Sprachliche Verwirrspiele - nicht nur in der Hirnforschung

Konsequenzen für Theorie und Praxis der Rehabilitation.

AutorIn: Hans von Lüpke
Themenbereiche: Therapie, Medizin
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Sonderpädagogische Förderung 3/2006, S. 229-241
Copyright: © Hans von Lüpke 2006

Zusammenfassung

Neuere Methoden in der Neurobiologie, die nicht nur strukturelle Aussagen über das Gehirn, sondern Analysen von Stoffwechselprozessen ermöglichen, haben diese zu einer Leitwissenschaft mit stark erweiterten Geltungsansprüchen werden lassen. Dazu gehören Aussagen über emotionale Prozesse, Verhaltensregulation und Lernen. In einem von elf führenden Neurowissenschaftlern gemeinsam verfassten "Manifest" über "Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung" findet sich eine Zusammenfassung solcher Aspekte. Die sprachliche Analyse dieses Textes bietet die paradigmatische Chance, die im Text selbst nicht thematisierte Polarisierung zwischen metaphorischen Aussagen zu "letzten Geheimnissen" des Menschen und naturwissenschaftlich abgesicherten Organbefunden zu diskutieren. Der dabei vollzogenen Bewertung von Organbefunden kommt für die Rehabilitation besondere Bedeutung zu. Eine abschließende Diskussion thematisiert die in der Hirnforschung erkennbare Polarisierung auch für Therapie und Rehabilitation und sieht darin eine Chance, sie als dialektische Spannung fruchtbar werden zu lassen

"Es entsteht keine konzeptuelle Verwirrung, wenn man den unteren Teil eines Berges ‚Fuß' nennt - aber sie entstünde, wenn man nach seinem Schuh suchen würde" (Bennett & Hacker 2005).

Sprachverwirrung im "Manifest"

Es scheint, als ob bald nichts mehr ohne den Segen der Hirnforschung geht. Von Christa Meves, die in einer Kolumne ihr christliches Erziehungsideal durch die Hirnforschung legitimiert sieht, bis hin zu einem gerade erschienenen Buch von Katherine Ellison mit dem Titel: "Mutter sein macht schlau" ist sie flächendeckend präsent. In der FAZ heißt es zu Ellison, die Autorin könne zeigen, "dass mit der hormonellen Umstellung nach der Geburt neurobiologische Veränderungen im Gehirn stattfinden, nach deren Abschluss Mütter einen kognitiven Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt haben". Ergänzt man aktuelle Diskussionen wie die, ob Willensfreiheit eine Illusion sei, so wird deutlich, welche Position die Hirnforschung besetzt. Spätestens dann, wenn diese Diskussion Themen wie die Regulation von Verhalten und Lernen einbezieht, sind Therapie und Rehabilitation betroffen. Häufig entwickeln sich dabei eher polarisierte Positionierungen als konstruktive interdisziplinäre Wechselseitigkeiten. Dies ist weniger das Resultat unvereinbarer Positionen als das Ergebnis verborgener, nicht thematisierter Widersprüche und einer daraus resultierenden Verwirrungen.

Ausgangspunkt der hier vorgelegten Untersuchung ist die Hypothese, dass für die aktuelle Debatte über den Stellenwert von Hirnforschung eine Analyse der von den Autoren verwendeten Sprache zur Klärung solcher Verwirrungen beitragen kann. Durch die Allianz mit ebenfalls verborgenen dialektischen Spannungen im Feld der therapeutischen und pädagogischen Förderung kommt es zu weiteren scheinbar gegensätzlichen Positionen, die zusätzlich verwirrende Diskussionen auslösen.

"Das Manifest - elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung" (2004) erscheint für diese Diskussion besonders geeignet, da es nicht nur die Position eines einzelnen Hirnforschers vertritt, sondern zusammenfassend die einer repräsentativen Gruppe. Darüber hinaus wurde sie in deutscher Sprache verfasst, so dass Missverständnisse durch Übersetzungsprobleme ausscheiden. Am Beispiel des "Manifest" soll ein Trend in der Hirnforschung beschrieben werden, der für die Diskussion mit Nachbardisziplinen wie Philosophie, Medizin, Psychotherapie und Pädagogik Bedeutung erlangt hat. Abweichende Vorstellungen (wie etwa die gemeinsam mit dem "Manifest" veröffentlichte Stellungnahme von Wolfgang Prinz) kommen nur ansatzweise zur Sprache. Mit "Hirnforschung" ist in der Regel das "Manifest" gemeint. Keineswegs wird hier die Vorstellung vertreten, es gäbe so etwas wie "die" Hirnforschung.

Wegweisend erscheint die Verwendung des zentralen Begriffs "Gehirn". Bereits im ersten Satz wird angekündigt, dass unsere Wissenschaft kurz davor stünde, "dem Gehirn seine letzten Geheimnisse zu entreißen" (S. 30). Auch später (S. 33) ist im Zusammenhang mit der Hirnforschung von vielen Geheimnissen die Rede, die "darauf warten gelüftet zu werden". Es folgt der Hinweis auf Fortschritte in der Erforschung des Gehirns unter den Aspekten seines anatomisch-physikalisch-chemischen Funktionierens mit den sich verbessernden Möglichkeiten moderner Technik. Dass es bei diesen "Geheimnissen" nicht um naturwissenschaftliche Daten geht, wird später deutlich: "Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt abbildet, dass unmittelbare Erfahrung und frühe Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als ‚seine' Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen" (S. 33). Es werden also zwei Begriffe vom Gehirn nebeneinander benutzt: Zum einen die umgangssprachliche Bedeutung im Sinne von "geistigem Zentrum" ("er war das Gehirn der Bande", "du hast kein Hirn im Kopf": hier im Kontext von "Erfahrung", "erleben" und "planen"), zum anderen als Objekt eines naturwissenschaftlichen Forschungsdesigns. Subjektive, aus Selbsterfahrung oder Empathie gewonnene Angaben stehen den über Apparate vermittelten und von Forschern interpretierten Daten gegenüber. Die Hoffnung auf eine Überbrückung dieser Diskrepanz richtet sich in erster Linie auf Fortschritte in der naturwissenschaftlichen Methodik: "Was wir in zehn Jahren über den genaueren Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist wissen werden, hängt vor allem von der Entwicklung neuer Untersuchungsmethoden ab" (S. 34). "Die Daten, die mit modernen bildgebenden Verfahren gewonnen wurden, weisen darauf hin, dass sämtliche innerpsychischen Prozesse mit neuronalen Vorgängen in bestimmten Gehirnarealen einhergehen - zum Beispiel Imagination, Empathie, das Erleben von Empfindungen und das Treffen von Entscheidungen bzw. die absichtsvolle Planung von Handlungen. Auch wenn wir die genauen Details noch nicht kennen, können wir davon ausgehen, dass all diese Prozesse durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind" (S. 33).

Soll das bedeuten, dass Begriffe wie Imagination, Empathie, das Erleben von Empfindungen und das Treffen von Entscheidungen in Zukunft durch naturwissenschaftliche Daten wie Transmitterdichte, Potentialschwankungen oder Amplitudendifferenz ersetzt werden können? Roth - einer der Autoren des "Manifest" - wehrt sich an anderer Stelle vehement gegen einen solchen Reduktionismus: "Der Aufweis der neuronalen Bedingtheit subjektiver Erlebniszustände löscht nicht deren Existenz aus. Das wäre schade, denn wir sind schließlich diese Zustände". (Roth 2004, 222).

Im "Manifest" geht es um ein Nacheinander: Für die Autoren gilt als Voraussetzung für eine kohärente Wahrnehmung und koordinierte Aktion zunächst ein physikalisch-chemischer Prozess, dem die kohärente Wahrnehmung und koordinierte Aktion folgen: "Dies bedeutet, man wird widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen" (S. 36).

Auf die feine Verschiebung von "physikochemischen Prozessen" zu "biologischen Prozessen" sowie den Begriff des "Natürlichen" soll später eingegangen werden. Zunächst ist vor allem von Bedeutung, dass die Vorstellung vom "Beruhen" eine Trennung, ein Nacheinander der in Frage stehenden Phänomene ausdrückt. Wenn ein Phänomen auf einem anderen "beruht", dann wird beides als von einander getrennt verstanden, etwa in der Aussage: "Deine Vorstellung beruht auf einem Irrtum". "Vorstellung" und "Irrtum" sind voneinander zu unterschieden, der "Irrtum" ist die Grundlage, auf der die "Vorstellung" entsteht. In unserem Zusammenhang ist dies insofern von Bedeutung, als physikalisch-chemische und geistige Prozesse demnach nicht als eine nur durch unterschiedliche methodische Zugänge aufgetrennte Einheit angesehen werden. Für die Autoren des "Manifest" handelt es sich um miteinander agierende primär unterschiedene Prozesse, bei denen einer dem anderen vorangeht, ihn bedingt. Noch deutlicher wird dieses Nacheinander beim "kleinen Einmaleins des Gehirns", aus dem sich "strenge Hypothesen zum Studium übergeordneter Hirnfunktionen ableiten" lassen: "Beispielsweise wie das Gehirn seine zahlreichen Subsysteme so koordiniert, dass kohärente Wahrnehmungen und koordinierte Aktionen entstehen können" (S. 36). Erst muss also das Gehirn koordinieren, dann können Wahrnehmungen und Aktion entstehen. Aber wer oder was ist dieses Gehirn, das Teile seiner selbst koordiniert? Hier wird durch die Hintertür auf jene cartesianischen Leib-Seele-Dualismus - also die auf Descartes bezogene Vorstellung einer "wesensmäßigen" Verschiedenheit von Körper und Geist - zurückgegriffen, den Roth an anderer Stelle ablehnt: "Ein Dualismus, der seinen Namen verdient, ist mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild unvereinbar" (Roth 1999, 284). Am Ende des "Manifest" findet sich die für einen um Klärung bemühten Text erstaunliche Aussage, dass die Ergebnisse der Hirnforschung "dualistische Erklärungsmodelle - die Trennung von Körper und Geist - zunehmend verwischen" (S. 37). Die Verwirrung erreicht schließlich ihren Höhepunkt, wenn am Ende der Hinweis folgt: "Auch eine Fuge von Bach verliert nichts von ihrer Faszination, wenn man genau verstanden hat, wie sie aufgebaut ist" und dies zu der Feststellung führt: "Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden" (S. 37).

Eine weitere Verwirrung betrifft die Bedeutung von Zentren ("Arealen") im Gehirn. Die im "Manifest" beschriebene Methodik orientiert sich daran, bestimmte Hirnareale mit ihren Funktionsschwerpunkten zu untersuchen. Bei Stimulationsversuchen oder Beobachtungen an Kranken mit umschriebenen Organausfällen werden Aktivitäten in einzelnen Hirnarealen und die gleichzeitig auftretenden psychischen Reaktionen festgehalten. Die Hoffnung auf den im "Manifest" beschriebenen Fortschritt durch die Entwicklung verbesserter Methoden ist also an die Vorstellung von Hirnarealen (Zentren) mit bestimmten Schwerpunktaktivitäten gebunden. Erneut sind die Aussagen dazu widersprüchlich. Auf derselben Seite heißt es einmal: "Die Daten, die mit modernen bildgebenden Verfahren gewonnen wurden, weisen darauf hin, dass sämtliche innerpsychischen Prozesse mit neuronalen Vorgängen in bestimmten Hirnarealen einhergehen", dann wieder: "Die Beschreibung von Aktivitätszentren mit PET oder MRT und die Zuordnung dieser Areale zu bestimmten Funktionen oder Tätigkeiten hilft hier kaum weiter" (S. 33). Schließlich ist auf dieser Seite noch zu lesen: "Vieles spricht dafür, dass neuronale Netzwerke als hochdynamische, nichtlineare Systeme betrachtet werden müssen. Das bedeutet, sie gehorchen zwar mehr oder weniger einfachen Naturgesetzen, bringen aber auf Grund ihrer Komplexität völlig neue Eigenschaften hervor" (S.33).

Damit verweist das "Manifest" auf ein Modell von Komplexität, das auch die Struktur der Sprache kennzeichnet, wie im Verlauf dieses Beitrages deutlich werden wird. Das Gehirn als nichtlineares komplexes oder nach Kriterien der Chaostheorie vorgestelltes System reagiert immer als Ganzes, auch wenn einzelne funktionelle Schwerpunkte im Sinne notwendiger Bedingungen nachweisbar sind. Edelman (genannt bei Leuzinger-Bohleber et al. 1998, 580) vergleicht die Funktionsweise des Gehirns mit einem Gewitter im Urwald. Eine weiterführende Diskussion dieses Modells würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten. Es sei auf die zusammenfassende Darstellung bei Thelen/Smith (1998), Freeman (1995) und Cilliers (1998) verwiesen. Welche Konsequenzen die Autoren des "Manifests" aus dieser Nicht-Linearität für ihre methodischen Voraussetzungen und konzeptionellen Modellvorstellungen ziehen, worin beispielsweise jene "völlig neuen Eigenschaften" des komplexen Systems bestehen, bleibt unklar.

Nicht zur Sprache kommt im "Manifest" auch die Frage des Hirnzentrismus. Offenbar wird a priori vorausgesetzt, dass der übrige Körper lediglich den "Befehlen" des Gehirns folgt. Mensch-Sein ist damit über Hirnfunktionen definiert - ein Aspekt, der, wie später gezeigt werden soll, durchaus nicht selbstverständlich ist und dem für die Rehabilitation besondere Bedeutung zukommt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass im "Manifest" zentrale Begriffe - allen voran der des "Gehirns" - in ständig wechselnder Bedeutung gebraucht werden, ohne dass dies zur Sprache kommt. Neben der Reduktion auf das Objekt eines naturwissenschaftlichen Forschungsdesigns erscheinen zentrale Begriffe wie der des "Gehirns" in ihrer umgangssprachlich metaphorischen Vielfalt. Die aus der sprachlichen Verwirrung resultierenden Widersprüche werden nicht diskutiert, sondern - wie das dualistische Menschenbild - der Hoffnung überlassen, dass sie sich in Zukunft "zunehmend verwischen". Die Verwirrung durch das verschleierte dualistische Menschenbild führt zur Überbewertung von "Arealen". Nicht-lineare Modelle zur Gehirn-Funktion sowie Befunde, die am a priori vorausgesetzten Hirnzentrismus zweifeln lassen, werden teilweise zwar benannt, in ihren Konsequenzen aber nicht diskutiert.

Dies verhindert eine fruchtbare Diskussion grundlegender Positionen. Die inflationär um sich greifende Debatte über Gehirn und Geist - etwa im Hinblick auf die Willensfreiheit - leidet unter diesem Problem. Der Versuch, Strukturen dieser Debatte über eine Sprachanalyse zu erhellen, könnte vor allem den Berufsgruppen zugute kommen, die zwar von Ergebnissen der Hirnforschung berührt werden, jedoch keinen direkten Zugang zu den daran beteiligten Forschungsdesigns haben. Eine solche Diskussion kommt nicht ohne grundsätzliche Überlegungen zur Struktur von Sprache aus. Dies geschieht in der Hoffnung, verborgene Themen sichtbar werden zu lassen.

Sprache zwischen offenem System und Fixierung

Nach Derrida (in Cilliers 1998) kann Sprache verstanden werden als ein komplexes und daher offenes System, in dem die einzelnen Elemente nicht für sich selbst Bedeutung haben, sondern nur durch die Beziehung untereinander. Cilliers (1998) vergleicht die Elemente eines komplexen Systems mit den Kohlenstoffatomen in der Natur. Das Kohlenstoffatom in einem lebenden Organismus unterscheidet sich nicht von dem eines Schreibtischs. "Die Bedeutung jedes Atoms ist daher nicht durch seine grundsätzliche Beschaffenheit, sondern als das Resultat einer Vielzahl von Beziehungen zwischen ihm selbst und anderen Atomen bestimmt" (Cilliers, 1998, 35). Auch Sprache ist das Resultat eines Prozesses von Interaktion zwischen Zeichen. Derrida unterscheidet dabei zwei Aspekte: Zum einen die durch die Geschichte einzelner Sprachelemente in ihren jeweiligen Interaktionsprozessen bedingten "Spuren" ("traces") und die im offenen Raum des komplexen Systems sich ebenfalls als Teil des interaktiven Prozesses entwickelnden Unterschiede ("différences"). Sprachlich verwandt mit dem lateinischen Stamm zu "différence" im Sinne von "auseinander tragen, sich unterscheiden" ist der aus dem Griechischen stammende Begriff der Metapher mit seiner Bedeutung von "übertragen, weiterführen" (Rost 1871, Kluge 1995). Cilliers spricht davon, dass in diesem System der kontinuierlichen Veränderung auch "pockets" möglich sind. Sprachlich ist dabei von Interesse, dass "pocket" nicht nur mit "Tasche" übersetzt werden kann, sondern auch als "begrenztes Gebiet", als "Einsprengsel", "Insel", etwa im Sinne von "pocket of resistence": Widerstandsnest (nach Pons 2002). Innerhalb dieser "pockets" wird eine genauere Analyse der Beziehungen möglich, "so lange klar ist, dass die Stabilität nicht anhaltend oder vollständig ist, dass Bedeutung das Ergebnis des Prozesses der Interaktion zwischen den Bedeutungsträgern ist" (Cilliers 1998, 43).

Der Hinweis auf "pockets" macht deutlich, dass in einem System von ständig wechselnden Beziehungen sich auch das Bedürfnis nach etwas Bleibendem entwickelt. Die permanente Änderung von Bedeutungen kann Angst auslösen. Überwiegt diese Angst, so entsteht das Bedürfnis nach verlässlichem Halt, nach "Wahrheit". So können aus vergänglichen "pockets" dauerhafte Fixierungen werden. In der Wissenschaft lassen sich Daten, harte Fakten, alles, was heute unter "evidence based" zählt, dazu verwenden. In diesem Zusammenhang werden jene sichtbaren Bilder vom Gehirn bedeutsam, die in ihren - je nach den dargestellten Stoffwechselprozessen - unterschiedlichen Farbfeldern haltgebende Orientierung bieten. Als definierende (im wörtlichen Sinn begrenzende) Fixpunkte kommt die Macht der Bilder zur Geltung. Das bedeutet Reduktion: Die unendliche Vielfalt (zeitlich wie räumlich) der "traces" und "différences" wird vereinfacht, gekappt, auf ein übersichtliches Maß zurückgestutzt. Dadurch entsteht Klarheit - für den Einzelnen wie für die Kommunikation. In der Hirnforschung sind hier die mit den jeweiligen methodischen Möglichkeiten ermittelten physikalisch-chemische Daten von Bedeutung.

Im Gegensatz zu anderen naturwissenschaftlichen Forschungsbereichen gibt sich die Hirnforschung damit nicht zufrieden. Hier wird der zu Beginn im "Manifest" formulierte Anspruch relevant, "dem Gehirn seine letzten Geheimnisse zu entreißen." Die in der europäischen Geistesgeschichte seit Aristoteles aktuelle Verknüpfung zwischen den "Rätseln des Menschseins" und dem Gehirn lässt sich durch das Sammeln naturwissenschaftlicher Daten allein nicht klären.

Andererseits liegt die Kompetenz der Hirnforschung gerade in der Ermittlung solcher Daten. Um beides miteinander zu vereinen, werden umgangssprachliche Begriffe mit Daten der Hirnforschung gekoppelt. Damit büßen sie ihre mit der gewohnten Nutzung verbundene Vielfalt (ihre "traces" und "différences") nur scheinbar ein: Die metaphorische Bedeutung geht nicht verloren, sondern hebt ihrerseits die naturwissenschaftlichen Daten in den umgangssprachlich geistesgeschichtlichen Raum und ermöglicht damit Aussagen mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Die Argumentation bleibt mit einem Fuß in dem für jeden Nichtfachmann unzugänglichen Spezialgebiet der naturwissenschaftlich kompetenten Hirnforschung und bewahrt sich damit eine Überlegenheit, die ihr auch im geistigen Raum Vorstellungen durchgehen lässt, die bei niemand sonst akzeptiert würden. Kein Geisteswissenschaftler könnte sich Sätze leisten wie der berühmte Hirnforscher Damasio in einem Buch, das noch im Jahr seines Erscheinens in deutscher Übersetzung vorlag: "Die Gehirnaktivität hat in erster Linie das Ziel, das Überleben und Wohlbefinden zu sichern. Ein Gehirn, das für diese primäre Aufgabe gerüstet ist, kann vieles in ‚Nebentätigkeit' leisten, vom Gedichte schreiben bis zur Konstruktion von Raumschiffen" (Damasio 2003, 26). Können wir also die Kulturgeschichte der Menschheit getrost vergessen?

Erneut zusammengefasst ergibt sich, dass die eingangs beschriebene Sprachverwirrung in der Hirnforschung (dargestellt am Beispiel des "Manifest") tiefer liegende Gründe hat, die bereits in der durch die Sprachstruktur selbst angelegten dialektischen Spannung zwischen beweglicher Komplexität und fixierender Definition ihren Ausdruck findet. Das Dilemma der Hirnforschung besteht darin, diese Dialektik nicht zu benennen. Die dahinter liegende Thematik jedoch reicht darüber hinaus.

Was folgt daraus für Therapie und Förderung?

Bevor die Konsequenzen dieser dialektischen Spannung für die Praxis diskutiert werden können, müssen methodische Probleme, die sich aus der Verleugnung dieser Dialektik ergeben, zur Sprache kommen. Mit unterschiedlichen Methoden gewonnene Befunde lassen sich nicht - wie offenbar im "Manifest" stillschweigend vorausgesetzt - unmittelbar aufeinander beziehen. Leuzinger-Bohleber & Pfeifer (2005) betonen: "Man kann niemals einen mentalen Prozess direkt, ‚objektiv', beobachten. Nur Subjekte können mentale Prozesse beschreiben: der Geist (im Original 'mind', v. L.)! Man kann auch niemals Daten, die in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit unterschiedlichen Methoden gewonnen wurden, direkt miteinander vergleichen: es gibt keinen ‚direkten Blick in das Funktionieren des Gehirns'!!" Und Libet, dessen Experimente die Diskussion über Willensfreiheit und Determinismus ausgelöst haben, schreibt: "Ein normal funktionierendes Gehirn ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für das Auftauchen einer bewussten Erfahrung. Um die subjektive Erfahrung zu zerebralen Aktivitäten in Beziehung setzen zu können, benötigt man willige menschliche Subjekte" (zitiert nach Hagner 2004, 253). Und Hagner (2004, 253) ergänzt: "Anders gesagt: mit einem Gehirn im Glas ließen sich solche Experimente nicht durchführen."

Schon auf der neurologischen Ebene entsprechen funktionelle Fähigkeiten nicht immer dem, was von der Hirnstruktur her zu erwarten wäre. So zitiert Zieger (2004) Untersuchungen, nach denen die Verbindungen zwischen tieferen Hirnabschnitten und Hirnrinde im Verlauf der Fetalentwicklung erst ab der 22. Woche geknüpft werden. Ultraschalluntersuchungen zeigen jedoch Feten, die bereits in der 12. Woche über ein äußerst differenziertes Bewegungsrepertoire verfügen. Auch Studien an anenzephal, d. h. ohne Großhirn geborenen Kindern zeigen ein Verhaltensspektrum, das durch die nachweisbaren Hirnstrukturen allein nicht erklärbar ist. So wurden Fähigkeiten zum tonisch-empathischen Dialog mit Lächeln, "spontane reaktive körperliche, mimische und vokale Selbstaktualisierungen und Ausdrucksfunktionen, sowie implizite prozeduale und assoziative Antwort-, Lern- und Erkennungsleistungen beobachtet" (Zieger 2005, 6). Zieger (2001) betont die Möglichkeiten einer dialogischen Kommunikation mit Menschen im Koma und hat dabei überraschende Rehabilitationserfolge beobachten können. Neben der Problematik einer Koppelung von intersubjektiv bedeutsamen Signalen an Organstrukturen wird hier auch die eines unreflektiert a priori vorausgesetzten Hirnzentrismus deutlich. Bei der Problematik dieser Zusammenhänge für das Hirntot-Konzept und somit für die Transplantationsmedizin ist es nicht verwunderlich, dass eine Diskussion darüber vermieden wird.

Solche Beobachtungen können - zusätzlich zu den neueren Erkenntnissen über die Plastizität des Nervensystems - für Therapie und Rehabilitation ermutigend wirken (von Lüpke 2004). Der sprachlich verschleierte Dualismus in der Hirnforschung mit seinem Primat des Organischen behindert jedoch diese Entwicklung. Die Überbewertung naturwissenschaftlicher Daten führt zur Fixierung auf Organbefunde und damit zu verstärkter Abhängigkeit von medizinischen Modellen. Wieder zeigt sich die Macht der Bilder, wenn in der Medizin vom "Krankheitsbild" gesprochen wird. Die Geschichte der Rehabilitation bei Kindern mit Down-Syndrom belegt beispielhaft, in welchem Ausmaß die Entwicklungsförderung durch Fixierung auf den pathologischen Organbefund behindert werden kann. Die mit der Reduktion erreichte Sicherheit findet in der "Diagnose" als dem "hindurch" Erkennen, "den Durchblick haben", ihren Ausdruck. Dieses Bescheid-Wissen mit seiner fraglosen, jeden Zweifel verbietenden Gewissheit bleibt schließlich ohne Begründung durch einen Organbefund wirksam, wenn die Klassifikation als medizinischer Lehrsatz erst einmal stattgefunden hat. Niedecken (1989, 39) zitiert den Bericht eines Kinderarztes: "Der Arzt berichtete, er habe Kinder in seinem Heim, die keine Treppe allein bewältigen, aber sie kletterten über Stühle und Tische, wenn sie aus dem hohen Küchenschrank Schokolade holen wollten. Er habe Kinder, die nicht in der Lage seien, mit Besteck zu essen, die aber zur richtigen Zeit die richtige Station im Radio fänden, wenn eine Sendung zu erwarten war, die ihre Musik brachte." Da die Kinder als "geistig behindert" klassifiziert waren, wurden ihre Fähigkeiten nicht als Zeichen von Intelligenz bewertet - es war "Raffinesse".

Während die Rehabilitationswissenschaften erfolgreich dabei sind, die reduktive Fixierung an Organbefunde zu überwinden und für die Genese von geistiger Behinderung auch unbewussten gesellschaftlichen Tötungswünschen (Niedecken 1989) und Trauma-Erfahrungen (Sinason 2000) einen Stellenwert geben, gehen aktuelle Tendenzen der Hirnforschung in die entgegengesetzte Richtung. Dies zeigt sich an der durch alle Medien mit großer Heftigkeit geführten Debatte um die Frage der Willensfreiheit, in der einige der bekanntesten deutschen Hirnforscher und Mit-Autoren des "Manifest" wie Singer (2004) und Roth (2004) die Vorstellung vertreten, es gäbe keine Willensfreiheit, da auch die als frei empfundene Entscheidung letztlich das Ergebnis von nicht bewusst wahrgenommenen determinierenden physikalisch-chemischen Zellprozessen sei. Bennett/Hacker (2005) weisen darauf hin, dass eine mit dem Gefühl von "frei" verbundene Entscheidung durchaus nicht zur Voraussetzung haben muss, bewusst als solche reflektiert zu werden. Die Freiheit in der "freien Entscheidung" bezieht sich eher auf die Frage, ob eine Entscheidung lediglich auf Druck von außen oder im Einklang mit dem Identitätsgefühl zustande kommt. Hier wird die Bewertung unbewusster geistiger Prozesse relevant. Roth betont an anderer Stelle, dass der größte Teil aller für menschliches Verhalten maßgeblichen Prozesse unbewusst verläuft und dem mit der Großhirnrinde korrelierten Bewusstsein lediglich die Rolle eines Regierungssprechers zukommt, "der Dinge interpretieren und legitimieren muss, deren Gründe und Hintergründe er gar nicht kennt" (Roth 2001, 370). Ist darüber hinaus ein Gefühl - hier das der Willensfreiheit - erst "echt", wenn es durch einen Organbefund legitimiert wird? Ist das Gefühl nicht gerade als subjektive Wahrnehmung definiert? Wie steht es darüber hinaus mit der Erfahrung, dass Entscheidungen das Ergebnis von Prozessen sind, die oft über über einen längeren Zeitraum hin bewusst und dann auch wieder unbewusst verlaufen ("darüber schlafen", "reif werden lassen")? Wieder zeigt sich, dass die Kontroverse eher durch verwirrende Unklarheiten als durch unterschiedliche Postionen ausgelöst wird.

Der Stellenwert neurobiologischer Organbefunde ist für Therapie, Rehabilitation und Prophylaxe von Bedeutung. Während Hüther (2005a) die mit dem Konzept einer Plastizität des Gehirns einher gehenden Chancen betont, wird dieser Aspekt im "Manifest" nicht erkennbar. Statt dessen geht es hier darum, dass die weiteren Fortschritte in der Hirnforschung "vermehrt in die Lage versetzen, psychische Auffälligkeiten und Fehlentwicklungen, aber auch Verhaltensdispositionen zumindest in ihrer Tendenz vorauszusehen - und ‚Gegenmaßnahmen' zu ergreifen" (S. 36). Diese "Gegenmaßnahmen" sind kaum als Therapie, Förderung oder Prophylaxe zu verstehen, folgt man dem anschließenden Satz: "Solche Eingriffe in das Innenleben, in die Persönlichkeit des Menschen sind allerdings mit vielen ethischen Fragen verbunden, deren Diskussion in den kommenden Jahren intensiviert werden muss". Dazu ein beispielhafter Beleg: In dem Film: "Der Sitz des Bösen - entstehen Verbrechen im Gehirn?" von Tilman Achtnich (ZDF 2005) werden Kernspin-Bilder eines Verbrechers analysiert. Kommentar im Film: "Wie bei anderen gesuchten Gewalttätern zeigt sich der Bereich im Hirn besonders wenig aktiv, der das Mitgefühl verwaltet, die Empathie. Nicht nur vorne, sondern vor allem in einem zweiten Areal an der rechten Seite des Schädels, hat der Neurowissenschaftler herausgefunden. Das heißt, gewalttätige Verhaltensweisen von Tätern lassen sich im Gehirn nachweisen. .... Irgendwer in den USA oder hier wird fordern, Erkenntnisse sogar prophylaktisch einzusetzen, um Gewalttäter und Kinderschänder zu finden, indem man allen Polizeiauffälligen ins Gehirn schaut. Flächendeckend und vorsorglich. Rasterfahndung nach aggressiven Menschen ohne Mitgefühl. Oder auffälligen Jugendlichen. Und dann die möglichen Täter wegsperren. Eine Horrorvision!" Direkt anschließend sagt Roth (im Film): "Warum ist das schrecklich? Bei Infektionskrankheiten ist es sogar gesetzlich vorgeschrieben, dass, wenn jemand eine bestimmte Infektionskrankheit hat, die für die Gesellschaft extrem gefährlich ist, dass er dann abgesondert wird. Ob er das will oder nicht, da nimmt sich die Gesellschaft das Recht. Wenn nun - ganz hypothetisch - die diagnostischen Möglichkeiten durch die Hirnforschung und die durch die Neuropsychologie so gestärkt werden, dass man sagen kann, wer das und das im Gehirn hat, diesen Tumor, diese Verletzung, dann ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätig und gefährlich: warum soll man den dann nicht wegschließen, so wie man einen Menschen mit hoch ansteckender Krankheit wegschließt?" Das Gehirn als der Sitz des Bösen? Man wird an Frankensteins Diener Karl erinnert, der, nachdem er das Glas mit dem ausgewählten Gehirn hatte fallen lassen, das Gehirn eines Verbrechers für die zu schaffende Kreatur bereitstellte. Die Folgen sind bekannt. Für Förderung in Therapie wie Rehabilitation könnte dies bedeuten, dass eine Finanzierung dieser Maßnahmen in Zukunft von der Bewertung apparativ ermittelter Bilder wie der Kernspintomographie abhinge.

Hier zeigen sich die Folgen einer Überbewertung isolierter Hirnbefunde auf der Grundlage eines a priori vorausgesetzten Hirnzentrismus sowie der eingangs diskutierten Vernachlässigung nicht-linearer Modelle von Hirnfunktion. Den im "Manifest" zwar erwähnten, aber nicht weiter ausgeführten "völlig neuen Eigenschaften" nichtlinearer Systeme könnten bei Regenerationsprozessen weitreichende, im voraus nicht kalkulierbare Bedeutung zukommen. Bereits unter Normalbedingungen ließ sich im Tierversuch zeigen, dass bei Kaninchen durch eine bislang unbekannte Geruchsqualität nicht nur (wie zu erwarten) ein neues Muster im EEG entsteht, sondern alle bereits vorhandenen Muster aus vorangegangenen Geruchserfahrungen sich ebenfalls verändern (Freeman 1995).

Die gesellschaftliche und politische Relevanz von Prophylaxe sowie Therapie und Förderung auf der einen Seite und "Wegschließen" auf der anderen ist offensichtlich. Ein weiterer Aspekt zeigt sich in einem bereits zitierten Satz aus dem "Manifest". Hier heißt es im Anschluss an die Erwartung, dass "in den nächsten 20 bis 30 Jahren" mit hoher Wahrscheinlichkeit Aussagen über die Zusammenhänge zwischen "neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven, kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen" möglich sind: "Dies bedeutet, man wird widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen" (S. 36). Die Rede ist also nicht mehr von ausschließlich physikalisch-chemischen Prozessen. Was mit jenen "natürlichen Vorgängen", die auf "biologischen Prozessen" beruhen, gemeint sein könnte, verdeutlicht das bereits mitgeteilte Zitat von Damasio zum Primat des Überlebens - ein Aspekt, der wiederholt in seinen Büchern auftaucht. Auch für Roth (1999, 86) hat Wahrnehmung primär die Funktion, das Überleben zu sichern. Spezifisch Menschliches, wie die im "Manifest" genannten Kategorien Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit werden "widerspruchsfrei" dem Primat des Natürlichen in einem biologischen Kontext untergeordnet.

"Das Leben ist der Güter höchstes nicht..." - vermutlich hatte Schiller in der "Braut von Messina" noch nicht an Selbstmord-Attentäter gedacht. Aber ist nicht der Opfer-Tod für ein höheres Ziel, sei es Glaube, Vaterland oder Feldherr Teil der Menschheitsgeschichte? Wo bleibt jenes "Primat des Überlebens"? Und dient menschliche Kultur - etwa mit der Entwicklung von Technik - wirklich dem Überleben? Ist Massenvernichtung von Menschenleben mit den Möglichkeiten der Technik ein natürliches Phänomen? Oder das Überleben von Menschen, die unter natürlichen Bedingungen keine Chance hätten - ebenfalls mit Hilfe hoch entwickelter Technik? Sollte dies alles - einschließlich der Kunst ("Gedichte schreiben") - wie bei Damasio lediglich als "Nebentätigkeit" gewertet werden? Tatsächlich bietet Damasio dazu Antworten auf der Grundlage von Hirnforschung. Die Lösung der Probleme des Menschen einschließlich Drogensucht und Gewalttätigkeit sieht er in einem neuen "wissenschaftlichen Verständnis des menschlichen Geistes". Den gescheiterten sozialen Experimenten in der Vergangenheit lag seiner Einschätzung nach eine "ignorante Missachtung jener Aspekte biologischer Steuerung zugrunde, die sich heute der wissenschaftlichen Forschung erschließen ... Und schließlich waren sie (diese Experimente, v.L.) blind für die dunklen Seiten sozialer Emotionen, die sich in Tribalismus, Rassismus, Tyrannei und religiösem Fanatismus manisfestieren. Doch das gehört der Vergangenheit an" (Damasio 2003, 332).

Die Sehnsucht nach dem "Natürlichen" ist nicht neu. Als Gegenbewegung zu fortschreitender Rationalität und Technik war sie von je her Teil der Kulturgeschichte. Durch Kopplung an politische Macht hat sie im vergangenen Jahrhundert zu bislang nicht gekannten Konsequenzen geführt: Was der Definition von natürlich nicht entsprach, wurde als unnatürlich, widernatürlich oder entartet gekennzeichnet und vernichtet. Der Bereich der Rehabilitation war davon in besonderer Weise betroffen. Als Folge einer Orientierung am Primat des Natürlichen in einem biologischen Kontext war dies durchaus konsequent: im Dienste des Überlebens lässt das Rudel die Schwachen, Kranken und Behinderten zurück.

Keinem der beteiligten Wissenschaftler sei unterstellt, dass er die hier skizzierten Konsequenzen wünscht. Die Allianz zwischen wissenschaftlich naiver Position und politischem Vollzug - Wissenschaftler fühlen sich missbraucht, Politiker legitimiert, jeder schiebt dem anderen die Verantwortung zu - war in der Vergangenheit jedoch zu offensichtlich, als dass man sich diesem Wissen heute noch entziehen könnte.

Abschließende Bemerkungen

Bleiben die Neurowissenschaftler als Sündenböcke zurück? Gilt die hier diskutierte Problematik nicht auch - mit anderen Vorzeichen - für den Bereich der therapeutischen und pädagogischen Förderung? Die Reduktion vielfältiger Probleme auf eine "Diagnose" ist ja nicht nur das Resultat einer Allianz mit der Medizin, sondern enthält auch die Hoffnung auf Klarheit, die zum besseren Handeln, zum Heilen befähigt. Sie ist damit - wie in der Medizin - eine notwendigen Voraussetzung für Handlungskompetenz. Die im eigenen Handeln versteckte Gefahr der Manipulation wird nicht selten sekundär metaphorisiert, etwa als "spielerisch" oder mit der Aufforderung, "nun wollen wir doch mal ...". Dem Traum der Hirnforscher vom Erkennen der Geheimnisse des Menschen entspricht hier der Traum vom Heilen. Nach Wahrheiten wird gesucht, nach "schlagenden" Argumenten für die richtige oder falsche Methode. Die Koinzidenz geheimer Wünsche kann zu einer "perversen Allianz" zwischen Rehabilitation und medizinisch relevanter Hirnforschung führen.

Als Dilemma beider Disziplinen kann gelten, was oben für die Hirnforschung angedeutet wurde: jene dialektische Spannung zwischen beweglicher Metaphorik und fixierender Definition nicht zu benennen, sondern durch deren Leugnen Verwirrung zu stiften. Wie bereits diskutiert, ist jede sprachliche Mitteilung von der wechselseitigen Bedeutungszuschreibung innerhalb des komplexen Systems abhängig. Unterbleibt die Klärung solcher Bedeutungszuschreibungen im sprachlichen Kontext, so kommen "mitgebrachte" Bedeutungen und damit die metaphorischen Dimensionen in ihrer verborgenen Dynamik bevorzugt zum Tragen. Dies wurde als "sekundäre Metaphorisierung" im "Manifest" sichtbar. Offen ausgehandelte Dialektik kann das Dilemma zur fruchtbaren Spannung werden lassen, die unterschiedlichen Pole müssen ihre Unterschiedlichkeit ("différence") nicht verleugnen, sondern können sie - wie in der Dialog-Spirale von Milani Comparetti (1996) - zur gegenseitigen Entwicklung nutzen. Das Vagabundieren der Gedanken - Hypothesen, die über das Ziel hinaus schießen - von Gefühlen eingefärbte Bewertung: all dies hat Bedeutung für die Konstruktion von klaren Definitionen und die Arbeit mit Diagnosen, die ihrerseits (als "pockets") erneut in metaphorische Kreativität übergehen - analog zum Verhältnis von Chaos und Ordnung. Auch Bilder müssen nicht dauerhaft begrenzen und Bewegung verhindern: sie können in Bewegung geraten, zu "movies" werden. In der Klarheit dieser dialektischen Beziehung werden auch Ergebnisse der Hirnforschung fruchtbar. Die organischen Aspekte ermutigen Therapie und Rehabilitation, etwa durch Hinweise auf die Plastizität bei Wachstums- und Regenerationsprozessen (Hüther 2005a, von Lüpke 2004). Die metaphorische Seite kann eigene Bilder modifizieren und zu neuen Varianten im Handelns anregen. Manche sekundären Metaphorsierungen sind nicht ohne Charme, so Hüthers Hinweis: "Im Frontalhirn ... sind die miteinander verbundenen Netzwerke sehr fragil. ... Immer dann, wenn ein Mensch bedroht wird, unter Druck gerät oder wo unerfüllbare Erwartungen an ihn gestellt werden; immer dann also, wenn in einem Menschen Erregungen entstehen, meist weil er in seiner Beziehung zu anderen in Schwierigkeiten gerät, kommt im Hirn sozusagen das Frontalhirn durcheinander" (Hüther 2005b).

Nichtwissen, Suchen, Neugier auf Bedeutung: "Ein theoretischer Begriff, an den ich zu stark gebunden bin, kann zum Verlust des Nachfragens führen", schreibt Orange (2003, 99) in ihrer Arbeit über die Bedeutung der Sprache in der Psychoanalyse. Zweifel und Unsicherheit sowie das Aushalten der damit verbundenen Angst gehören zu jenen Spielräumen, welche die Voraussetzung bilden für Kreativität in der Wissenschaft Hirnforschung wie in Therapie und Rehabilitation.

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Quelle:

Hans von Lüpke: Sprachliche Verwirrspiele - nicht nur in der Hirnforschung. Konsequenzen für Theorie und Praxis der Rehabilitation.

erschienen in: Sonderpädagogische Förderung 3/2006, S. 229-241

bidok -Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 03.03.2008

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