Integratives Wohnen

AutorIn: Gabi Prasek
Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen in: Integration: Österreich (Hrsg.). Weissbuch ungehindert behindert. Wien 2004, S. 69-72
Copyright: © Gabi Prasek 2004

Integratives Wohnen

Ich muss gleich vorausschicken, dass ich einige Zweifel hatte, das Folgende, meine Erfahrungen mit einer integrativen Wohngemeinschaft (WG), niederzuschreiben. Diese selbstgegründete WG scheiterte nämlich nach nur eineinhalb Jahren, trotz aller Bemühungen. Nicht sehr ermutigend! Eine Zeitlang sah ich diesen missglückten Versuch als persönliches Versagen, als "Pech" durch das Zusammenkommen verschiedener widriger Umstände. Inzwischen glaube ich aber, dass die Grundidee, dass also behinderte und nichtbehinderte junge Menschen gemeinsam leben, gemeinsam den Alltag bewältigen und auch einen Teil ihrer Freizeit miteinander verbringen, zwar eine wunderbare Idee ist, nur kaum realisierbar. Wobei die Situation meiner Meinung nach eine andere ist, wenn es sich um körperbehinderte Männer und Frauen handelt und nicht um geistig behinderte, wie bei "unserer" WG!

Mein Sohn Niki, nach einer Meningitis geistig behindert und Epileptiker, hat mir nicht viel Zeit gelassen, als er, kurz nachdem sein älterer Bruder ausgezogen war, beim Frühstück meinte: "Und ich will jetzt auch bald ausziehen!" Drei Möglichkeiten sahen wir:

  1. Er konnte in eine der bestehenden WGs ziehen, wie sie von ÖHTB, Jugend am Werk etc. angeboten werden.

  2. Er konnte in eine kleine Wohnung, in der Nähe von mir, unterstützt durch ambulante Assistenz ziehen.

  3. Tja, oder: "Wir machen selbst eine WG!"

Nachdem Lösung 1 (bald war klar, dass diese Möglichkeit nicht das war, was Niki sich unter selbstbestimmt Leben vorstellte) und Lösung 2 ("Und wem erzähl´ ich, wie der Tag war, wenn ich von der Arbeit heim komm´?") verworfen wurden, begeisterten Niki und ich uns immer mehr für die "selbstgemachte WG". Ich wusste, dass es solch eine WG schon gab in Wien, setzte mich mit der Initiatorin dieses Projekts, der Vorsitzenden des Vereins "Aktion Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen" in Verbindung, die Idee nahm Gestalt an: wir planten eine WG, in der zwei behinderte mit zwei nichtbehinderten jungen Leuten zusammenleben würden. Von Vornherein war klar, dass der persönliche Unterstützungsbedarf der behinderten MitbewohnerInnen durch ambulante BegleiterInnen so weit abgedeckt sein sollte, dass die nichtbehinderten MitbewohnerInnen nicht in die Rolle der BetreuerInnen gedrängt würden. Der Verein würde die Trägerschaft der neuen WG übernehmen, und so wäre es auch möglich, diverse finanzielle Unterstützungen zu bekommen.

Nun kamen zwei Jahre intensiver Vorarbeit. Es galt, die passende Wohnung zu finden (rollstuhlgerecht, zentral gelegen, mit einzeln begehbaren Zimmern, einem Gemeinschaftsraum etc. ... und natürlich preisgünstig!), sie auch entsprechend auszustatten, und es galt, die passenden MitbewohnerInnen zu finden: eine junge Frau mit geistiger Behinderung, eine Studentin und ein Student. Ja, und die ambulante Assistenz musste organisiert werden. Obwohl ich vom Verein und seiner Vorsitzenden tatkräftig unterstützt wurde, waren es zwei harte Jahre.

Aber dann war´s geschafft und wir starteten!

Anfangs lief alles besser als je erhofft. Mein Sohn und die behinderte junge Frau waren begeistert von der neuen Wohnsituation: sie waren weg von zu Hause und doch nicht alleine, meisterten den Alltag gut und genossen das Zusammenleben mit den StudentInnen, die sehr engagiert und bemüht waren. Das WG-Glück war perfekt!

Dieser Zustand dauerte nur leider nicht lange an!

  • Beide behinderten MitbewohnerInnen verliebten sich: mein Sohn in eine junge geistig behinderte Frau, die behinderte Mitbewohnerin in einen geistig behinderten Mann. Beide wollten, dass ihre PartnerInnen einzogen. Dies geschah über Kurz oder Lang auch, trotz aller Bedenken von allen Seiten und trotz des Platzmangels.

  • Nicht nur die neue Gruppendynamik, sondern auch die Schwierigkeiten innerhalb der Beziehungen belasteten die WG sehr.

  • Die StudentInnen waren völlig überfordert und gingen, "neue" wurden gefunden, die aber kaum an einem Miteinander interessiert waren. Unentwegt kam es zu Streits, Missverständnissen und Verletzungen - die wöchentliche "Krisensitzung" war schon ganz "normal".

  • Die Eltern der behinderten MitbewohnerInnen hatten sehr gegensätzliche Auffassungen vom "Nicht-Einmischen" aus dem WG-Geschehen ihrer Kinder, und es kam zu unüberbrückbaren Schwierigkeiten. Letztendlich war es auch dieser Punkt, der der WG den endgültigen Todesstoß versetzt hat. Aber ich glaube, auch sonst hätte sie sich nicht viel länger gehalten!

Abgesehen von den ganz speziellen Schwierigkeiten dieser WG sehe ich einige grundlegende Schwierigkeiten für jede WG dieser Art:

  • Die behinderten Männer und Frauen sehen diese WG als fixe Lebensform, die StudentInnen als zeitlich begrenzte Möglichkeit. Eine dauernde Fluktuation der nichtbehinderten BewohnerInnen ist vorprogrammiert. Damit kommen aber viele (oder einige) behinderte BewohnerInnen schwer zurecht.

  • Die behinderten MitbewohnerInnen sehen die StudentInnen als FreundInnen und sind vor den Kopf gestoßen, wenn diese sich zwar korrekt aber nicht herzlich verhalten.

  • Die StudentInnen haben eine ständige Gratwanderung zu meistern zwischen emotionaler Näher und der Gefahr als BetreuerIn "eingeteilt" zu werden. Und daran ändert auch die stundenweise ambulante Assistenz nichts!

  • Für die Eltern der behinderten MitbewohnerInnen ist es alles andere als leicht, sich zwar genügend einzubringen und gleichzeitig herauszuhalten.

Jetzt lebt mein Sohn in einer Wohnung, alleine, mit stundenweiser ambulanter Assistenz, ganz in der Nähe von mir. Es ist letztendlich also doch Lösung zwei geworden! Und erfreulicher Weise geht es ihm echt gut mit dieser Wohnform, er ist sehr selbstständig geworden, gut integriert in seine Umgebung und fühlt sich nur sehr selten einsam. Damals wie heute arbeitet Niki integriert als Hilfskellner in einem Beisl. Seine Freunde besuchen ihn oft in seiner sturmfreien Bude, er ist viel unterwegs, kreuz und quer in Wien. Er ist stolz darauf, alleine und selbstbestimmt zu leben!

Kommentare:

Patrizia Egger

Sicher ist: Viele Männer und Frauen mit Behinderung leben und wohnen nicht so, wie sie es gerne möchten. Sicher ist auch, dass der Wohnungsmarkt die Wünsche und Bedürfnisse seiner behinderten KundInnen nach wie vor ignoriert. Nicht die Frage, ob integriertes Wohnen möglich ist oder nicht, ist nicht zu stellen, sondern vielmehr die Frage, in wie weit die nötigen Rahmenbedingungen vorhanden sind. Ich muss die Möglichkeit haben, selbst entscheiden zu können, mit wem ich wohne. Die Frage, wie ich meinen Bedarf an persönlicher Assistenz decke, sollte getrennt davon gestellt werden. Wenn sich nun innerhalb der WG die Situation insofern ändert, dass sich eine BewohnerIn verliebt und deshalb eine weitere Frau oder ein Mann in die WG mehr oder weniger einzieht, so ist das immer eine schwierige, zumindest neue Situation - egal ob jemand in der WG behindert ist oder nicht. So ist einfach das Leben. Daran kann so manche nicht integrative WG scheitern.

Walter Krög

Als Sozialpädagoge in WGs für Menschen mit geistiger Behinderung habe ich erlebt, dass es für Dauerbewohnerinnen ohne Probleme zu akzeptieren war, wenn andere BewohnerInnen, in diesem Fall auch mit Behinderung, nach zwei, drei Jahren wieder auszogen. Wesentlich mehr Schwierigkeiten bereitete der Aspekt Nähe - Distanz. Waren die Rollen der BetreuerInnen noch als klar professionell definiert, verschwammen bereits bei den StudentInnen, die die Nachtdienste leisteten, diese Grenzen. Sie wurden zwar für ihre Anwesenheit bezahlt, trotzdem wurden sie eher wie FreundInnen wahrgenommen. Es war nun einmal eine Tatsache, dass fast alle Menschen ohne Behinderung, mit denen die BewohnerInnen zu tun hatten, für die gemeinsam verbrachte Zeit bezahlt wurden. Dies führt zwangsläufig zu Problemen, mit Nähe und Freundschaft umzugehen. Ein realistisches Bild von der Umwelt kann sich nur entwickeln, wenn man in der realen Welt lebt und nicht in einem abgesonderten Schonraum. Eine integrative Lebensgestaltung vom Kleinkindalter an ermöglicht den Menschen mit Lernbehinderung von Anfang an Nähe und Distanz auszupendeln.

Daniela Pittl

Es klappt oft nicht. Eltern geben ihren Sohn oder ihre Tochter in eine WG, lassen sie zwei Wochen schnuppern, dann glauben sie, es klappt nicht. Die Eltern lassen die Kinder nicht das ausprobieren, was die Kinder wollen, sondern nur das, was sie selbst wollen. Ich bin auch vier Jahre in einer Wohngemeinschaft gewesen, wir waren zwei behinderte Frauen und zwei behinderte Männer. Da habe ich gesehen, dass sich die BetreuerInnen eingemischt haben: was man kocht, beim Geld oder wie oft man in der Woche ausgeht.

Wenn sich behinderte Leute mit nichtbehinderten gut verstehen, dann sollen sie es ausprobieren können, dass sie miteinander in einer WG wohnen. Auch wenn mehrere behinderte Menschen sich gut verstehen, sollen sie das ausprobieren können.

Wenn man alleine lebt, kann man machen, was man will und alleine entscheiden. In einer WG müssen immer alle miteinander entscheiden, z.B. was gekocht werden soll oder ob in der Freizeit was miteinander unternommen werden soll. Wir haben nicht sehr oft etwas miteinander gemacht, weil wir sehr unterschiedlich waren. Mir sind die Streitereien sehr auf die Nerven gegangen. Ich wollte dann eine eigene Wohnung haben, und meine Mutter hat mir geholfen, dass ich eine Stadtwohnung bekomme. Ich bin froh, dass ich aus der WG ausgezogen bin. Ich habe meine Verwandten in der Nähe und viele Freunde. Ich fühle mich nicht einsam.

Roswitha Weingartner

Unser Sohn, ein junger Mann mit "geistiger" Behinderung, zog vor einem Jahr in eine Trainingswohnung in Graz. Diese vollbetreute Wohnform bietet einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen in Alter von 18 - 27 Jahren die Möglichkeit, in einem Zeitraum von bis zu drei Jahren eigenverantwortlich zu lernen, was sie für ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben brauchen. Beide Seiten, Mütter und Väter und die jungen Menschen, bekommen so eine dringend notwendige "Auszeit", um sich der eigenen Person, den eigenen Bedürfnissen zuwenden zu können. Die prozessorientierte Unterstützung durch die MitarbeiterInnen der Trainingswohnung erleichtert es den jungen Leuten, die für sie geeignete Wohnform zu finden.

Auch das Recht von Müttern und Vätern auf ein selbstbestimmtes Leben ist ein zentraler Punkt! Es bedeutet den Ausstieg aus der 24 Stunden Verantwortung und leitet den schweren Prozess des Loslassens ein.

Ein Modell wie die Trainingswohnung könnte die Palette der eingeschränkten (Wahl) Möglichkeiten im Bereich "Wohnen" erweitern. Nach eigenen, mühsamen Recherchen habe ich festgestellt:

Bundesländerübergreifend gibt es keine Transparenz über das Angebot an Wohnmöglichkeiten und deren Qualitätsstandards.

Bestelladresse:

Integration: Österreich

Tannhäuserplatz 2. 1150 Wien

Tel: 01 789 17 47

Fax: 01 789 17 46

E-Mail: info@ioe.at

http://www.ioe.at

Quelle:

Gabi Prasek: Integratives Wohnen

Erschienen in: Integration: Österreich (Hrsg.). Weissbuch ungehindert behindert. Wien 2004, S. 69-72

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 29.08.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation