Gehörloses Personal bedient im Café ohne Worte

AutorIn: Nadine Lormis
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Der Text ist am 03.07.2017 auf folgender Webseite erschienen:https://www.rehacare.de/cgi-bin/md_rehacare/lib/pub/tt.cgi/Gehörloses_Personal_bedient_im_Café_ohne_Worte.html?oid=46028&lang=1&ticket=g_u_e_s_t
Copyright: © Nadine Lormis 2017

Gehörloses Personal bedient im Café ohne Worte

Viele gehörlose Menschen stoßen in Deutschland nach wie vor auf Barrieren. Vor allem der Einstieg in den Arbeitsmarkt gestaltet sich meist problematisch. Bei der Studierendenorganisation Enactus an der Universität zu Köln e. V. entstand nun mit dem "Café ohne Worte" ein Pop-Up-Konzept, das gehörlosen Menschen ermöglichen soll, in den Arbeitsmarkt einzusteigen und dort Fuß zu fassen.

Frederike Höfermann zeigt mit ihrer rechten Hand die Gebärde
"Ich mag dich", welche auch als Gruß die Solidarität mit
Gebärdensprachlerinnen und -sprachlern zum Ausdruck bringt.

Frederike Höfermann; © Café ohne Worte

REHACARE.de sprach mit der Geschäftsführerin Frederike Höfermann über die gesteigerte Nachfrage und die Bewerbungskriterien.

Frau Höfermann, wie genau ist Café ohne Worte organisiert?

Frederike Höfermann: Die steigende Nachfrage nach unseren Events, vor allem durch die breite Öffentlichkeit, hat selbst uns überrascht, sodass wir Café ohne Worte auf ein neues Level gehoben haben: Es wird jetzt als eigenständiges Unternehmen von den ehemaligen Projekt- und Teamleitern, also mir und Lukas Haffer geführt.

Durch unsere weltweit einzigartigen Pop-Up-Events können wir gemeinsam beweisen, dass Gehörlose problemlos auch in Berufsfeldern mit Kundenkontakt arbeiten können und zeigen, dass Kommunikation ohne Worte nicht nur möglich ist, sondern Spaß machen kann.

Was macht einen typischen Event-Abend aus?

Höfermann: Mit einem freundlich-gebärdeten "Herzlich Willkommen" werden unsere Gäste bei einem Café ohne Worte-Event von einem der gehörlosen Kellner empfangen. Die erste Bestellung funktioniert selbst für die hörenden Gäste kinderleicht mit unseren eigens entworfenen bildbasierten Menükarten. Die gute Stimmung bei unseren Events macht vor allem die offene Atmosphäre unter den Gästen und Kellnern aus. Um dem Interesse an noch mehr Interaktion zwischen Hörenden und Gehörlosen zu begegnen, veranstalten wir zwischendurch kleine Spiele und Wettbewerbe, sodass am Ende des Abends jeder Gast rundum zufrieden nach Hause geht.

Bisher fanden die Events nur in verschiedenen Cafés im Köln statt. Im Mai war es auch erstmals in Aachen soweit. Wie wurde die Idee dort angenommen?

Höfermann: Es ist toll zu sehen, dass unsere Events überall so großen Anklang finden. Mit dem erfolgreichen Event in Aachen konnten wir einen Grundstein für die aktuelle deutschlandweite Expansion legen. Wir freuen uns immer sehr über Veranstaltungsanfragen von interessierten Restaurants und Gästen aus anderen Städten. Aktuell wächst Café ohne Worte weit über die Grenzen von Nordrhein-Westfalen hinaus und wir freuen uns darauf mit unseren 38 Kellnern die nächsten Events, die für September wieder deutschlandweit buchbar sind, zu einem vollen Erfolg zu machen.

Auf
der linken Seite des Bildes ist die Menükarte des Cafes abgebildet, auf
der rechten Seite des Bildes ist eine Kellnerin zu sehen, welche die
Getränke in Gebärdensprache aufnimmt.

In den extra entworfenen Menükarten wird den Gästen gezeigt, mit welcher Gebärde sie welche Getränke bestellen können; © Café ohne Worte

Welche Aufgaben übernehmen die gehörlosen Mitarbeiter?

Höfermann: Unserer Kellner arbeiten hauptsächlich in direktem Gästekontakt: Sie nehmen also die Bestellungen der Gäste in Gebärdensprache auf, servieren die entsprechenden Speisen und kassieren anschließend ab.

Wie kann man sich bei Ihnen als Kellner bewerben und welche Voraussetzungen müssen die Bewerberinnen und Bewerber mitbringen?

Höfermann: Bei uns können sich alle gehörlosen oder stark hörgeschädigten Menschen, die Gebärdensprache sprechen, bewerben. Sie füllen auf unserer Website ein kurzes Bewerbungsformular aus und werden anschließend zu einem persönlichen Skype-Interview eingeladen, bei welchem wir uns besser kennenlernen. Wenn sie dieses erfolgreich absolviert haben, kümmern wir uns darum, dass sie eine Infektionsschutzbelehrung – wird von jeder Person in Deutschland benötigt, die in der Gastronomie arbeitet – bei dem jeweiligen Gesundheitsamt bekommen und organisieren gegebenenfalls einen Gebärdensprachdolmetscher dafür. Vor ihrem ersten Einsatz bei einem unserer Events durchlaufen unsere Kellner noch eine Onlineschulung, um ihnen die nötigen gastronomischen Fähigkeiten zu vermitteln.

Durch unseren Eventcharakter sind wir örtlich nicht gebunden, das heißt gehörlose Menschen aus ganz Deutschland können sich bei uns bewerben.

Eine gehörlose Kellnerin des Cafes ohne Worte serviert Getränke.

© Café ohne Worte

Inwiefern kann das Café ohne Worte den Einstieg in Gastronomieberufe ermöglichen?

Höfermann: Mit jedem Event schaffen wir Beschäftigungsmöglichkeiten im spannenden Gastronomiesektor für Gehörlose in ganz Deutschland. Nach einigen ersten Gesprächen planen wir mittelfristig Inklusionsprozesse in Unternehmen fachkundig und erfolgsorientiert zu begleiten. Unsere Vision ist, dass in zehn Jahren jemand sagt: "Du, damals bei Ford, oder damals bei Google, da hatten wir die coolste Kaffeebar überhaupt – da haben nämlich Gehörlose gearbeitet und ich konnte meinen Kaffee mittags in Gebärdensprache bestellen."

Wie trägt das Konzept zur Inklusion im Arbeitsleben bei?

Höfermann: Im Alltag stoßen gehörlose Menschen oft auf Barrieren und besonders der Einstieg in den Arbeitsmarkt gestaltet sich oft problematisch. Dem wirken wir entgegen, indem wir ihnen interessante und flexible Beschäftigungsmöglichkeiten in einem Sektor bieten, in dem Kommunikation ein essenzieller Teil ist. Mit unseren Events soll auch hörenden Gästen gezeigt werden, dass die Kommunikation mit gehörlosen Menschen gar nicht so schwierig ist wie gedacht und sogar im Gegenteil, die Gebärdensprache richtig Spaß machen kann. Gleichzeitig zeigen wir auch Arbeitgebern, dass hörende und gehörlose Menschen in Teams sehr gut zusammenarbeiten können und kreieren so erste Berührungspunkte zwischen ihnen und gehörlosen Menschen. Damit sind die "Café ohne Worte"-Pop-Up-Events für uns erst der Anfang.

Ein
Portrait von Nadine Lormis in schwarz weiß.

Nadine Lormis, REHACARE.de, © privat

Quelle

Nadine Lormis: Gehörloses Personal bedient im Café ohne Worte, REHACARE Magazin 03.07.2017, https://www.rehacare.de/cgi-bin/md_rehacare/lib/pub/tt.cgi/Geh%C3%B6rloses_Personal_bedient_im_Caf%C3%A9_ohne_Worte.html?oid=46028&lang=1&ticket=g_u_e_s_t (4.1.2018)

bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.01.2018

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