Über die Wichtigkeit von Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne geistige Behinderung

Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Dr. Zana Lutfiyya, Center on Human Policy: "The Importance of Friendship Between People With and Without Mental Retardation" Der Text ist erschienen bei The Arc, 1010 Wayne Ave., Suite 650, Silver Spring, MD 20910, Phone: 301-565-3842 http://www.thearc.org/faqs/friend.html ; Der Text wurde - mit freundlicher Genehmigung von Dr. Lutfiyya und The Arc - übersetzt von Ulrike Gritsch im Auftrag von SLI und WIBS, Anton Eder Straße 15, 6020 Innsbruck, wibs@selbstbestimmt-leben.at
Copyright: © Michael Kennedy, Patricia Killius 2004

1. Warum sind Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung wichtig?

Freunde sind aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Sie unterstützen einander gefühlsmäßig. Sie sind bereit, die Dinge aus dem Blickwinkel des anderen zu sehen. Sie geben Unterstützung und Rückmeldung, wenn sie gebraucht wird. Freunde suchen sich aus und bleiben in guten Tagen und in Zeiten der Krise befreundet. Sie begleiten einander und geben sich ein Gefühl von Zusammengehörigkeit bei Schulaktivitäten. Sie helfen einander neue Erfahrungen zu sammeln und das Leben mehr zu schätzen. Freundschaften zwischen

Menschen mit und ohne Behinderungen bereichern gewöhnlich die Leben beider.

2. Wann sollen Freundschaften beginnen?

Wenn wir von Personen mit geistiger Behinderung erwarten, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind und Freundschaften eingehen, müssen sich diese Beziehungen während der Kindheit entwickeln. Nur so werden Klassenkameraden und Nachbarn in die Rolle von erwachsenen "Zuarbeitern" und Freunden im späteren Leben hineinwachsen.

Deshalb sind integrierte Klassen und integrierte Freizeitprogramme sehr wichtig. Hier treffen sich Kinder mit und ohne Behinderungen und es entstehen erste Beziehungen. Unglücklicherweise mussten viele Eltern feststellen, dass auch wenn ihre Kinder in Schulen integriert sind, sie nur sehr wenige nichtbehinderte Freunde haben.

3. Was macht die Entwicklung von Beziehungen schwierig?

Viele Personen mit Behinderung beschäftigen sich in erster Linie mit ihrer Familie, mit den Personen, die auf sie aufpassen, mit denen, die ihnen Dienstleistungen anbieten und mit anderen Menschen aus den Kursen und Freizeitaktivitäten, an denen sie teilnehmen.

Diese Beziehungen sind sehr wichtig und sollten gefördert werden. Wie auch immer, außerhalb der Familien ist es schwierig, frei gewählte Beziehungen zu finden. Generell kann gesagt werden, dass sich Menschen mit Behinderung mit bestimmten Nachteilen auseinandersetzen müssen, wenn sie andere treffen und kennen lernen.

3.1. Möglichkeiten:

Viele Menschen mit Behinderung haben sehr begrenzte Möglichkeiten, an Aktivitäten teilzunehmen, bei denen sie andere behinderte Menschen treffen. Das kann an der räumlichen Trennung oder an ihrer Rolle als "Klientin" oder "Sonderschülerin" liegen. Es gibt Dienstleistungen, die das Zusammenkommen von Menschen verhindern. Dies geschieht unter anderem durch ihre Angebote oder die Regeln der Geldgeber, durch Schwierigkeiten beim Transport oder andere Begrenzungen. Was auch immer die Gründe sind, Menschen mit Behinderung werden häufig von anderen abgeschnitten und isoliert.

3.2. Unterstützung:

Beziehungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung entstehen nicht einfach dadurch, dass Menschen in Gruppen zusammenkommen. Einige Menschen brauchen Unterstützung, damit sie sich in manchen Gruppen wohlfühlen und an Aktivitäten teilnehmen können. Andere brauchen eventuell einen Helfer, der für sie übersetzt oder der ihnen hilft, miteinbezogen zu werden. Ohne Unterstützung haben manche Menschen mit und ohne Behinderung niemals die Möglichkeit sich kennen zu lernen.

3.3. Beständigkeit:

Die meisten von uns genießen es, immer wieder neue Menschen kennen zu lernen. Zur gleichen Zeit aber werden wir von solchen, die uns schon lange kennen, gestützt und getragen. Beständigkeit von Beziehungen über viele Jahre ist ein wichtiger Faktor für Sicherheit, Wohlfühlen und Selbstwert.

Viele Menschen mit Behinderung haben keine langandauernden Beziehungen. An deren Stelle stehen oft Erfahrungen, dass sie ihre Familien verlassen, dass sie von einer Institution in die andere wechseln und sich den Angestellten, die kommen und gehen, anpassen mussten.

4. Welche Wege gibt es, persönliche Beziehungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen zu ermöglichen.

Es braucht viel Bemühungen, will man dabei helfen, Verbindungen zwischen Menschen aufzubauen. Später werden einige Wege beschrieben, wie das versucht wurde.

4.1. Brücken bauen:

Vermittler, die neue Beziehungen einleiten, unterstützen und aufrechterhalten werden Brückenbauer genannt, weil sie Brücken bauen und Menschen in neue Beziehungen, an neue Plätze und zu neuen Möglichkeiten im Leben führen. (Mount 1988)

Brückenbauer führen andere Personen in bereits bestehende Gruppen ein oder machen sie mit neuen speziellen Menschen bekannt.

4.2. Freundeskreise oder Unterstützungskreise:

Das sind Gruppen von Menschen, die sich regelmäßig treffen, um einer Person mit einer Behinderung zu helfen, persönliche Träume und Ziele zu erreichen (Perske 1988). Mitglieder von Freundeskreisen versuchen die Türen zu neuen Möglichkeiten zu öffnen und neue Beziehungen herzustellen.

4.3. Vertretung durch Freiwillige - Citizen Advocacy

Freiwillige VertreterInnen werden von einem unabhängigen Büro ausgewählt und unterstützt. So eine ausgesuchte VertreterIn repräsentiert ehrenamtlich die Interessen einer Person mit Behinderung als wären sie seine eigenen Interessen. VertreterInnen können verschiedene Rollen annehmen. Solche Rollen können sein: Freund, Verbündeter, Beschützer, Mentor. Einige der Rollen können ein Leben lang dauern.

Es gibt verschiedene Wege, zu persönlichen Beziehungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen zu ermutigen. Wichtiger als die spezielle Methode ist vielleicht die unterstützende und verbindende Rolle von ein oder mehreren Personen, wie z. B: Familienmitgliedern, Teammitgliedern, Freunden, Nachbarn usw., die Zeit für diesen Zweck aufbringen können.

5. Was sind einige wichtige Dimensionen von Freundschaft?

Ehrliche Freundschaft zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen existiert. Obwohl jede Freundschaft einzigartig ist, teilen viele Menschen einige grundsätzliche Anschauungen und Erwartungen darüber, was mit Freundschaft gemeint ist. Eine neue Studie, die sich auf die Freundschaft zwischen 2 Personen bezog (Lutfiyya 1990), beschreibt folgende Grundlagen:

5.1. Gegenseitigkeit

Beide Personen definierten ihre Beziehung als eine Freundschaft und sich selbst als Freunde. Obwohl ihnen Unterschiede zwischen ihnen bewusst waren, berichteten sie von dem Gefühl der Gegenseitigkeit in der Freundschaft. Gegenseitigkeit wurde ausgedrückt durch Geben und Nehmen von praktischer und emotionaler Unterstützung. Gegenseitigkeit wurde auch ausgedrückt, durch das Genießen der Gesellschaft des anderen.

5.2. Rechte, Verantwortungen und Verpflichtungen

Dazu gehören Ansprüche an den anderen und die Sicherheit einer Antwort. Nichtbehinderte Freunde sprachen über die Pflichten, die sie für ihren Freund mit Behinderung übernommen hatten: Lehrer, Mentor, Beschützer oder Unterstützer. Die Freunde mit Behinderung haben bestimmte Verantwortung übernommen beim Aufrechterhalten der Beziehungen, wie z. B: in Verbindung bleiben oder mögliche Aktivitäten vorschlagen.

5.3. Gefühle reichen von Kameradschaft bis zu Intimität

und entstehen allein durch gegenseitigen Austausch.

5.4. Frei gewählt und gegeben. Freunde wählen einander aus

Es ist der freiwillige Aspekt jeder Freundschaft, der als der erstaunliche und wundervolle Teil jeder Beziehung gesehen wird.

5.5. Private und ausschließliche Natur

Innerhalb der Grenzen jeder Freundschaft gibt es eine private Beziehung, die für andere unzugänglich ist. Ihre Geschichte und das Verstehen der Verbindung unterscheidet jedes einzelne Freundespaar von all den anderen Paaren.

6. Was können Familien und Trägerorganisationen tun, um mehr Möglichkeiten zu schaffen, Freundschaften zu bilden?

Es ist nicht möglich, Freundschaften zu erzwingen. Es ist aber sehr wohl möglich, Raum zu schaffen, wo Menschen mit und ohne Behinderungen sich treffen und Zeit miteinander verbringen können. Raum, der so gestaltet ist, dass er zu Freundschaften ermutigt. Familien und Dienstleister können verschiedene Dinge tun, um solche Räume herzustellen.

Familien können...

...für die ausnahmslose Integration im regulären Schulsystem arbeiten.

Zusätzlich zur nur physischen Anwesenheit brauchen Schüler mit Behinderung adäquate Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, ganz im Klassenraum und an den Schulaktivitäten teil zu nehmen. Eltern können auch sicherstellen, dass ihr Kind mit einer Behinderung an verschiedenen integrativen Freizeitaktivitäten nach der Schule teilnimmt. Ständige körperliche Anwesenheit in den gegenseitigen Lebensräumen hilft, Freundschaften zwischen Kindern mit und ohne Behinderungen zu gründen.

...die Teilnahme am sozialen Leben absichern

Wie Menschen mit Behinderung darin unterstützt werden, an integrativen Umwelten teilzunehmen, ist wichtig. Es muss ihnen einerseits ermöglicht werden teil zu nehmen und andererseits muss die Teilnahme so gestaltet werden, dass sie für die anderen annehmbar ist. Menschen ohne Behinderungen brauchen die Möglichkeit, ihr Gegenüber mit Behinderung als Gleichen zu treffen, nicht als ein Objekt der Betreuung oder freiwilliger Dienste.

... andere Einbeziehen und anderen vertrauen

Alle Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Es mag Unterschiede geben, wie unabhängig Menschen werden können. Dennoch können Eltern darauf vertrauen, dass es Menschen in der Gemeinschaft gibt, die, wenn sie dazu die Gelegenheit bekommen, eine Freundschaft mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter willkommenheißen und genießen.

Dienstleister können...

... Barrieren für Freundschaften vermindern

Die Art, wie Dienstleistungen erbracht werden, kann die Möglichkeiten Freundschaften zu entwickeln vermindern oder steigern. Aktivitäten, die aussondern, verringern die Chance auf Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen dramatisch. Auch in integrativen Umwelten kann es Studenten mit Behinderung unmöglich sein, an Aktivitäten außerhalb der Lehrpläne teilzunehmen, wie z. B. Chor, Sport, weil es zu wenig Transportmöglichkeiten von und zur Schule gibt. Wenn man die Anstrengung macht, Menschen zusammen zu bringen, können die Menschen ohne Behinderung in die Rolle kommen, Freiwillige zu sein, die dem Lehrer oder dem Programmleiter gegenüber verantwortlich sind und diesem helfen müssen, anstatt als KollegInnen der behinderten Menschen auftreten zu können.

7. Wie stärkt man Menschen, die sich zu mögen scheinen darin, eine Freundschaft aufzunehmen?

Trägervereine können ihre Praxis in Hinblick auf einen Mangel an Privatheit oder auf Ausgangsverbote besprechen, da diese die Möglichkeiten sich zu treffen und Freundschaften zu bilden begrenzen.

Durch das Bewusstsein und die Überzeugung, dass Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung möglich sind, können alle Menschen die Gelegenheit haben, Freundschaften zu bilden, die es ermöglichen, beider Leben erfüllter zu leben.

Quelle:

Zana Marie Lutfiyya: Über die Wichtigkeit von Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne geistige Behinderung.

Aus dem Englischen: Dr. Zana Lutfiyya, Center on Human Policy: "The Importance of Friendship Between People With and Without Mental Retardation" Der Text ist erschienen bei The Arc, 1010 Wayne Ave., Suite 650, Silver Spring, MD 20910, Phone: 301-565-3842 http://www.thearc.org/faqs/friend.html

Der Text wurde - mit freundlicher Genehmigung von Dr. Lutfiyya und The Arc - übersetzt von Ulrike Gritsch im Auftrag von SLI und WIBS, Anton Eder Straße 15, 6020 Innsbruck, wibs@selbstbestimmt-leben.at

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.06.2010

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation