Das Leben beginnt mit Kommunikation - zur Kontinuität menschlicher Entwicklung.

AutorIn: Hans von Lüpke
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in: Wege zum Menschen 49 (5), 272 - 281, 1997
Copyright: © Hans von Lüpke 1997

Historische Bilder

"Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet seist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib" (Lukas I, 39-44).

"Schwangere Frauen müssen für ihren Körper Sorge tragen, ihr Gemüt aber sollen sie von Sorgen freihalten, denn das werdende Kind nimmt vieles von der es tragenden Mutter an, wie die Pflanze von dem Erdreich, in dem sie wurzelt", schreibt Aristoteles. Diese Forderung deutet an, daß die Durchlässigkeit für die Gefühle der Mutter das Kind nicht immer vor Freude hüpfen läßt. Leonardo da Vinci wird hier noch deutlicher: "Ein Wille, eine Angst, ein starkes Verlangen, das die Mutter hat, oder eine Qual in ihrem Gemüt hat mehr Macht über das Kind als über die Mutter, da das Kind dadurch häufig das Leben verliert" (nach Rottmann 1974).

Samuel Taylor Coleridge schreibt 1802: " Ja - die Geschichte des Menschen in den neun Monaten, die seiner Geburt vorausgehen, wäre vermutliche weit interessanter und enthielte Ereignisse von größerer Tragweise als alle drei Lebensalter und Jahrzehnte, die ihr folgen" (nach McFarlane 1977).

Die Liste solcher Zitate ließe sich durch alle Zeiten und Kulturen fortsetzen. Müttern sind solche Zusammenhänge immer schon vertraut gewesen. Sie spüren, ob die Bewegungen des Ungeborenen Behagen oder Angst ausdrücken. Sie erkennen typisches Verhalten aus der Zeit der Schwangerschaft beim Säugling wieder, können Unterschiede im "Temperament" ihrer Kinder bis in die Schwangerschaft zurückverfolgen. Die Bewertung dieser Erfahrungen ist heute allerdings fragwürdig geworden. Es fehlt jene Sicherheit durch einen kulturellen Kontext, die Elisabeth den Mut gegeben hat, dem "Hüpfen" des Kindes Bedeutung zu geben. Wahrnehmungen dieser Art laufen heute Gefahr, als "Phantasie der stolzen Eltern", "Projektionen" oder "Einbildung" abgetan zu werden. Entwicklungskalender beginnen ausnahmslos bei der Geburt, und selbst die "fortschrittlichsten" Entwicklungskonzepte wie die von Lichtenberg und Stern unterscheiden sich hierin nicht von "traditionellen". Dabei macht es das Konzept vom "kompetenten Säugling" (Dornes 1993) immer schwieriger, eine strikte Trennung zwischen der Entwicklung vor und nach der Geburt aufrechtzuerhalten.

Wie wird der Säugling kompetent?

Geht man davon aus, daß ein Kind bereits unmittelbar nach der Geburt über die Fähigkeit verfügt, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden; daß es schon zu diesem Zeitpunkt nicht nur reagieren, sondern aktiv Kontakt aufnehmen und eine wechselseitige Kommunikation eingehen kann (Stern 1992, Dornes 1993), so stellt sich mit größerer Dringlichkeit als etwa beim Bild eines "autistisch" abgekapselten oder "symbiotisch" mit der Mutter verschmolzenen Kindes die Frage: wann und wie entwickeln sich diese Kompetenzen? Nach allem, was man über Entwicklungsprozesse heute weiß, wäre es kaum vorstellbar, daß derart differenzierte Fähigkeiten erst im Augenblick der Geburt entstehen. Das Konzept vom kompetenten Säugling ist mehr als jedes andere mit der Frage nach den pränatalen Vorläufern verknüpft. Stern versucht das Problem mit seinem Modell vom "Gefühl des auftauchenden Selbst" zu umgehen und verfängt sich dabei in widersprüchlichen Formulierungen, wenn er die Organisation des Erlebens vor dem "Empfinden eines Kern-Selbst" mit den Worten beschreibt: "Unmittelbar zuvor jedoch ist die Bezugsorganisation für das Selbstempfinden noch im Entstehen begriffen, anders ausgedrückt, sie taucht auf" (Stern 1992, S. 73). Bedeutet "auftauchen" nicht das Sichtbar-werden von etwas vorher schon Vorhandenem, das lediglich verborgen war? Ist ein Schwimmer im Augenblick des Auftauchens "im Entstehen begriffen"?

Die magische Grenze der Geburt

Eine Erklärung für dieses Ausblenden der vorgeburtlichen Entwicklungsphase könnte darin bestehen, daß zur Zeit der Abfassung des Buches von Stern (also in der Zeit vor 1985) dazu noch nicht genügend verläßliche Kenntnisse vorlagen. Wie später im einzelnen noch gezeigt wird, haben sich die Kenntnisse über die Fetalzeit in den letzten 10 Jahren zwar wesentlich erweitert und ausdifferenziert. Die wichtigsten Fakten waren aber Anfang der 80iger Jahre schon bekannt. Dornes (1993) zitiert sogar Forschungsergebnisse über die Kompetenz des Feten - so die hohe kognitive Fähigkeit, nicht nur Stimmen, sondern Texte, die während der Schwangerschaft gehört wurden, so zu differenzieren, daß sie im Säuglingsalter wiedererkannt werden - , zieht daraus jedoch keine Konsequenzen.

Es scheinen andere als nur rationale Gründe zu sein, die der Vorstellung von einer Kontinuität zwischen vor- und nachgeburtlicher Entwicklung im Wege stehen.

Zunächst dürfte es die Angst um wissenschaftliche Seriosität sein. Die pränatale Psychologie eignet sich in besonderer Weise als Projektionsraum für Phantasien, Hoffnungen, Heilserwartungen bis hin zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen. 1984 erschien bei Goldmann ein Buch über "die erstaunlichen Botschaften eines Ungeborenen" unter dem Titel "Ich kann sprechen" Im Klappentext heißt es: " Ein werdendes Baby nimmt mit seiner sensitiven, im 5. Monat schwangeren Mutter überraschend telepathischen Kontakt auf. Tagtäglich berichtet es über seine mannigfaltigen Erfahrungen im Mutterleib und gibt zudem erhellende Antworten auf Fragen unserer Zeit". Auch in der Dianetik eines L.R. Hubbard kommt der pränatalen Phase ein hoher Stellenwert zu. Neben der Angst um Seriosität könnte aber auch der Schutz verborgener Wünsche eine Rolle spielen. Es fällt immer wieder auf, wie hartnäckig die Vorstellung von der Pränatalzeit als einer Phase der vollkommenen Wunscherfüllung, Sicherheit und paradiesischen Schwerelosigkeit ("Nirwana") aufrecht erhalten wird. Alle Kenntnisse über die vielfachen Gefahren im Mutterleib - psychische wie auch organische durch Medikamente, Umweltschäden etc. - konnten diese Bilder nicht auslöschen. Es ist, als ob der Mensch nach dem Verlust so vieler Paradiese sich wenigstens aus diesem einen nicht vertreiben lassen will. Dazu gehört der Schutz des ungeborenen Kindes vor allzu menschlichen Erfahrungen wie Entbehrung, Bedrohung und Angst. Verny (1996), glaubt, daß es die Angst vor der Wiedererweckung schmerzhafter Gefühle von Zurückweisung, Isolation und Getrenntheit ist, die zur Idealisierung der Pränatalzeit führt. Könnte auch die Vorstellung vom ungezähmten Es als einem wild um sich schlagenden Orang Utang - dem Säuglings-Bild von Anna Freud - (Köhler 1996) gleichermaßen Angst und Neid auslösen, sodaß es beruhigend ist, dieses gefährliche Wesen hinter einer verläßlichen Grenze, der Geburt, verwahrt zu wissen ? Schließlich könnte sich der Widerstand dagegen richten, die entbehrungsreich für den Einlaß zu höheren "Weihen" gelernten oder durch wissenschaftliche Arbeit mühsam erworbenen Vorstellungen über frühe Entwicklung wieder einmal revidieren zu müssen.

Ein ganz anderes, hier möglicherweise relevantes Thema ist die Problematik der Abtreibung. Was bedeutet beispielsweise der Nachweis von Schmerzempfindung ab der 8. Woche für die Abtreibungs-Diskussion? Juristen haben hier bereits ausgeführt: "Der Verzicht auf Schmerzverhinderungsmaßnahmen aus Rücksicht auf die Schwangere ist bei einem Fetozid unzulässig, da gegenüber dem Kind kein Schmerzduldungsanspruch besteht" (Bachmann, K.-D. & Vilmar, K. sowie Büchner, B. 1991/1992). Wie stark in diesem Zusammenhang sogar Kenntnisse negiert werden, zeigt die Auseinandersetzung um den Film "The silent scream", der eine Abtreibung im Ultraschallfilm zeigt. In dem demagogisch kommentierten Film sind die Panik und die vergeblichen Rettungsversuche des Kindes zu erkennen. Eine Expertengruppe der Planned Parethood Federation of America (PPFA) hat daraufhin noch in den 80iger Jahren die angebliche Unempfindlichkeit gegen Schmerzen bis zur 12. Woche als "wissenschaftlich erwiesen" bezeichnet.

Befunde zur pränatalen Entwicklung

Die Geschichte der Pränatal-Forschung zeigt, daß es weniger die Befunde selbst sind, sondern die Bedingungen ihrer Rezeption, die über die jeweils aktuellen Vorstellungen entscheiden. Die hier folgende Zusammenstellung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür sei auf die zusammenfassenden Darstellungen von Gross (1991), Hertl (1994), Janus (1993) und Haibach & Janus (1997) verwiesen. Darüber hinaus liegen umfangreiche Bibliographien vor, in denen die Literatur zur pränatalen Entwicklung und deren Konsequenzen für die weitere Lebensgeschichte zusammengestellt wurde (Janus & Maiwald 1992, Maiwald & Janus 1993, Maiwald 1994). Hier soll es vor allem um die Frage gehen, ob und gegebenenfalls in welchem Ausmaß die Fähigkeit des "kompetenten Neugeborenen", in der Kommunikation ein aktiver Partner zu sein, sich bis in die Pränatalzeit zurückverfolgen läßt. Es fällt auf, daß im Verlauf von über 100 Jahren Forschung die Ergebnisse weitgehend übereinstimmen, obwohl die Verläßlichkeit der Methoden in den frühen Phasen (Tasten durch die Bauchwand der Mutter, Benutzung des Stethoskops, Beobachtung von nicht lebensfähigen Feten) mit der heutiger Techniken wie Ultraschall, Kardiotokographie, EEG, Hormonuntersuchungen etc. kaum vergleichbar ist. So stellt Preyer in seiner 1885 erschienen "Speziellen Physiologie des Embryos" fest, daß die Motorik nicht nur lange vor der 12. Schwanger-schaftwoche einsetzt, sondern daß es sich um spontane Bewegungen handelt, nicht um bloße Reaktionen auf äußere Stimuli (nach Sontag 1941). Stirnimann beobachtet 1940 bei der Untersuchung von frühgeborenen Kindern, daß sich deren Verhaltensrepertoire kaum von dem reif geborener unterscheidet und schließt daraus, daß diese Fähigkeiten schon während der Fetalzeit vorhanden sein müssen. Peiper registriert 1925 fetale Bewegungen als Antwort auf akustische Signale, Spelt berichtet ebenfalls 1925 über Konditionierung von Feten auf akustische Reize (nach Sontag 1941). Sontag beschreibt 1941 eine Veränderung fetaler Bewegungsaktivitäten je nach Stimmung der Mutter. Die italienischen Geburtshelfer Ianniruberto und Tajani (1981) beobachteten nach dem Erdbeben in Bari bei Ultraschalluntersuchungen von Schwangeren zunächst eine Hyperaktivität, dann eine Abnahme der fetalen Bewegungsaktivitäten. Daß solche Verhaltensänderungen u.a. durch chemische Substanzen im Blut ausgelöst werden (vorwiegend Hormone wie Adrenalin), konnte im Tierversuch bewiesen werden: übertrug man Blut von verängstigten Affen auf schwangere Affen, so reagierten die Feten mit körperlicher Unruhe (Hertl 1994, S. 123).

Wechselseitigkeit in der fetalen Beziehung

"Die Befunde der modernen Säuglingsforschung legen ... die Auffassung nahe, das das menschliche Neugeborene auf Gegenseitigkeit angelegt ist und nicht auf Konflikt. Sie belegt, daß man keine gültigen Aussagen über das Kind für sich allein machen kann, sondern nur über das Kind in seiner Umgebung, über Mutter und Kind als einem System, das sich in der Entwicklung befindet" (Köhler 1996, S. 55)

Sollte dies erst nach der Geburt gelten ?

Die bisher dargestellten Befunde zeigen, wie weit die Kenntnisse über Fähigkeiten des ungeborenen Kindes zur Interaktion zurückreichen, sagen aber noch nichts über die Wechselseitigkeit in der Kommunikation. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß der Embryo bereits nach den ersten Zellteilungen biochemische Signale bildet, die auf die Uterusschleimhaut der Mutter einwirken (Beier 1984). Hormone werden später nicht nur von der Mutter auf das Kind, sondern auch in umgekehrter Richtung übertragen. Die Nebennierenrinde des Feten bildet beispielsweise Vorstufen für Sexualhormone und Corticoide der Mutter. Diese Wechselseitigkeit wird in der Regel nur unter pathologischen Bedingungen sichtbar, etwa bei schlecht eingestellten diabetischen Müttern. Hier produzieren die Inselzellen im Pankreas des Feten zusätzlich Insulin für die Mutter. Nach der Geburt besteht durch das Überangebot an Insulin für das Kind die Gefahr der Unterzuckerung. Solche Befunde zeigen zwar eine subtile Wechselseitigkeit, lassen jedoch über deren psychische Bedeutung nur spekulieren. Die Zusammenhänge werden deutlicher, wenn man die Wechselseitigkeit von mütterlichen Traumphasen (als REM-Schlaf gemessen) und fetalen Bewegungen untersucht. Sterman und Hoppenbrouwers konnten schon 1971 zeigen, daß die motorische Aktivität des Feten während der Traumphasen der Mutter zurückgeht und in den Phasen dazwischen sofort wieder ansteigt. Diese subtile Interaktion setzt eine wechselseitige Wahrnehmung voraus und die Fähigkeit und Bereitschaft der Partner, auf der Basis dieser Wahrnehmung ein Zusammenspiel zu entwickeln. Bei der Übermittlung der Signale des Feten an die Mutter sollen Hormone, vor allem Plazenta-Hormone, eine Rolle spielen. Diese Hormone werden auch dafür verantwortlich gemacht, daß im Verlauf der Schwangerschaft der REM-Schlaf bei der Mutter zunimmt, d.h. daß sie mehr träumt (Mancia 1980). Diese Zunahme der Traumphasen ist vermutlich ein Teilaspekt der tiefgreifenden psychischen Veränderungen während der Schwangerschaft, die u.a. Brazelton & Cramer (1991, S. 34) beschreiben. Diese Veränderungen könnten die Ursache wie auch die Folge einer solchen wechselseitigen Kommunikation darstellen. Auch beim Feten ist REM-Schlaf ab der 23. Woche bekannt (Verny 1998), also zu dem Zeitpunkt, an dem der Bewegungsspielraum im Uterus abnimmt. Der REM-Schlaf scheint damit ein Zeichen für die Verschiebung der Aktivitäten vom stärker körperlichen in einen stärker mentalen Bereich zu sein, so wie es auch für die Rolle der fetalen Bewegungspausen postuliert wird (Gidoni & von Lüpke 1997). Noch unmittelbar nach der Geburt gibt es eine enge Kommunikation auf dieser Ebene: reziprokes wie simultanes Zusammenspiel von REM-Schlaf bei Mutter und Kind sind beschrieben (Bertini et al. 1978). Möglicherweise entwickelt sich im Verlauf dieser frühen Kommunikation die Grundlage dafür, daß im Säuglingsalter die vieldeutigen Signale "verstanden" werden können; die Grundlage für jenes Zusammenpassen, das Köhler (1996) als "fit" beschreibt.

Die Beobachtung der pränatalen Interaktion wird dadurch erschwert, daß die einzelnen Signale und ihr Austausch noch nicht so deutlich erkennbar sind, wie später die Varianten des Blickkontakts. Lichtenberg (1995) macht diesen Faktor als den wesentlichen Unterschied zwischen vor- und nachgeburtlicher Kommunikation geltend. Es ist jedoch anzunehmen, daß die amodalen, nicht mit spezifischen Sinneseindrücken gekoppelten Wahrnehmungen einen umso größeren Raum einnehmen, je weiter wir im Verlauf der Entwicklung in frühere Phasen zurückgehen. Sie dürften für die vorgeburtliche Kommunikation eine wichtige Rolle spielen. Einzelne Elemente ("Bausteine") eines Dialogs sind aber auch schon pränatal erkennbar: so das Vorhandensein von "states" durch differenzierbare Phasen von unterschiedlichen Aktivitätsgraden, denen Köhler (1996) besondere Bedeutung für den Beginn des psychischen Lebens beimißt - nach Verny (1989) sind sie ab der 28. SSW nachweisbar - ; die schon erwähnte Wahrnehmung und Speicherung von Stimm- und Sprachstrukturen (DeCasper 1986) und ein differenziertes Verhalten auf Musik einschließlich einer Vorwegnahme bekannter Strukturen (Sallenbach 1993). Hinweise darauf, daß fetale Motorik tatsächlich spontan intendiert und mit emotionaler Bedeutung beladen ist, geben Befunde, nach denen jeweils kurz vor Beginn einer Bewegung der Herzschlag des Feten ansteigt (Verny 1989). Hier schließt sich der Bogen zu den Untersuchungen von Peyer.

Aus dem bisher Dargestellten ergibt sich auch, daß bereits der Fetus zwischen sich und seiner Umwelt unterscheiden kann. Ultraschallbilder zeigen, wie er die Uteruswand, die Nabelschnur und die Planzenta betastet und dann wieder am eigenen Daumen lutscht und seinen Körper berührt. Piontelli (1996) beschreibt einen Zwilling, der schon während der Schwangerschaft die Plazenta "wie ein Kissen" zu benutzen scheint, als Säugling seinen Kopf immer "irgendwo anschmiegen" will und auch noch als Kleinkind ständig ein Kissen bei sich trägt. Auf diesem Hintergrund ist zu diskutieren, ob das Empfinden des Kern-Selbst, das Stern erst postnatal ab dem 2. Monat ansetzt, mit seinen Elementen der Urheberschaft, der Selbstkohärenz, der Selbstaffektivität und der Selbstgeschichtlichkeit zumindest in Vorläufern schon während der Pränatalzeit vorhanden sein könnte. Lichtenberg, der davon ausgeht, "daß die vorgeburtliche Aktivität ein wesentlicher, oft unterschätzter Faktor für die Vorbereitung auf das Leben nach der Geburt ist", diskutiert inzwischen pränatale Vorläufer für das von ihm entwickelte System der Motivationen (von Lüpke 1995).

Die Rolle der Geburt

Ist der Fetus dem Säugling schon so ähnlich - selbst die Mimik während des letzten Schwangerschaftsdrittels entspricht auf Ultraschallbildern der des Säuglings - , so stellt sich die Frage, welche Veränderungen durch die Geburt bedingt sind. Trotz der dramatischen Umstellung von Atmung, Kreislauf, Verdauung und Umweltserfahrung wird von verschiedenen Autoren mit Erstaunen festgestellt, wie geringfügig die mit der Geburt verbundenen Verhaltensänderungen sind. Piontelli (1996) hat als Resultat ihrer kontinuierlichen Beobachtung von der Fetal- bis in die Säuglingszeit den Eindruck, "daß der Geburtsvorgang selbst bei keinem der von mir beobachteten oder behandelten Kinder eine grundlegende psychische oder emotionale Veränderung gegenüber dem pränatalen Zustand bewirkt hatte" (S. 319). Der Kinderneurologe Prechtl schreibt 1985: "Während die Geburt eine Diskontinuität par exsellence im Hinblick auf die Umgebung darstellt, zeigt das neurologische Repertoire eine eindrucksvolle Kontinuität im Verlauf des Übergangs vom intrauterinen zum extrauterinen Leben. Im Gegensatz zu der naiven Erwartung, daß es zur Anpassung an die Erfordernisse der neuen Umgebung einer umfangreichen Veränderung des funktionellen Profils beim gerade geborenen Organismus bedarf, scheinen sich diese Veränderungen auf wenige vitale Anpassungen zu beschränken" (S. 8). Milani Comparetti (1986), der davon aus geht, daß schon der Fetus aus eigener Initiative seine persönliche Identität und eine Beziehung zur Welt aufbaut, beschreibt die fälschlich als "Primitiv-Reflexe" bezeichneten Bewegungen des Neugeborenen bereits beim Fetus und deutet sie als sinnvolle Bewegungen für den Ablauf der Geburt und die Anpassung an die neue Umwelt. In Ergänzung dazu ist die Feststellung von Winnicott bemerkenswert, der in seiner 1988 posthum veröffentlichten Schrift "Human Nature" feststellt: "Wir müssen nicht genau darüber entscheiden, in welchem Alter der Fötus eine Person wird, um ihn unter psychologischen Gesichtspunkten zu studieren"(S. 126).

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Schwangerschaft und Geburt sind ein integraler Bestandteil der menschlichen Entwicklung. Sie hinterlassen bedeutsame Erfahrungen für das weitere Leben. Alle späteren Erfahrungen werden von der Matrix dieser Vorerfahrungen als "Episoden" im Sinne von Stern (1992) geprägt. Stern beschreibt Episoden als Erfahrungen, die durch die Bedeutung der einzelnen Elemente im Kontext einer Interaktion generalisiert werden und damit die neuen Erfahrungen einfärben. Daher bleibt die Bewertung von Einzelereignissen - auch eine schwere Geburt - ohne die Berücksichtigung der vorangegangenen und der nachfolgenden Gesamtsituation fragwürdig. Generell von einem "Trauma der Geburt" zu sprechen, erscheint deshalb problematisch. Bei äußerlich gleich verlaufenden Ereignissen können Erfahrungen von Stärke ("Ich habe es geschafft - ich bin durchgekommen - ich werde es auch jetzt wieder schaffen ...") oder von Ohnmacht ("Wenn jetzt keine Hilfe kommt, bin ich verloren...") zurückbleiben (von Lüpke 1997). Nachhaltig schädigend scheinen sich vor allem langdauernde Belastungen durch ungelöste Partnerschafts- oder Familienkonflikte während der Schwangerschaft auszuwirken (Stott 1973). Selbst schwerwiegende Einzelereignisse wie überlebte Abtreibungsversuche (Sonne 1996) oder Geburtskomplikationen haben einen Kontext von Vorgeschichte und weiterem Verlauf. Erst in diesem Kontext entfalten sich traumatische Folgen.

Andererseit ermöglicht die Kenntnis pränataler Ereignisse einen veränderten Zugang zur Interpretation späterer Verhaltensweisen (Sonne 1996, Janus 1993). Piontelli beschreibt eine solche Situation: "Pina war bis zu einer drohenden Fehlgeburt wegen einer Plazentalösung ein abenteuerlustiger, aktiver Fetus gewesen. Danach hörte sie auf, sich zu bewegen. Sie ist ein aktives unternehmungslustiges Kind, leidet allerdings unter recht schweren klaustrophobischen Ängsten, ist beinahe anorektisch und fürchtet sich davor, "weggeschwemmt" zu werden" (Piontelli 1996, S. 317)..."Ich vermute, daß ich die langfristigen Folgen des intrauterinen Traumas vor dieser Forschung auch bei einem Kind wie Pina eher bagatellisiert hätte. Da an der unterstützenden Haltung der Mutter nicht zu zweifeln war, hätte ich Pinas Klaustrophobie und Anorexie vermutlich auf irgendeinen angeborenen Faktor zurückzuführen versucht..." (Piontelli S. 325-326). Janus (1989) hat der Interpretation von Kinderspielen bei Melanie Klein eine Neubewertung aus der pränatalen Perspektive entgegengesetzt. Er fragt beispielsweise, ob für das Symbolverständnis länglicher Gegenstände immer wieder der väterliche Penis bemüht werden muß und ob hier nicht der Bezug zur Nabelschnur plausibler erscheint (eine Interpretationsmöglichkeit, auf die Rank schon 1924 hingewiesen hat). Dowling (1988) nutzt das Verhalten von Kindern in selbst gebauten Tunneln und Höhlen für Diagnostik und Therapie. Auch in der Therapie mit Erwachsenen kann die Interpretation von Symptomen, die mit starken körperlichen Empfindungen einhergehen, durch die pränatale Perspektive wesentlich erweitert werden (ein Beispiel bei von Lüpke 1997). (Zur Problematik der Auswirkungen von "Ungewollt-Sein" s. Häsing & Janus 1994 sowie Janus 1996)

Es ist deutlich geworden, daß Kenntnisse über die Pränatalzeit für die Einschätzung nachgeburtlicher Entwicklungsprozesse einschließlich der daraus resultierenden therapeutischen Initiativen weitreichende Konsequenzen haben. Der vorgeburtliche Lebensabschnitt kann ebenso wenig aus der Entwicklungspsychologie ausgeklammert werden wie das erste Lebensjahr. Bei der Unterscheidung von "genetisch" und "umweltbedingt" müssen A-priori-Annahmen aufgegeben werden wie etwa in der Zwillingsforschung die stillschweigende Voraussetzung, daß es bis zur Geburt noch keine Umwelteinflüsse gibt.

So führt der Weg über die Wissenschaft wieder dorthin zurück, wo die spontane Bewertung begonnen hat: zu Elisabeth und dem in ihrem Leib hüpfenden Kind.

Literatur

Bachmann, K.-D. & Vilmar, K.: Pränatale und perinatale Schmerzempfindung. Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer. Deutsches Ärzteblatt 88, A-4157-4169, 1991; dazu die kritische Stellungnahme von B. Büchner für die Juristen-Vereinigung Lebensrecht e.V., Deutsches Ärzteblatt 89, A1-3676-3677, 1992

Beier, H.: Embryonale Signale zu Beginn der Gravidität. Pais 4, 225-231, 1985

Bertini, M., Antonioli, M.& Gambi, D.: Intrauterin mechanisms of synchronization: in search of the first dialogue. Totus Homo 8, 73-91, 1978

Brazelton, T.B. & Cramer, G.: Die frühe Bindung. Klett-Cotta, Stuttgart 1991

Dornes, M.: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Fischer, Frankfurt/M. 1993

Dowling, T.W.: Die Bedeutung der prä- und perinatalen Erfahrungen in der Kindertherapie. Kind und Umwelt 57, 20-35, 1988

Gidoni, E.A., Lüpke, von, H.: Fetale Ruhe und Bewegung - Konsequenzen für Entwicklungsmodelle. In: Lüpke, von, H. & Voß, R. (Hrsg.): Entwicklung im Netzwerk. Systemisches Denken und professionsübergreifendes Handeln in der Entwicklungsförderung. 2. Aufl. Centaurus, Pfaffenweiler 1997, S. 72 - 81

Gross, W.: Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Herder, Freiburg 1991

Häsing, H. & Janus, L.: Ungewollte Kinder. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1994

Haibach, S. & Janus, L.: Seelisches Erleben vor und während der Geburt. LinguaMed, Neu Isenburg 1997

Hertl, M.: Die Welt des Ungeborenen Kindes. Piper, München 1994

Ianniruberto, A. & Tajani, E.: Ultrasonic study of fetal movements. Seminars in Perinatology 5, 175-181, 1981

Janus, L.: Die verdeckte pränatale Dimension im Konzept Melanie Kleins. Forum der Psychoanalyse 5, 333-341, 1989

Janus, L.: Wie die Seele entsteht. DTV, München 1993

Janus, L.: Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb. The International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 8, 367-377, 1996

Janus, L. & Maiwald, M.: Entwicklung, Verhalten und Erleben in der Pränatalzeit und die Folgen für die Lebensgeschichte - eine bibliographische Übersicht. The International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 4, 101-140, 1992

Köhler, L.: Säugling und Kleinkind aus der Sicht der modernen Entwicklungsforschung. Wege zum Menschen 48, 54-70, 1996

Lüpke, von, H.: Säuglingsforschung und pränatale Psychologie. Eine Diskussion mit Dr. Joseph D. Lichtenberg. The International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 7, 529-534, 1995

Lüpke, von, H: Frühgeburt als Thema mit lebenslangen Variationen: Ein Beitrag zur Diskussion um das frühe Trauma am Beispiel einer Angstneurose (im Druck)

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Maiwald, M. & Janus, L.: Development, behavior and psychic experience in the prenatal period and the consequences for life history - a bibliographic survey. The International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 5, 451-485, 1993

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Verny, T.R.: Isolation, rejection and communication in the womb. The International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine 8, 287-294, 1996

Winnicott, D.W.: Human Nature. Schocken Books New York 1988

Übersetzung der englischsprachigen Texte vom Autor.

Quelle:

Hans von Lüpke: Das Leben beginnt mit Kommunikation - zur Kontinuität menschlicher Entwicklung.

Erschienen in: Wege zum Menschen 49 (5), 272 - 281, 1997

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Stand:22.08.2006

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