Schulische Integration Hörgeschädigter

Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © Annette Leonhardt 1996

Titelseite

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Annette Leonhardt (Hrsg.)

Titel: Schulische Integration Hörgeschädigter

Infos: 1996:, Luchterhand Verlag, Neuwied, Kriftel, Berlin, 116 p.

ISBN: 3-472-02759-2

Kurzbeschreibung

Integrative Pädagogik findet zusehends auch bei der Unterrichtung von Hörgeschädigten Beachtung. Was die Anzahl und den Umfang entsprechender Literatur betrifft, besteht allerdings derzeit noch eine gewaltige Diskrepanz zwischen Praxis einerseits und Lehre und Forschung andererseits. Das Buch von Frau Prof. Dr. Annette Leonhardt, Lehrstuhlinhaberin für Schwerhörigen- und Gehörlosenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hilft mit, diese Lücke ein Stück weit zu verkleinern.

In einer sorgfältig recherchierten, äußerst informativen und angenehm zu lesenden Einleitung skizziert Frau Leonhardt auf den ersten 20 Seiten einen geschichtlichen Abriß der Integrationsbemühungen innerhalb der Hörgeschädigtenpädagogik, der blitzlichtartig in der aktuellen internationalen Situation mündet. Mit zahlreichen Literaturhinweisen und einzelnen prägnanten Zitaten regt sie interessierte Leser und Leserinnen an, sich mit einzelnen Aspekten noch vertiefter auseinanderzusetzen.

Dank den international längst erbrachten Beweisen, daß eine erfolgreiche Beschulung und Erziehung schwerhöriger und gehörloser Kinder nicht das Privileg eines ausdifferenzierten Sonderschulwesens ist, werden im vorliegenden Buch, ohne zu polemisieren oder zu polarisieren, Vor- und Nachteile der integrativen und der segregativen Beschulung ausgewogen dargestellt. Das Primat der Sonderschule ist durch die Erfolge der integrativen Beschulungvielerorts ins Wanken gebracht worden. Dies gilt selbst angesichts der (noch) nicht überall geschaffenen idealen schulischen oder gesetzlichen Voraussetzungen für einen gemeinsamen Unterricht von nichtbehinderten und behinderten Kindern.

Folgerichtig macht Leonhardt darauf aufmerksam, daß die an einigen Universitäten übliche Ausbildung von Integrationslehrerinnen und -lehrern den vielfältigen Ansprüchen der verschiedensten Behinderungsarten wohl kaum zu genügen vermag. Seitens der Ausbildungsstätten für Sonderschullehrerinnen und -lehrer im Bereich der Hörgeschädigtenpädagogik würden die mit den neuen Aufgaben verbundenen notwendigen spezifischen Kompetenzen wie beispielsweise Supervision, Gesprächsführung oder Elternberatung ebenso erst ansatzweise vermittelt (S. 21). Unmißverständlich appelliert sie an die praktizierenden Hörgeschädigtenpädagoginnen und -pädagogen, sich flexibel und unvoreingenommen mit den veränderten Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen und in ihrem methodisch-didaktischen Handeln die notwendigen Anpassungen vorzunehmen.

Bevor Leonhardt durch weitere kompetente Fachleute einige der derzeit praktizierten Modelle des gemeinsamen Unterrichts in deutschen Bundesländern darstellen läßt, weist sie darauf hin, daß nunmehr wir Erwachsenen gefordert seien, unseren Beitrag zur weiteren Verbesserung der integrationsfördernden Maßnahmen zu leisten. Sie schreibt:

"Wie auch immer man sich persönlich zur schulischen bwz. unterrichtlichen Integration hörgeschädigter Schüler stellt - Tatsache ist, daß diese Schüler bereits in den Allgemeinen Schulen 'sitzen'. Es gilt, die Bedingungen zu schaffen, die es hörgeschädigten Schülern ermöglichen, die Allgemeinen Schulen erfolgreich zu absolvieren."

Die in den folgenden Kapiteln von Hartmut Jacobs und Michael Schneider (Hessen), Andreas Schmidt (Thüringen), Heike Füssel und Gerhart Lindner (Brandenburg), Werner Salz und Alexander Hüther (Rheinland-Pfalz) dargestellten Modelle und Perspektiven nehmen sich eher ernüchternd aus. Das Modell der präventiven Integration, wie es von Werner Salz in Frankenthal realisiert wird (in ähnlicher Form übrigens auch in der Schwerhörigenschule Wien) zeigt m. E. eine konstruktive Möglichkeit, wie sich die Sonderschule Richtung Regelschule öffnen kann. Die von den Autoren angeführten Statistiken reden eine klare Sprache: Nach wie vor werden in Deutschland die meisten hörgeschädigten Kinder und Jugendlichen in Sonderschulen unterrichtet; in Hessen beispielsweise rund 66 Prozent (Ein Vergleich: In der deutschsprachigen Schweiz werden gegenwärtig lediglich noch etwa 15 Prozent aller Hörgeschädigten in Sonderschulen unterrichtet).

Das abschließende Kapitel von Janet Jones-Ullmann aus Großbritannien, wo im Verlauf der letzten 15 Jahre zahlreiche Hörgeschädigtenschulen geschlossen wurden, zeigt, daß durch ein breitgefächertes Angebot für viele Kinder und Jugendliche individuelle Ausbildungswege möglich sind. Es wird darin auch aufgezeigt, daß eine Veränderung in einem Bereich der Sonderbeschulung letztlich Auswirkungen auf das gesamte Schulsystem hat, die nicht von allen Seiten bedenkenlos akzeptiert werden.

Zwei Falldarstellungen, eine von Reante und Karl-Heinz Pöhle aus Berlin und eine von Klaus Schmidt aus München, zeigen auf, was durch eine gemeinsame Beschulung möglich ist, weisen jedoch gleichzeitig darauf hin, daß (selbst bei mittelgradiger Hörbeeinträchtigung) nach wie vor vieles vom Engagement einzelner Bezugspersonen abhängt.

Frau Leonhardt erhebt nicht den Anspruch, mit ihrem Buch eine umfassende Darstellung oder Analyse der gegenwärtigen Integrationsbemühungen im deutschen Sprachraum zu vermitteln. Natürlich wäre es interessant, ein breiteres Spektrum angeboten zu bekommen. Wie ist der Stand der Integrationsarbeit in den nicht dargestellten deutschen Bundesländern? Aus persönlichen Kontakten weiß ich beispielsweise, daß im Saarland bereits ein beachtlicher Anteil der hörgeschädigten Kinder in Regelschulen unterrichtet wird (Autoren wie Alfred Sander oder Peter Raidt haben darüber ausführlich berichtet). Von Bremen und Hamburg ist ähnliches bekannt. In Mittelfranken / Bayern besteht seit rund zehn Jahren eine mobile Schwerhörigenhilfe (Hubert Krepper berichtete davon). Wie ist die Situation in Österreich, in der Schweiz, in Luxemburg oder in Südtirol? Daß Frau Leonhardt eine solche Darstellung machen könnte, steht außer Zweifel, ein solches Buch würde allerdings wesentlich dicker und damit auch teurer. Insgesamt stellt das Buch einen wichtigen und empfehlenswerten Beitrag dar in der Diskussion um die Optimierung der Beschulung hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher.

René J. Müller, Zürich, 1. Januar 1997

Quelle:

Rezensiert von René J. Müller

bidok-Rezensionshinweise

Stand:29.03.2006

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