Queering (Dis)abled Politics

AutorIn: Heike Raab
Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Dieser Artikel wurde im Rahmen der Netz-Zeitschrift Tilde i.E. www.copyriot.com/tilde geschrieben.
Copyright: © Heike Raab

Queering (Dis)abled Politics

Neulich in Frankfurt "Weiblich, lesbisch behindert sucht........."[1].

Selbst in Zeiten einer verstärkten Thematisierung der Differenz(en) zwischen Frauen, verweist der Flyer auf ein üblicherweise wenig beachtetes Thema. Auch der zunehmende Einfluss queertheoretischer bzw. feministisch poststrukturalistischer Ansätze und Praxen vermag kein gegenteiliges Bild zu entwerfen. Frauen/Lesben[2] mit Handicap sind hierzulande immer noch ein ziemlich unsichtbarer und wenig beachteter Personenkreis nicht nur in queeren feministischen Denkzirkeln.

Disabled Queeries als Akteurinnen der Frauen/Lesbenkultur und -politszene, in der Linken oder der Krüppelbewegung, werden im Allgemeinen als randständige Figuren alternativer sozialer Bewegungen, als das Andere des Anderen wahrgenommen, bzw. häufig nicht einmal das. Kurz: Die Perspektiven und politischen Praxen eines Lebens mit sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen jenseits des hegemonialen sexuellen Mainstreams sind selten Ausgangspunkt, noch finden und fanden sie Einfluss in aktuelle wie vergangene emanzipatorische Auseinandersetzungen im Feld des Politischen.

So weit so klar, bzw. eher unklar, denn es soll hier nicht ein weiteres Klagelied von der doppelten Diskriminierung behinderter Lesben/Frauen angestimmt werden. Doch worum geht es dann?

In diesem Artikel möchte ich verschiedene Theoriegebäude durchque(e)ren und verque(e)ren. Dies bedeutet insbesondere eine Ausschau nach Leer- und Bruchstellen aktueller queerer, poststrukturalistischer Theoriebildung für den Komplex "(dis)abled politics". Dabei geht es mir um die, nicht nur theoretische, Erfassung der Denk- und Lebensorte lesbischer, bisexueller und transsexueller Frauen/Lesben mit Behinderung. Und ganz pragmatisch: Um Einblicke und Ausblicke auf Themen, Theorien und politische Praxen von "disabled dykes in action" und ihre Knackpunkte.



[1] Aus einem Flugblatt der Lesben Informations- und Beratungsstelle (LIBS) in Frankfurt anlässlich der Gründung einer Frankfurter Gruppe von Lesben mit Behinderung(en).

[2] Diese Kategorisierung bezieht sich auf ein queeres Verständnis von Frau-Sein bzw. Lesbisch-Sein. D.h. die Verwendungsweise der Kategorie Frau bzw. Lesbe in diesem Text soll die Vielfältigkeit weiblicher Geschlechtlichkeiten und Sexualitäten zum Ausdruck bringen und versteht sich zugleich als eine noch zu entwickelnde multisexuelle und multigeschlechtliche Perspektive.

Das Normalitätsdispositiv

Foucault beschreibt die Funktionsweise moderner Macht im Sinne einer Normalisierungsgesellschaft[3], deren Melodie die permanente Normalisierung in Gestalt institutionalisierter und nicht institutionalisierter Normen ist. So schreibt er: "Die Macht kann ihren Aufwand von früher aufgeben. Sie nimmt die hinterlistige, alltägliche Form der Norm an, so verbirgt sie sich als Macht und wird sich als Gesellschaft geben"[4]. Auch die soziale und epistemische Organisation des Erkenntnisraumes Krankheit, so fährt er weiter fort, ist an die Norm gebunden[5]. Der Maßstab auf der Landkarte der modernen Medizin heißt für ihn Normalität, sie bildet die Grundlage für die Vermessung und Ordnung des Körpers. Besteht die zentrale Funktionsweise des Medizinischen folglich in ihrer permanenten Bezugnahme auf Normen, so sieht er darin zugleich die zentrale Verschränkung mit den Mechanismen der Normalisierungsgesellschaft. Es lässt sich also sagen, medizinische und juridische Definitionen von Behinderung bzw. diskriminierende gesellschaftliche Alltagsnormen sind Praxen normalisierender Körpertechniken. Folglich sind sie als normalistische Organisationsweisen des sozialen Feldes zu verstehen. Kraft solcher Normen entwerfen Gesellschaften Regulierungsweisen für a-normale Körper, um deren Status zu regeln. Gleichzeitig bringen diese Regeln jene Wesen erst hervor, disziplinieren sie und schränken deren Existenzweisen möglicherweise auf einen engen Spielraum ein. Zugleich muss sich die betroffene Person mit diesem "Spiel"-Raum arrangieren, sich einfügen und darauf einlassen um das eigene Überleben zu sichern. Man könnte also sagen: "behindert ist man nicht, behindert wird man", und dieser Prozess der (Be)Hinderung verläuft gleichursprünglich als sozialer Erwerb und als diskursiv-normalistische Konstruktion[6]. Mit Foucault gesprochen heißt das: Behinderung findet innerhalb eines Normalitätsdispositivs statt, in dem bestimmte Körper als krank und andere als gesund organisiert werden.

Als ein reales Beispiel der Wirkmächtigkeit des Normalitätsdispositivs mag hier die WHO-Behinderungsdefinition[7] dienen, die sich wechselseitig an der medizinischen Definition von Körpernormen und an hegemonialen gesellschaftlich-kulturellen Normen orientiert.

Die von der Weltgesundheitsorganisation 1980 vorgenommene Begriffsbestimmung von Behinderung basiert auf drei Grundbegriffen: "impairment", "disability" und "handicap". Auf Deutsch sind diese Begrifflichkeiten in etwa mit Schädigung, Beeinträchtigung und Behinderung zu übersetzen: "impairment" rekurriert auf den biologisch-medizinischen Begriff der "Anomalie" und spricht dabei psychologische, physiologische oder anatomische "Funktionsstörungen" an. Die darauf zurückzuführende "disability" meint die Schmälerung einer Fähigkeit oder die Unfähigkeit von Aktivitätsausübung(en), die gemeinhin für Menschen als normal gelten. Und schließlich bedeutet "handicap" in diesem Zusammenhang ein dadurch entstandenes soziales Manko hinsichtlich dessen, was nach dem jeweiligen Alter und Geschlecht sowie sozio-kulturellen Faktoren normal wäre.

In der Tat lässt die WHO-Definition den Rekurs auf das Normale schwerlich leugnen. Zwar wird die defizit-orientierte Beschreibung von Behinderung in der Medizin, d. h. die Bildung des Begriffs ausschließlich auf der Grundlage von "Dysfunktion(en)" des Körpers, relativiert und damit die medizinisch-monopolistische Definitionshoheit tendenziell unterminiert. Dies geschieht durch die Bezugnahme auf gesellschaftliche Aspekte. Andererseits wirkt an dieser Stelle die WHO-Definition selbst normierend, da sie die herangezogenen gesellschaftlichen normativen Bezüge nicht in Frage stellt[8]. Eine Problematisierung z. B. sexueller, geschlechtlicher oder auch politischer Normen und Praxen findet gar nicht erst statt.

Auf diese Weise werden chronisch kranke und behinderte Körper zu "marked bodies", die ausschließlich über eine negative Ontologie, in einer eigentümlichen Verschränkung von Medizin und Kultur, bestimmt werden. Bezugspunkt bleibt die allgemeine Norm, von der das A-Normale zu unterscheiden ist. So lautet die verdeckte Botschaft der WHO: Gesund im Sinne von Normal ist, wer das tun kann, was alle tun können, und Gesundheit ist, wenn ein Körper so ausgestattet ist wie der aller anderen.

Die vielfältigen Arenen und Geflechte des Normalitätsdispositivs werden noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass parallel zu solchen juridischen Diskursen, wie der WHO-Behindertendefinition, ein komplexes Zusammenspiel sozial-administrativer Operationalisierungen und Maßnahmen, sowie Techniken der Selbstnormierung seitens der Betroffenen dazu gehören.

Gegenwärtig operieren die meisten Ansätze in Theorie und Praxis nach dem Foucaultschen Modell des Normalitätsdispositivs, das Behinderung als Konstrukt einer kulturell-wissenschaftlichen Netzwerk-Ordnung darstellt[9]. Positiv vermerkt, entnaturalisiert die Lupe des Normalitätsdispositivs gewissermaßen die Natürlichkeit von Behinderung. Behinderung wird zum Produkt der Normalisierungsgesellschaft. Doch zielt das analytische Raster allein auf das Verhältnis Dominanzgesellschaft und subalterne Behinderte. Genau hierin liegt jedoch das Dilemma, denn die bislang vorherrschende Theoretisierung der Norm und ihres Zwillings, der Anormalität, erfolgt allein in Richtung der hegemonialen Ordnung und ihrer produktivistischen Ausschlüsse. Die Ein- und Ausschlüsse, gerade von "disabled queers", in emanzipatorischen Protest- und Minderheitenbewegungen werden nicht angesprochen. Es entsteht einmal mehr der Eindruck Andersbefähigte, insbesondere Frauen/Lesben, sind entweder passiv und a-politisch, bzw. als politische AkteurInnen - im wahrsten Sinne des Wortes - undenkbar. Sind sie das aber nicht, wird das politische Umfeld behinderter Polit-Akteurinnen als grundsätzlich unproblematisch konzipiert. Motto: We are a family! Nicht thematisierbar, geschweige denn theoretisierbar, werden deswegen mögliche Produktionsmodi, die subordinierte Körperverhältnisse, auch in frauenbewegten Räumen oder links-alternativen Spektren[10], entstehen lassen. Das diffizile Funktionieren des Normalitätsdispositivs in den Zonen angeblicher Emanzipation wird mehr oder weniger elegant nicht zur Kenntnis genommen. Ein deutliches Beispiel hierfür scheint mir die gegenwärtige Nichtexistenz (eigenständiger) Frauen/Lesben-Disability-Subkulturen zu sein, die sich im Gegensatz zur Vielfältigkeit lesbischer, feministischer oder linker Subkulturen bis heute nicht haben entwickeln können.



[3] Vgl. M. Foucault, Mikrophysik der Macht, Berlin 1976, S. 84

[4] M. Foucault, a.a.O., S. 123

[5] Vgl. M. Foucault, Die Geburt der Klinik, Frankfurt 1993, S. 53

[6] Vgl. S. Groth, E. Rasky (Hg.), Frauengesundheiten, Innsbruck, Wien 1999, S. 18

[7] Die WHO-Definition ist z.B. Grundlage des Behindertenbegriffs des aktuellen SGB IX

[8] Vgl., S. Groth, E. Rasky, a.a.O., S. 18; E. Waldtschmidt, Flexible Normalisierung oder stabile Ausgrenzung: Veränderungen im Verhältnis Behinderung und Normalität, in: Soziale Probleme 1998, S. 14-15

[9] So z. B. die feministisch-akademische Auseinandersetzung in der Behindertenforschung, die seit einiger Zeit Foucaults Ausführungen zur Norm entdeckt hat und auf die weiter unten noch spezifischer eingegangen werden wird. Die "Aktion Sorgenkind" heißt nun "Aktion Mensch" und will auf diese Weise, nach eigenen Angaben: " dem Schicksal des Normalen" (O-Ton), entkommen. Auch die Dresdner Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" vom 20.12.2000 - 12.8.2001, setzte sich mit dem historischen und aktuellen Umgang von Behinderung um den herrschenden Begriff "Normalität" auseinander. D. h. die Diskussion um das hegemoniale Verhältnis und von normal/pathologisch ist momentan im vollen Gange.

[10] Trotz dieser vorgenommen Gleichsetzung soll nicht die Schieflage zwischen Frauen/Lesben-Räumen und gemischtgeschlechtlichen, d. h. zumeist von Männer dominierten, Räumen verschwiegen werden. Die begrifflich hergestellte Gleichheit bezieht sich hier ausdrücklich NICHT auf eine vermeintliche "real"-politische Gleichheit.

...... und Heterosexualität

Ebenfalls völlig unterbelichtet bleibt in diesem Kontext das spezifische Verhältnis von Norm, Körper, Geschlecht, Sexualität und (Dis)Ability. Wie weiter oben gesehen, konzipiert Foucault die Mechanismen der Normalitätsgesellschaft als für alle Beteiligten gleichverlaufend. Die unterschiedlichen, dem Normalitätsdispositiv inhärenten, asymmetrischen Stile und Systeme, in denen Frauen, Männer, Homosexuelle und Behinderte ins Räderwerk der Norm geraten bzw. davon hervorgebracht werden, finden keine Erwähnung.

Die üblicherweise zu diesem Thema hervorgebrachte feministische Rhetorik lässt sich am besten auf die Formel Mensch=Mann=Norm=Gesundheit zusammenfassen, der alles A-normale als das Weibliche, bzw. als minoritäre Seinsform(en) gegenübersteht. Auch hier gerät Foucault der Zusammenhang von Norm und Männlichkeit völlig aus dem Blick. Andererseits werden in dieser feministischen Sichtweise behinderte Frauen/Lesben ausschließlich negativ, im Sinne einer doppelten Normabweichung, definiert und diskutiert. Zweimal minus ergibt deshalb in dieser Gleichung noch lange kein plus. Einzig der Schwesternstreit zwischen behinderten und nicht-behinderten Frauen/Lesben in "der" Frauen/Lesbenbewegung scheint jene, durch die Hintertür sich einschleichende, Mann/Norm-Orientierung zu unterbrechen.

Im Unterschied dazu kritisiert die Queer Theory das Denken in Schemata der Zweigeschlechtlichkeit, wie auch die Unterscheidung in Homo- und Heterosexualität. Zudem scheinen queere Politikansätze wie "body performance" und "body politics" strategisch-subversive Berührungspunkte für gewöhnlich auf körperliche Zustände rekurrierende Behinderungsdefinitionen zu bieten. Doch der Reihe nach: Für die Queer-Theoretikerin und Feministin Judith Butler konstituieren sich Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit im Rahmen einer heterosexuellen Matrix. In diesem Zusammenhang spricht sie vom Gesetz der heterosexuellen Kohärenz, das von einer Einheit von Körper, Geschlecht, Geschlechtsidentität und Sexualität ausgeht. Versteht man das Gesetz der heterosexuellen Kohärenz als normative Ordnung der sexuellen Differenz, d. h. als ein an Normen orientiertes geschlechtliches und sexuelles Regulierungsverfahren, verweist dies unmittelbar auf das Konzept des Normalitätsdispositiv. Denn die heterosexuelle Matrix bei Butler erfasst mehr als nur Zwangsheterosexualität. Heterosexualität versteht sie als Transmissionsriemen, der soziale, kulturelle und epistemische Normen über Geschlecht, Körper und Geschlechtsidentität vermittelt. Insofern versteht sie Heterosexualität auch als einen Zwang zum Mann-Sein bzw. Frau-Sein und infolgedessen als einen Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit. Den Modus dieser normativen Ordnung der sexuellen Differenz versteht Butler als zwanghafte Zitationspraxis. Für Butler liegt der Zwang der zitierenden Wiederholung in der ontologischen Bedeutung der Wiederholung[11]. Dies begründet sie damit, dass Prozesse der Wiederholbarkeit nicht außerhalb der geregelten und apodiktischen Ordnung der sexuellen Differenz funktionieren können[12]. Wir können um des kulturellen Überlebenswillens gar nicht anders, als innerhalb der kulturellen Zeichenpraxis in je spezifischer Weise Frau sein, lesbisch sein etc. D. h. kulturelle Zeichen sind nicht beliebig wiederholbar, sondern als Zitation von und Partizipation an gesellschaftlichen Bedeutungspraxen zu verstehen. Trotzdem ist dem Wiederholungszwang ein misslingendes und gelingendes Zitieren von Geschlechternormen eingeschrieben[13]. Dies geschieht deswegen, weil Butler das Zitieren von Geschlechternormen in ein paradoxes Verhältnis von Abhängigkeit und Verweigerung stellt. Für sie gibt es nur dynamische, hybride Wiederholungssituationen. Zitieren heißt in diesem Zusammenhang immer auch interpretierendes Tun. Genau darin verortet sie das Möglichkeitsfeld subvertierender Artikulationspraxen. Anknüpfend an diese Überlegungen sieht Butler im Spiel mit Geschlechterrollen und -normen, d. h. in einer Politik der Geschlechterverschiebung und -überschreitung, die Chance einer Desartikulation und Resignifikation der vorherrschenden normativen Ordnung der sexuellen Differenz. Butler rekurriert damit auf die in den lesbischen und schwulen Subkulturen vorzufindende Praxis des verschiebenden Zitierens von Geschlechternormen (Bsp. Drag, Butch-Femme Praxen, Tunten, Transgender etc). Diese Form des parodistischen Gender-Aktivismus birgt für sie die Chance, die heterosexuelle Matrix des Normalitätsdispositivs dekonstruieren zu können und ist gleichzeitig ein Plädoyer, sexuelle Differenz innerhalb von Homosexualität wahrzunehmen. Dieser subvertierende Griff nach Weiblichkeit und Männlichkeit, von ihr auch "Gender Performance" bzw. "Body Politics" genannt, erinnert einmal mehr an die verkörperlichten Effekte der Normalisierungsgesellschaft und an die Zumutungen einer normativen, d. h. heterosexuellen, Gender-Verpflichtung. Trotzdem entrinnt der Queer Theoretikerin die Komplexität der Körperverhältnisse im Zusammenhang mit der heterosexuellen Matrix. Zwar konstituiert sich Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität durch die kulturelle und epistemische Organisation von Körper- und Geschlechtsnormen, wie Butler zu Recht darlegt, jedoch ist gerade Frauen/Lesben mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen das Scheitern an der Geschlechtsnorm oftmals qua Behinderung schon eingeschrieben. Die Situation von "(dis)abled queeries" ist gewissermaßen von der Unmöglichkeit der Möglichkeit einer Zitation von Geschlecht und Sexualität gekennzeichnet. In Folge dessen wird das soziale Feld von einer Art Verweigerung von Geschlechtszugehörigkeit bzw. -identität strukturiert. All jene, die jemals Krankenhaus, Schule, Betreuungseinrichtungen und Familie etc. aus einer Behindertenperspektive kennen gelernt haben, wissen mit Sicherheit um die dort anzutreffenden entgeschlechtlichenden bzw. entsexualisierenden Körpertechnologien.

Mit anderen Worten: Die normative Ordnung der Sexuellen Differenz funktioniert nicht nur entlang der Vektoren Körper, Geschlecht und Sexualität. Als weiterer normenproduzierender Schauplatz ist auch der "disability"-Bereich zu nennen. (Zwangs)Heterosexualität produziert und organisiert nicht nur Männlichkeit, Weiblichkeit und Homosexualität, sondern zugleich Formen von A-Sexualität und A-Geschlechtlichkeit - gleichwohl auf unterschiedliche Art und Weise: Behinderung fungiert als (Be)Drohung einer sexuellen und geschlechtlichen Seinsverfehlung, die in der Topographie der ontologischen Ordnung des Sexuellen keinen Platz findet, während Homosexualität als phantasmatische Folie der hegemonialen sexuellen Ordnung auftritt.

Für "disabled queeries" ergibt sich hieraus eine widersprüchliche Situation. Einerseits fallen sie gemäß der Regulationsweise der heterosexuellen Matrix aus Butlers Konzept der subversiven Zitationspraxis heraus. Andererseits "verschieben" "disabled dykes" genau jene Geschlechter- und Sexualitätsnormen, die Butler als Gesetz der heterosexuellen Kohärenz bezeichnet, und unterwandern damit tendenziell die heterosexuelle Matrix. Die Lösung dieses Dilemmas scheint mir im queeren Verständnis von Geschlecht selbst angelegt. Zielt die queere Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität letztlich auf eine Vervielfältigung von Geschlecht bzw. Geschlechtsidentitäten mit dem Mittel der "gender performance", so wird simultan auf den prozessoralen und konstruktivistischen Charakter von Körper, Geschlecht, Sexualität etc. verwiesen. Anstelle der queeren Fokussierung der Dekonstruktion von Geschlecht sollte deshalb auch eine stärkere Problematisierung der Konstruktion von Geschlecht erfolgen. Gemeint sind jene Prozesse der, besonders für Frauen/Lesben mit Handicap, verweigerten aber notwendigen Aneignung von Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität, die ebenfalls vielförmige Effekte in Richtung heterosexuelle Matrix entfalten könn(t)en. Gemäß dem Funktions- und Regulationsmodus der heterosexuellen Matrix, d. h. der juridisch-kulturell erzwungenen Pflicht, ein Geschlecht zu haben, könnte dies über den Weg eines strategischen Konfiszierens von Geschlechtlichkeit funktionieren. Mit dem Einschreiben andersbefähigter und andersfunktionierender Geschlechter, Körper, Sexualitäten in die hegemoniale Gender-Agenda könnten auf diese Weise ebenfalls neuartige Schemata von Körpern, Sexualitäten und Geschlechtern etc. entstehen. Kurz: Queere Konzepte wie "body politics" oder "gender parody" müss(t)en sich das Spannungsfeld von Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht mehr als bisher aneignen, um den unterschiedlichen Weisen des Sichtbar- und Unsichtbarmachens von Körper, Sexualität, Geschlecht und Geschlechtsidentität, subversiv begegnen zu können. Nur so kann die heterosexuelle Matrix des Normalitätsdispositivs analysiert und kritisiert werden, ohne die konstitutive Wirkmächtigkeit von Behinderung abermals unsichtbar zu machen.



[11] Vgl. J. Butler, Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 15-38, in: S. Hark (Hg.), Grenzen lesbischer Identitäten, Berlin 1996 12.) Vgl., J. Butler, Körper von Gewicht, Berlin 1995

[12]

[13] Vgl., J. Butler, a.a.O., S. 306

(Dis)Ability and Science

Auch die feministisch-akademische Forschung beschäftig sich seit einiger Zeit mit dem bislang marginalisierten Phänomen der behinderten Frau. Mittelweile mit starkem Bezug auf das Foucaultsche Normalitätsdispositiv und einer an Butler orientierten "Gender"-Perspektive wird die Verwobenheit von Behinderung, Norm und Geschlecht diskutiert. Im wesentlichen verweisen diese Ansätze auf die sozial-kulturelle Konstruktion jener Kategorien und ihrer Interdependenz zueinander und entwickeln ausgehend davon Forschungsschwerpunkte. Eine kurze Schau auf die Untersuchungsschwerpunkte ergibt in etwa eine grobe Einteilung in einerseits die theoretische Grundlagenforschung: Hier ist beispielsweise die Implementation der Kategorie "Gender" in die Behindertenforschung zu nennen, oder der feministisch normen-kritische Blick auf die Mainstream-Behindertenforschung. Des weiteren ist der empirische Bereich zu erwähnen. So beschäftigen sich viele empirische Arbeiten mit der sozialen Lage behinderter Frauen, wie z. B. die FIF-Untersuchung zur Situation behinderter Frauen/Lesben in Wiesbaden[14]. Zu dieser Abteilung gehört auch die Biographieforschung über Frauen/Lesben mit Handicap bzw. die zum Teil schon sehr früh entstandenen autobiographischen Berichte[15] behinderter Frauen/Lesben. Außerdem sind noch Studien im Bereich Administration bzw. soziale Einrichtungen, sowie die Rechts- und Sozialpolitik anzuführen. Letztere haben durch die Debatten und Arbeiten zur konkreten Ausgestaltung des neuen SGB IX und durch Forderungen nach einem Antidiskriminierungsgesetz für Behinderte eine durchaus alltagsrelevante Aktualität erlangt. Generell lässt sich positiv vermerken, dass erst die Ansätze der feministischen Behindertenforschung die Leer- und Blindstellen hinsichtlich der Kategorie "Geschlecht" in der theoretischen und praktischen Arbeit mit Behinderten aufgedeckt haben. Auf diese Weise wurden nicht nur die geschlechtsspezifischen Techniken des "Behindert-Werdens" und des "Behindert-Machens" des Normalitätsdispositivs sichtbar. Denn mit der geschlechtersensiblen Behindertenforschung entstand auch eine feministische Kritik am medizinischen Normen- und Wertesystem, an der geschlechtsspezifisch regulierten Armut andersbefähigter Menschen, sowie der rechtlichen Benachteiligung von Frauen/Lesben mit unterschiedlichen Befähigungen. Ebenso wurde dadurch erst das Ausmaß der Aberkennungspraxen der Sexualität und Geschlechtlichkeit behinderter Frauen/Lesben und ihrer paradoxen Verschränkung mit vielfältigen sexualisierten Herrschaftstechniken in Heimen, Krankenhäusern und in der Öffentlichkeit etc. thematisierbar. Kurz: Feministische Behindertenforschung hat das Untersuchungsfeld "Normalitätsdispositiv" um etliche Analysefaktoren erweitert und so manche Norm in der Behindertenforschung produktiv in Frage gestellt. Gleichwohl sind Auslassungen und asymmetrische Fokussierungen zu beklagen. Eine systematische Leerstelle ist sicherlich die Nichtberücksichtigung der Butlerschen Kritik an der heteronormativen Verfasstheit der Kategorie "Geschlecht". Zwar werden in der geschlechterkritischen Behindertenforschung Geschlecht, Norm und Behinderung als kulturelle Produkte der Normalisierungsgesellschaft konzipiert, aber die dem zugrunde liegende normative Ordnung der sexuellen Differenz, d. h. die heterosexuelle Matrix, wird analytisch nicht erfasst. Als eine Folge davon bleibt nicht nur der Zusammenhang von hegemonialen Heterosexualität(en), Behinderung und Ver- bzw. Entgeschlechtlichungspraxen unerwähnt bzw. unerforscht, es kommt auch zur nahezu völligen Ausblendung der Belange und Existenzweisen von "(Dis)Ability Dykes". Ferner wird im allgemeinen als Maßstab der Diskriminierung für behinderte Frauen/Lesben das "Herausfallen" aus den vorherrschenden weiblichen "gender"-Bezügen problematisiert. Auch wenn behinderte Frauen als Ehefrauen, Lebensgefährtinnen, Mütter und Berufstätige etc. immer noch ganz unzweifelhaft, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht gerade die Begehrtesten sind, so scheint sich mit der Fokussierung auf jene Diskriminierungspraxen ein unreflektierter normativer Bezug einzuschleichen: Nämlich die klammheimliche Orientierung am Normalitätsdispositiv der heterosexuellen Kleinfamilie. Meines Erachtens eine weitere Folge der heteronormativen Verwendungsweise der Kategorie "Geschlecht" in der feministischen Behindertenforschung. Auf diese Weise werden aber nicht nur die spezifischen Interessen von Lesben mit Handicap nicht beachtet, auch die aktuellen feministischen bzw. lesbisch/schwulen Auseinandersetzungen zum Wandel der Familie, die Ausdifferenzierung von Lebens- und Liebes- und Arbeitsformen (Stichwort: Homo-Ehe vs. Wahlverwandtschafts-Debatte etc.) finden in der geschlechterkritischen Behindertenforschung kaum Erwähnung. So entsteht der Eindruck, andersbefähigte Frauen/Lesben werden nur als prekäre Situationen in Bezug auf das Normalitätsdispositiv wahrgenommen. Die Frage, ob ein "Herausfallen" aus hegemonialen "gender"-Bezügen Chancen bieten könnte, und die Frage, welche Chancen dies wären, muss die feministisch-akademische Behindertenforschung wohl erst noch für sich entdecken.

Wie weiter oben deutlich wurde, können nicht reflektierte Einschreibungen kultureller, materiell gewordener Vorstellungen von Körper, Geschlecht und sozialen Formationen im kategorialen Handwerkszeug der Wissenschaft, die Wirkkraft des Normativen bzw. der Normalisierungsgesellschaft bekräftigen. Bestrebungen, "Behinderung" auch aus einer sexualpolitischen Perspektive zu analysieren, könnten deshalb durchaus verändernd auf Theorie- und Praxisrichtung einer geschlechterkritischen Behindertenforschung einwirken. Feministische Behindertenforschung hätte demnach die Aufgabe, auch in den eigenen Praxen nach den Mechanismen von Normalisierung zu fragen. Nicht zu vernachlässigen ist ebenfalls die Analyse der Beschaffenheit des sozialen, kulturellen und politischen Raumes, durch die sich die verschränkenden Achsen von (Hetero)Sexualität und Behinderung, Körper und Geschlecht als regulative Ordnung ziehen. Wem das zu abstrakt erscheint, der/die sei daran erinnert, dass z. B. viele alternative und/oder herkömmliche Wohnprojekte in den allermeisten Fällen sowohl heterosexuell, als auch ohne Rücksicht auf Behindertenbelange ausgerichtet sind. Zudem gibt es immer noch keinen Rechtsanspruch für gleichgeschlechtliche Assistenz. Und nicht zuletzt die gesamte Sozial- und Rechtspolitik - wie das Beispiel der WHO-Definition von Behinderung zeigt - orientiert sich tendenziell an hegemonialen kulturellen Normen, die wiederum mittelbare bis unmittelbare Effekte in Richtung Körper-, Geschlechts- und Sexualitätsnormen haben und immer wieder in gesellschaftlichen Kämpfen mühseligst hinterfragt werden müssen.

Doch nicht nur in der feministischen Behindertenforschung, sondern auch in "der" Frauen/Lesben-Krüppel/Behindertenbewegung und in lesbischen Subkulturen "regiert" oftmals eine unreflektierter normativer Bezug. Zu fragen ist deshalb auch nach Körper- und Politiknormen in Szene(räumen) und in Bewegungspolitiken.



[14] Vgl. E. Brinkmann to Broxen, J. Heiler, P. Rieth (Hg.), Der etwas andere Alltag. Eine repräsentative Untersuchung zur Lebenssituation junger Frauen mit Behinderung in Wiesbaden, hrsg. vom Frankfurter Institut für Frauenforschung (FIF), Frankfurt 1999; oder die LAMBDA-Studie: Silke Rudolph, Doppelt Anders - Zur Lebenssituation junger Lesben, Schwuler und Bisexueller mit Behinderung, hrsg. vom Jugendnetzwerk LAMBDA Berlin -Brandenburg e.V., 2001

[15] U. Eggli, Herz im Korsett. Tagebuch einer Behinderten, Bern 1977; C. Ewinkel, G. Hermes (Hg.), Geschlecht: Behindert - Besonderes Merkmal: Frau, München 1985

(Dis)Abled Politics

Was passiert, wenn Theorie auf Praxis trifft, d. h. wenn "disabled dykes" tatsächlich im Feld von Politik, Bewegung und Subkultur anzutreffen sind, soll im Folgenden gezeigt und der Blick auf Barrieren und Ambivalenzen von "(dis)abled politics" geschärft werden. Wie Butler und Foucault darlegen, organisiert sich das Normalitätsdispositiv, wie auch die dem Normalitätsdispositiv zugrundeliegende heterosexuelle Matrix, über Ver- und Einkörperungen von Normen. Diese dienen zur Gliederung und Strukturierung des sozialen und des politischen Lebens. Demzufolge verweisen politischen Praxen immer auch auf körperliche Praxen. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund schäkert das weiter oben beschriebene Konzept der "gender performance" ganz offenherzig mit der engen Beziehung von Körper, Politik und Norm. Ein weiteres Beispiel aus diesem Bereich ist das Wunschbild des stets verfügbaren Körpers als Grundlage des Politischen. Im allgemeinen resultieren aus diesem bislang wenig beachteten Verhältnis von Körper und Politik unhinterfragte Macht-, Raum-, Ganzheits- und Leistungsnormen, sowie Gesundheits- und Körperideale im Feld des Politischen. Im Rahmen von körperlichen Verhältnissen, strukturiert entlang asymmetrisch binärer Normen wie Mann und Frau, Hetero- und Homosexualität, Gesundheit und Krankheit, eröffnet sich also ein ganzes Arsenal diffiziler Knotenpunkte zwischen Körper und Politik. Ein "Spaziergang" entlang sogenannter "(dis)abled politics" soll deshalb weitere (Ein)Blicke in das Verhältnis von Körper und Politik gewähren, ganz unterschiedliche Techniken der An- und Enteignung von Körper, Sexualitäts- und Geschlechternormen aufspüren, den daraus resultierenden politischen Praxen nachgehen, sowie Fragen nach deren Störkraft hinsichtlich der heteronormativen Ordnung des Normalitätsdispositivs stellen.

Freak the Chic

Gehörte "Freak" hierzulande spätestens mit der APO-Zeit zum Szene-Wortschatz und bezeichnete Ausgeflippte, Langhaarige, Außenseiter, so ist dessen eigentliche Bedeutung laut Wörterbuch: "Monster, Schaukrüppel, Absonderlicher". "Freak" bzw. "Freak-Show" rekurriert auf die im 19. und dem frühen 20. Jahrhundert anzutreffenden Umgangsweisen und Praxen, in Form von Ausstellungen oder Shows, dem Phänomen "(Dis)ability" zu begegnen. Ohne damals mit heute gleichsetzen zu wollen, scheint doch ein grundlegendes Merkmal der Auseinandersetzung mit Disability-Aspekten in der Jetzt-Zeit ähnliche Formationen wie Ausstellungen (z. B die bereits erwähnte Dresdner Ausstellung), Kabaretts und Shows, anzunehmen. Im Gegensatz zu früher jedoch häufig von den "Betroffenen" selbst organisiert und choreographiert. "Freak the Chic" wäre wohl als Maxime der im Gefolge von 1968 entstandenen kulturellen Ausdrucksformen der Krüppelbewegung zu nennen. "Freak Shows" wurden und werden als Möglichkeit gesehen Disability-Erfahrung aus eigener Sicht zu präsentieren, Normen zu hinterfragen und gleichzeitig im Doppelsinn des Wortes als Kulturschaffende aufzutreten. Dies gilt auch für die Frauen/Lesben-Krüppelbewegung. So spielen die vielerorts anzutreffenden Kabarettprogramme aus dem feministischen (Dis)Ability-Spektrum, wie z. B. die "Unschönen Schwestern" aus Frankfurt, meistens schon bei der Namensgebung mit dem Zusammenhang von Norm, Geschlecht und Behinderung. Der satirische Umgang mit Normen und Stereotypen soll die spezifischen Schwierigkeiten des Alltags mit Behinderung aus einem feministischen Blickwinkel beleuchten und auf diese Weise das Feld des Politischen beackern.

Allerdings wird auf die, nicht nur historisch bedingten, Ambivalenzen jener "(Dis)Ability-Politics" selten eingegangen. Aus diesem Grund möchte ich die Ökonomie des "Spektakels" etwas verkomplizieren. Im wesentlichen berühren diese Dinge das Verhältnis von "Zuschauen" und "Zur Schau stellen" in einem binär und hierarchisch strukturierten Raum, wie dem der heterosexuellen Matrix und dem Normalitätsdispositiv. So wäre zu problematisieren, wie sich das Verhältnis von "Sehen und gesehen Werden" im unsichtbaren Zwischenraum von "Disability", Körper, Geschlecht, Sexualität und Norm organisiert. Daran anknüpfend stellen sich Fragen nach der Verschiebbarkeit normativer Denk-, Raum-, Zeit- und Blickmuster. Inwieweit können die Grenzen der Begrenzungen entgeschlechtlichter oder behinderter (weiblicher) Körper innerhalb jener binären Konstruktionen verändert bzw. unterbrochen werden? Oder konstituiert sich durch die Ausstellungen bzw. Shows behinderter Frauen/Lesben erst Normalität, z. B. die des Publikums? Können solche Einsätze die Komplexität von Kontexten, Beziehungen und Bezügen in Ausstellungs- bzw. Theaterräumen und Alltag erfassen? Mit anderen Worten: Kommt es zu Verschiebungen des normativen Gefüges oder entsteht nur ein schlichter Zoo-Effekt?[16] Die Schwierigkeit und Fragilität des Spielens mit den Codes der heterosexuellen Matrix und des Normativitätsdispositivs bezieht sich dabei nicht nur auf die Problematik der Übertragbarkeit von Krüppelshows, -ausstellungen und -kabaretts auf Alltags(t)räume. Mit Butler gesprochen geht es viel mehr um das bislang vernachlässigte Spagat von "Imitation und Aufsässigkeit"[17] in den "theatralischen" Versuchen des subversiven Konfiszierens oder Zitierens von Körper-, Sexualitäts- und Geschlechternormen andersbefähigter Frauen/Lesben. Denn nicht jede Aneignung, Enteignung oder Verweigerung geschlechtlicher und sexueller Normen birgt subversive Potentiale - es bleibt die Gefahr einer (nicht-intendierten) Bestätigungen der Norm - und deshalb einmal mehr die Frage nach Kontext und Kontextualisierung. Von der Notwendigkeit einer Debatte zu Fragen hegemonialer Körper- und Politikverhältnisse und subalterner Veränderungspotentiale zeugt hierbei ganz besonders die nach wie vor unabgeschlossene feministische Auseinandersetzung um erotische Fotos von und mit behinderten Frauen/Lesben[18]. Voreiligen Versuchen eines Denkens in Kategorien von "gut" und "böse" eine Absage erteilend, scheint es mir angemessener die Spannkraft zwischen der traditionellen Zuweisung des Weiblichen als dem "schönen Geschlecht" und der subversiven Bemächtigung von Schönheits- und Körperidealen auszuloten:

So bieten "Lesbian (Dis)Ability"-Fotoausstellungen in mancher Hinsicht Chancen einer konfrontativen Begegnung mit eigenen Klischees über erotische Körper und eigenen normsetzenden Sehweisen. Zugleich sind sie eine experimentelle Umgangsweise, dem traditionell verobjektivierenden männlichen Sehverhalten zu entkommen und als Subjekte eigener Lust und (lesbischer) Sexualität aufzutreten. Die Tücke des Verharrens in Klischees, d. h. der Vorwurf von feministischer Seite, erotische Fotos andersbefähigter Frauen/Lesben degradierten diese zu Körper- bzw. Sexobjekten, rekurriert dabei meines Erachtens auf Denk- und Sehweisen, die unterstellen, alle Frauen/Lesben hätten gleichermaßen Zutritt zur "gender"-Agenda und infolgedessen auch das gleiche Geschlecht. Gleichwohl bedeutet dies nicht, dass jede erotische Foto-Serie von behinderten Frauen/Lesben per se emanzipatorische Effekte hervorbringt. So besteht durchaus die Gefahr heterosexistischer Vereinnahmung(en) in Ausstellungsräumen mit gemischtgeschlechtlichem Publikum, und (dis)abled Frauen/Lesben können ebenso wie jede/r ander/e in unreflektierter Weise zu stilistischen Mitteln der "gender performance" greifen, die vorherrschende Frauenbilder eher verfestigen als verflüssigen. Trotzdem bieten jene Strategien des Zitierens bzw. Konfiszierens von Geschlechts-, Sexualitäts- und Körpernormen, seien es nun Fotoausstellungen oder feministische Freak-Shows, zumindest die Potentialität einer Chance minoritärer Geschlechter, Köper und Sexualitäten auf die "gender"-Agenda zu bringen. Einzig in den Ritzen und Spalten jener Spannkraft von "Imitation und Aufsässigkeit" liegen, so scheint es, die potentiellen Fluchtlinien des Normalen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie (normierte) Räume öffnen und seien es nur Diskussionsräume.



[16] http://jefferson.village.edu/pmc/text-only/issue.997/review-4.997 vom 17.4.2001

[17] Vgl. J. Butler, Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 15-38, in: S. Hark (Hg.), a.a.O.

[18] Vgl. Antke Engel, Geschlecht: Behindert. Merkmal: Frau. Eine Fotoausstellung zu Erotik, Körper und Sexualität, in: Hamburger Frauenzeitung März/Juni 1994, Nr. 40; Birgit Schopmans, Szene behinderter Frauen, S. 26, in: die randschau, 2/1994

Lesbian Chic

Entwickelten sich einerseits feministische Krüppelkabaretts und Fotosessions andersbefähigter Frauen/Lesben als eine Form intervenierender "Body Politics" im Sinne einer kritischen Aneignung und Umarbeitung von historisch kontingenten Umgangsweisen mit "behinderten" Körpern, so stehen andererseits jene "disabled body politics" ebenso in der Tradition der "Körperpolitiken" feministischer und/oder lesbischer Subkultur(en) der neuen Frauen/Lesbenbewegung. Auch für die feministische Gesellschaftskritik und -analyse der neuen Frauen/Lesbenbewegung wurde die Erkenntnis der Verschränkung des Körpers bzw. des Geschlechts mit der Normalisierungsgesellschaft zur theoretischen Grundlage und führte in der Folge zur Suche nach alternativen politischen Ausdrucksformen und alternativen Weiblichkeitsentwürfen. Dieser Ansatz bildete nicht nur theoretisch das Kernstück der neuen Frauen/Lesbenbewegung und der Krüppelbewegung. Es kann an dieser Stelle durchaus auch auf eine Kontinuität mit "Queer Theory" bzw. "Queer Politics" hingewiesen werden:

Denn mit Beginn der "neuen" Frauen/Lesbenbewegung waren Räume "von Frauen für Frauen" eine neue radikale politische Praxis. Zugleich waren diese Räume der Ort, an dem alternative Weiblichkeits- bzw. Sexualitätsmodelle ausprobiert und gelebt wurden. In ganz ähnlicher Weise bekommen im queeren Denkmodell lesbisch subkulturelle Räume und die in der Lesbenszene anzutreffenden "Gender-Ambiguitäten", hier verstanden als subversive Weiblichkeitsentwürfe, eine zentrale Bedeutung. Den Fragen nachgehend, ob die angestrebte Entnormalisierung von Sexualitäts- und Geschlechterverhältnissen jener lesbisch-feministischen bzw. queeren Praxen, Normen anrufen und um welche Normen es sich handele, soll im Folgenden nachgegangen werden. Für erste Überlegungen zur Körperpolitik der Frauen/Lesbenszene aus einer Disability-Perspektive möchte ich dabei drei Problematisierungen nachgehen: Subkulturelle Räume und Orte, lesbisch/feministisches Autonomiekonzept und "Maskulinitäts"-Entwürfe in lesbischen Subkulturen:

In den subkulturellen Räumen und Orten der Lesbenszene kann sich nicht nur lesbisches Begehren und lesbische Sexualität ausdrücken und organisieren, jene Räume ermöglichen auch die Partizipation an und die Gestaltungsmöglichkeit von weiblicher Homosexualität. Gleichwohl ist der Ausschluss für Lesben mit Handicap oftmals durch die Struktur der Räumlichkeiten geradezu konstitutiv. Entweder frau kommt erst gar nicht in die Location rein, oder aber, wenn sie erst mal drin ist, stellt sie fest, sie kommt nicht aufs Klo, weil das eine Etage höher oder niedriger liegt. Sollte dies nicht der Fall sein, gibt es mit Sicherheit keine behindertengerechten Toiletten. Von der körperlichen Konstitution, die "frau" für "die Szene" mitbringen muss, ganz zu schweigen. Nicht nur in Frankfurt gehört es zum "guten Ton", dass vor 24 Uhr keine Party richtig anfängt. Dramatisch ist daran nicht nur die mangelnde Möglichkeit für "(dis)abled dykes", andere Frauen/Lesben kennen zu lernen. Der Ausschluss verhindert auch das Einschreiben differenter homoerotischer Kulturen in die vorherrschenden lesbischen Subkulturen. Insofern kann durchaus von einem normalistischen Mechanismus in der geographischen Organisation lesbischer Sexualität(en) und Kultur(en) gesprochen werden.

Auch das lesbisch/feministische Autonomiekonzept wirkt aus einer (Dis)Ability-Perspektive prekär. Aus der verständlichen Abwehr gegen die gesellschaftliche Festlegung der Frau als das "schwache Geschlecht" entstand das lesbisch-feministische Bild der starken, unabhängigen Frau/Lesbe. Die Allegorie der Amazone wurde bevorzugt bemüht. Ein paar frauenbewegte Zeittakte weiter sollte die "Powerfrau" ihren "Mann" stehen und Tough-Sein kennzeichnet schon seit langem den Jargon der Frauen/Lesben-Polit-Szene. Als Schwäche galt und gilt, "die Hilfe der anderen zu brauchen, nichts hinzukriegen, müde zu sein: typisch Frau eben, schon klappt sie zusammen. Solche Vorstellungen von Stärke und Schwäche wenden sich "automatisch" gegen Versehrtheit, Verwundung, chronische Krankheit und Behinderung."[19] Die "Norm-Lesbe" bzw. "Norm-Feministin" ist sozusagen mit habituellen, emotionalen, intellektuellen, politischen und körperlichen "Standards" ausgestattet, die per se Behinderung auszuschließen scheinen. Das Phantasma der Unabhängigkeit ist nicht nur konstitutiv für lesbisch-feministisches Denken in Theorie und Praxis, darüber hinaus verbleibt es auch innerhalb der binären und hierarchisch organisierten Werte und Normen des Normalitätsdispositivs, wie z. B. normal/a-normal, stark/schwach etc. Jene Werte und Normen sind jedoch, wie weiter oben schon erwähnt, geschlechtlich und sexuell zutiefst konnotiert. Dementsprechend verweilt "das lesbisch-feministische Autonomiekonzept" innerhalb einer patriachal-phallokratisch geprägten Denk- und Sichtweise, da es jene Binarismen und Hierarchien nicht zu sprengen vermag.

Der Gedanke, inwieweit der gegenwärtige Trend zu "Female Masculinities"[20] in lesbischen, queeren und transgender Subkulturen in der Kontinuität jenes lesbisch-feministischen Autonomiekonzepts steht, soll hier nur kurz angerissen werden. In queeren Theorien und bei vielen Transgender-TheoretikerInnen[21] wird "female masculinity" weniger als Bestätigung männlicher Verhaltensweisen und männlicher Privilegien konzipiert, sondern vielmehr auf die Verfügbarkeit maskuliner Codes und Symbole jenseits des biologischen Geschlechts verwiesen. Dies kommt durch die Entkoppelung der bisherigen Gleichsetzung von (biologischer) Männlichkeit und Maskulinität zum Ausdruck. Im Sinne der Butlerschen Theorie von "Gender Performance" wird davon ausgegangen, dass die Partizipation an Maskulinitäten die Funktion dominanter Gender-Konstruktionen im Normalitätsdispositiv verändert bzw. destabilisiert. Da das lesbisch-feministische Autonomiemodell der 70er/80er Jahre an Androgynitäts- bzw. Amazonenkonzepte gekoppelt war und dabei einen Bruch bzw. eine Kritik an herkömmlichen hegemonialen Weiblichkeitsmustern intendierte, ermöglicht dies auch, wie Antke Engel schreibt, eine Lesart im Sinne eines Ausprobierens maskuliner Codes[22]. Nicht nur der mit alledem einhergehende "Szene Style", besser bekannt als "Lesbian Chic" oder "Lookism", wiederholt hier die Techniken des "Unsichtbarmachens" von "(dis)abled" Frauen/Lesben des Normalitätsdispositivs. Es sind auch die unreflektierten theoretischen Grundannahmen gegenwärtiger "Body Politics" in der Frauen/Lesbenszene. Denn das queere Politik-Konzept der Geschlechterüberschreitung, wie die lesbisch-feministische Geschlechterkritik, findet innerhalb des schon erwähnten, hierarchisch organisierten Bedeutungshorizonts des Normalitätsdispositivs statt und birgt, so betrachtet, nicht nur die Gefahr einer Marginalisierung von Feminität[23]. Ähnlich wie das "lesbisch-feministische Autonomiekonzept" ist der queere "Maskulinitäts"-Entwurf eng mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Gesundheit, Stärke, Aktivität etc. verbunden und marginalisiert so potentiell Eigenschaften wie Abhängigkeit, Hilfe, Langsamkeit etc. Kurz: Beide Politikmodelle, bzw. politische Praxen, der Frauen/Lesbenszene operieren, positiv gesprochen, mit Körper-, Geschlechter- und Sexualitätsbezügen, die an deren Veränderbarkeit/Konstruiertheit, als Grundlage für die Veränderung des Normalitätsdispositiv, ansetzt. Gleichzeitig überwiegt in jenen Körper- und Geschlechtsbezügen ein Körper- und Selbstverständnis, das zwar die hegemoniale zweigeschlechtliche Ordnung und die heterosexuelle Matrix des Normalitätsdispositivs hinterfragt, der Wirkmächtigkeit und der Organisations- bzw. Produktionsweise des Faktors "Disability" allerdings eher wenig Beachtung schenkt.



[19] Karin Kern, Raus aus der Einbahnstrasse, S. 21, in: die randschau, 4/1994

[20] Judith Halberstamm, Female Masculinity, Duke University Press 1998

[21] Vgl. Amy Goodloe, Lesbian Identity and the Politics of Butch-Femme Roles, 1999, aus: http//:www.lesbian.org/amy/essays/bf-paper.htm (17.4.2000); Judith Halberstam, a.a.O.

[22] Vgl. dazu auch: Antke Engel, Umverteilungspolitiken: Aneignung und Umarbeitung der begrenzten Ressource Maskulinität in lesbischen und transgender Subkulturen, S. 69-84, in: Die Philosophin, 22/ 2000; Annamarie Jagose, Queer Theory - Eine Einführung, Berlin 2001

[23] Vgl. Antke Engel, Umverteilungspolitiken, in: a.a.O, S. 71

Conclusion

Wie der kleine Streifzug durch aktuelle lesbische, feministische, queere und/oder posttrukturalistische Theorien und Praxen zeigt, hat die Kategorie "weiblich, lesbisch, behindert" in den kritischen Ansätzen der Gegenwart in den allermeisten Fällen keinen systematischen Platz. So verharrt der Teil der politischen und theoretischen Debatte mit explizitem Bezug zur Behinderung in der letztlich diskriminierenden Dichotomie "Subalterne und Normalisierungsgesellschaft" und verstellt damit den Blick auf Behinderte jenseits einer Opferperspektive. Die feministischen und queeren Diskussionen um Gegenentwürfe und Praxen zur hegemonialen Gender-Agenda mit ihren Politiken alternativer Weiblichkeiten und Sexualitäten "vergessen" den normativen Bezug zum kohärenten Körper, im Sinne eines "gesunden" Körpers. In beiden Perspektiven kommen letztlich "(dis)abled dykes" als aktive Akteurinnen in Gesellschaft, Szene und Politik nicht vor. Allein vor diesem Hintergrund scheinen die Schwierigkeiten des "Sich-Einmischens" schon vorprogrammiert. Denn sowohl im Kategoriensystem des Normalitätsdispositivs, als auch in den lesbischen bzw. feministischen Subkulturen hat für Frauen/Lesben mit Handicap alles, im wahrsten Sinne des Wortes, eine andere Bedeutung. Auf diese Weise wird schon das aktive Einklagen von Geschlechtlichkeit und Weiblichkeit von Frauen/Lesben mit Handicap zum Spießrutenlauf in der Szene, weil die allermeisten Interpretationsraster und Bedeutungsmodi nur jenseits einer Disability-Perspektive funktionieren. An dieser Stelle weit von einer Normalität entfernt, die die hegemoniale Normalität suspendieren könnte, werden linke Politiken, "die" Frauen/Lesben-Szene etc. selbst zum Bestandteil der Normalisierungsgesellschaft. Dringlichstes Anliegen scheint es deshalb, behinderte Frauen/Lesben jenseits der althergebrachten Dichotomien wahrzunehmen, d. h. auch Kritik in den "eigenen" Reihen zu üben, vermeintlich progressive Praxen und Theorien vor diesem Hintergrund neu einschätzen zu lernen, ohne in eine Buhlschaft vermeintlicher Diskriminierungshierarchien zu verfallen. Getreu nach dem Motto "wenn zwei das selbe machen, ist es noch lange nicht das gleiche" scheint ein pragmatischer Ausblick auf die Unterschiede, eine Einsicht um die Notwendigkeit unterschiedlicher Strategien angemessen. Dabei geht es nicht um eine schlichte Affirmation von Pluralität oder der verschiebenden Kraft allerlei Körperpolitiken. Vielmehr wird hier eine Sichtbarkeit von Frauen/Lesben mit Handicap, sei es in der Szene, in theoretischen Diskursen oder als politische Akteurinnen, eingeklagt, die sich an Schmerz erzeugendem Neuen wird messen lassen müssen.

Quelle:

Heike Raab: Queering (Dis)abled Politics, http://www.copyriot.com/tilde/index_queerdis.html

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.10.2011

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