Die vielfältigen Dimensionen des Dialogs

AutorIn: Hans von Lüpke
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Entnommen aus der Dokumentation: Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit - Konzept einer am Kind orientierten Gesundheitsförderung von Prof. Milani Comparetti (1985; 2. Erweiterte Auflage der Dokumentation 1986) S. 65 - 71
Copyright: © Hans von Lüpke 1996

Die vielfältigen Dimensionen des Dialogs

Man kehrt niemals an den Ausgangpunkt zurück. Mit diesem Grundgedanken stellt Milani Comparetti sein Konzept vom Dialog mit der offenen, kontinuierlich fortschreitenden Dimension von Kreativität dem geschlossenen Kreis von Reiz und Antwort entgegen (siehe Milani Comparetti in diesem Band). Auch die Beschäftigung mit diesem Konzept wird zur kreativen Bewegung, wenn die bildliche Darstellung der Spirale selbst den Vorschlag darstellt, dem Gegenvorschläge folgen. In konsequenter Weiterentwicklung kam Gidoni (Ceruti u. Gidoni 1990) zum Bild der "erratischen Spirale" (Abb. 1). Hier wird die Dimension der Kreativität nicht ausschließlich als eine gradlinig nach oben gerichtete Bewegung verstanden, sondern als eine, der alle Dimensionen offenstehen, auch die nach unten oder vorübergehend rückwärts gerichtete. Mit dem "Geheimnis" hat Milani Comparetti schließlich eine Ebene eingeführt, die sich der graphischen Darstellung völlig entzieht und auch sprachlich nur noch in paradoxen Formulierungen faßbar ist. Gerade die Nicht-Mitteilbarkeit wird zum essentiellen Bestandteil des Dialogs (S. 26).

Abb. 1: (Aus Ceruti u. Gidoni 1990)

Damit stellt sich die Frage nach den spezifischen Voraussetzungen, die zwei aufeinander folgende Aussagen zum Vorschlag und Gegenvorschlag im Sinne des Dialog-Konzepts werden lassen. Der Zusatz "Gegen-" formuliert die Vorstellung, daß es sich nicht um eine Imitation handeln kann, wie sie vor allem bei Bewertungen von Mutter-Kind-Interaktionen nicht selten als besonders positiv gesehen wird. Stern (1992) betont, daß die bloße Imitation lächerlich wirkt, "Ähnlichkeit mit einem Roboter" hat (S. 203), vom Imitierten schließlich als Kränkung, als "Über-sich-lustig-machen" empfunden werden kann. Der Imitierte bleibt letztlich allein, ohne ein Gegenüber, einen Partner. Andererseits ergibt ein bloßes "Gegen-" keine Gemeinsamkeit, keine gemeinsame Bewegung wie die der Spirale. Offenbar müssen beide schon im Vorfeld in einem Kontext stehen, der sie füreinander bedeutsam macht. Dieser "gemeinsame Raum" läßt sich nicht durch objektive, an vorgegebenen Eigenschaften festgeschriebene Kriterien definieren, sondern entsteht durch die wechselseitige Bedeutung innerhalb gemeinsamer Bilder, Erfahrungen, Hoffnungen, Phantasien. Stern (1992) spricht von der "Gefühlbestimmung" ("affect attunement"), die "die Gefühlsqualität eines gemeinsamen Affektzustandes zum Ausdruck bringt, ohne die Verhaltensäußerung des inneren Zustands exakt zu imitieren" (S. 203). Eine solche Abstimmung erfolgt nicht nur über verbale Kanäle. Sie bezieht das volle Repertoire der Kommunikationsmöglichkeiten ein, die noch keinen Modalitäten wie Sehen, Hören, Fühlen etc. zugeordnet sind; all die "amodalen" Wege, über die Fetus und Säugling noch mit voller Selbverständlichkeit verfügen. Sie geht damit über das hinaus, was Stern mit "affect attunement" erst ab dem 7. Monat ansetzt. Später treten diese Kommunikationsmöglichkeiten durch die Vorherrschaft der Sprache in den Hintergrund der bewußten Wahrnehmung, die tägliche Kommunikation wird jedoch weiterhin von ihnen geprägt. Veldman (1991) spricht vom "Repräsentation-Tonus", der sich in der Gamma-Innervation der Muskulatur manifestiert und die Kommunikation vom Augenblick der Begegnung an bestimmt. So entsteht jener gemeinsame Raum, der Vorschlag und Gegenvorschlag zum Dialog werden läßt. Hier wird es möglich, ohne bewußte Verabredungen und ständige wechselseitige Abstimmung etwas Gemeinsames zu tun. Keiner ist ausschließlich Handelnder und keiner auf die Rolle des Reagierenden festgelegt. Unter eingespielten Musikern, etwa im Streichquartett oder beim Jazz, gibt niemand durch Kopfnicken den Einsatz; bei guten Tänzern "führt" niemand den anderen. Selbst die Fortbewegung im Gedränge einer Menschenmenge oder beim Straßenverkehr wäre nichts als eine Folge von Zusammenstößen, gäbe es nur Regeln und nicht auch eine Vielzahl von gar nicht bewußt wahrgenommenen wechselsseitigen Signalen.

Die neuere Hirnforschung hat Möglichkeiten der Messung entwickelt, die in diesem Zusammenhang von Interesse sind. So konnte man feststellen, daß schon vor der bewußten Wahrnehmung eines optischen oder akustischen Reizes - die an einer meßbaren Potentialschwankung nach mindestens 300 Millisekunden erkennbar ist ("P300") - elektrische Potentiale auf Aktivitäten im Gehirn verweisen (Roth 1995). Bei Feten wurde beobachtet, daß jeder sichbaren Motorik Veränderungen des Herzschlags vorangehen, wiederum ein Hinweis auf eine Vorwegnahme, eine Antizipation von emotionaler Bedeutung (Verny 1989). Offensichtlich wird die bewußte Wahrnehmung oder Handlung von dieser vorbereitenden Phase maßgeblich mit bestimmt. Roth spricht der Aufmerksamkeit, den Gedächtnisinhalten und den Bewertungsprozessen dabei eine besondere Bedeutung zu. "Zum Beispiel tritt im unbewußten und nicht von Aufmerksamkeit begleiteten Zustand die P300-Welle überhaupt nicht auf. Die Welle ist dagegen umso deutlicher ausgeprägt ..., je bedeutungsvoller der wahrgenommene Reiz für die Versuchsperson ist. Sie tritt um so später auf, je komplizierter der wahrgenommene Reiz ist und je schwieriger er dem kognitiven System erscheint." (Roth 1995, S. 220-221). Die P300-Welle kann sogar auftreten, wenn ein Reiz zu einem bestimmten Zeitpunkt nur erwartet wird, in Wirklichkeit aber gar nicht eintritt (Straßburg 1995), vereinzelt sogar bei Patienten im Koma (Zieger 1992). Dies zeigt die auch durch andere Beispiele vielfältig belegte Vorstellung der neueren Hirnforschung, daß Wahrnehmung nicht einem Abbild der Umwelt entspricht, sondern maßgeblich von vorgegebenen Bewertungen und Erinnerungen (und damit von Erfahrungen) bestimmt wird. Roth spricht von Wahrnehmung als "Hypothesen über die Umwelt". Stern (1992) sieht in erinnerten Episoden und den darin enthaltenen Beziehungserfahrungen einen prägenden Faktor für das aktuelle Erleben. Die Vielfalt der vorangegangenen Kommunikationserfahrungen könnte für den aktuellen Dialog - um noch einmal musikalische Bilder zu benutzen - so etwas wie Obertöne oder Resonanzphänomene darstellen.

Dieser Ausflug in die Wissenschaft sollte nicht dazu dienen, für die Beobachtungen an Musikern und Tänzern eine "Wahrheit" zu beweisen. Auch die wissenschaftlichen Befunde sind Metaphern, "Hypothesen über die Umwelt, nur mit anderen Methoden gewonnen, durch andere "Brillen" gesehen. Die Darstellung versucht lediglich zu verdeutlichen, welch unterschiedliche Ansätze zu ähnlichen Resultaten führen. Für das Konzept vom Dialog ergibt sich daraus, daß der auch in den unberechenbaren Bewegungen der "erratischen Spirale" noch bewahrte Zusammenhalt das Resultat einer wechselseitigen Bedeutung ist, die beide Partner motiviert, sich ständig erneut aufeinander einzustimmen. Damit sind wir wieder bei musikalischen Metaphern, die übrigens auch für die Beschreibung von ZNS-Funktionen in zunehmendem Maße an Bedeutung gewinnen ("Synchronisation" verschiedener Aktivitäten anstelle eines hierarchisch ausgerichteten Verarbeitungsmodus: man könnte hier vom "inneren Dialog" sprechen). Die Gründe und die Modalitäten der wechselseitigen Abstimmung unter Partnern sind so unendlich vielfältig (da in ihrer Bedeutung erst durch dieses Wechselspiel bestimmt), daß die Resultate immer unkalkulierbar bleiben. Damit trifft sich die offene Dimension der Kreativität im Dialog mit Aspekten der Chaostheorie, wie sie etwa von Rödler (1993) für Entwicklungsprozesse diskutiert werden.

Bis jetzt war von Kräften die Rede, die den Dialog zusammenhalten. Dabei wurde eine wesentliche Dimension noch nicht erwähnt: die Tatsache, daß die Partner im Dialog immer getrennte Personen bleiben, nirgends miteinander verschmelzen. Diese Vorstellung ist vor allem bei Säuglingen nicht selbstverständlich, denkt man an das Symbiose- Konzept von Mahler (1968). Danach befindet sich der Säugling bis zum Alter von 8 Monaten in einem "Zustand der Undifferenziertheit, der Fusion mit der Mutter, . .., in dem das ,Ich' noch nicht vom 'Nicht-Ich' unterschieden wird" (S. 14-15). Dagegen stellen Stern (1992) und im deutschen Sprachraum vor allem Dornes (1993) das Konzept vom "kompetenten Säugling", der sich schon von der Geburt an als getrennt von der Umwelt empfindet und aktiv mit dieser Kontakt aufnimmt. Das besondere Verdienst von Milani Comparetti ist es, diese Entwicklung nicht erst bei der Geburt anzusetzen, sondern auf dem Hintergrund seiner Ultraschallbeobachtungen schon in der Fetalzeit. Diese Sicht findet heute in zunehmendem Maße Bestätigung (von Lüpke 1995). Auf die dialektische Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, wie sie aus dem Dialog-Konzept resultiert, und auf die Bedeutung dieser Zusammenhänge für die Entwicklung der Fremdenrepräsentanz (von Lüpke 1996a) kann in diesem Rahmen nur hingewiesen werden.

Das Konzept vom Dialog als einer wechselseitigen Kommunikation, jenseits aller verbalen Verständigung hat die Möglichkeiten der Rehabilitation über den Rahmen der "Frühförderung" hinaus in bisher nicht gekannte Dimensionen erweitert. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Neurochirurgen Andreas Zieger, der - mit ausdrücklichem Bezug auf Milani Comparetti - seine Arbeit mit Patienten im Koma daran orientiert. Er konnte dabei durch Messung von Herzfrequenz und Muskelaktivitäten zeigen, daß auch im Koma die Umgebung sehr differenziert wahrgenommen wird, nicht nur das Verhalten von Angehörigen, sondern auch pflegerische Manipulationen bei benachbarten Patienten wie Absaugen etc. (1995b). Besonders solche Signale, die beim Patienten Beziehungserfahrungen ansprechen, können den Verlauf der Rehabilitation oft in dramatischer Weise beeinflussen. Ziegers Empfehlungen zum Aufbau eines Dialogs zeigen die Nachbarschaft zum Konzept von Milani Comparetti. So rät er den Angehörigen von Patienten im Koma: "Wenn Sie eine Antwort wahrnehmen, können Sie Ihre Anregung, die Ihrem Empfinden nach diese Antwort hervorgelockt hat, behutsam wiederholen. Wenn sie (die Anregung [Hrsg.]) die Antwort wiederholt, können Sie das eine Zeitlang fortsetzen, bis Sie oder Ihr Gegenüber es nicht mehr möchten. Sie können dann einen anderen Vorschlag machen, z.B. in Form einer Anregung auf einem anderen Sinneskanal oder auch in Form einer kleinen Pause. Verwenden Sie frühe Formen der Kommunikation, knüpfen Sie an vertraute Wahrnehmungen und gemeinsame Erlebnisse an, die für Ihr Gegenüber bedeutsam sind. (Zieger 1995a, S. 13). Auch der Kinderarzt Dieter Hauf (1991) orientiert seine Rehabilitation von Kindern mit apallischem Syndrom an einem ganzheitlichen Konzept, das in seiner Bewertung des sozialen Umfeldes und mit der Ablehnung "nackter Stimuli" auf Milani Comparetti Bezug nimmt.

Beim Dialog trifft sich, wer Entwicklung als einen offenen Prozeß im wechselseitigen Austausch versteht. 10 Jahre nach dem Tod von Adriano Milani Comparetti bietet sein Konzept einen Platz für neuere Entwicklungen in Neurophysiologie, Säuglingsforschung, Rehabilitation und theoretischer Erfassung wie im Chaos-Konzept oder systemischen Denken (von Lüpke 1996b, 1997). Die Gemeinsamkeit liegt in der grundlegenden Vorstellung, daß Entwicklung, ob "normal" oder "gestört", ein soziales Phänomen ist; etwas, das nicht als Eigenschaft der einzelnen Person zuzuordnen ist, sondern zwischen Personen entsteht (Walthes 1993). Hier hat der oft verwässerte und zu Sammeldiagnosen und -therapien mißbrauchte Begriff der "Ganzheitlichkeit" einen präzisen Sinn.

Die Beiträge der Tagung im Oktober 1995 haben gezeigt, daß die Auseinandersetzung mit Milani Comparetti sich als eine ständige Folge von Variationen durch fortlaufende Veränderungen eines Themas darstellt. Hier gilt, was von ihm selbst gesagt wurde: non si ferma mai, er bleibt nie stehen.

Literatur

Ceruti M, Gidoni EA (1990) Developmental Studies as a Venture Into Science. In: Papini M, Pasquinelli A, Gidoni EA (eds.) Development, Handicap, Rehabilitation. Elsevier, Amsterdam (pp. 237-258)

Dornes M (1993) Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Fischer, Frankfurt am Main

Hauf D (1991) Überlegungen zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit apallischem Syndrom - aus der Sicht des Arztes. BEHINDERTE in Familie, Schule und Gesellschaft (Graz) 14(6):39-47

von Lüpke H (1995) Säuglingsforschung und pränatale Psychologie. Eine Diskussion mit Dr. Joseph D. Lichtenberg. Int. J. of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 7(4): 529-534

von Lüpke H (1996a) Weitere Überlegungen zur Entwicklung der Fremdenrepräsentanz. In: Kiesel D, Kriechhammer-Yagmur S, von Lüpke H (Hrsg.) Gestörte Übertragung. Ethno-kulturelle Dimensionen im psychotherapeutischen Prozeß. Haag + Herchen, Frankfurt am Main (S. 123-126)

von Lüpke H (1996b) La forza della fragilità. Vortrag beim Kongreß "Con l´infanzia a partire da Adriano Milani Comparetti", Città di Castello, 5.-6.September 1996

von Lüpke H (1997) Das Fühlhorn der Schnecke: Herantasten und Rückzug. Wahrnehmung und Emotionalität. Praxis der Psychomotorik 22(1):15-21

Mahler MS (1972) Symbiose und Individuation. Band I: Psychosen im frühen Kindesalter. Klett, Stuttgart. Original: On Human Symbiosis and the Vicissitudes of Individuation. Vol I: Infantile Psychosis. International Universities Press, Inc., New York, 1968

Rödler P (1993) Menschen, lebenslang auf Hilfe anderer angewiesen. Grundlagen einer allgemeinen basalen Pädagogik. Afra Verlag, Frankfurt am Main

Roth G (1995) Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main

Stern DN (1992) Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart. Original: The Interpersonal World of the Infant. A View from Psychoanalysis and Developmental Psychology. Basic Books, New York, 1985

Straßburg HM (1995) Mündliche Mitteilung

Veldman F (1991) Prolégomènes à une neurophysiologie de la phénomenalité haptonomique. Présence Haptonomique Numéro 2 (Actes du 1er Congrès International d´Haptonomie, 13-14 Oct. 1990) Paris. André Soler, Clermont-Ferrant (S. 149-180)

Verny TR (1989) The Scientific Basis of Pre- and Peri-Natal Psychology - Part I Pre- and Peri-Natal Psychology 3(3):157-170

Walthes R (1993) Störung zwischen Dir und mir. Grenzen des Verstehens, Horizonte der Verständigung. Frühförderung interdisziplinär 12:145-155

Zieger A (1992) Dialogaufbau in der Frührehabilitation. Erfahrungen mit komatösen Schädel-Hirn-Verletzten. Beschäftigungstherapie und Rehabilitation 31(4):326-334

Zieger A (1995a) Informationen und Hinweise für Angehörige von Schädel-Hirn Verletzten und Menschen im Koma und apallischen Syndrom. Eigenverlag, Oldenburg

Zieger A (1995b) Körperpsychotherapeutische Aspekte beim Dialogaufbau mit schwerst Schädel-Hirnverletzten. Vortrag zur 26. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie in München, 23.-25. März 1995

Quelle:

Hans von Lüpke: Die vielfältigen Dimensionen des Dialogs

Entnommen aus der Dokumentation: Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit - Konzept einer am Kind orientierten Gesundheitsförderung von Prof. Milani Comparetti.

Herausgegeben von Edda Janssen und Hans von Lüpke im Auftrag des Paritätischen Bildungswerks Bundesverband e. V., Frankfurt; Dez 1996

(1985; 2. Erweiterte Auflage der Dokumentation 1986) S 65 - 71

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.03.2005

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