Was sind eigentlich Disability Studies?

Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barrieren

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Pfahl, Lisa; Köbsell, Swantje (2014) Was sind eigentlich Disability Studies? In: Forschung & Lehre 7/2014, S. 554–555.www.forschung-und-lehre.de/wordpress/Archiv/2014/ful_07-2014.pdf
Copyright: © Lisa Pfahl und Swantje Köbsell

Abbildungsverzeichnis

    Zusammenfassung

    Je nach Schätzung gelten in Deutschland zwischen zehn und 20 Millionen Menschen als behindert. Zentrales Anliegen der Disability Studies ist es zu verstehen, wie Menschen „behindert werden“ und was dagegen getan werden kann.

    Was sind eigentlich Disability Studies?

    Behinderung ist ein allgegenwärtiges Thema. Die Kategorie ist schwer zu fassen; sie ist nicht eindeutig, die Grenzen verändern sich immer wieder. Im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Ungleichheitsdimensionen kann jede und jeder — jederzeit — betroffen sein.

    Wie jedoch werden Menschen behindert? Die 2008 von Deutschland ratifizierte UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) zeigt auf, wie Behinderung im Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barrieren entstehen kann. Sie benennt die zentralen Teilhabebarrieren im Bildungs- und Sozialwesen wie auch im zwischenmenschlichen Austausch. Auch in modernen Gesellschaften verhindern diese die volle Teilhabe behinderter Menschen, weshalb die UN-BRK ein umfassendes (Menschen-)Recht auf Inklusion und Partizipation in allen Lebensbereichen festschreibt.

    Die Disability Studies sind ein multidisziplinäres Lehr- und Forschungsgebiet, das auf der Grundlage einer Sicht von Behinderung als soziale Konstruktion die Prozesse untersucht, die zum gesellschaftlichen Ausschluss von Menschen mit Beeinträchtigungen — eben zur Behinderung — führen.

    Dabei geht es einerseits um die Entstehung von Zuschreibungen wie behindert, krank, normal, schön usw. insbesondere auch im Hinblick auf die Frage, wie der Wandel von „Normalität“ und die Entstehung von Differenzkategorien zusammenhängen. Andererseits ist es weltweit ein zentrales Anliegen der Disability Studies, die Lebensrealitäten und Erfahrungen von behinderten Menschen zu erfassen — also zu verstehen, wie Menschen „behindert werden“ und was dagegen getan werden kann. Das in Öffentlichkeit wie Wissenschaft immer noch vorherrschende individuelle Modell von Behinderung, das Behinderung als Schicksal bzw. als naturhafte und zwangsläufige Folge einer chronischen Krankheit oder Beeinträchtigung ansieht, wird hier durch ein soziales, politisches und kulturelles Modell von Behinderung ersetzt, das verdeutlicht, dass Menschen durch bauliche, institutionelle, kulturelle und ideologische Barrieren behindert werden. Es geht also darum, eine umfassende Perspektive auf die historischen, rechtlichen, sozialen, technologischen Bedingungen, die an der Entstehung von Behinderung beteiligt sind, zu entwickeln.

    Die Disability Studies haben ihren Ursprung in den emanzipatorischen Behindertenbewegungen, die sich seit den 1960er Jahren in vielen Ländern gegen die Bevormundung und Benachteiligung behinderter Menschen zur Wehr setzten. Sie sind Wegbereiter und Wegbegleiter des Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik von der Fürsorge zur Teilhabe. Aus der Behindertenbewegung erwachsen, schließt das Forschungsgebiet an die Kritik an dem jahrzehntelang dominierenden, defizitorientierten und essenzialisierenden Behinderungsdiskurs der sozial-, human- und medizinwissenschaftlichen Disziplinen an und schafft mit einer Orientierung an der Forderung nach „Nothing about us – without us!“ auch einen Perspektivenwechsel in der Forschung. Eine Forschungstradition, die behinderte Menschen entweder gänzlich aus der Forschung ausschloss oder sie lediglich nach medizinischen oder pädagogischen Gesichtspunkten untersuchte — sie also zum Objekt von Forschung machte —, wird in den Disability Studies durch eine Forschung ersetzt, die statt ausschließlich über, nun mit behinderten Menschen forscht.

    Der subjektorientierten Forschung kommt insbesondere in den Studien zur Lebensrealität behinderter Menschen eine bedeutende Rolle zu. Diese Forschungsperspektive ermöglicht es, die Bedeutung von Behinderung in ihren lebensweltlichen, biographischen und leiblichen Dimensionen zu untersuchen. So werden z.B. zum Beispiel Kindheits- und Sozialisationserfahrungen rekonstruiert sowie die biographische Bedeutung von Trauer und Bewältigung, Selbstbestimmung und Würde im Leben von behinderten Frauen und Männern untersucht.

    Studien zur Institutionalisierung bzw. zur Integration behinderter Menschen geben Aufschluss darüber, wie Menschen mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen lernen, Separation oder Isolation zu bewältigen und damit zu leben. Die Disability Studies liefern somit wissenschaftliches Grundlagenwissen zu dem Themenkomplex Beeinträchtigung und Behinderung sowie wichtige Anhaltspunkte für gesellschafts- und sozialpolitische Interventionen wie der Deinstitutionalisierung von Großeinrichtungen und Heimen, für eine persönlich gestaltete Versorgung von Menschen mit Assistenzbedarfen jeden Alters.

    Historische Entwicklung

    Im Hinblick auf die historische Entstehung von Personenkategorien haben die Disability Studies gezeigt, dass diese eng mit der Geschichte der Institutionalisierung von Behinderung verknüpft sind. In der Antike und frühen Neuzeit noch weitgehend undefiniert und sich selbst bzw. der Sorge der Familie überlassen, erhielten im Zuge der Aufklärung insbesondere blinde, taube und stumme Menschen verstärkt pädagogische Aufmerksamkeit; sie wurden erstmals für „bildungsfähig“ gehalten. Gleichzeitig wurde ihre Beeinträchtigung zur Beschreibung ihrer Person genutzt. Andere Analysen zeigen den im Verlauf der Geschichte stattfindenden Wandel der Schönheits- und Körperideale auf. So wurde in der Folge der Aufklärung die antike Vorstellung eines idealen Körpers durch die Idee eines „Durchschnittskörpers“ abgelöst. Eine kulturelle Transformation fand statt: „Anders-Sein“ wurde fortan im Gegensatz zum „Normal-Sein“ verstanden. Nicht nur körperliche Abweichungen von der Normalität, sondern auch so genannte „Lernbehinderungen“ — also das Scheitern an schulischen Lernzielen – rückten im Zuge der Durchsetzung einer flächendeckenden Beschulung in den Fokus von Medizin und Pädagogik. Die verschiedenen Formen psychischer Behinderungen, die nicht zuletzt aufgrund der rasant anwachsenden Normalitäts- und Kompetenzansprüche in westlichen Leistungsgesellschaften zunehmen, stehen jedoch erst seit wenigen Jahren verstärkt im Interesse von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Konsequenzen der Nicht-Erfüllung gesellschaftlicher Fähigkeitserwartungen werden in den Disability Studies unter dem Begriff „Ableism“ diskutiert.

    Allgegenwärtiges Phänomen

    Mit ihrer Perspektive auf Behinderung sowie auch ihrem Gegenpol, die sozialkonstruierte, nicht naturgegebene Normalität, bieten die Disability Studies einen wichtigen Ansatzpunkt zur Dekonstruktion sozialer Ungleichheit aufgrund nicht erfüllter Normalitätsanforderungen. Diese Perspektive erscheint deshalb insbesondere in der Ausbildung von Lehrkräften, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlern unabdingbar. Anders als im englischsprachigen Ausland findet diese Perspektive jedoch nur sehr zögerlich Eingang in die deutsche Hochschullandschaft. Lehrstühle mit entsprechender Denomination finden sich derzeit nur an vier Hochschulstandorten in den Fächern Sonder-, Heil- und Rehabilitationspädagogik, den Gender Studies und der Sozialen Arbeit. Um den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft wie auch den immer noch bestehenden Menschenrechtsverletzungen in Deutschland zu begegnen und das durch die UN-BRK verbriefte Recht auf Inklusion zu garantieren, ist es notwendig, dem mehrdimensionalen Thema Behinderung mit der Perspektive der Disability Studies als emanzipatorischer Wissenschaft verstärkte Aufmerksamkeit in Forschung und Lehre in den verschiedenen Fachdisziplinen zu geben — und das Verständnis dieses komplexen, aber allgewärtigen Phänomens zu erweitern.

    Comic: Person am Schreibtisch. Text: "Stell dir vor, jemand
entscheidet über deinen Kopf, wo du wohnst..."
    Comic: Person auf der Straße. Text: "...Oder wohin du alleine
gehen darfst..."
    Comic: Zwei Personen in einem Café. Text: "Stell dir vor,
jemand bestimmt, was du isst...oder wen du triffst."
    Comic: Menschen bei der Pride Parade. Text: Über mein Leben bestimm' nur
               ich!

    „Nur wenn wir uns unsere Rechte nehmen, können wir über uns verfügen“ behindert und verrückt feiern – Pride Parade am 12. Juli 2014 in Berlin

    Autorinnen

    Lisa Pfahl ist Professorin für Disability Studies an der Humboldt- Universität Berlin.

    Abbildung 1. Lisa Pfahl

    Portrait: Lisa Pfahl

    Swantje Köbsell ist Professorin für Disability Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

    Abbildung 2. Swantje Köbsell

    Portrait: Swantje Köbsell

    Quelle

    Lisa Pfahl, Swantje Köbsell: Was sind eigentlich Disability Studies? In: Forschung & Lehre 7/2014, S. 554–555. www.forschung-und-lehre.de/wordpress/Archiv/2014/ful_07-2014.pdf

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 14.09.2017

    zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation