20 Jahre Leben in der Psychiatrie

Eine Frau erzählt - Erinnern als integrativer Prozeß

Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen im Literitas Verlag Wien 2002
Copyright: © Barbara Kreilinger 2002

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ich war mit dir bei der Tante Erika und dann haben wir sie gefragt, wo ich aufgewachsen bin.

Mit dir habe ich besprochen, warum ich auf die Baumgartner Höhe gekommen bin. Was ich mit dir gesprochen habe, hast du aufgenommen. Wir sind essen gegangen.

Das war sehr schön, mit dir zusammen zu arbeiten.

Ich warte, dass du wieder kommst, damit wir wieder etwas unternehmen können.

Frau S.

Frau A. und S.

Das Vorwort wurde von Frau S. handschriftlich verfasst, siehehttp://bidok.uibk.ac.at/download/kreilinger-vorwort.pdf(Anmerkung der bidok-Redaktion)

1. Einleitung

"Romantiker in der Wissenschaft haben weder das Bedürfnis, die lebendige Wirklichkeit in elementare Komponenten aufzuspalten, noch wollen sie den Reichtum der konkreten Lebensprozesse in abstrakten Modellen darstellen, die die Phänomene ihrer Eigenheiten entkleiden. Ihre wichtigste Aufgabe sehen sie darin, den Reichtum der Lebenswelt zu bewahren, und sie erstreben eine Wissenschaft, die sich dieses Reichtums annimmt." (Alexander R. Lurija 1993, S .177)

Durch meine Berufspraxis in einer psychiatrischen Anstalt und in verschiedenen Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe war ich beständig - nicht nur durch die Situation der Klientinnen und Klienten, sondern auch durch meine eigene als Behindertenbetreuerin - mit isolierenden Bedingungen in ihren verschiedenen Formen und deren Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung konfrontiert. Während ich in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit meine widerstreitenden Gefühle und Beobachtungen entweder meinem Unvermögen oder dem Unvermögen der Klientinnen und Klienten zuschrieb, wurde es mit zunehmender fachlicher und persönlicher Auseinandersetzung immer notwendiger, mich Strukturen, geschichtlichen Zusammenhängen u.ä. und vor allem dem Thema Gewalt in all seiner Vielfältigkeit zuzuwenden. Gleichzeitig entwickelte sich über das Thema Gewalt und Isolation ein anderer Blick auf meine Sozialisation als Frau und, resultierend daraus, ein feministischer Zugang zu meiner beruflichen Tätigkeit. Dies führte schließlich - gemeinsam mit anderen Frauen - zur Gründung des Vereins "NINLIL - Wider die sexuelle Gewalt an Frauen, die als geistig oder mehrfach behindert klassifiziert werden".

Aus dem anfänglich noch etwas diffusem Themenkomplex >Isolation - Geistige Behinderung - Frau-sein< kristallisierte sich der Wunsch heraus, eine Arbeit zu schreiben, die sich aus der Praxis der Wissenschaft zuwendet. Auf der Grundlage der Romantischen Wissenschaft entschied ich mich für eine Einzelfallanalyse und suchte eine Frau mit der Diagnose >Geistiger Behinderung<, die an einer Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit interessiert war.

Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, und deren Lebensgeschichten wurden bisher kaum zum Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Die vermeintlich >geschlechtsneutrale< Wissenschaft negiert die unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Bedingungen und als Folge deren Auswirkungen. Meiner Ansicht nach spiegelt sich dieser Zustand in der täglichen Praxis wider und erschwert es bzw. verunmöglicht es bereits während der Anamnese, weibliche Lebenszusammenhänge zu erkennen und als Unterdrückungsmechanismen zu benennen. Die fachlichen Konzepte, die sich daraus entwickeln, orientieren sich am Leben der Frau vorbei.

Der anfängliche Zugang über die Romantische Wissenschaft ermöglichte es mir, eine Methodenvielfalt zu wählen, die der Lebensgeschichte einer Frau entspricht. Lebensgeschichtlich zu arbeiten heißt, sich zu er-innern: an Hand der Lebensgeschichte von Frau S. die strukturelle Gewalt mit ihren Auswirkungen auf ihre Lebensqualität sichtbar zu machen.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht eine Frau, die viele Jahre ihres Lebens in totalen Institutionen verbracht hat. Ihr Interesse an ihrer Vergangenheit war seit ihrem Auszug aus der psychiatrischen Anstalt gewachsen und, als ich sie im Jänner 1998 kennenlernte, wollte sie gerade ihre Krankengeschichte anfordern.

Diese Ausgangssituation - das gemeinsame Interesse an ihrer Lebensgeschichte - führte dazu, daß wir im Jahr 1998 zusammen arbeiteten. Diese Zusammenarbeit war für beide eine fruchtbare, anstrengende und schöne Zeit und ich möchte mich an dieser Stelle bei meiner Forschungspartnerin Frau S. für ihr Vertrauen und ihren Mut bedanken, ebenso bei ihrer Familie für die Offenheit.

Mein Dank gilt aber auch meinen Eltern und meiner Schwester, meinen Freundinnen und Freunden und meinen Weggefährtinnen aus dem Verein Ninlil für die Auseinandersetzungen, die Unterstützung und den Spaß, den wir mitsammen hatten.

Besonders bedanken möchte ich mich bei Yasmin Erlinger, die mit ihrer sachlichen und liebevollen Kritik einen wesentlichen Beitrag zum Zustandekommen dieses Buches geleistet hat.

"Maschinen haben keine Geschichte, das macht sie so berechenbar und beherrschbar.

Der Mensch hat eine Geschichte - wie sehr man ihn auch zu maschinieren versucht."

(Annelie Keil)

2. Lebensgeschichtliche Zusammenhänge

Frau S.[1] wird im Herbst 1951 als ledige Tochter von Anna S. geboren. Ihre Mutter ist zum Zeitpunkt der Geburt 19 Jahre alt. Nach Aussagen von Familienangehörigen dürfte die Mutter bereits nicht mehr in der Familie gelebt haben, arbeitslos gewesen sein und außerdem Alkoholprobleme gehabt haben. Sie gilt als das >schwarze Schaf< der Familie.

Frau S. wird gleich nach der Geburt in ein Säuglingsheim eingeliefert, wo sie die nächsten zwei Lebensjahre verbringt. Mit ihrer Mutter hat sie keinen Kontakt, sie sieht sie im Laufe ihrer Lebens etwa dreimal. Während unserer gemeinsamen Recherchen erfahren wir durch eine Tante von Frau S., daß Anna S. noch zwei Söhne auf die Welt bringt, die ebenfalls beide entweder zur Adoption freigegeben werden oder in ein Heim kommen. Über den Vater von Frau S. ist nichts bekannt. Ihre Mutter verschweigt bis an ihr Lebensende seinen Namen oder kennt ihn nicht.

Mit zwei Jahren wird Frau S. von den Großeltern in die Familie geholt. Der Großvater ist Arbeiter bei der Eisenbahn, die Großmutter Hausfrau. Zu diesem Zeitpunkt lebt noch eines der insgesamt vier Kinder der Großeltern im Haushalt - ihre Tante Eva. Die Wohnung dürfte ca. 50 m2 groß gewesen sein, die Großeltern bemühen sich jedoch um eine größere Wohnung, die sie auch nach einiger Zeit erhalten. Sie übersiedeln in eine ca. 80 m2 große Wohnung, in der Frau S. und ihre Tante sich ein Zimmer teilen.

Im sechsten Lebensjahr von Frau S. bekommt die Familie Zuwachs: ihre Tante Fanny bringt einen Sohn zur Welt, der von der Großmutter aufgezogen wird.

Frau S. wird mit 6 Jahren in die Allgemeine Sonderschule[2] eingeschult, die sie bis zu ihrem ersten psychiatrischen Aufenthalt mit 13 Jahren besucht haben dürfte. Sie berichtet, daß sie sehr gerne in die Schule gimg und viel lernte. Besonders stolz ist sie auf ihre Lese- und Schreibkenntnisse. Bereits während ihrer Schulzeit wird die Familie von einer Fürsorgerin des zuständigen Jugendamtes betreut. Einerseits kümmert sich die Mutter nicht um ihre Tochter und andererseits fällt zum damaligen Zeitpunkt die Vormundschaft für ein unehelich geborenes Kind an das Jugendamt.

Der erste psychiatrische Aufenthalt ist datiert im Jahr 1965. Zwischen 1965 und 1969 lebt sie in der psychiatrischen Anstalt auf verschiedenen Pavillons, u.a. bei Kindern und alten Personen, aber immer wieder auch bei ihrer Familie. Sie berichtet, daß dieses Hin und Her unangenehm war und sie sich nicht mehr orientieren konnte. In die Zeit fallen Arbeitsversuche in einer Werkstätte, die aber nach kurzer Zeit scheitern. Laut den Aussagen von Frau S. gibt es auch einen Wohnversuch in einer Behinderteninstitution, den wir aber nicht eruieren konnten.

Am 26. 3. 1969 wird Frau S. in die psychiatrische Anstalt K. transferiert. Sie kann sich den Wechsel nicht erklären. In diesem Jahr wird Frau S. 18 Jahre alt und damit ist der Pavillon für Kinder für sie nicht mehr zuständig. Im selben Jahr wird sie voll entmündigt,[3] der Großvater wird als Kurator eingesetzt. Erst im Februar 1974 wird die volle Entmündigung in eine teilweise Entmündigung eingeschränkt, mit der Begründung, daß Frau S. in ihrem sozialen Verhalten relativ stabil ist und im Rahmen des Rehabilitationsprogrammes eine beschränkte Entmündigung empfohlen wird, da sie unter ärztlicher Aufsicht steht.[4] Im Juni 1974 wird die Großmutter als Sachwalterin eingesetzt. Ich gehe davon aus, daß in diesem Jahr der Großvater stirbt. Ab diesem Zeitpunkt sind auch keine Besuche mehr von ihm in der Krankengeschichte vermerkt. Bis dahin ist er derjenige, der den Kontakt zu seiner Enkeltochter zwar nur sporadisch, aber gewissenhaft aufrechterhält. Ab nun wird sie zweimal im Jahr von ihrer Großmutter und ihrer Tante besucht.

Frau S. arbeitet in der psychiatrischen Anstalt immer wieder als Hausarbeiterin und hilft bei kleinen Arbeiten.

Während dieser Zeit werden drei Selbsttötungsversuche dokumentiert: Als Methode wählt sie immer Strangulieren mit diversen Bändern und Schnüren, die ersten beiden im Jahr 1972, der dritte im Jahr 1976. Während ihrer Psychiatriezeit kommt es zu gravierenden Gewichtszu- und -abnahmen. Es werden immer wieder Schwierigkeiten beim Essen vermerkt. Auch ihre epileptischen Anfälle scheinen schwer kontrollierbar zu sein. Es gibt Jahre ohne epileptischen Anfall und Jahre mit täglichen "Grand Mals". Heute ist Frau S. anfallsfrei.

In den Jahren 1974/75 kommt es zu einer sehr schweren gesundheitlichen Krise, sie stirbt beinahe an einem Darmverschluß. Der Grund dafür kann nicht eruiert werden. Ich nehme an, daß sie Gegenstände verschluckt hat, was Frau S. aber nicht bestätigt.

1983 wechselt sie auf Pavillon D und nimmt an zahlreichen Veranstaltungen teil. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte sie auf einer Frauenstation, Pavillon D ist gemischtgeschlechtlich.

1990 wird Frau S. in eine Wohngemeinschaft einer Behinderteninstitution[5] entlassen, d.h. sie hat 21 Jahre in der psychiatrischen Anstalt gelebt.

Sie wechselt die Wohnmöglichkeit zwischen 1990 und 1995 innerhalb dieser Einrichtung mehrmals, um schließlich seit 1995 auf einem ambulanten Wohnplatz in ihrer eigenen Wohnung zu leben. Ebenfalls seit 1990 arbeitet sie in einer Werkstätte derselben Einrichtung.

"Die Frau als handelndes Subjekt zu verstehen und den Gewaltverhältnissen der Geschlechter die Zustimmung aufzukündigen, ist eine Herausforderung an eine Forschung, die sich feministisch nennt."

(Christine Thürmer-Rohr)



[1] Alle Namen und Orte wurden von mir anonymisiert. Meine Forschungspartnerin bezeichnet sich selbst als Frau S.; spricht sie in den Gesprächen von sich in der dritten Person, wird sie Sabine oder Sabine Rieder genannt. Ihre Schwestern heißen Anna, Susanne, Gabi und Marion. Alle anderen Namen, die von ihr verwendet werden, sind ebenfalls anonymisiert. Sie selbst wollte die Namen nicht verändern, sondern hat das mir überlassen. Um den Fluß ihrer Erzählung wiedergeben zu können, habe ich darauf verzichtet, Abkürzungen zu verwenden, sondern fiktive Vornamen und Familiennamen eingesetzt.

[2] Die Gründe für die Einschulung in die Sonderschule sind nicht eruierbar. Ich nehme aber an, daß sie in ihren Verhaltensschwierigkeiten und der zumindest sprachlichen Entwicklungsverzögerung liegen.

[3] Der Begriff Entmündigung war zu diesem Zeitpunkt der übliche Wortlaut, auch in gesetzlicher Hinsicht

[4] entnommen dem Gerichtsbeschluß von 1974

[5] Unter >Behinderteninstitution< verstehe ich alle Einrichtungen im Wiener Raum, die von der ARGE Wohnplätze koordiniert werden. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen von der psychiatrischen Anstalt darin, daß sie nicht totalen Institutionen zuzurechnen sind und dem medizinischen Bereich nicht unterstellt sind. U.a. kommt es zu einer Trennung von Wohnen und Arbeit. Die Angebote einer Behinderteninstitution beziehen sich auf Wohngemeinschaft, ambulanter Wohnplatz, Werkstätten, persönliche Arbeitsassistenz.

3. Die Vergangenheit als wiedergefundene Geschichte

"Sie ist ein Stück von uns selbst. Sie braucht in unserem Leben ihre Gelegenheit, ihre Zeit. Wir können nur unter Verlust des eigenen Lebens eine fremde Wahrheit leben - und genau davon zeugen viele Krankengeschichten. >>Ein Mensch wird krank, wenn er gegen seine innere Wahrheit lebt<< (Jores)" (Annelie Keil 1990, S 20)

3.1.) Forschungsalltag

Am Anfang meiner Arbeit steht ein Konzept, das ausgearbeitet wird, ohne zu wissen, wer meine Forschungspartnerin sein wird. Ausgehend von meiner Erfahrung als Behindertenbetreuerin und als Frau mit feministischem Weltbild wollte ich in Form der Einzelfallanalyse erarbeiten, welche Auswirkungen isolierende Bedingungen sowie der langjährige Aufenthalt in einer totalen Institution auf eine Frau haben, die mit der Diagnose >Geistige Behinderung< zu leben hat.

Als theoretischer Hintergrund dient meine Annahme, daß sowohl >Frau sein< als auch >Behinderung< als soziale Konstrukte zu verstehen sind.

In Anlehnung an die Romantische Wissenschaft gehe ich davon aus, daß es möglich ist, auf Grund einer Lebensgeschichte allgemein gültige Aussagen zu tätigen, sofern andere Personen unter ähnlichen Bedingungen leben.

Die Themen, die ich im Konzept vorgebe, sind veränderbar und werden im Laufe der Zusammenarbeit mit Frau S. auch verändert. Durch dieses Offenhalten von Themen wird eine andere Person von mir mitgedacht, die möglicherweise ganz andere Schwerpunkte in ihrer Lebensgeschichte setzt als ich. Einerseits erweist sich dieser Punkt als Vorteil, da Frau S. dadurch dasselbe Mitspracherecht erhält wie ich es habe, andererseits erschwert es die Eingrenzung meiner Arbeit - das führt dazu, daß sich unsere Zusammenarbeit von ursprünglich geplanten sechs Monaten auf ein Jahr ausdehnt.

3.1.1) Auf der Suche nach einer Forschungspartnerin

Ich verschicke Briefe an mir bekannte Personen aus dem Behindertenbereich. Der Kontakt mit einer Sachwalterin über den Verein für Sachwalterschaft führt schließlich zum ersten Kontakt mit Frau S.

Dieser Vorgehensweise liegt die Überlegung zugrunde, daß ich an mir bekannte Frauen, die die Kriterien >Diagnose: Geistige Behinderung< und >institutionelle Karriere< erfüllen, nicht herantreten will, da ich sie in erster Linie aus meiner Tätigkeit als Betreuerin kenne und bereits eine gemeinsame Geschichte vorhanden ist. Der Prozeß des gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeitens scheint mir dadurch erschwert. Abgesehen davon kenne ich auch die Geschichte dieser Frauen, wodurch meine Unvoreingenommenheit ad absurdum geführt wäre. Da der Beziehung Betreuerin : Klientin ein hierarchisches Machtverhältnis zugrunde liegt, wäre es außerdem notwendig, zuerst die gemeinsame Geschichte zu bearbeiten, bevor es zu einer Demokratisierung der Beziehung kommen kann. Dies würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen bzw. sie erheblich erschweren.

"Ich habe Frau S. kennengelernt über Sachwalterin - ohne Vorinformationen - Habe mir absichtlich keine andere Frau angesehen, weil 1. ich nicht konsumieren wollte und 2. ich keine Frau ablehnen will."[6]

Um die genannte Hierarchisierung der Beziehung zu vermeiden - soweit das in einem institutionellen Rahmen überhaupt möglich ist -, erscheint es mir wichtig, daß nicht eine Frau von mir gewählt wird, sondern gemeinsam mit der zukünftigen Forschungspartnerin überlegt wird, ob eine Zusammenarbeit von beiden gewünscht und längerfristig möglich ist.

3.1.2) Erstes Zusammentreffen

Ich treffe Frau S. zu einem Zeitpunkt ihres Lebens, in dem sie an ihrer Vergangenheit sehr interessiert ist, und zwar besonders an der Zeit, die sie in der psychiatrischen Anstalt verbracht hat. Ihre Sachwalterin Frau J. versucht, ihre Krankengeschichte[7] zu organisieren.

Frau S. und ich haben keine Vorinformationen voneinander. Beim ersten Zusammentreffen sind ihre Sachwalterin, ihr Bezugsbetreuer Herr M., Frau S. und ich anwesend.

"Wesentlich ist die Frage nach dem Leistungsverhalten bzw. Erwartungen ihrerseits und meinerseits. Wir klären gemeinsam, was erwartet wird. Sie ist in Sorge, ob sie genug zu erzählen hat bzw. sie das Richtige erzählt. Erklärt sich gerne bereit, einmal die Woche mit mir zu arbeiten, wenn es möglich ist, diesen Termin auch zu verschieben. Ist etwas nervös, weil sie nicht weiß, was auf sie zukommt. Ihre Befürchtungen kann ich zerstreuen, da ich ihr erkläre, daß es ihre Entscheidung sei, was sie erzählt und sie bewertet, was wichtig ist. Sie kann auch die Zeit bestimmen - wie lange Interviews stattfinden.Wesentlich ist mir, daß sie sich ihre Mitarbeit gut überlegt und mir in ein paar Tagen zu- oder absagt. Sie sagt spontan zu, aber wir vereinbaren trotzdem, daß ich sie in vier Tagen [8] anrufe und sie mir dann Bescheid gibt.

Bezugsbetreuer und Sachwalterin sind dabei. Bezugsbetreuer bringt seine Sorge ein, daß bei Frau S. möglicherweise Dinge ins Rollen gebracht werden können, die schwierig für sie werden. Ich kläre meine Rolle, d.h. ich arbeite weder als Betreuerin noch als Therapeutin und werde mit der entsprechenden Sorgfalt Frau S. nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Sie hat das Recht, Nein zu sagen, wenn es ihr zuviel wird. Wir vereinbaren, daß er sich das Konzept durchliest und beim nächsten Mal - falls Frau S. bei ihrer Entscheidung bleibt - die erste halbe Stunde mit Einverständnis von Frau S. dabei ist, um eventuelle Fragen zu klären und Mißverständnisse auszuräumen. Ich werde mich nur mit Einverständnis von Frau S. und in deren Anwesenheit mit ihm treffen. Erkläre auch meine Vorgangsweise - zuerst meine Forschungspartnerin, dann der Verein. Sachwalterin wird an die Wohnbereichsleitung einen Brief incl. Konzept schicken." [9]

Meine Vorgehensweise, nur mit Einverständnis und in Gegenwart meiner Forschungspartnerin Kontakt mit Betreuerinnen und Betreuern zu pflegen, resultiert aus der Annahme, daß Parteilichkeit und eine Demokratisierung von professionellen Beziehungen nur dann zustande kommen kann, wenn nicht die Institution mit ihrem hierarchischen Machtgefälle, sondern die Person mit ihrer Lebensgeschichte im Mittelpunkt des Interesses steht. Die Parteilichkeit mit Frau S. und meine eigene Glaubwürdigkeit ihr gegenüber scheinen am Anfang der besonderen sensiblen Aufmerksamkeit zu bedürfen. Frau S. gibt mir anfänglich immer wieder Tips, bei wem ich mich über sie erkundigen soll. Ich erkläre bei jedem ihrer neuerlichen Versuche, daß gerade das nicht meine Intention sei und ihre Schilderung der Ereignisse die einzig wichtige für mich sei. Bevor wir uns an jemand anderen wenden, klären wir gemeinsam, aus welchem Grund wir das tun und was dort passieren soll. Diese Treffen werden gemeinsam besprochen und soweit als möglich geplant. Die Vorbesprechungen (z.B. vor Treffen mit ihren Verwandten) geben Frau S. Sicherheit und dokumentieren ihr Recht auf uneingeschränkte Information (z.B. in Hinblick auf ihre Krankengeschichte).

Es ist mir wichtig, nochmals auf den Punkt der Freiwilligkeit in unserer konkreten Zusammenarbeit hinzuweisen: Personen, die in Institutionen leben, sind nicht "freiwillig" dort. Sie haben keine Wahlmöglichkeit und können sich ihre gewünschte Lebensform auf Grund ihrer Lebensgeschichte und der gesellschaftlichen Bedingungen nicht selbst organisieren. Für Frau S. bedeutet die Übersiedlung aus derpsychiatrischen Anstalt in ein geschütztes Wohnverhältnis ohne Zweifel eine ungeheure Anhebung ihrer Lebensqualität. Nach drei Jahren, in denen sie innerhalb der Behinderteninstitution insgesamt dreimal übersiedelte, scheint sie in ihrer neuen Umgebung eine relative Sicherheit gewonnen zu haben, die es ihr ermöglicht, Interesse an ihrer Vergangenheit zu entwickeln. Dieses Interesse geht soweit, daß sie in der Lage ist, sich auf eine chronologische Aufarbeitung und eine intensive Zusammenarbeit mit mir einzulassen. Ihre hohe Motivation ermöglicht es mir - neben dem Aspekt, daß wir einander sympathisch sind - mich auf sie einzulassen, da ich an einem längeren Arbeitsprozeß mit ihr interessiert bin und vermeiden möchte, daß die gemeinsame Arbeit von einer Seite abrupt abgebrochen wird. Ohne diesen Aspekt wäre eine beiderseitige Übernahme von Verantwortung für diesen Prozeß nicht möglich.

3.1.3) Arbeitsübereinkommen[10]

Das erste Gespräch[11] findet am 12.1.1998 statt. Bevor wir damit beginnen, ist es notwendig, einige Unklarheiten zu beseitigen. Das Resultat dieses Gesprächs ist ein Arbeitsübereinkommen, das wir beide unterschreiben.

ARBEITSÜBEREINKOMMEN

zwischen Frau S. und Frau Barbara Kreilinger

31.1.1998

Die Zusammenarbeit zwischen Frau S. und Frau Kreilinger wird sich über einen Zeitraum von vier Monaten (bis Mai 1998) erstrecken. Die Arbeitstreffen finden 1x/Woche statt. 1x/Monat kommt es zu einem Treffen mit dem Bezugsbetreuer von Frau S.

Frau Kreilinger unterliegt der Schweigepflicht und muß alle Daten, Namen etc. anonymisieren. Sie kann nur mit Einverständnis von Frau S. Einblick in ihre Akten und in ihre Krankheitsgeschichte nehmen. Frau Kreilinger wird Frau S. Einblick in ihre schriftliche Arbeit gewähren und ihr die Forschungsarbeit zur Verfügung stellen.

Frau S. wird rechtzeitig Termine absagen, wenn sie keine Zeit hat und nach Möglichkeit mit Frau Kreilinger einen Ersatztermin vereinbaren. Sie wird dafür sorgen, daß die Arbeitstreffen ungestört verlaufen können.

Dieses Arbeitsübereinkommen kann ergänzt werden, falls dies im Laufe der Zusammenarbeit notwendig wird.

Barbara Kreilinger Frau S.

Für uns beide ist es angenehmer, uns auf einen fixen Tag und eine Uhrzeit zu einigen. Wir treffen uns jeden Mittwoch um 16.30 in der Küche von Frau S.. Diese genaue Terminvereinbarung kommt auch dadurch zustande, daß Frau S. ihre Woche sehr stark strukturiert hat, sie möchte ungern zwei Termine (z.B. Einkaufen und Interviewtermin) an einem Tag wahrnehmen. Im Laufe unserer Zusammenarbeit wird es aber möglich, die Treffen flexibler zu handhaben.

Besonders wichtig ist die Schweigepflicht, weil Frau S. die Befürchtung hat, daß ihre Aussagen über andere Personen für sie nachteilig sein könnten. So suchen wir für sie einen anonymisierten Namen. Das Pseudonym >Frau S.< entsteht, weil sie bei einem anderen Namen, wie z.B. Anna oder Frau Huber der Ansicht ist, daß jemand anderer, der diesen Namen trägt, Schwierigkeiten haben könnte.

"Auch Arbeitsübereinkommen war wichtig, da es damit einen offiziellen Rahmen bekam" [12]

Unsere Zusammenarbeit wird durch das Arbeitsübereinkommen definiert, d.h. es gibt eine Grundlage, auf der wir uns beide bewegen können, es erhält damit einen offiziellen Charakter. Es wird von uns im Laufe unserer Zusammenarbeit nicht verändert oder ergänzt. Die wenigen Punkte, die wir schriftlich fixieren, genügen, um eine solide Arbeitsbasis zu schaffen, auf der es möglich ist, alle weiteren Vereinbarungen mündlich zu treffen.

3.1.4) Die Phase der Arbeitssitzungen

Frau S. definiert die Beziehung mit mir als Arbeitsbeziehung. Sie erkundigt sich oft nach dem Verlauf meiner Arbeit. Wichtig ist ihr, daß sie >das Richtige< erzählt und genügend weiß. Sie betont während der Gespräche ihr gutes Gedächtnis und die Autenthizität ihrer Erinnerungen. Wenn sie sich derer doch nicht sicher ist, verweist sie mich an Personen, bei denen ich mich erkundigen kann. Immer wieder diskutieren wir über den Wahrheitsgehalt und dessen Wert und Wichtigkeit. Ihre Erzählungen erfahren durch mich keine Bewertung und es scheint, als würde sie Sicherheit gewinnen. Ihre Wahrheit bleibt der Mittelpunkt; Meinungen anderer Personen liefern Hintergrundinformation bzw. werden im Zusammenhang mit ihren Erzählungen gesehen. Auch nach den Treffen mit ihren Verwandten werden deren Berichte in Relation zu ihren eigenen Erzählungen gesetzt und nicht umgekehrt.Auch die Krankengeschichte wird von mir unter diesem Blickwinkel gelesen. Sie scheint zu verstehen, warum ich mich nicht bei anderen Personen erkundige bzw. wieso wir beim Zusammentreffen mit anderen zuerst erarbeiten, was sie dort will. Es ist für mich sehr wichtig, ihr verständlich zu machen, daß es ihr Standpunkt ist, der zählt. Wir unterhalten uns immer wieder darüber.

Frau S. ist darüber informiert, daß wir in Form von Tonbandaufzeichnungen arbeiten werden. Sie erklärt sich damit einverstanden. Wir beginnen am 12.1.1998 und beenden diese Phase der Zusammenarbeit am 19.5.1998.

Die ersten beiden Treffen werden im narrativen Geprächsstil geführt, aus diesem entwickle ich den biographischen Leitfaden. Die Themen, die ich in diesem Zusammenhang erarbeite, bespreche ich mit Frau S. und sie erklärt sich damit einverstanden. Allerdings sollte es auch hier zu Veränderungen der Themenschwerpunkte kommen. Manches ist nur für mich ein Thema und für Frau S. nicht der Rede wert. So muß ich z.B. den für mich wichtigen Punkt der Veränderbarkeit von Diagnosen streichen, da Frau S. darauf keinen Wert legt und sich darüber auch nicht unterhalten will. Dafür ist für sie die Zeit der Sonderschule wichtig, die von mir nicht vorgesehen war. Diese beiden Punkte sollen exemplarisch zeigen, daß im Rahmen der Zusammenarbeit eine relative Offenheit notwendig ist, um nicht nur einen fortschreitenden Dialog zu gewährleisten, sondern auch dem Mitspracherecht meiner Forschungspartnerin den notwendigen Stellenwert zu geben. Weiters verändert sich die gemeinsame Arbeit bereits nach dem zweiten Treffen. Ich halte es für sinnvoll, jedes Treffen unter eine bestimmte Fragestellung zu stellen. Einerseits fordert Frau S. diese Veränderung durch ihr Verhalten ein. Sie stellt Fragen, möchte verschiedene Punkte diskutieren und meine Meinung wissen, andererseits ist es mit einem veränderten methodischen Vorgehen möglich, Kernkonflikte und Problemfelder gemeinsam zu erforschen.

Die Gespräche finden immer in der Wohnung von Frau S. statt, wir sitzen uns am Küchentisch gegenüber. Selten betrete ich einen anderen Raum als die Küche. Nur wenn sie mir etwas zeigen will, z.B. ihren neuen Computer, gehen wir in das andere Zimmer. Ihre Küche ist immer penibel aufgeräumt. Meistens stehen drei Aschenbecher auf dem Tisch, wovon einer benutzt werden darf. Frau S. sorgt dafür, daß wir ungestört sind. D.h. sie erklärt bei überraschenden Besuchen, daß sie keine Zeit hat, weil sie gerade mit mir arbeitet. Ebenso verfährt sie mit Anrufen. Auch innerlich sorgt sie dafür, daß wir nicht gestört werden. Nach dem fünften Interview wird mir das erste Mal bewußt, daß sie sich in meiner Gegenwart nicht mehr mit ihren Schwestern unterhält. Als ich mich nach ihnen erkundige, erklärt sie, daß diese nicht stören dürfen und ruhig sein müssen. Sie wird sich mit ihnen wieder unterhalten, wenn ich mich verabschiedet habe.[13]

Bei unserem ersten Treffen machen wir uns mit dem Tonband vertraut, das sie bedienen wird.

Am Anfang jedes Treffens plaudern wir über die vergangene Woche. Sie zeigt mir Dinge, die sie gekauft hat, erzählt über die Arbeit etc. Anschließend gehen wir dazu über zu klären, ob es zum letzten Gespräch noch Fragen, Anmerkungen etc. gibt. Erst wenn dieser Teil abgeschlossen ist, beginnt der Hauptteil mit einer problemzentrierten Frage. Die nächsten 1 1/2 Stunden läuft das Tonband mit. Frau S. kann zwischendurch Pausen machen. Anfänglich verläßt sie den Raum, wenn es ihr zuviel wird, und kommt nach kurzer Zeit wieder zurück. Ich versichere ihr, daß sie auch sagen kann, wenn sie eine Pause machen möchte. Sie löst diese Angelegenheit, indem sie Rauchpausen macht und alltägliche Dinge erzählt. Am Ende jedes Gesprächs kann sich Frau S. immer ein Stück der Aufnahme anhören. Wir finden es beide witzig, unsere Stimmen auf Tonband zu hören und da ich bemerke, daß sie die Kassetten sehr gerne anhört, biete ich ihr an, diese zu kopieren. Das möchte sie aber auf keinen Fall, sie möchte sich die Kassetten alleine nicht anhören.

Nach dem Anhören besteht die Möglichkeit für Ergänzungen, Anmerkungen etc. Das nimmt sie nie in Anspruch, sie verbessert sich selbst im Nachhinein auch nicht. Aus jedem Gespräch entsteht für das nächste eine weiterführende Fragestellung, die wir gemeinsam festlegen. Wir haben dadurch beide die Möglichkeit, uns auf ein Thema einzustellen.

Im letzten Teil unseres Treffens steht immer die Frage im Mittelpunkt, wie es ihr jetzt geht. Sie beantwortet diese Frage unterschiedlich. Ihr Wohlbefinden hängt davon ab, wie nah sie von einem Thema aus ihrer Vergangenheit berührt wird. Sie erlebt sich selbst als traurig, nachdenklich, gerührt, beruhigt, erleichtert, nie aber als zornig oder wütend.

Manchmal macht sie sich Sorgen, ob sie schlafen kann, ob sie noch lange nachdenken muß etc. In Ausnahmefällen vereinbaren wir, daß ich sie am späteren Abend noch mal anrufe und mich erkundige, wie es ihr geht. Sie hat ebenfalls die Möglichkeit, mich anzurufen, tut es aber nie.

3.1.5) Besuch des Gemeindebaus

Am 31.3.1998 besuchen wir den Gemeindebau, Frau S. verbrachte dort ihre Kindheit und ging in der Nähe auch zur Schule. Diese Idee entsteht, als sie es ablehnt, in die psychiatrische Anstalt zu fahren, um sich selbst ihre Krankenakte zu besorgen. Ich frage sie, ob sie vielleicht einen anderen Ort aus ihrer Vergangenheit besuchen möchte. Sie würde gerne den Gemeindebau, in dem sie früher gelebt hat, wieder einmal sehen. Wir vereinbaren einen Termin und sie nimmt sich am Nachmittag Urlaub und ich hole sie an ihrem Arbeitsplatz ab.

Da Frau S. keine Fotos aus ihrer Kindheit hat, nehme ich auf ihren Wunsch hin meinen Fotoapparat mit. Sie ist offensichtlich sehr aufgeregt und fragt immer wieder, ob sie möglicherweise Leute treffen könnte, die sie noch kennt. Außerdem weiß sie nicht, wer jetzt in der ehemaligen Wohnung der Großeltern lebt.

Bei der Fahrt zum Gemeindebau zeigt sie mir die ehemalige Schule und wo sie immer einkaufen war. Sie erinnert sich an viele der Plätze und bemerkt bauliche Veränderungen. Es gibt z.B. ein bestimmtes Gasthaus nicht mehr. Als wir die richtige Stiege erreicht haben, überprüft sie, ob der Name ihrer Großeltern noch auf der Gegensprechanlage steht. Sie ist überrascht, als sie ihn findet. Nachdem wir fotografiert haben, zeigt sie mir die Fenster ihres ehemaligen Zuhauses. Sie stellt fest, daß diese geöffnet sind und schließt daraus, daß jemand zu Hause ist. Sie weiß nicht, welches Familienmitglied zur Zeit in der Wohnung lebt, da die Großmutter schon gestorben ist. Wir diskutieren eine Weile und entschließen uns dann, anzuläuten. Es öffnet niemand und wir sind beide erstaunt. Wir warten ein paar Minuten und spekulieren, warum niemand öffnet. Schließlich spricht Frau S. eine Frau an, die gerade die Tür aufsperren will. Sie erkundigt sich nach dem Verbleib ihrer Verwandten und fragt, ob jemand bei Tür Nr. 2 zu Hause sei. Frau S. nennt ihren Namen und die Frau erklärt, sie sei die Lebensgefährtin von Cousin Franz. Sie freut sich, das Familienmitglied kennenzulernen, von dem sie zwar viel gehört hat, aber das sie noch nicht kennt. Ich entschuldige mich für den nicht angemeldeten Besuch. Frau Kummer lädt uns in die Wohnung ein und meint, wir könnten auf Cousin Franz warten. Sie bietet Kaffee an.

Frau S. sitzt anfänglich auf dem Sofa und spricht nicht besonders viel. Nachdem sie sich offensichtlich wohlzufühlen beginnt, sieht sie sich in der Wohnung um und kommentiert die Veränderungen. Besonders positiv fällt ihr das neue Bad auf, das zu Zeiten der Großeltern noch in die Küche integriert war. Sie erklärt Frau Kummer, wie die Wohnung früher eingerichtet war und wo sie und Cousin Franz geschlafen haben.

Ich informiere Frau Kummer über unsere Zusammenarbeit. Da unser Besuch spontan ist, haben Frau S. und ich keine Absprachen getroffen. Sie fragt aber nach ihrer Mutter und das bringt mich auf die Idee, um ein Gespräch mit dem Cousin zu bitten. Frau S. erklärt sich damit einverstanden und Frau Kummer gibt uns die Telefonnummer. Sie wird mit Cousin Franz sprechen und wir sollen wieder anrufen. Sie kann sich aber nicht vorstellen, daß das nicht möglich sein sollte. In diesem Zusammenhang fragt Frau S. nach Fotos aus ihrer Kindheit. Frau Kummer kann uns darüber keine Informationen geben, sie ist sich aber sicher, daß Cousin Franz welche besitzt. Frau S. erkundigt sich noch nach ihrer Großmutter, Frau Kummer hat diese nicht mehr gekannt, weiß daher nur aus Erzählungen von Cousin Franz, daß sie der Mittelpunkt und der ruhige Pol der Familie war.

Da es absehbar ist, daß Cousin Franz verspätet nach Hause kommt, verabschieden wir uns.

Frau S. macht nach diesem Besuch einen ruhigen Eindruck, erklärt aber, daß sie aufgeregt sei und neugierig auf ihren Cousin, den sie lange nicht mehr gesehen hatte. Meiner Ansicht nach hat sie ihn das letzte Mal vor mindestens 15 Jahren gesehen. Es stellt sich im Zuge des nachfolgenden Gesprächs mit Cousin Franz heraus, daß er sie gemeinsam mit der Großmutter und der Tante zweimal in der psychiatrischen Anstalt besucht hat. Er kann sich aber nicht mehr erinnern, wann das war. Anschließend gibt es ein Problem. Auf Grund unseres Überraschungsbesuchs bei der Familie kommt meine Zeitplanung durcheinander. Ich kann meinen nächsten Termin weder verschieben noch absagen. Frau S. und ich haben vereinbart, daß ich sie nach Hause begleite, da sie sich alleine in öffentlichen Verkehrsmitteln fürchtet. Die Möglichkeit eines Taxis schließt sie aus. Wir einigen uns auf einen Kompromiß. Ich begleite sie soweit als möglich, d.h. sie muß nur mehr einige Stationen alleine fahren und muß nicht umsteigen. Zusätzlich rufe ich sie um 21 Uhr zu Hause an und frage sie, ob sie gut angekommen ist. Es ist noch nicht dunkel und die Strecke ist ihr vertraut, da sie einen Teil ihrer Fahrt zur Arbeit[14] beinhaltet.

Ein weiterer Besuch bei ihrer Familie wird von mir telefonisch für den 28.4.1998 vereinbart. Frau S. und ich können uns vorbereiten. Ihr ist vor allem wichtig, etwas über ihre Mutter zu erfahren und Fotos zu sehen. Weiters ist geplant, daß wir am selben Tag die Mutter von Cousin Franz, Tante Eva, besuchen. Cousin Franz geht davon aus, daß sie sich an wesentlich mehr erinnern könne als er und außerdem die Personen auf den Fotos benennen würde. Den ersten Termin können wir nicht einhalten, da Frau S. krank wird, sie bekommt einen ansteckenden Ausschlag. Ich gehe davon aus, daß die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit - obwohl von ihr gewünscht - ein Maß an Anstrengung erreicht hat, die eine krankheitsbedingte Pause notwendig macht. Der Besuch wird auf den 11.5.1998 verschoben.

3.1.6) Familientreffen

Das Zusammentreffen mit der Familie von Frau S. gestaltet sich positiv und unkompliziert.

Nachdem alle betroffenen Personen über unser Vorhaben informiert sind und ihr mündliches Einverständnis für die Verwendung der Tonbänder gegeben haben, finden insgesamt drei Gespräche[15] statt.

Im Zuge dieser Zusammentreffen kommt Frau S. das erste Mal in den Besitz von Fotos aus ihrer Vergangenheit. Die Fotos werden gemeinsam angesehen und kommentiert. Cousin Franz und Frau S. tauschen Kindheitserinnerungen aus. In diesem Zusammenhang relativiert Cousin Franz die vermeintliche Aggressivität von Frau S. als Kind. Er schildert sie als Außenseiterin, die wegen ihres >komischen Gangs< von den anderen Kindern gehänselt wurde und sich gewehrt hat. Als Grund für die Einlieferung in die psychiatrische Anstalt gibt er die epileptischen Anfälle von Frau S. an und die damit verbundene Überforderung und Angst der Großmutter. Der Großvater wird von ihm als Mann geschildert, der gerne getrunken hat, ansonsten aber nicht auffällt. Auch Frau S. hat ihren Großvater kaum erwähnt, obwohl lange Zeit er derjenige war, der sie in der psychiatrische Anstalt besucht hat.[16] Welche Rolle der Großvater tatsächlich gespielt hat - außer als Familienernährer - ist schwer zu eruieren. Die Großmutter scheint der zentrale Punkt der Familie gewesen zu sein.

Bei Tante Eva erfährt Frau S., daß sie zwei Halbbrüder hat, die entweder in einem Heim lebten oder zur Adoption freigegeben wurden. Die Mutter von Frau S. dürfte, wie bereits vermutet, eine Außenseiterinnenposition in der Familie innegehabt haben. Sie scheint sehr früh von zu Hause ausgezogen zu sein, und anscheinend wußte die meiste Zeit niemand Bescheid über ihren Verbleib. Zum endgültigen Bruch dürfte es gekommen sein, als die Mutter einige Tage bei der Großmutter verbringt und mit deren Geld verschwindet. Sehr berührt ist Frau S. vom Tod ihrer Tante Martha. Sie hat sich nach dieser erkundigt und ihr Grüße bestellt. Die Lebensgefährtin vom Cousin Franz sagt ihr schließlich, daß diese Tante tot sei. Frau S. findet, man hätte ihr das sagen müssen, sie wäre gerne auf das Begräbnis gegangen. Sie ist sehr enttäuscht, daß sie - wie bereits beim Tod der Großmutter - nicht informiert wurde.

Nach dem zweiten Treffen gehen Frau S. und ich noch in ein Gasthaus und besprechen die vielen neuen Informationen und unterhalten uns darüber, wie es ist, die Familie nach mindestens 15 Jahren wieder zu sehen. Grundsätzlich freut sie sich über das Wiedersehen und vor allem über die Fotos. Sie möchte ein Album kaufen und die Fotos chronologisch einkleben. Über den krankheitsbedingt schlechten Zustand von Tante Eva ist sie besorgt. Sie wünscht sich weiterhin Kontakt mit ihren Verwandten und wir haben mit Cousin Franz vereinbart, daß er sich einmal im Monat melden wird. Sie möchte ihm auch gerne ihre Wohnung zeigen und lädt ihn zu sich nach Hause ein.[17]

Das dritte Zusammentreffen findet am 2.6. statt. Bei diesem Treffen besteht Onkel Toni anfänglich darauf, mit mir alleine zu sprechen. Ich meine aber, daß es nichts gibt, was er Frau S. nicht sagen könnte. Schließlich erzählt er dann aber doch, daß Tante Eva gestorben sei und bald das Begräbnis stattfinde. Er wollte es Frau S. nicht sagen, weil er ihre Reaktion nicht abschätzen kann. Frau S. ist traurig und weint, ist aber auch froh, ihre Tante noch mal getroffen zu haben. Sie möchte gerne auf das Begräbnis gehen und wir vereinbaren, daß ich sie hinbringen werde.

Unser Vorhaben, das Grab der Großmutter zu besuchen, fällt mit dem Begräbnis von Tante Eva zusammen. Für Frau S. ist der Tod der Großmutter ein wichtiges Thema. Sie fragt sich, warum man es ihr nicht hätte sagen sollen[18]. Sie wäre gern zum Begräbnis gegangen. Der Besuch des Grabes ihrer Großmutter ist für sie ein zentrales Thema. Über ihre Familie haben wir herausgefunden, wo dieses Grab ist.

Sie möchte gerne Blumen aufs Grab legen und sich von ihrer Großmutter verabschieden. Am Tag des Begräbnisses hole ich sie ab und wir fahren mit dem Taxi zum Friedhof. Frau S. besorgt zwei Blumensträuße - einen für die Großmutter und einen für Tante Eva. Es ist für sie emotional sehr anstrengend und sie ist entsprechend aufgeregt. Aus diesen Grund will sie auch mit dem Taxi fahren.

Abgesehen von den Themen Abschied und Verlust, die durch den Tod von Tante Eva wieder in den Mittelpunkt rücken, ist es für Frau S. das erste Familientreffen seit mindestens 30 Jahren. Bei der Zeremonie scheint es mir, als würde sie über alle Beziehungen, die sie verloren hat, trauern. Nach dem Begräbnis sind Abschied und Verlust kein Thema mehr.

Durch den Tod ihrer Tante Eva erlebt sich Frau S. in Hinblick auf Beziehungsabbrüche das erste Mal in ihrem Leben als aktiv Beteiligte. Alle anderen Verluste von Personen wurden ihr entweder nicht oder verspätet mitgeteilt oder waren für sie nicht nachvollziehbar[19].

Zusammenfassend stellt sich die Kontaktaufnahme zur Familie positiv dar. Diese war bereit, sich mit Frau S. und der Vergangenheit auseinanderzusetzen und konnte für Frau S. wichtige Informationen liefern. Besonders wertvoll sind die Fotos, die sie erhalten hat. Einige Aussagen unterscheiden sich von den Aussagen von Frau S. So ist die ganze Familie der Meinung, daß Frau S. wegen ihrer schweren epileptischen Anfälle[20] in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde. Dagegen sprechen die Aussagen von Frau S. und das Aufnahmeblatt der Krankengeschichte. Die Schwestern von Frau S. sind allen bekannt, was meine Vermutung, daß es diese bereits während ihrer Kindheit gab, bestärkt bzw. die Aussagen von Frau S. bestätigt.

3.1.7) Die Krankengeschichte[21]

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Zusammenarbeit mit Frau S. ist das Aufarbeiten der Krankengeschichte. Am 23.6.1998 ist Frau S. mit ihrer Sachwalterin bei mir zum Essen eingeladen. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits Einblick in die Krankengeschichte genommen und sie ausgearbeitet habe, stelle ich diese Notizen zur Verfügung und wir besprechen sie gemeinsam. Frau S. kann am 3. September persönlich Einblick in ihre Krankengeschichte nehmen. Danach besprechen wir, ob ihr die Informationen, die sie bis jetzt erhalten hat, genügen. Sie möchte kein weiteres Mal Einblick nehmen und ist außerdem der Meinung, daß sie mit mir an meiner Ausarbeitung weiterarbeiten kann, wenn sie das möchte. Mein Einwand, daß diese Zusammenfassung durch meinen Blickwinkel bereits gefiltert ist, ist für sie nicht relevant. Für mich ergibt sich der Eindruck, daß es Frau S. nur wichtig ist, überhaupt das Recht zu erhalten, in ihre Akte Einblick zu nehmen und zu überprüfen, ob ihre Geschichte mit der Geschichte in der Krankenakte übereinstimmt.

Durch den Krankenakt - er ist erstaunlich gut dokumentiert - wird klar, wann und warum Frau S. eingeliefert und wann sie verlegt wurde. Weiters erfahren wir, daß sie ca. ein Jahr schwer krank war und in Lebensgefahr schwebte.

Frau S. interessiert sich in erster Linie für ihre Aggressivität, die sie immer wieder schildert. Es stellt sich heraus, daß es in der psychiatrischen Anstalt lange Phasen der Ruhe gibt, in denen sie nicht auffällt. Die Gründe für ihre Aggressivität (sie würgt Patientinnen und Krankenschwestern) können wir jedoch mit Hilfe der Krankengeschichte nicht finden.

Weiters sind immer wieder starke Gewichtsschwankungen vermerkt, manchmal muß sie gefüttert werden. Ihre epileptischen Anfälle scheinen durch die Medikation nicht zu verschwinden. Sie treten manches Jahr gehäuft auf (bis zu täglichen Grand Mals) und in anderen Jahren gar nicht.

Die Existenz der Schwestern [22] wird unterschiedlich bewertet. Sie werden als Selbstgespräche, Wahnvorstellungen, fixe Idee, akustische Halluzinationen eingetragen. Die Medikamente dürften keine wesentlichen Auswirkungen auf ihr Vorhandensein haben.

Immer wieder vermerkt ist ihr großer Rededrang, ihre gute zeitliche und örtliche Orientierung und ihre Schwierigkeiten beim Schlafen (sie schläft nicht ein, wacht immer wieder auf etc.). Frau S. erzählt, daß sie mit ca. 19 Jahren das erste Mal eingeliefert wird, durch die Krankengeschichte stellt sich jedoch heraus, daß dies bereits in ihrem 13. Lebensjahr geschieht. Dadurch wird für mich klar, warum sie über ihre Jugendzeit keine Angaben macht. Mich hat das immer verwundert, da sie über jede andere ihrer Lebensphasen Erinnerungen hat und darüber spricht. Die Zeit der Einlieferung und die ersten Jahre hat sie verdrängt. Ich nehme an, daß der Schmerz an die Erinnerungen zu groß ist, um einen Blick auf diese Zeit werfen zu können. Einerseits weiß sie nicht, welche Krankheit sie eigentlich hatte und warum sie nicht >gesund< geworden ist und andererseits ist es wahrscheinlich äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich, sich einzugestehen, daß sie als 13-jährige keine Möglichkeit hatte, die Einlieferung zu verhindern und somit andere Personen über ihren Lebensweg bestimmen lassen mußte. Außerdem ist sie in den ersten Jahren zwischen psychiatrischer Anstalt, Großeltern und einer Behinderteninstitutionen hin und her gewandert, was ihre Orientierung erschwert. Sie kann sich an die zeitlichen Abläufe nicht erinnern und meint zu diesem Zeitabschnitt, daß es sehr schwierig war, nicht zu wissen, wo sie eigentlich hingehörte.

Zusammenfassend möchte ich festhalten, daß es für Frau S. nützlich war, Einblick in ihre Krankenakte zu erhalten. Sie konnte sich vergewissern, daß ihre Erinnerungen richtig sind und sich neue Informationen holen. Auch das Recht, Einblick in >ihre< Akte zu erhalten, war für sie wichtig, um dadurch ein Stück ihrer Lebensgeschichte wiederzufinden.

Lange Zeit hat Frau S. Angst, an ihren ehemaligen Wohnort in die psychiatrische Anstalt zurückzukehren. Sie befürchtet, dann dort bleiben zu müssen und ist sich unklar über ihr Verhalten. Nach der Aufarbeitung der Zeit in der psychiatrischen Anstalt und der Durchsicht der Akte besucht sie anläßlich einer Einladung zu einem Fest die psychiatrischen Anstalt und verliert - zumindest mir gegenüber - nur wenige Worte.

In der Zeit von September bis Dezember 1998 finden in beiderseitigem Einvernehmen weniger Treffen statt. Auch der Rahmen ändert sich. Wir treffen uns in Lokalen zum Essen, Frau S. wird mit ihrer Sachwalterin zu ihrem Geburtstag zu mir nach Hause eingeladen etc. Die Treffen haben nicht mehr den ausschließlichen Charakter eines Arbeitstreffens und wir unterhalten uns häufig über alltägliche Dinge. Gleichzeitig beginnt Frau S. eine Therapie, die ebenfalls in ihrer Wohnung stattfindet und von ihr gut angenommen wird.

3.1.8) Zukunftspläne

Bei einem Essen mit der Sachwalterin und Frau S. äußert sie uns gegenüber das erste Mal Zukunftspläne. Anläßlich meiner Erzählung über einen Besuch im Pflegeheim beginnt sie zu überlegen, wie und wo sie als alte Frau leben möchte. Sie wünscht sich, in ihrer Wohnung bleiben zu können und möchte, daß die Sachwalterin rechtzeitig dafür Sorge trägt. Auf keinen Fall will sie in einem Heim leben und möchte auch nicht mehr umziehen. Es scheint so, als würde sich Frau S. das erste Mal die Frage nach einer selbstgewählten Zukunft stellen.

Den offiziellen Abschluß unserer Zusammenarbeit stellt das gemeinsame Einkleben der Fotos in ein Album dar. Sie ordnet die Fotos zeitlich, klebt sie ein und versieht sie mit den Namen der jeweiligen Personen und dem Datum. Es handelt sich dabei um die Bilder, die sie von ihren Verwandten bekommen hat, und um Fotos aus der psychiatrischen Anstalt. Alle anderen Fotos, die entstanden sind, seit sie in der Behinderteninstitution lebt, möchte sie weiterhin bei sich tragen. Die Erinnerungen an die ersten vierzig Jahre ihres Lebens kann sie in Ruhe in ihrer Wohnung durchsehen, den neuen Lebensabschnitt aber trägt sie bei sich und nimmt ihn mit indie Zukunft.

Der Abschluß unserer Zusammenarbeit war für mich sehr berührend, und ich habe das Einkleben der Fotos als Symbol verstanden - Abschied zu nehmen von Erinnerungen, die zur Geschichte geworden sind.

3.2.) Entschluß zur Methodenvielfalt

3.2.1) Von der romantischen Wissenschaft zur Rehistorisierung

Gegenwart, nicht die punkthafte, die nur den jeweilig im Gedanken gesetzten Schluß der >abgelaufenen< Zeit, den Schein des festgehaltenen Ablaufs bezeichnet, sondern die wirkliche und erfüllte, gibt es nur insofern, als es Gegenwärtigkeit, Begegnung, Beziehung gibt. Nur dadurch, daß das Du gegenwärtig wird, entsteht Gegenwart" (Martin Buber 1994, S 16)

Durch die Begegnung und Beziehung zu meiner Forschungspartnerin entsteht die Gegenwart, die es ermöglicht, die Vergangenheit nicht als Gedanken, sondern als Prozeß zu erarbeiten und zu begreifen, um den Blick wieder in die Zukunft richten zu können. Im Unterschied zu quantitativen Forschungsmethoden, die die objektive Meßbarkeit von Daten in den Vordergrund stellen, ist dieser Ansatz ein subjektiver, der sowohl die Vergangenheit meiner Forschungspartnerin mit einbezieht als auch meine als Betreuerin im psychiatrischen Behindertenbereich. Die Wechselseitigkeit dieser Beziehung birgt Vorteile, aber auch Gefahren. Einen Vorteil stellt das prozeßhafte Arbeiten dar, das es ermöglicht, vertiefend lebensgeschichtliche Erinnerungen zu bearbeiten. Andererseits fällt die Abgrenzung zur Geschichte meiner Forschungspartnerin nicht immer leicht, auch die inhaltliche Eingrenzung der Arbeit erweist sich als problematisch. Es stellt sich als unabdingbar heraus, mich von einer Supervisorin begleiten zu lassen.

Dieses prozeßhafte Arbeiten schließt >mehrseitiges Denken im begreifenden Erkennen< mit ein. "Auch begreifendes Erkennen kann sich nicht unvermittelt auf das >Ganze< der Gesellschaft richten, sondern muß durch abstraktives Herausheben jeweils besonderer Züge der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmte Aspekte als klärbare oder lösbare Probleme akzentuieren" (Klaus Holzkamp 1973, S 372). Dabei bleibt aber bewußt, daß "der Mensch in einer Totalität gesellschaftlicher Realstrukturen, denen er selber zugehört, steht, die vor dem Einsatz der denkenden Verarbeitung jene konkreten historischen Bestimmungen als lediglich >bekannt< enthält, die es im Erkennen in ihren wesentlichen Zügen zu begreifen gilt." (ebd. S 372). Wesentliche Zusammenhänge werden im gesellschaftlichen Ganzen als Differenzierungsprodukte gemeinsamer Urprungsformen herausgearbeitet und zwar durch die inhaltliche Herausarbeitung des Gewordenseins von Strukturmomenten im gesellschaftlich-historischen Prozeß. Das >mehrseitige Denken< im begrifflichen Erkennen ist die Erfassung gesellschaftlicher Realwidersprüche und nicht deren Aufhebung. Damit hebt es sich erheblich vom rein problemlösenden Denken ab. Realwidersprüche können nicht im klassischen Sinn aufgehoben werden. Meiner Ansicht nach scheint es so, als gäbe es keine >guten< Antworten, lediglich >gute< Fragen. Die Antworten erscheinen als kurzfristige Pause - auch in einer Lebensgeschichte -, an die sich wieder eine >gute< Frage reiht. In der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod - also in der Endlichkeit eines Menschenlebens - ist eine Entwicklung möglich, die niemand vorherbestimmen kann, aber die in ihrer Reflexion dieses Gewordensein von Strukturmomenten im gesellschaftlichhistorischen Prozeß aufzeigt.

Frau S. und ich haben gemeinsam ihre Vergangenheit unter dem Aspekt weiblicher Lebenszusammenhänge und dem Aspekt der Isolation bearbeitet. Vieles hat sie das erste Mal erzählt und über vieles wurde sie auch das erste Mal befragt. Meinen Zugang zu dieser Art der pädagogisch-therapeutischen Arbeit finde ich anfänglich durch Alexander Lurija (1993). Seine "Romantische Wissenschaft vernachlässigt die Logik; sorgfältige, Schritt für Schritt aufgebaute Argumentation ist nicht ihre Sache, und nur mit Mühe kommt sie zu festen Formulierungen und universalen Gesetzen. Zuweilen nehmen in ihrer Arbeit künstlerische Neigungen und Intuitionen überhand. Ihre Beschreibungen gehen oft nicht nur ihren Erklärungen voran, sondern treten auch manchmal an deren Stelle." (ebd. S 9). Der Unterschied zur klassischen Wissenschaft besteht in erster Linie darin, das Ganze zu betrachten und nicht durch das Zerlegen in alle Einzelteile einen reduktionistischen Blick auf die Geschichte einer Person zu entwickeln. Lurija entwickelte diesen Ansatz, um genau diesen Konflikt zu überwinden, d.h. einerseits die konkreten Fakten im Leben einer Person zu beschreiben, aber trotzdem allgemein erklärende Gesetze aufstellen zu können.

Das erfordert eine Entwicklung vom Konkreten zum Abstrakten und ist der Grund, warum ich Interviewpassagen mit meiner Forschungspartnerin an den Anfang jeder Erklärung stelle. Ihre Erlebnisse und ihre Erzählweise sind die Grundlage für meine Erarbeitung. Die praktische Erarbeitung - in diesem Fall durch Gespräche, Besuche etc. - wird an den Anfang gestellt und erst nach deren Ausarbeitung eine Biographie auf dem theoretischen Hintergrund reflektiert, um allgemein gültige Schlüsse ziehen zu können.

"Ihre wichtigste Aufgabe (der romantischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Anm. d. V.) sehen sie darin, den Reichtum der Lebenswelt zu bewahren, und sie erstreben eine Wissenschaft, die sich dieses Reichtums annimmt." (ebd. S 177)

Dies bedeutet einen Blick auf die Person zu entwickeln, der sich im wesentlichen vom psychiatrischen Ansatz dadurch unterscheidet, das er vom Reichtum der Lebenswelt ausgeht und nicht von ihren Defiziten. Dieser Blick ermöglicht es, sich einem psychiatrischen Krankenakt und den vielfältigen medizinischen Diagnosen in einer Form zu nähern, die einerseits Informationen liefert und andererseits aufzeigt, wie eine Person im Lauf ihrer Lebensgeschichte beurteilt wird und welche Auswirkungen diese Beurteilung für ihre Zukunft hat. Eine wesentliche Frage in diesem Zusammenhang ist es, "welche Bedeutung diesen Fakten für eine diagnostische Interpretation verliehen wird, denn sie sind, entgegen der Annahme ihrer Kritiker, nicht selbstredend. Ihre Evidenz als Krankheitsurteile im Sinne von Verurteilung erlangen sie nur durch ihre unhinterfragte Hinnahme als für sich selbst sprechende Wirklichkeit." (Wolfgang Jantzen, Willehad Lanwer-Koppelin (Hg.) 1996, S 13)

Durch das Heranziehen (im speziellen) einer Krankenakte und deren Interpretation erscheint es mir auch möglich zu werden, all das, was als Krankheit, Störung etc. bezeichnet wird als grundsätzlich allgemein-menschliche Möglichkeit zu sehen, "d.h. sie sind für uns alle unter bestimmten inneren und äußeren Kontext Bedingungen, Ausdrucksformen der Situation `so geht es nicht mehr weiter`. Daher sind sie grundsätzlich uns allen innerlich zugänglich und bekannt." (Klaus Dörner, Ursula Plog 1984). Durch das Verständnis, daß unter entsprechenden Bedingungen auch ich in dieser enthumanisierten Situation sein könnte, kann eine Empathie gegenüber den Personen wachsen, die tatsächlich unter enthumanisierten Bedingungen gelebt haben und leben. Die Distanz zu einer fremden Lebensgeschichte wird damit nicht aufgehoben, verändert wird lediglich ihre Qualität. Lurija tritt in seinen beiden wissenschaftlichen biografischen Arbeiten meiner Ansicht nach mit der Person nur bedingt in Kontakt, er läßt in narrativem Erzählstil oder in Tagebuchaufzeichnungen die Person für sich sprechen und tritt mit ihr nicht in einen konstruktiven Dialog. Dadurch scheint sie Forschungsgegenstand zu bleiben, die Beziehung zwischen der Wissenschaftlerin und der zu beforschenden Person bleibt hierarchisch. In der Romantischen Wissenschaft wird kein gegenseitiger Prozeß beschrieben: für mich ein Widerspruch zu meinem Ansatz. Trotzdem wurde für meine Arbeit der >romantische< Blick, den Lurija auf eine Person wirft, zentral, vor allem die grundlegende Annahme, daß jede Lebenswelt reich an Erfahrungen, Gefühlen etc. ist. Erst dadurch erscheint es mir möglich, ein Leben in der psychiatrischen Anstalt z.B. auch unter dem Aspekt des Widerstands sehen zu können.

Von Lurija ausgehend wird die >Verstehende Diagnostik< zu einer weiteren wertvollen Grundlage für meine Arbeit. Sie scheint mir geeignet, einige Prämissen zu übernehmen. Jantzen (1996) geht davon aus, daß erst mit Hilfe der Methodologie der >Verstehenden Diagnostik< ein Übergang zwischen Erklären und Verstehen möglich ist. Im Mittelpunkt steht die Rehistorisierung, für die er in der spezifischen Methodologie drei Schritte herauskristallisiert. Er lehnt sich in seinen Ausführungen vor allem an Lurija an.

Als ersten Schritt kennzeichnet er das Aufsteigen im Abstrakten, das Lurija als Syndromanalyse bezeichnet. "Im Rahmen der Syndromanalyse müssen also zahlreiche Einzeldaten daraufhin bewertet werden, welches der theoretisch wahrscheinlichste Zusammenhang ist, in dem sie zu begreifen sind." (Wolfgang Jantzen 1994, S 125). Dieses Syndrom, z.B. Blindheit, führt zu einer radikalen Veränderung der Entwicklungssituation, die er als Bedingungen der Isolation bezeichnet. Wesentlicher Grundgedanke dabei ist die Annahme, daß sich auf Grund der veränderten Entwicklungssituation unter isolierenden Bedingungen zentrale psychische Neubildungen manifestieren. Den zweiten Schritt bezeichnet er als Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten oder das Syndrom in der Fülle des Seins. "Die Fülle des Seins im konkreten Alltag wird damit jeweils der Ort, innerhalb dessen Subjektlogik zu begreifen und zu rekonstruieren ist." (ebd. S 141). Wir treffen auf die Frage, welche Bedeutung das Syndrom für das konkrete Leben hat. Bleibt man bei der Syndromanalyse noch in der Rolle der/des analytisch äußeren BeobachterIn, so wird es jetzt notwendig, den Standpunkt einer inneren BeobachterIn einzunehmen, d.h. auch, von der Lebensgeschichte der anderen berührt zu werden. Dieser Prozeß verlangt gleichzeitig Nähe und Distanz. Der InnenbeobachterInnenstandpunkt wird zum SuperbeobachterInnenstandpunkt.

>Verstehende Diagnostik< verlangt damit Theorie ebenso wie Beziehungsfähigkeit. "Eine `Binnenperspektive`, in welcher die Entwicklungsmöglichkeiten der Betroffenen wiederhergestellt werden, ist nur durch Prozesse von Anerkennung, Dialog, Berührung und zugleich methodologischer Distanz in der Berührung zu erreichen." (Wolfgang Jantzen, Willehad Lanwer-Koppelin (Hg.) 1996, S 7).

Die Verstehende Diagnostik ermöglicht es, nicht eine Geschichte der Krankheit zu schreiben, sondern vielmehr "psychisch-kranke bzw. geistig behinderte Menschen wieder in ihre Geschichten zu versetzen und aufzuhören, sie als Resultat einer Geschichte der Krankheit zu begreifen." (ebd. S 4). Dadurch wird auch ein wesentliches Moment jeder Lebensgeschichte offensichtlich: die Irreversibilität. Sie unterliegt der historischen Zeit, d.h. sie verfügt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. "Die historische Zeit verbietet im Gegensatz zur mechanischen Zeit jede Form von Determinismus, sie kann nur von Wahrscheinlichkeiten, besser von Möglichkeiten sprechen." (ebd. S 125). Die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Gegenwart richtet sich insofern in die Zukunft, als durch das Erinnern und Verstehen Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden, die die zukünftige Lebenspraxis verändern. Dadurch werden Verhaltensweisen, Prozesse usw. aus der Vergangenheit verständlich und es wird klar, daß "das einzige >materiale Apriori<, das wir annehmen, lautet, daß niemand den eigenen Lebensinteressen, wie sie/er sie erfährt, bewußt zuwiderhandeln kann." (Wolfgang Maiers in: Martin Heinze, Stefan Priebe (Hg.) 1996, S 177). Dadurch kann einerseits die Verantwortung für Ereignisse aus der Vergangenheit übernommen werden und andererseits wird der Opferstatus verlassen. Ich möchte die Machtverhältnisse in der psychiatrischen Anstalt oder im Behindertenbereich weder verniedlichen noch verharmlosen. Die Verstehbarkeit der eigenen Verantwortung in Lebensprozessen - sowohl als Betreuerin oder Betreuer wie auch als Klientin oder Klient - ermöglicht die Einsicht, daß ein Individuum nicht nur Opfer gesellschaftlicher Bedingungen ist, sondern sich zu diesen Bedingungen aktiv verhält. Es ist also eine "Subjekttheorie nötig, die das aktiv gestaltende Handeln einer objektiv widersprüchlichen Lebenssituation ins Zentrum rückt." (Keupp, a.a.O., S. 160) zit. n. ebd. S 177)

Der Blick auf eine Person als verantwortlich handelnde Person in isolierenden Lebensbedingungen ermöglicht gleichzeitig eine Demokratisierung des pädagogischtherapeutischen Prozesses, die eine Hierarchisierung der Beziehung möglichst gering hält. D.h. betrachte ich eine anderer Person ausschließlich als Opfer - auf Grund meines eigenen Unvermögens, etwas anderes in ihr zu sehen - führt dies nicht nur zu einem Ungleichgewicht in dieser Beziehung und damit zu einer Hierarchisierung, sondern ich beginne auch, Zusammenhänge sozialer Bedingungen aus dem Blick zu verlieren und spreche ihr gleichzeitig ein verantwortliches Handeln in Gegenwart und Zukunft ab.

3.2.2) Er-innern als aktiver Akt unter Berücksichtigung feministischer Forschung

"Die Fruchtbarkeit verschiedenartiger Methoden des Herangehens, die Vielzahl von Einwänden und neuen Lösungsversuchen beim Umgang mit Alltagsgeschichten, lassen uns vermuten, daß es wohl keine eindeutige, einzige und wahre Methode für diese Arbeit gibt. Viel Phantasie ist erforderlich, vielleicht kann man eindeutig nur sagen, daß die Vielschichtigkeit des Alltags viele Methoden zu seiner Erkenntnis erfordert." (Frigga Haug 1994, S 80)

In den unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen gelingt es nur bedingt, die Kategorie >Geschlecht< einzuführen. Die Unterschlagung weiblicher Lebenswelten führt dazu, daß der Aspekt von Macht und Gewalt ebenfalls neutral bleiben kann. "Soweit Geschlecht überhaupt dem sozialen oder individuellen Schaffen von Bedeutung als zugänglich angesehen wird, wird es so betrachtet, als läge die wesentliche Aktitivität in der Vergangenheit." (Gesa Lindemann in: Martin Heinze, Stefan Priebe (Hg.) 1998, S 113)Wenn die Kategorie Geschlecht gedacht wird, dann in Hinblick auf die Vergangenheit, d.h. wie wird eine Frau in ihrer Lebenswelt sozialisiert und wie verhält sie sich dazu. In der Gegenwart wird sie gerne ausgeblendet. Die Kategorie Geschlecht scheint in der Zusammenarbeit nicht auf. Der Frage, was es für einen Prozeß ausmacht, als Frau zu forschen und als Forschungspartnerin eine Frau zu haben, wird nicht nachgegangen. Für mich stellt das soziale Konstrukt >Geschlecht< im gegenwärtigen Arbeiten eine zentrale Frage dar.[23] Auch wie eine Person in der Gegenwart die Vergangenheit rekonstruiert, welche Möglichkeiten ihr zur Verfügung stehen, kann meiner Ansicht nach nicht unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit gesehen werden.

Frau S. erinnert sich vorwiegend an Beziehungen, sie erzählt von Begebenheiten mit anderen Menschen und rekonstruiert so ihre Vergangenheit. Den Wert, den sie diesen Beziehungen beimißt, wird besonders dann ersichtlich, wenn sie über ihre Selbsttötungsversuche nach dem Tod ihrer Freundin erzählt oder über den Verlust ihres Freundes in der psychiatrischen Anstalt. Sich verabschieden zu müssen ist ein zentrales Thema in ihrem Leben. Diese Abschiede werden von ihr nicht gewollt. Sie passieren und es scheint so, als hätte sie keine andere Möglichkeit, als darauf nur zu reagieren.

Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, eine allgemeine Didaktik und Methode zu entwickeln, um dann in der konkreten Arbeit die Kategorie >Geschlecht< mit einzubeziehen, oder es notwendig ist, zuerst eine Theorie der Geschlechterverhältnisse zu entwickeln und dann in der konkreten Arbeit Didaktik und Methode umzusetzen. Ich will nicht den sogenannten frauenspezifischen Blick mit den beschriebenen Ansätzen verflechten, es würde zu kurz greifen und stellt eine Falle dar, die feministische Forscherinnen dazu zwingt, ihr Denken dem Denken und der Wissenschaft von Männern anzupassen, das eigene Wissen um das geschichtliche Gewordensein von Frauen im vorauseilenden Gehorsam zu beschneiden. Vielmehr braucht es eines Ansatzes, dem der real existierende Geschlechtermißstand Zündstoff ist und gleichzeitig zum Antrieb feministischer Forschung wird. In Anlehnung an Christina Thürmer-Rohr (1992) verstehe ich feministische Wissenschaft als Querdenken, als Gegenfragen, als Einspruch. Forschen heißt Fragen. Diese Fragen bedeuten auch In-Frage-Stellen, sie sind ein "Aufschrei, manchmal auch ein Gelächter, und damit eine normalerweise wissenschaftlich unübliche Handlung." (ebd. S 143). Thürmer-Rohr geht davon aus, daß die feministische Forschung nicht von ihren Methoden oder sogenannten frauenspezifischen Inhalten getragen wird, sondern viel mehr von der fragenden Person und ihrem gesellschaftlichen Ort. Sie findet in der Männergesellschaft statt, dort, wo Frauen sich verorten, ihre Realität leben. "So ist der Stoff, an dem feministische Forschung sich entzündet, ein Schock." (ebd. S 143). Dabei stößt man auf Hindernisse, auf Schwierigkeiten und neigt dazu abzuschweifen, zu beschwichtigen. Eine Frau kann in einer patriarchalen Gesellschaft[24] nicht zu Hause sein. Sie kann sich in ihr einrichten, um handlungsfähig zu bleiben.

"Der Ort feministischer Forschung ist nicht ein sauberer und wärmender Platz, keine edle unverdorbene Position gemeinsam zu kurz Gekommener." (Christina Thürmer- Rohr 1992, S 145). Der Blick kann nicht allein auf das Patriarchat gerichtet werden als einer >Außenwelt< sondern auch auf Frauen, die sich in dieser Welt einrichten, sie aufrechterhalten und in verschiedenen Rollen zu Mit-Vertreterinnen, Mit- Betreiberinnen werden. Dies, denke ich, ist eine Herausforderung an sich selbst und an die feministische Forschung. Sie ist Teil dieses Ansatzes und sie stellt die Frage nach der Loyalität, der Zustimmung von Frauen. "Die Frau als handelndes Subjekt zu verstehen und den Gewaltverhältnissen der Geschlechter die Zustimmung aufzukündigen, ist eine Herausforderung an eine Forschung, die sich feministisch nennt. Andernfalls wird auch Frauenforschung >Beihilfe zur Tat<." (ebd. S 147).

Meine Arbeit mit Frau S. ist zu verstehen vor diesem Hintergrund und wendet sich den praktischen und theoretischen Ausführungen von Frigga Haug (1994) zu. Kern meiner Arbeit ist das Erinnern als aktiver Akt. Schon das Wort >Erinnerungsarbeit< steht im Gegensatz zur >Verstehenden Diagnostik<[25]. Ich werde diesen aktiven Akt im folgenden kurz skizzieren und ihn dann in der Zusammenarbeit mit Frau S. besprechen.

Erinnerungsarbeit beginnt subjektiv mit der eigenen Geschichte und ihr Gegenstand ist die Handlungsfähigkeit/-unfähigkeit[26] von Frauen. Sie stützt sich auf das Schreiben von Geschichten im Kollektiv und geht u.a. davon aus, "daß die einzelnen Menschen im Laufe ihrer Geschichte ihre Persönlichkeit so bauen, daß eine Art stimmige Identität für sie entsteht." (ebd. S 42). Die eigene Geschichte selbst zu schreiben, macht jede von uns zur Forscherin und hebt die Hierarchie zwischen Forscherin und zu beforschender Person auf. Es kann nicht in der Subjekt/Objektkategorie gedacht werden. Diese Geschichten werden kollektiv im historischen Kontext bearbeitet.

Als Forschungsleitlinie formuliert Haug nicht nur die Notwendigkeit des Herausarbeitens von Unterdrückungszusammenhängen sondern ebensosehr das Herausarbeiten der Tätigkeiten und Haltungen der Unterdrückten. Wenn ich davon ausgehe, daß Strukturen verändert werden können, bin ich auch an deren Herstellung beteiligt. In meiner Arbeit betrifft das besonders die Frauen, die in der psychiatrischen Anstalt und im Behindertenbereich arbeiten. Es ist ein Risiko, in patriarchalen Strukturen Positionen in Frage zu stellen, sie bedürfen der sozialen Absicherung. Hier wird das Kollektiv notwendig, eigene Muster aufbrechen zu können, eine eigene Lernkultur zu schaffen, die es ermöglicht, die eigene Veränderung in die Hand zu nehmen. Das setzt eine emotionale Absicherung voraus, die in den herkömmlichen Strukturen für Frauen nicht zu finden ist. Die Arbeit mit Erinnerungen scheint ein Weg zu sein, das Alltägliche aus dem Status des Selbstverständlichen zu holen, und es kann die Einsicht in die Gewordenheit der Verhältnisse gewonnen werden, "in die man selbst verstrickt ist und also auch sozial geworden, mit der Perspektive der Veränderbarkeit." (ebd. S 30).

In der Zusammenarbeit mit Frau S. ist es nicht möglich, Geschichten zu schreiben, da dies nicht ihr Medium ist. Aber dennoch denke ich, daß die Erinnerungsarbeit wesentliche Momente in der Zusammenarbeit mit Frau S. sichtbar macht. Wir erinnern uns beide und setzen uns wieder in unsere Geschichte ein.

Frau S. erzählt Geschichten ihres Lebens, die Teile eines Gewebes sind, das sie immer mehr für sich entdeckt. Auch meine Arbeit lehnt sich an ihre Erzählstruktur an. Aus diesem Grund habe ich am Anfang dieses Kapitels eine Chronologie der Geschehnisse gestellt, aber die Kapitel dann scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht.

"Was wir entdecken sind Teile eines Gewebes, nicht einen zusammenhängenden Lebensplan." (ebd. S 66)

EXKURS: Methode Einzelfallanalyse

Ich habe mich für die Einzelfallanalyse entschieden, weil sich die qualitative Methodologie "primär für das `Wie´ von Lebenszusammenhängen und deren innere Struktur vor allem aus der Sicht der jeweils Betroffenen (interessiert)." (Siegfried Lamnek 1988, S 4). Dieser Zugang - die Frage nach dem `Wie´ - ermöglicht in der Zusammenarbeit mit Frau S. die Methode zu verändern und anzupassen, d.h. "die Sicht der Wirklichkeit ist perspektivabhängig und mit dem Wechsel der Perspektive ändert sich auch das, was als wirklich gilt." So schildert Frau S. sich selbst als sehr aggressive Frau, die in der psychiatrischen Anstalt gefürchtet ist (Spitzname: "Mörderin"). Durch die Aufarbeitung der Krankengeschichte wird für sie aber deutlich, daß es zwischen ihren Aggressionsausbrüchen lange Phasen der Ruhe und Zurückgezogenheit gibt. Sie kann dadurch ihre Aggressivität relativieren, und ihr Blick ändert sich dahingehend, daß sie einerseits nicht in der Häufigkeit - wie von ihr erzählt - aggressiv ist und andererseits manche ihrer aggressiven Anfälle Notwehrakte gegenüber den Angriffen von Mitpatientinnen sind. Durch diesen Blick auf einen Teil der Vergangenheit wird das Thema Gewalt von ihr anders bewertet, und vor allem lernt sie dadurch, sich selbst nicht ausschließlich als die >Böse< zu sehen.

Der Vorteil der Einzelfallanalyse ist, daß durch sie eine Entwicklung der Chronologie der Ereignisse möglich wird, die nicht vorherzusehen ist. Die Planung sieht 12 Gespräche mit Frau S. vor. Die ersten beiden führe ich im narrativen Stil, um eine Beeinflussung durch mich möglichst gering zu halten. Nach dem zweiten Gespräch ist es klar, daß die Methode modifiziert werden muß. Frau S. will einen Dialog. Sie will meine Meinung hören und wünscht vor allem eine Bestätigung ihrer Sichtweise. Diese erzählungsgenerierende Funktion, die ich übernehme, dient nicht nur der Materialgewinnung, sondern wendet sich der Sichtweise der Befragten zu und versucht, den von mir wahrgenommenen Sachverhalt offen zu legen. Dienen die ersten beiden Gespräche noch zur Erstellung des biographischen Leitfadens und zur Ersteruierung der für Frau S. wesentlichen Themen ohne Fragestellung, so werden alle weiteren mit einer konkreten Fragestellung geführt. Dadurch kommt es einerseits zu einer Vertiefung des Erzählten und andererseits ist eine Eingrenzung möglich.

Nach Witzel (1982) müssen bei diesem methodischen Zugang folgende Punkte beachtet werden:

  1. Eine methodische Annäherung wird dadurch angestrebt, daß ich mich möglichst an der Reflexionsweise, dem Sprachduktus und der Darstellungslogik von Frau S. orientiere. Die Gespräche sowohl mit ihr als auch mit ihrer Familie werden im Dialekt durchgeführt und transkribiert.[27] Frau S. legt Wert darauf, sich möglichst genau zu erinnern. Sie verzichtet dabei weitgehend auf eine zeitliche Orientierung. Erst nach ca. drei Monaten beginnen wir, die Ereignisse chronologisch zu ordnen, was sie dann auch als hilfreich erlebt. Viel wichtiger sind für sie aber die beteiligten Personen, die Beziehungen, die sie zu ihnen hatte und die Orte der Ereignisse.

  2. Zugangsbedingungen im Sinne eines Vertrauensgewinns gestalten: für die Vertrauensbildung - als unabdingbare Grundlage der gemeinsamen Arbeit - erweist es sich als vorteilhaft, daß wir beide voneinander keine Vorinformation haben, die Motivation und die Freiwilligkeit - aus verschiedenen Gründen - bei beiden vorhanden ist und Frau S. weiß, daß ich keine Informationen in ihrer Abwesenheit von anderen Personen über sie bekomme. Sollte dies ausnahmsweise doch der Fall sein, lege ich das ihr gegenüber offen, d.h. Prozesse bleiben für beide transparent. Die Interviews finden ausschließlich in ihrer Küche statt. Sie ist die Gastgeberin. Für sie hat das den - von ihr auch so formulierten - Vorteil, daß sie sich nach den Interviews zurückziehen kann.

  3. Möglichst keine Einschränkung mit Hilfe von methodischen und begrifflichen Operationen von vornherein.

  4. Teilweise ist eine Unterstützung beim Abtasten eines Problemfeldes mit Hilfe von weiterführenden Fragen notwendig: z.B. der Tod ihrer Großmutter, der Frau S. von ihrer Familie verschwiegen werden sollte. Ein Bezugsbetreuer (sie lebt damals bereits in der Behinderteninstitution) informiert sie darüber. Frau S. nimmt am Begräbnis nicht teil, weil sie darüber ebenfalls nicht informiert wird. Das Problemfeld umfaßt nicht nur den Verlust einer nahen Bezugsperson aus der Kindheit, sondern auch die Offensichtlichkeit des Ausschlusses aus der Familie durch das Nichtinformieren und die Nichtteilnahme am Begräbnis und - dies stellte sich als das tatsächliche Problem heraus - die damit genommene Möglichkeit zum Abschied. Nachdem Frau S. für sich entscheiden kann, daß sie sich von ihrer Großmutter verabschieden will, fahren wir gemeinsam zum Grab und sie ist in der Lage, diesen Teil ihrer Geschichte für sich positiv abzuschließen.

  5. Problementwicklung in Form der Selbst- und Verhältnisreflexion (auf Anregung von Frau S.): Frau S. stellt an mich immer wieder die Frage, wie ich das von ihr Erzählte beurteile und welche Meinung ich habe. Beispielsweise erzählt sie über ihren Selbsttötungsversuch in der psychiatrischen Anstalt und scheint keinen Grund dafür zu kennen. Gemeinsam reflektieren wir die Geschehnisse und langsam kristallisiert sich in ihrer Erinnerung die Verzweiflung heraus, die durch den Tod ihrer besten Freundin auf der Station verursacht wurde und ihr die Lust zum Weiterleben nahm.

  6. Fragestellungen im Dienst der Entwicklung eines Gesprächs: Kernkonflikte und Problemfelder bleiben dadurch nicht an der Oberfläche. Die Fragestellung wird von Frau S. und mir gemeinsam entwickelt, um Fragen zu vermeiden, die für Frau S. entweder nicht interessant genug sind oder über deren Inhalte sie nicht befragt werden möchte. Am Ende jedes Interviews sprechen wir eine 1/2 - 1 Stunde über den Verlauf des Gesprächs, über ihr Befinden und über die Fragestellung für das nächste Mal. Diese Fragestellung ergibt sich immer aus dem vorhergehenden Gespräch. Am Anfang jedes Treffens besprechen wir Ereignisse und Aktivitäten der letzten Woche. Anschließend erkundige ich mich, ob es noch etwas gibt, was für sie vom letzten Mal wichtig sei. Sie weiß immer, welche Themen auf dem aktuellen Tagesplan stehen und ändert sie auch nie. Die Fragestellung umfaßt einen größeren Themenkomplex, damit Frau S. genügend Wahlmöglichkeit hat und entsprechend viele Inhalte einbringen kann.

"Der Wahn, die tiefe Bewußtlosigkeit, die schwere geistige Behinderung, der Autismus, die Epilepsie, die Neurose u.a.m. sind nicht das Produkt eines aus der menschlichen Natur herausgefallenen Individuums, das nun keine Person mehr ist, sondern das qualitative Integral der selbstorganisierten Lebensrealität eben dieses Subjekts: eine eben nur dem Menschen mögliche und unter den für ihn gegebenen Bedingungen intelligente Möglichkeit des (Über-)Lebens."

(Georg Feuser)



[6] Tagebucheintragung vom 10.3.1998. Die Notizen meines Arbeitstagebuchs erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Sie dienen dazu, Prozesse verständlicher zu machen und den Anspruch der Wechselseitigkeit sichtbar zu machen.

[7] Alle Daten und Zusammenhänge, die ich aus der Krankengeschichte von Frau S. mit ihrer Einwilligung entnehme, sind von mir anonymisiert. Der Inhalt bleibt dem Sinn nach aber erhalten.

[8] Ich rufe sie nach vier Tagen zu Hause an und Frau S. bestätigt ihre Entscheidung. Auf Grund des Verlaufs unseres ersten Treffens gehe ich aber schon davon aus, daß sie mir nicht absagen wird.

[9] Tagebucheintragung vom Jänner 1998

[10] Zusätzlich zu diesem Übereinkommen existiert eine schriftliche Einverständniserklärung von Frau S. und ihrer Sachwalterin, mir den Einblick in ihre Akte und Krankengeschichte zu gewähren und die daraus gewonnenen Daten etc. für meine Arbeit zu verwenden.

[11] Die Gespräche werden auf Band aufgenommen und zur weiteren Verwendung transkribiert.

[12] Tagebucheintragung vom 24.3.1998

[13] Vgl. Kap. "Die vier Schwestern"

[14] Frau S. fährt selbständig an ihren Arbeitsplatz und wieder nach Hause.

[15] Das erste Gespräch findet mit Cousin Franz in seiner Wohnung statt, das zweite bei seiner Mutter Eva und das dritte mit Tante Fanny und Onkel Toni in der Wohnung von Frau S. Mit Tante Fanny hat Frau S. seit ihrem Auszug aus der psychiatrischen Anstalt telefonisch Kontakt gehalten und wurde von dieser auch ab und zu besucht. Tante Fanny ist nur ein paar Jahre älter als Frau S. und hat mitdieser im gemeinsamen Haushalt gelebt.

[16] Diese Information geht aus der Krankengeschichte hervor.

[17] Soweit ich informiert bin, waren Cousin Franz und seine Lebensgefährtin bereits mehrmals zu Besuch bei Frau S. Sie berichtet, daß sie einmal pro Woche anruft und sich erkundigt, wie es ihnen geht. Außerdem verbringt sie Weihnachten und Ostern bei ihrer Familie.

[18] Sie erfährt vom Tod der Großmutter durch einen Betreuer, der dem Wunsch der Familie, es ihr nicht zu sagen, damit sie sich nicht aufregt, offensichtlich nicht entspricht.

[19] Vgl. Kap. >Leben und Überleben in der psychiatrischen Anstalt<, insbesondere der Tod ihrer Freundin und das Verschwinden ihres Freundes.

[20] Frau S. ist mittlerweile schon jahrelang anfallsfrei. In der psychiatrischen Anstalt sind Jahre mit vielen und starken Anfällen vermerkt und Jahre ohne Anfälle.

[21] Aus Gründen der Anonymität werde ich die Krankenakte nicht zitieren, aber dem Inhalt nach wiedergeben. Teilweise fließt die Hintergrundinformation der Krankengeschichte in das Kap. >Leben und Überleben in der psychiatrischen Anstalt< ein.

[22] Vgl. Kap. "Die vier Schwestern"

[23] Die Diskussion über das Modell sex/gender, die von feministischen Wissenschaftlerinnen geführt wird, erscheint mir notwendig, in der Praxis denke ich nicht, daß es zur Zeit möglich ist, ohne dieses Modell auszukommen. Die Benachteiligung von Frauen in allen Lebensbereichen scheint noch nicht anders argumentierbar zu sein als über das soziale Geschlecht und die damit verbundene unterschiedliche gesellschaftliche Beurteilung bzw. auch die Konstruktion von Macht und Gewalt kommt meiner Meinung nach ohne eine Geschlechterkonstruktion nicht aus.

[24] Marilyn French 1992: "Patriarchale Kulturen üben Herrschaft über Frauen aus, halten sie von bestimmten Bereichen fern und trachten danach, sich alles anzueignen, was sie hervorbringen - angefangen von den Kindern bis hin zu industriellen Produkten. Sie versuchen selbst noch die weibliche Gebärfähigkeit unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie die Kinder den Männern zusprechen und die Rolle der Frau bei der Fortpflanzung herabwürdigen. Mittel hierzu ist das `Wort´ in Form von Verordnungen und Institutionalisierung - der Schaffung eigenständiger hierarchischer Strukturen, deren Aufgabe es ist, einen bestimmten Bereich zu kontrollieren. Instutionalisiert ist in solchen Gesellschaften nicht nur die statusbedingte Ungleichheit, sondern darüber hinaus auch die Denkweise, die die männliche Herrschaft über die Frauen rechtfertigt und perpeturiert. (...) Eine solche Gesellschaft muß mit Gewaltmaßnahmen operieren, da sie qua Repression funktioniert und obendrein ein künstliches Gebilde darstellt. Gäbe es wirklich eine bestimmte Gruppe, die anderen Menschen in jeder Hinsicht von Natur aus überlegen wäre, so hätte sie automatisch die Führung inne; es bedürfte keiner Gewalt, um ihre Vormachtstellung aufrechtzuerhalten." (S 108) Christa Rhode-Dachser 1991: "Auch das Symbolsystem der Kultur ist männlich dominiert (in der patriarchalischen Gesellschaft gibt es einen männlichen Schöpfergott; ihre wichtigsten Werte sind männlich repräsentiert; der Phallus ist das Symbol der Macht, nicht die Vulva etc.). Das Symbolsystem der patriarchalen Gesellschaft ist also so beschaffen, daß es unbewußten Phantasien von der Dominanz des Mannes Wahrnehmungsidentität verleiht und gleichzeitig die Abwehr anderslautender Phantasien bekräftigt. Daraus folgt weiter, daß in der patriarchalischen Gesellschaft "der Mann" "die Frau" definiert, nicht umgekehrt." (S 27)

[25] Obwohl für diese Arbeit ein methodisch vielfältiges Vorgehen notwendig ist, ergänzen und beleben sich die einzelnen Richtungen nicht nur sondern stehen auch zueinander im Widerspruch, was für mich immer wieder eine Herausforderung war.

[26] zum Begriff Handlungsfähigkeit vgl. Klaus Holzkamp 1983

[27] Ich habe mich dafür entschieden, die Gespräche nicht in die Schriftsprache zu transkribieren, da meiner Ansicht nach dadurch die Authentizität der Erzählweise verlorengegangen wäre.

4. Die ersten zwei Lebensjahre

B: Wann bist du geboren, Sabine?

S: In 51er Jahr. 1951. 7. September, 7. September. heier wer i 47. Des stimmt. Dann war i bis zwa Johr im Kinderheim. Des war in Hietzing. Aber i was net, wia de Straßn ghaßn hat, vielleicht Lainzerstraße. Kennst du des Heim?,wo de Säugling war`n? I was net, ob du des kennst, Barbara, ob du Hietzing kennst, des Kinderheim.

B: I selber kenn`s net, aber i was, daß da a Säuglingsheim is.

S: Ja, und da war i, aber i was net, wia de Straßn, Lainzerstraßn, i glaub scho, Lainzerstraßn. I was jetzt net so genau und da war i bis zwa Joar im Kinderheim. Mit zwa Joar hat mi de Oma außignumma. Erst ham ma a klane Wohnung ghabt, da hats kan Platz mehr, dann bin i ins Kinderheim kumma, dann bin i in de S-gassn. Da hat`s mi dann außignumma und in der K-gasse bin i dann tauft wurn, mit drei Joar. [28]

Die ersten zwei Lebensjahre verbringt Frau S. in einem Säuglingsheim, da sich ihre Mutter nicht um sie kümmern wollte oder konnte. Warum sie von ihren Großeltern erst nach zwei Jahren nach Hause geholt wurde, konnte nicht eruiert werden.

Frau S. verbrachte bereits die ersten zwei Lebensjahre unter stark isolierenden Bedingungen verbracht und konnte in dieser Zeit keine stabile Beziehung zu einer Person aufbauen. Aufgrund des Fehlens konstanter affektiver Zufuhr im Säuglingsheim konnte sie keine alterstypische Entwicklung durchlaufen, sondern mußte Verhaltensweisen entwickeln, die ihr ein emotionales Überleben sicherten. Ich gehe davon aus, daß durch die Isolation die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, daß Frau S. in späteren Jahren die vier Schwestern als Überlebensstrategie entwickelte. Im Laufe ihres Lebens wird diese Strategie herausgelöst aus ihrer Geschichte, pathologisiert und in verschiedene medizinische Diagnosen umgewandelt.[29] Mir erscheint dabei jedoch wesentlich, die Verhaltensweisen, die Frau S. bis zu ihrem zweiten Lebensjahr entwickelt hat, unter dem Aspekt einer individuellen Leistung zu sehen und nicht als Störung im negativen Sinn.

4.1.) Abhängigkeit biologischer Strukturen und die Möglichkeit der Selbstregulation:

"Das Denken nimmt seinen Ausgang von der biologischen Oganisation immanenter Strukturen, aber dadurch, daß es sie auf seiner eigenen Ebene rekonstruiert, erweitert und bereichert es sie ungemein." (Jean Piaget, 1992, S 167)

In diesem Eingangszitat von Piaget werden zwei wesentliche Elemente menschlichen Lebens angesprochen: einerseits dessen Abhängigkeit von biologischen Strukturen und andererseits die Möglichkeit zur Selbstregulation. "Die kognitiven Prozesse erscheinen folglich zugleich als die Resultate der organischen Selbstregelung, deren Hauptmechanismen sie reflektieren, und als die differenziertesten Organe dieser Regulation der Interaktion mit der Außenwelt, dergestalt, daß sie diese beim Menschen schließlich auf das ganze Universum ausdehnen." (ebd. S 27)

Der scheinbare Widerspruch, daß kognitive Prozesse einerseits als Resultat und andererseits als eigenständiges Organ erscheinen, wird von ihm aufgehoben, indem er formuliert, "daß die Erkenntnisse kein Abbild der Umwelt darstellen, sondern ein System realer Interaktionen, die die autoregulative Organisation des Lebens ebenso reflektieren wie die Dinge selbst." (ebd. S 28). Zwei Personen können über ein und dasselbe Erlebnis derart verschieden berichten, als würde jede Person über etwas anderes sprechen. Die Abbilder der Umwelt werden nicht als Kopie wiedergegeben, sondern immer auch in sich reflektiert, um dann wieder auf diese Umwelt einzuwirken.

Erkenntnisse entwickeln sich weder aus dem Subjekt noch aus dem Objekt, sondern aus den "anfangs ebenso durch die spontanen Aktivitäten des Organismus wie durch äußere Reize in Gang gebrachten Interaktionen zwischen Subjekt und Objekt." (ebd. S 29). Als spontane Aktivität kann der Saugreflex gesehen werden, der durch den äußeren Reiz der Flasche oder der Brust zu einer Interaktion zwischen Säugling und Bezugsperson führt und - bei Gelingen dieser Interaktion - zu der Erkenntnis, daß das Saugen an der Flasche zu einem Wohlgefühl führt.

Erkenntnis stützt sich auf Verhaltensakte und -schemata und orientiert sich in zwei komplementären Richtungen. Einerseits nimmt der Säugling Bedingungen seiner Umwelt auf und paßt sich an sie an, andererseits wird er sich der inneren Bedingungen bewußt und reflektiert diese auf seinem Niveau. Stern (1990) beschreibt diesen Vorgang folgendermaßen: "Das Nervensystem eines Säuglings ist in der Lage, sofort die Intensität eines Lichts, eines Geräuschs, einer Berührung zu bestimmen, also der Reize, für die seine Sinne bereits ausgebildet sind. Die Intensität seines Gefühls einem Objekt gegenüber ist vermutlich sein erster Anhaltspunkt dafür, ob er darauf zugehen oder sich davon fernhalten soll." (S 25). Schwache Reize werden nicht wahrgenommen, zu starke Reize mit Schreien quittiert. Ein mäßig intensiver Reiz, z.B. ein buntes Mobile, das sich über seinem Bett bewegt und Musik von sich gibt, erregt seine Aufmerksamkeit und er reagiert auf diesen Reiz.

Verhaltensakte, die zur Erkenntnis führen, müssen assimiliert werden. Jede Erkenntnis enthält immer und zwangsläufig eine Assimilation.

Assimilation im weiten Sinn bedeutet Integration in schon bestehende Strukturen. Diese Strukturen können unverändert bleiben oder werden mehr oder weniger durch Integration verändert. Die vorhandenen Strukturen passen sich der neuen Situation in jedem Fall an. Der Assimilationsbegriff impliziert den Begriff der Bedeutung. Jede Erkenntnis bezieht sich auf Bedeutung und jede Erkenntnis ist an Verhalten oder Handeln gebunden. Ein Gegenstand oder ein Ereignis bedeutet, "sie sich nutzbar (zu) machen, indem man sie an Verhaltensschemata assimiliert." ( Jean Piaget 1992, S 6). Ohne Assimilation hat der Gegenstand oder das Ereignis keine Bedeutung und führt damit zu keiner Erkenntnis.

Wenn jede Erkenntnis im Verleihen von Bedeutungen besteht und damit eine Assimilation voraussetzt, dann heißt das auch, daß auf allen Entwicklungsniveaus das Erkennen eines Gegenstands seine Inkorporierung in Verhaltensschemata bedeutet. Erkennen bedeutet, auf die Realität einzuwirken und diese so umzuwandeln, "daß man sie in Funktion der Transformationssysteme versteht, an welche die einwirkenden Verhaltensakte gebunden sind." (ebd. S 6). Verhaltensakte wiederholen sich und werden in vergleichbaren Situationen in ähnlicher Weise angewandt.

Jantzen (1987) führt mit Kuckhermann und Wigger-Kösters aus, daß auf der psychologischen Ebene dem Menschen die Möglichkeit gegeben ist bzw. sich entwickelt, "Bedeutungen zu produzieren, und sie dies unter allen Umständen, auch unter entfremdeten Bedingungen tun." (S 176).

Sowohl Piaget als auch Spitz (1992) beschreiben die frühkindliche Entwicklung als ein Modell von Phasen oder Stufen, von dem eine abgeschlossen werden muß, um in die darauffolgende übergehen zu können. Im Gegensatz dazu meint Stern (1992), dass nicht von Phasen ausgegangen werden könne, sondern es handle sich vielmehr um "Formen des sozialen Erlebens, die das ganze Leben hindurch gewahrt werden." (S 58). So wie Spitz (1992) geht er aber ebenfalls davon aus, daß jede Entstehungsphase einer neuen Form ein sensibles Entwicklungsstadium darstellt.

Im Gegensatz zu Spitz (1992), der über die ersten drei Lebensmonate von einer undifferenzierten Phase spricht, geht Stern (1992) von einer wachen Inaktivität aus und bezeichnet die erste Lebenszeit bis ca. zum zweiten Monat des Säuglings als das Empfinden des auftauchenden Selbst.. Er meint, daß Säuglinge "Personen von Anfang an als einzigartige Gestalten wahrnehmen." (S 96). Das würde bedeuten, dass Säuglinge ab dem Tag ihrer Geburt beginnen, zwischen sich (dem Selbst) und der anderen Person zu unterscheiden. Es bedeutet auch, daß sie den Erlebnisqualitäten nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern allmählich und systematisch die Aspekte ihres Erlebens ordnen können.

Frau S. hat die erste Zeit nach der Geburt im Brutkasten verbracht, um dann in ein Säuglingsheim eingeliefert zu werden. Ihr fehlt eine kontinuierliche, stabile Bezugsperson. In der ersten Zeit im Brutkasten wird sie künstlich ernährt, d.h. die auftauchende Bezogenheit von Frau S. wird in ihrer Entwicklung empfindlich gestört. "Für den Extremfall könnte man umfassende Entwicklungsstörungen voraussagen." (ebd. S 269).

Das Einsetzen des folgenden Entwicklungsstadiums - nach Stern (1992): das Empfinden des Kern-Selbst - stellt im Sinne von Stern und Spitz eine sensible Phase dar. Für Spitz stellt das Auftreten der Lächelreaktion in dieser Phase den ersten Organisator der Psyche dar, der die erste Phase abschließt. Das Kind erkennt das Signal der Bedürfnisbefriedigung wieder, die visuell wahrgenommene Gestalt des menschlichen Gesichts. Dies ist eindeutig ein bewußter, gerichteter, intentionaler Akt.

Frau S. dürfte während der Entwicklung des Empfindens ihres Kern- Selbst mit einer unerträglichen Unterstimulierng, wie Stern es beschreibt, konfrontiert gewesen sein. D.h. sie war, was das Erleben der Erregung und die Regulierung dieser betrifft, hauptsächlich auf sich selbst angewiesen. "Während der Phase, in der sich die Empfindung eines Kern-Selbst bildet, könnte sie nur ein schmales Spektrum lustvoller Erregung erleben." (ebd. S 277). Dadurch bleibt ihr ein gewisses Erfahrungsspektrum vorenthalten.

Die Entwicklung des Empfindens eines Kern-Selbst und eines Kern-Anderen stellt nach Stern die Bedingung dar, um Interpersonalität herstellen zu können. Er betont die frühe Herausbildung der Empfindung eines Kern-Selbst und eines Kern-Anderen ebenso, wie er die Erfahrung der Zweisamkeit als aktive Integrationsleistung betrachtet.

Das Empfinden eines Kern-Selbst und eines Kern-Anderen führt schließlich zwischen dem siebten und neunten Monat zum Empfinden eines subjektiven Selbst. Dieser Entwicklungsschritt, den er als Quantensprung in der Entwicklung des Selbstempfindens beschreibt, wird möglich durch die Erkenntnis des Säuglings, "dass die innerlichen subjektiven Erfahrungen, der Inhalt ihrer Gefühle und Gedanken, unter Umständen mit anderen geteilt werden können." (ebd. S 179). Dieser Entwicklungsschritt führt zum gemeinsamen subjektiven Erleben, zur Intersubjektivität. Es wird eine neue Qualität in den Beziehungen des Säuglings erreicht, die Kern-Bezogenheit bleibt aber das basale Urgestein der interpersonalen Beziehungen.[30]

Frau S. entwickelt Stereotypien, noch heute kann sie sich am besten beruhigen, wenn sie schaukelt. Stereotypien entwickeln sich bereits auf der Ebene des persönlichen Sinns und sind demnach eine dem Individuum mögliche und kompetente Umweltreaktion. Durch diese wiederholenden Bewegungen konnte Frau S. ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit herstellen. "Damit sichert sich das Subjekt vor Überflutung durch Neuheit und Angst bzw. es stellt, so füge ich hinzu, Situationen von Bindungsersatz für sich selbst her, indem es sich in dem Eigenrhythmus seiner Körperfunktionen widerspiegelt." (Wolfgang Jantzen 1987, S 315). Diese Möglichkeit ist unabhängig von ihrer unzuverlässigen Umwelt und jederzeit einsetzbar.

In diese Phase der intersubjektiven Bezogenheit fällt nach Spitz (1992) der Indikator für den zweiten Organisator der Psyche: "Die Achtmonatsangst". Er bezeichnet dies als einen Wendepunkt in der Entwicklung der Objektbeziehungen. Für Spitz ist es die "früheste Manifestation der Angst im eigentlichen Sinn" (ebd. S 168). Das Liebesobjekt und die Beziehung zu diesem beginnen an erster Stelle zu stehen und die Person ist nicht mehr austauschbar. Die Achtmonatsangst ist das Signal dafür, daß das eigentliche Objekt der Libido gebildet worden ist und von nun an von jedem anderen Objekt unterschieden wird.

In dieser Zeit bis etwa Ende des ersten Lebensjahres entwickelt sich nach Ericson (1995) das Urvertrauen ("basic trust"). Es scheint schlüssig, daß die Entwicklung des Vertrauens in engem Zusammenhang mit den ersten drei Selbstempfindungen vor sich geht. Gerade die Entwicklung des Empfindens des Kern-Selbst kann empfindlich gestört werden, z.B. wenn der Säugling nicht beachtet wird, wenn er weint. Was passiert, wenn die Empfindungen des Säuglings von niemandem geteilt werden? Erhält er dann nicht einen gefühlsmäßigen Eindruck von sich und der Welt, der nicht auf Bezogenheit, sondern auf Isolation beruht?

Das zweite Lebensjahr des Kindes ist geprägt von einer neuen Errungenschaft: der Sprache. Dieser Übergang vom Empfinden des subjektiven Selbst zum Empfinden des verbalen Selbst ist geprägt durch die Anwendung von Symbolen. Das Selbst und das Andere eröffnen sich dadurch ein neues Medium des Austausches.

Die Nein-Geste (d.h. das Nein muß nicht verbal geäußert werden) als dritten psychischen Organisator kennzeichnet nach Spitz (1992) den sinnvollen Gebrauch der Sprache. Das Kind eignet sich damit ein gesellschaftlich vorgefundenes Werkzeug an und beginnt es zu nutzen. Dieses >Nein< ist aggressiv besetzt und richtet sich gegen die Außenwelt. Es ist der Beginn der verbalen Kommunikation.

Frau S. berichtet, daß sie mit zwei Jahren nicht sprechen konnte.[31] Möglicherweise hat sie globale Wörter und die Nein-Geste entwickelt, sie konnte aber ihre neue Errungenschaft nicht erproben und zumindest im aktiven Sprachgebrauch nicht weiterentwickeln. D.h. sie war weiterhin darauf angewiesen, ihre Bedürfnisse durch bis dahin erprobte Verhaltensschemata zu artikulieren. Dadurch wurde ihr eine wesentliche Möglichkeit der Annäherung an die Umwelt genommen. "In der eigenen Tätigkeit so zu sein wie andere Menschen, also den Dialog mit ihnen zu sichern und sich ihre Realität anzueignen, bedeutet in verstärktem Umfang, die eigenen Handlungen sprachlich zu begleiten." (Wolfgang Jantzen 1987, S 209). Autonomie und Abhängigkeit stehen lebenslänglich in ständigem Wechselspiel und stellen zwei Pole eines Prozesses dar. Es wird an den erwachsenen Personen liegen, wie gut sie in diesem Kräftefeld selbst in der Lage sind, das Kind entsprechend seiner Entwicklung >loszulassen< oder >festzuhalten<.

"Der Mensch wird am Du zum Ich" (Martin Buber)

"Er wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind." (Georg Feuser)

Frau S. hatte theoretisch bei ihrer Geburt alle Entwicklungsmöglichkeiten. Sie konnte sich ihre Welt von Anfang an aneignen und hat das auch unter den ihr gegebenen Möglichkeiten getan. Auch wenn im Sinne von Spitz (1976) bereits zum Zeitpunkt der Geburt von Frau S. der Dialog, der in unserem Sinne Leben schafft, entgleist, bin ich auf eine Frau getroffen, die nicht in allen Bereichen ihrer Persönlichkeit Defizite aufweist, sondern sehr gut in der Lage ist, Bezogenheit herzustellen und mit mir Beziehung in adäquater Weise zu leben. Eindruckvollstes Beispiel dafür ist für mich das >Verschwinden< ihrer Schwestern im Laufe unserer Zusammenarbeit.[32]

4.2.) "Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht" (Ursula Scheu 1977)

"Die konkreten historischen Bedingungen, die jeweils geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Herrschaftsverhältnisse, die gesellschaftlichen Funktionen unter diesen Bedingungen haben, bestimmen und beeinflussen den konkreten Inhalt der einzelnen Entwicklungsstufen wie auch den gesamten Verlauf der psychischen Entwicklung" (ebd. S 45)

Frau S. war in erster Linie von weiblichen Bezugspersonen umgeben. Im Säuglingsheim hat wohl hauptsächlich weibliches Personal gearbeitet, zu Hause war die Großmutter verantwortlich, weiters gab es noch eine Lehrerin und eine Tante, auch in der psychiatrischen Anstalt hat sie lange auf einer Frauenstation gelebt. Der Großvater wird von ihr kaum erwähnt und zum Cousin steht sie in einem Konkurrenzverhältnis.

B: Wärst du lieber a Mann gwesen?

S: Jo.

B: Echt?

S: Jo.

B: Wärst lieber als Bua auf die Welt kummen?

S: Jo, a Bua wär mir lieber gwesen.

B: Warum?

S: A Bua is besser wie a Madl

B: Warum is a Bua besser?

S: Des wär wos... kann man sich a net aussuchen, Madl und Buama,

gell? [33]

Sie bringt sehr deutlich zum Ausdruck, daß sie lieber ein Junge gewesen wäre. Jungen dürfen mehr herumlaufen und hätten außerdem keine Menstruation. Da sie mit ihrem Cousin aufgewachsen ist, hat sie offensichtlich einen Vergleich, was dieser im Gegensatz zu ihr tun darf.

Da ich zwischen ihrer ersten Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt und dem Einsetzen der Menstruation einen kausalen Zusammenhang sehe[34], ist gut nachvollziehbar, daß sie ihre körperlichen Veränderungen ablehnt. Frau S. steht ihrem Geschlecht zumindest ambivalent gegenüber und rebelliert gegen die ihr zugedachte Rolle, allerdings ohne Erfolg. Wenn sie Jungen als besser empfindet, warum sollte sie dann ein Mädchen sein wollen?

Die Unterschiede in der Erziehung von Jungen und Mädchen versucht Ursula Scheu (1977) aufzuzeigen. Ich möchte exemplarisch zwei Tendenzen, denen sie nachgegangen ist, vorstellen.

Die taktile und kinästhetische Stimulation ist vor allem in der ersten Lebenszeit von großer Bedeutung. Es scheint so, als tendieren Mütter dazu, männliche Babys mehr zu stimulieren. "Umgekehrt reagierten sie auf weibliche Babys mit mehr Imitation als bei den männlichen - indem sie die Bewegungen und Geräusche an sie zurückgaben." (S 52). Das würde bedeuten, daß weibliche Babys weniger äußere Reize vermittelt bekommen und mehr auf sich selbst zurückgeworfen werden als männliche. Diesen Gedanken weitergedacht, könnte sich ein Mädchen die Welt in einem geringeren Maße aneignen.

Einen weiteren Unterschied stellt sie beim Füttern der Kinder fest: Jungen wird eher ein eigenes Tempo zugestanden, wohingegen Mädchen dazu gedrängt werden, schneller zu essen.

In Untersuchungen wird darauf hingewiesen, "daß die individuellen Unterschiede zwischen Angehörigen eines Geschlechts größer sind als die allgemeinen Unterschiede zwischen den Geschlechtern."(Marielouise Janssen-Jurreit 1979, S 581).

Hagemann-White (1984) weist darauf hin, daß es in Untersuchungen nicht stichhaltig gelungen ist, Ergebnisse zu erzielen, daß Geschlechtsunterschiede biologisch/physisch bzw. bedingt durch eine geschlechtsspezifische Erziehung geprägte Sozialcharaktere argumentierbar wären. "Wohl aber entwickeln Kinder ein Bewußtsein der ihnen vermittelten Normen und Erwartungen, nach denen es einen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann >dasselbe< tun." (ebd. S 6). Ich denke, genau das wird von Frau S. in der Interviewpassage widergespiegelt. Ihr Verhalten, im besonderen ihre Aggressivität, wurden als negativ gewertet und letztendlich bewertet sie es auch selbst in diesem Sinn. Ein wichtiger Punkt der Auseinandersetzung zwischen ihr und mir war die Frage, warum ich eine weibliche Forschungspartnerin wollte. Für sie war es nicht einsichtig. Da es sich nicht um Interviewpassagen handelt, kann ich sie auch nicht wiedergeben. Ich fand es für mich aber spannend, argumentieren zu müssen, warum ich eine Frau gewählt hatte.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, das ich selbstverständlich nicht davon ausgehe, daß ein Mann, der unter ähnlich isolierenden Bedingungen lebt, in seiner Entwicklung unbeschadet bleibt. Aber ich bin davon überzeugt, daß eine Frau auf Grund der gesellschaftlichen Bedingungen und ihrer daraus resultierenden Sozialisation nicht nur von einer anderen Lebenswelt erzählt, sondern es auch notwendig ist, sie parteiisch und unter dem Blickwinkel eines feministischen Weltbildes zu unterstützen.

"Wir können Euch sagen, wie sich Worte der Wut um uns ansammeln. Wie wir uns in dieser Sprache einrichten (...) Plötzlich entdecken wir, daß wir uns nicht mehr im Kampf mit den alten Schlußfolgerungen erschöpfen.Wir erflehen uns nicht mehr das Recht auf eine Sprache: wir haben gesprochen."

(S. Griffin)



[28] Interviewpassage vom 12.1.1998

[29] Vgl. Kap. >Die vier Schwestern<

[30] Es scheint mir nochmal wichtig, darauf hinzuweisen, daß Stern (1992, 1993) alle vier Selbstempfindungen (drei davon habe ich bereits kurz beschrieben) als lebenslängliche Entwicklungen sieht. Im Grunde geht er meiner Ansicht nach in den >Lebenserfahrungen eines Säuglings< dem Thema des Verhältnisses zwischen Autonomie und Bindung nach und versucht eine Entwicklung aufzuzeigen, die zu einer immer neuen Qualität von Beziehung führt.

[31] Die Aussagen, die sich auf ihre frühe Kindheit beziehen, weiß sie aus Erzählungen einer Tante.

[32] Vgl. Kap. >Die vier Schwestern<

[33] Interviewpassage vom 19.5.1998

[34] Vgl. Kap. >Leben und Überleben in der Psychiatrie<

5. Die doppelte Diskriminierung: Geschlecht: Frau; Diagnose: Geistige Behinderung

In den Erzählungen über ihre Kindheit nimmt Frau S.' Besuch der Sonderschule den größten Raum ein. Es scheint so, als wäre es die einzige Zeit ihres Lebens, an die sie sich sehr gerne erinnert.

5.1.). Das Konstrukt >Lernbehinderung<

B: Und warum bist glei in die Sonderschul kumman, waßt du des?

S: Na, waß i nimmermehr.

B: Wos glaubstn, wieso du in die Sonderschul kommen bist?

S: Na weil i so behindert, weil i a bißl behindert woar.

B: Hot dir des wer erzählt?

S: Na, des hobns ma angsehn.

B: Wie sieht man des an, daß wer behindert ist?

S: Waß net.

B: Na wos glaubstn du?

S: Na, weil i immer gredt hob allani, glaub i. A mit Susanne und Anna. I

waß jetzt nimmer, wos do woar. [35]

Frau S. wird vermutlich 1957 oder 1958 eingeschult. Nach Beurteilung ihrer Umgebung ist sie nicht in der Lage, eine Volksschule zu besuchen. Sie besucht sieben Jahre lang die Sonderschule, davon wiederholt sie drei Klassen. Als sie ausgeschult bzw. erstmals in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wird, ist sie 13 Jahre alt. Diagnose: Geistige Behinderung.

Sie selbst beschreibt in der Interviewpassage die Behinderung als etwas, was ihr anzusehen war und vermutet, daß der Grund in den (Selbst-)Gesprächen mit ihren Schwestern [36] liegt.

Ob es aus der Zeit ihrer Einschulung bereits eine Diagnose gibt, ist mir nicht bekannt, da beim Jugendamt kein Akt über sie aufliegt. Aus ihren Erzählungen und der Krankengeschichte geht aber hervor, daß bereits in der Schulzeit eine Fürsorgerin in die Familie kommt.

Den Schilderungen von Frau S. entnehme ich, daß sie auf Grund ihrer Verhaltensweisen als zumindest >lernbehindert< eingestuft wurde.

Der Begriff >Lernbehinderung< kann aber nur im Zusammenhang mit der Institution Schule gedacht werden. "Es gibt keine Lernbehinderung an sich, sie ist keine absolute, sondern eine relative, schulorganisatorische, interaktionistische Bestimmungsgröße." (Hans Eberwein 1996, S 36). Nach dem >Gutachten zur Ordnung des Sonderschulwesens< von 1960 findet Eberwein (1996) drei Grundelemente, die als Kriterien für Sonderschulaufnahmen eine Rolle spielen. Dabei handelt es sich um folgende drei Bestimmungsfaktoren:

  • "die geistig seelische Schwäche oder Schwachbegabung,

  • das Versagen (in) der Grund- und Hauptschule,

  • die Entlastung der Mitschüler, die durch Leistungsschwache in ihrem Lernen gehemmt werden." (ebd. S 43)

Frau S. scheint auf Grund ihrer "geistig seelischen Schwäche" oder/und "Schwachbegabung" in die Sonderschule eingeschult worden zu sein. Da der Versuch, sie in die Regelschule einzuschulen, erst gar nicht unternommen wird, setzt sich ihre institutionelle >Sonderkarriere<[37] nach dem Säuglingsheim mit lediglich vierjähriger Unterbrechung in der Sonderschule fort. "In jedem Fall ist der Preis viel zu hoch, den die Kinder mit Absonderung und Ausschluß aus ihrem sozialen Kontext bezahlen müssen. Er rechtfertigt allfällige Vorteile, die sich aus der Spezialschule ergeben sollten, in keiner Weise." (Jäggi u.a. 1976, S 209). (Wolfgang Jantzen 1981, S 11). Vielmehr werden Kinder allumfassend stigmatisiert, ihr Selbstwertgefühl wird gestört bzw. zerstört, sie zeigen meistens keine positiven Lernbefunde und ebenso wenig können positive Persönlichkeitsmerkmale festgestellt werden.

Der institutionelle Selektionsprozeß beginnt spätestens mit sechs Jahren und legt eine schulische Entwicklung fest, die häufig in einer beruflichen Perspektivlosigkeit endet.[38] Diese Selektion erfolgt nach Feuser (1995) in drei Phasen und führt bei psychischer Krankheit und Behinderung zu einer Vernichtung der Persönlichkeit.

Die Aussonderung als erste Phase dieses Prozesses führt zur Feststellung einer Abweichung und zur Klassifikation. Frau S. erzählt, daß sie bereits im Kindergarten nicht aufgenommen wird, und erklärt sich diesen Umstand damit, daß sie der Kindergärtnerin >zu schwierig< ist. Sie kann nicht erklären, was >zu schwierig< in diesem Zusammenhang bedeuten könnte.

Mit sechs Jahren wird erstmals offiziell eine Klassifikation vorgenommen. Frau S. begründet ihre Einschulung in eine Sonderschule mit der Existenz ihrer Schwestern bzw. damit, daß sie mit diesen gesprochen habe und dies für ihre Umgebung als >nicht normal< angesehen worden sei.

Ihr Verhalten wird zu einer Eigenschaft, zu einer Abweichung "im Sinne defektorientierter `Atomisierung´ und Negation der bio-psycho-sozialen Einheit der Person." (ebd. S 48). Unter Nichtbeachtung ihrer bisherigen Lebensgeschichte scheint der einzige Weg die Besonderung als zweite Phase zu sein.

B: Und wie woar des für di, als Sonderschülerin zu sein?

S: Eh, is eh guat gangen. I bin gern in die Schul gangen.

B: Wärst net lieber in a normale Volksschul gangen, so wie der Franzi?

S: I waß net, na i loß a so. So is besser gwesen für mich, so, weil do homma a bißl langsamer glernt, schneller hätt i's vielleicht net zsammbracht. I hob schon a guats Gedächtnis, oba i waß net, ob i des zsammbrocht hätt. Des schnelle Lernen und des.

B: Mhm. Und wer hot gsogt, daß für di besser is? Host d u des gsogt?

S: Na, i net. I glaub, die Ding, wos mi untersucht hot, die Ärztin in der Schule. [39]

Frau S. geht gerne in die Schule und ihre Berichte über die Schulzeit sind größtenteils positiv. Sie beneidet ihren Cousin, der in eine Volksschule geht, nicht. Sie macht sich Sorgen, ob das Lerntempo der Volksschülerinnen und -schüler für sie günstig gewesen wäre, da sie sich selbst als langsamer einschätzt und davon ausgeht, daß sie dadurch Schwierigkeiten gehabt hätte. Andererseits hat sie ein sehr gutes Gedächtnis. Sie ist sich auch heute nicht sicher, ob die Sonderschule für sie die passende Schule war, erwägt aber ernsthaft keine anderen Möglichkeiten.

Die Phase der Besonderung führt zur Phase der Verbesonderung, die einerseits durch einen sozialen Ausschluß (aus der Volksschule) und andererseits durch einem Einschluß (in die Sonderschule) gekennzeichnet ist. Es wird eine Lebenswelt für eine bestimmte Gruppe von Kindern geschaffen, die damit von ihren Lebenszusammenhängen isoliert werden.

Frau S. muß drei Klassen wiederholen und angeblich kann sie bei Aufnahme in die psychiatrische Anstalt laut Krankenakte nicht gut schreiben und lesen - entgegen ihrer Aussage. Obwohl zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr gut nachvollziehbar ist, wie Frau S. ihre Schulzeit verbracht hat, drängt sich doch die Frage auf, was sie dort eigentlich gelernt hat oder lernen sollte. Immerhin geht sie sieben Jahre in die Schule und ist nach ihren Aussagen auch sehr motiviert und am Lernen interessiert.

B: Is noch irgendein Kind aus'm Gemeindebau mit dir gemeinsam in die Sonderschul gangen, oder bist du allan gangen? Von deiner Stiagn und von deinem Gemeindebau?

S: I waß net, na, allani.

B: Sonst neamd?

S: Na. Der Franzi is in die Hauptschul, in die normale Schul gangen.

B: Jo.

S: I bin in die Sonderschul gangen. Wieso vom Gemeindebau?

B: Na mit die Kinder, mit die du gspielt host.

S: I waß net, wo die hingangen sind, in welche Schul, i waß net.

B: Na mit dir jedenfalls net, na?

S: Na. Andere Kinder woarn durtn, Susi, da Roland und so.

B: Oba die hoben net bei dir im Gemeindebau gwohnt?

S: Na. An Ferdinand hob i kennt, oba i waß net, wo der gwohnt hot, glaub i in der Neunerstiagn, oba i waß net, ob i den noch kenn. Ferdinand hot ana ghaßen. [40]

Frau S. scheint als einziges Kind des Gemeindebaus, der immerhin ca. 35 Stiegen hat, in die Sonderschule eingeschult worden zu sein. Zumindest geht kein Kind, mit dem sie im Hof Kontakt hat und spielt, gemeinsam mit ihr in die Schule. Sie wird durch die >Verbesonderung< in ihrer unmittelbaren Umgebung zur Außenseiterin in negativer Hinsicht. Ihr Cousin berichtet bei einem gemeinsamen Interview über die Schwierigkeiten, die Frau S. als Mädchen im Gemeindebau mit anderen Kindern hat. Er erzählt, daß sie oft verspottet wird, weil sie nicht so schnell ist, wie die anderen. Außerdem erwähnt er den Schulweg. Während die anderen Kinder gemeinsam in der Früh in die Schule gehen, macht sich Frau S. alleine auf den Weg bzw. wird von ihrer Großmutter oder Tante gebracht. Dadurch fehlt ihr eine weitere Gemeinsamkeit mit den Kindern ihrer Umgebung.

Durch eine medizinische, defektorientierte Diagnostik kann >Lernbehinderung< als aus der >Natur< der Schülerin gerechtfertigt werden und führt in logischer Konsequenz bei Frau S. zur Diagnose >Geistige Behinderung<, die aber nichts mit ihren tatsächlichen Fähigkeiten und Schwierigkeiten zu tun hat.

B: Du - wie hot's dir denn in der Schul gfalln?

S: Guat! Bin gern gangen.

B: Bist gern gangen?

S: Jo, i bin gern in die Schul gangen. Wann i daham hob miassn bleiben, wie i krank woar, hob i immer zum Spinnen angfangt. Oder wann der Fredi Röteln ghobt hot, homma net in die Schul gehn diarfn, die Sabine hot gspunnan, um Gottes Willen!

B: Bist du gern in die Schul gangen?

S: Jo, i bin gern in die Schul gangen. Amoi hot die Sabine zum Spinnen angfangt und die Helga (?) hot gsogt: Sabine, gemma in die Schul. Is bis zu der Tür hingangen die Sabine. Und die Oma hat gsagt: Die häkerlts a so. Daß aufsteht vom Boden, hamma so a bißl glocht (?): I will Schulgehn! Is sie bis zur Tür hingangen, bis zur Ausgangstür, bis zur Wohnungstür. Na, des woar a Hockn.

B: Und wieso bist so gern in die Schul gangen?

S: Des hot mi interessiert, des Lernen.

B: Aha, aha. Wos hostn do alles glernt?

S: Rechnen, Schreiben, Lesen, Turnen, Singen... dann Zeichnen, die Verkehrsampeln hamma glernt, Erdkunde, Naturkunde... wos homma noch ghobt? Handarbeiten...

B: Und wos woar dei Lieblingsfoch?

S: Gedächtnisübung hob i gern gmocht.

B: Die host gern können?

S: Jo, scho gern. Amoi hot die Frau Lehrerin gsogt: Jetzt mach ma eine Ansage. Je, amoi in der Woche Ansage und eine Woche Gedächtnisübung. Und die Sabine kniet sich: Frau Lehrerin, na! Tamma Gedächtnisübung mochen! Sog i: Sabine, jetzt tuan eh alle mit, bitte steh auf, i bin doch net dein Grabstein! Des hätt gfilmt gheart, gell?

B: (lacht) Host liaba megn wie Ansage?

S: Jo. Des hat mir liaber, des hot mir liab... do hob i mehr denken können bei der Gedächtnisübung. Do hob i mi net so tummeln... a Stund hob ma bei ihr halt braucht, diarfn.. a Stund homma diarfn lernen, do hot der wos net fertig wurdn is in der Pause dann, hot nimmer weiterkönnen.

B: Bei der Gedächtnisübung.

S: Jo. Hots gsogt: Tuat mir leid... I woar schon die erste!

B: Du woarst guat?

S: Jo. I woar scho die erste fertig". [41]

Frau S. hat ihre Schulzeit in guter Erinnerung. Sie definiert sich selbst über ihr Können. Durch ihren Ausdruck wird für mich deutlich, daß sie stolz auf ihre Fähigkeiten ist, besonders auf ihr gutes Gedächtnis. Sie lernt gerne und kommt mit ihren Lehrerinnen und Lehrern gut aus. Die Tatsache, daß sie in eine Sonderschule geht, kommentiert sie nicht weiter.

B: In der Schul woarst, seits´d 6 Joar alt bist?

S: Jo. Oba ka Ausbildung hob i net gmocht. Ausbildung. Nur 6. Klass oder waß... die Frau Lehrerin hätt wollen, daß i in die 7. Klass geh und die Oma hot gsogt, na des geht net.

B: Aha. Und wolltest du des?

S: Jo i hätt wolln. [42]

Besonders gerne mag sie ihre letzte Lehrerin, Frau K. Diese setzt sich dafür ein, dass Frau S. weiter in die Schule gehen darf. Aber einerseits scheint die Großmutter dagegen gewesen zu sein und andererseits wurde Frau S. 1965 in die psychiatrische Anstalt eingeliefert, was ihren Schulbesuch beendet haben dürfte.

Die Schulzeit war für Frau S. eine wichtige Zeit ihres Lebens, in der sie ihrer Ansicht nach viel gelernt hat. Sie selbst bezeichnet sich, bezogen auf diesen Abschnitt weder als schwierig noch lernbehindert, vielmehr als gute Schülerin, die sehr gerne in die Schule geht, eine gute Beziehung zu ihrer Lehrerin hat und sich im Klassenverband wohl fühlt.

5.2.) Behinderung als soziales Konstrukt

S: Der Opa hot gsogt, des sieht ma mir an, daß i behindert, gstört bin. Waß i net, warum er des gmant hot.... weil des so, waß a nimmer...

B: I find, du schaust ganz normal aus.

S: Ganz normal?

B: Jo.

S: Nur weil i wackel, is a net behindert, gell? [43]

S: Oba des sieht ma schon a bißl, daß i behindert bin, gell? Waß ma net, gell?

B: Absolut, i sieh's jedenfalls net.

S: Na?

B: I woaß a net, wie man do ausschaun soll. Wie schaut denn wer aus, der behindert is? Hot der a längere Nosn oder wos?

S: Na...

B: Oder vorklappbare Ohren, oder wos hot der?

S: Na! I waß net, wie man des nennt. Wenn ane... i waß a net, wie man des nennt. Waß net.... Wackeln tua i allweil von der Musik. Wackeln, i tua wackeln. Des tua i gern.

S: Jo, wo i jetzt woar, vor mal. Weil i allan gredt hob und dann hot er gsehn, daß i schizophren, hot er's glei aufgnommen do am Befund. Geistesbeh... waß net wos des is, geistesbehindert. Kannst mir du des a bißi erklärn?

B: Wos glaubst du , daß des is?

S: Net gut... woart, geistesbehindert, daß i net so gscheit bin? Ohja, gscheit bin i schon, gell?

B: No eben.

S: Daß i net so gscheit bin, gell? Na gscheit bin i eh, i waß eh viel!

B: Najo, eben.

S: I waß net, wos des bedeutet. Sogst mir des?

B: I kann des a total schwer sogen, weil's ...

S: Geistesbehindert i waß net... no, behindert, i waß jo net, wie man des nennt.

B: No eigentlich haßts, daß du manche Sachen angeblich net kannst.

S: Alles kann i net. Kochen kann i net guat.

B: I a net.

S: Oba so, a guats Gedächtnis hob i schon.

B: Ja eben. Schreiben kannst a, mitn Computer kannst a umgehn.

S: Jo.

B: Also is des a komische Diagnose eigentlich..

S: Komische Diagnose. Geistesbehindert. Deppert bin i wegen dem net, gell? Du?

B: Na.

S: Bled bin i net, gell? [44]

Frau S. findet die Diagnose >Geistige Behinderung< für sich sehr unpassend. Es gelingt uns auch in Folge nicht, eine zufriedenstellende Definition an Stelle der sie empörenden Diagnose zu finden. Frau S. ist überhaupt nicht damit einverstanden, als >deppert< zu gelten. Es ist ihr wichtig, daß ich sie ebenfalls nicht für >deppert< halte, sondern ihr Können in den Vordergrund rücke, was ich gerne tue. Von allen gemeinsam besprochenen Themen hat Frau S. auf diese Diagnose am emotionalsten reagiert, sie weist sie strikt von sich und braucht einige Zeit, um sich wieder zu beruhigen.

Wie es zu der Diagnose >Geistige Behinderung< kommt, erklärt Frau S. damit, dass sich nie eine Psychiaterin oder ein Psychiater Zeit nimmt, um sie >richtig< kennenzulernen. Sie darf die Zeit, die sie sich wünscht, nicht einfordern, stellt aber klar fest, daß die Person, die diese Diagnose stellt, sie nicht gut kennt und über sie nichts aussagen könne. Ansonsten hätte es ihrer Ansicht nach nicht zu dieser Diagnose kommen können.

>Geistige Behinderung< ist für Frau S. nicht an äußeren optischen Merkmalen feststellbar. So wie es für sie nicht möglich ist, sich über diese Diagnose zu definieren, habe ich auch sonst in meiner Praxis nie eine Person kennengelernt, die dies getan hätte.

Damit sagt diese Diagnose zwar viel über die Person, die sie stellt, aber nichts über die Person, die damit ettiketiert wird, aus. "Wenn ich einem "behinderten" Menschen begegne, wenn ich ihn anschaue und denke, wie er denn sein könnte, beschreibe ich mich selbst - meine Wahrnehmung des anderen. Ob ich die daraus entstehende Chance nutze, mich selbst zu erkennen, steht auf einem anderen Blatt...!" (Georg Feuser 1996)

In unserem gesellschaftlichen Kontext führt die Diagnose >Geistige Behinderung< im Leben von Frau S. zu Benachteiligung und jahrzehntelanger Isolation in der psychiatrischen Anstalt.

Bei den anderen beiden Faktoren, die nach Jantzen (1987) die Zuschreibung >Geistig behindert< bestimmen, handelt es sich auf der biologischen Ebene um einen Defekt und auf der psycho-sozialen Ebene aus daraus resultierenden Beeinträchtigungen. Die Definition des Weltgesundheitsamtes unterscheidet zwischen Schädigung, Leistungsminderung und Behinderung. Im Gegensatz zu Jantzen resultiert die Behinderung nicht aus ungeeigneten Aneignungsprozessen der Welt, sondern "Behinderung wird ausschließlich definiert als eine "vorhandene Schwierigkeit (für die Leistungsminderung und/oder Schädigung verursachende Faktoren sind, eine oder mehrere Tätigkeiten auszuüben, die in bezug auf das Alter der Person, ihr Geschlecht und ihre soziale Rolle im allgemeinen als wesentliche Grundkomponente der täglichen Lebensführung gelten, wie etwa Sorge für sich selbst, soziale Beziehungen, wirtschaftliche Tätigkeit." (Wolfgang Jantzen 1987, S 16). Durch diese Definition wird die Behinderung als Eigenschaft in die Person hineinverlegt. Nur weil Frau S. zum heutigen Zeitpunkt aus psychischen Gründen nicht in der Lage ist, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Wege zu fahren, die sie nicht kennt, bedeutet es nicht, daß sie deswegen von Aktivitäten außerhalb ihrer Wohnung ausgeschlossen wird. Da sie zur Zeit keine finanziellen Schwierigkeiten hat, kann sie gewisse Strecken mit einem Taxi fahren. Behindert würde sie dann werden, wenn ihr Unvermögen als >Nicht-können<, als >Unfähigkeit< usw. interpretiert wird und ihr dadurch mangels Unverständnis die nötige Unterstützung vorenthalten bliebe.

Ob bei Frau. S. ein biologischer Defekt vorliegt, ist heute schwer nachvollziehbar. In ihren Akten wird zweimal mit Fragezeichen ein Cerebralschaden vermerkt. Zu diesem Zeitpunkt ist Frau S. bereits eine erwachsene Frau, die in einer totalen Institution lebt. Aus heutiger Sicht erscheint es mir nicht mehr wesentlich, ob bei Frau S. ein biologischer Defekt vorliegt. Die jahrelange Hospitalisierung führt in jedem Fall zu Defiziten auf verschiedenen Ebenen.

5.3.)"Waß net, wie des dann auf die Welt kummen wär, des Kind. Behindert oder kann des normal a auf die Welt?"[45] - Kinderwunsch und andere unerfüllte Träume

B: Wärst lieber als Bua auf die Welt kummen?

S: Jo, a Bua wär mir lieber gwesen.

B: Warum?

S: A Bua is besser wie a Madl.

B: Warum is a Bua besser?

S: Der kriagt de Tage net, der braucht net Binden, des wär wos. Kann man sich a net aussuchen, Madl und Buama, gell? [46]

Für Frau S. scheint es nicht befriedigend zu sein, als Mädchen auf die Welt zu kommen. In erster Linie macht sie das an körperlichen Gegebenheiten fest, wie z.B. die Menstruation, Geburt usw. Sie möchte lieber ein Mann sein, hat im Interview aber Schwierigkeiten, genauer zu sagen, welche Vorteile sie dann hätte. Offensichtlich ist ihr das Thema auch unangenehm und sie schweift gerne zu anderen Themen ab. Zwei Dinge findet sie für einen Mann besonders erstrebenswert:

S: Jo. An Boart mecht i. Do hob i eh scho Hoar, schau her!

B: Jo, ans.

S: Ans...

B: Oba aus dem wird, glaub i, ka Bart. I glaub, des bleibt bei dem an Hoar.

S: Vielleicht wirds amoi a Boart, gell?

Einerseits möchte sie ihr Aussehen verändern. Sie möchte einen Bart und setzt ihre Hoffnung in ein Haar, das ihr am Kinn wächst. Es ist für sie ärgerlich, daß ihr kein Bart wächst. Sie verbindet im Laufe des Interviews eine Gesichtsbehaarung bei Frauen mit dem Begriff >rassig< und will wissen, warum manche Frauen einen Bart tragen und manche nicht.

S: Jo, oba es gibt jo Leut, die Weiber wos rassig san. Gibts a, i man jo des.

B: Jo, die Frau, es gibt a Weiber, die rassig san, jo.

S: Jo, des gibts eh. Oda wos in Wechsel san, die werden a rassig.

B: Und dir gfallt des guat?

S: Jo.

Andererseits fällt an ihr auf, daß sie sich gerne schmückt, sie trägt viele Ketten, Ringe und Armbänder, die sie sich teilweise selbst kauft, teilweise geschenkt bekommt. Ich habe sie nie ohne Schmuck gesehen und sie führt ihn, wenn er neu ist, auch vor.

Ihr persönlicher Geschmack zieht Hosen vor, sie findet sie bequemer und angenehmer.

Ein weiterer Vorteil als Mann ist folgender:

B: Wos glaubst denn daß a Mann tuat?

S: (hustet) Mit die Frauen schmusen.

B: Schmuserst du gern mit ana Frau?

S: Hm. Wenn i a Mann wär schon .

B: Als Frau net?

S: Na. (hustet) Na, als Frau net.

Es scheint so, als würde Frau S. erotische Beziehungen zwischen Frauen ablehnen. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß Frau S. in einer Zeit aufwuchs, in der Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde, als abartig galt und noch stärker als heute verdeckt gelebt wurde. Frauen, die in Institutionen dennoch lesbische Beziehungen unterhalten, werden nicht ernst genommen. Ihre Beziehung fällt unter das Kapitel >Freundschaft<.

Personen, die als geistig behindert klassifiziert sind, werden als geschlechtslose Neutren gesehen, d.h. in der logischen Fortsetzung, daß eine Frau über ihre Behinderung definiert wird und somit gar keine sexuellen Beziehungen haben kann - so der gesellschaftliche Gedankengang.

Frau S. gibt als Grund für ihre unerfüllten Kinder- und Heiratswünsche einerseits an, daß sie >behindert< ist, und andererseits, daß sie immmer mit ihren Schwestern gesprochen hat. Sie spricht in diesem Zusammenhang über sich selbst in der dritten Person und distanziert sich dadurch auch von ihren Gefühlen. Dieses Thema ist für sie sehr schwierig zu besprechen. In der Zeit, in der für andere Frauen Kinder und Heirat wichtig erscheint, ist sie bereits einige Jahre in der psychiatrischen Anstalt. Da sie auch ihre Jugendzeit dort verbringt, hat sie keine Möglichkeit, Beziehungen zu probieren und konkretere, erfüllbare Wünsche für ihre eigene Zukunft zu entwickeln.[47] Die Hoffnung auf ein >normales < Frauenleben erfüllt sich für sie nicht, ihre Wünsche und Bedürfnisse gibt sie an der Tür zur psychiatrischen Anstalt ab. Heute hat sie viele >Kinder< und >Männer< in Form von Puppen. Sie hat sogar Reservemänner in ihrem Schrank, falls einer der zur Zeit aktiven Männer kaputt wird. Sie erfüllt sich ihre Wünsche spät, aber doch.

B: Mechst amoi a Kind hoben?

S: Na, net, jetzt net.

B: Na jetzt nimmer, früher, vor 20 Joahr?

S: Waß nimmer (lacht).

B: I glaub schon, daß du des noch waßt.

S: Amoi do hob i, die Sabine hätt schon wolln heiratn, hot sie immer an Mann angschaut, unten im Hof hat sie immer so gschaut und der Mann hot sie net gnommen. Ach Gott.. und dann hat sie's amoi in A. erzöhlt, wie sie mich besucht hat, hot sie's denen Krankenschwestern gsogt. Jo, do hätt sie schon wolln heiratn, die will schon an Mann hoben.

Ihre Beziehungswünsche werden während der Interviews deutlicher, und ich bestätige ihr immer wieder die Normalität ihrer Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit, die sie für mich dadurch anspricht.[48] Auf Fragen meinerseits nach ihren diesbezüglichen Wünschen antwortet sie gerne mit einem Lachen und einem Nicht-Wissen. Wenn sie doch etwas erzählt, macht sie auf mich einen nachdenklichen und manchmal auch traurigen Eindruck. Zu manchen Themen will sie Distanz halten, sie lösen in ihrer Erinnerung sehr schmerzhafte Gefühle aus. Unerfüllte Wünsche, Verlust von Freunden und Freundinnen, ohne über ihren Verbleib Bescheid zu wissen, die Mißachtung ihrer Weiblichkeit und die Reglementierung ihrer Sexualität haben die Erinnerung >ausgelöscht< und es scheint sehr gefährlich, ihr nachzugehen.

B: Und du glaubst, weilst behindert bist, is besser, daß du ka Kind host?

S: Jo , is besser.

B: Host des du gsogt, oder hoben des andere Leut gsogt?

S: Na, i hob mir's so vorgstellt. Die Oma und die Tante hoben gsogt, dass des net so, wie sogt man, net so des Wahre is für die Sabine.

B: Weilst es net allan aufziagn hättst können?

S: Jo, weil sie's net allan aufziagn kann vielleicht.

B: Glaubst, daß du's net allan aufziagn hättst können?

S: Na, i hätts net können vielleicht, i waß net, ob i's zsammbrocht hätt.

B: Mhm.

Ihre Bedenken bezüglich ihrer Fähigkeiten als Mutter bezieht sie in erster Linie aus der Meinung ihrer Großmutter und Tante. Sie selbst ist sich unsicher, ob sie in der Lage gewesen wäre, ein Kind zu erziehen. Ich nehme durch die Kenntnis der Familiengeschichte an, daß die Oma möglicherweise Angst hatte, nach ihren vier Kindern und zwei Enkelkindern auch noch ein Urenkelkind aufziehen zu müssen. Frau S. weiß über Geburt und die Vorgänge einer Schwangerschaft gut Bescheid. Sie ist an dem Thema auf theoretischer Ebene sehr interessiert. Ihre eigene Geburt, deren Umstände für sie nach wie vor unklar sind und auch bleiben werden, spricht sie in diesem Zusammenhang nicht an. Wesentlich sind für sie die körperlichen Vorgänge.

S: No, i waß net... Jo, des wär net guat gwesen. Waß net, wie des dann auf die Welt kummen wär, des Kind. Behindert oder kann des normal a auf die Welt...?

B: Des kann, wär sicher normal auf die Welt kommen. Und wieso glaubst, daß es behindert auf die Welt kommen wär?

S: Na wenn die Leut behindert san, oba es gibt behinderte Leut, wos Ehepoar san.

B: Jo, genau.

S: Gibts a. Oba des Kind is dann behindert, gell?

B: Na.

S: Muaß net sein?

B: Na, des muaß überhaupt net sein. Und außerdem host jo du gsogt, dass du net behindert bist. Zwoa Interviews vorher.

S: Najo, die sehns an, daß i behindert bin.

Ein weiterer Grund, warum Frau S. kein Kind haben kann, ist die Sorge, daß dieses Kind ebenfalls behindert zur Welt kommen könnte. Sie geht davon aus, daß aufgrund ihrer Behinderung auch das Kind behindert wäre. Dieser Mythos[49], der nach wie vor anzutreffen ist und nicht nur bei Frau S. existiert, nährt die Vorstellung von einem funktionsunfähigen Kind. Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, wird eine Abtreibung nahe gelegt, das Kind wird gleich bei der Geburt auf einen Pflegeplatz gegeben usw. Die Gefühle der betroffenen Frau werden den vermeintlichen Interessen des Kindes nachgereiht und oft nicht einmal benannt. Andererseits kann eine Frau, so sie die entsprechenden pränatalen Untersuchungen macht, auch nach dem dritten Schwangerschaftsmonat einen behinderten Fötus mit einer medizinischen Indikation abtreiben.[50]

Ich gewinne den Eindruck, daß Frau S. sich noch nie so ausführlich über unerfüllte Wünsche unterhalten hat. Auch wenn heute der Wunsch nach einem Kind einerseits nicht mehr vorhanden und andererseits auf Grund des Alters von Frau S. schwer erfüllbar ist, bestätigt ihr die gemeinsame Rekonstruktion ein Stück >Normalität<. "In der Gleichsetzung von Frauenrolle und Familienrolle ist die Mutterschaft ein zentraler Bezugspunkt weiblichen Lebens." (Andrea Friske 1995, S 98). Ich entnehme ihren Aussagen, daß die Realisierung ihres Wunsches heute nicht mehr im Vordergrund steht. Doch diese Wünsche haben zu dürfen und auch aussprechen zu können, als Frau wahrgenommen zu werden und Mutterschaft als e i n e n Lebensentwurf sehen zu können (auch wenn er heute nicht mehr realisierbar ist), erscheint als wesentliches Kriterium in dieser Diskussion.

Zentrales Thema wird in Folge die Verhütung.

B: Host amoi selber a verhütet?

S: (kurze Pause) Was verhütet?

B: Daß man net schwanger werden kann.

S: Na!

B: Pille und so.

S: Na, hob i ka. Kriag kane Pille net. Ka Spiroin hob i a net drinnen. Unterbunden bin i a net.

B: Bist net unterbunden?

S: Na! [51]

Sie ist sicher, daß sie nicht sterilisiert wurde. Mich verwundert diese Aussage, da ich weiß, daß es zu dieser Zeit üblich war, Frauen in der psychiatrischen Anstalt zu sterilisieren, ohne es ihnen mitzuteilen. Aber da Frau S. darauf besteht, nicht sterilisiert worden zu sein und diese Feststellung ihr sehr wichtig ist, gehen wir auf dieses Thema nur insofern ein, als wir versuchen, über ihre jetzige Frauenärztin Informationen zu bekommen. Diese kann uns aber keine Auskunft geben. Auch in der Krankengeschichte finden wir keinen Hinweis auf eine Sterilisation.

S: Jo. Und dann hob i die Monatsspritzen kriagt. Und dann hot die Frau Doktor Leiner gsogt: Du mochst eh nix mit an Mann, kann man dir ruhig die Spritzn obsetzen. A Monatsspritzen hob i a kriagt.

B: Und was is da passiert, wie's du a Monatsspritzn kriagt host?

S: Do kriagt man ka Kind net. Des is wenn man mit einem Mann was hat, dann kriegt man ka Kind net. So wie eine Spirale, oba nur, daß es a Jaukerl ist, jedes Monat amoi.

B: Und wie woar des mit der Spritzn?

S: I hob eh nix tan, hot die Frau Doktor Leiner gsogt: Sabine du tuast ja eh nix mit an Mann, brauchst es? Sog i: Tua ma's obsetzen. Wenn was is so, zeigt so unter den Vorgarten, dann sogst mir des. Woar oba eh nix.

B: Mhm.

(...)

B: Woar dir des recht?

S: Jo, des woar mir recht. Also wenn du ihn den Vorgarten gehst, kriegst halt a Monatsspritzerl ...

B: Im Vorgarten?

S: Vorgarten homma diarfn gehn, in die Stadt gehn.

B: Ah, falls du dich mit an Mann triffst?

S: Jo, hob i die Monatsspritzn kriegt. Dann hat die Frau Doktor Leiner gsogt: Wenns eh nix mit an Mann tuast, dann brauchst es jo goar net. Sog i: Najo, mir wär schon lieber, wenn i die Spritzn weiterkriag, sog i. Jo, wann was is, dann sogst mir's halt. Dann kriegst es wieder. Aber jetzt, wennst nix tuast mit an Mann, brauchst des net, des is jo Unsinn, gell? Unnötig is des.

B: Und wieso wolltest du sie weiterhoben?

S: Jo, do wär ma sicher gwesen.

B: Wennst mit an Mann a Verhältnis ghobt hättst?

S: Jo, wär ma sicher gwesen. Oba jetzt hob i kane mehr. Hob i kane. Jetzt hob i schon gnuag von die Spritzen in Hintern. [52]

Während ihres Aufenthalts in der psychiatrischen Anstalt verhütet Frau S. mit der Monatsspritze. Ihre Sexualtität kann dadurch gut kontrolliert werden. Das Kondom als Verhütungsmethode ist nicht üblich und wird von ihr auch nicht erwähnt. Die Spirale scheint ebenfalls nicht in Betracht gezogen worden zu sein. Durch die Spritze behält das Pflegepersonal die Kontrolle, die Pille könnte ausgespuckt werden und ihre Einnnahme ist nicht gut kontrollierbar. Ihre Ärztin scheint gut darüber Bescheid zu wissen, ob und wann Frau S. Geschlechtsverkehr hat. Durch das Absetzen der Monatsspritze kommt Frau S. in die Situation der Bittstellerin. Obwohl es ihr nicht recht zu sein scheint, daß diese abgesetzt wird, meint die Ärztin zu wissen, was das Beste für Frau S. ist. Falls sie wieder Geschlechtsverkehr haben sollte, könne sie sich ja melden - eine ziemlich absurde Situation.

B: Und wie host du dann verhütet mit an Mann?

S: Goar net.

B: Du host goar net verhütet?

S: Na.

B: Bist nie schwanger worden?

S: Na.

B: Do host oba a Glück ghobt.

S: Wos hob i a Glück ghobt?

B: Daß du net schwanger wordn bist.

S: Do hob i eh a Glück ghobt, jo. [53]

Sie löst dieses Problem auf ihre Art und verläßt sich in Fragen der Verhütung auf ihr Glück. Die Möglichkeit einer Schwangerschaft nimmt sie in Kauf. Die Reglementierung ihrer Sexualität erscheint offensichtlich als der größere Eingriff in ihr Leben. Sie erhält sich ein Stück Selbstbestimmung und findet im engmaschigen Netz der psychiatrischen Kontrolle ein Schlupfloch, das sie zu nützen weiß.

5.4.) Vom Frauenstandpunkt aus

Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema >Frau und geistige Behinderung< sind sehr dürftig, ich beziehe mich daher bei meiner Arbeit in erster Linie auf Gesprächspassagen und meine langjährige Tätigkeit im Behindertenbereich als Betreuerin und ehrenamtliche Sachwalterin sowie meine Tätigkeit im Verein "NINLIL - Wider der Gewalt gegen Frauen, die als geistig oder mehrfach behindert klassifiziert werden". Die Literatur, die es zum Thema Frauen mit Behinderung gibt, bezieht sich außerdem in erster Linie auf Frauen, die durch ihre körperliche Behinderung eingeschränkt werden. Aus meiner Berufstätigkeit weiß ich, daß in manchen Punkten diese Probleme mit denen einer Frau, die als geistig behindert klassifiziert wird, ident sind, d.h. Ausschlußkriterien auf Grund des vermeintlichen >Nicht-Funktionierens< als Frau prägen beide Lebenswege.

Die Geschlechtsunterscheidung kann nicht nur als eine biologische Gegebenheit (sex) verstanden werden, sondern vor allem als eine gesellschaftliche und soziale Struktur (gender)[54]. "Die Zweigeschlechtlichkeit ist zuallererst eine soziale Realität." (Carol Hagemann-White, Maria S. Rerrich 1988, S 224). Durch das soziale Konstrukt >Geschlecht< wird es möglich, eine Person in ihrer gesellschaftlichen Rolle als Frau oder Mann scheinbar eindeutig zuzuordnen. Obwohl man davon ausgehen kann, daß im Kleinkindalter und teilweise auch im Volksschulalter kaum signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern[55] vorliegen, d.h. ein eindeutiges Muster geschlechtsspezifischen Verhaltens nicht nachweisbar zu sein scheint[56], existiert in unseren Köpfen doch die Vorstellung, wie Mädchen und Jungen zu sein haben. Die Zuschreibung von Eigenschaften an das jeweilige Geschlecht ist damit eine fiktive und verfestigt lediglich bestehende gesellschaftspolitische Strukturen. Gleichzeitig wird eine biologische Bedingtheit suggeriert, was immer wieder unseren Blick verschleiert und uns nicht erkennen läßt, wie sehr wir in Geschlechtsrollen gezwungen werden bzw. selbst zwingen. Die meisten Untersuchungen bzw. Fachbücher zum Thema >Behinderung< negieren schlicht die Geschlechtszugehörigkeit und die daraus resultierenden unterschiedlichen Lebenschancen. Damit wird aber auch die Person, die als geistig behindert klassifiziert wird, ent-sexualisiert, zum geschlechtslosen Neutrum gemacht. Als Beispiel dafür, wie dieser Umstand seinen Niederschlag in der alltäglichen Praxis findet, möchte ich die öffentlichen Toilettanlagen anführen. Sie sind gekennzeichnet durch einen Mann, eine Frau und eine Person im Rollstuhl. Offensichtlich existiert in einer Gesellschaft, die auf Zweigeschlechtlichkeit, auf ein duales System, ausgerichtet ist, das heimliche dritte Geschlecht, das weder Mann noch Frau ist.

Ich denke, daß in der Sozialisation von Mädchen und Buben vor allem die unterschiedlichen Erwartungen von Seiten der Eltern bzw. der näheren Umgebung von diesen registriert wird und daß diese Erwartungen unreflektiert in das Verhalten der Kinder mit einfließen. Wie bereits ausgeführt, spielen Normen eine wesentliche Rolle. Je nach Geschlecht wird konformes oder abweichendes Verhalten von der Umgebung entsprechend bewertet, belohnt oder sanktioniert. "Dabei gilt, dass Normen und Eigenschaften, die das männliche Stereotyp bestimmen, höher bewertet werden als weibliche Stereotypen, auch wird das Weibliche in bezug auf das Männliche definiert, als das `Andere´. Dies verweist auf eine Hierarchie der Geschlechter." (Elisabeth Chlebecek 1993, o. S.).

Gesellschaftlich zugewiesene Geschlechtsrollen machen sich zwar am anatomischen Geschlechtsunterschied fest, "in ihrer Ausgestaltung über die verschiedenen geschichtlichen Epochen und in den verschiedenen Kulturen (weisen sie) jedoch so große Unterschiede auf, daß der Versuch, sie durch `Rekurs´ auf Natur zu legitimieren, unhaltbar erscheint." (Christa Rohde-Dachser 1991, S 23). Das Trennende zwischen den Geschlechtern erscheint als die geschichtlich gewachsene Arbeitsteilung, die zwar heute weitgehend überholt erscheint, aber als Mythos weiterbesteht. "Zwischen geschlechtlicher Arbeitsteilung (als Lebenspraxis), gesellschaftlicher Geschlechtsrollenfixierung, Herausbildung einer Geschlechterhierarchie und gesellschaftlicher Mythenbildung besteht also ein Zusammenhang." (ebd. S 25). Geschlechtsmythen werden entlarvt als Herrschaftsmythen. Horkheimer und Adorno (1997) beschreiben den Zyklus von Entmythologisierung und Remythologisierung. "Der ehrwürdige Glaube ans Opfer aber ist wahrscheinlich bereits ein eingedrilltes Schema, nach welchem die Unterworfenen das ihnen angetane Unrecht sich selber nochmals antun, um es ertragen zu können." (ebd. S 58). Dies würde u.a. bedeuten, daß die Auflösung von Herrschaftsmythen in Bezug auf das Konstrukt Geschlecht eine radikale Infragestellung beinhalten müßte, die nicht bei der Aufteilung >Opfer< - >Täter< stehenbleiben darf, sondern das Individuum in einen Kontext zu seiner Umwelt in Bezug setzen muß, damit Strukturen in ihrem Kern verändert werden können. Der Mythos über die unkontrollierte Triebhaftigkeit von Personen, die als geistig behindert klassifiziert werden, fließt in sexualpädagogische Konzepte (falls vorhanden) ein und reorganisiert sich in diesen, d.h. er löst sich nicht auf, sondern erscheint in neuem Gewand, z.B. als Reglementierung der Sexualität dieser Personen.

In diesem mythologischen Kreis verschwimmen die Grenzen zwischen der >Kunstfrau< und der realen Frau. Der Imagination des Weiblichen werden Funktionen und Wirkungen zugemessen, "die in einem geradezu grotesken Gegensatz zu den Möglichkeiten wirklicher Frauen stehen." (Christa Rohde-Dachser 1991, S 101).

Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, unterliegen anderen informellen Gesetzen. "Es stimmt - wir entsprechen genau wie nichtbehinderte Frauen nicht der gesellschaftlichen Norm Mann, aber wir entsprechen auch nicht der Norm Frau, die `schön´, `heil´ und `gesund´ zu sein hat." (Daniela Beer 1991, S 22 zit. n. Andrea Friske 1996, S 47). Die Frau, die als geistig behindert klassifiziert wird, wird gemessen am gesellschaftlichen Idealbild >Frau< und wird dadurch Anforderungen in Hinblick auf Schönheitsideal, Mutterschaft, Funktionsfähigkeit in Beruf und Familie usw. unterworfen, die in der Realität von Frauen kaum existieren. Die Identitätsbildung einer Frau, die als geistig behindert klassifiziert wird, orientiert sich auf Grund der Vorgaben und gesellschaftlichen Bedingungen an dieser >Idealfrau<, d.h. das Versagen ist vorprogrammiert und führt im Leben dieser Frauen zu massiven Krisen. >Nicht so zu sein wie die anderen< bedeutet den Ausschluß aus dem Kreis von Frauen und beinhaltet u.a. "daß sie auch keine klaren Rollen für die einzelnen Lebensalter und -phasen herausbilden - z.B. gemäß der als üblich angenommenen Biographie Ausbildung - Heirat - kurze Berufstätigkeit - Mutter ... So erleben sie keine Kontinuität in ihrer Entwicklung, sondern Starrheit." (ebd. S 38). Durch diese Geschlechtsstereotypien wird gleichzeitig Herrschaft und Kontrolle in unserer Gesellschaft gewährleistet. Die Kontrolle und Herrschaft über Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, manifestiert sich u.a. in einem informellen Heiratsund Gebärverbot und findet ihren Ausdruck in der (Zwangs-)Sterilisation. Während der Enquete "Zwangssterilisation - Menschenrechtsverletzung oder Notwendigkeit?" (1998) im Grünen Club im Parlament wurde diese wie folgt definiert: "Zwangssterilisation ist die Unfruchtbarmachung von Menschen, die wegen ihrer Beeinträchtigung in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit, der gleichen Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und ihrer selbstbestimmten Lebensführung behindert sind oder werden." (S 4). In den unterschiedlichen Referaten war von Frauen und Mädchen die Rede, d.h. Zwangssterilisation bezieht sich nicht auf >die Menschen<, sondern mittlerweile ausschließlich auf Frauen und Mädchen, die als geistig behindert klassifiziert werden.[57] Diese Verschleierung von Geschlechtszusammenhängen verdeutlicht den Umgang mit dieser Problematik. Ernst Berger und Barbara Michel (1997) stellen folgenden Gedanken zur Diskussion: Der Tötungswunsch gegenüber behinderten Personen scheint laut Dietmut Niedecken (1998) bei vielen vorhanden zu sein, bleibt aber auf Grund mangelnder sozialer Akzeptanz im Unbewußten. "Es wäre nun zu prüfen, ob die Sterilisation, die über weite Strecken sozial akzeptiert und damit bewußtseinsfähig ist, die Funktion einer Ersatzhandlung erfüllt." (S 931). Die Unfruchtbarmachung von Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, spiegelt aber auch die Angst einer Gesellschaft vor dem >Anderen<, dem vermeintlich >Fremden< wider. Es erscheint mir zumindest eine Notwendigkeit zu sein zu überprüfen, wovor u n s - die wir nicht mit der Diagnose >Geistige Behinderung< ettiketiert werden - die Zwangssterilisation dieser Personengruppe schützen soll.

In der >Behindertenhierarchie< stehen Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, an letzter Stelle, d.h. "daß behinderte Frauen in der Literatur in verschiedene Klassen eingeteilt werden, denen dann im unterschiedlichen Maße Sexualität, Ehe, Partnerschaft zugestanden bzw. abgesprochen werden." (Karin Barzen u.a. 1988, S 37). Die wichtigsten zugeschriebenen Rollen in unserer Gesellschaft - die der Hausund Reproduktionsarbeiterin und die der Sexualarbeiterin - kann von Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, auf Grund der isolierenden Bedingungen, in denen sie leben, kaum erfüllt werden. Es bleibt ihnen fast keine Kompensationsmöglichkeit, da sie großteils auch von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind.

Einerseits erleben sie den Ausschluß als Frauen, beginnen, so wie Frau S., sich dagegen zu wehren und erleben, daß sie auf Grund ihres Nicht-Funktionierens in die psychiatrische Anstalt eingeliefert werden können.

"Die Gewalt jedoch, mit der sie zunächst auf das stereotype Bild einer gesellschaftlich akzeptierbaren Frau und später auf dasjenige der institutionalisierten Kranken reduziert wurde, verbindet sie mit allen anderen in psychiatrischen Heilanstalten lebenden Frauen."

(Luciano Della Mea 1979, S 8)

Als wichtigstes Merkmal von patriarchaler Kontrolle ist die Unterdrückung der weiblichen Sexualität zu sehen. "Die Angst dahinter scheint mir weniger die vor Übergriffen als die vor Kontrollverlust zu sein." (Doris Schneider, Gabriele Tergeist (Hgin.) 1993, S 80). Unter diesem Blickwinkel erhält auch Gesundheit ihren doppelten Standard. Die Gesundheit einer Frau wird an ihrer Funktionsfähigkeit gemessen. Die krankmachenden Lebenswirklichkeiten von Frauen werden in der psychiatrischen Anstalt in Geschlechtsrollenstereotypien eingeordnet und nicht individualbiografisch gesehen. Durch die Orientierung der psychiatrischen Anstalt auf Männer verschwinden weibliche Lebenszusammenhänge und ihre Bedeutung. "Im Bemühen um >Geschlechtsneutralität< stellt sich die psychiatrische Anstalt als ein Handlungsfeld dar, in dem in widersprüchlicher Weise geschlechtsrollenorientiert und geschlechtsblind zugleich agiert wird." (Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach 1998, S 171). Chesler (1984) geht davon aus, daß Frauen den Psychiatriealltag schwerer ertragen als Männer, weil die Geschlechtsrollenentfremdung bereits vor der Einlieferung beginnt und Frauen dadurch verrückt gemacht werden, d.h. sie leben diese Entfremdung in der psychiatrischen Anstalt radikal aus. Dies wiederum führt zu massiven Bestrafungen, denn sie sollen sich anpassen und die Ambivalenz gegenüber der weiblichen Rolle nicht kultivieren. "Entscheidend ist jedoch, daß Männer weit mehr als Frauen von ihrem Rollenstereotyp abweichen können, ohne sich selbst als >krank< zu bezeichnen und in Heilanstalten eingewiesen werden zu müssen." (ebd. S 55). Demnach ist es für Frauen ungleich gefährlicher, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu leben. Es scheint so, als könnten sie schließlich immer als >verrückt< bezeichnet werden.

Der Weg aus diesen Geschlechtsstereotypien führt über die Reflexion der eigenen Mythen und Zuschreibungen, der parteilichen Begleitung von Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, zu veränderten Strukturen im Behindertenbereich und in der psychiatrischen Anstalt in Richtung persönliche Assistenz, d.h. zur Definitionsmacht über das eigene Leben und den eigenen Körper.

Vielleicht sind die tobenden und weinenden Frauen in den Irrenanstalten Amazonen, die viele Jahrhunderte später zur Erde zurückgekehrt sind, jede für sich auf der Suche nach dem halbverlassenen Mutterland - eine Suche, die wir Wahnsinn nennen. Oder vielleicht sind sie gescheiterte Mutter-Göttinnen, Demeter allesamt, ewig und bedauernswert außerstande, ihre Töchter oder ihre Macht wiederzufinden...

(Phyllis Chesler)



[35] Interviespassage vom 11.3.1998

[36] Mit Schwestern sind immer ihre imaginären Personen gemeint

[37] Ich verwende den Begriff >Karriere< im Sinne von Erving Goffman , 1973

[38] Die institutionelle Ausgliederung bedarf einer Rechtfertigung auf ideologischem Hintergrund. Durch eine medizinisch-biologische Definition wird es möglich, gesellschaftliche Bedingungen zurückzudrängen. Das >Sammelbecken< für Kinder, die den Anforderungen der Regelschule nicht gerecht werden, reproduziert die soziale Schichtung und reproduziert Herrschaftsverhältnisse. >Lernbehinderung< ist nur in Zusammenhang mit der Institution Schule denkbar, d.h. die Schule produziert erst sogenannte lernbehinderte Kinder. Vgl. Christl Manske in: Hans Eberwein 1996

[39] Interviewpassage vom 11.3.1998

[40] Interviewpassage vom 5.5.1998

[41] Interviewpassage vom 11.3.1998

[42] Interviewpassage vom 12.1.1998

[43] Wenn nicht anders angegeben, beziehe ich mich in Folge auf Interviespassagen vom 24.3.1998

[44] Interviewpassage vom 4.2.1998

[45] Interviewpassage vom 24.3.1998. Frau S. verbringt ihre Jugendzeit bereits in der psychiatrischen Anstalt, d.h. Behinderung als soziales Konstrukt überschneidet sich mit dem Kapitel "Leben und Überleben in der psychiatrischen Anstalt" bzw. wird in diesem ergänzt.

[46] Interviewpassage vom 24.3.1998

[47] Aus den Interviews geht zuerst hervor, daß die Ersteinlieferung mit ca. 19 Jahren stattfindet, durch das gemeinsame Durcharbeiten der Krankengeschichte erfahren wir, daß sie bereits mit dreizehn Jahren eingeliefert wurde. Frau S. blendet offensichtlich ihre Jugendzeit aus. Dieser Aspekt erscheint mir sehr wichtig (Umgang mit Zeit, Trauer über >verlorene< Zeit etc.). Mir wurde durch die genaue zeitliche Rekonstruktion klar, daß sie z.B. in Hinblick auf das Thema Arbeit keine Angaben machen konnte, weil es in ihrer Lebensgeschichte das Thema gar nicht gibt.

[48] In der psychiatrischen Anstalt ist sie längere Zeit mit einem anderen Patienten liiert, dieser verschwindet aber plötzlich. Sie fragt sich nach wie vor, was mit ihm passiert ist (siehe Kap. 6.3. Liebe in der Psychiatrie)

[49] Vgl. Ernst Berger, Barbara Michel 1997: U.a. werden die verschiedenen Positionen zur Heredität besprochen. Eine dieser Positionen bezieht sich auf die Vererbbarkeit von Oligophrenie. "Auch ist zu fragen, ob nicht eugenische Gründe ... für die Unerwünschtheit einer Schwangerschaft von entscheidender Bedeutung sein können: Das genetische Risiko für Oligophrenie der Nachkommen ist ... nicht unerheblich." (S 925ff)

[50] Seit Sommer 1999 gibt es in Österreich ein OGH-Urteil, das zu der Ansicht gelangt, dass Schadenersatzzahlungen zugebilligt werden, wenn es auf Grund mangelnder Aufklärung durch die zuständige Frauenärztin oder den -arzt zur Geburt eines schwerstbehinderten Kindes kommt. Der Beratungsfehler des Arztes hätte - so die Argumentation des Obersten Gerichtshofes - zu einer, bei richtiger Aufklärung unterbliebenen, Geburt eines behinderten Kindes geführt.

[51] Interviewpassage vom 4.3.1998

[52] Interviewpassage vom 17.3.1998

[53] Interviewpassage vom 17.3.1998

[54] "`Geschlecht` verstehe ich durchgehend im Sinne von gender als eine Kategorie sozialer Struktur bzw. als ein duales System von Symbolisierungen." (Vgl. Helga Bilden in: Klaus Hurrelmann, Dieter Ulich 1991, S 280)

[55] Vgl. Carol Hagemann-White 1984, S 15ff.

[56] Erikson (1995) beschreibt geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede in der Entwicklung von Mädchen und Buben, vor allem weist er auf die unterschiedlichen Lernmöglichkeiten in Gruppen während der Pubertät hin. Seine Darstellungen in Hinblick auf geschlechtsspezifische Unterschiede haben beschreibenden Charakter, er geht kaum auf die Gründe dieser Entwicklung ein.

[57] Historisch betrachtet bezog sich Zwangssterilisation auf Männer und Frauen, Vgl. Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1.1.1934.

6. Leben und Überleben in der psychiatrischen Anstalt

Frau S. geht in ihrer Erinnerung davon aus, daß sie mit ca. 19 Jahren das erste Mal in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wird. Als Grund für ihre Einlieferung vermutet sie ihr aggressives Verhalten gegen ihren Cousin und gegen den Hund.[58] Sie erzählt, daß die erste Zeit geprägt ist von einem ständigen Wechsel zwischen der psychiatrischen Anstalt und ihrem Zuhause, was eine Belastung für sie dargestellt haben dürfte. Ihrer Ansicht nach ist die mangelnde Kontinuität und das Desinteresse der Ärztinnen und Ärzte ein Grund, warum nicht klar wird, welche Krankheit sie hat. Auch der Ursprung wird für sie nicht eruiert. Dieser Wunsch nach dem Wissen um ihre Krankheit und deren Ursprung impliziert für mich den Wunsch nach Sicherheit und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines psychiatrischen Aufenthalts. Frau S. findet dafür auch in unseren anderen Gesprächen keine Erklärung.

Bis zu dem Zeitpunkt, da wir die Krankengeschichte durcharbeiten, gehe ich auch davon aus, daß Frau S. mit ca. 19 Jahren eingeliefert wurde. Meine Fragen nach ihrer Jugendzeit kann sie aber nie beantworten, was mich verwundert, da sie an jede andere Zeit ihres Lebens Erinnerungen hat. Durch die Krankengeschichte[59] wird uns klar, daß der Zeitpunkt ihrer Ersteinlieferung wesentlich früher datiert. Bereits mit 13 Jahren - also während ihrer Pubertät - wird sie in die psychiatrische Anstalt eingeliefert.

Die Aufnahme erfolgt 1969 durch eine Anzeige der Großmutter über Weisung der Jugendfürsorge. Frau S. leidet seit Eintreten der Menstruation unter Erregungszuständen und verhält sich gegenüber ihrem Cousin, dem Hund und gegenüber Erwachsenen aggressiv. Frau S. nimmt zu diesem Zeitpunkt bereits Medikamente, d.h. es dürfte bereits ein Psychiater konsultiert worden sein.

In einem gemeinsamen Interview vermutet ihr Cousin als Grund für die Einlieferung ihre epileptischen Anfälle, die für die Familie belastend waren, vor allem, weil niemand gewußt hat, welche Gefahr sie darstellen bzw. wie damit umgegangen werden soll. Er spricht als einziges Familienmitglied die mögliche Überforderung der Großmutter an.

Zwei Monate nach der Einlieferung wird Frau S. einem Gynäkologen vorgeführt, sie verweigert aber die Untersuchung. Zu diesem Thema sind keine weiteren Eintragungen zu finden.

In der Krankengeschichte finde ich weder einen Anhaltspunkt dafür, daß sich jemand auf den Grund und den Zeitpunkt der Ersteinlieferung beziehen würde, noch daß es einen geschlechtsspezifischen Blickwinkel auf den Zusammenhang zwischen der ersten Menstruation und den aggressiven Ausbrüchen gegebene hätte. Die verschiedenen Diagnosen beziehen sich u.a. auf Debilität höheren Grades, unheilbar, Erethismus, epileptische Wesensveränderung etc.

Das Thema >Diagnosen< ist für Frau S. nicht interessant. Über zwei Punkte spricht sie ausführlich: Sanktionen und Beziehungen in der psychiatrischen Anstalt. Das Thema >Frauenstation< wird von mir eingebracht, wir widmen diesem Thema einen Interviewtermin und sie äußert sich dazu ebenfalls ausführlich.

6.1.) Sanktionen in der psychiatrischen Anstalt

Die Möglichkeit von Sanktionen resultiert meiner Ansicht nach aus einem ungleichen Machtverhältnis zweier Personen oder zweier Gruppen, die auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Da Frau S. lange Zeit unter fremdbestimmten Verhältnissen gelebt hat und einer Vielzahl von Sanktionen ausgesetzt war, möchte ich >Macht< und >Gewalt< kurz als Begriffe bestimmen.

Im Prinzip wird davon ausgegangen, daß Macht und Gewalt dasselbe sind bzw., dass Gewalt aus Macht resultiert oder ihre eklatanteste Manifestation ist. Hannah Arendt (1995) setzt dem entgegen, daß Macht und Gewalt getrennt voneinander zu betrachten sind, da sie verschiedene Quellen haben. "Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln." (ebd. S 45). Macht ist immer im Besitz einer Gruppe und hält nur so lange an, als diese besteht. Gewalt ist gekennzeichnet durch ihren instrumentalen Charakter. Die Gewaltmittel dienen dazu, die menschliche Stärke zu vervielfachen (z.B. durch Medikation, Zwangsjacke und Netzbett).

Eine weitere Unterscheidung erfolgt durch die Legitimation: "Der Machtanspruch legitimiert sich durch Berufung auf die Vergangenheit, während die Rechtfertigung eines Mittels durch einen Zweck erfolgt, der in der Zukunft liegt." (ebd. S 53). Gewalt hingegen wird gerechtfertigt, ohne dadurch Legitimation zu erlangen. Je näher das Ziel, um so einleuchtender die Rechtfertigung (z.B. bei Notwehrsituationen).

Das Machtungleichgewicht in der psychiatrischen Anstalt führt u.a. zu folgenden Sanktionen: Netzbett, Zwangsjacke, Zelle, Elektroschock, kaltes Duschen, Schläge, Essensentzug, Medikation und Spritzen.

Zu unterscheiden ist zwischen legitimen, d.h. angeordneten Maßnahmen, die auch in der Krankengeschichte vermerkt sind, und illegitimen Maßnahmen. Die Grenze zwischen beiden ist eine fließende.

Voraussetzen möchte ich - ohne dabei Personen von ihrer Verantwortung freisprechen zu wollen - daß die Gewaltbereitschaft in der psychiatrischen Anstalt dem totalitären Charakter dieser Institution geschuldet ist, der personale Gewalt fördert und nicht sanktioniert, d.h. die Strukturen dafür schafft.

S: Und dann samma umgsiedelt am 14er, do hots wos... die hot immer die Leut gwiargt, dann hoben sie's wegageben. Weils immer so die Leut gwiargt hot. Die is afoch hingangen und hot die Leut immer gwiargt.

B: Wer hot die Leut gwiargt?

S: Die Sabine! De is mehr im Gitterbett glegen als was sie heraussen woar, im Togesraum, hots immer Bettruhe a Wochen kriagt. I mochs net, dann mocht sie's wieder, mein Gott na!

B: Mhm.

S: Was konn des gwesen sein, daß sie immer die Leut gwiargt hot?

B: Wos glaubst du, daß des gwesen is?

S: Weil sie aggressiv woar vielleicht?

B: Mhm. I waß es net, wieso die Sabine die Leut gwiargt hot, i woar jo net dabei.

S: Na. Des is komisch gell, vielleicht hoben sas sekkiert oder wos. Vielleicht hoben sas sekkiert oder wia ... [60]

Frau S. beschreibt, daß sie viel Zeit im Gitterbett verbracht hat. Sie wurde vom allgemeinen Geschehen auf der Station ausgesperrt, um sie davon abzuhalten, Personen zu würgen. Der Grund für ihr Verhalten ist ihr nicht einsichtig, sie vermutet aber, daß sie von anderen Personen geärgert wurde und sich durch ihre Aggression wehren konnte. Dies setzt voraus, daß nicht ausschließlich sie die Angreiferin war. Trotz ihrer Beteuerung, nie wieder jemanden zu würgen, greift sie auf ein Verhaltensmuster zurück, daß sie bereits von der Familie ausgeschlossen hat. Das bringt ihr den Namen >Mörderin< ein.

S: Najo, die Heidi hot immer Mörderin einegschrien in die Zelle. Weil sie hat an hohen Blutzucker ghobt am 6er, 12er, und do hot die Schwester ihr immer gsogt: So, Sabine, du kummst bei jeder Mahlzeit in die Zelle oder ins Gitterbett eine. Dann haben sas in die Zelle eineghaut und do woar a Diabetikerkaffee, a Bohnenkaffee, do hobens Diabetikerkaffee gsogt. Und die Heidi hätt unbedingt an Kaffee wolln, hobens` gsogt, na sie dearf kann trinken, die Sabine muaß selber trinken. Und weils ihr den net geben hot, weil sie in die Zelle einekummen is, hot die Heidi Mörderin einegschrian. Huber Paula hot gsogt: So, du gehst jetzt zu der Rieder Sabine, Gesellschaft leisten. Und die Sabine streckt sich so die Ärmeln auf und steht schon auf und mochts sich so gmiatlich und die Heidi kummt eine und die Sabine nimmts schon bei die Ohrn. Do woar a Heizkörper, Körper, Gitter, hot sies` gnommen mitn Schädl, die Heidi, die Sabine die Heidi hots mitten auf die Kantn hinghaut, die hot so a Beule ghobt, a Büschl Hoar hots ihr ausgrissen, und dann hot sies` gwürgt. In Mogen tretn und dann gwiargt. Dann hot die Schwester einegsogt: Sabine, loß los! Dann hot sie aufsperrn miassn. Sog i: Sabine, übern Hintern sollst ihr ane haun, net derwürgn und derschlogen!

Auf Grund Heidis zu hohen Blutzuckerspiegels darf sie kaum Süßigkeiten essen. Um für die Krankenschwestern Auseinandersetzungen beim Essen zu vermeiden, wird Frau S. im Gitterbett oder in einer Zelle isoliert. Die Auseinandersetzung mit einer anderen Patientin, die Frau S. als >Mörderin< beschimpft, führt dazu, daß diese in dieselbe Zelle gesperrt wird. Es scheint zu einer regelrechten Rauferei zwischen den beiden gekommen zu sein, die eine Krankenschwester dazu zwingt, die Zelle wieder aufzusperren. Warum diese Patientin in dieselbe Zelle mit Frau S. gesperrt wird, wird durch die nächste Passage klarer.

B: Woar des, wos woar des für Zelle?

S: I waß net, wenn die Leut narrisch wordn san, wenn ane aggressiv wurdn is. Und sie is oba nur so einekommen, weil sie'n Blutzucker in der Höhe ghobt hot, daß net alles essen tuat.

B: Ah so! Des hob i net verstanden! Des haßt, du bist in die Zelle kummen, damit du net zum Essen kummst?

S: Jo, daß sie net von die anderen die Süßigkeiten weganimmt. Und die Patientin hot immer Mörderin eingschrian, und dann hot sies` gschnalzen, die Sabine, die Krankenschwester hot gsogt: So und du kannst ihr jetzt Gesellschaft leisten do drinnen mit der Sabine. Und die Sabine streckt sich schon die Ärmeln, mocht sich schon schaftig und nimmts bei die Ohrn, die Patientin, und hauts durch die ganze Ding, so a Beulen hots ihr ghaut und die Hoar ausgrissen und dann hot sies` in Mogen treten, dann hot sies` gwiargt, dann hot die Schwester einegsogt: Sabine, net derwiargn, loß aus! Die hots wollen net auslossen, die Sabine. Die Huber hot gsogt: Sabine, loß aus! Und dann hots endgültig auslassen, weils eh ka Kraft mehr ghobt hot. Hot die Huber Paula gsogt: So, ausse mit dir, Patientin. Jetzt host a Watschn kriagt, jetzt is gnuag. Dann hätt wollen die Heidi hinhaun, die Huber hot gsogt: So und du gehst jetzt ausse! Und in 5 Minuten hot sie noch ka Ruah net geben, homma ihr die Watschn, hot die Huber Paula gsogt: Hearst, host du noch net gnuag, Heidi, willst noch, soll i dir noch amoi die Sabine aussekummen lossen von der Zelle? Sogts: Na, die derwiargt mi. Aha, du fiarchst di?! I hülf dir nimmermehr, Heidi.

Frau S. scheint vorwiegend während der Essenszeiten im Gitterbett oder in der Zelle gewesen zu sein. Sie ist isoliert und hat mit ihren Mitpatientinnen lediglich durch Zurufe Kontakt. Die Isolation führt zu keiner Veränderung ihres Verhaltens, im Gegenteil, immer wieder nimmt sie anderen das Essen weg. Es wird nicht versucht, mit ihr gemeinsam während der Essenszeiten eine andere Form von Kommunikation aufzubauen, die es Frau S. ermöglicht hätte, bei der Gruppe bleiben zu können. Aus ihrer Familie sind keine Schwierigkeiten während der Mahlzeiten bekannt, d.h. ihr Verhalten dürfte erst in der Zeit während des Aufenthalts in der psychiatrischen Anstalt entstanden sein. Das Reglementieren von Essenszeiten, das Nicht-auswählen können, der versperrte Kühlschrank im Pflegerinnenzimmer etc. führen zu einer Situation, die das Verhalten von Frau S. geradezu herausfordert. Die elementaren Grundbedürfnisse nicht befriedigen zu können, sondern Hunger nach der Uhr haben zu müssen, scheinen es notwendig zu machen, in der Essenssituation das Bedürfnis möglichst ausführlich zu befriedigen. Sie bekommt durch ihr Verhalten nicht nur erhöhte Zuwendung (wenn auch im negativen Sinn) von Seiten der Krankenschwestern, sondern auch von Seiten der Mitpatientinnen. Frau S. beherrscht die Essenssituation auch dann, wenn sie in einem Gitterbett eingesperrt ist.

Die Essenszeiten gehören zu den wichtigsten Ereignisse im Tagesablauf. "Die Frauen sitzen am Tisch mit sechs bis acht anderen zusammen. (...) Das Essen wird verschlungen, >nur nicht zu kurz kommen<, für die meisten ist es die einzige Zuwendung des Tages." (Dagmar Bielstein (Hgin.), o. S. 1991).

Frau S. beschreibt noch einmal, daß Personen in die Zelle eingesperrt wurden, wenn sie aggressiv waren, aber auch, wenn sie an etwas gehindert werden sollten, z.B. das Essen anderen Personen wegzunehmen. Die Patientin, die Frau S. durch ihre Zurufe ärgert, wird in dieselbe Zelle gesperrt, um ihr Gesellschaft zu leisten. Tatsächlich scheint es sich um eine Aufforderung von Seiten der Krankenschwester zu handeln, diese zu verprügeln. Frau S. versteht das zumindest so, denn sie bereitet sich darauf vor, indem sie die Ärmel hochkrempelt und sich in Position bringt. Die Krankenschwester muß Frau S. daran hindern, ihre Mitpatientin umzubringen, aber anscheinend läßt Frau S. erst von dieser ab, als ihr die Kraft ausgeht. Erst als die Krankenschwester findet, daß die Patientin genügend verprügelt worden sei, holt sie diese aus der Zelle, droht ihr aber gleichzeitig an, sie wieder Frau S. auszuliefern und ihr dann keine Hilfe zu leisten.

S: Jo. Und die Huber Paula hot gsogt: geh eine. Sogts: Du tuast ihr jetzt Gesellschaft leisten, der Sabine. Und die Sabine hot sich schon aufgstreckt, die Ärmeln, die Kleiderärmeln, und dann hat sie hinghaut fest. Dann hot sies` fest gwiargt, und dann hat die Huber Paula gsogt: Menscha, ruafts, wenn die Sabine die Heidi würgt. Und die Huber Paula will schon aufs Klo gehn. Sogt ane: Jo, die würgt die Heidi ob! Und auf amoi sperrt schon die Huber Paula auf und sogt: Sabine, loß los jetzta, du sollst ihr ane übern Oarsch haun, net derwürgen. (hustet)

B: Also die Schwester, die Schwester hot donn zu dir gsogt, du sollst ihr ane - die Schwester hot donn zu dir gsogt, du sollst ihr ane aufn Oarsch haun oba du sollst sie net erwürgen?

S: Jo. Und sie hot zua, und dann hots zuagsperrt a Weil und hot zuagschaut, wos sie mocht. Dann hot sie hinghaut wie a Narrische.

B: Hob i des jetzt richtig verstanden: Die Schwester hot dir eigentlich angschafft, du sollst die andere haun?

S: Jo.

Der Auftrag der Krankenschwester erscheint mir klar: >Verprügle die andere, aber hinterlasse keine Spuren<. Frau S. wird eingesetzt, um andere Patientinnen durch körperliche Züchtigung zu sanktionieren. Eingegriffen wird dann, wenn das Leben der anderen in Gefahr ist bzw. die Spuren am Körper offensichtlich werden könnten. Der Aufenthalt in der Zelle verlängert sich für sie dadurch allerdings. Sie wird zwar nicht sanktioniert, wenn sie im Auftrag der Krankenschwestern jemanden verprügelt, aber sie soll sich wieder beruhigen. Von diesen Szenen ist in der Krankengeschichte nichts vermerkt. Ich nehme an, daß das Personal darüber informiert ist, welche Maßnahmen noch legal sind und bei welchen es mit negativen Konsequenzen rechnen muß. Weiters muß davon ausgegangen werden, daß den Aussagen der Patientinnen gegenüber einer Ärztin, einem Arzt oder Besucherinnen und Besuchern - falls es dazu überhaupt kommen sollte - kein Glauben geschenkt würde. Weiters nehme ich an, daß es nicht als Unrecht betrachtet wurde, jemanden körperlich zu züchtigen und es lediglich dem Selbstschutz des Personals diente, es nicht selbst zu tun. Auch bei anderen Sanktionen wird darauf geachtet, persönlich nicht in Schwierigkeiten zu kommen.

S: Und Dusche homma a wordn, wenn wir schlimm woarn. In einer Badewann, oba net die Epileptiker-Leut net, oba, und da hobens a Badewanne ghobt ...

S: Und do woar so, do in dem Badezimmer woar so a Wanne, Badewanne, a normale Bodewanne. Und do hobens des einlossen und kalt, kaltes Wasser angfüllt in die Badewann, ganz hoch, und da san die Leut, die Patienten einekummen und die Schwester hot sie so obetaucht mitn Schedl, a Sekunden, oba net länger, und dann hoben sie sich's a gmerkt, daß ... amoi hot a Schwester duscht und die Sabine hot a Patientin gwiargt unterm Wasser. Weil die Schwester angschafft hot: Schnalz ihr ane! Und die Schwester hot die Patientin duscht und die Sabine geht mit die Händ obe und wiargts unterm Wossa, weil sie die Schwester aufghu?t hot.

B: Mhm. Hob i des jetzt richtig verstanden: Du host a andere Patientin während dem Duschen gwiargt, weil dich irgendeine Schwester aufgehußt hot?

S: Jo.

B: Mhm.

S: (lacht) Hot gsogt, i soll hinhaun, hob i sie gwiargt dann.

B: Mhm.

S: Na, der hots, da hots falsch verstanden, weil die hot gsogt: Tauch sie obe, und du host sie gleich gwiargt, Sabine.

B: Oba du bist dann dafür bestraft worden?

S: Na, do net a so.

B: Aha.

S: Do hob i mithelfen dürfn, die Patientin duschen. Dearfert a net sein, gell? Leut duschen in der Bodewann, daß die Leut, wenn die Anfälle hoben, die epileptischen Anfälle, obetauchen, können sie ersticken.

B: Mhm.

S: Des is eh, des dearf eh nimmermehr sein, glaub i, gell?

B: Na, eigentlich net.

S: Weil des is jo a Methode, a Horror sowas!

Eine weitere illegitime Sanktion ist das Untertauchen in kaltem Badewasser. Ich gehe nicht davon aus, daß jemand freiwillig in eine kalte Badewanne steigt, d.h. die nackten Frauen müssen von den Krankenschwestern unter Einsatz körperlicher Gewalt dazu gezwungen worden sein. Auch hier wird Frau S. als Helferin eingesetzt. Sie wird dafür nicht bestraft, erzählt aber auch nichts von Belohnungen. Ihr ist bewußt, daß es Unrecht ist, was hier geschieht, und es ist ihr auch klar, daß Frauen, die epileptische Anfälle haben, ersticken könnten. Was für mich nicht eindeutig hervorgeht, ist, ob Frauen mit epileptischen Anfällen auch dieser Sanktion unterzogen wurden. Ich nehme es aber nicht an, da es für die Krankenschwestern wahrscheinlich zu gefährlich gewesen wäre.

S: Jo. Und weil sie nix kriagt hot, da hots an Neid ghobt. Weil die Gruber Sabine a bißl wos kriagt hot. I man die Schwestern san a bled! Sie essen drinnen und die armen Patienten sogt man, sie solln des dreckerte Gschirr owoschen. Glaubst, die mochen sich des selber! Sabine! Wosch mir bitte des Pflegergschirr ob! I man, a Noarr muaßt sein. Do woar die Sabine wia a Geier, hätts wolln nehmen und die Gruber Sabine zahts auf und hots auf die Birn hinghaut. Und dann is sie in die Zelle einekumman, die Sabine, weil sie so gsponnen hot. Hommas einegeben, weil sie immer auf die Gruber Sabine losgangen is. Und die Schwester hot gsogt: Jetzt kummst in die Zelle eine. Wos spinnst denn a so? [61]

Der Neid auf eine andere Patientin, die von den Krankenschwestern ein Glas Wein bekommt, führt zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Es endet damit, daß Frau S. in die Zelle kommt. Die Krankenschwestern ziehen die Frauen auch zu Haushaltsdiensten auf der Station heran, d.h. im Schwesternzimmer soll eine von ihnen abwaschen. Frau S. empfindet es als Zumutung, für die Krankenschwestern Hilfsdienste ausführen zu müssen und erwähnt auch nie, daß sie es getan hat. Es geht nicht klar hervor, ob es darüber auch zu Auseinandersetzungen kommt oder ob Frau S. sanktioniert wird, wenn sie diese Hilfsdienste verweigert.

S: Amoi in der Nocht is sie a wiargn gangen. Is im Gitterbett glegen und die Huber Paula hot net zuagsperrt. In der Nocht muaß sie aufs Klo gehn, sog i: Aufs Klo und dann wieder hinein. Und auf amoi sieht, sie hätt wolln auf a andere Patientin hinhaun, auf die Wagner Erna, und die hot`s net gfunden, is sie auf die Heidi, oba die hot ihr dann nix gmocht, die Heidi. Und dann hot die Heidi zum Aufschrein angfangt: Hiilfe! Die Sabine wiargt mi! Und die hot schon gschlofen, die Heidi, die hätt wolln zu ana andern Patientin hingehn wiargn, weils die net leiden kann. Auf amoi gehts auf die Heidi, foahrt, druckts so zsamm: Die Huber Paula kummt ausse, Bereitschaft woar früher, die hot gschlofen Bereitschaft, die Huber, die hot sich geärgert, die andere Schwester hot gsogt: So und die kriagt heut a Jackn, die Sabine, die kummt heut nicht aus der Jackn. Hobens` ihr a Jackn, a Zwangsjacken in nächsten Tog geben, daß net immer, daß sie sich's amoi endgültig merkt.

In der Nacht sind die Mitbewohnerinnen vor den Würgegriffen von Frau S. nicht sicher. Anscheinend vergißt eine Krankenschwester, das Gitterbett zuzusperren, in dem Frau S. schläft. Als diese auf die Toilette muß, beginnt sie, eine Mitpatientin zu würgen, diese wehrt sich durch laute Schreie und ruft eine Krankenschwester zu Hilfe. Auf dieser Station scheint es in der Nacht Bereitschaftsdienste zu geben, d.h. die Krankenschwester kann schlafen und ist auf Abruf bereit. Verärgert über die nächtliche Störung, ordert sie eine Zwangsjacke für Frau S., die diese auch am nächsten Tag behält. Als Grund wird nicht der Schutz anderer Personen angegeben, sondern Frau S. zu ordnungsgemäßem Betragen anzuhalten. Es scheint, daß das Netzbett der offizielle Schlafplatz für Frau S. ist, da sie immer wieder über ihre Versuche berichtet, in der Nacht andere Personen zu würgen. Sie selbst findet keine Erklärung für ihr Verhalten, erzählt aber von Alpträumen, die sie in der Nacht immer wieder quälen.

B: Und wie woar des, wos woarn des für Angstzustände?

S: I waß net, früher in A. hob i so Angstzustände ghobt. Do hob I gschlofen , do hob i immer Revolver gsehn, so Revolver. Im Schlaf hob I gschlofen, hob i immer so, i waß net, i waß a net, do hob i immer wos gsehn vor mir, so schwarz so, und do hob i die 100er Nozilan kriagt. Samma zu der Frau Dr. Leiner gangen und sogts`: Na geben wir ihr jetzt Psychopaxtropfen und dann auf d' Nocht soll sie a 100er Nozilan nehmen.

B: Des haßt, du host tramt?

S: Net tramt, gsehn! Mit zugmachten Augen hob i des immer so gsehn.

B: Wos host do gsehn?

S: An Revolver is immer, waß net, schlechte Gedanken hob i ghobt. Schlechte Gedanken hot die Dr. Leiner gsehn, hot s` gsogt: vielleicht hot s` schlechte Gedanken oder was.

B: Wos fiar schlechte Gedanken woarn des, kannst di noch erinnern?

S: Na.

B: Na oba, du host jetzt grod gsogt, du host Revolver gsehn.

S: Jo, wie i die Augen zua in der Nocht, do hob i net so guat schlofen können, do hob i immer Angstzustände kriagt.

B: Host di dann gfiarcht, oder was?

S: Jo. Und drum hoben s` mir die 100er Nozilan geben.

Ein einziges Mal kommt sie auf ihre Angstzustände zu sprechen und den Umgang der Ärztin damit. Sie kann sich sehr genau erinnern, daß sie mit geschlossenen Augen Revolver gesehen und schlechte Gedanken hat, trennt das aber präzise von Träumen. Auf ihre >schlechten< Gedanken will sie nicht weiter eingehen. Ihre Angst wird nicht thematisiert, statt dessen erhält sie Medikamente. Ihr Handlungsspielraum erweitert sich dadurch aber nicht. Möglicherweise kann sie in der Nacht schlafen und ist ruhiger, d.h. sie scheint angepaßter zu sein und weniger Aufmerksamkeit zu fordern. In der Krankengeschichte ist immer wieder vermerkt, daß sie tagelang schläft und zu nichts zu motivieren ist. Sie liegt dabei nicht in ihrem Bett, sondern auf einer Bank im Tagraum und scheint vor sich hinzudösen. Dafür kann es mehrere Gründe geben. Sie bekommt Medikamente, die beruhigend wirken, schläft in der Nacht oft nicht, weil sie Angst hat und scheint darüber hinaus sehr gut gelernt zu haben, sich in sich selbst zurückzuziehen und mit ihren Schwestern zu kommunizieren.

S: Amoi hot s` amoi gsponnen. Und dann woar s` eh wieder, do hot sie a Spritzn kriagt, daß sie sich beruhigt, dann is wieder wegagangen. Dann hot sie amoi a Gewasolwasser gsoffen, hot sie gsogt: Sabine, tuast mir du Fetzn winden und i tua obe taucht sie die Händ ein und trinkt sie das Lexolwasser, du Schwein. Hot sie a Patientin vergatscht, hot die Schwester gsogt: Sabine, des tuat man oba net, Gewasolwasser, da kannst krank werden! Jo, weil sie ka, weil die Schwester des Bad, die Schwester hot gsogt: Laßts die Badtür offen, daß sie a Wasser trinken kann, hot sie mehr Wasser trunken, als was mir gholfen hat. Hot sie immer trunken, hot s` gsogt: Woart, i kumm gleich immer, weil sie Zucker ghobt hot. Und die Schwester hot gsogt: Na, des dearf doch net woahr sein! Weil die Badetür zua war und do hot s` net ausse können, hot s` Gewasolwasser trunken, hobens ihr dann a Milch geben. Des waß i noch, hoben s` ihr a Milch geben. Hoben sie s` ins Gitterbett gsperrt und dann hat sie müssen drin bleiben.

B: Weilst a Gewasolwasser trunken hast?

S: Jo.

B: Wos woar denn des Gewasol?

S: A so a Definitionmittel, wo der Boden aufgwoschen wird, so a Mittel woar des.

B: Ah so. Und du host so an Durst ghobt, oder wos?

S: Jo. Jetzt hot s` des gnummen, hot`s gsoffen. Und a Patient hot gleich gatscht. Die Bettina woar des, jo die, der Trottel hot miassn gatschen gehn. Da hätt s` können sterben, gell, von dem?

B: I woaß net, oba es is jedenfalls net gsund a Desinfektionsmittel zu trinken.

S: Pfui.

Frau S. erhält Tabletten zu ihrer Beruhigung. An die Situationen, in denen sie Spritzen erhält, kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber sie erzählt eine Episode, in der sie eine Desinfektionslösung trinkt. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine Lösung, die zum Putzen verwendet wird. Sie wird von einer Mitpatientin an eine Krankenschwester verraten. Es scheint zur Tagesordnung zu gehören, andere Mitpatientinnen an das Personal zu verraten und obwohl es kein angesehenes Verhalten ist, scheint der Gewinn - ich nehme an die Hoffnung auf Bonuspunkte bei den Krankenschwestern - ein hoher zu sein. Frau S. trinkt die Lösung, weil sie Durst hat.[62] Sie bringt das in Zusammenhang mit ihrer Zuckerkrankheit. Da das Badezimmer abgesperrt ist, greift sie zur nächstliegenden Möglichkeit. Hier wird u.a. auch wieder deutlich, daß Grundbedürfnisse - Wasser zu trinken, wenn sie Durst hat - nicht auf übliche Art und Weise erfüllt werden können. Die Reglementierungen dringen in jeden Lebensbereich und lassen kaum Spielräume offen. Frau S. wird wieder bestraft - sie wird ins Gitterbett gesperrt. D.h. ihr persönlicher Bewegungsfreiraum wird nicht erweitert (das Badezimmer wird aufgesperrt oder es wird eine andere Möglichkeit eröffnet, um immer trinken zu können), sondern beinahe gänzlich eingeschränkt. Es scheint so, als gebe es kein Verhalten, das nicht negativ sanktioniert werden würde - außer Frau S. schläft oder döst auf ihrer Bank im Tagraum.

B: Mhm.

S: Weil die hätn dann die Schwester obgramt.

B: Woaß i net, was tan hätten.

S: Die hättens` obgramt noch, gell? Weil sie die Pulver liegen stehn ghobt hoben, gell? Die Sabine, I muaß lochen, wos die auffiahrt, die Sabine. Des is a Schlimme.

B: Wieso wolltst denn des? Wieso wolltst denn die hamdrahn?

S: Weil sie mir die Puppn gstohln hot. Die Puppn hot sie mir gstohln. Und i hob mir's wieder gnommen, dann hot sie so gschrian, dann hob i mir denkt, i gib ihr Toxal-Tropfen, daß sie die Pappn halt. Hob i mir denkt, i gib ihr's halt. (Lacht) I muaß lochen, gell.

Frau S. möchte eine Mitpatientin durch Eingabe einer Überdosis an Medikamenten schädigen, weil diese ihre Puppe stiehlt. Zu den Mitteln kommt sie, als eine Krankenschwester den Medikamentenwagen unter der Aufsicht der Patientinnen stehen läßt und aus dem Raum geht. In einer weiteren Interviewpassage wird deutlich, daß sich Frau S. klar darüber ist, daß sie mit ihrem Verhalten die Krankenschwester in Schwierigkeiten bringen kann, vor allem dann, wenn eine andere Patientin stirbt. D.h. es ist ihr klar, daß der Medikamentenwagen nicht unter die Aufsicht von Patientinnen gestellt werden darf. Sie scheint auch zu wissen, dass ihr Verhalten nur dann Konsequenzen für die Krankenschwester hat, wenn auch tatsächlich etwas passiert, was an hierarchisch höherer Stelle erklärt werden müßte. Der Tod einer Patientin würde ihrer Meinung nach genügend Aufsehen erregen. Welche Hoffnungen sie daran knüpft, ob es sich dabei um Rache an der Krankenschwester handelt, ob sie glaubt, sich ihre Situation dadurch verbessern zu können, kann ich nur vermuten. Klar ist, daß sie sich über die Konsequenzen für sich selbst keine Gedanken macht.

Sie greift zu Methoden, die sie gut kennt. Auch sie erhält Medikamente, wenn sie etwas tut, was in den Augen des Personals nicht in Ordnung ist. Sie will, daß ihre Kontrahentin schläft, damit sie ihr die Puppe nicht wegnehmen kann. Sie distanziert sich von der Mitpatientin, indem sie meint, diese sei dumm und würde nichts verstehen. D.h. es gibt Hierarchisierung unter den Frauen, die sich nicht nur an Kraft mißt, sondern auch daran, wieweit eine von ihnen durchschaut, was passiert. Deutlich wird es, wenn Frau S. erzählt, daß Medikamente teilweise verschleiert (im Kaffee etc.) gegeben werden und zusätzlich der Kaffee von den Krankenschwestern als Bohnenkaffee deklariert wird, obwohl er keiner ist.

6.2.) Liebe in der psychiatrischen Anstalt

B: Und warum glaubst, hobn s` des gmocht, Frauen- und Männerabteilungen?

S: Na daß, i waß, wegn die Kindermachen oder irgendwos, oder...

B: Daß ihr kane Kinder kriagts?

S: Jo, daß ma kane Kinder net kriagn.

Frau S. lebt den Großteil ihres Psychiatrieaufenthalts auf Frauenstationen. Sie ist sich über die Gründe der Geschlechtertrennung völlig im Klaren. Aus meiner Berufspraxis und den Lebensgeschichten von Frauen, die als geistig behindert klassifiziert werden, weiß ich, daß die Ausklammerung und Reglementierung der Sexualität der Patientinnen sich u.a. auf die Verhinderung von Schwangerschaften durch Sterilisation und die Gabe von Verhütungsmitteln richtet. Es scheint notwendig, Männer und Frauen auf unterschiedlichen Pavillons unterzubringen, zusätzlich dürfen sie sich auch nicht gegenseitig besuchen, sondern nur unter offizieller Aufsicht treffen. Alle Maßnahmen richten sich in erster Linie gegen den weiblichen Körper. Frauen sind damit konfrontiert, das Ausleben ihrer Heterosexualität[63] wesentlich konsequenter verheimlichen zu müssen als Männer.[64] Frauen müssen für sich andere Schlupfwinkel finden, um ihre Partner treffen zu können. Aus den Erzählungen von Frau S. geht hervor, daß Patientinnen für die Putzarbeiten auf der Station zuständig sind und Männer als >Hausarbeiter< beschäftigt werden. D.h. sie bringen Wäsche zu den Stationen, fegen das Laub etc.[65]. Männer haben durch ihre Arbeitsaufgaben mehr Möglichkeiten als Frauen, sich außerhalb des Pavillons Spielräume zu eröffnen. Männer, die diese Tätigkeiten ausüben, können das Besuchsverbot auf der Frauenstation leichter umgehen.

Aber was tut eine Frau, um ihren Partner, Geliebten etc. zu treffen? Sie braucht eine Bündnispartnerin - Frau S. hat Glück, sie findet eine Krankenschwester, die sich den Regeln heimlich widersetzt.

B: Host du a Freundschaftn ghobt mit Männern? Durt?

S: Jo, der, der Bernd, wos i gsogt hob.

B: Der woar dann auf der gmischtn Station?

S: Na, der woar net durt, aber am... der woar dann a nimmer durt, der woar früher moi durt, wie i im neuen Transport kumman bin.

B: Wie du mitn neuen Transport nach A. kommen bist, woar er durt?

S: Jo, do hob i eam kennenglernt.

B: Mhm.

Frau S. ist nicht erfreut, als das Thema >Liebe in der psychiatrischen Anstalt< in unseren Gesprächen auftaucht. Erst als für sie völlig klar ist, daß ich es normal finde, sich zu verlieben und sie außerdem keinen Nachteil hat, wenn sie darüber spricht, ist sie bereit, über die Vergangenheit zu reden - wägt aber vorher gut ab, was sie erzählen will. Sie erwähnt vor allem eine Beziehung, die sie zumindest für ein Jahr mit einem Patienten hat. Ihre Gefühle unterscheiden sich nicht von denen von Frauen, die außerhalb der psychiatrischen Anstalt leben, die Umstände jedoch sind erheblich schwieriger, heimlich, unter Aufsicht, reglementiert.

S: Und die Schwester hot a immer gsogt: Die is gaunz narrisch in den Bernd. Da bin i nu nebn der bei der Erni gwesen, und bei der Opek Trude. Und bei de, da hob i net gern wolln bleibn.

B: Und den host allweil besucht auf seiner Station?

S: Am Sommerfest hob i eam troffn.

B: Sonst net?

S: Oh ja, amoi is er immer mitn Trank gfoahrn oder mit der Wäsch gfoahrn, da is er auffekumman. Amoi hob i der Erni de ganze Loafn zerkratzt, weil s` den Bernd, weil sie hot irgendwos vom Bernd gsogt und i bin narrisch wuardn. Hob i ihr des ganze Gsicht zerkräult.

B: Ui je, woarst eifersüchtig?

Die Krankenschwestern scheinen die Beziehung nicht als solche einzuordnen, sondern pathologisieren sie und werten sie dadurch ab. Frau S. läßt sich aber nicht irritieren und verteidigt ihre Gefühle. Sie wird eifersüchtig, wenn eine andere Frau mit ihrem Freund spricht oder abfällige Bemerkungen über ihn macht, einer Patientin zerkratzt sie aus diesem Grund das Gesicht.

B: Wie hot er denn ausgschaut?

S: Kane Zähnd hot er mehr ghobt.

B: Koa ... so wie du jetzt?

S: Jo. Der woar oba liab, der Bernd, der hot mir immer Zigarettn geben, Cola, Kaffee.

B: Der hot di offensichtlich a megn?

S: Jo, der Bernd den hob i recht gern ghobt. Mit dem woar i a Joahr long zsamm, mitn Bernd. Oa Joahr woar i mit eam zsamm, mitn Bernd.

Frau S. und Herr Bernd treffen sich, wenn dieser auf der Frauenstation zu tun hat. Es scheint so, als würde Frau S. wissen, wann ungefähr er kommt und wartet auf ihn. Sie selbst hat wenig Möglichkeiten, zu ihm zu gehen, ihre Aufgaben halten sie auf der Station fest, sie braucht einen Grund, um diese zu verlassen.

Ihre Zuneigung zeigen sie einander durch kleine Geschenke, die sie von ihren Einkäufen abzweigen. Sie erinnert sich hauptsächlich daran, daß er keine Zähne mehr hatte und was sie ihm immer vom Einkauf mitgebracht hat bzw. was er gerne wollte und auch, was er ihr geschenkt hat. Die Zuneigung scheint gegenseitig gewesen zu sein. Sie finden verschiedene Möglichkeiten, einander zu treffen - das Sommerfest, den Garten.

B: Und wos is aus eam dann wordn?

S: Waß net, wo der hinkumman is. Den hob i dann immer gsuacht, der is nimmer do, durt in A., waß net, wo er hinkumman is.

B: Aha.

S: Wie i am 11er woar, hob i gsogt: Hearst, wo is'n der Bernd? Der, der is jo a nimmer do. Den hob i donn nimmer gsehn. Vielleicht is er auf H. obakumman oder irgendwo.

B: Der hot se net von dir verabschiedet?

S: I hob eam nimmer gsehn, na. Am 11er is mir a wo is'n der Bernd? Der is nimmer durt gwesn, glaub i. Na. Der Bernd, waß net, wos mit dem is, gell. Oder is er aussekumman. Mit sein Bruada, waß ma net, gell?

B: Sei Bruada woar a oben?

S: Na, waß net, an Bruadan hot er ghobt, waß, na, i glaub, na, i waß, na I glaub net, i waß, der hot an Bruada ghobt, der Bernd. Oba durt woar er net, Sabine.

-----

S: Na. Waßt eh, auf der offenen is er amoi aufekummen und mit der Wäsch aufe, dann Trankkübln hoin, und i bin glei mitgrennt.Woar ma, dann hob i eam immer vom Einkauf wos gebn. Brause hot er gern trunken, kennst eh die Packln Brause, die Himbeer-Zitron, hob i eam immer an Schokolad gebn, Brause, mir hot er Zigarettn gebn.

Frau S. ist eifersüchtig, macht sich Sorgen, als der Mann ins Krankenhaus kommt, und fragt sich, warum er plötzlich verschwunden ist. Er ist nicht der einzige Mensch, der einfach aus ihrem Leben verschwindet, aber neben der Großmutter, ihrer Freundin C.[66] einer der wichtigsten. Bei meiner Frage, ob sie ihn auch heimlich traf, schweigt sie lieber. Sein Verschwinden bezieht sie nicht auf ihre Beziehung und Frau S. versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Nachforschungen über seinen Verbleib anzustellen, findet aber nichts heraus.

Frau S. weiß auch über andere Beziehungen in der psychiatrischen Anstalt Bescheid:

S: Von andern Abteilung, waß net wie die ghaßen, Tescher, i waß net, ob des a Ehepaar woar, oba die woarn a nur befreundet. I glaub, durt hot`s ka Ehepaar, glaub i net, geben. Na, i glaub Kinder hot do kaner wer ghobt. Na, dearf net sein, gell?

B: Warum glaubst, daß des net sein dearf?

S: In da Pychiatrie dearf des net sein, oder?

B: Jo warum glaubst denn du, daß des net sein dearf?

S: Weil die Kinder dann ins Heim kommen. Weil wenn, die Kinder dürfen net in die Wohnung und die Mütter, wenn die Kinder kriegen, die Frauen dann, die nehmen des Kind ob.

B: Mhm.

S: Ah, die Cunder Resi hot a Kind auf die Welt, oba net, daham hot sie des Kind auf die Welt, des hoben s` ihr weggnommen, weil sie's net aufziehn hot können. Hoben sie's weggnommen. Und dann is in a, waß i net, is jetzt in an Heim oder Pflegeeltern, i waß net. Die woar a Mutter, die Frau, Cunder Resi. Und die woar a frech, mit der hob i a amoi graft. die hot gschrian.

B: Wieso kann man in der Psychiatrie ka Kind aufziehn?

S: Waß net, weil`s net sein dearf, glaub i.

Ob es in der psychiatrischen Anstalt Ehepaare gibt, scheint für sie nicht klar zu sein. Sie bringt es in Verbindung mit Kindern, die ein Paar oder eine Frau hat. Es ist für sie klar, daß in der Psychiatrie niemand Kinder haben darf. Aus dem Grund meint sie, daß auch Ehen nicht geschlossen werden dürfen. Es scheint so, als würde es sich um eine informelle Regel und nicht um ein klares Verbot handeln. Trotz Gegenmaßnahmen kommt es immer wieder vor, daß Frauen schwanger werden, da dieser Bereich letztendlich nicht 100% von außen kontrolliert werden kann. Frau S. beschreibt, daß diese Kinder den Frauen weggenommen werden, aber es ist ihr nicht klar, warum. Sie bleibt bei der Aussage, daß es nicht sein darf, kann aber auch in anderen Interviewpassagen die Gründe dafür nicht nennen. Ich gehe davon aus, dass >Ehe und Kinder< mit den Frauen nicht thematisiert bzw. nicht erarbeitet wird, Erklärungen, warum es innerhalb der psychiatrischen Anstalt ein informelles Ehe und Gebärverbot gibt, werden nicht geliefert.

B: Haben andere Frauen auf eurer Station an Freund ghobt?

S: Na, jo. Die Leni hot an Freund ghobt, Werner, der woar a nimmer so der Jüngste. So hoben sie sich allweil troffen, im Goartn.

B: Mhm.

S: A so wie i, im Goarten hot sie sich a troffen mitn. Und da hat s` den Markus ghobt, die hot soviel Freunde ghobt, die Leni. Den Frances, wie hot der ghaßen, Frances. Frances hot der ghaßen, Frances, Frank glaub i hot der ghaßen. Kern! Kern Frank hot er ghaßen. Des woar a so a oider Tagerer.

B: Der woar dir zu alt?

S: Na, den ... na bitte! Der hot, der woar jo nimmer der Jüngste. Der hot immer Trankkübel gfiahrt. Von dem homma allweil gwuzelte Zigaretten kriagt. Der hots immer gwuzelt und dann hot er immer wollen a geben. Und die Sabine hot a immer haben wolln. Bitte, Kohlen.., kann i a ane hoben? Und die Anni hot gsogt: Kohle, geh gib ihr ane, die hot Geburtstag. Hoben s` gsogt, i hob Geburtstag, hot er ihr ane geben. Und dann hat sie graucht, die Sabine. Dann is immer mehr worden; die Zigaretten. Früher hob i ohne Filter graucht und jetzt rauch i mit Filter lieber.

B: Mhm

Frau S. ist darüber informiert, daß auch andere Frauen auf der Station einen Freund haben, es scheint unmöglich zu verheimlichen, wenn sich eine von ihnen mit einem Mann trifft. Der Freund ihrer Mitpatientin wird zum Zigaretten beschaffen genutzt. Aber ansonsten ist er zu alt. Frau S. hat klare Vorstellungen und lehnt Männer auch ab, wenn sie ihr nicht gefallen. Sie differenziert ihre Gefühle in einer Art und Weise, die mich immer wieder erstaunt und weiß genau, wer ihr am liebsten war. Rauchen ist in der psychiatrischen Anstalt eine ihrer Vergnügungen, aber sie hat nie genug Zigaretten. Es scheint so, als würde sie viel Zeit dafür aufwenden, um sich über andere Personen Zigaretten zu besorgen. Ich weiß nicht, ob ihr die Zigaretten vom Personal zugeteilt wurden, nehme es aber an. Heute kann sie rauchen, soviel sie will, was sie auch tut. Auffallend ist, daß sie in ihrer Tasche immer viele Päckchen Zigaretten hat und nie in die Situation kommt, daß ihr diese ausgehen. Außerdem bietet sie sie auch an und bezeichnet sich selbst als großzügig.

6.3.) Leben auf einer Frauenstation

S: Da sogt man Klienten jetzta, i waß net, warum man jetzt Klienten ...

wos haßt denn Klienten?

B: Jo Patienten san eher in Krankenhäuser, net?

S: Jo, Patienten und Klienten san do, gell?

B: Mhm. Gfallt dir des Wort? Net so bsonders, gell?

S: Na.

B: Wie wärs, was gfallert dir denn?

S: I waß net, wos. Na mocht nix, wenns a Klient is, kann man a nix sogen. Gfallts dir a net?

B: Na.

S: Gfallt dir a net, gell?

B: Na.

S: Is a komisches Wort: Klienten. (Lacht) I hau mi ab! Na do gibt`s Leut, gell?

B: Mhm.

S: Do trau i dann immer, Klientin oder Klienten, heart sich komisch an, gell?

B: Mhm.

S: Jo, i waß eh, i kann a nix mochen, i kann a nix ändern.

Für sie sind die Begriffe >Klientin< und >Patientin< nicht genau trennbar und sie findet sie eher komisch.

Die Einführung von Begriffen wie >Klientin< dient in erster Linie dazu, zu klassifizieren und sich als BetreuerIn oder Personal in sozialen Berufen abzugrenzen. In der psychiatrischen Anstalt ist es der weiße Mantel, der den Unterschied zwischen Insassinnen und Personal für alle - auch für die Besucherinnen und Besucher - deutlich macht. Der Dienstgrad ist am Mantel durch ein Schild ersichtlich. Durch die optische Sichtbarmachung wird klar, wer welchen Status und wer welches Recht hat. Die Grenzen dürfen nicht überschritten werden. Das Personal wird zu Ausführenden der Anweisungen von Ärztinnen und Ärzten. Innerhalb des Machtapparats der psychiatrischen Anstalt wird jeder Person ihr Platz zugeteilt. Wenn es eine Gruppe von Personen gibt, die Patientinnen und Patienten genannt werden, dann gibt es auch eine Gruppe, die das nicht ist. Eine Solidarisierung scheint nicht möglich. Frau S. ist klar, daß sie daran nichts ändern kann. Sie bringt für mich zum Ausdruck, daß es immer andere geben wird, für die sie Klientin oder Patientin ist - ob ihr das nun gefällt oder nicht. Dadurch verschwinden die Namen der Personen, die als solche tituliert werden, und ihre Geschichten werden anonym. Es wird in Prozentsätzen und Zahlen ausgedrückt, wie viele Personen in der psychiatrischen Anstalt leben, in den Krankenakten ist von >der Patientin< die Rede. Frau S. verliert dadurch ein Stück ihrer Identität. Sie ist nicht mehr >Frau S.<, die etwas tut oder denkt, sie ist die Patientin, die nicht funktioniert, sie ist eine Nummer, die es zu versorgen gilt.

B: Und die Zeit interessiert mich heut. Wie des, wie's am 6er Pavillon woar.

S: Streng! Die, wenn wir schlimm woarn, hamma a Strof kriagt. Wenn graft wordn is oder irgendwos - Schutzjacken oder Gitterbett ...

B: Des haßt, ihr hobts untereinander grauft?

S: Jo.

B: Weswegen?

S: Die Heidi, nur wegen die Tschick, weils kan Kaffee net kriagt, kann Bohnenkaffee net kriagt hot, und die Schwester hot gsogt, na i dearf net. Hot sie wieder gschimpft.

B: Die Schwester hot dich gschimpft, die Krankenschwester?

S: Na, die Heidi, des is a Patientin, die hätt wolln immer an Bohnenkaffee hoben und die Schwester hot mich erwischt, wie i ihr den Kaffee gebn hob, hot sie gsogt, i dearf ihr kan geben, die Schwester, weil sie so narrisch wird. Und dann... weil i ihr kan geben hob, hot sie mich gschimpft und gnamelt. [67]

Frau S. lebt auf einem Frauenpavillon, auf dem ausschließlich weibliches Personal arbeitet. Sie erlebt Gewalt und Solidarität von Frauen auf unterschiedliche Art und Weise. Sie genießt das Privileg, Bohnenkaffee trinken zu dürfen. Einige andere Patientinnen scheinen davon ausgeschlossen zu sein und benötigen die Hilfe von Frau S. Sie setzt sich über das Kaffeeverbot hinweg, wird aber von der Krankenschwester erwischt, d.h. es gibt Formen, durch die sich die Frauen gegenseitig unterstützen, auch wenn sie dadurch ein Verbot mißachten. Andererseits streiten sie miteinander und schlagen einander, wofür sie bestraft werden. Mir wird nie klar, worum es bei diesen Auseinandersetzungen tatsächlich geht, und ich kann lediglich Vermutungen anstellen. Eine Ursache wird in dieser Interviewpassage klarer. Frau S. hat Privilegien, die sie mit den anderen anscheinend immer wieder teilt und dadurch innerhalb der Patientinnengruppe eine Machtposition ausbauen kann, die auch auf Angst beruht.

S: Und die woar so süchtig und wenn man ihr kan geben hot, hot sie gnamelt. Und wenn s´ ka Zigaretten net kriagt hot, hot sie a gnamelt.

B: Wos hot sie tan?

S: Zigaretten, wenn sie ka Zigaretten... gnamelt - gschimpft!

B: Ah gschimpft! Gnamelt, aha, gschimpft. Mit dir?

S: Jo. Und dann is sie amoi auf die Ober Theresia losgangen, amoi auf die, des woar a Raferei! Des hob i net ausgholten.

B: Mhm. Und du host den Schwestern jo immer gholfen, gell?

S: Jo. Hots ihr ane prackt, voll. Wenns gsponnen hot, homma gschnalzen. Aber noch hot sie ka Ruah net geben. Dann woar i noch z'bled. Dann hot sie noch ka Ruah net... dann kriagst noch ane, homma gsogt.

B: Und wer hot sie do ghaut?

S: Amoi homma alle Patienten hinghaut die wos, wos, wos hinhaun hoben können, hoben alle hinhaun diarfn.

B: Auf die ane Frau?

S: Jo.

Der erzwungene Verzicht auf Zigaretten und auf Kaffee, das Entbehren von Genüssen, die außerhalb der psychiatrischen Anstalt Alltäglichkeiten sind, führt in der psychiatrischen Anstalt zu schweren körperlichen Auseinandersetzungen. Gewalttätig wird versucht, an die begehrten Güter zu kommen. Die Krankenschwestern wissen, daß sie selbst nicht schlagen dürfen, und beauftragen Patientinnen, eine von ihnen zu verprügeln. Frau S. erzählt häufig von solchen Aufträgen. In der Krankengeschichte ist davon nichts vermerkt. Ich nehme an, dass Frau S. sich dadurch einerseits Respekt verschafft hat und andererseits zur scheinbaren Bündnispartnerin der Krankenschwestern wurde. Die Krankenschwestern dürften Patientinnen benötigt haben, um ihre Station unter Kontrolle halten zu können. Die offiziellen Sanktionen reichen nicht aus, vor allem schaffen sie meiner Ansicht nach innerhalb der Patientinnengruppe noch keine tatsächliche Hierarchie. Diese wird erst durch ein Privilegiensystem erreicht, in das auch die Rolle der Handlangerin fällt.[68]

B: Mhm. Und wie bist mit die Schwestern auskommen, mit die Krankenschwestern?

S: A poar hob i net megn wolln. Wos streng woarn, hob i net megn wolln. Die wos liab woarn hob i gern ghobt. Die wos so streng woarn, hob i net wolln. Die Meier Gerti hob i net so gern ghobt. Die tuat immer beobachten. Und die Huber Paula hot gsogt, amoi die Huber Paula und die Meier Gerti hobens Pulver austeilt. Und die Gerti streit mit der Huber Paula, und die Huber Paula rennt ins Schwesternzimmer eine und schimpft immer und die Meier Gerti rennt ihr noch. Und die Sabine hätt sie schon wolln, die is schon beim ersten Platz allweil, die Sabine, hätt sie schon wolln hinfoahrn auf die Meier Gerti. Und die Huber Paula hot gsogt: Spielns Ihna net mit der, Sabine! Und laßts sie, die Heidi, nehmts ihr jo nix weg! Weil die fangt zum Spinnen an.

B: Mhm.

S: Und da hätt sie wolln der Huber Paula helfen, die Sabine. Hätt wollen der Huber Paula helfen, weil die Meier Gerti auf die Schwester losgangen is. Weils gstritten, und die Sabine hätt schon wolln hinfoahrn.

B: Mhm.

S: Und die Meier Gerti: Du Mensch, moch mir jo nix! Hot sie a Angst ghobt.

B: Des haßt, du host der Schwester gholfen, wenn sie wer anderer angfallen is?

S: Jo.

Auch zwischen den Krankenschwestern scheint es zu Auseinandersetzungen zu kommen, deren Gründe ich aber nicht erfahre. Frau S. hilft der Krankenschwester, der ihre Sympathie gehört, und unterscheidet zwischen netten und strengen Krankenschwestern. Eine von ihnen bekommt Angst, d.h. Frau S. kann Teile des Personals durch ihre Körperlichkeit unter Druck setzen, ist damit aber Drohungen ausgesetzt. Sie ist sich klar darüber, daß sie anderen Angst machen kann und setzt das auch ein.

B: Und am 6er, host a a Freundin ghobt?

S: Waß net, die Heidi hob i ghobt. Die Heidi. Oba die woar so lästig allweil mit dem Kaffee. Oba die, die hot mir immer am Kopf, die hot`s immer so gmocht mitn Kopf und hot dir a Bussl aufegeben, dann hat sie immer...

B: Wos, wie? Wos hot s` gmocht, zag no amoi!

S: So an Kopf, den Kopf so gnommen und den Mund dahergeben und hot mir a Kopfbussl geben. Des woar ihr Krankheit, des woar i jo gwohnt. Und dann hot sie immer Hoar zogen.

B: Hoar ausgrissen?

S: So, Hoar, na im Spaß, leicht hot sie's gmacht.

B: Ah so. Net ausgrissen.

S: Na, so leicht zogen. Des hot sie gern gmocht, sog i: Jo, wenns sie's, wennst lieb bist, hob i's eh gern. Manchesmal, manchesmal woar sie eh leiwand und lustig. Do hob i mit ihr a Gaude ghobt, mit der Heidi, und wenn sie gsponnen hot, dann hammas aufn Mond schießen können.

B: Was hot sie denn da tan, wenn sie gsponnen hot?

S: No gspu ..., no gschimpft und frech woar sie und graft hot sie gleich. Oh Gott ..., so hob i sie eh gern ghobt, die Heidi .

In der psychiatrischen Anstalt entwickelt Frau S. Freundschaften zu einzelnen Frauen. Eine dieser Freundinnen ist Frau Heidi. Einerseits kommt es auch zum Austausch von Zärtlichkeiten, andererseits hat sie mit Frau Heidi immer wieder körperliche Auseinandersetzungen, die auch von Frau Heidi ausgehen. Die Frauen können sich nicht aus dem Weg gehen, sie müssen sich auch immer wieder versöhnen und lernen keine anderen Strategien der Auseinandersetzung. Die Gewalt, die sie als Patientinnen durch das Pflegepersonal erleben, geben sie in den eigenen Reihen weiter, d.h. sie definieren sich über dieser Form der Auseinandersetzung, die auch körperliche Zuwendung bedeutet.

S: Jo, die hob i a gern ghobt. Oba die Waltraud, des, des woar mei Freundin. Die hob i schon vom 15er kennt. Wie i einekummen bin in die Baumgartner Höhe, is sie gleich mir nochgrennt, die Waltraud. Dann hoben mi, hot mi die Schwester, hot mi die Oma einegliefert mit der Rettung. Und die und die Schwester, do woar a liabe Schwester, die Peter hot sie ghaßen. Und die Oma hot a gsogt: Frau Peter und die Schwester hot gsogt Frau Rieder. Und dann hot, is die Schwester einegangen, hot s` gsogt: Kinder, seids leise, Kinder benehmts euch, do kummt a neues Madl eine, die muaß sich wos Schönes denken. Und i bin dann in den Saal so kommen, hob gsogt: Oma, baba! Dann hot sie mich jede Woche besucht, die Oma, am Sonntag. Samstag is die Tante kommen und der Opa, Sonntag is die Omama kummen. Und do woar so a liabs Madl. Die Waltraud, die is mir gleich nochgrennt, do hob i die ganze Nacht gsungen mit ihr. I hob "Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling" vorgsungen und des hot ihr gfalln. Hob i's ihr glernt.

Ihre engste und beste Freundin lernt Frau S. bei ihrem ersten psychiatrischen Aufenthalt kennen. Beide werden später getrennt und verlieren sich aus den Augen. Es wird ihnen nicht gesagt, wohin die jeweils andere verlegt wird. Aber sie treffen einander auf einem Pavillon wieder und verbringen die Zeit bis zum Tod von Frau Waltraud gemeinsam.

S: Die Waltraud hob i gern ghobt, die Waltraud, wos i gsogt hob, die woar mei Freundin. Die is oba dann schon gstorbn.

B: Am 6er is die gstorbn?

S: Jo.

B: Wos hot s` denn ghobt?

S: Die hot sich in die Nasenlöcher den Knopf einegsteckt, dann an Kampl hot sie sich in die Brust tan, hot sie Brustkrebs oder i waß net, so a Wundn hot sie ghobt, hot sie sich an Kampl, Nägel, ollas einegeben, des woar so gschwollen, und dann is sie gstorben.

Frau Waltraud scheint sich immer wieder selbst verstümmelt zu haben und dürfte schließlich an den Verletzungen gestorben sein. Frau S. ist sehr traurig, als sie davon erzählt, es strengt sie sehr an. Wir überlegen, ob wir gemeinsam das Grab ihrer Freundin besuchen sollen. Solange sie in der psychiatrischen Anstalt lebte, hat Frau S. das regelmäßig getan. Nach ihrem Auszug war sie nicht mehr dort und nach einigem Nachdenken beschließt sie, auch jetzt nicht hinzufahren. Sie will an diesen Ort ihrer Vergangenheit nicht mehr zurück, sie hat den Verlust abgeschlossen. Da sie den Tod ihrer Freundin miterlebt hat und offensichtlich auch kein Geheimnis daraus gemacht wurde, bleiben für sie keine Fragen offen.

S: Amoi homma Pulver austeilt, die Braun Traude und die Sendler Gertraud hot Pulver auf d'Nocht austeilt. Und die Sabine sogt: I mecht schon zur, i mecht schon sterben, i mecht zu der Waltraud. Sogt donn dieBraun Traude: Des mecht i jo nimmer gheart hoben! Spinnerts Drum hot die Braun Traude gsogt: Warum spinnst denn du schon wieder? Und amoi hot sie a, hot die Heidi hat wollen daß sie a Zigaretten ghobt vom Kohlengang, so ohne Filter. Und die Sabine sogt zu der Heidi: Heidi, konn i a Zigaretten hoben? Sogt die Heidi: Jo, zündt dir's an. Na, i rauchs später. Zreißt's die Zigaretten, frißt's den Tabak, trinkt a Wasser, na und dann hot sie an Kamplstiel gnommen, so a Biaschtnstiel, hätt sie's wolln fressen. Und auf amoi kommt die Schwester, die Wimmer Erna eine und sogt: Du stirbst wegen dem net! Du kriegst was anders, dann scheißt des wieder ausse! Hätts wolln den Biarschtenstiel fressen!

B: Hm!

S: Pfui! Dann hot sie so die Wasserleitung so benützt, den Biarschtnstiel so im Mund ghobt, oba die Wimmer Erna hot sie erwischt dabei.

B: Den kann man jo goar net beißen, an Besenstiel.

S: Na, a Biarschtnstiel!

B: Na, den kann man a net beißen.

S: Na, an Ka..., an Hoarbiarschtnstiel hätt sie wolln schlucken.

B: Aha!

S: Pfui. Und die Wimmer Erna hot gsogt: Do stirbst wegen dem net. Weil sie hätt wolln immer sterben.

B: Aha.

S: Sogt dann die Wimmer: Du stirbst...

B: Wer hätt immer sterben wollen?

S: Die Sabine

B: Du wolltest immer sterben?

S: Dortn, jo, weils net gfa..., waß net, warum sie des immer gsogt hot.

B: Und host probiert, daß du dich umbringst?

S: Jo, mit dem Messer, na net Messer .... und die Schwester hot gsogt: Ins Gitterbett eine! Dann hot sie Bauchweh ghobt, von der, hot s` Blinddarm a ghobt dann.

B: Oh je. Und was host tan, wie wolltst dich denn umbringen, außer mit dem Biarschtnstiel?

S: I waß nimmer, mitn Tabak. Tabak hob i gfressen.

B: An Tabak?!

S: (lacht)

Nach dem Tod von Frau Waltraud unternimmt Frau S. mehrere Selbsttötungsversuche, es gelingt aber keiner. Sie wählt verschiedene Methoden, wird aber immer entweder von einer Krankenschwester oder einer Patientin erwischt. Ihr Lebenswille scheint mit dem Tod ihrer Freundin verschwunden zu sein. Ich gehe davon aus, daß ihre Freundin ihr wesentlicher Bezugspunkt war, mit ihr gemeinsam wird das Unerträgliche aushaltbar. Sie lernt diese Frau während ihrer ersten Aufenthalte in der psychiatrischen Anstalt kennen. Aus ihren Erzählungen entnehme ich, daß sie jünger ist als sie und Frau S. sich um sie kümmert. "In vielen Fällen ist überliefert, daß die meist älteren Frauen als >Lagermütter< Mädchen und junge Frauen >adoptieren<, indem sie sich um sie kümmerten." (Claus Füllberg-Stolberg, Martina Jung, Renate Riebe, Martina Scheitenberger (HgIn.) 1994, S 170). Als diese verlegt wird, verliert Frau S. sie aus den Augen, trifft sie aber einige Jahre später bei ihrer eigenen Transferierung nach A. wieder. Möglicherweise kann sie dadurch den Wechsel aus der ihr vertrauten Stadt und Umgebung besser verarbeiten. Sie trifft zumindest auf eine vertraute Person. "Alle Frauen heben die immense Bedeutung von Freundschaften hervor, die nicht selten durch starke Emotionalität gekennzeichnet waren." (ebd. S 170).

6.4)"Der reißende Fluß wird gewalttätig genannt, aber wie nennt man das Flußbett, das ihn einengt?"[69] oder Was ist Psychiatrie?

"Zweifellos aber läßt sich ein Gedanke festhalten: daß in unseren Gesellschaften die Strafsysteme in eine bestimmte >politische Ökonomie< des Körpers einzuordnen sind. Selbst wenn sie auf gewaltsame oder blutige Züchtigungen verzichten, selbst wenn sie die >milden< Methoden der Einsperrung oder Besserung verwenden, geht es doch immer um den Körper - um den Körper und seine Kräfte, um deren Nützlichkeit und Gelehrigkeit, um deren Anordnung und Unterwerfung."

(Michel Foucault 1994, S 36)

Frau S. erzählt über die Zeit in der psychiatrischen Anstalt in erster Linie von Reglementierungen, Sanktionen und einem straff organisierten Tagesablauf. In dieselbe Kategorie fallen Internate, Gefängnisse, militärische Ausbildungsstätten etc. Foucault beschreibt am Beispiel der Gefängnisse den >politischen Körper<, ein Körper, der durch die Unterwerfung funktionsfähig gemacht wird. Er ist gebunden an seine ökonomische Nutzung. Die Konstituierung als Arbeitskraft scheint nur innerhalb eines Unterwerfungssystems möglich und ist geprägt von Macht- und Herrschaftsbeziehungen. Im Gegensatz zu den Gefängnissen hat es meines Wissens in der psychiatrischen Anstalt keine Revolten von Insassinnen und Insassen gegeben. Es gab keinen Aufstand gegen die Bestrafung, die Isolierung, die Betreuung etc. Die Schwächung der Körper scheint perfekter zu funktionieren als in den Gefängnissen. Ein wesentlicher Unterschied zu Gefängnissen, Internaten, militärischen Ausbildungen etc. ist, daß ein psychiatrischer Aufenthalt zeitlich nicht begrenzt ist. Bei einer Straftat sind die Konsequenzen klar und werden entsprechend dem jeweiligen Rechtssystem sanktioniert, die Palette ist vielfältig und reicht vom außergerichtlichen Tatausgleich bis zur Todesstrafe. Gefängnisrevolten werden außerdem mit Haftbedingungen in Zusammenhang gebracht. Würde in der psychiatrischen Anstalt ein Aufstand stattfinden, so würde er der >Verrücktheit< der PatientInnen zugeschrieben werden. Sie könnten ihre Lage dadurch lediglich verschlechtern.

Im Gegensatz zu einem Gefängnisaufenthalt benötigt die Einlieferung in eine psychiatrischen Anstalt ein Gutachten, eine Einweisung, die Anregung von Verwandten, bei Frauen häufig der Ehepartner etc. Durch psychiatrische Gutachten wird ersichtlich, daß die Einlieferung auf Grund eines Verstoßes gegen gesellschaftliche Normen erfolgt - im Fall von Frau S. handelt es sich um aggressive Angriffe eines jungen Mädchens gegen Personen seiner engsten Umgebung. Es stellt sich heraus, daß sie seit Eintreten der Menstruation an Erregungszuständen leidet. Als Therapie wird eine Medikation vorgeschlagen, ansonsten gilt Frau S. als unheilbar, aber nicht hilflos. Die Einweisung erfolgt auf Anregung der Jugendfürsorge.[70] Bereits beim ersten Kontakt, beim Aufnahmegespräch kann sich die Psychiaterin oder der Psychiater auf Grund vermeintlicher Wissenschaftlichkeit distanzieren. "Sobald der Psychiater seinem Gesprächspartner (...) von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, weiß er, daß er auf einen reichen Schatz an technischen Kenntnissen zählen kann". (Franco Basaglia (Hg.) 1981, S 7). Die >Erregungszustände< werden zwar noch mit der körperlichen Veränderung des jungen Mädchens in Zusammenhang gebracht, aber nicht mehr mit den Gefühlen, die sie dabei haben könnte. "Bereits in der Phase der Aufnahme kann durch die explizite Berücksichtigung frauenspezifischer Lebensumstände (...) eine Entängstigung der Patientinnen gefördert werden." (Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach 1998, S 111). In der Zeit der Aufnahme trifft Frau S. mit Männern der psychiatrischen Anstalt zusammen und sie wird von diesen eingewiesen.

Ich weiß nicht, ob Frau. S. zu diesem Zeitpunkt aufgeklärt ist, aber es scheint mir so zu sein, als wüßte sie über Vorgänge in ihrem Körper, über den Zusammenhang von Gefühlen und Körperlichkeit wenig Bescheid. Anstatt sie zu begleiten, wird sie in eine Institution eingeliefert, in der Körperlichkeit als solche keinen Platz hat. Das große Maß an Schuldgefühl, "das das Patriarchat der Sexualität beimißt, (wird) in überwiegendem Maß auf die Frau abgeladen, die, vom kulturellen Standpunkt aus, als schuldiger Teil oder doch als der schuldigere von beiden angesehen wird." (Kate Millett 1971, S 78).

Alle Maßnahmen in der Psychiatrie, auch die >sanften< Methoden, richten sich gegen die Körperlichkeit. Der Körper wird zum Instrument oder zum Vermittler. Er ist kein "Sie" oder "Er": "Durch Einsperrung oder Zwangsarbeit greift man in ihn ein, um das Individuum einer Freiheit zu berauben, die von ihm sowohl als ein Recht wie als ein Besitz betrachtet wird. Durch dieses Strafsystem wird der Körper in ein System von Zwang und Beraubung, von Verpflichtung und Verboten gesteckt." (Michel Foucault 1994, S 18). Foucault bezeichnet diesen Vorgang auch als Ökonomie der suspendierten Rechte. Dieses Korsett, das um die Körper geschnürt wird, macht sich u.a. in Mechanismen der Überwachung bemerkbar. Z.B. muß die Architektur so gestaltet sein, daß es möglich ist, die Räume mit Blicken zu kontrollieren. Zwischen dem Tagraum und dem Schlafbereich gibt es Fenster, die es ermöglichen, von einem Platz aus das Ganze einzusehen. Bad und Toilette werden abgesperrt, es gibt keine Nischen, die nicht eingesehen werden können. Der einzige private Bereich ist das Bett. Die Überwachung wird zwar von Individuen durchgeführt, beruht aber auf einem hierarchischen Aufbau, einem Beziehungsnetz von oben nach unten. "In der hierarchischen Überwachung der Disziplinen ist die Macht keine Sache, die man innehat, kein Eigentum, das man überträgt, sondern eine Maschine, die funktioniert. (ebd. S 288). D.h. die Macht bedient sich im Sinne Arendts bestimmter Gewaltmittel, die wieder jene kontrollieren, die kontrollieren sollen. Disziplinarverfahren, Strafversetzung etc. entwickeln sich zu Mitteln, mit denen das Personal kontrolliert werden kann. Dieses wiederum bleibt dafür zuständig, die Insassinnen und Insassen in jeder Regung zu kontrollieren. Unklar bleibt, was in der psychiatrischen Anstalt nicht sanktioniert wird. Wenn Frau S. den ganzen Tag vor sich hindöst, hat sie zwar nicht mit Sanktionen im Sinn von Zwangsjacke etc. zu rechnen, aber ihr Verhalten ist ebenso wenig erwünscht wie ihre Aggressionen. Es scheint so, als soll alles - subtil oder direkt - bestraft werden, "bis jedes Subjekt in einem Universum von Strafbarkeiten und Strafmitteln heimisch wird." (ebd. S 230).

Frau S. erwähnt das autoritär-hierarchische Gefälle in der psychiatrischen Anstalt häufig dann, wenn sie sich beschwert, daß ihr nie jemand zugehört hat. Einzig, weil sie nie jemand verstanden hat, könnte es zu verschiedensten Diagnosen und dem langen Aufenthalt gekommen sein. Sie geht nicht davon aus, die psychiatrische Anstalt jemals wieder verlassen zu können, ist sich nicht klar darüber, warum sie dort ist. D.h. sie hat in ihrem Leben weder Transparenz noch Sicherheit. "Die Unterstellung eines Problems unter medizinische Autorität führt somit notwendigerweise zur Abwertung des Laienstandspunkts, von alltäglichen Sichtweisen und Bewältigungsformen." (Rudolf Forster 1997, S 135). Die Wirklichkeit von Frau S. wird nicht zum einzigen Prüfstein, die Wirklichkeit der psychiatrischen Anstalt sind nicht i h r e PatientInnen.

Was aber - um mit Basaglia (1981) zu fragen - ist dann Psychiatrie? Er bestimmt den Begriff der Psychiatrie als politischen Begriff und geht davon aus, daß die einzige Wirklichkeit der Psychiatrie die Patientinnen und Patienten sein dürfen - und zwar nicht in Form eines wissenschaftlichen, abstrakten Verständnisses, das Personen wieder zu Versuchsobjekten macht. Die gesamte Institution verliert ihren Sinn, wenn nicht ausschließlich die Patientin oder der Patient selbst deren Ziel ist. Wird ihnen diese Rolle zugesprochen, verändert sich zwangsläufig das hierarchische Gefälle, und die Rolle des ärztlichen Personals und des Pflegepersonals wird eine andere, jene erhalten die Rechtfertigung ihrer Existenz ausschließlich in der konstruktiven Auseinandersetzung mit den Patientinnen und Patienten. Bis dahin bedarf es ständig der Übersteigerung in der Autorität, "welche die notwendige Distanz schafft und die gleichzeitig vor ihren eigenen Augen (des Personals, Anm. d. V.) das Nichts verbirgt, das zu sein, sie nicht zugeben können." (ebd. S 10). D.h. es würde auch zu einem Rollenwechsel kommen, da das Personal die Distanz zugunsten einer tatsächlichen Begegnung aufgeben müßte. Basaglia geht davon aus, daß die Psychiatrie eine Zielsetzung in sich selbst hat und die Betriebsamkeit, die in ihr herrscht, dazu dient, sie aufrechtzuerhalten, ansonsten aber keine andere Funktion hat. Die Insassinnen und Insassen werden gesellschaftlich in die Psychiatrie verbannt, sie werden Ausgeschlossene. Die Gesellschaft kann sich als gesunde Gesellschaft verstehen und die eigenen Widersprüche weiterhin durch den Ausschluß negieren. Nach Basaglia ist die Anstaltspsychiatrie an ihrem Umgang mit der Wirklichkeit gescheitert. Sie hat sich die doppelte Realität nicht vor Augen gehalten, d.h. die doppelte Realität einer Person, die eine psychopathologische Problematik hat und gleichzeitig eine Ausgeschlossene ist. Basaglia geht es dabei nicht um die Entwicklung einer neuen Ideologie, sondern um das Leben mit den Widersprüchen in unserer Wirklichkeit. Solange Personen verwahrt werden und damit aus dem Blickfeld ihrer MitbürgerInnen verschwinden, müssen sich diese auch mit ihnen nicht auseinandersetzen. "Solange sich anderswo andere um ihn kümmern, werden wir weiterhin das Problem negieren, aus Furcht, uns selbst in ihm wiederzuerkennen und uns damit mit ihm zu identifizieren." (ebd. S 17). Um das zu veranschaulichen, möchte ich ein Beispiel nennen: Ein junger Mann, der sich schwer artikulieren kann und in seinem Äußeren verwahrlost erscheint, macht es sich zur Gewohnheit, andere Personen in der Straßenbahn aufzufordern, ihm ihren Sitzplatz zu überlassen. Obwohl er keine körperlichen Gebrechen hat, überlassen ihm die meisten ihren Platz und gehen möglichst ans andere Ende der Straßenbahn. Dieses kleine Beispiel veranschaulicht die Berührungsängste, wenn wir auf jemanden treffen, der anders ist.

"Der Medizin wird dabei eine zentrale Stellung für die Regulierung der Verhältnisse von staatlich-gesellschaftlicher Kontrolle und individueller Freiheit zugeschrieben." (Rudolf Forster 1997, S 131). Durch die Zugehörigkeit der Psychiatrie zur Medizin wird der Laienstandpunkt abgewertet, d.h. nach Forster, alltägliche Sichtweisen und Bewältigungsformen spielen immer weniger eine Rolle, bis sie in der psychiatrischen Anstalt zur Gänze verschwinden. Durch die medizinische Bewältigung eines Problems und durch die damit verbundene Diagnose wird die soziale Komponente wie Geschlecht, Armut, Arbeitslosigkeit etc. negiert. "Die medizinische Bewältigung von Konflikten erscheint so als apolitisch, wertfrei und nichts anderes als die Anwendung wissenschaftlicher Expertise mit dem Ziel der Hilfe." (ebd. S 137).

Frau S. fällt nach langen Phasen der Unauffälligkeit immer wieder durch ihre Aggressivität gegenüber Patientinnen auf. Es scheint so, als müßte sie zu diesen Mitteln greifen, um aufzufallen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Es scheint viel schwieriger zu sein, Wut und Aggression bei Frauen zu erkennen und zu akzeptieren. Das Ernstnehmen spielt dabei eine zentrale Rolle. Frauen müssen sehr viel mehr an Wut und Aggression produzieren, "um in diesen Anteilen ihrer Persönlichkeit überhaupt gesehen zu werden." (Doris Schneider, Gabriele Tergeist (Hgin) 1993, S 71). Wird diese Wut als Potential gesehen, kann damit gearbeitet werden, d.h. es wird möglich, die Kraft, die dahinter steht, als positiv zu sehen. Es ist üblich, aggressives Verhalten von Frauen sexualisiert zu bewerten.

Als Frau S. einer Patientin aus Eifersucht das Gesicht zerkratzt, wird sie von den Krankenschwestern als >männernarrisch< bezeichnet. Ihr Nichtfunktionieren macht sie selbst daran fest, daß sie teilweise nicht in der Lage ist, Hausarbeiten durchzuführen. Sie scheint außerdem zu verweigern, das Geschirr des Personals abzuwaschen. Auch die Besuche bei sich zu Hause, die am Anfang noch stattfinden, scheitern an ihrer >Unwilligkeit<, Hausarbeiten zu verrichten. Sie hilft der Großmutter nicht mehr.

"Die psychische Genesung wird wiederum an der Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit gemessen." (ebd. S 72). Ihre Funktionsfähigkeit als Frau wird in der psychiatrischen Anstalt und in ihrer Familie gemessen an dem Grad der Angepaßtheit an die Rolle, die ihr zugeschrieben wird.

Sie kann heute nicht mehr sagen, wo ihre damaligen Berufswünsche bzw. Zukunftswünsche lagen, aber sie kannte die Wünsche der anderen. Sie sollte in einer Küche helfen, die Großmutter hätte sich darum gekümmert. Sie selbst wußte nicht, ob sie das wollte oder nicht. Sie verweigerte aber immer wieder mit dem Hinweis darauf, daß es langweilig sei, Haushaltstätigkeiten zu machen, und sie keine Lust dazu hätte. Etwas anderes war aber für sie nie vorgesehen. Ihr Unwille wurde als Launenhaftigkeit ausgelegt.

Arbeit verliert unter den gegeben Bedingungen ihren Sinn. "Weil die Arbeit ihren Wert verliert, kann man durch Arbeit nichts verlieren." (Martha Kos 1998, S 161). Arbeit verliert ihren wirtschaftlichen und sozialen Bezugsrahmen. Goffman (1973) führt aus, daß die Klinik-Theorie auf Grund der totalen Versorgung der PatientInnen keinen Anlaß sieht, diese für ihre geleistete Arbeit zu entlohnen. Das freiwillige Arbeiten in der psychiatrischen Anstalt wird als "Anzeichen der Besserung definiert - als Anzeichen des Interesses an sozial konstruktiver Aktivität." (ebd. S 274). Durch das Arbeiten können auch Vergünstigungen erworben werden, wie z.B. Ausgangserlaubnis, zusätzliche Zigaretten etc.

Für Frau S. war ihr Arbeitsplatz nicht vom Wohnplatz getrennt, jedenfalls hat sie nicht erzählt, daß sie in der psychiatrischen Anstalt in der Arbeitstherapie gearbeitet hätte. Sie blieb den ganzen Tag auf ihrer Station und verrichtete Haushaltstätigkeiten.

Die Tätigkeit im Haushalt wird gesellschaftlich entweder gar nicht entlohnt oder extrem schlecht bezahlt und besitzt einen niedrigen sozialen Status. In der psychiatrischen Anstalt wird Putzen, Betten machen etc. für die Patientinnen zu einer Möglichkeit, als funktionsfähig beurteilt zu werden. Verweigern sie weibliche Tätigkeiten, bleiben sie verrückt und stören den patriarchalen Gesellschaftsfrieden.

EXKURS: "Die Hoffnung hielt nicht lange vor. Zu schnell wurden wir wieder zu Gefangenen unserer Funktionen. Jeder fand sich erneut gefesselt an seine Position und die seiner Klasse."[71]

"´Verrücktheit`, wie auch immer definiert, war stets ein Attribut, mit dem man diejenigen versah, deren Verhalten von dem abwich, was von den Repräsentanten einer bestimmten Schicht oder sozialen Rolle erwartet oder gefordert wurde." (Marilyn French 1992, S 588). French geht davon aus, daß die Ärzteschaft des 20. Jahrhunderts eine sehr vage Definition des Wahnsinns schuf, die es ermöglichte, jeden Menschen einzusperren "der nicht die Macht hatte, sich zu wehren." (ebd. S 592). So wie Basaglia (1980) zeichnet auch sie eine Hierarchiepyramide, an deren Spitze der Psychiater steht. Eine kleine Elite beherrscht die institutionalisierte Psychiatrie - bis hin zur Gesetzgebung. "Die Psychiater erscheinen und verschwinden wie Götter, das Wachpersonal führt die alltäglichen Maßnahmen an den infantilisierten Patienten durch, die immer stärker unter Drogen gesetzt werden müssen, damit sie gefügig sind." (Marilyn French 1992, S 601). Goffman (1973) wendet sich der Problematik der helfenden Berufe über das Dienstleistungsmodell zu, Basaglia (1980) der Thematik >Befriedungsverbrechen<.

Die Schwierigkeit in helfenden Berufen scheint u.a. darin zu liegen, daß sie zumindest in der Anstaltspsychiatrie nicht mit dem Dienstleistungssektor vergleichbar sind und gleichzeitig die Gefahr, eine >Zustimmungsfunktionärin< zu sein, immer vorhanden ist. Franco Basaglia und Franca Basaglia-Ongaro (1980) verstehen unter >Zustimmungsfunktionären< jede Person, die sich mit dem Machtkonsens identifiziert, und fordern, daß es notwendig ist, sich bewußt zu machen, was das bedeutet und auch, was passiert, wenn man sich weigert. Ähnlich wie Thürmer-Rohr (1992), die es innerhalb patriarchaler Strukturen als >Mittäterschaft< bezeichnet, tragen Personen ein System mit, welches nicht den Klientinnen und Klienten dient, sondern der gesellschaftlichen Durchsetzung der Herrschaftslogik. "Das Musterbeispiel dieser institutionellen Logik ist das Hospital - seine innere Struktur folgt den Zweckbestimmungen durch die Ärzte und das Personal, nicht durch die Kranken." (Franco Basaglia 1980, S 23). Diesen Zusammenhang meint auch Goffman (1961), wenn er davon ausgeht, daß eine psychiatrische Anstalt als Auffangstation für Menschen gilt und damit das Dienstleistungsmodell außer Kraft gesetzt wird. Besonders schwierig wird es dann, wenn wie im Falle von Frau S. die Aufnahme nicht freiwillig erfolgt und von langer Dauer ist.

Frau S. spricht in ihren Erzählungen in erster Linie von Beziehungen zum Pflegepersonal und kaum zu Ärztinnen oder Ärzten. Das macht deutlich, daß die Fähigkeiten nicht unbedingt mit dem hierarchischen Status ident sein müssen. "Gehilfen, die den Patienten auf die Visite des Psychiaters vorbereiten, können durch diese Vorbereitung ebensoviel psychiatrischen Einfluß nehmen, wie der Psychiater selbst." (ebd. S 340). Durch die tägliche soziale Situation kann das Pflegepersonal eine Beziehung aufbauen, die der Psychiaterin und dem Psychiater in dieser Art und Weise nicht möglich ist. Auch wenn diese letztendlich die Entscheidungsbefugnis haben, ist die Patientin darauf angewiesen, welchen Eindruck sie auf das Pflegepersonal macht, da dieses in den Visiten berichtet und mögliche weitere Schritte davon abhängig sind. Andererseits hat die Psychiaterin und der Psychiater eine einzigartige Rolle innerhalb dieses Apparates. "Fast jede der Lebensbedingungen (...) kann vom Psychiater beliebig modifiziert werden, vorausgesetzt, daß er eine psychiatrische Begründung dafür findet." (ebd. S 341). Im Leben von Frau S. gibt es viele psychiatrische Begründungen, die sie nicht einordnen kann und über die sie sich auch nicht unterhalten möchte.

Dieser ständige Widerspruch in den helfenden Berufen, einerseits Trägerin und Bewahrerin einer gesellschaftlichen Moral und andererseits einzig verantwortlich gegenüber den Klientinnen und Klienten zu sein, stellt einmal mehr die Frage nach dem eigenen humanen Handeln, das über die persönliche Betroffenheit und das moralische Engagement hinausgeht. Entwürdigende Verhältnisse werden stabilisiert, "wenn ihr Euch nicht der gesellschaftlichen Zusammenhänge und Folgen Eures Handelns ständig und zugleich vergewissert." (Wolfgang Jantzen 1987, S 44).

6.4.1. Merkmale der Institutionen der Gewalt[72]

Das Leben von Frau S. wird seit ihrer Geburt in Akten verwaltet. Sie hat im Zuge unserer Zusammenarbeit auf ihren Wunsch Einblick in einen Teil dieser Akten erhalten. Ihre Biographie liegt in diversen Organisationen auf und macht sie als Person zum Objekt.

"Ob die biographische Lebenslinie eines Individuums in den Köpfen seiner engen Freunde oder in den Personalakten einer Organisation aufbewahrt wird und ob es die Dokumentation seiner persönlichen Identität mit sich herumträgt oder ob sie in Aktendeckeln aufbewahrt wird, das Individuum ist eine Ganzheit, über die eine Akte hergestellt werden kann - eine Weste, die es beflecken kann, steht bereit." (Erving Goffman 1975, S 80). Die Einschulung als bürokratischer Akt legt den Lebensweg von Frau S. fest, d.h. eine Ärztin stellt fest, daß sie für die Regelschule ungeeignet sei. Die Verantwortung beginnt bei einer Person, die ein Urteil über ein sechsjähriges Mädchen fällt, wahrscheinlich in der Annahme, daß dieses Mädchen in der Sonderschule größere Erfolge erzielen werde.

Die genaue Arbeitsteilung als e i n Merkmal der >Institutionen der Gewalt< zieht eine scharfe Grenze zwischen Machthaberin oder Machthaber und der Gruppe, die keine Macht hat. Damit ergibt sich eine Rollenverteilung, die gleichzusetzen ist, mit "Gewalt und Unterdrückung in dem Verhältnis Macht und Ohn-Macht, und diese bedeutet wiederum den Ausschluß der Ohn-Mächtigen durch die Mächtigen." (Wolfgang Jantzen 1981, S 14). Legitimiert wird diese Gewalt und der damit verbundene gesellschaftliche Ausschluß einerseits mit der Einschulung in die Sonderschule und andererseits mit der Folge von >Schuld<, >Krankheit<, >Behinderung<. Der "Mythos von der segregierenden Erziehung" (Wolfgang Jantzen 1993, S 51) als vermeintliche bessere Chance für das Kind entpuppt sich für Frau S. als Mythos ohne Zukunft. Er ist kein Traum nach vorwärts, und zwar deswegen, "weil er nicht die Herrschaft in Frage stellt, die die Gegenwart aufrechterhält, wie sie ist." (ebd. S 53). Vielmehr dient der Mythos dazu, die bestehenden Verhältnisse zu stabilisieren und zu be-wahren. Es ist notwendig, diese Realität zu analysieren und zu reflektieren, aber gleichzeitig erscheint es mir notwendig, eine Utopie zu entwickeln, um segregierende Verhältnisse aufheben zu können, ansonsten geht der Mythos "in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben" (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno 1997, S 15).

Die Sonderschule ist eine Institution der Gewalt, da sie Schülerinnen und Schüler gegen ihren Willen aus dem Lernprozeß der Regelschule ausschließt, sie mit gleichen Methoden und Mitteln wie in dieser unterrichtet - lediglich auf niedrigerem Niveau. Aber sie ist vor allem "im Bewußtsein ihrer Schüler eine Institution der Gewalt, unabhängig davon, ob dies von konservativen SonderschullehrerInnenkreisen verneint wird oder gar der unangemessenen Realitätseinsicht der Schüler (und Schülerinnen) zugeschrieben wird." (Wolfgang Jantzen 1981, S 25).

Die nächste institutionelle Station im Leben von Frau S. ist die psychiatrische Anstalt, die nicht nur eine Institution der Gewalt, sondern auch eine totale Institution ist. Die Insassinnen und Insassen >verschwinden< in ihr aus dem gesellschaftlichen Blickfeld.

Psychiatriepatientinnen und -patienten werden ihrer Familie und Umgebung entfremdet. Frau S. verbringt die erste Zeit teilweise in der psychiatrischen Anstalt, teilweise zu Hause und findet es unerträglich. Sie kann nicht ständig zwischen zwei unterschiedlichen Welten existieren und meint, daß es notwendig sei, einen fixen Platz zu finden. Da sie in ihrer Familie keinen Platz mehr findet, sich dort nur mehr schlecht orientieren kann, glaubt sie, daß sie lieber in der psychiatrischen Anstalt bleiben würde.

Die psychiatrische Anstalt wird zu ihrer Wohn- und Arbeitsstätte, sie verbringt ihre Zeit mit ähnlich gestellten Frauen, die ebenso wie sie über einen nicht-abgegrenzten Zeitraum "von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen." (Erving Goffman 1961, S 11). Hier wird nach Goffman ein zentrales Merkmal totaler Institutionen sichtbar: die Aufhebung der Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen. Alle alltäglichen Dinge finden am selben Platz statt und unterstehen e i n e r Autorität. Das Leben findet in derselben Gruppe von Personen statt, die die gleiche Behandlung erfahren und alles (essen, schlafen ...) gemeinsam und zur selben Zeit tun müssen. Der Tag ist exakt geplant und läßt durch ständige Reglementierung keinen Platz für Abweichungen, (falls doch, werden diese sanktioniert). "Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen." (ebd. S 17).

Frau S. wird eingeliefert, als sie noch minderjährig ist, aber auch bei Erreichen der Volljährigkeit erhält sie nicht die bürgerlichen Rechte, sondern bleibt im gesetzlichen Status eines Kindes. Sie erhält keine Ausbildung, erlebt keine Partnerschaft, wird von ihrer Familie isoliert, darf keine Kinder bekommen und wird in ihrer Sexualität beschnitten. "Dieser permanente Verlust findet seinen legalen Ausdruck im Begriff des >bürgerlichen Todes<." (ebd. S 26).

Goffman unterscheidet zwischen direkten und elementaren Angriffen auf das Selbst und weniger direkten in Form von Demütigungen, deren "Bedeutung für das Individuum schwerer zu ermessen ist, nämlich die Zerstörung des formellen Verhältnisses zwischen dem handelnden Individuum und seinen Handlungen" (ebd. S 43). An erster Stelle nennt er als Form der Zerstörung >Looping< (Rückkoppelung im Regelkreis). Alles, was an sich als Schutzreaktion angesehen werden kann, z.B. Verstimmung, passives Abwarten etc. richtet sich in totalen Institutionen gegen die Patientin, d.h. wenn sie sich vor dem Essen ekelt und das durch einen Gesichtsausdruck zu zeigen scheint, kann sie gezwungen werden, alles aufzuessen. Tut sie das nicht, wird ihr dasselbe Essen am Abend wieder vorgesetzt usw. Da es keine Trennung der einzelnen Bereiche gibt, kann ihr Verhalten in jeder beliebigen Situation kommentiert werden. Oft geschieht das auch vor externen Personen. Bemüht sie sich, ihre Arbeit sorgfältig zu erledigen, wird ihr vorgeworfen, daß sie in der Nacht immer unruhig ist. Am nachhaltigsten wird allerdings die Handlungsökonomie eines Menschen zerstört, "wenn er verpflichtet ist, bei geringfügigen Handlungen, die er draußen ohne weiteres von sich aus verrichten kann, (...) um Erlaubnis oder um Material zu bitten." (ebd. S 47). Nicht nur, daß es entwürdigend ist, z.B. um Hygieneartikel bitten zu müssen, ihr Erhalt ist abhängig vom Gutdünken des Personals, und die Handlung kann jederzeit von ihm unterbrochen werden. Persönliche Gegenstände werden den Patientinnen und Patienten nicht zugestanden, bei der Einlieferung wird ihnen das letzte Stück Privatheit genommen. Für Frauen scheint es mir besonders belastend zu sein, daß sie während der Menstruation keinen Zugang zu individuellen Hygieneartikeln haben und es zum öffentlichen Ereignis wird, wenn die Krankenschwester sich im Tagraum mit einer Kollegin über den Verlauf des Zyklus' einer Patientin unterhält. Die Daten werden aufgeschrieben und sind in der Krankenakte einsehbar. Alle sind immer über alles informiert.

Ein weiteres Merkmal einer totalen Institution bildet der Tagesablauf, der strengstens reglementiert ist. All diese Vorschriften setzen autonomes Denken und Handeln außer Kraft - "Die Autonomie des Handelns selbst wird verletzt." (ebd. S 45). Die Demütigungen, die in der psychiatrischen Anstalt passieren, werden rationalisiert und dadurch legitimiert. Diese Rationalisierung dient in erster Linie dazu, "den Tagesablauf einer großen Zahl von Menschen auf beschränktem Raum und mit geringem Aufwand an Mitteln zu überwachen." (ebd. S 53). Um diese Ordnung aufrechterhalten zu können, benötigt es neben einer Hausordnung u.a. auch ein System an Privilegien und Strafen, die Goffman als Organisationsmodi beschreibt. Frau S. erhält immer wieder Kaffee und Zigaretten, sie >darf< andere Patientinnen sanktionieren und steigt dadurch in der Rangordnung. Sie hat an sich keinen Anlaß sich kooperativ zu verhalten, aber sie würde dann auch Entbehrungen ausgesetzt sein, die sie bei Kooperation nicht erlebt. Das, was in der bürgerlichen Welt niemals ein Privileg wäre (Kaffee und Zigaretten), wird in der psychiatrischen Anstalt durch das Privilegiensystem zu einer Abwesenheit von Entbehrungen.

Der Zwiespalt[73] der Patientinnen ist u.a. zurückzuführen auf die Identifikation mit dem Personal, welches die psychiatrische Anstalt verlassen kann und >draußen< ein verlockendes Leben führt. Freire (1993) beschreibt, daß unterdrückte Personen das Bild des Unterdrückers internalisieren. Sie legen eine Form von Gewalt an den Tag, die er als horizontal bezeichnet,und schlagen die gleichgestellten Personen. Dadurch, daß der Unterdrücker durch die Internalisierung in jedem und jeder von ihnen lebt, greifen sie scheinbar mit den gewalttätigen Übergriffen auch den Unterdrücker selbst an. Gleichzeitig "fühlen sich die Unterdrückten an einem bestimmten Punkt ihrer existenziellen Erfahrung vom Unterdrücker und seiner Lebensweise unwiderstehlich angezogen." (ebd. S 84). Ein anderes Merkmal unterdrückter Personen ist die Selbsterniedrigung, d.h. das Bild, das vom Unterdrücker vermittelt wird, wird ebenfalls internalisiert und der eigene Wert gering geachtet. Frau S. hat so lange gehört, daß sie >nicht normal< ist, bis sie es selbst glaubt. Eine weitere, für sie äußerst wichtige Frage ist, ob sie dumm sei. Hier hat sie die geringschätzige Meinung von anderen mächtigen Personen verinnerlicht und kann heute schwer davon Abstand nehmen.

6.4.2) "Vielleicht könnte man sagen, verlorengegangen sind mir viele Jahre meines Lebens, die ich >überwintert< habe im Krankenhaus"[74]

Frau S. hat insgesamt 21 Jahre in der psychiatrischen Anstalt >überwintert<. Sie hat sich ihre innere Welt in Form ihrer Schwestern bewahrt und dadurch meiner Ansicht nach überlebt. Als sie entlassen wird, kann sie an Dinge anknüpfen, die sie schon vor der Einlieferung selbst getan hat, z.B. eigene Versorgung.

Während des psychiatrischen Aufenthalts sind ihre Überlebensstrategien u.a. die vier Schwestern und die Nutzung des Privilegiensystems. So gelingt es ihr, eine Verbündete in Form einer Krankenschwester zu finden, die ihr den Zugang zur Männerstation ermöglicht, als ihr damaliger Freund krank ist. Sie kann eine Puppe zu ihrem Eigentum erklären und diese auch behalten. Offensichtlich erhält sie auch immer wieder das Recht, ohne Aufsicht in den Garten zu gehen - ein überlebenswichtiger Freiraum im psychiatrischen Alltag. Sie besucht das institutionsinterne Kaffeehaus und nimmt an den verschiedenen Festen teil. Angeblich schreibt sie ihrer Großmutter Briefe und erhält auch welche. Diese Briefe existieren leider nicht mehr.

Immer wieder beschäftigt mich die Frage, warum Frau S. in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde; sie selbst findet darauf keine Antwort, nur eine Beschreibung der Umstände. Es bleibt für sie unverständlich. Möglicherweise hat der eigentliche Konflikt in der Familie - die teilweise Ablehnung der weiblichen Rolle einerseits und andererseits ihr Interesse am anderen Geschlecht - zur Internierung und Psychiatrisierung geführt. Frau S. erzählt, daß sie vor ihrer Einlieferung einen Mann kennengelernt hat, der sie heiraten wollte. Als 13-jährige glaubt sie den Versprechungen, schockiert damit aber die Großmutter, die sie für frühreif und ein >Flittchen< hält. Sexualität darf für Frau S. weder in der Familie noch in der psychiatrischen Anstalt stattfinden. Nach wie vor hat Frau S. sehr ambivalente Gefühle zu sich und ihrem Körper, sie drückt manches über körperliche Symptome aus.[75] Ich nehme an, daß die Großmutter Angst hat, ihre Enkeltochter könnte einen ebensolchen Lebenslauf beginnen wie ihre Tochter und das verhindern will. Der einzige Weg dafür scheint das Auslöschen jeglicher Körperlichkeit zu sein. Frau S. beschreibt, daß sie immer lieber ein Junge gewesen wäre, dann hätte sie mehr Freiheiten gehabt, z.B. länger weggehen dürfen. Sie drückt mit großer Klarheit in ihren Worten aus, daß sie als Junge einen höheren Wert gehabt hätte. Alle ihre Puppen sind männlich, aber ihre Schwestern sind weiblich.

"Gerade die Frauen, die sich dem weiblichen Rollenschema gegenüber ambivalent verhalten oder es ganz ablehnen, drängen oft danach, für solche gefährliche Kühnheit bestraft zu werden." (Phyllis Chesler 1984, S 35). Die Unterwerfung einer Frau in der psychiatrischen Anstalt ist eine Fortsetzung der Unterwerfung in der Familie. Ihr Verhalten ist nicht revolutionär, es schwächt ihre Position und sie kann sich aus den Stricken, die um ihren Körper gezogen werden, nicht befreien. Sie findet weder in der Familie noch in der Fürsorgerin oder in der psychiatrischen Anstalt eine Bündnispartnerschaft, jemanden, der ihr zuhört und für sie spricht. "Ihr Verhalten ist >verrückt<, weil es den Versuch eines sozial machtlosen Individuums darstellt, Körper und Geist miteinander in Einklang zu bringen." (ebd. S 55).

"Es gibt einfach keinen Mißbrauch der institutionalen Psychiatrie und es kann ihn nicht geben, weil diese Einrichtung selbst ein einziger Mißbrauch ist." (ebd. S 98)

Chesler vergleicht mit Szasz die Psychiatrisierung mit der Hexenverfolgung. Auch wenn wir über Hexen wenig wissen und dieses Wissen auf Vermutungen basiert bzw. auch immer wieder romantisch betrachtet wird, paßt der Vergleich in mancher Hinsicht. Szasz beschreibt u.a. die Neugier der Inquisitoren auf jede Art von Sexualität und Phantasie der Opfer. Die Unschuld einer Hexe wird dann bewiesen, wenn sie bei der Wasserprobe ertrinkt, d.h. eine Frau ist nur eine gute Frau, wenn sie tot ist.

Die geheimnisvolle und gefährliche Frau wird ausgeschaltet, sie und ihr Körper, der unberechenbar scheint, kann durch Gewalt kontrolliert, beherrscht und benutzt werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert, allerdings denke ich, daß die Mechanismen subtiler geworden sind. Durch die Psychotherapie und Medikation[76] ist es heute mit anderen Mitteln möglich, Kontrolle auszuüben. "Der Rückgriff auf Psychopharmaka und auf diverse physiologische >Unterbrecher< liegt genau in der Richtung dieses >körperlosen< Strafsystems." (Michel Foucault 1976, S 19). Durch dieses >körperlose Strafsystem< verschwindet das Schauspiel und Schmerzen werden beseitigt. Es muß nicht mehr offensichtliche Gewalt z.B. durch die Zwangsjacke angewendet werden. Chesler vergleicht die Psychotherapie mit der Ehe in dem Sinn, daß sie meint, Frauen könnten in beiden ihren Zorn ausdrücken und entschärfen "indem sie diesen als Art emotionale Krankheit erleben und ihn in hysterische Symptome umsetzen." (Phyllis Chesler 1984, S 105). Für Frau S. sind Medikamente kein Thema, sie gehören seit langem zu ihrem Alltag. Ihre Sachwalterin berichtet mir, daß es sehr schwierig war, mit Frau S. Medikamente abzusetzen. Frau S. erzählt von ihrer Angst, wieder jemanden zu schlagen, sie konnte es sich nicht vorstellen, daß sich ihr Verhalten verändert haben sollte. Langsam ist es dann doch gelungen, die Medikation zu reduzieren. Über Psychotherapie in der psychiatrischen Anstalt berichtet sie nicht, sie kann sich darunter auch nichts vorstellen. Für mich macht es deutlich, daß körperliche Gewaltmittel wie Zelle etc. als Sanktionen für sie wesentlich greifbarer sind, diese kann sie auch als Bestrafung benennen. Anscheinend erlebt sie Medikation auch als Unterstützung in Hinblick auf ihr aggressives Verhalten, macht sich aber keine Illusionen darüber, daß es dadurch zu einer realen Veränderung gekommen wäre.

6.5.) Formen des Widerstands

"Grundsätzlich liegt diesem Aufsatz die Überlegung zugrunde, daß Widerstand kein starrer, dogmatischer Begriff sein kann, sondern seine Definition sich orientieren muß an den Intentionen und den Methoden des Gegners sowie den objektiven Rahmenbedingungen, d.h. dem von ihm geschaffenen Repressionsapparat." (Claus Stollberg, Martina Jung, Renate Riebe, Martina Schweitenberger (HgIn.) 1994, S 167).

Ich habe bereits bemerkt, daß innerhalb der psychiatrischen Anstalt keine Revolution von seiten der Patientinnen und Patienten stattfand. Der organisierte Widerstand[77] kann meiner Ansicht nach unter den Bedingungen einer totalen Institution lediglich zu Verschärfung der Lage führen, was wiederum an dem ungleichen Machtgefälle liegt. Auch die Unterstützung von außen, sei es durch Angehörige oder Berufsgruppen, scheint nicht gegeben. Aber es gibt verdeckte Formen des Widerstands, die auch als Überlebensstrategie angesehen werden können. Frau S. hat nie von Widerstand gesprochen, d.h. die Interpretation ihrer Geschichte unter dem Aspekt des Widerstands stammt ausschließlich von mir.

Im Laufe der Interviews betont Frau S. immer wieder ihr gutes Gedächtnis, und zu meinem Erstaunen kann sie Spottgedichte aus der Schulzeit rezitieren:

S: Kaum hat die Pause ausgeklungen,

kommt der Kati reingesprungen,

hängt den Mantel auf den Haken,

fängt katholisch an zu quaken,

in der Linken eine Bibel,

in der Rechten ein Paket,

auf dem Kopfe eine Glatze,

das ist unser Katechet.

B: Wo host denn des glearnt?

S: Von daham, von der Hauspartei-Freundin, mit der im Haus gwohnt hob.

B: Wie's du noch a Kind woarst? Und des host dir bis heut gmerkt?

S: Jo.

Sie singt gemeinsam mit ihrer Freundin oder lehrt sie Lieder, an die sie sich erinnern kann. "Weitere überlieferte Formen der geistigen Betätigung sind das gegenseitige Lernen von Sprachen sowie das Rezitieren von Gedichten und anderen literarischen Werken. (...) Kulturelle Betätigung der verschiedensten Art (...) waren Ausdruck eines ungebrochenen Lebenswillens und der Hoffnung." (ebd. S 179). Frau S. kann durch ihre Kenntnisse aus der Schulzeit einen Rest von Selbstachtung in der psychiatrischen Anstalt aufrechterhalten. Ihr gutes Gedächtnis rettet sie vor dem dumpfen Dahinvegetieren.

Als Widerstand in der psychiatrischen Anstalt kann alles angesehen werden, was sich gegen Anordnungen von oben richtet - wenn Frau S. einer Patientin Kaffee gibt, die keinen trinken darf, wenn sie Medikamente vom Medikamentenwagen nimmt und damit die Krankenschwestern in Schwierigkeiten bringen will, wenn sie die ihr aufgetragene Arbeit entweder nicht oder nicht ordentlich verrichtet etc. Sie riskiert damit aber ständig, daß sie Privilegien verliert.

Wesentlicher Kern des individuellen Widerstands scheint zu sein, daß alle Handlungen "ein Überlebensmuster im existentiellen Kampf um ihre Selbstbehauptung als menschlich empfindende und handelnde Wesen darstellten." (ebd. S 189). Dieses Überlebensmuster zeigt sich bei Frau S. auch in der Solidarität mit anderen Patientinnen, ist aber geprägt von Ambivalenz.

Einerseits hilft sie ihnen, teilt mit ihnen und hat enge Frauenfreundschaften, andererseits verrät sie diese bei jeder Gelegenheit und wird selbst häufig verraten. Die Frauen verprügeln einander und freuen sich, wenn eine von ihnen verprügelt wird. Diese Ambivalenz könnte aus der Frage des Umgangs mit Differenz entstehen. Die Gleichmacherei in der psychiatrischen Anstalt kann durch Konkurrenz eine Möglichkeit der Besonderheit schaffen. Durch das Negieren ihrer jeweiligen Lebensgeschichte wird jede Frau zu einer Nummer und behält oft nicht einmal ihren Namen, vielmehr gibt es zahllose Spitznamen oder Verkürzungen. So wie Schwestern in Familien konkurrieren, um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen, kann Frau S. die Aufmerksamkeit der Krankenschwestern auf sich lenken, wenn sie andere denunziert. Abgesehen davon ist sie körperlich stark, d.h. sie kann dem Personal auch dienlich sein und dieses bei der Sanktionierung der anderen Patientinnen unterstützen. Das Gefühl der Macht über andere scheint es wert zu sein, die Solidarität zu verlassen. "Die gegenseitige Bespitzelung der Frauen wurzelt in ihrer Angst vor Machtlosigkeit." (Phyllis Chesler 1984, S 265). In diesen kurzen Momenten kann sich Frau S. mächtig fühlen, die Gewalt, die die Krankenschwestern auf sie ausüben, den Mißbrauch, der stattfindet, erkennt sie nicht. Sie verbessert mit ihrem Verhalten nicht ihre Lebensbedingungen, aber sie werden dadurch auch nicht verschlechtert.

6.5.1) Frauenfreundschaft als Überlebensstrategie im individuellen Widerstand

"Das entgegengesetzte Muster - gegenseitige Unterstützung und Kooperation - entwickelt sich häufig aus der Erkenntnis der Schwestern, daß ihre Chancen zu überleben steigen, wenn sie sich zusammentun." (Valerie Miner, Helen E. Longino 1990, S 82). Ich sehe die Unterschiede der Beziehungen, die Frau S. in der psychiatrischen Anstalt eingeht, vor allem darin, daß sie ihre Freundin Frau Waltraud weder verrät noch schlägt. D.h. sie hat in ihrem Kampf ums Überleben eine Bündnispartnerin gefunden, die sie nicht verlieren will. Das Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit wird in der Literatur über Internierungslager und Frauenkonzentrationslager[78] als spezifische Überlebensstrategie von Frauen beschrieben. Das Eingehen enger Bindungen auch unter extremen Bedingungen scheint eine Fähigkeit von Frauen zu sein, die ihnen hilft, Hoffnung zu bewahren und Sinnhaftigkeit herzustellen. Wenn stärkere oder ältere Frauen sich um schwächere kümmern, gemeinsam versuchen, den Alltag durch Lieder etc. zu verändern, sich trösten etc.; dann machen sie nichts anderes, als was sie in ihren Familien gelernt haben. "Die Frauen mit dieser Art der Bindung ersetzen das familiäre Leben, das für sie bisher alles war, durch die Bildung von kleinen >Lagerfamilien<." (Martha Kos 1998, S 196). Diese Familien oder die Paare, die sich bilden, können als Schutz dienen und die eigene Selbstachtung durch die positive Bestätigung der anderen stärken.

Trotz allem leben die Frauen isoliert und, wie Bielstein (1991) ausführt, handelt es sich um kleine Akte praktischer Solidarität, die ich bereits beschrieben habe. Die Autorin geht davon aus, "daß andere Strukturen mehr Austausch, Geborgenheit und Stärke schaffen können." (Dagmar Bielstein 1991, S 53). Das Verlegen einzelner Patientinnen ohne Information bzw. ohne die Möglichkeit, sich gegenseitig besuchen zu können, schafft einen Rahmen für Beziehungen, der es schwierig macht, Vertrauen und Geborgenheit aufzubauen. Frau S. beschreibt selten die Beziehungsverluste, die sie erlebt, als sie von ihrer Familie getrennt wird und als sie aus der psychiatrischen Anstalt auszieht. Aber sie leidet sehr unter den Beziehungsabbrüchen, die sie in der psychiatrischen Anstalt erlebt. Sie findet dafür keine Erklärung und weiß auch nicht, warum sie verlegt wird.

Es scheint so, als würde sie nach dem Tod von Frau Waltraud und nach dem unerklärlichen Verschwinden ihres Freundes keine engere Beziehung mehr eingehen. "Für Frauen ist von entscheidender Bedeutung, inwieweit sie in einer Gruppe für Frauen und Männer nicht mehr vereinzelt sind, sondern sich auf weitere Frauen beziehen können und inwieweit es ihnen gelingt, die Unterstützung von anderen Frauen zu finden." (Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach (Hgin.) 1998, S 41).

Frau S. gibt meiner Ansicht nach die Hoffnung nach dem Tod ihrer Freundin auf. Für Bewältigung der Trauer, der Einsamkeit und des Gefühls der Verlassenheit scheinen ihr keine Ressourcen mehr zur Verfügung zu stehen. Im Sinne von Feuser (1995) möchte ich die Selbsttötungsversuche in das Modell der >Bifurkation< und >Hysterese< einordnen. Der Selbsttötungsversuch ist im Leben von Frau S. ein Versuch der Stabilisation, d.h. sie wird durch den Tod ihrer Freundin in ihrem Denken und Handeln zutiefst ver- und gestört und hat unter den gegebenen Bedingungen keine anderen Mechanismen zur Verfügung. Grundsätzlich stehen ihr mindestens zwei nicht vorhersehbare Regimes zur Verfügung. Sie trifft selbst die Auswahl und hätte genausogut z.B. verstummen können. "Jeder neue Zweig, der eingeschlagen wird, ist eine dem System entsprechend seinen Bedingungen eigene Möglichkeit, sich zu stabilisieren und für das System "so normal" wie ein anderer, der möglich ist, aber nicht eingeschlagen wurde." (ebd. S 114).

Soweit ich es beurteilen kann, dürfte Frau S. in der psychiatrischen Anstalt nach dem Tod ihrer Freundin keine oder wenig Unterstützung erfahren haben. "Der Selbstmord vieler Patientinnen war ihrer Ansicht nach auf die ständigen Schikanen, die Einsamkeit und Verzweiflung zurückzuführen." (Phyllis Chesler 1984, S 9). Frau S. wird von den Patientinnen verspottet; es scheint so, als wäre sie um die Beziehung mit Waltraud beneidet worden. Die Krankenschwestern dürften ebenfalls wenig Verständnis aufbringen. Dieser Umgang mit Tod und Trauer scheint in unserer Gesellschaft normal zu sein, ist also auch in der psychiatrischen Anstalt nicht ungewöhnlich. Alle Formen von Gewalt, Ignoranz und Unverständnis sind auch außerhalb der Psychiatriemauern zu finden, d.h. die psychiatrische Anstalt nimmt nicht nur ihre Kontrollfunktion wahr, sondern auch eine Reproduktionsfunktion der gesellschaftlichen Verhältnisse und dazu zählt die patriarchale Sichtweise von Normalität. "Die Normalitäts-Konzepte von `Männlichkeit´ sind dabei als Norm für Mensch-Sein an sich verallgemeinert. Dieser Doppelstandard (Eichler 1979; Radcliffe Richards 1983) benachteiligt Frauen systematisch." (Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach (Hgin) 1998, S 30).

6.6.) Folgen der Isolation auf die Beziehungsfähigkeit

Ihre Isolation erhält Frau S. zu einem gewissen Grad bis heute aufrecht und bezieht sich bei meinen Rückfragen auf ihre Puppen, die ihr genügen. Beziehung zu einer Frau, die als ehemalige Langzeitpatientin bezeichnet werden kann, ist nur dann möglich, wenn sie kontinuierlich, langsam und vorsichtig aufgebaut wird. Dabei müssen die ausgeprägten Abhängigkeitsstrukturen zum Personal bzw. zu den Beziehungsstrukturen und dem Kommunikationssystem auf der Station berücksichtigt werden, was eine genaue Kenntnis dieser Strukturen mit einschließt. Die weiblichen Beziehungsstrukturen "sorgen in der Regel perfekt für die Entmündigung der Patientinnen, was aufgrund gesellschaftlicher Rollenverteilung und weiblicher Sozialisation für viele Langzeitpatientinnen nur eine Bestätigung und Wiederholung früher gelebter Beziehungsmuster darstellt." (Doris Schneider, Gabriele Tergeist (Hgin.) 1993, S 163). Der Schutz, den sich Frau S. gegen Verletzungen aufgebaut hat, erschwert gleichzeitig den Zugang zu ihren Gefühlen. Sie braucht eine aktive Partnerin, mit der sie dann in der Lage ist, eine Beziehung aufzubauen. Ihr Teil bleibt passiv, sie kann sich ohne Unterstützung keine neuen Lebensräume eröffnen. "Es fällt ihnen (den Langzeitpatientinnen, Anm. d. Verf.) nicht leicht, soziale Bezüge zu entwickeln; sie nehmen in der Beziehungsgestaltung eher die passive Rolle ein." (ebd. S 169).

"Lebendigkeit spüren - damit öffnen sich die Frauen auch einem Drahtseilakt, denn die Gefahr von Verletzungen wächst für sie in dem Maße, wie Lebendigkeit zugelassen werden kann." (ebd. S 169)

Die Bewältigung des Erlebten ermöglicht den Zugang zur eigenen Lebendigkeit, heißt aber auch, daß eine Frau in Hinblick auf ihre Vergangenheit aktiv die Verantwortung übernimmt. "Es wird deutlich, daß das "Hilflosigkeits-Selbstbild" vieler Frauen den Krankheitsstatus stabilisiert." (Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach (Hgin.) 1998, S 106). Durch die Manifestation der Hilflosigkeit in der psychiatrischen Anstalt scheint es so, als würde Frau S. auch in der Gegenwart hilflos sein. Damit aber bleibt sie ohnmächtiges Objekt ihrer Geschichte.

In den letzten Jahren fand in Zusammenhang mit traumatisierten Personen eine Begriffsänderung statt, die nicht mehr von Opfern, sondern von Überlebenden spricht. Der Opferstatus bleibt im Passiven, während der Status einer Überlebenden dieser totalen Strukturen und ihrer Gewalt inkludiert, daß sie Strategien entwickelt, mit denen sie überlebt, d.h. ihr wird bereits in der psychiatrischen Anstalt eine aktive Rolle unter den gegebenen Bedingungen zugesprochen. Auch in der Arbeit mit Frau S. macht es einen Unterschied, ob ich sie als "Opfer" oder als "handelndes Subjekt" sehe. Ich möchte dabei nicht die Bedingungen negieren, aber Vergangenheitsbewältigung scheint mir nur dann möglich zu sein, wenn ich davon ausgehe, daß jede Person unter extremen Bedingungen von anderen Unterstützung erfährt bzw. aus ihrer bisherigen Lebensgeschichte heraus in der Lage ist, Strategien zu entwickeln.

Aus den Erzählungen von Frau S. weiß ich, daß sie auch heute manchmal Angstzustände hat, aber anders damit umgehen kann. Einerseits scheint sie gelernt zu haben, mit ihrer Angst zurechtzukommen, andererseits lebt sie unter anderen Bedingungen, die es ihr ermöglichen, nützliche Strategien für diese Situationen zu entwickeln. So kann sie etwa tagsüber zu ihren BetreuerInnen gehen und sich auch im Dienstzimmer aufhalten, in der Nacht dreht sie das Radio auf, redet mit ihren Schwestern und wippt in ihrem Sessel. Zusätzliche Sicherheit erhält sie durch ihre vielen verschiedenen Puppen und Spielhäuser, die ihr Bett ausfüllen. Ich bin immer wieder überrascht, wie sie in ihrem Bett noch genügend Platz zum Schlafen findet. Mein Eindruck ist, daß sie - wenn man ihr jetziges Leben als Wohnung betrachtet - in dieser Wohnung den kleinsten Raum benützt und es nicht wagt, auch in die anderen Räume zu gehen.

Auch für ihr Leben in der Öffentlichkeit hat sie Bewältigungsstrategien gefunden. Sie möchte manchmal hinschlagen, wenn sie jemand ihrer Meinung nach "blöd" oder zu lange ansieht. Aber meines Wissens hält sie sich zurück. Auch ihre Betreuerinnen und Betreuer berichten keine derartigen Vorfälle. Sie wünscht sich aber nach wie vor eine Waffe (Messer), um sich verteidigen zu können. Auch Kinder verunsichern sie und sie hat das Gefühl, daß diese es auf sie abgesehen hätten. Aus den Erzählungen ihres Cousins weiß ich, daß Frau S. im Gemeindebau ein beliebtes Objekt für Spott vor allem von jüngeren Kindern war (auf Grund ihres Gangs, auf Grund ihres Aussehens etc.). Sie konnte damals als Kind und als junges Mädchen keine andere Strategie finden, als zuzuschlagen, und auch heute machen ihr solche Situationen Angst und sie möchte sich gewalttätig verteidigen.

Laut ihrer Aussage ist sie verunsichert, weil sie das Verhalten anderer Personen nicht gut einschätzen kann. Diese Unsicherheit scheint für mich eine Grundlage ihres Lebens zu sein und Ausdruck dafür, keinen sicheren Platz in der Welt zu haben.

"In einem Meer von Klang, in einem Nebel von Gefühlen regt sich eine Kraft

Und die Welt ist voll von Stimmen

Stimmen die flüstern

Stimmen die lachen

Stimmen die mich zermalmen in der Dunkelheit des Tages

aber ich trage ein Lied in meinem Herzen

das sagt sie dürfen leben in Frieden neben mir."

(anonym)



[58] Aggressive männliche Jugendliche dürften für dieses Verhalten - wenn sie einen anderen Jungen oder einen Hund verprügeln - entweder gar nicht belangt werden oder bei fortsetzender Körperverletzung ein "Fall" für den Jugendstrafvollzug werden. Sie schlagen also eine kriminelle, aber keine psychiatrische Karriere ein.

[59] Alle Informationen aus der Krankengeschichte, die ich mit schriftlichem Einverständnis von Frau S. und ihrer Sachwalterin für meine Arbeit verwende, sind anonymisiert, entsprechen aber dem sachlichen Inhalt.

[60] Wenn nicht anders angeführt, beziehe ich mich in Folge auf Interviewpassagen vom 12.1.1998

[61] Wenn nicht anders angeführt, beziehe ich mich in Folge auf Interviewpassagen vom 17.3.1998

[62] Sie kommt auch auf die Idee, daß sie sterben hätte können. Ich weiß aus den Interviews und der Krankengeschichte, daß sie mehrmals Selbsttötungsversuche unternommen hat. Diese Versuche deklariert sie auch als das, was sie sind. Sie wollte sterben. Mit erscheint es im Fall des Desinfektionsmittels eher so, daß ihr jemand erklärt hat, daß sie daran auch sterben kann, sie selbst aber in diesem Fall keine Selbsttötungsabsichten hat.

[63] Ich beziehe mich in erster Linie auf heterosexuelle Beziehungen, da Frau S. ihre Frauenbeziehungen dezidiert nicht zur lesbischen Sexualität zählt und nicht von lesbischen Beziehungen auf der Station berichtet - was nicht heißt, daß es diese nicht gegeben hat.

[64] Vgl. Uta Enders-Drägasser, Brigitte Sellach (Hgin.) 1998

[65] Auf den Umstand, daß sich die psychiatrische Anstalt durch ihre heimlichen Sklaven und Sklavinnen Lohnkosten in erheblicher Höhe erspart und Personen unter dem Aspekt der >Arbeitstherapie< unversichert, ohne Anspruch auf diverse Sozialleistung und ohne Gehalt bzw. Berufsperspektiven ausbeutet, möchte ich hier nicht näher eingehen.

[66] Die Großmutter besucht sie nicht mehr, und ihr Tod Jahre später wird ihr zuerst verschwiegen. Ihre Freundin C., mit der sie in der Psychiatrie lebt, stirbt eines Nachts, und Frau S. ist nicht klar, warum.

[67] Wenn nicht anders vermerkt, stammen alle folgenden Zitate aus dem Interview vom 11.2.1998

[68] Das sogenannte Kapo-System, das typisch ist für totale Institutionen, wird von Frau S. gut

beschrieben. Vgl. die von mir verwendete Literatur über Frauen und Konzentrationslager und Erving

Goffman 1973.

[69] sinngemäß zitiert nach Bertolt Brecht

[70] Die Ersteinlieferung von Frau S. findet während der Adoleszenz statt und damit in einer besonders sensiblen Phase der sexuellen Entwicklung. Erikson (1995) bezeichnet diese Zeit als >Identität gegen Rollenkonfusion< und meint, daß Jugendliche auf der Suche nach einem neuen Kontinuitäts- und Gleichheitsgefühl sind und viele Kämpfe mit ihrer Umwelt austragen. Der Übergang von der Kindheit in die Adoleszenz kann als Wegkreuzung für Mädchen betrachtet werden, was die Frage aufwirft, wie Mädchen auf die herrschende Kultur reagieren - "eine Kultur, die nicht mit den Stimmen der Mädchen harmonieren und sich zum größten Teil nicht für die Erfahrung von Mädchen interessiert, die junge Frauen zum Objekt macht und idealisiert und gleichzeitig trivialisiert und abwertet." (Vgl. Lyn M. Brown, Carol Gilligan 1994, S 17)

[71] Vgl. Franco Basaglia u.a. 1980, S 11

[72] Der Mangel an Privatheit sowie eine Infantilisierung sind typisch für Krankenhäuser allgemein, allerdings mit dem Unterschied zur psychiatrischen Anstalt, daß der Aufenthalt zumeist freiwillig und begrenzt erfolgt, weil ein organisches Leiden über einen meist relativ kurzen Zeitraum behandelt wird.

[73] Es wird meiner Ansicht nach deutlich, daß sich Frau S. einerseits anpaßt und andererseits auflehnt.

[74] Doris Schneider, Gabriele Tergeist (Hgin.) 1993, S 161

[75] Den ersten Besuch bei der Familie mußten wir verschieben, weil Frau S. eine ansteckende Hautkrankheit bekam, die langsam heilte.

[76] Ich halte Psychotherapie und Medikation in gewissen Lebensphasen und unter bestimmten Bedingungen für eine gute Unterstützung, sehe aber die Gefahr, daß beide ebenso dazu eingesetzt werden können, Frauen anzupassen, sie ruhig zu halten und dafür zu sorgen, daß sie funktionieren.

[77] Durch Selbsthilfegruppen von Psychiatrieerfahrenen und der Irrenoffensive Berlin kommt es mittlerweile zu einer Form des organisierten Widerstands, allerdings außerhalb der psychiatrischen Anstalt. Ich beachte im Leben von Frau S. die Widerstandsformen, die innerhalb der Institutionen entwickelt werden können.

[78] Vgl. Claus Füllberg-Stolberg, Martina Jung, Renate Riebe, Martina Scheitenberger (HgIn.) 1994, Martha Kos 1998, Mechthild Gilzmer 1994, Ruth Elias 1990, Liane Millu 1997

7. Die vier Schwestern

Die vier Schwestern lerne ich bereits beim ersten Treffen mit Frau S. kennen. Sie möchte gerne, daß mir ihr Bezugsbetreuer erklärt, wer sie sind. Auffallend ist, dass sie selbst sehr wohl in der Lage ist zu erzählen, was ihre Schwestern für sie sind, es aber trotzdem delegiert. Mein erster Eindruck ist, daß sie im Zusammenhang mit anderen Personen ihre Schwestern als etwas Ungewöhnliches erlebt, selbst aber keinerlei Probleme mit deren Existenz hat.

Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens hat Frau S. nur mehr zwei Schwestern, die sie immer begleiten. Zwei der vier Schwestern sind während des psychiatrischen Anstaltaufenthalts verschwunden, ohne sich zu verabschieden.

Ein Interview widmen wir ausschließlich diesem Thema[79]. Für mich war es sehr spannend, ihre Schwestern kennenzulernen, zu sehen, wie Frau S. mit ihnen umgeht und wie sich im Laufe der Zusammenarbeit ihre Präsenz verändert.

Während dieser Zeit besuchte ich einen Kongreß in Deutschland, der sich u.a. ebenfalls mit dem Thema >Stimmen hören< beschäftigte. Der Arbeitskreis bestand zu ca. 50 % aus stimmenhörenden Personen beiderlei Geschlechts.

Trotz meines Zugangs über die Fachliteratur fand ich kaum Argumentationen, die mir im Zusammenhang mit Frau S. schlüssig erscheinen. Die Schwestern von Frau S. scheinen lebendige Personen zu ein. Aus diesem Grund ist dieser Teil meiner Diplomarbeit stärker als die anderen Teile getragen von den Interviews mit Frau S., den gemeinsamen Erlebnissen mit ihr und ihren Schwestern und meiner teilnehmenden Beobachtung.

Für Frau S. sind ihre Schwestern wesentlicher Bestandteil ihrer subjektiven Realität, was für mich bedeutet, sie als Teile der Persönlichkeit von Frau S. zu sehen. Ich möchte mich daher an dieser Stelle von den unterschiedlichen Diagnosen, die Frau S. im Laufe ihres Lebens erhalten hat, distanzieren.

7.1.) "B: Mhm. Und in der Schul host mit deine Schwestern net redn derfn? S : Na, diarfn schon, i hob net wolln."

B: Und waßt du noch, wann die erste Schwester kumman is? Wie oid dass du dann warst? Woast no a Kind, woarst scho in der Schul? Seit wann hastn die Schwestern?

S: Seit Kind schon. I waß nimmer mehr.

B: Na woan de schon, wiast no in der Schul woarst?

S: Jo.

B: Do hot sies schon gebn in der Schul?

S: Jo. Oba do hob i net redn diafn in der Schul, allan mit der Susanne und Anna. Beim Hamweg hob i allweil gredt mit ihr.

B: In der Schul net?

S: Na, weil da da hat die Frau Lehrerin gsogt, wir derfn net redn unter der Stund.

B: Aha. Und dahoam bei der Oma?

S: Hots gredt! Do hots gsungan und ollas, homma immer gsungan miteinander, Radio ghorcht, zsammrama gholfn, einkaufn gangan.

Meine Annahme war, daß Frau S. ihre Schwestern in der psychiatrische Anstalt entwickelt hat, um diese überleben zu können. Tatsächlich dürfte die Entstehung ihrer Begleiterinnen früher zu datieren sein. Nicht nur ihre Aussagen weisen darauf hin, auch ihrer Familie sind die Schwestern gut bekannt. Aus den Interviews mit den Familienmitgliedern geht hervor, daß sie die Unterhaltung von Frau S. mit ihren Schwestern zwar seltsam fanden, Frau S. aber deswegen keine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte. Auch in der Krankengeschichte wird sehr unterschiedlich damit umgegangen. Die Beurteilung der Existenz der Schwestern reicht von Selbstgespräch bis Schizophrenie.

In dieser Passage geht hervor, daß die Schwestern auf jeden Fall während der Schulzeit existiert haben, Frau S. aber nicht immer mit ihnen spricht. Offensichtlich gibt es Situationen, in denen für die Schwestern kein Platz ist. Meine Annahme, dass Frau S. ihre Schwestern nicht braucht, wenn sie andere befriedigende Beziehungen hat, wird im Laufe unserer Zusammenarbeit bestätigt.

Die Schulzeit ist für sie eine wichtige und schöne Zeit, die sie in guter Erinnerung hat. Abgesehen davon, daß ihre Lehrerin das Sprechen mit den Schwestern untersagt, hat sie in der Schule Unterstützung nicht nötig. Sie redet erst wieder auf dem Schulweg und zu Hause mit ihnen. In dieser Zeit dürfte es noch alle vier Schwestern gegeben haben.

B: Na, und ihr fünfe, ihr fünf Schwestern, net, worts jo woahrscheinlich a verschiedn, net? Ihr schauts jo net gleich aus, net schaun alle so aus wie du?

S: Jo.

B: Die schaun olle genauso aus wie du?

S: Alle.

B: San die gleich oid, ans jünger, ans älter?

S: (zögert, leise:) I waß net. Marion und Gabi schauen sie ähnlich, die Anna und die Sabine der Susanne ähnlich.

B: Und wie oid sans?

S: Na, d'Mar... a Joahr is.... (stottert) i waß nimmer. D'Sabine is 47, na, I kanns net sogn.

B: Denk amoi noch, wann feiert denn die Anna allweil ihren Geburtstag?

S: Mit der Sabine feiern wir immer allweil.

B: Die andern hom kan Geburtstag?

S: (kurze Pause) Wir tan zsammfeiern.

B: Ihr hobts olle am selben Tag Geburtstag?

S: Zsammfeiern tamma. Zsammfeiern tamma. Und den Geburtstag tamma alle feiern, des wird dann groß gfeiert.

B: Aha, aha. Und san die a olle 47?

S: (kurze Pause) Die san a so wie, wie i auf d'Wölt kumman bin.

B: Die san mit dir auf d'Welt kumman?

S: Glaub scho, jo.

B: Glaubst?

S: Jo.

B: Aha.

Frau S. feiert gemeinsam mit ihren Schwestern Geburtstag, sie geht davon aus, dass sie gleich alt sind. Optisch scheinen sie sich nicht zu unterscheiden. Da sie ihre Schwestern nicht sieht; sondern lediglich hört, ist es auch verständlich, daß sie nicht weiß, wie sie aussehen. Ich möchte einen Satz besonders hervorheben: "Mit der Sabine feiern wir immer allweil." Sie spricht über sich in der dritten Person und identifiziert sich über das >wir< mit ihren Schwestern. Die Grenzen zwischen ihr und den Schwestern scheinen fließend zu sein. Sie sind gleich alt, sehen gleich oder zumindest ähnlich aus und teilen sich seit langer Zeit einen Körper und ein Leben.

B: Jo, der Punkt is, i sieh di, oba i sieh deine Schwestern net.

S: Wei sie, wie die, wei, wei du muaßt da nua denkn, des san meine Gschwister, oba sehn tust du sie net.

B: Sehn tua i sie net.

----

B: Na, und, und, was i net ganz versteh, i sieh sie net und i hör sie net, ja.

S: Na, i hear sie nur, des kannst du net hearn, i hear sie nur!

B: Wieso kann i sie net hearn?

S: Waß i net. Des wird an mia liegn.

B: In deinem Kopf?

S: Jo. Es gibt schizophr... bei die Augn konn mas sehn, oba des hob i net bei die Augn, von die Augn konn schizophren kumma, und von die Ohrn. In die Ohrn, und die meistn andern habn, gibts Leit, wos schizophren... die hobns in die Augn, die sehn das alles im Geist.

B: Aha.

S: Und deswegn, von wo, von wo hearst du de Stimmen, ob i des von die Augn hob oder von die Ohrn. Sog i: von die Ohrn, i sieh sie net, oba i hears nua.

B: Sehn tuast du sie net?

S: Na. Oba es gibt schizophren, die wos, wos die Leit sehn, in waß i net, wie sogt man des, in, im Geist, oder ... Geist stimmt eh.

B: Mhm.

S: Und die siehts dann wirklich, oba i sieh sie jo net, i hear se nua.

B: Aha. Und die sogn dann was.

S: Jo. Oder wenn sie fragn: Sabine tamma des, Sabine tamma Radio huarchn? Und die Sabine gibt donn a Antwort.

B: Aha. Du redst dann mit eana?

S: Jo.

Frau S. weiß, daß ich ihre Schwestern weder hören noch sehen kann. Sie selbst kann sie auch nicht sehen, aber hören. Um mir die Vorstellung zu erleichtern, erklärt sie mir, ich soll mir vorstellen, daß es sich um Geschwister handelt. Für mich stellt das eine schlüssige Erklärung dar und ich kann mitempfinden, daß Frau S. vier Schwestern hat.

Die Existenz der Schwestern erklärt sie mit der Diagnose Schizophrenie und den diversen Varianten, u.a. mit den Augen fiktive Personen zu sehen. Mit macht es deutlich, daß ihre Schwestern für sie Realität sind, ihr aber gleichzeitig klar ist, dass niemand anderer sie hören kann, d.h. sie sind für alle anderen fiktiv. Diese Unterscheidung scheint sie klar treffen zu können.

Die Diagnose Schizophrenie ist für sie wichtig und zwischen uns kommt es zu einer längeren Diskussion, von der ich einen Ausschnitt vorstellen möchte:

S: Die werden sich denken, wos des is. Schizophren haßt des normal, gell?

B: I glaub net, daß des... also i sieh's net so.

S: Oh ja, des is schizophren! Weil i eh beim Doktor gredet hob mit Susanne Anna und er hot gsogt, des is schizophren.

B: Jo, und i glaub des net. I glaub net, daß du schizophren bist.

S: Oba der Arzt hots gsogt, weil i allan gredt hob mit Susanne Anna. Hot er gsogt, i bin schizophren.

B: Jo, i glaub des net. Soll i dir sogen, wos i glaub?

S: Wos?

B: I glaub, daß du ... du woarst jo schon im Säuglingsheim, oder?

S: Jo.

B: Und do host jo neamd zum Reden ghobt.

S: Na.

B: Jetzt host wen zum Reden erfinden miassen. S: Jo, oba der Doktor hot gsogt, des is schizophren zu mir. Und zum Ding, und zum Michael [80] . Dafür kriag i jo Melanil und des. Zum Beruhigen, daß i net so aufgepeitscht bin.

B: Jo, Sabine, du kannst eh glauben, was du willst.

S: Jo.

B: I sog dir jo nur, was i glaub oder wie i des sieh. Und i sieh des so, dass deine Schwestern... daß du deine Schwestern erfunden host, weilst soviel allan woarst.

S: Ah so?

B: Und neamd ghobt host zum Reden. Und damit du wen zum Reden host, host deine Schwestern erfunden.

S: Jo, oba die sogen alle schizophren, i kann nix dafür. Der, der Andreas sogt a, i bin schizophren, da kann ma nix mochen.

B: Des mocht jo nix.

S: I sog halt, schizophren bin i.

B: Jo. Es gibt viele Leut, die Stimmen hearn.

S: Jo. So wie die Sabine, die heart, red a, wenn`s sein muaß, die ganze Nocht reds.

B: Also, i denk mir, daß du mit deine Schwestern redest, wennst einsam bist.

S: Jo.

B: Wennst Angst host. Und wenn dir fad is. Und neamd anderer zum Unterhalten do is, dann redst mit deine Schwestern.

S: Und mitn Hubert [81] red i.

B: Jo. Und wenn wer anderer do is, unterhaltst di jo mit eana a net.

S: Na.

B: Do brauchst es net.

S: Oba manchmal red i schon a eine, gell?

B: Jo, oba selten. Jedenfalls net, wenn i do bin.

S: Na. [82]

Diese Diskussion über ihre Diagnose wird einige Male geführt, weil Frau S. immer wieder darauf zurückkommt. Vor allem, als ich von dem Kongreß aus Deutschland zurückkomme, ich ihr darüber erzähle und wir gemeinsam ein Buch zu diesem Thema durchsehen, ist sie sehr interessiert. Ich denke, daß diese Diagnose für sie einerseits Stabilität und Sicherheit bedeutet und andererseits ihr Verhalten offensichtlich ausschließlich in diese Richtung erklärt wird. Aus ihren Erzählungen geht hervor, daß andere Personen durch die Existenz ihrer Schwestern verunsichert waren. Wahrscheinlich war es für sie auch notwendig, ihr für sie unverständliches Verhalten in einer Diagnose fixieren zu können. Frau S. berichtet, daß sie noch nie ausführlich mit jemand über ihre Schwestern gesprochen hat. Sie wird nicht gefragt, es wird lediglich über sie vermerkt.

Als ich ihr erzähle, daß es viele Personen gibt, die Stimmen hören, und es sogar eine Vereinigung von betroffenen Personen gibt, die sich ausschließlich damit beschäftigen, möchte sie unbedingt mehr darüber erfahren. Für sie sind diese Informationen neu, trotzdem weicht sie nicht von ihrer Diagnose ab, verständlicherweise, sie hat lange damit gelebt und eine Diagnose ist offensichtlich von der Außenwelt leichter zu verstehen und zu akzeptieren als vier Schwestern, die vorzugsweise als Stimmen in ihrem Ohr existieren.

B: Wos hot denn die gern gessn? Desselbe wie du oder wos onders?

S: A Noschsochn. Oba die san net zuckerkrank, nur die Sabine is zuckerkrank.

B: Die andern viere san net zuckerkrank?

S: Na. De homs guat.

B: Aha. Des haßt, nur du host Spritzen kriagt?

S: Jo. Oba die Susanne geht immer mit, i geh immer mit, mit der Sabine.

B: Die Susanne geht immer mit mit der Sabine?

S: Und die Anna geht a immer mit.

B: Aha.

S: Daß sie net allan obegeh, braucht die Sabine. Und die Arbeit teilen wir sich a immer. Die Sabine, die Sabine tuat aufwoschn, Anna..., na, Anna tuat aufwoschen, Sabine tuat Fetzn windn, Susanne tuat irgendwos onders, wann ma Staub wischen, dann tuat Susanne Staub wischen, die Sabine tuat orama und aufferama und d' Anna, Anna tuat dann aufwoschn und d' Sabine Fetz`n windn. So damma des einteiln.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen Frau S. und ihren Schwestern gibt es aber doch: sie sind im Gegensatz zu ihr nicht zuckerkrank. Frau S. erlebt ihre Zuckerkrankheit als Einschränkung, sie geht sehr ungern zur Zuckerkontrolle. Schon in der psychiatrischen Anstalt weigert sie sich, Diät zu essen und ißt - wann immer es möglich ist - Süßigkeiten. Außerdem ist sie leidenschaftliche Cola-Trinkerin, und da ihr das Diät-Cola nicht schmeckt, kümmert sie sich auch wenig um ihre Zuckerkrankheit. Da ihre Schwestern nie zuckerkrank waren, können diese essen und trinken, was sie wollen. Außerdem kann sie von einer von ihnen zum Arzt begleitet werden.

Auch die Arbeit wird geteilt. Frau S. kann unangenehme Dinge an ihre Schwestern delegieren. In der psychiatrischen Anstalt ist es nicht immer sie, die Spritzen bekommt oder die bestraft wird. Die fünf Schwestern füttern sich gegenseitig und helfen einander, wenn es Schwierigkeiten gibt.

B: Und wie du im Krankenhaus woarst, wie du so krank woarst, wo woarns do? Du host mir erzöhlt, du woarst amoi wie du in A. woarst, im Krankenhaus in Z.

S: In A., woart wie haßt des... in Z.

B: In Z. woarst im Krankenhaus?

S: Jo.

B: Jo. Do woarst jo sehr krank, net?

S: Jo.

B: Wo woarn deine Schwestern do?

S: Daham.

B: Bei deiner Oma oder in A.?

S: In A.

B: Die san in A. blieben?

S: Jo.

B: Do host du sie net gheart?

S: Na.

B: Aha, es gibt also a Zeitn, wo du ganz allan wo woarst?

S: Jo.

Es handelt sich um eine der wenigen Aussagen, in denen Frau S. die psychiatrische Anstalt A. als ihr Zuhause betrachtet. Für mich deutet es darauf hin, daß sie nicht mehr daran glaubt, in ihre Herkunftssfamilie zurückkehren zu können. Außerdem bleiben ihre Schwestern bei diesem längeren Krankenhausaufenthalt in A. Frau S. war in dieser Zeit schwer krank, und soweit ich informiert bin, ihr gesundheitlicher Zustand äußerst kritisch. Wie es zu diesen Schwierigkeiten kam, kann nicht eruiert werden. Sie hatte einen Darmverschluß, von dem sie sich etwa ein Jahr lang nicht erholte. Ich vermute, daß sie Gegenstände verschluckt hat, werde aber in meiner Meinung weder von ihr noch durch die Krankengeschichte oder die Familie bestätigt.

Die Zeit, die sie im öffentlichen Krankenhaus verbringt, ist eine Phase, in der sie noch weniger als in der psychiatrischen Anstalt kontrollieren kann, was mit ihr passiert. Sie ist nicht mehr in der Lage, ihre Schwestern zu aktivieren und geht davon aus, daß diese in A. geblieben sind. Für mich bedeutet das, daß Frau S. auch die Kontrolle über ihren Körper und bis zu einem hohen Grad über ihr Innenleben verloren hat, und dies könnte mit e i n Grund sein, warum sie so lange Zeit nicht von der Operation gesundet. Andererseits hat es einen großen Vorteil, daß ihre Schwestern es vorziehen, in A. zu bleiben. Sie sind gesund und können Frau S. unterstützen, als sie wieder nach Hause in die psychiatrische Anstalt kommt.

S: Und da hobn s` erfohrn, daß die Sabine auf 13 liegt und dann san a poar Patienten mit, und die Marion und Gabi und Susanne, Anna, mir viere hobn s` donn besucht am 13er. Dann hot die Sabine: I mecht wieder am 7er! Hot s`, hot s` an Tango aufgführt.

B: Du bist ohne deine Schwestern auf an andern Pavillon kummen?!

S: Jo.

B: Und deine Schwestern san am 7er bliebn?

S: Jo. Und dann haben s` sie besucht drüben, da hobn s` kan Kaffee austeilt, da woar so a blede Schwester, do hot`s Leit gebn, also waßt, also kumm, dann kan Kaffee austeilt, hot d'Susanne gsagt. Sog i, ja aber wen wollts denn bitte hobn? Die Sabine wolln wir besuchen, einer Schwester hoben sie's gsogt. Na dann die Gabi: Na, Sabine, wie geht`s dir denn? Gabi Egger, meine Lieblingsschwester

B: Die Gabi Egger ist deine Lieblingsschwester gwesen?

S: Gabi Egger.

B: Gabi Egger?

S: Jo. Des woar der Sabine ihr Liebe... Jo Sabine, wie geht`s dir? I mecht wieder zu eich! Und die denkt sie, na und Sabine, willst net bei uns sein? Bei uns is so schön! Na, i mog wieder am 7er, zur Susanne, Anna, Marion und Gabi!

Auch in einer anderen Situation scheinen die Schwestern kein Interesse daran zu haben, sie zu begleiten. Frau S. wird innerhalb der psychiatrischen Anstalt A. von einem Pavillon auf einen anderen verlegt. Sie kennt dafür weder die Gründe noch wird sie um Zustimmung gefragt. Ihre Schwestern bleiben auf Pavillon 7 und besuchen sie gemeinsam mit anderen Patientinnen. Frau S. dürfte Pavillon 7 als ihr Zuhause empfunden haben. Es gelingt ihr, wieder dorthin verlegt zu werden. Es scheint so, als hätte sie auf Pavillon 13 möglichst viel Ärger gemacht und mit dem Argument, daß sie wieder zu ihren Schwestern will, nicht locker gelassen. Ihre Überzeugungskraft bringt sie schließlich wieder in ihr Zuhause zurück.

B: Hat die Sabine mit ... hast du mit de zwoa a gstrittn?

S: Na mit Marion und Gabi net a so.

B: Mit die zwoa net a so?

S: Na.

B: Mit wem host du dann gstrittn?

S: Anna und Sabine hob i monch..., oba jetzt vertrog ma si scho guat. Da homma si imma die Orbeit einteilt, sie mocht des, und jetzt is eh brav, die Sabine.

B: Aha. Und mit der Anna und mit der Sabine hast du net gstrittn?

S: Die san eh bei mir do!

B: Und jetzt streits nimma?

S: Na, jetzt nimma mehr so vül. A bissl, oba nimmer so vül wie früha.

B: Mhm.

S: Und dann, amoi hot die Anna der Sabine a Watschn eineghaut. Und de Marion und Gabi hat dann, und wart ... de Anna hat der Sabine a Watschn eineghaut, und Susanne is am Klo gwesn, und Susanne geht vom Klo ausse, und Marion, Gabi reissn de Susanne nieda.

B: Oho.

S: Und dann hat der gsogt: Mein Gott, de rafn de drei! Wos hom denn de wieda?

B: Hom de andern deine Schwestern a gsehn?

S: Jo. Und dann gstrittn, da is imma a Rafarei gwesn. Die Anna hot imma ane aufeghaut, daß i.... amoi am 13er hot de Anna... de Sabine hot Gschirr ogwoschn und die Anna sogt do: Gibst ma an Wettex her, i tua Tisch owischn. Und de fangt zum Plärrn an und der Toni hot ihr nix gmocht, der Patient und weil die Anna der Sabine mitn Gschirrhangerl do herghaut hot, daß a gaunz a rotes Äugl ghobt hot, hot sie den Toni dann gwiagt dafia. Statt daß auf de Anna losgangan is, is auf den Patient losgangan. Hot s` dann a gaunz a rotes Aug ghabt, und dann, und sie ist dann auf den Patient losgangen, auf den Toni, und hot eam fest ogwiagt.

Frau S. teilt sich nicht nur die Arbeit mit ihren Schwestern, sie hat mit ihnen auch viele Auseinandersetzungen, besonders mit Anna und Susanne. Das mag ein Hinweis darauf sein, warum die anderen beiden Schwestern während des psychiatrischen Anstaltaufenthalts verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Sie kann seitdem zu den beiden keinen Kontakt mehr aufnehmen, weiß aber, wo sie sich aufhalten. Aber auch die Beziehung zu Susanne und Anna - den beiden Schwestern, die bleiben - verändert sich im Laufe der Zeit. Sie streiten weniger und können besser miteinander leben. Der Streit, den Frau S. im obigen Gesprächsausschnitt schildert, findet bereits nach der Verlegung auf einen gemischtgeschlechtlichen Pavillon statt, der die Vorstufe zur Ausgliederung aus der psychiatrischen Anstalt bedeutet.

Ich gehe davon aus, daß sich das Verhältnis der drei mit den veränderten Lebensbedingungen bessert. Heute meint Frau S., daß sie kaum mehr mit ihren Schwestern streitet, zu körperlichen Auseinandersetzungen dürfte es ebenfalls nicht mehr kommen. Dies scheint eine maßgebliche Veränderung in der Persönlichkeitsentwicklung von Frau S. zu ein. Ich möchte im theoretischen Teil näher darauf eingehen.

B: Also was mir aufgfalln is, seit i mit dir arbeit, jo?

S: Jo.

B: Und seit i di kenn...

S: Jo.

B: Daß mit der Zeit deine Schwestern verschwunden san. Du hast am Anfang irrsinnig viel mit eana gredt, wenn i do woar.

S: Jetzt loß i mi net störn.

B: Und jetzt redst nimmer mit eana, wenn i do bin.

S: Na.

B: Wos is denn des?

S: Amoi hob i gredt. Jo manchmal red i schon. Oba do...

B: Oba nimmer wenn i do bin.

S: Na.

B: Wenn i do bin, redst mit eana nimmer.

S: Na, wenn, daß mi net störn, weil sonst kumm i ganz draus.

B: Du laßt di von eana net störn?

S: Na.

B: Und wie mochst du des?

S: Waß net, i hear afoch net zua, was reden.

B: Des kannst?

S: Jo. Und nachher red i eh wieder mit eana. Wenn, wenn Besuch aus is.

B: Des hoaßt die sitzen in deinem Ohr?

S: Jo.

B: Du hörst sie? Und hörst eana afoch net zua, und dann hörns auf?

S: Jo.

B: Dann redens nimmer mit dir?

S: Na. Nur wennst du wieder gehst, dann red i wieder mit eana.

B: Des find i ziemlich interessant, was du sogst.

S: I dearf mi net störn lassen, sonst kann ma net aufnehmen.

B: Na, i find des eh super, wie du des erzählst. Es interessiert mi, deswegen frog i di!

S: Jo. Oba wennst du wieder gehst, red i schon wieder mit eana.

B: Jojo, des is mir schon klar. Mir is des nur so aufgfalln, daß wenn i do bin, die nimmer do san, jo.

S: Oh ja, san schon do. Oba i mog niemand hörn, weil i mit dir redn will.

B: Aha. Des haßt, du kannst des, daß du deinen Schwestern sogst, wenn sie reden dearfn und wann net?

S: (lacht) Jo!

Ihre Aussagen über die Schulzeit legen nahe, daß Frau S. mit ihren Schwestern dann spricht, wenn sie einsam, verängstigt oder verunsichert ist und vor allem, wenn sie keine anderen emotional wichtigen Beziehungen hat.. Bereits im Kapitel >Die ersten zwei Lebensjahre< gehe ich davon aus, daß Frau S. ihre Schwestern als fiktive Bezugspersonen ausbildet, um ihre isolierenden Lebensbedingungen zu überleben. Da Frau S. überzeugt ist, daß ihre Schwestern bereits mit ihr geboren wurden, scheint sie diese gut integriert zu haben (im Sinne des Umgangs mit ihnen) und sie dürften zumindest bereits während der Schulzeit existieren.

Am Anfang unserer Zusammenarbeit hat sich Frau S. immer mit ihren Schwestern unterhalten, entweder verläßt sie dazu den Raum oder unterbricht das Interview mit mir. Die Unterhaltungen werden weniger, bis sie gänzlich verschwinden und ich mich frage, wo die zwei Schwestern geblieben sind bzw. was sie während der Interviews tun.[83] Meine Vermutung, daß Frau S. die Kontrolle über das Geschehen "in ihrem Ohr"[84] hat, bestätigt sich. Während dieser Interviewpassagen wirkt sie auf mich verschmitzt, als würde sie ein Geheimnis preisgeben, etwas, das nur sie weiß und womit sie alle anderen hinters Licht führen kann. Tatsächlich stimmt das auch. In Situationen, die ihr unangenehm sind oder über die sie nicht reden will, kann sie mit ihren Schwestern Gespräche beginnen und sich ü b e r etwas unterhalten. Damit verunsichert sie ihre Umgebung und zieht sich selbst aus der Verantwortung zurück oder wird in Ruhe gelassen.

Je mehr unserer Beziehung von Vertrauen und Sicherheit getragen wird, um so weniger braucht sie die Unterstützung ihrer Schwestern als Ausweichmöglichkeit. Sie lernt in diesem Zusammenhang mir gegenüber >Nein< zu sagen bei Themen, die sie nicht interessieren oder die ihr unangenehm sind. Ihre Schwestern verschwinden nicht, sie bleiben im Ohr, Frau S. läßt sich von ihnen während der Interviews aber nicht mehr stören. Auch wenn wir uns heute treffen, sind ihre Schwestern zwar dabei - sie läßt sie nie zu Hause -, aber sie spricht nicht mit ihnen. Dies bedeutet auch, dass sie die Priorität zwischen einer lebendigen, realen Beziehung und ihren Schwestern zugunsten der Beziehung setzt.

B: Die Sabine is des Haus. Die Anna des Fenster, und die Susanne is die Tür.

S: Marion und Gabi is nimmer do, jetzt kann i mir nix denken.

B: Na, do kann ma nix denken. Des is jo do, a Haus mit an Fenster und ana Tür.

S: Jo.

B: Durch die man aussegehn kann und ausseschaun kann.

S: Jo.

B: Kannst du des Fenster auf- und zuamochen? Oder die Anna, oder nur die Anna?

S: I waß net.

B: Kannst du bestimmen, was in deinem Haus passiert, oder bestimmen des die Susanne oder die Anna?

S: Schon, Anna, Susanne tan a mit wieder.

B: Ihr bestimmts alle drei?

S: Jo.

B: Und wenn du allan bestimmen willst, was tuast dann?

S: Jetzt is a Ruah, Susanne, Anna, sog i dann.

B: Aha.

S: Guate Nocht, i geh jetzt schlofen.

B: Und is dann a Ruah?

S: A bißl. Oba dann wirds wieder munter, dann redet s` wieder weiter.

B: Aha.

S: Woart, do ...

B: Oh, entschuldige.

S: Is jo wurscht, tammas do eine. Woart...

B: Geht schon.

S: Tammas do herstellen. Die Susanne... schau, jetzt will sie schon reden, die Susanne.

B: Jetzt hearst du's wieder?

S: Jo.

B: Wos sogt s` dir denn?

S: Sabine hot gsogt Susanne, jetzt fangts zum Reden an, des woll ma oba überhaupt net. Jetzt dearf ma net reden mit ihr, gell, oh ja gell?

B: Wennst willst, kannst schon mit ihr reden. Und wennst mir sagst, was sie sogt.

S: Reden wills, jetzt sag i na, jetzt net oder später beim Radiohurchn dann.

B: Des haßt, jetzt geht s` wieder eine in des Haus?

S: Jo.

B: Und gibt a Ruah?

S: Jo.

Bereits vor diesem Interviewausschnitt beginnen wir zu zeichnen. Wir wollen herausfinden, ob Frau S. sich getrennt von ihren Schwestern erlebt. Diese Idee ist während des Gesprächs spontan entstanden. Auf einem Stück Papier experimentieren wir mit Zeichnungen.Wir beginnen mit drei Kreisen, die nebeneinander stehen und nur durch Striche Verbindung miteinander halten. Frau S. kann sich darin nicht wiederfinden und meint, daß das irgendwie nicht stimmt. Was genau daran nicht paßt, kann sie nicht verbalisieren. Ich gehe dazu über, einen großen Kreis zu zeichnen, der zwei kleinere Kreise in sich beinhaltet. Das gefällt ihr wesentlich besser, sie identifiziert sich selbst mit dem großen Kreis und ihre Schwestern mit den kleinen Kreisen, die in ihr sind. Schließlich gehen wir dazu über, ein Haus zu zeichnen. Es ist von Anfang an klar, daß Frau S. das Haus ist. Bis sie eine Idee hat, wo der Ort ihrer Schwestern ist, dauert es eine Weile. Schließlich werden sie als Tür und Fenster gezeichnet. In diesem Haus bestimmen alle drei, obwohl ich den Eindruck habe, daß sie die Stimmen ihrer Schwestern stoppen kann. Es dürfte aber stark situationsabhängig sein, d.h. in sehr unsicheren oder beunruhigenden Situationen kann sie sich den Stimmen ihrer Schwestern nicht verschließen. Sie erzählt z.B., daß sie manchmal nach einem Gespräch mit mir lange nicht schlafen kann und viel über das Gesagte nachdenkt. Das bespricht sie dann mit ihren Schwestern. Manchmal würde sie lieber schlafen, aber das gelingt ihr nicht immer. Die Schwestern sind zuweilen auch ein Störfaktor, der ihr Wohlbefinden beeinträchtigt.

Im Grunde lebt Frau S. mit ihren Schwestern im guten Einvernehmen, sie sind ein langer und wesentlicher Bestandteil ihres Lebens, der in seiner Vielschichtigkeit zu ihrem Überleben beigetragen hat.

B: Guat, sogst ihr an schönen Gruaß von mir.

S: An schen Gruaß, Susanne und Anna!

7.2.) Die Existenz der vier Schwestern als Überlebensstrategie

Am Anfang meiner Zusammenarbeit mit Frau S. erscheint es mir notwendig, den Zeitpunkt der Entstehung der Schwestern zu eruieren. Aber ich komme dann immer mehr zur Überzeugung, daß das wesentliche Kriterium die Integration und der Umgang mit ihnen ist, was ich im folgenden noch erläutern werde. Auch Frau S. interessiert sich wenig für den Zeitpunkt.

Eine positive Integration der Stimmen, die Frau S. hört, bedeutet für mich den guten Umgang mit ihnen im Alltag. Es heißt nicht, daß die Stimmen verschwinden müssen, um von gelungener Integration sprechen zu können. Frau S. hat durch ihre Schwestern viele Vorteile, ihr Verschwinden würde sich meiner Ansicht nach negativ auf ihr Leben auswirken. Sie hat z.Z. kaum eine andere Strategie, um mit ihrer Einsamkeit und mit Situationen, in denen sie Angst hat oder sehr verwirrt ist, umzugehen; d.h. das Verschwinden der Schwestern würde zweifellos einen massiven Verlust bedeuten und ihre Lebensqualität erheblich schmälern.

Wie bereits angedeutet, sind zwei der vier Schwestern während der Zeit in der psychiatrischen Anstalt ohne Abschied verschwunden.[85] Mit diesem von ihr als abrupt geschilderten Abbruch scheint Frau S. ihre Beziehungserfahrungen zu wiederholen. Sie weiß, wo ihre beiden Schwestern heute leben, kann sie aber nicht besuchen. Für mich ist das ein Zeichen nicht gelungener Integration, da sie weder ihr Weggehen beeinflussen kann, noch in der Lage ist, heute mit ihnen Kontakt aufzunehmen oder sich von ihnen zu verabschieden. Andererseits spielen sie aber auch keine große Rolle mehr in ihrem Leben, vielmehr ist sie der Meinung, daß die Situation so besser ist, weil sie jetzt nicht mehr so viel miteinander streiten können.[86]

Frau S. hat ihre inneren Stimmen personifiziert und als Schwestern benannt. Da sie einen Namen haben, können sie auch von mir als Personen angesprochen werden, was ich vorteilhaft finde.

7.2.1) Entstehungsgeschichte der vier Schwestern

Wie in Kapitel >Die ersten zwei Lebensjahre< ausgeführt, verbringt Frau S. diese Zeit in einem Säuglingsheim. Ich gehe davon aus, daß in dieser Zeit das Bedürfnis zur Entwicklung der Schwestern entsteht. Stern (1998) spricht hinsichtlich der Entwicklung des Empfindens des Kern-Selbst vom evozierten Gefährten und meint damit eine aktivierte Erinnerung. Damit beschreibt er die Aktivierung, die eine imaginäre Interaktion mit einem evozierten Gefährten entstehen läßt, "die auch die gemeinsame und wechselseitig bereitete Freude über die gelungene Bemeisterung einschließt." (ebd. S 165). Diese Gefährten repräsentieren einerseits die akkumulierte Geschichte eines Typs von Interaktionen mit einem Anderen und andererseits "erfüllen sie in dem Sinne eine Orientierungsfunktion, daß die Vergangenheit Erwartungen im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft erzeugt." (ebd. S 167). Dieses Gefühl, mit jemand anderem sein zu können, scheint sich Frau S. in ihrem Inneren zu bewahren und im Laufe ihrer Lebensgeschichte als die vier Schwestern auszubilden.

In diesem Bezugsrahmen wäre es möglich, daß sie Phantasiegefährtinnen entwickelt, die auch als Pseudohalluzinationen beschrieben werden und vom "Kleinkindalter bis zur Vorpubertät auftreten können." (Harbauer, Lempp, Nissen, Strunk (Hg.) 1971, S 325). Das Kind braucht dafür keinen äußeren Anlaß und erlebt die Anwesenheit von diesen Gestalten oft als bedrohlich und realitätsnah, sie lassen sich als Verdichtung von Ängsten verstehen. Wesentlich dabei ist, in welchem Kontakt das Kind mit seiner Umwelt steht bzw. wie es darin behindert wird, wodurch reale Abfuhrmöglichkeiten für Ängste fehlen und somit diese Phantasiegefährten als "Ausdruck eines verfehlten Selbstheilungsversuchs interpretiert werden können." (ebd. S 325). Bei entsprechender Verbesserung der Lebensbedingungen und einer Therapiemöglichkeit dürften die Phantasiegefährten in der Vorpubertät verschwinden.

Bei Frau S. tritt aber gerade in dieser Zeit eine Verschärfung der Isolation durch die Einlieferung in die psychiatrische Anstalt ein. Dadurch wird es geradezu notwendig, ihre Phantasiegefährtinnen zu imaginären Bezugspersonen weiterzuentwickeln.

Da Frau S. auch im Weiteren keine stabilen Beziehungen kennenlernt, sondern vielmehr erlebt, wie diese jederzeit abgebrochen werden können, tritt in diesem Sinne keine Heilung bzw. Integration frühkindlicher Verletzungen ein. Ich bezeichne den Aufenthalt im Säuglingsheim, die Nichtakzeptanz durch die Mutter und das Nichtwissen um den Vater als Kindheitstrauma, das selbst in tragfähigen und sicheren Beziehungen nur teilweise geheilt werden kann. Die permanente Unsicherheit, die Frau S. in Beziehungen erlebt, führen meiner Ansicht nach zu einer inneren Einsamkeit[87], die sie durch ihre Schwestern bewältigen lernt. Durch die Personifizierung der Stimmen "im Ohr", kann sie den Eindruck dauerhafter, realer Beziehungen erleben.

Die Geschehnisse im Leben von Frau S., die oft Beziehungsabbruch bedeuten, führen zu Gefühlen wie Resignation, Trauer und Wut. Die Beziehungen enden oft aprupt - ihr Ende kann von ihr kaum beeinflusst werden. Sie verläßt nicht aktiv und gewollt, sondern sie wird verlassen. Es scheint, als würde sie ein einziges Mal ihre Situation bewußt verändern und dabei auch in Kauf nehmen, Beziehungen zu verlieren - der endgültige Auszug aus der psychiatrischen Anstalt. Aus ihren Erzählungen geht hervor, daß sie diesen aktiv mitgestalten kann.

Je besser ich die Beziehungen kenne, die sie zu anderen Personen hat, umso verständlicher wird die Notwendigkeit der Beziehung zu ihren Schwestern. Ich sehe die Entwicklung und Existenz ihrer Schwestern als Überlebensstrategien vor allem in Hinblick auf die Isolation, die das Leben von Frau S. prägt und auf die vielen Beziehungsabbrüche, die großteils ohne ihre Mitwirkung und auch ohne Unterstützung eingetreten sind.

In der Sprache der Psychiatrie könnte man die (Weiter-) Entwicklung der Schwestern nach der Pubertät als Entstehung des Wahns interpretieren. "Der Wahn entsteht und erklärt sich auf der Basis einer ungenügenden Kontrollierbarkeit der realen Welt und einer ungenügenden Klarheit über die eigene Identität in der realen Welt" (Giovanni Jervis 1978, S 266), d.h. wenn eine Person sich nicht mehr auf ihre Erfahrungen und Beziehungen verlassen kann, wenn diese also entgleiten, wird der Wahn eine Möglichkeit zur Interpretation der Welt.

Jervis geht davon aus, daß es sich dabei um den Verlust einer gesellschaftlich geteilten Struktur der Beziehungen zwischen sich und den anderen handelt und macht diesen Verlust an zwei Hauptfaktoren fest:

1.) die Erfahrung der Passivität, d.h. "in der Empfindung, von der Realität beherrscht zu werden" (ebd. S 266)

2.) die Situation und Erfahrung der Isolation

Beides kann auch mit den politischen Begriffen der Unterdrückung und des Ausschlusses bezeichnet werden.

Der Bruch zwischen der eigenen Person und der Realität macht es notwendig, den Dingen wieder einen Sinn zu geben und sich gleichzeitig die eigene Fremdheit den Dingen gegenüber erklären zu können.

Frau S. bringt diesen Bruch insofern zum Ausdruck, als sie hinsichtlich des Zeitraums zwischen ihrem 13. und 20. Lebensjahr wenig Erinnerungen hat und diese weder zeitlich noch örtlich zuordnen kann. Die Schwestern boten offenbar eine Orientierungshilfe und ermöglichten es ihr, weiter in Beziehung mit sich und der Welt zu bleiben.

7.2.2) Bemeisterung und Beherrschung der persönlichen Lebenssituation

Ich möchte mich kurz den Gründen bzw. Kategorien von Lebenseinflüssen nach Sandra Escher und Marius Romme (1996) zuwenden, die zum Einsetzen von Stimmen führen können.

"1. Unerträgliche oder unbefriedigende Lebenssituation

2. Aktuelle Traumata

3. Ambitionen oder Ideale

4. Kindheitstraumata

5. Emotionale Übersensibilität und Kontrolle" (ebd. S 20)

Im Leben von Frau S. würde ich die unerträgliche Lebenssituation und das Kindheitstrauma durch das Säuglingsheim für die Entstehung ihrer Schwestern verantwortlich machen. Heute dienen sie ihr u.a. zur Kontrolle von Situationen.

Ich denke, daß die Existenz der Schwestern eine Kontrolle über sich selbst ermöglicht, die sie nicht leisten kann. Der Zugang zu ihren Gefühlen wird langsam sichtbar, macht ihr aber auch Angst. Es ist zuviel und sie kann mit ihren Schwestern dieses >Zuviel< aushalten, es mit ihnen besprechen und auch an diese delegieren.

Anfänglich spricht Frau S. über sich häufig in der dritten Person oder erzählt, wie es ihren Schwestern in bestimmten Situationen ergangen ist. Ihre Person tritt scheinbar in den Hintergrund und distanziert sich von der Vergangenheit. Dadurch ist es aber erst möglich, sich ihre Vergangenheit wieder anzueignen.

In anderen Situationen spricht sie von sich und ihren Schwestern in der "Wir"-Form, d.h. sie identifiziert sich mit ihnen im imaginären Geschwisterverband. Dieses Erleben eines "Wir" deutet darauf hin, daß sie in der Familie und der psychiatrischen Anstalt möglicherweise kein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln konnte und diesen fiktiven Verband als Schutz gegenüber ihrer Umwelt erlebt.

"Ich spreche von der Wut, die immer entsteht, wenn bei einem Individuum Aktivität verhindert oder gehemmt wird, die für ein Gefühl der Bemeisterung, der Beherrschung lebensnotwendig ist." (Erik H. Erikson 1995, S 62)

Immer wieder ist die Aggression das zentrale Thema in Zusammenhang mit ihren Schwestern und sich selbst. Sie erlebt ihre Aggression als negativ, als zerstörerisch. Teilweise kann sie ihre Schwestern dafür verantwortlich machen. Dadurch muß sie die Verantwortung für ihr eigenes Handeln nicht übernehmen und wird auch nicht sanktioniert. Beispielsweise wird eine ihrer Schwestern ins Netzbett eingesperrt.

Auch von ihrer Umgebung wird ihre Aggressivität nicht als produktive Kraft erlebt. Ich denke, daß sie ihre Aggressivität in den Schwestern kanalisieren konnte und diese u.a. auch deswegen notwendig waren. Die Schwestern erhalten z.B. keine Medikamente, sie sind also in ihrem Bewußtsein nach Meinung von Frau S. nicht "ruhig gestellt."

Auch wenn ich ihre Aggressivität und die Existenz der Schwestern als produktive Kraft beschreibe, bedeuten sie doch gleichzeitig Isolation. Frau S. kann sich durch ihre Schwestern von anderen Personen distanzieren; vor ihren aggressiven Ausbrüchen[88] dürften andere Personen Angst gehabt und Abstand von ihr gehalten haben.

"Abgrenzung, Stärke und das Zeigen eigener Kraft scheinen auf Grund spezifischer Konfliktkonstellationen und der gesellschaftlichen Bilder von Weiblichkeit mit destruktivem Haß und zerstörerischen Formen der Aggression verwechselt zu werden." (Tamara Musfeld 1997, S 11). Wenn ich davon ausgehe, daß sie in ihrem Frau-sein einer gesellschaftlichen Wertung unterliegt, die sich auf die weibliche Bindungsfähigkeit als Ideal bezieht, dann verhindert das gleichzeitig das Zulassen und die Sicht auf das aggressive Potential. Es wird als destruktives Handeln begriffen, es kann aber ebenso für Getrenntheit und Abgrenzung stehen. Andererseits wird ihre Bindungsfähigkeit in bezug auf ihre Schwestern nicht als solche gewertet, sondern in Diagnosen verpackt. "Um wirklich bezogen zu sein, muß ich mich als getrennt erleben können, ohne in der Phantasie den Verlust der eigenen Person zu befürchten." (ebd. S 9). In der Frage von Bindung versus Autonomie geht es innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung um deren Verhältnis zueinander. In einer Zeit, in der Kinder bzw. Jugendliche in starker Ambivalenz zu ihren Bezugspersonen stehen und um ihre Autonomie kämpfen, wird Frau S. in die psychiatrische Anstalt eingeliefert. Ihre Autonomieentwicklung wird gestoppt und sie wird im wahrsten Sinn des Wortes gebunden. "Die Trennung von den Eltern erfolgt also häufig, gerade weil sie begehrt werden, über Ablehnung und Enttäuschungsaggression." (ebd. S 187). Es erfolgt keine geglückte Ablösung, sie scheint als Mädchen nicht zu funktionieren und wird dafür bestraft.

Autonomie ist nicht als Bindungslosigkeit zu verstehen, sie entwickelt sich bezogen zu sozialen Gruppen, Personen, Organisationen etc. Frau S. verliert ihre soziale Gruppe in Form der Familie und der Schulklasse, sie kann sich aber weiter auf ihre Schwestern beziehen. Ihre aggressiven Handlungen werden nicht integriert, so können sie auch nicht zur produktiven Kraft werden.

Erikson (1995) bezeichnet den Hauptkonflikt der Adoleszenz als >Identität versus Rollenkonfusion<, auf der die Phase >Identität versus Isolierung< folgt. Ich kann ihre Aggression als Rollenkonfusion deuten, als Ablehnung gegenüber der weiblichen Rolle, die ihr zugeschrieben wird, d.h. ihre aggressiven Handlungen können auch als Autonomiebestreben verstanden werden und als unbewußte Ablehnung der äußeren Erwartungen. Wenn ich nach ihren Zukunftsvorstellungen in dieser Zeit frage, kann Frau S. nur die ihrer Umgebung wiedergeben, sie selbst scheint sich an die Zeit bis zum ca. 20. Lebensjahr nicht mehr zu erinnern.

"Wenn der junge Mensch aus Furcht vor dem Ich-Verlust diesen Erlebnissen ausweicht, so führt dies zum Gefühl tiefster Vereinsamung und schließlich zu einer gänzlichen Beschäftigung mit sich selbst, zu einem Verlust der Umwelt." (Erik H. Erikson 1995, S 258). Dieser Verlust der Umwelt ist gekennzeichnet durch das Nicht-Erinnern, durch die äußere und innere Isolation. Möglicherweise haben sich in dieser Zeit auch die Schwestern als innere Organisation, als Teile ihres Ich-Kerns verfestigt und sind zu einem wichtigen Bestandteil geworden. Um ihr >Ich< in dieser Zeit nicht zu verlieren, ihre bis dahin entwickelte Identität weiter aufrechterhalten zu können, scheint es notwendig, diese zu spalten, um die Einsamkeit, den Verlust der Familie und der Intimsphäre sowie die Isolation durch die psychiatrische Anstalt ertragen zu können. Ihre Schwestern werden zur Überlebensstrategie.

Da Frau S.Schwestern hat und sich mit ihnen als Geschwisterverband erlebt, ist es für sie möglich, Erlebnisse und damit verbundene Gefühle abzuspalten und den anderen zuzuordnen. Einerseits hat das den Vorteil, daß unmittelbar Erlebtes erträglich wird, die Einsamkeit scheinbar abnimmt und sie immer jemanden hat, mit dem sie reden kann. Andererseits übernimmt sie dadurch nur bedingt die Verantwortung für ihr Leben.

Wir haben gemeinsam Situationen gefunden, die die Schwestern besonders wichtig machen. Eine dieser Situationen ist der Abend, wenn sie alleine zu Hause ist und Radio hört. Es war auch nie möglich, sich mit ihr am Wochenende zu treffen, weil sie ihre Ruhe haben will. Ich bin immer mehr zur Überzeugung gekommen, daß sie diese Ruhephasen braucht, um sich mit ihren Schwestern über die vergangene Woche zu unterhalten. Sie scheinen auch eine kompensatorische Funktion in Hinblick auf Einsamkeit zu übernehmen und geben Frau S. das Gefühl, nicht alleine zu sein, vor allem, da sie häufig Angst hat (es könnte jemand einbrechen, etwas von ihr wollen, sie blöd anschauen etc.).

"Es versteht sich von selbst, daß der Verlust der Kontrolle über die Privatsphäre ein hohes Maß an Angst erzeugt, unabhängig davon, ob der Inhalt des Gesagten beängstigend ist oder nicht." (ebd. S 157). Zur Zeit kann Frau S. die Kontrolle über ihre Privatsphäre großteils selbst übernehmen, sie hat einen geregelten Wochenablauf, der für sie sehr wichtig ist und den sie ungern von außenstehenden Personen verändern läßt. Ihr geregelter Wochenablauf gibt ihr Sicherheit und sie kann in ihrer Wohnung alleine leben. Laut ihrer Aussage möchte sie auch nicht mehr mit anderen Menschen zusammenleben. Meine Anmerkung, sich in ihrer Freizeit einer Gruppe anzuschließen, tut sie mit der Bemerkung ab, daß sie erstens ihre Schwestern und zweitens ihre Puppen habe, die alle ihr Bett bevölkern. Sie meint, das sei genug und außerdem habe sie genügend Ersatzpuppen in ihrem Kasten.

"Ich weine über meine Schwestern. Ich möchte sie behalten, sonst würde ich einsam sein." [89]



[79] Sofern nicht anders angegeben, beziehe ich mich in Folge auf das 5. Interview vom 25.2.1998

[80] Michael ist seit einiger Zeit ihr Bezugsbetreuer

[81] Bei Hubert handelt es sich um einen ihrer Männer, mit denen sie sich auch unterhalten kann. Diese dürften erst nach ihrem psychiatrischen Aufenthalt entstanden sein und existieren in Form von Plüschtieren, kleinen Spielzeugküchen und -häusern. Da Frau S. keinen besonderen Wert darauf legt, über sie zu reden, gehe auch ich nicht weiter darauf ein.

[82] Wenn nicht anders angegeben, beziehe ich mich in Folge auf das Interview vom 5.5.1998

[83] Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß diese Veränderung nach ca. 2,5 Monaten (!) unserer Zusammenarbeit eintritt. Ich halte das für eine sehr rasche Entwicklung, vor allem, wenn man bedenkt, daß wir uns lediglich 1x/Woche treffen.

[84] Frau S. lokalisiert die Stimmen der Schwestern in ihrem Ohr, aus diesem Grund bleibe ich bei diesem Begriff.

[85] Der Zeitpunkt konnte nicht eruiert werden, ich nehme auf Grund ihrer Schilderungen an, daß es sich zur Zeit des Aufenthalts auf der Frauenstation zugetragen hat.

[86] Da Frau S. weiß, wo ihre beiden Schwestern heute leben, habe ich ihr vorgeschlagen, sie zu besuchen, was sie ablehnt.

[87] Ich möchte zwischen innerer und äußerer Einsamkeit unterscheiden, da Frau S. immer mit anderen Personen zusammengelebt hat und äußerlich betrachtet nicht einsam war.

[88] Vgl. dazu das Kapitel >Leben und Überleben in der psychiatrischen Anstalt<

[89] Frau S. im Juli 2000

8. NACHWORT[90]

B: Na, wie woar denn die Zusammenarbeit zwischen uns?

S: Schön! Bißl anstrengend, schön .

B: Mhm. Und was woar ansgtrengend?

S: Des Nachdenken und a bißl, wos man denken muaß und wos man reden tuat und des. Was mir halt eingfallen wär und des. Hob mi eh bemüht a, gell? Du host dich bemüht und i hob mi bemüht.

B: Wunderbar! Na, und hots dir brocht a wos?

S: Jo, hot mir wos brocht. Jetzt waß i endlich von mein Leben, wie's woar und des. Jetzt waß i viel mehr.

B: Wie spielt sich des ob? Kannst mir des a bißl erklärn?

S: Na, i waß net... na, am Anfang woars anstrengend und dann nimmer a so. Am Anfang woars anstrengend, aber dann nicht mehr so.

B: Mhm. Jetzt fallts dir nimmer so schwer, daß du über dei Gschicht nochdenkst?

S: Na, na, jetzt fallts mir nimmer so schwer. Am Anfang is schwer gangen, do hob i net gwußt, wie und wos. Und jetzt gehts schon bei mir, i hob eh a guats Gedächtnis, gell?

B: Mhm.

S: Hm! Bin froh, daß i a guats Gedächtnis hob und schreiben und lesen kann. Tan die Fuaßballspieln da draussen ?

B: Daß es dir besser geht?

S: Jo, besser.

B: Und warum?

S: Weil i jetzt alles waß und des.

B: Host vorher Sachen net gwußt?

S: Na, vorher hob i nix gwußt, net soviel wie jetzta.

Frau S. und ich haben gemeinsam überlegt, welche Auswirkungen diese Arbeit auf ihr Leben gehabt hat und ob es zu Veränderungen gekommen ist. Frau S. meint dazu, daß ihr Alltag gleichgeblieben ist und sich nicht verändert hat. Aber sie kann jetzt besser denken. Ein wichtiges Kriterium ist, daß Frau S. jetzt mehr über ihre eigene Geschichte weiß. Vor unserer Zusammenarbeit sei das in einem viel geringeren Ausmaß der Fall gewesen. Hilfreich war wohl, gezielte Fragen zu stellen und auch die Geschehnisse in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Frau S. kann sich gut an Orte und Personen erinnern, hatte aber immer wieder Schwierigkeiten, die Geschehnisse zeitlich zuzuordnen. Wir haben in großen Zeitabschnitten gearbeitet, die sich in den Kapiteln dieser Arbeit widerspiegeln. Teilweise konnten wir mit Hilfe der Krankenakte und der Familie Ereignisse präzise zeitlich bestimmen.

Durch unsere Zusammenarbeit konnte der Kontakt mit der Familie hergestellt werden. Erfreulicherweise ist Frau S. heute mit dieser wieder soweit verbunden, dass es zu regelmäßigen Besuchen ihres Cousins und seiner Lebensgefährtin kommt. Wir haben gemeinsam die Vereinbarung getroffen, daß sich diese einmal im Monat melden und Frau S. hat ebenfalls die Möglichkeit anzurufen. Frau S. hat nach Jahren der Isolation wieder Familienanschluß, sie konnte ein Stückchen nach Hause kommen. Der Austausch mit ihrem Cousin über die Großmutter, die sie beide aufgezogen hat, und das Begräbnis der Tante machte es für sie möglich, sich von ersterer zu verabschieden.

Weiters ermöglichte das Durcharbeiten der Krankenakte, einige Erinnerungen von Frau S. zu modifizieren. Vor allem ihre Erzählungen über ihre Aggressivität erschienen mir von ihr sehr isoliert betrachtet. Es stellte sich heraus, daß es nicht nur lange Phasen der Ruhe gab sondern manche ihrer Attacken auch Notwehrakte waren. Darüber war sie erstaunt, konnte dann aber besser zuordnen, wann sie Angst hat, aggressiv zu werden. Auch die zeitliche Abfolge ihrer psychiatrischen Aufenthalte konnte durch die Krankenakte bestimmt werden. So waren wir uns beide über den Zeitpunkt der Ersteinlieferung und der Entlassung ins bzw. aus der psychiatrischen Anstalt zunächst nicht einig. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, und mir war unklar, wie sie ihre Jugendzeit verbracht hat. Daraus ergaben sich anfänglich einige Mißverständnisse, z.B. hinsichtlich ihrer Berufswünsche und der Dauer der Schulzeit. Erst die Krankenakte klärte uns über die damaligen Ereignisse auf.

Frau S. war sich klar darüber, daß unsere intensive Zusammenarbeit im Dezember 1998 beendet sein würde. Sie machte sich Sorgen, mit wem sie sich dann unterhalten könnte. Für mich war das ein Zeichen, daß sie noch gerne einige Sachen klären will oder zumindest die Möglichkeit haben möchte, darüber zu reden. Da mein Angebot, mit ihr gemeinsam eine passende Selbsthilfegruppe zu suchen, von ihr abgelehnt wurde, schlug ich ihr die Möglichkeit einer Therapie vor. Nachdem sie den Wunsch nach jemandem, der sich weiter mit ihr unterhält, mehrmals geäußert hatte, wäre es fahrlässig gewesen, unsere Zusammenarbeit zu beenden, ohne dafür Sorge zu tragen, ihr eine Vertiefung in einem geschützten Rahmen zu ermöglichen.

Frau S. reagierte auf die Möglichkeit einer Therapie neugierig und skeptisch zugleich, ließ sich die Sache genau erklären und stimmte schließlich zu, es zumindest zu versuchen. Ich fand eine Therapeutin, die bereit war, zu ihr nach Hause zu kommen und meines Wissens haben sie etwa ein Jahr zusammen gearbeitet.

Die Arbeit mit Frau S. war für mich sehr spannend und interessant. Wir haben nach wie vor Kontakt und lesen gemeinsam ihre Lebensgeschichte. Immer wieder diskutieren wir über einzelne Aspekte. Sie definiert für sich Begriffe und vergleicht ihr heutiges Leben mit dem Leben in der psychiatrischen Anstalt.

Die Entwicklung von Frau S. - für mich beobachtbar seit 1998 - möchte ich mit einigen Beispielen skizzieren:

Als ich sie kennenlernte war ihr Einkaufskorb gefüllt mit fünf Colaflaschen, ein paar Bierflaschen und eine einzige Käsesorte, vorzugsweise Streichkäse. Heute kauft sie u.a. zusätzlich Obst, Brot, Wurst, verschiedene Käsesorten und Orangensaft. Außerdem steht in ihrer Küche jetzt eine Mikrowelle, in der sie Fertiggerichte aufwärmt, wenn sie nicht arbeiten geht. Sie hat sich einen roten Trittroller gekauft, weil sie schon als Kind einen solchen besaß. In ihrem Wohnzimmer steht ein Punchingball, den sie benützt, wenn sie sehr wütend ist. Seit ca. einem Jahr hat sie eine Frau als Besuchsdienst, mit der sie demnächst auf Urlaub fahren wird. Es ist ihr erster Urlaub, den sie mit Unterstützung individuell gestaltet. Sie leistet sich eine Putzfrau, weil sie meint, daß ihr die Hausarbeit zuviel wird. In der Werkstatt hat sie Stunden reduziert und dadurch jeden Freitag frei. Seit 1999 macht sie immer ein Geburtstagsfest und lädt dazu Personen aus allen ihren verschiedenen Lebensbereichen ein.

Wenn ich das Leben von Frau S. mit einem Haus vergleiche, dann benützte sie anfänglich nur ein Zimmer. Wir haben gemeinsam einige weitere Zimmer dieses Hauses geöffnet, manche haben wir auch betreten und einige sind verschlossen geblieben. Ihre beiden Schwestern, die in der psychiatrischen Anstalt verschwunden sind und heute in den Weingärten arbeiten, haben wir nicht wiedergefunden. Aber wir sind durch Wiener Weinberge gefahren, und ich denke, Frau S. hat sich auch von ihnen verabschiedet.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal Frau S. zu Wort kommen lassen und einige Begriffe vorstellen, die sie definiert hat:

PSYCHIATRIE

haben nicht soviel davon

haben kein schönes Leben

können nicht fortgehen

die sind in der Zelle oder geduscht oder Gitterbett.

Meistens bleiben sie in der Anstalt,

lassen sie gar nicht mehr raus - lebenslänglich bleiben sie drinnen.

manchmal

GESELLSCHAFT

frei leben

führen ein schönes Leben

können fortgehen

alles ist wunderbar

meistens sind sie froh, wenn die Kranken in der Psychiatrie sind.

Dann spotten sie noch dazu.

In derU-Bahn schauen sie auch komisch.

INTEGRATION

Wenn ich mit anderen Leuten zusammen bin, spreche ich mit allen.

Wenn ich zu Hause bin, dann spreche ich mit Susanne Anna und mache meine Freizeit.

In Wien fühle ich mich wohl, ich kann viel unternehmen.

Und wenn ich müde bin, kann ich mich ausruhen.



[90] Alle Interviewpassagen dieses Kapitels stammen vom 19.5.1998

9. LITERATURLISTE

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. 10. Aufl., Piper-Verlag, München 1995

Barzen, Karin u.a.: Behinderte Frauen in unserer Gesellschaft - Lebensbedingungen und Probleme einer wenig beachteten Minderheit. Reha-Verlag, Bonn 1988

Basaglia, Franco (Hg.): Was ist Psychiatrie? 2. Aufl., Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1981

Basaglia, Franco, Franca Basaglia-Ongaro (HgIn.): Befriedungsverbrechen - Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen. Frankfurt 1980

Basaglia-Ongaro, Franca: Die psychiatrische Vernachlässigung. In: Das Argument, Sonderband. Hamburg-Berlin 1987

Berger, Ernst: Entwicklungsneurologie. Univerlag, Wien 1995

Berger, Ernst, Michl, Barbara: Zwangssterilisation bei geistiger Behinderung. In: Wiener Klinische Wochenschrift. 109/23:925-931 Springer-Verlag, Berlin- Heidelberg 1997

Bielstein, Dagmar (Hgin.): Von verrückten Frauen - Notizen aus der Psychiatrie. Fischer-Verlag, Frankfurt 1991

Bilden, Helga: Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus; Ulich, Dieter: Neues Handbuch der Sozialisationsforschung, 4.Aufl., Beltzverlag, Weinheim-Basel 1991

Brown, Lyn M., Gilligan, Carol: Die verlorene Stimme - Wendepunkte in der Entwicklung von Mädchen und Frauen. Campusverlag, Frankfurt-New York 1994

Buber, Martin: Das dialogische Prinzip. 7 Aufl., Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994

Chesler, Phyllis: Frauen - das verrückte Geschlecht? Rowohlt, Reinbek 1984

Chlebecek, Elisabeth: Geschlecht: FRAU; Status: GEISTIG BEHINDERT. - Die Arbeitssituation der Frauen mit geistiger Behinderung und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unter besonderer Berücksichtigung des Wiener Ersatzarbeitsmarktes. Unveröffentlichte Diplomarbeit 1993

Della Mea, Luciano: Adalgisa Conti: Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1979

Der Grüne Club im Parlament (Hg): ">Zwangssterilisation< Menschenrechtsverletzung oder Notwendigkeit?" Eigenverlag, Wien 1998

Dörner, Klaus, Ursula, Plog: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie. 4. Aufl., Psychiatrieverlag, Bonn 1984

Eberwein, Hans (Hrsg): Handbuch Lernen und Lern-Behinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1996

Eberwein, Hans (Hrsg.): Handbuch Integrationspädagogik. Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam. 4. Auflage, Beltzverlag, Weinheim-Basel 1997

Eberwein, Hans: Lernbehinderung - Faktum oder Konstrukt? Zum Begriff sowie zu Ursachen und Erscheinungsformen von Lern-Behinderung. In: Eberwein, Hans (Hrsg): Handbuch Lernen und Lern-Behinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1996

Elias, Ruth: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Ausschwitz nach Israel. 5. Aufl., Piperverlag, München-Zürich 1998

Enders-Drägasser, Uta, Sellach, Brigitte (Hgin): Frauen in der stationären Psychiatrie - Ein interdisziplinärer Bericht. Verlag Hans Jacobs, Frankfurt 1998

Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus. Suhrkamp, Frankfurt 1973

Erikson, Erik H.: Kindheit und Gesellschaft. 12. Aufl., Klett-Cotta, Stuttgart 1995

Feuser, Georg: "Geistig Behinderte gibt es nicht! Projektionen und Artefacte in der Geistigbehindertenpädagogik." Vortrag anläßlich des 11. Österreichischen Symposiums für die Integration behinderter Menschen am 8.6.1996 in Innsbruck. Gekürzte Fassung veröffentlicht in: Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hg.): "Geistige Behinderung", Heft 1, Marburg 1996, S 18-25

Feuser, Georg: Behinderte Kinder und Jugendliche. Zwischen Integration und Aussonderung.Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995

Feuser, Georg: Aspekte der Ethik und Therapie der Rehabilitation und Integration schwerst beeinträchtigter Menschen. Arbeitsmaterialien. 1996.

Forster, Rudolf: Psychiatrieformen zwischen Medikalisierung und Gemeindeorientierung - Eine kritische Bilanz. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen - Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, Frankfurt 1994

Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten - Bildung als Praxis der Freiheit. Rowohlt, Hamburg 1993

French, Marilyn: Jenseits der Macht. Frauen, Männer und Moral. Rowohlt, Hamburg 1992

Friske, Andrea: Als Frau geistig behindert sein. Ansätze zu frauenorientiertem, heilpädagogischem Handeln. Ernst Reinhardt Verlag, München-Basel 1995

Füllberg-Stolberg, Claus, Jung, Martina, Riebe, Renate, Scheitenberger,

Martina (HgIn.): Frauen in Konzentrationslagern - Bergen-Belsen, Ravensbrück. Edition Temmen, Bremen 1994

Gilzmer, Mechthild: Fraueninternierungslager in Südfrankreich. Rieucros und Brens 1939 - 1944. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1994

Goffman, Ervin: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt 1973

Goffman, Ervin: Stigma - Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identitäten.12. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt 1996

Hagemann-White, Carol: Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren. In: Hagemann White, Carol; Rerrich, Maria S.: FrauenMännerBilder. Männer und Männlichkeit in der feministischen Diskussion. AJZ Verlag, Bielefeld 1988

Hagemann-White, Carol: Sozialisation: Weiblich-männlich? - Alltag und Biografie von Mädchen. Band 1, Leske Verlag, Opladen 1984

Harbacher, Lempp, Nissen, Strunk: Lehrbuch der speziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Springer Verlag, Berlin 1971

Haug, Frigga: Erinnerungsarbeit. 2. Aufl., Argument Verlag, Hamburg-Berlin 1994

Heinze, Martin, Priebe, Stefan (Hg): Störenfried >Subjektivität< - Subjektivität und Objektivität als Begriffe psychiatrischen Denkens. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1996

Holzkamp, Klaus: Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Campus Verlag, Frankfurt 1973

Holzkamp, Klaus: Grundlegung der Psychologie. Campus Verlag, Frankfurt-New York 1983

Horkheimer, Max, Adorno, W. Theodor: Dialektik der Aufklärung - philosophische Fragmente. Fischer Verlag, Frankfurt 1997

Hurrelmann, Klaus, Ulich, Dieter: Neues Handbuch der Sozialisationsforschung, 4.Aufl., Beltzverlag, Weinheim-Basel 1991

Janssen-Jurreit, Marielouise: Sexismus - Über die Abtreibung der Frauenfrage. 3. Aufl., Fischer Verlag, Frankfurt 1979

Jantzen,Wolfgang (Hg.): Die neuronalen Verstrickungen des Bewußtseins. Zur Aktualität von A.R. Lurijas Neuropsychologie. Lit Verlag, Münster-Hamburg 1994

Jantzen, Wolfgang: Gesellschaftliche Funktion der Schule für Lernbehinderte und demokratische Berufspraxis: Eine Problemskizze in: Jantzen, Wolfgang (Hg.): Soziologie der Sonderschule - Analyse einer Institution. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1981

Jantzen, Wolfgang, Lanwer-Koppelin, Willehad (Hg.): Diagnostik als Rehistorisierung - Methodologie und Praxis einer verstehenden Diagnostik am Beispiel schwer behinderter Menschen. Edition Marhold, Berlin 1996

Jantzen, Wolfgang (Hrsg.): Soziologie der Sonderschule - Analyse einer Institution. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1981

Jantzen, Wolfgang: Allgemeine Behindertenpädagogik, Band 1, Sozialwissenschaftliche und psychologische Grundlagen. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1987

Jantzen, Wolfgang: Das Ganze muß verändert werden - Zum Verhältnis von Behinderung, Ethik und Gewalt. Marholdverlag, Berlin 1993

Jantzen, Wolfgang: Syndromanalyse und romantische Wissenschaft - Perspektiven einer allgemeinen Theorie des Diagnostizierens. In: Jantzen, Wolfgang (Hg.) Die neuronalen Verstrickungen des Bewußtseins. Zur Aktualität von A.R. Lurijas Neuropsychologie. Band 6, Lit Verlag, Münster-Hamburg 1994

Jervis, Giovanni: Kritisches Handbuch der Psychiatrie. 2. Aufl., Syndikat Verlag, Frankfurt 1978

Keil, Annelie: Gezeiten. Leben zwischen Gesundheit und Krankheit. 2. Aufl., Prolog Verlag, Kassel 1990

Köck, Peter, Ott, Hanns: Wörterbuch für Erziehung und Unterricht. 5. Aufl., Auerverlag, Donauwörth 1994

Kos, Martha: Frauenschicksale in Konzentrationslagern. Passagen Verlag, Wien 1998

Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung Band 1 Methodologie. Psychologie Verlag Union, München-Weinheim 1988

Lindemann, Gesa: Die soziale Konstruktion der Geschlechtszugehörigkeit. in: Heinze, Martin; Priebe, Stefan (Hrsg.) Störenfried >Subjektivität< - Subjektivität und Objektivität als Begriffe psychiatrischen Denkens. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1996

Lurija, Alexander R.: Romantische Wissenschaft - Forschung im Grenzbezirk von Seele und Gehirn. Rowohlt, Hamburg 1993

Mahler, Margret: Symbiose und Individuation - Psychosen im frühen Kindesalter. 6. Aufl., Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1992

Maiers, Wolfgang: Der Subjektbegriff der Kritischen Psychologie. in: Heinze, Martin/Priebe Stefan (Hg.): Störenfried >Subjektivität< - Subjektivität und Objektivität als Begriffe psychiatrischen Denkens. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1996

Mand, Johannes: Lernbehinderung als soziale Benachteiligung. In: Eberwein, Hans (Hrsg:): Handbuch Lernen und Lern-Behinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1996

Manske, Christl: Lernbehinderung ist gebrochener Stolz. In: Eberwein, Hans (Hrsg:): Handbuch Lernen und Lern-Behinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Beltz Verlag, Weinheim-Basel 1996.

Miles, Robert: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. 2. Aufl., Argument Verlag, Hamburg-Berlin 1992

Millett, Kate: Sexus und Herrschaft - Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. Deutscher Taschenbuch Verlag, München-Wien-Basel 1971

Millu, Liana: Der Rauch über Birkenau. Kunstmann Verlag, München 1997

Miner, Valerie, Longino, Helen E.: Konkurrenz - Ein Tabu unter Frauen. Frauenoffensive, München 1990

Müller, Ulrich, von Salzen, Wolfgang: Auswirkungen der sozialökonomischen Verhältnisse auf die Verhaltensweisen von "Hilfsschülern". In: Jantzen, Wolfgang (Hrsg.): Soziologie der Sonderschule - Analyse einer Institution. Beltzverlag, Weinheim-Basel 1981

Musfeld, Tamara: Im Schatten der Weiblichkeit. Über die Fesselung weiblicher Kraft und Potenz durch das Tabu der Aggression. Edition diskord, Tübingen 1997

Niedecken, Dietmut: Namenlos. Geistig Behinderte verstehen. 3. Aufl., Luchterhand, Berlin 1998

Piaget, Jean: Biologie und Erkenntnis. Fischer Verlag, Frankfurt 1992

Reichmann-Rohr, Erwin: Formen der Ausgrenzung in historischer Sicht. in: Eberwein, Hans (Hrsg.): Handbuch Integrationspädagogik. Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam. 4. Auflage, Beltzverlag, Weinheim-Basel 1997

Rhode-Dachser, Christa: Expedition in den dunklen Kontinent - Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse. Springer Verlag, Berlin-Heidelberg 1991

Romme, Marius, Escher, Sandra: Stimmen hören akzeptieren. Psychiatrie-Verlag, Bonn 1997

Scheu, Ursula: Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht. Zur frühkindlichen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Fischer Verlag, Frankfurt 1977

Schneider, Doris, Tergeist Gabriele (Hgin.): Spinnt die Frau? Zur Geschlechterfrage in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag, Bonn 1993

Spitz, René A.: Eine genetische Feldtheorie der Ich-Bildung. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1972

Spitz, René A.: Vom Säugling zum Kleinkind.10.Aufl., Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1992

Spitz, René A.: Vom Dialog. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1976

Stern N., Daniel: Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. 5. Aufl., Piper Vlg., München 1993.

Stern N., Daniel: Die Lebenserfahrungen des Säuglings. 6. Aufl., Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1998

Thürmer-Rohr, Christina: Vagabundinnen - Feministische Essays. 6. Aufl., Orlanda Frauenverlag, Berlin 1992

Witzel, Andreas: Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Campus Verlag, Frankfurt 1982

Zieger, Andreas: "Wofür leben wir überhaupt?" Erinnerungsarbeit mit Ankes Körper-Selbst. Eine Geschichte traumatischer, antidialogischer Bedingungen. in: Jantzen, Wolfgang; Lanwer-Koppelin, Willehad (Hg.): Diagnostik als Rehistorisierung - Methodologie und Praxis einer verstehenden Diagnostik am Beispiel schwer behinderter Menschen. Edition Marhold, Berlin 1996

Quelle:

Barbara Kreilinger: 20 Jahre Leben in der Psychiatrie. Eine Frau erzählt - Erinnern als integrativer Prozeß.

erschienen im Literitas Verlag Wien 2002

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 05.07.2011

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation