Unterstützte Elternschaft

– Angebote für behinderte und chronisch kranke Eltern – Analyse zur Umsetzung des Artikels 23 der UN-BRK Abschlussbericht - Zusammenfassung

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Zusammenfassung des Abschlussberichts: Unterstützte Elternschaft – Angebote für behinderte und chronisch kranke Eltern – Analyse zur Umsetzung des Artikels 23 der UN-BRK vom 31.08.2017
Copyright: © Marion Michel, Ines Conrad, Martina Müller, Birte Pantenburg 2017

Danksagung

Wir danken dem BMAS für die Möglichkeit, diese Studie erarbeiten und damit den Handlungsbedarf zur Umsetzung der UN-BRK – Artikel 23 sowie des Bundesteilhabegesetzes §78 aufzeigen zu können.

Ein besonderer Dank gilt dem Expertenteam und dem Projektbeirat, die mit ihrer Expertise wesentlich zum Gelingen der Studie beitrugen, sowie unseren studentischen Hilfskräften Linda Knauerhase, Benita Lehmann, Benjamin Will, Peggy Rübe, Tabea Heinrich und Lisa Brandt, die unsere Arbeit in den einzelnen Projektphasen unterstützten.

Weiterhin danken wir allen teilnehmenden Jugendämtern sowie örtlichen und überörtlichen Trägern der Sozialhilfe und allen teilnehmenden Projekten, ohne deren Mitarbeit diese Studie nicht entstanden wäre. Dieser Dank gilt ganz besonders im Hinblick darauf, dass gerade in der Zeit der Datenerhebung der Zustrom von Flüchtlingen die Jugend- und Sozialämter vor besondere Herausforderungen stellte.

Schließlich möchten wir uns ganz herzlich bei den befragten Eltern für die Bereitschaft zum Interview, für die Offenheit und die durchgehend freundliche Gesprächsatmosphäre bedanken sowie bei allen Ämtern, Behörden und Institutionen, bei denen wir in vorliegende Dokumente zu den dargestellten Fällen Einsicht nehmen durften.

Zusammenfassung der wesentlichsten Ergebnisse

An der Befragung nahmen 42 Sozialämter, 58 Jugendämter sowie 45 Projekte bzw. Einrichtungen teil; aus Groß-, Mittel- und Kleinstädten – verteilt auf das gesamte Bundesgebiet. Sowohl die Ämter als auch die Projekte konzentrieren sich auf Groß und Mittelstädte, der Zugang im ländlichen Raum ist deutlich geringer. Die teilnehmenden Projekte und Einrichtungen befinden sich in freier Trägerschaft und bieten im Durchschnitt seit ca. 10 Jahren Leistungen der unterstützten Elternschaft an.

Die teilnehmenden Ämter sind mit rund 132 Mitarbeiter*innen (Sozialämter) und rund 101 Mitarbeiter*innen (Jugendämter) besetzt; die teilnehmenden Projekte sind durchschnittlich mit 20 Mitarbeiter*innen besetzt, die vorrangig aus pädagogischen, sozialen, pflegerischen und therapeutischen Berufsfeldern kommen.

Nur in sechs Jugendämtern gibt es einen speziellen Fachbereich für Eltern mit Beeinträchtigungen und Kinder mit Beeinträchtigungen; einen ausschließlichen Fachbereich für Kinder mit Behinderungen haben 13 Jugendämter, einen Fachbereich, ausschließlich für Eltern mit Beeinträchtigungen hat kein Amt. In 38 Ämtern gibt es keine speziellen Fachbereiche für die genannte Klientel und ein Amt wusste es nicht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass nur teilweise systematische Weiterbildungen für die Mitarbeiter*innen der Ämter angeboten bzw. geplant werden, jedes vierte Jugendamt hielt Weiterbildungen zum Thema Eltern mit Beeinträchtigungen für nicht erforderlich. Typische Antworten bezogen sich auf die Zusammenarbeit in Netzwerken oder „Lernen am Fall“. Über die Netzwerke „Frühe Hilfen“ bestehen offensichtlich geeignete Zugänge, um gezielte Weiterbildungen anzubieten und Kenntnisse zu spezifischen Bedarfen von Eltern mit Beeinträchtigungen und Unterstützungsmöglichkeiten an die Mitarbeiter*innen in den ASD, Jugend-und Sozialämtern zu vermitteln, vorausgesetzt, in diesen Weiterbildungen wird der Bedarf der Eltern mit Beeinträchtigungen hinreichend beachtet. Für die Qualität der Arbeit mit den Eltern ist die Qualifikation der Mitarbeiter*innen wesentlich, die unmittelbar mit den Eltern zusammenarbeiten.

Mütter und Väter mit Behinderungen, die von den teilnehmenden Sozial- und Jugendämtern Unterstützungsleistungen bekommen, haben v.a. psychische Krankheiten sowie kognitive Beeinträchtigungen. Das gilt sowohl für Leistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe als auch für jugendhilfliche Leistungen im stationären wie im ambulanten Setting.

Die teilnehmenden Projekte unterstützen Familien mit Eltern mit Beeinträchtigungen im Rahmen ambulanter, teilstationärer und stationärer Leistungen sowie im beratenden Setting. Entsprechend der Zielstellung werden in den Projekten der Begleiteten Elternschaft vorwiegend Eltern mit kognitiven Beeinträchtigungen unterstützt, in den Angeboten der Elternassistenz vorwiegend Eltern mit körperlichen oder Sinnesbeeinträchtigungen.

Die Zusammenarbeit zwischen Leistungsträgern und Leistungserbringern findet vorrangig im Kontext von Arbeitskreisen und in der Regel fallbezogen statt. Die Zusammenarbeit zwischen den öffentlichen Leistungsträgern und mit Leistungserbringern wird sowohl positiv als auch negativ bewertet. Positiv gesehen werden v.a. der fachliche Austausch sowie der Aufbau von Netzwerken; negativ gesehen werden vorrangig die Unkenntnis geeigneter Angebote, Kostendruck sowie strittige Kostenübernahmen. Trägerübergreifende Vereinbarungen sind bislang nur vereinzelt feststellbar.

Grundsätzlich erweist sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Leistungsträgern, Leistungserbringern und Leistungsberechtigten als zielführend; Elternschaft von Menschen mit Beeinträchtigungen stellt eine solche komplexe Bedarfslage dar, die eine gute Interaktion der zuständigen Leistungsträger erfordert, sollen passgenaue Unterstützungsangebote entwickelt werden. Immerhin jedes zehnte an der Studie teilnehmende Amt arbeitet demnach als integriertes Amt. Die Erfahrungen der Projekte belegen, dass gerade diese Art der Zusammenarbeit und Kommunikation noch keine Selbstverständlichkeit ist und dementsprechend fallen die Bewertungen der Zusammenarbeit mit den Ämtern eher verhalten aus. Insgesamt nahmen zehn integrierte Ämter an der Studie teil, vorrangig genannt von den Jugendämtern. Das bedeutet, in diesen Amtsbereichen erfolgt die Entwicklung und Steuerung der gesetzlichen Angebote und sozialen Hilfen in einem gemeinsamen Amt mit untergeordneten Fachabteilungen. Damit können schneller und besser ressort- bzw. trägerübergreifende Lösungen gefunden werden.

Wir fragten die Projekte, wie sie die Zusammenarbeit mit den zuständigen Ämtern bewerten Als positiv wurden benannt: kurze Wege, Verständnis, und fachliche Kommunikation sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit durch gute Kontakte und den Aufbau von Netzwerken. Kritisch bewertet wurde hingegen die unzureichende Zusammenarbeit zwischen den Ämtern und zwischen Ämtern und Projekten, schlechter fachlicher Hintergrund und Unkenntnis geeigneter Angebote gepaart mit Beratungsresistenz, Vorbehalten und Vorurteilen gegenüber Eltern mit Beeinträchtigungen und Kostendruck bzw. strittige Kostenübernahme.

Die teilnehmenden Sozialämter bieten Eltern mit Beeinträchtigungen – v.a. Eltern mit psychischen Krankheiten – in der Regel Leistungen des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) an. Leistungen der Unterstützten Elternschaft werden auch angeboten, sind aber bislang nicht sehr verbreitet. Bemängelt wird hier die unklare Definition dieser Leistungen. Die hohe Differenzierung der Antworten erschwert eine aussagekräftige Zusammenfassung, v.a. das ABW wird auf Einzelfälle zugeschnitten; wenig Trennschärfe zu jugendhilflichen Angeboten erschwert eine klare Aussage. Die Zuständigkeit für Angebote für Eltern mit Behinderung wird in der Regel beim Jugendhilfeträger gesehen.

Weitere Angebote – v.a. im Bereich der Kommunikation – sind den Sozialämtern bekannt, genutzt werden vorrangig Angebote, um sprachliche Barrieren abzubauen: wie Gebärdensprache bzw. Gebärdensprachdolmetscher, Informationen in Punktschrift sowie in Leichter Sprache.

Die teilnehmenden Jugendämter bieten Eltern mit verschiedensten Beeinträchtigungen spezialisierte Kurse, Trainings und Leistungen der Frühen Hilfen an sowie verschiedene Leistungen im Beratungssetting. Es gibt auch durchaus die Möglichkeit, dass Eltern mit Beeinträchtigungen längerfristig mit stationären und ambulanten Leistungen versorgt werden können.

Sehr differenziert und flexibel sind die Angebote der teilnehmenden Projekte; die Antworten weisen auf hohe Kreativität hin. Meist handelt es sich um Komplexleistungen, die langfristig und ganzheitlich angelegt werden und die Bedarfe behinderter Eltern in den Blick nehmen.

Bedarfsgerechtigkeit in den Angeboten wird auch von den Jugendämtern betont, Probleme entstehen v.a. bei psychischer Krankheit oder der Kombination aus kognitiver Beeinträchtigung und psychischer oder Abhängigkeitsproblematik. Grundtenor in den Antworten ist, dass die Bedarfe der Eltern gesehen und darauf eingegangen wird. Nur so sei eine Hilfeplanung möglich. Hilfsmittel und alternative Kommunikationssysteme sind bekannt und werden auch genutzt. Sowohl ambulante als auch stationäre Leistungen werden Eltern mit Beeinträchtigungen angeboten und auch genutzt, bei den stationären Angeboten gilt dies in erster Linie für betreute Wohnformen für Mütter/Väter mit Kindern. In den befragten Projekten werden neben den Leistungen zur Unterstützten Elternschaft auch jugendhilfliche Angebote bereitgestellt oder im Rahmen der Vermittlung an andere Leistungserbringer genutzt. Für Angebote der Begleiteten Elternschaft können darüber hinaus trägerübergreifende Maßnahmen gemäß SGB VIII, IX und XII gewährt werden.

Grundsätzlich streben sowohl die teilnehmenden Sozialämter als auch die Jugendämter den Erhalt sozialer Netzwerke bei Unterstützungsmaßnahmen an.

Im Großen und Ganzen ergibt die Darstellung der Angebote sowohl aus der Sicht der Ämter als auch aus der der Projekte ein äußerst diffuses Bild, das eine Systematisierung nahezu unmöglich macht. Leistungsträgerübergreifende Modelle sind zwar bekannt und werden auch gewünscht, finden aber nur wenig praktische Umsetzung. Von den Leistungsträgern wird kritisch angemerkt, dass sich der Begriff „leistungsträgerübergreifende Gewährung“ nicht im Gesetz findet.

Auf ihre Einrichtungen und Angebote machen die befragten Projekte in sehr differenzierter und ausführlicher Weise aufmerksam; in erster Linie durch Gespräche, Flyer, Internetauftritte, Vorstellungsrunden, in Gremien und bei einschlägigen Fachveranstaltungen. Die Mehrzahl der Projekte bieten sowohl Beratung als auch Unterstützung an und hier in erster Linie im Rahmen der Begleiteten Elternschaft, als Beratung von Eltern mit Behinderung, als Ambulant Betreutes Wohnen oder auch als Sozialpädagogische Familienhilfe. Dazu kommen vereinzelte offene, flexible Angebote sowie ambulante und stationäre Hilfen im jugendhilflichen Kontext, Weiterbildungen in relevanten Themengebieten und das Bereitstellen barrierefreier Informationen. Bei den bereit gestellten Leistungen handelt es sich in erster Linie um ambulante Angebote; vier Projekte geben stationäre und zehn Projekte sowohl ambulante als auch stationäre Leistungen an.

Die größten Probleme bei einer bedarfsgerechten Unterstützung von Eltern sehen die Mitarbeiter*innen in den Projekten in psychischen Erkrankungen der Eltern, in Abhängigkeitserkrankungen, bei sog. geistiger Behinderung sowie bei dualen Beeinträchtigungen, z.B. bei sog. geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung.

Die teilnehmenden Projekte sind ausnahmslos gut regional vernetzt und in einschlägigen Gremien etc. organisiert.

Das am 01.01.2017 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz regelt zukünftig, dass der Unterstützungsbedarf von Menschen mit Beeinträchtigungen auf der Basis der ICF definiert werden soll. Damit werden nicht nur die Art und Schwere der Beeinträchtigung berücksichtigt, sondern auch die Möglichkeiten der Aktivität und Teilhabe sowie die Kontextfaktoren, die sehr wesentlich über den notwendigen Unterstützungsbedarf entscheiden. Barrierefreiheit im Lebensumfeld, Zugang zu Information und Kommunikation, Soziale Netze, qualifizierte Beratung sind von eminenter Bedeutung für eine selbstbestimmte Elternschaft.

Aus der Beschreibung der aktuellen Begutachtungsgrundlagen geht hervor, dass Elternschaft nicht in angemessenem Umfang als Unterstützungsbedarf berücksichtigt wird, weder im Bereich der Eingliederungshilfe noch im Bereich der Jugendhilfe. Auffällig ist aber auch, dass fast jeder Vierte den Aspekt der Kindeswohlgefährdung ansprach, sicher ein sehr wesentlicher Aspekt in Bezug auf den Schutzauftrag des Jugendamtes, bedenkenswert vor dem Hintergrund der Unterstützungsbedarfe für Eltern mit Behinderungen. Positiv hervorzuheben ist, dass sowohl Jugend- als auch Sozialämter Entscheidungen zum Unterstützungsbedarf und damit zur Leistungsbewilligung in Zusammenarbeit mit interdisziplinären Teams treffen, gemäß Forderung der BAG der Landesjugendämter.

Informationen zu bestehenden Unterstützungsbedarfen von Eltern mit Behinderungen erfolgen zwischen Jugend-und Sozialämtern nach unterschiedlichen Mustern. 80% der Jugendämter, die diese Frage beantworteten, bezogen Informationen über Kindertageseinrichtungen und Schulen. Sozialämter gaben diese Einrichtungen nur zweimal an. Etwa die Hälfte der Jugendämter aber nur drei Sozialämter wurden über medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser, Kinderärzte oder andere Fachärzte informiert, darunter auch Hebammen oder Geburtskliniken. Das kann sehr hilfreich sein und zu einer passgenauen frühzeitigen Unterstützung der Familie führen. Eine Information direkt ab Geburtsklinik kann aber auch dazu führen, dass das Kind bereits ab Klinik in Obhut genommen wird und die Mutter gar nicht erst die Chance bekommt, für ihr Kind zu sorgen.

Unter sonstigen Institutionen / Ämtern, die über einen bestehenden Unterstützungsbedarf Informationen an die Jugendämter weiterleiten, finden sich Gesundheitsämter, Jobcenter, Beratungsstellen u.a., von den Sozialämtern werden hier vorrangig Jugend- und Gesundheitsämter genannt. Sowohl bei Jugend- als auch Sozialämtern agieren Eltern selbst sehr oft, um Unterstützungsleistungen anzufragen. Eine große Rolle spielen bei beiden Leistungsträgern die gesetzlichen Betreuer, die Unterstützungsleistungen anbahnen.

Wie bereits bei der Information zu bestehenden Unterstützungsbedarfen an die Jugend- und Sozialämter angesprochen, spielen Gutachten eine große Rolle bei der Planung von Hilfebedarfen. In die Hilfeplanung der Jugendämter fließen vorrangig Erziehungsfähigkeitsgutachten sowie medizinische Gutachten ein, bei den Sozialämtern medizinische Gutachten, da das Vorliegen einer Diagnose bzw. einer Beeinträchtigung die Voraussetzung zum Leistungsbezug aus der Eingliederungshilfe darstellt. Bei den Projekten dominieren psychologische und Erziehungsfähigkeitsguten. Etwa jedes vierte Jugendamt, knapp die Hälfte der Sozialämter und rund zwei Drittel der Projekte bewerten die Gutachten nur eingeschränkt als hilfreich. Besonders die Kritiken an der Qualität der Erziehungsfähigkeitsgutachten sollten sehr ernst genommen werden, denn diese Gutachten entscheiden in hohem Maße darüber, ob und mit welchen Unterstützungsleistungen Eltern mit Beeinträchtigungen (insbesondere der kognitiven Fähigkeiten und psychischen Gesundheit) mit ihren Kindern zusammenleben können. Es bedarf einer Qualifizierung und Sensibilisierung der Gutachter, um Gutachten ressourcenorientiert zu erstellen, die sowohl für die Entscheidung der Leistungsbewilligung in den Jugend- und Sozialämtern als auch für die Hilfeplanung der Projekte hilfreich sind. Es ist nicht zu unterschätzen, dass diese Gutachten einen entscheidenden Einfluss auf die Chancen von Eltern mit Behinderungen haben, selbstbestimmte Elternschaft (er)leben zu können. Dazu gehört auch, mit den Eltern diese Gutachten in verständlicher Form zu besprechen und damit das Recht auf Information und Selbstbestimmung der Eltern zu wahren. Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter*innen in Ämtern und Projekten sollten den Umgang mit Gutachten enthalten, denn die Person, über die ein Gutachten erstellt wurde, hat ein Recht, dieses einzusehen. Sie muss es verstehen können, denn nur dann kann sie sich auch mit den Folgen arrangieren.

Bei den Bearbeitungszeiten für Unterstützungsleistungen ergeben sich die größten Verzögerungen ergeben sich aus der Sicht der Sozialämter beim Einholen der erforderlichen Gutachten. Bei den Jugendämtern steht diese Ursache auf Platz zwei. Aus der Sicht der Jugendämter rangiert die Mitwirkungsbereitschaft der Eltern auf Platz eins, was sicher auch daraus resultieren könnte, dass jugendhilfliche Maßnahmen nicht immer auf eigenen Wunsch der Eltern initiiert werden.

Die Frage nach Unterschieden in der Dauer der Maßnahmen für Eltern mit Behinderungen im Vergleich zu Eltern ohne Behinderungen richtete sich an die Jugendämter. Danach werden für Eltern mit Behinderungen von der Hälfte der Jugendämter ambulante Unterstützungsmaßnahmen länger bewilligt als für Eltern ohne Behinderungen, bei stationären Maßnahmen trifft das auf 40% der Jugendämter zu. Die Ursachen für die Unterschiede in der Maßnahmendauer, sehen die Jugendämter sowohl bei ambulanten als auch stationären Hilfen in der Behinderung selbst begründet. Vor allem Lernschwierigkeiten sowie psychische Krankheiten der Eltern müssen kompensiert und die Maßnahmen- Verläufe zeitlich angepasst werden. In den Ergebnissen zeigt sich ein Dilemma der gegenwärtigen Praxis der Unterstützung von Eltern mit Behinderungen: einerseits bieten viele der an der Studie teilnehmenden Ämter in Bezug auf die zeitliche Dimension der Unterstützungsleistungen flexible, langfristige Hilfen an. Andererseits können diese Hilfen aber auch für die Eltern belastend werden, wenn sie auf eine dauerhafte Trennung von Eltern und Kind hinauslaufen oder wenn die Eltern einen wenig empathischen bis respektlosen Umgang mit sich als Eltern erleben. Nach Aussagen der projektbegleitenden Experten führt das dann auch zu Abbrüchen von Hilfen auf Wunsch der Eltern, auch mit der Konsequenz der Trennung von ihren Kindern. Dauerhafte oder langfristige Unterstützung im Sinne der Begleiteten Elternschaft ist besonders bei Eltern mit kognitiven Beeinträchtigungen notwendig. Es zeigt sich in den Aussagen, dass diese Sichtweise in einem Teil der Jugendämter angekommen ist und praktiziert wird. Aber häufig fehlen einfach geeignete Angebote in den Regionen, die derartige Unterstützungsleistungen ermöglichen.

Jedes zweite Sozialamt und zwei Drittel der Jugendämter gaben an, den Erhalt sozialer Netze bei der Auswahl der Angebote zu berücksichtigen. Jeweils drei Jugend- und drei Sozialämter erklärten, dass dies nicht möglich sei und ein Jugendamt hielt das auch nicht für nötig. Zu beachten ist, dass über 40 Prozent der Sozialämter und 27 Prozent der Jugendämter diese Frage nicht beantworteten bzw. nicht wussten, ob der Erhalt sozialer Netze bei der Auswahl der Angebote berücksichtigt wird. Die Erweiterung bestehender stationärer Angebote auf die Bedürfnisse von Eltern mit Beeinträchtigungen, hier besonders mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen, stellt eine Option dar, Netzwerke zu erhalten auch bei höherem Unterstützungsbedarf. Personelle und finanzielle Voraussetzungen sind dazu zu schaffen, denn auch die Qualifikation der Mitarbeiter*innen für die Bedarfe der Mütter und Väter im Sinne des Empowerment ist für eine passgenaue Unterstützung notwendig.

Besonders Eltern mit Lernschwierigkeiten stehen vor dem Problem, dass unterschiedliche Helfersysteme in der Familie agieren. Geht man davon aus, dass zusätzlich Personen kommen, die den Hilfebedarf feststellen wollen, sei es vom Jugendamt oder Sozialamt, dazu Vertretungspersonal des ABW bzw. der Familienhilfe stehen die Eltern einer großen Anzahl von Personen gegenüber. Diese Personen gehen auch mit unterschiedlichen Sichtweisen in die Beratung und Unterstützung der Familie. Statt einer sinnvollen Hilfe resultiert aus derartigen Konstellationen u.U. eine Überforderung der Mutter/Eltern und möglicherweise auch ein Ausbrechen aus dem wohlmeinenden Hilfsangebot. Das BTHG schafft nun Voraussetzungen, dass die geschilderte Situation vermieden und ein tragfähiges Unterstützungssystem aufgebaut werden kann, das „Hilfe aus einer Hand“ ermöglicht: „Um „Leistungen wie aus einer Hand“ gewähren zu können und Nachteile des gegliederten Systems der Rehabilitation für die Menschen mit Behinderungen abzubauen, wird künftig für alle Rehabilitationsträger ein verbindliches, partizipatives Teilhabeplanverfahren vorgeschrieben.“ (BTHG 2017:193) Mit dieser Forderung des BTHG werden auch für Eltern mit Behinderungen wichtige Weichen gestellt. Wird Hilfe aus einer Hand gewährt, müssen sich die potentiellen Kostenträger an einen Tisch setzen und gemeinsam mit den Eltern die Unterstützungsleistungen planen. In der Praxis wird das zum Teil bereits praktiziert. Das belegen die Ergebnisse der Studie. Es wird aber auch deutlich, dass es an den Schnittstellen zwischen den Leistungsträgern nach wie vor Probleme gibt. Gemeinsame Hilfeplanung ist noch keine Selbstverständlichkeit für Eltern mit Behinderungen, was auch die Arbeit der Projekte beeinflusst. Es bleibt zu hoffen, dass die gesetzliche Klarheit, die durch das BTHG diesbezüglich geschaffen wurde, schnell Eingang in die Praxis findet.

Um Hilfen aus einer Hand für die Familien zu erreichen, wählen die beteiligten Ämter Leistungserbringer aus, die Leistungsvereinbarungen im Rahmen des SGB VIII und XII abgeschlossen haben. Es werden gleiche Sätze für Fachleistungsstunden vereinbart und anteilmäßig an beide Leistungsträger Rechnungen erstellt. Der Leistungserbringer arbeiten also nach zwei Vereinbarungen aber – im günstigen Fall – nur mit einer Person.

Im Sinne des BTHG und der UN-BRK wird ein Blickwechsel in der Zusammenarbeit der Ämter erforderlich – es muss die Familie mit ihrem speziellen Bedarf gesehen werden, nicht die finanziellen und organisatorischen Belange der Ämter. Das kann sich positiv auf die finanzielle Belastung der Leistungsträger auswirken. Für die Familie ist es letztlich unerheblich, wer die Leistung bezahlt, wichtig ist, dass sie bedarfsgerecht erfolgt und die Familie durch Hilfeplanung, unterschiedliche Sichtweisen der Ämter und der agierenden Personen nicht überfordert wird.

Die Projekte berichteten davon, dass es Fälle gab, in denen die Unterstützungsleistung nicht zustande kam. Die Ursachen dafür lagen einerseits bei den Eltern und bezogen sich vor allem darauf, dass sie aus ihren sozialen Netzen herausgelöst werden mussten. Sehr oft und oft bildeten nach Angaben der Projekte finanzielle bzw. Zuständigkeitsprobleme bei den Jugend- oder Sozialämtern den Grund dafür, dass Unterstützungsleistungen nicht begonnen werden konnten. Das unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit, dass die trägerübergreifenden Konzepte entwickelt werden zur Finanzierung von Unterstützungsmaßnahmen.

Eine Maßnahmedauer von zwei Jahren kann ein realistischer Zeitraum sein für bedarfsgerechte Unterstützung, da letztlich die Leistung auch die Elternkompetenz fördern und die Eigenständigkeit der Eltern und Kinder unterstützen soll. Es muss aber immer von der individuellen Lebenssituation der Eltern ausgegangen werden, ob eine Beendigung der Leistung möglich ist, ohne Eltern oder Kind zu überfordern. Trotz bedarfsgerechter Unterstützung der Eltern in den Projekten der Begleiteten Elternschaft kann es zu Situationen kommen, in denen die angebotene Betreuungsform das Kindeswohl nicht mehr ausreichend gewährleisten kann. Vertreter der Expertengruppe betonten, dass es dann erforderlich ist, den Prozess der Trennung entsprechend zu gestalten und die Eltern, sofern sie das selbst wollen, auch weiterhin am Leben ihrer Kinder teilhaben lassen. Trennungsprozesse, die trotz Ausschöpfung aller geeigneten Unterstützungsmöglichkeiten notwendig werden können, müssen also begleitet werden, um sie für Eltern und Kinder fassbar und erträglich zu gestalten und den weiteren Kontakt zwischen Eltern und Kind ermöglichen. Die Gestaltung der Umgänge der Eltern mit ihren Kindern wurde in allen vertiefenden Interviews als wichtige Maßnahme beschrieben. Angebote zur Aufrechterhaltung der Kontakte bezogen sich vor allem auf die Begleitung der Umgänge und die Kostenübernahme sowohl für die Umgangsbegleitung als auch bei Bedarf die Finanzierung der Fahrtkosten.

Das Ziel jugendhilflicher Maßnahmen, in denen die Kinder aus der Familie genommen werden, besteht vorrangig darin, die Kinder wieder in den elterlichen Haushalt zurückzuführen. Da die Beeinträchtigung der Mutter oder des Vaters durch familienunterstützende Maßnahmen nicht verschwindet, erfolgen Herausnahmen und Unterbringungen in Pflegefamilien oft dauerhaft. Es stellte sich also die Frage, wie in anderen Jugend- und Sozialämtern mit der Unterstützung der Eltern bei einer Rückführung des Kindes in den elterlichen Haushalt umgegangen wird. Wird ein Kind in den elterlichen Haushalt rückgeführt, schließen sich i.d.R. ambulante Hilfeformen an, wie Erziehungsbeistandschaft oder Sozialpädagogische Familienhilfe, aber auch andere Angebote, um die Familie zu stabilisieren, z. B. Frühe Hilfen oder Elterntrainings.

Basierend auf den Erfahrungen der Angebote zur Begleiteten Elternschaft in der Region entwickelte ein Jugendamt ein spezielles Konzept, um den Kontakt der Kinder, die nicht bzw. noch nicht wieder in ihren Familien leben, zu ihren Herkunftsfamilien zu stabilisieren und eine Rückführung intensiv und bedarfsgerecht zu begleiten. Dieser Ansatz entspricht in hohem Maß den Zielen der UN-BRK, weil damit sehr gute Voraussetzungen in der Region geschaffen werden, Eltern mit Behinderungen in vollem Umfang ihre Elternrolle wahrnehmen zu können, selbst wenn in begründeten Fällen ein ständiges Zusammenleben von Eltern und Kind trotz umfangreicher Unterstützung nicht möglich ist.

Bei den Finanzierungskonzepten zeigt sich eine große Spannbreite der Leistungsvergütung, die nicht hinreichend erklärt werden kann auf der Basis der vorliegenden Daten. Zunächst erfassten wir, mit welchen Leistungsträgern die Projekte zusammenarbeiten und ob es feste Trägerverträge. Danach wurden die Projekte nach Leistungen gefragt, die über diese Trägerverträge finanziert und nach Leistungen zur Unterstützung für Eltern mit Behinderungen, die nicht oder über andere Gelder finanziert werden. Mehr als zwei Drittel der Projekte arbeiten mit Trägerverträgen der Jugend- bzw. der Eingliederungshilfe, jedoch gab kein Projekt an, dass es trägerübergreifende Verträge gibt. Wie bereits aus den Antworten der Ämter ersichtlich wurde, werden dann sehr genau Leistungen für die Eltern und Leistungen für die Kinder definiert. Überwiegend rechnen die Projekte über Fachleistungsstunden ab, was sich auch in den Auskünften der Ämter widerspiegelt. Es ist resümierend festzustellen, dass eine sehr große Bandbreite besteht sowohl bei den Finanzierungskonzepten als auch bei der tatsächlich erfolgten Finanzierung der Leistung in Bezug auf Stundensätze und Anzahl der bewilligten Stunden. Darüber hinaus gibt es keinen einheitlichen Leistungsbereich „Unterstützte Elternschaft“ bei den Leistungsträgern.

Was die Erwartungen sowohl der Ämter als auch der Projekte an das BTHG betrifft, zeigt sich ein großer Konsens in den Erwartungen, die an die Umsetzung der UN-BRK und deren Verankerung im Bundesteilhabegesetz im Bereich Elternschaft gestellt werden. Die Erwartungen umfassen:

  • Entwicklung bedarfsgerechter Angebote

  • Barrierefreiheit in den Angeboten, aber auch in den Zugängen

  • Akzeptanz der Elternrechte

  • Klare gesetzliche Regelungen

  • Vernetzung, Weiterbildung und Information

Inzwischen ist das Bundesteilhabegesetz in Kraft getreten, die schrittweise Umsetzung hat begonnen und soll wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Auch durch die Ergebnisse dieser Studie konnte das Recht auf Unterstützte Elternschaft mit den beiden Säulen Elternassistenz und Begleitete Elternschaft im §78 BTHG verankert werden.

Die Darstellung der Fallanalysen beruht auf acht Fallstudien mit insgesamt zwölf Interviewpartner*innen. Bei den Gesprächspartner*innen handelte es sich um allein erziehende Mütter, Elternpaare sowie ein Mutter- Tochter- Paar. Die Fallstudie der Familie A. – die Eltern haben beide Lernschwierigkeiten – fand, in leicht veränderter Form, Eingang in den Fragebogen und wurde aus Sicht der Jugend- und Sozialämter bewertet. Dieser Bewertung wurde der reale Hilfeverlauf gegenübergestellt.

Die befragten Eltern mit körperlichen Beeinträchtigungen nehmen Elternassistenz in Anspruch; die als große Erleichterung erlebt wird. Würden die gesellschaftlichen und umweltbezogenen Barrieren weiter abgebaut, wären weniger Assistenzleistungen erforderlich.

Die wichtigste Problematik, mit der sich Eltern mit einer Sehbehinderung auseinandersetzen müssen, ist die Vererbbarkeit von Augenerkrankungen. Ein anderer Vorwurf ist der, die „eigenen Kinder zu Assistenten zu machen“, ein Vorwurf, der durchaus einen realen Hintergrund haben kann. Die Problematik „Kinder, die ihre Eltern pflegen“ muss auch im Leben chronisch kranker Eltern thematisiert und reflektiert werden. Leider ist es relativ häufig der Fall, dass Kinder zu Pflegediensten herangezogen werden, weil die Eltern Angst vor behördlicher Einmischung haben und aus diesem Grund ihre Rechte auf Assistenz bzw. Pflege nicht einfordern. Fehlende Angebote zur Unterstützung oder unzureichende Beratung der Eltern verstärken dieses Problem.

In den Gesprächen wurde deutlich, dass es eine Aufgabe der Eltern ist, zu „erspüren“, wann es Kindern Spaß macht, zu assistieren und wann ein sehender Erwachsener hinzugezogen werden muss. Eltern mit Sehschädigung und Blindheit laufen dann Gefahr, sich in große Abhängigkeit von ihren Kindern zu begeben, wenn sie ihr Kind zu sehr und zu häufig als Hilfskraft einsetzen. Diese Balance zu finden und das Zusammenleben als Familie für alle Mitglieder selbstbestimmt zu gestalten, ist die größte Herausforderung im Leben sehgeschädigter Eltern.

Wie bereits dargestellt, wurden gehörlose Eltern im Rahmen der Fallstudie nicht befragt.

Die heterogene Gruppe der Eltern mit Lernschwierigkeiten nahm den größten Teil der Fallstudien ein. Hier zeigte sich die größte Bandbreite – sowohl bei den Eltern selbst als auch bei den Unterstützungsleistungen. Die Elternschaft von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten wird – nachdem sich in den letzten 25 Jahren die Erkenntnis durchsetzte, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten Rechte auf Kinderwunsch und Elternschaft haben – zwar thematisiert aber eher zögerlich akzeptiert. Die genannte Elterngruppe ist in erster Linie von der Bedarfseinschätzung der fallzuständigen Ämter abhängig – v.a. dann, wenn die Eltern aus bereits benachteiligten Herkunftsfamilien stammen. Allerdings zeigt sich, dass die Eltern – bei bedarfsgerechter Unterstützung – ihre elterlichen Kompetenzen erweitern können.

Eine angemessene und bedarfsgerechte Unterstützung bei der Ausübung der Elternrolle führt nicht nur zu Zufriedenheit innerhalb der Familie. Auch die jeweiligen Unterstützer*innen äußern sich positiv über ihre Erfahrungen mit Unterstützter Elternschaft. Besonders deutlich wurde dies bei der Fallstudie A. mit einem trägerübergreifenden Unterstützungsmodell.

angefertigt von:

Dr. phil. Marion Michel

Dr. phil. Ines Conrad

Martina Müller, M.A.

Dr. med. Birte Pantenburg, M.Sc.

vorgelegt von:

Universität Leipzig, Medizinische Fakultät

Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP)

Leitung: Prof. Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller, MPH

Philipp-Rosenthal-Str. 55, 04103 Leipzig

Telefon: 0341 – 9715406 (Sekr.)

E-Mail: Marion.Michel@gmx.de

Ines.Conrad@medizin.uni-leipzig.de

Quelle

Marion Michel, Ines Conrad, Martina Müller, Birte Pantenburg: Unterstützte Elternschaft; Zusammenfassung des Abschlussberichts: Unterstützte Elternschaft – Angebote für behinderte und chronisch kranke Eltern – Analyse zur Umsetzung des Artikels 23 der UN-BRK vom 31.08.2017; Der ausführliche Text ist verfügbar unter: http://bidok.uibk.ac.at/library/michel-elternschaft.html oder in leichter Sprache unter: http://bidok.uibk.ac.at/library/michel-elternschaft-l.html

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 08.01.2020

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