Selbststigmatisierung

AutorIn: Wolfgang Lipp
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: Manfred Brusten/Jürgen Hohmeier(Hrsg.), Stigmatisierung 1, Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen, Darmstadt 1975. S. 25 - 53; Beide Bände sind leider Vergriffen und werden auch nicht mehr aufgelegt. Der Luchterhand-Verlag hat BIDOK die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben.
Copyright: © Wolfgang Lipp 1975

Einführung

Abweichendes Verhalten ist eines der zentralen, immer wieder aktuellen Phänomene, das die Soziologie beschäftigt. Daß es nicht nur praktische, das Dasein unmittelbar betreffende Gründe sind, die diesen Sachverhalt bedingen - Probleme der Sicherung einerseits der kollektiven Moral, andererseits der Herrschaftsordnung -, sondern Motive theoretischer Natur, ist deutlich; wenn die Soziologie kategorial von der Frage lebt, wie Gesellschaft möglich ist, wie also Interaktionen, Erwartungen, wechselseitige Bezugnahmen auf Dauer organisiert sein können, so steht sie umgekehrt - und auf dieser Ebene vielleicht noch grundsätzlicher - notwendig vor der Aufgabe, Erklärungen auch für interaktionelle Brüche, für soziale Abweichung bereitzustellen. Soziologie ist nicht nur Ordnungswissenschaft, sondern Wissenschaft vom Ordnungswandel. Sie untersucht nicht nur Prozesse, die Ordnung aufbauen und sie erhalten, sondern auch Bewegungen, die sie in Frage stellen und Gegenordnungen entgegenführen.

1. Zur gesellschaftlichen Produktion von Devianz

Zu den delikaten theoretischen Problemen, die in diesem Zusammenhang auftreten, gehört es, daß Abweichung - die Entfernung und Abkehr vom »Normalzustand« - soziologisch nicht als zufällig, als bloßes, nicht weiter erklärungsbedürftiges Faktum angesehen werden kann, sondern als Folge von Wirkumständen begriffen werden muß, die ihr gesellschaftlich vorausliegen: Abweichung kommt nicht von, ungefähr; sie entspringt, soziologisch gesehen, weder unmittelbar durchschlagendem, sei es triebhaftem, sei es krankhaftem Verhalten, noch purer Willkür, sondern ist kontextgebunden und wird von Kontextänderungen, den Variationen der Sozialstruktur, bedingt. In dem Maße, wie Abweichung, auf Ordnungsdefizite weisend, das soziale Dasein unterläuft, wird sie gesellschaftlich auch hervorgerufen, ja erst' »produziert«. Eben dieses Paradoxon ist es, das die Soziologie theoretisch zentral beschäftigt: die Aufgabe, Abweichung als Vorgang darzustellen, der durch die Gesellschaft, von der er sich abkehrt, immer schon vorgefertigt ist, diese aber zugleich - und umgekehrt - in Fluß bringen und neu begründen kann.

Das genannte Paradoxon aufzulösen, gehört zu den schwierigsten Problemen, die die Soziologie überhaupt behandelt. Es wird noch dadurch verschärft, daß Generalformulierungen etwa der Art, Abweichung sei ein »gesellschaftliches« Phänomen, sei »systemgebunden« »strukturbedingt« etc., in dieser Form unergiebig sind und durch engermaschige, an die soziale Wirklichkeit näher heranführende Begriffsraster ersetzt werden müssen. Wie also - dies ist die Frage - wird Abweichung oder konkreter: werden soziale Randgruppen wie Sekten, Subkulturen, radikale Zirkel etc. wirklich, im wirklichen, handelnden Dasein ausgelöst? Wie sehen die Prozesse, die hier verlaufen, im einzelnen aus? Wer trägt, kontrolliert und verfestigt sie? Erst im zweiten ergänzenden Schritt ist zu klären, wie Abweichung ihrerseits auf die Gesellschaft, also wieder: bestimmte Gruppen und ihre Verknüpfungen, zurückwirkt und sie so oder so, im Gegenzug, umgestaltet.

2. »Stigmatisierung« als interaktionistisches Konzept

Inhaltsverzeichnis

Mit dem Konzept der »Stigmatisierung«, wie es Goffman (1959, 1963) zunächst rollentheoretisch-allgemein, Becker 1963) - in der Form des »labeling«-Ansatzes - devianztheoretisch im engeren Sinne verwendet haben, hat die Soziologie ein Instrument entwickelt, das wichtige Schritte in die genannte Problemrichtung weiterführt. Auf breiter Grundlage rezipiert[1], öffnet es der Erklärung abweichenden Verhaltens maßgebliche Perspektiven. Der Kern des Konzepts liegt darin, daß es Abweichung nicht - wie psycho- oder biologistische Theorien, die etwa die ältere Kriminologie heranzog - als gesellschaftsextern ansieht, sondern als Produkt alltagsweltlicher Prozesse selbst, als Ergebnis bestimmter sozialer Sinngebung, Handlungsausgestaltung und Handlungsfestlegung. Soziale Stigmata - Indikator und Ausdruck von Devianz zugleich - sind hier nicht - oder besser: nicht nur - von sich aus gegeben, sondern werden symbolisch zugeschrieben, d.h. sozial erst »festgestellt«. Sie sind Zeichen stringenter »sozialer Definitionen«.

Das Stigmatisierungskonzept widerspricht, so gesehen, nicht nur jener immer noch gängigen, auf Lombroso (1887/1890) zurückgehenden These, daß man zum Verbrecher »geboren« und Abweichung eine »Naturtatsache« sei, sondern geht auch über die klassische soziologische Interpretation, wie sie Durkheim (1895) - und in seinem Gefolge funktionalistische Theoretiker - vorgenommen haben, spezifisch hinaus. Hatte Durkheim Devianz zwar generell, d.h. als Verhaltensfall erklärt, den gegebene soziale Normen mit statistischer Wahrscheinlichkeit aus sich ausgrenzen, so ließ er doch offen, wie sie konkret entstand, wie sie im einzelnen nachverfolgt und auch im Zeitkontext, im Veränderungsablauf, soziologisch untersucht werden konnte. Von Durkheim ausgehend, neigt heute namentlich der Funktionalismus dazu, Abweichung auf die Gesellschaft insgesamt, das »System« und seine Verteilungsmechanismen zu beziehen (Merton 1957). Das fragliche Phänomen wird auch hier nur allgemein erhellt; es bleibt im Detail - in den besonderen Gruppen-, Interaktions- und Identifikationsbedingungen - eigentümlich anonym, ja steht in Gefahr, evolutionär relativiert und am Ende aufgelöst zu werden[2].

Vorzüge

Auf dem Boden des symbolischen Interaktionismus stehend, gelingt es dem Stigmatisierungskonzept gerade die letztgenannten Tendenzen zu vermeiden. Ebensowenig wie auf Naturtatsachen schlechthin wird Abweichung hier auf Gesellschaftsprozesse im großen, auf Gesamtordnungen, zurückgeführt, die dem sozialen Leben in seinen Gliederungen, Eigenarten und faktischen Vollzügen »von außen«, gewissermaßen zwanghaft, auferlegt wären; das Interesse wendet sich von Systemanalysen vielmehr ab und konzentriert sich auf das konkrete Geschehen. So sehr die Wahrscheinlichkeit, daß Abweichung auftritt, vom System auch vorbestimmt sein mag: das Stigmatisierungskonzept stellt heraus, daß Abweichung als Faktum erst durch Handeln im Vollzug, durch konkrete Erwartungen, wirkliches Entscheiden, wirkliche Machtausübung erzeugt werden kann. Abweichung wird, mit anderen Worten, vom Stigmatisierungskonzept nicht als »objektiv« vorgegeben, als bloßer Geschehensausfluß bestimmt, sondern als Vorgang, den Subjekte - und Gruppen von Subjekten - steuern: »subjektiv« begründet, wird sie interaktionell »konstruiert«.

Hier ist nicht der Ort. die voraussetzungsvollen erkenntnistheoretischen Prämissen selbst, auf die sich dieses Konzept bezieht, anzusprechen und näher zu diskutieren[3]. Das Konzept interessiert vom Ergebnis her. Die Hervorkehrung des »subjektiven« Faktors, damit aber sozialindividueller Identifikations-, Wissens- und Sinngebungsprozesse, stellt in diesem Sinne gegenüber objektivistischen Theorien, wie sie neben funktionalistischen heute besonders von Ansätzen marxistischer Herkunft vertreten werden[4], einen Vorzug dar, der den vielfältigen Erscheinungsformen, den komplexen Entstehungs- und Veränderungsbedingungen sozialer Abweichung differenzierter, also besser gerecht wird, als Globalperspektiven es vermöchten.

Grenzen

Daß das Stigmatisierungskonzept freilich nicht nur Vorzüge, sondern auch Schwächen impliziert, braucht nicht verschwiegen zu werden. Ohne prinzipiell zu sein, stehen sie zum Kontrastangebot objektivistischer Erklärungen insofern in paradoxer Beziehung, als sie einerseits dazu neigen, deren zum Teil berechtigte Postulate zu mißachten, andererseits aber nicht gewahr werden, daß sie wesentliche, am soziologischen Objektivismus kritisierte Merkmale auch in die eigene Position übernommen haben. Ist im ersteren Fall die Gefahr gegeben, daß das Stigmatisierungskonzept die Rolle subjektiver Faktoren überbetont, also stets mitgegebene objektiv-umfassende Ursachenketten aus der Erklärung abweichenden Verhaltens ausklammert, so im zweiten die Tendenz, daß das Moment des Subjektiven - spontane interaktionelle Sinngebung - selbst reifiziert, also mit Strukturmerkmalen einseitig so verkoppelt wird, daß Veränderungen und Alternativen, Umkehrungen und Neudefinitionen sozialer Abweichung als praktisch unmöglich erscheinen.

Werden die erstgenannten Schwächen - Schwächen der Methode - vor allem dadurch bedingt, daß das Stigmatisierungskonzept an die symbolische Darstellung, die Thematisierung und konkrete soziale Sichtbarmachung der Phänomene, die sie erfaßt, gebunden ist - das Dunkelfeld sozialer Devianz, das doch gleichwohl ein Faktum ist und Abweichung auf Ursachen durchschlagender, objektiver Art verweist, wird in diesem Sinne kaum greifbar (Bidermann/Reiss 1967; Gibbs 1969, S. 13) -, so scheinen die Schwächen, die in der Tendenz zur Objektivierung liegen, weniger methodologisch als gewissermaßen professionell, von bestimmten fachideologischen Konzeptionen her vermittelt zu sein. Soziologen, die abweichendes Verhalten untersuchen, scheinen vielfach auch dort, wo sie interaktionistisch vorgehen, einer unterschwelligen professionellen Motivation zu unterliegen, Abweichung primär »sozial«, als Definitionsprodukt der »Gesellschaft«, ihrer dominanten Macht- und Kontrollinstanzen, kaum jedoch oder doch nur akzidentiell als Absicht und konkrete Strategie der Abweichenden selbst, der einzelnen sozialen Individuen und Gruppen, zu bestimmen. Zeigen methodologische Schwächen Blindflecken an, die zwar nicht voll beseitigt, durch Verfeinerung der Forschungsinstrumente aber aufgehellt und jedenfalls markiert werden können, so fällt das Stigmatisierungskonzept, gibt es professionellen Suggestionen unverhältnismäßig nach, hinter seine genuine, ebenso anspruchsvolle wie überlegene Leistungsfähigkeit zurück; es wird außerstande, sein analytisch-heuristisches Potential - das erfolgversprechende Vermögen, abweichendes Verhalten nicht nur vom »Normalzustand«, sondern diesen vom abweichenden Verhalten her zu erfassen - voll zu entfalten und unter Beweis zu stellen.

Kritik

Die Schwächen, die das Stigmatisierungskonzept methodologisch aufweist, verstärken sich also immer dann, wenn unter der Hand auch die Vorzüge, die es auszeichnen, aufgegeben werden und Abweichung in pseudointeraktionistischer Perspektive erneut objektivistisch, als Zwangsprozeß, dargestellt wird[5]. Die folgenden Analysen unternehmen es, die Unausweichlichkeit gerade dieser Konsequenz in Zweifel zu ziehen. Von Inkonsistenzen theoretischer Art abgesehen, scheinen auch die Sachverhalte selbst, die konkreten Phänomene, fachideologisch verengte, letztlich einseitige Sichtweisen nicht zu decken. Eben auf sie, die Sachverhalte, wird nachstehend der Akzent gelegt: Abweichung als Faktum ist gesellschaftlich nicht nur fremd-, sondern durchaus auch selbstbestimmt. Wenn der Interaktionismus gezeigt hat, daß das Handeln Handlungsschablonen - soziale Impulse - im »taking the role of the other« (Mead 1934) zwar übernimmt, aber zugleich sich aneignet, sie individuell durchformt und »nomisch« aufordnet, so gilt dies auch und nicht zuletzt für deviantes Verhalten. Stigmatisierungsforscher, die dies übersehen, verkürzen, ja desavouieren nicht nur ihre spezifischen theoretischen Prämissen, sondern gehen an zentralen Wirklichkeitsbereichen vorbei. Neben der passiven hat Stigmatisierung auch eine aktive Seite; daß Menschen Stigmata tragen, daß sie »auffällig« werden, kann auch bedeuten, daß sie Auffälligkeit gesucht, daß sie Stigmata nicht nur im Zuge von »Stigmatisierungskarrieren« (Goffman 1963), auf deren »Schiene« sie geraten sind, sondern primär selbsttätig übernommen haben.



[1] Vgl. neben Wegbereitern wie Tannenbaum (1938), Lemert 1951 und Kitsuse (1962) jetzt bes. Cicourel (1968), Rubington/Weinberg (1968), LD. Douglas (1970), Schur (1970 und Rock/McIntosah (1974). S.a. Gibbs (1969). Zur deutschen Rezeption vgl. Sack (1972) und Albrecht (1973); s. a. OPP (1972).

[2] Vgl. hierzu näher Lipp (1972).

[3] Zum symbolischen Interaktionismus vgl. besonders Berger-Luckmann (1966). S. ferner den Ansatz der Ethnomethodologie (Garfinkel 1967). Siehe zu diesen Konzepten jetzt die Textsammlung Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (1973, Bd. 1), die neben einer Einführung auch detaillierte Kommentare enthält.

[4] Vgl. Werkentin/Hofferbert/Baurmann (1972). S. a. Schumann/Schumann (1972).

[5] Es darf nicht verwundern, daß Soziologen, Sozialarbeiter, Sozialpolitiker, die ihren fachideologischen »bias« nicht durchschauen, Tendenzen dieser Art gerade dann, wenn sie praktisch tätig werden, vorantreiben und realisieren können. Der liberale Impetus, der über die Stigmatisierung vorerst aufklärt, kann sich dort, wo er Entstigmatisierung plant und verordnet, nicht nur ins Bürokratische verkehren, sondern mit den Kontrollinstanzen, also Instanzen, die sozial »Auffällige« erst produzieren - auch objektiv verbünden. Vgl. dazu Gouldner (1968), Scott (1970), ferner Peters (1969).

3. Selbststigmatisierung - Entwurf eines Alternativmodells

Obwohl die aktive, an Stigmatisierungsprozessen feststellbare Komponente - wie im folgenden belegt wird - näherem Hinblick unschwer entgeht, hat es die Stigmatisierungsdiskussion in der Tat versäumt, das Phänomen der »Selbststigmatisierung« gebührend zu berücksichtigen, ja begrifflich nur anzusprechen. Von wenigen, eher kursorischen Beiträgen abgesehen, die dem fraglichen Phänomen eine zudem zweitrangige, d.h. primär psycho-, nicht soziologische Bedeutung zusprechen[6], liegen Arbeiten, die Selbststigmatisierung zum distinkten, für devianzsoziologische Analysen relevanten Gegenstand erheben, bisher kaum oder nur in Ansätzen vor[7].

Den Gründen dieser Enthaltsamkeit nachzugehen und sie etwa - was möglich wäre - ideologie- und professionskritisch zu rekonstruieren, muß hier unterbleiben. Die Leerstelle, die die Stigmatisierungsdiskussion aufweist, verwundert freilich umso mehr, als Selbststigmatisierung von fundamentaler, gesellschaftlich-geschichtlicher Relevanz zu sein scheint. Wie sich zeigen läßt, weist sie über den engen interaktionellen Rahmen, von dem sie ausgeht, vielfach weit hinaus, und greift in das umfassende gesellschaftliche Handlungsgeschehen selbst, seine Deutungsmuster und sein Selbstverständnis, dynamisch über. Mag die Vermutung auch naheliegen: Selbststigmatisierung ist keineswegs auf zwanghaftes, individuell- »masochistisches« Verhalten (allein) bezogen, auf Personen, die dazu neigen - ja es als Lust empfinden -, sich selbst zu quälen, sondern steht für Handlungsformen, die die »Leiden der Gesellschaft« (Dreitzel 1968) lndizieren und eben diese, die sozialen Zwangsverhältnisse, zum Thema machen.

Hypothetisch - und hier im Vorgriff gesagt - ist festzustellen, daß Selbststigmatisierung nicht allein, wie jeder andere Fall von Devianz, gesellschaftlich »hergestellt« wird, sondern die Produktionsweisen, die sie erzeugen, zugleich reproduziert, also kritisch widerspiegelt, »bricht«, und so verändert. Selbststigmatisierung scheint die Funktion, bestehende soziale Ordnungen ins Bild zu bringen, ihnen ihr Gesicht zu zeigen und neuen Gestaltungen Raum zu geben, dabei insofern vorrangig auszufüllen, als sie diese Ordnungen symbolisch - über ihr Selbstverständnis, das sie aufnimmt, darstellt und »umdreht« - jeweils zentral erfaßt; sie trifft und lähmt die Prinzipien, die eine Gesellschaft konstituieren, damit ebenso direkt wie freibeweglich; von näherem bremsenden Konkretisierungsdruck entlastet, spricht sie, das ist ihr »Witz«, das soziale »Gewissen« an. Ein Hofnarr, ein kluger Mann, der nur sagt, wie es ist, ist am Ende eher in der Lage, seinen Herrn zur Behebung von Mißständen zu veranlassen, als eine Gruppe von Landsknechten, deren Aufstand man niederknüppelt.

Analysen jedenfalls, die Selbststigmatisierung systematisch noch näher erschließen, könnten dazu beitragen, das eingangs apostrophierte, doppelbödige Problem des Ordnungswandels, der Neubegründung sozialer Handlungszusammenhänge, theoretisch in helleres Licht zu rücken, als weite Bereiche devianzsoziologischer Arbeiten dies ahnen lassen. Im folgenden soll versucht werden, einen ersten konzeptionellen Schritt in diese Richtung zu gehen, den Blick für die neue soziologische Fragestellung - und die ihr entsprechende soziale Wirklichkeit - zu schärfen und Hinweise zusammenzustellen, die weitere Forschung anregen können.

3.1. Defektive und kulpative Stigmata

Wenn Selbststigmatisierung ein Fall von Stigmatisierung ist, ist es notwendig, diesen Fall, ehe er spezifisch behandelt werden kann, auf Stigmatisierung im allgemeinen zu beziehen. Was ist Stigmatisierung, was sind Stigmata im Wortsinn? Etymologisch mit »stechen«, »Stiche zufügen« verbunden, bedeutet Stigmatisierung ursprünglich Tätowierung: die Narbung der menschlichen (tierischen) Haut mittels Instrumenten wie Waffen, Loch- oder Brandeisen. Stigmata, die Spuren von Stigmatisierung, stellen so gesehen zunächst physische, ja unmittelbar körperliche Male dar: Defekte im Sinne sei es des Fehlens, sei es des Verlustes von organischer Vollkommenheit. Sie weisen zugleich jedoch, auf die Sozialebene proiiziert, darauf hin, daß ihre Träger gesellschaftlich unterlegen, daß sie besiegt, unterworfen und geknechtet worden sind. Stigmata zu tragen impliziert, mit anderen Worten, botmäßig zu sein; Stigmata, also Wundmale, zuzufügen, heißt dann umgekehrt, Aggressionen zu entladen, Herrschaft zu dokumentieren: ein Besitz- und Abgabe-, d.h. Sollverhältnis, festzulegen. Folgt man der Wortverwendung der Antike, so ist Stigmatisierung Brandmarkung von Sklaven; die Spuren, die sie einbrennt, sind Kennzeichnungen und Kennzeichen; sichtbare physische Male, enthalten sie zugleich gesellschaftspraktische, symbolische, d.h. am Ende moralische Schuld indizierende Bedeutung. Zieht man diese Linie weiter aus, so kennzeichnen Stigmata zuletzt Kriminelle: sie machen Verbrechen manifest.

Die neuere Stigmatisierungsforschung geht davon aus, auch Merkmale wie Gebrechen, etwa Blindheit, die primär nicht auf Macht- und Gewaltverhältnisse zurückgeführt werden können, als Ansatzpunkte für Stigmatisierungsprozesse anzusehen; sie wird tatsächlich gegebenen sozialen Mechanismen damit durchaus gerecht. Die physischen Merkmale von Stigmata auf der einen, die symbolisch-sozialen Gehalte auf der anderen Seite sind in fließenden Grenzen offenbar austauschbar. Geht im Falle des Sklaven oder - um aktueller zu werden - des »Gastarbeiters« der soziale Akt der physischen Stigmatisierung - der Einsatz der Brandeisen, Behördenstempel etc. - zeitlich voraus, so kehrt sich dieses Verhältnis im Falle des Blinden, des Häßlichen, des Idioten um: vorgeordnet ist hier das physische Moment; Prozesse der sozialen Stigmatisierung, der Abdrängung der betreffenden Personen in Rand- und Außenseiterlagen und schließlich gesellschaftliche Schuldzusammenhänge erfolgen erst im zweiten Schritt.

Ohne ausführlicher behandelt werden zu können, machen die skizzierten Aspekte deutlich, daß Stigmata und Stigmatisierung namentlich zwei von der Sache her getrennte, im Rahmen sozialer Interaktion grundsätzlich aber aufeinander bezogene, »dialektische« Dimensionen aufweisen: Stigmata zeigen erstens, daß Personen oder Personengruppen bestimmte Mängel - so genarbte und verbrannte Haut, fehlende Gliedmaßen, Gebrechen etc., aber auch fehlende Bildung, Armut, Ohnmacht - prinzipiell also: Differenzen zur Normalität im Sinne von Defekten aufweisen; das defekte - »beschädigte« (Goffman 1963) - Dasein wird an »defektiven« Stigmata identifiziert. Und Stigmata drücken zum zweiten aus, daß sie ihren Trägern von der Gesellschaft selbst aufgeprägt, im Sinne also eines Unterlegenheits- und d.h. Botmäßigkeits-, Buß- und Schuldverhältnisses zugeschrieben worden sind. Stigmata implizieren auf dieser Ebene, daß ihre Träger Defekte nicht nur faktisch haben, sondern verantwortlich für sie sind und für sie im Debet stehen: daß Stigmatisierte also, eben weil sie Stigmata tragen, offenbar zu recht gebrandmarkt sind und ihre Differenz zur Normalität, jetzt im Sinne gesellschaftlicher Moral, faktisch büßen müssen. Stigmata dieser Art werden hier »kulpativ« genannt. Die kulturanthropologisch-ethnologische[8], aber auch die von kulturellen Bedingungen absehende sozialpsychologische[9] Forschung haben hinreichend Belege dafür erbracht, daß das menschliche Verhalten und die Wege, die sein Selbstverständnis einschlägt, unaufhebbar dazu neigen, äußere Ursachen in Motive umzudefinieren, sie also persönlichem Handeln zuzuschreiben, Handeln also als gesellschaftsbezogen, d.h. moralisch zu sehen, es mit Schuldqualitäten zu besetzen und umgekehrt. Stigmatisierungsprozesse stellen in diesem Zusammenhang nur ein weiteres, in ihrer besonderen Konfiguration freilich ins Auge springendes prototypisches Beispiel dar. Indem Stigmata zunächst Mängel, physische und soziale Defekte zum Ausdruck bringen, werden sie gesellschaftlich nicht nur zum Zeichen, daß diese Mängel verschuldet sind, sondern zugleich zum Anlaß, die Stigmataträger moralisch zu verurteilen, sie zu ächten und zu unterdrücken.

Sind die semantischen Pole, die Stigmata und Stigmatisierungsprozesse aufweisen - physische Defekte und zugeschriebene soziale Schuld - in dieser Skizze zutreffend erfaßt, dann läßt sich vermuten, daß auch Selbststigmatisierung von ihnen bestimmt wird, daß auch Selbststigmatisierung von Defekten einerseits - also defektiven Stigmata - und Schuld zum anderen - kulpativen Stigmata - ausgeht und wesentlich auf sie bezogen ist. Ohne präzisere systematisch-theoretische Aussagen anzustreben[10], soll im folgenden versucht werden, dieser Vermutung nachzugehen und sie deskriptiv zu entwickeln.

3.2. Zwangsformen: Hypochondrie und Querulantentum

So paradox die Möglichkeit, daß Menschen sich sowohl physischkörperlich als auch moralisch-sozial stigmatisieren, daß Menschen also die Last, »auffällig« zu sein, selbst auf sich laden: so paradox diese Möglichkeit im ersten Hinblick auch scheinen mag, sie ist durch eine Fülle von Beispielen in der Tat belegt. Akte der Selbststigmatisierung erweisen sich als durchaus alltägliches, »normales« gesellschaftliches Phänomen. Sie reichen von eher bloß physisch, eher bloß individuell relevanten Fällen zu Fällen von kollektiver und hochwirksamer moralischer Bedeutung; sie erstrecken sich von Zusammenhängen eher unbewußter, zwanghafter Art bis in die Sphäre voll reflektierter, entschiedener Wahl. Obwohl Selbststigmatisierungen konkret stets mehrere Facetten, also neben der individuellen auch kollektive, neben der physischen auch moralische Bedeutung haben und umgekehrt, obwohl die Aspekte Zwang und Spontaneität in ihnen stets vermischt auftreten, scheint es möglich zu sein, Schwerpunkttypen zu bilden und sie spezifisch zu entwickeln. Nachstehend wird es unternommen, Typen dieser Art exemplarisch auf

1. die Dominanz zwanghafter Momente,

2. die Dominanz von Spontaneität,

3. das Vorwalten physisch-individueller,

4. das Vorwalten moralisch-kollektiver Merkmale zu beziehen.

Der Begriff der Selbststigmatisierung nimmt zwischen der Vorstellung etwa der klassischen Rechtsdogmatik, abweichendes (kriminelles) Verhalten sei »autonom« gewählt - also »verschuldet« und eben deshalb strafbar -, und der Perspektive der Soziologie, Devianz sei gesellschaftlich »definiert« und in diesem Sinne nicht Individuen, sondern »Kontrollinstanzen« anzulasten, eine Zwischenlage ein. So sehr das Kollektiv, genauer: ein Stigmatisierungszusammenhang, abweichendes Verhalten präformieren kann, so wenig ist auszuschließen, daß Deviante die Zwänge, denen sie sozial unterliegen, individuell sei es verstärken, sei es modifizieren, also mitbestimmen und aktiv gestalten können. Der Mörder, um ein Beispiel zu bringen, handelt sicher nicht »aus freien Stücken«; ist aber der wiederholte Mord, den er begeht, schon auch »sozial« bedingt?

Der aus der Gerichtspraxis wohlbekannte, theoretisch zuerst von Freud (1915), dann vor allem von Reik (1925) behandelte Zwang, Verbrechen zu wiederholen, ist nicht unmittelbar gesellschaftlich, sondern primär psychisch - namentlich auf tiefenpsychologischer Ebene - begründet[11]. Bestimmte Individuen haben offenbar das Bedürfnis - die psychoanalytische Ableitung dieses Phänomens soll hier nicht weiter entwickelt werden -, ihre »Untaten« zu wiederholen: das Bedürfnis, erneut straffällig zu werden, erneut und erneut büßen zu müssen. Der Drang, an den Tatort zurückzukehren - dort aber »gestellt« zu werden, das Offerieren von Geständnissen, die das Strafregister nur erweitern, ja schon Tatphantasien, die selbstquälerisch die Folgen mitausmalen, stellen Dispositionen dar, die diesen Zusammenhang verdeutlichen. So psychopathisch - und insofern zwanghaft - solche Verhaltensformen - sind sie in Reinform ausgeprägt - auch scheinen mögen: sie sind von Zwängen, die von der Gesellschaft ausgehen, durchaus zu unterscheiden. In ihrer Bindung an Ich- und Überich-Strukturen, also an Strukturen individueller Handlungsführung, stellen sie im Kontext sozialer Stigmatisierungen gewissermaßen aparte, von sich aus wirkende Komponenten dar[12]. Deviante, die im »Wiederholungszwang« handeln - Verbrecher, die straffällig aus Strafbedürfnis, schuldig aus Schuldbewußtsein werden -, stellen in diesem Sinne ebensosehr »klinische«, pathologische Fälle dar, wie sie sich als Individuen, als Wiederholungstäter, selbst stigmatisieren. Sie selbst sind es, die sich verurteilt sehen wollen, die die Schuld, an die sie sich fixieren, öffentlich immer neu beweisen: sie selbst sind es, die Stigmata - die Konsequenzen, die die Gesellschaft für Schuld bereithält - aktiv auf sich nehmen.

Die Psychoanalyse hat früh darauf hingewiesen, daß »Verbrechen aus Schuldbewußtsein« und die mit ihnen verbundenen, besonderen psychodynamischen Zwänge nicht auf Extremfälle beschränkt, sondern von genereller Bedeutung sind. Alles Verhalten, das die Dimensionen Untat und Schuld, Botmäßigkeit und Buße berührt, steht demnach unter Wiederholungszwang. Der Gläubige, der sich Bußprozessionen anschließt, der Werktätige, der ein Planübersoll erfüllt, die Hausfrau, die, indem sie die Böden scheuert, ihr Rollenelend perpetuiert, verfolgen in gleicher Weise die Intention, sei es durch Bußfertigkeit, sei es durch das Ableiten von Pflicht, sich eben dieser, ihrer »Pflicht und Schuldigkeit« als gerecht, als wieder und wieder würdig zu erweisen. Ohne daß es möglich wäre, Zusammenhänge dieser Art näher zu verfolgen, wird hier deutlich, daß Selbststigmatisierung nicht allein auf psychisch-extreme, d.h. krankhafte Fälle, sondern auf sehr weite, umfassende Verhaltensbereiche bezogen ist. Wenn dies zutrifft, wenn Selbststigmatisierung ein Phänomen sozialer Normalität darstellt, dann scheint es nahezuliegen, dieses Phänomen als nicht mehr nur zwangsverursacht, sondern auch freibestimmt, d.h., als normal im Sinne eines alltäglichen, kontinuierlich ablaufenden interaktionellen Geschehens anzusehen.

So mag das Verhalten des Hypochonders, des »eingebildeten Kranken«, der sich Krankheiten zuschreibt, die er nicht hat, noch selbst als Krankheit behandelt werden; der Fall des »Querulanten«, des Andersmeinenden, der zum Außenseiter wird, weil er die Harmonie der Clique stört, ist in schon andere Zusammenhänge einzuordnen. Handeln Jüdinnen, die den Davidsstern als Schmuckstück tragen, Studenten, die sich Mao-Plaketten anstecken, oder Nacktläufer, die mit Geschlechtsteilen Ärgernis erregen, in jedem Falle zwangsmotiviert? In jedem Falle »fallen« sie »auf«, adoptieren sie Stigmata. Ist der Wehrdienstverweigerer, der den Wehrdienst im »Irrenhaus« leistet, selbst verrückt? Sind Sozialarbeiter, die in Slums tätig werden, Opfer des Klassenkampfs? Hier wie dort begeben sich Individuen - und natürlich Gruppen -, die die Stigmata des »Minderwertigen«, des »Fremden«, des »Narren« etc. auf sich nehmen, in die »Schußlinie« von Definitionen, also jener Abstempelungs- und Unterdrückungsprozesse, die im Effekt zu Zwängen sekundärer - gesellschaftlicher - Abkunft führen können. Selbststigmatisierer heben die Zwänge, die die Gesellschaft versteckt entwickelt, aus der Latenz erst ans Licht; sie dekouvrieren sie. Die Beispiele zeigen, daß sie die Folgen vielleicht gewollt, vielleicht bewußt herausgefordert haben. Eben hierin liegt, will man zusammenfassen, der Kern des Phänomens. Individuen, die sich selbst stigmatisieren, greifen selbst nach den Stigmata: sie wenden Stigmatisierungsprozesse, die sie in Gang setzen, damit ins Manifeste, Kalkulierbare. Sie sehen sie voraus, stellen sich auf sie ein und gehen mit ihnen um. Selbststigmatisierung enthält wesentlich also Komponenten entschiedener individueller Spontaneität: Komponenten alltäglicher, »normaler« interaktioneller Konstruktion.



[6] Vgl. das lernpsychologische Konzept des »self-reinforcement« (»self-punishment«) bei A. Bandura (1971). Erste Vorschläge, dieses Konzept devianztheoretisch - und hier namentlich im Rahmen der »labeling«-Theorie - heranzuziehen, hat J. Toby (1973) gemacht. Vorstöße in dieser Richtung vgl. auch bei Turner (1972), ferner bei Rotenberg (1974), der den Terminus »self-labeling« zur Feinzeichnung von Stigmatisierungsprozessen im Persönlichkeitsbereich verwendet.

[7] Auch bei Freidson (1965), der von »professioneller Abweichung« spricht, oder Klapp (1972), der zwischen »Fremd-« und »Selbsttypisierung« unterscheidet und Strategien der »Gegenetikettierung« kennt, bleibt die Analyse auf das Individuum, das psychologische Subjekt beschränkt, dem die Kontrollinstanzen der Gesellschaft letztlich übermächtig gegenüberstehen. Begriffsbildungen dieser Art führen über die Konzepte der »Stigmatisierungskarriere«, des »Stigmamanagements« (Goffman 1963) oder der »aggressiven Devianz« (Becker/Horowitz 1970), die der »labeling-Ansatz schon bisher entwickelt hat, kaum hinaus. Ein Versuch, die Diskussion aus der Bindung an passivistische Grundannahmen zu befreien, liegt am ehesten - sieht man von den Andeutungen Hagans (1973) ab - bei Schervish (1973) vor. Schervish mißt Gruppen, die sich mit Stigmata, die ihnen zugeschrieben werden, identifizieren und sie nach außen kehren, gesamtgesellschaftlich-politische Bedeutung bei.

[8] Vgl. in diesem Zusammenhang vor allem Kelsen (1946), dessen rechtsethnologische Studien die Verschränkung von »Kausalität« und »Vergeltung« überzeugend demonstriert haben. - Ich verdanke den Hinweis auf Kelsen Herrn Prof. Wolfgang Schoene. Prof. Schoenes Kommentare haben die vorliegende Arbeit anregend auch sonst gefördert.

[9] Vgl. namentlich die Arbeiten zum Phänomen der »Zuschreibung«, zuletzt in Jones er al. (1971/72).

[10] Ausarbeitungen in dieser Richtung, die einer monographischen Studie vorbehalten sind, werden vom Verfasser vorbereitet.

[11] Vgl. aber Reiwald (1948). Daß zwischen sozio- und psychologischer Erklärung von Verbrechen unterschieden werden muß, hat im übrigen schon Durkheim (1895/1965, S. 157) betont. Über Durkheim hinaus ist freilich zu versuchen, diese Differenz nicht nur als Differenz festzuhalten, sondern ihre Momente, wie die vorliegende Studie fordert, in ihrem wechselseitigen dynamischen Verhältnis zu erfassen.

[12] So sehr Ich- und Überichstrukturen sozial, also über Sozialisationsinstanzen vermittelt sind, so wenig ist es, gerade angesichts pathologischer Fälle, zulässig, soziale Makro- und interaktionelle Mikrofaktoren gleichzusetzen. Vermittlungen implizieren zweierlei: neben gesellschaftlichen auch individuelle Wirkmomente. Auch Verbrecher entwickeln Identität; sie stellen Ansprüche an sich - Ansprüche, die freilich weniger von der »Theatralik« normaler bloßer »Imagepflege« (Goffman 1959, S. 1967) als von Fatalismus und Verzweiflung getragen sind. Erst auf dieser Ebene - der Ebene der Verzweiflung, der der Kriminelle nicht mehr entkommt - wird manifest, daß soziale Zwänge, verstärkt über Insuffizienzen physisch-psychischer Art, »schicksalhaft« in der Tat durchschlagen.

4. Dominanz von Spontaneität

Man könnte Handlungen, die diesem Typ zurechnen[13], zunächst unter dem Titel »Provokation« subsumieren. Wenn es zutrifft, daß Stigmata letztlich »Schuld« anzeigen - Schuld aber nach Akten sozialer »Bestrafung« ruft -, dann müssen Personen, die sich selbst stigmatisieren, gesellschaftlich gesehen als Provokateure wirken.

4.1. Provokation

In der Tat haben etwa »Gammler«, die die Gesellschaft als »hergelaufen«, »schmutzig« und »faul« abqualifiziert, sei es unterschwellig, sei es bewußt, die provokatorische Intention, ihr Gegenüber - die Gesellschaft - in ihrem »Leistungszwang« in Frage zu stellen, sie zu verunsichern und als »verklemmt« zu erweisen. Provokationen dieser Art schreiten, wie sich plausibel machen läßt, schnell vom Allgemeinen, Diffusen, ins Konkret-Spezifische vor. »Kommunarden«, die die Umwelt als »triebhaft«, »pervers«, kurz: als »chaotisch« diskreditiert, greifen mehr oder weniger gültige, »bornierte« Ehe- und Familienideale an. »Hausbesetzer«, die sich des Vergehens der »Sachbeschädigung«, des »Eigentumsdelikts« schuldig machen, also »straffällig« werden, »entlarven« bestimmte »kapitalistische« Rechts- und Wirtschaftsnormen.

Selbststigmatisierung verfolgt hier offenbar den Zweck, Stigmatisierungen, wie oben schon angedeutet, »umzudrehen«. Wenn Stigmatisierung mit »stechen«, »Stiche zufügen« umschrieben werden konnte, so ließe Selbststigmatisierung sich nunmehr mit »sticheln« übersetzen. Ist dieses Sticheln in Fällen, in denen Selbststigmatisierer die Zugehörigkeit etwa zu »Perversen«, zu Randgruppen, wie z.B. Homosexuellen, bekunden, noch von eher geringfügiger Wirkung, kann es die Gesellschaft - genauer: bestimmte, sie repräsentierende Kontrollinstanzen - in anderen Zusammenhängen durchaus massiver, mit klarem strategischem Kalkül provozieren. So mögen Studenten, die sich als »unterprivilegiert« bezeichnen - und das Stigma fehlender Vorrechte, also sozialen Elends, durch Verwilderungsattribute wie Bärte, Schlotterkleidung, Mokassins noch unterstreichen - ihre Bezugsautoritäten schon eher ins Wanken bringen. Der Einsatz von Polizei, den sie durch Ordnungswidrigkeiten, durch »Streiks« etc. provozieren, kann dann als »Repression«, als die zutage tretende Gewalt des Systems, die Überprüfung, um ein anderes Beispiel zu bringen, von Personaldaten und Biographien, zu der Behörden sich veranlaßt sehen, als »Grundrechtsvergehen« verkündet werden.

Selbststigmatisierer, die Reaktionen dieser Art mit einberechnen, testen an, Ende nicht nur die Gewalt, die Macht, sondern die Ohnmacht ihrer Adressaten: wenn Frauen und Arzte, die öffentlich bekennen, abgetrieben zu haben - und in diesem Sinne »Schuld« eingestehen -, als »verantwortungsvoll« gewürdigt, wenn Abtreibungsakte über Massenmedien verbreitet werden, sind Paragraphen und Gesetzesfolgen, die hier herausgefordert werden, nicht mehr nur auf der Ebene der Rechtsordnung, sondern schon der konkreten sozialen Moral diskreditiert.

»Provokationen«, um zu verdeutlichen, liegen in den genannten Fällen insofern vor, als diese Akte die Obernahme primär kulpativer, nicht bloß defektiver Stigmata implizieren; Provokateure schreiben sich nicht bloße Mängel, individuelle Unzulänglichkeiten zu; sie laden Schuld, also Achtung, auf sich und sie versuchen, diese Schuld umzudefinieren, sie neu zu verteilen und an die ächtenden Instanzen zurückzugeben. Jenes mit Schuld mitgesetzte, besondere Verhältnis, das Selbststigmatisierer und die Gesellschaft auf dieser Ebene verbindet, macht es dabei verständlich, daß Provokationen die Tendenz haben, in die Tiefenstruktur sozialer (moralischer) Ordnungen selbst vorzustoßen, also gewissermaßen prinzipiell zu werden. »Afrolook« steht so gesehen mit »Black-Power«-Bewegungen, mit Formationen einer nicht-amerikanischen, nicht-industriellen, nicht-weißen Gegenkultur, das Recht auf den »eigenen Bauch« mit »Women's Lib« in Beziehung; hier wie dort handelt es sich um grundsätzliche, gesellschaftlich sei es auf stärkere, sei es schwächere Basis gestellte Strömungen, die an das Tagesgeschehen, an aktuelle Konflikte, unschwer anknüpfen und sie verstärken können. Wenn es zutrifft, daß provokatorisches Verhalten weniger die Entlastung von Defekten, also bestimmten individuellen Mängeln, sondern die Umbewertung von Debita, also der Sollvorschriften, die Botmäßigkeits- und Herrschaftsordnung der Gesellschaft, erstreben, dann schließen Selbststigmatisierungen militanten Aktionismus, ja bürgerkriegsartige Prozesse, keineswegs aus. Provokationen nehmen hier auf einer Ebene, auf der die Identität der Gesellschaft schlechthin in Frage steht, einen ebenso spezifischen wie am Ende allgemeinen Charakter an. Fordern sie die Gesellschaft zum einen zu Entscheidungen hier und jetzt, zu Antworten präzisester Art heraus, so versuchen sie zum anderen, sie insgesamt aus den Angeln zu heben; sie relativieren ihre Schuld- und Kontrollmechanismen generell.

4.2. Askese

Bewußte, willentlich gewählte Formen von Selbststigmatisierung liegen freilich nicht nur auf der Ebene der Provokation, sondern im Rahmen von Verhaltensweisen vor, die man »asketisch« nennen könnte. Akte der Askese nehmen dabei weniger die Stigmata gesellschaftlicher Schuld - also die Zeichen eines »Vergehens« - auf sich, als vielmehr die Male sozialer Defekte. Asketen sind, von der Gesellschaft her gesehen, sozusagen »impotent«. Attribute, die die Alltagswelt, wenn nicht mit Achtung, so wesentlich mit der Vorstellung von »Normalität«, von »Vollständigkeit«, verbindet, gehen ihnen augenscheinlich ab. Asketen trinken nicht, sie sind Vegetarier, sie leben zölibatär. So sehr diese einfachen, primären Formen von Askese - Erscheinungsweisen des Abstinenzlertums - in der Tat von Unzulänglichkeiten physischer Art bedingt sein mögen: die Zwangsmomente, die ihnen hier, aber auch auf der Ebene hinzutretender sozialer Auflagen innewohnen, werden in abgeleiteten Formen durch bewußte, freie Führung ohne Zweifel überlagert. Im Unterschied zum Eunuchen, dessen Defekt offensichtlich ist, werden dem Eremiten, der der »Fleischeslust« absagt, sexuelle Bedürfnisse sicherlich zum Problem; er zieht sich dennoch in die Klause zurück. Ähnlich ist Understatement in der Kleidung, wie es Gruppen zelebrieren, die statt Hosen Flickenjeans tragen, in der Regel weniger auf sozialökonomische Deprivation, also Zwänge, sondern eher - und paradoxerweise - auf wirtschaftliche »Betuchtheit«, also materielle Möglichkeiten und freie Wahl, zurückzuführen[14].

Daß Verhaltensweisen, wie sie hier erörtert werden, die verschiedensten Formen, Fortentwicklungen und Metamorphosen annehmen können, liegt auf der Hand. Askese manifestiert sich zuletzt verbal, auf programmatisch-ideologischer, ja der Ebene nur noch des Geschwätzes. Franz von Assisi, Gründer jenes Büßer-, Dienst- und Arbeitsordens, stammte aus feudalem, Karl Marx, wie man weiß, aus bürgerlichem Hause; »Linke« von heute haben an der Riviera gebaut. Die Beispiele zeigen, daß die Ablehnung von Attributen, die die Gesellschaft sei es als alltäglich, als »normal«, sei es als Zeichen von Perfektion darstellt, auf der einen, und selbst wertbetontes, voll reflektiertes Handeln auf der anderen Seite sich nicht auszuschließen brauchen; ausgeschlossen, als normal in Frage gestellt, werden hier nicht jene, die sich selbst stigmatisieren, sondern die jeweils anderen: die Alltagsverhältnisse und Normen der Gesellschaft insgesamt[15].

Asketisches Verhalten weist insofern passive, - also nicht, wie provokatorisches, aktivistische - Komponenten auf, als es die Gesellschaft nicht unmittelbar, durch spezifischen Angriff, sondern mittelbar, durch Rückzug und Abkehr, diskreditiert. Eremitismus, Anachoretismus, ja noch das Wandervogeltum verkörpern diesen Typus in Reinform. Die stigmative Bedeutung, die asketischem Verhalten zukommt, springt an ihnen paradimatisch ins Auge. Wenn es zutrifft, daß Stigmatisierung die Abdrängung Stigmatisierter in Rand- und Außenseiterlagen, ihre »Verbannung« und grundsätzliche soziale »Achtung« impliziert, dann nimmt Selbststigmatisierung - wie namentlich eben Asketen zeigen - diese Konsequenzen gewissermaßen vorweg. Der Mönch und noch der Weltgeistliche, die den »evangelischen Räten« der »Armut«, der »Dermit«, der »Keuschheit« und »Arbeit« folgen, stigmatisieren sich mit Eigenschaften, die fernab, ja im Gegenpol der Werte der Alltagswelt liegen: mit Eigenschaften, die, wenn nicht Achtung, so doch zunächst Verachtung, Geringschätzung, Vorurteile hervorrufen können. Asketen emigrieren in eine »andere« Welt - auch und gerade dann, wenn sie »innerweltlich« wirken; an die Stelle von Lebenslust, Verschwendung und Prunk setzen sie, wie Max Weber (1904/05) gezeigt hat, nüchterne Berechnung, an die Stelle von Fülle Knappheit, von Genuß und Muße Mühe, Disziplin und Zucht.

Gerade hier, am Beispiel innerweltlicher Askese, wird freilich deutlich, daß Selbststigmatisierung über die soziale Peripherie, den Bannraum, in den sie sich begibt, hinausdrängt. Indem sie sich von der Gesellschaft abkehrt, schafft sie - anders als »spezifisch« gerichtete Provokationen und über sie hinaus - Möglichkeiten, die Gesellschaft insgesamt - in »universalistischer« Perspektive - in anderem Lichte zu sehen. Asketen verstehen sich, wie schon die Wüstenpropheten Israels, als Sprachrohr übergeordneter allgemeiner Prinzipien. Die Makel, die sie auf sich nehmen, deuten und bilden sie zum Spiegel um, in den sie die Gesellschaft blicken lassen. So stellen Rückzugsbewegungen wie der Rustikalismus, der Proletismus, der Anarchismus etc. - das Tragen etwa von country boots, von Thälmannmützen oder der Blick durch Nickelbrillen, die an die Strenge sozialistischer Gründerväter erinnern - die »Industriegesellschaft« als »morbide«, das »Klassensystem« als »am Ende« dar, oder demonstrieren Sektierer wie Nudisten, mögen sie auch verfolgt und mißverstanden werden, daß es auch ohne Kleider geht, ja daß Zustände vielleicht paradiesischer Art erreicht werden können.

4.3. Exhibitionismus

Ob das Beispiel des Nudismus dem Typus der Askese zugerechnet werden kann, ist sicherlich problematisch. Wenngleich es askesemäßige Züge sowohl nach außen, gegenüber der Gesellschaft, aufweist, deren »Perversität« Nudisten mißbilligen, als auch hinsichtlich der Binnenmoral, die in der Tat an Haltungen des Puritanismus erinnert (vgl. Weinberg 1973), stellt es mit dem Merkmal der Nacktheit weniger gesamtgesellschaftlich relevante, »universalistische« Stigmata dar, als physisch-individuelle, »konkrete« Attribute. Die verschiedenen, hier behandelten Typen, unter die sich Selbststigmatisierung subsumieren läßt, schließen einander freilich nicht aus; sie geben - wie an dieser Stelle hervorgehoben werden muß - jeweils nur abstrakte, nicht systematisch, sondern von unterschiedlichen Gesichtspunkten her entwickelte Ordnungsmöglichkeiten an. Die Phänomene selbst, die gegebenen konkreten Prozesse von Selbststigmatisierung, gehen ineinander über. Nicht nur die Typen, die die Phänomene klassifizieren, überlappen sich; auch die Wirklichkeit ist im Fluß: sie gestaltet sich aus, setzt Schwerpunkte und entwickelt sich von Handlungsform zu Handlungsform fort. So kann Nudismus, um zum Beispiel zurückzukehren, im Falle etwa indischer Gymnosophen die Charakteristika von Askese in Reinform implizieren; in anderen Fällen, in denen - wie vielleicht beim Nacktläufer - die Zurschaustellung unmittelbar »konkretistischer« Merkmale im Mittelpunkt steht, liegen eher Verhaltensformen vor, die man als »Exhibitionismus« bezeichnen könnte.

Von exhibitionistischen Formen von Selbststigmatisierung ist immer dann zu sprechen, wenn Individuen bestimmte - defektive - Mängel, die ihnen sei es physisch anhaften, sei es gesellschaftlich zugeschrieben werden, sowohl ostentativ nach außen kehren - und in diesem Sinne vergrößern -, als auch kritischdistanziert umbewerten bzw. umzubewerten versuchen. Defekte werden in dem Maße, in dem Individuen sie offenlegen, hier zum Persönlichkeitsmaßstab und Ziel von Identität erhoben; in ihrer neuen, zum Ausgangsstigma gegenläufigen Bedeutung dargestellt, erscheinen sie als Merkmale, die aufzuweisen die Individuen als Anrecht geltend machen.

»Konkret« zu nennen sind Verhaltensformen dieser Art insofern, als sie von ihren Trägern schwerlich abgelöst, d.h. auf Bezugsgruppen übertragen werden können. Sie bleiben an die besondere Existenz, die faktischen Makel der Selbststigmatisierer selbst gebunden. Glatzköpfige, die ihr Stigma, die Glatze, durch Beseitigung etwa letzter Haarrelikte, durch Verzicht auf Perücken oder das Tragen dunkler Anzüge noch unterstreichen, stigmatisieren in diesem Sinne primär sich allein; ihr Verhalten läßt Rückschlüsse darauf, ob Identifikationen vorliegen, die über private Identitätsstrategien hinausgehen - Identifikationen also mit weiteren Glatzenträgern -, oder ob Glatzköpfigkeit insgesamt als positiv verkündet wird, nicht oder nicht sinnvoll zu. Die Betonung des konkreten individuellen Merkmals steht im Mittelpunkt. Auch der »Zwerg«, der seinen Mißwuchs für Geld zur Schau stellt, der Invalide, der seine Beinstümpfe zeigt, intendieren zunächst konkret sich selbst, nicht aber, andere vergleichbare Personen oder das Merkmal generell zur Geltung zu bringen. Ähnliche Bezüge liegen bei Selbstverstümmlern, etwa Mitgliedern »schlagender« Verbindungen, vor. Wenn es zutrifft, daß verstümmelt zu sein, Narben oder Tätowierungen aufzuweisen etc. gesellschaftlich als »Defekt« angesehen wird, dann verfolgen Personen, die sich »Schmisse« zufügen oder sich auf Brust und Armen Segelschiffe eingravieren, offenbar die Absicht, ihre unmittelbare physisch-individuelle Erscheinung hervorzuheben. Sie machen sich »interessant«. das besondere, individuelle »Auffälligwerden«, das mit Stigmata verbunden ist, wird hier nicht abgewehrt, sondern mit Nachdruck angestrebt. Narben und Kampfeszeichen allgemein, über den Privatfall hinaus, zu propagieren, das Seemannsleben also auch Bürgern, die ihr Büro, ihre Gattin und genaue Uhrzeit schätzen, schmackhaft zu machen, dürfte auf dieser Ebene von nur sekundärer, nachgeordneter Bedeutung sein.

Daß die angeführten Beispiele Formen von Exhibitionismus darstellen ist näher zu erläutern. Unter Exhibitionismus wird hier die öffentliche Darbietung von Merkmalen verstanden, die einerseits unmittelbar, »konkret«, den Individuen selbst anhaften, andererseits aber gesellschaftlich ausgedeutet und als bestimmte Mängel, als Defekte, begriffen werden, die die Entfaltung und Integration sozialer Beziehungen stören. Nudisten verhalten sich, so gesehen, exhibitionistisch nicht so sehr deswegen, weil sie die Geschlechtsteile entblößen, sondern weil sie - herkömmlich »normale« Verhältnisse vorausgesetzt - Defekte ihrer sozialen Ansprechbarkeit, ihrer Kommunikabilität sichtbar machen. Exhibitionistisch in diesem Sinne sind damit nicht nur Personen, die sich zu Perversionen physischer Art bekennen, sondern Individuen (Gruppen), die mit psychisch-sozialen Insuffizienzen - ihren Ticks, Wahnvorstellungen, schlechten Umgangsformen - kokettieren, sich also als orginalistisch um jeden Preis, als ebenso bewußt wie notorisch unbeherrscht, als querulantisch oder kommunikationsunwillig schlechthin darstellen. Noch der Selbstmörder - auch wenn er zum Sprung von der Brücke, der tödlich sein wird, Fernsehreporter nicht bestellt - ist in diesem Sinne Exhibitionist; er zeigt auf, daß er unfähig oder eben nicht willens ist, das Leben, und d.h. immer: das soziale Dasein, länger zu ertragen, und entblößt damit ein radikales interaktionelles Defizit.

4.4. Ekstase

Obwohl zwischen Selbststigmatisierungen, wie sie oben skizziert worden sind, und solchen, die moralisch-kollektive Merkmale in den Mittelpunkt stellen, Verweisungen und Übergänge denkbar sind, sind unter den Typen, denen sie zurechnen, letztlich gegensätzliche Verhaltensformen subsumiert. Standen im exhibitionistischen Falle primär defektive Stigmata zur Diskussion, so handelt es sich nunmehr um Phänomene, in denen kulpative Stigmata thematisiert werden: Attribute, die offen »Schuld« anzeigen und diese Schuld nicht auf Individuen, sondern letztlich die Gesellschaft beziehen. Flagellanten etwa, die sich blutig peitschen, Märtyrer, die sich niedermachen lassen, Kritizisten, die sich und, die Welt, die sie diskreditieren, erniedrigen und einer anderen, einer Gegenmoral, unterwerfen, begeben sich - und offensichtlich massiv - in Schuldzusammenhänge: Die übel, auf die sie weisen, werden ihnen selbst verübelt. Sie werden mit ihnen exekutiert.

Wurden in Abgrenzung der hier behandelten Phänomene oben Begriffe wie »Exhibitionismus«, »Provokation« und »Askese« herangezogen, so können Stigmatisierungsprozesse des letzteren - des moralisch-kollektiven Typs - unter die Kategorie der »Ekstase« fallen. Sich vorsätzlich, erhobenen Hauptes Schuldzuschreibungen auszusetzen, die Strafreaktionen und Vergeltungen der Gesellschaft bis hin zur physischen Vernichtung zur Folge haben, bedeutet in der Tat, »außer sich« zu sein; es setzt Züge ekstatischer Art voraus. Wer, wie Giordano Bruno, dem übel nicht widersagt, widersetzt sich der Gesellschaft: der Inquisition, der jeweils relevanten Kontrollinstanz, weil er ihr widersteht; er hat Stand und Halt nicht in ihr, sondern in einer Gegenwelt; dem Feuer, das ihn äußerlich zerstört, entspricht ein Feuer, das ihm im Inneren glüht.

Die Qualen und Selbstquälerelen, die das Handeln hier auf sich nimmt, sind - ihrem Symbolgehalt nach - vom Träger jetzt freilich abgelöst und auf das Kollektiv, die Gesamtgesellschaft, gerichtet. Personen, die aus ideologischem Fanatismus ihre Angehörigen denunzieren, Stadtpartisanen, die Anlaß geben, auf Fahndungslisten geführt zu werden, oder der Student, der sich auf dem Wenzelsplatz verbrennt, wollen mit dem Schaden, den sie ihrer Familie, ihrer Gruppe und sich selbst zufügen, nicht eigene, individuelle Makel exkulpieren, sondern auf die »Vergehen«, die »Schuld« der Gesellschaft verweisen. Indem sie diese, die Generalschuld, bis hin zur Konsequenz des Todes auf sich laden, kehren sie sie gleichsam um, und heben sie - in höchstgesteigertem Anspruch - am Ende auf. Schon Jesus war in diesem Sinne nicht »Opfer der Justiz«, sondern Opfer seiner selbst; er selbst war es, der sich Wunden und Stiche, der sich das Stigma des Todes einhauen ließ; indem er starb, hat er nicht sich, sondern die Justiz, die Mächte dieser Welt »kriminalisiert«. Das Kreuz, das er auf sich nahm, sollte die Welt - Selbststigmatisierung erreicht hier den Gipfel - am Ende von Schuld überhaupt erlösen.

Selbststigmatisierungen, die diesem Typus zurechnen, stehen in unmittelbarer Nähe zu millenarischen, utopisch gerichteten Verhaltensweisen. Sie leben vom »Mythologem der verkehrten Welt« (Mühlmann 1961). Indem sie die Wirklichkeit, die sie trägt - die Moral also und die Ordnung der Gesamtgesellschaft -, im Kern in Frage stellen und mit Gegenbildern sei es nativistisch-archalsierender, sei es progressistisch-futuristischer Art konfrontieren, springen sie in Bereiche des Phantastischen, des Irrealen ab: in eine »heile« Welt, in der die Reichen arm, die Armen reich, in der die letzten die ersten und die Sünder rein sein werden.

Daß orgiastische Bewegungen wie etwa Karnevalsbräuche, in denen »Weiber« den Männern die Krawatten abschneiden und Politiker die Regierungsgewalt »Jecken« übergeben, in diesem Zusammenhang zu erwähnen sind, ist offensichtlich; strukturell benachbart sind ihnen Massenausbrüche, kollektive Hysterien und Jagden nach Sündenböcken, schließlich revolutionäre Prozesse und Akte der Selbstreinigung: die radikale Säuberung und Ausmerzung des Übels. Juden verschwinden dann in Gaskammern, Arbeiter werden zu Räten, Ratsherren zu Verrätern gestempelt und in Arbeitslager verschoben.



[13] Der Begriff »Spontaneität« ist hier nicht im romantischen Sinne - als gäbe es »freie« Individuen, freie »Entscheidungen« schlechthin - zu verstehen, sondern als Korrekturformel zu Perspektiven, die soziales Verhalten als vollständig determiniert ansehen, das Dasein also penetrant wenn nicht Zwängen physikalisch-biologischer Art, so doch solchen der »Gesellschaft«, des »Systems«, der »Entwicklung« unterstellen.

[14] Die Erscheinungsformen der Mode stellen für die hier behandelte Fragestellung eine Fülle von Beispielen bereit. Auf nähere Exemplifizierungen, die im einzelnen sehr unterschiedlich einzuordnen sind, muß an dieser Stelle verzichtet werden.

[15] Als »jeweils andere« sind hier jeweils relevante, soziale »Bezugsgruppen« anzusehen. Zur Bezugsgruppe kann am Ende die Gesamtgesellschaft avancieren.

5. Selbststigmatisierung als soziale Umdefinition

So skizzenhaft, was die Beispiele betrifft, und so wenig systematisch die vorstehenden Überlegungen entwickelt sind, sie sind an dieser Stelle abzubrechen. Die Ausführungen dürften immerhin - das war ihr Hauptanliegen - deutlich gemacht haben, daß Selbststigmatisierung nicht nur ein sehr konkretes, spezifisch profiliertes und eigenwertiges soziales Phänomen darstellt, sondern daß dieses Phänomen im Rahmen gesellschaftlichen Geschehens auch von breiter, ja grundsätzlicher Bedeutung ist. Selbststigmatisierung als genuine Verhaltensfigur wahrzunehmen, sie der soziologischen Analyse gesondert zu erschließen, ist für das Verständnis der sozialen Wirklichkeit dabei insofern unerläßlich, als sie deren »Konstruktion« nicht nur im Sinne »alltäglicher«, also genereller Normierungs-, Definitions- und Kontrollprozesse mitgestaltet, sondern im Sinne zugleich einer antipodischen, dialektischen Bewegung. Wie Selbststigmatisierung namentlich mit der Erscheinungsform »moralisch-kollektiver« - und hier vor allem »ekstatischer« - Prozesse zeigt, ist ihr die Tendenz inhärent, die gesellschaftlichen Verhältnisse parallel zu den vorgegebenen primären Ordnungsinstanzen nicht nur mitzukonstruieren, sondern zu rekonstruieren, zu redefinieren. Sie verfolgt im Effekt die Intention, die soziale Ordnung - also die Moral eines Kollektivs und die ihr entsprechende, bestimmte Mechanik der Schuldzuschreibung und Sanktion - »umzudrehen« und ins Gegenteil zu verkehren.

Selbststigmatisierung ist die Gegenform, die dialektische Kehrseite von Stigmatisierung[16]. Sie tritt mit Phänomenen, die man seit Weber als »charismatisch« bezeichnet[17], unmittelbar in Zusammenhang. In der Tat liegen Stigmata, damit aber die Merkmale von Selbststigmatisierung, mit charismatischen Qualitäten schon insofern auf einer Ebene, als sie in gleicher Weise als Devianz, als Devianz in freilich verschiedener Richtung, anzusehen sind. über diese formale, bloß äußerliche Gemeinsamkeit hinaus, die wichtige, vorstrukturierende Ambivalenzen schafft[18], sind Stigma und Charisma aber auch innerlich, im intentionalen Kern verbunden. Die Gehalte, die sie entwickeln, setzen sich immer darin voraus, Ja fließen dann ineinander über, wenn Selbststigmatisierung gegeben ist. Der Antagonismus, der Alltag und Charisma scheidet (Weber 1964, S. 838) gilt, wie gezeigt werden konnte, wesentlich für Selbststigmatisierung selbst; er wird hier entscheidend, im existentiellen Wagnis, erst forciert. Stigma und Charisma sind, legt man diese Perspektive an, nur noch graduell getrennt[19]. Sieht man von der Spannweite, der Tendenz der Moralstruktur »umzuschlagen«, einmal ab, so scheint dieser Umschlag für das Handeln, die stigmative Praxis, eine Frage der Durchhaltekraft zu sein. Wenn Selbststigmatisierung den Sinn, den sie ausdrückt, am Ende festhält, wenn ihre Träger die Vergeltung, die wehrende Gewalt, die die Gesellschaft auf sie lenkt, ertragen: wenn sie die Feuerprobe bestehen, dann steigen sie auf aus der Asche, strahlen sie Glanz, Üben sie Herrschaftsgewalt von sich aus aus.

Blickt man an dieser Stelle zurück, so wurde im einzelnen erörtert, daß Selbststigmatisierung von Formen vorwiegend zwanghafter Art - also Verhaltensweisen, die den Normen der Bezugsgesellschaft noch quasi unterworfen bleiben - sich in fließenden Übergängen zu solchen freierer, autonomer Führung ausgestaltet. War einerseits festzustellen, daß Selbststigmatisierung nur die Fortsetzung, ja die Verschärfung und Exekution von Stigmatisierung ist, daß Selbststigmatisierung Stigmatisierung auf Bewußtseinsebene also nur bestätigt - der Verbrecher mit Geständniszwang, der Selbstankläger im Schauprozeß, die Frau, die sich dem »schwachen Geschlecht« zurechnet, sind Exempel -, so konnte zum anderen belegt werden, daß Selbststigmatisierung sich von Zwängen, die Kontrollinstanzen auferlegen, am Ende auch befreit und ihnen Kontrapunkte setzt. Exhibitionismus, Provokation, Askese und millenarische Ekstase scheinen dabei die wichtigsten prototypischen Möglichkeiten darzustellen, die Individuen und Gruppen von primärem - sei es aktuellem, sei es auch nur latentem - sozialen Druck entlasten. Ist Exhibitionismus, pointiert gesprochen, das Mittel, konkrete physische Mängel umzudefinieren, so stehen bei Provokation, Askese und Ekstase in stärkerem Maße übergreifende, gesellschaftlich relevante Stigmata im Mittelpunkt. Während Provokation die gegebene kollektive Moral dabei spezifisch, an diesem oder jenem Punkt angreift, hat Askese, also retreatistisches Verhalten, die Tendenz, die soziale Ordnung universalistisch, allgemein, zu diskreditieren. Liegen bei diesen ersteren Formen insgesamt realistische, an konkreten Gegebenheiten ansetzende Orientierungen vor, so dominieren im Falle millenarischer Ekstase eher utopisch-utopistische Züge. Die eminente gesellschaftliche Bedeutung, die Prozessen der Selbststigmatisierung zukommt - Relevanz letztlich also für sozialen Wandel, für Geschichte - ist freilich gerade hier offensichtlich: millenarische Bewegungen und ihr Prinzip, Schuld umzukehren und Schuld zu tilgen, Reines unrein und Unreines rein zu machen, sind nicht nur von ethnologischem Interesse (Douglas 1961); ihre Wirksamkeit nicht allein in archaischen, sondern modernen industriellen Gesellschaften steht außer Zweifel (vgl. Kesting 1973).

Die hier entwickelte Typologie ist nicht in systematisch-theoretischer, sondern deskriptiver Absicht entworfen. Sie geht von erkennbar verdichteten phänomenalen Aspekten aus: Aspekten, die in ihrer tatsächlichen, handlungspraktisch-sozialen Funktion freilich vage, also mehrdeutig, bleiben können. Die damit verbundene Gefahr, daß die Typen, ja der Begriff der Selbststigmatisierung selbst, die Prägnanz verlieren und beliebig verwendbar werden, ist offensichtlich. Sie muß vermieden werden. Natürlich ist weder soziales Verhalten schlechthin, noch schon jede Form von Stigmatisierung auch Selbststigmatisierung. Selbststigmatisierung - um den hier entwickelten Ansatz definitorisch zu präzisieren - ist vielmehr immer dann gegeben, wenn Individuen (Gruppen) sich symbolisch mit Merkmalen identifizieren, die im Bewußtsein jeweiliger Bezugsgruppen - an deren Stelle auch die Gesamtgesellschaft treten kann - negativ besetzt sind, d.h. Abwehr - und am Ende Vergeltungsreaktionen - hervorrufen.

Selbststigmatisierung muß dabei spontan, aktiv, d.h. in einem Kontext erfolgen, der von den Subjekten, die sich mit Stigmata identifizieren, dynamisch mitgestaltet werden kann. Das Ausmaß an Spontaneität, an aktiver Selbstbestimmung, variiert von Fall zu Fall. Zwischen den Polen einerseits zwanghafter, andererseits autonomer negativer Identifikation jeweils pendelnd, gibt es zugleich die Wahrscheinlichkeit an, mit der Stigmatisierungszusammenhänge sei es »gebrochen« und »umgedreht«, sei es bestätigt und verstärkt werden. Als Kriterium von Spontaneität ist der Grad anzusehen, mit dem Selbststigmatisierung Stigmatisierungszusammenhänge aus der Latenz, also der sozialen Verborgenheit, in die Öffentlichkeit hebt, d.h. erst manifest macht. Personen, die sich mit Stigmata identifizieren, die ihnen ausdrücklich schon zugeschrieben sind, entwickeln lediglich geringe Spontaneität; Personen, die sich zu Stigmata, die ihnen bisher nicht anhafteten, dadurch bekennen, daß sie sie erst enthüllen - sei es als Merkmale unmittelbar ihrer selbst, sei es als Mitgliedschaften zu stigmatisierten Gruppen - zeigen hohe Spontaneität.

Die so gefaßte nominale Definition in operationale Begriffe umzuformen, also die Hypothesen, die das Konzept der Selbststigmatisierung nahelegt, der empirischen Prüfung zugänglich zu machen, ist sicherlich schwierig. Klärungen in dieser Richtung haben Neuland auch insofern zu erschließen, als schon das Konzept der Stigmatisierung, also das Basiskonzept, empirisch nur mit einiger Mühe umsetzbar ist und Arbeiten, die entsprechende Vorstöße machen, erst am Anfang stehen[20]. Da namentlich die Perspektiven, die mit dem Ansatz der Selbststigmatisierung verbunden sind, für die soziologische Theoriebildung von Interesse sind, wäre es freilich wünschenswert, wenn die Forschung hier bald zu gesicherten, kumulierbaren Ergebnissen käme.

Faßt man zusammen, so steht man vor einem Paradoxon. Wenn Selbststigmatisierung - die Selbstkennzeichnung sozialer Subjekte mit Mangel- und Schuldsymbolen - am Ende als Entstigmatisierung, ja als charismatischer Prozeß verstanden werden kann, dann scheinen nicht neue Erkenntnisse, sondern logische Widersprüche impliziert zu sein. Heben sich Sektierer, die an der Straßenecke an den Weltuntergang mahnen, Politiker, die, weil sie zu ihren Affären stehen, demissionieren, oder der Gelehrte, der Reportern die Zunge entgegenstreckt, über die Stigmata, die sie sich zufügen, selbstverklärend schon hinweg? Über empirische Belege hinaus sind zuletzt auch theoretische, die Zusammenhänge systematisch erschließende Ableitungen zu entwickeln: Modelle, die die fragliche, ja paradoxe These auch strukturell erklären können.

Versuche in dieser Richtung waren hier nicht auszubreiten; ein kurzer, abschließender Hinweis, der künftige Forschung anleiten könnte, mag freilich Markierungen setzen: Die Paradoxie, daß Selbststigmatisierung mit Entstigmatisierung verbunden ist, ja dessen Möglichkeit erst plastisch ins Bewußtsein rückt, scheint sich theoretisch dann aufzulösen, wenn man Selbststigmatisierung als Reflexionsvorgang, als »reflexiven Mechanismus« (Luhmann 1966) versteht. Selbststigmatisierung stellt sich, so gesehen, als Relationierung dar (vgl. Luhmann 1973): als Akt, der sich selbst neu verortet und in seiner Bedeutung spezifiziert. Heißt dies einerseits, daß sich Stigmatisierung - ist sie gesellschaftlich vorgegeben und schon konkret entfaltet - in den Konsequenzen. für das Individuum intensiviert, ja durch Schuldeingeständnis quasi objektiv gemacht wird, so zugleich und zum anderen, daß ihre Inhalte vom Primärkontext abgelöst, also sozial zum Objekt erhoben werden. Relativsetzungen dieser letzteren »dialektischen« Art kommen vor allem dann zum Zuge, wenn Selbststigmatisierung nicht an aktuelle, schon übermächtige, sondern bloß latente, d.h. nur mögliche, ja zuletzt nur fingierte Stigmatisierungstendenzen anschließt. Personen und Personengruppen, die - ohne wirklich stigmatisiert zu sein - sich selbst stigmatisieren, stellen Stigmatisierung - soziale Schuldzuschreibung -damit erst dar und zur Diskussion. Indem sie Stigmata symbolisch auf sich nehmen, verkünden sie ihre Distanz zu ihnen, und leiten sie eine Umkehr der Antriebsrichtung, eben Entstigmatisierung und am Ende die Gegendeutung von Stigmata ein.

Stigmatisierung ist dann nicht mehr gegen die Subjekte, die betroffenen Individuen und Gruppen gerichtet, sondern gegen die »kontrollierenden« sozialen Instanzen; sie wird im Rahmen von Selbststigmatisierung selbst stigmatisiert. Nicht die Individuen, die Selbststigmatisierer, sind es dann, die hier büßen; das schlechte Gewissen - das jedenfalls ist eine letzte noch theoretisch erschließbare Intention (vgl. Schoeck 1973) - wird der Gesellschaft beigebracht.



[16] Wenn »Kriminalität«, wie Haferkamp (1972) nahelegt, »normal« ist, dann kann Selbststimatisierung als einer der wichtigsten, vielleicht wirkungsvollsten Versuche angesehen werden, aus diesem Zusammenhang die Konsequenz zu ziehen. Sie stülpt Normalität ins Abnorme, Alltagsordnungen ins Anomische um. »Nicht der Homosexuelle ist pervers«, so der Filmtitel von Rosa von Praunheim, »sondern die Situation, in der er lebt«.

[17] »Charisma (ist) eine als außeralltäglich ... geltende Qualität einer Persönlichkeit. . ., um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen, oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften (begabt), oder als gottesgesandt oder als vorbildlich und eben deshalb als Führer gewertet wird« (Weber 1964, S. 179; vgl. näher ebd., S. 159 f., 179 f., 182 ff., 198 f., S. 832-873).

[18] Vgl. in diesem Sinne etwa Katz (1972), der Abweichung nur als passive, »produzierte«, nicht aktive, spontane Abweichung sieht und so das entscheidende, Stigma und Charisma verbindende Zwischenglied, Selbststigmatisierung, nicht in den Blick bekommt.

[19] Perspektiven dieser Art liegen im Prinzip schon bei Weber vor. Weber bezieht charismatische Führung zunächst auf Situationen »psychischer, physischer, ökonomischer, ethischer, religiöser, politischer Not« (Weber 1964, S. 832). »Die Träger des Charisma ... müssen, um ihrer Sendung genügen zu können, (dabei) außerhalb der Bande dieser Welt stehen« (ebd., S. 834). Sie üben, »weltabgewandt«, »revolutionäre Gewalt«, »von innen, von einer zentralen >Metanoia< der Gesinnung ... her« aus (ebd., S. 837). Wenn sie freilich die Not, das alltägliche Elend, dessen Behebung sie verkündet haben, nicht zu meistern vermögen, trifft das Unheil sie selbst. Sie klagen sich dann »öffentlich, vor allem Volk (ihrer) eigenen Sünden und Unzulänglichkeiten an ... Versöhnt auch diese Buße ... nicht, so gegenwärtig(en) (sie) Absetzung und Tod, der ... als Sühneopfer vollzogen wird « (ebd., S. 835).

[20] Einen erfolgversprechenden Versuch, Stigmatisierungsvariablen nicht nur aufzustellen, sondern zu testen, stellt das Projekt von Vaskovics (1974) dar. - Ich verdanke Herrn Professor Vaskovics Problemschärfungen auch hinsichtlich meiner eigenen Überlegungen.

Literatur

Albrecht, G., Die »Erklärung« von Devianz durch die »Theorie« des Symbolischen Interaktionismus - Neue Perspektiven und alte Fehler, in: Soziologie. Sprache, Bezug zur Praxis, Verhältnis zu anderen Wissenschaften. Rene König zum 65. Geburtstag, Köln/Opladen 1973,S. 775-803.

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Zur Person:

Geb. 1941, Dr. rer. soc., Akademischer Rat an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Arbeitsgebiete: Allgemeine Soziologie, Kulturanthropologie, Herrschaft und abweichendes Verhalten.

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Quelle

Wolfgang Lipp: Selbststigmatisierung

Erschienen in: Manfred Brusten/Jürgen Hohmeier(Hrsg.), Stigmatisierung 1, Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen, Darmstadt 1975. S. 25 - 53

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.03.2005

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