Starke Mädchen - das sind wir!

Beispiel für eine Selbsterfahrungs- und Präventionsgruppe zum sexuellen Mißbrauch bei geistig behinderten Mädchen und jungen Frauen

AutorIn: Ulrike Luxen
Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: psychosozial; 22. Jahrgang - Nr. 77 - 1999 - Heft III
Copyright: © psychosozial verlag, 1999

Einleitung

Das Thema "sexuelle Gewalt" bzw. "sexueller Mißbrauch" ist in den letzten Jahren stark an das Licht der Öffentlichkeit gelangt und löste erhitzte, emotional erheblich aufgeladene Diskussionen aus. Inzwischen haben sich die Wogen zwar wieder etwas geglättet, trotzdem hat es an Brisanz nicht verloren - insbesondere in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen ist es nach wie vor hochaktuell. Die wichtigsten Fragen dabei sind: Was ist zu tun, wenn ein sexueller Übergriff bekannt wird, und wie läßt sich sexuelle Gewalt verhindern? Ich möchte mich hier besonders der zweiten Frage zuwenden und ein Projekt vorstellen, das im präventiven Bereich ansetzt. Zuerst seien allerdings einige grundlegende Überlegungen zur Definition und Häufigkeit sowie den Ursachen und Erkennungsmerkmalen von sexueller Gewalt aufgeführt.

Nachfolgend wird das Projekt in seinem zeitlichen Verlauf dargestellt. Der geschilderte Ablauf war auf die Fähigkeiten der Teilnehmerinnen abgestellt. Eine andere Gruppe kann eine variierende Vermittlung oder andere Inhalte erfordern. Insofern ist der beschriebene Ablauf exemplarisch.

Definition der Begriffe sexuelle Gewalt und sexueller Übergriff

Sexuelle Gewalt beschreibt ein Verhalten, bei dem ein überlegener Täter sexuellen Lustgewinn auf Kosten der Selbstbestimmung eines unterlegenen Opfers zu erlangen sucht. Es werden also immer die Interessen des Schwächeren verletzt, und die Tat liegt eindeutig in der Verantwortung des Stärkeren; die Entschuldigung des Täters, das Opfer habe Bereitschaft signalisiert, habe ihn verführt o. ä., ist in der Regel die Folge einer Projektion oder Verschiebung, jedenfalls eines Abwehrmechanismus und entstellt damit die Realität. Dies ist insofern fatal, als das bereits verletzte und in seiner Realitätswahrnehmung irritierte Opfer zusätzlich verunsichert wird und ihm wieder ein Teil der "Schuld" zugeschoben wird. Sexuelle Gewalt kann mit Hilfe von psychischem und/oder physischem Druck unterschiedlicher Intensität ausgeübt werden. Sie beginnt bei nonverbalem Verhalten (Blicke, Bewegungen, Berührungen, Zeigen von Pornos oder der eigenen Geschlechtsteile gegen den Willen des Gegenübers), geht über verbale Äußerungen (sexualisierter, meist abwertender Sprachgebrauch, der oft für das Opfer unverständlich ist, Verwenden von Ausdrücken aus der Fäkalsprache) und endet schließlich bei sexuellen Handlungen im engeren Sinne (Stimulieren der Geschlechtsteile, Masturbation vor oder mit Abhängigen, erzwungener Geschlechtsverkehr). Die sexuelle Dimension kann einseitig vom Täter empfunden werden und muß für das Opfer nicht offensichtlich sein, auch wenn meist ein diffuses Gefühl besteht, daß "etwas nicht stimmt". Der Täter muß eine sexuelle Grenzüberschreitung nicht unbedingt beabsichtigen, sie kann aber, unabhängig davon, vom Opfer so erlebt werden. Entscheidend ist die Einseitigkeit des Lustgewinns, die Ausnutzung eines Machtgefälles und die Heimlichkeit des Geschehens.

Die eben dargestellte Definition ist grundsätzlich auch auf den Begriff "Sexueller Übergriff" zu übertragen. Der Unterschied besteht im Schweregrad der Tat, da der sexuelle Übergriff mit einem geringen Maß an direkter Gewaltanwendung verbunden ist. Ich verwende die Begriffe im folgenden synonym.

Häufigkeit sexueller Gewalt

Insgesamt liegen nur wenige und zudem ungenaue Statistiken zur Häufigkeit des Auftretens von sexuellen Übergriffen vor. Die Angaben schwanken zwischen ca. 30 % der Mädchen bzw. 10-15 % der Jungen unter 18 Jahren. Man geht davon aus, daß etwa 80-90 % der Frauen und 10-15 % der Männer Opfer sexueller Übergriffe wurden und es zusätzlich eine beträchtliche Dunkelziffer gibt. Noch undurchsichtiger stellt sich die Lage bei Menschen mit einer geistigen Behinderung dar. So weit mir bekannt ist, gibt es bisher nur eine einzige Untersuchung, die Angaben über die Häufigkeit von sexueller Gewalt gegenüber geistig behinderten Menschen in Institutionen enthält. Demnach sind sexuelle Übergriffe bei Erwachsenen häufiger als bei Kindern und Jugendlichen.

Ursachen für sexuellen Mißbrauch

Daß sexuelle Gewalt ein so weit verbreitetes Phänomen ist und geistig behinderte Menschen eine so stark gefährdete Gruppe darstellen, hat vielerlei Ursachen. Auf seiten des Täters handelt es sich um ein Unvermögen, ein aggressives und sexuelles Grundpotential sozial verträglich umzusetzen. Dies wiederum kann verschiedene Gründe haben, die hier nur schlagwortartig aufgeführt werden:

  • Modelle, wie mit aggressiven und sexuellen Antrieben sozial verträglich umgegangen werden kann, fehlen; Gewalt als Durchsetzungsmittel von Wünschen wird verherrlicht.

  • Man hat erfahren, daß eigene Gewalttätigkeit erfolgreich ist.

  • Mangelndes Selbstwertgefühl führt zu mangelnder Wertschätzung des Gegenübers - bis hin zu unbewußten Racheimpulsen. Gewalt wird als Schutz gegen das Gefühl von Angst und Hilflosigkeit eingesetzt.

  • Angst vor dem Alleinsein aktiviert Gewaltimpulse, wenn Nähewünsche abgewiesen werden.

  • Die in einer Gruppe geltenden Normen ("Gewalt, besonders sexuelle Gewalt ist gewünscht") ermöglichen, ja gebieten sogar sexuelle Gewalt.

Im Rahmen von Heimen kommen noch weitere strukturelle Faktoren hinzu:

  • Das Leben spielt sich in Zwangsgemeinschaften ab, und eine Intimsphäre ist nur eingeschränkt möglich.

  • Tabuisierung von Sexualität und, daraus folgend, Vermittlung unangemessener Normen.

  • Knappe personelle Ressourcen, die eine bedürfnisgerechte Betreuung erschweren.

Auf seiten des Opfers wirken folgende Faktoren begünstigend:

  • Die Fähigkeit, eigene Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und durchzusetzen, ist aufgrund der eingeschränkten Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung nicht voll ausgebildet.

  • Die Fähigkeit, sich abzugrenzen, also "Nein" zu sagen, ist aufgrund eines mangelnden Selbstwertgefühls nicht ausreichend entfaltet.

  • Das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper wurde von den Bezugspersonen nicht respektiert und ist daher nicht oder nur eingeschränkt im Bewußtsein präsent.

  • Ein Mangel an Zuwendung, Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit macht anfällig für einen Mißbrauch dieses Bedürfnisses, so daß der Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit leicht ausgebeutet werden kann.

  • Unzureichende sexuelle Aufklärung läßt das Opfer oft ahnungslos in eine Falle tappen.

Geistig behinderte Menschen sind insofern "ideale" Opfer, als bei ihnen eine Aufdeckung des Mißbrauchs wegen der intellektuellen Einschränkung noch viel schwieriger ist als bei nicht behinderten, man glaubt ihnen noch weniger. Zudem setzt der Mythos, geistig behinderte Menschen würden von einem Übergriff nicht viel merken, ja, ihn im Gegenteil sogar wollen, die Hemmschwelle beim Täter herab. Darüber hinaus leben geistig behinderte Menschen meist in noch ausgeprägteren Abhängigkeitsverhältnissen, was ihre Möglichkeit zur Abgrenzung und Durchsetzung noch weiter einschränkt. Zusätzlich verstärken strukturelle Bedingungen in Heimen bei den Bewohnern oft das Gefühl, daß mit ihnen etwas geschieht, ohne daß er bzw. sie eine Einflußmöglichkeit darauf hat. So kann beispielsweise nur selten der Wunsch, von einer bestimmten Person gewaschen zu werden, berücksichtigt werden.

Erkennungsmerkmale sexuellen Mißbrauchs

Hat ein sexueller Mißbrauch stattgefunden, so sendet das Opfer meist eine Vielzahl von Signalen, die es zu verstehen gilt. Leider sind diese jedoch oft vieldeutig, so daß eine sorgfältige Diagnostik durch geschultes Fachpersonal unabdingbar ist. Verbale Hinweise sind eher selten, müssen aber unbedingt ernstgenommen und überprüft werden. Häufiger sind verschlüsselte Signale, z. B. in Rollenspielen, etwa eine phasenunspezifische sexuelle Thematik, wie etwa das Nachspielen von Geschlechtsverkehr, oder bildnerische Darstellungen die Inhalte sexueller Gewalt zeigen. Weitere wichtige Symptome sind:

  • plötzlich auftretende Verhaltensänderungen auf den unterschiedlichsten Ebenen;

  • altersunangemessenes sexualisiertes Verhalten;

  • Rückzug oder Distanzlosigkeit;

  • Ängste, z. B. vor dem Alleinsein oder auch vor anderen Menschen oder Menschengruppen, etwa plötzliche Feindseligkeit oder Angst gegenüber Männern; Angst vor bestimmten Situationen, die vermieden werden;

  • Depression;

  • Aggressivität oder/und Autoaggressivität (selbstverletzende Verhaltensweisen);

  • Eßstörungen im Sinne von Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder Freßsucht;

  • Schlafstörungen und gehäuftes Auftreten von Alpträumen;

  • Schulleistungsstörungen in Verbindung mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen;

  • Realitätsflucht;

  • Sprachstörungen;

  • Störungen im Hygieneverhalten im Sinne von exzessivem Waschen oder Verweigerung der Körperpflege;

  • versteinerte oder steife Körperhaltung;

  • Weglauftendenzen;

  • Suchtverhalten;

  • psychosomatische Störungen;

Klare und eindeutige Hinweise sind natürlich körperliche Verletzungen im Mund- und Unterleibsbereich (Striemen, Blutergüsse, Druckstellen, Bißspuren). Diese müssen sofort dokumentiert und fachlich-medizinisch begutachtet werden.

Die Erfahrung von sexueller Gewalt ist ein so traumatisches Erlebnis, daß es schwerwiegende psychische und physische Folgen hat und auf keinen Fall hingenommen werden darf. Neben den notwendigen Interventionsschritten nach einem sexuellen Übergriff ist es dringend erforderlich, im Vorfeld zu arbeiten, um das Auftreten von sexueller Gewalt weitestgehend zu verhindern. Es ist deshalb erforderlich, die potentiellen Opfer so gut wie möglich zu stärken, um sich gegen einen Mißbrauch wirksam schützen zu können. In der einschlägigen Literatur werden verschiedene Elemente beschrieben, die zu diesem Schutz beitragen. Hierzu gehören vor allem:

  • Stabilisierung des Selbstwertgefühls und, damit zusammenhängend, Akzeptanz der eigenen Geschlechtsrolle;

  • Förderung von Autonomie - auch in bezug auf den eigenen Körper;

  • Förderung von Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Befindlichkeiten;

  • Vertrauen in die eigenen Gefühle wecken;

  • Förderung eines adäquaten Ausdrucks von Gefühlen;

  • Förderung einer adäquaten Abgrenzungsfähigkeit.

Präventionsarbeit ist also eine Aufgabe der gesamten Pädagogik und sollte nicht auf einen Teil der Sexualpädagogik reduziert werden. Sie läßt sich gut in den normalen Alltag integrieren. Im Bedarfsfall empfiehlt sich aber eine gezielte Arbeit in Gruppen.

Das Präventionsprojekt - Vorstellung der Gruppe

Angeregt durch verschiedene aktuelle Vorkommnisse, wurde im Kinder- und Jugendlichenbereich einer großen Behinderteneinrichtung eine themenzentrierte Selbsterfahrungsgruppe eingerichtet mit dem Ziel, die Erfahrungen mit sexuellem Mißbrauch aufzuarbeiten und sich gegen drohende sexuelle Übergriffe effektiv wehren zu lernen. Neben einer aktiven "Täterarbeit" hielten wir diesen Baustein für notwendig, um die Gefahr der sexuellen Übergriffe einzuschränken. Die Gruppe wurde so zusammengestellt, daß sie einerseits aus von sexuellen Übergriffen gefährdeten Mädchen bestand, andererseits aus jungen Frauen, die bereits Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hatten. Insgesamt bestand die Gruppe aus 12 jungen Frauen im Alter von 14-23 Jahren, mit mittlerer bis leichter Behinderung bei z. T. eingeschränkter Sprachentwicklung. Die einzelnen Teilnehmerinnen (Namen geändert) seien wie folgt charakterisiert:

- Birgit ist mit ihren 23 Jahren die älteste der Gruppe. Nach dem Tod der Mutter vor 11 Jahren wurde sie in ihrer derzeitigen Gruppe untergebracht. Sie ist mittelgradig geistig behindert, hat eine starke Skoliose, und man hat das Gefühl, daß sie ständig in einer anderen Welt lebt. Immer wieder spricht sie davon, daß Männer sie belästigen. Fakten sind nicht bekannt. Generell fällt Birgit durch einen nicht endenwollenden Rededrang und eine Distanzlosigkeit insbesondere Männern gegenüber auf.

- Bärbel, 15 Jahre, wohnt seit zwei Jahren im Heim, weil sie vom Vater unter Alkoholeinfluß des öfteren mißhandelt und sexuell belästigt wurde. Sie ist leicht behindert, seit Beginn des Heimaufenthaltes in Einzeltherapie, um die Folgen des Mißbrauchs, die abrupte Herausnahme aus dem Elternhaus und die - ungewollte - Eingliederung ins Heim zu bearbeiten. Sie wirkt nach außen offen und sucht in ihrer freundlich-zugewandten Art Kontakt zu allen möglichen Menschen, so daß der Eindruck von Distanzlosigkeit entsteht. Sie leidet unter Schuldgefühlen, weil sie von den Übergriffen ihres Vaters erzählt und, wie sie glaubt, ihre Mutter im Stich gelassen hat. Gern möchte sie wieder in ihr Elternhaus zurückkehren, was aber aufgrund eines richterlichen Beschlusses nicht möglich ist.

- Christine, 22 Jahre alt, wurde vor 8 Jahren ins Heim aufgenommen, weil sie bei den Pflegeeltern nicht mehr adäquat betreut werden konnte und die Gefahr bestand, daß sich ihr Stiefbruder an ihr vergriff. Sie hat mehrere Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen durch einen Lehrer, den Stiefbruder und - so berichtet sie glaubhaft, aber nicht beweisbar - durch zwei Mitarbeiter der Institution, in der sie lebt. Auch sie ist in Einzeltherapie wegen ihres labilen Selbstwertgefühls und der Ablehnung ihrer geschlechtlichen Identität. Aufgrund ihrer depressiven Grundstruktur fällt es ihr schwer, ihre Bedürfnisse klar zu artikulieren und "Nein" zu sagen, weil sie Angst hat, dann abgelehnt oder bestraft zu werden. Auch sie ist leicht geistig behindert.

- Roswitha, 21 Jahre alt, kam vor vier Jahren ins Heim, kurz nachdem sie mit ihrem Vater als Spätaussiedlerin von Rumänien nach Deutschland gelangt war. Sie nimmt auf eigenen Wunsch an der Gruppe teil. Berichte über einen vorherigen sexuellen Mißbrauch lagen nicht vor, allerdings erzählt sie immer wieder, daß Männer versuchen, sie zu belästigen, wobei der Wahrheitsgehalt der Aussage nicht überprüfbar ist. Während sie sich sonst gut abgrenzen und wehren kann, scheint sie diesen Zudringlichkeiten hilflos ausgeliefert.

Bärbel, Monika und Roswitha leben in einer Wohngruppe. Sie sind einander freundschaftlich, aber auch rivalisierend zugetan. Sie beherrschen die Anfänge im Lesen und Schreiben.

- Marion, 16 Jahre alt, leicht geistig behindert, befindet sich seit neun Jahren im Heim, weil ihre Eltern sie nicht mehr angemessen betreuen konnten. Sie wurde wenige Monate vor Beginn der Gruppe Opfer sexueller Gewaltausübung durch mehrere Mitschüler. Seitdem erzählt sie immer wieder von sexuellen Übergriffen, die aber nicht auf Fakten beruhen, sondern als Verarbeitungsmodus des Traumas zu verstehen sind. Es fällt ihr schwer, Phantasie und Realität zu trennen, was ihr eine Menge Ärger mit ihren Gruppenmitbewohnerinnen und auch mit Erzieherinnen einbringt. Außerdem verschließt sie sich immer wieder aus unerklärlichen Gründen Kontaktangeboten und versucht, Freundinnen zu vereinnahmen und von sich abhängig zu machen.

- Monika, 17 Jahre alt, mittelgradig geistig behindert, lebt wie ihre Zwillingsschwester Ines seit 12 Jahren im Heim, weil die Eltern sich scheiden ließen und zu Hause keine Versorgungsmöglichkeit mehr bestand. Sexuelle Übergriffe sind nicht bekannt. Sie zählt aber, wie ihre Schwester, zu den "idealen" Opfern, weil sie recht hübsch ist, weder physisch noch psychisch in der Lage ist sich, abzugrenzen und nur in schwer verständlichen Ein- bis Zweiwortsätzen spricht.

- Ines ist die Zwillingsschwester von Monika. Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Sie sind minderwüchsig und aufgrund einer langjährigen Eßstörung untergewichtig. Beide wirken immer fröhlich und mit sich und der Welt zufrieden. Keine von beiden kann Wünsche formulieren oder Nein sagen.

Marion, Monika und Ines leben in derselben Wohngruppe zusammen. Die Geschwister sind eng aufeinander bezogen. Der Kontakt zwischen Marion und den Zwillingen ist neutral.

- Mechthild, 17 Jahre alt, mittelgradig geistig behindert, ist seit 6 Jahren wegen immer schlechter werdender Familienverhältnisse im Heim. Es besteht ein Verdacht auf sexuellen Mißbrauch im Elternhaus. Genaueres ist nicht bekannt. Sie fällt durch einen starken Tremor in den Händen auf. Die Stimmführung ist auffallend gepreßt. Gelegentlich kommt es zu heftigen Wutausbrüchen, bei denen sie andere Menschen auch körperlich angreifen kann. Sie sehnt sich sehr nach einer Freundschaft zu einem Jungen, kann aber mit der entstehenden Nähe nicht umgehen, und sie neigt dazu, ihr Gegenüber in ein ambivalentes Beziehungsmuster zu verwickeln. Es fällt ihr schwer, Ereignisse realitätsgerecht wiederzugeben.

- Martina, 19 Jahre alt, mittelgradig geistig behindert, befindet sich seit 11 Jahren im Heim. Sie berichtete vor einigen Jahren von einem sexuellen Übergriff durch den Freund der Mutter. Genaueres ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Martina ist ein sehr stiller, zurückhaltender und übergefügiger Mensch. Für ihre Bedürfnisse kann sie nicht einstehen.

- Nadine, 18 Jahre alt, lebt seit 12 Jahren im Heim, weil die alkoholkranke Mutter sie nicht mehr versorgen konnte. Sie berichtete vor einigen Jahren von sexuellen Übergriffen durch ihren Schwager; bei einem Aufdeckungsversuch nahm sie ihre Äußerungen zurück. Nadine hat seit Jahren einen festen Freund, mit dem sie auch Zärtlichkeiten austauscht. Ihre Betreuerinnen fürchten, daß er eines Tages "weiter geht, als sie will". Ihre Selbstunsicherheit verbirgt Nadine hinter einem dominanten und großspurigen Verhalten. Ihre Bedürfnisse zu äußern oder sich gar für sie einzusetzen, fällt ihr schwer.

Mechthild, Martina und Nadine leben in einer Gruppe in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz.

- Mia, 17 Jahre alt, wurde vor drei Jahren ins Heim aufgenommen; sie ist Diabetikerin. Auch sie kann sich nur schwer gegen die Wünsche anderer zur Wehr setzen. Von Erfahrungen mit sexueller Gewalt weiß man nichts.

Es handelte sich also um eine ziemlich heterogene und große Gruppe. Statt einer Einzelleitung wurde daher ein Leitungsteam eingesetzt. Dieses bestand aus einer Erzieherin im Anerkennungsjahr, einer Heilpädagogin und mir als Psychologin. Wir planten, möglichst oft in Kleingruppen zu arbeiten, um die Gruppendynamik zu begrenzen und in der Kleingruppe einen Schutzraum zu bieten. Die Gesamtleitung wechselte in jeder Sitzung. War eine der Leiterinnen verhindert, fand die Sitzung trotzdem statt. Die Teilnehmerinnen wurden schriftlich in Abstimmung mit den Gruppenbetreuerinnen eingeladen. Insgesamt fanden 14 Sitzungen à 90 Minuten statt.

Inhaltliche Schwerpunkte und Methoden

Bei der Auswahl der Inhalte bezogen wir uns in der Planung auf die Bedürfnisse der Teilnehmerinnen. Wesentlich dabei war, zu berücksichtigen, was die Teilnehmerinnen so anfällig dafür machte, Opfer sexueller Übergriffe zu werden, um sie genau in diesen Punkten zu stärken. Dies deckte sich weitgehend mit den in der Literatur genannten Aspekten. Modelle für Präventionsgruppen mit geistig behinderten Mädchen und Frauen gab es zum Durchführungszeitpunkt nicht, so daß wir auf unsere eigenen Überlegungen angewiesen waren und uns an den Modellen für nicht behinderte Mädchen orientierten und entsprechend veränderten. Folgende Überlegungen waren für uns leitend: Mädchen und Frauen werden oft deswegen Opfer sexuellen Mißbrauchs, weil sie nicht gelernt haben und es nicht wagen, sich selbst, ihre eigenen Gefühle, Wünsche, Abneigungen und Bedürfnisse, auch die körperlichen, wahrzunehmen, ernst zu nehmen und für sie einzutreten. Von dieser Einsicht leitet sich das erste Ziel ab: Die heranwachsenden Frauen sollten darin bestärkt werden, sich selbst ernst zu nehmen, liebenswert zu finden und zu akzeptieren. Dies schließt auch ein, daß sie es wagten, Nein zu sagen, wenn ihnen eine Bitte oder Aufforderung unbehaglich erschien und sie sie nicht erfüllen wollten. Die Angst vor Liebesverlust, die entsteht, wenn man dem Willen eines anderen Menschen nicht entspricht, mußte dabei bearbeitet werden. Da es für behinderte Menschen oft schwer ist, Gefühle korrekt zu benennen und mit dem passenden nonverbalen Ausdruck zu verbinden, waren konkrete Übungen und Differenzierungen dabei notwendig, wie weiter unten ausgeführt wird. Methodisch hilfreich waren Bilderbücher zum Thema, Fotos mit mimischer und gestischer Darstellung verschiedener Gefühle und Rollenspiele.

Ein weiteres wichtiges Ziel war, den jungen Frauen mittels Arbeitsblättern ein differenziertes Wissen von ihrem Körper und seinen Funktionen zu vermitteln. Eingeschlossen waren dabei die Themen Menstruation, Geschlechtsverkehr, Entstehung eines Kindes, Geburt. Wir wollten ihnen so die Scheu vor sexuellen Themen nehmen und gleichzeitig Formen dafür entwickeln, wie man angemessen über Sexualität sprechen kann. Wichtig war es hier auch, ein Gespür zu entwickeln für das, was dem Körper gut tut. Deshalb setzten wir neben dem Arbeitsmaterial auch regelmäßig Körperwahrnehmungsübungen ein.

Bei den bisher genannten Themen ging es um die Entwicklung einer gesunden und stabilen Beziehung zu sich selbst und zum eigenen Körper. Mit dem Thema "Umgang mit ,Geheimnissen'" wandten wir uns der Problematik des sexuellen Mißbrauchs direkter zu, ist doch ein sexueller Übergriff in der Regel mit einem Geheimhaltungsgebot durch den Täter verbunden. Unser Ziel war es, anhand von Beispielgeschichten und - so hofften wir - eigenen Erlebnissen mit den jungen Frauen einen kompetenten Umgang mit der ihnen auferlegten Schweigepflicht zu erarbeiten.

Schließlich wollten wir auf eigene Erfahrungen zu sprechen kommen, den betroffenen Frauen so zeigen, daß sie nicht allein stehen mit ihren Erlebnissen, und so einen Beitrag zu Enttabuisierung des Themas leisten. Als Anstoßmaterial hatten wir eine Bilderbuchgeschichte.

Die Teilnehmerinnen erhielten zu Beginn eine Arbeitsmappe, in die sie das Material, das in den Sitzungen ausgeteilt wurde, einheften konnten. Mit dieser konnten sie zwischen den einzelnen Sitzungen arbeiten und sie, wenn sie wollten, ihren Gruppenbetreuerinnen zeigen.

Der Ablauf

Jede Stunde begann mit dem Wahlspruch: "Starke Mädchen, das sind wir; starke Mädchen ... wir", wobei die Lücke jeweils auf Wunsch der Teilnehmerinnen ersetzt wurde durch "wollen, brauchen, lieben". Für die weniger Sprachgewandten begleiteten wir den Spruch mit Gesten. Manchmal wurde der Satz nach einer einfachen Melodie gesungen. Wir verfolgten damit das Ziel, die Stunde klar zu strukturieren, ein Gruppengefühl herzustellen und die Botschaft des Satzes über die häufige Wiederholung im Unbewußten wirksam werden zu lassen. Übrigens hatte sich die Gruppe, auch die älteren unter den Teilnehmerinnen, für "Mädchen" und nicht für "Frauen" entschieden, weil sich offensichtlich noch keine als erwachsene Frau fühlte; nach ihrem Empfinden seien, so führten sie aus, erwachsene Frauen so wie die Leiterinnen: allein oder in einer Partnerschaft lebend, unabhängig, berufstätig. So war es denn in der entsprechenden Stunde ein wichtiges Thema, zu klären, was eine Frau zu einer Frau macht. Nach dem Wahlspruch folgte die Erarbeitung eines Themas, anfangs von uns vorgegeben, später mit den Wünschen, die die Teilnehmerinnen in der vorangegangenen Stunde geäußert hatten, abgestimmt. Beendet wurden die Einheiten mit einer Körperwahrnehmungsübung und dem Wahlspruch. Daß übrigens der Spruch seine Wirkung nicht verfehlte, zeigte sich daran, daß wir Leiterinnen während des Kurses und lange Zeit danach auch mit dem Gruß: "Starke Mädchen" empfangen wurden.

1. Stunde: Was bedeutet "Starksein"?

Die Teilnehmerinnen erhalten ein Bild von Pippi Langstrumpf, die gerade ein Pferd hochstemmt. Bei den Reaktionen wird der Entwicklungsstand der einzelnen Teilnehmerinnen deutlich. Sie reichen von der deutlichen Verhaftung in magischem Denken über typische realitätsbezogene Aussagen auf der Basis des konkret-logischen Denkens bis zu Ansätzen von Abstraktionsvermögen: "Toll, das möchte ich auch können; das kann ich auch, aber ich hab ja kein Pferd" - "Das geht doch gar nicht, so stark ist kein Mensch" - "Das ist doch nur ein Beispiel." Daraus entwickelt sich ein Gespräch darüber, was es heißt, stark zu sein: z. B. körperlich kräftig sein, viel können, mutig sein. Es wird herausgearbeitet, warum es wichtig ist, stark zu sein. Im Anschluß an das Gespräch werden Stärke und Schwäche pantomimisch dargestellt. Wer möchte, kann einen kleinen Ringkampf machen, was insbesondere den schwächsten Teilnehmerinnen großen Spaß macht, weil sie im Kampf mit den Leiterinnen erleben, daß ihre Kräfte gar nicht so gering sind. Die Stunde endet mit einer Druckmassage mittels Tennisball, bei der die Teilnehmerinnen angewiesen werden, auf Wunsch der Massierten stark oder schwach zu drücken. Hierbei zeigt sich, daß etliche Teilnehmerinnen nicht in der Lage sind zu zeigen, was sie möchten.

2. Stunde: Die körperliche Entwicklung der Frau vom Säugling zur Greisin: Zeitliche Abfolge der Entwicklungsstadien und Erkennungsmerkmale

Anhand eines Arbeitsblattes, auf dem ein Baby, ein Vorschulkind, ein Schulkind, ein pubertierendes Mädchen, eine junge Frau, eine Frau mittleren Alters und eine Greisin jeweils bekleidet abgebildet sind, werden die Merkmale der verschiedenen Entwicklungsstadien besprochen (Größe, Körperform und Körperhaltung). Danach werden einzelne Bilder ausgeteilt, die von den Teilnehmerinnen geordnet, aufgeklebt und angemalt werden sollen. Dabei erweist sich die heterogene Gruppenzusammensetzung in doppelter Weise als vorteilhaft: die Schwächeren orientieren sich an den Stärkeren, die Stärkeren leisten den Schwächeren Hilfe beim Ordnen und Aufkleben.

Am Schluß der Stunde steht die "Wettermassage". Eingebettet in eine Geschichte von einem Spaziergang, werden die verschiedenen Wetterarten durch unterschiedliche Berührungsformen symbolisiert: Regen klopft auf den Rücken, Hagel klopft kräftiger, Wind streicht über den Rücken.

3. Stunde: Mein Körper

In dieser Stunde geht es darum, den eigenen Körper bewußter wahrzunehmen, zu erspüren und Körperteile zu benennen. Hierzu legen sich die Teilnehmerinnen Sandsäckchen auf verschiedene Körperteile und benennen diese. Danach wird von jedem Gruppenmitglied in Partnerarbeit ein Ganzkörperabriß hergestellt und anschließend das Gesicht angemalt. Anhand des Körperumrisses kommt es in drei Kleingruppen zu einem Gespräch darüber, welche Körperteile die einzelnen an sich mögen und was sie an anderen Gruppenmitgliedern mögen. Da hier erstmals Aussagen über das eigene Erleben gemacht werden, hielten wir es für sinnvoll, durch die Einteilung in Kleingruppen einen gewissen Schutzraum herzustellen, was sich in der Praxis sehr bewährte. Es wurden erstaunlich offene Aussagen gemacht; z. B. teilten einige Mädchen deutlich mit, wie sehr sie ihren Körper, insbesondere ihre Menstruation, verabscheuen. Hilfreich war es, zu erfahren, daß keine Teilnehmerin mit ihrer Einschätzung allein war, es also auch noch andere gab, die manches an sich nicht mögen, aber auch zu hören, daß man selbst "seine Tage" mögen kann, weil man dann weiß, daß man eine gesunde Frau ist. Da in diesem Zusammenhang die Frage auftauchte, wie denn der Körper des Mannes beschaffen ist, nahmen wir uns vor, in der folgenden Stunde den männlichen und den weiblichen Körper zu vergleichen.

4. Stunde: Der männliche und der weibliche Körper

Die Entwicklungsstadien von Mann und Frau werden wie in der zweiten Stunde erarbeitet. Diesmal werden Bilder von unbekleideten Menschen ausgeteilt, um die Geschlechtsorgane sichtbar werden zu lassen. Diese werden jeweils benannt und in ihrer Funktion erklärt. Anschließend werden in Kleingruppen die männlichen und weiblichen Organe in einen Körperumriß eingeklebt. Auffallend war zunächst eine gewisse Scheu, die Geschlechtsorgane, insbesondere die männlichen, zu benennen. Dies legte sich jedoch bald, und die Teilnehmerinnen zeigten sich so interessiert, daß wir uns entschlossen, dieses Thema in der folgenden Stunde fortzuführen.

5. Stunde: Die Geschlechtsorgane und die Vorgänge bei der Menstruation

Mit Hilfe von Bildern wird der Vorgang bei der Menstruation erläutert und die Monatshygiene besprochen. Besonders beeindruckend ist für die jungen Frauen, zu sehen, wie sich ein in Wasser gelegter Tampon vollsaugt. Ein ausführliches Gespräch darüber, wie "die Tage" von den einzelnen Teilnehmerinnen erlebt werden, schließt sich an. Hier erwies es sich als günstig, daß es sich um eine reine Frauengruppe handelte und die Leitung aus Frauen unterschiedlichen Alters, in verschiedenen Lebenssituationen lebend, bestand. Ausführlich erläutern wir den Sinn der Monatsblutung und kommen so auf die Themen Geschlechtsverkehr, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, Empfängnisverhütung zu sprechen. In diesem Zusammenhang wurde die Sehnsucht einiger Teilnehmerinnen nach eigenen Kindern deutlich und die Frage gestellt, warum Behinderte denn keine Kinder kriegen dürfen - so hatten sie die offizielle Einstellung der Institution, vom Austragen von Kindern abzuraten, verarbeitet. Es kamen aber auch die Befürchtungen, schwanger zu werden und evtl. dann die Wohngruppe verlassen zu müssen, und Ängste vor ungewollter Schwangerschaft zur Sprache. Die Entwicklung des Gesprächs und die Äußerungen einiger Gruppenmitglieder, es gebe doch da "Tabletten gegen Kinder", veranlaßten uns, ausführlich über Empfängnisverhütung zu sprechen. Insgesamt waren wir erstaunt, mit welcher Ernsthaftigkeit sich alle, die dem Thema folgen konnten, mit der Problematik auseinandersetzten. Die anfängliche Unsicherheit und die daraus resultierende Albernheit waren einer konzentrierten Aufmerksamkeit gewichen.

6. Stunde: Empfängnisverhütung

Mit Hilfe des Pro-familia-Koffers werden die verschiedenen Verhütungsmethoden (Pille, Intrauterinpessar, Spirale, Kondom) vorgestellt. Obwohl es sich wieder um eine kognitiv anspruchsvolle Stunde handelt, arbeiten die Teilnehmerinnen aufmerksam mit und stellen interessierte Fragen. Inzwischen scheint es zu einer Selbstverständlichkeit geworden zu sein, über Themen aus dem Bereich der Sexualität zu sprechen.

7. Stunde: Angenehme und unangenehme Gefühle

In dieser Stunde soll verdeutlicht werden, daß alle Gefühle, auch die unangenehmen, ihre Berechtigung haben und daß man sich gegen das wehren kann, was unangenehme Gefühle verursacht. Nach einer Eingangsmassage fragen wir, was daran angenehm und was unangenehm war, und spielen dann vier verschiedene Alltagsszenen vor, die mit den Gefühlen Freude (Einladung zum Geburtstag), Traurigkeit (Bewohnerin kann am Wochenende wider Erwarten nicht zu den Eltern und sagt ihnen, wie enttäuscht sie ist), Wut (ein schöner Turm wird von einem Gruppenmitglied mutwillig zerstört; die Bewohnerin äußert ihren Ärger und erwartet, daß der Zerstörer beim Wiederaufbau hilft) und Stolz (eine Bewohnerin wird für ein schönes Bild, das sie gemalt hat, gelobt) verbunden sind. Die Teilnehmerinnen sollen die Gefühle erraten und anschließend vergleichbare Situationen finden und spielen. Dabei zeigt sich, wie schwer es ihnen fällt, sogenannte unangenehme Gefühle zu äußern. Dies gelingt zunächst nur mit Hilfestellung der Leiterinnen.

8. Stunde: Angenehme und unangenehme Gefühle in verschiedenen Situationen

Da wir dieses Thema für sehr wichtig halten, gehen wir in einer weiteren Stunde noch einmal darauf ein. Diesmal dürfen die Teilnehmerinnen mit einem "Gefühlewürfel", in den sechs mimisch dargestellte Gefühlsausdrucksweisen eingraviert sind, spielen und den erwürfelten Gefühlszustand pantomimisch darstellen; die übrigen müssen raten. Dies macht allen großen Spaß. Begeistert erzählen sie auch von Situationen, in denen sie schon einmal traurig, wütend o. ä. waren. Zu hören, daß all diese Gefühle ihre Berechtigung haben und nicht als solche schlecht sind, beeindruckt die Teilnehmerinnen sehr. Einen weiteren Zugang zu diesem Thema stellt ein Bilderbuch dar, in dem deutlich wird, daß ein und dieselbe Person verschiedene Gefühle haben und auslösen kann; z. B. kann es schön sein, mit der Oma zu kuscheln, aber unangenehm, ihre "triefend nassen" Küsse zu bekommen. Die hohe Anteilnahme, die dieses Buch auslöste, zeigt, daß hier ein Stück Lebenswirklichkeit der Teilnehmerinnen getroffen war. Einen letzten Zugang zu diesem Thema bildet das Erlernen eines Gefühle-Liedes.

9. Stunde: Angenehme und unangenehme Körperberührungen

Mit diesem Thema wagten wir uns einen Schritt weiter an die Thematik des sexuellen Mißbrauchs heran. Es sollte herausgearbeitet werden, welche Berührungen an welchen Körperstellen als angenehm bzw. unangenehm empfunden werden und wer sie wann und wie berühren dürfe. Dies sollte auch ausgesprochen werden. Als Einstieg bot sich eine Partnermassage mit dem Igelball an. Anschließend baten wir die Teilnehmerinnen zu sagen, was ihnen angenehm und was unangenehm gewesen war. Die Gruppe war wiederum in Kleingruppen unterteilt. Im anschließenden Gespräch ergab sich ein differenziertes Bild: Eine Teilnehmerin konnte sehr genau beschreiben, wer sie bei welcher Gelegenheit an welchem Körperteil berühren dürfe, andere kannten nur grobe Unterscheidungen, etwa daß Zwicken und Schlagen unangenehm, gestreichelt werden aber schön ist oder daß Erzieher und Eltern die Frauen an Schultern und Rücken berühren dürfen, der Freund sie aber auch küssen dürfe; eine Teilnehmerin meinte, ihr sei es überall gleich angenehm, berührt zu werden; davon ließ sie sich auch nicht durch Nachfragen abbringen. Im Laufe des Gesprächs ergab sich wie von selbst die Frage, was denn zu tun sei, wenn eine Berührung nicht angenehm ist. Zwar war allen Teilnehmerinnen im Prinzip klar, daß man dann abwehren oder Nein sagen müsse. Jedoch äußerten sich einige skeptisch, ob sie es auch im konkreten Fall schaffen würden, und fürchteten, der Gegenüber könne dann enttäuscht oder ärgerlich sein, kurz, sie nicht mehr liebhaben oder sogar bedrohen. Damit war das Thema der folgenden Stunde "Nein sagen" schon vorbereitet. Um auch den schwächeren Mädchen Gelegenheit zu geben, sich zu artikulieren und das verbal Erarbeitete sichtbar zu machen, wurde gegen Ende der Stunde ein Arbeitsblatt mit einer nackten Frau in Vorder- und Rückenansicht ausgegeben, das die Teilnehmerinnen mit ihrer Lieblingsfarbe an den Stellen kennzeichnen sollten, an der sie am liebsten berührt werden.

10. Stunde: Nein sagen

Heimbewohnerinnen beizubringen oder zu erlauben, Nein zu sagen, d. h. sich abzugrenzen, ist ebenso wichtig wie schwierig. Zum einen geht es um die Frage "Wie sage ich wirkungsvoll Nein?", zum anderen um das Problem, wann man Nein sagen darf oder muß. Wir begannen zunächst mit der Frage, wie man Nein sagt. Als Anschauungsmaterial diente ein Bilderbuch, anhand dessen die wichtigsten Kriterien wirkungsvoller Abgrenzung erarbeitet werden konnten: Das Nein muß eindeutig sein, es muß klar gesagt werden, die Körperhaltung muß dem Nein entsprechen. Dies wurde in Rollenspielen geübt, wobei die Teilnehmerinnen sich selbst Situationen überlegen sollten, bei denen sie einmal Nein sagen wollten. Nach anfänglicher Schüchternheit machten diese Rollenspiele zunehmend mehr Spaß, so daß es nicht einmal mehr der Leiterin - weder durch Bitten noch durch Schmeicheln noch durch Drohen - gelang, die Mädchen zu überreden. Vertieft wurde die Thematik durch das Erlernen des Liedes vom Nein sagen.

11. Stunde: Nein sagen (II)

Da wir von den Gruppenerzieherinnen die Rückmeldung erhielten, daß die "starken Mädchen" ständig Nein sagten, hielten wir eine Differenzierung für erforderlich. So machten wir folgende Fragen zum Inhalt der nächsten Stunde: Wann muß ich Nein sagen? Wann darf ich Nein sagen? Wann darf ich auf keinen Fall Nein sagen? Letzteres beschränkten wir auf so lebensnotwendige Dinge wie Medikamenteneinnahme und Nahrungsaufnahme, ersteres auf Situationen, die eindeutig gegen die Würde verstießen, also Mißbrauchssituationen im engeren Sinne. Diese Differenzierung fiel den Teilnehmerinnen nicht leicht. Vor allem hatten sie Zweifel, ob Erzieher und Lehrer ihr Nein auch respektieren würden.

12. Stunde: Umgang mit Geheimnissen

Ein wesentliches Bestimmungsstück des Mißbrauchs ist die Schweigepflicht - oft verbunden mit einer Drohung oder einer Bestechung -, die dem Opfer auferlegt wird. Diese bringt die Betroffenen in eine Doppelbindungssituation. Zum einen spürt das Opfer in der Regel, daß etwas nicht stimmt und etwas Verbotenes geschieht, zum anderen will es ja nicht "petzen" und die Zuneigung des Täters aufs Spiel setzen. Daher ist es wichtig, das Verbot, Geheimnisse zu verraten, zu differenzieren. Genau darum ging es in dieser Sitzung. Nachdem wir abgeklärt hatten, daß alle wußten, was ein Geheimnis ist, besprachen wir anhand von Beispielgeschichten, welche Geheimnisse weitergegeben werden dürfen, ja, sogar müssen, nämlich die, die ein "schlechtes" Gefühl und die Ahnung hervorrufen, daß etwas Verbotenes geschieht, und welche man für sich behalten kann, nämlich die, die eine gute Überraschung, z. B. ein Geschenk, beinhalten. Hier fiel es den Teilnehmerinnen ziemlich schwer, die Norm "Ein Geheimnis verrät man nicht" in Frage zu stellen. Immer wieder wurde die Befürchtung geäußert, man sei doch eine Petze, der andere sei sauer oder bedrohe einen. Ganz wichtig war es, auf die Möglichkeit hinzuweisen, daß der Außenstehende einem hilft.

13. Stunde: Auseinandersetzung mit dem sexuellen Mißbrauch im engeren Sinne

In der letzten Sitzung machten wir anhand eines Bilderbuches, das in einer verfremdeten Situation eine Mißbauchserfahrung darstellt, die Problematik sexueller Übergriffe zum Thema. Auch hier geht es um ein "Geheimnis", und die Teilnehmerinnen wurden aufgefordert, Stellung zu nehmen, ob es sich um ein gutes oder schlechtes Geheimnis, eines, das man für sich behalten oder weitergeben muß, handelt. Des weiteren wollten wir dazu anregen, von eigenen, ähnlichen Erfahrungen zu berichten. Mit diesem Anliegen hatten wir uns gründlich vertan. Zwar herrschte eine gebannte Stille, als wir die Geschichte vorlasen, doch war keine der Teilnehmerinnen bereit, ein Wort über die Geschichte, das Geheimnis oder gar ähnliche Erfahrungen, wie das Mäusekind sie gemacht hatte, zu sagen. Vielmehr herrschte minutenlanges Schweigen in der sonst so lebhaften Gruppe, so daß wir schließlich die Gruppe nach ihren Wünschen fragten, daraufhin eine Körperwahrnehmungsübung anboten und die Sitzung vorzeitig beendeten. Offensichtlich war dieses Thema trotz der Vertrautheit, die in der Gruppe inzwischen entstanden war, viel zu bedrohlich.

14. Stunde: Auswertung

Die Schlußsitzung war der Auswertung gewidmet. Jede Teilnehmerin sollte sagen, was ihr gefallen hat, was sie nicht gut fand und was noch ausführlicher behandelt werden sollte. Es war überraschend, wie genau sich die einzelnen Teilnehmerinnen an die Stunden erinnern konnten. Besonders positiv wurden die Informationen über den Körper, die Körperwahrnehmungsübungen und die Übungen zum Neinsagen vermerkt. Als Wünsche wurden geäußert, mehr "Frauenthemen" zu besprechen oder einmal eine solche Gruppe mit Jungen zu machen.

Konsequenzen

Insgesamt haben alle Teilnehmerinnen von der Gruppe profitiert. Dies war vor allem in den Einzeltherapien zu spüren, in denen die Inhalte der Sitzungen von den Klientinnen thematisiert wurden. Dies äußerte sich in dem Sinne, daß sie nochmals nach einzelnen Inhalten fragten, daß eine erzählte, sie habe es jetzt einmal geschafft, Nein zu sagen, oder eine andere enttäuscht berichtete, es sei ihr wieder nicht gelungen, sich klar abzugrenzen. Solche Situationen befruchteten die Therapie außerordentlich, da sie Gelegenheiten boten, erneut an den Ängsten und Schuldgefühlen zu arbeiten. Eine Teilnehmerin bemerkte, es habe ihr gut getan, daß sie nicht allein sei mit ihrem Problem, eine Frau zu sein. Sie wagte es, mehrere ihr gut bekannte Frauen zu fragen, ob sie denn gern eine Frau seien. So arbeitete sie an der Akzeptanz ihrer weiblichen Identität.

Andere wiederum besprachen die Sitzungen mit ihren Gruppenbetreuerinnen oder teilten den - weniger begeisterten - Freunden mit, daß sie nunmehr auch Nein sagen könnten. Besonders auffallend war die positive Auswirkung bei den Zwillingen, bei denen wir wegen ihrer eingeschränkten Ausdrucksfähigkeit die größten Bedenken gehabt hatten. Im Laufe der Sitzungen tauten sie immer mehr auf und meldeten sich in ihrer rudimentären Sprache zu Wort. Dieser Effekt schlug sich auch im Gruppenalltag nieder, und wir hatten den Eindruck, daß es für diese beiden besonders wichtig gewesen war, die "Erlaubnis" zu erhalten, sich selbst sowie die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sich abgrenzen zu dürfen.

Von den Gruppenbetreuerinnen erfuhren wir, daß während und kurz nach Beendigung des Projekts die Auseinandersetzung mit dem Thema "Sexualität" ernsthafter war und die Teilnehmerinnen auch ihre Mitbewohnerinnen zurechtwiesen, wenn diese über sexuelle Themen kicherten oder abfällige Bemerkungen machten.

Die Tatsache, daß ein direktes Gespräch über Mißbrauchserfahrungen nicht möglich war, zeigt, daß es hierzu wohl eines noch stabileren und vertrauteren Rahmens, nämlich einer Einzeltherapie oder einer fortlaufenden Gruppentherapie bedarf.

Die anfänglich kritisch betrachtete Heterogenität der Gruppe erwies sich insofern als Vorteil, als die Schwächeren sich am Verhaltensmodell der Stärkeren orientierten und sich anscheinend allein durch die Tatsache, an einer solchen Gruppe teilnehmen zu dürfen, aufgewertet fühlten, während die Stärkeren durch ihre Fähigkeit, Hilfestellungen geben zu können, profitierten.

Auch die Tatsache, daß die Gruppe mit ihren 12 Teilnehmerinnen und drei Leiterinnen recht groß war, hielten wir anfangs für problematisch. Solch eine Großgruppe ist, rückwirkend betrachtet, möglich, wenn sich die einzelnen schon kennen. Ansonsten scheint es wichtig, daß sie nicht zu groß ist. Eine Doppelbesetzung der Leitung erleichtert die Arbeit insofern, als es dann möglich ist, in Kleingruppen zu arbeiten und den Gruppenprozeß besser zu beobachten. Ideal wäre eine Gruppengröße von acht Teilnehmerinnen mit einer Doppelleitung.

Nach Beendigung der Gruppe wurden wir von etlichen Teilnehmerinnen und deren Betreuerinnen häufig gefragt, ob und wann denn wieder einmal so eine Gruppe stattfinden könne, und ich glaube, daß es tatsächlich sinnvoll wäre, eine solche Gruppe in regelmäßigen Abständen durchzuführen. Interessant wäre es auch, heute, etwa drei Jahre nach Abschluß des Projekts, die jungen Frauen zu einer Wiederholungsgruppe einzuladen, um die Langzeitwirkung zu überprüfen.

Wie die Erfahrungen zeigen, hat sich unser Experiment, solch ein Projekt mit geistig behinderten Menschen durchzuführen, als sinnvoll und effektiv erwiesen, auch wenn zukünftige sexuelle Übergriffe nicht ausgeschlossen werden können.

Literatur

Braun, G. (1989): Ich sag' Nein. Arbeitsmaterialien gegen den sexuellen Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Mülheim (Verlag Die Schulpraxis).

Braun, G., Wolters, D. (1991): Das große und das kleine Nein. Mülheim (Verlag an der Ruhr).

Fachtagung: Opfer oder Täter. Soziale, psychologische und rechtspolitische Aspekte sexueller Gewalt gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung. 3.-5. Juli 1995. Dokumentation. Marburg: Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V.

Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V. (1995): Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim (Beltz).

Deinert, J., Krieg, T. (1993): Das Familienalbum. Oldenburg (Lappan).

Dixon, H., Craft, A. (1992): Mach Dir selbst ein Bild. Bildkartei zur Sozial- und Sexualerziehung von Lernbehinderten. Mülheim (Verlag an der Ruhr).

Enders, U., Wolters, D. (1991): Schön blöd. Ein Bilderbuch über schöne und blöde Gefühle. Köln (Volksblatt).

Mebes, M., Sandrock. L. (1992): Kein Küßchen auf Kommando. Berlin (Donna Vita).

Noack, C., Schmid, H. (1994): Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung. Eine verleugnete Realität. Reutlingen (Grafische Werkstätten der Gustav Werner Stiftung zum Bruderhaus).

Kontakt

Zeitschrift "psychosozial" im Psychosozial Verlag

22. Jahrgang - Nr. 77 - 1999 - Heft III

Schwerpunktthema: Liebe und Sexualität bei geistiger Behinderung

Herausgegeben von Christa Reuther Dommer

© alle Rechte beim Psychosozial Verlag

email: psychosozial-verlag@t-online.de

Quelle:

Ulrike Luxen: Starke Mädchen - das sind wir! - Beispiel für eine Selbsterfahrungs- und Präventionsgruppe zum sexuellen Mißbrauch bei geistig behinderten Mädchen und jungen Frauen

Erschienen in: psychosozial; 22. Jahrgang - Nr. 77 - 1999 - Heft III

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.12.2011

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