Herausforderung Unterstützung

Perspektiven auf dem Weg zur Inklusion


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe WegbegleiterInnen der Inklusion,

der Bezirk Reutte nimmt seit Jahren in Bezug auf Schulintegration eine Vorreiterrolle in Tirol ein. Jedes Kind, jeder Jugendliche besucht die jeweilige Regelschule vor Ort.

Aufgrund der Schulintegration für alle Kinder und Jugendliche entstand mehr und mehr die Notwendigkeit, allen Jugendlichen, unabhängig von Art und Schwere der Behinderung, nachschulische Unterstützungsangebote für ein selbstbestimmtes, normalisiertes Leben zu bieten.

Dies war für den TAFIE Außerfern der Ausgangspunkt, im Jahr 2001 - gemeinsam mit Integration Tirol, Selbstbestimmt Leben Innsbruck, dem TAFIE Innsbruck Land und der Caritas Tirol - eine Entwicklungspartnerschaft im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL zu beantragen.

Ziel der Partnerschaft war die Entwicklung innovativer Ansätze und Angebote, um berufliche Integration und damit auch selbstbestimmtes und selbständiges Leben allen Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen.

Notwendige Rahmenbedingungen für eine berufliche Karriere sind für uns erfolgreiche Kindergarten und Schulintegration, Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten (People First) und Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, integrative Erwachsenenbildung sowie ungeteilte Teilhabe an allen Freizeitmöglichkeiten. All dies muss einhergehen mit der Entwicklung von Assistenz für Menschen mit so genannter schwerer Mehrfachbehinderung, damit wir einer Gesellschaft ohne Aussonderung wirklich näher kommen können.

In den vergangenen drei Jahren wurden innovative Wege der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen und deren Eltern entwickelt und erprobt, die echte Alternativen zu Sondereinrichtungen und -strukturen darstellen.

Die Ergebnisse unserer Arbeit sind in diesem Buch dargestellt. Wir können mit Stolz sagen, der eingeschlagene Weg ist der Richtige.

Mit dem ernsthaften Willen und der Unterstützung der Politik ist ein Paradigmenwechsel von Aussonderung zur Inklusion möglich.

Wir wünschen viel Freude beim Lesen,

Michael Liener und Michael Kurz für die Entwicklungspartnerschaft MiM

Logo: MiM - mensch im mittelpunkt

MiM ist eine Entwicklungspartnerschaft im Rahmen des EU Programms EQUAL. MiM ist ein von Sozialstaatssekretär Sigisbert Dolinschek unterstütztes Projekt. Es wird finanziert aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung (Behindertenmilliarde) für Menschen mit Behinderungen, des Europäischen Sozialfonds und des Landes Tirol.

Dieses Buch wurde gefördert von:

Logos: Europäischer Sozialfonds / Bundessozialamt. Hilfe und Beratung für Menschen mit Behinderungen. Landesstelle Tirol / Land Tirol

Die Artikel geben die Meinung der VerfasserInnen / ProjektträgerInnen wieder und müssen nicht in allen Punkten mit der Auffassung des Bundessozialamtes, Landesstelle Tirol, übereinstimmen.

Einleitung (Walter Krög)

Inhaltsverzeichnis

Die Entwicklungspartnerschaft Mensch im Mittelpunkt (MiM) orientiert sich am Theoriekomplex der Inklusion. Der Begriff Inklusion geht über den der Integration hinaus. Ist mit Integration die Eingliederung von bisher ausgesonderten Personen gemeint, so will Inklusion die Verschiedenheit im Gemeinsamen anerkennen, d.h., der Individualität und den Bedürfnissen aller Menschen Rechnung tragen. Die Menschen werden in diesem Konzept nicht mehr in Gruppen (z.B. hochbegabt, behindert, anderssprachig, ...) eingeteilt. Während im Begriff Integration noch ein vorausgegangener gesellschaftlicher Ausschluss mitschwingt, bedeutet Inklusion Mitbestimmung und Mitgestaltung für alle Menschen ohne Ausnahme. Inklusion beinhaltet die Vision einer Gesellschaft, in der alle Mitglieder in allen Bereichen selbstverständlich teilnehmen können und die Bedürfnisse aller Mitglieder ebenso selbstverständlich berücksichtigt werden. Inklusion bedeutet davon auszugehen, dass alle Menschen unterschiedlich sind und dass jede Person mitgestalten und mitbestimmen darf. Es soll nicht darum gehen, bestimmte Gruppen an die Gesellschaft anzupassen. Es ist vielmehr notwendig, Strukturen und Institutionen so zu verändern, dass sie den Bedürfnissen aller Mitglieder dieser Gesellschaft entsprechen. Der Blick der Inklusion ist auf die institutionellen und strukturellen Veränderungen gelenkt, die notwendig sind, damit jedem Mann und jeder Frau die uneingeschränkte Teilhabe an allen gesellschaftlichen Aktivitäten möglich ist. Die Integrationsbewegung hatte diesen Gedanken bereits von Anfang an vertreten. Fehlende gesetzliche Voraussetzungen und mangelnde Bereitschaft der Öffentlichkeit, diese Forderungen mitzutragen, haben jedoch bewirkt, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde. Integration, wie sie heute praktiziert wird, bedeutet oft, dass eine Mehrheit die Umstände bestimmt, unter denen eine Minderheit integriert wird. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Kinder mit Behinderungen nur dann reguläre Klassen besuchen "dürfen", wenn sie bestimmte Leistungs- oder Verhaltensanforderungen erfüllen. Für die Eltern heißt Integration deshalb sehr oft, darum zu kämpfen, dass ihre Angehörigen nicht länger von regulären Angeboten ausgeschlossen werden.

Der Entwicklungspartnerschaft MiM war von Anfang an klar, dass sie Modelle der Inklusion entwickeln wollte. Nicht der Kampf um Beteiligung soll Leitmotiv sein, sondern die Vision einer vielgestaltigen, offenen, dynamischen Gesellschaft. Der Bereich, auf den sich MiM konzentriert hat, ist der Lebensbereich Arbeit. MiM wollte Menschen mit Behinderung, unabhängig von Art und Schweregrad der Behinderung oder Lernschwierigkeiten (siehe Begriffsklärung), den Lebensbereich Arbeit im Sinne der Inklusion zugänglich machen.

Warum Arbeit?

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Zum einen erlaubt eine angemessene Entlohnung die Finanzierung des eigenen Lebensunterhaltes, d.h. Wohnplatz, Versorgung, Freizeit etc. und somit Selbstständigkeit. Zum anderen schafft Arbeit Selbstbewusstsein. Das Wissen, die eigenen Fähigkeiten und eigene Zeit in eine sinnvolle Tätigkeit investiert zu haben, erzeugt ein Gefühl der Zufriedenheit und des eigenen Wertes. In einer Gesellschaft, in der Leistung einer der höchsten Werte ist, verschafft Erwerbstätigkeit gesellschaftliche Anerkennung und Respekt, macht den Einzelnen zu einem vollwertigen Mitglied. Arbeit ist somit wesentlich für die Lebensqualität jedes Individuums.

Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten haben es schwer einen Platz am Arbeitsmarkt zu finden, der ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher, die Wahlmöglichkeiten in den Berufssparten massiv eingeschränkt. Die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung wird von den zuständigen Stellen fast ausschließlich als Problem der Vermittlung an den Arbeitsmarkt abgehandelt. Viele Menschen werden von vornherein als "nicht - vermittelbar" ausgeschieden, weil Unterstützungsmodelle und Finanzierungsmodelle davon ausgehen, dass nach der Vermittlung die Arbeitsleistung ohne weitere Begleitung erbracht werden muss. Dieser Ansatz greift zu kurz. Er ermöglicht nur einer sehr kleinen Gruppe die Integration am Arbeitsplatz. Will man jedoch allen Menschen einen Arbeitsplatz bieten, sind vollkommen neue Unterstützungskonzepte auf der Basis eines breiten Verständnisses dessen, was soziale Integration heißt, notwendig. Diese breite Basis herzustellen, will die Entwicklungspartnerschaft MiM versuchen. Daher geht MiM davon aus, dass für den Erhalt eines Arbeitsplatzes eine umfassende Unterstützung notwendig ist. Die Entwicklung der Persönlichkeit, der Ausbau von sozialen Kompetenzen sowie die Unterstützung des Umfeldes tragen wesentlich dazu bei, einen Arbeitsplatz zu bekommen und behalten zu können. MiM ist davon überzeugt, dass eine gelungene soziale Integration Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration am Arbeitsplatz ist. Deshalb bietet MiM Menschen mit Behinderung in den Lebensbereichen Selbstvertretung (Modul Wibs - Wir informieren, beraten und bestimmen selbst), Elternberatung (Modul Netzwerk Integration), Freizeit (Modul PfiF), Bildung (Modul INKA) und Arbeitsintegration von Personen mit schweren Beeinträchtigungen (Modul OASE 3) Unterstützung an. Durch das Zusammenspiel der fünf Module der Entwicklungspartnerschaft werden neue Möglichkeiten eröffnet und Ressourcen genutzt. Der ganzheitliche Unterstützungsansatz soll Menschen mit Behinderung auf den Beruf und die Gesellschaft auf Arbeitskräfte mit Behinderungen vorbereiten und dazu beitragen, dass die berufliche Laufbahn möglichst positiv und nach Wunsch verläuft.

Der Ansatz von MiM

Fundierte Integrationsberatung leistet - lebensgeschichtlich betrachtet - den ersten Beitrag für den Einstieg in eine teilhabende, selbstbestimmte Lebensführung. Qualitätsvolle Integration in Kindergarten und Schule ist die erste Vorbereitung für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Das MiM Modul Netzwerk Integration widmet sich dem Elternempowerment. Mütter und Väter werden in ihrer Rolle als InteressensvertreterInnen gestärkt, sich für die Teilhabe ihrer Kinder an allen gesellschaftlichen Lebensbereichen einzusetzen und sich nicht mit Aussonderung zufrieden zu geben. Durch die Vernetzung von Eltern und Elternvereinen, durch Elternbildung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit soll an einem gesellschaftlichen und strukturellen Wandel gearbeitet werden, der uneingeschränkte Partizipationsmöglichkeiten für alle Menschen zum Ziel hat. Bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen soll die Bedeutung des Engagements der Eltern für die Integration langsam nachlassen können. Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen sich für die Teilhabe an den gesellschaftlichen Prozessen selbst einsetzen. Selbstvertretungseinrichtungen, wie das Modul Wibs - Wir informieren, beraten, bestimmen selbst", spielen dabei eine zentrale Rolle. Vier SelbstvertreterInnen haben mit Hilfe von drei UnterstützerInnen eine Beratungsstelle nach dem Peer Support Modell (Gleiche = Peer unterstützen Gleiche. Hier: Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen Menschen mit Lernschwierigkeiten) aufgebaut. Die zwei Männer und zwei Frauen mit Lernschwierigkeiten zeigen, was sie mit guter Unterstützung zu leisten vermögen und wirken dadurch direkt als Rollenvorbilder für ihre Gruppe. Außerdem beschäftigen sie sich im Rahmen ihrer Beratungs- und Interessenvertretungstätigkeit mit den Rahmenbedingungen, die notwendig sind, damit Menschen mit Lernschwierigkeiten Arbeitsplätze bekommen. Die Projektleiterin beschreibt, wie Menschen mit Lernschwierigkeiten beim Aufbau eines Selbstvertretungsprojektes adäquat unterstützt werden können, wie Zusammenarbeit und Aufgabenverteilung ausschauen können, und welche Schwierigkeiten und Erfahrungen die sieben Pioniere bisher gemacht haben.

Das Thema Arbeit für Menschen mit sogenannter Schwer-Mehrfachbehinderung ist im deutschsprachigen Raum Neuland. Eine Grundhaltung, die Inklusion ernst nimmt, muss darin eine Herausforderung sehen. Das MiM - Modul OASE 3 arbeitet daran, die Barrieren im Kopf, die Arbeit für Menschen mit Schwer-Mehr-fachbehinderung unrealistisch erscheinen lassen, zu überwinden. OASE 3 hat Erkenntnisse gewonnen, wie berufliche Integration praktisch umgesetzt werden kann und einen eigenen Assistenzansatz entwickelt, der höchsten Anforderungen gerecht wird und Selbstbestimmung auch bei dieser Zielgruppe ermöglicht.

Um einen Arbeitsplatz auch auf Dauer behalten zu können, muss im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes von MiM auch die Bedeutung der Erwachsenenbildungsangebote und der Freizeit ernst genommen werden. Das Projekt PfiF unterstützt Menschen mit Behinderungen bei ihrer individuellen Freizeitplanung. Interessierte Menschen mit Behinderungen werden über die Angebote in ihrer Region informiert, bei der ersten Kontaktaufnahme begleitet und bei eventuell auftretenden Unstimmigkeiten unterstützt. Die Möglichkeit, das Privatleben selbstbestimmt zu gestalten, ist ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierung der Persönlichkeit. Außerdem ist es wichtig, Freizeit als Quelle von Kraft und Regeneration zu nutzen und damit für den nötigen Ausgleich zu Belastungen während der Arbeitszeit zu sorgen. Das Projekt INKA unterstützt Menschen mit Behinderungen dabei, an Erwachsenenbildungskursen teilzunehmen. INKA wirkt als Unterstützungssystem, indem es die Kontakte zwischen den Erwachsenenbildungsträgern und den Menschen mit Behinderungen und ihrem Umfeld herstellt. Die Erwachsenenbildungsträger werden sensibilisiert, Menschen mit Behinderungen als KundInnengruppe wahrzunehmen. Menschen mit Behinderungen werden beraten und durch persönliche AssistentInnen unterstützt. Gegenseitiger Austausch und Integration kann nur dann stattfinden, wenn Personen mit und ohne Behinderungen die gleichen Kurse besuchen. Deshalb arbeitet INKA mit etablierten Erwachsenenbildungseinrichtungen zusammen und ermöglicht den Besuch von Menschen mit Behinderungen in bestehenden Kursen. Das Ziel von INKA ist es, dass Personen mit und ohne Behinderungen dieselben Kurse besuchen und die unterschiedlichen Bedürfnisse aller KursteilnehmerInnen beachtet werden.

In dieser Broschüre stellen die fünf Module ihre Perspektiven, ihre grundlegenden Arbeitsinhalte, ihre Entwicklung und ihre transferfähigen Erfahrungen vor. Vieles wurde erarbeitet. Eine Reihe von Themen wie Veränderungen des Assistenzbegriffs und entsprechende Angebotsentwicklung, lebenslanges Lernen, Organisation und Teilhabe an Freizeitangeboten, Ablösung von den Eltern, Qualität der Kindergarten - und Schulintegration, schwere Behinderung und Assistenz werden ausführlich diskutiert. Der Assistenzbegriff ist Teil von allen fünf Projekten und wurde unterschiedlich weiterentwickelt. Das jeweilige Verständnis von Assistenz wird daher in allen Texten thematisiert und erörtert. Die Broschüre soll eine Zusammenschau dessen darstellen, was die fünf MiM Projekte im Blick auf die Inklusion erarbeitet haben, und einen Beitrag zur Realisierung von Inklusion in unserer Gesellschaft leisten.

Begriffsklärung

In diesem Buch werden die Begriffe: Klient/Klientin, Mensch mit Lernschwierigkeiten, Mensch mit Behinderung und Betroffene zum Teil synonym und alltagssprachlich verwendet und zum anderen Teil in einer fest umrissenen Bedeutung. Deshalb hielten wir es für wichtig, die Begriffe an dieser Stelle zu erklären.

Klient/Klientin

Der Begriff Klient/Klientin wird in seiner herkömmlichen Bedeutung verwendet und meint "eine Person, die Rat oder Hilfe bei jemandem sucht, die jmdn. beauftragt, ihre Interessen zu vertreten" (s. Duden, o. J., 3.Auflage, S. 533).

Das Projekt INKA versteht unter diesem Begriff Menschen mit Behinderung.

Im Projekt Wibs sind damit ausschließlich erwachsene Männer und Frauen mit Lernschwierigkeiten gemeint.

Netzwerk Integration, PfiF und OASE 3 verwenden diesen Begriff nicht.

Mensch mit Behinderung

Der Begriff Mensch mit Behinderung differenziert nicht zwischen den einzelnen Behinderungsformen. Er schließt also Personen mit Körper-, Sinnes-, geistigen und ev. auch psychischen Behinderungen ein. Wird dieser Begriff verwendet, verweist er unter anderem darauf, dass, egal wie unterschiedlich Behinderungen im Einzelfall auch sein mögen, die Komponente des "behindert Werdens" ihnen allen gemeinsam ist. PfiF verwendet lieber diesen allgemeineren Begriff, weil es sich im Unterschied zu den anderen MiM Projekten nicht ausschließlich auf Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung beschränkt.

Mensch mit Lernschwierigkeiten

Menschen mit Lernschwierigkeiten ist der Begriff, den InteressenvertreterInnen auf der ganzen Welt (vgl.Englisch: people with learning difficulties oder learning disabilities) sich selbst gegeben haben, um damitden Begriff der geistigen Behinderung zu ersetzen. Damit wollen sie den verletzenden Gebrauch des Wortes geistige Behinderung ("Du bist ja behindert") vermeiden.

Der Begriff kann zuweilen zu Missverständnissen führen. Deshalb sei hier ausdrücklich betont, dass mit ihm alle Männer und Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung gemeint sind, unabhängig von einzelnen Diagnosen oder gar Schweregraden, so weit die sich bestimmen ließen.Eine andere Erklärung für den Begriff wird im Buch der Begriffe gegeben, nämlich, dass diese Personen "...'bloß' Schwierigkeiten beim Lernen und Aneignen von Wissen haben. Zusätzlich erschweren es Vorurteile und Barrieren,z. B. komplizierte Texte, die schon für Otto Normalverbraucher kaum zu verstehen sind, diesen Menschen, ihre intellektuellen Fähigkeiten zu nutzen." (Buch der Begriffe, Integration:Österreich, 2003, S. 29). Bei uns verwendet vor allem das Selbstvertretungsprojekt Wibs den Begriff "Menschen mit Lernschwierigkeiten".

Aber auch Netzwerk Integration und INKA verwenden den Begriff und zeigen sich somit mit den SelbstvertreterInnen solidarisch.

Betroffene

Unter Betroffenen verstehen wir nicht nur behinderte Männer und Frauen sondern gleichermaßen auch Eltern und Angehörige. Mit dieser Definition rückt einmal mehr die soziale Konstruktion von Behinderung in den Vordergrund. Betroffenheit macht sich nicht mehr an einer körperlichen Versehrtheit fest sondern an den Auswirkungen, die gesellschaftliche Normen und Machtverhältnisse für eine Person haben. Dieser Begriff wird vor allem im Kapitel von Netzwerk Integration verwendet. OASE verwendet diesen Begriff und meint damit sowohl Eltern als auch Menschen mit Behinderung. INKA meint damit ausschließlich Menschen mit Behinderung. Wibs meint, wenn es von Betroffenen spricht, Männer und Frauen mit Behinderung.

Schritte von der Exklusion zur Inklusion - am Beispiel Schule erklärt.

EXKLUSION

Alle Menschen haben ein und dasselbe Lernziel zu erreichen. Wer dieses Ziel erreicht, ist "normal", wer es nicht erreicht, wird "behindert". Wer als "behindert" bezeichnet wird, erhält ein reduziertes Bildungsangebot in einer Sondereinrichtung, wird von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Menschen mit Behinderung haben kein Recht, mit den sogenannten "Normalen" gemeinsam zu lernen.

normal

behindert

SEGREGATION

normal

schwer behindert, leicht behindert, gehörlos, blind,...

Auch hier bleibt das Lernziel für alle das gleiche. Wer es nicht erreicht, gilt als, "behindert" und erhält ein reduziertes Bildungsangebot in einer Sondereinrichtung. In der Phase der Segregation werden Menschen mit Behinderung in weitere Kategorien unterteilt (leicht behindert, schwer behindert, blind, taub usw.). Das Bildungsangebot für Menschen mit Behinderung wird je nach Behinderungsart differenziert angeboten. Es entstehen"spezielle Sonderbildungseinrichtungen" (Blindenschule, Sonderschule für Schwerstbehinderte, Allgemeine Sonderschule usw.). Je schwerer die Behinderung, desto reduzierter ist das Bildungsangebot. Alle Menschen mit Behinderung haben nach wie vor kein Recht auf ein gemeinsames Lernen in der Gesellschaft.

INTEGRATION

Menschen mit Behinderung erhalten das Recht, die selben Bildungseinrichtungen zu besuchen, wie jene als "normal" bezeichneten Menschen. Innerhalb dieser Einrichtungen erhalten Menschen mit Behinderung jedoch ein "spezielles" Lernangebot, während alle sogenannten "Normalen" ihr gemeinsames Lernziel verfolgen. Das Integrationsmodell ist ein "Angebotsteil" des ganzen Systems (Integrationsklassen, Integrative Kurse...), wodurch die Kategorien "normal" und "behindert" aufrecht bleiben. Langsam wird angedacht, dass die Bedürfnisse auch unter den "normalen" Menschen unterschiedlich sind.

INKLUSION

Es ist normal verschieden zu sein. Jeder hat das Recht innerhalb der Gemeinschaft zu lernen. Das Bildungsangebot ist den individuellen Bedürfnissen aller angepasst. Es gibt kein gemeinsames Lernziel, das alle zu erreichen haben. Das Lernziel ist für jeden Menschen anders. Die Kategorien "normal" und "behindert" existieren dadurch nicht mehr. Keiner muss Angst haben ausgeschlossen zu werden. Jeder wird in seinem "Sosein" akzeptiert.

Dieses Modell soll auf andere Lebensbereiche übertragen werden. MiM hat Perspektiven auf dem Weg zur Inklusion für die Bereiche Arbeit, Freizeit, Bildung, Selbstvertretung und Elternempowerment gesucht.

Netzwerk Integration

Logo: Integration Tirol

Der Weg zu einem integrierten Leben - Mütter und Väter in der Schlüsselrolle (Walter Krög)

1. Netzwerk Integration

Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten sind gesellschaftlich wirksamen Kräften ausgesetzt, die sie an den Rand drängen. Stigmatisierung und Aussonderung scheinen gleich einem Schicksal ihr Leben zu bestimmen. Ein integriertes Leben kann nur erreicht werden, wenn man die Kraft und die Ausdauer aufbringt, gegen diese Tendenzen Widerstand zu leisten. Zu Beginn dieser Auseinandersetzung sind es naturgemäß die Eltern, die die aktive Rolle einnehmen müssen. Durch die Geburt eines Kindes mit Behinderung finden sich Mütter und Väter, die auf einen der schönsten Augenblicke im Leben eingestellt sind, in einer existentiellen Krise wieder. Selbst wenn sie gelernt haben, ihr Kind so anzunehmen wie es ist, müssen sie immer wieder Rückschläge durch aussondernde Strukturen und manifestierte Vorverurteilungen verarbeiten. Der ständige Einsatz für die Integration ihres Kindes ist für Eltern eine enorme Herausforderung, oft auch eine Überforderung, der sie ohne Unterstützung nicht gewachsen sein können.

Unterstützung der Eltern

Die Unterstützung von betroffenen Eltern und deren Kindern/Jugendlichen mit Behinderung ist das zentrale Thema des Projekts Netzwerk Integration. Unsere Aufgabe besteht darin, Eltern bei der Durchsetzung der integrativen, oder noch genauer ausgedrückt inklusiven, nicht - ausgesonderten Lebensgestaltung ihrer Töchter und Söhne durch Beratung, Information, Empowerment, Bildungsangebote und Vernetzung zu unterstützen. Die Arbeit mit Geschwistern und anderen Angehörigen von Menschen mit Behinderung, oder im Integrationsbereich tätigen Vereinen und zuständigen Behörden, steht meist in Zusammenhang mit unseren wesentlichsten Auftraggebern, den Müttern und Vätern behinderter Töchter und Söhne. Eine enge Zusammenarbeit mit Betroffeneninitiativen wie Selbstbestimmt Leben Tirol spielt in unseren Angeboten eine zentrale Rolle.

Unsere vielfältigen Begegnungen und Erfahrungen mit Eltern und dem sozialen Umfeld von Menschen mit Behinderung ermöglichen es uns, verschiedene Perspektiven der Lebenswelt der betroffenen Mütter und Väter zu benennen und deren Anliegen und Bedürfnisse mit zu vertreten. Der Großteil der Eltern, mit denen wir Kontakt haben, hat Kinder im Vorschul- und Schulalter, ihre Anliegen und Probleme kreisen deshalb um Kindergarten -und Schulintegration. Die Eltern erleben sich von Anfang an in einer Randposition. Mit dem Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule und von dort in die Sekundarstufe wird immer deutlicher, dass es für ihre Kinder keinen selbstbestimmten, normalisierten Platz inmitten der Gesellschaft geben darf. Dass es ab der neunten Schulstufe kein Recht mehr darauf gibt, einen integrativen Unterricht zu besuchen, die ohnehin nur sehr bedingt vorhandene Wahlfreiheit damit endgültig aufgehoben wird, passt in dieses bedrohliche Bild. Was dürfen Mütter und Väter nach der Schulzeit erwarten, wenn es darum geht Arbeit und eine Wohnform zu finden, die den Wünschen ihrer Töchter und Söhne entspricht? Das Netzwerk Integration versucht Eltern in ihrer Schlüsselrolle im Lebenslauf der Kinder und Jugendlichen wahrzunehmen. Neben der konkreten Unterstützung bei Themen wie Kindergarten, Schule oder Möglichkeiten integrativer Arbeit wird der Blick auf längerfristige Lebensplanung gelenkt. Die bedrückenden Zukunftsaussichten machen es nötig, möglichst früh den Weg in Richtung eines eigenständigen, selbstbestimmten Lebens einzuschlagen. Neben einer qualitätsvollen Integration in Kindergarten und Schule stellt vor allem eine gelungene Ablösung vom Elternhaus die Basis dafür dar.

Ablösung der Jugendlichen mit Behinderung von ihren Eltern

Für das Netzwerk Integration ist die Frage entscheidend, auf welche Weise Elternarbeit zur Selbstbestimmung der Jugendlichen beitragen kann. Ablösungsprozesse sind generell konfliktbeladen, unabhängig davon, ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht. Betroffene Eltern haben allerdings ungleich mehr Ängste zu bewältigen. Nach jahrelangen Erfahrungen mit einer abweisenden Umwelt, die sie immer wieder in eine BeschützerInnenrolle drängen, sollen sie Vertrauen in Unterstützungssysteme und - angebote entwickeln. Der Impuls, den Jugendlichen schlimme Erfahrungen zu ersparen ist mächtig, die Fantasie einen bleibenden Schonraum zu finden, bietet vielen Eltern mehr Sicherheit, als das Bild ihrer um Selbstbestimmung ringenden Töchter und Söhne, die ein Leben lang Unterstützung brauchen werden. Symbiotische Beziehungen sind häufig die Folge, für den Ablösungsprozess sind das denkbar schlechte Voraussetzungen. Gerade deshalb ist es wesentlich für die Elternarbeit, zu vermitteln, dass Jugendliche mit Behinderung an den selben Kriterien gemessen werden sollen, wie Jugendliche ohne Behinderung. Die Etablierung eines neuen Bildes der behinderten Frau/des behinderten Mannes ist überfällig, die Bereitschaft der Eltern bezüglich Kindern/Jugendlichen mit Behinderung die gleichen Fragen, die gleichen Erwartungen und die gleichen Ängste zuzulassen, die für alle anderen Kinder/Jugendlichen ohne Behinderung gelten, kann dabei einen Beitrag leisten.

Es ist allerdings für Eltern nicht einfach, sich zu dieser Haltung durchzuringen. Wenn die Jugendlichen sich entfernen und ihre Lebensumstände nicht mehr klar durchschaubar sind, kann das Angst machen, wenn man damit rechnen muss, dass sie möglicherweise nicht in der Lage sind, akzeptierter Teil ihres sozialen Umfeldes zu sein, oder von "guten FreundInnen" ausgenutzt werden, gilt dies umso mehr.

Eine wesentliche Rolle im Ablösungsprozess spielt die Zusammenarbeit der Mütter und Väter mit den UnterstützerInnen. Diese sind immer wieder in einer Sandwichposition, sie sind mit den Anliegen der Jugendlichen und der Eltern konfrontiert. Manche sehen sich als verlängerten Arm der Eltern, andere werden von Müttern und Vätern als GegnerInnen erlebt. Welche Haltung UnterstützerInnen einnehmen, hängt von der eigenen Persönlichkeit und der Persönlichkeit der Kundin/des Kunden, aber auch von den Vorgaben der Institution ab, bei der sie beschäftigt sind. Mütter und Väter wollen Mitspracherecht haben, sie wollen darüber informiert werden, welche Inhalte die Assistenz bietet. Jahrelange schlechte Erfahrungen machen Eltern vorsichtig, alles was man für sein Kind erreichen will bedarf großer Anstrengung. Es fällt ihnen nicht leicht, sich zurückzunehmen und Vertrauen in professionelle UnterstützerInnen zu haben. Eine Möglichkeit den zwiespältigen Gefühlen der Eltern zu begegnen, bietet Integration Tirol an. Bei uns können Eltern und Jugendliche getrennte Gespräche mit zwei verschiedenen BeraterInnen führen, jede/r bekommt so ausreichend Platz für seine/ihre Anliegen. Das Wissen, dass auch der andere Teil des konflikthaften Prozesses professionelle Beratung in Anspruch nimmt, motiviert zusätzlich. Das Thema Ablösung, das von grundlegender Bedeutung für eine Entwicklung in Richtung Selbstbestimmung ist, kann auf diese Weise umfassender angegangen werden.

Selbstbestimmung

Unterstützung der Eltern, die ihren Töchtern und Söhnen mit Behinderung ein Leben ohne Aussonderung ermöglichen wollen, kann im Grunde nur ein Ziel haben, die Selbstbestimmung der Jugendlichen. Die Fähigkeit und das Selbstbewusstsein, für sich selbst zu sprechen, stellen sich nicht über Nacht ein. Beides muss über Jahre gefördert und angeregt werden, bevor überhaupt eine selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben stattfinden kann. Auch die Überzeugung, ein Recht auf geeignete Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz oder im Bereich der selbstgewählten Wohnform, muss sich erst entwickeln. Deshalb ist es unbedingt nötig, dass die Fachleute und die Eltern dabei zusammenarbeiten und sich auf gemeinsame Erfahrungen einlassen, die den Weg zur Selbstbestimmung der Jugendlichen ebnen. Leider gibt es derzeit nur wenige Informationen darüber, wie Fachleute und Eltern zur Erreichung dieses Zieles fruchtbar zusammenarbeiten könnten. Wie können Eltern dazu beitragen, das Fundament für Selbstbestimmung so aufzubauen, damit ihre Töchter und Söhne daran weiterarbeiten können? Die Literatur über Selbstbestimmung sagt bemerkenswert wenig über Familien bzw. wie Familien mit Einrichtungen oder Behörden zusammenarbeiten können, um Grundlagen für Selbstbestimmung und persönliche Autonomie zu schaffen. Von Selbstvertretungsorganisationen wird über Eltern meist im Zusammenhang mit Befreiung vor Überbehütung gesprochen, man sieht in ihnen keine hilfreichen PartnerInnen für die Selbstbestimmung. Eltern können ihre Töchter und Söhne nur loslassen, wenn es entsprechende Unterstützungsangebote gibt. An Unterstützungsangeboten, die die Unabhängigkeit Jugendlicher mit Behinderung, vor allem mit Lernschwierigkeiten, von ihren Eltern, muss gezielt weitergearbeitet werden. Wir informieren Menschen mit Behinderung und betroffene Eltern über ihre Rechte, beraten aber auch über Möglichkeiten, fehlende Angebote einzufordern.

2. Entwicklung des Projektes

Zu Beginn des Projektes hatten wir kaum Informationen über bestehende Selbsthilfegruppen, engagierte Eltern oder andere potentielle AnsprechpartnerInnen. Es war uns auch nicht bekannt, welche Anliegen die Mütter und Väter tatsächlich haben.

Die erste Aufgabe war daher die qualitative Erhebung eines tirolweiten Ist - Standes. Neben dem Erfassen von Familien - und sonstigen Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Initiativen und engagierten Einzelpersonen ging es auch darum, uns einen Überblick über den aktuellen Stand und die gegenwärtigen Probleme der Integration von Menschen mit Behinderung zu verschaffen. Unser Augenmerk richtete sich von Anfang an auf KooperationspartnerInnen in den einzelnen Bezirken, seien es mögliche BeraterInnen für die Einrichtung von Außenstellen der Familienberatungsstelle von Integration Tirol oder auch betroffene Mütter und Väter, die als MultiplikatorInnen tätig werden könnten. Dem Ziel des Moduls, der tirolweiten Vernetzung von betroffenen Müttern und Vätern, von Selbsthilfegruppen und Vereinen, wollten wir auf diese Weise näher kommen. Der zweite Schwerpunkt unserer Aktivitäten kreiste um das Thema Weiterbildung, Informationsverbreitung und Schulung von betroffenen Eltern und KooperationspartnerInnen. Über Informationsabende, Workshops und Tagungen, bzw. auch Beratung und Unterstützung anderer Vereine bei Veranstaltungen, versuchten wir einen möglichst großen Personenkreis anzusprechen.

Es stellte sich heraus, dass es nicht schwierig für uns war professionelle UnterstützerInnen zu erreichen. Diese kamen von sich aus auf uns zu, luden uns ein Infoabende abzuhalten oder wollten sich mit uns austauschen. Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Zusammenarbeit mit betroffenen Eltern. Über die Familienberatungsstelle gab es zwar zahlreiche Begegnungen, zu den meisten Müttern und Vätern bestand aber nach Abschluss der Beratung kein Kontakt mehr. Die professionellen UnterstützerInnen schienen größeres Interesse am Thema Integration zu haben, als die betroffenen Eltern. Der schleppende Besuch der Infotermine, die gezielt für Eltern angeboten wurden, schien diese Wahrnehmung zu bestätigen. Die Bedürfnisse der Eltern waren offensichtlich andere, als wir angenommen hatten. Es gab zwar einige engagierte Mütter und Väter, die mit uns zusammenarbeiteten und die bereit waren, für ihre Rechte einzutreten, viele der Eltern waren jedoch nicht in der Lage, Vorgaben von Behörden oder Einrichtungen kritisch zu hinterfragen. Für diese Gruppe musste ein völlig anderes Angebot entwickelt werden. Wir nahmen diesen Impuls auf und erstellten ein Konzept, das unterschiedlichen Elternbedürfnissen gerecht werden sollte. Es reichte von Themen, die auch Eltern interessieren, die sich noch wenig mit Integration befasst haben, wie Rechtsauskünfte oder Pflegegeld, über konkrete Probleme bei der Umsetzung der Integration, etwa in der Schule oder im Beruf, bis zu Öffentlichkeits- und politischer Arbeit.

Vernetzung der Eltern

Parallel zur inhaltlichen Differenzierung bot sich an, auch bezüglich der Vernetzungsstruktur vielschichtig vorzugehen. Wir unterstützen Eltern, die sich mit anderen betroffenen Müttern oder Vätern treffen wollen, haben mit vielen Kontakt, die regelmäßig zu Infoveranstaltungen kommen, aber auch mit solchen, die in Selbsthilfegruppen aktiv sind und mit uns zusammenarbeiten wollen. Für Letztere haben wir im Rahmen eines Workshops einer vom Netzwerk organisierten Fachtagung die Gründung einer tirolweiten Elternplattform angeregt. Vierzehn Selbsthilfegruppen und Vereine, bzw. ebensoviele Einzeleltern aus fast allen Bezirken Tirols treffen sich nun regelmäßig, um sich auszutauschen und Schritte zur Verbesserung der Integration zu planen und umzusetzen. Der Bekanntheitsgrad des Netzwerkes steigt stetig, auch die Vernetzung trägt sichtbare Früchte. Wir konnten beobachten, wie aus KonsumentInnen unserer Angebote MultiplikatorInnen wurden. Besonders deutlich erleben wir das im Rahmen einer Infooffensive zu den Themen Kindergarten - und Schulintegration und Integrative Berufsausbildung, die in beinahe allen Bezirken Tirols läuft. Mütter und Väter übernehmen es dabei Interessenten zu finden, erst dann wird mit uns ein Termin für den Infoabend vereinbart. Im Zeitraum vom November 2004 bis März 2005 fanden zwölf Infoabende statt, die von 160 Müttern und Vätern besucht wurden. So erfreulich die große Nachfrage auch war und ist, durch sie stießen wir an eine andere Grenze: wir benötigen mehr Ressourcen, um unseren differenzierten Ansatz in allen Tiroler Bezirken effizient umzusetzen. Je mehr Kontakte wir auf den verschiedenen Ebenen herstellen konnten, desto schwieriger wurde es, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Ein offensives Zugehen auf neue Eltern potenzierte unser Ressourcenproblem. Im Grunde war unsere Erfahrung ja eine positive Überraschung. Österreichweit ist es seit Jahren sehr schwierig, Mütter und Väter zu erreichen und sie bei einem engagierten Auftreten für die Rechte ihrer behinderten Kinder und Jugendlichen begleiten zu können. Viele Eltern fügen sich gewissermaßen in ihr Schicksal, ohne zu hinterfragen, wer dafür verantwortlich zeichnet. Unser Angebot leistet einen wesentlichen Beitrag, den Eltern zu ermöglichen - je nach Standort - sich überzeugt auf das Abenteuer Schulintegration einzulassen, oder zumindest Informationen über das Thema einzuholen, um später eine Entscheidung treffen zu können. Die Eltern bekommen von uns umfassende Informationen, die als Ergänzung zu denen der meisten Sonderpädagogischen Zentren und anderer aussondernder Institutionen nötig sind, um ein realistisches Bild der drohenden Schwierigkeiten, aber auch der Möglichkeiten und Rechte zu erhalten. Die Unterstützung durch Integration Tirol macht den Eltern und den Töchtern und Söhnen Mut, den integrativen Weg auch über die Schulzeit hinaus beizubehalten. Die Infoabende zum Thema Integrative Berufsausbildung finden großen Anklang, auch im Zuge der neuen gesetzlichen Regelung von 2003 wächst die Hoffnung auf einen integrativen Arbeitsplatz. Die Bereitschaft, sich mit einem Platz in einer Beschäftigungseinrichtung zufrieden zu geben, sinkt deutlich.

3. Transferfähige Erfahrungen

Unsere umfangreichen Kontakte mit Müttern und seltener Vätern der Geschlechtsaspekt stellt ein eigenes Thema dar) brachten uns die Erfahrung, dass unterschiedliche Eltern völlig unterschiedliche Angebote vom Netzwerk Integration brauchen. Wir lernten Eltern kennen, die noch unter dem Schock standen, ein behindertes Kind zu haben. Manche hatten erst vor kurzem die Nachricht erhalten, andere hatten es über Jahre nicht geschafft das Trauma zu verarbeiten. Eine dritte Gruppe wendete sich an uns, weil schwierige Situationen in der Schule, bei der Arbeitssuche oder auch z.B. Probleme mit dem Ablösungsprozess von den Eltern scheinbar überwundene existenzielle Krisen wieder aufleben ließen. Die Verarbeitung der Behinderung eines Kindes ist nie abgeschlossen, "über dem Berg sein" ist ein Mythos, der durch die immer wiederkehrenden bedrohlichen Lebenssituationen widerlegt wird. Für die Eltern in dieser Situation gilt es Beratungsangebote, und bei Bedarf therapeutische Unterstützung zu finden, sie brauchen Vernetzung und Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern, bzw. Elternbildungsangebote. Sie müssen erst lernen innerlich zu erfahren, dass auch ein Leben mit behinderten Kindern nicht ständig unter dem Aspekt der Trauer und Verzweiflung gesehen werden muss. Praktische Unterstützung wie familienentlastende Dienste, Frühförderung oder auch nur rechtliche Beratung bezüglich Pflegegeld oder anderer finanzieller Aspekte können helfen, eine scheinbar ausweglose Situation in ein anderes Licht zu rücken. Damit kann schlussendlich ein Weg beschritten werden, der berufliche Integration nicht nur erleichtert, sondern fordert und fördert. Andere Mütter und Väter waren aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, sich die zur Umsetzung von Integration nötigen Informationen zu verschaffen. Sie konnten deswegen nicht aktiv werden und wurden folglich von den üblichen gesellschaftlich wirksamen Kräften an den Rand und damit in Sondereinrichtungen (Sonderschulen, Werkstätten) gedrängt. Da integrative Angebote nach wie vor aktiv gesucht werden müssen, ist es nötig für diese Gruppe Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, Infoveranstaltungen zu organisieren, aber auch dem Umfeld, wie Ärztinnen und Ärzte, TherapeutInnen, FrühförderInnen, Schulen, Berufsschulen und Betrieben die nötigen Informationen zukommen zu lassen.

Eltern, deren Kinder an Schnittstellen wie Kindergarten/Schule oder Schule/Beruf stehen, brauchen Unterstützung im Entscheidungsprozess. Sie brauchen Stärkung, Rückhalt, positive Bilder und die Bestätigung, dass ihre Tochter/ ihr Sohn es wert ist, auch finanziell unterstützt zu werden, dass Bildung für alle Kinder und Jugendlichen ein Wert ist und für alle möglich ist. Traumatische Erfahrungen und gesellschaftlicher Druck bewirken bei vielen Müttern und Vätern die Haltung zu akzeptieren, dass ihre Kinder keinen Anspruch auf volle Teilnahme am gesellschaftlichen Leben haben dürfen. Besonders bei Eltern von Kindern mit sogenannter Schwer - Mehrfachbehinderung ist diese Tendenz nicht nur spürbar, sondern auf Grund fehlender Angebote auch eine scheinbar unabänderliche Realität. Schwer - Mehrfachbehinderung bedeutet meist Ausschluss von schulischer Integration und Ausschluss vom Arbeitsmarkt, was üblicherweise bleibt, sind Beschäftigungseinrichtungen.

Die Gruppe, mit der eine ganz andere Art von Zusammenarbeit möglich war, waren Eltern, die sich aktiv für Integration einsetzen. Für sie galt es Bedingungen zu erarbeiten, die ihren Einsatz effektiver und befriedigender gestalten lassen können. Hierbei ging es einerseits um Fortbildungen, Infoveranstaltungen, aber vor allem auch um die Gründung einer gemeinsamen Elternplattform, in der Eltern und Elternselbsthilfegruppen tirolweit zusammenarbeiten können und somit effektiver für ihre Wünsche und Forderungen eintreten können. Für diese Mütter und Väter gab es das Angebot, die Ressource "bezahlte MitarbeiterInnen" zu nutzen, somit konnten sie auch bei begrenztem zeitlichem Rahmen aktiv werden.

Für diesen Zweck ist es uns gelungen, mit zehn Elternselbsthilfegruppen und eine Reihe Einzeleltern die Gründung einer Elternplattform zu initiieren, die sich aktiv für Anliegen der Kinder und Jugendlichen einsetzt. Die Energie, die durch diese Zusammenarbeit entsteht, bestärkt alle TeilnehmerInnen darin, sich im integrativen Weg nicht beirren zu lassen, auch wenn man immer wieder kraftraubende Situationen über sich ergehen lassen muss. Die TeilnehmerInnen wirken als MultiplikatorInnen, die Anliegen und Ergebnisse der Plattform wirken so in den Bezirken weiter. Im Rahmen der Elternplattform entstand eine Arbeitsgruppe, die sich verstärkt der gesellschaftspolitischen Arbeit widmen will. Vier Vereine arbeiten dabei eng zusammen, Probleme

der Kinder und Jugendlichen mit Behinderung und deren Eltern sollen nicht nur in der Einzelsituation wahrgenommen und gelöst werden, man arbeitet an der Bewusstmachung und Änderung integrationsfeindlicher Haltungen und Strukturen. Nach außen hin, gegenüber Behörden und PolitikerInnen, hat ein Zusammenschluss von einer Reihe Selbsthilfegruppen und Einzeleltern natürlich auch mehr Gewicht, als vereinzelte Mütter und Väter, die sich für ihr Kind einsetzen. Es hat sich für die PlattformteilnehmerInnen klar herausgestellt, dass es nötig ist, wieder mit eindeutigen politischen Forderungen aufzutreten, wenn die Situation für ihre Töchter und Söhne verbessert werden soll. Je größer die Gruppe wird, um so mehr wird sie gehört werden, wer in Anspruch nehmen kann, für die Eltern der Kinder/Jugendlichen Tirols zu sprechen, muss auch von Bildungs - und SozialpolitikerInnen ernst genommen werden.

Was Mut macht, ist die Erfahrung, dass viele Eltern sich während der Laufzeit des Projektes Netzwerk Integration von eher passivem Konsumieren von Informationsveranstaltungen zu aktiver gesellschaftspolitischer Arbeit vorgetastet haben. Jede Mutter und jeder Vater eines behinderten Kindes wirkt als Vorbild und Orientierungshilfe für einige weitere. Für den Erfolg des Netzwerks Integration sind diese MultiplikatorInnen unerlässlich.

4. Perspektive: tirolweite Elternunterstützung

Das Modul Netzwerk Integration hat einen Weg gefunden, erfolgreiche Elternunterstützung umzusetzen, Elternempowerment und tirolweite Elternvernetzung zu initiieren. Die Erfahrungen des Projektes, vor allem die Rückmeldungen der Mütter und Väter, ermöglichten uns einerseits unser Angebot den konkreten Bedürfnissen anzupassen, andererseits versetzte es uns in die Lage ein Konzept zu entwickeln, das über das derzeitige Modul hinausgeht.

Aus unseren Erfahrungen lässt sich ableiten, dass Elternunterstützung dann besonders effizient ist, wenn sie auf folgenden drei Ebenen vollzogen werden kann: Individuelle Ebene, Vernetzungsebene und (gesell-schafts)politische Ebene. Die drei Bereiche waren bereits Teil des Grundkonzeptes des Netzwerkes Integration, nachdem wir uns aber nun einen Überblick über die Anliegen und Probleme der betroffenen Eltern verschafft haben, können wir unser Angebot exakt auf die vorhandenen Bedürfnisse abstimmen.

Individuelle Ebene

Anlaufstelle für Eltern und Angehörige, aber auch für Menschen mit Behinderung und Integrationsfachkräfte, ist die individuelle Integrationsberatung. Dazu zählt die Familienberatungsstelle für die Integration von Menschen mit Behinderung des Vereins Integration Tirol, die Ansprechstelle für alle Problemfelder und Anliegen des täglichen Lebens ist. Das Themenspektrum ist so vielfältig wie das Leben selbst, von Erziehungsproblemen bis Erwachsenenbildung, von Sexualität bis zu Problemen bei der Schulintegration, von Geschwisterproblemen bis Integrative Arbeit, in allen Lebensbereichen bei denen es Schwierigkeiten mit der Integration gibt, findet man Unterstützung. BeraterInnen sind professionelle Integrationsfachkräfte (teilweise auch selbst Betroffene), wichtig ist dabei auch eine enge Zusammenarbeit bzw. Vernetzung mit SystempartnerInnen wie Selbstbestimmt Leben, Arbeitsassistenz, Kinderschutzzentrum Tangram, usw. Die Familienberatungsstelle ist thematisch unbegrenzt, es hat sich aber gezeigt, dass es manche Themen gibt, denen man sich intensiv widmen muss, um ihnen den gebührenden Platz zu verschaffen. Vorerst denken wir dabei an die Bereiche Elternberatung durch betroffene Mütter und Väter (Peersupport) und die Schnittstelle Schule - Beruf, die im Grunde die Lebensphase der Ablösung vom Elternhaus und der Planung der eigenen, selbstbestimmten Zukunft umfasst.

Neben dem Beratungsangebot der professionellen Integrationsfachkräfte der Familienberatungsstelle ist es sinnvoll, Eltern und Angehörigen die Möglichkeit zu bieten, sich von betroffenen Müttern und Vätern beraten zu lassen. Eine Reihe von Themen, vor allem emotional belastende Fragen, sind im Rahmen von Peersupport gezielter anzugehen, die Betroffenheit der BeraterInnen öffnet neue Zugänge zum Thema Integration, auch Eltern die sich noch nicht eingehend damit befasst haben, fühlen sich angesprochen. Ein differenziertes Beratungsangebot darf die Ebene des Peersupports nicht dem Zufall oder dem ehrenamtlichen Engagement einiger weniger Mütter und Väter überlassen, sondern muss ihr einen zentralen Platz in einem Gesamtkonzept schaffen.

Durch das Gesetz der Integrativen Berufsausbildung wurden von Seiten des Gesetzgebers Möglichkeiten geschaffen, die es nun zu verwirklichen gilt. Einerseits müssen Jugendliche mit Behinderung und deren Eltern unterstützt werden, sich der Herausforderung zu stellen, ihr Recht in Anspruch zu nehmen (es ist nicht jedermanns/frau Sache "Neuland" zu betreten), andererseits ist intensive Zusammenarbeit mit den beteiligten Stellen nötig (Schulbehören, LehrerInnen, BasB, AMS, Arbeitsassistenz, ArbeitgeberInnen, SozialpartnerInnen). Zu einer qualitätsvollen Umsetzung des Rechtes auf integrative Arbeit wird es nicht ohne ständiges Hinterfragen der Angebote und konstruktiver Zusammenarbeit aller beteiligter Stellen und Personen kommen. Zur Lebensphase der Ablösung gehört auch unser Engagement für den Aufbau eines Pools von ModeratorInnen für persönliche Zukunftsplanung. Diese Methode ist eine Chance für Jugendliche mit Behinderung Lebensperspektiven zu entwickeln, ohne sich gezwungen zu sehen, sich von vorneherein an Grenzen zu orientieren. Es gibt bereits Vorarbeiten für den Aufbau des Pools, die Vernetzungstreffen interessierten Vereine sollen fortgeführt werden.

Vernetzung als Unterstützung

Im Sinne des Empowerments erhalten Eltern und Angehörige nicht nur Beratung und Unterstützung bei konkreten Anlässen, sondern auch Stärkung auf persönlicher, sozialer und gesellschaftspolitischer Ebene. Zur Umsetzung dieser Anliegen initiiert und begleitet Integration Tirol regionale Elterngruppen, Initiativen, Selbsthilfegruppen aber auch einzelne Mütter und Väter. Inhaltliche, organisatorische und finanzielle Unterstützung für Veranstaltungen oder Weiterbildung können zur Verfügung gestellt werden. Die vielfältigen Kontakte zu betroffenen Eltern können für eine ständig aktualisierte Bedarfserhebung, bzw. - analyse genutzt werden. Fehlende Angebote und neu entstandene Wünsche der Eltern werden erfasst und fließen in künftige Unterstützungsangebote ein. Bereits vorhandene Angebote wie Informationsabende zu aktuellen Themen (wie Schulintegration, integrativer Schulbesuch ab dem neunten Schuljahr, Integrative Berufsausbildung), Fortbildungsangebote, Erstellen von Informationsbroschüren und Aufbau eines umfassenden Informationspools zum Thema Integration werden fortgesetzt und entsprechend der steigenden Nachfrage ausgebaut. Die regionalen Netzwerke bilden die Basis für die tirolweite Elternplattform für die Integration von Menschen mit Behinderung. ElternvertreterInnen aus den regionalen Elterngruppen und interessierte Einzeleltern treffen sich regelmäßig in der Plattform, um ihre Anliegen landesweit zu diskutieren. Gemeinsame Themen können durch den Zusammenschluss effizienter vertreten werden, Elternempowerment ermöglicht offensiveres Arbeiten an der Vision der Inklusion. Die tirolweite Elternplattform führt zur dritten Ebene des Konzeptes über.

Gesellschaftspolitische Ebene

Grundlage der (gesellschafts)politschen Arbeit bilden die Informationen und Erfahrungen, die in Einzelkontakten, Beratungen und Vernetzungstätigkeiten gewonnen werden. Eltern müssen immer wieder erleben, dass Einzelprobleme nicht lösbar sind, solange strukturell alles beim Alten bleibt. Solange z.B. eine Schulleitung mit der Zustimmung oder zumindest mit Verständnis der Schulbehörden rechnen darf, wenn sie die Aufnahme eines Kindes mit Behinderung verweigert, reicht es nicht aus, eine Aufnahme zu erzwingen. Das Kind wird es dort in jedem Fall sehr schwer haben, die Qualität der Integration wird ständig überprüft werden müssen. Erst wenn das Recht auf schulische Integration von Schulbehördenseite als Selbstverständlichkeit betrachtet und eine ablehnende Haltung der einzelnen SchulleiterInnen somit nicht mehr toleriert wird, ist bei diesem Thema eine neue Qualitätsstufe erreicht. Die Aufgabe von Integration Tirol besteht darin, die Anliegen und Probleme der betroffenen Eltern und ihrer Töchter und Söhne wahrzunehmen, und sie dabei zu unterstützen, ihre Kritikpunkte und Forderungen zur Verbesserung der Qualität der Integration nach außen zu vertreten. Zur Umsetzung der Anliegen sind verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, vermehrte Kontakte zu Medien oder auch verbesserte Nutzung der Möglichkeiten der Homepage nötig. Weiters wird das politische Lobbying ausgebaut werden müssen, aktive Arbeit mit zuständigen PolitikerInnen und Behindertenbeauftragten ist geplant.

Dieses Konzept ist eine Weiterführung der bisherigen Arbeit mit einem gewaltigen Informationsvorsprung gegenüber der Startphase des Projektes Netzwerk Integration im September 2002. Die umfangreichen Erfahrungen wurden berücksichtigt und haben ihren Platz bekommen. Das Konzept wird den unterschiedlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Mütter und Väter gerecht und bietet darüber hinaus die Chance, über die Stärkung der Eltern und Angehörigen die Lebenssituation der Töchter und Söhne mit Behinderung zu verbessern.

Netzwerk ist ein Projekt von Integration Tirol.

Saline17

6060 Hall in Tirol

Tel. +43 - (0) 5223 - 53830

office@integration-tirol.at

www.integration-tirol.at

Wibs

Logo: wibs - wir informieren beraten bestimmen selbst - people first

Wie hat Wibs den Assistenzbegriff weitergedacht? (Ulrike Gritsch)

Dass körper- und sinnesbehinderte Menschen für sich selbst sprechen, ihre Interessen vertreten, Forderungen an die Politik stellen und richtiges Geld für richtige Arbeit verdienen können, ist mittlerweile durchaus selbstverständlich. Männer und Frauen mit Lernschwierigkeiten werden davon allerdings meistens ausgeschlossen. Für sie ist es immer noch üblich, in Einrichtungen der Behindertenhilfe betreut zu werden, weil ihnen Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von vornherein abgesprochen werden.

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung - eine weltweite Selbsthilfebewegung von Menschen mit Körper- und Sinnesbehinderungen - hat für ihre Zielgruppe schon sehr viel erreicht. Personen mit Lernschwierigkeiten wurden allerdings in ihren Konzepten weder ausdrücklich einbezogen noch ausdrücklich ausgeschlossen. Doch der Selbstbestimmt Leben Bewegung ist die gleichberechtigte Teilhabe aller behinderten Frauen und Männer an allen gesellschaftlichen Prozessen und Lebensbereichen ein wichtiges Anliegen. Selbstbestimmt Leben Innsbruck hat mit dem Pilotprojekt Wibs zur Beratung und Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten die eigene Beratungsstelle erweitert und einen aktiven Schritt zur Einbeziehung von Personen mit Lernschwierigkeiten gesetzt.

Mein Name ist Monika Rauchberger. Ich habe einen Rollstuhl. Ich kann nicht so gut reden. Wenn ich spreche, verstehen Sie mich vielleicht nicht. Ich habe immer im Heim gewohnt. Ich habe zehn Jahre lang in einer Werkstatt gearbeitet: Holzklötze geschliffen und Strumpfhosen zusammengeknüpft. Lange hätte ich das nicht mehr ausgehalten. Es war nach einiger Zeit ziemlich nervenaufreibend und langweilig. Seit drei Jahren bin ich bei Wibs. Ich habe richtige Arbeit und bekomme dafür richtiges Geld. Ich bin pensionsversichert und sozialversichert. Ich bin zuständig für Peer Counseling und Beratung. Vorträge halten, Kurse leiten und telefonieren ist echt leicht. Niemand hat mir das vor ein paar Jahren zugetraut. Ich hab auch nicht gewusst, ob ich das schaffe. Jetzt weiß ich's. Und wer weiß, was noch alles in mir steckt? Vielleicht eine Projektleiterin?

Monika Rauchberger mit Unterstützung von Ulrike Gritsch

Alle sieben MitarbeiterInnen stehen in sozial- und pensionsversicherungspflichtigen Angestelltenverhältnissen.

Aufgaben und Ziele von Wibs

Wibs ist die erste People First Beratungsstelle mit dem Schwerpunkt Selbstvertretung und Interessenvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Österreich, die zweite im deutschsprachigen Raum. Bei Wibs arbeiten zwei Frauen und zwei Männer mit Lernschwierigkeiten als BeraterInnen. Eine Frau und zwei Männer ohne Behinderung sind ihre UnterstützerInnen.

In den drei Jahren Projektlaufzeit sollten die vier BeraterInnen zu ExpertInnen für Themen wie People First, Selbstbestimmung, Selbstvertretung, Selbstermächtigung oder Diskriminierung werden. Auf der Grundlage ihrer eigenen Lebenserfahrung, die sie immer wieder reflektierten und interpretierten, erarbeiteten sie sich ein Verständnis für die speziellen Formen der Unterdrückung und Benachteiligung von behinderten Menschen in der Gesellschaft. Die Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten wurden sich ihrer eigenen Erfahrungen zu diesen Themen bewusst und verglichen sie mit denen der anderen. Die Erfahrung, dass andere Ähnliches erleben, stärkte und ermutigte sie, sich mit verschiedenen Bewältigungsstrategien auseinanderzusetzen. Mit dem Wissen der People First Bewegung gelang ihnen schließlich die Verortung innerhalb einer weltweiten BürgerInnenbewegung. Die BeraterInnen von Wibs erarbeiten sich laufend neues Wissen und bauen damit ihren ExpertInnenstatus fortwährend aus.

Der Wibs Kurs ist eine zwei Jahre dauernde, monatlich stattfindende Gruppenberatung, die von Wibs organisiert und inhaltlich gestaltet wird. Der Kurs bietet Männern und Frauen mit Lernschwierigkeiten die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu entdecken, mit neuen Informationen zu verknüpfen und untereinander zu diskutieren. Darüber hinaus schafft Wibs den Rahmen, der es Menschen mit Lernschwierigkeiten ermöglicht, ihre eigenen politischen Forderungen auch öffentlich artikulieren zu können. Dies soll der Start für eine breite People First Bewegung in Tirol sein.

Literaturtipp:

Gritsch, U.: Das Wibs Kurs Buch. Unveröffentl.,

zu bestellen bei Wibs, Anton Eder Str. 15, 6020 Innsbruck

wibs@selbstbestimmt-leben.at

Dieses Buch richtet sich an UnterstützerInnen und Menschen mit Lernschwierigkeiten, die selbst Kurse gestalten wollen. In der Methode orientiert es sich an der Pädagogik Paolo Freires und ihrer Verwendung in der amerikanischen People First Bewegung. Viele praktische Übungen werden genau beschrieben. Es sind vor allem Übungen zu Selbstbestimmung und Selbstvertretung.

Die Form der Beratung, die Wibs anbietet, ähnelt jener, die Selbstbestimmt Leben Zentren und People First Zentren weltweit anbieten. Deren wichtigstes Kennzeichen ist, dass Betroffene Betroffene beraten. Das Wissen aus der eigenen Lebensgeschichte von Männern und Frauen mit Behinderung bildet die Grundlage für ihre Kompetenz als BeraterInnen. Die Methoden Peer Support und Peer Counseling wurden von der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Anlehnung an Konzepte der klientenzentrierten Gesprächstherapie nach C. Rogers entwickelt.

Literaturtipp:

van Kann, P. und Doose, S.: Zukunftsweisend: Peer Counseling & Persönliche Zukunftsplanung. bifos Schriftenreihe, 2000

Für das Verhältnis der BeraterInnen zu den UnterstützerInnen ist es von Anfang an wichtig, dass die Berater-Innen mit Lernschwierigkeiten aufgrund ihrer Behinderung über lebensgeschichtliches Wissen verfügen, das die UnterstützerInnen nicht haben bzw. auch nicht haben können. Es handelt sich dabei um ein von eigenen Erfahrungen abgeleitetes Wissen. Die zugrundeliegenden Erfahrungen sind für die Peer Gruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten typische, wie Diskriminierungserfahrungen oder traumatisierende Erfahrungen aufgrund von Aussonderung und Ausschluss. Die Aufgabe der UnterstützerInnen war es, dieses Wissen verfügbar zu machen, zu interpretieren und für konkrete Aufgaben umzusetzen. Ab dem Moment, wo diese Erfahrungen in Worte gekleidet werden können, sind sie nutzbar für Beratungsgespräche, werden die Männer und Frauen mit Lernschwierigkeiten zu ExpertInnen in Sachen Diskriminierung und Behinderung. Das macht sie zu den inhaltlich Verantwortlichen des Projektes. Aber nicht nur die BeraterInnen müssen sich ihr Wissen und ihre Aufgabengebiete erarbeiten, auch die UnterstützerInnen müssen sich Stück für Stück an ihre Aufgabengebiete herantasten. Je mehr Aufgaben die ExpertInnen selbst übernehmen, desto mehr Aufgaben müssen die UnterstützerInnen abgeben. Je besser die ExpertInnen ihre Aufgaben kennen, desto besser können sie den UnterstützerInnen Arbeitsaufträge erteilen. Wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten genau wissen, dass sie ihren UnterstützerInnen prinzipiell Aufgaben zuteilen sollen, welche Aufgabenschritte das im Einzelnen sind und ihnen das Zuteilen selbstverständlich wird, nähern sich ihre UnterstützerInnen dem Ideal der persönlichen Assistenz, so wie dieses Unterstützungsmodell von der Selbstbestimmt Leben Bewegung beschrieben ist, an.

Literaturtipp:

Steiner, Gusti: Selbstbestimmung Assistenz. http://bidok.uibk.ac.at/library/gl3-99-selbstbestimmung.html (HTML-Version), Stand: 12.10.2005

Ein Beispiel aus unserer Anfangszeit: Wie haben wir BeraterInnen Vorträge gemacht?

Wir sind in verschiedene Wohnheime und Werkstätten gefahren und haben für den Wibs Kurs Werbung gemacht. Es sind immer 2 BeraterInnen und eine UnterstützerIn gefahren. Jeder und jede hatte spezielle Aufgaben: Der eine hat über People First geredet, der andere Wibs vorgestellt. Wir haben eine Liste mit der Reihenfolge der Gesprächspunkte mitgenommen. Und wir haben die Ausschreibung mitgenommen, damit wir die Fragen nach Wann, Wo, Wie viel Geld, usw. beantworten konnten. Am Anfang haben ganz oft die UnterstützerInnen noch zusätzlich etwas erklären müssen. Wir haben lernen müssen zuzugeben, dass wir etwas nicht beantworten können. Das heißt, wir mussten zum Beispiel zur UnterstützerIn sagen: "Wir können das nicht beantworten, kannst Du das beantworten?" Mit der Zeit konnten wir alle Fragen selbst beantworten und wir haben auch die Aufgaben der anderen gelernt. Zuerst hatte immer dieselbe Person die Aufgabe zu begrüßen und uns vorzustellen. Jemand anderer musste über den Kurs reden. Am Ende haben alle gewusst, dass ein Vortrag mit einer Begrüßung und einer Vorstellung beginnt und mit einem Danke für die Einladung endet. Jeder und jede konnte über die einzelnen Themen wie People First, den Kurs oder die Aufgaben von Wibs erzählen.

Monika Rauchberger mit Unterstützung von Ulrike Gritsch

Wie wurde das Konzept der persönlichen Assistenz von Wibs erweitert?

1. Vorschlagsrecht

Wibs hat das Konzept der persönlichen Assistenz, wie es die Selbstbestimmt Leben Bewegung verwendet, um das Vorschlagsrecht der UnterstützerInnen erweitert. Susanne Göbel beschrieb dieses Vorschlagsrecht für ein ähnliches People First Projekt wie Wibs nämlich das Projekt "Wir vertreten uns selbst" in Kassel.

Literaturtipp:

Göbel, S. und Puschke, M.: Was ist Unterstützung für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Abgrenzung zu Assistenz?

http:// www.people1.de/02/t/05forderungskatalog.shtml

Sie schreiben, dass es die Aufgabe von UnterstützerInnen ist, Lösungsvorschläge für Situationen einzubringen oder vor Gefahren bzw. Konsequenzen zu warnen. Diese Vorschläge können abgelehnt oder angenommen werden. Das ist wichtig, weil nur dann die Verantwortung für eine Entscheidung bei der Person mit Lernschwierigkeiten bleibt. Durch das Ablehnen oder Annehmen eines Vorschlages behält sie die Entscheidungsgewalt. Um dieses Vorschlagsrecht praktikabel umzusetzen, haben sich die UnterstützerInnen bei Wibs sogenannte Frageschleifen angewöhnt: Es hilft, vor einem Vorschlag anzukündigen, dass dies nur eine Möglichkeit von vielen ist und sie abgelehnt werden kann. Nach der Diskussion eines Vorschlages wiederholten die UnterstützerInnen das Gesagte, fassten es zusammen und fragten nach, ob es so, wie sie es jetzt verstanden haben, auch richtig ist. Das bietet den ExpertInnen ausdrücklich noch einmal die Möglichkeit, einen Vorschlag abzulehnen bzw. einen Arbeitsauftrag genauer zu umreißen. Mit Hilfe des Vorschlagsrechtes konnte das Konzept der persönlichen Assistenz der Selbstbestimmt Leben Bewegung so abgewandelt werden, dass es für einen Großteil der Menschen mit Lernschwierigkeiten handhabbar wird, sie in der Rolle der AuftraggeberInnen bleiben und vom Ideal der Selbstbestimmung nicht abrücken müssen.

2. Anleitungskompetenz

Die Anleitungskompetenz stellt im Selbstvertretungsprojekt Wibs oft den Knackpunkt für gute Unterstützung dar. Die Männer und Frauen mit Lernschwierigkeiten mussten sich diese Kompetenz erst aneignen. Die UnterstützerInnen landeten immer wieder in unauflöslichen Rollenkonflikten.

Zur Aneignung von Anleitungskompetenz:

Anleitungskompetenz muss gelernt und kann geübt werden. Dabei halfen uns Übungen von

amerikanischen People First Gruppen und Übungen der deutschen Selbstbestimmt Leben Bewegung.

Literaturtipps:

Advocating Change Together ACT (Hg.): Tools for Change - I am a Leader. 2003 http://www.selfadvocacy.com/

Mobile - Selbstbestimmtes Leben Behinderter e. V.: Handbuch Selbstbestimmt Leben mit persönlicher Assistenz. AG SPAK Bücher, Dortmund 2001

Schließlich erfordert, jemanden anzuleiten nicht nur viel Übung sondern vor allem auch eine tragfähige Vertrauensbasis. Um Unterstützung oder Hilfe zu bitten, fällt wenigen Menschen leicht, weil sie sich und anderen dadurch gleichzeitig eingestehen müssen, etwas nicht zu können. Es ist daher auch gut nachvollziehbar, dass die UnterstützerInnen vor allem am Beginn des Projektes wenig Anleitung erhielten. Die ExpertInnen mussten lernen offen zu legen, was sie nicht so gut konnten. In erster Linie haben die Teammitglieder hier an der Vertrauensbasis zwischen UnterstützerInnen und ExpertInnen gearbeitet. Voraussetzung für die Vertrauensbasis war, dass alle ExpertInnen und UnterstützerInnen gemeinsam neue KollegInnen ausgesucht haben. (Das gilt in gleicher Weise für zukünftige MitarbeiterInnen mit und ohne Lernschwierigkeiten). Wenn also ExpertInnen bei einem oder einer BewerberIn Bedenken hatten, kam diese Person nicht in Frage.

Die UnterstützerInnen mussten Anleitung immer und immer wieder einfordern. Zu schnell schlüpften sie in die Rolle, Aufgaben einfach zu übernehmen und nicht rückzufragen, ob das auch gewünscht war. Von ihnen wurde - zu Beginn vor allem durch die Projektleiterin - verlangt, dass sie die Praktik ihrer Unterstützung regelmäßig dahingehend reflektierten, ob für die Menschen mit Lernschwierigkeiten Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im größtmöglichen Maß umgesetzt wurden. Dieses stetige Nachfragen um Arbeitsanweisungen, vor allem während der ersten beiden Jahre, ermöglichte den Menschen mit Lernschwierigkeiten, ihre Rolle der betreuten und bevormundeten Behinderten zu verlassen und in die Rolle der ExpertInnen zu wachsen.

Beispiel zum Thema Anleitungskompetenz:

Ich bin zuständig für's Telefonieren. Das kann ich wirklich gut. Manchmal, wenn ich telefoniert habe, fragt die Unterstützerin: "Wer war das? Und was wollte der?" Das finde ich ziemlich nervig. Immer die ständigen Fragereien, gleich nach dem Telefonat. Das stresst mich. Ich brauche Ruhe, damit ich nachdenken kann, ob das Gespräch wichtig oder unwichtig war. Später dann kann mich die UnterstützerIn fragen, wer das war. Dann habe ich meine Gedanken konkreter. Aber dass es mich ärgert, hab ich meiner UnterstützerIn noch nicht gesagt. Ich hab Angst, dass das, was ich sag, falsch ankommt und dass ich etwas nicht mehr weiß. Also tu ich lieber so, als hätte es gar kein Telefonat gegeben. Bei wichtigen Gesprächen ist das nicht so schlau. Deshalb gibt es jetzt eine weiße Mappe, in die wir alle wichtigen Telefonate schreiben. Später reden wir dann im Team darüber. Ob das mit der Mappe klappt, weiß ich noch nicht. Aber wir probieren's.

Jasmin Scheiblauer mit Unterstützung von Ulrike Gritsch

3. Wenn Anleitungskompetenz ernst genommen wird, wie muss dann mit Fehlern umgegangen werden?

Wenn Anleitungskompetenz und die UnterstützerInnenrolle ernst genommen werden, riskiert man, dass immer wieder Fehler passieren, möglicherweise öfter, als wenn von vornherein die UnterstützerInnen alle Verantwortung übernehmen würden. Diese Fehler sind mehr oder weniger offensichtlich. Rückmeldungen über Fehler kommen meist von den UnterstützerInnen. Ein Dilemma in der Unterstützungsarbeit bei Wibs ist, dass die ExpertInnen in der Öffentlichkeit bzw. von Außenstehenden wenig Rückmeldungen zu ihrer Arbeitsleistung bekommen und wenn, dann sind die Rückmeldungen meistens positiv. Nur selten kritisiert jemand eine Veranstaltung oder Dienstleistung. Geschieht dies, werden typischerweise UnterstützerInnen für den "Fehler" verantwortlich gemacht und nicht die ExpertInnen. Aus Irrtümern oder Fehlern zu lernen ist so nur selten möglich. Dabei ist das Unterscheiden zwischen guten und durchaus verbesserungswürdigen Arbeitsleistungen eine wesentliche Bedingung dafür, dass Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten ein Projekt wie Wibs selbstverantwortlich leiten können.

Erklärungen für die fehlende Kritik:

1. "Fehler" werden in unserer Gesellschaft sehr einseitig bewertet. Fehler dürfen oder sollten nicht passieren. Eine solche Haltung prägt Menschen und führt dazu, dass Fehler versteckt und vertuscht werden, weil sie den Selbstwert vermindern. Dieses "Fehler Vertuschen" bewirkt, dass Dienstleistungen nicht so gut sind, wie sie sein könnten. Denn wenn ein Fehler oder eine Schwäche vertuscht werden muss, kann der- oder diejenige schlecht um Unterstützung ersuchen. Die Chance aus einem Fehler zu lernen, wird nicht genutzt.

2. Fehler von Menschen mit Lernschwierigkeiten werden anders bewertet. Passiert einem Mann, einer Frau mit Lernschwierigkeit eine Ungeschicklichkeit, so wird dies auf seine bzw. ihre Behinderung zurückgeführt. Es wird davon ausgegangen, dass diese Ungeschicklichkeit immer wieder passieren wird. Umgekehrt wird eine Ungeschicklichkeit von nicht ersichtlich behinderten Personen als etwas Einmaliges interpretiert, auch wenn die Ungeschicklichkeit regelmäßig und immer wieder passiert,

z.B: Der verlegte Schlüssel, der alle paar Tage gesucht werden muss.

3. Manche Fehler weisen wirklich auf ein "Nicht können" hin.Dieses "Nicht können" anzusprechen würde bedeuten, viel Trauer aushalten zu müssen und zwar auf Seiten der ExpertInnen als auch auf Seiten der UnterstützerInnen bzw. derer, die Kritik üben. Dieser Trauer stellen sich viele Menschen lieber nicht, und daher bleiben "Fehler" unbenannt.

Literaturtipp:

Sinason,V.: Geistige Behinderung und die Grundlagen menschlichen Seins, Luchterhand, 2000

Es konnte noch keine Lösung gefunden werden, wie Rückmeldungen an die Menschen mit Lernschwierigkeiten im Projekt direkt gemacht werden. Die Versuche, Rückmeldungen nach jeder Veranstaltung systematisch einzuholen, haben auch nicht zu anschaulicher Kritik geführt. Bis jetzt waren die Rückmeldungen immer positiv. Das Thema Fehler und was aus Fehlern gelernt werden kann, beschäftigt sowohl ExpertInnen als auch UnterstützerInnen bei Wibs weiter. Außerdem bearbeiten die Teammitglieder die Trauer, die entsteht, wenn Fehler passieren. Auch in der People First oder Integrationspädagogischen Fachliteratur ließ sich zu diesem speziellen Thema nichts finden.

Wie wir aus Fehlern lernen:

Eine konkrete Erfahrung von Wibs

Eine Selbstvertreterin ist zuständig für politische Stellungnahmen. Einmal sollte sie gemeinsam mit KollegInnen von SLI Forderungen öffentlich vorbringen. Sie schrieb ihre Forderungen am Computer nieder. Nun ging es darum, eine geeignete Form der Präsentation zu finden, da die gesprochenen Worte der Frau für die meisten Menschen nicht verständlich sind. An diesem Tag war ein Praktikant bei WIBS, der auch vor einem großen Publikum sehr gerne sprechen wollte. So beschlossen die Selbstvertreterin, der Praktikant und der Unterstützer, dass es doch eine gute Möglichkeit wäre, wenn der Praktikant die Forderungen vorlesen würde und nicht der Unterstützer.

Die drei waren dabei von dem Gedanken geleitet, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten sich untereinander so weit wie möglich selbst unterstützen sollten. Gesagt, getan. Während der Vorbereitung merkten sie, dass der Praktikant nicht besonders gut lesen konnte. Also versuchten sie den Inhalt auf wenige Worte zu reduzieren und diese mit großen Buchstaben aufzuschreiben. Als der Praktikant schließlich den Vortrag hielt, sagte er kurz und bündig einige Worte, die aber fast nichts vom ursprünglichen Text wiedergaben. Die Selbstvertreterin war während der ganzen Präsentation nervös und darüber verärgert, dass ihre Forderungen den PolitikerInnen nicht vollständig vermittelt wurden.

Ulrike Gritsch nach einem Gespräch mit Monika Rauchberger

Was wurde nun daraus konkret gelernt? Wie ist es beim nächsten Mal abgelaufen?

  • Die ExpertInnen sind mitverantwortlich, dass sie die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.

  • Anleitung ist wichtig.

  • Die UnterstützerInnen müssen das Ziel im Auge haben und dagegen leitende Ideale abwiegen.

  • Wer Unterstützung braucht, muss genau das bekommen, was er oder sie braucht.

  • Fehler zeigen uns genau, wo Unterstützung notwendig ist. Der Unterstützungsbedarf ist durch sie besser, differenzierter zu erkennen, als wenn Unterstützung scheinbar fehlerlos klappt. Denn da wissen UnterstützerInnen nie genau, ob es deshalb geklappt hat,weil sie zu viel übernommen haben.

  • Wichtig ist, dass wir mehrere Möglichkeiten der Unterstützung anbieten und auch mehrere Möglichkeiten ausprobieren.

  • Wichtig ist ferner, dass wir nach so einem Vortrag besprechen, ob zu viel oder zu wenig Unter stützung vereinbart worden war.

  • Teams müssen die Stärken und Schwächen untereinander genau kennen lernen. Sie können nicht alles schon vorweg voneinander wissen. Da braucht es Versuch und Irrtum und learning by doing.

Ulrike Gritsch nach einem Protokoll, das über die Besprechung geschrieben wurde, in der wir unseren Beitrag zu dieser Veranstaltung, die Anleitung und die Unterstützung vor Ort und in der Vorbereitung kritisch hinterfragt haben.

Zu Rollenkonflikten:

UnterstützerInnen anzuleiten heißt konsequenterweise auch, sie zu kritisieren, wenn sie etwas nicht gut gemacht haben. Es erfordert Kritikfähigkeit und Mut, jene zu kritisieren, mit denen man arbeitet und zu denen man in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis steht. Sich diese Kritikfähigkeit und den Mut anzueignen, ist ein langer Prozess, der selbst der Begleitung bedarf. Und da es bei Wibs niemanden gibt, der diesen Prozess begleitet, kommen die UnterstützerInnen sehr oft in eine Doppelrolle. Supervision gibt es zwar, aber wie jeder und jede sie für dieses Thema nützen kann, muss noch gelernt werden. So ist es nach wie vor an den UnterstützerInnen, die BeraterInnen zu positiver wie negativer Kritik zu ermutigen. Gleichzeitig bedeutet das aber, dass sie sich dann gegebenenfalls mit negativer Kritik auseinander setzen müssen. Ehrlicherweise sei gesagt, dass die Ermutigung zu Kritik je nach dem ob positive oder negative erwartet wird, unterschiedlich begeisternd ausfällt.

Die andere Seite des Rollenkonfliktes zeigt sich, wenn ExpertInnen ihre eigene Anleitungskompetenz reflektieren sollen.

Wenn der, der anleitet, jemanden braucht, der mit ihm bespricht, ob die Anleitung gut oder schlecht war, dann muss das eine Person sein, die ganz und gar auf der Seite des behinderten Menschen steht. Es muss jemand sein, vor dem sich die ExpertIn nicht verstecken muss. Am besten ist das jemand, der selbst weiß, wie es ist, um Hilfe bitten zu müssen.

Diese Person sollte möglichst wenig Eigeninteressen haben. UnterstützerInnen haben aber sehr starke Eigeninteressen. Sie wollen Kompetenzen behalten. Sie wollen ihre Position in der Gruppe stärken. Sie haben Werte, die sie vertreten.

Dieser Rollenkonflikt - das wurde im Erfahrungsaustausch mit MiM offensichtlich - bewegt zur Zeit nicht nur Wibs. Projektstrukturen und Familienstrukturen sind ähnlich angelegt. Wenn Eltern ihr Kind zu mehr Selbstbestimmung erziehen wollen, geraten sie in denselben Rollenkonflikt. Wenn AssistentInnen angestellt werden, um Menschen mit Lernschwierigkeiten zu Veranstaltungen zu begleiten, dann liegt es bei ihnen, mit den betroffenen Personen zu erarbeiten, wie die Unterstützung auszusehen hat.

Literaturtipp:

Nerney, Th.: Selbstbestimmung verbreiten: Freiheit, Autorität, Unterstützung und Verantwortung. http://www.selbstbestimmt-leben.net/wibs/index.php?content=Standpunkte

Die amerikanische Literatur zu People First nimmt zu solchen und ähnlichen Interessenskonflikten Stellung. Th. Nerney spricht in diesem Artikel Interessenskonflikte im Finanzierungsmodell "persönliches Budget" an.

Es wäre spannend, diesem Konflikt bei neuen Konzepten Rechnung zu tragen und z. B. eine Person einzubinden, die in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu Familie, Dienstgeber oder Fördergeber steht und im Sinne eines solidarischen Fürsprechers einzig die Sicht des Menschen mit Lernschwierigkeiten einnehmen kann. Sie kann Betroffene stärken und ihnen vorbehaltlos vermitteln, dass sie jedes prinzipielle Recht haben, schlechte Unterstützungsleistung zu kritisieren. Dabei könnte man sich abermals an das Konzept der Selbstbestimmt Leben Bewegung anlehnen. Eine wichtige Aufgabe der Selbstbestimmt Leben BeraterInnen ist es, behinderte Personen gegenüber ihren AssistentInnen, Familien und Ämtern zu stärken. Peer Counseling und Peer Support sind aus diesem Grund keine neutralen, objektiven Beratungen sondern stellen sich ausdrücklich auf die Seite des Menschen mit Behinderung. Es wird in Zukunft eine wichtige Aufgabe von People First Mitgliedern sein, genau diese Aufgabe für andere Menschen mit Lernschwierigkeiten zu übernehmen. Darin könnte ein wichtiges Arbeitsfeld für Menschen mit Lernschwierigkeiten stecken. Die erste Generation von People First ExpertInnen (und deren UnterstützerInnen) kann auf niemanden zurückgreifen und hat es dadurch schwieriger. Wibs hat deshalb im dritten Jahr des Bestehens eine Frau mit Körperbehinderung gebeten, mit den BeraterInnen die Unterstützungsarbeit so wie die Anleitungskompetenz zu reflektieren.

Zur Vermittlerrolle von UnterstützerInnen

Ein zentrales Thema, das Wibs immer wieder bewegt, ist die Rolle der UnterstützerInnen als VermittlerInnen beim Herstellen von Kontakten und in Gesprächen. Schwierig erscheinen Situationen vor allem dann, wenn die Vorstellungen, die das Team von Unterstützung hat, nicht mit denen der KommunikationspartnerInnen übereinstimmen. Wibs sieht UnterstützerInnen als Brückenbauer, als Leute, die vormachen und behilflich dabei sind, dass fremde Leute mit Menschen mit Lernschwierigkeiten in Kontakt treten können. In einem Bild ausgedrückt: UnterstützerInnen stehen den Menschen mit Lernschwierigkeiten zur Seite. Sehr oft aber wird von ihnen ausgesprochen oder unausgesprochen erwartet, dass sie zwischen den Menschen mit Lernschwierigkeiten und den anderen stehen und vermitteln. Sie werden als eine Möglichkeit betrachtet, direkte Kommunikation mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zu vermeiden. Diese Prozesse sind möglicherweise nicht willentlich gesteuert. Dennoch spüren UnterstützerInnen und ExpertInnen immer Unbehagen, wenn eine solche Situation eintritt.

Sehr oft sind die UnterstützerInnen - obwohl ihre Rolle zum Beispiel bei Vorträgen erklärt wird - die Hauptansprechpersonen. So können die ExpertInnen ruhig reden, der Augenkontakt wird mit den UnterstützerInnen gehalten. Oder: Kaum haben die Expert-Innen den Vortrag beendet, werden Fragen an die Unterstützer-Innen gestellt und nicht an die ExpertInnen. Deshalb entwickelten die UnterstützerInnen Verhaltensweisen, die sie aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit schieben sollen. Das ist zum Beispiel, bei Vorträgen auf den Boden und nicht ins Publikum zu schauen. Oder die Fragen, die an sie gestellt werden, an die ExpertInnen weiterzuleiten. Die Menschen mit Lernschwierigkeiten müssen lernen, den Augenkontakt mit ihrem Publikum zu halten und auch bei unvorhergesehenen Fragen oder Situationen die Moderation nicht aus der Hand zu geben. Sehr oft löst vor allem das Verhalten der UnterstützerInnen beim Publikum Verwunderung, Befremdung, Zorn oder Aggression aus.

Zusammenfassung und Ausblick:

Alle, die mit Wibs einen Modellversuch gestartet haben, sind mit der Entwicklung des Projektes sehr zufrieden. Es hat sich herausgestellt, dass eine neue Machtverteilung zwischen UnterstützerInnen und Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr gut möglich ist, wenn das Konzept der persönlichen Assistenz und mit dem zugrundeliegenden Menschenbild als Maßstab für Reflexionen gewählt wird. Das Modell der Persönlichen Assistenz muss bzw. kann allerdings nicht 1:1 auf Menschen mit Lernschwierigkeiten übertragen werden. Das große Ziel beim Folgeprojekt wird sein, die Stelle der ProjektleiterIn durch eine Person mit Lernschwierigkeiten zu besetzen und auch für diese Aufgabe die richtigen Unterstützungswege zu finden. Peer Counseling und Peer Support bleiben wichtige Schwerpunkte um Selbstbestimmung für Menschen mit Lernschwierigkeiten jenseits von Interessenkonflikten zu ermöglichen. Durch die Zusammenarbeit mit Selbstbestimmt Leben Innsbruck werden die Bedürfnisse und Forderungen der Menschen mit Lernschwierigkeiten im Bewusstsein der Selbstbestimmt Leben Bewegung verankert. Wibs ist Partner und fixer Bestandteil dieser etablierten Interessenvertretungsbewegung. Das bedeutet, dass in Zukunft auch Personen mit Lernschwierigkeiten eingeschlossen sind, wenn über behinderte Frauen und Männer gesprochen wird.

Wibs will auf diesem Weg bleiben und glaubt damit, Systemänderungen durchsetzen zu können, die notwendig sind, damit Menschen mit Lernschwierigkeiten in Zukunft selbstbestimmter leben können.

Bei meinen ersten Sitzungen mit fremden Leuten ist es mir nicht so gut gegangen. Da war ich sehr unsicher, ob ich auch etwas Richtiges sage. Deshalb hab ich ganz oft nichts gesagt. Meine KollegInnen haben für mich reden müssen. Sie waren auch verärgert über mich. Das hat mich genervt. Ich wollte ja immer reden, aber ich hab mich nicht getraut. Einmal hab ich es dann geschafft und geredet. Von da an bin ich mutiger geworden. Einmal waren wir sogar beim Land Tirol. Dort hat unsere Unterstützerin etwas erklärt. Und dann haben die Beamtin und die Unterstützerin nicht mehr aufgehört zu reden. Da hab ich all meinen Mut zusammengenommen und hab gesagt: "Bitte reden Sie mit uns und nicht mit unserer Unterstützerin. Wir sind die ExpertInnen." Dann hat die Beamtin wirklich mit uns geredet. Da war ich sehr froh und die Unterstützerin war stolz auf mich.

Jasmin Scheiblauer (Rechtschreib- und Grammatikkorrekturen durch UnterstützerInnen)

Wibs ist ein Projekt von Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

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OASE 3

Logo: OASE - ohne aussonderung selbst erLEBEN

Berufliche Integration für ALLE -Neue Wege der Unterstützung (Gertrud Köck)

Einleitung

Innovative Wege des Übergangs Schule / Beruf, gemeinsam mit Menschen mit sog. Behinderungen zu entwickeln, ist zentrale Aufgabe von OASE 3. Die Angebote sind so zu gestalten, dass sie für alle Menschen praktische Gültigkeit erlangen, unabhängig davon welche Art oder welcher Schweregrad an Behinderung ihnen zugeschrieben wird. Das bedeutet auch, Menschen die als schwer mehrfach behindert gelten, im Übergang Schule / Beruf zu begleiten. Das Finden und Kreieren von Arbeitsplätzen, so wie das Erarbeiten alternativer Tagesstrukturen auf Basis der individuellen Wünsche, Fähigkeiten und Möglichkeiten, liegt im Aufgabenbereich unserer Unterstützung. Ziel ist ein Arbeitsplatz am allgemeinen Arbeitsmarkt für jeden Menschen.

Angebote wie Jugendarbeitsassistenz, Jobcoaching oder Jobcreation tragen dazu bei, dass für Jugendliche Integration am allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht werden kann. Praktika zu organisieren, zu begleiten und zu reflektieren sowie Betriebe, Gemeinden und öffentliche Institutionen als mögliche ArbeitgeberInnen zu sensibilisieren, sind Ziele des Moduls. Menschen mit Behinderungen sollen einerseits an den Arbeitsplatz bzw. Arbeitsrhythmus herangeführt werden, andererseits aber auch Arbeitsplätze so entwickelt werden, dass diese an die Person angepasst werden. Menschen die als "schwer mehrfach behindert" gelten bzw. "schwerstbehindert" oder "geistig behindert" diagnostiziert sind, das heißt, Menschen die unter gravierendsten isolierenden Bedingungen leben müssen, sind bisher weitestgehend von allen Maßnahmen ausgeschlossen. Für sie Angebote zu entwickeln ist Aufgabe von OASE 3. So sahen wir uns am Beginn mit einer komplexen Aufgabe betraut, deren Tiefe und Breite aber nicht erkannt wurde.

Mit Hilfe von unterschiedlichen Methoden, wie die Methode der Zukunftsplanung (vgl. Stefan Doose, Boban Ines, Hinz Andreas), oder die Verstehende / Rehistorisierende Diagnostik (Wolfgang Jantzen, Kerstin Ziemen) wird ein klares Bild über die Fähigkeiten, Wünsche aber auch die Möglichkeiten der Jugendlichen mit Behinderungen erarbeitet, um in idealer Weise bereits vor Abschluss der Schulpflicht einen adäquaten Einstieg in den Arbeitsmarkt anzubahnen.

Die Verstehende / Rehistorisierende Diagnostik wird innerhalb des beschriebenen Projektzeitraumes vor allem in Zusammenarbeit mit Menschen, die als schwer mehrfach behindert gelten bzw. über keine eigene Lautsprache verfügen, als hilfreich erlebt.

"Die rehistorisierende Diagnostik zielt darauf ab, den Reichtum der konkreten Lebensprozesse wahrzunehmen und auch innerhalb des diagnostischen Prozesses zu bewahren, d.h. insbesondere die lebendige Wirklichkeit nicht in elementare Komponenten aufzuspalten (vgl. Lurija 1993, 10). Dabei werden die verschiedenen Ebenen des Menschseins: biologisch-psychisch-sozial und ihre Verhältnisse zueinander ebenso berücksichtigt, wie die Tatsache, dass es auf der Basis von isolierenden Lebensbedingungen zu einem veränderten Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und auch zur dinglichen Welt gekommen ist, was letztlich wiederum als Kompetenz unter den gegebenen Lebensbedingungen und der Lebensgeschichte betrachtet werden muss. Ziel der rehistorisierenden Diagnostik ist es, eine Lebensgeschichte zu skizzieren, die die zentrale Problematik herausarbeitet. Mit dem Betroffenen gemeinsam sind die konkrete Lebenssituation und mögliche Perspektiven zu entwickeln." (Ziemen, 2003)

Persönliche Zukunftsplanung ist ein methodischer Ansatz, bei der Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam über die Zukunft einer Person nachdenken. Visionen werden entwickelt, Ziele formuliert und in einer konkreten Planung umgesetzt. Ein sog. Unterstützerkreis (Personen aus dem sozialen Umfeld) macht es sich zur Aufgabe die konkreten Schritte gemeinsam mit der betroffenen Person umzusetzen. Zukunftsplanung wurde in den USA von verschiedenen Menschen unter dem Namen "Personal Future Planning" oder "Person centered planning" Ende der achtziger Jahre entwickelt. Persönliche Zukunftsplanung hat aber auch eine andere Sichtweise von Menschen mit Behinderungen und davon, wie Organisationen der Behindertenhilfe ihre Unterstützung anbieten sollten, zur Grundlage. Diese veränderte Sichtweise lässt sich als Paradigmenwechsel von der "Theorie der Andersartigkeit" zu einer "Theorie der Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit" beschreiben. (vgl. Andreas Hinz, Stefan Doose in bidok, 2000). Die Persönliche Zukunftsplanung ist eine Methode, die für alle Menschen geeignet ist.

Menschen, die über keine Lautsprache verfügen, muss ein Angebot an pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen gemacht werden, die einer Erweiterung der kommunikativen Möglichkeit dienen. In Zusammenarbeit mit Firmen und Institutionen sollen modernste technische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Das Erarbeiten einer basalen Kommunikation, die Gültigkeit innerhalb der Assistenzbeziehung, aber auch für das gesamte soziale Umfeld Bedeutung erlangt, bildet die Voraussetzung, um Selbstbestimmung zu ermöglichen. Zu Beginn des Projektes wurde zu wenig erkannt, welche praktische Bedeutung diese Dimension hat, und ohne fachliche Fortbildung und Begleitung von außen hätte sie nicht praktische Relevanz erlangt.

Selbstbestimmung und Empowerment gelten als selbstverständliche Querschnittsthemen innerhalb der Unterstützungsmaßnahmen. Die Orientierung erfolgt an den Maßstäben der Selbstbestimmt Leben Bewegung. Der Empowermentansatz von People First gilt als grundsätzlich, um eine Chancengleichheit auch für Menschen mit sog. schweren Mehrfachbehinderungen erreichen zu können. Die uns momentan am schwierigsten erscheinende Situation hat Auswirkungen auf alle Angebote des TAFIE Außerfern (Tiroler Arbeitskreis für integrative Entwicklung), und so werde ich mich im Folgenden exemplarisch darauf beziehen. Ausgehend von dieser Situation hat sich ein Umdenken im gesamten Trägerverein vollzogen. Jedes Angebot an Unterstützung hat sich an den individuellen Bedürfnissen einer Person zu orientieren und nicht umgekehrt.

Praktisches Beispiel

Risa ist 15 Jahre alt und hat eine sehr schwierige persönliche Situation. Er ist der erstgeborene Sohn einer türkisch-stämmigen Familie, die seit vielen Jahren in Österreich lebt. Risa kann nicht laufen, er hat schwere Entwicklungsstörungen, zeigt Stereotypien, weist selbstverletzendes Verhalten auf. Zum Schutz vor seinen eigenen Schlägen trägt er ständig einen Helm. Seine Ohren sind stark zertrümmert und immer wieder aufgeschlagen. Zahlreiche Krankenhausaufenthalte begleiten sein Leben. Er spricht nicht bzw. wird seine Art der Kommunikation nicht verstanden. Risa besucht zur Zeit des Kennenlernens die letzte Klasse einer Hauptschule, die integriert geführt wird. Danach wechselt er in eine Polytechnische Schule. In Zusammenarbeit mit den Lehrern der Schule lernten wir Risa kennen. Während einem intensiven Projekt während neun Wochen Sommerferien, setzten wir die Arbeit der Lehrer fort und weiteten diese aus. In dieser Zeit entstanden einige Erfahrungen und Erkenntnisse, die in der Folge Bedeutung für die Arbeit der AssistentInnen mit Risa erlangten.

Eigene Bilder entwickeln

In der Begleitung von Risa erlebten wir, in welch großer Isolation dieser Junge leben muss. Wir hatten keine Möglichkeit ihn zu verstehen. Seine Reaktionen wurden von jeder Assistentin / jedem Assistenten unterschiedlich gedeutet. Viel Zeit wurde dafür aufgewendet, sein Verhalten zu analysieren und Erklärungen dafür zu suchen. Immer wieder scheiterten wir mit unserem eigenen Wissen und an unseren eigenen Möglichkeiten. Durch die Begegnung mit ihm änderte sich unser Bild über ihn. Wir lernten ihn als Partner kennen, mit dem wir uns gemeinsam auf den Weg machen konnten, um seine Kompetenzen und Fähigkeiten kennen zu lernen und daraus Angebote zu entwickeln. Wir sahen nicht nur seine selbstverletzenden Schläge, sondern viele Facetten seines Verhaltens. Durch die Konzentration auf seine Kompetenzen konnten wir auf diesen aufbauend neue Ideen entwickeln. Sein selbstverletzendes Verhalten war nur noch EIN Ausdruck von Risa neben vielen anderen Arten sich zu artikulieren. Durch die regelmäßige Reflexion der Arbeit, dem Filmen und gemeinsamen Besprechen unserer Arbeit und mit Hilfe des Instrumentes der rehistorisierenden Diagnostik erkannten wir folgende Kompetenzen: Risa verwendet keine Lautsprache. Er kann schnalzen, gurren oder sich mit verschiedenen rhythmischen Lauten artikulieren. Er lacht, sobald der/die AssistentIn versucht diese Laute nachzumachen. Er kann gezielt schauen, dies zeigt er dadurch, dass er einer brennenden Kerze gezielt nachschaut. Er folgt mit den Augen fahrenden Autos, vorzugsweise LKWs. Er mag es sichtlich Musik zu hören. Die Geräte kann er selbständig aus- und einschalten. Ebenso kann er auf Aufforderung das Licht ein- und ausschalten. Außerdem kann er gezielt Gegenstände greifen und werfen. Wir lernten, ihm Tätigkeiten in einem ihm angemessenen Rhythmus anzubieten. Dies waren Tätigkeiten wie Behälter ein- und ausfüllen, Gegenstände legen und stecken, Zubereitung von Essen werden zu Beginn in 2:1 Begleitung realisiert. Zuerst werden die Angebote in möglichst kurzen Sequenzen angeboten, dazwischen sind immer wieder Pausen notwendig. (z. B. fünf Minuten Arbeit, fünf Minuten Pause). Es war sehr schwierig Fachleute zu finden, die in der Lage waren, uns praktische Hilfestellung bei der alltagspraktischen Umsetzung zu geben. Erst durch die Zusammenarbeit mit Univ. Behindertenpädagogin Heike Meyer - Egli aus der Schweiz und die Begleitung durch Univ. Prof. Kerstin Ziemen von der Universität Innsbruck gelang es, den Anfang eines inhaltlichen Angebotes für Risa zu entwickeln.

Den Rahmen für individuelle Assistenz finden

Zu Beginn liegt die Hauptaufgabe darin, die Person und ihre Situation kennen zu lernen. Gemeinsam mit der Familie wird der Assistenzbedarf erhoben und ein Antrag bei der zuständigen Abteilung des Landes Tirol gestellt. Der zeitliche Umfang der Assistenz und die Größe eines Teams sind individuell zu gestalten. Ein stabiles Team bildet dabei einen wichtigen Baustein. Die betroffene Person muss sich darauf verlassen können, aber ebenso die Familie. Innerhalb des Teams bildet die Stabilität ebenso eine wesentliche Rolle, um eine kontinuierliche Arbeit gewährleisten zu können. Die Bereitschaft zu einer intensiven Zusammenarbeit, die Gewährleistung von Zuverlässigkeit und die Bereitschaft zur Reflexion und Selbstreflexion sind Voraussetzung, die alle MitarbeiterInnen bereitstellen müssen.

Assistenz eröffnet ein neues soziales Feld

Durch Assistenz entsteht ein neues soziales Feld mit einer eigenen Dynamik. Dieses hat Auswirkungen auf alle bisherigen Felder wie die Familie und die Schule. Eine gute Zusammenarbeit mit der Schule und ein regelmäßiger Austausch mit den Lehrern haben sich als wertvoll erwiesen. Erfahrungen werden ausgetauscht, gemeinsame Vorgehensweisen besprochen oder Möglichkeiten eruiert.

Assistenz nimmt einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Familiensystem. Hier ist besonders auf einen wertschätzenden Umgang zu achten, damit neue, tragfähige Spielregeln entwickelt werden können. Dies ist nicht selbstverständlich und von vornherein klar. Oft führen gerade sog. gut gemeinte Ratschläge von beiden Seiten zu Missverständnissen und Verletzungen. Das Zuerkennen von Kompetenz spielt eine wesentliche Rolle. AssistentInnen müssen lernen die Kompetenzen der Familie als Ressource zu erkennen und zu nutzen. Die Familie von Risa weiß genau, was ihr Sohn gerne tut und was er gut kann. So war es zu Beginn des Projektes hilfreich für uns zu erfahren, dass Risa gerne Musik hört und den Kassettenrekorder selber aus- und einschalten kann. Ebenso zeigte uns die Familie, dass er durch das Betrachten einer brennenden Kerze zur Ruhe kommt. Familienmitglieder wissen über die Vorlieben, aber auch über die sozialen Fähigkeiten ihrer Familienmitglieder Bescheid. In einem laufenden Aushandlungsprozess ist die Beziehung zwischen Familie und AssistentInnenteam zu gestalten. Unterschiedliche Anschauungen über das was vordringlich und weniger wichtig, bedeutungsvoll und weniger bedeutungsvoll ist, müssen erst ausgehandelt werden. Assistenz kann nur gelingen, wenn es gelingt diese Beziehung respektvoll zu gestalten. Unbemerkt kommt es zu Spannungen, wenn die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht immer wieder besprochen und abgestimmt werden. Enttäuschungen und Misstrauen sind die Folgen. In regelmäßigen Besprechungen versuchen wir gemeinsam mit den Eltern und Risa einen Weg gehen.

Assistenz zu leisten setzt voraus, dass innerhalb dieses neu entstandenen sozialen Feldes ein anderer Umgang mit der eigenen Person erforderlich sein wird. Es muss die Fähigkeit entwickelt werden, eigene Ressourcen und die Ressourcen des Assistenznehmers, aber auch Ressourcen des gesamten Umfeldes zu erkennen und zu nutzen. Innerhalb des Aushandlungsverhältnisses werden immer wieder Widerstände auftreten. Dies erfordert, dass AssistentInnen mit diesen umzugehen lernen und dabei aber auch mit eigenen Kräften haushalten. AssistentInnen sollten die Fähigkeit besitzen Visionen zu entwickeln und Neugier, Innovationsbereitschaft und Kreativität im Alltag einzusetzen und zu fördern.

Eine Beziehung zu der Person aufbauen

Parallel zur Analyse aller Informationen liegt ein Schritt darin, die Person durch genaue Beobachtung kennen zu lernen und eine Beziehung mit ihr aufzubauen. Wir filmten unser eigenes Handeln und reflektierten darüber, um unsere eigene Qualität zu verbessern. Mit der Zeit entstand ein neues Feld, in dem sich bisher unerkannte Möglichkeiten eröffneten.

Am Beginn des Projektes standen die selbstverletzenden Schläge im Mittelpunkt unserer Wahrnehmung. Sein Helm, den er andauernd trug, bildete ein weiteres Isolationsmerkmal. Die ohnehin nur kurzen Pausen zwischen den angebotenen Arbeitssequenzen bedeuteten den Schrecken für alle MitarbeiterInnen. Sobald niemand hinter Risa stand, um ihn aktiv an seinen Schlägen zu hindern, schlug er sich derart massiv, dass es oft unerträglich war. Mit der Zeit wurden diese Schläge immer weniger. Sobald Risa Tätigkeiten angeboten bekam, verzichtete er auf die selbstverletzenden Schläge. Genauso, wenn er in Arbeitsabläufe einbezogen wurde. Nach Ablauf von acht Wochen konnte Risa gut länger Pausen ohne Arbeitsangebot aushalten. Das selbstverletzende Verhalten trat immer mehr in den Hintergrund und seine Kompetenzen rückten in das Zentrum unserer Wahrnehmung und unseres Handelns. Dadurch wurde es auch für die AssistentInnen leichter sich an seinen Fähigkeiten zu orientieren und das Zutrauen wuchs, ihm neue Angebote zu machen. Durch die Beziehung zwischen Risa und seinem jeweiligen Assistenten oder Assistentin ist inzwischen eine gute Kooperation mit Risa möglich.

Dialog / Kommunikation als Voraussetzung für Kooperation

Wir müssen herausfinden, welche Art von Kommunikation Risa mit uns führen kann und will. Wir bieten ihm Gesten, Bilder und Symbole an. Die Gesten kennzeichnen Beginn und Ende einer Handlung, sowie den zentralen Inhalt, z. Risa "wir arbeiten jetzt", oder "wir machen Pause". Mittels Bilder wird er auf die jeweilige Tätigkeit vororientiert. Risa hängte das Bild auf eine Tafel und nach Beendigung bringt er daneben ein Symbol für "fertig" an. Bald stellte sich heraus, dass er sich für die Bilder interessiert, die Gesten dagegen nur mäßig interessant für ihn sind. Die Bilder erkannte er bald sehr genau. Dies zeigt sich z.B. als sich eine Mitarbeiterin die Haare schneiden ließ. Auf dem Foto war sie noch mit langen Haaren abgebildet und so wollte er dieses nicht aufhängen. Wesentliche Zeichen, wie z.B. Gesten für "ja" und "nein", "Beginn" und "Ende" werden weiter beibehalten, da es sinnvoll scheint, diese Zeichen unabhängig von jedem anderen Kommunikationsmittel bei sich zu haben. In einem weiteren Schritt hat er gelernt, Entscheidungen zu treffen. Er wählt zwischen den angebotenen Tätigkeiten aus und zeigt uns dies durch Nehmen und Aufhängen der jeweiligen Karte an der Tafel. Dialog und Kommunikation müssen als Grundbedürfnis und existenzielle Grundbedingung menschlichen Lebens gesehen werden. Insofern ist der Aufbau von angemessenen Dialog- und Kommunikationsmöglichkeiten immer als dominantes Ziel zu verfolgen.

Wahlmöglichkeiten durch angemessene Angebote schaffen

Bei Menschen die als schwer mehrfach behindert gelten, fehlen neben adäquaten Möglichkeiten zur Kommunikation meist auch angemessene Angebote an Handlungs- und Tätigkeitsmöglichkeiten. Gemeinsam mit der betroffenen Person sind solche zu erarbeiten, bzw. zu entwickeln. Von Situation zu Situation ist die Frage zu klären, wie grundsätzlich solche Angebote zu entwickeln sind.

Die praktische Arbeit mit Risa geschieht in Anlehnung an die Substituierend Dialogisch-Kooperative Handlungs-Therapie (SDKHT) nach Georg Feuser (vgl. Feuser 2001). Es begleitet uns Heike Meyer-Egli, ohne deren wertvolle Unterstützung wäre eine praktische Arbeit mit Risa in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Seriell aufbereitete Tätigkeiten stellen in der Begleitung von Risa eine wichtige Rolle dar. Als während eines Sommerprojektes von neun Wochen die Einzeltätigkeiten immer besser gelingen, werden diese verlängert und auch Arbeitsabläufe daraus entwickelt. Dazu eignen sich besonders gut das gemeinsame Zubereiten von Essen, das Essen selber und das anschließende Wegräumen des Geschirrs. Risa kennt bis zum Ende des Sommerprojekts den Ablauf genau und ist nun manchmal schneller als wir. Da Risa sich an allen neuen Angeboten interessiert zeigt, kann das Repertoire kontinuierlich erweitert werden. Meist hinken wir mit Finden und Erfinden von neuen, angemessenen Angeboten hinterher. Bereits nach Ablauf von etwa neun Wochen werden viele Tätigkeiten in Einzelbegleitung umgesetzt. Sobald er ein interessantes Angebot an Tätigkeiten hat, zeigt er sich interessiert. Er kann auf das selbstverletzende Verhalten immer mehr verzichten. Weiters lernt er aus den verschiedenen Angeboten auszuwählen und zeigt sich von dieser Möglichkeit sichtlich erfreut.

Risa beendete inzwischen die Polytechnische Schule in Reutte. Er war dort u. a. in eine Tischlergruppe integriert. Durch Zusammenarbeit mit den Lehrern der Polytechnischen Schule sowie Lehrern und Schülern des Ingenieurskollegs in Pflach ist es gelungen, eine Bohrmaschine und eine Schleifmaschine angepasst an seine Bedürfnisse zu entwickeln. Die Maschinen mussten gut und leicht zugänglich sein, so dass Risa ein sicheres und schnelles Arbeiten möglich war. Zudem wurden Arbeitslehren entwickelt, die optimal eingesetzt werden können. Risa kann dadurch mit immer weniger Unterstützung selbständig Arbeiten verrichten.

Weiters hat er in der letzten Hälfte des Schuljahres 2004/05 mit einem wöchentlich stattfindenden Praktikumstag bei der Gemeinde Reutte begonnen. Er vernichtet dort die sensiblen Akten der Gemeinde. Die Mitarbeiter der Gemeinde und seine AssistentInnen haben wahrgenommen, dass ihm die Arbeit zurzeit sehr gut gefällt. Risa zeigt sich sehr motiviert und kann inzwischen die Arbeit großteils selbständig verrichten. Die Mitarbeiter der Gemeinde und die Assistenten suchen nach neuen und abwechslungsreichen Tätigkeiten, so dass der Arbeitsplatz nicht zu eintönig wird. Die Arbeitszeiten werden seinen Möglichkeiten entsprechend erweitert und somit steht erstmals für Risa ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis in Aussicht. Um seinen Fähigkeiten im Bereich der Tischlerarbeiten zu entsprechen, wird die Zusammenarbeit mit einer Tischlerei angestrebt.

Transferfähige Erfahrungen

Assistenz ist als Verhältnis zu verstehen, innerhalb dem Selbstbestimmung und Fremdbestimmung in einem dauernden Prozess neu ausgehandelt werden müssen. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass sich die eigenen Bilder, Vorurteile und Annahmen erst durch die Begegnung mit Menschen mit Behinderungen ändern können. Die Möglichkeit angemessen kommunizieren zu können, bildet die Basis, um leitende Gedanken der Selbstbestimmung Wirklichkeit werden zu lassen. Dialog setzt die Bereitschaft voraus sich auf eine Beziehung einzulassen. Innerhalb dieser Beziehung wird es möglich, anstehende Aufgaben in Kooperation zu lösen. AssistentInnen müssen sich bewusst sein, dass sie sozusagen ein neues soziales Feld neben der Familie, der Schule oder dem Arbeitsplatz eröffnen, dabei ist auf eine gute Vernetzungsarbeit zu achten. Aneignung und Vernetzung von Fachwissen sind eine wichtige Basis, um mit Menschen mit sog. schweren Mehrfach-Behinderungen arbeiten zu können. Das beste zur Verfügung stehende fachliche Wissen und das Wissen wie dieses in der Praxis umgesetzt werden kann, muss direkt jenen Personen angeboten werden können, die es benötigen.

Erfahrungen in der Organisation eines Teams von AssistentInnen

Die Organisation der Assistenz nahm zu Beginn des Projektes viel Zeit und Ressourcen in Anspruch. AssistentInnen konnten nur in Teilzeitbeschäftigung angestellt werden. Dies bedeutete, dass bei einer Person im Extremfall bis zu 14 Personen zu koordinieren waren. Ein häufiger Wechsel im AssistentInnen-Team war die Folge von schlechten Arbeitsbedingungen. Parallel sollten Aufgaben und Inhalte entwickelt werden. Es hat sich folgender Aufbau eines Teams von AssistentInnen als wesentlich herauskristallisiert: Bildung eines Kernteams mit einem Teamverantwortlichen, dieses Kernteam ist für die Organisation des gesamten Teams verantwortlich, aber vor allem für die inhaltliche und zeitliche Planung so wie für Aufgaben der Vernetzung. Die Personen im Kernteam tragen wesentlich zur Stabilisierung des gesamten Teams bei und sind für die Prozessgestaltung verantwortlich. Regelmäßige Reflexion, so wie fachliche Begleitung und laufende Fortbildungen sind wesentliche Faktoren, um eine ausreichende Qualität in der Unterstützung zu gewährleisten.

Perspektiven

In der Auseinandersetzung mit Menschen, die in größter Isolation leben müssen, ist es dem Trägerverein TAFIE Außerfern gelungen, die Vision einer inklusiven Gesellschaft zu definieren: "Unter Inklusion verstehen wir eine Haltung, die auf der Überzeugung beruht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind und geachtet und geschätzt werden sollen als eine grundlegende Menschenrechtsfrage.

Inklusion ist ein niemals endender Prozess, bei dem Menschen mit Behinderung die Chance bekommen, in vollem Umfang an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen, die auch nicht behinderten Menschen offen stehen.

Inklusion bezieht sich auf alle Menschen mit Behinderung, unabhängig von Art und Schwere ihrer Beeinträchtigung - Inklusion ist unteilbar." (TAFIE Außerfern, 2004)

Oder mit anderen Worten:

"Wir verstehen unter einer inklusiven Gesellschaft nicht die Einbeziehung einer Gruppe von Menschen mit Schädigung in eine Gruppe Nichtgeschädigter, sondern vielmehr liegt die Zielsetzung in einem Miteinander unterschiedlichster Mehr- und Minderheiten - darunter auch die Minderheit der Menschen mit Behinderungen." (TAFIE Außerfern in Anlehnung an Hinz 1998)

Alle Konzepte und Maßnahmen des Vereins orientieren sich an den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Person und werden gegebenenfalls adaptiert. Das bedeutet, dass die einzelne Person, unabhängig vom definierten Schweregrad der Behinderung, als vollwertiger Mitbürger zu achten und zu respektieren ist und jedes Angebot sich an dessen Bedürfnissen zu orientieren hat. Dies hat Auswirkungen auf die Organisationsstruktur des gesamten Vereins, welche durch einen Organisationsentwicklungsprozess angepasst wird.

Damit diese Erkenntnisse auch alltagspraktische Relevanz erreichen können, ist ein Umdenken von Seiten der Fördergeber notwendig. Bisherige Förderstrukturen sind auf klassischen Maßnahmen, wie Clearing, Jobcoaching und Arbeitsassistenz aufgebaut. Meist sind sie an bestimmte Vermittlungsquoten gebunden, so dass diese Maßnahmen nur bestimmten Gruppen angeboten werden können, jene die auf Grund ihrer diagnostizierten Behinderung keinen Platz in diesem Angebot finden, müssen nicht selten unter isolierenden Bedingungen leben. Assistenz muss für alle Menschen mit einer Behinderung in ausreichendem Maße möglich sein, damit eine Teilhabe in allen Lebensbereichen Wirklichkeit werden kann.

Literaturtipps:

Eberwein H., Knaur S. (Hrsg.): Lernprozesse verstehen; BELTZ Verlag; 2003

Feuser, G.: Basistherapeutische Arbeit im Konzept der SDKHT, http://www.feuser.uni-bremen.de/aktuell/SDKHT%20Handout%202%20Basisvortrag.pdf Stand: 12.10.2005

Hinz; A: Niemand darf in seiner Entwicklung behindert werden - Von der integrativen zu inclusiven Pädagogik?; http://bidok.uibk.ac.at/library/hinz-inclusion.html Stand: 12.10.2005

Ziemen, K.: Integrative Pädagogik und Didaktik; Shaker Verlag, Aachen, 2003

Teile dieses Beitrags erschienen in:

Hinz, A. u. a. Hrsg.: Schwere Mehrfachbehinderung und Integration - Herausforderung, Erfahrung, Perspektiven; Lebenshilfeverlag, 2005

OASE 3 ist ein Projekt vom TAFIE Außerfern

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PfiF - TIROL

Logo: PfiF - Tirol. Projekt für integrative Freizeitgestaltung (Caritas Diözese Innsbruck)

Manuel Rott: Soziale Integration durch gemeinsame Freizeit in Gruppen oder ...... dann kemmts holt amol vorbei und nacha schauma wias geat ...

Vielleicht macht sie der Titel ein wenig neugierig? Es geht in diesem Text um freie Zeit, Pfadfinder, Transportkosten, Eltern, Selbstbestimmung, Kajak fahren, nichts tun, Begleitungskonzept, wandern, Probleme, Schach, Hürden und lustvolle Freizeitgestaltung mit PfiF.

Einleitung

Gleichberechtigte Teilhabe in allen Bereichen des täglichen Lebens schließt auch die Möglichkeit integrativer Freizeitgestaltung ein. Im Sinne des Empowerments und der sozialen Integration, ist die Möglichkeit, das Privatleben selbstbestimmt zu gestalten ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierung der Persönlichkeit und damit grundlegend für eine erfolgreiche berufliche und soziale Integration. PfiF-Tirol unterstützt Menschen mit Behinderungen bei ihrer individuellen Freizeitplanung und Lebensgestaltung. Interessierte Menschen mit Behinderungen werden über die Angebote in ihrer Region informiert, bei der ersten Kontaktaufnahme begleitet und bei evtl. auftretenden Unstimmigkeiten unterstützt. Es geht also nicht darum, neue Freizeitangebote speziell für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, sondern, im Sinne der Integration, die bestehenden Freizeitvereine und Gruppen zu öffnen.

Freizeit ist für uns ein wichtiger persönlicher Lebensbereich. In unserer freien Zeit können wir Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung erleben. Auch in der Arbeitszeit haben wir die Möglichkeit uns "auszuleben" und weiter zu entwickeln. Um jedoch in der Arbeitswelt bestehen zu können, braucht es ein Gegengewicht, wo wir Energie tanken, ausruhen und wieder ins Gleichgewicht kommen können - Freizeit.

Derzeit wird mit viel Erfolg in der Arbeitsintegration gearbeitet und es entstehen neue Perspektiven und Chancen für Menschen mit Behinderungen. Bei einem ganzheitlichen Ansatz dürfen Themen wie Partnerschaft, Bildung, Wohnen und Freizeit nicht vergessen werden.

Grundsätzliches

Ob wir bei Trendsportarten mitmachen, Nordic Walken wie in diesem Jahr, Rollerbladen wie im letzten Jahr, ist uns selber überlassen. Die Industrie versucht uns ständig einzureden wie wichtig es ist, immer verschiedene und neue Arten der Freizeitgestaltung zu nutzen, das neueste Equipment zu besitzen etc. Nicht zu vergessen ist aber schlussendlich der

"Wert der Freizeitgestaltung" für jede und jeden Einzelnen.

Auf diesen Wert hinzuweisen, Möglichkeiten aufzuzeigen wie man auch mit weniger Budget die Freizeit interessant verbringen kann, "alte Werte" von Vereinen und Gruppen zu transportieren, ist in unserer Zeit ein wenig verloren gegangen. Auch wenn wir persönlich nicht von Inhalten und Einstellungen in Vereinen überzeugt sind, muss man nicht unbedingt wie in Tirol oft genannt ein "Vereinsmeier" sein, um den Wert dieser Gruppen zu erkennen.

Schlussendlich geht es vielen Menschen nicht so sehr um die Freizeitaktivität, sondern gerade die gesellschaftliche Komponente, die die Freizeit erst so richtig interessant macht. Mit dem Freund spazieren zu gehen, mit einer Freundin ins Freibad zu radeln, in einer Gruppe gleichen Alters zu einer Berghütte zu wandern und nach zwei Tagen zurückzukommen. Das hat für viele Menschen mehr Wert als die Freizeit allein zu verbringen.

Unter anderem zu diesem Zweck gibt es neben weiteren Möglichkeiten eine große Zahl von organisierten Freizeitgruppen bzw. Vereinen, die diesem Bedürfnis nachkommen.

Dabei sein ist alles oder Freizeit in Vereinen / Gruppen etc.

In Tirol gibt es eine Vielzahl von Vereinen und Gruppen, die sich unter anderem mit ihren Mitgliedern einer gemeinsamen Freizeitgestaltung widmen. Dieses Angebot beginnt zum Beispiel im Kindesalter mit Jugendgruppen wie Jungschar, Alpenverein, Pfadfinder, Ministranten, Jugendrotkreuz u.a. In diesen Strukturen haben Kinder die Möglichkeit, spielerisch mit anderen zu lernen, sich in Gruppen aufzuhalten, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit Spaß die freie Zeit zu verbringen.

Auch im späteren Leben nehmen Vereine und andere Freizeitgruppen eine sehr zentrale Rolle ein. Gerade im ländlichen Bereich aber auch in größeren Städten organisieren sich Vereine wie eine Art erweiterte Familie.

" ...Weiters erfüllen diese Interessensgruppen eine wichtige Integrationsfunktion und leisten einen Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die Mitarbeit bringt Ansehen und Status. Vereine sind auch sehr innovativ, denn sie bieten Problemlösungen, wo die Gesellschaft und der Staat versagen. Oftmals wo kein offizielles Angebot vorhanden ist, können Vereine die Lücke schließen - Beispiele: Kinderbetreuung oder Soziales." TT Artikel 7. u. 8. Feb 2004 "Was Schützen und Swingerclubs vereint."

"Mittlerweile mit Stand April 2005 gab es in Tirol 9297 eingetragene Zusammenschlüsse. Regional haben die Innsbrucker zahlenmäßig die Nase vorn. Wer in der Landeshauptstadt wohnt, kann zwischen 2635 Vereinen wählen. Den großen Kuchen der Vereine teilen sich die Bereiche Brauchtum/Tradition, Sport, Soziales und Kultur." Nach Aussagen der Sicherheitsdirektion Innsbruck, die für die Verwaltung von Vereinen zuständig sind, ist fast jeder Tiroler und jede Tirolerin wissend oder auch unwissend bei einem Verein Mitglied. Im Bundesländervergleich liegt Tirol im Mittelfeld.

Telefonische Auskunft der Sicherheitsdirektion Innsbruck, April 05

Die Idee, Motivation, Selbstverständnis

Kinder und Jugendliche bzw. Erwachsene mit Behinderungen sollen ihre Freizeit, wie alle anderen auch, unabhängig von ihren Eltern oder ehrenamtlichen BetreuerInnen, planen und ausüben können. Selbst über die freie Zeit entscheiden, Bedürfnisse und Wünsche erkennen und artikulieren, diese vertreten, den Assistenten auswählen, Vereinbarungen einhalten und für etwaige Konsequenzen auch die Verantwortung übernehmen, ist für alle Menschen ein wichtiger Lernprozess.

Mit Unterstützung der MitarbeiterInnen von PfiF-Tirol ist es wesentlich einfacher, in den Regionen Tirols Angebote einzufordern und daran teilzunehmen. Ebenso sieht es PfiF-Tirol als eine zentrale Aufgabe, Freizeitangebote bekannt zu machen und Kontakte zu Freizeiteinrichtungen, Jugendtreffs und Vereinen zu ermöglichen. Als Ansprechpartner zu fungieren und durch Beratung und Begleitung in ein gefundenes individuelles Freizeitangebot zu unterstützen, ist eine zentrale Aufgabe.

Freizeit ist zweifelsohne ein sehr wichtiger Lebensbereich. Bei der angesprochenen Vielzahl an Vereinen sollte es möglich sein, diese auch für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen. Gerade bei der Integration oder der Vision von Inklusion, darf der Freizeitgedanke nicht verloren gehen. Es wird sehr viel in den Bereichen Schulintegration und Arbeitsintegration getan. Bei einer inklusiven Gesellschaft sind diese Bereiche unverzichtbare Säulen. Damit ein gemeinsames Miteinander geschehen kann, darf Freizeit jedoch nicht fehlen.

Man kann die Arbeit von PfiF-Tirol verschieden betrachten. Wir versuchen auf dem Weg zu individueller Freizeitgestaltung zu unterstützen und Brücken zu bauen. Der mit Sicherheit ebenso wichtige Aspekt ist jedoch der Hebel, den das Projekt hier in Tirol gesellschaftlich ansetzt. Durch die Integration in Vereinen werden Vorurteile abgebaut, Bilder neu gezeichnet und neue Bilder transportiert. Bei Behinderung denken viele Leute meist an sogenannte "mongoloide Jungen", gefolgt von singenden Gruppen bei der "Licht ins Dunkel Gala" oder HochleistungssportlerInnen bei Special Olympics.

Hier setzt PfiF-Tirol an und versucht am gemeinsamen Miteinander im Alltag zu arbeiten. Gemeinsam Kegeln oder Erntedankfest in der Kirche, PfadfinderInnenlager für alle oder Jungschargruppen für alle gemeinsam ohne Stress.

Dann kimmsch halt amal vorbei und nacha schauma amol... oder Wie arbeitet PfiF Tirol?

Diesen Satz, mit mal mehr oder weniger viel an Tiroler Mundart, hören die PfiF-MitarbeiterInnen öfters,und damit stehen die Karten nicht mal schlecht. Ausprobieren und anschauen ist oftmals die beste Möglichkeit einander kennen zu lernen und den ersten Schritt zu tun.

Um die Arbeitweise besser erklären zu können, schildern wir basierend auf den Grundlagen aus dem Begleitungskonzept nach Markowetz ein Beispiel, gemischt aus Theorie und Praxis.

Sabine B. ist seit fünf Jahren in der Tagesstätte und arbeitet in der Kreativgruppe. Sie arbeitet meist an der Nähmaschine und widmet sich auch gerne der Blumenpflege im Haus.

Morgens um 9Uhr kommt Frau B. in der Tagesstätte an und verbringt dort den ganzen Tag.

Am Abend und an den Wochenenden ist sie zu Hause und geht ihren Hobbys nach. Seit einiger Zeit jedoch erzählt sie von dem Wunsch, bei der Landjugend dabei zu sein und gemeinsam

mit anderen etwas zu unternehmen.

Der PfiF-Mitarbeiter erfährt von diesem Wunsch und vereinbart nach einem Gespräch zwischen Tür und Angel einen Termin mit Frau B.

Beim ersten Treffen wird klar, dass Frau B. schon eine konkrete Vorstellung von der Landjugend in Bruck hat. Aber aus irgendeinem Grund kam es nie zu einem Beitritt als ordentliches Mitglied.

Durch den sogenannten Phasenplan versuchen die MitarbeiterInnen auf die individuellen Bedürfnisse der Freizeitinteressierten einzugehen und gehen meist wie folgt vor:

Phase 1: Erstgespräch mit der Freizeitinteressierten, je nach Situation mit oder ohne Eltern/BetreuerInnen

Als Erstes versucht die MitarbeiterIn die Person besser kennen zu lernen. Dadurch entsteht meist ein erster Kontakt mit Eltern, Geschwistern, verschiedenen Personen im unmittelbaren sozialen Umfeld. Freizeit ist teilweise ein sehr intimer Lebensbereich, der direkt ins private Umfeld hineinreicht. Die MitarbeiterInnen agieren mobil vor Ort. D.h., die Beratungen finden in der Familie, dem Wohnhaus etc. statt, um sich klar von Arbeit und anderen vorgegebenen Strukturen abzugrenzen. Alle relevanten Personen sollen Gelegenheit haben, sich innerhalb und außerhalb des familiären Geschehens kennen zu lernen. Die MitarbeiterIn gewinnt einen Überblick über die Situation der Freizeitsuchenden, lernt mit dieser umzugehen und erkundet gemeinsam die Interessen und Freizeitbedürfnisse. In dem oben angesprochenen Beispiel gab es ein Treffen bei Fr. B. zu Hause. Dadurch wurde erstmals für alle richtig klar, dass es ein ernstgemeintes Anliegen ist, bei der Landjugend Mitglied zu werden. Für die Eltern war es eine gute Gelegenheit herauszufinden, welche Person sich dafür einsetzt, dass ihre Tochter gut begleitet in die neue Herausforderung starten kann. Gerade bei jüngeren Personen spielen die Eltern eine sehr zentrale Rolle. Manchmal liegen die Interessen von Eltern und Kindern auseinander, was die Arbeit und den Gedanken von selbstbestimmter Freizeit nicht leicht umsetzbar macht. In den meisten Fällen sind es jedoch gerade die Eltern, die den Erstkontakt zu PfiF-Tirol herstellen und versuchen, dass ihre Tochter oder ihr Sohn die Möglichkeit einer integrativen Freizeitgestaltung bekommt.

Phase 2: Er neutes T r ef fen mit der Freizeitinteressierten (eventuell mehrere Treffen)

Idealerweise, je nach Alter, findet nach Möglichkeit das zweite Treffen mit der Freizeitinteressierten allein statt. Dort werden Wünsche und Ideen für eine individuelle Freizeitgestaltung besprochen. Am Ende sollten konkrete Vorstellungen über die weitere Freizeitgestaltung der Person vorliegen, die hinsichtlich einer realistischen Umsetzung mit der Person und PfiF-Tirol diskutiert und umgesetzt werden. Ob dies in einem Kaffeehaus, in einem Park oder bei einem Spaziergang stattfindet, ist nebensächlich.

Phase 3: Suche nach einem geeigneten Verein

Dem Wunsch der Person entsprechend suchen die MitarbeiterInnen in den nächsten Wochen einen geeigneten Verein. Wichtigstes Kriterium für die Auswahl des Vereins ist dessen Nähe zum Wohnort. In unserem Fall war das die ansässige Landjugend in Bruck. PfiF nahm dann Kontakt zum Obmann auf und signalisierte den Verantwortlichen, dass eine Person mit Behinderung gerne Mitglied im Verein werden möchte.

Weiters ist es sehr wichtig, den Hintergrund und die Funktion von PfiF zu erklären. Dies passiert idealerweise eher bei einem persönlichen Treffen. Unserer Erfahrung nach passt die Tiroler Redewendung "....beim Reden kemmen die Leit zamm" im Freizeitbereich sehr gut. Für die GruppenleiterInnen ist es eine Möglichkeit mehr über die Personen zu erfahren. Bei Reflexionen stellte sich auch heraus, dass es eine Entlastung für alle Personen und eine Art von Sicherheit für den Verein war, mit einer neuen und ungewohnten Situation nicht allein dazustehen. Fragen wie, "...wie behindert ist die Person, was muss ich machen wenn...., was kann passieren...." und vieles mehr, stehen manchmal im Raum. Diese Vorbehalte und durchaus begründeten Ängste können im Dialog besprochen und gut bearbeitet werden.

Phase 4: Integration / Zeit zum Ausprobieren

Beim nächsten Schritt versuchen wir in Zusammenarbeit mit dem Freizeitverein/ der Freizeitgruppe und der Freizeitinteressierten die nötigen Vorbereitungen zu treffen, damit eine schnelle Teilnahme an den Freizeitaktivitäten und am Vereinsleben möglich wird. Für Sabine B. und den Mitarbeiter von PfiF gab es dann ein erstes Freizeit-Vergnügen.

Am Sonntagmorgen, Punkt 8Uhr in der Kirche in Bruck, war das erste offizielle Treffen der Landjugend beim alljährlichen Erntedankfest mit Sabine B.

Beim Ausprobieren versucht PfiF alle notwendigen Hilfen anzubieten und zu leisten, damit sich der Verein bzw. dessen verantwortliche Leiter/-innen nicht belastet und überfordert fühlen. (Für Menschen mit erhöhtem Assistenzbedarf wäre in dieser Phase eine langfristige persönliche Assistenz notwendig).

Phase 5: Reflexion der Mitgliedschaft und der integrativen Erfahrungen

In Gesprächen mit allen Beteiligten sollte der bis dahin erreichte Stand betrachtet und der weitere Verlauf der Integration besprochen werden. Es ist zu hinterfragen, ob die Freizeit im Sinne aller verläuft. Hoffnungen, Enttäuschungen, Erfolge und Fortschritte sollten zwischenbilanziert werden. Falls die Person das Freizeitangebot nicht länger in Anspruch nehmen will, gibt es die Möglichkeit auf der Grundlage der Erfahrungen einen zweiten Versuch, möglicherweise auch in einem anderen Verein mit eventuell anderen Freizeitangeboten zu starten.

Phase 6: Abschluss - die fertig gebaute Brücke zum Verein

Durch regelmäßige Besuche im Verein besteht nun ein Kontakt, dessen Qualität es zu sichern gilt. Durch die Erfahrungen und Kontakte mit den verschiedensten Einrichtungen und mit inhaltlich sehr unterschiedlichen Freizeitangeboten hat das PfiF-Team einen "Kontaktleitfaden" festgelegt, um auch in einem längeren Zeitraum den Kontakt zur Person und dem vermittelten Freizeitangebot nicht abreißen zu lassen. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt nicht jede/r auf Dauer in dem vermittelten Freizeitangebot. Auf Wunsch unterstützen die MitarbeiterInnen von PfiF-Tirol bei der Auflösung der Mitgliedschaft, damit Verein und das Mitglied gut auseinander gehen können.

Zusammengefasst: PfiF-Tirol begleitet Menschen mit Lernschwierigkeiten auf dem Weg in einen Freizeitverein. Es geht darum die Brücke zu schlagen und einen geeigneten Rahmen zu finden. Wenn nicht vorhanden, dann bauen wir eine.....

Hinweis:

Der Phasenplan wurde von Prof. Dr. Reinhard Markowetz im Buch "Freizeit behinderter Menschen" festgehalten. PfiF-Tirol übernahm das Grundmodell und versuchte den Plan den Gegebenheiten und der anderen Zielgruppe in Tirol anzupassen.

Das Buch "Freizeit behinderter Menschen-theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis/ hrsg. R. Markowetz u. G. Cloerkes ist im Jahr 2000 im Universitätsverlag C. Winter Heidelberg als >>Edition S<< erschienen. ISBN 3-8253-8262-1

...wo hats uns gefuchst... oder Hindernisse bei der Umsetzung in PfiF-Tirol

Auch wenn wir viele positive Beispiele für erfolgreiche Integration in der Freizeit gemacht haben, gab und gibt es immer noch einige Hindernisse, die die Arbeit erschweren. Gerade zu Beginn gab es "Startschwierigkeiten". Durch den in Tirol unerprobten Modellcharakter von PfiF-Tirol begann das Projekt quasi fast ohne Vorbereitung und Erfahrungen in dem Bereich. Zwar gab es erfolgreiche Beispiele von schon funktionierenden integrativen Freizeitangeboten, jedoch noch keine evaluierten Ergebnisse von FreizeitberaterInnen/begleiterInnen mit einer Projektstruktur wie PfiF-Tirol. Wir hatten die Chance etwas Neues auszuprobieren.

Für die konkrete Beratung und Begleitung hat PfiF-Tirol derzeit nur 35h/Woche tirolweit zur Verfügung, und deshalb gibt es im Begleitungskonzept auch nur eine Anfangsbegleitung. Intern gilt die Regelung, bei jeder Person etwa zwei bis drei Mal bei Aktivitäten dabei zu sein, um einen guten Einstieg zu ermöglichen. In einigen wenigen Fällen genügt die im Projekt angedachte Beratung - Begleitung - Vermittlung.

Unsere Erfahrung zeigt, dass Menschen mit einer schweren Behinderung oder speziellem Pflegebedarf nicht die Möglichkeit haben, dieses Angebot in gleicher Weise zu nutzen. Es fehlt ausreichende Assistenz. Diese ist in Tirol leider nicht selbstverständlich. Auch im Kinder- und Jugendbereich wird oftmals mehr als nur eine Einstiegshilfe benötigt. Speziell wenn die Freizeitgestaltung auch eine Art von Familienentlastung sein soll, ist es eine ungünstige Lösung, wenn ein Elternteil bei jeder Aktivität Fahrdienste und Begleitungen übernehmen muss.

Wenn wir in die Zukunft blicken, dann wird klar, dass an der Projektstruktur, mit der PfiF-Tirol bisher gearbeitet hat, einige Änderungen vorgenommen werden müssen.

...was hats gebracht... oder Erfahrungen in der vergangenen Projektlaufzeit

Es ist vieles gelungen - sicherlich aus Sicht der einzelnen Menschen mit Behinderungen. Nicht zu übersehen ist die strategische Ebene innerhalb der Jugendarbeit / Behindertenarbeit. Viele SystempartnerInnen haben erkannt, dass eine individuelle Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung von wesentlicher Bedeutung ist. Das zeigt sich nicht nur an den vermehrten Anfragen, sondern auch in der guten einrichtungsübergreifenden Zusammenarbeit.

Zusammengefasst können wir sagen, dass es trotz allen Bemühungen und gesetzten Aktionen doch Eltern, BetreuerInnen, AsisstentInnen bzw. Verwandte sind, die den Erstkontakt bei uns machen. Ein Infofalter in leichter Sprache oder easy to read war einfach zu wenig. Gerade am Anfang war nicht klar, ob das Angebot nicht gewünscht oder vielleicht nicht passend war, und deshalb haben wir auf mehreren Ebenen gearbeitet. Durch Gespräche in Teams, Präsentation bei Elternabenden und Infoveranstaltungen, zusammen mit breiterer Öffentlichkeitsarbeit, sind wir dann doch in unserer Projektvision bestätigt worden.

Neu war jedoch, dass, wenn man nicht die MitarbeiterInnen aus den Einrichtungen, Eltern und andere Bezugspersonen von der Sinnhaftigkeit einer individuellen Freizeitgestaltung überzeugen kann, es selten zu einem Kontakt zwischen PfiF und den Freizeitsuchenden kommt. Falter bleiben dann ungelesen an der Pinnwand hängen, liegen unbemerkt auf Infotischen etc. Durch den persönlichen Kontakt jedoch, den Austausch und die Präsentation vor Ort, wird eine gute Basis gebildet, von der aus man dann weiterarbeiten kann.

Erschwerend wirken oftmals auch die eigenen Barrieren im Kopf. Schon öfters tauchten Fragen in der Diskussion oder bei Vorstellungen auf: "...Stimmt. Gedacht haben wir schon daran, aber es ist nie dazu gekommen... ."

Oftmals sind die Personen "eh´ dabei, können eh´ mitmachen, etc.", doch eine richtige Mitgliedschaft mit dem original T-Shirt des Fußballclubs oder des Schianzugs vom Verein schafft eine ganz andere Zugehörigkeit und Identifikation - und eigentlich gehört man erst dann richtig dazu.

Interessant sind auch unsere Erfahrungen über Ideen und Wünsche bei individueller Freizeitgestaltung. In der Projektlaufzeit konnten wir zwar keine übertragbaren Ergebnisse sammeln, manchmal jedoch zeigen sich Parallelen.

Ein Beispiel, das auch bei uns im Team viel Zeit in Anspruch genommen hat, ist der oft geäußerte Wunsch in der Freizeit zu malen. Sicherlich gibt es Personen, die Zeit zum Nachdenken nutzen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Unseren Erfahrungen nach und bei Gesprächen mit verschiedensten Personen stellte sich für uns heraus, dass hinter dem Wunsch, die Freizeit mit Malen zu gestalten, oft die Erfahrung steckt, dass das Malen die einzige Freizeitaktivität in der Vergangenheit war. Um die Freizeit selbstbestimmt und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen angepasst gestalten zu können, muss man verschiedene Angebote kennen gelernt haben. Wie in der Einleitung schon angesprochen, ob es nun Schach, Kajakfahren, Hobbyboxen oder Malen ist - man muss es ausprobiert haben bzw. die Aktivität muss in erreichbare Nähe gerückt sein, um es schlussendlich ausüben zu können. Der FC Wacker Innsbruck war schlussendlich nicht wegen des Fußballspielens so interessant, sondern eher das Interesse an der Fangemeinde. Mittlerweile spielt die junge Frau mit Begeisterung bei einer SPÖ-Fußballgruppe mit, die Rettungsleitstelle hat einen neuen ehrenamtlichen Mitarbeiter gewonnen - obwohl nach fünf vergessenen, übersehenen - wegen Krankheit oder aus welchen Gründen auch immer nicht zustandegekommenen Terminen die Hoffnung schon langsam schwand.

...zammgfasst... oder Abschluss - Chronologischer Verlauf des Projekts

Im September 2002 zu Beginn des Projekts, erschienen unter www.google.at beim Suchbegriff "Integrative Freizeitgestaltung" vier Treffer, die sich dem Thema irgendwie genähert haben; heute sind es 8730 Treffer. Klarerweise muss man dazu sagen, dass nicht alle Seiten im Netz sich unmittelbar mit dem Thema beschäftigen und die Zahl nicht wirklich etwas aussagt. Für uns ist dies allerdings ein Signal, dass Integration in allen Lebensbereichen - auch in der Freizeit - zumindest öfter angesprochen wird, und sich verschiedene Einrichtungen wie auch PfiF-Tirol mit dem Thema auseinandersetzen.

Rückwirkend betrachtet startete PfiF-Tirol im September 2002 mit intensiver Konzeptarbeit. In der Zeit von Oktober '02 bis Jänner '03 nutzten wir die Zeit für Orientierung, Literaturrecherchen und vielen Gesprächen mit zukünftigen SystempartnerInnen oder Multiplikatoren. Fragen wie "was braucht es", "würde euch das helfen", "kannst du damit was anfangen" oder "kann PfiF dies so umsetzen" waren sehr zentral. Es gab sehr wenig an Materialien bzw. Erfahrungen aus konkreten Projekten. Deshalb orientierten wir uns sehr stark am deutschen Modellprojekt PFIFF e.V.

Im Februar 2003 begann die Planung für den Einsatz der MitarbeiterInnen, angepasst an das adaptierte Beratungs/Begleitungsmodell. Wir machten Korrekturen an der geplanten Projektstruktur und im Frühjahr 2003 wurden zwei MitarbeiterInnen eingestellt. Aufgrund des Projektcharakters "nur" zwei Stellen (mit 10 und 20 Stunden) statt der geplanten fünf Stellen mit je 10 Stunden pro Woche. Dafür intensivierte sich die Arbeit in Innsbruck u. Innsbruck Land und im Unterland und Mehrstunden für die Projektleitung.

Sommer 2003 war der zweite Startschuss und der konkrete Beginn mit der KlientInnen / KundInnenarbeit. Durch die hier gemachten Erfahrungen veränderte sich im Laufe der Zeit die Projektstruktur wie folgt:

20 Stunden / Woche im Unterland.

15 Stunden / Woche Innsbruck/Innsbruck Land und Oberland

25 Stunden / Woche Projektleitung.

...wie geht's weiter?... oder Perspektiven zu Personalstruktur und einer Weiterführung von PfiF-Neu

Geplant ist ein Folgeprojekt mit drei Stellen einschließlich der Projektleitung. Idee für eine Neustruktur: Projektgesamtstunden ca. 80 Stunden pro Woche, Projektleitung 20 Stunden pro Woche, ProjektmitarbeiterInnen ca. 60 Stunden in ganz Tirol. Die Neukonzeption bzgl. der Personalstruktur ergibt sich aus Erfahrung und der absehbaren Herausforderungen. Zielgruppenspezifisch als Vision wäre es sehr interessant, weiterhin mit Personen verschiedensten Alters zu arbeiten. Nicht aus dem Auge verlieren darf man allerdings die Tatsache, dass mit einem Neustart das schon oben angesprochene Thema mitgedacht werden muss - Menschen mit einer sogenannten schweren geistigen und Mehrfachbehinderung müssen speziell im Folgeprojekt bedacht werden.

Anmerkungen:

Für interessierte Leserinnen und Leser empfehle ich die Diplomarbeit

"Freiräume gesucht - Soziale Integration von Menschen mit Behinderung in den Lebensbereich Freizeit-Untersuchung und Analyse des "Projekts für integrative Freizeit" (PfiF-Tirol) von Sonja Ritzer. Die Arbeit ist digital als pdf Datei über pfif.caritas@dioezese-innsbruck.at oder m.rott@cnh.at erhältlich.

Literaturtipp/Quellennachweis:

Markowetz,R.: Freizeit im Leben behinderter Menschen, C.Winter Heidelberg, Heidelberg 2000

Artikel-Tiroler Tageszeitung,"Tirol aktuell", Samstag, 07.Februar 2004

Maria Maier,"Freizeit im Hindernissen", Diplomarbeti, Graz 2002

PfiF-Tirol ist ein Projekt der Caritas/Diözese Innsbruck

Wilhelm-Greil-Str. 7

6020 Innsbruck

Tel. +43 - (0) 512 - 59847-128

pfif.caritas@dioezese-innsbruck.at

INKA

Logo: INKA - INtegratives KursAngebot

Bildung für alle, dort wo sich alle bilden. Lebenslanges Lernen für alle (Gudrun Erlinger)

Wie kann gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Behinderungen funktionieren? Das ist die zentrale Frage in Zusammenhang mit integrativer Erwachsenenbildung. Das Projekt INKA (INtegratives KursAngebot) hat sich zum Ziel gesetzt, erwachsenen Menschen mit Behinderungen dazu zu verhelfen, dass sie an Bildungsangeboten teilnehmen können. INKA geht davon aus, dass gemeinsames Lernen von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen möglich ist und dass alle Beteiligten davon profitieren. Menschen mit Behinderungen - darunter versteht INKA Personen, die körperliche und/oder kognitive Beeinträchtigungen haben, zum Beispiel Personen mit Sinnesbehinderungen, bewegungseingeschränkte Personen oder Personen mit so genannter "geistiger Behinderung", die sich selbst auch als "Menschen mit Lernschwierigkeiten" bezeichnen. Die Begriffe "(Erwachsenen-)Bildung" und "Assistenz" sind zentrale Begriffe dieses Projekts und sollen zu Beginn kurz definiert werden.

Bildung

INKA geht davon aus, dass Bildung bzw. Lernen eines der wesentlichen Elemente des Menschseins darstellt. Lernen passiert auf vielfältigen Wegen, grundlegend aber immer dann, wenn wir eine neue Erfahrung in, an und mit unserer Umwelt machen. Die Ansammlung von Wissen ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Ziel "das Menschliche" auszubilden:

"Das Wesentliche besteht für [Humboldt] darin, dass es um die Ausbildung des Menschlichen geht. Dieses findet sich in der Arbeit an sich selbst, in der Verbesserung ‚in uns' und in der Bildung der eigenen inneren Haltung. Die Ausbildung einer entsprechenden inneren Haltung und Menschlichkeit ist gegen die Vereinnahmung durch die unmittelbaren Anforderungen gerichtet. Bildendes Bemühen sollte dazu befähigen, [einen] höheren Standpunkt und [eine] ‚allgemeinere Übersicht' (...) einzunehmen."

1) Weisz, 2005, S.197f

Es wird deutlich, dass diese Auffassung von Bildung und Lernen über das Absolvieren eines bestimmten, zeitlich begrenzten Bildungsprogramms hinausgeht. Bildung umfasst die gesamte Lebenszeit. Diese Idee des lebenslangen Lernens hat seit einiger Zeit in den Bildungskonzepten Europas Einzug gehalten. Bildung wird als wichtiges lebensbegleitendes Element angesehen.

"Lebenslanges Lernen ist nicht mehr bloß ein Aspekt von Bildung und Berufsbildung, vielmehr muss es zum Grundprinzip werden, an dem sich Angebot und Nachfrage in sämtlichen Lernkontexten ausrichten" aus: http://www.lebenslangeslernen.at (14.1.2004)

Die Europäische Union hat die Bedeutung des lebenslangen Lernens in ihrem Memorandum beschrieben:

Es wird deutlich, dass mit der lebenslangen Bildung nicht nur die berufliche Qualifikation und somit die Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden soll:

Bildung dient also dazu, Ausgrenzung zu bekämpfen und Chancengleichheit herzustellen. Diese Funktion sieht die Europäische Union als Auftrag für ihre (bildungspolitischen) Bestrebungen.

"Mitte der 90er Jahre wurde Einigkeit erzielt, dass der Erwerb allgemeiner und beruflicher Bildung während des gesamten Lebens nicht nur zur Aufrechterhaltung von Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit beiträgt, sondern darüber hinaus das beste Mittel zur Bekämpfung sozialer Ausgrenzung darstellt. Dies bedeutet, dass im Mittelpunkt von Lehren und lernen der Einzelne mit seinen individuellen Bedürfnissen stehen muss." http://lebenslangeslernen.at/ (14.1.2004) (kursiv/fett nicht im Original, Anm.)

"Im kommenden Jahrzehnt müssen wir diese Vision verwirklichen. Alle in Europa leibenden Menschen - ohne Ausnahme - sollten gleiche Chancen haben, um sich an die Anforderungen des sozialen und wirtschaftlichen Wandels anzupassen und aktiv an der Gestaltung von Europas Zukunft mitzuwirken" aus: http://www.lebenslangeslernen.at/ (14.1.2204)

Es zeigt sich, dass das Projekt INKA mit seinem Ziel exakt der Vision der Europäischen Union entspricht: Die Befähigung und Unterstützung von benachteiligten Personen bei der Teilhabe an Bildung trägt zur Chancengleichheit wesentlich bei. "Bildung für alle, dort wo sich alle bilden" - das ist die Leitmotivation von INKA. Auf dem Weg zu dieser Vision unterstützt INKA Erwachsenenbildungseinrichtungen einerseits und Menschen mit Behinderung auf der anderen Seite. Beide Parteien brauchen Unterstützung, wenn die Vision einer inklusiven Erwachsenenbildung und Chancengleichheit Realität werden soll.

INKA konzentriert sich in seinen Bemühungen auf die Erwachsenenbildung und somit auf einen Bereich, der bei den bisherigen integrativen Bestrebungen noch kaum berücksichtigt wurde. Der Schwerpunkt der Integrationsarbeit für Menschen mit Behinderungen liegt bis heute vor allem im Pflichtschulbereich. INKA versucht Unterstützung für die Weiterbildung nach der allgemeinen Schulpflicht bereitzustellen und damit qualitativ an die Integration in der Pflichtschule anzuschließen.

Häufig stehen berufliche Qualifizierung und Weiterbildung als Funktionen der Erwachsenenbildung im Vordergrund. INKA erachtet neben diesen Aspekten die persönliche Reifung und Weiterentwicklung als ebenso wichtig. Die persönliche Weiterentwicklung kann und muss auf vielerlei Wegen passieren: mental, körperlich, kreativ, usw. Oft beginnt sie mit kleinen Schritten, vor allem bei Personen, die körperliche bzw. soziale Benachteiligungen erleben. Deshalb definiert INKA all jene Kurse als Möglichkeit zur Weiterbildung, die einen neuen Lernhorizont auf unterschiedlichsten Ebenen eröffnen: z.B. körperbezogene Kurse, kreative Kurse oder Kurse zur mentalen, spirituellen oder sozialen Entwicklung.

Assistenz

Das Ziel von INKA ist es, dass sich bildungsinteressierte Menschen mit Behinderungen selbst ihre Kurse aussuchen, sich selbstständig anmelden und eigenverantwortlich daran teilnehmen. Ein wichtiges Angebot von INKA ist deshalb die persönliche Assistenz. INKA stellt jeder Person, die einen Kurs besuchen möchte und Unterstützung benötigt, einen Assistenten/eine Assistentin zur Verfügung. Diese AssistentInnen können z.B. helfen, zum Kursort zu gelangen, zur Toilette zu gehen, sie können beim Lernen unterstützen oder bestimmte Handgriffe übernehmen. Das Verständnis, das INKA von Assistenz hat, orientiert sich am Modell der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung: Der/die AssistentIn soll der behinderten Person helfen, das umzusetzen, was sie will - im konkreten Fall an dem Erwachsenenbildungskurs teilzunehmen, den sie gewählt hat. Die behinderte Person gibt dazu Aufträge und Anleitung. Da die Kompetenz zur Anleitung bei Personen mit Lernschwierigkeiten jedoch häufig (noch) fehlt, muss der/die AssistentIn diese stärker inhaltlich unterstützen. Das bedeutet, dass der Anteil, den der/die AssistentIn in die Assistenzbeziehung einbringt, größer ist, als beim Modell der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung vorausgesetzt wird. Der/die AssistentIn ist nie nur "Verlängerung des Armes" der Person mit Behinderung bzw. DienstleisterIn, sondern gibt Personen mit Lernschwierigkeiten auch inhaltliche Unterstützung, etwa in Form von Vorschlägen, Informationen etc. Um nicht in eine bevormundende Haltung zu verfallen, sind Sensibilität und die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Tätigkeit bei der Assistenzperson notwendig. Viele Menschen mit Behinderungen können die Anleitung nicht übernehmen bzw. die Verantwortung für bestimmte Tätigkeiten nicht abschätzen und daraus folgend dem/der AssistentIn auch nicht selbstverantwortlich Aufträge erteilen. Der Anspruch, selbstbestimmt zu agieren, d.h. Aufträge zu erteilen und den/die AssistentIn dort einzusetzen, wo und wie sie es wollen, wäre für sie (zu diesem Zeitpunkt) eine Überforderung. Diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Verantwortung ist von Person zu Person unterschiedlich und unterliegt einem Lernprozess. Der/die AssistentIn muss in den Fällen, in denen der/die AssistenznehmerIn selbst nicht verantwortlich handeln kann, stellvertretend handeln. Wenn dem Assistenten/der Assistentin bewusst ist, wann er/sie stellvertretend agiert und er/sie sich bemüht, (Wahl-) Möglichkeiten aufzuzeigen und zu erklären, kann Selbstbestimmung schrittweise erlernt werden (siehe Beitrag wibs "Anleitungskompetenz").

Auf dem Weg zu einer integrativen Erwachsenenbildung

Ausgangssituation

Menschen mit Behinderungen haben in Österreich kaum Möglichkeiten, sich nach der Pflichtschule weiterzubilden, spezielle Qualifikationen zu erwerben oder persönlichkeitsbildende Kurse zu besuchen. Besonders wenig Möglichkeiten haben Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Bildungseinrichtungen sind größtenteils nicht barrierefrei erreichbar. Sie verfügen außerdem nicht über ein entsprechendes methodisches und didaktisches Angebot oder über Lehrkräfte, die im Leiten von sehr heterogenen Gruppen geschult sind.

Das Projekt INKA setzte sich daher zum Ziel, die öffentlichen Bildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen besser zugänglich zu machen. Durch ein Vorgängerprojekt gab es bereits einiges Know How und die Erfahrung, dass Erwachsenenbildungskurse von den AdressatInnen sehr gut angenommen wurden. Menschen mit Behinderungen hatten im damaligen Projekt die Chance zur Weiterbildung gerne genutzt.

INKA ging davon aus, dass es sinnvoll ist, parallel mit den Bildungseinrichtungen und der Zielgruppe

- Menschen mit Behinderungen - zusammenzuarbeiten. Die Bildungseinrichtungen sollten zu einerUmgestaltung ihres Angebotes motiviert, bzw. bei ihren Bemühungen beraten und unterstützt werden

- auch finanziell, z.B. durch die Finanzierung einer zweiten Kursleitung für integrative Kurse, wodurch die Qualität deutlich gesteigert werden kann. Gleichzeitig wollte INKA Menschen mit Behinderungen beraten, sie darauf aufmerksam machen, dass sie ein Recht auf Weiterbildung haben und Assistenzleistungen für sie zur Verfügung stellen. Die Gesamtheit dieser Maßnahmen sollte dazu führen, dass die Angebote der Erwachsenenbildungsträger geöffnet werden und dadurch fortgesetzt wird, was mit der Integration in Kindergärten und Schulen beginnt. Ein integratives Erwachsenenbildungsangebot sollte durch die Arbeit von INKA eine Selbstverständlichkeit werden.

Das Ausgangskonzept bedurfte der Erweiterung in verschiedenen Bereichen. Die Zusammenarbeit mit den drei Hauptpartnern von INKA - Erwachsenenbildungseinrichtungen, Menschen mit Behinderungen und AssistentInnen - musste ausgebaut werden.

Wie können Erwachsenenbildungseinrichtungen geöffnet werden?

Bei unseren Bemühungen, Bildungseinrichtungen für die Zielgruppe der Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren, stießen wir auf unterschiedliche Schwierigkeiten. Wir mussten feststellen, dass die Integration von Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung im Bewusstsein einiger Bildungsträger noch kaum eine Rolle spielt. Die Einsparungsmaßnahmen der letzten Jahre im Bildungsbereich führen unserer Einschätzung nach außerdem dazu, dass Bildungseinrichtungen sich sehr stark an wirtschaftlichen Überlegungen und am Erreichen einer hohen Auslastung orientieren. Das schafft für unsere Zielgruppe eine ungleich schlechtere Ausgangssituation, denn Menschen mit Behinderungen verfügen oft über wenig Geld und sind daher auf kostengünstige Angebote bzw. Ermäßigungen angewiesen. Einige Bildungseinrichtungen sind für unsere Zielgruppe recht offen. Hier entstehen die Probleme bei der tatsächlichen, praktischen Umsetzung der Konzepte. Bauliche Barrieren stehen einer Öffnung für Menschen mit körperlichen Behinderungen entgegen und die Lehrkräfte sind auf integrative Kurse nicht vorbereitet. Es fehlen methodische und didaktische Konzepte, die notwendig sind, um in heterogenen Gruppen alle TeilnehmerInnen entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten zu unterstützen.

INKA hat daher ein Curriculum für einen Lehrgang erarbeitet, in dem Lehrkräfte sich diese Zusatzqualifikationen aneignen können. Dieser Lehrgang bot den TeilnehmerInnen theoretischen und praktischen Unterricht. Themen waren zum Beispiel Möglichkeiten des Einsatzes von Rhythmuspädagogik, Biographiearbeit oder computergestütztem Lernen. Außerdem wurden die TeilnehmerInnen dazu angeregt, sich mit ihrer eigenen Rolle als KursleiterInnen auseinander zu setzen. Durch die Arbeit von INKA müssen sich Erwachsenenbildungseinrichtungen mit der Frage auseinandersetzen, wie sie Angebote für Menschen mit Behinderungen zugänglich machen. Ein erster Schritt ist die Einrichtung von integrativen Kursen. INKA ermutigt Menschen mit Behinderungen, Kurse zu besuchen, die den eigenen Interessen entsprechen, seien diese nun als integrativ deklariert oder nicht. Je mehr Personen mit Behinderungen die Möglichkeit der Erwachsenenbildung in Anspruch nehmen werden, desto mehr werden die Erwachsenenbildungseinrichtungen gezwungen sein, sich in der Kursgestaltung (Methodik, Didaktik) und den Bedingungen rund um den Kursbesuch (Bewerbung, Anmeldung, Kurskosten, Zugänglichkeit) auf die KundInnengruppe Menschen mit Behinderungen einzustellen.

Was brauchen Menschen mit Behinderungen?

Während der Projektlaufzeit erkannten wir, dass Bewusstseinsarbeit nicht nur bei den Bildungseinrichtungen notwendig ist, sondern auch bei den betroffenen Menschen mit Behinderungen. Die Mehrheit von ihnen weiß nichts über Weiterbildungsmöglichkeiten bzw. hat den Gedanken des "lebenslangen Lernens" für sich noch nicht als Möglichkeit realisiert. Das hängt vor allem damit zusammen, dass diesem Personenkreis nach Beendigung der Pflichtschulzeit in der Regel keinerlei Weiterbildungsangebote zur Verfügung stehen. Auch ist das in unserer Gesellschaft vorherrschende Bild einer beruflichen Laufbahn für Menschen mit Behinderungen eines, in dem es weniger um Qualifikation als um Beschäftigung oder auch "Verwahrung" geht.

Kursprogramm

Menschen mit Behinderungen sind kaum informiert darüber, welche Institutionen Kurse anbieten, die für sie interessant sein könnten. Bislang gab es auch keine Kursprogramme, die den Kriterien von "leicht lesbar" entsprechen. INKA hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, der Zielgruppe die entsprechenden Informationen zukommen zu lassen, u.a. durch die Herausgabe eines speziellen Kursprogramms, in dem integrative Kurse der verschiedenen Erwachsenenbildungseinrichtungen in leicht lesbarer Sprache erklärt werden. Nur wenn Menschen mit Behinderungen verständliche Informationen zur Verfügung stehen, können sie ihre Entscheidungen selbstbestimmt treffen. Kursprogramme und andere Mitteilungen in eine leichte Sprache zu übersetzen, ist dabei nur ein Schritt zu einer verbesserten Kommunikation. In persönlichen Treffen und auch über telefonische Beratung können Informationen meist besser vermittelt werden als schriftlich.

Assistenz

Information alleine ist aber zu wenig: Wenn Menschen mit Behinderungen sich dazu entschließen, eine Weiterbildung zu besuchen, stellt INKA eine Assistentin/einen Assistenten zur Verfügung. Um diese Assistenzleistungen möglichst unkompliziert und auch spontan anbieten zu können, stellte INKA Honorarkräfte an, die die unregelmäßig eintreffenden Assistenzaufträge übernehmen können. In diesem "AssistentInnenpool" befinden sich ca. 25 Personen. Das Angebot der Assistenz in Kursen ermöglicht Menschen mit Behinderungen deutlich mehr Selbstbestimmung. Sie sind gegenüber den AssistentInnen in der Rolle der AuftraggeberInnen und können deren Leistungen in Anspruch nehmen. Wir klären unsere KlientInnen über diese Rolle auf und ermutigen sie, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren. Diese aktive anleitende Rolle ist innerhalb der Systeme, in denen Menschen mit Behinderungen leben oft nicht üblich oder möglich. Hierzu ein Beispiel, das den Unterschied zwischen Assistenz, die Selbstbestimmung zulässt, und solche, die fremdbestimmt, verdeutlicht: Aus einer Wohngruppe nehmen einige Personen gemeinsam an einem Kurs teil. Während des Kurses erhalten sie einen Anruf von einer Betreuungsperson ihrer Wohngemeinschaft, dass sie bereits eine halbe Stunde früher als vereinbart abgeholt werden. Die TeilnehmerInnen müssen nun gegen ihre Pläne und ungefragt den Kurs eine halbe Stunde früher verlassen. Solche Vorfälle sind häufig, wenn die Assistenz nicht individuell organisiert ist. Über INKA ist es möglich, persönliche Assistenz in Anspruch zu nehmen, die sich nach den Plänen des/der AssistenznehmerIn richtet. Die Interessen der/des AssistenznehmerIn bestimmen, ist. wann die Assistenz beginnt bzw. endet und wie sie gestaltet ist. Ohne das Angebot der Assistenz hätten viele Personen mit Behin derungen nicht an Kursen teilnehmen können. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass die Assistenz bei geringem Aufwand viel bewirkt. (Bsp. links und unten).

Es gibt viele ähnliche Beispiele: Der Aufwand ist relativ gering und "unspektakulär", für die

Person, die an dem Kurs teilnehmen kann, steigt die Lebensqualität dadurch aber enorm.

Ein Aspekt dieser Lebensqualität ist eben das Zusammentreffen mit anderen Menschen ohne Behinderungen. PfiF berichtet in diesem Buch, dass die gemeinsam verbrachte Freizeit eine Möglichkeit der.sozialen Integration ist. Erwachsenenbildung findet zum großen Teil ebenfalls in der Freizeit statt und bietet diese Möglichkeit genauso (siehe Beitrag PfiF).

Ein Mann ist nach mehreren Schlaganfällen geistig und körperlich beeinträchtigt. Meistens verbringt er die Zeit zu Hause. Außer gelegentlichen Besuchen und wöchentlichen Trainings- und Versorgungseinheiten durch und mobile Dienste hat er keine Beschäftigung. Sein Hobby ist Zeichnen. Als INKA ihm eine Assistentin zur Verfügung stellt, nimmt er an einem Malkurs teil. Im Kurs wird er angenommen, wie er ist. Laut Aussagen der Kursleiterin und der Assistentin ist zu beobachten, wie er sich immer mehr im Kurs einlebt und seine anfängliche Hektik ablegt. In einem Gespräch erwähnt seine Schwester ausdrücklich, wie gut ihm diese Freizeitbeschäftigung tut und wie sehr er davon profitiert, dass er regelmäßig aus dem Haus kommt.

Eine Frau hat eine Assistentin als Begleiterin zu einem Tanzkurs. Die Assistentin berichtet, dass ihre Aufgabe tatsächlich nur darin bestand, die Frau auf dem Weg in den Kurs zu begleiten und durch ihre Anwesenheit etwas Sicherheit zu bieten. Nach einiger Zeit war die Assistenz nicht mehr notwendig, weil sich die Teilnehmerin im Kurs. so wohl fühlte.

Information und Beratung vor Ort

Die persönliche Beratung erfolgte häufig bei Besuchen in Institutionen, wo behinderte Menschen wohnen und/oder arbeiten. Menschen mit Behinderungen konnten bei diesen Präsentationen direkt erfahren, d.h., hören und sehen, welche Kurse und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt - und auf diesem Weg für Kurse begeistert werden. Mittels anschaulicher Materialien (Fotos aus den Kursen etc.) wurden die einzelnen Kurse vorgestellt. Die ZuhörerInnen konnten dann auswählen und äußern, wo ihre Interessen liegen. Das INKA-Team erklärte neben den Inhalten auch organisatorische Dinge wie Fragen zur Anmeldung und natürlich die Möglichkeit der Assistenz. Die Kontaktaufnahme mit Menschen mit Behinderungen wurde auf diese Weise erheblich erleichtert. Wie unsere Erfahrungen zeigen, ist das Vorstellen von Kursangeboten besonders erfolgreich, wenn die MitarbeiterInnen der jeweiligen Institution offen dafür sind. Allerdings kann die Anwesenheit von BetreuerInnen (WG/ Werkstätte) auch ein Hindernis bei den Präsentationen sein, z.B. wenn sie durch Aussagen die KlientInnen einschränken oder blockieren. Positiv wirkt sich ihre Anwesenheit dann aus, wenn die BetreuerInnen "im Hintergrund" dabei sind und motivierend wirken, z.B. indem sie TeilnehmerInnen ermutigen, sich zu äußern oder schüchternen Personen helfen, sich auszudrücken, d.h., als "Sicherheitsfaktor" während der Präsentation anwesend sind.

Wie wird gute Assistenz erreicht?

Im Laufe des Projektes wurde deutlich, dass es notwendig war, die persönliche Assistenz zu verstärken. Das MitarbeiterInnen-Team wurde erweitert, sodass eine Mitarbeiterin die Assistenzvermittlung und -abwicklung übernehmen konnte.

Den AssistentInnen wollte INKA ebenfalls Begleitung und Fortbildung zukommen lassen. Deshalb richtete INKA einen Arbeitskreis für AssistentInnen ein, in dem Schulung und Fortbildung der AssistentInnen organisiert wurden. Die AssistentInnen werden mit relevanten Themen für die Assistenz konfrontiert: rechtliche Fragen, Aufgaben, Rechte und Pflichten als AssistentInnen, Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, Rolle als AssistentIn, usw. Die AssistentInnen können hier Erfahrungen, Fragen und Schwierigkeiten aktueller Assistenzen einbringen, gemeinsam reflektieren und sich entsprechendes Wissen an eignen.

Weiters können die AssistentInnen am Lehrgang für AssistentInnen und Zivildienstleistende teilnehmen

Darüber hinaus hält das INKA-Team Kontakt mit den AssistentInnen und bietet die Möglichkeit zu Reflexionsgesprächen über ihre Assistenzerfahrungen.

Das folgende Beispiel verdeutlicht, wie die Gesamtheit der Maßnahmen

von INKA einen Kursbesuch er möglicht:

Maria S. ruft bei INKA an. Sie hat von der Möglichkeit der Teilnahme an Kursen gehört und möchte sich genauer darüber informieren. INKA vereinbart einen Beratungstermin. Die Interessentin entscheidet sich während des Beratungsgespräches für einen PC-Kurs und einen Malkurs. Da Frau S. im Rollstuhl sitzt, müssen die Kursveranstalter entsprechende Zugangsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Da die Interessentin wenig Geld hat, dürfen die Kurse nicht zu teuer sein. Die Interessentin ist eine Frau mit Lernschwierigkeiten und benötigt mehr Zeit,. um die Kursinhalte zu verstehen. Sie wird die Kursleitung um eine nochmalige Erklärung bitten, wenn sie etwas nicht versteht.

Die Unterstützung, die während des Kurses notwendig ist, wird durch eine Assistentin gewährleistet. Die persönliche Assistentin ist ausschließlich für Frau S. da. Ihre Aufgabe besteht darin, Frau S. in der Kurssituation entsprechend ihren Bedürfnissen zu unterstützen. Die Assistentin hilft ihr z.B. dabei, dass sie alle Arbeitsgegenstände und -plätze erreichen und benutzen kann, konkret den PC und die Malutensilien. Weiters unterstützt sie sie wenn nötig beim Gang aufs WC, erklärt Nichtverstandenes in einfacher Sprache und unterstützt beim Kontakt mit anderen KursteilnehmerInnen. Weiters begleitet sie die Assistentin auf dem Weg zum Veranstaltungsort, den Frau S. mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegt. Da Frau S. niemanden kennt, der/die sie als persönliche/r AssistentIn während des Kurses unterstützen könnte, vermittelt INKA eine Assistentin. INKA arrangiert vor dem ersten Kursbesuch ein Treffen zwischen Maria S. und der Assistentin Tanja L. Bei diesem Treffen können die beiden einander kennen lernen und beide - Assistenznehmerin und Assistentin - ihre Zustimmung oder Ablehnung äußern. Maria S. und Tanja L. beschließen nach dem ersten Treffen, dass sie den Kurs gemeinsam besuchen werden. Falls noch andere Personen mit Lernschwierigkeiten am selben Kurs teilnehmen und sich der Aufwand für den/die KursleiterIn erhöht, wird von INKA eine zweite Kursleitung bezahlt. Sowohl die Kursteilnehmerin Maria S. als auch die Assistentin Tanja L. und die Kursleitung können sich bei Fragen oder Schwierigkeiten an INKA wenden. Die Assistentin wird von INKA bezahlt, sodass keine zusätzlichen Kosten für Maria S. entstehen. Das macht für sieden Kursbesuch erst möglich.

Unsere Erfahrungen

Umsetzung von Selbstbestimmung

Die Erfahrung von INKA zeigt, dass viele Personen mit Behinderung die Möglichkeit, alleine zu entscheiden und mit einem Assistenten/einer Assistentin unterwegs zu sein, mit Stolz und Freude erfüllt. Gleichzeitig ist die Ausweitung oder Überwindung von eigenen Grenzen immer auch mit Angst verbunden. Oft überwiegt die Angst vor dem Ungewohnten, z.B. wenn jemand sich trotz Assistenz nicht traut, selbstständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. In welchem Ausmaß Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab. Im Bereich der Assistenz wird die Selbstbestimmung dann eingeschränkt, wenn aus zeitlichen oder organisatorischen Gründen kein Kennenlernen vor der Assistenz möglich ist. Allgemeine Richtlinien für eine selbstbestimmungssensible und -fördernde Assistenz können zwar formuliert werden, die konkrete Umsetzung obliegt aber den AssistentInnen und kann nicht "überwacht" und auch nur schwer überprüft werden. Die Selbstbestimmung im Kurs wird im Wesentlichen von der Kursleitung bestimmt. KursleiterInnen für integrative Kurse zu sensibilisieren oder zu schulen ist schwierig, da INKA nicht Veranstalter der Kurse ist. Schließlich zeigt sich, dass die Koordination der einzelnen Unterstützungsangebote rund um eine behinderte Person, z.B. WG-Assistenz, Werkstatt-Assistenz, INKA etc. für die Entwicklung der Selbstbestimmung am besten wäre.

Kursteilnahme

Durch die bisherige Arbeit von INKA konnten schon zahlreiche Menschen mit Behinderungen an Kursen teilnehmen, die sie ohne INKA wohl nicht besucht hätten. In beinahe allen Fällen genossen die KursteilnehmerInnen die Möglichkeit, außerhalb ihres gewohnten Umfeldes (WG, Wohneinrichtung, Werkstätte, Elternhaus) alleine eine Aktivität zu unternehmen. Veränderungsbedarf gibt es noch im Bereich der Kursgestaltung. Bis jetzt ist die Qualität der Kurse für Personen mit Behinderungen noch sehr unterschiedlich. Eine Assistentin z.B. gab an, dass aus ihrer Sicht die Teilnahme ihres Auftraggebers nicht so befriedigend war, da die KursleiterInnen zu wenig Zeit für die einzelnen Personen hatten und der behinderte Teilnehmer sich nicht richtig einbringen konnte. Ein Grund für die geringe Möglichkeit zur Beteiligung könnte darin liegen, dass die Kursleitung zu wenig auf eine heterogene Gruppe vorbereitet war. Das heißt, entweder ist es nicht geglückt, den Ablauf auf die KursteilnehmerInnen abzustimmen, oder das Bewusstsein über unterschiedliche Bedürfnisse der KursteilnehmerInnen ist prinzipiell nicht vorhanden. Es zeigt sich, dass ein alleiniges Zur-Verfügung-Stellen von AssistentInnen noch nicht notwendigerweise zu einer gleichberechtigten Teilnahme führt. Es besteht die Gefahr, dass den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen mit Behinderung nicht entsprochen wird bzw. die Person mit Behinderung durch die Assistenzperson wiederum in eine Sonderposition im Kurs kommt. Daher ist eine veränderte Gestaltung von Kursen notwendig - in Richtung einer Didaktik, die auf vielfältige Bedürfnisse eingehen kann. Einzelne KursleiterInnen praktizieren so eine Didaktik aus eigenem Engagement und Interesse. Teilweise richtet INKA anstelle der persönlichen Assistenz auch eine Kursassistenz ein. Diese arbeitet stärker mit den KursleiterInnen zusammen und ist als Unterstützung für den gesamten Kurs bzw. für verschiedene Personen zuständig. Außerdem hat INKA einen Lehrgang für SeminarleiterInnen von sehr heterogenen Gruppen durchgeführt und bietet in Einzelfällen Beratung an. Generell ist es aber schwierig, KursleiterInnen von Erwachsenenbildungseinrichtungen zu erreichen, da INKA nicht ihr Auftraggeber ist.

Eine Assistentin drückt aus, was Menschen mit Behinderungen aus ihrer Sicht benötigen, um selbstbestimmt leben zu können: "Motivation, denk ich mal und das Gefühl, er/sie ist nichts Besonderes, er/sie gehört dazu, wie jeder andere Mensch auch."

(Interviewauszug)

Kooperation im Unterstützungssystem

Für einen gelungenen Kursbesuch ist es weiters wichtig, dass die Kommunikation und Kooperation im Unterstützungssystem gut funktioniert: zwischen KursteilnehmerIn, BetreuerInnen bzw. Eltern, INKA und AssistentIn. INKA hat durch kontinuierliche Information eine gute Kommunikation mit MitarbeiterInnen verschiedenster Einrichtungen aufgebaut. Einige MitarbeiterInnen sind von der Idee der integrativen Erwachsenenbildung begeistert und unterstützen ihre KlientInnen beim Kursbesuch. Diese KollegInnen äußern immer wieder, dass sie integrative Erwachsenenbildungsangebote und die Möglichkeit der Assistenz als Unterstützung und Erleichterung empfinden. Einerseits weil die behinderten Menschen nach ihren Interessen auswählen können, andererseits weil durch die Assistenz MitarbeiterInnen in Betreuungseinrichtungen entlastet werden. Wenn es Skepsis gegenüber integrativer Erwachsenenbildung gibt, so gründet sich diese häufig auf der Vermutung, dadurch "mehr Arbeit" zu bekommen. Konkurrenz zu eigenen Kursangeboten der Einrichtungen mag ebenfalls ein Grund sein. Skepsis kann auch in ungeklärten Fragen der Haftung bzw. Angst vor Verlust von Betreuungsgeldern - wenn Menschen mit Behinderungen zu lange außerhalb der Einrichtung betreut werden - begründet sein. Sehr häufig herrscht auch einfach Unwissenheit über die Möglichkeit von Kursbesuchen vor. Wie bereits erwähnt konnte INKA durch vermehrte Aufklärungsarbeit bei einigen Einrichtungen Vorbehalte und unbegründete Ängste ausräumen. Wenn möglich, informierte INKA auch Eltern von behinderten Menschen über die Kurse und den Ablauf der Unterstützung. Die Reaktionen der Eltern, denen INKA zumeist unbekannt war, fielen sehr unterschiedlich aus. Manche nahmen die Angebote der Erwachsenenbildung bereitwillig auf, andere erkundigten sich skeptisch nach der Vertrauenswürdigkeit von INKA.

Und in Zukunft...?

Assistenz ist ein wesentlicher Beitrag zur selbstständigen Teilnahme an Kursen. Deshalb ist es INKA ein Anliegen, dass Assistenz von staatlicher Seite bezahlt bzw. gefördert wird. Weiters sollen Bildungsträger veranlasst werden, eine integrative Didaktik umzusetzen. Nur in Kursen mit adäquaten Bedingungen

(z.B. Teamteaching) kann tatsächlich ein Eingehen auf alle TeilnehmerInnen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen garantiert werden. Beides, das Recht auf Assistenz sowie das Recht auf eine integrative Didaktik, müsste gesetzlich verankert werden. Auch rund um den Kurs müssen Erwachsenenbildungseinrichtungen die Bedingungen schaffen, damit Menschen mit Behinderungen daran teilnehmen können (Ermäßigungen von Kurskosten, Zugänglichkeit, Bewerbung). Damit integrative Erwachsenenbildung gelingen kann, müssen Menschen mit Behinderungen befähigt werden, ihre AssistentInnen anzuleiten. Dies ist besonders wichtig im Hinblick auf die Entstehung einer "Assistenzkultur". Menschen mit Behinderungen müssen es gewohnt sein, AssistentInnen anzuleiten und die dafür nötigen Kompetenzen erwerben, wenn das Modell der persönlichen Assistenz funktionieren soll.

Literaturverzeichnis:

Weisz, P.: Beziehungserfahrung und Bildungstheorie. Die klassische Bildungstheorie im Lichte der Briefe Caroline und Wilhelm von Humboldts. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2005. http://www.lebenslangeslernen.at/ (14.1.2004)

INKA ist ein Projekt von TAFIE Innsbruck Land.

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AutorInnen:

Dr. Walter Krög, geb. 1964, Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie in Innsbruck, seit 1992 beruflich und ehrenamtlich mit dem Thema Integration/Inklusion befasst, Vater dreier Kinder, eines davon wird von der Gesellschaft als "behindert" bezeichnet.

Maga Ulrike Gritsch, geb. 1969; Psychologiestudium an der Uni Innsbruck, Klinische und Gesundheitspsychologin, von 1996 - 2000 Leiterin eines Wohnhauses für Menschen mit sog. geistiger Behinderung, dann zwei Jahre Leiterin einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung, seit 2002 Projektleiterin bei Wibs, Mitautorin des Gleichstellungsbuches und des Wibs Kurs Buches.

Maga Gertrud Köck, geb. 1959; Studium der Erziehungswissenschaften in Innsbruck mit dem Schwerpunkt Integrationspädagogik. Praktische Erfahrungen in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, in der ambulanten Familienarbeit und im Bereich der ambulanten Begleitung von Menschen mit sog. Behinderungen. Seit 2003 Projektleiterin von OASE 3, mit dem Schwerpunkt, umfassende Unterstützungssysteme für Menschen die als schwer mehrfach behindert gelten, aufzubauen.

Manuel Rott, geb 1976; Berufsstart mit einer Ausbildung als Industrieschlosser. Zivildienst beim Tafie Innsbruck Land. Danach Mitarbeiter in einer Wohngemeinschaft bei der Lebenshilfe Tirol und Ausbildung an der Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe in Innsbruck zum diplomierten Behindertenpädagogen. Danach Jobcoach beim Tafie Innsbruck Land und Mitarbeiter bei den "einblicken" (Fort und Weiterbildung im Sozial- u. Behindertenbereich). Seit 2,5 Jahren Projektleiter bei PfiF-Tirol und freiberuflich als EDV-Techniker tätig.

Maga Gudrun Erlinger, geb. 1979; freiwilliges soziales Jahr in der Arche Tirol. Anschließend Studium der Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Integrationspädagogik, Universität Innsbruck. Seit 2003 Mitarbeiterin bei TAFIE Innsbruck Land in den Projekten INKA und Freiraum.

Impressum:

Herausgeber: Mensch im Mittelpunkt (MiM), Verein TAFIE Außerfern, Dorfstraße 1, 6600 Lechaschau

AutorInnen: Gudrun Erlinger, Ulrike Gritsch, Gertrud Köck, Walter Krög, Manuel Rott

Grafische Gestaltung: Hermann Stöckl Druck: Artpress, Höfen

© 2005: bei MiM, Verein TAFIE Außerfern

Alle Rechte vorbehalten

Diese Broschüre ist kostenlos beim Herausgeber erhältlich.

Dank

Die AutorInnen möchten sich bei Frau Dr. habil. Kerstin Ziemen für die wissenschaftliche Begleitung während des Schreibens ganz herzlich bedanken.

Quelle:

Mensch im Mittelpunkt (MiM), Verein TAFIE Außerfern (Hrsg.): HerausforderungUnterstützung. Perspektiven auf dem Weg zur Inklusion. Lechaschau 2005

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.05.2008

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