Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit auf dem Weg zu pädagogischer Professionalität und Qualität

Kindertageseinrichtungen für Kinder mit und ohne Behinderung

AutorIn: Maria Kron
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Artikel
Copyright: © KiTa 1999

Einleitung

Am 29. April 1999 fand an der Universität-Gesamthochschule Siegen die Abschlusstagung des Projektes statt: "Auswirkungen der Ökonomisierung, der Dienstleistungs- und Qualitätsanforderungen in Kindertageseinrichtungen für Kinder mit und ohne Behinderung", eine explorative Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Die Ergebnisse sollen als Basis der Entwicklung eines Qualitätssicherungsverfahrens für Kindertageseinrichtungen dienen, in denen Kinder mit und ohne Behinderungen betreut werden. An der Untersuchung mit schriftlichen Befragungen nahmen 169 Kindergärten und Tagesstätten aus Hessen, Bayern und Thüringen auf freiwilliger Basis teil. Zusätzlich wurden, Tiefeninterviews mit Leitungen, Gespräche mit Mitarbeiter(n)/innen, mit Eltern, Kindern und Trägervertreter(n)/innen in exemplarisch ausgewählten Einrichtungen geführt.

Im Folgenden werden einige ausgewählte Aspekte der Untersuchung in den Zusammenhang der aktuellen Fachdebatten gestellt.

Im Spannungsfeld von Ökonomisierungsbestrebungen und Qualitätsanforderungen

Im Rahmen der aktuellen Diskussion um Kindertageseinrichtungen erleben wir heute zwei Argumentationsstränge beziehungsweise Maßnahmenbündel, die logisch nicht notwendigerweise verbunden sind, aber sehr häufig als quasi selbstverständliche Einheit behauptet werden: Ökonomisierung i. S. von Verbetriebswirtschaftlichung der pädagogischen Einrichtungen sowie systematische Qualitätsentwicklung und -sicherung. Doch die Verknüpfung der inhaltlichen Arbeit mit den dabei anfallenden Kosten und neuen Elementen der Verwaltungssteuerung, die in diesem Zusammenhang mit eingeführt werden (sollen), sind das eine. Wie weit damit Qualität entwickelt werden kann, hängt auch bei bestem Management letztlich immer noch an Ressourcen, die für die Arbeit zur Verfügung gestellt werden.

Glücklicherweise lässt sich die Besorgnis, die sich seitens vieler Einrichtungen an die Ressourcenentwicklung knüpft, im Bereich der Betreuung behinderter Kinder beziehungsweise im integrativen Bereich bislang noch einschränken. Seitens der Kostenträger, so lässt sich aufgrund der Untersuchung sehr verkürzt sagen, gibt es hier nicht den massiven Kürzungsdruck, wie in anderen sozialen Bereichen. Vermutlich behaupten sich hier die notwendige Intensität und Qualität der Betreuung noch unabweisbar.

Wie lange und wie weit sich diese Aussage halten lässt, hängt ganz von den Leistungsabschlüssen auf der Grundlage der neuen Rechtsbestimmungen ab sowie von den strukturellen Veränderungen im Rahmen der überörtlichen Sozialhilfe und Jugendhilfe, wie sie zurzeit zum Beispiel in Hessen diskutiert werden. Alles fließt, kann man zu diesem Thema derzeit nur sagen. Für Einrichtungen, die (auch) behinderte Kinder betreuen, zeichnen sich dennoch schon sehr deutlich einige Tendenzen ab:

  • Die Verschränkung von Sozialhilfe und Jugendhilfe verstärkt sich.

  • Die Finanzierung der behinderungsbedingten Hilfen erfolgt immer weniger einrichtungsbezogen und wird immer stärker an den Einzelfall gebunden.

  • Für Leitung und Mitarbeiter/innen der Einrichtungen erfordert dies vermehrte Kompetenzen zur Beschreibung des Hilfebedarfs und zur Herstellung fallbezogener Hilfearrangements. Die Verknüpfung von Fach- und Kostenkompetenz bei der Einrichtungsleitung wird vermehrt notwendig.

Die Qualität der Qualitätssicherung - hoher Standard mit merklichen Lücken

Wie sieht es in der Frage der Qualitätsentwicklung und -sicherung aus? Im Bereich der Behindertenhilfe sind die Entwicklungen durch die Novellierung des § 93a, Abs. 3 Bundessozialhilfegesetz (BSHG) beschleunigt worden. Die Einrichtungen werden darin seit 01.01.1999 verpflichtet, Maßnahmen zur internen Qualitätssicherung festzulegen und durchzuführen, sich an externen Qualitätssicherungsmaßnahmen zu beteiligen, die Ergebnisse der Maßnahmen festzuhalten und den Nutzern in geeigneter Form mitzuteilen. Für den Bereich der Jugendhilfe ist Ähnliches zu erwarten.

Angesichts dieser Vorgaben haben viele Einrichtungen zu Recht den Eindruck, im Verzug zu sein. Die meisten haben sich noch nicht festgelegt beziehungsweise festlegen können, wie sie intern mit welchen Verfahren die Qualität ihrer Arbeit und ihrer Einrichtung beschreiben, feststellen und weiterentwickeln werden. Dies liegt weniger an dem fehlenden Willen zur Qualitätssicherung als an Verunsicherungen und Lücken der Fachdiskussion und Mängeln existierender Handreichungen. Denn selbstverständlich gibt es zum einen auch im Feld der Kindertagesbetreuung die Debatte, ob oder wie die ISO 9000 (ff.) - Normen für den sozialen Bereich anwendbar sind. Es kann auch nicht verwundern, dass es inzwischen Einrichtungsträger und Verbände gibt, die eigene Qualitätsstandards definieren und Verfahren in Gang setzen, ohne dass eine befriedigende übergreifende Verständigung über Kriterien "guter" pädagogischer Arbeit auf breiter Fachebene schon gefunden worden wäre. Der Zeitdruck, unter den sich die Einrichtungsträger gesetzt sehen, hat daran wesentlichen Anteil.

In den letzten Jahren wurden aber auch etliche fachlich breit fundierte, mit Fachleuten aus Theorie und Praxis diskutierte Überlegungen zur Qualität oder zu Qualitätsaspekten im Bereich der Kindertagesbetreuung veröffentlicht. Die von Tietze (Berlin), die des Kronberger Kreises oder die von Fthenakis und Textor (München) sind hier an erster Stelle zu nennen. Die Umsetzung in ein für die Einrichtung informatives und handhabbares Verfahren, mit dem auch Veränderungen verlässlich registriert werden können, hinkt allerdings noch hinterher. Weit mehr noch macht sich im Feld der Betreuung (auch) von behinderten Kindern als Lücke bemerkbar, dass für sie wichtige Fragen bislang völlig ausgespart blieben. Wie weit haben Kinder mit und ohne Behinderungen gleiche Bedürfnisse, wie weit gibt es gleiche pädagogische Erfordernisse? Gibt es Besonderheiten, die die Betreuung behinderter Kinder charakterisieren, im Unterschied zur Betreuung von nicht behinderten Kindern? Ist die Integration von Kindern mit und ohne Behinderung in einer Gruppe - und damit die pädagogische Arbeit in dieser Gruppe - gleich oder anders als die Arbeit in einer Regel- oder Sondergruppe? Wie lassen sich diese Fragen beantworten - und vor allem: Müssen aufgrund der Antworten hier wie da gleiche, andere oder sich ergänzende Verfahren der Qualitätsfeststellung und -entwicklung Anwendung finden? Eine Diskussion darüber ist auf breiter Ebene noch nicht zustande gekommen.

Die Situation in den Einrichtungen

Einige Auswertungen bezüglich der Arbeit in den Einrichtungen können uns zeigen, wie die Praxis in der Arbeit mit behinderten und nicht behinderten Kindern aussieht, was einige Besonderheiten sind und wie es um die (Selbst)Sicherheit der pädagogischen Fachkräfte steht, ihre Arbeit nach außen hin transparent zu machen und fachlich zu verdeutlichen. Wir können diesen Ausschnitten viel darüber entnehmen, welche Qualitätsvorstellungen in der pädagogischen Arbeit wirksam werden beziehungsweise welche Prioritäten in der Arbeit gesetzt werden. Ich beziehe mich dazu auf inhaltliche Aspekte, die quer zu verschiedenen Qualitätsdimensionen (Prozessqualität, Personal- und Leitungsqualität, strukturelle Qualität) liegen.

Konzeptentwicklung und Profilierung der Einrichtungen

Die Verständigung von Träger und Einrichtung sowie der Mitarbeiter/innen untereinander auf Grundsätze, Ziele und Methoden ihrer Arbeit ist die Basis qualifizierter Arbeit. Ein verschriftlichtes Konzept macht die Grundsätze und Ziele eindeutiger und verbindlicher. Es kann nach innen hin die Plattform für Überlegungen, Auseinandersetzungen und Weiterentwicklungen sein. Nach außen hin ist es für Betroffene, Verantwortliche und Interessierte ein wichtiger Zugang zur Arbeit und zu Zielen des Kindergartens oder der Tagesstätte.

Wie weit sind die Einrichtungen in der Entwicklung ihres pädagogischen Konzeptes? Vier Fünftel der von uns befragten Einrichtungen können sich auf ein schriftliches Konzept beziehen, bei immerhin einem Fünftel der Einrichtungen existiert keines, es gibt also in der Konzepterstellung noch deutlich Aufholbedarf. Einrichtungsspezifisch[1] betrachtet sind die Unterschiede nicht markant, tendenziell können jedoch heilpädagogische Einrichtungen am ehesten auf ein schriftliches Konzept verweisen.

Mit der Frage der Konzeptentwicklung hängt die Frage des besonderen pädagogischen Profils der Einrichtung eng zusammen. Mit ihm wird das Charakteristische, Besondere der Einrichtung und damit das Unverwechselbare kenntlich gemacht. Entgegen dem relativ hohen konzeptionellen Stand fällt es nach unserer Untersuchung den Einrichtungen sehr schwer, heilpädagogische oder integrative Besonderheiten auszuweisen. Auf die Frage nach ihren kennzeichnenden heilpädagogischen und integrativen Angeboten werden zwar Therapien, Kleingruppen, interdisziplinäre Kooperation, gruppenübergreifende Angebote oder besondere Räume und Materialien benannt, das genuin Heilpädagogische oder Integrationspädagogische ihrer Praxis hingegen kann kaum beschrieben werden. Hier gibt es offensichtlich bei den allermeisten Einrichtungen noch Klärungsbedarf. Wie sind diese Unsicherheiten gerade im Bereich konkreter Arbeit erklärbar, auch dort, wo ein ausgearbeitetes Konzept vorliegt? Im Zuge der Qualitätsentwicklung wäre hier zu überprüfen, inwieweit die Unklarheiten möglicherweise in der unzulänglichen Übersetzung konzeptioneller Grundsätze und Leitziele in die Praxis, in spezifische Angebote liegen.



[1] Der Einfachheit halber bezeichnen wir im Folgenden Einrichtungen: - als heilpädagogisch, wenn nur behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder betreut werden, - als integrativ, wenn mehr als zwei Kinder mit Behinderungen und Kinder ohne Behinderungen in einer Gruppe zusammen betreut werden, - als Regeleinrichtung, wenn ein Kind oder zwei Kinder mit Behinderungen in einer Regelgruppe betreut werden.

Konkrete kind- beziehungsweise einzelfallbezogene pädagogische Arbeit

Arbeitsinhalte, die zwar notwendig sind, aber über die unmittelbare Betreuung der Kinder hinausgehen, bilden einen sensiblen Bereich, der am ehesten von knappen Ressourcen und sonstigen Belastungen betroffen wird. Auf der anderen Seite verweisen die heutigen Dienstleistungs- und Qualitätsanforderungen mehr denn je auf die Notwendigkeit reflexiver und kooperativer Arbeitsinhalte.

Ein sichtbares Zeichen professioneller Aufmerksamkeit und Zuverlässigkeit ist die Dokumentation der Entwicklung der Kinder- auch wenn nur skizzenhaft - und die Reflexion ihrer Förderung. Darüber hinaus zeigt sich das gemeinsame Bemühen um Fachlichkeit seismographisch an Fallbesprechungen innerhalb der Teamsitzungen, in denen häufig organisatorische Absprachen alles auszufüllen drohen. Wie ist der professionelle Standard bezüglich dieser Gesichtspunkte?

Entwicklungsdokumentation und Förderplanung

Gut drei Viertel der Regeleinrichtungen, cirka neunzig Prozent der heilpädagogischen Einrichtungen und alle integrativen Einrichtungen dokumentieren Entwicklungen von Kindern. Allerdings ist dies bei vielen der Regel- und integrativen Einrichtungen nur bei Kindern mit Behinderungen der Fall. Ähnliches lässt sich über die Erstellung von Förderplänen sagen, die zudem ohnehin seltener als die Entwicklungsdokumentationen zum Bestandteil der Arbeit gehören. Bei beidem (Entwicklungsdokumentation und Förderplanung) wird also das, was man für Kinder mit Behinderung als notwendig erachtet, offensichtlich für andere Kinder nicht so deutlich gesehen. So muss man insgesamt von einer zwiespältigen Situation ausgehen: Zwar kann man schon bei vielen Einrichtungen von einer weitreichenden Qualifikation und verlässlicher Reflexion der Mitarbeiter/innen ausgehen, zum sozialpädagogischen Alltag der Einrichtung gehören die Entwicklungsdokumentationen wie die Formulierung von Förderzielen allerdings noch nicht.

Woran liegt es, dass die Bedeutung der Dokumentation vielerorts immer noch recht niedrig angesetzt wird? Sind (Nicht-)Dokumentationstraditionen so beständig? Gibt es Wissenslücken, fehlt es an Stringenz? Oder ist es Ausdruck von Überforderung (zu viele Kinder, zu viele andere Aufgaben?) Werden in der derzeitigen Qualitätsdebatte inzwischen kindbezogene Aspekte unterbewertet?

Fallbesprechungen

Auch bei den Fallbesprechungen werden ähnliche Tendenzen sichtbar. Nennenswerte Unterschiede zwischen den verschiedenen Einrichtungstypen existieren hier nicht. Insgesamt macht gut ein Drittel der Teams wöchentliche Fallbesprechungen, ein zweites Drittel tut dies vierzehntägig oder monatlich. Realität ist aber auch, dass ein knappes Drittel nur unregelmäßig Fallbesprechungen oder Gruppenreflexionen durchführt.

Einerseits zeigt sich also an der Frequenz und Regelhaftigkeit der Fallbesprechungen, daß ihre praktische Bedeutung als wichtige konzeptionelle Bestandteile der Arbeit für viele Kindergärten und Tagesstätten unbestritten ist. Um so auffälliger ist andererseits, daß auch ein erheblicher Teil der Einrichtungen nur in größeren zeitlichen Abständen oder gar nicht regelmäßige Fallbesprechungen durchführt. Vieles spricht dafür, dass die Bereitschaft des Teams zum kindbezogenen Austausch und/oder das Insistieren der Leitung auf diesem Austausch in besonders enger Wechselwirkung mit begünstigenden oder erschwerenden Rahmenbedingungen stehen.

Insgesamt muß man deshalb bei der konkreten kindbezogenen Arbeit von großen Unterschieden in der Qualität ausgehen. Viele Einrichtungen arbeiten hier offensichtlich schon auf bestem professionellem Niveau. Aber geht man davon aus, dass sich pädagogische Professionalität gegenüber nicht professioneller Betreuung vor allem durch ihre reflexiven Kompetenzen und Arbeitsanteile ausweist, dann stimmt die Zahl der Einrichtungen bedenklich, die in der kindbezogenen Arbeit deutlich unter diesen Standards bleiben.

Qualitätsentwicklung aus der Perspektive der Einrichtungen

In vielen Einrichtungen sind sich die Leitung oder die Mitarbeiter/innen bewußt, wo Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten liegen. (Übrigens: Dies ist zwar keine hinreichende, aber absolut notwendige Voraussetzung zur Qualitätsentwicklung.) Auf die Frage nach dem Entwicklungsbedarf der Einrichtung wird nämlich sehr häufig auf die eben genannten Felder konzeptioneller und kindbezogener Arbeit verwiesen.

Insgesamt läßt sich den Darstellungen der Einrichtungen entnehmen, dass sie sich in Bezug auf Qualitätsentwicklung und -sicherung noch in der Mehrzahl in der Phase der Erkundung des Themas, der Orientierung und Vorbereitung befinden. Umsetzungen in die Praxis gibt es bereits, allerdings erst in Einzelfällen. Viele Einrichtungen stellen sich selbstbewußt der Qualitätsfrage. Die Auswirkungen der Qualitätssicherung auf die pädagogische Arbeit mit den Kindern wird von den Leiterinnen und Leitern der Einrichtungen positiv eingeschätzt (Wert 3,9)[2], ebenso, wenn auch etwas verhaltener, die Auswirkungen auf die Motivation und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter/innen (3,5).

Die Auswirkungen auf die Kostenentwicklung werden neutral bis leicht negativ vermutet (2,8). Diese Einschätzung kann auf dem Vertrauen zu dem Träger beruhen, dass er die Qualitätsdebatte nicht mißbraucht, um an den Kosten zu drehen. Andererseits gibt es etliche Einrichtungen, die in dieser Frage skeptisch sind und eben von dieser Verknüpfung ausgehen. Damit kommen die Überlegungen zum Ausgangspunkt zurück. Gerade im Zusammenhang der Debatte um die Ökonomisierung der Kindertagesbetreuung ist es unverzichtbar, dass auch der Träger seine Ziele und Absichten transparent macht, will er die Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung motivieren. Auf diese Trägerqualität kommt es in der ganzen Entwicklung doch auch sehr entscheidend an.

Quelle:

Kron, M.: Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit auf dem Weg zu pädagogischer Professionalität und Qualität. KiTa aktuell 7/1999, S. 127-129

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 31.10.2006



[2] Skala von 1 (sehr negative Auswirkungen) bis 5 (sehr positive Auswirkungen), Mittelwert 3 (keine Auswirkungen)

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