korrigierender Mechanismen. Es geht nicht mehr darum, auf dem Feld der Souveränität den Tod auszuspielen, sondern das Leben in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren. […] Statt die Grenzlinie zu ziehen, die die gehorsamen Untertanen von den Feinden des Souveräns scheidet, richtet sie die Subjekte an der Norm aus, indem sie sie um diese herum anordnet. […] Eine Normalisierungsgesellschaft ist der historische Effekt einer auf das Leben gerichteten Machttechnologie.“ (Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. 3 Bde. Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977 S. 170 ff.)

[5] Ebd. S. 255.

Inklusion zwischen Normierung und Normalisierung

Explizit heißt das (was implizit stets mitgedacht werden kann): Bei der Krise der Einschließungsmilieus handelt es sich eben auch um eine Krise jener spezifischen Einschließungsmilieus behinderter Menschen, etwa Sonderschule, Behindertenheim, Behindertenwerkstatt, „zweiter Arbeitsmarkt“. Als eine der für notwendig erklärten Reform ist die Inklusion selbst zu benennen. Obwohl diese eigentlich die Verbesserung der Lebenssituation behinderter Menschen insgesamt propagiert – und zwar in der Gestalt, dass es nicht mehr die behinderten Menschen sind, die der Gesellschaft angepasst werden müssen, sondern gerade umgekehrt – wird sie zunehmend auf das politische Feld der Bildung reduziert.

Inklusion droht so tatsächlich zur bloßen Bildungsreform zu werden. Hier greift möglicherweise bereits ein Mechanismus der politischen Verengung bzw. sogar der Entpolitisierung des Inklusionsgedankens im Prozess seiner praktischen Umsetzung. Dennoch markiert das Auftauchen der Inklusion auf der politischen Agenda eine nachholende „Normalisierung“ behinderter Menschen, wie man sie beispielsweise bei anderen diskriminierten Randgruppen (Frauen, Schwule und Lesben u. a.) schon länger vernehmen kann. Jürgen Link hat, an Foucault anknüpfend, in diesem Zusammenhang (der Krise der Disziplinargesellschaften) von der Herausbildung eines flexiblen Normalismus gegenüber dem sogenannten Protonormalismus gesprochen.[6] Dabei kommt der (medial verhandelten und transportierten) ‚Normalität‘ womöglich die überaus wichtige Funktion zu, Individuen an die jeweilige Machtstruktur zu binden bzw. dem Anrufungstheorem Althussers[7] entsprechend, Individuen ‚anzurufen‘, um sie als Subjekte unterwerfen zu können. In diesem Sinne verspricht Inklusion behinderten Menschen die langersehnte Aussicht auf ‚Normalität‘. Sie wäre als der angebotene Spiegel zu verstehen, in dem sich behinderte Menschen überhaupt erst als ‚ normal‘ wiedererkennen können.

Dass sich die Identitätsbildung und das Selbstbewusstsein behinderter Menschen aus der Erfahrung behinderten Lebens heraus immer noch und fast ausschließlich vor allem an ‚Normalität‘ als Maß aller Dinge orientieren, mag einen melancholischen Beiklang bekommen, wird sich aber als geradezu hilfreich erweisen. So findet sich – kaum mehr verwunderlich – in der Präambel der UN-Konvention auch die Formulierung (der Stärkung) des „Zugehörigkeitsgefühls“ behinderter Menschen. Zur Frage steht, ob mit Inklusion eine grundsätzliche Akzeptanz (jenseits von Normalitätskonstruktionen) verfolgt wird oder ob an eben jene Zugehörigkeit (weiterhin) Bedingungen geknüpft sein werden.



[6] Vgl. Jürgen Link: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996.

[7] Vgl. Louis Althusser: Ideologie und Ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg / Berlin: VSA 1977.

Mutation des Kapitalismus

Als das wesentliche Ziel der Normalisierungsgesellschaft hat Foucault die Organisation des Lebens im „Bereich des Wertes und Nutzens“ benannt. Auch Deleuze betont die innige Wechselwirkung von Kontrollgesellschaften und Kapitalismus. Mit der Krise der Einschließungsmilieus gehe nicht zuletzt eine „Mutation“ des Kapitalismus selbst einher:

„Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ist einer des Eigentums und […] der Konzentration. Er errichtet also die Fabrik im Milieu der Einschließung, wobei der Kapitalist Eigentümer der Produktionsmittel, aber eventuell auch Eigentümer anderer Milieus ist, die analog konzipiert sind (das Heim der Arbeiter, die Schule). […] In der aktuellen Situation ist der Kapitalismus jedoch nicht mehr an der Produktion orientiert, die er oft in die Peripherie der Dritten Welt auslagert. […] Was er verkaufen will, sind Dienstleistungen, und was er kaufen will, sind Aktien. Dieser Kapitalismus ist nicht mehr für die Produktion da, sondern für das Produkt, das heißt für den Verkauf oder Markt. Daher ist sein wesentliches Merkmal die Streuung, und die Fabrik hat dem Unternehmen Platz gemacht. Familie, Schule, Armee, Fabrik sind keine unterschiedlichen analogen Milieus mehr, die auf einen Eigentümer konvergieren, […] sondern chiffrierte, deformierbare und transformierbare Figuren ein und desselben Unternehmens, das nur noch Geschäftsführer kennt.“[8]

Der Wechsel von Produktion (Konzentration, Anordnung und Verteilung der Körper) zum Markt (Mobilisierung und Streuung), verändert die menschlichen Lebensbereiche und Beziehungen, nicht zuletzt das menschliche Selbstverständnis. Die Tragweite dieser Prozesse offenbart sich zunehmend – ein Vierteljahrhundert nach Deleuze’ Postskriptum. Der Mensch ist zum flexiblen Unternehmer seiner selbstgeworden, der sich als Warenprodukt definiert, das auf dem Markt gehandelt wird, der unter dem andauernden Zwang steht, sich selbst immer wieder neu zu kontrollieren und gegebenenfalls zu optimieren, um seinen Warenwert bzw. Aktienwert zu erhalten und zu steigern. Man denke nur an den grassierenden Gesundheits- und Fitnesswahn oder die ins Bodenlose gewachsene Ratgeber- und Coaching-Literatur. Die allgemeine Hektik und Umtriebigkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts hat Deleuze vorweggenommen: „In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit etwas fertig wird: Unternehmen, Weiterbildung, Dienstleistung.“[9]



[8] Deleuze, Postskriptum, S. 260.

[9] Ebd. S. 257.

Herausfordernde Kräfte an der Epochenschwelle

Was die Inklusion angeht, zeichnet sich also eine komplexe Situation ab, die als solche sowohl von den Betroffenen als auch von den sie stellvertretenden Institutionen, entweder noch gar nicht zur Kenntnis genommen oder schon stillschweigend anerkannt wird: die Mobilisierung und Integration behinderter Menschen in den zeitgenössischen Kapitalismus. Und zwar - um die Differenz zum emphatisch-emanzipatorischen Inklusionsbegriff deutlich hervorzuheben – den Kapitalismus mit all seinen sozialen Isolations-, Marginalisierungs- und Aussonderungsmechanismen, die sich dann nicht mehr an der Grenze nicht-behindert/behindert herauskristallisieren werden, sondern vielmehr an der von fähig/unfähig überhaupt. Fähig/unfähig zu sein, das Leben für sich und die Gesellschaft ‚profitabel‘ und ‚kostenneutral‘ nicht nur gestalten zu können, sondern auch zu müssen – d. h. kapitalistisch ‚normal‘ zu sein.[10]

An dieser Epochenschwelle stehend, ist festzuhalten, dass vor allem zwei Herausforderungen virulent werden: Einerseits der Widerstand des Konservatismus, der mehr oder weniger offen bestrebt ist, den Status quo einer selbst krisenhaft gewordenen Ordnung zu verteidigen, etwa im Versuch, das Einschließungsmilieu der Sonderschulen gegenüber (oder zumindest neben) inklusiven Schulen mit dem Argument der besonderen Schutzbedürftigkeit zu erhalten. Inklusive Bildung wird hier als Gefahr für behinderte Kinder inszeniert. Andererseits rückt zunehmend der Neoliberalismus ins Blickfeld, der als treibende Kraft des Inklusionsgedankens markiert ist, wenn es darum geht, behinderte Menschen für den Kapitalismus zu mobilisieren und nutzbar zu machen. Der Fokus wird freilich ein altbekannter in neuem Gewand bleiben: die Lenkung und Kontrolle des Individuums.



[10] Ein Gedanke, den die Disability Studies zunehmend berücksichtigen. Vgl. Anne Waldschmidt: Selbstbestimmung als behindertenpolitisches Paradigma – Perspektiven der Disability Studies. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 8 (2003), S 13-20. Dort S. 18: „Zwar geht es in der fortgeschrittenen Moderne weiterhin um die Integration oder Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen je nach Arbeits- und Vertragsfähigkeit. Zugleich aber steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts die neoliberale Gesellschaft und mit ihr die Behindertenpolitik vor einer neuen Herausforderung. […] In der gegenwärtigen Zeit still zu stehen, an einem Ort zu verharren, in einem Wort: ‚behindert‘ zu sein, kann den sozialen Tod bedeuten. Vor diesem Hintergrund verändert sich auch die Zielrichtung der Behindertenhilfe und -politik. Nun geht es darum, auch bei der Personengruppe der Behinderten Bewegung herzustellen […]. Erst der Neoliberalismus, der sich zum Ende des 20. Jahrhunderts entfaltet hat, schafft somit die Voraussetzungen für die Selbstbestimmung auch der behinderten Menschen. Gleichzeitig muss man konstatieren: In der fortgeschrittenen Moderne darf man nicht nur selbstbestimmt leben; man muss es sogar. Sie verlangt den gesunden, normalen ‚flexiblen Menschen‘, der sich hektisch den Weg durch die Massen bahnt, der als ‚Ich-AG‘ das eigene Leben profitabel gestaltet und die Zwänge des Marktes bereitwillig akzeptiert. […] Heute verheißt Autonomie nicht mehr nur Befreiung, sondern ist auch zur sozialen Verpflichtung geworden – und zwar nicht nur für nichtbehinderte, sondern auch für behinderte Menschen.“

Widerstand

Ob und wie man dagegen Widerstand leisten kann? Falls man die Frage bejaht, wird es darum gehen, um Foucault einmal aufzunehmen, das Leben beim Wort zu nehmen und gegen das System zu wenden, das seine Kontrolle übernommen hat. Leben wird hier „verstanden als Gesamtheit grundlegender Bedürfnisse, konkretes Wesen des Menschen, Entfaltung seiner Anlagen und Fülle des Möglichen.“[11] Zunächst wäre damit vielleicht sogar eine Distanzierung gemeint – der Anrufung zu widerstehen, sich nicht sofort umzudrehen –, die zum Ziel hätte, die Krüppelbewegung noch einmal neu aufzurollen, jedoch offen bliebe für alle, die sich in der freien Entfaltung ihrer Möglichkeiten ausreichend genug behindert sehen und fühlen.

Wer der Erwiderung des „Für mich bist du ganz normal“ mit jenem „Danke, für mich bist du auch behindert!“ zustimmen kann, sollte gefälligst mitmachen können. Was behinderten Menschen nach wie vor besonders augenfällig fehlt, verglichen mit anderen Gruppen, die für ihre Emanzipation gekämpft haben, immer noch kämpfen oder wieder damit anfangen, ist eine konkrete Praxis: eine eigene subversive Subkultur und eine eigene kritische Avantgarde, die – als radikale Diskursposition – die Utopie (oder was auch immer) von Inklusion sowohl gegen ihre konservativen Widersacher als auch gegen ihre neoliberalen Verfechter verteidigt.[12]

Einem Sommerlüftchen werden schließlich noch viele Herbst- und Winterstürme folgen.

Quelle

Nils Ramthun: Das Unbehagen in der Inklusion. Erschienen in: Zeitschrift Distanz: Online-Magazin abseits deutscher Konsenswünsche/Behinderung, Ausgabe 2, Juni 2015, S. 13-19. http://distanz-magazin.de/

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 13.10.2015



[11] Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 172.

[12] Ansätze dafür gibt es, etwa die Zeitung „Mondkalb“ (http://mondkalb-zeitung.de/ ). Ermutigendes ist auch aus dem Umfeld der Berliner Pride-Parade zu vernehmen: „Wir möchten eine Gesellschaft, in der wir sein können, wie wir sind. Wir möchten eine Gesellschaft, in der nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen, Kratzer und Ecken akzeptiert werden. Geht es nur um Geld und Leistung, dann wird es immer Menschen geben, die das nicht erfüllen können.“ Oder: „Wir wollen Barrieren abschaffen. Nicht Behinderte. Wir wollen mit euch laut sein und stören, bis alle Kinder in der Schule Anerkennung bekommen. Und wir beschweren uns so lange, bis neben der Arbeit auch das Recht auf Faulheit viel Platz hat!“ (AK MOB, http://www.pride-parade.de/ redebeitraege.html, Abrufdatum: 20.4.2015)

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