CAP-Märkte: "Mitarbeiter haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl"

AutorIn: Nadine Lormis
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Der Text ist am 03.07.2017 unter folgender Webseite erschienen:https://www.rehacare.de/cgi-bin/md_rehacare/lib/pub/tt.cgi/CAP-Märkte_%22Mitarbeiter_haben_ein_ganz_anderes_Selbstwertgefühl%22.html?oid=46030&lang=1&ticket=g_u_e_s_t
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CAP-Märkte: "Mitarbeiter haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl"

Anfangs war es nur eine vage Idee, um Menschen mit Behinderung ein neues Arbeitsfeld zu schaffen. Heute gibt es deutschlandweit 106 CAP-Märkte, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten und eine ebenso vielfältige Kundschaft mit Lebensmitteln versorgen. Weitere Märkte sind in Planung.

Eingangsbereich eines CAP-Marktes.

Über 100 CAP-Märkte gibt es bereits deutschlandweit, es sollen aber noch weitere folgen; © Allgäuer Integrationsbetrieb CAP-Markt gGmbH

Herr Heckmann, wodurch zeichnet sich das Konzept der CAP-Märkte aus?

Thomas Heckmann: Das sind verschiedene Dinge: Zum einen sind wir dort hingegangen, wo große Handelsketten die Nahversorgung nicht mehr gewährleisten konnten oder wollten, weil die räumlichen Bedingungen für sie nicht mehr marktgerecht und ausreichend waren. Damit haben wir eine Marktnische entdeckt, gerade im Bereich der Nahversorgung. Zum anderen zeichnet sich das Konzept natürlich dadurch aus, dass wir die Beschäftigung von behinderten Menschen ermöglichen. Wir beschäftigen in unseren Märkten über 50 Prozent Menschen mit Behinderung. Der Rest der Angestellten kommt aus dem Fachbereich des Lebensmitteleinzelhandels.

Wir haben außerdem zwei verschiedene Arten von Märkten: Einmal die Märkte, die als Inklusionsunternehmen geführt werden. Hier werden ganz normale marktübliche Gehälter gezahlt – an alle Mitarbeiter, auch an die Menschen mit Behinderung. Und dann haben wir die Märkte, die als Teil der Werkstatt betrieben werden. Hier erhalten die Mitarbeiter den Werkstattlohn. Insgesamt machen die Inklusionsbetriebe etwa 80 Prozent aus, nur 20 Prozent sind Werkstattbetriebe.

Der Erfolg gibt Ihnen Recht. Haben Sie zu Beginn bereits damit gerechnet?

Heckmann: In keinster Weise! Als ich 2001 angefangen habe, war es unser Ziel, bis 2016 insgesamt 35 Märkte zu haben. Heute haben wir 106 Märkte. Also eine "leichte" Planübererfüllung. Trotz allem passen wir sehr genau darauf auf, dass wir nur an Standorte gehen, die letztendlich auch betriebswirtschaftlich mindestens mit einer schwarzen Null zu betreiben sind.

Gerade in der Mitte Deutschlands klafft noch ein "weißes Loch". Liegt es daran, dass es sich dort nicht rentiert?

Heckmann: Das kann man so nicht sagen. Es ist eher so, dass das Konzept der Inklusionsbetriebe dort noch nicht so stark verankert ist. Wir merken es ja selbst: Wir sind in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hamburg vertreten. Hessen und Niedersachsen haben wir so ein bisschen "vergessen". Thüringen dagegen entwickelt sich gerade erst. Aber das ist überhaupt nicht bewusst gesteuert. Es ist einfach so, dass in einigen Regionen das Interesse der Einrichtungen nicht so stark ist.

Portrait von Thomas Heckmann.

Thomas Heckmann ist Geschäftsfeldleiter der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd eG (gdw süd) und kümmert sich seit 2001 um das Konzept der CAP-Märkte; © gdw süd eG

Der erste Markt außerhalb Baden-Württembergs war in Dobbertin, inzwischen gibt es bereits acht Märkte allein in Mecklenburg-Vorpommern. Inwiefern ist das eine besondere Erfolgsgeschichte?

Heckmann: In den neuen Bundesländern ist damals nach der Wende eine reine Discountlandschaft entstanden. An jeder Ecke gab es einen Discounter, egal ob Aldi, Lidl, Netto oder Penny. Dort war die Nahversorgung mit Vollsortimentern also eher gering. So ist damals der Markt in Dobbertin als erstes entstanden. Dann haben wir auch einfach das Glück gehabt, einen hervorragenden Betreiber in Mecklenburg-Vorpommern zu bekommen. Das ist der Diakonieverein Güstrow, der jetzt allein schon fünf CAP- und zwei Drogeriemärkte betreibt – nach unserem Konzept. Das wird dort wirklich sehr gut umgesetzt.

Wie kommen die Angestellten zu ihren Jobs in CAP-Märkten?

Heckmann: Wir gehen explizit auf die Suche nach Menschen mit Behinderung. Wir schauen also über die Integrationsfachdienste, welche Menschen mit Behinderung zur Verfügung stehen, die vielleicht auch schon längere Zeit in Arbeitslosigkeit sind. Oder wir gehen auf Werkstätten für behinderte Menschen zu, wo Mitarbeiter sind, die dort erst einmal ein Praktikum machen, um dann eventuell in einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu wechseln.

Ansonsten suchen wir natürlich Marktleiter nach den gleichen Kriterien, wie andere Arbeitgeber auch. Allerdings bekommen unsere Marktleiter noch eine Zusatzausbildung in den ersten zwei Jahren. Dort wird dann sehr stark auf die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung eingegangen.

Wie wirkt sich die Arbeit auf das Leben der Menschen mit Behinderung aus?

Heckmann: Unsere Mitarbeiter haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl. Sie sind weder in einer Werkstatt beschäftigt, noch sind sie arbeitslos. Sie sind Mitarbeiter eines CAP-Marktes, verdienen ihr eigenes Gehalt und können ihren Lebensunterhalt zum überwiegenden Teil selbst bestreiten. Das fördert natürlich ungemein das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter.

Inwiefern können CAP-Märkte zum Thema Inklusion beitragen?

Heckmann: Über Inklusion redet man erst seit zwei Jahren, davor war es Integration. Wir machen eigentlich seit fast 20 Jahren nichts Anderes als Inklusion, weil unsere Angestellten Teil des ersten Arbeitsmarktes sind – im Kontakt mit den Kunden. Bei uns sind nicht-behinderte und behinderte Menschen zusammen an ein und demselben Arbeitsplatz. Und wir beschäftigen eigentlich alle, also Menschen mit Körperbehinderung, mit Lernschwierigkeiten – sogenannter "geistiger Behinderung" – oder mit psychischen Erkrankungen. Bei uns ist Inklusion also nichts Besonderes, sondern etwas Alltägliches und Selbstverständliches.

Was wollen Sie mit den CAP-Märkten noch erreichen?

Heckmann: Für uns ist es wichtig, dass wir die Menschen mit Behinderung noch besser qualifizieren. Da gibt es aber sicher noch Möglichkeiten und Potenziale. Wir versuchen zusammen mit verschiedensten Industrie- und Handelskammern niederschwellige Ausbildungsangebote anzubieten, so dass wir auch die Chance haben, diese Mitarbeiter aus den Inklusionsbetrieben eventuell nachher auf dem ersten Arbeitsmarkt bei großen Ketten wie Edeka, Rewe, Aldi oder Lidl unterzubringen. Das ist unser großes Ziel.

Mehr über die CAP-Märkte unter: www.cap-markt.de

Portrait von Nadine Lormis in schwarz weiß.

Nadine Lormis, REHACARE.de, © privat

Quelle

Nadine Lormis: CAP-Märkte: "Mitarbeiter haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl", REHACARE Magazin 03.07.2017, https://www.rehacare.de/cgi-bin/md_rehacare/lib/pub/tt.cgi/CAP-M%C3%A4rkte_%22Mitarbeiter_haben_ein_ganz_anderes_Selbstwertgef%C3%BChl%22.html?oid=46030&lang=1&ticket=g_u_e_s_t

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Stand: 15.01.2018

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