Probleme behinderter Kinder - Therapie als Hilfe oder Hindernis

AutorIn: Monika Aly
Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Probleme behinderter Kinder - Therapie als Hilfe oder Hindernis

Es wird heute viel von Integration behinderter Kinder geredet und praktiziert. Integriert werden kann aber nur jemand, der vorher ausgesondert wurde. Und diese Aussonderung geschieht in erster Linie durch eine scheinbar genaue diagnostische Eingrenzung der Probleme und einem darauffolgenden Therapiesturm; in zweiter Linie vollzieht sich die Aussonderung institutionell. Ich möchte hier nicht auf die Frage der staatlichen Aussonderung und Regeleinrichtung eingehen, sondern auf das Therapieproblem.

Bei der Therapie steht meist nicht das ganze Kind im Mittelpunkt, sondern nur ein Aspekt oder ein defektes Teil. Für Eltern behinderter Kinder stellt sich die Frage der Therapie oft schon sehr früh; darin wird ein ganz besonderer Fortschritt gesehen. Durch eine ständige Ausweitung der Früherkennungs- und Risikoberatungsstellen, die oft längst durch ihr Spezialwissen den Blick für das gesamte Kind in seinem sozialen Umfeld verloren haben, steht der einzelne Defekt, den es therapeutisch zu bearbeiten gilt, im Vordergrund. Es wird versucht, die Probleme diagnostisch einzugrenzen; Gesundheit und Individualität werden dabei eingeengt. Die Diagnosen sind aufgrund des sehr jungen Gehirns ungenau, dienen aber als Rechtfertigung therapeutischer Maßnahmen. Insbesondere haben diese Spezialberatungsstellen ihre Rückwirkungen auf die einfachen Praktiker, die nur - um eben nichts falsch zu machen - das Risiko sehen und dann prophylaktisch und pauschal mal eben Therapie verordnen. Ob Spezialist oder nicht, ob die Diagnose sicher oder unsicher ist, Behandlung wird auf jeden Fall angeordnet, nach dem Motto: "Schaden kann Therapie jedenfalls nicht". Das geht schnell von den Lippen der Spezialisten und rechtfertigt eine oft jahrelange Therapie nach bestimmten Methoden; zur Zeit eben Bobath[1] oder Vojta[2]. Für uns Therapeuten führt eine Ausweitung therapeutischer Fälle, die auch z.B. retardierte, in der Entwicklung verspätete Säuglinge betrifft, zu einer scheinbar höheren Erfolgsquote und damit auch zu einer größeren Selbsteinschätzung therapeutischer Möglichkeiten. Das extremste und gleichzeitig lächerlichste Beispiel ist Vojta, dessen berühmte 96% Erfolgsquote ganz einfach nur auf der Basis krankbefindender Fehldiagnosen eigentlich gesunder Säuglinge zustandekommt. Den Eltern wird Panik eingejagt. Sie haben nicht mehr zu entscheiden, ob Therapie oder nicht, welche Methode etc. Versäumen wir denn etwas, wenn die Therapie nicht früh genug anfängt?

Es ist richtig, daß ein sog. "plastisches" Hirn eher mit Reizen und Anregungen gefüttert werden, es daher mehr aufnehmen und lernen kann. Aber ein kleiner - vielleicht cerebral geschädigter Säugling - hat doch nicht nur ein bewegungstechnisches Problem. Gerade wenn er aufgrund einer Frühgeburt länger im Krankenhaus bleiben mußte, muß er in erster Linie das nachholen, was jeder gesunde Säugling bis dahin erlebt hat: Eine angstfreie Beziehung zu seiner Umwelt, insbesondere seinen Eltern, einen ruhigen übersichtlich geordneten Tagesablauf und eine Stillung seiner Bedürfnisse. Dann erst hat ein Säugling die Bedingung und Möglichkeit, sich lustvoll und aktiv zu bewegen. Wenn wir aber sofort darauf starren, daß sich seine Bewegungen nicht im gewünschten Muster vollziehen und sie durch geschickte Griffe versuchen zu korrigieren, so kann ihn dies in seiner Entwicklung mehr hemmen, als wenn wir das kleine Kind zu eigenen Bewegungen ermuntern. Es geht bei cerebralgeschädigten Kindern oder Erwachsenen in erster Linie um den Erwerb ihrer eigenen Körperbeherrschung. Auch ein Säugling mit motorischen Problemen darf nicht nur durch raffinierte Reizgriffe zu normalen Bewegungen angeregt werden, sondern muß unter günstigsten Umwelteinflüssen seine Bewegung selbst beherrschen lernen und die pathologische versuchen zu verhindern. Und das über den ganzen Tag und eben nicht nur in der einzelnen Therapiestunde. Nach der Bobath-Lehre werden durch die Hemmung der Pathologie normale Bewegungen angebahnt. Wie oft erleben wir es, daß die Bewegungen gar nicht wirklich angebahnt werden, das Kind von selbst nicht in die therapeutisch gewünschte Stellung kommt und unser Bemühen künstlich bleibt. Wir Therapeuten sind mit unseren Griffen schnell bei der Hand, bevor wir überhaupt wissen, was dieses Kind hindert, normale Bewegungen durchzuführen. Dies kann man in erster Linie durch ruhige und sorgfältige Beobachtung herausfinden - und nicht, wenn man selbst auch unter dem Streß von Therapiezwang und -erfolg steht.

Zunächst braucht ein Kind Umweltbedingungen, die ein reifungsadäquates Agieren ermöglichen. Jeder Lernprozeß ist nur möglich, wenn die morphologisch-strukturellen Voraussetzungen der Gehirnreifung dazu herangewachsen sind. Nicht ein einzelner Reiz setzt die Gesamtheit der Sensomotorik[3] in Gang, sondern eine Fülle von Umwelteinflüssen. Das Imitieren als normal erkannter Bewegungsmuster kann als Versuch zum Aufbau der Körperhaltung akzeptiert werden, durchgreifendes sog. "Bahnen" bedarf jedoch einer komplexeren Beeinflussung des Gesamtverhaltens und führt dann nicht zu normalen Haltungen und Bewegungen, sondern zu einer optimalen, vom Schädigungsgrad des Gehirns abhängigen Körperbeherrschung, die willkürlich kaum von der Behandlung noch vom Kinde kosmetisch modifiziert werden kann.

Die Meilensteine der Entwicklung, die Ärzte wie Hellbrügge aus München publizieren und die in den Bücherschränken vieler Eltern als wichtige Richtlinien stehen, sind gleichzeitig Grenzsteine. Sie lassen kaum eine individuelle Entwicklung zu und versetzen die Eltern eher in Unsicherheit, als daß sie hilfreich sind. Wir Therapeuten verbreiten durch den heutigen Methodenzauber allerdings - natürlich auch für uns - die Hoffnung, Krankheit und Behinderung im Griff zu haben. Spezialisierung führt bei uns nicht dazu, einen Mensch komplexer zu sehen mit seinen Problemen, sondern die Defekte abzutrennen und sie zur Krankheit zu ernennen. Die Analyse einer Störung ist die Analyse nur eines Faktors der Entwicklung. Sie stellt nicht das Potential des Kindes in Rechnung, mit dieser Störung in seiner Umwelt fertig zu werden.

Früherkennung darf also nicht heißen Jagd nach Krankhaftem, sondern zunächst Beobachtung des gesamten Kindes. Somit wird dann auch die Frühdiagnose der Cerebralparesen (Bewegungslähmungen aufgrund einer Hirnschädigung) zu einem Nebenprodukt der allgemeinen Untersuchung im Hinblick auf die normale Entwicklung. Wenn sich nun ein Kind aufgrund genauer und häufiger Beobachtung nicht zu entwickeln scheint oder Zeichen einer cerebralen Schädigung sichtbar werden, muß eine Therapie einsetzen. Dabei ist es wichtig, den Respekt vor dem Säugling oder Kind "seines Rhythmus", seiner Art und Weise, auf seine Umwelt zu reagieren, in den Vordergrund zu stellen. Wenn man diese Voraussetzungen im Kopf hat und weiter überlegt, daß Bewegung eine Grundausdrucksform des Individuums ist, das mit seinen zwischenmenschlichen Beziehungen auf die Gesellschaft bezogen ist, dann kann man auch von krankengymnastischer Therapie sprechen. Diese sollte sich immer an den Ansätzen und Möglichkeiten des jeweiligen Kindes orientieren. Nicht der Therapeut darf bestimmen, was das Kind lernen soll, sondern wir müssen versuchen, die Fäden der Normalität aufzugreifen.

Positive Zeichen was das Kind schon kann - haben viel mehr prognostischen Wert als die negativen, der Defekt selbst. Das wird jeder einsehen. Die Schwierigkeit liegt aber gerade im abwartenden Beobachten, was von uns viel mehr Erfahrung und Sicherheit verlangt, als die blinde Früh- und Frühsttherapie, deren diagnostische Grundlage immer fraglich ist. Die Therapieerfolge sind dann doch oft nur das einfache Ergebnis von Fehldiagnosen, die Defekte größer gemacht haben, als sie tatsächlich waren. Wir müssen dem Kind Gelegenheit geben, seinen Fähigkeiten entsprechende sinnvolle Bewegungsformen selbst zu finden, um sein Optimum erreichen zu können. Eine Therapie kann meiner Meinung nach bei einem hirngeschädigten Menschen dessen Bewegungsmöglichkeiten unterstützen, verbessern oder stabilisieren, aber nicht komplett korrigieren. Erfahrung ist immer der Übung vorzuziehen. Ein Mensch, der weder gelernt hat, sich mit seinen falschen Bewegungen zu bewegen noch mit den richtigen Bewegungen zurecht kommt, dem hat Therapie auf jeden Fall geschadet.

Ich möchte kurz auf die gängigen Methoden eingehen: Es sind die nach Bobath und nach Vojta. Beiden Methoden ist gemeinsam, daß die Pathologie im Vordergrund steht, daß sie nicht auf eine genaue und abwartende Beobachtung der Krankheit setzen, sondern auf überstürzte therapeutische Maßnahmen, um richtige normale Bewegungen anzubahnen.

Das Problem dieser Methoden liegt nicht darin, daß es sie gibt, sondern daß sie kritiklos von vielen Therapeuten als unanfechtbare einzige Möglichkeit angewendet werden, um cerebralbewegungsgestörten Menschen zu helfen. Das geht soweit, daß sich Krankengymnasten minderwertig und unqualifiziert fühlen, wenn sie noch keinen Kurs haben. Der Run zu diesen Fortbildungen ist dementsprechend. Mir ging es auch so. Ich glaubte vor dem Kurs nicht meinen eigenen Beobachtungen, da ich meinte, zu wenig Pathologie zu sehen, somit unqualifiziert zu sein. Ich meine trotz meiner Kritik, die ich nicht falsch verstanden wissen möchte, daß wir uns als Krankengymnasten alle Techniken und auch eine Methode, wie die der Bobaths aneignen müssen, um aber dann nicht nach Bobath behandeln, sondern nach der uns eigenen immer neu durchdachten Weise. Das setzt viel mehr voraus, als nur richtig erlernte Griffe.

Die Methode Vojta lehne ich ab, weil das Kind hier nur als Reflexmaschine vorkommt und keine seiner Bewegungen selbst bestimmen kann. Eine Erfahrung der eigenen Möglichkeiten wird beim Kind unterbunden. Die Eltern werden zu Co-Therapeuten degradiert, die unter einem ständigen Leistungsdruck stehen. Dabei sind die ca. viermal pro Tag durchzuführenden Zwangsübungen meist auch noch vergeblich.

Behinderung wird heute oft als angeblicher Mangel rechtzeitiger und richtiger Therapie oder als Mangel elterlicher Mitarbeit bewertet. Am wenigsten will man sich vorstellen, daß sich die Behinderung trotz Therapie nicht ändert. Viele meiner Kollegen sprechen inzwischen gerade dann von "Elternanleitung", wenn sie selbst die Therapie für das Kind nicht mehr rechtfertigen können. Den Eltern werden die für ihr Kind angeblich richtigen Griffe für den Alltag beigebracht, hier und dort eine kleine Veränderung als Hilfe in der Wohnung. Man versucht - und mir geht das auch oft so -, krampfhaft am Problem Kind festzuhalten, ohne sich zu trauen, eine Entscheidung zu treffen. Trauen wir uns wirklich nicht oder brauchen wir das Problem zur Aufrechterhaltung unserer Daseinsberechtigung als Therapeuten? Schwerwiegende Probleme, z.B. mit größeren Spastikern, verdrängen wir, uns fällt nichts mehr ein, die Eltern haben mehr oder weniger gelernt, alleine damit zurecht zu kommen. An kleinen Problemen bleiben wir aber gerne kleben, sie sind auch übersichtlicher und noch nicht so komplex.

Die viel besprochene, so schnell von der Hand gehende Elternanleitung, die Elternberatung, Elternarbeit, Elterntraining, Patientenführung oder gar die Schulung zum Co-Therapeuten beschreiben insgesamt eine Praxis, die ich ablehne, weil hier in freundlicher und gleichzeitig autoritärer Weise die Verantwortung für den Therapieerfolg auf die Eltern verschoben wird und darüber hinaus unter dem Vorwand therapeutischer Notwendigkeit, eine fast totale Einmischung in das Privatleben anderer Menschen gerechtfertigt wird. Unterstützung für die Eltern kann nützlich sein, wenn man mit ihnen z.B. Ernährungsprobleme bespricht, ihnen hilft, Hilfsmittel für das Kind zu Hause zu bauen - sie also nicht versucht unmündig zu machen, indem man ihnen einen supermarktartigen Hilfsmittelkatalog in die Hand drückt. Die Eltern zu anstehenden Arzt- oder Krankenhausbesuchen zu begleiten, kann sehr wichtig sein, setzt aber voraus, daß wir selbst souverän sind im Hinblick auf mögliche Operationen oder Medikamentierungen. Elternhilfe darf sich nicht dahin erstrecken, ihnen neurophysiologische Griffe beibringen zu wollen, um Übungen mit ihren Kindern zu machen oder auch zeitraubende sinnlose Gipsschalentorturen durchzuführen, die in keinem Zusammenhang stehen. Diese Art von Anleitung ist oft eher unser schlechtes Gewissen, die Krankheit nicht genügend im Griff zu haben oder sie nicht als Zugehörigkeit zum Kind akzeptieren zu können.

Wie geht es aber dann erst den Eltern, denen wir eigentlich helfen wollen? Sie müssen doch Eltern des ganzen Kindes bleiben und nicht nur des Problems.

Wie schnell erkennen wir alle Probleme, wie schnell lenken wir den Blick nur noch auf den Defekt und sind oft ganz versessen darauf, noch mehr davon zu erkennen bzw. uns auf andere normale Alltags- oder Erziehungsprobleme zu stürzen. Wir können schlecht akzeptieren, daß Eltern Probleme nicht oder anders sehen, sie nicht unseren guten hilfreichen Anweisungen Folge leisten, uns vielleicht trotz größter motorischer Schwierigkeiten gar nicht wichtig nehmen. Wir fragen uns dann: Können die Eltern vielleicht die Behinderung nicht überschauen? Überschauen nur wir es? Müssen wir sie deshalb entmündigen für ihr Kind? Müssen also wir an die Zukunft ihres Kindes denken? Müssen türkische Familien wegen ihrer behinderten Kinder ihre Kultur aufgeben und sich unseren Vorstellungen von therapeutisch vorgegebener Norm für ihre Kinder anpassen? Ich denke dabei an Forderungen wie sich an mehrere Bezugspersonen zu gewöhnen - also nicht nur an die Mutter. Eine Ärztin sagte mir neulich bei einem Hausbesuch bei einer türkischen Familie, die wie viele türkische Familien auf dem teppichbedeckten Boden leben: "Für Tesslime muß ein Tisch her, damit die Mutter in Eßtherapie eingeführt werden kann." Aussonderung noch innerhalb der Familie? In diesem Sinne wurde einer anderen Mutter geraten, ihr Kind auf der Rolle zu füttern. Sitzt die übrige Familie auch auf der Rolle oder am Tisch?

Ich habe einmal in einer Behinderteneinrichtung in Florenz gearbeitet und dort gelernt, was es heißt, Respekt gegenüber der Familie zu haben, sie zu achten in ihren Entscheidungen und Familienbräuchen. Es ist klar, daß die Eltern unsere Anregung brauchen. Sie brauchen diese Anregung und Unterstützung eigentlich gar nicht so sehr von uns professionellen Therapeuten, sondern sie brauchen sie überhaupt von allen, ganz einfach weil ein behindertes Kind die Eltern auch frustriert und ihre Phantasie und Kraft erlahmen läßt. Daß diese anderen Menschen, die Nicht-Therapeuten, oft keine Unterstützung geben, hilflos wegblicken, die Verantwortung wegschieben oder mitleidig untätig sind, hat viele Gründe, aber ein wichtiger Grund ist der, daß es uns Therapeuten überhaupt gibt: Dadurch nehmen wir den ungelernten Menschen Mut, die selbstverständliche Verantwortung und ihre eigene praktische Phantasie. Wir machen sie durch unsere Techniken und Diagnosen zu verunsicherten Laien, die sich nichts mehr zutrauen. Das ist der Weg, über den wir behandelten behinderten Kindern mehr schaden als nützen können. Das heißt jetzt nicht, daß wir unsere Hände in den Schoß legen sollen. Es ist ein Denkanstoß, der uns über unsere negative Rolle als Therapeut zum Nachdenken zwingen soll.

In Therapie-Sondereinrichtungen, so wie der unseren in Berlin, wird die gruppenintegrierte Therapie diskutiert und auch praktiziert. Das heißt, daß die Kinder zur Therapie nicht mehr aus der Gruppe geholt werden, sondern in ihrem Gruppenalltag gefördert und therapiert werden sollen. Meiner Meinung nach kann es nicht Ziel sein, pädagogische Arbeit und Therapie miteinander zu vermischen oder gar das bißchen Alltag in der Kindergruppe einer therapeutischen Sondereinrichtung noch zur Therapie zu machen. Es ist viel wichtiger, die Eigenständigkeit und den Wert der pädagogischen Arbeit des Kindergartens, insbesondere in einer Sondereinrichtung, stärker herauszustellen. Das schließt eine Zusammenarbeit zwischen pädagogischen und therapeutischen Kräften nicht aus. Der Erzieher braucht sicher auch die Information und Beratung durch uns, die Therapie ist dem pädagogischen Alltag einer Kindergruppe jedoch immer unterzuordnen.

Wie sieht das aber in Sondereinrichtungen wie der unseren aus, in denen es fast nur Gruppen mit schwerbehinderten Kindern oder Jugendlichen gibt? Da geht es doch gar nicht wirklich um Therapie in der Gruppe, sondern um pflegerische, in den Alltag eingeordnete Maßnahmen. Niemand will unterscheiden, was Therapie und was pflegerische Hilfe ist - am allerwenigsten wir Bobath- oder Vojtatherapeuten. Wir verkaufen alles als Therapie, auch wenn sie keine Schritte in Richtung Heilung bewirkt. Deswegen ist das, was wir tun, nicht falsch - das Durchbewegen von Schwerbehinderten oder auch Atemübungen sind sehr wichtig -, aber es ist keine Therapie, sondern pflegerische Hilfe. Wir wissen auch, daß die gängigen Methoden weder für diese Kinder gedacht, noch überhaupt sinnvoll sind. Pflegerische Hilfen auch von uns sind im Gruppenalltag sehr wichtig im klaren Unterschied zu sogenannten gruppenintregrierten therapeutischen Maßnahmen.

Die Begriffe Diagnostik und Therapie gehörten ursprünglich zum medizinischen Bereich. Mit der Zeit wurde der Begriff Therapie auch für Tätigkeiten angewandt, die nicht unbedingt dem medizinischen Bereich zugehören. Inzwischen hat dies zu einer regelrechten Inflation von Diagnostik und Therapie im außermedizinischen Bereich geführt. Der diagnostische und therapeutische Anspruch ist von Berufsgruppen übernommen worden, bei denen im Grunde pädagogische Momente im Vordergrund ihrer Arbeit stehen.

Therapie und Pädagogik sind historisch gewachsene Begriffe, die beide neben dem stehen, was wir als die normale Entwicklung des Menschen bezeichnen. Therapie will Abweichendes heilen, um Normales möglich zu machen. Pädagogik will die normale Entwicklung auf ein Ziel orientieren. Statt sich dem obersten Ziel, der normalen, freien Entwicklung unterzuordnen, werden beide Absichten vermischt und es entstehen Absurditäten wie therapeutische Pädagogik bzw. pädagogische Therapie.

Eine Erzieherin einer Sonderkindergruppe machte mir dies an folgendem Beispiel klar: Bei einem spastischen Kind versuchte man in der Therapie, mühselig das Gleichgewicht herzustellen. In der Gruppe aber, wenn es am Tisch malte, nach Buntstiften griff, schien es dem Kind kein großes Problem zu sein, sein Gleichgewicht zu halten. Es wollte nämlich malen. Sie sagte, die Kinder machen vieles im Rahmen der Gruppe, auch ohne Therapeutin, was sie im Labor der Therapeuten nicht tun.

Gibt es einen Therapieerfolg? Jeder braucht für seine Arbeit gewisse Erfolge. Wir auch. Es ist schwer, bei hirngeschädigten Menschen zu wissen, worauf eine positive Weiterentwicklung zurückzuführen ist: Hat die Therapie Ersatzzellen mobilisiert? Waren es die adäquaten Umweltbedingungen? Brauchte dieses Gehirn einfach länger, um sich zu entwickeln? Hat es sich deshalb trotz oder wegen der Therapie weiterentwickelt? Unsere Therapieerfolge lassen sich meines Erachtens damit erklären, daß es zum einen vielleicht eine Fortentwicklung therapeutischer Möglichkeiten gibt, daß aber zum anderen durch den Frühbehandlungsboom von Risikokindern viel zu viele Kinder therapiert werden, die nichts haben.

Ich glaube in letzter Zeit immer weniger an einen wirklichen Therapieerfolg. Ich konnte oft feststellen, daß die Kinder auch nach längerer Urlaubszeit oder Unterbrechung nicht mehr Probleme hatten und sich durchaus, in ihrem Rahmen, auch ohne Therapie fortentwickelt haben. Es spricht viel dafür, die Therapie gelegentlich auszusetzen, um zu sehen, ob sie notwendig ist. Vieles, was wir machen, ist ja auch nicht Therapie, bzw. wir haben keine therapeutischen Ziele. Bei näherem Hinsehen handelt es sich oft um rein pflegerische Maßnahmen.

Es geht bei dauerhaft behinderten Kindern oft eben nicht um Therapie und das damit verbundene Heilungsziel, sondern es geht z.B. darum, Muskelkontrakturen (Gelenksteife) vorzubeugen, die Durchblutung und Atmung zu fördern, Spannungsübungen bei Muskelschwund und Sensibilitätsanregungen durchzuführen etc. - Kurzum: mögliche Folgeschäden zu verhindern oder wenigstens zu verlangsamen. Solche pflegerischen Ziele sind in unserer krankengymnastischen Arbeit mit Kindern mit Cerebralparesen (CP) durch den Methodenzwang Bobath und Vojta verdrängt worden. Wir haben selbstverständlich immer therapeutische Ziele im Auge, auch wenn es keine realen Ziele zu erreichen gibt. Unser Erfolgszwang mit den neurophysiologischen Methoden läßt es nicht zu, daß wir ohne Fortschritts-Ziele arbeiten. Und das natürlich umso mehr, wenn wir fachlich spezialisiert sind. Gerade in der Behandlung mit cerebralgeschädigten Menschen ist es wichtig zu entscheiden, welches Ziel man verfolgt, welche Prognose das Kind hat und dies auch mit den Eltern zusammen bespricht.

Nach meiner Erfahrung hat das Therapierungsbemühen auch seine Grenzen: Ein C.P.-Kind bleibt ein C.P.-Kind, wir können es nicht gesundtherapieren. Wir müssen klar sehen, daß fehlende Hirnsubstanz nicht zu ersetzen ist. Wir können auf die Ersatzleistungen anderer Zellen nur bedingt rechnen und auch dann nur, wenn wir nicht nur die Bewegung im Kopf haben. Wir können jedenfalls dem Kind, und auch den Eltern, durch hartnäckigen Therapiestreß den restlichen Mut und die Selbstsicherheit nehmen. Gerade Mut und Selbstsicherheit brauchen sie aber! Von daher sind Therapien nur sinnvoll, wenn sie kurzfristig und sichtbar nützlich sind. Wichtiger sind Überlegungen zu frühzeitigen Schuhkorrekturen, operativen Maßnahmen und phantasievollen Hilfsmitteln. Diese können ein Kind vor oft jahrelanger nervenzermürbender Therapie bewahren - eine operative Maßnahme steht dann am langen Ende doch noch an.

Ich möchte keinen Feldzug gegen jegliche Therapie führen. Ich möchte nur klar machen, wie eng die Grenzen der Therapie sind. Es ist sehr leicht, mit einem Karren voller Techniken und Methoden an einen Menschen heranzufahren mit dem Motto "Irgendwas wird schon passen". Viel schwerer ist es, aufgrund sorgfältigster Beobachtung Fähigkeiten zu unterstützen, die dem ganzen Menschen nützen. Wir Therapeuten dürfen nicht zu einer lebendigen Prothese für die Bewegung eines Menschen werden. Das Individuum muß in seiner Bewegung - als seine Grundausdrucksform - respektiert werden. Erfahrungen sind immer Übungen vorzuziehen. Dies sind wichtige Voraussetzungen für eine sinnvolle und vielleicht nützliche Therapie. Dazu brauchen wir in erster Linie Erfahrung, einen eigenen Kopf zum Überlegen, viele Kenntnisse und erst dann auch Techniken.

Da die Therapie Mittel zum Zweck ist, muß das Ziel immer sichtbar und greifbar sein. Sie darf nicht zum Alltag werden, sondern nur über einen überschaubaren, begrenzten Zeitraum stattfinden. Therapien, die bei uns immer beliebter werden (und inzwischen auch immer mehr Ausbildungsstätten wie Pilze aus dem Boden wachsen), wie Psychomotorik, Spieltherapie, Maltherapie, Musiktherapie, Beschäftigungstherapie sind künstliche Therapien, tun allen Kindern gut und könnten in jedem Kindergarten für alle Kinder durchgeführt werden. (Daher sind sie eben keine Therapien.) jedoch allein die Existenz unserer Sondereinrichtungen fordert geradezu zu einer Übertherapeutisierung auf. Sie sind schon deswegen in Frage zu stellen. Ein Rechtfertigungsgrund, um ein Kind in eine Sondereinrichtung zu geben, ist in erster Linie eine Förderung durch Therapie. Eine Förderung mag vielleicht stattfinden, aber der dortige Therapiezwang steht damit in keinem Verhältnis.

Ich möchte mich Milani-Comparetti und Roser anschließen, die feststellen: "Wir wissen, daß die Physiotherapie der Neuromotorik keine heilende (verbessernde) Wirksamkeit gegenüber dem Defekt besitzt, sondern nur auf die Konstruktion von Alternativen zum "pathologischen" Pattern Einfluß haben kann. Im Repertoire der im Zentralnervensystem existierenden Automatismen, die wir benutzen, um das tägliche Leben zu meistern, gibt es aber keine "pathologischen" Pattern. Z.B. das Pattern der typischen Haltung des Armes eines Hemiplegikers ist als solches nicht pathologisch, denn es wird im Alltagsleben dazu benutzt, eine Tür aufzuziehen. Es handelt sich nicht um ein pathologisches Pattern, sondern um eine Reduktion des Patternrepertoires, um ein Fehlen von Pattern, durch das keine funktionalen Alternativen möglich sind."

Aus dieser Feststellung geht klar hervor, daß die Physiotherapie nicht ein Übel, das nicht vorhanden ist, kurieren kann, sondern nur Alternativen liefern kann. Mit anderen Worten: die Physiotherapie wie die neurologische Semeiotik können nur das Positive wollen; sie helfen aufbauen, was das Kind tun kann und zwar durch Förderung von Normalität, während es nicht möglich ist, den Defekt zu eliminieren.

Ich möchte mit Milani-Comparetti und Roser schließen: "Merkwürdigerweise nimmt man es einem Blinden ab, daß er nicht sehen kann und hilft ihm, Alternativen zu finden (wenn er nicht von selbst auf sie stößt), die ihm ein möglichst normales Leben erlauben."

Dies geschieht aber nicht beim behinderten Kind!

Quelle:

Monika Aly: Probleme behinderter Kinder - Therapie als Hilfe oder Hindernis.

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

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Stand: 02.09.2005



[1] In den 50er Jahren begann Berta Bobath (London) als Krankengymnastin ihre spezielle Behandlung zerebraler Bewegungsstörungen, damals "spastische Lähmungen" genannt. Bekannt wurde sie durch die Einführung reflexhemmender Stellungen, welche ermöglichten, die durch Nerveneinflüsse bedingte Zusammenziehung eines Muskels (Muskeltonus) leichter zu kontrollieren und in der Folge bessere Bewegungen zuließen. Ihr Mann, Dr. Karel Bobath , Neurologe, interpretierte und unterbaute die Behandlungsweise neurophysiologisch, d.h. ausgehend von den normalen körperlichen Abläufen. Wenn die Koordination der Bewegungsabläufe bei nicht vollendeter Reifung des zentralen Nervensystems abnorm verläuft, sind Störungen aller automatischen Reaktionen (Stell-, Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen) die Folge. Aufgrund der ständigen Weiterentwicklung ihrer Arbeit durch/und Einbeziehung fundierter Anregungen werden heute weder reflexhemmende Stellungen noch Bewegungsmuster beschrieben. B. Bobath spricht nur von individueller Behandlung (treatment), womit sie "Handhabung" oder Führung des ganzen Kindes meint. Einige wesentliche Punkte der Bobathschen Behandlung sind u.a.: Alle therapeutischen Maßnahmen sind auf erreichbare Ziele ausgerichtet und dienen gleichzeitig als Vorbereitung für den nächsten Entwicklungsschritt des Kindes. Die normale Entwicklung dient als Leitfaden. Wesentlich ist nicht das Erlernen von Bewegungen, sondern die Vermittlung des Gefühles für normale Bewegungen. Bei Bedarf über Spielzeug und andere, das Interesse des Kindes weckende Hilfsmittel, werden unbewußt automatische, spontane Bewegungen hervorgerufen. Erst wenn das Kind fähig ist, diese Bewegungen zu kontrollieren, sollte die Ausführung gewollter Bewegungen erlernt werden. Teamarbeit mit den Eltern/Betreuern ist wesentlich, die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Therapien (Krankengymnastik, Beschäftigungs- und Sprachtherapie) ist unumgänglich; Liege-, Sitz-, Steh- und Gehhilfen werden nur wenn absolut notwendig angewandt. (nach 1. Danielcik: Entwicklungsneurologische Behandlung nach Bobath, in: Feldkamp/Danielcik. Krankengymnastische Behandlung der cerebralen Bewegungsstörung. München o J.)

[2] Dr. Vaclav Vojta, Kinderneurologe, Prag. Entwicklung seiner Methode seit 1954. Vojta sieht und beurteilt die Entwicklung eines Kindes vom Prinzip der menschlichen Fortbewegung: a) Beherrschung der Gesamtkörperhaltung, b) Aufrichtung und c) in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Bewegungen als Teil einer Bewegungsabfolge. Er stellt beim cerebral bewegungsgestörten Kind Mängel in der normalen Bewegungsentwicklung und Koordination fest und glaubt, daß die Spastik erst als Folgeerscheinung dieser Störung auftritt, da es zu einer Fixation der "falschen" Bewegungen kommt, wenn keine Behandlung einsetzt. Man spricht von seiner Behandlungsmethode als einem "Bahnungssystem". Durch Druck und Zug, auch unter Zuhilfenahme von Kissen und Rollen, werden über bestimmte "Auslösungszonen" Bewegungen angebahnt, um eine pathologische Bewegung in eine normale umzuwandeln. Ausgegangen wird von den vorhandenen Fehlstellungen und dem Ziel der Behandlung, d.h. der Bewegungsantwort, die man erreichen will. Diese Reaktion muß abgewartet werden, d.h. zum Beispiel Druck oder Zug müssen solange ausgeübt werden. Die Übungen sollen fünfmal täglich 10 - 20 Minuten durchgeführt werden. (nach E. Träger: Entwicklungskinsiologische Behandlung der zerebralen Bewegungsstörung nach Vojta, in: Feldkamp/Danielcik, a.a.O.)

[3] durch Reize hervorgerufene Sinnes- und Bewegungsleitung des Nervensystems und daraus folgende Muskelaktivität

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