Frühförderung und Sonderkindergarten - Der Anfang vom Ende?

AutorIn: Ingrid Matthäus
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Buch
Releaseinfo: entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Frühförderung und Sonderkindergarten

Träumt einer allein,

ist es nur ein Traum.

Träumen viele gemeinsam,

ist es der Anfang von etwas Neuem.

(Brasilianisches Sprichwort)

Am Anfang des Jahres 1981 kursierte unter einigen Mitarbeitern unserer Sondereinrichtung für Vorschulkinder ein Aufsatz von Monika Aly zum Ihema Therapieren von Behinderten. Dieser Aufsatz wurde zum Anstoß für - zunächst vereinzelte - Gespräche über das eigene Unbehagen bei unserer Arbeit, das verschiedene Mitarbeiter schon geraume Zeit hatten. Immer öfter stellten wir uns folgende Fragen:

  • Arbeiten wir mit unseren behinderten Kindern nicht viel zu isoliert? Wo und wie geben wir ihnen einen Bezug zu ihrer realen Umwelt? Umgekehrt: isolieren wir unsere Kinder durch unsere Arbeit in der Sondereinrichtung am Rande der Stadt von der Umwelt?

  • Ist es wirklich sinnvoll, ein behindertes Kind mit sanfter Gewalt normalzutherapieren? Wie sieht ein normaler Mensch überhaupt aus? Setzen wir durch den Zwang des Therapierens nicht alle - uns, die Kinder, deren Eltern - unter Druck?

  • Neigen wir nicht ständig dazu, unsere Eltern mit unserem Fachwissen zu bevormunden? Drängen wir sie nicht dadurch in Passivität und Abhängigkeit?

Nach einigen Wochen des Gesprächs zwischen Tür und Angel während der Arbeitszeit, bildete sich eine Gruppe Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen zu einer Arbeitsgruppe in der Freizeit. Hier wurden immer detailliertere Fragen über die Arbeit erörtert und nach neuen Wegen und Möglichkeiten gesucht. Doch es entstand zunächst eine wachsende Unsicherheit und Leere. So wurde der Wunsch nach Austausch mit Kollegen und Betroffenen mit ähnlichen Erfahrungen immer größer, von denen Anregungen und neue Aspekte der Arbeit mit Behinderten erhofft wurden. Darum meldeten wir uns zum Gesundheitstag im Herbst 1981 an.

Mit viel Aufregung kam dann für uns nach intensiver Vorbereitung der Tag, an dem unsere zweistündige Veranstaltung angekündigt war. Die meisten von uns hatten noch nie in einem solchen Rahmen geredet, wir hatten Angst vor den vielen Fachleuten, die uns vielleicht scharf kritisieren würden, und wir hatten Befürchtungen, daß man von uns ein fertiges Konzept erwarten würde, waren wir doch ausdrücklich als Arbeitsgruppe gekommen, die das Gespräch suchte und nichts Fertiges vorzuweisen hatte. Um es vorwegzunehmen, die Veranstaltung wurde sehr spannend und interessant, und wir waren hinterher glücklich, diesen Schritt gemacht zu haben.

Der Raum war mit ca. 150 - 200 Personen restlos überfüllt. Es waren hauptsächlich Kollegen aus den sozialen Berufen anwesend, wenige Eltern und Behinderte. Nach einer kurzen Darstellung der Geschichte unserer Arbeitsgruppe begann eine sehr lebhafte Diskussion, in der aus unterschiedlichen Berufsbereichen und Institutionen heraus unser Unbehagen an der Arbeit mit behinderten Kindern geteilt wurde. Immer wieder tauchte die Angst vor zu starken therapeutischen Eingriffen in die Eltern-Kind-Beziehung und einer zu stark auf die Normalität ausgerichteten Anpassungsideologie auf. In der Diskussion wurden vor allem folgende Bedenken geäußert:

  • Durch Sondereinrichtungen wird den Behinderten die Chance genommen, normal zu sein. In solchen Einrichtungen geht allen Beteiligten mit der Zeit der Blick für Normalität mehr und mehr verloren.

  • Die Eltern behinderter Kinder werden von den Fachleuten entmündigt; ihnen werden zu viele Entscheidungen abgenommen. Ihre Unsicherheit und Hilflosigkeit dem behinderten Kind gegenüber wird verstärkt, anstatt daß ihnen Mut gemacht und Unterstützung angeboten wird, um selbst nach Lösungsmöglichkeiten für ihre Probleme zu suchen.

  • Durch die Frühförderung wird die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind gestört und damit eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung genommen.

  • Die Therapeuten denken selbst in Kategorien wie krank - gesund, behindert - normal, leistungsfähig - leistungsunfähig.

  • In der künstlichen Umgebung geht die natürliche menschliche Haltung leicht verloren und wird durch eine therapeutische Haltung ersetzt. Dadurch entsteht Distanz anstatt lebensnotwendige menschliche Nähe.

Die Mutter eines behinderten Kindes schilderte sehr eindrucksvoll ihre Erfahrungen mit Ärzten und sonderpädagogischen Einrichtungen, deren Konsequenzen auf ihr Selbstbild und ihre nur auf Therapie ausgerichtete Wahrnehmung des Kindes. Sie schilderte auch ihren ganz persönlichen Emanzipationsprozeß, der sie heute zu mehr Selbstbewußtsein, Mitsprache und Toleranz dem Kind gegenüber befähigt.

War bei der Kritik am bestehenden Versorgungssystem und dem Bedürfnis, sich mal alle Sorgen von der Seele zu reden, eine große Übereinstimmung in der Arbeitsgruppe, so wurde die Stimmung doch sehr viel unsicherer, als wir nach Möglichkeiten der Umsetzung suchten. Zwar konnte auf Modelle in Italien und Dänemark verwiesen werden oder auf einzelne Initiativen in unserem Land, aber die große Frage blieb ungeklärt, was mit den vielen bestehenden Sondereinrichtungen geschehen soll, wie die herrschende Ideologie eines Wir-tun-doch-so-viel-für-die-Behinderten-Denkens, welches so oft keine Kritik mehr zuläßt, verändert werden kann. Es herrscht viel Ratlosigkeit und Unsicherheit. Zudem galt es ja auch, die Forderung nach Öffnung von Sondereinrichtungen vor den falschen politischen Freunden zu schützen, die unter dem Motto Einsparung im Sozialbereich uns lächelnd zur Seite stehen und nicht im Traum daran denken, auch den zweiten Teil unserer Forderung, nämlich eine qualifizierte Förderung und Beratung in den Regeleinrichtungen, zur Kenntnis zu nehmen. Bei vielen Diskussionsteilnehmern wurde deutlich, mit welch großem Selbstbewußtsein sie auch die sog. Normaleinrichtungen kritisieren konnten, denn warum sollte nicht das pädagogische Handeln in Sondereinrichtungen als Maßstab für eine bessere Kindergartenpädagogik gelten?

Als grundlegend wichtig für alle weiteren Überlegungen wurden folgende Punkte gesammelt:

  • Behinderte Menschen müssen die Chance erhalten, in ihrer natürlichen Umwelt leben zu können. Sie müßten von vielen getragen werden und nicht ein Problem für wenige sein. Wahrscheinlich wären sie dann kein Problem, sondern uns Normalen würde die Chance eröffnet, z.B. unser eigenes Leistungsdenken zu überprüfen. Daraus könnten sich allerdings weitreichende Folgen für unser Schul- und Wirtschaftssystem ergeben.

  • Integrationsversuche sollten möglichst im Vorschulbereich beginnen, da es einfacher ist, Aussonderung gar nicht erst zuzulassen, als später eine bereits begonnene Entwicklung zu revidieren.

  • Integration ist nur denkbar durch Dezentralisation. Förderungseinrichtungen müssen sich im normalen sozialen Umfeld des Kindes befinden.

  • Voraussetzungen für Integration im Schulbereich sind kleine Klassen, Stützlehrer, mobile Therapeuten und Abgehen vom System der Jahrgangsklassen.

  • Die Eltern müssen stärker in pädagogisch/therapeutische Gedanken und Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Familien müssen in praktischen Dingen umfassender unterstützt werden als bisher.

Fazit der Arbeitsgruppe: Die meisten Teilnehmer konnten erleichtert feststellen, daß auch viele andere auf dem gleichen Weg sind und daß es gut war, sich darüber zu unterhalten. So konnte dem Unbehagen an der Behindertenarbeit zumindest etwas mehr Mut und Kraft auf dem Nachhauseweg gegenübergestellt werden. Uns war klar, nicht die großen Taten, sondern nur kleine Schritte können den Alltag in unserer Einrichtung verändern. Und das wollten wir auf jeden Fall versuchen.

Nach dem Gesundheitstag haben wir zunächst in unserer Einrichtung den anderen Kollegen mitgeteilt, was in unserer Arbeitsgruppe gelaufen ist; das war dann gleichzeitig Ausgangspunkt für mehrere hausinterne Fortbildungsnachmittage und Elternabende, an denen wir versuchten, die für uns offenen Fragen zu klären. Der Plan, eine Arbeitsgruppe hier im norddeutschen Raum zu bilden, wurde bald verworfen, weil wir doch lieber an Ort und Stelle praktische Dinge ausprobieren und nicht noch mehr abstrakte Ideen produzieren wollten.

Aus dem Wunsch, zunächst einmal eine breite Öffentlichkeit zu schaffen, entstand die Idee, einen Laternenumzug bei uns im Ort zu machen, zu dem wir Kinder und Eltern aller bei uns vertretenen Kindergärten einluden. Der Erfolg war umwerfend, es kamen so viele Kinder, daß unsere in der Menge richtig untergingen und wir häufiger die Frage hören konnten: "Wo sind denn die behinderten Kinder eigentlich?"

Etwa 14 Tage später luden wir die Erzieherinnen aller Regeleinrichtungen zu einem Gespräch über unsere Situation als Sondereinrichtung ein, zu dem viele kamen. Wir mußten voller Überraschung hören, daß viele erst durch den Laternenumzug von unserer Existenz erfahren hatten. Folge dieses Abends waren zunächst Kinderbesuche aus Regeleinrichtungen, daraus entstanden für unsere Kinder regelmäßige Besuchstage in anderen Einrichtungen, so daß einige unserer Kinder inzwischen ihre feste Gruppe in einem anderen Kindergarten haben, in den sie einmal pro Woche gehen. Daraus wieder entwickelten sich regelmäßige Gesprächstermine mit den Kolleginnen aus den anderen Einrichtungen, an denen vereinzelt auch Eltern teilnehmen. Nach einem intensiven Gespräch über bereits bestehende integrative Einrichtungen in der BRD[1] mit Mitarbeitern unserer Einrichtung und einigen interessierten Müttern erklärte sich ein Spielkreis mit Vorschulkindern bereit, einmal wöchentlich in unserer Einrichtung zu tagen, zusätzlich kommt auch alle 14 Tage ein Spielkreis, dessen Kinder sich auf unsere Gruppen verteilen.

Früher empfanden wir Eltern, die uns kritisierten, als Bedrohung, und wir konnten sie als inkompetent abtun und zum Objekt intensiver Elternarbeit machen. Heute können wir zunehmend die Eltern als gleichberechtigte Partner betrachten, mit ihnen Möglichkeiten besprechen, Kinder in anderen Einrichtungen unterzubringen. Wir streben mehr Offenheit den Ideen und Vorstellungen der Eltern gegenüber an und können so hoffentlich bei Entscheidungen helfen, ohne einseitig zu beeinflussen. Ebenso berücksichtigen wir bei der Einschulung unserer Kinder häufiger die Möglichkeit und Bereitschaft einzelner Regelschulen, behinderte Kinder zu integrieren.

Allerdings hat unser zunehmendes Interesse für Integration auch Konsequenzen für uns selbst an unserem Arbeitsplatz. Wir sägen mit der Tendenz, Kinder auch in Regeleinrichtungen unterzubringen, an unseren eigenen Arbeitsplätzen, und es kann Konflikte geben, wenn wir unser Interesse an einem dauerhaften Arbeitsplatz und die Integrationsvorstellungen gegeneinander abwägen. Dieser Konflikt verstärkt sich durch die geringe Bereitschaft von Vorgesetzten und Verwaltungen, diese Gedanken mitzudenken, stehen bei ihnen doch mehr die Sicherung von Arbeitsplätzen oder der traditionelle Versorgungsauftrag behinderter Menschen im Vordergrund. Auch hier sind noch viele Auseinandersetzungen notwendig, um Klarheit über die eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen zu gewinnen, besonders eben in einer normalen Sondereinrichtung wie der unsrigen. Oft kann es auch am Arbeitsplatz schwerfallen, die neuen Ideen und die Kritik an dem alten Zustand unter einen Hut zu bringen, ohne daß dies auf Kosten der Arbeit mit den Kindern und Eltern geht. Es kostet ganz schön Kraft, unter Bedingungen zu arbeiten, deren Veränderungswürdigkeit immer deutlicher zu erkennen ist.

Die Fragen, über denen hier gebrütet wird, sind:

  • Kann Rehabilitation in den normalen Strukturen erreicht werden?

  • Kann das Fachwissen der Sonderpädagogik in Nicht-Sonderschulen angewandt werden?

  • Kann man die Einstellung einer Gesellschaft so ändern, daß sie alle ihre Mitglieder akzeptiert?

Quelle:

Ingrid Matthäus: Frühförderung und Sonderkindergarten - Der Anfang vom Ende?

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

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Stand: 09.06.2006



[1] Quelle: Gemeinsame Betreuung behinderter und nichtbehinderter Kinder im Elementarbereich. Berichte und Materialien einer Fachtagung im Deutschen Jugendinstitut München vom 20. -22.5.1981. Deutsches Jugendinstitut 1981

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