Mehr als Nachbarschaften: eine gemeinsame Basis für Beziehungsmedizin und Naturwissenschaften

AutorIn: Hans von Lüpke
Themenbereiche: Medizin
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: In gekürzter Version erschienen in: Baumann; M., Schmitz, C., Zieger, A. (Hg.): RehaPädagogik - RehaMedizin - MENSCH. Schneider, Hohengehren 2010, S. 84-94
Copyright: © Hans von Lüpke 2010

Jenseits von Rhizinus und Aderlass: Sieg der harten Fakten

Die in der Renaissance begonnene Erforschung von Naturgesetzen stellte auch die Medizin auf eine neue Grundlage. In der Anatomie galten bis dahin die von der Kirche abgesegneten Vorstellungen des antiken Gladiatorenarztes Galen. Studenten wurden in der Weise ausgebildet, dass sie von einer Galerie aus zusahen, wie ein Barbier die Leichen aufschnitt, begleitet von der Lektüre aus Werken Galens durch den Professor. Niemand kümmerte sich darum, dass die überwiegend aus der Sektion von Tieren stammende Lehrmeinung mit den Verhältnissen beim Menschen vielfach nicht übereinstimmte. Erst der aus Brüssel stammende Arzt Andreas Vesalius empfand es später als seine wertvollste Leistung, "den ganzen menschlichen Körper, dessen Anatomie niemand verstand, neu zu beschreiben" (Andreas Vesalius Google Pesonenlexikon 2009). Seine Arbeitsbedingungen hatten zunächst wenig Ähnlichkeit mit denen eines modernen naturwissenschaftlichen Labors. In Paris suchte er auf Friedhöfen nach Knochen, erforschte die Leichen der gehängten Verbrecher und musste sich dort "mit den vielen wilden Hunden herumschlagen". Noch als sein grundlegendes Werk zur menschlichen Anatomie sich durchzusetzen begann - er selbst inzwischen Leibarzt von Kaiser Karl V. - , gab es Attacken wie die eines gewissen Jacobus Sylvius: "Ich flehe euch an, nicht auf eine gewisse lächerliche und verrückte Person zu hören, der es an jeglichem Talente mangelt und die auf das gotteslästerlichste ihre Lehrer beschimpft und verflucht" (ebd.). Die fortschreitende Orientierung an naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen führte in der Medizin zu der noch heute sich fortsetzenden Erweiterung diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten. Rhizinus und Aderlass waren immer seltener Mittel der Wahl. Auch psychische Auffälligkeiten galten nicht mehr als Ausdruck "moralischer Verderbtheit", sondern wurden krankhaften Veränderungen im Gehirn zugeschrieben und nicht mehr einer Bestrafung, sondern dem jeweiligen Stand ärztlicher Behandlung zugeführt. Beweise durch empirisch abgesicherte "harte Fakten" gewannen zunehmend an Bedeutung. Durch Erfahrung und Beziehungsaspekte geleitete diagnostische wie therapeutische Strategien wurden in eigene Fachgebiete wie "Psychosomatik" ausgegliedert oder verlagerten sich in "nicht-wissenschaftliche alternative" Heilmethoden. Sie gingen der Schulmedizin in zunehmendem Maße verloren. Der neueste Versuch, mit ausschließlich naturwissenschaftlichen Daten den individuellen Besonderheiten des einzelnen Menschen gerecht zu werden, findet sich in der "individuellen Medizin". Professor Dr. Regine Kollek, Expertin der Universität Hamburg für Technikfolgenabschätzung der modernen Biotechnologie in der Medizin und Mitglied des deutschen Ethikrats, geht davon aus, dass sich die Medizin von einer "empirischen Heilkunst" hin zu einer "rationalen, molekularen Wissenschaft" entwickelt. Die Individualisierung der Medizin werde ärztliches Handeln immer abhängiger von naturwissenschaftlichen Analysen und Deutungskompetenzen machen. Karl-Gustav Werner in "ProGesundheit" von der Selbsthilfe-Initiative HFI e.V. erklärt, die Rolle des Arztes werde sich differenzieren "in einen kontinuierlichen Begleiter des Versicherten für bio-psycho-soziale Medizin" und einen "anonymen fachärztlichen Leistungserbringer". Nach Kollek verändern sich damit auch die Kategorien von Gesundheit und Krankheit: "Wenn Gesundheit das Resultat eines Willens ist, dann ist Krankheit der Nebeneffekt eines fehlenden oder falschen Willens". "Individualisiert" versteht sie nicht im Sinne einer Selbstdeutung des Individuums und des individuellen Arzt-Patienten-Verhältnisses, sondern orientiert an einem Krankheitsbegriff, der sich auf die molekularen Vorgängen der genetischen Ausstattung des Menschen gründet (World Health Summit: Personalisierte Medizin 2009, S. C 1733-1736).

Über den medizinischen Bereich hinaus wird die naturwissenschaftlich orientierte Hirnforschung auf der Grundlage von technisch verfeinerten Methoden inzwischen zu einer Leitwissenschaft, der sich auch geisteswissenschaftliche Disziplinen wie Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie in zunehmendem Maße unterordnen. Der Hirnforscher Wolf Singer erklärt dazu: "Die Hirnforschung zählt zu den großen Abenteuern menschlicher Neugier, vergleichbar mit der Kosmologie und Teilchenpsysik ... Hinsichtlich der Auswirkungen auf unser Menschenbild ist die Hirnforschung aber vermutlich die aufregendste dieser Wissenschaftsdisziplinen" (zit. nach Görnitz & Görnitz 2006, S. 58). In einem "Manifest elf führender Neurowissenschaftler" heißt es: "Die Hirnforschung wird in absehbarer Zeit, also in den nächsten 20 bis 30 Jahren, den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen andererseits soweit erklären können, dass Voraussagen über die Zusammenhänge in beide Richtungen mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad möglich sind. Dies bedeutet, man wird widespruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen" (Das Manifest 2004, S.36). Eine "biologische Psychiatrie" hat daraus bereits die Konsequenz gezogen, klassische psychiatrische Krankheitsbegriffe wie Depression, Psychose etc. für überflüssig zu halten und diese "Krankheitsbilder" als Hirnstoffwechselstörungen zu definieren (Mayer 2002, zit. nach Bauer 2003).

Die harten Fakten schmelzen

Alle diese Konzepte zeichnen sich dadurch aus, dass sie an Forschungen orientiert sind, die mit neuen technischen Möglichkeiten in immer kleinere (molekulare) Dimensionen vordringen. Molekulargenetischen Daten kommt dabei besondere Bedeutung zu. Dieser zunehmenden Präzision steht jedoch die Tatsache gegenüber, dass die Grundlagen der dabei herangezogenen Wissenschaftszweige nicht wahrgenommen und daher auch nicht diskutiert werden. Das betrifft besonders die neuere Entwicklung der Genetik. Hier hat sich die Vorstellung von der Rolle der Gene grundsätzlich verändert. Während früher eine linear - kausale Beziehung zwischen genetischer Information und deren Umsetzung angenommen wurde, weiß man heute, dass genetische Informationen für ihre Wirksamkeit der umweltabhängigen Aktivierung durch eine "Genexpression" bedürfen (Bauer 2002, Kandel 2006). Darüber hinaus haben Forschungen auf dem Gebiet der Epigenetik gezeigt, dass Gene durch chemisch definierte "Umhüllungen" - etwa durch Methyl-Gruppen - sogar über Generationen hinweg unzugänglich und wiederum durch umweltabhängige Faktoren erneut wirksam werden können (Bauer 2008). Die Vorstellungen der "individualisierten Medizin" gründen sich demnach auf Daten einer wissenschaftlich überholten Genetik. Alle subjektiven, an Beziehungen orientierten Aspekte bleiben ausgeklammert. Diese gehören jedoch zu den Umweltfaktoren, die nach den neueren Vorstellungen entscheidend daran beteiligt sind, dass genetische Informationen überhaupt wirksam werden. Die zunehmende Genauigkeit auf der Ebene technischer Messbarkeit verliert damit entscheidende Wirkfaktoren aus dem Blick und wird gerade bei ihrem Bemühen um Genauigkeit letztlich ungenau. Das selbe gilt für die erwähnte biologische Psychiatrie und die immer populärer werdenden Vorstellungen, durch die Markierung biochemischer Prozesse im Gehirn psychische Störungen besser verstehen zu können. Dahinter steht das Erklärungsmodell, dass Organfaktoren ursächlich sind und ein Prozess erst dann als verstanden gelten kann, wenn dieser Organfaktor gefunden ist. Nicht zuletzt durch Befunde der Hirnforschung konnte bewiesen werden, dass diese Beziehung auch in der Umkehrung gilt: dass Umwelterfahrungen bis hin zu zwischenmenschlichen psychischen Prozessen (etwa in Psychotherapien) Strukturveränderungen im Gehirn bewirken können, wieder durch Aktivierung von Genen. Auch im "Manifest" werden die biologischen, mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschbaren Vorgänge als ursächlich angesehen: geistige Phänomene "beruhen" - wie bereits zitiert - "auf biologischen Prozessen" (weitere Diskussion dieser Thematik bei von Lüpke 2006).

Nun sind es Ergebnisse der Hirnforschung selbst, die eine alleinige Orientierung an Organstrukturen in Frage stellen. So zitiert Zieger (2009) Untersuchungen, nach denen Cortexneurone und subcortico- cortikaleVerbindungen über den Thalamus - also Verbindungen zwischen der Hirnrinde und tieferen Hirnabschnitten - im Laufe der Fetalentwicklung erst ab der 22. Woche geknüpft werden. Ultraschalluntersuchungen zeigen jedoch, dass Feten bereits in der 12. Woche über ein äußerst differenziertes Bewegungsreportoire verfügen. Auch Studien mit anenzephal, also ohne Großhirn geborenen Kindern zeigen ein Verhaltensspektrum, das durch die nachweisbaren Hirnstrukturen allein nicht erklärbar ist. So wurden Fähigkeiten zum tonisch-empathischen Dialog mit Lächeln, "spontane reaktive körperliche, mimische und vokale Selbstraktualisierungen und Ausdrucksformen sowie implizite prozedurale und assoziative Antwort-, Lern- und Erkennungsleistungen beobachtet" (Zieger 2005, S. 6). Untersuchungen des amerikanischen Hirnforschers Freeman (1995) stellen die linear kausale Orientierung an abgrenzbaren Funktionen einzelner Hirnreale zusätzlich in Frage. Freeman machte Kaninchen mit Gerüchen vertraut und fand dabei in einer Hirnregion, die durch Verarbeitung dieser Wahrnehmungen aktiviert wurde, für jeden Geruch spezifische Hirnstromaktivitäten im EEG. Bot er den Tieren einen neuen Geruch, reagierten diese erwartungsgemäß mit einem neuen Muster. Gleichzeitig hatten sich aber auch die Muster für alle anderen Gerüche verändert. Die Rückwirkung des Kontextes auf die Struktur wird auch auf der neuropysiologischen Ebene deutlich. Nicht eine Ursache führt linear zu einer Wirkung, sondern die Veränderung an einer Stelle des Systems zu Veränderungen im ganzen System. Bei komplexen kognitiv-emotionalen Prozesse können daher Wechselwirkungen innerhalb des ganzen Gehirns angenommen werden. Hier sind offenbar Konzepte jenseits einer linear-kausalen Zuordnung gefragt. Thelen & Smith sprechen von "nicht-linear dynamischen Systemen": "Obwohl Verhalten und Entwicklung strukturiert erscheinen, gibt es keine Struktur. Obwohl Verhalten und Entwicklung durch Regeln vorangetrieben erscheinen, gibt es keine Regeln. Es gibt Komplexität. Es gibt ein vielfältiges paralleles und kontinuierliches dynamisches Zusammenspiel von Wahrnehmen und Handeln und ein System, das durch seine thermodynamische Natur gewisse stabile Lösungen sucht. Diese Lösungen entstehen aus Beziehungen, nicht aus einer Struktur. Wenn die Elemente eines solchen komplexen Systems zusammenarbeiten, machen sie einen einheitlichen Eindruck und erwecken so die Illusion einer Struktur" (Thelen & Smith 1994, S. XIX). Cilliers (1998) beschreibt die Elemente komplexer Systeme. Eine ausreichende Anzahl solcher Elemente steht dabei in dynamischer Interaktion. Diese Interaktion muss nicht auf einer physikalischen Ebene stattfinden, sie kann auch im bloßem Austausch von Informationen bestehen. Die Einzelelemente sind dabei neutral, enthalten jedes für sich noch keine Informationen, keine spezifische Bedeutung. Cilliers erläutert dies am Beispiel des Kohlenstoff-Atoms, das im Tisch, im Baum oder im Menschen immer das selbe ist. Die wechselseitige Beeinflussung bleibt dabei unkalkulierbar: Große Veränderungen können geringe Auswirkungen haben, winzige marginale Faktoren wiederum dramatische Konsequenzen. Cilliers bezieht dieses Konzept auf die Bedeutung einzelner Wörter in der Sprache und gleichermaßen auf die der Neuronen im Gehirn: "Bedeutung wird durch die dynamische Beziehung zwischen den Komponenten eines Systems bestimmt. So hat kein Knoten in einem neuralen Netzwerk eine Bedeutung für sich selbst - das ist die zentrale Aussage einer Vorstellung von verteilten Repräsentationen. Bedeutung entsteht aus Aktivitätsmustern, die viele Einheiten einbeziehen, Mustern, die sich aus der dynamischen Interaktion zwischen einer großen Anzahl von Gewichtungen ergeben" (Cilliers 1998, S. 46-47). Auch der dialogische Austausch im Kontext von Beziehungen entspricht einem solchen komplexen System. Milani Comparetti (1996) verdeutlicht dies in seiner Grafik der sich aufwärts bewegenden, nach oben offenen Spirale. Entscheidend ist dabei die Differenz zwischen den Vorstellungen beider Dialogpartner in Vorschlag und Gegenvorschlag und damit die Unkalkulierbarkeit eines Austauschs, den beide Partner gemeinsam vollziehen. Milani Comparetti sieht darin die Dimension der Kreativität. Das Modell zeigt aber auch Grenzen des grafisch Darstellbaren. So verläuft der Austausch im Dialog nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig über eine unendliche Vielzahl von Signalen. Während ein Partner spricht, ist bereits das Zuhören des anderen ein aktiver kommunikativer Vorgang: Seine Mimik gibt dem Sprechenden kontinuierlich Botschaften von Zustimmung, Ablehnung oder Desinteresse. Diese Botschaften wirken auf den Sprechenden zurück, nehmen Einfluss auf seine aktuellen Äußerungen und damit wiederum auf den Zuhörenden. Solche Wechselwirkungen lassen sich nicht mehr linear-kausal beschreiben, sondern nur noch als Elemente eines komplexen Systems. Die Einzelelemente, seien sie verbal oder nonverbal, erhalten ihre Bedeutung erst durch den jeweils unterschiedlichen Kontext.

Musik konkretisiert dialogische Strukturen und erhebt sie zugleich über die psychodynamischen Konstellationen einzelner Menschen. Hier ist das Nacheinander im zeitlich fortschreitenden Prozess untrennbar verbunden mit dem gleichzeitigen Zusammentreffen verschiedener Stimmen. Wiederum entsteht Bedeutung erst durch den Kontext: Das Thema der Fuge klingt oft erst am Ende interessant, eine Dissonanz kann in der klassischen Harmonielehre die Auflösung verlangen, in der neueren Musik als Klangfarbe eingesetzt werden. Musil erläutert am Beispiel der Melodie das Zusammenwirken solcher Elemente: "In dieser (Melodie; Anmerkung des Verfassers) haben die Töne ihre Selbstständigkeit und lassen sich einzeln erkennen, auch ihre Nachbarschaft, ihr Beisammen, Nacheinander und was sich sonst hören lässt, ist kein bloßer Begriff, sondern bis an den Rand voll sinnlicher Darbietung; aber obwohl sich alles das trotz seiner Verbundenheit einzeln hören lässt, lässt es sich auch verbunden hören, denn gerade das ist die Melodie, und wird sie gehört, so ist nicht neben den Tönen, Tonabständen und Zeiten etwas Neues da, sondern mit ihnen. Die Melodie kommt nicht als eine Beigabe hinzu, sondern als eine zweite Art zu erscheinen, eine besondere Existenzform, unter der sich die Form der Einzelexistenz gerade noch ausnehmen lässt" (Musil 1952, S. 1313).

Auch für die Naturwissenschaften ist das Konzept der nicht-linearen Komplexität von Bedeutung. Ein ebenfalls komplexes Modell, die Chaostheorie, hat sich aus den Naturwissenschaften heraus entwickelt, nachdem deutlich wurde, dass auch hier linear-kausale Modelle unzureichend waren, etwa in der Metereologie. Auch hier geht es um die wechselseitige Beeinflussung durch ein unkalkulierbares Zusammenwirken der einzelnen Elemente. Dazu gehören marginale Faktoren, deren Einfluss bedeutsamer sein kann als die Gauß'sche Verteilung es vorhersagen würde. Die Metapher vom Schmetterling, dessen Flügelschlag in Brasilien einen Taifun in Florida auslöst, ist populär geworden. Ebenfalls aus der Notwendigkeit zunehmender Genauigkeit hat sich in den Naturwissenschaften die Quantenphysik entwickelt. Görnitz & Görnitz schreiben dazu: "Dass - entgegen einem verbreiteten Vorurteil - Quantentheorie ‚genauer' ist als die klassische Physik, wird auch daran deutlich, dass sie erst entdeckt wurde, als die klassische Physik experimentell und theoretisch sehr genau geworden war. Ferner lässt die Quantentheorie weniger Aspekte der Wirklichkeit als die klassische Physik als ‚unwichtig' außer acht, sie berücksichtigt nämlich auch Beziehungen zwischen Objekten. Beziehungen lassen aus getrennten Objekten ein neues Ganzes mit all den damit zusammenhängenden Folgerungen werden. Deshalb ermöglicht sie die besseren Vorhersagen als die klassische Physik und ein grundsätzliches Verstehen der Natur" (Görnitz & Görnitz 2006, S. 162). Die Rolle der Einzelelemente als Informationsträger in einem Kontext von Beziehungen zeigt sich auch auf der Ebene der physikalischen Messbarkeit: Materielles wird zum Artefakt der Untersuchungsbedingungen. Gemäß der Einstein'schen Formel E=mc2 "bleibt noch tiefer im 'Inneren der Materie' gar nichts mehr vom Materiellen übrig. Die Materie verflüchtigt sich in Energie, d. h. in Bewegung, aber nicht ‚in Bewegung von Etwas', sondern ‚in Bewegung an sich'" (S. 159). "Quanteninformation wird bedeutungsvoll, wenn sie in ihrem lebenden Träger etwas bewirken oder steuern kann" (ebd. S. 175). Auch der Beobachter wird Teil dieses Prozesses. Er stellt eine Beziehung zum Messprozess her "und durch diese Wechselwirkung wird die innere Quantenstruktur des Quantenobjektes verändert" (ebd. S. 161). Es ergeben sich hier "ausgedehnte Quantenzustände, die Psyche und Soma umfassen und die nicht durch die elektromagnetische oder chemische Informationsübertragung als Wechselwirkung erklärt werden können (ebd. S. 179). "Die Quantentheorie beschreibt ‚ausgedehnte Ganzheiten', die sich über Raum und Zeit erstrecken können. Bereits experimentell etabliert sich die Erzeugung von Einstein- Podolski-Rosen-Zuständen (EPD-Zuständen), d. h. von über viele Kilometer ausgedehnten Quantenzuständen, die sich bei einer Messung sofort als Ganzes verändern" (ebd. S. 174). Solche Modelle wären die methodischen Voraussetzungen für eine Hirnforschung, die auch Phänomene, wie Freeman sie beschrieben hat, erfassen könnte. Eine Ahnung davon findet sich im "Manifest": Mit Hinweis auf die Rolle der Quantenphysik schreiben die Autoren: "Auf lange Sicht werden wir entsprechend eine ‚Theorie des Gehirns' aufstellen, und die Sprache dieser Theorie wird vermutlich eine andere sein als jene, die wir heute in der Neurowissenschaft kennen" (Das Manifest 2004, S. 37). Von besonderem Interesse ist hier der Hinweis von Görnitz & Görnitz auf den wissenschaftlichen Stellenwert der Fokussierung auf Beziehungen unter dem Aspekt der der Genauigkeit. So stellen sie am Beispiel der therapeutischen Beziehung fest: "Die Psychoanalyse kommt dabei nicht umhin, den Patienten in seinen Beziehungen zu betrachten, damit ist sie konkreter und somit genauer als eine Wissenschaft, die den Patienten lediglich als isoliertes Objekt verstehen möchte" (ebd. S. 178).

Aus dem bislang Dargestellten ergibt sich als Konsequenz, dass das Verhältnis zwischen einer an Beziehung orientierten Medizin und naturwissenschaftlichen Modellen über bloße Nachbarschaft hinausgeht. Entgegen allgemein verbreiteten Vorstellungen sind die oft als spekulativ, weich, metapsychologisch und ungenau eingestuften geisteswissenschaftlichen Aussagen oft präziser als die alleinige Orientierung an "harten Fakten" aus evidenzbasierten, linear-kausalen Forschungsansätzen. Gerade die fortschreitende Genauigkeit in der Physik hat ergeben, dass die "harten Fakten" sich in zunehmendem Maße aufweichen, während der Aspekt der Beziehung als zentrales Wirkelement nicht nur im Bereich der Humanwissenschaften sich inzwischen immer präziser fassen lässt. Beziehung ist nicht mehr das "Sahnehäubchen", das man aus lauter Menschlichkeit freundlicherweise hinzufügt, sondern ein in Medizin und Pädagogik gleichermaßen essentieller Wirkfaktor. Die in der Forschung meist vorgenommene Zerlegung in kleinere Einheiten beeinträchtigt bereits die "ausgedehnten Ganzheiten". Görnitz & Görnitz veranschaulichen dies mit der Suche "nach der Nadel im Heuhaufen": "Sie geschieht klassisch, indem Stück für Stück geprüft wird. Die quantische Suche erfasst gleichsam alles auf einmal, um dann - allerdings lediglich mit Wahrscheinlichkeit - den richtigen Halm, d.h. die Nadel zu finden" (ebd. S. 173). Dies ist jedoch nicht mehr anschaulich vorstellbar.

Es bleiben Fragen

Wird hier nicht erneut der Versuch unternommen, humanwissenschaftliche Phänomene mit Methoden der Naturwissenschaft zu erklären und sie damit, wie es im "Manifest" heißt, als "natürliche Vorgänge anzusehen, die auf biologischen Prozessen beruhen"? Suchen Beziehungsmedizin und Pädagogik nicht erneut den "Segen der Naturwissenschaften"? Im Gegensatz zu einer biologisch orientierten Medizin, die sich lediglich an naturwissenschaftlichern Daten orientiert, geht es hier jedoch um eine erkenntnistheoretische Ebene, die - fachübergreifend - zwar im Rahmen der Naturwissenschaft Physik entstanden ist, aber Modelle liefert, nach denen geisteswissenschaftliche Phänomene nicht erklärt, sondern lediglich genauer beschrieben werden können. Komplexe Strukturen sollen nicht mehr auf einfache reduziert werden - allerdings um den Preis, dass diese Modelle nicht mehr konkret vorstellbar sind.

Angesichts dieser Abstraktheit ergibt sich die Frage, inwieweit lineare Beziehungsstrukturen wie die noch vorstellbaren kausalen tatsächlich verzichtbar sind. Bleibt nicht weiterhin eine Vielzahl von wissenschaftlichen Forschungsansätzen und deren technischer Verwertbarkeit an diese Beziehungsstruktur gebunden? Entwickelt sich nicht Orientierung ab der Säuglingszeit an kausalen Beziehungen? Schon das Baby lernt Schritte zuzuordnen, das Klappern in der Küche als Vorbereitung zur Mahlzeit zu verstehen, das Rasseln des Schlüssels der Rückkehr eines der Eltern zuzuordnen. "Warum-Fragen" sind zentrale Themen im Kleinkindalter und setzen sich lebenslang in immer neuen Varianten fort. Kausalität könnte als ein Element mit begrenzter Gültigkeit auch in komplexen Strukturen beschrieben werden - als "Attraktor" im Sinne der Chaostheorie. An die Stelle "harter Fakten" treten Wahrscheinlichkeiten. Die Beispiele aus der Kindheitsentwicklung machen zugleich deutlich, dass auch die Orientierung an kausalen Strukturen untrennbar mit Beziehungserfahrungen verbunden ist. Erst das Erleben einer kohärenten wechselseitigen Beziehungsgestaltung ermöglicht bei den genannten Beispielen die Erfahrung verlässlicher Kausalstrukturen. Wieder geht es um Informationen, die erst im Kontext ihren Sinn erhalten: jeder Laut, jedes Wort, ein Blick oder eine Berührung gewinnen erst hier einen Sinn, der in dialogischer Wechselseitigkeit ausgehandelt wird.

Wird das Subjekt beliebig?

Was wird in den "ausgedehnten Ganzheiten" mit einer "Determiniertheit der Möglichkeiten bei einer gleichzeitigen Indeterminiertheit der Fakten" (Görnitz & Görnitz, S. 163-64) aus dem Subjekt? Fällt es der Beliebigkeit anheim, einer unendlichen Vielzahl von "Attraktoren", deren Orientierung unbekannt und nicht beeinflussbar bleibt? "Obwohl Verhalten und Entwicklung von Regeln vorangetrieben erscheinen, gibt es keine Regeln": Dieser bereits zitierte Satz von Thelen & Smith (1994) wird hier wieder relevant. Auch für das Subjekt gilt, dass es aus Einzelelementen besteht, von denen jedes für sich selbst neural ist erst durch den Kontext Bedeutung erlangt. In der Physik entscheidet der Beobachter durch seine Untersuchungsmethode, ob er Energie oder Masse wahrnimmt und verändert den Kontext, da er ein Teil davon wird. In der Entwicklung eines Menschen entscheiden Beziehungen darüber, welche angelegten Möglichkeiten sich entfalten können. Nie werden wir erfahren, welche Chancen ungenutzt bleiben. Das inhärent eigene, jenes anscheinend von Regeln Vorangetrieben-werden, wie Thelen & Smith es beschreiben, der rote Faden der Identität lässt sich nur dialektisch erfassen: "Der Mensch wird am Du zum Ich" (Buber 1923). Erst der Andere schafft die Voraussetzungen für Identität, grafisch dargestellt in der Dialogspirale von Milani Comparetti. Im Leben eines Menschen - beginnend mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle - gibt es keine Entwicklungsphase außerhalb dieser dialektischen Polarisierung.

Praktische Konsequenzen

Dialektisch kryptische Formulierungen sowie der Hinweis darauf, dass "ausgedehnte Ganzheiten" nur noch mit quantenmathematischen Modellen fassbar sind, könnten den Eindruck erwecken, als handle es sich hier um eine abstrakte Theoriediskussion ohne Anwendbarkeit in der Praxis. Wie schon erwähnt, diskutieren Görnitz & Görnitz ihre Darstellung der Quantenphysik im Kontext von mehr Genauigkeit in der Psychoanalyse. Mit ausdrücklichem Bezug auf Thelen & Smith sowie die Arbeiten von Freeman hat die "Boston Change Process Study Group" (zu der auch Daniel Stern gehört) Konsequenzen aus der Unkalkulierbarkeit im psychotherapeutischen Prozess als Ausdruck nicht-linearer Strukturen thematisiert. In einer Arbeit von 2004 hat das im Amerikanischen familiär gebrauchte Wort "Sloppiness" - annäherungsweise mit "Schlampigkeit" übersetzbar - einen besonderen Stellenwert. Die Autoren sprechen von intersubjektiven Systemen, die sie mit Begriffen wie Unbestimmtheit, Überraschung, Verwirrung, Improvisation, Variation und Redundanz charakterisieren. "Auch wenn ‚Sloppiness' im Austausch von Bedeutung eine grundlegende Unsicherheit in die Interaktion bringt, indem sie darstellt, was möglicherweise als Fehler oder Panne angesehen wird, so bietet sie paradoxerweise neue Möglichkeiten für zunehmende Kohärenz im interaktiven Prozess zwischen Analytiker und Patient. ‚Sloppiness' hat das Potential zur Kreativität" (Boston Change Process Study Group 2004, S. 695). Beebe et al. (2002) - ebenfalls auf dem Hintergrund des Konzepts nicht-linearer dynamischer Systeme von Thelen & Smith - untersuchten die sprachliche Koordination zwischen Erwachsenen und Säuglingen im Alter von vier Monaten und verglichen diese Ergebnisse mit dem Bindungsverhalten der Kinder im Alter von zwölf Monaten. Dabei stellten sie fest, dass sowohl eine sehr enge wie auch eine extrem lockere Koordination mit unsicherm Bindungsverhalten einher ging, während bei einer eher lockeren Koordination sich im Alter von zwölf Monaten eine sichere Bindung zeigte. Die Autoren sprechen von der Bedeutung des Rhythmus als "eines der grundlegenden Organisationsprinzipien der sozialen Kommunikation" (Beebe et al., S. 77). Störungen, Unregelmäßigkeiten, "Perturbationen" gelten als entwicklungs- und bindungsfördernd, da sie das System in Bewegung halten. "Damit ein Muster geändert wird, muss ein Teil des Systems das - bis zu diesem Zeitpunkt - stabile Muster stören" (ebd. S. 73). Bei einer sehr engmaschigen Koordination kann das System sich nicht wandeln, um neue Lösungen zu erkunden. Übermäßig stabilen Mustern bleibt nur das Auseinandergerissen-werden, Rigidität wird für die Autoren zur Definition von Pathologie. Auch Beebe at al. beziehen die Konsequenzen aus diesen Untersuchungen auf den psychotherapeutischen Prozess. Im Gegensatz zu der in der deutschen Literatur - auf der Grundlage des Konzepts von Ainsworth - für die Entwicklung einer sicheren Bindung geforderten optimalen Erfüllung von Bedürfnissen des Kindes (Brisch 2000) wird in der amerikmanischen Säuglingsforschung die entwicklungsfördernde Rolle von "disruption and repair" schon seit langem diskutiert. Reck at al. (2001) referieren im Kontext der Mutter-Kind-Interaktion bei postnataler Depression Untersuchungen, nach denen nicht das Ausmaß an Übereinstimmung des Affektausdrucks bei Mutter und Kind für die Qualität der Interaktion als entscheidend angesehen wird, sondern die Fähigkeit, der Intreraktionspartner zu einem "interactive repair", d. h. sich flexibel zwischen übereinstimmenden (matched) und nicht übereinstimmenden (mismatched) Zuständen hin und her zu bewegen. Wenn ein Paar in einen "mismatched" Zustand gelangt ist, kommt es optimalerweise innerhalb von zwei Sekunden in einen "matched" Zustand zurück. Auch hier geht es also - der Dynamik komplexer Systeme entsprechend - nicht um Struktur, sondern um die Veränderbarkeit innerhalb eines Systems. Bei depressiven erwachsenen Interaktionspartnern wird im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe ein "freundlicheres aufeinander Eingehen" beschrieben. Die Autoren interpretieren dies als mögliche Anzeichen der Konfliktvermeidung und eingeschränkten Authentizität. Hohe Übereinstimmungen im Interaktionsverhalten zwischen depressiven Partnern werden als Hinweis auf Partnerschaftsprobleme und pathologische Kommunikationstrukturen gewertet.

Wo bleibt die Kontroverse?

All diese Konzepte und Erfahrungen werden jedoch in der breiten "Scientific Community" kaum zur Kenntnis genommen. Am deutlichsten zeigt sich dies am Beispiel der Quantenphysik. Obwohl die Einstein'sche Relativitätstheorie inzwischen zur Allgemeinbildung gehört, hat die durch sie ausgelöste Weiterentwicklung der Physik kaum Konsequenzen für den Wissenschaftsbetrieb gebracht. Die Kompliziertheit der damit verbundenen mathematischen Operationen dürfte nicht der einzige und womöglich nicht der entscheidende Grund sein. Der Sehnsucht nach "harten Fakten": einer Medizin, die klare Organbefunde als Ursachen für Störungen definiert, entspricht ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Sicherheit und Halt. Bei Verhaltensauffälligkeiten kommt die Schuldproblematik hinzu. In der Wissenschaft entspricht dies einer Tendenz, sich immer mehr in die Details begrenzter Fachgebiete zu vertiefen - das Risiko, dass in der Zwischenzeit Grundlagen dieses Fachgebiets ihre Gültigkeit verlieren, wird dabei in Kauf genommen. Sich in den offenen Konflikt zu begeben, hat schon von jeher das Risiko mit sich gebracht, die eigenen Ergebnisse in Frage stellen und entscheidende Teile seiner Lebensarbeit als Irrtum erkennen zu müssen. Möglicherweise wirken hier die Erfahrungen früherer Zeiten nach, so die vergebliche Polemik eines Jacobus Sylvius gegen Vesalius oder im 19. Jahrhundert das verzweifelte Aufbäumen des 73-jährigen Hygienikers Max von Pettenkofer gegen die Behauptung Robert Kochs, die Cholera sei durch lebende Erreger ausgelöst. Vor Zeugen verschluckte er eine von Robert Koch in Ägypten angefertigte Cholera-Bakterien-Kultur und erklärte: "Selbst wenn ich mich täuschte und der Versuch lebensgefährlich wäre, würde ich dem Tode ruhig ins Auge sehen, es wäre kein leichtsinniger oder feiger Selbstmord; ich stürbe im Dienste der Wissenschaft, wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre". Durch die Immunität als Folge einer früheren Cholerainfektion überlebte er, holte den Selbstmord allerdings neun Jahre später mit einer Pistole nach (Wunderlich 2009). Der heutige Wissenschaftsbertieb erinnert eher an die Interaktion des Säuglings mit einer depressiven Mutter.

Als weitere Entwicklungslinie könnte die Postmoderne angesehen werden. So empfiehlt Lyotard (in der Darstellung von Cilliers 1998), die Idee des Konsensus aufzugeben, da sie zur Verarmung führe. Wissen sollte nach seiner Vorstellung sich in Diskursen fortsetzen - ohne den Versuch, ein dauerhaftes Raster zu finden. Anstatt all das auszuklammern, was nicht in ein Schema passt, ginge es darum, sinnvolle Beziehungen zwischen unterschiedlichen Diskursen zu finden. Cilliers sieht darin "ein unvermeidliches Charakteristikum eines komplexen, selbstorganisierenden Netzwerks" (ebd. S. 118). Allerdings spricht er auch von der Gefahr einer Überladung des Netzwerks, "das darauf hin ein'pathologisches' Verhalten zeigt, entweder in Form chaotischen Verhaltens oder als katatonen Zusammenbruch" (ebd. S. 119). Zur Zeit geht die Bewegung eher in Richtung Katatonie. Möglicherweise führt "Dissens pur" ähnlich wie in der Musik die kontinuierliche Dissonanz zu Abstumpfung und Beliebigkeit. Vielleicht geht es auch hier - ähnlich wie beim Thema Identität - um die Bewahrung einer dialektischen Spannung zwischen Harmonie und Dissonanz, Sicherheit und Angst, verlässlichem Halt und riskantem Abenteuer. Erst in dieser Spannung kann wirksam werden, was Cilliers als Forderung einer postmodernen Ethik innerhalb komplexer Strukturen fordert: " Anderssein und Unterschied als Werte an sich zu respektieren"(ebd. S.139). Dies führt zurück zum Aspekt der Kreativität im Dialogmodell von Milani Comparetti. Kann man auf das Gleichgewicht in dieser Spannung einwirken? Sicher nicht durch das Propagieren von Abenteuern. Damit würde die Dynamik im Kern zerstört. Der wohldurchdachte und sorgfältig nach pädagogischen Gesichtspunkten aufgebaute Abenteuerspielplatz vernichtet all das, was früher auf dem Trümmergrundstück verbotenermaßen und unter Risiko an Abenteuer möglich war. Kinder "fühlen sich unwiderstehlich vom Abfall angezogen ... In Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt" (Benjamin 1977, S. 22). Unversehens fühlen wir uns noch einmal an den Arbeitsplatz des Vesalius zurückversetzt, wo er sich "mit den vielen wilden Hunden" herumschlagen musste. Die Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, sondern wird markiert durch die dialektische Spannung zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und der Neugier auf das Unkalkulierbare. Will man Einfluss nehmen, so empfiehlt sich eher die Bestätigung des Wunsches nach Sicherheit, da er verpönt und tabuisiert erscheint. Der Psychoanalytiker Steve Mitchell beschreibt dies bei der Entwicklung von Liebesbeziehungen: "Das Bedürfnis nach dem Gefühl, dass man sowohl sich selbst als auch einen anderen Menschen kennt, das Bedürfnis nach einer ganz und gar sicheren Bindung ist für Kinder wie Erwachsene wichtig. Doch in menschlichen Beziehungen sind Sicherheit und Voraussagbarkeit nur schwer erreichbar. Wir versuchen unablässig, zu einem illusionären Gefühl der Dauer und Voraussagbarkeit zu gelangen. Wenn Patienten sich über die Lieblosigkeit in ihrer Ehe beklagen, kann man ihnen zeigen, wie kostbar ihnen diese Angestorbenheit ist, wie sorgsam sie sie erhalten und wie sehr sie darauf beharren - wie ihnen das Mechanische und die völlige Vorhersehbarheit des Liebesakts als Schutz vor Überraschung und Unvorhersehbarkeit dient. Deshalb ist ‚die sichere Bindung' kein sonderlich nützliches Modell für die romantische Liebe zwischen Erwachsenen, es sei denn im Hinblick auf die Dimensionen der Fantasie, des Illusionären und des Sicherheit vermittelnden. Liebe ist wesensgemäß nicht sicher, doch wir versuchen permanent sie sicher zu machen" (Mitchell 2004, S. 47-48). Was Mitchell hier über die Liebe sagt, gilt sinngemäß für jede Form der Entwicklungsförderung, der Entwicklungsrehabilitation und der Therapie. Auch hier suchen wir aus Furcht vor Überraschung und Unvorhersehbarkeit unsere Sicherheit in der Abgestorbenheit und Vorhersehbarkeit erlernter Techniken. Die Dimension der Fantasie, des Spielerischen ist der Gegenpol. So gilt es, den Abschied von der Hoffnung auf "gezielte" Förderung zu betrauern, um Spielräume für Kreativität entwickeln zu können. In dieser Spannung können wir hoffen, "mit unserem primitiven Selbst, aus dem die stärksten Gefühle und sogar schneidend scharfe Empfindungen stammen, in Berührung zu bleiben und wir sind wirklich arm dran, wenn wir lediglich geistig gesund sind" (Winnicott 1976, S. 65).

Literatur

Andreas Vesalius Personenlexikon Google (2009): http://www.personenlexikon.net/d/andreas-vesalius/andreas-vesalius.htm

Bauer, J.(2002): Das Gedächtnis des Körpers. Eichborn, Frankfurt/M.

Bauer, J.(2003): Verbindungslinien zwischen Psychotherapie und Neurobiologie. Bvvp-magazin 3, 16-17

Bauer, J. (2008): Das Kooperative Gen. Hoffmann und Kampe, Hamburg

Beebe, B., Jaffe, J., Lachmann, F.M., Feldstein, S., Crown, C., Jasnow, M. (2002): Koordination von Sprachrhythmus und Bindung. Systemtheoretische Modelle. In: Brisch,

Buber, M. (1923): Ich und Du. In: Das dialogische Prinzip. Lambert Schneider, Heidelberg 1979

K.H., Grossmann, K.E., Grossmann, K. u.a. (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklungswege. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 47-85

Benjamin, W. (1977): Einbahnstraße. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Boston Change Process Study Group (2004): The "something more" than interpretation revisted: sloppiness and co-creativity in the psychoanalytic encounter. JAPA 53/3, S. 693-729

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Quelle:

Hans von Lüpke: Mehr als Nachbarschaften: eine gemeinsame Basis für Beziehungsmedizin und Naturwissenschaften

In gekürzter Version erschienen in: Baumann; M., Schmitz, C., Zieger, A. (Hg.): RehaPädagogik - RehaMedizin - MENSCH. Schneider, Hohengehren 2010, S. 84-94

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 06.10.2010

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