Ich sehe jetzt die Behinderung als einen Teil von mir

Über die Bedeutung behinderter Peers bei der Rekonstruktion eines positiven Selbstbildes nach einer erworbenen Behinderung

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Mag. phil. eingereicht bei Dr. Claus Melter am Institut für Erziehungswissenschaft, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck.
Copyright: © Nicolas Lanquetin 2012

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Um diese Zeilen lesen zu können, müssen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Diplomarbeit erst einmal aufgeschlagen haben, was auf ein gewisses Interesse an und bestimmte Erwartungen in den Titel dieser Abhandlung schließen lässt. Neben einem Blick in das Inhaltsverzeichnis sollen Ihnen auch diese einleitenden Worte dazu verhelfen herauszufinden, ob es für Sie sinnvoll ist weiter in die hier behandelte Materie einzutauchen oder ob es nicht doch besser ist, dieses Buch wieder wegzulegen und es den Händen des Bibliothekspersonals zu überlassen, so dass auch diese Schrift wieder in den Kreis ihrer Peergroup, der anderen ungelesenen Diplomarbeiten, aufgenommen werden kann.

Auf den folgenden Seiten werde ich mich, in einem theoretischen Rahmen eingebettet, auch empirisch damit beschäftigen, dass es nach dem Erwerb einer Behinderung zum Einen häufig zu einer Identitätskrise kommt, die betroffene Personen an sich und ihrem Leben zweifeln lässt; und dass zum Zweiten andere behinderte Personen, die ich als Peers bzw. Peergroup bezeichnen werde, nach dem Eintreten einer solchen Krise, eine große Unterstützung dafür darstellen können, wieder ein positives Selbstbild zu (re-)konstruieren.

Inhaltlich ordne ich diese Diplomarbeit den Disability Studies (vgl. Barnes 2005) zu, die das Phänomen Behinderung aus einer Perspektive betrachten, die Behinderung nicht als individuelles und medizinisches Problem, sondern als ein gesellschaftliches Konstrukt versteht. In diesem Sinne werden, dem sozialen Modell von Behinderung zufolge, etwa bauliche und einstellungsbezogene Barrieren als dafür verantwortlich gesehen, dass beispielsweise aus einer körperlichen Beeinträchtigung eine Behinderung produziert wird, die die gesellschaftliche Teilhabe einer als behindert wahrgenommenen Person wenn nicht verhindert, so zumindest aber einschränkt (vgl. ebd.).

Auf der Grundannahme aufbauend, dass das gesellschaftlich produzierte negative und defizitäre Verständnis von Behinderung für die erwähnte Identitätskrise nach erworbenen Behinderung verantwortlich ist, soll im ersten Kapitel herausgearbeitet werden, was unter Identität und in weiterer Folge unter einer behinderten Identität (vgl. Mürner/Sierck 2011) zu verstehen ist und wie diese gesellschaftlich produziert werden.

In einem zweiten Schritt möchte ich anhand eines geschichtlichen Rückblicks aufzeigen, dass das hier angewandte soziale Modell von Behinderung erst durch den unermüdlichen Kampf jener behinderten Menschen denkbar wurde, die auf ihr Recht für mehr Selbstbestimmung und Inklusion pochten und sich gegen die sie diskriminierenden Strukturen zu wehren begannen.

Ein Grund für den bisherigen Erfolg der Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen ist nun darin zu sehen, dass sich die behinderten AktivistInnen zusammenschlossen, um sich auf diese Weise mehr Gehör verschaffen zu können. Im Zuge des Vormarsches der Independent Living Bewegung - zu Deutsch Selbstbestimmt Leben Bewegung - wurde schließlich auch das große gegenseitige Unterstützungspotenzial erkannt, das behinderte Menschen füreinander haben können (vgl. Miles-Paul 1992). Diese gegenseitige Unterstützung von Menschen in ähnlichen Lebenssituationen wird ganz allgemein unter dem Begriff Peersupport zusammengefasst. Was genau darunter zu verstehen ist soll, nach einer kurzen Beschreibung des Begriffes Peergroup, im dritten Kapitel geklärt werden, wobei ich mir auch die Frage stellen werde ob bzw. wie sich die beiden Begriffe Peersupport und Peer Counseling unterscheiden.

Waren die bisherigen Kapitel rein theoretisch abgehandelt, sind die folgenden vier Themenbereiche das Produkt empirischer und theoretischer Forschung.

Aufbauend auf den Erzählungen einer jungen querschnittsgelähmten Frau, werde ich im vierten Kapitel herausarbeiten, wie das ansozialisierte negative Verständnis von Behinderung nach dem Erwerb einer solchen in eine Identitätskrise zu führen vermag. Als kleinen Ausblick dessen, was zu erwarten ist, möchte ich schon an dieser Stelle verraten, selbst überrascht darüber gewesen zu sein, wie schnell sich ein Fremdbild, das etwa ein behindertes Dasein mit einem nicht lebenswerten Leben gleichsetzt, zu einem in diesem Fall äußerst negativen Selbstbild transformieren kann.

Nach bzw. schon während der Identitätskrise setzt schließlich die Phase der Identitätsrekonstruktion (vgl. Papadimitriou 2008) ein, in der es darum geht, wieder ein positives Selbstbild zu erlangen. Der Prozess der Identitätsrekonstruktion kann, wie ich zeigen werde, durch den Kontakt zur Peergroup wesentlich erleichtert werden, was hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass andere behinderte Personen dazu in der Lage sind, ein möglicherweise defizitäres Verständnis von Behinderung zu dekonstruieren. Diese Rekonstruktion durch Dekonstruktion erfolgt auf mehreren Ebenen, so können Mitglieder der Peergroup beispielsweise als Rollenmodelle fungieren und so bestimmte Vorurteile widerlegen. Ähnliches gilt für Gespräche unter Peers, in denen die geteilten Erfahrungen und das daraus resultierende gegenseitige Verständnis für ein offeneres Gesprächsklima sorgen, wodurch auch ein Sprechen über intimere und behinderungsspezifische Themen ermöglicht wird. Letztlich kann auch die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls innerhalb einer Peergroup, welches im besten Fall auch in Freundschaften mündet, nicht zu hoch eingeschätzt werden, da die gegenseitige Anerkennung und Akzeptanz, die ein Individuum in einem solchen Kontext erfährt, sich natürlich auch im Selbstbild widerspiegelt.

In einem vorletzten Kapitel werde ich mich dem Thema Sport widmen, den ich als eine mögliche Plattform für das Zusammentreffen von Peers beschreiben werde. Neben den Vorteilen, die Sport als Interaktionsplattform bietet, sollen allerdings auch dessen Grenzen aufgezeigt werden, die natürlich einer kritischen Beleuchtung bedürfen.

Den inhaltlichen Abschluss dieser Arbeit soll ein kurzer Blick auf ein mögliches Resultat einer gelungenen Identitätsrekonstruktion darstellen, wofür ich mich wieder dem Beispiel der schon erwähnten jungen Frau bedienen werde.

Nachdem wir nun grob geklärt haben, was inhaltlich in dieser Arbeit auf Sie zukommen wird, möchte ich diese Einleitung auch nutzen, um meine eigene Position in dem dieser Diplomarbeit zugrundeliegenden Forschungsprozess darzulegen.

Wenn es bei Berg und Fuchs heißt, "[ü]ber andere zu reden heißt, über sich selbst zu reden. Die Konstruktion der Anderen ist zugleich die Konstruktion des Selbst" (Berg/Fuchs 1999, S.11), dann kann dies so verstanden werden, dass ein objektives Herangehen an einen Forschungsgegenstand, wie es etwa in den Naturwissenschaften gefordert wird, schlicht nicht möglich ist. Hieraus resultiert nun förmlich die Pflicht eines forschenden Individuums, die eigene Position im Forschungsprozess zu reflektieren, denn wir können "[...] nicht so tun [...], als gäbe es eine Position, die vom außerhalb der Macht sprechen könnte; als gäbe es die Möglichkeit zu repräsentieren und dabei unschuldig zu bleiben." (Broden/Mecheril 2007, S.44)

Dieser Verpflichtung möchte ich an dieser Stelle nachgehen, indem ich erst einmal offenlege, dass auch ich als forschendes Subjekt dem Kollektiv der als behindert wahrgenommenen Personen angehöre. Aufgrund eines Sportunfalls bin ich seit meinem 22. Lebensjahr querschnittsgelähmt, habe also, um einen in dieser Arbeit dominierenden Begriff zu nutzen, eine erworbene Behinderung. Aufgrund dieser Information lässt sich auch schwer leugnen, dass schon die Auswahl meines Forschungsgegenstandes stark subjektiv geprägt war. Demnach liegt meine Motivation für diese Diplomarbeit in meinem eigenen Leben begründet.

Auf die Zeit nach meiner Verletzung zurückblickend kann ich erzählen, große Probleme mit der Umstellung auf diese für mich so neue Lebenssituation gehabt zu haben. Mein Körper, auf dessen Funktionieren ich mich zuvor ganz selbstverständlich habe verlassen können, wurde von einem Moment auf den anderen zu meinem erbitterten Feind, dem ich mich nicht entziehen konnte. Unbewusst hatte ich in meinem Leben zuvor all die negativen und abwertenden Bilder von Behinderung wie ein Schwamm aufgesogen und nun, da ich plötzlich selbst behindert war, quollen diese Bilder wieder hervor und drohten mich zu ertränken. Dies gipfelte schließlich in tief empfundenen Selbsthass. Dass ich diese Zeit des Zweifelns überwinden konnte, schreibe ich heute unter anderem einer Gruppe von Menschen zu, die sich ihrer positiven Wirkung auf mich wohl kaum bewusst sind. Ich spreche hier von jenen Menschen, die ich im Zuge von Rollstuhlsport kennenlernen durfte. Das Selbstbewusstsein dieser RollstuhlfahrerInnen, deren lockerer Umgang mit Behinderung, wie auch die Geschichten über deren Leben, die mir zu Ohren kamen, ließen mich mehr und mehr an der Negativität zweifeln, mit der ich mir und meiner Behinderung bisher gegenübergestanden hatte. Auf diese Weise konnte ich wieder Stück für Stück ein positives Selbstbild etablieren und so meine persönliche Identitätskrise überwinden.

Sie sehen also, von einem objektiven Zugang zum Forschungsgegenstand kann hier wohl kaum die Rede sein. Wenn Sie also nach einer rein sachlichen und unparteiischen Abhandlung suchen, muss ich Ihnen leider empfehlen, dieses Buch wieder wegzulegen und weiter zu suchen. Viel Glück dabei.

1. Identität

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Identität. Der Identitätsbegriff ist für diese Studie vor allem deshalb bedeutsam, da diese auf der Theorie aufbaut, dass die Identität eines menschlichen Individuums im Wesentlichen interaktiv und diskursiv gesellschaftlich hergestellt ist und folglich auch eine behinderte Identität (vgl. Mürner/Sierck 2011) nichts anderes ist, als ein Produkt gesellschaftlicher Konstruktionen.

Basierend auf einer allgemeinen Beschreibung des dieser Studie zugrunde liegenden Verständnisses von Identität soll darüber nachgedacht werden, was als behinderte Identität verstanden werden könnte, sofern man überhaupt legitimer Weise von einer solchen sprechen kann.

1.1 Identität als Produkt sozialer Interaktion

"Wer bin ich?" - Haben Sie, werte Leserinnen und Leser, sich diese Frage schon einmal gestellt? Und wenn ja: Konnten Sie sich diese Frage ausreichend beantworten?

Wer sich mit der Frage nach der eigenen Identität beschäftigt, wird feststellen, dass eine Antwort darauf zu finden nicht so einfach ist, wie es anfänglich erscheint. Was ist es, das Identität ausmacht? Sind Beruf, Geschlecht, Familie, Religion, Sprache oder auch Behinderung bedeutsam (vgl. Zirfas 2011)?

Versuchen wir hier nun zu klären, was Identität, also das Ich oder auch das Selbst, ausmacht und was uns Menschen von einander unterscheidet.

Schon Descartes (1641), man könnte ihn heute durchaus als Metaphysiker und Dualist bezeichnen, setzte sich mit der Frage nach dem Ich auseinander und erlangte unter anderem durch die in seiner Schrift "Meditationes de prima philosophia" getätigte Aussage "cogito ergo sum" ("ich denke also bin ich") Berühmtheit. Allein der Gedanke "Ich existiere" sei schon Beweis genug für die eigene Existenz (vgl. Koch 2004). Für Descartes, der Körper und Geist voneinander trennte (vgl. ebd.), war also das Denken bzw. die Vernunft identitätsstiftend.

Im Gegensatz dazu sieht Jean-Jacques Rousseau "[d]ie Vernunft [des] edlen Wilden [als] in den Körper eingeschrieben." (Tremp 2003, S.100ff.) und geht sogar so weit zu sagen, dass "[...] der Zustand der Reflexion [ein] Zustand wider die Natur [und] der Mensch, der nachsinnt, ein depraviertes Tier [...]" (Rousseau 1993, S.79) sei. Indem er festhält, dass der Mensch von Natur aus gut sei und diese Natürlichkeit nicht nur im edlen Wilden sondern auch im Kinde zu finden sei (vgl. Tremp 2003), schreibt er, so könnte dies gedeutet werden, dem menschlichen Kind eine von Geburt an existierende und in diesem Fall gute und reine Identität zu. Für Rousseau nimmt nun die Gesellschaft hauptsächlich negativen Einfluss auf die Menschen und zerstört das angeborene Gute in diesen.

Rousseaus Verständnis von Identität ist ein körperliches, wobei er besonders die Bedeutung eines gesunden und kräftigen Körpers als Diener der Seele hervorhebt und den "kraftlosen Körper" als die Seele schwächend verurteilt (vgl. Rousseau 2001).

Ein weiteres Verständnis sieht Identität sowohl als Summe von Zugehörigkeiten als auch als immer wieder neu zu erfolgende Identitätserzählung. Dieses sich ins Verhältnissetzen zu den Zuschreibungen der anderen zu den eigenen Erfahrungen und Selbstbildern nennt Keupp Identitätsarbeit (vgl. Keupp/Höfer 1997).

Die oben genannten Beispiele sollen verdeutlichen, dass es verschiedenste Perspektiven auf Identität gibt, die durchaus miteinander konkurrieren können. Eine Entscheidung zu treffen, welches Identitätsverständnis generell richtig oder falsch, wahr oder unwahr ist, ist wahrscheinlich nicht möglich und wird hier auch nicht angestrebt. Sehr wohl möglich ist allerdings die Entscheidung, welche Identitätskonzepte inhaltlich mehr oder weniger gut mit dieser Studie vereinbar sind.

Descartes und Rousseau werden hier zum Beispiel als weniger passend angesehen, da vor allem Rousseau mit seiner Fixierung auf den gesunden Körper dem Gedanken des sozialen Modells von Behinderung widerspricht und dessen Ausführungen durchaus als mit nationalsozialistischem Gedankengut der "Euthanasie" und Behindertenfeindlichkeit (vgl. Brockhaus 2006) verwandt angesehen werden könnten. Bei Descartes hat letztlich der von ihm vertretene Körper-Geist-Dualismus dazu geführt, dass er in dieser Studie weniger Beachtung finden wird, wobei, wie wir etwas später sehen werden, der Gedanke "cogito ergo sum" etwas abgewandelt auch bei Mead (1973) zu finden ist.

In diesem Kontext wollen wir uns etwas näher auf den Identitätsbegriff George Herbert Meads konzentrieren, da dieser besonders Gesellschaft als identitätsgenerierend hervorhebt.

Der Philosoph und Sozialpsychologe George Herbert Mead gilt als Begründer des symbolischen Interaktionismus (vgl. Jörissen 2010) und Mitbegründer der Chicagoer Schule, die ihrerseits eine sich auf den Pragmatismus fokussierende Strömung der Soziologie im Chicago zu Anfang des 20. Jahrhunderts darstellte (vgl. Brockhaus 2006).

Mead widersprach Descartes' Körper-Geist-Dualismus, den er als inakzeptable Reduktion auf entweder "[...] geistlose Natur oder weltlosen Idealismus [...]" (Jörissen 2010, S.89) kritisierte, wodurch er sich gegen eine damals in Europa als selbstverständlich geltende Denkweise stellte. Für ihn war eine ganzheitliche Sicht des sozialen Prozesses, wie er es nannte, bedeutsam (vgl. ebd.). Im Anschluss an Lovejoy (1955) wird Meads funktionalistische Psychologie sogar als "Revolte gegen den Dualismus" verstanden, die sich gegen eine Zweiteilung der Natur richtet (vgl. Wenzel 1990).

Auch wenn das wohl einflussreichste Werk Meads - "Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus" (Kurz: GIG) aus dem Jahr 1968 - letztlich nicht direkt aus dessen Hand stammt, sondern ‚nur' eine Veröffentlichung zweier Mitschriften seiner Vorlesung, sowie seiner Aufzeichnungen und unveröffentlichten Manuskripte ist, dürfen wir uns dennoch nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass es sich hierbei sehr wohl um dessen Gedankengut handelt, auch wenn es zum Teil fraglich erscheint, dass sich diese Niederschrift auch vollkommen mit Meads Denkweise deckt (vgl. Jörissen 2010).

Im Gegensatz zu Rousseau sieht nun Mead die menschliche Identität nicht als angeboren, für ihn ist sie "[...] vom eigentlichen physiologischen Organismus verschieden. Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozeß als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses." (Mead 1973, S.177)

Daraus schließt Mead, dass "[d]as Kind [...] keinen definitiven Charakter, keine definitive Persönlichkeit [hat]." (Mead 1973, S.201) Des Weiteren sieht er in Physiologie (z.B. Zentralnervensystem und Sinnesorgane) zwar eine Voraussetzung dafür, dass für ein Individuum Objekte - wobei auch der eigene Körper als Objekt verstanden wird - existieren können, doch müsse diese nicht zwangsweise mit Identität verknüpft sein (vgl. Mead 1973). Die Neuropsychologie (vgl. Gauggel 2008) würde hier einwenden, dass physiologische-neuronale Prozesse sehr wohl mit Gedanken, Gefühlen und Identität zusammenhängen und sie beeinflussen, folgen wir jedoch den Gedanken von Mead ein wenig weiter, erkennen wir, dass diese mit dem neurophysiologischen Verständnis verbindbar bzw. ergänzbar sind.

Gehen wir also der Frage nach, wie sich Identität im Sinne von Mead entwickelt.

Identität oder, wie Mead es ausdrückt, die Ich-Identität kann nur innerhalb sozialer Gruppen und im Zuge von sozialem Verhalten menschlicher Wirbeltiere (vgl. Mead 1980) entstehen, "[...] denn die Ich-Identität existiert nur in Beziehung zu anderen solchen Identitäten, ebenso wie der Organismus als gegenständliches Objekt nur in seiner Relation zu anderen gegenständlichen Objekten existiert." (Mead 1980, S.311)

Innerhalb dieser sozialen Gruppen gilt nun Kommunikation als eine Hauptdeterminante für Identität, nur durch sie kann das Individuum zu einem Objekt für sich selbst werden. Als Kommunikation wird hier ein Verhalten mittels sogenannter signifikanter Symbole verstanden, das nicht nur an andere, sondern auch an sich selbst gerichtet ist. Gemeint sind Symbole - man könnte auch von Gebärden sprechen (vgl. ebd.) -, die im eigenen Organismus die gleichen Reaktionen hervorrufen, wie sie es bei anderen Individuen tun (vgl. Mead 1973).

Für das Individuum kann "[...] die Ich-Identität [...] nur dann existieren [...], wenn es die Rollen der anderen einnimmt." (Mead 1980, S.318)

Nach dem hier zugrunde liegenden Verständnis von Mead wäre Identität auch mit "Selbstbewusstsein" in dem Sinne übersetzbar, dass es erst durch die Fähigkeit, sich durch die Augen anderer zu sehen, möglich ist sich seiner selbst bewusst zu sein (vgl. ebd.). Insofern kann geschlossen werden, dass Empathie Voraussetzung für Selbstbewusstsein und somit auch Identität ist.

Ein ähnliches Verständnis von Identität lässt sich auch bei Goffman (1975) finden, der die soziale Identitätskonstitution aus einer doppelten Perspektive betrachtet (vgl. Mürner/Sierck 2011). So schafft die Gesellschaft sog. Persönlichkeitskategorien, die es dem Individuum erlauben, die vermeintlichen Identitäten fremder Personen zu antizipieren und dementsprechend zu reagieren, was wiederrum auf das Selbstverständnis der antizipierten Persönlichkeit wirkt (vgl. Goffman 1975).

In "Geist, Identität und Gesellschaft" (Mead 1973) wird Meads Gedanke folgendermaßen zum Ausdruck gebracht.

"Der Einzelne erfährt sich - nicht direkt, sondern nur indirekt - aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört. Denn er bringt die eigene Erfahrung als einer Identität oder Persönlichkeit nicht direkt oder unmittelbar ins Spiel, nicht indem er für sich selbst zu einem Subjekt wird, sondern nur insoweit, als er zuerst zu einem Objekt für sich selbst wird, genauso wie andere Individuen für ihn oder in seiner Erfahrung Objekte sind; er wird für sich selbst nur zum Objekt, indem er die Haltungen anderer Individuen gegenüber sich selbst innerhalb einer gesellschaftlichen Umwelt oder eines Erfahrungs- und Verhaltenskontextes einnimmt, in den er ebenso wie die anderen eingeschaltet ist." (Mead 1973, S.180)

Dies kann, wie oben erwähnt, letztlich nur durch signifikante Symbole geschehen.

Von einem signifikanten Symbol kann allerdings erst dann gesprochen werden, wenn dieses bei Subjekt wie Objekt die Tendenz zur gleichen Reaktion hervorruft. Der von einer solchen Gebärde ausgehende Reiz muss für alle Beteiligten die gleiche Eigenschaft besitzen und stellt das Anfangsstadium einer manifesten sozialen Handlung dar (vgl. ebd.). In menschlichen Gesellschaften wäre beispielsweise eine Lautgebärde als signifikantes Symbol zu sehen, sie gilt als Medium sozialer Organisation einer Gemeinschaft (vgl. ebd.).

"Wo man aber auf das reagiert, was man an einen anderen adressiert, und wo diese Reaktion Teil des eigenen Verhaltens wird, wo man nicht nur sich selbst hört, sondern sich selbst antwortet, zu sich selbst genauso wie zu einer anderen Person spricht, haben wir ein Verhalten, in dem der Einzelne sich selbst zum Objekt wird." (Mead 1973, S.181)

Genau in einem solchen Verhalten glaubt Mead schließlich Identität finden zu können (vgl. ebd.). Also ist Sprache letztlich für ein Verständnis seiner selbst und somit für Identität konstitutiv (vgl. Jörissen 2010).

Die Bedeutung von Kommunikation, um sich selbst zum Objekt zu werden und so Identität zu generieren wird von Bialas (1997) folgendermaßen ausgedrückt: "Distanzierung ist ohne Kommunikation, ohne den symbolischen Wechsel zwischen den Perspektiven der Teilnahme und denen der Beobachtung nicht möglich." (ebd. S.50)

Auch Denken ist letztlich nichts anderes als die Übermittlung von Gesten zur Vorbereitung gesellschaftlicher Handlungen. Es kann sich im Denkprozess allerdings nur um eine innere Übermittlung handeln, die nur implizit an vermeintliche ZuhörerInnen gerichtet ist (vgl. Mead 1973). Denken kann so als innerer Monolog, als ein Sprechen zu sich selbst verstanden werden. Dieses sprachliche Verhalten erlaubt es dem Individuum schließlich sich selbst zum Objekt zu werden, was nach Mead die Grundvoraussetzung für "[...] Identität im reflexiven Sinn [...]" (Mead 1973, S.184) ist, da "[...] der Einzelne in dieser Weise auf sich selbst reagiert." (ebd.)

Dieser Gedanke von Sprache als Identitätskonstitutivum könnte durchaus auch als verwandt mit einem Identitätsverständnis im Konzept der Autopoiesis nach Maturana und Varela (1987) betrachtet werden, da diese ein Grundmerkmal von Sprache darin sehen, dass sie dem, der sie nutzt "[...] die Beschreibung seiner selbst und die Umstände seiner Existenz erlaubt" (Maturana/Varela 1987, S.227). Diese Feststellung ist nun durchaus mit Mead vereinbar, wenn er nämlich davon spricht, dass Sprache als soziales Verhalten dem Individuum erlaubt, sich selbst zum Objekt zu werden und dadurch schließlich Identität zu gewinnen (vgl. Mead 1980).

Des Weiteren halten Maturana und Varela fest, dass "[i]m Fluß rekursiver sozialer Interaktionen [...] Sprache dann auf[tritt], wenn die Operationen in einem sprachlichen Bereich zur Koordination von Handlungen [...] führen [...]" (Maturana/Varela 1987, S.226f.)[1]. Im Vergleich zu Mead wird hier das Pferd scheinbar von hinten aufgezäumt, da den beiden Autoren zufolge erst durch das Produkt des Verhaltens festgestellt werden kann, ob es sich bei diesem Verhalten auch tatsächlich um Sprache handelt. Vielleicht sollte hier allerdings hervorgehoben werden, dass, auch wenn nach Mead eine Lautgebärde das Anfangsstadium einer sozialen Handlung darstellt, es sich für ihn erst dann um Sprache handelt, also um ein signifikantes Symbol, wenn diese "[...] in dem, der sie äußert, die Tendenz zu der gleichen Reaktion hervorruft, [...]" (Mead 1980, S.323) wie bei einem anderen Individuum. Es wird also auch hier erst im Rückschluss deutlich, ob eine Lautgebärde auch tatsächlich als Sprache verstanden werden kann oder nicht.

Die Neurobiologen Maturana und Varela, die gerne als Systemtheoretiker und radikale Konstruktivisten gesehen werden, unterstützen so Meads Koppelung von Sprache und Identität - auch weit nach seinem Ableben.

Nun sollte aber - um wieder auf Mead zurückzukommen - die Gefahr eines Missverständnisses vorweggenommen werden, denn "[d]as Individuum übernimmt natürlich nicht die Einstellungen der zahllosen anderen, die in irgendeiner Weise in seinem Sozialverhalten eine Rolle spielen [...]" (Mead 1980, S.326), vielmehr übernimmt es die Einstellung des sogenannten "generalisierten Anderen" (vgl. ebd.) Mit dem generalisierten Anderen könnte so etwas wie eine Norm verstanden werden. Wenn in diesem Kontext also von der Einstellung des generalisierten Anderen gesprochen wird, meint dies die in der jeweiligen Gesellschaft oder Gemeinschaft geteilte Einstellung bzw. die Einstellung der jeweiligen gesellschaftlichen Norm (vgl. ebd.).

In diesem Sinne erlangen wir dadurch Selbstbewusstsein und folglich eine eigene Identität, indem wir die Einstellung des generalisierten Anderen uns selbst gegenüber einnehmen (vgl. Mead 1980). Hierin eine vollständige gesellschaftliche Determination von Identität zu sehen, also ein der sozialen Umwelt völliges ausgesetzt Sein des einzelnen Individuums, wäre allerdings ein Irrtum, denn "[b]ei genauerer Betrachtung wird deutlich, daß es die soziale Umwelt ist, die den [Individuen] eigene Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Erwartungen abverlangt." (Krappmann 1997, S.79) Auch Sartre (1991) bindet die Identität eines Individuums an die Gegenwart von anderen (vgl. Mürner/Sierck 2011), räumt ihm aber in diesem Rahmen eine bestimmte Freiheit ein, wenn er etwa folgendes festhält: "[...] ich kann mich gegenüber dem, was ich (für den anderen) bin, weder total absentieren [...] noch es passiv ertragen [...]; in der Wut, im Hass, im Stolz, in der Scham, im angeekelten Zurückweisen oder im freudigen Beanspruchen muss ich wählen, das zu sein, was ich bin." (Sartre 1991, S.910)

Wenn nun davon gesprochen wird, dass die (vorweggenommenen) Reaktionen des generalisierten Anderen mit der Zeit "[...] zu [...] Reaktionsmustern internalisiert [werden]" (Jörissen 2010, S.97), so ist eine gewisse Parallele zu Pierre Bourdieus Habitusbegriff nicht zu leugnen (vgl. ebd.). Immerhin suchte auch dieser Soziologe und Philosoph mit dem Begriff des Habitus[2] nach einem Konzept, das das menschliche Individuum weder als vollkommen frei, noch vollkommen (gesellschaftlich) determiniert verstand (vgl. Jurt 2008, S.58). In diesem Punkt widerspricht Bourdieu - und letztlich auch Mead - der Systemtheorie, die dem Individuum absolute Freiheit, absolute Selbstbestimmung zuschreibt, indem die (soziale) Umwelt als Quelle ständiger Perturbationen im Individuum gesehen wird, die zwar Reaktionen auslöst, diese aber nicht bestimmt - determiniert wird die Reaktion aus dem System des Individuums (vgl. Maturana/Varela 1987).

Ähnlich wie Identität bei Mead (1973) ist auch Bourdieus Habitus "[...] als dauernde Beschaffenheit einer Person [...]" (Jurt 2008, S.63) nicht etwa angeboren, sondern erworben und inkorporiert, wobei sich die einzelnen Individuen dieser Inkorporation nicht mehr bewusst sind (vgl. ebd.). Als besonders bedeutungsvoll möchte ich hier den Umstand hervorheben, dass sich das soziale Umfeld - Bourdieu konzentriert sich besonders auf soziale Klasse - durch Sozialisation und (schulische) Erziehung gewissermaßen in den Körper einschreibt, also neben der Geisteshaltung auch die Körperhaltung beeinflusst. Beim Habitus kann zwar, wie schon angesprochen, nicht von absoluter Freiheit die Rede sein, dennoch besitzt er in diesem ihn einschränkenden Rahmen eine generative, eine schöpferische Seite (vgl. ebd.).

Sehen wir uns nun aber, nach diesem kurzen Exkurs zu Bourdieu, noch einmal den sog. "generalisierten Anderen" etwas genauer an. Die Fähigkeit der Einstellungsübernahme des generalisierten Anderen erlernt das menschliche Kind auf zweierlei Weise - durch das Spiel (‚play') und etwas später das Wettspiel (‚game') (vgl. Mead 1980).

Das Spiel ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind die Rollen anderer, in seinem Umfeld real existierender Personen übernimmt. In dem das Kind zum Beispiel in die Rolle seiner Mutter oder seines Vaters schlüpft, organisiert es die Reaktionen, die es bei der nachgeahmten Person und auch in sich selbst auslöst (vgl. Mead 1973). Am besten kann man sich das Spiel als ein Rollenspiel vorstellen, in der das Kind stets zwischen sich selbst und der nachgeahmten Person innerhalb einer imaginierten sozialen Situation wechselt und nach jedem Wechsel eine neue Reaktion in sich selbst auslöst (vgl. ebd.). "Das ist die einfachste Art und Weise, wie man sich selbst gegenüber ein anderer sein kann." (ebd. S.193) Bedeutungsvoll ist in diesem Fall, dass in keinem Augenblick Verlass darauf ist, welche Rolle das Kind als nächstes übernimmt, die folgende Aktion ist nicht notwendigerweise durch aktuelle Aktion bestimmt (vgl. ebd.). Das Kind "[...] ist nicht als ein Ganzes organisiert [...]" (ebd. S.201) und hat, wie wir schon weiter oben gesehen haben, "[...] noch keine ganze Identität." (Mead 1973, S.193)

Auf das Spiel folgt das Wettspiel. Um nun am Wettspiel teilnehmen zu können muss das Kind die Rollen als Ganzes organisieren (vgl. ebd.), das heißt es muss die organisierten Reaktionen all der anderen am Spiel teilnehmenden Personen - also des "generalisierten Anderen" - in das eigene Spielverhalten aufnehmen, wobei sein Verhalten letztlich durch den ‚generalisierten Anderen' kontrolliert und gesteuert wird (vgl. Mead 1980). Als Beispiele für organisierte Wettspiele nennt Mead (vgl. 1973 & 1980) das Versteckspiel und den vor allem in den USA populären Sport Baseball, der aufgrund seines im höchsten Maße durchorganisierten Charakters ein äußerst passendes Beispiel sei. Es ist schließlich dieser organisierte Andere in der Erfahrung des Kindes, der ihm eine Ich-Identität verleiht (vgl. Mead 1980).

Ein nun besonders für den Kontext dieser Studie wichtiger Punkt wäre in folgendem Auszug aus GIG zu sehen:

"In der Form des verallgemeinerten Anderen beeinflußt der gesellschaftliche Prozeß das Verhalten der ihn abwickelnden Individuen, das heißt, die Gemeinschaft übt Kontrolle über das Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder aus, denn in dieser Form tritt der gesellschaftliche Prozeß oder die Gemeinschaft als bestimmender Faktor in das Denken des Einzelnen ein. Beim abstrakten Denken nimmt der Einzelne die Haltung des verallgemeinerten Anderen gegenüber sich selbst ein, ohne Bezug auf dessen Ausdruck in einem anderen Individuum. [...] [N]ur indem er die Haltung des verallgemeinerten Anderen gegenüber sich selbst auf die eine oder andere Weise einnimmt, kann er überhaupt denken." (Mead 1973, S.198)

Dem abstrakten Denken steht das konkrete Denken gegenüber, welches die Übernahme der Haltung konkreter Personen innerhalb einer sozialen Situation meint. (vgl. Mead 1973)

Was bislang noch nicht deutlich gemacht wurde ist, dass Identität nach Mead aus zwei Teilen besteht. Den Teil des Selbst, also der Identität, der durch die Übernahme der Haltung des generalisierten Anderen gegenüber sich selbst entsteht, nennt Mead me. (vgl. Jörissen 2010) Nach Jörissen wäre dies am ehesten mit Mich übersetzbar (vgl. ebd.). Der andere Part des Selbst wird durch den Begriff Ich (‚I') repräsentiert (vgl. ebd.) und meint die Reaktion auf die Haltung der anderen (vgl. Mead 1973). In GIG wird dies folgendermaßen ausgedrückt: "Die Haltungen der anderen bilden das organisierte [Mich], und man reagiert darauf als ein [Ich]."[3] (Mead 1973, S.218)

Das Ich und Mich lösen einander stetig ab und aus. Das Ich als aktive Handlungsphase wird im Zuge der Reflexion zum Mich, welches als Reiz wieder eine Reaktion des Ich auslöst (vgl. Jörissen 2010). Das Spannende daran ist, dass das Ich dafür sorgt, dass "[...] wir uns niemals ganz unserer selbst bewußt sind, daß wir uns durch unsere eigenen Aktionen überraschen. Nur während wir handeln sind wir unserer selbst bewußt." (Mead 1973, S.217)

Diese Aussage ist steht teilweise allerdings im Widerspruch zu dem nur eine Seite später auftretenden Satz: "Die Übernahme aller dieser organisierten Haltungen gibt [dem Individuum] sein [Mich], das heißt die Identität, deren er sich bewußt wird." (ebd. S.218) Auch mit Jörissens Einführung zu Mead ist die oben genannte Aussage nicht ganz vereinbar, auch wenn Überschneidungen zu erkennen sind:

"Man kann nicht zugleich handeln und über Handlung reflektieren; die Handlung des I wird dem Individuum nur anhand der nachfolgenden gesellschaftlichen Reaktion, deren internalisierte Form die Instanz des me bildet, bewusst. Als insofern zunächst nicht kontrolliertes ist das I Quelle des Neuen und Unvorhersehbaren sowohl im gesellschaftlichen Handlungskontext als auch im inneren Dialog[.] " (Jörissen 2010, S.99)

Es stellt sich nun also die Frage nach dem Zeitpunkt, wann sich der oder die Einzelne tatsächlich seiner oder ihrer Handlung und seiner bzw. ihrer selbst bewusst wird. Ein Lösungsvorschlag dieses Dilemmas wäre nun darin zu sehen, dass der Übergang vom Ich zum Mich ein fließender ist, also das Individuum noch im Zuge der Handlung ein Bewusstsein über sich selbst und seiner Handlung erlangt.

Auch wenn sowohl das handelnde Ich als auch das reflektierende Mich für Persönlichkeit bedeutsam sind, wird sich das Individuum letztlich erst im Mich selbst zum Objekt, was, wie wir gesehen haben, Voraussetzung für das Entstehen von Identität ist. Anders ausgedrückt entwickelt sich Identität im Mich, also in der Reflexion der eigenen Handlungen durch Übernahme der Einstellungen des generalisierten Anderen oder zumindest konkreter anderer (vgl.ebd.). "Das, was als [Mich] erfahren wird, ist bereits eine erworbene soziale Reaktion auf Handlungen - genau hierin sieht Mead den Mechanismus, mittels dessen das Soziale sozusagen ‚in' das Individuum hineingenommen wird." (ebd. S.100)

Das Individuum kann also nur über die (internalisierten) Reaktionen des sozialen Umfelds über sich selbst Bescheid wissen (vgl. ebd.). Wir sehen also, dass das Selbst nur im Sozialen, nur in Gesellschaft existieren kann. Hoffentlich konnte auch deutlich gemacht werden, dass Identität hier nicht als etwas Starres verstanden wird, das sich ein Individuum erst erarbeiten muss.

Zusammenfassend schlage ich nun also vor, Identität hier als einen dynamischen und interaktiven Prozess im sozialen Kontext zu verstehen, in dem das Individuum weder vollkommen frei noch vollkommen fremdbestimmt ist.

Ein ähnliches Bild entwirft auch Jörissen (2010) in seinem einleitenden Kapitel:

"Identität verweist auf die mit der Moderne unmittelbar verknüpfte Problemlage der Anerkennung von Differenz und Kontingenz: Wer sich die Frage nach der Identität stellt, wird feststellen, dass sein Selbstbild der Veränderung und Entwicklung unterliegt, dass es immer auch anders sein könnte, und dass es einen Unterschied macht, ob ich mich selbst im Spiegel oder aus dem Blickwinkel der anderen betrachte." (ebd. S.11)

Abschließend sei an dieser Stelle noch einmal Keupp (2002) erwähnt, dessen Ausführungen zur alltäglichen Identitätsarbeit durchaus mit Mead vergleichbar sind, da auch dieser Identität als ständigen Konstruktionsprozess versteht. Wie der Begriff Identitätsarbeit schon verrät, sieht Keupp in der Herstellung von Identität ein hohes Maß an Eigenleistung eines Individuums. "[...] [R]elationale Verknüpfungsarbeit, [...] Konfliktaushandlung, [...] Ressourcen- und Narrationsarbeit [...]" (ebd. S.189) konstruieren subjektive Identität in einem ständig fortlaufenden und sich weiterentwickelnden Prozess. Wenn also im Zuge von Selbstreflexion etwa eine bestimmte Teilidentität entsteht, beginnt sich diese schon im Reflexionsakt wieder zu verändern, "[...] man [‚konstruiert'] sich also in und mit seiner Selbsterzählung ständig ‚neu [...]' " (ebd.). Die eben erwähnte Teilidentität ist für Keupp die wichtigste Identitätskonstruktion, denn in ihr "[...] bündeln sich [...] die situativen Selbsterfahrungen aus den verschiedenen lebensweltlichen Kontexten [...]" (ebd. S.241), sie stellt gewissermaßen "[...] einen bestimmten Ausschnitt einer Person [dar]" (ebd. S.225). Jedenfalls wird Identität nach diesem Modell hauptsächlich narrativ konstruiert, das wichtigste Medium der Identitätsarbeit ist also in der Selbsterzählung zu sehen, denn auf diese Weise bezieht ein Subjekt selbstrelevante Ereignisse aufeinander und teilt diese sowohl sich selbst als auch anderen mit. (vgl. ebd.) Hier sehen wir, dass Keupp nicht nur im Sinne der Prozesshaftigkeit von Identität, sondern auch durch die Bedeutung, die er Sprache zuschreibt, Ähnlichkeiten mit Mead aufweist. Weshalb ich aber für diese Studie Mead den Vorzug gebe, möchte ich damit begründen, dass Keupp, auch wenn er immer wieder den gesellschaftlichen Einfluss auf Identität anspricht, in meinen Augen den Fokus zu sehr auf die persönliche Eigenleistung bei der Identitätskonstruktion legt.

1.2 Über die Konstruktion "behinderter Identität"

Nachdem wir uns nun etwas näher damit beschäftigt haben, wie Identität im Allgemeinen entsteht, möchte ich nun etwas spezifischer werden und danach fragen, was, um mit Mürner und Sierck (2011) zu sprechen, "behinderte Identität" ausmacht.

Daran anschließend, dass Identität grundsätzlich gesellschaftlich konstituiert ist, wird der Hauptfokus im folgenden Kapitel auf den Soziologen Erving Goffman und sein Werk "Stigma - Über Techniken zur Bewältigung beschädigter Identität" (1975) gelegt werden. Ziel ist es zu verdeutlichen, dass das, was als Behinderung wahrgenommen wird und in Folge dessen behinderte Identität zumindest mitproduziert, gesellschaftlich konstituiert ist; dass also das defizitäre und abwertende gesellschaftliche Verständnis von Behinderung prägend für die Selbstwahrnehmung einer als behindert angesehenen Person ist.

Goffman ist in diesem Kontext aus zweierlei Gründen interessant. Zum einen weil er uns eine sehr detaillierte Analyse des sozialen Phänomens Stigma liefert; und zum anderen, weil er aufzeigt, dass das Abweichen von gesellschaftlichen Normen - in unterschiedlichem Maße - kennzeichnend für Identitäten jeglicher Personen einer Gesellschaft ist (vgl. von Engelhardt 2011).

Der schon erwähnte Umstand, dass Gesellschaft es dem einzelnen Individuum durch vorgefertigte Personenkategorien erlaubt, die Identitäten unbekannter Personen zu antizipieren, führt allerdings auch zu normativen Erwartungen an diese, was Goffman als "virtuale soziale Identität" bezeichnet (vgl. Goffman 1975). Weichen nun die tatsächlichen Kategorien und Attribute einer Person ("aktuale sozialen Identität") von diesen Erwartungen in einer Weise ab, die ein Individuum "[...] von einer ganzen und gewöhnlichen Person zu einer befleckten, beeinträchtigten [herabmindert]" (Goffman 1975, S.10f.), so kann von einem Stigma gesprochen werden. Dies ist besonders dann der Fall, "[...] wenn [die] diskreditierende Wirkung [des betroffenen Attributes] sehr extensiv ist" (ebd. S.11). Es wird grundsätzlich in drei Formen von Stigmata unterschieden, die folgendermaßen benannt wurden. "Abscheulichkeiten des Körpers" (ebd. S.12), "individuelle Charakterfehler" (ebd.), sowie "phylogenetische Stigmata von Rasse, Nation und Religion" (ebd. S.13)[4]. Wir sehen hier also, dass sich Stigmata nicht zwangsweise auf Menschen mit Behinderung richten müssen. Eine (sichtbare) körperliche Behinderung wäre in diesem Kategorisierungssystem als ‚Abscheulichkeit des Körpers' einzuordnen.

Das Problem eines Stigmas drückt Goffman wie folgt aus:

"Ein Individuum, das leicht in den gewöhnlichen sozialen Verkehr hätte aufgenommen werden können, besitzt ein Merkmal, das sich der Aufmerksamkeit aufdrängen und bewirken kann, daß wir uns bei der Begegnung mit diesem Individuum von ihm abwenden, wodurch der Anspruch, den seine anderen Eigenschaften an uns stellen, gebrochen wird. Es hat ein Stigma, das heißt, es ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten." (Goffman 1975, S.13)

Goffman (1975) geht sogar so weit zu behaupten, dass stigmatisierte Menschen von der übrigen Gesellschaft als nicht ganz menschlich angesehen werden. Sogenannte ‚normale' Menschen - was auch immer darunter zu verstehen ist - neigen häufig dazu, stigmatisierte Personen zu diskriminieren und - bewusst oder unbewusst - deren Lebenschancen zu reduzieren (vgl. ebd.). Im Falle von Behinderung sind Begriffe wie Krüppel (vgl. ebd.) oder Formulierungen wie "das ist ja behindert" in der Alltagssprache als allgemein nutzbare Abwertungen gestern wie heute durchaus salonfähig, und werden oft nicht auf deren ursprüngliche Bedeutungen hinterfragt (vgl. ebd.). Die betroffenen Personen werden schließlich auf diese eine abweichende Eigenschaft reduziert, die durch Angehörige der Mehrheitsgesellschaft instrumentalisiert wird, um "[...] ein ganzes Paket an Unvollkommenheiten [zu schnüren] [...]" (ebd. S.13). Berücksichtigenswert ist die Konstruktion sowohl des Stigmas als auch der von Goffman weniger fokussierten Normalitätszone/Normalität. (vgl. Ralser 2011)

Ein interessanter Punkt ist, dass sich das stigmatisierte Individuum in seinen innersten Gefühlen selbst als "normale" Person sieht, der das Recht auf Chancengleichheit zusteht. Diese Selbstwahrnehmung hat das Individuum trotz des Wissens, wie es von anderen, nicht stigmatisierten Personen gesehen wird. Dieses Wissen, kombiniert mit der Gewissheit, weshalb das betroffene Individuum auf eine niedrigere gesellschaftliche Stufe gestellt wird, kann in das Gefühl münden, "[...] daß [es] in der Tat hinter das zurückfällt, was [es] realiter sein sollte" (Goffman 1975, S.16). Ein von der Gesellschaft als beschämend angesehenes (und bezeichnetes) Attribut, wie zum Beispiel Behinderung eines sein kann, vermag in dessen Besitzer Gefühle der Scham und des Selbsthasses zu wecken. (vgl. ebd.) Bei Menschen mit Behinderung ist es die geschockte Reaktion der Leute über die "offensichtliche Abweichung", die die eigenen Ängste und Schwierigkeiten stimuliert (vgl. Barnes 2005).

Hier verdeutlicht Goffman also noch einmal, wie bedeutungsvoll der Blick des generalisierten Anderen (vgl. Mead 1973) für das Selbstverständnis eines Individuums ist.

Eine von Christine Riegler (2011) durchgeführte Studie kommt zu dem gleichen Schluss, der sich am besten durch die Aussage eines ihrer Interviewpartner unterstreichen lässt, in der dieser berichtet, "[...] seine Behinderung werde ihm 'bewusst gemacht', wenn andere ihm durch ihr Verhalten oder durch Äußerungen mitteilen, dass sie ihn als 'anders' erleben: ' [...] dann fing ich an, mich damit zu beschäftigen und das behindert mich vielleicht.' " (Riegler 2011, S.22).

Dass, mehrheitsgesellschaftlich gesehen, Behinderung ein persönlicher Fehler der betroffenen Person sei, den es zu korrigieren gilt, stellt Udo Sierck (2011) fest, indem er seine Erfahrungen aus der Sonderschule schildert.

"Eingerahmt von sinngebenden Merksätzen wie [...] ‚Ob du musst gleich hier tragen viel Widerwärtigkeit, noch sollst du nicht verzagen, er hilft aus allem Leid' erfuhren wir behinderten Schüler [im Religionsunterricht], wie Wunder funktionieren. Untergejubelt wurden Werte wie Demut und Schuldbewusstsein [...] [unter anderem durch] ‚Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht'." (Mürner/Sierck 2011, S.16)

Die Schüler haben also gelernt, sie seien ‚anders' und ‚fehlerhaft', auch dass sie selbst an ihrem ‚Leid' die Schuld trügen. Dass dies die Entwicklung der Identität und einer positiven Selbsteinschätzung erschwert, muss an dieser Stelle wohl nicht mehr in Frage gestellt werden. (vgl. Mürner/Sierck 2011)

In diesem Kontext wird Akzeptierung von Goffman als zentrales Merkmal der Lebenssituation einer stigmatisierten Person gesehen:

"Diejenigen, die mit dem Stigmatisierten zu tun haben, lassen es daran fehlen, ihm den Respekt und die Beachtung zu gewähren, die sie ihm unter dem Eindruck der nichtaffizierten Aspekte seiner sozialen Identität entgegenbringen wollten, während er unter demselben Eindruck erwartete, sie entgegennehmen zu dürfen; sein Echo auf diese Verweigerung ist die Empfindung, daß einige seiner eigenen Eigenschaften sie rechtfertigen." (Goffman 1975, S.18)

Unter dem Kapitel "Moralischer Werdegang" schildert Goffman, wie Personen mit einem Stigma deren Sozialisation erfahren:

"Eine Phase dieses Sozialisationsprozesses ist die, in welcher die stigmatisierte Person den Standpunkt der Normalen kennenlernt und in sich aufnimmt und hierbei den Identitätsglauben der weiteren Gesellschaft und eine allgemeine Vorstellung davon erwirbt, wie es sein würde, ein bestimmtes Stigma zu besitzen. Eine andere Phase ist die, in welcher sie lernt, daß sie ein bestimmtes Stigma besitzt, und [...] die Konsequenz davon, es zu besitzen." (Goffman 1975, S.45)

Umgekehrt erwirbt das von einem Stigma "gekennzeichnete" Individuum die gesellschaftlichen Identitäts-Standards und wendet diese auf sich an, "[...] obwohl es ihnen nicht entspricht, [somit] ist es unvermeidlich, daß es hinsichtlich des eigenen Ichs einige Ambivalenz empfinden wird." (ebd. S.133)

In "Stigma" (1975) wird nun die Frage gestellt, wie Personen mit ‚beschädigter Identität' mit diesen inkorporierten Zuschreibungen umgehen.

Als Antwort auf diese Frage werden sechs unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt.

Zum einen wäre der direkte Versuch, den vermeintlichen Fehler zu beheben, zu erwähnen (vgl. ebd.). Goffman (1975) führt hier die plastische Chirurgie im Falle von Entstellung als Beispiel an. Wenn also Menschen mit Behinderung nach ‚Heilung' streben, kann dies durchaus als Verinnerlichung der gelernten Einstellung der anderen gegenüber sich selbst verstanden werden.

Der indirekte Versuch der Fehlerbehebung stellt eine weitere Reaktionsmöglichkeit dar. Goffman versteht hierunter, dass das stigmatisierte Individuum "[...] viel private Anstrengung der Meisterung von Tätigkeitsbereichen widmet, von denen man gewöhnlich annimmt, daß sie für jemanden mit seiner Unzulänglichkeit aus akzidentellen und physischen Gründen verschlossen sind." (ebd. S.19) Als Beispiel hierfür führt er Sport treibende ‚Gelähmte' an, wobei er sowohl das Lernen, als auch die ‚Darbietung' mit ‚Folter' vergleicht (vgl. ebd.).[5]

Einen anderen Umgang mit dem eigenen Stigma sieht Goffman darin, mit der vermeintlichen Realität zu brechen und "[...] eigensinnig [zu] versuchen, eine unkonventionelle Auffassung von der Eigenart ihrer sozialen Identität durchzusetzen." (ebd. S.20)

Des Weiteren neigen manche Personen mit Stigma dazu, dieses für ‚sekundäre Gewinne' (ebd.) zu nutzen, sich also dadurch den einen oder anderen Vorteil zu sichern.

Die Umgangsstrategie, das Glück im eigenen Unglück zu sehen (vgl. ebd.), zeigt, dass die betroffene Person ihr Stigma selbst auch als Unglück wahrnimmt und, so wird hier vermutet, die negativen Reaktionen gegenüber der eigenen Person selbst verinnerlicht hat, es reproduziert also indirekt das gängige gesellschaftliche Bild von Behinderung.

Abschließend berichtet Goffman, dass Stigmatisierte auch soweit kommen können, "[...] die Grenzen des Normalen neu zu sehen [...]" (ebd. S.21). Warum er dies als Kompensationsstrategie für stigmatisierte Menschen herunterspielt, wäre allerdings zu hinterfragen. An dieser Stelle soll, im Anschluss an Riegler (2011), Nietzsche zitiert werden, der da schreibt:

"[...] [Es] gibt [...] unzählige Gesundheiten des Leibes; und je mehr man dem Einzelnen und Unvergleichlichen wieder erlaubt, sein Haupt zu erheben, je mehr man das Dogma von der ‚Gleichheit der Menschen' verlernt, um so mehr muss auch der Begriff einer Normal-Gesundheit [...] unsern Medicinern abhanden kommen." (Nietzsche 1906, S.185)

Hier hält Nietzsche ein Plädoyer dafür, allgemein Differenzierungen wie krank-gesund oder normal-behindert aufzugeben; was allerdings, zumindest indirekt, auch Goffman (1975) tut, indem er zwar nicht davon spricht Normen abzuschaffen, aber festhält, dass kein Individuum die gesellschaftlich konstruierten Normen zu erreichen vermag.

"Während [...] einige dieser Normen, wie zum Beispiel Sehvermögen und Bildung, mit vollständiger Adäquanz von den meisten Personen in der Gesellschaft gemeinhin aufrechterhalten werden können, gibt es andere Normen, wie zum Beispiel jene, die mit physischer Schönheit assoziiert sind, die die Form von Idealen annehmen und Standards konstituieren, hinter denen fast jeder in irgendeinem Abschnitt seines Lebens zurückbleibt." (ebd. S.158)

Aus diesem Grund kann sich ein jeder zeitweilig "[...] für unwert, unvollkommen und inferior [...] halten." (ebd.)

Mit der Kritik an dem Dogma der Gleichheit der Menschen spricht Nietzsche (1906) auch das in der heutigen Pädagogik viel diskutierte Thema der Anerkennung von Differenz an. Auf den ersten Blick mag es paradox wirken, Differenz einerseits als gesellschaftlich konstruiert zu verstehen und andererseits die Anerkennung von Differenz und Vielfalt zu einer gesellschaftlichen Pflicht zu erheben. Tatsächlich aber gehen diese beiden Punkte miteinander einher, denn erst durch das Wahrnehmen allgemeiner menschlicher Heterogenität und das Anerkennen dieser als egalitär, als gleichwertig, ermöglicht die Dekonstruktion hierarchisierender Differenzkonstruktionen und die daraus resultierenden sozialen Benachteiligungen. Prengel (1990, zitiert nach Prengel 2009) bringt diesen unauflösbaren Zusammenhang zwischen Vielfalt und Gleichheit mit der Denkfigur der "egalitären Differenz" (ebd. S.107) zum Ausdruck.

An diesem Punkt wäre es sinnvoll, sich einige Gedanken darüber zu machen, dass ohne dem gesellschaftlichen Konstrukt Behinderung, also ohne der erwähnten Unterscheidung behindert-normal so etwas wie "behinderte Identität" wohl nicht konstituiert würde. "Konstituiert" meint hier, um Mecheril zu zitieren, dass es nicht so sein müsste, wie es ist, dass es auch anders hätte kommen können.[6]

Das heißt, dass erst die Konstruktion von Behinderung als Leid und Defizit der Mehrheitsgesellschaft erlaubt, behinderte Identität zu (re-)produzieren und diese bestimmten, von der (gesellschaftlich konstruierten) Norm abweichenden Individuen zuzuschreiben.

Doch wie schafft es Gesellschaft diese Konstruktion von Behinderung und die damit einhergehenden Machtverhältnisse stets aufrecht zu erhalten?

In Anlehnung an Foucault schreibt Stuart Hall (1994), dass besonders Diskurse produktiv und konstruktiv sind. Sie produzieren ein machtvolles Wissen über diejenigen, über die etwas gewusst wird. Dieses Wissen bestimmt, wie die vermeintlich Wissenden jenen gegenüber handeln, über die etwas "gewusst" wird. Das heißt, dass diskursives Wissen vermeintliche Wahrheit zu produzieren vermag, indem es Menschen nach diesem "Wissen" handeln lässt, was schließlich reale Konsequenzen nach sich zieht. (vgl. Hall 1994) "Diejenigen, die den Diskurs produzieren, haben also Macht, ihn wahr zu machen [und so diejenigen], über die ›etwas gewusst wird‹, auf eine besondere Weise zum Gegenstand der Unterwerfung [...]" (ebd. S. 154) zu machen. Dieses Modell der sozialen Unterdrückung, wie es durch Hall in den Cultural Studies zur Anwendung kommt, findet sich in Bezug auf Behinderung auch bei Paul Abberley (1987). Wie auch bei Sexismus und Rassismus, dient für ihn Behinderung als biologische Kategorie zur Aufrechterhaltung hierarchischer sozialer Verhältnisse und Unterscheidungen. In der Tat ist aber, so stellt er fest, für viele Menschen mit Behinderung der biologische Unterschied selbst schon Teil der Unterdrückung (vgl. ebd.). So ist Behinderung per definitionem selbst schon funktionell einschränkend, während dies bei der Konstruktion von "Rasse" und Geschlecht" nicht der Fall ist. Das bedeutet nun, dass viele Menschen mit Behinderung, weil sie dem ‚nicht-behinderten Ideal' nicht entsprechen können, ein geringeres Selbstwertgefühl haben oder ‚internalisierte Unterdrückung' erleben, was einem empfundenen Stigma entspricht (vgl. Barnes 2005).

Es scheint als widerspräche sich Abberley selbst, wenn er einerseits die Unterscheidung in biologische Kategorien als einem Machtgefüge unterworfen kritisiert, andererseits aber den ‚biologischen Unterschied' von Menschen mit Behinderung als gegebenen darstellt. Hier soll Abberley aber so verstanden werden, dass die Macht des generalisierten Anderen eine solche Wirkung auf ein Individuum ausüben kann, dass es die gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber seiner Person annimmt und sich schließlich durch den eigenen Körper unterdrückt fühlt.

Den vermeintlichen Widerspruch Abberleys hebt Bourdieus Habitusbegriff auf, indem er - bezogen auf Geschlechtlichkeit - nicht Körper und Biologie als Ursache für eine bestimmte Zuordnung begreift, sondern "[...] als Produkt einer beharrlichen sozialen Benennungs- und Einprägungsarbeit [versteht]. Als Wirkung einer umfassenden gesellschaftlichen Konstruktionsarbeit entsteht eine biologische Natur, die zum Habitus wird" (Korte 2002, S.78).

Diesen Umstand, dass Behinderung ein Konstrukt zur Biologisierung sozialer Verhältnisse darstellt, bezeichnet Jantzen (1992, zitiert nach Langner 2011, S.39) als Soziogenese von Behinderung.

Vielleicht wird hier deutlich, dass es eine Gratwanderung darstellt, Behinderung zwar als gesellschaftliche Konstruktion zu verstehen, ohne aber der Gefahr der Differenzblindheit zu erliegen. Eine Lösungsmöglichkeit dieses Dilemmas könnte darin gesehen werden, sich klar zu machen, dass das, was allgemein unter Behinderung verstanden wird, Teil menschlicher Heterogenität ist und keine Abweichung von der Norm darstellt. Es ist die Konstruktion einer Norm zu problematisieren, die jegliche Form von Differenz als defizitäre Abweichung produziert. "Die Norm ist nicht einfach ein Erkenntnisraster; sie ist ein Element, von dem aus eine bestimmte Machtausübung begründet und legitimiert werden kann." (Foucault 2003, S.72) Diese Macht, als Bedingung zur Herausbildung von Identität, unterwirft diese schließlich (vgl. Lanwer 2011).

Lanwer (2011) schlägt nun vor "[...] zwischen der Beeinträchtigung einer Person einerseits und ihrer Behinderung als sozialer Prozess andererseits [zu unterscheiden]" (ebd. S. 83), wie es schon in der englischen Sprache, vor allem seit der Entwicklung des sozialen Modells von Behinderung, durch die Unterscheidung zwischen impairment und disability üblich ist (vgl. Barnes 2005). Es ist also nicht, wie Abberley annimmt, die Beeinträchtigung (impairment) eines Individuums, sondern die unangemessenen sozialen Rahmenbedingungen in Form von materiellen und einstellungsbezogenen Barrieren (vgl. Carpenter 1994), die das als behindert wahrgenommene Individuum unterdrücken und so dessen Identitätsgenese beeinflussen."Barrieren wirken als Sozialisation beeinflussende Bedingungen einschränkend, isolierend, deprivierend und entfremdend - also als strukturelle Gewalt." (Schönwiese 2011, S.153)

Aufgrund dieser Differenzkonstruktionen stellen nach Goffman sogenannte "gemischte Kontakte [zwischen] Stigmatisierte[n] und Normale[n]" (Goffman 1975, S.22) ein großes Problem für das stigmatisierte Individuum dar. Es herrscht eine allgemeine Verunsicherung der stigmatisierten Person, auch wenn beide InteraktionspartnerInnen durch das Stigma betroffen sind. Diese Unsicherheit entsteht einerseits, da der oder die Stigmatisierte nicht wissen kann, wie er/sie durch das direkte Gegenüber identifiziert und aufgenommen wird. Andererseits weiß er/sie auch bei offensichtlich positiver Reaktion nicht, welcher Art die "wahren" Gedanken hinter der möglichen Maske der Freundlichkeit sind. (vgl. ebd.)

So bewirken gewöhnliche Alltagshandlungen, die beispielsweise einem Individuum mit Behinderung nicht zugetraut werden, Verwunderung wie bei einem "[...] Zauberer, der Kaninchen aus Hüten zieht" (ebd. S.25), während gewöhnliche Fehler gleich mit der Stigmatisierung in Verbindung gebracht werden (vgl. ebd.).

Vermutlich auch aufgrund der Zuschreibung von Minderwertigkeit scheint es auch praktisch keine Ansprechbarrieren gegenüber Menschen mit Behinderung zu geben. Diese Hemmungslosigkeit äußert sich nicht selten in "krankhafter Neugier" (ebd. S.26) oder meist unerwünschten Hilfsangeboten (vgl. ebd.), wobei ein Nein nicht zwangsweise als solches akzeptiert wird.

Der einen Rollstuhl nutzende Wissenschaftler Volker Schönwiese (2011) unterstreicht dies mit einem Beispiel aus seinem eigenen Erfahrungsschatz einer als behindert wahrgenommen Person, in dem er von einer scheinbar obdachlosen Person den Geldbetrag von zehn Euro angeboten bekommt, dies ausschlägt und so ein gewisses Maß an Verständnislosigkeit in seinem Gegenüber weckt. Abgesehen davon, dass es sich hierbei um ein unerwünschtes Hilfsangebot in Form einer Spende handelt, deckt Schönwiese damit auch ein weiteres Problem gemischter Kontakte auf. Dieses Problem benennt er nun als "[...] gesellschaftlich projektive Funktion von Behinderung [...]" (ebd. S.147) und meint damit, dass Menschen ihre "[...] Angst vor der eigenen Abweichung [...]" (ebd.) auf Menschen mit Behinderung projizieren, was zeigt, dass Begegnungen mit Stigmatisierten auch für ‚Normale' prekär sind (vgl. Goffman 1975).

Diese Projektionen manifestieren sich nun häufig durch "[...] Erschrecken beim Anblick von abweichenden Personen [und dem] meist unbewussten Wunsch, dass diese Personen nicht so sein sollten, wie sie sind bzw. nicht hier sein sollten [...]" (ebd.).

Zu solchen Reaktionen im Sinne der gesellschaftlich projektiven Funktion von Behinderung lässt sich aber auch das schon von Goffman (1975) benannte Hilfsangebot rechnen, das Schönwiese (2011) mit "[...] unmittelbar empfundenen Mitleidsgefühlen [...]" (ebd. S.147) verbindet. Nietzsche (1906) demaskiert dieses Mitleid nun auf folgende Weise: "[E]s gehört zum Wesen der mitleidigen Affektion, dass sie das fremde Leid des eigentlich Persönlichen entkleidet - unsre 'Wohltäter' sind mehr als unsre Feinde die Verkleinerer unsres Werthes und Willens." (ebd. S.286).

Ein bedeutsamer Aspekt ist allerdings darin zu sehen, dass Stigmatisierungserfahrungen hauptsächlich im öffentlichen Leben passieren, da Menschen eher bei fremden Personen zu Stereotypisierungen neigen. Bei FreundInnen und Vertrauten allerdings rückt das Stigma in den Hintergrund und wird unbedeutend. (vgl. Goffman 1975) Unter dem Begriff "Stigma-Management" (ebd. S.68) können nun Taktiken einer stigmatisierten Person im Umgang mit ihr fremden Menschen gesehen werden.

"Zum Beispiel wurde gezeigt, daß der physisch Behinderte zusätzlich zu den Techniken in der Behandlung Fremder Spezialtechniken entwickeln kann, um über die anfängliche taktvolle Art und die Distanz, die er wahrscheinlich erfährt, hinauszukommen; er kann versuchen, zu einer 'persönlicheren' Ebene vorzustoßen, wo sein Defekt in der Tat aufhören wird, ein kritischer Faktor zu sein - ein mühsamer Prozeß, den Fred Davis den Durchbruch nennt." (ebd. S.68)

Mit "Kuvrieren" benennt Goffman (1975, S.128) nun den Versuch, die peinliche Aufdringlichkeit des Stigmas zu minimieren. Ziel des Kuvrierens ist nicht, das Stigma vor den anderen zu verbergen, was im Falle einer offensichtlichen Behinderung zumeist auch unmöglich ist. Vielmehr geht es darum, "[...] es sich und den anderen zu erleichtern, das Stigma verstohlener Aufmerksamkeit zu entziehen und spontane Einbeziehung in den offiziellen Inhalt der Interaktion zu fördern." (ebd. S.129)

An stigmatisierte Personen wird allerdings auch die Anforderung gestellt, sich als vollkommen menschliches Wesen zu sehen. Das stigmatisierte Individuum sollte sich nicht, seines Gebrechens wegen, seiner selbst und anderer Peers schämen. Der ‚Defekt' sollte nicht versteckt werden, aber es soll trotzdem versuchen gewöhnliche Standards durch Training so gut wie möglich erfüllen. Schließlich soll es den Normalen gegenüber keine Bitterkeit oder Traurigkeit zeigen, sondern eine heitere Art kultivieren. (vgl. ebd.)

Scheinbar ist für Goffman bei gemischten Interaktionen zwischen ‚Normalen' und Stigmatisierten der alleinige Handlungszwang auf Seiten der stigmatisierten Menschen - die Mehrheitsgesellschaft spricht er von jeglicher Verantwortung frei. Für ihn sollten Stigmatisierte, so mein Verständnis des Textes, alles unternehmen, um den ‚Normalen' nicht unangenehm aufzufallen oder ihnen Unbehagen zu bereiten. Somit produziert selbst Goffman wieder eine Hierarchie an deren unterster Ebene doch wieder jene stehen, die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen.

Trotz der Einseitigkeit der von Goffman genannten Handlungsoptionen innerhalb gemischter Interaktionen, stellt er schließlich doch klar, dass "[d]er Stigmatisierte und der Normale [...] Teile voneinander [sind]; wenn einer sich als verwundbar erweisen kann, muss erwartet werden, daß es der andere auch kann." (ebd. S.167)

Auch wenn Goffman einige für diese Studie bedeutsame Aspekte herausgearbeitet hat, verwickelt er sich, meiner Ansicht nach, schon durch die in "Stigma" (Goffman 1975) genutzte Sprache in Widersprüchlichkeiten, die hier nicht unhinterfragt bleiben sollen. So nutzt er selbst Begriffe wie Neger und Geisteskranke oder schreibt stigmatisierten Menschen Andersartigkeit gegenüber der von ihm als Normale bezeichneten Mehrheitsgesellschaft zu. Menschen mit Behinderung umschreibt Goffman gerne als Krüppel; dies tut er trotz des im selbigen Buch zitierten Wissens, dass "Krüppel" von den auf diese Weise angesprochenen Menschen als höchst abwertend empfunden wird (vgl. ebd.): "Krüppel ist ein schreckliches Wort. Es spezifiziert! Es vereinzelt! Es ist zu intim! Es ist herablassend! Es macht mir Lust zu kotzen, wie ein sich windendes Geschöpf, das aus dem Kokon schlüpft." (ebd. S.144) Auf diese Weise reproduziert Goffman jene gesellschaftlichen Verhaltensmuster, die er in "Stigma" (1975) zu kritisieren sucht. Diese Einschätzung und Kritik kann schließlich nur durch folgende Konklusion ein wenig relativiert werden:

"Der Normale und der Stigmatisierte sind nicht Personen, sondern eher Perspektiven. Diese werden erzeugt in sozialen Situationen während gemischter Kontakte kraft der unrealisierten Normen, die auf das Zusammentreffen einwirken dürften. Die lebenslänglichen Attribute eines bestimmten Individuums können bewirken, daß es als Typ festgelegt ist; es kann die stigmatisierte Rolle in fast all seinen sozialen Situationen spielen müssen [...]." (ebd. S.170)

1.3 Fazit

Versuchen wir also abschließend die Frage zu beantworten, ob es so etwas wie "behinderte Identität" tatsächlich geben kann oder ob dieser Gedanke zu verwerfen ist. Lanwer (2011) schließt die Existenz einer behinderten Identität aus und argumentiert dies damit, dass beispielsweise das Adjektiv "behindert "das soziale Phänomen "Behinderung", ein Produkt gesellschaftlicher und machtvoller Konstruktionen, auf eine persönliche Eigenschaft reduziert. "Es erfolgt eine Umkehrung eines Ursache-Wirkungsverhältnisses, in dem die objektiven und sozial verursachten [...] Behinderungen der Möglichkeiten menschlicher Entwicklungen in subjektive Beschränktheiten umgedeutet werden." (ebd. S.81)

Ich aber schließe eine behinderte Identität grundsätzlich nicht aus, auch wenn ich die Argumentationsweise Lanwers als treffend und nachvollziehbar erachte. Ich gebe Lanwer Recht, dass behinderte Identität nicht etwas ursprünglich von sich aus Existierendes sein kann, möchte aber auf die hier herausgearbeitete Erkenntnis hinweisen, dass soziale Konstruktionen machtvoll sind, indem diese ein Wissen produzieren, das handlungsanweisend ist und somit den Gegenstand, über den etwas gewusst wird, konstituieren. Die Konstruktion "Behinderung" führt also dazu, dass Menschen mit bestimmten Attributen durch die Mehrheitsgesellschaft als defizitär und minderwertig angesehen und dementsprechend bemitleidend und herablassend angesprochen und behandelt werden. Wie ich aber schon des Öfteren erwähnt habe, ist die gesellschaftliche Einstellung oder wie Mead (1973) es nennt, die Einstellung des generalisierten Anderen gegenüber einem Individuum konstitutiv für dessen Identität. Wird dieses Individuum also als "behindert" wahrgenommen und angesprochen, führt dies früher oder später dazu, dass eben dieses Individuum das Adjektiv "behindert" mit all den dazu gehörenden Assoziationen in sein Selbstverständnis aufnimmt und schließlich eine "behinderte Identität" annimmt. Das mehrheitsgesellschaftliche "Projekt" der Legitimation und Aufrechterhaltung von Macht wäre somit als geglückt anzusehen.

Wenn in dieser Studie also zukünftig das Adjektiv "behindert" genutzt wird, meint dies nichts anderes als "behindert durch die Gesellschaft".



[1] Als sprachlichenBereich eines Organismus bezeichnen wir den Bereich all seiner sprachlichen Verhaltensweisen. Die sprachlichen Bereiche sind im allgemeinen variabel und verändern sich im Lauf der Ontogenese der sie erzeugenden Organismen." (Maturana/Varela 1987; S.226)

[2] Habitus bezeichnet nach Bourdieu dauerhafte, aber durchaus veränderliche persönliche Verhaltensstile oder Gewohnheiten (vgl. Jurt 2008; Brockhaus 2006), "[...] die sich im Laufe der Sozialisation in den Körper einschreiben und die Handeln und Wahrnehmen [...] bestimmen. Der Habitus ist ein Produkt der historischen und sozialen Bedingungen und erklärt die Regelhaftigkeit des Handelns, die allerdings nicht auf eine mechanische Ausführung einer Regel zurückgeht, sondern dem Akteur einen gewissen Spielraum offen lässt." (Jurt 2008, S.123)

[3] In GIG wird me mit "ICH" und I mit "Ich" übersetzt - da dies zu Missverständnissen führen könnte, werden die Originalbegriffe I und me in dieser Studie mit Jörissen als ich und mich übersetzt.

[4] Anzumerken ist hier, dass die Kategorie "Rasse" im biologischen Sinne widerlegt ist und eher von Rassialisierung (vgl. Terkessidids 2004) zu sprechen ist.

[5] Aus heutiger Sicht wäre eine solche Feststellung absolut inakzeptabel, da sie impliziert, dass sportliche Aktivität bei Menschen mit Behinderung lediglich Kompensationszwecken diene. Für mich kann Goffman nur dadurch entschuldigt werden, dass Behindertensport im Erscheinungsjahr von "Stigma" (1963) praktisch nicht existent war und eine Sport treibende Person mit Behinderung sicher als Kuriosität angesehen wurde. Dennoch sehe ich hierin eine Diskriminierung durch den Autor, da er Menschen mit Behinderung andere Motive für körperliche Aktivität zuschreibt, als nicht-behinderten Menschen.

[6] Es handelt sich hierbei um ein indirektes Zitat aus einer Vorlesung von Paul Mecheril zu "Einführung in die Mirgationspädagogik" an der Universität Innsbruck

2. Über die Bewegung und das Paradigma des Independent Living

Independent Living, also die selbstbestimmt Leben Bewegung (vgl. Miles-Paul 1992), ist aus einigen Gründen äußerst bedeutungsvoll für die aktuelle politische und soziale Situation behinderter Menschen. Erst die AktivistInnen der Independent Living Bewegung setzten mit ihrem Einsatz nicht nur politische Änderungen durch, sondern bewirkten auch einen dramatischen Wandel des (Selbst-)Verständnisses von behinderten Menschen, was sich besonders in der Entwicklung eines sozialen Verständnisses von Behinderung zeigt. So ist es etwa fraglich, ob es ohne den durch die Behindertenbewegung eingeleiteten Paradigmenwechsel je zu einem solchen Verständnis von "behinderter Identität" hätte kommen können, wie es im vorhergehenden Kapitel besprochen wurde. In dem nun folgenden Kapitel soll, aufbauend auf eine Einführung in die Geschichte der Independent Living Bewegung, auf den durch behinderte AktivistInnen initiierten Paradigmenwechsel in Richtung eines sozialen Modells von Behinderung und den damit einhergehenden Kampf um Selbstbestimmung eingegangen werden.

2.1 Die Independent Living Bewegung der USA

Bevor wir nun inhaltlich in die Geschichte der amerikanischen Independent Living Bewegung einsteigen, möchte ich im Anschluss an Jong (1982) noch Ralph H. Turner (1969, zitiert nach Jong 1982) zitieren:

"Eine bedeutende soziale Initiativbewegung wird dann möglich, wenn eine größere Gruppe von Leuten ein widerfahrenes Schicksal nicht mehr als ein Schicksal betrachtet, das ihnen die Aufmerksamkeit wohltätiger Bemühungen sichert, sondern als ein Unrecht, das die Gesellschaft nicht hinnehmen kann."

Dieses Zitat kann als eine sehr passende Überleitung von den Gedanken der Konstruktion behinderter Identität hin zu den nun folgenden Erörterungen der Bürgerrechtsbewegung von behinderten Menschen gesehen werden. Wenn wir nämlich diese eher allgemein gehaltene Aussage Turners auf Behinderung beziehen, kann darunter verstanden werden, dass es trotz der konstruktiven gesellschaftlichen Machtausübung möglich ist, aus der defizitären und herablassenden Festschreibung von Behinderung, die behinderte Identität erst konstituiert, auszubrechen und sich eben nicht "mit dem eigenen Schicksal abzufinden".

Ed Roberts als Vater des Independent Living

Das Independent Living Movement stellt nun eine solche Bewegung dar, die das ihr widerfahrende Unrecht eben nicht hinnimmt, sondern dagegen ankämpft. Als Vater dieser kämpferischen Bewegung gilt heute Ed Roberts, dessen Bemühungen um eine Zulassung an der University of California (UC) in Berkeley im Jahre 1962 als die Geburtsstunde der Independent Living Bewegung gesehen wird (vgl. Levy 1998, Miles-Paul 1992). Allerdings sollte an dieser Stelle wohl erwähnt werden, dass schon zuvor behinderte Menschen für ihre Rechte eintraten. So konnten etwa schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei Frauen - Mary Switzer und Gini Laurie - durch ihre Aktivitäten politische und gesellschaftliche Fortschritte für behinderte Menschen initiieren (vgl. Levy 1998).

Allerdings hat das, was heute als Independent Living bekannt ist, seinen tatsächlichen Ursprung in Roberts' anfangs persönlichen Kampf um Bildungschancen. Nach den hier vorliegenden Quellen begann alles damit, dass Roberts' erste Bewerbung an der UC in Berkeley mit folgender Begründung des Dekans abgelehnt wurde: "[W]ir haben es mit Krüppeln versucht und es hat nicht geklappt" (Levy 1998). Es sei kein Platz auf dem Campus für einen Studenten mit eiserner Lunge hieß es damals (vgl. ebd.). Dennoch gelang es Ed Roberts sich durchzusetzen und in Berkeley unterzukommen, worauf er schließlich das Studentenkrankenhaus der Universität bezog (vgl. Miles-Paul 1992).

In den folgenden Jahren mehrte sich die Anzahl behinderter Studenten in Berkeley (vgl. ebd.), welche mit der Zeit damit begannen, ihre Hilfen selbst anzustellen, auszubilden und, wenn nötig, wieder zu entlassen (vgl. Levy 1998). Sie waren, wie Levy schreibt "[...] independentlydependent" (ebd.), also auf unabhängige Weise abhängig - die Independent Living Bewegung und das damit einhergehende Konzept der Assistenz waren - zumindest inoffiziell - geboren.

Von der Studentenbewegung zur Bürgerrechtsbewegung

Ed Roberts selbst meinte hierzu "I arrived just in time for the revolution."(ebd.) Für ihn, der er mittlerweile schon als Aktivist tätig war, stellte sich heraus, dass nicht nur Schwarze und andere rassialisierte Minderheiten gegen das System ankämpfen konnten. In Folge dessen entstand die Gruppierung "Rolling Quads"[7], die sich gegen die vorherrschende Segregierung auf dem Campus einsetzten und durchsetzen konnten, nicht mehr im Krankenhaus wohnen zu müssen, sondern wie alle anderen auch Wohnungen beziehen zu können (vgl. ebd.). Des Weiteren erreichte die Gruppe die Beseitigung sämtlicher architektonischer Barrieren auf dem Universitätsgelände (vgl. Miles-Paul 1992).

Durch das in die Gemeinde integrierte Leben motiviert gründeten die Rolling Quads im Jahre 1970 das Physically Disabled Student's Program, um ein Leben in der Gemeinde zu erleichtern bzw. überhaupt erst zu ermöglichen (vgl. ebd.).

Was als Zusammenschluss aktiver behinderter Studierender begann, formte sich in weiterer Folge mit der Gründung des ersten Centre for Independent Living in Berkeley zu einer gemeindeorientierten Organisation und später zu einer nationalen Bewegung (vgl. ebd.). Mitte der 1970er Jahre hatten sich die Independent Living Centers (ILCs) schon in Städten wie Houston, Boston, New York und Chicago verbreitet (vgl. Levy 1998). Die ILCs dienten "[...] sowohl als Anbieter einer Vielzahl von Dienstleistungen für Behinderte, als auch als Instrument für die politische Interessenvertretung von Behinderten [...]" (Miles-Paul 1992).

Die Ausbreitung der Bewegung in der USA hatte zur Folge, dass schon zu Anfang der 70er Jahre Menschen mit verschiedensten Behinderung zusammenkamen, um gegen Diskriminierung und für die Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens zu protestieren (vgl.ebd.).

So entstand an Brooklyns Long Island University im Jahr 1970 die Organisation "Disabled in Action" (DIA), die unter anderem von Judy Heumann mitbegründet wurde. Wie Roberts hatte auch Heumann schon einige Kämpfe hinter sich gebracht, um zu ihrem Recht auf Bildung zu kommen - die beiden teilten also die Meinung, dass Bildung der Schlüssel zu mehr Teilhabe sei (vgl. Levy 1998). Der Initialzünder für DIA war "[d]ie Verweigerung der Lehrerlizenz durch den New York City Board of Education nur aufgrund der Tatsache, daß sie nicht in der Lage [war], zu gehen [...]" (Miles-Paul 1992). Es kam zu einem Prozess, den Heumann für sich entscheiden konnte und der eine Welle weiterer Protestaktionen auslöste (vgl. ebd.).

Auf Drängen von Roberts trat Judy Heumann 1973 als Vorstandsmitglied dem Centre for Independent Living in Berkeley bei und wurde zu einer bedeutsamen Stimme für die Rechte behinderter Menschen (vgl. Levy 1998).

Rehabilitation Act - Independent Living ist nicht zu bremsen

Der wohl bedeutendste Erfolg dieser jungen Bewegung begann sich im Jahre 1972 abzuzeichnen, als Richard Nixon 1972 ein Veto gegen die Verabschiedung des lang ersehnten Rehabilitation Act einlegte. Die mittlerweile erstarkte Behindertenbewegung reagierte prompt mit einer regelrechten Revolution (vgl. ebd.). In New York City brachten Heumann und weitere 80 Gefährten und Gefährtinnen den Verkehr an der Madison Avenue zum Erliegen indem sie mitten auf der Straße ein Sit-In abhielten (vgl. Ingram 1981, zitiert nach Levy 1998). Zur gleichen Zeit wurde Washington von verärgerten Briefen und Demonstrierenden förmlich überflutet. Schließlich wurde Nixons Veto vom Kongress überstimmt und am 23 September 1973 wurde der Rehabilitation Act of 1973[8] als Gesetz angenommen. Die Freude über diesen Erfolg war allerdings ein wenig verhalten, denn tatsächlich in Kraft getreten war das Gesetz noch nicht. Die Befürchtung, dass dies nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang des Kampfes sei, sollte sich schließlich bewahrheiten (vgl. Levy 1998). Es galt noch einiges an politischer Arbeit zu leisten bis das Inkrafttreten des Gesetzes 1977 endgültig erreicht werden konnte. Neben der Gründung der ‚American Coalition of Citizens with Disabilities' (ACCD) zur Kontaktaufrechterhaltung mit der politischen Administration, wurden weiterhin zahlreiche Demonstrationen abgehalten (vgl. Miles-Paul 1992). Nachdem die Regierung unter Carter schließlich aber eine von der ACCD gesetzte Frist für das Inkrafttreten des Rehabilitation Act of 1973 ablaufen ließ kam es zu der bislang größten Protestaktion in der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen (vgl. Levy 1998). Über 150 behinderte BürgerInnen besetzten für 27 Tage das Department of Health, Education and Welfare in San Francisco und sorgten so für "[...] die längste Besetzung eines öffentlichen Bundesgebäudes in der Geschichte der USA [...]" (Miles-Paul 1992).

Am 28. April 1977 erfuhren die Demonstranten, dass endlich auch die ‚Regulations', Ausführungsverordnungen des Rehabilitation Act unterzeichnet waren, besetzten das Gebäude aber noch so lange, bis sie die Regulations überprüft und für angemessen befunden hatten - am 1. Mai wurde die Besetzung erfolgreich aufgelöst (vgl. Levy 1998; Miles-Paul 1992). Der Rehabilitation Act of 1973 war inklusive Regulation 504 in Kraft getreten.

Dieser Sieg über die Regierung bezüglich des Rehabilitation Act of 1973 und der nur kurze Zeit später eingeführte Rehabilitation Act of 1978 führten zu einem rapiden Anwachsen weiterer ILCs in den USA, denn das Independent Living Programm war nun gesetzlich verankert (vgl. Levy 1998).

In den folgenden Jahren arbeitete die Bewegung verstärkt an der Umsetzung der gesetzlich verankerten Anti-Diskriminierungs-Vorschriften und der Aufklärung behinderter Menschen über deren Rechte. IL hatte mittlerweile eine solche Stärke erreicht, dass nicht einmal die unter der Reagan-Ära vorgenommenen Kürzungen sozialer Gelder in den 80ern die Expansion der ILCs bremsen konnte. (vgl. Miles-Paul 1992)

Aufgaben der ILCs

Im Zuge der Expansion kristallisierte sich immer mehr heraus, welche konkreten Aufgaben die IL Bewegung zu übernehmen hatte, um die Lebenssituation behinderter Menschen in den USA noch weiter zu verbessern.

Die Hauptaufgaben der Independent Living Centers können grob in die zwei Bereiche der sozialen Dienstleistungen und der Interessensvertretung aufgeteilt werden (vgl. Levy 1998).

Unter den Bereich der Dienstleistungen fielen Peer Counseling (siehe Kapitel 3), die Vermittlung von persönlicher Assistenz, sowie die Beratung bei Fragen bezüglich der Bürgerrechte und Sozialleistungen; bedeutende Dienstleitungen sind des Weiteren in der Vermittlung von Arbeitsplätzen und Unterkünften, wie auch in Durchsetzungs- und Selbstmanagementtrainings zu sehen (vgl. ebd.).

Die Interessensvertretung wiederum widmete sich der Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit, sowie der Medienarbeit und Lobbyarbeit bei Fragen der Legislative (vgl. ebd.).

2.2 Selbstbestimmt Leben Deutschland - Eine Revolution schwappt über den großen Teich

Der hier gewählte Titel mag wohl ein wenig trügerisch sein, denn tatsächlich begannen sich in Deutschland Menschen mit Behinderung zu einer ähnlichen Zeit zusammenzuschließen wie in den USA (vgl. Theunissen 2001). Doch erst als Anfang der 80er Jahre die bundesdeutsche Behindertenbewegung im Zuge eines Kongresses mit den Ideen der amerikanischen IL Bewegung in Berührung kam, wurde daran gearbeitet auch in Deutschland ähnliche Strukturen zu schaffen, wie es zu jener Zeit in den USA schon der Fall war (vgl. Miles-Paul 1992).

Werfen wir nun aber noch einen Blick auf die deutsche Behindertenbewegung, bevor diese dem späteren amerikanischen Vorbild begegnete.

Gegen Behindertenfeindlichkeit und verwehrte Mitbestimmung

War die Behindertenhilfe in Deutschland in den 50er Jahren noch weitgehend auf Kriegsbehindertenverbände beschränkt, entstanden in den 60ern des 20. Jahrhunderts die ersten Verbände für sogenannte Zivilbehinderte, deren Leitung meist aber Nichtbehinderten oblag. Die Gründer und Gründerinnen dieser Verbände, wie zum Beispiel die "Lebenshilfe" einer ist, waren in den meisten Fällen Eltern behinderter Kinder, die sich hauptsächlich für Aussonderungsstätten wie etwa Sonderkindergärten und -schulen einsetzten (vgl. Sierck 1987). Als später die betroffenen Kinder - mittlerweile älter und selbstbewusster - auf ihr Mitbestimmungsrecht pochten, wurde dies von den damals meist paternalistisch strukturierten Verbänden schlicht abgelehnt (vgl. ebd.). Diese entmündigenden Strukturen ablehnend schlossen sich daraufhin einige dieser kritischen Jugendlichen mit und ohne Behinderung in Organisationen zusammen, die sich später als Clubs Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF's) auf ganz Deutschland verteilten (vgl. Mayer 1988, zitiert nach Miles-Paul 1992). Der erste dieser Clubs war der nach seinem Gründungsjahr benannte Club 68 in Hamburg (vgl. Sierck 1987). Da sich aber auch diese Form der "integrativen Freizeitgestaltung" mit der Zeit als nur wenig befriedigend für viele der Mitglieder erwies, was auf Vorurteile der Mitmenschen und diverse bauliche Barrieren zurückgeführt wurde (vgl. Mayer 1988, zitiert nach Miles-Paul 1992), wurden schon bald die ersten Protestaktionen gegen die vorherrschende Behindertenfeindlichkeit durchgeführt (vgl. Boll/ Günter 1988, zitiert nach Miles-Paul 1992). Setzten sich die CeBeeF's noch das Ziel der Integration, wurde in der aufblühenden Krüppelbewegung mehr Wert auf Emanzipation von behinderten Menschen gelegt (vgl. Sierck 1987). So führte im Jahr 1973 etwa der Volkshochschulkurs ‚Bewältigung der Umwelt' unter der Leitung von Gusti Steiner (1938-2004) und Ernst Klee Straßenblockaden durch (vgl. Mürner/Sierck 2009). Die 68er-Bewegung läutete somit "[...] eine Abgrenzung der behinderten Menschen von bevormundenden Fürsorgern [...]" (ebd. S.11) und einen Kampf gegen die institutionelle Macht ein (vgl. ebd.). Ein Beispiel von solch "bevormundenden Fürsorgern" liefert Franz Christoph (1953-1996) indem er von einer seiner Kongressteilnahmen erzählt:

"Als wir versuchten zu erklären, dass auch wir als Behinderte mitreden wollten, sagte man uns, dass wir ja im Mittelpunkt aller Bemühungen stünden, dass wir uns deshalb nicht selbst um uns kümmern müssten. Als wir daraufhin emotional reagierten, erklärte man uns, wir hätten unsere Behinderung nicht verarbeitet." (Christoph 1980, zitiert nach Mürner/Sierck 2009)

Franz Christoph kann selbst als Teil der damaligen Krüppelbewegung gesehen werden, schließlich war er nicht nur ein Mitherausgeber der "Krüppelzeitung"[9] (vgl. Mürner/Sierck 2009), dem "[...] erste[n] Sprachrohr der Behindertenbewegung [...]" (Köbsell 2003, zitiert nach Mürner/Sierck 2009, S.9), und Mitbegründer der ersten Krüppelgruppe, sondern machte auch durch einen Asylantrag in Holland aufgrund "Unterdrückung als Behinderter in der Bundesrepublik" auf sich aufmerksam (vgl. Mürner/Sierck 2009).

Ausschluss von Nichtbehinderten in Krüppelgruppen

Nach der Distanzierung von den durch Nichtbehinderte dominierten Verbänden der Behindertenhilfe, schwankten die Krüppelgruppen nun in ein anderes Extrem, denn in diesen Gruppierungen war für Nichtbehinderte kein Platz. Diese Haltung wurde gegenüber KritikerInnen damit begründet, dass bei Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten, diese wieder das Ruder übernehmen und die behinderten AktivistInnen wieder in die Passivität drängen würden; eine gleichwertige Zusammenarbeit würde lediglich vorgetäuscht (vgl. Sierck 1987). Dass Nichtbehinderte in der Behindertenbewegung nicht mitreden könnten, da ihnen die Erfahrungen alltäglich erlebter Diskriminierung und somit die Kenntnis der daraus resultierenden Auswirkungen auf sich selbst fehlen (vgl. ebd.), stellt ein weiteres Argument dar. Letztlich wird zur Legitimierung des Ausschlusses Nichtbehinderter auch jener Umstand genutzt, dass Nichtbehinderte das ‚Normale' repräsentieren, dem es nachzueifern gilt, deren Anwesenheit bedeute also eine Erschwernis für das Erkennen des eigenen Normalitätsdenkens und der latenten Anpassung an Normalität einer behinderten Person (vgl. Mürner/Sierck 2009).

In den Krüppelgruppen kam nun dem Mittel der Provokation besondere Bedeutung zu, wie die fortwährende Nutzung des ursprünglich abwertenden Begriffes Krüppel als Name der Bewegung verdeutlicht (vgl.ebd.). Auf diese Weise wurde im politischen Auftreten der Krüppelgruppen versucht, "[...] die nichtbehinderte Öffentlichkeit mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten [zu konfrontieren]" (Sierck 1987).

Aktionsbündnis gegen das UNO-Jahr

Die bis dato auffallendste Aktion führte die Krüppelbewegung 1981 durch, als das "Aktionsbündnis gegen das UNO-Jahr" unter dem Motto "Keine Reden - keine Aussonderung - keine Menschenrechtsverletzungen" die Eröffnungsveranstaltung des "UNO-Jahres der Behinderten" durch eine Bühnenbesetzung störte, woraufhin die Rede des deutschen Bundespräsidenten Carstens in einen Nebenraum verlegt werden musste (vgl. ebd.). Ziel der Aktionsgemeinschaft war es, das "[...] Selbstlob und Eigenschulterklopfen [...]" (Wienstroer 1999, S.169) der traditionellen Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen zu stören und auf deren praktizierte Menschenrechtsverletzungen, wie etwa Freiheitsberaubung, Zwangsbehandlung, -medikation und -sterilisation aufmerksam zu machen (vgl. Theunissen 2001). Im hierfür durchgeführten Krüppeltribunal schlossen sich insgesamt 15 Gruppen der deutschen Behindertenbewegung zusammen (vgl. Sierck 1987) und suchten nach einer Weiterführung der "[...] Kritik an der Medizinierung, Diskriminierung und Institutionalisierung behinderter Menschen [...]" (Theunissen 2001). Dass aber längst nicht alle Gruppierungen der Behindertenbewegung an dem Tribunal teilnahmen, gründete in dem sich zuspitzenden Streit rund um den Ausschluss Nichtbehinderter in den Krüppelgruppen (vgl. Sierck 1987), der die Behindertenbewegung in zwei Lager spaltete.

Die Vernetzung der Behindertenbewegungen

Auf einem internationalen Fachkongress in München 1982 kam es schließlich zu der schon erwähnten Überschneidung der deutschen Krüppelbewegung mit dem US-amerikanischen Konzept des Independent Living und weiteren Konzepten selbstbestimmten Lebens aus Holland und Skandinavien (vgl. Theunissen 2001).

Nachdem der erste Versuch, diese neuen Ideen umzusetzen, gescheitert war, begannen einige behinderte AktivistInnen mit dem Aufbau ambulanter Dienste, um auch stärker behinderten Personen ein selbstbestimmtes Leben in einer eigenen Wohnung zu ermöglichen (vgl. Miles-Paul 1992).

1986, nachdem einige deutsche AktivistInnen in die USA gereist waren, um sich die dortige Umsetzung des IL Konzeptes vor Ort anzusehen, konnte schließlich das erste Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZsL) in Bremen eröffnet werden. Wie zuvor in Amerika, verbreiteten sich die ZsL, die deutschen Pendants der ILCs, schon bald in den urbanen Räumen ganz Deutschlands (vgl. Miles-Paul 1992).

Im Jahr 1989 schlossen sich in weiterer Folge Selbstbestimmt-Leben-Organisationen aus ganz Europa zu dem European Network on Independent Living (ENIL) zusammen, um einen internationalen Erfahrungsaustausch zu fördern, den Aufbau neuer Organisationen zu unterstützen und "[...] eine effektive Interessenvertretung für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter auf europäischer Ebene zu betreiben [...]" (ebd.). Auch "[...] die Entwicklung und Verbreitung von Konzepten, Grundsätzen und Definitionen für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter voranzutreiben [...]" (ebd.) gehörte zu den damaligen Zielen des neu gegründeten Netzwerkes.

Der Zusammenschluss der verschiedenen deutschen Initiativen zu der heute bekannten Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) erfolgte schließlich nach der 2. ENIL-Konferenz im Jahr 1990. In diesem Kontext wurden neben bestimmten Aufnahmekriterien auch eindeutige Grundsätze und Definitionen von "selbstbestimmt Leben" erarbeitet, um so vor einem inflationären und missbräuchlichen Gebrauch des Begriffes zu schützen (vgl. ebd.).

Die Geschichte des Selbstbestimmt Leben Bewegung kann aus heutiger Sicht durchaus als eine Erfolgsgeschichte betrachtet werden, die es in relativ kurzer Zeit geschafft hat, einen Paradigmenwechsel in dem, was als Behinderung verstanden wird, einzuleiten. Im Anschluss an Gusti Steiner (1999) soll an dieser Stelle das "Wissenschaftliche Gutachten zur Lebenssituation von behinderten Menschen und zur Behindertenpolitik von Nordrhein-Westfalen" von 1993 als Beweis für erwähnten Paradigmenwechsel zitiert werden:

"Die letzten zehn Jahre sind geprägt durch ein neues Verständnis von Behinderung. Das Paradigma ‚Selbstbestimmtes Leben' ist Ausdruck des veränderten Selbstverständnisses behinderter Menschen und Forderung zugleich: Gegen Entmündigung, Diskriminierung und Aussonderung! Für gesellschaftliche Mitwirkung und Teilhabe im Sinne selbstbestimmter Wahl- und Lebensmöglichkeiten! Unabhängig von Art und Schwere der Behinderung soll damit das Recht auf gleichberechtigte Lebenschancen in allen Lebensbereichen betont und eingelöst werden. Einem weitgehend negativen Fremdbild von Behinderung wird ein positives Selbstbild der Betroffenen entgegengestellt. Das ist mehr als Protest und Ablehnung von Diskriminierung und Aussonderung" (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen 1993, zitiert nach Steiner 1999)

Dies bedeutet allerdings nicht, dass etwa Gleichberechtigung, Anerkennung und eine barrierefreie Umwelt erreicht sind, um an dieses Ziel zu gelangen, gilt es noch einen langen, steinigen und mit Stufen gespickten Weg zu überwinden.

2.3 Die Philosophie hinter der Revolution

Aufgrund der geschichtlichen Erörterungen der letzten Seiten kann angenommen werden, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich schon ein Bild zurechtgelegt haben, welche Gedanken und Ideen der Selbstbestimmt Leben Bewegung zugrunde liegen könnten. In den Genuss einer expliziten Definition des Begriffes "Selbstbestimmt Leben" oder einer ausführlichen Klärung der Philosophie hinter der Behindertenbewegung sind Sie allerdings noch nicht gekommen - dies soll im folgenden Kapitel nachgeholt werden. Natürlich wäre auch eine andere Reihenfolge möglich, in der, wie üblich, erst nach einer Klärung der Begriffe, auf andere Punkte, wie etwa geschichtliche Entwicklungen, eingegangen würde. Hier aber wurde bewusst eine Reihenfolge gewählt, die jenem Umstand gerecht werden soll, dass die hier nachzulesenden Definitionen und Grundsätze erst im Laufe der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen entstanden und eben nicht schon von vornherein festgelegt waren.

Der Begriff "Selbstbestimmt Leben" entwickelte sich ursprünglich aus dem Kampf behinderter Menschen gegen Segregation und Bevormundung, wie sie in den Institutionen der Behindertenhilfe vorherrschend waren und sind. Heute aber, rund 20 Jahre nach der Gründung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, die gegen solche ausgrenzenden und paternalistischen Strukturen ankämpft, nutzen selbst weitgehend fremdbestimmende Behinderteneinrichtungen den Begriff der Selbstbestimmung, um für sich zu werben (vgl. ISL 2006). Dass "Selbstbestimmt Leben" als Begriff in einem solch widersprüchlichem Kontext missbraucht wird, verdeutlicht, wie wichtig es ist zu klären, was tatsächlich unter einem selbstbestimmten Leben zu verstehen ist.

Der Begriff "Selbstbestimmt Leben"

Judy Heumann, eine Independent Living Aktivistin der ersten Stunde, versteht etwa unter Selbstbestimmt Leben "[...] nicht die eigenständige Ausübung von physischen Tätigkeiten. Es bedeutet, in der Lage zu sein, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Es ist ein Denkprozeß, unabhängig von einem ‚normalen Körper'" (Heumann 1978, zitiert nach Miles-Paul 1992). Selbstbestimmung darf also keinesfalls als Selbstständigkeit missverstanden werden, vielmehr geht es darum sich im Zustand möglicher körperlicher Abhängigkeit bzw. Unselbstständigkeit eine Unabhängigkeit der Gedanken und Entscheidungen zu bewahren.

Eine ausführlichere Begriffsbestimmung liefert uns Frehe (1990, zitiert nach Schönwiese 2003) in Anlehnung an die Definition der amerikanischen IL Bewegung:

"Selbstbestimmt leben heißt, KONTROLLE ÜBER DAS EIGENE LEBEN zu haben, basierend auf der Wahlmöglichkeit zwischen akzeptablen Alternativen, die die Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer bei der Bewältigung des Alltags minimieren. Das schließt das Recht ein, seine eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können, an dem öffentlichen Leben der Gemeinde teilzuhaben, verschiedenste soziale Rollen wahrnehmen und Entscheidungen fällen zu können, ohne dabei in die psychologische oder körperliche Abhängigkeit anderer zu geraten. Unabhängigkeit ('Independence') ist ein relatives Konzept, das jeder persönlich für sich bestimmen muß." (ebd.)

Diese Definition zeigt, dass es sich bei Selbstbestimmung nicht um etwas Statisches, etwas Festgeschriebenes handeln kann, das nach einem bestimmten Muster abzulaufen hat. Es ist, um mit Kennedy und Lewin (2004) zu sprechen, "[...] kein Modell oder Programm mit einer vorgegebenen Speisekarte, die Dienstleistungen oder einen festgelegten Weg [...] liefert."

Selbstbestimmung als Prozess ist etwas Dynamisches. Es ist ein variabler Prozess, der sich von Person zu Person unterscheidet, denn Selbstbestimmt Leben ist sowohl personenzentriert als auch personengeleitet, es richtet sich nach den Bedürfnissen der betroffenen Personen (vgl. ebd.) und nicht etwa nach einem einzuhaltenden Dienstplan (vgl. ISL 2006).

In einem durch ISL durchgeführten Interview erzählt Andreas Vega in kurzen Worten, was Selbstbestimmung für ihn bedeutet: "Einfach gesagt, dass ich tun und lassen kann, was ich will" (ebd. S.5). Als Durchläufer einer "[...] typischen ‚Behindertenkarriere' [...]" (ebd.) inklusive verschiedenster Heimaufenthalte, hat Vega schon vielfach Fremdbestimmung erlebt und weiß, wie es ist, mit Leuten zu tun zu haben, mit denen man nichts zu tun haben möchte, oder "[a]ngefasst zu werden von jemandem, von dem man gar nicht angefasst werden will. [Jetzt, so sagt er selbst,] bestimme ich, wer mir wann und wo hilft." (ebd.)

Selbstbestimmung in diesem Sinne bedeutet allerdings auch,

"[...] dass nicht nur HelferInnen, sondern vor allem auch die betroffenen behinderten und pflegebedürftigen Personen zu schulen und zu begleiten sind. Es sollen ihre Fähigkeiten unterstützt werden, gegenüber den HelferInnen ArbeitgeberInnen-Funktionen zu erfüllen. Dabei geht es im optimalen Fall um den Erwerb der Kompetenz, HelferInnen zu suchen, auszuwählen, anzuleiten und die Bezahlung abzuwickeln. AusbildnerInnen dabei sind selbst betroffene Personen." (Schönwiese 2003)

Spätestens an diesem Punkt sollte klar werden, an welche Praxis das Konzept des selbstbestimmten Lebens gekoppelt ist. Frei nach dem Sprichwort "wer ‚A' sagt, muss auch ‚B' sagen", muss bei "Selbstbestimmt Leben" immer auch die Praxis der persönlichen Assistenz mitgedacht werden, denn sie ist es erst, die es auch schwerer behinderten Menschen ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben als Teil der Gesellschaft zu führen.

Persönliche Assistenz

Persönliche Assistenz meint nun, dass Menschen, die bestimmte Alltagshandlungen nicht oder nur schwer selbst ausführen können, sich in diesen Bereichen der Hilfe durch persönliche AssistentInnen bedienen können, um den eigenen Bedarf an Hilfe abzudecken. Nach diesem Konzept ist Assistenz mit jeglicher Form von Dienstleistungen gleichzusetzen, wie sie im Alltag der meisten Menschen in Anspruch genommen werden. Dass diese Hilfestellung an die individuellen Wünsche und Vorstellungen der KundInnen anzupassen ist, soll das Adjektiv "persönlich" unterstreichen (vgl. Österwitz 1996). Statt von KundInnen zu sprechen wäre es in einem solchen Assistenzverhältnis wohl passender die betroffenen AssistenznehmerInnen als ArbeitgeberInnen zu bezeichnen; denn als ArbeitgeberInnen haben AssistenznehmerInnen Personal-, Anleitungs-, Organisations- und Finanzkompetenzen zu realisieren (vgl. Franz 2002). Das heißt, dass AssistentInnen durch AssistenznehmerInnen eingestellt, eingeteilt, angeleitet, bezahlt und gegebenenfalls auch gekündigt werden. Fehlen den betroffenen Personen die hierfür notwendigen Kompetenzen, kann die erhoffte Selbstbestimmung misslingen (vgl. Miles-Paul 1992) und in manchen Fällen auch in "Fremdbestimmung durch persönliche Assistenz" umschlagen. Aus diesem Grund ist die Unterstützung beim Realisieren dieser Fertigkeiten, die durch Peer Counseling gewährleistet werden soll, ein fester Bestandteil des Selbstbestimmt Leben Konzepts (vgl. Miles-Paul 1992) und somit auch Programm in den verschiedenen Selbstbestimmt Leben Zentren.

Metaphorisch gesehen könnte man ein selbstbestimmtes Leben mit einem Segelschiff vergleichen, dessen Kapitän oder Kapitänin die behinderte Person selbst ist. Der/die KapitänIn benötigt zwar eine Crew, um das Schiff manövrieren zu können, dennoch ist er/sie es aber letztlich, der/die das Ruder in Händen hält und den Weg bestimmt. Wann, wie und von wem etwas an Bord zu erledigen ist, obliegt dem Kapitän bzw. der Kapitänin. Behält das Oberkommando aber nicht die Kontrolle, kommt es möglicherweise zu einer Meuterei, also zu einer Übernahme des Schiffes durch die Mannschaft.

Grundrechte für behinderte Menschen

Diese Definitionen von selbstbestimmt Leben liegen nun in einer bestimmten, von der Behindertenbewegung weitgehend geteilten Philosophie begründet, die ich hier ein wenig näher umreißen möchte.

"Behinderte Menschen wollen sich nicht länger betreuen lassen, sondern fordern Bürgerrechte und Chancengleichheit. Sie wollen nicht mehr Objekt aussondernder Fürsorge, sondern Subjekt des eigenen Lebens sein." (ISL 2006, S.2)

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung ist eine Bürgerrechtsbewegung, die, ähnlich der Bürgerrechtsbewegung rassialisierter Minderheiten, gegen die Verweigerung ihrer Rechte ankämpft (vgl. Jong 1982). "Selbstbestimmt Leben bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger, als Gleichberechtigung in der Bildung, bei der Arbeit, beim Wohnen, in der Gesundheitsversorgung und in der Freizeit" (ISL 2006, S.2). In diesem Sinne schränken etwa bauliche Barrieren den Zugang zu den eben erwähnten gesellschaftlichen Gütern für Personen mit eingeschränkter Mobilität ein, wodurch diese am Ausleben ihrer Bürgerrechte gehindert werden (vgl. Jong 1982). Einen in diesem Hinblick bedeutsamen Erfolg des IL Movements stellt etwa die Durchsetzung des Rehabilitation Act of 1973 dar, der verschiedene Formen der Diskriminierung behinderter Menschen gesetzlich untersagt (vgl. ebd.).

Trotz der Erfolge im Bereich von Bürgerrechten behinderter Menschen als Staatsangehörige bestimmter Nationalstaaten, ließen die ersten Fortschritte auf der Ebene der allgemeinen Menschenrechte auf sich warten. Die ausdrückliche Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte, also der Rechte, die einer Person schon aufgrund ihres Menschseins zustehen, blieb behinderten Menschen über lange Zeit verwehrt. So wurde erst am 13.12.2006 die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (A/RES/61/106) durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen. Vorhergehende Versuche, Behinderung in den Menschenrechten zu thematisieren, wirkten eher hilflos denn wirkungsvoll. (vgl. Schulze 2011)

Gesetzlich nicht in den Griff zu bekommen ist allerdings der Umstand, dass "[...] Vorurteile gegen Behinderung ihre Wurzeln in der Einstellung unserer Kultur zu Jugend und Schönheit haben, und darin, daß die Möglichkeit, selbst behindert zu werden, die Nichtbehinderten beängstigt." (Jong 1982) Diese einstellungsbezogenen Barrieren, mit denen auch die Bewegung Schwarzer in Amerika konfrontiert war und ist (vgl. ebd.), sind im Falle der Selbstbestimmt Leben Bewegung in der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung determiniert.

Im Zuge der Bemühungen Dekonstruktionsarbeit zu leisten, wird schließlich auch der Konstitution von behinderter Identität der Kampf angesagt. So hat sich etwa aus der Negierung eines individuellen bzw. medizinischen Modells von Behinderung, das Behinderung als zu heilende Anomalien und Defizite produziert (vgl. Barnes 2005), ein soziales Modell von Behinderung etabliert.

Zwei Modelle von Behinderung im Streit

Das individuelle/medizinische Modell kann durchaus mit dem mehrheitlich geteilten Alltagsverständnis von Behinderung gleichgesetzt werden. Behinderung wird hier als persönliche Tragödie wahrgenommen, in der die betroffene Person zum Opfer ihrer Behinderung gemacht und gleichzeitig auf ihre Behinderung reduziert wird (vgl. Barnes 2005). Behinderung wird als ein Mangel, Defizit oder Defekt gesehen, den es zu korrigieren bzw., ganz im Sinne der Pränatal Diagnostik, zu verhindern gilt (vgl. Radtke 2003). Da Behinderung praktisch mit Krankheit gleichgesetzt wird, wird die Lösung des "Problems" in kurativen und rehabilitativen Maßnahmen gesehen, wobei die behinderte Person zum Objekt professionell Tätiger wird. Es werden jene als "ExpertInnen" gesehen, die wissen, was für das behinderte Individuum am besten ist und das ist in aller Regel nicht das betroffene Individuum selbst, sondern das medizinische Personal (vgl. Barnes 2005). Es kann angenommen werden, dass das individuelle Modell als Produkt des gesellschaftlichen defizitären Verständnisses von Behinderung, dieses reproduziert und letztlich behinderte Identität konstituiert.

Dem medizinischen Modell steht nun das von den Disability Studies[10] vertretene soziale Modell von Behinderung gegenüber. Allerdings wurde, Swantje Köbsell (2009) zufolge, nie "[...] [e]in explizites ‚soziales Modell von Behinderung' [...] formuliert, implizit war es jedoch immer vorhanden." (ebd. S.221) Trotz dieser Einschränkung kann gesagt werden, dass im Sinne des sozialen Modells Menschen mit einer körperlichen Einschränkung nicht behindert sind, sondern durch die Gesellschaft behindert werden.

"In our view, it is society which disables physically impaired people. Disability is something imposed on top of our impairments, by the way we are unnecessarily isolated and excluded from full participation in society. Disabled people are therefore an oppressed group in society." (UPIAS 1975/1997)

Diese hier angedeutete Unterscheidung zwischen körperlicher Beeinträchtigung (engl.: impairment) und dem was dem sozialen Modell zufolge unter Behinderung (engl.: disability) verstanden wird, sollen folgende Definitionen noch einmal verdeutlichen:

Impairment meint einen fehlenden Teil einer Extremität, das vollständige Fehlen der Extremität oder den Defekt einer Extremität, eines Organs oder eines anderen körperlichen Mechanismus' (vgl. UPIAS 1975/1997).

Disability meint den Nachteil oder die Einschränkung von Aktivität durch die aktuelle soziale Organisation, welche keinen oder nur wenig Rücksicht auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen nimmt und diese so vom Hauptanteil sozialer Aktivitäten ausschließt (vgl. ebd.).[11]

Waldschmidt (2005) fasst den Kerngedanken des sozialen Modells folgendermaßen zusammen:

"Behinderung ist kein Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern das Produkt sozialer Organisation. Sie entsteht durch systematische Ausgrenzungsmuster, die dem sozialen Gefüge inhärent sind. Menschen werden nicht aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen behindert, sondern durch das soziale System, das Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet. Während das individuelle Modell den Körperschaden oder die funktionale Beeinträchtigung als Ursachenfaktor ausmacht, geht das soziale Modell von der sozialen Benachteiligung als der allein entscheidenden Ebene aus. Entsprechend wird soziale Verantwortlichkeit postuliert und die Erwartung, dass nicht der einzelne, sondern die Gesellschaft sich ändern müsse." (Waldschmidt 2005, S.18)

Demnach kann die Lösung des "Problems" nicht in Rehabilitation oder individueller Anpassung liegen, es ist vielmehr ein direkter sozialer Wandel zu vollziehen (vgl. Barnes 2005).

Das soziale Modell kritisch betrachtet

Doch auch das soziale Modell von Behinderung ist nicht frei von Fallstricken und muss kritisch hinterfragt werden. Genauso wie dem individuellen Modell eine Reduzierung auf den Körper vorgeworfen werden kann, reduziert das soziale Modell auf soziale Verhältnisse.

Die vielzitierte Aussage Olivers (1990, zitiert nach Barnes 2005, S.30) "[...] disablement has nothing to do with the body [...]", die das soziale Modell kurz und prägnant zusammenfasst, soll uns hier als Anknüpfpunkt für die an dieses Modell gerichtete Kritik dienen.

Auch wenn die Kritik am individuellen Modell, es sei nicht ausreichend Behinderung nur auf die körperliche Ebene also auf körperliche Beeinträchtigung zu reduzieren, durchaus berechtigt ist, muss dennoch festgehalten werden, dass impairment, wenn nicht die einzige, doch aber eine bedeutsame Dimension von Behinderung ist, die das Leben behinderter Menschen stark beeinflusst, auch wenn das soziale Modell diesen Umstand herunterspielt. Das Verständnis von Behinderung schwankt also von einem Extrem, der rein körperlichen oder biologischen Determination, zum anderen Extrem, der rein sozialen Determination (vgl. Shakespeare 2006). Durch die Dichotomisierung von körperlicher Beeinträchtigung (impairment) und Behinderung (disability) - als reines Produkt gesellschaftlicher Unterdrückung auf Menschen mit Beeinträchtigung - verleugnet das soziale Modell, dass schon die körperliche Beeinträchtigung an sich behindert. Immerhin sind beispielsweise Schmerz, Müdigkeit und viele andere mit einer Beeinträchtigung einhergehende Schwierigkeiten nicht auf behindernde Barrieren der Gesellschaft zurückzuführen. Anders ausgedrückt: Auch wenn die Utopie einer absolut barrierefreien Welt einträfe, würden behinderte Menschen schon allein aufgrund ihrer Beeinträchtigung noch einen Rest an Benachteiligung erfahren. Eine blinde Person etwa wird immer Schwierigkeiten haben Menschen auf eine bestimmte Entfernung zu erkennen oder innerhalb einer Interaktion nonverbale Signale zu lesen (vgl. ebd.).

Die Trennung von Beeinträchtigung und Behinderung kritisiert Shakespeare auch deshalb, da diese beiden Dimensionen für ihn Hand in Hand gehen, also untrennbar miteinander verbunden sind. Ohne Gesellschaft gäbe es keine Beeinträchtigung und ohne Beeinträchtigung keine Behinderung. Dies begründet er nun auf dreierlei Weise (vgl. ebd.):

Es muss, Shakespeare zufolge, erst eine Beeinträchtigung gegeben sein, um die Erfahrung von Behinderung durch Barrieren machen zu können. Ein gutes Beispiel hierfür wäre darin zu sehen, dass es für zwar RollstuhlfahrerInnen unerreichbare Orte gibt; umgekehrt aber kann es keinen Ort geben, der nur für RollstuhlfahrerInnen zugänglich ist, da Nicht-Behinderte immer die Wahl haben einen Rollstuhl zu nutzen oder eben nicht zu nutzen. Ohne eine Verbindung zwischen Behinderung und Beeinträchtigung, so schreibt er, würde die Bedeutung des Begriffes Behinderung verschwimmen und könnte für jegliche Form sozialer Benachteiligung genutzt werden (vgl. ebd.).

Des Weiteren ist Beeinträchtigung meist auch Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Ein großer Anteil an Behinderung entsteht etwa durch Armut, Mangelernährung, Krieg oder andere gesellschaftlich determinierte Faktoren. Das heißt natürlich nicht, dass alle Beeinträchtigungen auf sozialen Prozessen beruhen, es geht hier vielmehr darum, die durch das soziale Modell vorgenommene scharfe Trennung zwischen Beeinträchtigung und Behinderung zu relativieren (vgl. ebd.).

Das letzte Argument ist nun darin zu sehen, dass schließlich auch das, was als Beeinträchtigung wahrgenommen wird, erst gesellschaftlich als solche definiert sein muss. Impairment ist insofern eine Frage kulturell vorherrschender Normen (vgl. ebd.). Beispielsweise wird Kurzsichtigkeit bis zu einem gewissen Grad nicht als Beeinträchtigung eingestuft, auch wenn betroffene Personen auf häufig sichtbare Hilfsmittel angewiesen sind, um in ihrem Alltag nicht eingeschränkt zu sein.

Hat das soziale Modell ausgedient?

Trotz der hier angeführten Grenzen des sozialen Modells darf nicht darauf vergessen werden, von welchem Nutzen dieses Modell für die Behindertenbewegung im Speziellen und, in Folge dessen, für behinderte Menschen im Allgemeinen war und ist. Zum Einen erlaubte das soziale Modell der Bürgerrechtsbewegung aufzuzeigen, wie soziale und bauliche Barrieren die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft verhindern. Erst auf diese Weise war es möglich, Antidiskriminierungsgesetze und den Abbau von Barrieren zu erkämpfen (vgl. ebd.).

Einen anderen wichtigen Dienst gegenüber behinderten Menschen erfüllte das soziale Modell auf individueller Ebene. Denn statt sich, wie zuvor üblich, als defizitäre und zu bemitleidende Wesen zu sehen, konnten behinderte Personen von nun an auch die Gesellschaft mit in die Verantwortung ziehen und sich selbstbewusst gegen die sie behindernden Strukturen auflehnen (vgl. ebd.). Das soziale Modell stärkte so das Selbstverständnis von Menschen mit Behinderung.

Insgesamt gesehen ermöglichte es ein komplett neues Verständnis von Behinderung, das den bis dahin geltenden medizinischen Ansatz auf den Kopf stellte. Problematisch ist allerdings, dass sich das soziale Modell seit diesem eingeleiteten Paradigmenwechsel nicht mehr weiterentwickelt hat. War es früher ein geeignetes Werkzeug, politische Wirkung zu erzielen, ist es heute möglicherweise ein Hindernis für den Fortschritt der Behindertenbewegung und der Disability Studies. Während andere Bewegungen, wie etwa der Feminismus, immer weiterentwickelt, überarbeitet und reflektiert wurden, beharrten die VertreterInnen der Behindertenbewegung auf die uneingeschränkte Gültigkeit des sozialen Modells. Mögen die Ziele der Behindertenbewegung auf gleichberechtigte Teilhabe nach wie vor begründet sein, so stellt sich aus heutiger Sicht dennoch die Frage, ob das soziale Modell für diese Ziele auch nach vor dienlich ist oder ob es vielleicht ausgedient hat und überholt bzw. ausgetauscht werden sollte (vgl. ebd.). Möglicherweise ist es also an der Zeit, das soziale Modell in einer Weise weiterzuentwickeln, die neben der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung auch die physische Beeinträchtigung an sich in ihrer Bedeutung wahrnimmt.



[7] Gleichbedeutend mit "Rollende Tetraplegiker"

[8] Der wichtigste Punkt des Rehabilitation Act of 1973 für das Independent Living Movement war Section 504: "Kein ansonsten qualifizierter Behinderter darf nur aufgrund seiner Behinderung ausgeschlossen werden von der Teilhabe an einem Programm oder einer Aktivität, die finanzielle Unterstützung durch den Bund erhält. Ihm dürfen weder deren Vorteile vorenthalten werden, noch darf er Diskriminierung ausgesetzt sein." (Jürgens 1986)

[9] Von 1979-1985 erschienen 14 Ausgaben der "Krüppelzeitung" mit dem Untertitel "Zeitung von Krüppel für Krüppel", die heute ein bedeutsame Quelle zur Dokumentation der deutschen Behindertenbewegung darstellt (vgl. Mürner/Sierck 2009).

[10] Die Disability Studies, die 1986 erstmals in Amerika als solche benannt wurden und erst viel später im Jahr 2001 in Deutschland Fuß fassten, sind das Produkt der IL Bewegung und ihrer kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Exklusionspraktiken behinderter Menschen. Sie beschäftigten sich auf wissenschaftlicher Ebene kritisch damit, wie und warum Behinderung als Kategorie überhaupt erst gesellschaftlich hergestellt wird. (vgl. Waldschmidt 2009) Ein wichtiger Punkt ist darin zu sehen, dass "[...] die Disability Studies zumeist von selbst behinderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern [initiiert wurden]" (Waldschmidt 2005, S.9)

[11] Im Gegensatz hierzu wird in der auf dem medizinischen Modell von Behinderung beruhenden ICIDH (International Classification of Functioning, Disability and Health) der WHO "[...] [impairment] als alleinige Ursache von [...] [disability] [...] angesehen" (Waldschmidt 2005, S.16).

3. Peergroup, Peersupport & Peercounseling

Begriffe wie Peersupport, Peer Counseling oder einfach nur Peer sind in dieser Arbeit schon das eine oder andere mal erschienen. So wurde etwa Peer Counseling als eine durch Selbstbestimmt Leben Zentren angebotene Dienstleistung aufgeführt. In diesem Kapitel soll nun, nach einem kurzen etymologischen Ausflug in die Geschichte des Begriffes Peer, ganz allgemein geklärt werden, was Peer bedeutet und was folglich unter einer Peergroup zu verstehen ist. Darauf aufbauend gilt es sich näher mit den Gedanken des Peersupport zu beschäftigen und dessen Bedeutung für behinderte Menschen zu reflektieren.

‚Peer' etymologisch betrachtet

Auch wenn das Wort peer für sich alleine stehend in der deutschen Sprache praktisch keine Anwendung findet, wird es heute nicht selten in Begriffskombinationen wie Peergroup, Peersupport oder Peer Counseling aus der englischen Sprache entliehen. Ursprünglich aus dem lateinischen par (dt.: gleich, gleichrangig, Paar) abgeleitet (vgl. Weiner 1989), bedeutet das englische Adjektiv peer nichts anderes als gleichrangig und wäre auch als Substantiv mit Gleichrangige bzw. Gleichrangiger zu übersetzen (vgl. Beattie 2004 &Wahrig-Burfeind 2007). So ist es nicht weiter verwunderlich, dass peer auch zur Bezeichnung des im "House of Lords" als gleichrangig gesehenen britischen Hochadels (vgl. Weiner 1989) und später des britischen Oberhauses genutzt wurde (vgl.Wahrig-Burfeind 2007). Peer steht allerdings nicht nur für gleichen sozialen Status oder Rang, vielmehr kann der dieser Begriff auch für Personen genutzt werden, die sich in anderen Dimensionen des Lebens gleichen oder ähneln. Im Kontext der hier vorliegenden Studie schlage ich vor, Peers, in Anlehnung an das Oxford English Dictionary, als Personen zu sehen, die sich - zumindest teilweise - in ihren Begabungen, Qualifikationen und/oder Interessen gleichen, sie sind entweder ebenbürtige KameradInnen oder gleichwertige KonkurrentInnen (vgl. Weiner 1989).

Heute wird Peer und Peergroup zumeist für (junge) Menschen gleichen Alters genutzt, doch hat es sich mittlerweile auch durchgesetzt, diese Begrifflichkeiten für Personengruppen anzuwenden, die unter ähnlichen Problemen leiden (vgl.Alkin 1992) oder sich in ähnlichen Lebensumständen befinden. Insofern wäre, egal ob man Behinderung nun als Problem oder ganz einfach als Lebensumstand begreift, eine Gruppe behinderter Menschen - zumindest in Bezug auf ihre Behinderung - als Peergroup zu betrachten. In diesem Zusammenhang kann sich der Peer-Begriff aber nur darauf beziehen, dass sich betroffene Menschen, basierend auf ihrer Beeinträchtigung bzw. dem gesellschaftlichen Umgang mit dieser, den Umstand teilen, alltäglich Behinderungserfahrungen zu machen; ihnen unhinterfragt weitere Gemeinsamkeiten zuzuschreiben käme einer nicht zutreffenden und deshalb unangemessenen Homogenisierung gleich. Beispielsweise schreiben Engel und Munger (2003) in Bezug auf die amerikanische Behindertenbewegung, dass diese aus Individuen und Gruppen bestünde, "[...] die, abgesehen von dem Stigma, das ihnen die Gesellschaft aufbürdet, nur wenig gemein haben mögen" (ebd. S.14).

Um nun inhaltlich einen Schritt weiter zu gehen, wäre das Wort Support in Peersupport mit "Unterstützung" oder auch "Förderung" übersetzbar (vgl. Miles-Paul 1992). Wenn wir also auch im Deutschen die beiden Worte Peer und Support zusammensetzen, kommen wir zu dem Schluss, dass mit Peersupport im weitesten Sinne die Unterstützung durch "Gleiche" bzw. "Ebenbürtige"[12] gemeint ist (vgl. ebd.). Als eine für den Bereich Behinderung passende Definition von Peersupport sieht Miles-Paul (1992) etwa die folgende:

"Peer Support ist Hilfe, die von einer behinderten Person zur Verfügung gestellt wird, die über behinderungsbedingte Erfahrungen und Kenntnisse sowie über Fähigkeiten, mit der eigenen Behinderung umzugehen, verfügt. Sie assistiert anderen behinderten Individuen und entscheidenden anderen Personen im Umgang mit ihren behinderungsspezifischen Erfahrungen." (Study Group on Peer Counseling as a Rehabilitation Resource 1981, zitiert nach Miles-Paul 1992)

Allgemein auf Menschen mit Stigmata bezogen schreibt auch Goffman (1975) der Peergroup einen bedeutsamen und unterstützenden Wert für ein stigmatisiertes Individuum zu.

"Da sie aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, dieses bestimmte Stigma zu haben, können einige von ihnen das Individuum mit den besonderen Berufstricks und einem Lamentierkreis versorgen, in den es sich zurückziehen kann zur moralischen Unterstützung und wegen des Behagens, sich zu Hause, entspannt, akzeptiert zu fühlen, als eine Person, die wirklich wie jede andere normale Person ist." (ebd. S.31)

Peersupport kann quasi als Oberbegriff verstanden werden, unter dem sich weitere Begriffe wie eben Peer Counseling, Peer Support Group, Peer Assistant, Peer Educator, Peer Consultant oder Peer Helper subsumieren lassen. Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff des Peer Counseling am weit häufigsten genutzt, wobei Counseling wörtlich übersetzt nichts anderes als Beratung bedeutet (vgl. Miles-Paul 1992).

Eine scharfe Trennung der Begriffe Peer Counseling und Peersupport erwies sich im Zuge der Recherchen für diese Studie als schwierig, was darauf zurückzuführen ist, dass diese Begriffe von vielen AutorInnen scheinbar wahllos gemischt und synonym genutzt werden (vgl. etwa Theunissen 2001).[13] Dennoch kam ich in meiner Suche nach einer eindeutigen Unterscheidungsmöglichkeit zu dem Schluss, dass Peer Counseling eher eine methodische Beratung - unter anderem von behinderten Menschen für behinderte Menschen meint (vgl. BVP e.V. 1999), während unter Peersupport ganz allgemein die Unterstützung durch Peers zu verstehen ist. Peersupport kann also auch in einem ganz informellen Rahmen stattfinden und muss nicht zwangsweise mit Behinderung in Verbindung gebracht werden.

Miles-Paul (1992) sieht Peersupport beispielsweise als tief in der Menschheitsgeschichte verankert und schreibt, dass sich "Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten [...] immer wieder zusammengeschlossen und sich gegenseitig bei der Überwindung ihrer Probleme unterstützt [haben]." (ebd.) Im US-amerikanischen Raum spielte beispielsweise Peersupport schon Mitte des 19. Jahrhunderts in den Gewerkschaftslokalen eine bedeutsame Rolle für jene ArbeiterInnen, die mit den Folgen der industriellen Revolution zu kämpfen hatten (vgl. Katz & Bender 1976, zitiert nach Miles Paul 1992). Ab 1880 suchten auch verschiedene Eindwanderergruppen, die neben anderen Problemen auch mit Anfeindungen und Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft konfrontiert waren, nach Verständnis und Unterstützung innerhalb einer Gruppe von Menschen, die selbige Erfahrungen machten (vgl. ebd.).

Ein organsierterer Zusammenschluss in Selbsthilfegruppen wurde später durch die Gruppen der Anonymen Alkoholiker eingeleitet (vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc.1976, zitiert nach Miles-Paul 1992), die für sich herausgefunden hatten, "[...] daß ein Alkoholiker einen anderen Alkoholiker in einer Weise verstehen und beeinflussen kann, wie dies einem Nichtalkoholiker nicht möglich ist." (Miles-Paul 1992) Auf diesem Beispiel aufbauend deckt heute eine enorme Bandbreite an Gruppen ihren Bedarf an Unterstützung mittels Peersupport ab (vgl. ebd.). So dienen Selbsthilfegruppen heute, um nur einige Beispiele zu nennen, drogen- oder spielsüchtigen Menschen, Homosexuellen, Arbeitslosen, RaucherInnen, Menschen, die Tod oder Kindesmisshandlung zu verkraften suchen, und eben auch behinderten Menschen (vgl. Jong 1982). Auch in der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre spielte Peersupport eine bedeutende Rolle, wobei besonders die‚ consciousness-raising groups' hervorzuheben sind, die schließlich auch einflussreich für Peersupport in der Behindertenbewegung waren. Innerhalb dieser Gruppen konnten sich Frauen sowohl über ihren Lebensalltag, als auch über politische Komponenten der Frauenbewegung austauschen (vgl. Evans 1989, zitiert nach Miles Paul 1992).

Für behinderte Menschen öffnete sich das Tor zum Peersupport erst durch die Independent Living Bewegung in den USA (siehe Kap. 2), wo dem Peergedanken schließlich eine solche Bedeutung zukam, dass Nichtbehinderten der Zugang zu Behindertengruppen zum Teil verwehrt wurde. Ohne den Zusammenschluss in die auf Peersupport basierenden Behindertengruppen hätte die Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen nicht ansatzweise eine solche politische Macht erreichen können, wie es die Geschichte der letzten Jahrzehnte lehrt.

Peer Counseling stellt nun eine methodische und teilweise auch professionalisierte Form von Peersupport dar. Auch ist mittlerweile eine gewisse Tendenz bemerkbar, Peer Counseling direkt im Bereich von Behinderung anzusiedeln. Ich möchte hier deshalb eher von einer Tendenz denn von einer Tatsache sprechen, da die Bedeutungsverschiebung, die der Begriff des Peer Counseling erfahren hat, nicht unbedingt explizit als solche stattgefunden hat. Ein erheblicher Anteil an dieser Bedeutungsverschiebung ist jedenfalls dem Independent Living Movement zuzuschreiben, das Peer Counseling als ein koordiniertes Angebot von Dienstleistungen in den ILCs etablierte (vgl. Rice & Farley 1987). Der Umstand, dass Peer Counseling im Rehabilitation Act als eine Kerndienstleistung der US-amerikanischen ILCs aufgelistet wurde, unterstreicht diese enge Verbindung noch (vgl. Toms Barker 1987).

Jedenfalls fasst noch die "Encyclopedia of Educational Research" Peer Counseling folgendermaßen zusammen:

"Peer counseling is a rapidly growing people-helping-people phenomenon that has found a vital place in schools, businesses, and communities in the United States and Canada. Peer counselors attempt to address a range of human needs in areas of social-emotional functioning, behavior control and management, career development and guidance, and educational achievement." (Alkin 1992, Vol.3, S.976)

In dieser Definition wird noch keine spezifische Zielgruppe von Peer Counseling hervorgehoben. Allerdings werden sog. Peer Counselors noch im selben Beitrag als zwar unprofessionelle aber doch trainierte HelferInnen beschrieben, die auf professionelle Supervision zurückgreifen können, um deren HelferInnenrollen ausfüllen zu können. Durch das Hervorheben der durch Peer Counselors angebotenen Dienstleistungen (engl.: services) und des hierfür notwendigen Trainings, wird schon hier das Bild vermittelt, dass es sich beim Peer Counseling um zumindest ehrenamtliche Dienstleistungen handelt (vgl. ebd.).

Auf der zeitlichen Achse etwas früher anzusiedeln, aber schon mit einer Perspektive auf die Independent Living Bewegung, liefern uns Rice und Farley (1987) gleich zwei Definitionen von Peer Counseling - eine allgemeine Version ...

"[...] peer counseling is [...] a variety of interpersonal helping behaviors assumed by non-professionals who undertake a helping role with others." (Rice & Farley 1987, S.7)

... und eine behinderungsspezifische Version:

"[...] peer counseling is [...] counseling provided to a person with a disability by a person with a disability, who has developed the necessary coping skills to deal effectively with psychosocial, environmental, physiological, and societal barriers." (ebd.)

Wir sehen also, dass Peer Counseling zwar grundsätzlich nicht nur auf Behinderung bezogen ist, doch muss ganz klar festgestellt werden, dass der Begriffsgebrauch heute hauptsächlich auf den Disabilitybereich beschränkt ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist, dass das häufig genutzte Online-Lexikon Wikipedia den Begriff des Peer Counseling ausschließlich auf Menschen mit Behinderung bezieht (vgl. Wikimedia 2012).

Auch der Berufsverband Peer-Counseling e.V. (BVP e.V.) richtet sich explizit nur auf den Bereich Behinderung indem beispielsweise "[...] die Bejahung der eigenen körperlichen, geistigen oder seelischen Einschränkung [...]" (BVP e.V. 1999) als unersetzbare Befähigung für den Beruf als Peer Counselor aufgeführt wird. Im Anschluss an diese Erkenntnis werde auch ich in dieser Studie Peer Counseling auf eine methodische, behinderungsspezifische und hauptsächlich ehrenamtlich betriebene Dienstleistungsform reduzieren.

Vorteile von Peer Counseling

Die Frage, weshalb Peer Counseling anderen Beratungsformen durch Nicht-Behinderte vorzuziehen ist, lässt sich in erster Linie damit beantworten, dass Peers die Gefühle und Belange behinderter Personen besser verstehen können als etwa nicht-behinderte Professionelle (vgl. Toms Barker 1987). "[...] Peer-UnterstützerInnen [können beispielsweise] einen ziemlich guten Sinn dafür haben, welche Probleme durch die Behinderung bedingt sind und welche nicht." (Miles-Paul 1992)

Ein weiterer Grund, der für eine Unterstützung durch Peers spricht, wäre darin zu sehen, dass behinderte Personen, die selbst schon einen selbstbestimmten Lebensstil pflegen, als gute Rollenmodelle für KonsumentInnen dienen können und somit auch glaubwürdiger bzw. authentischer sind als nicht betroffene Personen (vgl. Toms Barker 1987). Für Miles-Paul (1992) sind Rollenmodelle besonders bedeutsam in einem Peer Counseling Prozess. Peer Counselors können so den KundInnen aufzeigen, was erreichbar ist, und damit die Motivation wecken, einen weiteren Schritt in Richtung eines selbstbestimmteren Lebens zu wagen (vgl. ebd.). Die Vorbildfunktion spielt hier auch deshalb eine nicht unwichtige Rolle, da KundInnen vor einer anderen behinderten Person viel weniger dazu neigen, die eigene Behinderung für sekundäre Gewinne (vgl. Goffman 1975) zu nutzen, indem sie sich zum Beispiel der Behinderung als einer Ausrede bedienen (vgl. ebd.).

Nun sorgt auch der Umstand, dass die GesprächspartnerInnen in einem Counseling Prozess bestimmte Lebenserfahrungen teilen, für eine vertrauensvolle und entspannte Atmosphäre, die zu einem offeneren Austausch führen kann. Dass nichts von dem, was innerhalb einer Peer Counseling Situation passiert, nach außen dringt, verstärkt diesen Effekt schließlich noch (vgl. van Kan 1996). Die Bedeutung einer guten Gesprächsatmosphäre bzw. einer guten Beratungs-Beziehung darf an dieser Stelle nicht unterschätzt werden, da diese entscheidend für den Erfolg eines Peer Counseling Prozesses sind (vgl. Toms Barker 1987); immerhin wird auch in der personenzentrierten Psychotherapie, auf der Peer Counseling basiert, das Klima zwischen TherapeutIn und KlientIn als maßgeblich für den Therapieerfolg gesehen (vgl. Rogers 1981).

Abschließend führt van Kan (1996) noch den Vorteil auf, dass die an einem Peer Counseling teilnehmenden Personen gleichberechtigt seien, es also keine Hierarchie zwischen BeraterIn und KonsumentIn gäbe. Inwieweit dies aber tatsächlich der Fall ist, wage ich zu bezweifeln. Alleine schon dadurch, dass innerhalb einer Peer Counseling Situation der beratenden Person ein bestimmtes Mehr an Kompetenzen zugeschrieben wird, wird, so mein Verständnis, bis zu einem gewissen Grad auch Hierarchie produziert. Aus diesem Grund würde ich eher dafür plädieren, von größerer Gleichberechtigung zu sprechen, denn von absoluter.

Aufgaben und Grundregeln

Wir haben gesehen, dass Peer Counselors gewisser, zum Teil erlernbarer Qualifikationen bedürfen, um ihrer HelferInnenrolle gerecht werden zu können. Im nun Folgenden wollen wir uns ansehen, welche Aufgaben Peer Counselors zu erfüllen haben und welche Qualifikationen im Groben hierfür benötigt werden. Des Weiteren soll noch ein kurzer Blick auf die in einem Peer Counseling Programm angewandten Methoden geworfen werden. Eine detaillierte und allgemein gültige Beschreibung eines Peer Counseling Prozesses kann an dieser Stelle aber nicht angestrebt werden, zu sehr unterscheiden sich die Verständnisse und Herangehensweisen der verschiedenen Selbstbestimmt Leben Zentren (vgl. Miles-Paul 1992); vielmehr sollen einige wenige Aspekte des Peer Counseling kurz skizziert werden.

"Die dem Peer Counseling zugrunde liegende Annahme ist, daß jeder/jede, so er/sie die Gelegenheit dazu bekommt, die meisten seiner eigenen Probleme des täglichen Lebens selbst lösen kann. Es ist als[o] nicht die Aufgabe eines Peer Counselors, die Probleme eines anderen zu lösen, sondern lediglich dem anderen zu helfen, selbstständig entsprechende Lösungen zu finden. Peer Counselors sagen weder, was jemand ‚tun sollte', noch geben sie Ratschläge. Stattdessen hilft ein Peer Counselor, Lösungen zu finden, indem er zuhört, von eigenen Erfahrungen berichtet, gemeinsam mit dem zu Beratenden Möglichkeiten und Ressourcen [...] [erforscht], um ihm schlicht eine Unterstützung zu geben." (Autonomes Behindertenreferat 1993, S.30)

Auf diese Weise beschreibt das Autonome Behindertenreferat AStA der Uni Mainz in Anlehnung an das ‚Independent Living Resource Center San Francisco' (ILRCSF) nicht nur die Grundidee hinter Peer Counseling, sondern zeichnet auch ein grobes Bild davon, welche Aufgaben Peer Counselors zu erfüllen haben. Besonderer Wert wird hierbei auf die Aufgabe und, dafür grundlegend, die Fähigkeit des Zuhörens gelegt. Immerhin mache gutes Zuhören etwa 50% des Counselings aus und sei "[...] eine Hilfe für andere, um herauszufinden, wo sie gerade sind, was sie denken und wie sie sich fühlen" (ebd. S.17).

Peer Counseling und Rogers' "personenzentrierte Psychotherapie"

Die Methode des aktiven Zuhörens basiert nun auf der von Carl Rogers entwickelten "personenzentrierten Psychotherapie" (vgl. ebd.), die, bei näherem Hinsehen, wie die Faust aufs Auge passt, wenn wir Peer Counseling mit dem Paradigma der Selbstbestimmt Leben Bewegung und dem damit einhergehenden Verständnis von Identität verknüpfen. So erzählt Rogers (1981) selbst in einem in Wien gehaltenen Vortrag,

"[...] daß dieser Ansatz ganz deutlich das medizinische Modell ablehnt, welches beinhaltet, nach einer Pathologie Ausschau zu halten, eine Diagnose zu entwickeln [...], sowie ein behandlungsorientiertes Denken im Sinne einer Heilung." (Rogers 1981, S.22)

Konsequenterweise zieht Rogers deshalb auch den Begriff "KlientIn" vor, statt, wie sonst üblich, von "PatientInnen" zu sprechen. Dies begründet er damit, dass der oder die KlientIn, der/die einen Hilfsbedarf hat, selbst entscheidet, wie mit den in der Therapiesitzung gewonnen Erkenntnissen umgegangen wird - der/die KlientIn ist eine selbstbestimmte und autonome Person (vgl. ebd.).

Dieser Sichtweise liegt nun ein Menschenbild zugrunde, das den Menschen als grundsätzlich gut versteht (vgl. Korunka 1992) und dem menschlichen Organismus ein Streben nach Selbsterhaltung, Selbstverwirklichung, Autonomie und Selbstbestimmung (wörtl. Selbstverantwortung) zuschreibt (vgl. Rogers 1996). Auch lehnt sich Rogers explizit an Meads symbolischen Interaktionismus und schreibt, dass die "[...] Interaktion mit anderen [...] die Struktur des Selbst [formt]" (ebd. S.430). Der Mensch ist also ein "social animal", dessen "[...] Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung [...] angeboren [ist]" (Rogers 1971, zitiert nach Frenzel 1992, S.89), er bedarf also bedingungsloser Wertschätzung durch andere (vgl. Rogers 1981). Aus diesem Grund sieht Rogers, neben Empathie und Authentizität, natürlich auch bedingungslose Wertschätzung als Voraussetzung für eine gelungene Therapie bzw. für eine Aktualisierung der Persönlichkeitsentwicklung (vgl. ebd.).

Natürlich handelt es sich bei Peer Counseling nicht um Therapie, sondern viel eher um eine Hilfestellung zur Aktualisierung der Persönlichkeitsentwicklung, dennoch wage ich zu behaupten, dass zumindest zwei dieser drei eben erwähnten Voraussetzungen durch selbst behinderte BeraterInnen leichter zu erfüllen sind als durch nichtbehinderte Menschen. Beispielsweise fällt es einer behinderten Person leichter, sich in das Leben anderer behinderter Personen hineinzuversetzen, also einen Zustand von Empathie zu erreichen. Des Weiteren ist ein behindertes Individuum im Normalfall wesentlich authentischer, wenn etwa Behinderungserfahrungen thematisiert werden.

Als Autor dieser Studie muss ich in diesem Zusammenhang eingestehen, selbst überrascht darüber zu sein, wie gut sich der Kreis zwischen dem hier angewandten Identitätsverständnis, dem Independent Living Paradigma, der darauf aufbauenden Sichtweise von Peer Counseling und der personenzentrierten Psychotherapie zu schließen scheint. Immerhin muss festgehalten werden, dass dieses von Rogers entwickelte Konzept ursprünglich in keiner Weise in einem Zusammenhang mit der Independent Living Bewegung stand; und trotzdem - hier nur von Parallelen zu sprechen wäre schlicht untertrieben.

Techniken des Peer Counseling?

Peer Counseling als "Kunst des Zuhörens" bedient sich nun, dem Autonomen Behindertenreferat (1993) zufolge, einiger Techniken, um den KlientInnen das Sprechen zu erleichtern. So werden unter anderem "Aufmerksamkeit schenken" (ebd. S.67) oder "Umschreibung des Gesagten" (ebd. S.68) (Paraphrasieren) als Techniken des Zuhörens aufgezählt, was allerdings nur bedingt den ursprünglichen Grundsätzen der personenzentrierten Psychotherapie entspricht. Immerhin spricht sich Rogers gegen eine Reduzierung auf Techniken aus, hebt aber die Bedeutung der schon erwähnten Voraussetzungen Empathie, Authentizität und bedingungslose Wertschätzung hervor, die keine Technik, sondern vielmehr eine Grundhaltung des Therapeuten bzw. der Therapeutin sein sollten (vgl. Frenzel 1992). "Aufmerksamkeit schenken" rein technischen Kriterien folgend abzuspulen, hieße, so mein Verständnis, eben nicht tatsächlich Aufmerksamkeit zu schenken und wäre somit weder authentisch, emphatisch, noch bedingungslos wertschätzend, es widerspräche den Grundsätzen der personenzentrierten Psychotherapie und wäre nichts anderes als "[...] ein vergleichsweise armseliges Repertoire von Verhaltensvorschriften [...]" (ebd. S.212). In diesem Sinne sollte der Prozess des Peer Counseling viel eher als konstruktive interpersonale Beziehung gesehen werden. Es ist schließlich die Art der Counseling Beziehung, die über den Erfolg des Prozesses entscheidet (vgl. ebd.).

Statt also weiter auf Techniken und Methoden einzugehen, ziehe ich nun vor, die Dos und Don'ts, also die Grundregeln in einer Peer Counseling Beziehung ein wenig näher zu erläutern. Hier führt das Autonome Behindertenreferat (1993) fünf Punkte auf, die allerdings wieder eher als Handlungsanweisungen denn als Grundhaltungen formuliert werden. Interessanterweise gibt es nur zwei Überschneidungen diesen Grundregeln und den drei schon erwähnten Grundsätzen der personenzentrierten Psychotherapie.

Was im "Peer Counseling Reader" mit "Fälle kein Urteil über dein Gegenüber" (ebd. S.66) als Verbot ausgedrückt wird, nicht die eigenen Wertvorstellungen in die Beratungssituation einfließen zu lassen, kann etwa grob als "bedingungslose Wertschätzung" nach Rogers gedeutet werden. Wertschätzung in diesem Sinne meint die nicht bewertende Anteilnahme und Achtung einer Person ohne Bedingungen an diese zu knüpfen (vgl. Frenzel 1992).

Eindeutiger als Überschneidung zu erkennen ist allerdings die Grundregel "Fühle dich ein" (Autonomes Behindertenreferat 1993, S.66) - sie steht für Rogers' Voraussetzung der "Empathie" und meint das Erfassen der Bedeutung, "[...] die für den Klienten in diesem Moment [, also unmittelbar,] gegenwärtig ist." (Frenzel 1992, S.25)

Dies ergänzend führt Miles-Paul (1992) "Unmittelbarkeit" als eine notwenige Kommunikationskompetenz auf und meint damit die Fähigkeit, "[...] sich mit den direkten und indirekten Anmerkungen, die von KundInnen gemacht wurden, zu befassen." (ebd.)

Die drei weiteren Grundregeln des Peer Counseling Readers bleiben ohne Entsprechung im Konzept der personenzentrierten Psychotherapie und werden wieder als Don'ts, als Verbote formuliert. Peer Counselors sollen demzufolge weder Ratschläge geben, noch Äußerungen ihres Gegenübers interpretieren oder "[...] Verantwortung für das Problem des Anderen [übernehmen]" (Autonomes Behindertenreferat 1993, S.66).

Interessant ist, dass sich für Authentizität als Voraussetzung kein Äquivalent im Peer Counseling Reader finden lässt. Hier stellt sich die Frage, ob diese Bedingung von Seiten des autonomen Behindertenreferats (1993) unterbewertet wird. Möglich wäre aber auch, dass in diesem Zusammenhang Authentizität schon allein aufgrund der Behinderungen der Peer Counselors als gegeben gesehen wird und deshalb nicht noch einmal explizit erwähnt wird. In diesem Fall wäre Rogers aber missverstanden, denn für ihn bedeutet Authentizität nichts anderes als Kongruenz -"[...] ein Zusammenstimmen [...] zwischen dem, was innerlich erfahren wird, was bewußt im Intellekt ist und was verbal ausgedrückt wird." (Frenzel 1992, S.26f.) Somit entspricht das Teilen von Behinderungserfahrungen eben nicht automatisch einer Authentizität im Sinne der personenzentrierten Psychotherapie.

Für Peer Counselors ist aber nicht nur wichtig, selbst authentisch bzw. kongruent zu sein; sie benötigen auch die Fähigkeit, an KundInnen zu erkennen, ob diese in ihrem Verhalten und ihren Äußerungen Unstimmigkeiten aufweisen, also nicht authentisch sind. Wird eine solche Diskrepanz erkannt, wird für Miles-Paul (1992), der Peer Counseling nicht als Psychotherapie sieht, die Fähigkeit der "Konfrontation" bedeutungsvoll. Schließlich sollten BeraterInnen in der Lage sein, die AdressatInnen auf adäquate Weise mit möglichen Diskrepanzen zu konfrontieren, indem sie diese ansprechen (vgl. ebd.). Dieser letzte Punkt zeigt uns, dass die gerade aufgelisteten Kompetenzen nicht als separate zu betrachten sind, sondern aufeinander aufbauen und einander bedingen. Damit es beispielsweise überhaupt zu einer Konfrontation kommen kann, muss erst eine Unstimmigkeit als solche erkannt werden, was einen bestimmten Grad an Empathie bedarf, die, im Sinne der personenzentrierten Psychotherapie, Unmittelbarkeit als Fähigkeit mit einschließt.

Im Rückschluss möchte ich nun behaupten, dass die von Rogers und Miles-Paul geteilte Perspektive, von Kompetenzen und Fähigkeiten zu sprechen, gegenüber der gebots- und verbotsorientierten Sichtweise des autonomen Behindertenreferats vorzuziehen ist. Denn auch das Einhalten bestimmter Grundregeln wäre, wie wir schon in Bezug auf Techniken gesehen haben, lediglich "[...] ein armseliges Repertoire von Verhaltensvorschriften [...]" (Frenzel 1992, S.212).

Bisher habe ich den Hauptfokus auf die Methode des aktiven Zuhörens im Sinne der personenzentrierten Psychotherapie gelegt, was die wohl wichtigste Komponente im Bereich der emotionalen Unterstützung darstellt. Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, nur auf diese Aspekte des Peer Counseling einzugehen, denn innerhalb eines Beratungsprozesses sind natürlich auch ganz praktische Dinge zu erledigen.

So darf nicht darauf vergessen werden, dass ein Peer Counselor auch als wichtige Verbindung zwischen den KundInnen und den durch die jeweilige Institution - sei es ein selbstbestimmt Leben Zentrum oder eine rehabilitatorische Institution - angebotenen Dienstleistungen agiert (vgl. Toms Barker 1987). In selbstbestimmt Leben Zentren kann dies etwa bedeuten, als Verbindungsglied zwischen persönlicher Assistenz und KundIn zu fungieren. So wird die persönliche Assistenz meist durch Peer Counselors vermittelt (vgl. Miles-Paul 1992).

Um nun bei dem Stichwort Praxis zu bleiben, darf nicht darauf vergessen werden, dass eine weitere bedeutsame Aufgabe eines Peer Counselors darin besteht, den KundInnen auch bei praktischen Herausforderungen zur Seite zu stehen.

Im Fall von in selbstbestimmt Leben Zentren durchgeführten Peer Counselings wird vor allem zwischen Anleitung und Hilfe in der alltäglichen Lebenspraxis und dem Lehren von für ein selbstbestimmtes Leben notwendigen Fertigkeiten unterschieden (vgl. Miles-Paul 1992). Zu den im Alltag notwendigen Fähigkeiten lassen sich beispielsweise Handlungen wie Kochen, Transfers aus und in den Rollstuhl, das Einsetzen eines Blindenstocks (vgl. ebd.) oder das Überwinden kleinerer Barrieren im Rollstuhl aufzählen. Größerer Wert wird in SL-Programmen allerdings auf Fertigkeiten gelegt, die für ein selbstbestimmtes Leben notwendig sind. In diesem Zusammenhang hebt Cole (1983, zitiert nach Miles Paul 1992) folgende Punkte als besonders wichtig hervor:

  • "Effektive Kommunikation mit Anderen, um Informationen zu erlangen, Meinungen auszudrücken und Bedürfnisse erfüllt zu bekommen

  • Das Identifizieren von Ressourcen und das Lernen, wie diese genutzt werden können

  • Das Identifizieren und Vergleichen von Wahlmöglichkeiten

  • Das Treffen von Entscheidungen und Setzen von Prioritäten

  • Die Verpflichtung zur Verfolgung von Langzeitzielen, sowie zur Verfolgung eines Aktionsplans bis zum Erreichen der erwünschten Ergebnisse

  • Die Entwicklung von aufeinander folgenden Plänen, so daß Aktivitäten und Anstrengungen mit zunehmendem Erfolg zur Erreichung eines Langzeitzieles führen

  • Das Abschätzen von Risiken, das Voraussehen von Konsequenzen und die Entwicklung des Urteilsvermögens über das Eingehen von Risiken

  • Das Bewältigen von Krisen, wie medizinischen oder finanziellen Notfällen

  • Das Lösen von Problemen"

Diese Punkte ergänzend können noch "Umgang mit Streß, Gesundheit, [...] Organisation der Persönlichen Assistenz, [...] Sexualität [und] Soziale Fähigkeiten [...]" (Miles-Paul 1992) als Themenfelder aufgeführt werden.

Letztlich fallen auch Hilfsmittelberatung, Rechtsberatung, Wohnungsvermittlung oder auch Berufsberatung unter durch Peer Counselors erbrachte Dienstleistungen (vgl. ebd.). Die hierfür nötigen Qualifikationen lassen sich nun nicht allein durch Erfahrungen aufgrund der eigenen Behinderung oder durch Gesprächsführungskompetenzen abdecken. In diesem Bereich der Informationsvermittlung wird von den BeraterInnen abrufbares Wissen abverlangt bzw. die Fähigkeit möglichst schnell an notwendige Informationen zu kommen - es handelt sich um Qualifikationen, die einerseits erlernbar sind und sich andererseits durch vermehrte Erfahrungen als Peer Counselor entwickeln.

Hoffentlich konnte deutlich gemacht werden, dass sich Peer Counseling nicht auf genau definierte Aufgabenbereiche oder Qualifikationen beschränken lässt. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Verständnisse des Begriffes Peer Counseling sehr variieren. Meiner Ansicht nach liegt diese große Bandbreite an Aufgaben nun darin begründet, dass Peer Counseling eine kundenorientierte Dienstleistungsform darstellt, die sich nach dem vorherrschenden Hilfsbedarf der KundInnen richtet. Dass ein solcher Hilfsbedarf entstehen kann, heißt nach meinem Verständnis, dass die Bedürfnisse behinderter Menschen in der "Welt da draußen" zu wenig Beachtung finden und somit nicht zu genüge gedeckt werden können. Aus diesem Grund, so schreibt Miles-Paul (1992), "[...] müssen die Peer-UnterstützerInnen auch stets an [...] zwei Fronten tätig sein [...]", damit sich neben der direkten Unterstützung auch ein gesellschaftlicher Wandel zugunsten behinderter Menschen vollziehen kann.

Grenzen von und Kritik an Peer Counseling und Peer Support

Wir sehen, dass die Möglichkeiten von Peer Counseling bestimmten Grenzen unterliegen. Ich möchte nun versuchen, einige dieser Grenzen aufzuzeigen.

Vergleicht man Miles-Pauls Gedanken zu den Grenzen des Peer Counseling[14] mit dem Verständnis des autonomen Behindertenreferats zu diesem Tätigkeitsfeld, wird wieder bewusst, wie sich die Auffassungen von Peer Counseling unterscheiden.

Auch wenn es nach Miles-Paul im Peer Counseling "[...] des öfteren darum geht, emotionale Unterstützung zu leisten, handelt es sich nicht um die Durchführung einer Psychotherapie." (Miles-Paul 1992) Da Peer Counselors in der Regel nicht über eine Psychotherapie-Ausbildung verfügen, sollten, seiner Ansicht nach, behinderte BeraterInnen in der Lage sein zu erkennen, wann es bei grundlegenden emotionalen und psychologischen Problemen besser wäre, die betroffenen AdressatInnen an eine angemessenere Organisation oder Person weiterzuleiten (vgl. ebd.).

Im Gegensatz dazu wird im "Peer Counseling Reader" des autonomen Behindertenreferats immer wieder und ohne Einschränkungen auf die Wichtigkeit hingewiesen, Unterstützung auf emotionaler Ebene zu leisten. Auch werden der Besitz einer Behinderung und die Motivation, anderen zu helfen, schon als ausreichende Qualifikationen gesehen. Ein passendes Beispiel hierfür wäre etwa darin zu sehen, dass dem autonomen Behindertenreferat zufolge Peer Counselors Menschen sind, "[...] die selbst Erfahrungen mit emotionalen Problemen gemacht haben, und die aufgrund dieser Erfahrung anderen Menschen helfen möchten." (Autonomes Behindertenreferat 1993, S.26)

Die durch Miles-Paul und durch das autonome Behindertenreferat vertretenen Ansichten in Bezug auf Peer Counseling können also viel unterschiedlicher nicht sein. Hier soll aber der Ansicht der Vorzug gegeben werden, dass nicht- oder nur wenig ausgebildete Peer Counselors eben nicht qualifiziert genug sind, ihren KundInnen bei jeglichen Problemen die notwendige Unterstützung geben zu können. Aus diesem Grund ist es für Peer Counselors eminent wichtig zu erkennen, wenn sie selbst ihren KundInnen nicht mehr helfen können. Ein wichtiges Hilfsmittel hierfür stellt die im Peer Counseling gängige Praxis der Supervision dar, die den BeraterInnen hilft, mit den in Counseling Situationen entstandenen (Selbst-)Erfahrungen umzugehen (vgl. ebd.) und gegebenenfalls die notwendigen Schlüsse zu ziehen.

Ein für Peer Counseling spezifisches Problem "[...] ergibt sich aus dem Kontakt zu nichtbehinderten Professionellen [...]" (Miles-Paul 1992), in deren Verhalten sich oft die mehrheitsgesellschaftlichen Einstellungen gegenüber behinderten Menschen spiegeln. So können nichtbehinderte Professionelle das Paradigma von selbstbestimmt Leben oft nicht nachvollziehen und haben des Weiteren auch Schwierigkeiten, behinderte MitarbeiterInnen als gleichwertig anzuerkennen. Auch wenn Peer Counselors nach einer gewissen Zeit meist als gleichberechtigte ExpertInnen anerkannt werden, stoßen sie anfangs häufig auf Widerstand und Misstrauen und stehen unter dem Druck, ihre Anstellung vor dem restlichen Personal legitimieren zu müssen (vgl. Stein 1978, zitiert nach Miles-Paul 1992).

Eine noch nicht erwähnte Grundvoraussetzung des Peer Counseling, die gleichzeitig auch eine Grenze desselben darstellt, liegt in der Bereitschaft der KundInnen, sich auf einen solchen Prozess auch einzulassen (vgl. Miles-Paul 1992). Fehlt diese Bereitschaft, kann Peer Counseling nicht funktionieren. Besonders für Personen mit einer frisch erworbenen Behinderung bedeutet "[...] es einen grossen Schritt [...], mit anderen Behinderten Kontakt aufzunehmen." (ebd.) Als Barrieren für eine solche Kontaktaufnahme sieht Miles-Paul "[...] die Angst, dadurch der Gruppe der Behinderten zugeordnet zu werden und zusätzliche Segregierung zu erfahren, das unausweichliche Konfrontiert-Werden mit der eigenen Behinderung oder negative Vorurteile gegenüber Behinderten [...]" (ebd.).

An dieser Stelle möchte ich allerdings noch zwei Punkte ergänzen, die verhindern können, dass potentielle KundInnen erreicht werden. Ein Hindernis sehe ich etwa darin, dass das Inanspruchnehmen von Peer Counseling den KundInnen zumindest implizit einen gewissen Hilfsanspruch, ein bestimmtes Problem oder ein noch nicht selbstbestimmtes Leben zuschreibt, wobei ähnliches auch für BesucherInnen von Peer Support Groups bzw. Selbsthilfegruppen gilt. Dies führt dazu, dass behinderte Personen, die keinen Hilfsanspruch haben oder dies zumindest glauben, durch Peer Counseling bzw. durch Selbsthilfegruppen weniger angesprochen werden. Einen ähnlichen Gedanken schildert auch Armin Traute (2010) in Bezug auf Selbsthilfegruppen für Menschen mit HIV:

"Wer als HIV-Betroffener ‚gesund' ist (damit ist ein körperliches und psychisches Wohlbefinden und ein funktionierendes soziales Netz gemeint), findet kaum mehr seinen Weg in eine Selbsthilfegruppe. Für wen HIV ‚kein Problem mehr' ist, wer also seinem erlernten Beruf nachgehen kann, ein auskömmliches Gehalt hat und die Verhältnisse eigentlich ganz in Ordnung findet, in denen er lebt, den wird Selbsthilfe nicht ansprechen." (ebd. S.24)

Nun könnte man einwenden, dass Personen in diesem Fall keine Unterstützung durch Peers benötigen würden, was ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke wäre. Doch auch wenn das Zusammensein mit Peers nicht für jede behinderte Person zwingend notwendig ist, so denke ich doch, dass Peer Kontakte für jeden Menschen mit Behinderung ein großes Potenzial in sich tragen, nicht nur die eigene Entwicklung zu fördern, sondern auch wertvoll für den Rest der Community zu sein. Ein möglichst großer Austausch wäre schließlich für alle Beteiligten förderlich. Hier spielt etwa der Rollenmodell-Gedanke insofern eine wichtige Rolle, als dass beispielsweise persönliche Grenzen, die bislang als unüberwindbar wahrgenommen wurden, durch eine andere Person mit einer ähnlichen Behinderung relativiert werden können, weil sie diese Grenzen überschreitet ohne sich dessen zwangsweise bewusst sein zu müssen. In diesem Zusammenhang berichtet eine Person mit einer hohen Querschnittslähmung von folgernder Begegnung im Zuge von Rollstuhlsport:

"When I started to play rugby there was a boy with a higher spinal cord injury than I have. He had less physical functions left. But he had a hand rim wheelchair. And then I thought: 'If he can function in that kind of wheelchair, what am I doing in an electric wheelchair?'" (van de Ven et al. 2008, S.253)

Dies zeigt nun, wie wichtig die Anwesenheit von selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen mit Behinderung für jegliche Form von Peer Support ist, da diese Personen einerseits als Rollenmodelle für andere fungieren können und andererseits auch selbst durch andere TeilnehmerInnen profitieren können.

Eine zweite Einschränkung ergibt sich für mich aus dem organisierten Charakter von Peer Counseling, der bei vielen Menschen die Bereitschaft hemmt, sich auf einen Peer Counseling Prozess einzulassen bzw. überhaupt erst Organisationen aufzusuchen, die solche Programme anbieten. Ich sehe das Hauptproblem darin, dass es vielen sehr schwer fällt, sich mit einem bestimmten Problem an eine Beratungsstelle zu wenden, da dies bedeutet, nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch gegenüber anderen Personen einzugestehen, ein Problem zu haben.

Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der schon angesprochene Umstand, dass die Rollenverteilung BeraterInnen und zu Beratende ein Mindestmaß an Hierarchie produziert, was die Bereitschaft, sich auf einen Peer Counseling Prozess einzulassen zu hemmen vermag.

Ich behaupte nun, dass es vielen Menschen leichter fiele, sich auf Unterstützung durch Peers einzulassen, wenn dies in einem weniger formellen und weniger defizitorientierten Rahmen passieren würde, in dem nicht schon die Teilnahme gleichbedeutend damit gesehen wird, ein Problem zu haben. So nützlich beispielsweise Selbsthilfegruppen für Menschen mit Behinderung auch sein mögen, widerspricht in meinen Augen nicht nur die Benennung, sondern in Folge dessen oft auch das Setting von Selbsthilfegruppen dem sozialen Modell von Behinderung. Da das Wort "Hilfe", das im Begriff Selbsthilfegruppe steckt, zumeist mit Mängeln und Problemen assoziiert wird, wird auf diese Weise ein defizitäres Verständnis von Behinderung reproduziert. Hier sehe ich das Problem, dass sich dadurch die Mehrheitsgesellschaft einerseits und von einer Behinderung betroffene Menschen andererseits sich in der Meinung bestätigt fühlen könnten, Behinderung wäre ein Mangel. Hinzu kommt der schon erwähnte Umstand, dass behinderte Menschen, die ihre Behinderung nicht als Defizit sehen, dadurch abgeschreckt werden könnten an Selbsthilfegruppen teilzunehmen.

Die Teilnahme von selbstbewussten und selbstbestimmten behinderten Personen könnte aber, wie ich denke, einer solchen defizitorientierten Dynamik entgegenwirken. Aus diesem Grund stellt sich für mich die Frage, ob und wie ein Peer Programm - ich spreche hier bewusst nicht von Peer Support oder Peer Counseling Programmen - Menschen in verschiedensten Stadien ihrer Behinderung und mit unterschiedlichsten Umgangsweisen mit dieser, in gleicher Weise anzusprechen vermag. Ich werde etwas später darauf eingehen, dass zum Beispiel Sport eine Möglichkeit darstellt, auf eine zwanglose und positiver besetzte Art und Weise mit anderen behinderten Menschen in Kontakt zu kommen. Auch wenn ich diese Art des Zusammenseins für sehr konstruktiv erachte, muss ich natürlich vorwegnehmen, dass Sport als Interaktionsplattform noch schärferen Grenzen unterliegt als etwa Peer Counseling.



[12] Wie schon weiter oben erwähnt, dürfen die beiden Begriffe "Gleiche" und "Ebenbürtige" nicht als uneingeschränkt gültig verstanden werden, sondern sind auf einen bestimmten Lebensbereich beschränkt.

[13] Auch Miles-Paul (1992) tappt in diese Falle indem er einerseits die Definition der Study Group on Peer Counseling as a Rehabilitation Resource (1981) von Peersupport hervorhebt und andererseits selbigen Begriff schon kurz später als allgemeinen, eben nicht rein behinderungsspezifischen Begriff herausarbeitet.

[14] Miles-Paul (1992) selbst nutzt in "Wir sind nicht mehr aufzuhalten. Behinderte auf dem Weg zur Selbstbestimmung" stets den Begriff Peer Support, dennoch nutze ich hier "Peer Counseling", da seine Erläuterungen zu "Grenzen des Peer Support" inhaltlich dem hier angewandten Verständnis von Peer Counseling entsprechen

4. Forschungsdesign

Dieses Kapitel soll als Einleitung in den empirischen Teil dieser Diplomarbeit kurz die von mir für diese Studie angewandten Forschungsmethoden umreißen und in weiterer Folge eine Begründung für deren Auswahl liefern. In diesem Zusammenhang darf natürlich eine kurze Beschreibung meiner beiden InterviewpartnerInnen nicht fehlen, wobei ich auch schildern werde, wie der Kontakt zu diesen zustande kam und weshalb ich diese beiden Personen ausgewählt habe.

4.1 Das problemzentrierte Interview

Bei der Datenerhebung für meine empirische Forschung habe ich mich für das problemzentrierte Interview nach Witzel (1985) entschieden. Diese Interviewform lässt sich der qualitativen Forschung zuordnen, die sich für "[...] die persönliche Erlebniswelt einzelner Menschen" (Hug 2010, S.89), also die "Subjektivität des Beforschten" (ebd.) interessiert, was auch der Intention meiner Forschung entsprach. Im Zentrum des Interesses standen für mich die Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen meiner GesprächspartnerInnen im Bezug auf ihre frisch erworbene Querschnittslähmung und später auf deren Kontakt zu anderen querschnittsgelähmten Personen.

Das problemzentrierte Interview im speziellen zeichnet sich nun einerseits durch dessen Offenheit der Antwortmöglichkeiten für die Befragten und andererseits durch dessen Teilstrukturiertheit aus (vgl. ebd.). Diese Teilstrukturiertheit ergibt sich aus einem Leitfaden aus biographischen Fragen, die den Fokus des Gespräches auf eine bestimmte gesellschaftlich relevante Problemstellung lenken sollen (vgl. ebd.), ohne aber das Interview zu dominieren. Das heißt, die Fragen sind im Gegensatz zu einem vollkommen strukturierten Interview nicht genau einzuhalten, was auch spontane Abweichungen (vgl. ebd.), wie z.B. Ad-hoc-Fragen (Witzel 1985, S.245) erlaubt. Der Leitfaden soll die Interviewten "[...] möglichst ungehindert zu Wort kommen [...]" (Hug 2010, S.102), das Gespräch dabei dennoch in eine bestimmte Richtung leiten (vgl. ebd.). Für das Erstellen eines Leitfadens "[...] ist es nötig, sich bereits vorab mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben" (ebd.), ein bestimmtes Vorwissen ist also unabdingbar, um schließlich daraus Fragen ableiten zu können.

Ich legte mich nun deshalb auf das problemzentrierte Interview fest, da mein Interesse zum einen der Problemstellung galt, dass es aufgrund des defizitären gesellschaftlichen Behinderungsverständnisses nach einer erworbenen Behinderung gewissermaßen zu einer Identitätskrise kommen kann und in weiterer Folge die Peergroup hilfreich sein kann, diese Krise zu bewältigen. Und zum anderen hatte ich mir schon ein theoretisches Vorwissen erarbeitet, aufgrund dessen ich auch in der Lage war, einen Leitfaden zu erstellen, der die Interviews ein wenig in Richtung dieser Problemstellung lenken konnte.

Der Gesprächseinstieg in ein problemzentriertes Interview sollte, ähnlich wie bei einem narrativen Interview (vgl. Flick 2006), möglichst offen sein und als Erzählanreiz dienen, "[...] ohne daß man bereits das Augenmerk auf einen bestimmten Aspekt der Problemstellung beschränkt hat." (Witzel 1985, S.245). Neben diesem werden auch allgemeine Sondierungen, spezifische Sondierungen und Ad-Hoc-Fragen als zentrale Kommunikationsstrategien gesehen (vgl. Flick 2006). Während allgemeine Sondierungen "[...] zusätzliches »Material« und weitere Details [...] liefern [...]" (ebd, S.211) sollen, dienen spezifische Sondierungen zur Verständnisvertiefung der Interviewerin bzw. des Interviewers. Kommt es trotz Leitfaden und der schon erwähnten Kommunikationsstrategien nicht zu ausreichenden Auskünften über die interessierenden Themenbereiche, kann dem schließlich noch mit Ad-Hoc-Fragen nachgeholfen werden (vgl. Witzel 1985).

Als ein Kriterium des problemzentrierten Interviews hebt Witzel (1985) letztlich die Prozessorientierung hervor:

"Es geht um die flexible Analyse des wissenschaftlichen Problemfeldes, eine schrittweise Gewinnung und Prüfung von Daten, wobei Zusammenhang und Beschaffenheit der einzelnen Elemente sich erst langsam und in ständigem reflexiven Bezug auf die dabei verwandten Methoden herausschälen." (ebd. S.233)

Diesem Kriterium habe ich insofern versucht gerecht zu werden, indem ich beispielsweise Ad-Hoc-Fragen, die sich im Interview mit meinem ersten Gesprächspartner (Herbert) ergeben hatten, schon vorab in den Leitfaden für das zweite Interview mit Karin mit eingebaut habe. Die Leitfäden zu den einzelnen Interviews finden Sie im Anhang A ab Seite 157.

Auch bei der Auswahl meiner InterviewpartnerInnen ging ich schrittweise vor, wenn auch im kleinstmöglichen Rahmen.

4.2 Sampling

Bevor ich nun näher auf die Auswahlkriterien der von mir interviewten Personen eingehe, möchte ich festhalten, dass ich zu beiden GesprächspartnerInnen schon vor den Interviews in einer freundschaftlichen Beziehung stand. Der Kontakt zu diesen beiden Personen entstand im Rahmen von Rollstuhlsport, da auch ich selbst querschnittsgelähmt bin und Rollstuhlsport ausübe. Nach Flick (2006) birgt sowohl das Auftreten des Forschenden als fremd als auch als vertraut Erkenntnismöglichkeiten genauso wie Erkenntnisbarrieren. Auch wenn die Fremdheit des Forschenden als Außenstehender bzw. Außenstehende "[...] Einblicke in Routinen und Selbstverständlichkeiten" (Flick 2006, S.149) einer sozialen Gruppe erlaubt, bleiben ihm/ihr auf der anderen Seite aber auch "[...] bestimmte Einblicke verwehrt." (ebd. S.150). So gibt es etwa nach Adler und Adler (1987) zwei Wirklichkeiten für eine soziale Gruppe: "eine, die Außenseitern präsentiert wird, und einer andere, die Eingeweihten reserviert bleibt" (ebd. S.21). Ich wage nun also zu behaupten, dass mir mein freundschaftliches Verhältnis zu meinen GesprächspartnerInnen in Kombination mit dem Umstand, durch meine eigene Querschnittslähmung ein "Eingeweihter" zu sein, einen anderen, vielleicht sogar tieferen Einblick in deren Lebenswelt verschaffen konnte.

Bei der Auswahl meiner InterviewpartnerInnen legte ich mein Hauptaugenmerk vor allem auf drei Aspekte: Wichtigstes Kriterium war, dass sie ParaplegikerInnen sind, dass sie also komplett oder inkomplett querschnittsgelähmt sind, ohne aber Einschränkungen an den oberen Extremitäten zu haben. Die Paraplegie sollten sie sich, vom Zeitpunkt des Interviews aus gesehen, vor grob zehn Jahren zugezogen haben. Diesem Kriterium lag die Annahme zugrunde, dass die interviewten Personen einerseits schon lange genug mit ihrer Behinderung leben, um (wieder) ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben zu führen, andererseits aber noch eine mehr oder weniger genaue Erinnerung an die Zeit rund um ihre Verletzung haben, um von ihren Empfindungen und Erfahrung aus jener Zeit erzählen zu können. Als drittes Auswahlkriterium hatte ich das Ausüben von Sport festgelegt, wobei ich die Relevanz dieses Kriteriums im Nachhinein ein wenig in Frage stelle; immerhin hat sich im Laufe meiner Untersuchungen herausgestellt, dass Sport eben nicht zwingendermaßen eine ideale Plattform für soziale Kontakte mit der Peergroup darstellt.

Diesen Kriterien folgend fiel die Wahl meines ersten Gesprächspartners auf Herbert:

Herbert ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und spielt, auf breitensportlicher Ebene, sowohl Rollstuhltennis, als auch -basketball. Wie schon zum Zeitpunkt des Ski-Unfalls, bei dem er sich seine Querschnittslähmung zuzog, lebt Herbert in einer Partnerschaft und hat ein Kind. Er ist berufstätig und, wie er selbst im Interview erzählt, "[...] finanziell relativ gut abgesichert." (Anhang B, Interview 1, 234). Herbert hat eine inkomplette Paraplegie, das heißt, er hat noch einen Rest an Funktionen und Sensibilität in den Beinen, was ihm ein hohes Maß an Selbstständigkeit ermöglicht.

Ganz im Sinne der Prozessorientierung passte ich, nach meinem ersten Interview mit Herbert, meine Kriterien für das zweite Interview ein wenig an. Die zweite Interviewpartnerin sollte, wie schon die Einleitung in diesen Satz zeigt, weiblich sein. Sie sollte aber auch jünger sein, sich also nicht nur in ihrem Geschlecht sondern auch in ihrem Alter von Herbert unterscheiden. Da die beiden InterviewpartnerInnen aber nicht zu sehr im Gegensatz zueinander stehen sollten, entschied ich mich für Karin als Interviewpartnerin, da diese eine ähnliche Behinderung (inkomplette Paraplegie) und ein ähnlich hohes Maß an Selbstständigkeit aufzuweisen hatte. Essentiell war natürlich auch, dass sie bereitwillig zustimmte, sich von mir interviewen zu lassen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich das Vorwissen über die beiden GesprächspartnerInnen aus meinem Bekanntschaftsgrad zu diesen ergab, ich führte also keinerlei Voruntersuchungen durch.

Hier eine kurze Skizzierung von Karin:

Karin ist in den Zwanzigern, auch sie betreibt Rollstuhltennis auf breitensportlicher Ebene. Ihre Querschnittslähmung zog sich Karin bei einem Sturz von einem Wasserfall zu als sie sich, soviel kann verraten werden, noch im Schulalter befand. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Karin noch mit ihrem Studium beschäftigt. Auch sie hat, wie schon erwähnt eine inkomplette Paraplegie, ist weitgehend selbstständig und kann mit Krücken gehen.

Einen weiteren Unterschied von Karin zu Herbert sah ich persönlich in ihrer Wertung von Sport. Ich schrieb Karin zu, Sport weniger Bedeutung beizumessen, als dies bei Herbert der Fall war, was sich später auch bestätigen sollte. Dieser Unterschied war für mich deshalb wichtig, da ich das Gefühl hatte, dass Herbert in unserem gemeinsamen Gespräch einerseits darauf bedacht war, ein möglichst positives und selbstständiges Bild von sich zu vermitteln und andererseits Kritik an jenen behinderten Personen übte, die ein solches Bild eben nicht vermitteln können oder wollen. Da ich die Wahrscheinlichkeit eines solchen Verhaltens aufgrund meiner theoretischen Vorarbeit mit Berger (2008) und Levins et al. (2004) im Kontext von Sport als erhöht betrachtete, erhoffte ich mir durch die Auswahl von Karin einen etwas anderen Gesprächsverlauf - auch dies bestätigte sich schließlich durch das mit ihr geführte Interview.

Nachdem nun die Interviewmethode als auch das Sampling ausreichend beschrieben wurden, möchte ich mich nun dem letzten methodologischen Punkt widmen, der Auswertungsmethode.

4.3 Interpretative Auswertungsstrategie für leitfadenorientierte Interviews

Zur Interpretation der beiden von mir geführten Interviews lehnte ich mich an Meuser & Nagel (1991) an, die im Zuge eines Beitrages über ExpertInneninterviews eine Auswertungsstrategie vorschlagen, die ich mit Einschränkungen auch für meinen Forschungsprozess als nützlich betrachtete. Eine Einschränkung sehe ich etwa in der Grundidee des ExpertInneninterviews, die auch immer wieder in der beschriebenen Auswertungstechnik in Erscheinung tritt. So liegt das Hauptinteresse eines ExpertInneninterviews "[...] nur am Experten bzw. der Expertise der Person, nicht aber an der Person selbst" (Hug 2010, S.104), was allerdings nicht meinem Forschungsinteresse entsprach, da für mich eben die interviewte Person selbst von zentraler Bedeutung war.

Dieser Unterschied machte sich schon im ersten Schritt der Datenauswertung bemerkbar, in dem es galt, die Tonbandaufzeichnung der einzelnen Interviews zu transkribieren, also Wort für Wort zu verschriftlichen. Während für Meuser & Nagel (1991) "[...] die Transkription der gesamten Tonaufnahme nicht der Normalfall [ist]" (ebd. S.455), habe ich mich für Gegenteiliges entschieden, um nicht Gefahr zu laufen, schon an diesem Punkt der Auswertung mögliche Erkenntnisse zu verlieren. Bei der Transkription habe ich dialektische Einfärbungen zur Gänze in Schriftsprache übertragen, was die Fokussierung auf inhaltliche Aspekte erleichtert, "[...] da die Ablenkung durch den Dialekt wegfällt." (Hug 2010, S.136) Auch auf das Transkribieren von Gestik, Mimik und Tonfall, sowie die genaue Angabe der Dauer von Sprechpausen habe ich verzichtet. Lediglich Laute wie "äh" und "hm" habe ich in Klammern auch schriftlich festgehalten, um auch in der Transkription den Gesprächscharakter aufrecht zu erhalten.

Im Anschluss an die Transkription galt es, der Methode von Meuser & Nagel (1991) folgend, die Interviewtranskripte als Ganzes zu paraphrasieren, wobei ich nach Möglichkeit auch die eigenen Worte meiner GesprächspartnerInnen zu nutzen versuchte, um deren Aussagen sinngemäß zusammenzufassen und dennoch so nahe wie möglich am Text zu bleiben, wie es etwa beim offenen Kodieren nach der Grounded Theory vorgeschlagen wird (vgl. Flick 2006).

Eine wichtige Voraussetzung für eine gelungene Paraphrasierung schildern Meuser & Nagel (1991) wie folgt:

"Um eine Verengung des thematischen Vergleichs zwischen den Interviews auszuschließen, ein ‚Verschenken von Wirklichkeit' zu vermeiden, muß die Paraphrase der Chronologie des Gesprächsverlaufs folgen und wiedergeben, was die [interviewten Personen] insgesamt äußern." (ebd. S.456)

Letztlich unterstreichen die beiden AutorInnen auch die Bedeutung dieses Arbeitsschrittes im Zuge forschender Tätigkeit:

"Der Schritt der Paraphrasierung der Texte ist kaum überzubewerten; die häufigsten Sünden sind, Inhalte durch voreiliges Klassifizieren zu verzerren und Informationen durch eiliges Themenraffen zu verschenken." (ebd. S.457)

Das Paraphrasieren ist somit als erster Schritt der Verdichtung des Textmaterials zu sehen, in dem sich schon schnell ein bestimmtes Muster herauskristallisiert (vgl. ebd.).

Als nächste Aufgabe nach dem Paraphrasieren folgte das Versehen der paraphrasierten Textpassagen mit Überschriften, wobei für diesen Schritt auch Meuser & Nagel (1991) vorschlagen, möglichst "[...] textnah vorzugehen, d.h. die Terminologie der Interviewten [aufzugreifen]" (ebd. S.457).

Abhängig davon, wie viele Themen in einer Passage angesprochen wurden, habe ich dieser auch entsprechend viele Überschriften zugeordnet (vgl. ebd.). Im Gegensatz zu Meuser & Nagel (1991) habe ich an dieser Stelle jene "Passagen, in denen gleiche oder ähnliche Themen behandelt werden [...]" (ebd. S.458) eben nicht zusammengestellt, sondern diesen lediglich gleiche Überschriften zugeordnet, um die Sequenzen nicht zu zerreißen.

Die so entstandenen Überschriften habe ich in einem weiteren Schritt noch in Beziehung zueinander gesetzt und schließlich unter Oberbegriffen, man könnte auch von Oberkategorien sprechen, zusammengefasst (vgl. Flick 2006), wobei ich diese aus beiden Interviews vereinheitlicht habe (vgl. Meuser & Nagel 1991)

Im Anschluss daran ging ich schließlich die paraphrasierten Interviewtexte noch einmal im Hinblick auf die zuvor gewonnen Überschriften durch und führte, wenn nötig, Ergänzungen und Korrekturen an den zugeordneten Überschriften durch.

Diese Überschriften und Oberbegriffe bzw. Kategorien und Oberkategorien (vgl. Flick 2006) erlaubten nun einen thematischen Vergleich der beiden Interviews. Basierend auf diesem Vergleich wählte ich schließlich einige für mich besonders relevante Textpassagen aus den Interviews für eine genauere Analyse aus, bei welcher ich die einzelnen Textpassagen - zum Teil auch in einer Forschungsgruppe, der ich schon an dieser Stelle meinen Dank aussprechen möchte - Wort für Wort interpretierte und mit theoretischem Material und Wissen verknüpfte.

Das Ergebnis meiner Interpretationsarbeit finden Sie im nun folgenden Kapitel.

5. Identitätskrise nach einer erworbenen Querschnittslähmung

Im Kapitel "Über die Konstruktion ‚behinderter Identität'" (1.2.) wurde beschrieben, dass die gesellschaftliche Konstruktion von Behinderung als Defizit einen erheblichen Einfluss auf die Identität bzw. das Selbstbild von als behindert wahrgenommenen Menschen ausübt.

Am Beispiel von querschnittsgelähmten Menschen soll nun aufgezeigt werden, dass ein defizitäres Verständnis von Behinderung, wie beispielsweise das medizinische Modell von Behinderung eines ist, durchaus problematische Folgen besonders für jene Menschen haben kann, die im Laufe ihres Lebens eine Behinderung erwerben.

Auf einer allgemeineren Ebene schildert Goffman diese Problematik besonders dramatisch:

"Wie aber Individuen, die plötzlich eine Transformation ihres Lebens von dem einer normalen zu dem einer stigmatisierten Person erfahren, die Wandlung psychologisch überleben können, ist sehr schwierig zu verstehen;" (Goffman 1975, S.163)

Bevor wir aber inhaltlich ganz in das Thema eintauchen, möchte ich festhalten, dass nicht nur extreme und negativ konnotierte Veränderungen der Lebensumstände, wie beispielsweise das Eintreten einer Behinderung, zu Identitätsproblemen führen können.

"Denn regelmäßig erleben Menschen in ihren Entwicklungs- und Bildungsprozessen einen Wechsel zwischen Lebenszusammenhängen, der infrage stellt, was sie bislang erfolgreich angeeignet haben. Sie müssen Änderungen ihrer sozialen und kulturellen Umstände verarbeiten, die eigene Vergangenheit und Erinnerung bewahren und sich in der neuen Lebenssituation bewähren, um sich mit ihrem Ich und ihrer Biographie behaupten, ohne sich dem Neuen zu verweigern. Solche dramatischen, zuweilen krisenhaften Übergänge, solche Herausforderungen an die eigene Identität, an das Gefühl und die Erfahrung eigener Unverwechselbarkeit bilden vielfältig Probleme der Identität [...]" (Winkler 2011, S.331)

Hiermit möchte ich Sie einladen, einen noch aus heutiger Sicht wohl eher utopischen Gedanken zu denken und eine erworbene Behinderung als "[...] einen Wechsel zwischen Lebenszusammenhängen [...]" (ebd.) zu sehen, wie sie für jegliche menschliche Ontogenese in der Gesellschaft üblich sind. Des Weiteren möchte ich Ihnen vorschlagen, diesen Gedanken bei der folgenden Lektüre zumindest im Hinterkopf zu behalten.

Durch das ansozialisierte negative Bild von Behinderung besteht die Gefahr, nach einer erworbenen Behinderung in eine Identitätskrise zu geraten, die das Akzeptieren der eigenen Behinderung erschwert und zu einem geringeren Selbstwertgefühl führt, was im schlimmsten Fall auch in Selbsthass münden kann.

Selbst Ed Roberts, eine der prägendsten Persönlichkeiten der Independent Living Bewegung, hatte einen schweren Kampf gegen das ihm ansozialisierte Bild von Behinderung durchzustehen. Die Geschichte von Roberts' Lebensumstellung soll uns als einleitendes Beispiel dienen und einen groben Überblick darüber geben, mit welchen Emotionen und Selbstzuschreibungen man nach dem Erwerb einer Behinderung konfrontiert sein kann.

Seine ersten Erinnerungen an Behinderung stammen aus dem Jahr 1946. Als ihm im Alter von 6 Jahren eine Frau mit zerebraler Kinderlähmung begegnete, bekam er von seinem Vater nur zu hören, dass er nicht starren solle. Als er schließlich mit 14 Jahren selbst an Polio erkrankte, waren seine Vorurteile gegenüber behinderten Menschen schon fest in ihm verwurzelt. Seine Erinnerungen an diese Zeit schildert Roberts folgendermaßen (vgl. Levy 1998):

"Ich war ein sehr unabhängiges Kind und plötzlich wurde ich Patient. Meiner Mutter wurde erzählt, dass ich aufgrund meines hohen Fiebers zu einem dahinvegetierenden Etwas würde. Die Ärzte sagten ihr, es wäre besser, wenn ich stürbe.

Zwischenzeitlich empfand ich viel Selbsthass und Machtlosigkeit. Ich war ein hilfloser Krüppel, abhängig von einer eisernen Lunge. Ich absorbierte alle Stereotype: Ich würde nie heiraten, einen Job haben oder eine vollwertige Person sein. Ich versuchte zu verhungern, was für mich die einzige Möglichkeit war Selbstmord zu begehen. Innerhalb von sieben Monaten fiel mein Gewicht von 54 auf 23 Kilogramm." (ebd. 1998)[15]

Nachdem die letzte Krankenpflegerin gekündigt hatte, begann Roberts glücklicherweise wieder zu essen. Aus Angst, von Nicht-Behinderten gesehen zu werden, und aus Scham aufgrund seiner Behinderung verbrachte er allerdings noch weitere 5 Jahre zuhause (vgl. ebd.).

Roberts ist ein sehr gutes Beispiel für die Macht, die gesellschaftlich produzierte Bilder auf Menschen - insbesondere auf jene, gegen die sich diese Bilder richten - ausüben können. Das ihm anerzogene Verständnis von Behinderung hätte Roberts beinahe das Leben gekostet.

Das gesellschaftliche Verständnis von Behinderung als "persönliche Tragödie" (vgl. Barnes 2005) wirkt also auf zweierlei Weise negativ auf von einer erworbenen Behinderung betroffene Personen. Zum Einen entfaltet schon nach kürzester Zeit das eigene defizitäre Behinderungsverständnis eine Kraft, die sich plötzlich gegen das behinderte Individuum selbst richtet; Und zum Anderen entwickeln auch die bemitleidenden und herabsetzenden Blicke und Handlungen anderer, nicht-behinderter Menschen ihre Wirkung als Mitproduzenten einer "behinderten Identität" (vgl. Mürner/Sierck 2011).

Hier wollen wir allerdings den Hauptfokus auf das Problem des eigenen defizitären Blicks legen, da dieser ein spezifischeres Problem für Menschen darstellt, die im Laufe ihres Lebens eine Behinderung erwerben; denn so problematisch etwa herabsetzendes Mitleid von Mehrheitsgesellschaftsangehörigen auch ist, betrifft es alle behinderten Menschen, unabhängig davon ob deren Behinderungen erworben sind oder nicht, und wurde schon in Kapitel 1.2 behandelt. Hinzu kommt, dass behinderte Peers nichts an den andernden (vgl. Rangger 2011) Reaktionen nichtbehinderter Personen ändern können. Allerdings werden wir etwas später sehen, dass sich das Akzeptiert-Fühlen in der Peergroup äußerst positiv auf das Selbstbild einer behinderten Person auswirken kann.

5.1 Der eigene Blick

Sehen wir uns aber erst einmal das Problem des eigenen Blickes an:

Wie schnell es passieren kann, dass sich der eigene herabsetzende Blick gegen das von einer frisch erworbenen Behinderung betroffene Individuum selbst richten kann, soll am Beispiel von Karin[16] verdeutlicht werden, die von ihren Gedanken erzählt, wie sie ihr noch am Ort ihres Unfalls durch den Kopf gegangen sind:

"Und dann weiß ich noch, wie ich dagesessen bin, hab meine Füße nicht mehr gespürt, meine Zehen nicht mehr, hab sie nicht mehr bewegen können. [...] Ja und eigentlich habe ich dann schon genau gewusst, ja, so, jetzt ist es vorbei, jetzt sitze ich im Rollstuhl, Scheiße." (Anhang B, Interview 2, 33-37)

In diesem Interviewausschnitt erzählt Karin, wie sie gemeinsam mit ihren Freunden auf die Rettung wartet, nachdem sie einen Wasserfall hinuntergestürzt war. Sie schildert, wie sie, im seichten Wasser sitzend, weder Füße noch Zehen spüren oder bewegen kann.

Um zu veranschaulichen, wie es sich anfühlt, plötzlich die eigenen Beine nicht mehr zu spüren, möchte ich folgende Aussage Karins heranziehen, die jenes Gefühl besonders plastisch und einprägsam beschreibt: "[...] ich habe dann irgendwie geglaubt meine Füße schwimmen davon, weil ich sie nicht mehr gespürt habe [...]" (ebd. 27-28). Auch aus dem Kontext eigener Erfahrungen interpretiere ich dies so, dass Karin das Gefühl hatte, ihre Beine wären nicht mehr mit ihrem Körper verbunden, wären nicht mehr da. In ihrem Fall fühlte es sich also an, als würden ihre Beine den Wasserlauf hinabtreiben, während sich ihr Oberkörper noch am Fuße des Wasserfalls befand.

Aufgrund dieser Symptome kommt Karin noch am Unfallort zu dem Schluss "[...] jetzt sitze ich im Rollstuhl [...]". Für eine solche Schlussfolgerung muss Karin ein bestimmtes Vorwissen darüber gehabt haben, welche Folgen bei den von ihr beschriebenen Symptomen zu erwarten sind. Schließlich hatte sie, ihren Schilderungen zufolge, nicht nur eine grobe Vermutung, sondern sie hatte es "[...] genau gewusst [...]". Wie detailliert und genau dieses Wissen war und woher sie es hatte, bleibt allerdings offen.

An dieser Stelle ist von besonderer Bedeutung, dass Karin aufgrund ihrer scheinbar sicheren Vorahnung folgert "[...] jetzt ist es vorbei [...]" und dies noch mit dem Schimpfwort "Scheiße" untermauert, womit sie expliziert, dass sie das, was für sie vorbei sein würde, sehr negativ bewertet. Was genau mit "[...] jetzt ist es vorbei [...]" gemeint ist, löst Karin im Laufe des Interviews selbst auf, wenn sie davon spricht, wie sie sich Behinderung vor ihrer Verletzung vorgestellt hatte:

"[...] für mich war eigentlich davor klar, wenn ich einmal eine Behinderung hab, dann ist für mich das Leben nicht mehr lebenswert [...] dann geht das Leben nicht mehr weiter, dann ist es vorbei [...]" (ebd. 262-265)

Auch in dieser Aussage findet sich die Äußerung "[...] dann ist es vorbei [...]", allerdings erläutert Karin hier, was für sie vorbei ist, nämlich das lebenswerte Leben.

Durch die Einleitung "[...] für mich war eigentlich davor klar [...]" drückt Karin wieder Sicherheit oder Selbstverständlichkeit aus; Für sie war es vor dem Unfall selbstverständlich und sicher, dass ein Leben mit Behinderung nicht lebenswert sein würde.

Davon auszugehen, dass sie hier das "Leben" im medizinischen Sinne als das Gegenteil von "Tod" versteht, ginge allerdings ein wenig zu weit. Ein Beleg hierfür lässt sich darin finden, dass sie ihren Freunden ankündigt: "[...] ihr könnt mich in Zukunft mit dem Rollstuhl durch die Gegend fahren." (ebd. 39-40) Sie zweifelt also nicht an einem zukünftigen Leben, sondern an der Art und Weise, wie dieses Leben aussehen würde.

Karin verband ihre empfundenen Symptome noch am Ort des Geschehens mit Behinderung und in Folge dessen mit dem Ende eines für sie lebenswerten Lebens.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass sie schon vor ihrer Verletzung, also vor ihrer Querschnittslähmung gelernt hatte, dass ein behindertes Leben einem lebensunwerten Leben gleichkommt.

Darauf, was für Karin ein lebenswertes Leben ist, gibt sie in ihren Erinnerungen an die Zeit im Krankenhaus einen kleinen Ausblick: "[...] man hat eigentlich seine Träume, man will irgendwann einmal einen Partner haben, man will einmal arbeiten, Familie und so weiter." (ebd.108-110)

5.2 Der Krankenhausaufenthalt als Zeit der Unsicherheit

Karin zweifelte auch im Krankenhaus daran, ob sie ein lebenswertes Leben würde führen können bzw. ob sie ihre Träume würde verwirklichen können.

In diesem Kontext stellt sich nun die Frage, was unter einem lebenswerten Leben zu verstehen ist und aus welchen Gründen von der Mehrheitsgesellschaft angenommen wird, dass ein Leben mit Behinderung eben nicht lebenswert ist.

Im ersten Kapitel wurde schon erwähnt, dass sich das Selbstverständnis eines Individuums entwickelt, indem es die Einstellungen des "generalisierten Anderen", also der gesellschaftlichen Norm übernimmt und gegenüber sich selbst einnimmt (vgl. Mead 1980). Die Identitätsbildung verläuft insofern über den Sozialisationsprozess, in dem das Individuum die Werte und Normen der Gesellschaft erlernt (vgl. Lanzerath 2000, zitiert nach Riegler 2011, S.22).

Wenn also ein Individuum - was durchaus auch auf Karin zutreffen könnte - lernt, dass ein lebenswertes Leben aktiv und unabhängig ist (vgl. Barnes 2005), dann wird es dieses Verständnis auch auf sich anwenden und, abhängig von einer mehr oder weniger erfolgreichen Anpassung an diese Werte, sein eigenes Leben als mehr oder weniger lebenswert einstufen. Tritt nun eine Behinderung ein, was häufig mit einem eingeschränkten Leben, Existenz in sozialer Isolation und dem Gefühl, eine Last zu sein, verbunden wird, kann es zu einer Krise und einem zumindest empfundenen "Verlust des Selbst" kommen (vgl. Charmaz 1983). Wenn nun Goffman (1975) ganz allgemein davon spricht, dass stigmatisierte Individuen "[...] hinsichtlich des eigenen Ichs einige Ambivalenz empfinden [...]" (ebd. S.133), da sie den gesellschaftlich erworbenen Identitäts-Standards nicht entsprechen, so müssten Menschen mit einer erworbenen Behinderung diese Ambivalenz noch viel intensiver erfahren, da die einst selbstverständliche Erfüllung jener Identitäts-Standards scheinbar von einem Moment auf den anderen nicht mehr gegeben ist. Man glaubt einerseits, nicht mehr dem gesellschaftlichen Verständnis eines lebenswerten Lebens entsprechen zu können, und trauert andererseits den vorher wertgeschätzten und als sicher geltenden Aspekten des Selbst nach (vgl. Charmaz 1983). Dies bestätigen auch die ProbandInnen einer kanadischen Studie durch Erzählungen, in denen sie von Identitätsverlust und einem Gefühl des Vermissens des vorhergehenden Lebens sprechen: Für sie bedeutete die Querschnittslähmung einen schweren Schlag für deren Identität und eine Zerstörung ihres Selbstverständnisses (vgl. Levins et al 2004). Auch wenn dem hier zugrundeliegenden Verständnis zufolge nicht von Identitätsverlust im wörtlichen Sinne gesprochen werden kann, da Identität eben nicht als etwas Starres gesehen wird, das man verlieren kann (siehe Kap.1.1), möchte ich dennoch nicht auf diesen Begriff verzichten, sondern ihn im Sinne eines zumindest temporär empfundenen Verlustes einer "Ich-Kann-Identität" (vgl. ebd.) verstehen.

Um kurz auch eine andere Perspektive einzubauen, könnte man sich in Anlehnung an Keupp (2002) auch fragen, ob es sich bei den erwähnten ProbandInnen tatsächlich um einen empfundenen Identitätsverlust bzw. einen Verlust der "Ich-Kann-Identität" handelt, oder ob hierin nicht eher eine Änderung oder eine Auflösung einer Teilidentität, eines Ausschnitts des Selbst zusehen wäre. Zwar möchte ich dies nicht grundsätzlich ausschließen, denke aber dennoch, dass der Begriff Identitätsverlust für die betroffenen Personen mehr meint als nur die Änderung oder Auflösung eines Ausschnitts des Selbst. Um bei Keupps Konzept des Patchwork der Identitäten zu bleiben, scheint mir viel eher, dass in diesem Zusammenhang zumindest mehrere, wenn nicht die meisten oder alle Teilidentitäten in Mitleidenschaft gezogen sind, immerhin scheinen manche Betroffene, so mein Verständnis, an sich und ihrem Leben als Ganzes gezweifelt zu haben, woran auch Karin sich erinnert.

Zu den eben genannten Aspekten des Selbst zählt auch das schon erwähnte aktive und unabhängige Leben, das anfangs auch Karin Sorgen bereitete, wenn sie von ihrer anfänglichen Unsicherheit erzählt, ob "[...] man überhaupt noch allein leben [kann]" (Anhang B, Interview 2, 107-108) bzw. ob ihr Wunsch "[...] einmal arbeiten [...]" (ebd. 109) zu können, also beruflich aktiv und leistungsfähig zu sein, überhaupt noch erfüllbar sei. Des Weiteren zeigt ihre noch am Unfallort geäußerte Prognose, sie müsse zukünftig im Rollstuhl herumgeschoben werden (vgl. ebd.), dass sie Behinderung zu jenem Zeitpunkt mit Passivität und Fremdbestimmung verbunden hatte, also dem absoluten Gegenteil davon, was unter einem lebenswerten Leben verstanden werden könnte. Dies drückt Karin noch expliziter aus wenn sie davon spricht,

"[...] dass man nichts mehr eben allein machen kann, dass [...] man halt so auf einen Rollstuhl angewiesen ist, dass man eigentlich nur daheim ist, [...] dass man da die ganze Zeit Betreuung braucht, nichts selbstständig machen kann." (ebd. 346-349)

Wie wir sehen, werden die Fähigkeiten, die für ein "lebenswertes Leben" vorausgesetzt werden, behinderten Menschen meist abgesprochen und scheinen Personen mit "gesunden" Körpern vorbehalten. Schließlich wird in der Konsumgesellschaft die Erhaltung des Körpers zu einer zentralen Aufgabe erhoben. Hiermit korrespondiert allerdings auch die Ablehnung bzw. Vermeidung von schwächlichen, entstellten und kränklichen Körpern. Nicht-Behinderung in Bezug auf Körperbau und Leistungsfähigkeit wird mit Moral und sozialer Tugend gleichgesetzt, während der weniger gut erhaltene Körper zum Objekt von Scham und Hohn verkommt. (vgl. Barnes 2005)

Im Rückschluss wage ich also zu behaupten, dass ein lebenswertes Leben gesellschaftlich gesehen nicht nur Aktivität und Unabhängigkeit, sondern auch Leistungsfähigkeit und körperlicher Schönheit bedarf - in diesem Ideal ist für Behinderung allerdings kein Platz.

Hierin kann ein Grund dafür gesehen werden, dass Karin im Krankenhaus zwar schon von ihrer Querschnittslähmung gewusst hatte, dies aber, wie sie selbst berichtet "[...] eigentlich nicht wahr haben wollte [...]" (Anhang B, Interview 2, 96). Mit diesem Gefühl ist Karin allerdings nicht alleine, immerhin gab auch die Mehrheit der durch Levins et al. (2004) befragten Personen mit Querschnittslähmung an, Probleme damit gehabt zu haben sich als Individuum mit Behinderung zu akzeptieren.

Trotz der Kenntnis der Diagnose realisierte Karin schließlich erst durch eine Schlüsselsituation mit ihrem Vater: "[...] eigentlich bin ich jetzt auch behindert." (Anhang B, Interview 2, 99) An diesen Moment erinnert sich Karin folgendermaßen:

"[...] also für mich war das eigentlich ein ganz ein schlimmer Zeitpunkt, weil ich eigentlich gemerkt habe, ja eigentlich [...] ist das jetzt wirklich so, dass ich behindert bin?" (ebd. 100-102)

An dieser Stelle macht Karin wieder deutlich, dass für sie, zumindest zu dem damaligen Zeitpunkt, Behinderung besonders negativ behaftet war, immerhin markiert sie den Moment des Realisierens als "ganz schlimm". Dass sie diese Erinnerung als eine Frage formuliert deutet auf ihre damalige Unsicherheit hin, die sie kurz darauf auch explizit zum Ausdruck bringt, indem sie, neben den schon zuvor behandelten Unsicherheiten bezüglich Unabhängigkeit, Arbeit, Beziehung und Familie, auch dies erzählt:

"Ja, und das war damals dann alles so in der Schwebe und, man hat nicht gewusst, ja kann man überhaupt noch ein Leben führen, ist das überhaupt noch sinnvoll, wie geht's weiter. Also das war, war für mich ganz eine schlimme Zeit, ich war da, hab da voll viel geweint [...]" (ebd. 110-114)

Wieder wird der Begriff des "Lebens" in den Mittelpunkt gerückt, doch im Gegensatz zu ihrem Behinderungsbild vor- bzw. unmittelbar nach der Verletzung drückt Karin nun ihre Gedanken nicht als Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr als Zweifel aus. Aufgrund dessen kann vermutet werden, dass das durch die Schlüsselsituation ausgelöste Realisieren der neuen Lebensumstände für Karin den Startpunkt des Wandels von ihrem Verständnis von Behinderung darstellte. Dies änderte vorerst aber noch nichts an der Macht, die ihr Behinderungsbild in jenem Moment noch auf sie ausübte. Wenn sie sich beispielsweise fragt, ob "[...] man überhaupt noch ein Leben führen [kann] [...]" und ob dies "[...] noch sinnvoll [...]" sei, lässt es den Schluss zu, dass Karin auch zu diesem Zeitpunkt behinderten Menschen eine passive Rolle zugeschrieben hatte und in Folge daran zweifelte, ob für sie ein Leben als "passives Wesen" sinnvoll sein würde. Diese Folgerung sei damit begründet, dass die Redewendung "ein Leben führen" Aktivität und Selbstbestimmung impliziert.

Auch wenn das Pronomen "man" auf eine Verallgemeinerung hindeutet, denke ich, dass Karin nicht nur allgemein daran gezweifelt hatte, ob mit Behinderung eine selbstbestimmte Lebensführung möglich ist. Ich denke vielmehr, dass sie, basierend auf dieser Verallgemeinerung, auch daran zweifelte, selbst ihr Leben aktiv führen zu können.

Diese Zeit im Krankenhaus, diese Zeit des Zweifelns war für Karin "[...] ganz eine schlimme Zeit [...]", die für sie emotional besonders aufwühlend gewesen sein muss, da sie erzählt, sehr viel geweint zu haben.

Fassen wir also kurz zusammen:

Karins Bild von Behinderung vor und kurz nach dem Unfall war, dem Interview zufolge, ausschließlich negativ behaftet. Sie verband Behinderung mit einem lebensunwerten Leben, welches für sie durch Passivität und Fremdbestimmung gekennzeichnet war. Dies führte dazu, dass sich Karin besonders an ihren Krankenhausaufenthalt als "schlimme Zeit" des Zweifelns und nicht-wahr-haben-Wollens erinnert. Die Feststellung "[...] eigentlich bin ich jetzt auch behindert" (Anhang B, Interview 2, 99) markiert allerdings auch den Beginn der Transformation von Karins Behinderungs- und somit auch Selbstverständnis, denn ab diesem Zeitpunkt wandelt sich das einst Selbstverständliche - nämlich dass ein Leben mit Behinderung ein lebensunwertes Leben bedeutet - in Zweifel.



[15] Übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche von Nicolas Lanquetin. Die Gewichtseinheiten wurden von Pounds in Kilogramm umgerechnet (1 Pound = 0,453 592 37 kg) und gerundet.

[16] Name aus Datenschutzgründen geändert.

6. Identitätsrekonstruktion nach einer Querschnittslähmung

Am Beispiel von Karins Erinnerungen an ihre Verletzung und den darauf folgenden Krankenhausaufenthalt sollte deutlich geworden sein, dass das den meisten Menschen ansozialiserte defizitäre Bild von Behinderung nach einer erworbenen Behinderung solch negative Wirkung auf betroffene Individuen haben kann, dass sogar der Sinn des eigenen Lebens in Frage gestellt wird.

An diesem Punkt der Arbeit soll es nun darum gehen, dass es nach der erfahrenen Identitätskrise gewissermaßen zu einer Anpassung an die neuen Lebensumstände kommt, diese Phase soll hier in Anlehnung an Papadimitriou (2008) mit Identitätsrekonstruktion benannt werden. Der Begriff Identitätsrekonstruktion meint in weiterer Folge den Wiederaufbau eines positiven Selbstbildes nach der Identitätskrise bzw. dem empfundenen Identitätsverlust (vgl. Levins et al. 2004) durch die Dekonstruktion des defizitären Behinderungsbildes. Hierzu schreibt Carpenter (1994), dass die Neudefinierung des Selbst und des eigenen Verständnisses von Behinderung, wie auch die Herstellung einer neuen Identität zu den üblichen Erfahrungen für Menschen mit Querschnittslähmung zählen. Nichtsdestotrotz stellt dieser Prozess aber auch eine der größten Herausforderungen nach einer Querschnittslähmung dar (vgl. Seymour 1998, zitiert nach Levins et al. 2004, S.506).

Die Phase der Identitätsrekonstruktion nach einer Querschnittslähmung fasst dieses Zitat eines Betroffenen gut zusammen:

"[...] it kept tripping me up. I had an archaic perception of disability, you know. I thought people in wheelchairs with a disability were really disabled people. And I had to redefine that in my head [...]. It was a steep learning curve." (Levins et al. 2004, S.501)

In diesem Kontext sehe ich das durch Papadimitriou (2008) eingeführte Konzept des "becoming en-wheeled" als sehr spannend, das grob zusammengefasst ausdrückt, wie der anfangs verhasste, weil negativ konnotierte Rollstuhl von querschnittsgelähmten Personen mit der Zeit und den sich immer weiter entwickelnden Fertigkeiten als Erweiterung des Körpers wahrgenommen wird, die enthindernd[17] (vgl. Haidlmayr et al. 1995) wirkt und zu mehr Freiheit führt. Da ich mich im Zuge dieser Studie aber auf jene die Identitätsrekonstruktion fördernden Einflüsse konzentrieren möchte, an denen andere querschnittsgelähmte Personen maßgeblich beteiligt sind, muss ich es dabei belassen, das en-wheelment-Konzept Papadimitrious (2008) lediglich erwähnt zu haben. Es soll an dieser Stelle als Beispiel dafür dienen, dass es weit mehr Einflussfaktoren als die hier behandelten Peeraspekte gibt, die sich positiv auf eine Identitätsrekonstruktion auswirken können.

Wie auch im vorhergehenden Kapitel möchte ich mich bei der Behandlung der einzelnen Themen grob an den Erzählungsverlauf von Karin halten, wobei ich ihre Schilderungen zum Teil mit Ausschnitten aus dem Interview mit Herbert[18] (Anhang B, Interview 1) ergänzen werde.

Aufgrund dessen, dass, zumindest meiner Interpretation zufolge, für Karin die Phase der Identitätsrekonstruktion zwar schon während des Krankenhausaufenthaltes eingeleitet wurde, es aber erst während ihrer Rehabilitation zu konkreten Wandlungen ihres Behinderungs- und somit Selbstbildes kam, werde auch ich mit meinen Erläuterungen in dieser Phase einsteigen.

6.1 Die Rehabilitation

Wie Karin berichtet, war die Rehabilitation für sie eine wichtige Zeit (vgl. Anhang B, Interview 2), die schließlich auch einen großen Beitrag zur Rekonstruktion eines positiveren Selbstverständnisses leistete. Wir werden sehen, dass dies vor allem dadurch ermöglicht wurde, dass die dortigen Peerkontakte eine Änderung von Karins Behinderungsbild bewirkten.

Auch wenn Karin berichtet, noch im Krankenhaus einen angstvollen und verunsicherten Blick auf die zukünftige Rehabilitation geworfen zu haben, stellt sie dennoch fest, dass diese Zeit sehr wichtig für sie war.

Ohne direkt danach gefragt worden zu sein, sind Karins erste Erinnerungen aus jener Zeit an die anderen Patienten der Rehabilitationsklinik und deren Bedeutung für sie gerichtet:

"Und dann bin ich dorthin gekommen, und das Feine war dann, man einfach hat da Menschen gesehen, die halt auch dasselbe Schicksal gehabt haben, als wie man selber. Man hat mit den Menschen reden können. Also mir hat das total viel gegeben, einfach so, dass man gemerkt hat, (man) ist in einer Gemeinschaft, man hat Menschen zum Reden, denen geht's ähnlich, die verstehen einen. [...] Es ist [...] so [...], dass ich dann mit der Zeit einfach auch gemerkt habe, es funktioniert, man kann auch mit einer Behinderung noch ein eigenständiges Leben führen. [...] Man kann noch ein Leben führen überhaupt, was vorher eigentlich nicht sicher war für mich, weil ich mich mit dem Thema einfach nicht auseinander gesetzt habe vorher." (Anhang B, Interview 2, 140-151)

Diese Einleitung Karins soll uns an dieser Stelle gleich als kurze Zusammenfassung dessen dienen, was für sie an ihrer Rehabilitationszeit wichtig war und welche Entwicklungen sie dort durchlebte.

Die Menschen, die in Karins Erzählungen "[...] dasselbe Schicksal gehabt haben [...]" und "denen es ähnlich geht", möchte ich, an die Erläuterungen zu Peergroup und Peersupport anschließend, als Peers bezeichnen. Wenn Karin nun davon spricht, dass ihr die Gemeinschaft mit den anderen PatientInnen - in diesem Kontext also mit ihrer Peergroup - "[...] total viel gegeben [...]" hat, weil sie mit Leuten reden konnte, "[...] die [einen] verstehen [...]", dann sehe ich hierin eine zwar institutionalisierte aber dennoch informelle Form von Peersupport. Denn auch wenn diese durchaus hilfreichen Kontakte innerhalb der Institution einer Rehabilitationsklinik passierten, waren sie dennoch eher zwanglos und nicht direkt intendiert.

Von besonderer Bedeutung ist, dass Karin in dieser Zeit gemerkt hat, dass es "[...] auch mit einer Behinderung [möglich ist] noch ein eigenständiges Leben [zu] führen [...]". Dies zeigt, dass Karins Bild von Behinderung noch im Rehabilitationsverlauf eine 180°-Wandlung erfahren hat: War für sie Behinderung zuvor mit Passivität und Fremdbestimmung gleichgesetzt, führte die Rehabilitationszeit dazu, dass Karin nun Gegenteiliges empfindet; nämlich dass sie sehr wohl in der Lage ist, ein eigenständiges, also selbstbestimmtes Leben zu führen; dass sie also selbst aktiv ihr Leben bestimmen und gestalten kann.

Ihre Reflexion, dass sie sich zuvor "[...] mit dem Thema einfach nicht auseinander gesetzt [hatte]" belegt nun auch, dass ihr Behinderungsverständnis vor ihrer Verletzung auf einem unhinterfragtem, als selbstverständlich angesehenen "Wissen" beruht hatte, das sie im Laufe ihrer Sozialisation durch die Gesellschaft oder, um mit Mead (1980) zu sprechen, den "generalisierten Anderen" erlernt hatte.

Diese einleitende Schilderung Karins zeigt uns des Weiteren, dass auch sie selbst einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit Peers und dem Wandel ihres Verständnisses von Behinderung sieht - hierauf soll sich unser Interesse fokussieren. Allerdings möchte ich zuvor noch kurz einwerfen, dass Herbert sein Verständnis von Behinderung und den Einfluss querschnittsgelähmter Peers darauf auf absolut konträre Weise beschreibt:

"[Ich habe] also nie daran gezweifelt, dass das nicht funktionieren würde, sondern von Anfang an nie ein Problem gehabt mit dem Rollstuhl und deshalb jetzt auch nicht unbedingt, dass jetzt andere Rollstuhlfahrer auf das einen Einfluss genommen haben." (Anhang B, Interview 1, 216-220)

Ich muss an dieser Stelle eingestehen, als selbst querschnittsgelähmter Forscher doch Zweifel nicht nur an dieser Aussage, sondern an dem Gesamtbild zu haben, das Herbert in seinem Interview von sich entwirft. Diesen Zweifel möchte ich auf zweifache Weise begründen. Zum einen verweise ich, wie schon angedeutet, darauf, dass natürlich auch ich als Forscher nicht aus meiner Haut kann, mich also meiner Subjektivität nicht zu entziehen vermag. Da ich selbst nach meiner Querschnittslähmung in eine tiefe Krise geraten war und in den vielen Gesprächen mit querschnittsgelähmten Freunden und Bekannten gelernt habe, dass auch diese nach ihren Verletzungen oft mit sich selbst zu kämpfen hatten, kann ich mir persönlich nicht vorstellen, dass es viele Menschen geben kann, die einen solchen Wechsel der Lebensumstände durchmachen können ohne dabei auch nur zumindest eine kleine Identitätskrise zu erleben.

Des Weiteren wurde ich während dem mit Herbert geführten Interview und der Bearbeitung desselben stets mit dem Gefühl konfrontiert, dass er eher darauf bedacht war, mir ein positives Bild von sich selbst zu vermitteln, statt offen von sich zu erzählen. Für mich hat Herbert in diesem Interview auffallend oft unterstrichen, wie leicht ihm die Lebensumstellung gefallen sei und dass sich in seinem Leben eigentlich gar nicht viel geändert habe. Hierzu passend kommt auch eine Studie (vgl. van de Ven 2008), die sich unter anderem für Partizipationsstrategien von querschnittsgelähmten Menschen interessiert, zu dem Ergebnis, dass viele Betroffene versuchen gegenüber anderen Menschen ein positives Bild von sich selbst und den eigenen Gefühlen zu vermitteln, was zum Teil sogar so weit geht, dass ein erhöhter Aufwand in Kauf genommen wird, um zu zeigen wozu man fähig ist. Die wahren Erfahrungen und Empfindungen würden nur gegenüber sehr nahestehenden Personen eröffnet (vgl. ebd.). Es wird zum Teil fast als eine Verpflichtung gesehen, sich als behinderte Person möglichst positiv und selbstständig zu präsentieren (vgl. Berger 2008). Diese vermeintliche Pflicht entspricht dem, was Goffman (1975) mit "Kuvrieren" benennt, wobei es darum geht, "[...] das Ausspielen jener Fehler einzuschränken, die mit dem Stigma am zentralsten identifiziert werden." (ebd. S.130) Werden nun etwa mit Behinderung Leid, Passivität und Unselbstständigkeit assoziiert, dann gilt es beim Kuvrieren genau diese Aspekte zu verbergen.

Ich hege nun die Vermutung, dass auch Herbert dieses "Pflichtbewusstsein" teilt. Dies tue ich, da er nicht nur sich selbst als sehr selbstständig präsentiert, sondern auch aufgrund dessen, dass er das Maß an Selbstständigkeit von den anderen in seinen Ausführungen vorkommenden behinderten Personen als Bewertungskriterium für diese heranzieht. So übt Herbert etwa starke Kritik an einem Rollstuhlfahrer, der in seinen Augen kein so selbstständiges Leben führt, wie es für ihn dem Anschein nach möglich wäre.

"[W]enn ich ihn heute sehe irgendwo, dann wird er immer von der Frau geschoben. Solche Leute finde ich eigentlich heute noch schlecht und vorher genauso. [...] Wenn man selber sich total fallen lässt und wenn man selber nicht bemüht ist, dass das vorwärts geht, dann werden dir andere Leute wahrscheinlich auch nicht dazu helfen oder es geht nur um Mitleid und das will man ja eigentlich gar nicht." (Anhang B, Interview 1, 376-385)

Nach meiner Interpretation greifen nun bei Herbert die gesellschaftlichen Identitätsstandards (vgl. Goffman 1975) von Aktivität, Unabhängigkeit und körperlicher Schönheit auf eine andere Art und Weise, als dies bei Karin der Fall war. Für ihn scheint sich daraus die Pflicht zu ergeben, diese Identitätsstandards so weit wie möglich wieder zu erreichen oder zumindest als weitgehend erreicht zu präsentieren. Wir sehen also, dass auch innerhalb der "Behindertengemeinschaft" zwischen leistungsfähigen oder selbstständigen und weniger leistungsfähigen oder selbstständigen Individuen differenziert wird.

In Herberts ‚Pflichtbewusstsein' würde Riegler (2011) wohl "[...] ein verinnerlichtes Defizit [...]" (ebd. S.20) erkennen, schließlich erzählt sie von sich selbst:

"[Ich erinnere] mich an eine Zeit in meinem Leben, in der ich danach strebte, meine körperliche Behinderung als 'ein verinnerlichtes Defizit' durch ein an meine Umwelt und deren Vorstellungen von 'Behinderung' und 'Normalität' angepasstes und strebsames Verhalten zu kompensieren." (ebd.)

In diesem Sinne kann man in Herberts Drang zu Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit einen "[...] Schutz vor Mitleid [sehen], einer teils subtilen, teils klebrigen Form der Herablassung." (Kissler 2010, zitiert nach Riegler 2011, S.20)

Diesen Exkurs möchte ich auch als Begründung verstanden wissen, weshalb diese Studie hauptsächlich auf dem Interviewmaterial von Karin aufbaut, während Herbert eher ergänzend zu Wort kommt.

Im nun folgenden Teil möchte ich einige Aspekte von Peersupport, die in Karins Erläuterungen hervorstechen, ein wenig genauer herausarbeiten. Als Einstieg werde ich mich dem Umstand widmen, dass besonders Peers gleichen Geschlechts wichtig in der Phase der Identitätsrekonstruktion sind. Neben der Funktion als Rollenmodelle sollen in weiterer Folge auch jene Punkte behandelt werden, die Karin schon in ihrer einleitenden Aussage erwähnt. Hierzu zählen etwa das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe, der Erfahrungs- und Informationsaustausch in den Peergesprächen und das gegenseitige Verständnis füreinander aufgrund ähnlicher Erfahrungen.

An dieser Stelle sollte vielleicht angemerkt werden, dass es nicht möglich ist eindeutige Grenzen zwischen den verschiedenen vorteilhaften Aspekten von Peerkontakten zu ziehen, immerhin greifen diese ineinander und lassen so die Grenzen verschwimmen. Aus diesem Grund wird es auch in dieser Arbeit zu Überschneidungen zwischen den einzelnen Themenbereichen kommen.

6.2 Über die Bedeutung gleichgeschlechtlicher Peers aus weiblicher Perspektive

Eine besondere Bedeutung für die Änderung ihres Behinderungsverständnisses schreibt Karin einer jungen aber dennoch erfahrenen Rollstuhlfahrerin zu, die sich zeitgleich mit Karins Rehabilitation zu einer "Wiederholungsreha" in der Klinik aufhielt.

"[...] da war eine auf Wiederholungsreha da, das war auch eine relativ eine junge Frau; und die hat mir eigentlich dann [...] recht viel Mut gegeben, weil die hat schon eben ein Leben außerhalb dann geführt, also auch nach dem Reha. Und, ja, die ist halt dann zurückgekommen und hat da eben so erzählt und so, was sie tut und ich habe dann echt nur mehr so geschaut [...]. Also die hat einen Freund gehabt, die ist ausgegangen. Also das war für mich damals zu dem Zeitpunkt [...] eigentlich überhaupt nicht vorstellbar, dass man das mit im Rollstuhl auch machen kann. Und, ja und einfach durch die Gespräche mit ihr und ja, war das eigentlich so, ja, klasse, super, es geht danach auch noch weiter nach dem Reha." (Anhang B, Interview 2, 152-162)

An dieser Stelle möchte ich hervorheben, dass Karin ausdrücklich diese "[...] junge Frau [...]" als Beispiel erwähnt. Wenn man nun bedenkt, dass Karin zum Zeitpunkt ihrer Verletzung selbst noch ein Teenager war, kommt dem Umstand, dass für sie eine Person gleichen Geschlechts und zumindest annähernd gleichen Alters zu einem Rollenmodell während der Rehabilitation wurde, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Diese Frau war für Karin also nicht nur in Bezug auf Behinderung, sondern auch in Bezug auf Alter und Geschlecht gleichwertig. Nun gilt es, basierend auf das in dieser Studie schon erarbeitete Wissen zum Thema Peersupport zu bedenken, dass beispielsweise junge Frauen mit Behinderung mit anderen und zum Teil komplexeren Problemen konfrontiert sind, als es bei behinderten Männern der Fall ist - Saxton (1985) spricht hier etwa das Problem der doppelten Unterdrückung durch Sexismus und Behinderung an, was schließlich zu einem doppelten Maß an Isolation und Machtlosigkeit führt. Wenn wir uns nun in Erinnerung rufen, dass Menschen mit ähnlichen Problemen und ähnlichen Erfahrungen ein besseres Verständnis füreinander haben, dann liegt der Schluss nahe, dass eine junge querschnittsgelähmte Frau wohl am meisten Verständnis für eine andere junge querschnittsgelähmte Frau, wie Karin, aufzubringen vermag.

Dass Karin diese Frau als besonders hilfreich hervorhebt, bedeutet aber nicht, dass nicht auch männliche Peers eine Unterstützung für sie während der Rehabilitation darstellten, immerhin sind ihre sonstigen Schilderungen zur Bedeutung der anderen PatientInnen geschlechtsunspezifisch, also nicht rein auf weibliche Peers bezogen. Hierzu passend kommt eine britische Studie über die Erfahrungen querschnittsgelähmter Frauen in der Rehabilitation zu dem Schluss, dass männliche Patienten von den betroffenen Frauen durchaus als hilfreich angesehen wurden. Allerdings seien die Nähe, Fürsorglichkeit, Liebenswürdigkeit, Empfindsamkeit und das gegenseitige Verständnis der anderen Patientinnen als besonders wertvoll wahrgenommen worden (vgl. Samuel et al. 2007).

6.3 Rollenmodelle als Hilfe zur De- und Rekonstruktion am Beispiel von Sexualität und Weiblichkeit

Bevor wir uns aber damit beschäftigen, welche Rolle die anderen querschnittsgelähmten Personen ganz allgemein für Karin während der Rehabilitation spielten, möchte ich noch kurz bei jener Frau bleiben, die für Karin nicht nur aufgrund des gegenseitigen Verständnisses, sondern auch in ihrer Funktion als Rollenmodell und Vorbild wichtig war.

Nach meinem Verständnis geht Karin an der oben zitierten Stelle des Interviews auf einen sehr wichtigen Punkt ein, weshalb Mitglieder der Peergroup so bedeutungsvoll nach einer frisch erworbenen Querschnittslähmung sind. Karins Reaktion darauf, wie das Leben der erwähnten jungen Frau außerhalb der Rehabilitationsklinik aussieht, kann hier ohne zu übertreiben als große Verwunderung gedeutet werden, denn sie spricht davon "[...] nur mehr so geschaut [...]" zu haben. Diese Verwunderung kombiniert mit der Feststellung, dass ein solches Leben für Karin "[...] zu dem Zeitpunkt [...] eigentlich überhaupt nicht vorstellbar [...]" war, stellt für mich ein gutes Beispiel für die Dekonstruktion defizitärer Behinderungsbilder durch Peers dar: Ausgelöst durch das lebende Beispiel der jungen Frau gerät Karins defizitäres Verständnis von Behinderung als ein Leben in Passivität und Fremdbestimmung plötzlich ins Wanken und bricht schließlich ganz ein, wenn Karin die Einsicht erlangt, "[...] super, es geht danach auch noch weiter [...]".

Als Ergänzung zu Karins Aussagen möchte ich hier auch eine Frau zitieren, die darüber berichtet, wie bedeutungsvoll sie den Kontakt mit einer anderen, erfahreneren Rollstuhlfahrerin empfunden hatte:

"Als ich mich selbst behindert fand (als Paraplegikerin), war das, was ich am meisten wollte, mit jemandem zu reden, bei der ich fühlte, daß sie die Gefühle kennt, die ich erlebte. Ich wollte eine Frau treffen, die einen Rollstuhl benutzt und dies lange genug, so daß sie ihr Leben wieder in Ordnung gebracht hat. Ich dachte wiederholt: 'All diese Leute versuchen mir zu helfen, aber sie verstehen mich nicht.' [...] Ich kann Dir nicht beschreiben, wie gespannt ich war. Ich war so hungrig darauf, alles über ihr Leben zu erfahren, ihre Methoden mit den alltäglichen Lästigkeiten und Schwierigkeiten umzugehen und besonders Ihre Wege im Umgang mit Gefühlen kennenzulernen. [...] Ich fragte ängstlich: 'Gehst Du aus zu Verabredungen?' Ich war in allem, was sie mir über Verabredungen erzählen konnte furchtbar interessiert. Du denkst vielleicht, daß eine Frau, die seit elf Jahren verheiratet ist, wissen müßte, wie sie mit Männern umgehen kann. [...] Als ich eine behinderte, geschiedene Frau war, fühlte ich mich völlig außerstande, mit Verabredungen umzugehen." (Saxton 1983; zitiert nach Miles-Paul 1992)

Auch diese Frau spricht einerseits den Aspekt des besseren Verständnisses an und hebt andererseits die Bedeutung der anderen Rollstuhlfahrerin als Rollenmodell hervor. Sowohl in diesem Beispiel als auch bei Karin dienen die anderen Frauen insofern als Rollenmodelle, als dass sie lebende, positive Beispiele darstellen, die schließlich dekonstruierend wirken, indem sie zeigen, was allen negativen Erwartungen zum Trotz als Rollstuhlfahrerin noch möglich ist.

Bei Anderson (2009) bringt Lindsay, eine junge Rollstuhlbasketballspielerin, den Rollenmodellgedanken auf den Punkt: "role models are very important [...] you see them doing it, and you think to yourself, 'well, I can do this.'" (ebd. S.441)

Ein besonderes Augenmerk legen die beiden Frauen auf das Thema Partnerschaft. So erzählt Karin überrascht darüber gewesen zu sein, dass ihre Bekanntschaft aus der Rehabilitation trotz ihrer Behinderung in einer Beziehung lebte. Auch die bei Saxton interviewte Frau berichtet "[...] furchtbar interessiert [...]" daran gewesen zu sein, ob die andere Rollstuhlfahrerin zu Verabredungen ging und was sie darüber zu erzählen hatte, da sie sich selbst damit überfordert sah.

Im Kontext von Partnerschaft spielen in weiterer Folge auch Sexualität und Mutterschaft eine wichtige Rolle für behinderte Frauen (vgl. Barnes 2005 & Saxton 1985). In diesem Zusammenhang stellen die gesellschaftlich produzierten Schönheitsideale besonders für behinderte Frauen ein Problem dar. Das Wissen, dass besonders Männer den ‚gängigen' Schönheitsidealen verfallen sind, und das Gefühl, diesen nicht mehr entsprechen zu können, vermindert das Selbstwertgefühl betroffener Frauen und wird somit zu einer Barriere für eine Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht (vgl. Riedel 2011). Hinzu kommt, dass die Sexualität behinderter Frauen ein Tabuthema ist (vgl. ebd.), was es besonders nach einer erworbenen Behinderung erschwert, sich mit Informationen hierüber zu versorgen. Genau aus diesem Grund sind nun behinderte Frauen als Rollenmodelle so wichtig; denn zum einen können sie den weniger erfahrenen Frauen als Beispiel dafür dienen, dass auch mit Behinderung noch ein Sexualleben möglich ist, und zum anderen erleichtert bzw. ermöglicht der Umstand der geteilten Empfindungen und Erfahrungen das offene Sprechen über dieses in hohem Maße tabuisierte Thema. Hierzu drückt sich Karin auf folgende Weise aus:

"Man spricht halt einfach auch viel mehr über so Sachen, was man vielleicht mit anderen Menschen jetzt nicht so sprechen würde. [...] Manche Sachen traut man sich vielleicht mit anderen nicht besprechen, wie zum Beispiel einfach [das] Thema mit der Sexualität [...] oder auch [...] wegen dem Klo Gehen oder [...] solche Sachen einfach, weil, ja weil da ist man halt nicht allein mit dem Problem und da kann man einfach Erfahrungen [...] austauschen, schauen, wie geht der andere damit um." (Anhang B, Interview 2, 219-227)

Dies soll natürlich nicht heißen, dass Sexualität nicht auch für behinderte Männer ein wichtiges und problematisches Thema darstellt, das nicht selten in Peerbeziehungen besprochen wird. Auch behinderte Männer scheinen sich eher bei Kontakten mit gleichgeschlechtlichen Peers wohl genug zu fühlen, um sich dem Thema Sexualität zu widmen, wie folgende Aussage bestätigt:

"At the end of the quad rugby session we always hang around for a while at the bar. And that is the time for me to ask questions and get answers from the others. 'How do you do it with passing water, how do you manage with sex, how do you use the wheelchair?' And those guys together know more than any rehabilitation doctor will ever know." (van de Ven 2008, S.253)

6.4 Peergespräche für Erfahrungsaustausch

Diese letzten beiden Kommentare sollen uns nun aber auch zu einem nächsten wichtigen Aspekt von Peerkontakten führen. Immerhin können RollstuhlfahrerInnen nicht nur als Rollenmodelle füreinander fungieren, sondern in gemeinsamen Gesprächen Informationen und Erfahrungen austauschen.

Hierbei spielt besonders der Umstand, dass querschnittsgelähmte Peers ein besseres Verständnis füreinander haben und in weiterer Folge einander oft größeres Vertrauen besonders bei behinderungsspezifischen Themen schenken, eine wichtige Rolle. Wie wir an den oben aufgeführten Aussagen sehen, werden innerhalb der Peergroup neben Sexualität auch andere Themen besprochen, die für querschnittsgelähmte Personen besonders relevant sind. In diesem Sinne würde Goffman (1975) querschnittsgelähmte Peers der Gruppe ‚sympathisierender Anderer' einordnen, "[d]a [diese] aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, dieses bestimmte Stigma zu haben [und so] einige von ihnen das Individuum mit den besonderen Berufstricks [...] versorgen [können]" (ebd. S.31).

Innerhalb einer Gruppe von RollstuhlfahrerInnen kommt es neben Gesprächen über die Verwendung des Rollstuhls ("[...] how do you use the wheelchair [...]") auch zu Unterhaltungen über Lebensbereiche, die für nichtbehinderte Menschen als selbstverständlich betrachtet werden oder sogar tabuisiert sind. Für das Leben querschnittsgelähmter Menschen ist etwa das Thema der Darm- und Blasenentleerung ("How do you do it with passing water [?]") besonders bedeutsam und findet sich deshalb sehr häufig in Peergesprächen wieder (vgl. van de Ven 2008).

Auch Karin spricht in der oben zitierten Aussage Probleme an, die den Alltag querschnittsgelähmter Personen oft bestimmen und mit denen auch sie sich selbst von einem Tag auf den anderen konfrontiert sah. Besonders intime und vorher selbstverständliche Alltagshandlungen wie Zähneputzen, Körperpflege oder eben auch das ‚Klo-Gehen' werden nach einer erworbenen Querschnittslähmung oft zu großen Hürden im alltäglichen Leben (vgl. Barnes 2005). Karin erzählt, dass beispielsweise das ‚Klo-Gehen' ein Thema ist, über das "[...] man vielleicht mit anderen [nichtbehinderten] Menschen jetzt nicht so sprechen würde." Den Grund, weshalb solche intimen Themen eher innerhalb der Peergroup besprochen werden, sieht Karin, meiner Interpretation zufolge, in möglichen Fremdzuschreibungen, wie sie ihrer Meinung nach durch nichtbehinderte Personen passieren könnten: "Und man kann einfach über was reden ohne dass man jetzt irgendwie Angst hat, [...] was denken die anderen jetzt über mich" (Anhang B, Interview 2, 229-231). In diesem Kontext werden nun Meads symbolischer Interaktionismus und folglich auch Goffmans Verständnis von Identität besonders bedeutungsvoll. Wenn etwa Mead davon spricht, dass sich ein Individuum "[...] aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört [...]" (Mead 1973, S.180), erfährt, dann wird klar, weshalb eine querschnittsgelähmte Person bestimmte Themen eher mit ihrer Peergroup bespricht, denn mit anderen, nichtbehinderten Menschen. So besteht im Gespräch mit nichtbehinderten Personen die Gefahr, dass diese dem behinderten Individuum durch zwar nicht intendierte aber dennoch wirkungsvolle bemitleidende und andernde Reaktionen vermitteln, genau dies zu sein, nämlich anders und bemitleidenswert. Genau dies kann dazu führen, dass sich das betroffene Individuum in weiterer Folge auch selbst als anders und bemitleidenswert erfährt. Im Gegensatz dazu kann ein querschnittsgelähmtes Individuum, wie Karin, in Peergesprächen die Erfahrung machen "[...] nicht allein mit dem Problem [...]" (Anhang B, Interview 2, 226-226) zu sein, also nicht anders und bemitleidenswert zu sein, sondern akzeptiert und normal (vgl. Goffman 1975).

Dass Karin Angst davor hat, was nichtbehinderte Menschen von ihr denken könnten, kann zumindest zwei mögliche Gründe haben; entweder hat sie schon in ihrer Rehabilitationszeit die Erfahrung gemacht, durch nichtbehinderte Menschen geandert zu werden oder sie erinnert sich an die negativen Zuschreibungen, die sie selbst als noch nichtbehinderte junge Frau anderen behinderten Menschen entgegengebracht hatte und projiziert diese nun auf das restliche nichtbehinderte Kollektiv.

Die ähnlichen Erfahrungen, die Mitglieder einer Gruppe querschnittsgelähmter Peers in ihrem Leben gemacht haben und machen, führen aber nicht nur zu einem besseren Verständnis und somit weniger Zuschreibungen, erfahrenere RollstuhlfahrerInnen stellen auch eine wichtige Informationsquelle besonders für jene Personen dar, die sich erst kürzlich eine Querschnittslähmung zugezogen haben. Immerhin ist das Wissen um bestimmte Alltagsbewältigungsstrategien für querschnittsgelähmte Menschen ein so spezifisches, dass nichtbehinderte Personen nur in seltenen Fällen eine Hilfestellung bieten können. Dies bestätigt auch die Aussage des weiter oben zitierten Rollstuhlrugby-Spielers, der feststellt, dass seine querschnittsgelähmten Kameraden über mehr behinderungsspezifisches Wissen verfügen würden, als es etwa ein Rehabilitationsarzt je haben könnte (vgl. van de Ven 2008). Auch andere Befragte derselben Studie äußerten, dass andere Betroffene eine wichtige Quelle für Informationen zu einem selbstbestimmten Leben darstellten (vgl. ebd.). Ähnliches gilt für Herbert, der mit "Berufstricks" (Goffman 1975, S.31) durch andere Rollstuhlfahrer ausgestattet wurde, indem er von diesen unter anderem auch mit Tipps rund um den WC-Besuch versorgt wurde (vgl. Anhang B, Interview 1).

Das Thema des ‚Klo-Gehens' ist für querschnittsgelähmte Menschen deshalb von solch großer Bedeutung, da beim Großteil der Betroffenen die Blasenfunktion zumindest eingeschränkt ist. So müssen zum Beispiel viele querschnittsgelähmte Menschen katheterisieren um die Blase entleeren zu können (vgl. Hansen et al. 2010). Die sog. Blasenfunktionsstörung nach einer Querschnittslähmung stellt ein sehr gutes Beispiel für behinderungsspezifische Gesprächsthemen innerhalb einer Peergroup dar. Immerhin ist "[...] [d]ie Kontrolle der Ausscheidung ist für alle Menschen ein heikles, psychisch tief verwurzeltes Thema." (Runge 2002, S.56) Es handelt sich hierbei um eine Aktivität, die man alleine und hinter verschlossenen Türen vollzieht. Schon bei den meisten nichtbehinderten Menschen kann allein das Sprechen darüber Scham auslösen (vgl. ebd.). Es ist so nicht schwierig sich vorzustellen, dass im Falle einer Blasenfunktionsstörung, wie sie meist nach einer Querschnittslähmung auftritt, die Schamgrenze noch um ein vielfaches steigt. Aufgrund der erwähnten Angst vor Zuschreibungen ist dieses Thema also speziell gegenüber nichtbehinderten Menschen ein Tabu. Innerhalb der Peergroup scheint diese Sprechbarriere nicht ganz so groß - die betroffenen Personen müssen nicht befürchten durch ihr "Outing" abgewertet zu werden, da die meisten ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder, wie Karin es ausdrückt, alle "[...] dasselbe Schicksal gehabt haben, als wie man selber." (Anhang B, Interview 2, 141-142)

Das Gesprächsthema ‚Klo-Gehen' ist allerdings auch ein schönes Beispiel für Peergespräche als Informationsquellen, schließlich ist nicht davon auszugehen, dass die mehrheitsgesellschaftliche Masse auch nur annähernd so viel Wissen über behinderungsspezifische Aspekte des WC-Besuches hat, als dass ein nichtbehinderter Mensch eine nützliche Informationsquelle für querschnittgelähmte Personen darstellen kann. Sowohl der schon erwähnte Rollstuhlrugby-Spieler (siehe S.XY) als auch Herbert sind sogar der Meinung, dass erfahrene RollstuhlfahrerInnen in diesem Bereich über mehr oder zumindest praktischeres, also im Alltag leichter umsetzbares Wissen verfügen, als darauf spezialisierte Fachärzte.

"[...] man redet dann auch darüber, ob beim Kathetern - am Anfang habe ich das eigentlich relativ ernst genommen, dass das alles relativ sauber und [...] steril abläuft - [dann] bin ich [...] bei manchen darauf gekommen, dass das gar nicht so sein muss und dann ist das alles ein bisschen schneller gegangen [...]." (Anhang B, Interview 1, 271-275)

Diese Aussage Herberts deutet aber auch ein bestimmtes Maß an Heterogenität im Umgang mit dem Alltäglichen an, was Herbert allerdings schon zu einem früheren Zeitpunkt des Interviews explizit ausdrückt: "Man redet mit den Leuten. Der eine macht das so-und-so, der andere macht das so-und-so [...]" (ebd. 149-151).

Im Austausch von Erfahrungen und Informationen geht es also nicht darum, einen allgemein gültigen Königsweg zu finden. Die individuellen Bedürfnisse und Lebensbedingungen der Akteure sind zu unterschiedlich, als dass es die eine ultimative Lösung geben könnte. Vielmehr gilt es aus der Fülle von Informationen diejenigen herauszufiltern, die am ehesten den Bedürfnissen des betroffenen Individuums entsprechen. Zum Beispiel wäre für viele querschnittsgelähmte Menschen ein weniger steriles Arbeiten beim intermittierenden Katheterismus[19], wie Herbert es betreibt, undenkbar, da bei diesen schon eine geringe Anzahl von Keimen zu Harnwegsinfekten führen kann (vgl. SPV 2012). Aus diesem Grund wird in Fachtexten dringend dazu geraten "[...] auf ein korrektes [...] Vorgehen beim Katheterisieren zu achten" (ebd. S.9). Wir sehen also, dass die durch erfahrene ParaplegikerInnen angewandten Methoden, in welchem Lebensbereich auch immer, nicht unbedingt mit der Meinung von Fachleuten übereinstimmen müssen. Auch kann eine für eine bestimmte Person durchaus passende Handlungsvariante für eine andere Person nicht nur unpassend, sondern sogar schädlich sein. Dies unterstreicht wiederum, dass behinderte Menschen abgesehen von dem ihnen auferlegten Stigma nicht viel gemeinsam haben müssen (vgl. Engel & Munger 2003).

Im Kontext von Informations- und Erfahrungsaustausch über den Alltag von RollstuhlfahrerInnen stellt uns Herbert noch ein weiteres Beispiel zur Verfügung, wenn er von den unterschiedlichen Tipps rund um die Anschaffung eines Autos erzählt.

"[...] der eine hat den Tipp und der andere hat den Tipp und der eine macht das mit dem Auto-Einsteigen so und der eine erklärt dir, dass das Auto vielleicht das Bessere ist, weil am Anfang habe ich eigentlich nicht gewusst, was ich mir eigentlich jetzt für ein Auto kaufen soll [...]" (Anhang B, Interview 1, 162-166)

In diesem Zusammenhang tritt nun wieder der Aspekt von Peers als Rollenmodelle in Erscheinung. Immerhin spricht Herbert davon, sich nicht nur mehrere Autos seiner querschnittsgelähmten Peers angesehen zu haben (vgl. ebd.), sondern auch "[...] wie sie ein- und aussteigen [...]" (ebd. 269-270). Der eben herausgearbeitete Umstand, dass die Tipps und "Berufstricks" (vgl. Goffman 1975) der anderen Peers nicht ohne Weiteres für jede betroffene Person gültig sind, ist also auch auf das Abschauen von Handlungsstrategien bei Rollenmodellen erweiterbar - unter den vielen Handlungsmöglichkeiten, die durch das Zuschauen bei Peers eröffnet werden, werden wahrscheinlich nur wenige in die nähere Auswahl für ein bestimmtes Individuum kommen.

6.5 Gemeinschaft, Freundschaft und Verständnis

Im Verlauf des Interviews hebt Karin des Öfteren hervor, wie wichtig für sie das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Peergroup war. Sie scheint beispielsweise schon kurz nach der Ankunft in der Rehabilitationsklinik von der Gemeinschaft mit den anderen PatientInnen profitiert zu haben:

"Also mir hat das total viel gegeben, einfach so, dass man gemerkt hat, [man] ist in einer Gemeinschaft, man hat Menschen zum Reden, denen geht's ähnlich, die verstehen einen." (Anhang B, Interview 2, 143-145)

An dieser Aussage sehen wir wieder, wie stark die einzelnen Themenbereiche von Peersupport, die hier zugegebenermaßen ein wenig künstlich getrennt wurden, miteinander verflochten sind. Immerhin versteht Karin den Begriff Gemeinschaft, so könnte es verstanden werden, als eine Gruppe von Menschen, die aufgrund ähnlicher Erfahrungen bzw. Lebensumstände ein hohes Maß an Verständnis füreinander aufbringen können, was das Reden über bestimmte, die Gruppe betreffende Themen erleichtert - das heißt also, dass etwa Faktoren wie die Gemeinschaft von Peers und die in dieser Gemeinschaft stattfindenden Gespräche nicht klar voneinander abgrenzbar sind, sie sind vielmehr Teile voneinander.

Hier lässt sich nun eine gewisse Verwandtschaft zu Tönnies' (1935) Gemeinschaftsbegriff erkennen, der darunter eine Verbindung zwischen Menschen sieht, die durch Nähe und einem Aufeinander-Bezogensein geprägt ist. Gemeinschaft wird als "lebendiger Organismus" gesehen, in dem Menschen "[...] in organischer Weise durch ihre Willen miteinander verbunden sind und einander bejahen" (ebd. S.14). An dieser Stelle lässt sich auch eine Brücke zu dem schon behandelten Umstand schlagen, dass ein bejahendes bzw. akzeptierendes Umfeld sich in höchst positiver Weise auf das Selbstverständnis eines Individuums auswirken kann. So kann etwa die von Karin erwähnte Gemeinschaft im Rehabilitationszentrum mit Mead (1973) als ‚gleiche gesellschaftliche Gruppe' verstanden werden, aus dessen bejahender Sicht sich auch Karin selbst als akzeptiert und verstanden sehen konnte. In die gleiche Kerbe schlägt Goffman (1975) indem er die Gemeinschaft von stigmatisierten Peers als einen Kreis von Personen[20] versteht,

"[...] in den [...] sich [ein betroffenes Individuum] zurückziehen kann zur moralischen Unterstützung und wegen des Behagens, sich zu Hause, entspannt, akzeptiert zu fühlen, als eine Person, die wirklich wie jede andere normale Person ist." (ebd. S.31)

Passend zu dieser Feststellung Goffmans berichtet Karin folgendes von ihrer Rehabilitation: "[...] da fühlt man sich nicht so als [...] Außenstehender, weil einfach alle gleich sind." (Anhang B, Interview 2, 164-165). Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass für Karin alle Personen in der Rehabilitation gleich sind, sie sind nur in Bezug auf den, ich nenne es einfach ‚Besitz' einer Behinderung gleich, sie sind Peers. Sich nicht als Außenstehende, sondern als vollwertiger Teil der Gruppe wahrzunehmen erlaubte Karin sich als ganz gewöhnlicher Mensch zu fühlen (vgl. Goffman 1975).

Bei Riegler (2011) drückt eine Interviewpartnerin diesen Gedanken folgendermaßen aus: "In meinem Alltag bedeutet Normalität auch behindert sein, weil der allergrößte Teil meiner Freunde und Freundinnen tatsächlich behindert ist." (ebd. S.22)

Mit diesem Zitat möchte ich jetzt auch zu Karins Gedanken zu Freundschaft mit anderen behinderten Personen überleiten. So erzählt sie beispielsweise, wie wichtig für sie die gemeinsame Zeit war, die sie "[...] mit den anderen Leuten [...] verbracht [...]" (Anhang B, Interview 2, 186) hat:

"Also wir waren da eigentlich wirklich eine Gemeinschaft und es haben sich auch total viele Freundschaft eigentlich gebildet eben von der Zeit. Weil, ich glaube es macht schon viel aus, wenn man einfach gemeinsam eine schwere Zeit durchsteht und sich gegenseitig dabei unterstützt." (ebd. 187-191)

Karin lädt mit diesem Gedanken, in dem sie Gemeinschaft mit Freundschaft verknüpft, zu einer näheren Beschäftigung mit Tönnies (1935) Gemeinschaftstheorie ein. Letzterer geht davon aus, dass Gemeinschaften entweder durch das "Blut", den "Ort" oder den "Geist" determiniert sind, deren ursprünglichste Formen die Verwandtschaft, die Nachbarschaft bzw. die Freundschaft darstellen (vgl. ebd.). Ich möchte mich hier auf den dritten Punkt konzentrieren, auf Freundschaft als eine ‚Gemeinschaft des Geistes'. In dieser erkennt Tönnies "[...] die eigentlich menschliche und höchste Art der Gemeinschaft" (ebd. S.14), da er in ihr einen Zusammenhang mentaler Natur sieht, der weniger organisch, also weniger instinktiv oder durch Gewohnheit bedingt ist, als es bei den anderen Gemeinschaftsarten der Fall ist. Was Tönnies zufolge in einer Gemeinschaft "[...] die Menschen als Glieder eines Ganzen zusammenhält" (ebd. S.20) ist Verständnis, das wiederum

"[...] auf intimer Kenntnis voneinander [beruht], sofern diese durch unmittelbaren Anteil eines Wesens an dem Leben des anderen [...] bedingt ist und solche wiederum fördert. Daher [sind Verständnis und somit Freundschaft] um so wahrscheinlicher, je größer die Ähnlichkeit der Konstitution und Erfahrung, oder je mehr Naturell, Charakter, Denkungsart von gleicher oder zusammenstimmender Art sind." (ebd.)

Legen wir diese Erkenntnis auf Karins Erzählungen um, in denen sie immer wieder die Bedeutung von gegenseitigem Verständnis hervorhebt und diese mit Gemeinschaft und später auch Freundschaft verknüpft, schließt sich möglicherweise ein Gedankenkreis: Die aufgrund der Behinderung, im Sinne körperlicher Verfassung oder Konstitution (vgl. Brockhaus 2006) verstanden, geteilten Erfahrungen aber auch behinderungsspezifischen ‚intimen Kenntnisse' - Sexualität und ‚Klo-Gehen' wurden schon behandelt - voneinander führen innerhalb der Peergroup zu einem hohen Maß an Verständnis füreinander, was schließlich die einzelnen betroffenen Individuen zu einer Gemeinschaft zu verbinden vermag. Auch wenn nun etwa im Fall von Karin auch von einer Gemeinschaft des ‚Ortes' gesprochen werden kann, da die einzelnen Individuen örtlich durch die Institution der Rehabilitationsklinik verbunden waren, entwickelten sich eigenen Angaben zufolge zu einigen der anderen PatientInnen auch Freundschaften, was Karin auf das gemeinsame Durchstehen einer schweren Zeit (geteilte Erfahrung) und die gegenseitige Unterstützung zurückführt. Wir haben es hier also mit einer Gemeinschaft der ‚Geistes' zu tun, der höchsten Form von Gemeinschaft, wenn wir Tönnies (1935) Glauben schenken wollen. Diese Verbindungen konnte Karin auch nach der Zeit der Rehabilitation, also nachdem die örtliche Verbundenheit aufgelöst war, aufrecht erhalten, denn sie berichtet: "[...] [V]on da habe ich eigentlich noch ziemlich viele Kollegen, die ich jetzt einfach ab und zu noch sehe und mit denen ich jetzt auch noch Kontakt habe [...]." (Anhang B, Interview 2, 191-193) Diese Verbundenheit versteht Tönnies (1935) als "[...] eine Art von unsichtbarer Ortschaft, eine mystische Stadt und Versammlung, die gleichsam durch eine künstlerische Intuition, einen schöpferischen Willen lebendig ist." (ebd. S.16)

Diesen Gemeinschaftsgedanken lässt auch Herbert heraus blitzen:

"Mit Rollstuhlfahrern hat man natürlich allein von der Reha [...] immer wieder zu tun und natürlich, dadurch dass ich relativ lange im Reha war, lange mit Rollstuhlfahrer Kontakt und zu tun hab und da pflegt man natürlich die eine oder andere [...] Bekanntschaft oder auch Zimmerkollegen, die zur gleichen Zeit einen Unfall gehabt haben [...]" (Anhang B, Interview 2, Zeile 82-88)

In diesem Sinne scheinen sich auch für ihn Gemeinschaften gebildet zu haben, die schließlich über den rein örtlichen Zusammenhang hinausgingen und somit als ‚geistige' Gemeinschaften bzw. Freundschaften bezeichenbar wären (vgl. Tönnies 1935). Diese Schlussfolgerung steht allerdings im Widerspruch zu Herberts mehrmaligem Beharren darauf "[p]rivat [...] relativ wenig mit Rollstuhlfahrern zusammen [zu sein]" (Anhang B, Interview 2, 109-110). In Anlehnung an Goffman (1975) wage ich hierin eine gewisse Ambivalenz von Herberts Beziehung gegenüber anderen behinderten Individuen, also seiner Peergroup zu sehen. Aus dieser ambivalenten Beziehung folgen nun, so Goffman, Schwankungen bei der "[...] Identifikation mit und Partizipation an seinesgleichen." (ebd. S.52)

"Es wird 'Anschließungszyklen' geben, durch die es [, das stigmatisierte Individuum,] die speziellen Möglichkeiten für In-group-Partizipierung akzeptieren lernt oder dazu kommt, sie zurückzuweisen, nachdem es sie zuvor akzeptiert hatte. Es wird in der Meinung über die Natur der eigenen Gruppe und die Natur der Normalen korrespondierende Schwankungen geben." (ebd.)

Im Gegensatz zu Karin scheint Herbert zum Zeitpunkt des Interviews also noch gewissen Schwankungen in seiner Beziehung zu anderen behinderten Personen zu unterliegen. Darüber, was dies über die Beziehung zu seiner eigenen Behinderung aussagt, wage ich an dieser Stelle allerdings keine Aussage zu treffen.

Wir sehen also, bei Herbert weniger offensichtlich als bei Karin, dass dieses Bündel aus Gemeinschaft, Freundschaft und Verständnis insofern eine wichtige Rolle für die Identitätsrekonstruktion nach einer Querschnittslähmung haben kann, als dass sich das betroffene Individuum als dazugehörig, akzeptiert und normal erfahren kann, was dem widerspricht, wie es sich möglicherweise zuvor selbst wahrgenommen hatte.

6.6 Fazit

Hoffentlich konnte den LeserInnen in diesem Kapitel verdeutlicht werden, welche immense Bedeutung der Peergroupkontakt für die Identitätsrekonstruktion nach einer erworbenen Behinderung haben kann. Gespräche innerhalb der Gruppe und Rollenmodelle aus der Gruppe ermöglichen etwa die Dekonstruktion des ansozialisierten defizitären Behinderungsbildes, aufgrund dessen es erst zu einer Identitätskrise hatte kommen können. Diese Peergespräche zeigen einem betroffenen Individuum, wie es Karin schildert, dass "[...] es funktioniert, [dass] man [...] auch mit einer Behinderung noch ein eigenständiges Leben führen [kann]." (Anhang B, Interview 2, 147-148) Des Weiteren können die Mitglieder der Peergroup sich gegenseitig mit behinderungsspezifischen Tipps und Tricks zur Alltagsbewältigung versorgen. Zuletzt haben wir uns schließlich damit beschäftigt, dass die Gemeinschaft innerhalb der Peergroup dem betroffenen Individuum vermittelt, normal und verstanden zu sein.

Bisher haben wir uns hauptsächlich auf Peerkontakte während der Rehabilitationszeit konzentriert. Für viele Betroffene stellt diese Zeit allerdings nur den Anfang der Identitätsrekonstruktion dar. Immerhin ist die Rehabilitation, wie Karin richtig feststellt, "[...] ein geschützter Rahmen [...]" (ebd. 163), der einerseits barrierefrei ist und in dem andererseits "[...] alle gleich sind." (ebd. 165). Das heißt, dass viele Probleme, mit denen behinderte Menschen täglich konfrontiert sind, erst nach der Rehabilitationszeit in Erscheinung treten. Hierzu zählen beispielsweise die Barrieren einer Welt, die noch eher auf Segregation von behinderten Menschen ausgerichtet ist, denn auf deren Inklusion. Dasselbe gilt für Angehörige der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft. Sie sind es erst, die durch ihre andernden Reaktionen behinderte Identitäten produzieren. Auch Karin erinnert sich noch daran, sich gefragt zu haben, "[...] wie wird das draußen ausschauen, ist das dann auch so einfach, wie reagieren die Leute auf mich, wenn ich raus komme, [...] kann ich das überhaupt alles alleine irgendwie schaffen und so." (ebd. 168-170)

Die Frage, die sich nun stellt, ist wie eine Person mit einer erworbenen Behinderung auch nach der Rehabilitation zu diesen doch so notwendigen oder zumindest hilfreichen Peerkontakten kommen kann ohne sich aber an eine organisierte Form von Peersupport wenden zu müssen, unter welche etwa die von mir schon zuvor kritisierten Selbsthilfegruppen fallen.

So hat zum Beispiel Christine Riegler (2011) die für sie so wichtigen Peerkontakte durch ihren Einsatz in der Selbstbestimmt Leben Bewegung erhalten:

"Mein Selbstbild hat sich also gewandelt, ich habe als Rollstuhlfahrerin einen Emanzipationsprozess durchlaufen - nicht nur, aber auch durch die Möglichkeit der Identifikation mit Mitgliedern der Behindertenbewegung und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer von einer gesellschaftlichen Mehrheit diskriminierten Minderheit." (ebd. S.21)

Ich möchte hier aber einen Blick auf eine andere Aktivität werfen, die auch außerhalb von rehabilitativen Einrichtungen Kontakt, Interaktion und schließlich auch Freundschaften mit anderen behinderten Personen ermöglicht, ohne dass dies direkt intendiert ist - die Rede ist von Sport bzw. Behindertensport, um die abwertende, mehrheitsgesellschaftliche Bezeichnung zu nutzen. Den aufmerksamen LeserInnen wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass in den Kapiteln über die Bedeutung der Peergroup für die Identitätsrekonstruktion auch immer wieder Beispiele aus einem sportlichen Umfeld herangezogen wurden, um verschiedenste Sachverhalte zu untermauern. Nun wollen wir uns explizit diesem sportlichen Umfeld widmen.



[17] Da es für den Ausdruck "newlyabled" (Papadimitriou 2008, S.695) im englischen Originaldokument keine wörtliche Übersetzung ins Deutsche gibt, habe ich mich in Anlehnung an Haidlmayr et al. (1995) für den Begriff "Enthinderung" entschieden.

[18] Name aus Datenschutzgründen geändert.

[19] Intermittierender Katheterismus wird als die beste Methode zur Blasenentleerung für querschnittsgelähmte Menschen gesehen. Hierbei wird im Schnitt 4-6 mal pro Tag "[...] ein steriler Katheter [...] nur für kurze Zeit in die Blase eingebracht, um sie zu entleeren." (SPV 2012, S.8)

[20] Auf die Verwendung von Goffmans genauen Wortlaut "Lamentierkreis" möchte ich in dieser Studie verzichten, da ich ihn als zu abwertend und reduzierend empfinde. Immerhin beschreibt das Universalwörterbuch Duden den Begriff Lamentieren als: "[...] (ugs. abwertend) [...] ausgiebig klagen, jammern [...]" (Klosa et al. 2001, S.986)

7. Sport als Quelle für Peerkontakte

Nach einer erworbenen Behinderung bringt das Treiben von Sport einige Aspekte mit sich, die nach dem Erwerb einer Behinderung auf die darauf folgende Phase der Identitätsrekonstruktion unterstützend wirken können. Slater et al. (2004) heben beispielsweise physische und psychische Aspekte von Sport als hilfreich hervor. So fördert das Treiben von Sport etwa das Selbstvertrauen, sowie die körperliche Fitness und soziale Integration (vgl. Wise et al. 1999 & Sable et al. 2000, zitiert nach Slater 2004, S.124). Da diese Aspekte schon des Öfteren beforscht wurden, möchte ich mich in dieser Studie aber eher auf die von der Forschung weniger beachteten sozialen Aspekte von Sport, also auf die im Zuge von Sport zustande kommenden Peerkontakte konzentrieren.

Im Folgenden soll kurz skizziert werden, dass Sport eine Möglichkeit darstellt, auch nach der Rehabilitation zu Interaktionen, Kontakten und möglicherweise auch Freundschaften innerhalb der Peergroup zu kommen. Im Anschluss daran möchte ich aber auch auf Ambivalenzen von Sport als Identitätsrekonstruktionshilfe eingehen. Denn einerseits können manche RollstuhlsportlerInnen durch deren selbstbestimmtes und selbstbewusstes Auftreten gute Rollenmodelle für "frisch" querschnittsgelähmte Personen darstellen, während sog. "Supercrips" (Berger 2008) andererseits aber auch unrealistische Erwartungen wecken und zu einer "self-made-man" oder "blaming-the-victim" Ideologie führen vermögen (vgl. Ryan 1971, zitiert nach Berger 2008, S.648). Zu guter letzt darf nicht auf die Grenzen von Sport als Plattform für soziale Interaktionen vergessen werden, immerhin bleibt, um nur ein Beispiel zu nennen, Personen, die nicht sportlich aktiv sind, der Zugang zu Peerkontakten in diesem Kontext verwehrt.

7.1 Sport als soziale Plattform

Sowohl Karin als auch Herbert berichten in ihren Interviews davon, auch durch Sport Kontakt zu anderen RollstuhlfahrInnen gehabt zu haben. Herbert erzählt sogar, hauptsächlich im Rahmen sportlicher Aktivität mit anderen Rollstuhlfahrern beisammen zu sein (vgl. Anhang B, Interview 1). An dieser Stelle liefert uns aber Karin ein spannendes Detail, da sie, obwohl sie feststellt ihre Peerkontakte hauptsächlich während ihrer Rehabilitation gewonnen zu haben, dies erzählt:

"Ja also ich habe durch den [...] Sport noch viele andere Leute kennengelernt [...], die eben auch im Rollstuhl sitzen [...] [D]er Kontakt ist natürlich viel mehr gewesen, weil man einfach da regelmäßig dann hingeht und einfach [...] regelmäßig die Leute trifft, dort." (Anhang B, Interview 2, 315-320)

Mit dieser Aussage drückt Karin einen, wie ich denke, besonderen Vorteil von Sport als sozialer Plattform gegenüber der Rehabilitation aus. Im Gegensatz zur Rehabilitation, in der ein engerer Kontakt meist zeitlich begrenzt ist, bietet Sport auch längerfristige und regelmäßigere Kontakte mit anderen Mitgliedern der Peergroup.

Einen weiteren bedeutungsvollen Umstand von Sport sehe ich nun darin, dass dieser eine weitere verbindende Gemeinsamkeit innerhalb einer Gruppe darstellt. Das heißt, dass das gemeinsame Interesse und Ausüben einer bestimmten Sportart die Peerkomponente "Behinderung" um zumindest eine weitere ergänzt, somit zu einem noch intensiveren Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedern der Gruppe zu führen vermag und in weiterer Folge das Entstehen von Freundschaften im Sinne von Tönnies (1935) noch wahrscheinlicher macht. Vergleichen wir dies mit den Erkenntnissen aus dem vorhergehenden Kapitel, können Gemeinschaften bzw. Freundschaften im Rahmen sportlicher Aktivität und dem damit einhergehenden Ausmaß an Anerkennung und Verständnis dem betroffenen Individuum noch stärker das Gefühl vermitteln, dazuzugehören und normal zu sein. Berger (2008) sieht in diesen offenen Sportgemeinschaften eine Möglichkeit für die SportlerInnen, eine affirmative Behinderungsidentität aushandeln und pflegen, in der sie sich mehr als Sportler denn als Menschen mit Behinderung sehen. Wenn wir hier nun wieder Mead (1973) und Goffman (1975) heranziehen, kann dies so verstanden werden, dass sich das betroffene Individuum vor allem deshalb eher als Sportlerin bzw. Sportler wahrnehmen kann, da es von den anderen Mitgliedern eben auf diese Weise gesehen wird, die Behinderung, das Stigma rückt in den Hintergrund.

Dass Freundschaft und Kameradschaft mit zu den wichtigsten Aspekten von sportlicher Aktivität für behinderte SportlerInnen zählt, bestätigen schließlich auch die Ergebnisse anderer Studien (vgl. Berger 2004 & 2008; Sporner et al. 2009). Als Beispiel sei an dieser Stelle eine junge Rollstuhlbasketballspielerin erwähnt (vgl. Anderson 2009): Hannahs Hingabe zu Rollstuhlsport liegt, eigenen Angaben zufolge, in ihrer Beziehung zu den anderen AthletInnen und deren Vertraulichkeit und Kameradschaft verankert; Für sie ist das Team besonders aufgrund ihrer Freunde wichtig - im Gegensatz zu anderen Lebensbereichen, in denen sie meist heraussticht, wird sie in ihrem Team eben nicht als anders wahrgenommen (vgl. ebd.)

Kommen wir nun aber zu einem etwas problematischeren Umstand von Sport als sozialer Plattform für behinderte Personen.

7.2 "Supercrips" als Rollenmodelle - ein zweischneidiges Schwert

Dass behinderte Menschen - in diesem Fall RollstuhlfahrerInnen - die man im Rahmen von sportlicher Betätigung kennenlernt, durchaus hilfreiche Rollenmodelle darstellen können, ist im Laufe dieser Studie schon das eine oder andere Mal heraus geblitzt.

In diesem Sinne sind andere SportlerInnen oft eine wichtige Quelle für Informationen zu einem selbstbestimmten Leben, wobei alleine das Beobachten Anderer, die selbstbestimmt leben und handeln, ein motivierender Faktor sein kann (vgl. van de Ven 2008).

Ähnliches schildert auch Herbert in seiner Erzählung über einen Sportkameraden:

"[S]o wie der [Michael[21]] zum Beispiel, der schon über 20 Jahre im Rollstuhl sitzt und [...] auf der ganzen Welt mit dem Sport rundherum gekommen ist, die können dir natürlich einiges erzählen und das nimmt man natürlich auch gerne an, speziell am Anfang, weil ich der Meinung bin, wenn du jetzt mit solchen Leuten zu tun hast, die einfach schon gut integriert sind in der Gesellschaft als Rollstuhlfahrer, dass das dann alles wesentlich schneller geht, weil man natürlich die Tipps sehr wohl von denen Leuten annimmt [...]" (Anhang B, Interview 1, 151-158)

Herbert schreibt seinem Sportkameraden Michael also zu, nicht einfach nur aufgrund der langen Zeitspanne im Rollstuhl, sondern speziell aufgrund von dessen Erfahrungen als Rollstuhlsportler ein gutes Rollenmodell bzw. eine gute Informationsquelle zumindest in Bezug auf Alltagsbewältigungsstrategien zu sein. Etwas später erzählt er dann noch von einem weiteren Rollstuhlsportler und erfolgreichen Paralympioniken, der neben seinen sportlichen Errungenschaften auch eine beruflich erfolgreiche Laufbahn vorzuweisen hat (vgl. ebd.).

Natürlich können diese beiden erwähnten sportlichen Persönlichkeiten sehr gute Vorbilder und Rollenmodelle für manche andere RollstuhlfahrerInnen darstellen und diese so nicht nur mit Alltagsbewältigungsstrategien versorgen, sondern ihnen auch helfen, ein möglicherweise defizitäres Behinderungs- und Selbstverständnis zu dekonstruieren und somit ein positives Selbstbild zu rekonstruieren. Auch Mike Lenser, Trainer und Physiotherapeut eines US-amerikanischen Universitäts-Rollstuhlbasketballteams, glaubte, dass RollstuhlsportlerInnen sowohl ein positives Bild von Behinderung allgemein projizieren, als auch als Rollenmodelle für andere StudentInnen dienen können (vgl. Berger 2008). Er sollte später allerdings herausfinden, dass dies eben nicht für alle behinderten StudentInnen am Universitätscampus der Fall war - es kam zu einer Spaltung zwischen SportlerInnen und Nicht-SportlerInnen, wobei zum Teil sogar von gegenseitigen Antipathien berichtet wurde (vgl. ebd.).

An dieser Stelle möchte ich zu einigen Gedanken über den Begriff des "Supercrip" (vgl. ebd.) überleiten. Dieser trifft aus meiner Sicht mitten ins Schwarze, wenn er die Idealisierung dieser Elitesportler als Vorbilder und Rollenmodelle auch ein wenig problematisiert. Als "Superkrüppel" werden demnach jene behinderten Menschen gesehen,

"[...] die sich unter physischen Opfern und mit hohem Aufwand an Zeit und Energie persönlich von fremder Hilfe unabhängig gemacht haben. Sie bilden eine Ausnahme sowohl hinsichtlich ihrer Fähigkeit, eine solche Unabhängigkeit zu erlangen, als auch darin, daß sie bereit sind, für ihre Selbständigkeit einen so hohen Preis zu bezahlen: mit Zeit, Energie und oft auch mit ihrer Gesundheit." (Speck 2010)

Das Problem an den sog. "Superkrüppeln" liegt darin begründet, dass sie ein den Interessen der Behindertenbewegung gegensätzliches Bild darstellen (vgl. Berger 2008). Problematisch ist allerdings nicht die als "Superkrüppel" konstruierte Person an sich, sondern dessen oft medial produziertes Bild als "Superkrüppel". Dieses Bild wirkt etwa dem sozialen Modell von Behinderung insofern entgegen, als dessen inspirierende Geschichte von Courage, Einsatz und harter Arbeit nicht nur beweist, dass es schaffbar ist, auch das Unmögliche zu erreichen (vgl. ebd.), sondern dies zumindest implizit zur Plicht für behinderte Individuen erhebt, was, wie schon erwähnt, zu einer "blaming-the-victim" Ideologie führt (vgl. Ryan 1971, zitiert nach Berger 2008, S.648), also zu einer Ideologie, die der behinderten Person selbst die Schuld an dessen Lebenssituation zuschreibt. Immerhin könne, so die sich hinter dem "Superkrüppel" verbergende Ideologie, ein behindertes Individuum mit ein ‚wenig mehr Willen und Aufwand' die eigene Behinderung überwinden und ein selbstständiges und normales Leben führen (vgl. Hardin 2004). Golden bringt den Widerspruch des Superkrüppel-Modells zum sozialen Modell von Behinderung auf den Punkt: "If all we need is drive and spirit, there's no reason to remove barriers, no reason to outlaw discrimination, and no reason to change society" (Golden 1992, zitiert nach Hardin 2004, S.42). Das Superkrüppel-Modell verführt dazu Behinderung zu individualisieren, also die Verantwortung auf das behinderte Individuum selbst zu schieben, und den Umstand zu verdecken, dass Behinderung hauptsächlich ein Produkt gesellschaftlicher Diskriminierung ist.

Um nun wieder auf das Thema der Identitätsrekonstruktion nach einer erworbenen Behinderung einzugehen, sollte an dieser Stelle daran erinnert werden, dass Elitesportler als Rollenmodelle zum Teil unrealistische Erwartungen bei ‚frisch verletzten' Individuen wecken (vgl. Berger 2008), was sich bei einem Scheitern schließlich negativ auf das Selbstbild auszuwirken vermag, indem das (Wieder-)Erlangen des Gefühls einer Ich-Kann-Identität behindert wird. Schließlich kann nur eine sehr kleine Minderheit von behinderten Menschen ein so hohes Maß an Körperbeherrschung erlangen, wie man es beispielweise bei paralympischen TopathletInnen beobachten kann (vgl. Slater 2004). Aus diesem Grund sieht auch Slater (2004) eine beträchtliche Gefahr von diesen überhöhten Erwartungen darin, dass PatientInnen, die sich erst kürzlich eine Querschnittslähmung zugezogen haben, ihre Auffassung von einer gelungenen Rehabilitierung an solch einer körperlichen Meisterschaft festmachen.

Auch wenn ich mich wiederhole, möchte ich nun wieder auf Herberts Kritik an jenen behinderten Personen verweisen, die in seinen Augen nicht das volle Maß an möglichen Fähigkeiten und möglicher Selbstständigkeit ausschöpfen. Er drückt auf diese Weise die Pflicht zur Selbstständigkeit und ‚Normalität', die ich zuvor als durch das Superkrüppel-Modell implizit vermittelt beschrieben habe, explizit aus und verdeutlicht für mich damit noch eine weitere Problematik, die besonders im Kontext von Sport auffällt. Die Heroisierung dieser Superkrüppel und die damit einhergehende ‚Normalitätsverpflichtung' konstruieren Differenzen innerhalb der Gruppe behinderter Menschen, wobei jene, die den ihrer Behinderung zugeschriebenen Normalitäts- und Unabhängigkeitsstandards nicht entsprechen können oder wollen, auf einer unteren Hierarchieebene angesiedelt werden - es besteht die Gefahr von Stigmatisierungen innerhalb der Gruppe (vgl. Levins et al. 2004). In solchen Differenzkonstruktionen ist wohl auch der Grund dafür zu sehen, dass es in dem weiter oben erwähnten Beispiel zu der Spaltung zwischen den SportlerInnen und Nicht-SportlerInnen am Universitätscampus gekommen ist. Hierin sehe ich nun eine behinderungsspezifische Form dessen, was Goffman (1975) etwas allgemeiner über stigmatisierte Menschen zum Ausdruck bringt:

"Sie [die stigmatisierte Person] wird ermutigt, Widerwillen gegen jene ihrer Gefährten zu hegen, die sich, ohne aktuell ein Geheimnis aus ihrem Stigma zu machen, mit sorgfältigem Kuvrieren abgeben, die peinlich darauf achten zu zeigen, daß sie, dem Anschein zum Trotz, geistig sehr gesund sind, sehr generös, sehr nüchtern, sehr maskulin, schwerer physischer Arbeit und anstrengendem Sport sehr gewachsen, kurzum, daß sie Gentleman-Deviante sind, angenehme Personen wie wir, trotz des Rufes, den ihre Art hat." (Goffman 1975, S.138)

In einer solchen Beziehungskonstellation kann nun, so mein Verständnis, weder von einer Gemeinschaft, geschweige denn von einem freundschaftlichen Verhältnis die Rede sein. Fehlt die gegenseitige Anerkennung und Akzeptanz, was für Tönnies (1935) ein Grundmerkmal einer Gemeinschaft ist, geht schließlich auch die positive Wirkung der Peergroup auf das Selbstverständnis eines betroffenen Individuums zumindest bis zu einem Grad verloren. Als am meisten von diesen Stigmatisierungen innerhalb des Kollektivs behinderter Menschen betroffen wären nun wohl jene zu bezeichnen, die eben nicht den Selbstständigkeitsstandarts der Gruppe entsprechen und nicht den Idealtyp eines behinderten Individuums repräsentieren. Dies kann nun bedeuten, dass das gesellschaftlich produzierte Superkrüppel-Ideal dazu führt, dass ein behindertes Individuum, das sich nicht durch besondere Selbstständigkeit oder Sportlichkeit auszeichnet, nicht nur durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch durch andere behinderte Personen als anders und weniger wertvoll wahrgenommen wird, was sich direkt auf das Selbstverständnis auszuwirken vermag. An diesem Punkt möchte ich wieder daran erinnern, dass ein Individuum "[...] für sich selbst nur zum Objekt [werden kann], indem [es] die Haltungen anderer Individuen gegenüber sich selbst innerhalb einer gesellschaftlichen Umwelt oder eines Erfahrungs- und Verhaltenskontextes einnimmt, in den [es] ebenso wie die anderen eingeschaltet ist." (Mead 1973, S.180)

Dieser Superkrüppel-Gedanke soll aber nicht so verstanden werden, dass Sport allgemein als Quelle für hilfreiche und anerkennende Peerkontakte untauglich ist; Gegenteiliges ist der Fall, allerdings sollte hiermit darauf aufmerksam gemacht werden, dass Sport, speziell Leistungssport in der ihm zugeschriebenen positiven Wirkung auf das Selbstbild einer behinderten Person, auch gewissen Grenzen unterliegt und sogar Gefahren in sich birgt. Eine Möglichkeit, die mit dem Superkrüppel-Ideal einhergehenden Gefahren zu umgehen sehe ich etwa in der verstärkten Förderung breitensportlicher Aktivität, in der es beispielsweise nicht um das Erreichen von Leistungslimits geht, sondern einfach darum, gemeinsam Sport zu treiben und, so banal dies auch für eine wissenschaftliche Arbeit klingen mag, gemeinsam Spaß zu haben, was schließlich für den schon als so wichtig herausgearbeiteten Aspekt der Gemeinschaft und Freundschaft förderlich wäre. An diesem Punkt ist nun fast unvermeidbar, sich auch mit den Barrieren für das Treiben von Sport zu beschäftigen, was uns wieder zu dem sozialen Modell von Behinderung führt. Berechtigterweise wird in diesem Zusammenhang vielen LeserInnen der Umstand mangelnder Barrierefreiheit der diversen Sportstätten in den Sinn kommen. Neben diesem grundlegenden Problem ist aber auch der Umstand bedeutsam, dass ein hohes Maß Informationsarmut über die verschiedenen Möglichkeiten körperlicher Aktivität vorherrscht. Das heißt, viele behinderte Personen wissen, unabhängig von deren Motivation, oft nicht über das Sportangebot in ihrer Umgebung bescheid. Eine noch massivere Hürde ist allerdings auf finanzieller Ebene zu sehen, denn gerade bei Rollstuhlsport wird für fast jede angebotene Sportart ein eigener, spezifischer Sportrollstuhl benötigt, der, meist in Handarbeit, an dessen BesitzerIn angepasst sein sollte. (vgl. Levins et al. 2004) Bedenkt man, dass zum Beispiel bei einem neuen Basketballrollstuhl mit Anschaffungskosten von € 2000.- und mehr gerechnet werden muss (vgl. von Reth), sollte deutlich werden, dass dies einen enormen finanziellen Aufwand bedeutet, der für viele Betroffene nicht aufzubringen ist. Dies ist nun speziell im Bereich von Breitensport ein großes Hindernis, da es für die betroffene Person abzuwägen gilt, ob solch hohe Ausgaben für das (geplante) Ausmaß an sportlicher Betätigung gerechtfertigt sind oder nicht, was schließlich auch eine Frage der persönlichen finanziellen Ressourcen ist.

Die Liste an Barrieren für sportliche Betätigung ließe sich sicherlich noch um einige Punkte ergänzen, in dieser Arbeit soll uns diese exemplarische Auflistung aber reichen, denn nun möchte ich noch kurz auf einen letzten Punkt eingehen, der Sport als soziale Plattform für behinderte Menschen einschränkt und begrenzt.

Für ein behindertes Individuum, das, aus welchen Gründen auch immer, keinen Sport treibt oder dies nur für sich alleine tut, stellt Sport eben keine Möglichkeit dar in Interaktion mit anderen Mitgliedern der Peergroup zu kommen. Anders ausgedrückt: Sport existiert als Interaktionsplattform also nur für jene behinderten Menschen, die gemeinsam mit Anderen Sport ausüben.

7.3 Fazit

Wir haben in diesem Kapitel gesehen, dass Sport eine Möglichkeit darstellt, auch nach der Rehabilitation Kontakte mit anderen behinderten Personen zu knüpfen, um sich gegenseitig auszutauschen. Des Weiteren wurde auch herausgearbeitet, dass Sport nicht für jedes betroffene Individuum ideal für die Rekonstruktion eines positiven Selbstbildes ist, da zum Einen manchen der Zugang zu diesem Kontext verwehrt bleibt und zum Anderen auch Differenzkonstruktionen innerhalb der Gruppe behinderter Menschen eine positive Selbstwahrnehmung erschweren können.

Eine Frage, die mich nach wie vor beschäftigt und die ich mir bislang noch nicht beantworten habe können, sucht nach einem Setting, zum Beispiel nach einer anderen Form der Freizeitgestaltung, das ähnlich wie Sport das Potenzial hat, behinderte Menschen auf zwanglose Art und Weise zusammenzuführen und so Interaktionen zwischen Menschen zu fördern, die sich zum Teil auch in unterschiedlichen Stadien eines selbstbestimmten und die eigene Behinderung bejahendem Lebens befinden mögen. Die Schwierigkeit, ein solches Setting zu finden, sehe ich nun in dem Spagat, möglichst viele behinderte Personen mit gemeinsamen Interessen zusammenzuführen ohne aber nicht-behinderte Menschen auszuschließen, was schließlich wieder einer Segregierung gleichkäme. Ich möchte dies mit dem Beispiel eines fiktiven Kulturvereins untermauern:

In einem gewöhnlichen Kulturverein wäre die Chance beispielsweise eher gering, so viele behinderte Mitglieder anzusprechen, dass es zu einem regen und somit hilfreichen Austausch unter diesen kommt. Ein Kulturverein für behinderte Menschen, in dem nicht-behinderte Personen lediglich als Hilfskräfte beteiligt und ansonsten ausgeschlossen sind, würde zwar viele behinderte Menschen zusammenführen, widerspräche aber dem Streben nach Inklusion, wofür die Selbstbestimmt Leben Bewegung so lange gekämpft hat und noch immer kämpft. Auf den ersten Blick scheint die Lösung also in einem inklusiven Kulturverein zu liegen, der sich etwa um ein barrierefreies Angebot bemüht. Sieht man aber genauer hin tut sich aber auch hier ein Fallstrick auf, denn die Existenz eines solchen Kulturvereins würde einerseits die anderen Vereine von ihrer Verpflichtung auf Barrierefreiheit entbinden, auf diese Art und Weise die Wahlmöglichkeiten für behinderte Menschen minimieren und somit auch wieder der Selbstbestimmt Leben Bewegung widersprechen; Andererseits würden sich viele nicht-behinderte Menschen verständlicherweise nicht auf ein rein barrierefreies Angebot einschränken lassen wollen und anderen Vereinen beitreten, was indirekt wieder Segregation zufolge hätte.

Hierin sehe ich gewissermaßen einen Teufelskreis, aus dem auszubrechen es, nach meinem Verständnis, nur eine Möglichkeit gibt, die, wie ich fürchte, allerdings utopisch ist. Die einzige theoretische Chance ist den Teufel an den Hörnern zu packen, das defizitäre Bild von Behinderung aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben und die gesellschaftlich wie auch baulich konstruierten Differenzen zu "begleichen". Dies hätte nicht nur zufolge, dass die Wahlmöglichkeiten einer behinderten Person nicht mehr auf einige wenige "Kulturvereine" beschränkt wäre, es würde auch bedeuten, dass es etwa nach einer erworbenen Behinderung erst gar nicht zu einer Identitätskrise käme, die erst die Rekonstruktion einer "Ich-Kann-Identität" erforderlich macht - der Unterschied behindert bzw. nicht-behindert wäre irrelevant.



[21] Name aus Datenschutzgründen geändert.

8. Mir geht's jetzt total gut

In diesem letzten Kapitel möchte ich mich der Vollständigkeit halber noch kurz damit beschäftigen, in welch positiver Weise sich das Selbstverständnis einer behinderten Person zu wandeln vermag, wenn es ihr gelingt, das negative Behinderungsbild zu dekonstruieren. Auch hier möchte ich wieder auf mein Gespräch mit Karin zurückgreifen, in dem sie unter anderem auch von ihrem Status quo berichtet, also davon, wie sie sich und ihre Behinderung heute, d.h. zum Zeitpunkt des Interviews, wahrnimmt.

"Ja, also jetzt, [...] mir geht's jetzt total gut. Ich sehe jetzt die Behinderung einfach als einen Teil von mir, also der gehört jetzt einfach zu mir. [...] Das, die Behinderung, die hat mich einfach auch so gemacht, wie ich jetzt bin. Und wenn ich die nicht gehabt hätte, dann wäre ich vielleicht ein ganz ein anderer Mensch. [...] Ja also mich hat das eigentlich total stark gemacht und eigentlich bin ich jetzt total stolz darauf, dass ich das so, dass ich das so geschafft habe, [...] wie es jetzt ist. Also dass ich jetzt auch so leben kann mit dem was ich habe und [...]. Ja, ich sehe das jetzt eigentlich als überhaupt nicht negatives, die Behinderung." (Anhang B, Interview 2, 324-337)

In dieser Aussage transportiert Karin ein sehr positives Verständnis von sich und ihrer Behinderung. Dass Karin ihre Behinderung als Teil von sich sieht, der zu ihr gehört, verstehe ich so, dass sie ihre Behinderung in ihr Selbstkonzept mit eingebaut hat und sich möglicherweise auch gar nicht mehr vorstellen kann, wie ihr Leben ohne Behinderung aussehen würde. Sie ist stolz auf sich und ihr Leben und sieht, wie sie selbst sagt, in Behinderung nichts Negatives.

Wenn wir uns dies vor dem Hintergrund ansehen, dass Karin kurz nach ihrem Unfall ein Leben mit Behinderung als nicht lebenswert gesehen hatte und in weiterer Folge auch daran gezweifelt hatte, ob "[...] das überhaupt noch sinnvoll [ist ein Leben zu führen]" (ebd. 112), dann wird deutlich, wie sehr sich Karins Behinderungs- und auch Selbstbild seit damals gewandelt hat. In diesem Kontext gesehen empfinde ich es auch als spannend, dass in der oben zitierten Aussage gleich neunmal das Wort ‚jetzt' vorkommt. Hiermit macht Karin also noch einmal darauf aufmerksam, dass es nicht immer so war, "wie es jetzt ist", dass es also eine Zeit gab, in der sie weder stolz auf sich war, noch ihre Behinderung als einen Teil von sich betrachtete, sondern in der sie glaubte, ihre Lebensträume wären geplatzt. Zum Zeitpunkt ihres Unfalls war Karin schließlich noch der Meinung, "[...] dass man eigentlich nur daheim ist, [...] dass man da die ganze Zeit Betreuung braucht, nichts selbstständig machen kann." (ebd. 347-349)

Ich möchte hier nicht behaupten, dass dieser ‚Sinneswandel' Karins rein auf ihren Kontakt und die Interaktionen mit den anderen querschnittsgelähmten Menschen in ihrem Leben zurückzuführen ist - das ginge zu weit. Dennoch wage ich festzustellen, dass ihre Peers einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass Karin das Interview mit folgender Aussage beendet:

"[Mein Bild von Behinderung] hat sich natürlich ganz geändert, weil man kann selbstständig sein, man kann noch genauso gut [ein] glückliches Leben führen [...]. Die Menschen mit Behinderung, die können eigentlich total viel, die können [...] eigentlich nicht weniger als wie ein anderer Mensch. Also das hat sich grundlegend geändert, das ist, das ist ganz klar." (ebd. 349-355)

9. Conclusio

Der werten Leserschaft ist sicherlich schon in den einzelnen Kapiteln dieser Diplomarbeit die eine oder andere Reflexion meinerseits aufgefallen. In diesem abschließenden Teil möchte ich mir noch ein letztes Mal Gedanken über den Prozess des Schreibens und dessen Produkt machen.

Sinneswandel im Schreibprozess

Als ich begonnen habe, mich gedanklich mit dieser Diplomarbeit auseinanderzusetzen, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, Sport als ideale Quelle für Peerkontakte herauszuarbeiten und das daraus resultierende Hilfspotential für den Copingprozess nach einer erworbenen Behinderung hervorzuheben. Im Zuge des Recherchierens und Schreibens hat sich diese Ausgangsposition allerdings schnell begonnen zu relativieren. So stellte ich schon nach kurzer Zeit für mich fest, dass der Begriff Coping im Kontext dieser Arbeit unpassend und somit aus dem Vokabular zu streichen ist. Dies habe ich für mich damit begründet, dass Coping grob ausgedrückt die Bewältigung von schwierigen und belastenden Lebenssituationen meint und so jenen Ereignissen, die mit diesem Begriff in Verbindung gebracht werden, eine negative Konnotation verleiht. Damit sei nicht gemeint, dass eine frisch erworbene Behinderung keine schwierige und belastende Lebenssituation darstellt, hierin besteht für mich kein Zweifel. Bedeutungsvoll ist nun aber die Frage, warum dies so ist und genau darin liegt in meinen Augen auch der sprichwörtliche Hund begraben; denn eine erworbene Behinderung führt hauptsächlich dadurch in eine Lebens- und Identitätskrise, da das gesellschaftlich verbreitete negative und defizitäre Bild von Behinderung sich nach dem Erwerb einer solchen gegen das betroffene Individuum richtet. So gesehen wäre der Begriff des Coping zwar auch in diesem Zusammenhang zutreffend, doch würde er genau jenes negative Behinderungsverständnis reproduzieren, das die Nutzung von Coping auf den ersten Blick zu legitimieren scheint.

Auch Sport, den ich anfangs als die Interaktionsplattform schlechthin gesehen habe, rückte im Laufe der inhaltlichen Beschäftigung mit dem Thema immer weiter in den Hintergrund und wandelte sich schließlich zu einer von mehreren Interaktionsplattformen, die allesamt bestimmten Grenzen unterliegen. Für mich persönlich ist an dieser Stelle besonders wichtig, dass ich eben nicht die ideale und perfekte Form des Peersupport habe finden können, die ohne Einschränkung auf jede betroffene Person eine positive Wirkung erzielt. Dies stellt für mich aber, was verwundern mag, keine Enttäuschung dar, ich fühle mich im Gegenteil sogar um die Erkenntnis bereichert, dass es eine solche Form des Peersupport weder geben kann, noch muss. Denn auch wenn ich daran festhalte, dass die Peergroup sowohl aktiv als auch passiv eine schier ungeheure Unterstützung für eine Person mit einer erst kürzlich erworbenen Behinderung bei der Überwindung einer möglichen Identitätskrise sein kann, bin ich schließlich doch zu der Überzeugung gekommen, dass die Art und Weise wie der Peerkontakt zustande kommt nicht unbedingt so bedeutungsvoll ist, wie ich zu Anfang gedacht hatte. Denn so heterogen wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Formen der Peerkontakte, in denen sich eine Person wohl und anerkannt fühlen kann, was letztlich einer der wichtigsten Aspekte für die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines positiven Selbstverständnisses ist.

Herangezogene Studien

Neben meiner eigenen empirischen Arbeit sehe ich vor allem die Beschäftigung mit einigen der hier herangezogenen Studien über die Vorteile von "Behindertensport" und, im Kontrast dazu, mit Arbeiten über Peersupport bzw. Peer Counseling als verantwortlich für meinen forscherischen Sinneswandel. So stieß ich bei meiner anfänglichen Recherche etwa auf die Studie "Participation in recreation and sports for persons with spinal cord injury: Review and recommendations" von Daniel Slater und Michelle Meade (2004), die sowohl die physischen als auch psychischen Vorteile sportlicher Partizipation von behinderten Menschen behandelt. Wie in so vielen Studien, die ich habe lesen dürfen, untersuchten Slater und Meade hauptsächlich jene psychologischen Vorteile, die in direkter Verbindung zu sportlicher Aktivität stehen. Behinderte Peers wurden in dieser Studie lediglich als MotivatorInnen für sportliche Partizipation gesehen - welche Wirkung die im Rahmen sportlicher Aktivität stattfindenden Interaktionen mit der Peergroup haben, wurde nicht berücksichtigt. Das für mich eigentlich bedeutungsvolle an dieser Studie ist allerdings darin zu sehen, dass ich hier zum ersten Mal auf die Problematik der Konstruktion des "idealen Sportlers" (vgl. ebd.) oder, wie es Berger (2008) ausdrücken würde, des "Superkrüppels" gestoßen bin. Auch Levins et al. (2004) sprechen in der qualitativen Studie "Individual and Societal Influences on Participation in Physical Activity Following Spinal Cord Injury" die Gefahr an, dass die Heroisierung von ElitesportlerInnen zu Stigmatisierungen innerhalb der Gruppe behinderter Menschen führt. Ähnlich wie diese Arbeit, der gerade die Ehre Ihrer Lektüre zuteilwird, baut auch Levins' Studie auf dem sozialen Modell von Behinderung auf. An dieser Stelle ist wohl zu erwähnen, dass ich etwa auch die Begriffe Identitätsverlust und Ich-Kann-Identität (vgl. ebd.) aus dieser Studie entliehen habe, wobei dieser Diplomarbeit im Gegensatz zu Levins' Untersuchung ein dynamisches Identitätsverständnis zugrunde liegt.

In weiterer Folge hat mich schließlich auch die Beschäftigung mit Miles-Pauls (1992) "Wir sind nicht mehr aufzuhalten" dazu veranlasst, den Gedanken von Sport als "ideale" Interaktionsplattform aufzugeben und mein Verständnis für passende Quellen von Peersupport etwas breiter zu fassen. In diesem Buch handelt Miles-Paul, aufbauend auf einer näheren Beschäftigung mit der US-amerikanischen Independent Living Bewegung, das Thema Peersupport ab. Hierbei konzentriert er sich aber hauptsächlich auf die organisierte Form des Peersupport (vgl. ebd), also auf das, was ich in dieser Arbeit als Peer Counseling bezeichnet habe. Die informelle Form des Peersupport wird bei Miles-Paul nur in einem kurzen Absatz erwähnt. Dies macht schließlich auch den größten Unterschied zwischen Miles-Pauls Buch und dieser Studie aus, schließlich habe ich den Hauptfokus meiner Untersuchungen auf die eben erwähnten informellen Formen des Peersupport gelegt.

Forschungsergebnisse

Nachdem ich nun einen kleinen Ausschnitt dessen offengelegt habe, was sich durch den Forschungsprozess in meinen Grundgedanken gewandelt hat und wie dieser Wandel zustande gekommen ist, stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Produkt meiner Forschung, nach den Erkenntnissen, die ich habe gewinnen können. Diese Erkenntnisse, die ich aus der Kombination von qualitativen Interviews und theoretischer Arbeit abgeleitet habe, möchte ich hier noch einmal kurz zusammenfassen.

Besonders bedeutsam war die für diese Studie fundamentale Grundannahme, dass es nach dem Erwerb einer Behinderung in den meisten Fällen zu Identitätskrisen für die betroffenen Individuen kommt, in denen diese zum Teil stark an sich selbst und an der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens zweifeln. Diese Annahme hat sich im Forschungsprozess schließlich bestätigt. Als Grund, weshalb es zu einer solchen Identitätskrise überhaupt erst kommen kann, kristallisierte sich vor allem das defizitäre gesellschaftliche Verständnis von Behinderung heraus, das sich im Laufe der Sozialisation in ein Individuum einschreibt und sich nach dem Eintreten einer Behinderung gegen dieses richtet. Auf theoretischer Ebene stützte ich mich hierfür hauptsächlich auf George Herbert Mead (1973), der Identität nicht als etwas Starres sieht, das man besitzen kann, sondern als einen lebenslangen Prozess, der nur innerhalb sozialer Gruppen und im Zuge von sozialem Verhalten vonstatten gehen kann. Meads Konzept des symbolischen Interaktionismus geht nun davon aus, dass sich die Gesellschaft besonders durch das Medium der Sprache in die Identität einer Person einschreibt. So ist es nicht verwunderlich, dass der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlich produzierten Ideal eines aktiven und unabhängigen Lebens in einem leistungsfähigen und makellosen Körper, und dem sozial verbreiteten Verständnis, das Behinderung mit Passivität, Abhängigkeit und Unfähigkeit gleichsetzt, ein großes Konflikt- und Krisenpotential für jene Menschen in sich trägt, die sich im Laufe ihres Lebens eine Behinderung zuziehen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis richtete sich von nun an mein Forschungsinteresse darauf, welchen Einfluss andere behinderte Personen auf die Rekonstruktion eines positiven Selbstbildes nach dem Erwerb einer Behinderung haben können.

In diesem Zusammenhang zeigte sich etwa, dass sich Mitglieder der Peergroup in ihrer Funktion als Rollenmodelle als dienlich erweisen können. Ob bewusst oder unbewusst, aktiv oder passiv spielt hier eine eher geringe Rolle, bedeutungsvoll ist allein der Umstand, dass eine behinderte Person, quasi als lebendes Beispiel, das defizitäre Bild von Behinderung eines erst seit kurzem behinderten Individuums Stück für Stück abzubauen vermag, indem sie dieses Bild durch das eigene Leben und den eigenen Alltag widerlegt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in den Gesprächen mit den Mitgliedern der Peergroup zu sehen. Zum Einen ermöglichen diese Gespräche einen Erfahrungs- und Informationsaustausch unter den einzelnen Individuen, in dem beispielsweise erfahrenere RollstuhlfahrerInnen jene mit Tipps und Tricks für den Alltag versorgen, die gerade erst dabei sind sich auf ihre neue Lebenssituation einzustellen. Zum Anderen führen die ähnlichen Lebensumstände und geteilten Erfahrungen der betroffenen Personen häufig zu einem größeren Verständnis füreinander und einem größeren Vertrauen ineinander, was das Sprechen über intimere und behinderungsspezifische Themen erleichtert. In einem solchen Rahmen ist zum Beispiel die Angst vor Fremdzuschreibungen der einzelnen GesprächsteilnehmerInnen meist erheblich niedriger, als dies etwa bei Gesprächen mit nicht-behinderten Personen der Fall ist.

Eng mit Verständnis und Vertrauen ist schließlich auch das letzte Ergebnis meiner forschenden Aktivität verknüpft. Das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Peergroup, aus dem sich im besten Fall auch Freundschaften entwickeln, ist vor allem deshalb so wichtig für die Identitätsrekonstruktion nach einer erworbenen Behinderung, da ein betroffenes Individuum in einer solchen gemeinschaftlichen Verbindung die Erfahrung machen kann, anerkannt und verstanden zu sein. Dies kann schließlich dazu führen, dass sich auch das betroffene Individuum selbst als anerkannt und normal wahrnimmt, was sich letztlich auch mit Meads (1973) Konzept des symbolischen Interaktionismus deckt.

Bei der Beschäftigung mit all diesen Aspekten des Peersupport stellte sich für mich heraus, dass es einen erheblichen Unterschied macht, wie sehr und in wie vielen Lebensbereichen sich eine Gruppe von Peers ähnelt. Stellt etwa der ‚Besitz' einer Behinderung die einzige Schnittstelle im Leben zweier Personen dar, wird deren gegenseitige Wirkung als Rollenmodelle oder GesprächspartnerInnen eher gering ausfallen. Auch die Chancen auf ein Gefühl von Gemeinschaft oder gar Freundschaft, samt deren positiven Wirkung auf die Selbstwahrnehmung, sind dann wohl als klein einzustufen, da das gegenseitige Verständnis wahrscheinlich sehr eingeschränkt ist. Je mehr sich aber zwei oder mehr Individuen in Geschlecht, Alter, Interessen und/oder Charakter ähneln, desto größer wird auch deren Einfluss aufeinander ausfallen. Hierin ist letztlich auch ein Grund dafür zu sehen, weshalb nicht jeder Rahmen, in dem Mitglieder der eigenen Peergroup zusammenkommen, für jedes einzelne betroffene Individuum die Kontakte bieten kann, die dessen Identitätsrekonstruktion zu unterstützen vermögen. So stellt eben auch Sport nicht für jede behinderte Person die ideale Plattform für Peerkontakte dar, da beispielsweise Menschen ohne Affinität zu Sport, für den geringen Fall, dass sie überhaupt in Kontakt mit einer Sportgruppe geraten, in einem solchen Rahmen wohl kaum das Verständnis und die Anerkennung finden können, die schließlich so wichtig für die eigene Selbstwahrnehmung sind.

In diesem Sinne halte ich es für notwendig möglichst viele unterschiedliche Plattformen zu schaffen, in denen sich behinderte Peers freiwillig und basierend auf ihren Bedürfnissen und Interessen vernetzen und austauschen können. Diese Aufgabe ist allerdings eine Gratwanderung, denn so sehr das Zusammenführen von Peers zu fördern ist, darf daraus unter keinen Umständen wieder eine Segregation von behinderten Menschen resultieren. Dies würde einen großen Rückschritt im Kampf für Inklusion und Selbstbestimmung von behinderten Menschen bedeuten und das Konzept des Peersupport ad absurdum führen.

Abschließend bleibt mir nur noch, mich bei Ihnen, den verehrten Leserinnen und Lesern, zu verabschieden und mich für Ihr Interesse zu bedanken.

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Anhang

Anmerkung der bidok-Redaktion: Der Anhang kann unter http://bidok.uibk.ac.at/download/lanquetin-anhang.pdf herunter geladen werden.

Quelle:

Nicolas Lanquetin: Ich sehe jetzt die Behinderung als einen Teil von mir. Über die Bedeutung behinderter Peers bei der Rekonstruktion eines positiven Selbstbildes nach einer erworbenen Behinderung

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Mag. phil. eingereicht bei Dr. Claus Melter am Institut für Erziehungswissenschaft, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck.

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 14.05.2013

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