Spurensuche Irma

Berichte und Dokumente zur Geschichte der »Euthanasie-Morde« an Pfleglingen aus den Alsterdorfer Anstalten

AutorIn: Antje Kosemund
Themenbereiche: Eugenik
Textsorte: Broschüre
Releaseinfo: Herausgeberin: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Land Hamburg
Copyright: © Antje Kosemund 2005

Abbildungsverzeichnis

    Vorwort zur zweiten aktualisierten Auflage

    Seit dem ersten Erscheinen der „Spurensuche“ 1998 sind sechs Jahre vergangen. Vieles von dem, was wir jahrelang eingefordert haben, ist seitdem in Wien verwirklicht worden.

    Die geheime „Gehirnkammer“ im Keller der Pathologie des psychiatrischen Krankenhauses Wien existiert nicht mehr. Anfang April 2002 wurden endlich auf dem Ehrenfeld des Zentralfriedhofes Wien mehr als 700 Urnen mit den sterblichen Überresten der „Euthanasie“-Opfer bestattet. Auf der neu gestalteten Gedenkstätte befinden sich acht große Grabtafeln, auf denen die Namen der Opfer eingetragen sind, eine Forderung, die von uns Angehörigen und Freunden immer wieder gestellt worden war. Von meiner Schwester Irma hatte man 2002 noch Gehirnschnitte im Ludwig-Bolzmann-Institut gefunden und beerdigt.

    Es ist unvorstellbar, aber Irma ist inzwischen an drei verschiedenen Orten beerdigt. Ihr Körper wurde 1944 in einem Massengrab in Wien verscharrt. Das Gehirn haben wir 1996 auf dem Geschwister-Scholl-Ehrenfeld in Ohlsdorf beerdigt, und ein winziger Rest wurde am 25. April 2002 in Wien begraben. Ende April kam ich von der Gedenkfeier in Wien zurück nach Hamburg, in der Hoffnung, die traurige Geschichte meiner Schwester endlich zum Abschluss gebracht zu haben. Anfang Juni wurde ich dann erneut durch einen Anruf aus Wien aufgeschreckt. Plötzlich war lrmas gesamte Krankenakte aufgetaucht. Eine Akte, die ich seit 1984 immer wieder angefordert hatte, die es ja eigentlich gar nicht gab, die angeblich Ende des Kriegs verloren gegangen war. Die Akte wurde in einem verschlossenen Schrank im Ludwig-Bolzmann-Institut zusammen mit Krankenblättern einiger weiterer Opfer gefunden. Es ist zu vermuten, dass es sich um Akten von Opfern handelt, nach denen von Angehörigen geforscht wurde. Als ich lrmas Krankenakte dann erhielt und studierte, bekam ich einen Einblick in Menschenverachtung und Zynismus, der in den Eintragungen von Ärzten und Schwestern zum Ausdruck kam. Ein weiterer Beweis dafür, welche Leiden und Unmenschlichkeiten diesem Kind angetan worden waren.

    Über einen noch lebenden Täter, Dr. Heinrich Gross in Wien, will ich nur wenige Sätze verlieren. Gross, schon vor dem Anschluss Österreiches Mitglied der SA, arbeitete als Oberarzt in der Kinderfachabteilung „Am Spiegelgrund“. Er selektierte hier, aber auch im benachbarten Jugendfürsorgeheim, Kinder zur „Behandlung“ d.h. zur Tötung. Nach der Befreiung begründete Dr. Gross mit der Forschung an den Gehirnen seiner Opfer seine internationale Karriere und wurde zum meist beschäftigten Gerichtsgutachter Österreichs. Mitte der 90er Jahre wurde die Staatsanwaltschaft durch den Justizminister zur Anklageerhebung gegen Gross angewiesen. Ende März 2002 kam es zum Eröffnungen der Hauptverhandlung. Am ersten Prozesstag stellte das Gericht seine Verhandlungsunfähigkeit fest. Soviel zu Recht und Gerechtigkeit der Wiener Justiz.

    Antje Kosemund, im November 2004

    Grußwort

    Der Blütenstaub

    in unserem Herzen

    wird zum Sturm

    der Gewalt verweht.

    Unsere Seelen

    werden müde

    und erreichen nicht

    den Nächsten.

    Lautlos

    sind unsere Signale

    und selbst der Nächste

    hört sie nicht.

    Wer so schreibt, hat die Hölle der Kriegsjahre im Steinhof in Wien miterlebt und überlebt. Es ist Alois Kaufmann, der als Kind in den Kriegsjahren in der NS-Erziehungsanstalt Steinhof untergebracht war und erlebte hat, wie die „Euthanasie“-Ärzte der benachbarten Kinderfachabteilung „Am Spiegelgrund“ auch durch die Jugendanstalt gingen und die „fälligen“ Kinder und Jugendlichen für ihre medizinischen Experimente selektierten. Er blieb wie durch ein Wunder verschont.

    Alois Kaufmann war eines der wenigen überlebenden Opfer, die auf dem Symposium „Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien“ im Januar 1998 sprechen konnten. Er hat voll Bitterkeit gesprochen, aber auch mit Genugtuung, weil das, was er über Jahrzehnte erzählte und was keiner hören wollte, nun Gegenstand einer öffentlichen Veranstaltung geworden war. Ein spätes öffentliches Bekenntnis der österreichischen Psychiatrie zur eigenen Geschichte. Spät, aber dennoch.

    Antje Kosemund hat ein Gutteil dazu beigetragen, dass dies in Wien möglich und auch nötig wurde. In dieser Broschüre dokumentiert sie, wie es dazu kam. Im Mittelpunkt steht dabei ihre Schwester Irma Sperling, die 1943 mit 227 anderen Frauen und Mädchen aus den Alsterdorfer Anstalten nach Wien abtransportiert und dort 1944 ermordet wurde. Die unglaubliche Entdeckung 1995, dass das Gehirn ihrer Schwester mit über 300 weiteren Gehirnen von „Euthanasie“-Opfern noch immer in der sogenannten Gehirnkammer des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartnerhöhe in Wien als Schaustück aufbewahrt wurde, ließ Anje Kosemund nicht mehr ruhen. Ihr ist es zu danken, dass es 1996 zur feierlichen Beisetzung von 10 Gehirnen der Alsterdorfer Opfer in Hamburg kam, die in Wien noch auffindbar waren. Und ihr und einigen wenigen anderen ist es zu danken, dass das Thema des Umgangs mit der eigenen Geschichte und die Frage des würdigen Umgangs mit den 300 anderen Gehirnen der „Euthanasie“-Opfer in Wien bis heute zum Dauerthema der Presse in Österreich geworden ist.

    Das Thema ist bis heute nicht abgeschlossen und wird es vielleicht auch niemals sein. Europaweit wird heute wieder erneut im Rahmen der sogenannten, Bioethik-Konvention die Diskussion geführt über die Erlaubnis medizinischer Experimente an Menschen, die nicht einwilligen können - so als ob die Geschichte niemals stattgefunden habe. Gedenken an die Opfer und die Wachheit gegenüber heutigen Gefahren der Geschichtswiederholung gehören zusammen. Auch dies soll die Botschaft dieser Broschüre sein, damit unsere Signale nicht lautlos sind und der Nächste und viele andere sie hören.

    Michael Wunder

    Teil I:

    Wie ich Irmas Spuren wiederfand

    In Hamburg-Alsterdorf gib es einen Irma-Sperling-Weg, benannt nach einem Mädchen, das in der Nazizeit Opfer der „Euthanasie“ wurde. Im gleichen Stadtteil, direkt an der „Evangelischen Stiftung Alsterdorf“ (früher Alsterdorfer Anstalten) befindet sich die Dorothea-Kasten-Straße. Auch Dorothea Kasten gehörte zu den Opfern der „Euthanasie“. Wahrscheinlich ist Hamburg die einzige Stadt, in der Straßennamen an die Ermordung behinderter Menschen erinnern.

    Am 16. August 1943 werden 228 behinderte Frauen und Mädchen aus den Alsterdorfer Anstalten in die Tötungsanstalt „Am Steinhof“ in Wien deportiert. Zu ihnen gehört Irma Sperling. Seit dem 21.12.1933 lebt sie in Alsterdorf; ihre Familie wird über die Deportation nicht benachrichtigt. Irma ist das siebte von zwölf Geschwistern. Sie wird am 20.1.1930 als behindertes Kind geboren und verlebt ihre ersten vier Lebensjahre in der Familie. Der Vater ist als Antifaschist in der Arbeiterbewegung aktiv und wird im Mai 1933 vorübergehend in Gestapohaft genommen. Während der Haftzeit verliert er seine Arbeit als Angestellter bei der AOK, wodurch die Familie mit mittlerweile 9 Kindern in große Not gerät. Dies wird auch der Grund sein, dass die Eltern ihr Kind in die Alsterdorfer Anstalt geben. Dazu kommt der Druck aus dem Familienfürsorgeamt.

    Irma war meine Schwester, sie ist 15 Monate jünger als ich. Ich erinnere mich, dass Irma es liebte, wenn wir mit Freunden musizierten und sangen. Die älteren Schwestern versorgten Irma, weil unsere Mutter mit zwei weiteren Babys, einer erneuten Schwangerschaft und Krankheiten völlig überlastet war. Dazu kam die schwierige finanzielle Lage. Als Irma nach Alsterdorf gebracht wurde, sagten uns die Eltern, es werde ihr dort besser gehen. Meine Mutter starb im April 1942, eine schwere Zeit begann für uns. Im Januar 1945 bekam mein Vater die Nachricht aus Wien (Steinhof), Irma wäre an Grippe und Lungenentzündung gestorben.

    Im Frühjahr 1983 ordnete ich mit meinem Vater alte Familienakten. Dabei fand ich die Sterbeurkunde von Irma. Mir fiel auf: das Ausstellungsdatum und der Todestag liegen ein Jahr auseinander. Irma starb am 8. Januar 1944, die Urkunde wurde am 4. Januar 1945 ausgestellt. Es ist anzunehmen, dass Nachforschungen verhindert werden sollten?!

    Mittlerweile war ich seit Jahren Mitglied in der VVN-BdA, und so wusste ich um die Verbrechen der „Euthanasie“-Morde der Nazis. Ich begann das Schicksal meiner Schwester zu erforschen, und schrieb Briefe an die Alsterdorfer Anstalten sowie an das Psychiatrische Krankenhaus „Baumgartnerhöhe“ (früher Steinhof) in Wien, in denen ich Kopien der psychiatrischen Gutachten und die Krankenberichte anforderte. Aus Alsterdorf kam die Einladung zu einem Gespräch mit einem Vorstandsmitglied. Ich bekam die verlangten Kopien, und es stellte sich das Elend eines Kindes dar, das ohne Therapie und Behandlung verwahrt worden war, um dann selektiert und abtransportiert zu werden.

    Außer der Sterbeurkunde ist ein Kostenbescheid der Sozialabteilung, Amt Uhlenhorst, erhalten geblieben. Für die Unterbringung in Alsterdorf, aber auch für die Zwangseinweisung in die Tötungsanstalt in Wien sollte mein Vater einen Betrag von 2592,50 RM bezahlen. Angesichts der schwierigen Lage der Familie wurden auf Antrag die Kosten erlassen.

    Abbildung 1. Kostenbescheid

    Kostenbescheid über die Unterbringung von Irma Sperling.
Ausgestellt von der Sozialabteilung der Gemeindeverwaltung der
Hansestadt Hamburg. Zu begleichen ist der Betrag von 2592,50
Reichsmark.

    Der damaliger Leiter der Anstalt, Pastor Lensch (Mitglied der SA), war darauf bedacht, seine Anstalt von „Ballastexistenzen“ zu befreien. Es ist nicht verwunderlich, dass Lensch im vorauseilenden Gehorsam Meldebögen an die T4-Zentrale nach Berlin[1] schickte, um den Abtransport ihm lästiger Patienten in die verschiedenen Tötungsanstalten zu forcieren. Nach der Befreiung wurde eine Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Lensch vom Gericht abgelehnt: „... Lensch habe nicht wissen können, dass die Transporte in Tötungsanstalten gingen.“ Nach Kriegsende bewirkte erst der Druck durch die Entnazifizierungsmaßnahmen der englischen Besatzungsmacht eine personelle Änderung in der Leitung der Alsterdorfer Anstalten. Weil er als SA-Mitglied unter politischen Druck geriet, stellte Pastor Lensch sein Amt zur Verfügung. Eine Schuldanerkennung wurde in keiner Weise auch nur angedeutet. Wie unbelastet sich Pastor Lensch tatsächlich persönlich fühlte, geht auch daraus hervor, dass er 1948 Interesse daran äußerte, als Direktor an die Alsterdorfer Anstalten zurückzukehren. Durch Vermittlung der Hamburger Landeskirche erhielt Pastor Lensch eine Pfarrstelle in Hamburg-Othmarschen[2].

    Von gleicher Gesinnung war der Psychiater und Oberarzt, Dr. Kreyenberg. Er war Befürworter der „Euthanasie“ und der Zwangssterilisation. Er machte Versuche an Pfleglingen mit Röntgenstrahlen, um „Schwachsinn“ zu heilen. Eine von ihm erstellte Erbgesundheitskartei diente als Vorbild für andere Anstalten und war Anlaß für Vorverurteilungen ganzer Familien.[3]

    Kreyenberg konnte nach der Befreiung ungehindert in Alsterdorf eine Privatpraxis betreiben. Auch als Gerichtsgutachter wurde er zugelassen. Niemand nahm Anstoß daran, dass er Patienten bei Entschädigungsverfahren begutachtete, denen er selbst Schäden zugefügt hatte. Dieser Psychiater ist es, der das Gutachten über Irma erstellte und damit ihr Schicksal besiegelte. Er bezeichnet sie u.a. als „völlig idiotisch“ und beschreibt ihr Äußeres: „flacher Hinterkopf, mit tief in die Stirn reichendem Haarwuchs, vorgewölbte Stimhöcker, kräftiges Gebiss.“ Auf dem einzigen Foto von Irma aus Alsterdorf, etwa 2 1/2 Jahre später aufgenommen, ist ein hübsches spielendes Kind zu sehen, so wie ich sie auch in meiner Erinnerung habe, dem man seine angebliche schwere Behinderung nicht ansieht.

    Aus Wien erreicht mich nach intensiven Nachfragen und langem Warten ein Brief, der wenige Krankenblätter enthält. Die Eintragungen enthüllen ein Maß an Menschenverachtung und Zynismus, die kaum zu ertragen sind. Irmas psychischer und physischer Zustand verschlechterte sich dramatisch. In den ersten acht Wochen in den Wiener Anstalten verringert sich ihr Körpergewicht von 40 kg auf 28 kg. Die Pfleglinge müssen hungern und werden in keiner Weise versorgt. Anfangs wehrt Irma sich noch gegen ihr Schicksal. So heißt es am 26.9.1943 in der Krankenakte: „…schlägt eine große Fensterscheibe ein, ohne sich zu verletzen. Zwangsjacke.“ Der Vorgang wiederholt sich am 28.9.1943, dann gibt es keine Eintragungen mehr. Irgendwann in diesen Tagen wird Irma mit 13 weiteren Mädchen aus den Alsterdorfer Anstalten in die berüchtigte „Kinderfachabteilung -Am Spiegelgrund“, die auf dem gleichen Gelände liegt, verlegt. Irma ist 13, das jüngste Mädchen knapp vier Jahre alt. 3 1/2 Monate später lebt von den 14 Kindern keines mehr. In den Monaten vor der Ermordung werden an den Mädchen pseudowissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen. Abgemagert und vom Hunger geschwächt, werden die Kinder durch ständige Medikamentengabe (Luminal) vergiftet. Am 8.Januar 1944 wird Irma ermordet. Die Sterbeurkunde enthält die für „Euthanasie“-Morde typische Eintragung: „Grippe, Lungenentzündung.“

    Meine Anfrage ob eine Grabstätte von Irma vorhanden sei, wurde aus Wien negativ beantwortet. Es gab kein Grab für meine Schwester!

    Sterbeurkunde

    Abbildung 2. Sterbeurkunde

    Sterbeurkunde von Irma Sperling ausgestellt am 04. Jänner 1945.
Angabe der Todesursache: Angeborene zerebrale Kinderlähmung, Grippe und
Lungenentzündung. Sterbedatum: am 8. Jänner 1944 um 17.10 Uhr.

    Irma: Aus der Gehirnkammer in Wien zur letzten Ruhe in Hamburg

    Während meines Aufenthaltes im Dezember 1994 bei meiner Tochter in Tirol sahen wir im ORF einen Bericht. Wir erfuhren, dass sich im Psychiatrischen Krankenhaus „Baumgartner Höhe“ in Wien im Keller der Pathologie eine sogenannte „Gehirnkammer“ befindet. Die Fernsehbilder, die diese Gehirnkammer zeigten, waren schockierend. In dem Raum befanden sich, auf langen Holzregalen stehend, einige hundert Gläser mit den Gehirnen von „Euthanasieopfern“. Im Hintergrund sah man alte Möbel gestapelt; in einem der Gläser war ein Kinderkopf zu sehen. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass man erwägt, diese Gläser in der „Gehirnkammer“, die als Gedenkraum bezeichnet wird, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Wieder in Hamburg, schrieb ich an die zuständigen Stellen in Wien, um dieses Vorhaben zu verhindern, und machte den Vorschlag, die sterblichen Überreste aller Opfer zu bestatten und eine Gedenkstätte zu errichten. Mir war der Gedanke unerträglich, diese sogenannten „neurologisch pathologischen Präparate“ (so die offizielle Bezeichnung!) den Augen der Öffentlichkeit ausgesetzt zu wissen. Ich setzte mich dafür ein, für die Opfer der Nazieuthanasie einen Rahmen des Gedenkens zu finden, der dem Verbrechen, das an ihnen verübt wurde, angemessen ist. Außerdem sollte es den Angehörigen die Genugtuung geben, dass diese Verbrechen nicht länger aus der Erinnerung der Menschen verdrängt werden.

    Nun beginnt ein Briefwechsel mit den Österreichischen Stellen, der sich über ein Jahr hinzieht. 14.2.95 - der Direktor der Baumgartner Höhe, Professor Gabriel, bestätigt meine böse Ahnung, in dem Keller befindet sich in einem der Gläser das Gehirn meiner Schwester Irma. Weiter schreibt Prof. Gabriel von einer „Sammlung“, die bis in die 80er Jahre vergessen war. Jetzt soll sie Psychiater und Pathologen an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte erinnern. Am 3. März 95 teilt mir der zuständige Stadtrat, Dr. Rieder, - er ist auch Vizebürgermeister der Stadt Wien - mit, dass er den Schriftwechsel mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes erhalten habe.

    Daraus gehe hervor, dass „... mittlerweile ernsthafte Gespräche zwischen der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes, der Leitung des Psychiatrischen Krankenhauses und dem Dokumentationsarchivs über Art und Weise eines Gedenkraumes geführt werden“. Mein Eindruck ist: in Wien versteht man überhaupt nicht, was mein Anliegen ist. In meiner Antwort an Dr. Rieder gebe ich meiner Enttäuschung Ausdruck darüber, dass er in Bezug auf eine geplante Gedenkstätte für die Ermordeten der damaligen Tötungsanstalt „Am Steinhof“ keine Stellung bezogen habe. Ich bitte darum, mich über die weitere Planung, was mit den „Gehirnpräparaten“ geschehen soll, zu unterrichten.

    Inzwischen hat sich in Hamburg ein Arbeitskreis gebildet. Dazu gehören Dr. Michael Wunder, leitender Mitarbeiter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, und Pastorin Esther Bollag aus demselben Haus. Der Landesvorstand VVN-BdA ist vertreten durch unseren 1. Vorsitzenden Helmut Stein. Wir haben unsere Forderungen an die Wiener Behörden konkretisiert:

    1. Die Überführung aller sterblichen Überreste der Hamburger Opfer, soweit sie auffindbar sind, um sie nach einer öffentlichen Gedenkfeier auf dem Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung beizusetzen.

    2. Wir wollen, dass in Wien die sogenannte „Gehirnkammer“ aufgelöst wird und auch dort die sterblichen Überreste beigesetzt werden.

    Mitte Mai erhalte ich einen weiteren Brief von Dr. Rieder, der nicht auf meine Fragen und Forderungen eingeht. Es schreibt u.a. „... auch ich finde, dass eine würdigere Form anzustreben ist. Darüber, wie dies geschehen soll, gehen freilich die Meinungen auseinander. Nicht nur aus persönlicher Betroffenheit habe ich die Entscheidung über die weitere Vorgangsweise mir selbst vorbehalten.“ Mit der Aussage dieses Briefes bin ich durchaus unzufrieden. Mir bleibt nur übrig, mich an die Ministerin für Gesundheit und Spitalswesen in Wien zu wenden, um eine Entscheidung herbeizuführen. In Bezug auf die zur Schaustellung der sterblichen Überreste der Ermordeten schreibe ich u.a.: „Dies ist für die Angehörigen, also auch für meine Schwestern und mich, absolut nicht zu akzeptieren. Schon, dass es kein Grab für unsere Schwester gibt, ist schwer zu ertragen. Das zeigt, wie unsensibel die zuständigen Stellen in Wien mit Opfern des Faschismus umgegangen sind. Nun haben wir den dringenden Wunsch, dass die letzten sterblichen Überreste unserer Schwester nach Hamburg überführt und in unserer Nähe bestattet werden, was für uns um so wichtiger ist, als wir in unserem Schmerz und unserer Trauer Ruhe finden können.“ Dieser Brief ging in Kopie an alle beteiligten SteIlen, außerdem an den Bundespräsidenten, Dr. KIestil, und an den Bundeskanzler, Dr. Vranitzky, mit der Bitte um Unterstützung. Innerhalb weniger Tage sagen mir die angeschriebenen Personen ihre Hilfe zu. Kurz darauf schreibt mir Dr. Rieder, dass unseren Wünschen und Forderungen nun doch entsprochen wird.

    Unsere Hoffnung hält nur kurze Zeit an. Am 30.6.95 schreibt Dr. Rieder, es seien neue Fakten gegen den an den Morden beteiligten Arzt Dr. Gross aufgetaucht. Aus diesem Grund hätte die Staatsanwaltschaft die „Gehirnpräparate“ beschlagnahmt, und ich möge „etwas Geduld“ haben. Vier Monate später habe ich genug von der Verzögerungs- und Hinhaltetaktik. Ich frage bei dem zuständigen Staatsanwalt an, wann endlich mit der Überführung der Urnen zu rechnen ist. Die Antwort, einen Monat später, besteht aus einem Satz „...Zu Ihrem Schreiben vom 16.10.95, betreffend das ha (Anm. hier anhängige) Verfahren 15St83839/95, Dr. Heinrich Gross, ergeht die Mitteilung, dass die ha Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.“ Danach hatte ich nicht gefragt, und ich schreibe einen bösen Brief an den Staatsanwalt. Wieder gehen Kopien an die Ministerin, den Bundespräsidenten und den Bundeskanzler. Auch Helmut Stein und Michael Wunder beschweren sich schriftlich über die Staatsanwaltschaft. Inzwischen habe ich die Nachricht, dass sich die höchsten Staatsorgane in unserem Sinne eingeschaltet haben. Am 2.1.96 kommt relativ schnell die Nachricht der Staatsanwaltschaft, dass die sogenannten Präparate zur Überführung freigegeben worden sind.

    Wir beschließen, dass die Gedenkfeier mit anschließender Urnenbestattung am 8. Mai 96, dem Jahrestag der Befreiung, stattfinden soll. Vorher sind noch manche finanzielle und organisatorische Probleme zu lösen. Ein großer Teil der Aufgaben wird von Michael Wunder, Esther Bollag und Helmut Stein übernommen. In den Wochen vor dem 8. Mai 96 melden sich TV-Anstalten und Rundfunkjournalisten zum Interview und zur Teilnahme an der Feier an. Von Mitarbeitern der Evangelischen Stiftung Alsterdorf werden Einladungen verschickt, und wir planen gemeinsam den Ablauf der Gedenkfeier. Am 8. Mai 96 haben sich fast 300 Menschen in der Kapelle 13 des Ohlsdorfer Friedhofes eingefunden, darunter die evangelische Bischöfin Frau Jepsen und die Senatorin Frau Fischer-Menzel. Pastor Rolf Baumbach, Direktor der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, erinnert in seiner eindrucksvollen Rede an die Verbrechen der NS-Zeit. Die musikalische und künstlerische Gestaltung übernahmen unsere Freunde Angele Altmann und Peter Schenzer sowie der Schauspieler Michael Weber. Nach Redebeiträgen von Michael Wunder, Esther Bollag und Helmut Stein erzählt als Zeitzeuge der ehemalige Anstaltsbewohner Wilhelm Roggenthien von den Leiden in der damaligen Zeit. Auch ich hatte die Gelegenheit, an meine Schwester und den unsäglichen Umgang mit der Geschichte der „Euthanasie“-Morde zu erinnern.

    Die blumengeschmückten Urnen wurden anschließend auf dem Geschwister-Scholl-Ehrenfeld für die Verfolgten des NS-Regimes in einem gemeinsamen Grab beigesetzt. Bewohner der Evangelischen Stiftung Alsterdorftrugen die zehn Urnen zur Grabstätte. Dort nannte Pastor Baumbach die Ermordeten noch einmal bei ihrem Namen. Der Gedenkstein trägt die Inschrift:

    »Opfer der Euthanasie

    Deportiert aus den Alsterdorfer Anstalten

    Getötet in Wien«

    Dann folgen die Namen der zehn Opfer und ihr Geburtsdatum sowie der Tag ihrer Ermordung. So wurden diese Menschen dem Vergessen entrissen, und ein Teil ihrer Würde wurde ihnen zurückgegeben.

    Deportationslisten

    Abbildung 3. Deportationslisten: 1. Teil

    Deportationsliste mit 228 Namen, die nach Wien tranportiert werden
sollen. Nummer 63 ist Irma Sperling.

    Abbildung 4. Deportationslisten: 2. Teil

    Deportationsliste mit 228 Namen, die nach Wien tranportiert werden
sollen. Nummer 63 ist Irma Sperling.

    Rede von Helmut Stein am 8. Mai 1996

    10 Urnen 10 Menschen mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen 10 Menschen, angewiesen auf Hilfe anderer Menschen, die für sie sorgen, die sie schützen sollten. Diese Anderen aber beteiligten sich an den Morden.10 Menschen, die selektiert wurden, weil sie in den Augen der Herrenmenschen des Nazistaates lebensunwertes Leben seien.10 Menschen von vielen Tausenden.

    Warum diese mit Worten nicht mehr zu beschreibenden Verbrechen? Die Naziführer wollten das Bild ihrer -wie sie sagten –„Volksgemeinschaft“ verwirklichen. Darin war kein Platz für diejenigen Menschen, die als „minderwertig“ von den Nazis ausgegrenzt wurden. Ihr Leben wurde als „lebensunwert“ ausgelöscht.

    Der Führer der Nazi-Sonderschullehrer, der „Reichsfachschaftsleiter“ Ruckkau. schrieb 1934 in der Zeitschrift „Die deutsche Sonderschule“ von der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass die „deutsche Volkskraft nicht durch volksfeindliche, rassenschädigende Überhumanität gedrosselt wird“.

    So wurde die „Ausmerzung des lebensunwerten Lebens“ als soziale Notwendigkeit definiert, wurde die biologische Abstammung, die biologische Befindlichkeit aus dem Blickwinkel des Nazistaates dem Recht auf Leben, dem Anspruch auf gleiche soziale und politische Rechte entgegengesetzt. Menschen wurden ausgegrenzt, entrechtet und vernichtet, weil sie Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, politische Gegner aus christlicher Verantwortung, Behinderte, „Asoziale“, Deserteure waren.

    Leben, Schicksal und Tod der Opfer verlangen die Täter zu nennen. Das waren nicht nur die. Nazibeamten aus den Behörden in Berlin. Täter waren

    • -der Pastor Lensch, Leiter der Alsterdorfer Anstalten in jener Zeit und fanatischer Rassehygeniker,

    • -das war der Hamburger Gesundheitssenator Ofterdinger,

    • -das war der Abteilungsleiter in der Gesundheitsverwaltung Struwe.

    Kein einziger dieser Mörder ist für diese Mordtaten von der Justiz nach dem 8. Mai 1945 verurteilt worden. Die anhängigen Strafverfahren wurden eingestellt. Die Mörder lebten unter uns, die Morde blieben ungesühnt. Das lag nicht an der Unfähigkeit einzelner Richter. Die Justiz der Bundesrepublik hat in jener Zeit in fürchterlicher Weise versagt, sie zeigte für die Verbrecher in Ämtern ein fatales Verständnis. Exemplarisch dafür ist das „Huppenkothen-Urteil“ des BGH (Bundesgerichtshof) (ISTR 50/56), das hohe SS-Führer von der Anklage des Mordes freisprach, den diese begangen hatten, als sie sechs Widerstandskämpfer, darunter Pastor Bohnhoeffer, nach einem Standgerichtsverfahren im Konzentrationslager hinrichten ließen. Der BGH meinte dazu, der Staat -gemeint ist der Nazistaat -habe ein Recht auf Selbstbehauptung. und (Zitat) „in einem Kampf um Sein und Nichtsein sind ... bei allen Völkern von jeher strenge Gesetze zum Staatsschutz erlassen worden. Auch dem nationalsozialistischen Staat kann man nicht ohne weiteres das Recht absprechen, dass er solche Gesetze erlassen hat.“

    Mit einer solchen Judikatur kann und darf man nicht leben, jedenfalls dann nicht, wenn man das Schicksal der Menschen, deren wir hier gemeinsam gedenken, rational und emotional in sich aufnimmt. Diese Judikatur beleidigt die Toten und fördert ein Klima, in dem Rassismus, in dem Verfolgung und Ausgrenzung Behinderter und anderer wie sie sagen „Lebensunwerter“ wuchern.

    Und es trifft zu, wenn es in den „Feststellungen des Internationalen Tribunals Kindermord am Bullenhuser Damm“ vom April 1986 heißt: „Ein Staat, der die Verbrecher des Naziregimes ungestraft lässt, ist anfällig für neuen Faschismus.“

    Das Leben, das Leiden und der Tod Irma Sperlings und ihrer Gefährtinnen sollten wir gemeinsam aufnehmen, um Solidarität und das Recht auf Gleichheit aller Menschen, aber auch Unduldsamkeit gegen Rassismus und Ausgrenzurig in diese Stadt zu tragen.

    Foto eines in den Boden eingelassenen Gedenksteines mit der Überschrift:
                  "Opfer der "Euthanasie". Depotiert aus den Alsterdorfer Anstalten. Getötet in
                  Wien." Aufgelistet sind insgesamt 10 Namen mit Geburts- und Sterbedatum, inklusive
                  Irma Sperling.

    Abbildung 5. Einladung zur feierlichen Beisetzung: 8. Mai 1996

    Informationsblatt für die Einladung zum Trauer-Gottesdienst und
der Beisetzung am Ohlsdorfer Friedhof. Gezeichnet vom
Vorstandsvorsitzenden der Evangelischen Stiftung Alsterdorf Rolf
Baumbach.

    Abbildung 6. Einladung zur feierlichen Beisetzung: 8. Mai 1996

    Informationsblatt zum Trauer-Gottesdienst und zur Beisetzung.
Auflistung der 10 Namen.

    Abbildung 7. Einladung zur feierlichen Beisetzung: 8. Mai 1996

    Foto  von Irma Sperling auf dem Spielplatz. Eine Frau und ein Kind
sitzen mit ihr an einem Tisch und sind ins Spiel vertieft. Links sitzen
vier weitere Kinder am Rand eines Sandkastens.
    Ausschnitt aus dem Gedicht "Mit leichtem Gepäck" von
Hilde Domin: Eine Rose ist eine Rose. Aber ein Heim ist kein Heim. Dur
darfst einen Löffel haben, eine Rose, vielleicht ein Herz und
vielleicht ein Grab.

    Abbildung 8. Einladung zur feierlichen Beisetzung: 8. Mai 1996

    Anfahrtsbeschreibung zum Ohlsdorfer Friedhof

    Rede Antje Kosemund am 8. Mai 1996

    Am 16. August 1943 wurden 228 behinderte Frauen und Mädchen aus den Alsterdorfer Anstalten nach Wien – in die Tötungsanstalt Am Steinhof deportiert. Dabei war meine 13-jährige Schwester, Irma Sperling. Am 8.Januar 1944 ist Irma, 12 Tage vor ihrem 14. Geburtstag, getötet worden. Ihre letzten 6 Lebensmonate waren gezeichnet durch Hunger und medizinische Versuche, die an ihr durchgeführt wurden. Heute, mehr als 50 Jahre später, stehen die Urnen mit den sterblichen Überresten von Irma und neun weiteren Opfern vor uns.

    Ich habe Versäumnisse zu beklagen und Fragen zu stellen: Warum haben Politiker und verantwortliche Mediziner die Existenz der Gehirnkammer in Wien 50 Jahrelang untätig hingenommen? Warum ist ihnen nie der Gedanke gekommen, die Auflösung dieser makabren Einrichtung zu betreiben und die sterblichen Überreste der Opfer zu bestatten?

    Im Dezember 1994 erfuhr ich zufällig aus einem Bericht des österreichischen Fernsehens, dass man die sogenannten Präparate aus der Gehirnkammer in einer geplanten Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Ich möchte an dieser Stelle nicht schildern, welche Gefühle mich bewegten. Zwölf Monate lang korrespondierte ich mit den zuständigen Wiener Behörden, was sich oft als sehr schwierig erwies. Erst als ich den österreichischen Bundespräsidenten Dr. KIestil und den Bundeskanzler Dr. Vranitzky anschrieb und um Unterstützung bat, wurden alle Forderungen meiner Familie und der Evangelischen Stiftung Alsterdorf erfüllt: nämlich die Auflösung der Gehirnkammer in Wien, die Bestattung aller sterblichen Überreste in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof und die Überführung der sterblichen Überreste der Hamburger Opfer.

    In den letzten Monaten, während der intensiven Auseinandersetzung mit den Verbrechen an diesen wehrlosen behinderten Menschen und insbesondere mit dem Leiden und dem Schicksal meiner Schwester Irma, stellen sich mir viele Fragen. Was für ein Mensch wäre Irma geworden, wenn sie hätte leben dürfen? Welche Fähigkeiten hätte sie entwickeln können, wäre sie gefördert und therapiert worden? Wie viel Lachen und Weinen, welches Maß an Wärme und Zuwendung, aber auch an Schwierigkeiten und Bemühen sind uns verloren gegangen.

    Fragen, die ohne Antworten bleiben müssen.

    Ich bedanke mich bei Allen, die es möglich gemacht haben, dass diese Gedenkfeier heute hier stattfinden kann. Mein Dank gehört auch allen denen, die mir in den letzten Monaten Mut und Rückhalt gegeben haben.

    Foto eines goldenen Gedenkstein der neben üblichen Pflastersteinen
in den Boden eingelassen ist. Inschrift des Steines: Hier wohnte Irma
Sperling. Geboren 1930. Ermordet am 8.1.1944. Heilanstalt Steinhof
Wien.

    Am 2.4.1997 schrieb ich an die Fraktion der Grünen Partei in Wien, um endlich eine Auflösung der Gehirnkammer zu erreichen. Auf Antrag der Grünen kam es am 15.5.1997 zu einer Debatte im Nationalrat. In der Folge gab es mehrere parlamentarische Anfragen der Grünen. Die sterblichen Überreste der Opfer sind wieder von der Staatsanwaltschaft Wien in Beschlag genommen worden. Auf Weisung des österreichischen Justizministers wurde ein neues Ermittlungsverfahren gegen den Arzt Dr. Gross eingeleitet.

    Foto eines Regales in der "Gehirnkammer"  in der
mehrere, verschlossene Glässer mit Inhalt stehen.


    [1] Berlin, Tiergarten Straße 4, Zentrale Erfassungsstelle der Euthanasie-Aktion.

    [2] Quelle: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr, M. Wunder, Ingrid Genkel, H. Jenner

    [3] ebd.

    Teil II

    Briefwechsel mit Wiener Behörden

    Abbildung 9. Originales Schriftstück: Hamburg 18.01.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrter Herr Neugebauer,

    Bei einem Besuch. den ich im Dezember bei meiner Tochter in Tirol machte, sah ich im ORF einen Bericht über die Wiener Anstalt "Am Steinhof". Zu den Opfern gehört meine Schwester, Irma Sperling. Sie können sich mein Entsetzen vorstellen, als ich die Bilder in der "Gehirnkammer" sah. Mit großer Wahrscheinlichkeit befindet sich auch das Gehirn meiner Schwester dort. Nun besteht anscheinend die Absicht, diese "Exponate" in einer Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Dagegen muß ich heftig protestieren!

    Es verletzt die Würde der Opfer und die Gefühle der Angehörigen.

    Es gibt ja die Möglichkeit der filmischen Dokumentation, die man in der geplanten Gedenkstätte zeigen könnte. Wobei ich der Meinung bin, daß nach fünfzig Jahren dieser Plan zu spät kommt. Die Überreste der Opfer sollte man einmauern und darüber die Gedenkstätte errichten.

    Hier in Hamburg, hat sich seit Jahren Dr. Michael Wunder mit den Schicksalen der Hamburger Opfer aus den Alsterdorfer Anstalten beschäftigt. Es wäre für Sie sicher interessant ihn zu kontaktieren.

    Seine Anschrift ist wie folgt:

    Dr. Michael Wunder

    Evangelische Stiftung Alsterdorf

    Alsterdorferstraße 440

    22297 Hamburg

    Anliegend übersende ich Ihnen eine Dokumentation über meine Schwester. Da dieses das einzige Stück ist, das ich habe, bitte ich um Rücksendung. Sollten Sie außerdem Unterlagen über meine Schwester Irma Sperling finden, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir auch diese zukommen lassen könnte.

    Mit freundlichen Grüßen

    Antje Kosemund

    Abbildung 10. Originales Schriftstück: Wien 25.01.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Ich bedanke mich für Ihr Schreiben vom 18. Jänner 1995. Ich kann Ihnen versichern, daß ich Ihre Bedenken hinsichtlich einer möglichen Zuschaustellung des Gehirnpräparates Ihrer Schwester in einer Gedenkstätte sehr ernst nehme und mich über eine solche Haltung von Angehörigen auch nicht hinwegsetzen würde. Ich muß Ihnen allerdings mitteilen, daß ich mich lediglich als Historiker mit dieser Problematik beschäftige und nicht der Entscheidungsträger bin. Ich gebe daher Ihr Schreiben auch an die Zuständigen, das sind der ärztliche Leiter des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien Baumgärtner Höhe Univ. Prof. Dr. Gabriel und der amtsführende Stadtrat für das Gesundheitswesen Dr. Rieder, weiter. Ich werde Prof. Gabriel auch ersuchen, Ihnen Auskunft über das Schicksal lhrer Schwester bzw. über allfällig noch vorhandene Unterlagen zu geben.

    Damit möchte ich mich aber nicht um eine Meinungsäußerung drücken. Ich habe immer die Auffassung vertreten, daß die Gehirnpräparate in einer Gedenkstätte erhalten bleiben sollten, um für alle Zeiten an dieses furchtbare und viel zu wenig beachtete Verbrechen des NS-Regimes sowie an den unfallbaren Umgang in der Zeit nach 1945 (wissenschaftliche Forschungen durch die ehmaligen Täter) zu erinnern. Das heißt nicht. daß diese Gehirnpräparate in voyeuristischer Weise zur Schau gestellt werden sollen, sondern in einer Gedenkstätte dauernd aufbewahrt werden sollten. Wenn aber von Seiten der Betroffenen, der Angehörigen oder der Religionsgemeinschaften, eine Beisetzung für unabdingbar erachtet wird, würde ich mich einem solchen Wunsch nicht widersetzen. Ich habe daher auch den zuständigen Stellen empfohlen, vor endgültigen Beschlüssen die Meinung aller betroffenen Personen und Personenkreise einzuholen. Sie können versichert sein, daß wir als eine Einrichtung, die moralisch in erster Linie den Opfern des NS-Regimes verpflichtet ist, uns nicht über die berechtigten Interessen der Angehörigen hinwegsetzen werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Wolfgang Neugebauer

    Wissenschaftl. Leiter

    Abbildung 11. Originales Schriftstück: Wien 14.02.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Der wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes hat mir Ihren Brief sowie seine Antwort darauf übermittelt, worin er Ihnen ja an gekündigt hat, daß ich meinerseits Ihnen schreiben würde. Das tue ich gerne. Sie erinnern sich qewiß, daß wir vor etwa 10 Jahren schon einmal über Ihre Schwester korrespondiert haben.

    1988, das in Österreich als ein Gedenkjahr - 50 Jahre nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich 1938 - begangen wurde, haben wir unter anderem im Pathologisch-Bakteriologischen Institut unseres Krankenhauses einen Gedenkraum für jene pathologisch-anatomischen Präparate eingerichtet, die von Kindern und Jugendlichen der ehemaligen Städtischen Nervenklinik für Kinder und Jugendliche "Am SpiegeIgrund" stammen. Es handelt sich dabei nicht um ein Museum und auch nicht um eine frei zugängliche Gedenkstätte, sondern um einen Gedenkraum, der in erster Linie das Spital und in ihm sowohl die Psychiater als auch die Pathologen an ein dunkles Kapitel seiner Geschichte erinnern und damit mahnen soll, welche schrecklichen Verirrungen möglich sind. Diese Sammlung ist in den 80er-Jahren wieder ins Bewußtsein getreten, nach dem sie davor vergessen war. Die Einrichtung dieses Gedenkraumes erfolgte in einer Übereinstimmung zwischen der Leitung des Krankenhauses, dem damaligen amtsführenden Stadtrat für das Gesundheits -und Spitalswesen (was in Hamburg einem Senator entspräche), dem Bürgermeister unserer Stadt und dem wissenschaftlichen Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes. Etwa um die gleiche Zeit hatte übrigens in der Hamburger "Die Zeit" Herr Klee ein ähnliches Vorgehen diskutiert.

    Gegenwärtig ist eine historische Bearbeitung dieser Sammlung und der dazu gehörigen Krankengeschichten, soferne sie vorhanden sind, imgang. Dabei wurde gefunden, daß auch eine Präparation eines Gehirnteiles, der dem Leichnam Ihrer Schwester entnommen worden war, aufbewahrt wurde. Gegenwärtig ist eine neue und zunehmend öffentliche Diskussion über das weitere Vorgehen imgang. Ich kenne deren Ergebnis natürlich noch nicht Die Vorschläge reichen von einer Beerdigung bis zu Ihrem Vorschlag.

    Mit freundlichen Grüßen

    Univ. Prof .Dr .H.-E. Gabriel ärztlicher Direktor

    Kopie ergeht an:

    Herr Dr. W. Neugebauer, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes.

    Abbildung 12. Originales Schriftstück: Hamburg 19.02.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrter Prof. Dr. Gabriel,

    Wie ich annehmen darf, hat Herr Dr. Neugebauer Ihnen vor etwa einem Monat eine Kopie meines Briefes übersandt. Es geht darin, um die Pläne zur Errichtung einer Gedänkstätte für die Opfer der damaligen Tötungsanstalt "Am Steinhof".

    Abgesehen davon, daß es nach fünfzig Jahren längst überfällig ist, den Ermordeten einen Raum des Gedenkens zu geben, bin ich äußerst bestürzt über die Absicht, die Präparate aus der "Gehirnkammer" dort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Zu den Opfern gehört meine Schwester, Irma Sperling, die kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag ermordet wurde. Man hat es in Wien nicht für notwendig gehalten, die Gräber der Opfer des Naziregimes als Gedenkstätte zu erhalten. Umso unerträglicher ist mir der Gedanke, letzte Überreste meiner Schwester, dort in der Ausstellung zu wissen.

    Sie werden verstehen, daß der Schmerz über das, was sogenannte Mediziner unserer Schwester angetan haben, mich nie verläßt. Erst im Jahre 1983, als ich ihre Sterbeurkunde erstmals einsehen konnte, wurde mir klar, wie sehr unsere Familie getäuscht wurde. Am 08.01.1944 war der Todestag meiner Schwester Irma, der Ausstellungstag der Urkunde ist der 04.01.1945.

    Dieses war der Anlaß, dem Schicksal Irmas nachzuforschen. Ich wollte das Vergessen und das Verdrängen verhindern; wollte Antworten haben.

    Auf dem Gelände der Alsterdorf er Anstalt befindet sich seit 1984 eine Skulptur mit einer Inschrift, die an die Deportierten und an die Opfer erinnert. In der dortigen Kirche gibt es ein Gedenkbuch mit den Namen der Opfer und einmal jährlich findet eine Gedenkfeier statt. Stellvertretend für die geschändeten, mißbrauchten, behinderten Menschen, gibt es im Stadtteil Alsterdorf, einen "Irma-Sperling-Weg".

    So hoffe ich, daß man sich in Wien endlich der Vergangenheit stellt und den Opfern der "Euthanasie" eine w ü r d i g e Stätte des Gedenkens gibt.

    Zum Schluß eine dringende Bitte an Sie: ich möchte Kopien sämtlicher, in Ihrem Archiv befindlichen Unterlagen, die meine Schwester betreffen, zugesandt haben.

    Abbildung 13. Originales Schriftstück: Wien 03.03.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Ich habe eine Kopie des Schriftverkehrs zwischen Ihnen und dem wissenschaftlichen Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, Herrn Dr. Neugebauer, erhalten. Ich entnehme dem, daß mittlerweile ernsthafte Gespräche zwischen der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes, der Leitung des Psychiatrischen Krankenhauses und dem Dokumentationsarchiv über Art und Weise eines Gedenkraumes geführt werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Sepp Rieder

    Abbildung 14. Originales Schriftstück: Hamburg 29.05.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Dr. Krammer,

    der zuständige Stadtrat, Herr Dr. Rieder, ist, wie aus den Anlagen ersichtlich, auf mein Anliegen nicht eingegangen. So wende ich mich heute an Sie, in der Hoffnung, auf eine Lösung unseres Problemes.

    Zunächst einmal die Fakten: unsere Schwester, Irma Sperling, gehörte zu den 228 behinderten Kindern und Jugendlichen, die am 16.08.1943 von den Alsterdorfer Anstalten in Hamburg nach Wien, in die Anstalt "Am Steinhof" deportiert wurden. Meine Nachforschungen (1981 -1983) ergaben für uns schreckliche Gewißheit. Nach verbrecherischen Menschenversuchen und furchtbarem Leiden, wurde Irma als 14jährige, am 8. Januar 1944 ermordet. Das Ausstellungsdatum der Sterbeurkunde ist der 4. Januar 1945, was mich schlimmes ahnen ließ.

    Im Dezember 1994 erfuhr ich aus einem Bericht des ORF, daß sich in der ehemaligen Tötungsanstalt "Am Steinhof", die jetzt wohl "Baumgartner Höhe" heißt, eine sogenannte Gehirnkammer befindet. Dort werden die Gehirne der ermordeten Patienten verwahrt und man erwägt, diese "Präperate" in einer geplanten Gedenkstätte, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies ist für die Angehörigen, also auch für meine Schwestern und mich, absolut nicht zu akzeptieren. Schon der Gedanke, daß es kein Grab für unsere Schwester gibt, ist schwer zu ertragen. Das zeigt mir auch, wie unsensibel die zuständigen Stellen in Wien mit Opfern des Faschismus umgegangen sind.

    Nun haben wir den dringenden Wunsch, daß die letzten sterblichen Überreste unserer Schwester nach Hamburg überführt und in unserer Nähe bestattet werden, was für uns umso wichtiger ist, als wir in unserem Schmerz und unserer Trauer, Ruhe finden können.

    Da ich mich als Anwalt auch für die übrigen Hamburger Opfer betrachte, plädiere ich dafür, alle Gehirne der Opfer, in Wien zu beerdigen. Wenn man sich nach 50 Jahren endlich dazu entschließt eine würdige Gedenkstätte zu errichten, ließe es sich sicher mit einander verbinden. Die Rede des Bundespräsidenten, Herrn Dr. Thomas Klestil, vom 06.05.95, auf Schloß Hartheim gibt mir die Gewißheit, daß es zu einem menschenwürdigen Begräbnis der Überreste der Opfer kommen wird.

    Mein Anliegen wird von Mitarbeitern der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (früher Alsterdorfer Anstalten) unterstützt. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) -Bund der Antifaschisten, Landesverband Hamburg, wird in Kürze eine Presse-Konferenz veranstalten, um unsere Forderungen öffentlich zu machen und die Verbrechen der "Euthanasie" nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

    Ich hoffe auf Ihre Unterstützung und bitte um eine schnelle Antwort.

    Mit freundlichen Grüßen

    (Antje Kosemund, geb. Sperling)

    Im Namen: Gesa Schneider, geb. Sperling

    Annedore Maasch, geb. Sperling

    Käthe Endhart, geb. Sperling

    Christel Droese (Nichte)

    Abbildung 15. Originales Schriftstück: Wien 23.05.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Ich habe Ihr Anliegen unmittelbar nach Einlagen Ihres Schreibens vom 29. Mai mit Vizebürgermeister Dr. Rieder besprochen, der mir mitgeteilt hat, daß eine würdige Bestattung der sterblichen Überreste Ihrer Schwester in Form einer Gedenkstätte im Rahmen der Ehrengräber am Wiener Zentralfriedhof möglich wäre .

    Darüber hinaus hat mir Vizebürgermeister Dr. Rieder versichert, daß er selbstverständlich auch bereit wäre, Ihren Wunsch einer Überstellung der sterblichen Überreste Ihrer Schwester nach Hamburg nachzukommen. Wie mir mitgeteilt wird, wurde der Wiener Krankenanstaltenverbund angewiesen, dafür zu sorgen, daß die Überstellungskosten übernommen werden.

    Ich hoffe Sie dadurch bestmöglich unterstützt zu haben und verbleibe

    mit besten Grüßen

    Abbildung 16. Originales Schriftstück: Wien 30.06.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Ich bedanke mich für Ihr Schreiben vom 19. Juni 1995 und freue mich, daß doch eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung herbeigeführt werden konnte. Was die Einweihung der Gedenkstätte in Wien betrifft, hat mir Herr Dr. Wolfgang Neugebauer, der wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchives des Österreichischen Widerstandes, mitgeteilt, daß er aufgrund neu aufgetauchter Unterlagen aus Berlin eine Sachverhaltsdarstellung betreffend den seiner zeitigen Primar am Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe, Herrn Dr. Gross, an die Staatsanwaltschaft Wien geschickt hat. Da in dieser Angelegenheit möglicherweise die im Psychiatrischen Krankenhaus aufbewahrten Gehirnpräparate aus der NS-Zeit samt der dazugehörigen Krankengeschichten relevant sein können, hat er ersucht, mit der geplanten Bestattung noch zuzuwarten, bis die Angelegenheit juristisch geklärt ist.

    Ich ersuche Sie um Verständnis, daß ich Sie noch um etwas Geduld bitten muß. Selbstverständlich werde ich Sie rechtzeitig informieren, sobald ein Termin feststeht. Dies steht freilich der von Ihnen geplanten Überstellung der sterblichen Überreste Ihrer Schwester nicht entgegen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Sepp Rieder

    Abbildung 17. Originales Schriftstück: Wien 07.06.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemundl

    Im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten bestätige ich den Empfang Ihres Schreibens vom 29. Mai 1995. Der Herr Bundespräsident hat Ihr Schreiben zur Kenntnis genommen und mich beauftragt, mich Ihrs Anliegens anzunehmen.

    Ich werde vorerst Kontakt mit der Frau Bundesminister für Gesundheit aufnehmen und Sie über den Fortgang der Angelegenheit auf dem Laufenden halten.

    Mit freundlichen Grüßen

    (Ministerialrat Dr. Klaus Svpal)

    Abbildung 18. Originales Schriftstück: Wien 31.07.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Vielen Dank für Ihren Brief vom 22.7.1995. Wir werden natürlich trachten, Ihren Wunsch nach einer Bestattung des neuropathologischen Präparates vom Gehirn Ihrer Schwester in Hamburg zu respektieren. Wir müssen Sie inzwischen nur um etwas Geduld dafür bitten. Die Staatsanwaltschaft in Wien prüft auf Grund von neu aufgetauchten Unterlagen, ob allenfalls ein neues Verfahren gegen einen seinerzeitigen Mitarbeit er der Städtischen Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund " eingeleitet werden muß, und hat angeordnet, daß das neuropathologische Präparatearchiv bis zu seiner Entscheidung für das Gericht zugänglich bleiben soll. An diese strafbehördliche Anordnung müssen wir uns natürlich halten. Ich kann gegenwärtig nicht sagen, wann mit der Freigabe durch die Strafbehörde zu rechnen ist.

    Es tut mir leid, daß nun diese Verzögerung der Erfüllung Ihres Wunsches eingetreten ist. Es ist aber ja gewiß auch in Ihrem Interesse, daß von der Strafbehörde allenfalls für notwendig erachtete Prozesse zu Stande kommen können und nicht behindert werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Univ. Prof .Dr .H. E. Gabriel

    ärztlicher Direktor

    Abbildung 19. Originales Schriftstück: Hamburg 16.10.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Fasching,

    meine Anfrage in Wien ergab, daß Sie mit der Untersuchung im Fall Dr. Gross befaßt sind. Meine Schwester, Irma Sperling, ist eines der Opfer, die in der damaligen Tötungsanstalt "Am Steinhof" am 8. Januar 1944, ermordet wurde. Mit Unterstützung des Herrn Bundespräsidenten, Dr. Klestil, des Herrn Bundeskanzlers, Dr. Vranitzky, und der Frau Bundesministerin, Dr. Krammer, habe ich die Zusage der zuständigen Behörde, die Auflösung der sogenannten "Gehirnkammer", die Bestattung der sterblichen Überreste aller Opfer in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof und die Überstellung der sterblichen Überreste unserer Schwester Irma. Die Bestattung soll im Rahmen einer Gedenkfeier in der Anlage für die Opfer des Nazi -Regimes auf dem Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf stattfinden.

    Seit der Zusage sind mehr als vier Monate vergangen und wir möchten nach mehr als fünfzig Jahren, daß dieses traurige Kapitel unserer Familiengeschichte zum Abschluß kommt. Es geht hier auch um neun weitere Hamburger Opfer, deren Überstellung von der "Evangelischen Stiftung Alsterdorf" beantragt und genehmigt ist.

    Ich bitte Sie dringend mir mitzuteilen, ob und wann die Untersuchung der "neurologisch-pathologischen Präperate" abgeschlossen ist. Für uns ist es äußerst wichtig, daß die gemeinsame Bestattung der Hamburger Opfer noch vor Einbruch des Winters stattfindet. Ich hoffe auf Ihr Verständnis und bitte um eine rasche Antwort.

    Mit freundlichem Gruß

    (Antje Kosemund)

    Abbildung 20. Originales Schriftstück: Hamburg 16.10.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Betr.:Überprüfung der Liste der Hamburger Euthanasieopfer in Wien

    Sehr geehrter Herr Dr. Gabriel,

    wie uns der Vizebürgermeister und amtsführende Stadtrat für Gesundheit und Spitalwesen von Wien, Herr Dr. Sepp Rieder, mit Schreiben vom 09.08.1995 mitteilte, hat die Überprüfung der von uns zugesandten Listen der 1943 deportierten Hamburger Patienten und Patientinnen nach Wien ergeben, daß im Fall von 10 Personen die sterblichen Überreste in der Gehirnkammer des Psychiatrischen Krankenhauses vorhanden sind. In weiteren 2 Fällen hat die Überprüfung aufgrund nur ähnlicher Vornamen keinen eindeutigen Befund ergeben.

    Wir wären Ihnen sehr dankbar. Wenn Sie uns die10 bzw. 12 Personennamen nennen könnten, so daß wir hier in Hamburg die avisierte Gedenkfeier für die würdige Bestattung der sterblichen Überreste vorbereiten können. Wir haben uns mit gleichem Datum auch an die Staatsanwaltschaft gewandt mit der Bitte, uns den möglichen Abschlußtermin der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und der gerichtsmedizinischen Untersuchung zu nennen, so daß wir eine Klarheit über den absehbaren zeitlichen Verlauf der Überführung erhalten.

    Wir wären Ihnen für eine baldige Antwort dankbar und verbleiben

    mit freundlichen Grüßen

    Dr. Michael Wunder

    Pastor Rolf Baumbach

    Vorstandsvorsitzender

    der Evangelische Stiftung Alsterdorf

    Abbildung 21. Originales Schriftstück: Wien 15.11.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau KOSEMUND!

    Zu Ihrem Schreiben von 16.10.1995 betreffend das ha. Verfahren 15 St 83839 /95, Dr. Heinrich GROSS, ergeht die Mitteilung, daß die ha. Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.

    Leitender Staatsanwalt

    Hofrat Dr. Adolf Korscha

    Abbildung 22. Originales Schriftstück: Hamburg

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Fasching,

    fünf Wochen nach meiner Anfrage habe ich Ihre Kurzmitteilung erhalten.

    Ich stelle fest, daß mein Schreiben vom 15.10.95 n i c h t das Verfahren gegen Dr. Gross zum Inhalt hatte! Vielmehr ging meine Frage dahin, wann die Untersuchung der sterblichen Überreste der ermordeten Opfer der NS-Zeit abgeschlossen ist.

    Ihr wenig sensibles Verhalten gegenüber einer Angehörigen eines dieser Opfer, hat mich zutiefst verletzt, ja empört und auf mich wie ein Schlag in´s Gesicht gewirkt.

    Ich überlege mir ernsthaft, ob ich meine Zurückhaltung auf Medien-Anfragen, auch aus dem Ausland (z.B. Frankreich), aufgeben soll.

    Vor fast sechs Monaten wurde ich von Herrn Dr. Rieder um etwas Geduld gebeten, die jetzt wirklich erschöpft ist. Ich erwarte von Ihnen eine schnelle Antwort auf meine Frage, ob die Untersuchungen der sterblichen Überreste abgeschlossen sind. Weiterhin erwarte ich einen definitiven Termin, wann die Opfer nach Hamburg überstellt werden, damit die verschiedenen Organisationen und ich, die Trauerfeier einleiten können.

    Hochachtungsvoll

    (Antje Kosemund)

    nachrichtlich:

    Herrn Dr. Klestil – Bundespräsident

    Herrn Dr. Vranitzky – Bundeskanzler

    Frau Dr. Krammer -Bundesministerin für Gesundheit und Spitalwesen

    Abbildung 23. Originales Schriftstück: Hamburg 23.11.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    unser Vorstandsmitglied Frau Antje Kosemund hat sich in der Sache ihrer im Januar 1944 in der Städtischen Kindernervenklinik Wien ermordeten Schwester Irma Sperling mit Schreiben vom 16.10.1995 an Sie gewandt.

    Es geht Frau Kosemund um eine Überführung der sterblichen Überreste ihrer Schwester ohne Verzögerung hierher nach Hamburg – einem Wunsch, dem nach all dem Leid und den fürchterlichen Verbrechen unverzüglich nachgekommen werden sollte.

    Nach einem Monat - am 16.11.1995 - hat nunmehr der Leitende Staatsanwalt Hofrat Dr. Adolf Korscha geantwortet und mitgeteilt, daß "die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind".

    Nun will Frau Kosemund sich keinesfalls gegen Ermittlungen – und seien sie auch noch so verspätet – stellen. Ihr geht es um einen nahen Zeitpunkt der Beisetzung hier in Hamburg.

    Die "Antwort" des Dr. Korscha wird nach unserer Auffassung weder den ethischen noch den juristischen und politischen Erfordernissen gerecht. Wir erwarten, daß der Bitte um Angabe eines unverzüglichen Zeitpunkts für die Freigabe und Überführung der sterblichen Überreste - gegebenenfalls im Wege der Dienstaufsicht - nachgekommen wird.

    Hochachtungsvoll

    (Helmut Stein)

    Landesvorsitzender

    Abbildung 24. Originales Schriftstück: Hamburg 11.12.95

    Foto des originalen Schriftstücks

    Inhalt:

    Sehr geehrte Frau Kosemund!

    Im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten bestätige ich den Empfang Ihres Schreibens vom 23.11.1995. Ich bedaure, daß die Ihnen und dem Herrn Bundespräsidenten gegenüber gemachte Zusage noch nicht eingehalten worden ist. Ich habe Ihren Brief zum Anlaß genommen, im Bundesministerium für Justiz um Bekanntgabe der einer Überführung entgegenstehenden Hindernisse zu bitten.

    Ich hoffe, daß ich damit eine Beschleunigung erreichen kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    (Ministerialrat Dr. Klaus Sypal)

    Teil III

    Die Euthanasie-Morde im Steinhof am Beispiel der Hamburger Mädchen und Frauen

    Michael Wunder, Vortrag auf dem Symposium "Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien" im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartnerhöhe in Wien am 29./30.1.1998

    Im November 1943 schrieb Frieda Fiebinger, eines der 300 Hamburger Mädchen und Frauen, die am 16. August 1943 aus den Alsterdorfer Anstalten und der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn in den Steinhof deportiert worden waren und hier zum allergrößten Teil den Tod fanden, einen Brief an »Meine liebe Tante Alwine«, eine Krankenschwester der Alsterdorfer Anstalten in Hamburg. Der Brief lautet:

    »Meine liebe Tante Alwine,

    nun möchte ich Dir einen Brief schreiben. Diesen Brief möchte ich Dir schon heimlich schreiben, was ich bis heute erlebt habe. Als wir abends in Wien angekommen sind, sind wir denselben Abend verteilt worden. Wir sind nach Haus 21 gekommen ...da liegen wir noch heute. Wir sind sehr unfreundlich empfangen worden. Wir sind auf Erde gelegt worden. Die Erde war sehr unrein. Die Schwestern haben unsere Zeug von unserem Leib gerissen und am anderen Morgen sind unsere Haare auch abgekommen ... Wir haben sehr geweint ... Die Schwestern haben die erste Zeit so sehr auf uns Hamburger geschimpft. Wir sollten wiederhin, wo wir hergekommen sind usw. dass die Hamburger uns so was schicken, dass wir alle noch leben ... Die Kinder müssen den ganzen Tag arbeiten bis abends um 20 Uhr und die Mahlzeit ist hier morgens um 8 Uhr. Wir bekommen nur eine Schnitte trockenes Brot, und mittags bekommen wir wenig zu essen, und nachmittags bekommen wir auch so wie morgens. Und abends bekomm en wir etwas warmes, aber ganz wenig. Wir möchten uns mal wieder satt essen. Wir nehmen jetzt sehr ab und unsere Trudel jammert immer nach Essen ... Und nun hat eine Schwester aus Alsterdorf an ein Mädel geschrieben. Sie schrieb, wir kommen nicht wieder nach Alsterdorf Nun ist hier eine so große Aufregung, dass wir jetzt alle krank werden ... Ich möchte Dir Elfis Zustand schreiben. Seit dem 10.9. ist sie mit Zittern angefangen. Es ist immer schlimmer geworden. Mit einem Mal sagte sie oh Frieda, ich kann nicht mehr alleine essen '. Sie hat immer so Angst wenn Alarm ist, dann werden alle Fenster geöffnet und wir bleiben allein im Bett. Nur alles was laufen kann, geht in den Keller. Nun sei gegrüßt von Deiner Fritzi. Ich schreibe bald wieder." (Wunder 1987, 223)

    Was Frieda Piebinger, die kurz nach Kriegsende am 10.6.1945 in vollkommen entkräfteten Zustand im Steinhof stirbt, hier eindrucksvoll mit ihrer eigenen Sprache schildert, kann durch unser heutiges Wissen voll bestätigt werden.

    Aus welcher Welt kamen Frieda Fiebinger und die anderen 299 Hamburger Mädchen und Frauen? Was hatten sie bereits durchgemacht, als sie nach Wien kamen? Was hatte zu ihrer Selektion geführt? Diesen Fragen soll hier zunächst nachgegangen werden, um dann auf das Schicksal dieser Menschen in Wien im Steinhof einzugehen und daraus allgemeine Schlußfolgerungen - auch für heute - zu ziehen.

    Hamburg wird in der Literatur als „Mustergau des Nationalsozialismus“ beschrieben: die Wirtschaftspolitik, die Stadtsanierung und insbesondere die Sozial-und Gesundheitspolitik hatten Vorbildcharakter für den NS-Staat (Ebbinghaus 1984). Der Aufstieg Hamburgs zu einem für die Kriegsvorbereitung wichtigen Wirtschaftszentrum war begleitet von einer drastischen Zunahme von Menschen, die in die Anstalten des Fürsorgesystems abgedrängt wurden. Dies geschah, um, wie Pastor Lensch, der Leiter der Alsterdorfer Anstalten ausführte, „der Gefahr einer zunehmenden Durchseuchung unseres Volkes mit krankem Erbgut vorzubeugen“ und „das Kranke aus dem Volke herauszuziehen, von der Fortpflanzung auszuschalten und damit in sich selbst aufzulösen ...“ (Kreyenberg 1930, 26). Die Folge waren die zunehmende Überfüllung und drangvolle Enge in allen Hamburger Anstalten bis 1939. Dies wiederum war eine der äußeren Voraussetzung für die Abtransporte in die „Euthanasie“.

    Das Hamburger Anstaltssystem wies dabei eine Besonderheit im Vergleich mit den meisten anderen Regionen des Deutschen Reiches aus: Die institutionelle Verwahrung von Menschen mit geistigen Behinderungen und von Menschen mit psychischen Erkrankungen war seit den 70er Jahren des 19.Jahrhunderts strikt getrennt: für die Menschen mit geistigen Behinderungen waren die Evangelischen Alsterdorfer Anstalten zuständig, für die Menschen mit psychischen Erkrankungen zunächst die staatliche Heil-und Pflegeanstalt Friedrichsberg, später die staatliche Heil-und Pflegeanstalt Langenhorn. Diese Trennung spielte später in den Selektionen zur „Euthanasie“ allerdings keine Rolle mehr. Dem Transport nach Wien gehörten Menschen aus Alsterdorf wie aus Langenhorn an.

    Die Entwicklung in den Hamburger Anstalten in den 30er Jahren war sehr früh von einer Verbindung von Ökonomie und Rassismus geprägt. Allen voran die evangelischen Alsterdorfer Anstalten, die sich schon 1931 der Empfehlung ihres Dachverbandes, der Inneren Mission, anschlossen und die „unterschiedslose Wohlfahrtspflege“ durch die „differenzierte Fürsorge“ ersetzten (Wunder 1988, 35). Arbeitsfähige Anstaltsinsassen wurden dabei als heilbare Behandlungsfälle betrachtet, arbeitsunfähige als „unheilbare Pflegefälle“, als „ausdiagnostizierte Verwahrfälle“, für die die „Verwahrabteilungen“ mit niedrigeren Pflegesätzen errichtet wurden.

    Im Oktober 1934 erhob der Hamburger Senat diese Trennung zum Programm. In seinen Richtlinien hieß es ganz offen: "Die heilbaren Kranken sollen unter größtmöglichem Einsatz ärztlicher Betreuung behandelt werden... Die unheilbaren Kranken sollen in erster Linie in Bewahrung behandelt werden. Die ärztliche Betreuung soll auf ein Mindestmaß herabgesetzt werden“ (Ofterding 1935, 2). Es folgte flächendeckend die Einrichtung sogenannter Pflegeabteilungen in der Psychiatrie und der „Siechenhäuser“ in den Altenheimen mit Billigkostensätzen für die ausdiagnostizierten Verwahrfälle.

    Für die „Behandlungsfälle“ wurden in Alsterdorf wie in Langenhorn neue aggressive medizinische Behandlungsmethoden eingeführt. Das Paradigma für die Aufarbeitung der NS-Gesundheitspolitik, „Heilen und Vernichten“, bildet sich hier eindrucksvoll ab. Eingeführt wurden Schocktherapien mit Insulin, Cardiazol und ElektrodurchfIutung, nicht nur für Psychiatrie-Patienten, sondern auch für Menschen mit geistigen Behinderungen. Neue Forschungsprojekte wurden in Angriff genommen: Der AIsterdorfer Oberarzt, Dr. Gerhard Kreyenberg, experimentierte unter den Bedingungen hoher Verbrennungsrisiken für die Versuchsopfer mit Röntgenstrahlen zur „Behebung von Schwachsinnzuständen“ (Wunder 1988,100).

    Die Anstaltspatienten wurden zunehmend zum Objekt rassenpolitischer Propaganda, was von Pastor Lensch für die AIsterdorfer Anstalten folgendermaßen begründet wurde:

    "Warum muss der, der die Erbgesundheit will, hier in unsere Anstalten kommen und dieses Elend und diese Not gesehen haben, den Anblick ertragen, bei dem gerade der gesund empfindende Mensch am mächtigsten die Stimme seines Blutes spürt, das den ganzen Körper mit einer leidenschaftlichen Abwehr erfüllt? Warum muß er herabblicken in diesen tiefen Abgrund, an dessen Rand selbst einen starken und gläubigen Menschen Grauen und Schwindelgefühl überfällt und alle Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach der göttlichen Vorsehung in einem wilden Wirbel aufgewühlt werden? …Dazu sind unsere Anstalten da, ... um die gemeinsame Verantwortung aller in ihrer ganzen Härte zusammenzuschweißen zu dem leidenschaftlichen Willen zur Gesundheit, zur Erbgesundheit unseres Volkes“ (Lensch 1936, 14).

    „Mit rücksichtsloser Strenge“ (Kreyenberg 1933, 321) beteiligten sich denn auch die Ärzte Alsterdorfs, aber auch Langenhorns am Programm der Zwangssterilisation. In Hamburg wurden zwischen 1933 und 1945 ca. 24.000 Frauen, Männer und Jugendliche zwangssterilisiert. Das jüngste von Kreyenberg angezeigte Mädchen war 2 Jahre alt, die älteste Frau über 50 Jahre. Das Sterilisationsgesetz wurde in Hamburg schnell zu einem sozialen Bestafungsgesetz. Todesfälle während des Sterilisationseingriffes oder kurz danach häuften sich, weil z.B. Vorschädigungen oder Narkose-Unverträglichkeiten unbeachtet blieben. Das Sterilisationsgesetz wurde so auch zum ersten Vernichtungsgesetz der Nationalsozialisten.

    An wesentlichen Ausweitungen, der Verbindung der Zwangssterilisation mit der Zwangsabtreibung und der Ausweitung der Diagnose auf den sogenannten „moralischen Schwachsinn“ war Kreyenberg führend beteiligt. Mit der Diagnose „moralischer Schwachsinn“ wurden immer mehr Personen, die sozial unangepasst waren, arbeitsunwillig oder als Störenfriede galten, in den Bannkreis des Gesetzes hineindefiniert. Versprechungen an die Anstaltspatienten, dass sie nach einer Sterilisation entlassen würden, wurde in den meisten Fällen nicht erfüllt. Viele Opfer der späteren „Euthanasie“, waren zwangssterilisiert -allein im Transport nach Wien waren es 25 Frauen.

    „Das Mühen um die Erbgesundheit unseres Volkes endet nicht bei der Sterilisation der von Erbkrankheiten Betroffenen“, schreibt Pastor Lensch 1936 prophetisch, „sondern fangt dort erst an“ (Lensch 1936, 16). Die Eskalation ist vorprogrammiert.

    Die Anstalten werden für die Insassen zu einer Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Die Heil-und Pflegeanstalt Langenhorn wird dabei Sammel-und Zwischenanstalt für alle Hamburger Heime und Anstalten und damit zur Drehscheibe der „Euthanasie“ im Norden des Reiches. In den Anstalten auf Stadtgebiet selbst wird - bis auf die Kinderfachabteilung - nicht direkt getötet, sondern nur verlegt, aussortiert und abtransportiert (Wunder 1992, 43 ff).

    Nahezu 5.500 Patienten werden in den Jahren 1940 bis 1945 überwiegend über Langenhorn selektiert und abtransportiert, davon auf Grund des späten Beginns der „Euthanasie“ im Norden des Reiches und des Abbruchs der offiziellen T4-Aktion im August 1941 lediglich 226 im Rahmen der T4-Aktion, der sogenannten „Meldebogen-Euthanasie“, alle anderen in Rahmen der zweiten, dezentralen Phase der „Euthanasie“, die fälschlicherweise in der Literatur immer als „wilde Euthanasie“ bezeichnet wird .[4] Für nahezu 5000 ist es der Weg in den Tod. Direkt in Hamburg getötet wurden nachweislich lediglich 62 Kinder in den beiden KinderfachabteiIungen Rothenburgsort und Langenhorn.

    Die ersten Opfer der „Euthanasie“ in Hamburg waren die jüdischen Anstaltspatienten. Eingeleitet hatte dies - einer der dunkelsten Punkte der Geschichte der Evangelischen Einrichtungen überhaupt -Pastor Lensch, der sich bereits 1938 für die Abschiebung jüdischer Anstaltsinsassen aus Alsterdorf mit folgender Begründung einsetzte: „Wir können es uns selbstverständlich nicht leisten, dass wegen einzelner jüdischer Pat., es befinden sich hier unter 1500 etwa 20, unserer Anstalt der Charakter der Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit abgesprochen wird“ (Wunder 1988, 156). Er löste damit eine Lawine aus. Langenhorn wurde Sammelanstalt für alle jüdischen Anstaltsinsassen im Norden des Reiches. Am 23. September 1940 wurden dann 136 jüdische Patienten von Langenhorn in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert, wo sie noch am selben Tag durch Giftgas getötet wurden. Die jüdischen Anstaltspatienten waren die ersten „Euthanasie“-Opfer Hamburgs, und sie waren die ersten jüdischen Mitbürger, die aus Hamburg deportiert wurden.

    Eine Besonderheit der Durchführung der „Euthanasie“-Aktion in Hamburg ist die direkte informationelle Einbeziehung der Anstaltsleiter und Ärzte durch die Gesundheitsbehörde. Die Langhorner Ärzte wurden auf einer Ärztekonferenz Mitte 1941 vom Gesundheitssenator selbst in aller Offenheit informiert. Die sonst übliche Tarnsprache der NS-Täter, wie „planwirtschaftliche Erfassung“ und „Evakuierung“, was den Mittätern die psychologische Möglichkeit zur Verdrängung oder zumindest zur Indifferenz ließ, war in Hamburg nicht nötig. Die Hamburger Methode der „Korruption durch Information“ war äußerst effektiv: keiner der Ärzte widersprach oder leistete Widerstand. Auch die informationelle Einbeziehung des Alsterdorfer Stiftungsvorstandes lohnte sich: Dort, wo aus christlicher Motivation hätte Widerstand formuliert und wirksam werden können, wurde lediglich ein Memorandum verfaßt. was den ausgefüllten Meldebögen, über deren Funktion kein Zweifel stand, beigelegt wurde.

    Darin wurde jede Mitverantwortung abgelehnt und auf die Notwendigkeit der Existenz solcher Anstalten wie Alsterdorf aufmerksam gemacht. Pastor Lensch monierte in einer zusätzlichen Stellungnahme, dass auch Arbeitsfähige betroffen seien, obwohl die Zusage gegeben worden sei, dass nur „die in keiner Weise mehr zum Leben, zur Arbeit und zur Gemeinsamkeit in Beziehung“ Stehenden ausgewählt würden. Er forderte, dass -so wörtlich –„die Aburteilung der zu vernichtenden Patienten“ auf der Grundlage eines Gesetzes und unter präziser Diagnose stattzufinden habe. Dieses Dokument löst gerade unter Theologen auch heute immer wieder tiefe Bestürzung aus. Es steht für die verzweifelte, aber theologisch wie menschenrechtlich in keiner Weise haltbaren Position, einen kleinen Teil der Menschen mit Behinderungen zu opfern, um einen größeren Teil zu retten.

    Die zweite Phase der „Euthanasie“ ist in Hamburg gekennzeichnet durch rationale, katastrophenmedizinisch orientierte Vorgaben der Behörden, die dezentral, auf der Ebene der Anstalten und Krankenhäuser vollzogen werden. Die nicht mehr arbeitsfähigen Patienten waren so lange Platzhalter und Verschiebungsmasse in den Anstalten, bis die Betten anderweitig für die Aufgaben des Gesundheitswesens gebraucht wurden. In Langenhorn wurde so die Zahl der Psychiatriebetten von 2900 auf 1200 reduziert, während gleichzeitig 1700 Hilfskrankenhausbetten aufgebaut wurden (Wunder 1992. 45).

    Das System funktionierte so: Die Verwaltungsleitung Langenhorns geriet durch die behördlichen Vorgaben der beanspruchten Hilfskrankenhausbetten und die ständige Überbelegung mit psychiatrischen Patienten in einen beabsichtigten HandIungsdruck. Nach außen forderte sie stets neue Abtransportmöglichkeiten, nach innen forcierte sie die Zusammenstellung der Transporte. Das Pflegepersonal stellte die Vorschlagslisten zusammen, die Ärzte trafen die Letztentscheidung. Die Selektionsentscheidung war damit weitestgehend nach unten delegiert. Das System funktionierte flexibel und mit hoher Selbststeuerung.

    Nach den verheerenden Luftangriffen der Alliierten Luftwaffe auf Hamburg, der Aktion Gomorrha vom 27.7. bis 3.8.1943, trat Pastor Lensch von sich aus an die Gesundheitsverwaltung heran und bat um den Abtransport von rund 500 Anstaltsinsassen. Die Behörden vermittelten die nun einsetzenden Massenabtransporte mit den Zielorten Hadamar und Wien nur schleppend, weil sie ihre ursprünglichen Pläne, Alsterdorf im Luftkriegsfalle für ausgebombte Familien zu nutzen, zu diesem Zeitpunkt schon wieder aufgegeben hatten. Die Ausgebombten wurden aufs Land rund um Hamburg evakuiert, da neue Luftangriffe erwartet wurden. Der einmal in Gang gesetzte Apparat aber lief. Als die ersten Busse der „Gemeinnützigen Krankentransport Gesellschaft“, GeKraT, deren Bedeutung noch von den Abtransporten von 1941 bekannt war, auf das Alsterdorfer Anstaltsgelände auffuhren, machte sich Unruhe innerhalb des Personals breit. Während die „Schwächsten der Schwachen“ die die Ärzte Alsterdorfs selbst für den Abtransport ausgesucht hatten, in die Busse gepfercht wurden, verkündetet Pastor Lensch zukunftsorientierend der „Gefolgschaft“, dass man nun mit den übrigen Anstaltsbewohnern den Auftrage habe, die „Anstalt nach Möglichkeit funktionsfähig zu halten für die Aufgaben des hamburgischen Gesundheitsdienstes“ (Wunder 1988, 50).

    Kurz vor dem Abtransport nach Wien erreichte Alsterdorf das einschlägige Schreiben der GekraT. Wie bereits 1941 hieß es darin: „Bei Kranken, die über ihre Person keinen Aufschluss geben können, empfiehlt es sich, einen Leukoplaststreifen zu verwenden, der zwischen die Schulterblätter geklebt wird und Vor-und Zuname enthält“ (Wunder 1998, 191). Auch dies ein Hinweis auf die Kontinuität der „Euthanasie“-Maßnahmen vor und nach 1941 und ein Beleg für die nicht bestreitbare Mittäterschaft Pastor Lenschs.

    Die Untersuchung der Selektionskriterien des Transportes der 300 Hamburger Frauen und Mädchen nach Wien bestätigt in eindrucksvoller Weise die typischen Merkmale der zweiten Phase der „Euthanasie“: Die Meldebogen-Kriterien, insbesondere der Bezug auf Erbkrankheiten und Rassenhygiene in Gestalt von Diagnosen und Chronizität, spielten keine entscheidende Rolle mehr. Selektionsentscheidend waren die Arbeitsfähigkeit, Pflegeaufwendigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, wobei immer mehr Menschengruppen, wie z.B. alterskranke Patienten und später sogar kranke Ostarbeiter, in den sogenannten der „Aktion“ hineingezogen wurden.

    Vor der Selektion zum Abtransport häufen sich in den Krankenakten die Negativbeurteilungen. „schreit viel“, „tobt“, „zerreißt alle Sachen“, „unangenehm und lästig“ oder „Sie ist ganz Pflegling“, "Sie ist geistig völlig tot“ oder „Sie ist zu keiner Arbeit zu gebrauchen“. Die Akteneintragungen klingen fast wie sprachliche Hinrichtungen. Wenige Frauen, die selektiert wurden, konnten arbeiten. Sie wurden selektiert, weil sie als schwierig im Verhalten galten oder als gefährlich.

    In Langenhorn wurden für den Abtransport nach Wien 72 auffallend alte Patientinnen ausgesucht, überwiegend arbeitsunfähige und pflegeabhängige Frauen, viele verhaltensauffällige, in der Akte als „lästig“ beschrieben, zahlreiche altersverwirrte. Fünf Frauen waren über 80Jahre alt.

    In Alsterdorf wurden 228 Frauen und Mädchen selektiert: neben Frauen mittleren und hohen Alters auch viele Kinder mit schweren geistigen oder auch nur körperlichen Behinderungen. 16 Mädchen unter 10 Jahren, 30 zwischen 10 und 18 Jahren, darunter auch Frieda Eiebinger und Irma Sperling. Der Schwester von Irma Sperling, Antje Kosemund, ist es zu danken, dass 1996, 50 Jahre nach den „Euthanasie“-Morden, wenigstens 10 Gehirne der Alsterdorfer Opfer, die noch bis zu diesem Zeitpunkt als Forschungsobjekte im Steinhof aufbewahrt wurden, nach Hamburg überführt und dort feierlich beerdigt wurden.

    Sechs Frauen aus Langenhorn und vier Frauen aus Alsterdorf hatten die Diagnose „bombenverwirrt“. Sie befanden sich nur wenige Tage in der Anstalt, hatten in den Bombennächten Angehörige und Hab und Gut verloren und waren mit einem akuten Verwirrungszustand eingeliefert worden. Für sie wurden noch nicht einmal Akten angefertigt. Ihrer entledigten sich die Hamburger Anstalten, ohne überhaupt einen menschlichen Kontakt aufzunehmen.

    Der Transport der Hamburger Patienten nach Wien ist heute genau untersucht und dokumentiert. Von 300 Frauen und Mädchen starben 257 bis Ende 1945 (Wunder 1988, 213 ff.). Das Schicksal von 11 Frauen ist unbekannt. Nur 32 Frauen haben nachweislich das Jahr 1945 überlebt, einige davon, weil sie das Glück hatten, noch arbeiten zu können und nicht krank zu werden, andere, weil sie rechtzeitig von beherzten Angehörigen aus Wien herausgeholt wurden.

    Eine dieser fast unglaublichen Geschichten, die sich hinter den nackten Zahlen verbergen, ist die von Wally Hartung. WiIhelm Roggenthien, der wie Frau Kosemund bis heute aktiv für die Belange der „vergessenen Opfer“ eintritt, war der Freund von Wally Hartung und ihr von Alsterdorf nach Wien nachgereist. Wally Hartung war zusammen mit ihrer 6-jährigen Tochter Gudrun deportiert worden. Die Tochter fand bereits im November 1943 den Tod. Herr Roggenthien war selbst damals Alsterdorfer Patient und für die Fahrt nach Wien aus Alsterdorf ausgerissen. In Wien kam er illegal unter, gab sich im Steinhof als Verwandter aus und bekam nach viel Hin und her „seine Wally“ mit nach Hamburg. In Alsterdorf zurück, bekam er eine hohe Strafe, aber Wally hatte er das Leben gerettet. Sie starb erst vor wenigen Jahren in Hamburg. Für WiIhelm Roggenthien wie für viele andere ist die heutige Aufarbeitung dieser Ereignisse eine ganz persönliche Berührung mit der Geschichte. Über Jahrzehnte konnten er und die anderen Angehörigen und Überlebenden nicht darüber sprechen, weil sich niemand für ihr Schicksal interessiert hat.

    Besorgt nachfragenden Angehörigen wurde damals in Hamburg gesagt, die „Evakuierung“ sei „wegen des Luftkrieges“ geschehen. Die Unsinnigkeit dieser Begründung wurde schon damals von vielen durchschaut. Eine Mutter schrieb: „Angriffe haben sie auch dort. Sind also genau so gefährdet wie hier.“ Eltern, die sich direkt an den Steinhof wandten, wurde von Dr. Mauczka oder Dr. Bertha dringend von einer Reise nach Wien abgeraten, weil es keine Quartiere gäbe oder die Reise zu gefährlich sei.

    Die Aktenauswertung der Wiener Akten - ich beziehe mich hier auf die der erwachsenen Opfer, deren „Euthanasie“-Tod bis heute im Gegensatz zu dem der Kinder im Spiegelgrund kaum richtig zur Kenntnis genommen worden ist - ergibt ein erschreckendes Bild: Am Anfang steht meist eine kurze, entwürdigende Untersuchung der Ärzte Frau Dr. Türk oder Herr Dr. Wunderer. Oberflächliche, pseudodiagnostische, politisch eingefärbte Wissensfragen oder einfache Rechenaufgaben, die die meisten nicht beantworten konnten, reicht für die Diagnose „Idiotie“, Zum Beispiel: „3x3= 4, 2x2= 6. Jetzige Regierung unbekannt, jetzt sei Krieg“. Oder in einer anderen Akte: „Hauptstadt von Frankreich? Österreich, ach nein, das gehört ja zu Wien? Wo fließt die Etsch? Keine Ahnung. Desorientiert“. Bei einer anderen Patientin, die nur plattdeutsch sprach, vermerkte Dr. Wunderer, dies völlig verkennend: „Vollkommen desorientiert. Sprache verwaschen, unverständlich, pflegebedürftig ...“

    Im Steinhof herrschte der Hunger. Eine Auswertung der 173 erhalten Gewichtskurven der erwachsenen Frauen zeichnet das Hungersterben in akribischer Genauigkeit nach: Bei 69 Frauen sind Gewichtsabnahmen von bis zu 10 Kilo verzeichnet, bei 65 Frauen bis zu 20 Kilo und bei 2 Frauen über 30 Kilo, wobei die meisten Frauen bereits bei ihrer Ankunft in Wien bereits Untergewicht hatten. 62 Frauen wogen bei ihrer Ankunft schon unter 45 Kilo, 47 Frauen zwischen 46 und 50 Kilo, 46 Frauen zwischen 51 und 60 Kilo und nur 18 Frauen über 60 Kilo.

    Dr. Bertha war im Jahre 1944 an den Diskussionen über die „sogenannten. E-Frage“ der führenden Reichspsychiater beteiligt, der „Euthanasie-Frage“ unter den Bedingungen des fortwährenden Krieges. Es ging dabei um das lautlose Töten mit Medikamenten, aber auch durch Hunger, obwohl dies immer wieder von Prof. Hermann Paul Nitsche und anderen „Euthanasie“-Verantwortlichen wegen der Zielungenauigkeit abgelehnt wurde. Systematisches Aushungern könnte auch potentiell Noch-Arbeitsfähige treffen, war das Gegenargument. Eine Tagung dazu im Juli 1944 fand sogar auf dem Steinhof statt (Aly 1984, 33 ff.)

    Als stereotype Todesursachen wurden immer wieder Lungenentzündung, Lungen-TBC, Darmentzündung, Herzschwäche und Marasmus angegeben. Erst nach Kriegsende tauchen langsam auch wahre Todesursachen auf wie „Unterernährung“ oder „völlig Entkräftung“. 160 Todesfälle unter den Alsterdorfer Frauen und Mädchen sind allein im Jahre 1944 zu verzeichnen, weitere 70 dann noch einmal im ersten Halbjahr 1945, wofür die erst nach der Befreiung am 10.4.1945 einsetzende besonders große Hungersnot in Wien verantwortlich gemacht werden kann. Eine Auswertung der Akten der Langenhorner Frauen hat ergeben, dass die als pflegeaufwendig oder störend eingestuften Patientinnen am schnellsten verstarben., die wenig pflegeaufwendigen, meist aber arbeitsfähigen erst in der Hungerzeit ab April 1945 (von Rönn 1993, 425 ff.).

    Am 25. September 1943, also recht schnell nach der Ankunft aus Hamburg, kamen 14 Alsterdorfer Mädchen in die KinderfachabteiIung „Am Spiegelgrund“ und wurden hier wenige Monate später getötet. Darunter Irma Sperling, aber auch zum Beispiel Heide Grube, über deren Gehirn Dr. Heinrich Gross und Dr. Barbara Uiberak 1955 einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichten und das zerschnittene Gehirn des zur Zeit der Tötung 9-jährigen Mädchens als eines „von extremer Seltenheit“ präsentierten (Gross e.a. 1955, 577 ff.). Das Gehirn von Heide Grube war aus nicht aufklärbaren Gründen nicht unter den 10 Gehirnen, die am 8. Mai 1996 in Hamburg beerdigt wurden. Es war nicht mehr auffindbar.

    Erschreckend sind auch die permanenten Verlegungen der Hamburger Frauen innerhalb des Steinhofs. Viele wurden kurz vor ihrem Tod in die Pavillons 19 oder 21, in denen auch die meisten Todesfälle zu verzeichnen waren, verlegt. Damit wurden die Bedingungen noch zusätzlich verschlimmert: Die Betroffenen waren ständig fremd, ihre Entwurzelung wurde perfektioniert, auch nur oberflächliche menschliche Beziehungen zu Pflegepersonal oder Mitpatienten wurden so unmöglich gemacht.

    Die Menschen, um die es hier geht, waren Menschen, die lachen und weinen konnten. Zum Schluss waren sie aber apathisch und still. Ursula WestphaI. die ich hier erwähne mit Genehmigung ihrer Nichte, die bis heute das Gedenken an ihre Tante pflegt, war 37 Jahre. als sie nach Wien kam. Sie galt in Alsterdorf immer als lebenslustig, aber auch als wild und unruhig, was wahrscheinlich auch der Grund ihres Abtransportes war. Sie wog 45 Kilo, als sie in Alsterdorf selektiert wurde. Wenige Monate später heißt es in der Wiener Akte: „Liegt im Bett, ängstlich, unrein, zupft Wäsche“. Ein halbes Jahr später: „Ganz pflegebedürftig, spricht nichts, liegt immer unter der Decke, immer ruhig“. Kurz vor ihrem Tod heißt der Eintrag „reagiert nicht auf Ansprache. Gewicht 33 Kilo“. Am 5.5.1944 stirbt sie. Als Todesursache wird angegeben: Pneumonie.

    1985 - mitten in der Aufarbeitung unserer Geschichte - erreicht uns in Alsterdorf folgender Brief der Schwester der im Steinhof getöteten Dorothea Kasten, der gleichzeitig in einmaliger Form dokumentiert, dass in den Erwachsenenabteilungen des Steinhofs nicht nur durch Hunger und Verwahrlosung getötet wurde, sondern auch durch direktes Handeln:

    „Meine Schwester war lange Zeit in den Alsterdorfer Anstalten. Sie war geistig behindert, doch nicht soweit, als dass sie nicht kleine Arbeiten hätte verwirklichen können. Soweit mir bekannt ist, half sie den Schwestern beim Frühstück, auch konnte sie Harmonium spielen. ... Meine Mutter besuchte sie oft... Meine Mutter bekam Bescheid, dass meine Schwester nach Wien - in das Jauer-Krankenhaus - gekommen sei. Meine Mutter fuhr nach Wien und fand meine Schwester in einem bejammernswerten Zustand. Sie, die sich ja immer frei bewegt hatte, war hinter einem Netz eingesperrt. Sie war sehr unglücklich und hat meine Mutter angefleht, sie wieder nach Hamburg mitzunehmen. Doch meine Mutter kam mit ihrem Wunsch nicht durch bei den Anstaltsärzten. Sie erklärten ihr, dass meine Schwester an einer Darmfistel leide, und schlugen ihr vor, sie einzuschläfern. Nach hartem Kampf hat meine Mutter eingewilligt, ihr Kind in die geistige Welt zurückzuschicken. Meine Mutter kaufte für alle Kuchenmarken Süßigkeiten und Kuchen. Sie tranken zusammen Kaffee um 14 Uhr. Diesen Zeitpunkt hatten die Ärzte angegeben. Wahrscheinlich hatte meine Schwester schon vorher eine Spritze bekommen, denn nachdem sie mit Freude und Vergnügen den Kuchen gegessen hatte, meinte sie: „Jetzt bin ich müde und will schlafen, vergiß nicht mich mitzunehmen. Meine Mutter konnte sie mitnehmen -in einem Sarg. ... Es sollte niemand einen Stein werfen auf den Entschluss meiner Mutter, ihr Kind von den Peinigern zu befreien.“

    Dorothea Kasten, deren Familienangehörige seit diesem Brief der Schwester in regem Austausch mit Alsterdorf stehen, ist laut Eintrag in der Wiener Akte am 2.5.1944 um 15 Uhr im Alter von 37 Jahren an Lungen-TBC gestorben. Ihr Körpergewicht im August 1943 war 49 Kilo, zum Todeszeitpunkt 33 Kilo. Ihr zu Ehren und stellvertretend für alle anderen Opfer wurde die Straße, an der die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg liegt, vor wenigen Jahren in Dorothea-Kasten-Straße umbenannt.

    Ich komme zu meinen Schlußfolgerungen:

    1. Neben der Geschichte gibt es die „Geschichte des Umgangs mit der Geschichte“. Diese ist über Jahrzehnte durch Verschweigen, Verdrängen oder auch schlichtes Ignorieren gekennzeichnet, insbesondere auch durch Unterlassung der Entschädigung der Opfer, die erst seit einigen Jahren Härteleistungen bekommen. Dabei waren 1946/47 wesentliche Fakten dieser Geschichte bereits durch den Nürnberger Ärzteprozess bekannt, dessen Dokumentation der Prozessbeobachter Alexander Mitscherlich und Fred Mielke allerdings von der Deutschen Ärzteschaft nicht verbreitet wurde. Die Mischung von Vergessen und Unterdrücken dieser Geschichte wurde in Deutschland erst Anfang der 80er Jahre aufgebrochen, als Ärzte, KrankenpfIegekräfte, Psychologen und Pädagogen in den Einrichtungen anfingen zu fragen und zu forschen, was hier an der Stelle, wo sie heute arbeiten, vor 40, 50, ja bald 60 Jahren geschehen ist. Dies ist auch mein Zugang zur Geschichte der „Euthanasie“ gewesen. So bin auch ich damals 1985 zum ersten Mal im Steinhof gewesen und habe die Akten der Alsterdorfer Frauen und Mädchen gesichtet. Erst viel später wurde diese Aufarbeitung von der offiziellen Gerichtswissenschaft aufgegriffen und durch ausgebildete Historiker professionalisiert. Heute ist das Wissen über die Zwangssterilisation und die „Euthanasie“-Maßnahmen im Nationalsozialismus umfangreich publiziert. Die Einsicht in die „trübe Geschichte des Versagens der Kirchen“, wie es Friedrich von Bodelschwingh (Neffe) einmal gesagt hat, aber auch der Medizin und der Mitmenschlichkeit überhaupt, ist nicht mehr zu umgehen. Das ist gut so.

    2. Zu fragen wäre, ob mit dem Symposium auf dem Steinhof 1998 die Phase des Schweigens auch in Österreich beendet wird. Zu wünschen wäre es. Als Gast steht es mir nicht an, hier Kritik zu üben oder kluge Ratschläge zu geben. Auffallend ist in meinen Augen allerdings, dass es hier eine Diskrepanz zwischen verfügbarem und publiziertem Wissen auf der einen Seite und einer öffentlichen Reaktion auf der anderen Seite zu geben scheint. Vieles ist bekannt und veröffentlicht. Ich zähle nur stichwortartig auf:

    3. -die Geschwindigkeit und die enorm hohen Opferzahlen in der ersten „Euthanasie“-Phase im Steinhof. in Ybbs, in Gugging, in Mauer-Öhling

    4. -die Praktiken in der „Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund“

    5. -die maßgebliche Beteiligung Dr. Berthas an der Diskussion der „Euthanasie“-Durchführung der zweiten Phase

    6. -die Aufnahme von großen Patiententransporten auf dem Steinhof, die neben Hamburg auch aus Bad Kreuznach und dem Rheinland kamen und

    7. -die gut dokumentierten Tötungen der Hamburger Patienten.

    Eine öffentliche, aber auch eine breitere wissenschaftliche Rezeption dieses seit vielen Jahren vorliegenden Wissens scheint es bislang nicht zu geben.

    1. Eine Anmerkung zum Thema Geschichte und die Folgen. Am Ende des Nürnberger Ärzteprozesses stand der Nürnberger Kodex. Darin wird mit dem „informed consent“, der informiert und freiwilligen Einwilligung nach bestmöglicher Aufklärung, die Basis einer humanen Medizin bestimmt. Der Patient wird damit zum handelnden Subjekt in der Medizin, einer Medizin, die den Patienten aus was für Gründen auch immer als Objekt behandelt, wird eine eindeutige Ansage erteilt. Medizinische Experimente ohne persönliche Einwilligung werden im Nürnberger Kodex ausgeschlossen. Menschen, die auf Grund einer Behinderung oder Erkrankung nicht einwilligen können, sind vor medizinischen Versuchen geschützt. Diese historisch mit so unendlich viel Leid belegte Norm droht jetzt mit der Bioethik-Konvention des Europarats zu fallen. Fremdnützige Medizinexperimente sollen bei einwilligungsunfähigen Menschen möglich sein, wenn das Risiko klein und der Nutzen für nachfolgende Patienten groß ist. Dies ist ein Verstoß gegen die Gesetzeslage in Deutschland, wie in Österreich, aber auch eine Nichtbeachtung geschichtlichen Wissens und daraus erwachsender Verantwortung.

    2. Am Ende des Nürnberger Ärzteprozesses haben Alexander Mitscherlich und Fred Mielke geschrieben: „Die Zeugnisse sind über alle menschlichen Maße furchtbar geblieben. Keine Zeit wird sie je mildern können-(Mitscherlich 1983, 7). Dies gilt um so mehr, als wir heute soviel mehr als zur Zeit des Prozesses über das Ausmaß und den Schreckender „Euthanasie“ gerade auch in der zweiten, dezentralisierten Phase wissen, in die auch der Steinhof in so starkem Maße involviert war. Bewahren wir diese Zeugnisse und dieses Wissen in unserem wachen Bewußtsein und mildern wir nichts ab. Nur so können wir neuen Bedrohungen entgegentreten. Das sind wir den Opfern der Medizin ohne Menschlichkeit schuldig.

    Literatur:

    Aly, G. Anstaltsmord und Katastrophenmedizin 1943 -1945 -Die »Aktion Brandt«. in: Dörner, K (Hg.), Fortschritte der Psychiatrie im Umgang mit Menschen, Rehburg-Loccurn 1984

    Gross, H. Uiberak, B., Klinischanatomische Befunde bei Hemi-Megalencephalie, in: Virchow's Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin, Band 357, Berlin 1955

    Kreyenberg, G., Ärztlicher Bericht über das Jahr 1929, in: Briefe und Bilder aus Alsterdorf, Hamburg 1930

    Kreyenberg, G., Die Bedeutung des Schwachsinns für die Eugenik, in: Dienst am Leben -Blätter zur Fortbildung im Krankendienst und in der Gesundheitsfürsorge, Berlin 1933, Heft 19

    Lensch, F, Erbgesundheit, in: Briefe und Bilder aus Alsterdorf, Hamburg 1936

    Mitscherlich. A., Mielke, F , Medizin ohne Menschlichkeit, Frankfurt 1983

    Öfterdinger. F , Der Friedrichsberg-Langenhorn-Plan. Zusammenfassender Bericht vom 2.12.1935, in: Staatsarchiv Harnburg. M 361-5II, Hochschulwesen II, GB 11, Bd. 1

    von Rönn, P., et.al., Wege in den Tod. Hamburger Anstalten Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, Hamburg 1993

    Wunder, M. et.al., Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr -die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1988

    Wunder, M., Euthanasie in den letzten Kriegsjahren. Husum 1992

    Wunder, M., Von der Anstaltsfürsorge zu den Anstaltstötungen, in Ebbinghaus, A. et al. (Hg.), Kein abgeschlossenes Kapitel: Hamburg i, „Dritten Reich“, Hamburg 1997

    Abbildung 25. Zwei Überlebende -Alois Kaufmann, Wien und Wilhelm Roggenthien, Hamburg (Foto: Michael Wunder)

    Foto von den zwei Überlebenden Alois Kaufmann, Wien und Wilhelm
Roggenthien.

    Vom 29. -30.Januar 1998 fand in Wien ein wissenschaftliches Symposion statt, Thema: Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien. Dr. Michael Wunder war als Referent eingeladen, ich als Zeitzeugin und aktive Angehörige eines Opfers.

    Begleitet wurden wir von Wilhelm Roggenthien, der als Anstaltsinsasse während der NS-Zeit in den Alsterdorfer Anstalten war. Seine Freundin Wally gehörte zu den Deportierten vom 16.8.1943. Im Herbst des gleichen Jahres entwich er aus Alsterdorf, schlug sich nach Wien durch und befreite seine Freundin aus der NS-Psychiatrie. Bis heute hält Wilhelm Roggenihren durch sein Auftreten die Erinnerung an die „Euthanasle“-Opfer wach. Des Weiteren begleitete uns Roswitha Klau-Westphal, die Nichte der ebenfalls in Wien ermordeten ehemaligen Alsterdorfer Anstaltspatientin Ursula Westphal. Herr Roggenthin und Frau Klau-Westphal konnten beide auf dem Symposion als betroffene Angehörige sprechen.

    Antje Kosemund Rede auf dem Symposion am 29.01.98 in Wien

    Als Schwester eines der Opfer der Euthanasie ist es mir wichtig, vor diesem Forum einige Worte zu sagen.

    Seit ich vor fast 15 Jahren, bei der Durchsicht von Familienpapieren, die Sterbeurkunde meiner Schwester lrma fand, hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. Irmas Sterbeurkunde wurde erst ein Jahr nach ihrem Tod ausgestellt. Das veranlasste mich, ihrem Leben und Sterben nachzuforschen. Es zeigte sich uns ein Maß an Menschenverachtung und Verantwortungslosigkeit, welches nur schwer zu ertragen war.

    Wie hätten Eltern, die im Jahre 1933 ihre kranken und behinderten Kinder in die Obhut einer psychiatrischen Einrichtung gaben, ahnen können, dass ihre Kinder als „unwertes Leben“ diskriminiert und einem mörderischen Regime ausgeliefert wurden? Wer hätte sich vorstellen können, dass Ärzte, Psychiater und Pflegepersonal willige Mordhelfer des Naziregimes sein würden?

    Menschen, die der Zuwendung und der Hilfe bedurften, erlitten durch Vergasung, Nahrungsentzug und Giftspritzen einen schrecklichen Tod. Dass viele der Opfer zu pseudowissenschaftlichen Experimenten missbraucht wurden, hat die Leiden der Betroffenen noch verstärkt.

    Die Täter konnten nach der Befreiung 1945 ihre Karrieren als Ärzte, Psychiater, Institutsleiter und Gutachter fortsetzen. Die Euthanasieopfer wurden totgeschwiegen. Weshalb haben z.B. die Hamburger Behörden nach Ende des Krieges nie nachgeforscht, wo die Menschen geblieben sind, die sie ja deportiert hatten? Weshalb wurden Krankenakten in den Tötungsanstalten Jahrzehnte lang nicht bearbeitet? Die Angehörigen wurden in dem Glauben gehalten, dass die Opfer eines natürlichen Todes gestorben seien. Um die Täter zu schützen, wurde weiterhin gelogen, verschleiert und getäuscht.

    Vor etwa 20 Jahren endlich waren es junge Mediziner und Historiker, welche die Geschichte der Euthanasie des Naziregimes intensiv erforschten und die Ergebnisse veröffentlichten. Wir, die wenigen Überlebenden der Barbarei und die Angehörigen der Opfer, bekamen die Gelegenheit, unserem Leiden, der Trauer und dem Schmerz Ausdruck zu geben.

    Durch einen Zufall erfuhr ich im Dezember 1994 von der Existenz einer „Gehirnkammer“ in dieser Anstalt, in der sich jetzt noch einige hundert Gläser mit sterblichen Überresten von den Opfern befinden. Auch die meiner Schwester Irma waren dabei. Nach einer umfangreichen Korrespondenz mit verschiedenen Wiener Behörden erreichten wir, dass die sterblichen Überreste meiner Schwester und neun weiterer Hamburger Frauen und Mädchen in ihre Heimatstadt überführt wurden. Nach einer bewegenden Gedenkfeier, an der fast 300 Menschen teilnahmen, wurden die Urnen am 8. Mai 1996 in einem gemeinsamen Grab auf dem Geschwister-Scholl-Ehrenfeld auf dem Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt. Die blumengeschmückten Urnen wurden von Bewohnern der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zur Grabstätte getragen. Herr Pastor Baumbach, Leiter dieser Stiftung, brachte durch den Namensaufruf der Opfer diese in das Gedächtnis der Gegenwart zurück. Und die Namen stehen auf dem Gedenkstein, an dem fast immer frische Blumen stehen, gebracht von Menschen, die verstehen, es geht darum, nicht zu vergessen. Das ist auch mein Anliegen: den Opfern einen Namen zu geben und an sie zu erinnern.

    Auf diesem Wege möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die mich mit großem Einsatz tatkräftig unterstützt haben. Besonders bedanken möchte ich mich bei Frau Marianne Enigl von der Redaktion „Profil“. Sie hat mir mit viel Einfühlungsvermögen und Engagement Mut gemacht. Ohne die Hilfe und den Rückhalt meiner Familie und meiner Freunde, sowie der Mitarbeiter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, wäre diese Zeit schwerer zu ertragen gewesen.

    Ich wünsche diesem Symposion einen guten Erfolg. Ich möchte mit den Worten von Bertholt Brecht schließ en:

    Wer kämpft, kann gewinnen.

    Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

    Abbildung 26. Wolfgang Borchert Wohngebiet, Hamburg –Alsterdorf (Foto: Christel Dröse)

    Foto eines Straßenschildes mit der Aufschrift: Irma-Sperling-Weg
Opfer der Euthanasie im dritten Reich.

    Der Schöne Tod! Euthanasie Gnade oder Mord? Ein Beitrag von Alois Kaufmann, Wien

    Das Wort Euthanasie kommt aus dem Griechischen und heißt „der schöne Tod“. Die griechische Philosophie - Stoa – begründet diesen „schönen Tod“ mit der sittlichen Auffassung, alles Lebensunfähige - Lebensunwerte gehöre im Sinne des Schönheitsideals beseitigt. Die hellinistische Kultur zerfiel an ihrer Unfähigkeit, sich ein soziales Fundament zu schaffen.

    Das Ego, der Wille zur Macht, zur Schönheit, manifestierte sich Jahrhunderte später in der menschenverachtenden Rassen-und Erblehre des Nationalsozialismus.

    Das Christentum versuchte mit allen Mitteln, sich seiner jüdischen Wurzeln zu entledigen. Schon das erste Gebot: Ich bin dein alleiniger Herr und Gott und du darfst dir in keiner Form ein Bildnis von mir schaffen, wurde von den Christen unter dem Einfluss Paulus mißachtet

    Der Grund: Die Verbreitung des Christentums auf jüdischer Grundlage wäre im heidnischen Griechenland und später dem römischen Imperium zum Stillstand gekommen. Die heidnischen Götter wurden nach und nach durch Heilige der römisch -katholischen Kirche ersetzt. Selbst das Wort Pontifex wurde dem heidnischen Rom entnommen.

    Damit war natürlich die Nächstenliebe, die Liebe zum Behinderten, arg eingeschränkt.

    Die „Hexen“ und „Alchimisten“ wurden zu Ketzern ernannt. Das Papsttum entfernte sich immer rascher von der Urlehre Jesus.

    Die Rebellion gegen die Unterdrücker wurde umgedreht zu inhaltsleeren Riten. Die sozialen Aussagen, zum Beispiel: selig sind die Armen, in den Satz: selig sind die Armen im Geiste, völlig ihrer Sprengkraft beraubt. Das Judentum wurde zum Feind Nummer eins erklärt und die sogenannten Idioten als vom Teufel Besessene erklärt. In Höhlen und dumpfen Verliessen wurden diese kranken Menschen eingesperrt, bis sie elendig umkamen. Erst im 19. Jahrhundert wurde durch den Einfluss französischer Ärzte auf die Bedürfnisse dieser bedauernswerten Geschöpfe eingegangen.

    Sigmund Freud begann sich auf das Innenleben dieser Menschen zu konzentrieren. Er fand heraus, dass die sogenannten “Idioten“ oft unter dem furchtbaren Druck von Kindheitserlebnissen litten. Die Angst, eine Warnung der Natur, ist vorhanden, um größeres Unheil zu verhindern. (Sigmund Freud übersetzte die Vorlesungen des französischen Arztes]. M. Charcot ins Deutsche). Phobien aller Art setzen auch den Menschen von heute in Angst und Schrecken: Höhenangst, Platzangst, usw.

    Die sonst sehr fortschrittlichen Sozialdemokraten erkannten nicht die wahre Bedeutung von Freud und später Alfred Adlers über die Psyche des Menschen. Die Zeit der Helden - Arbeiterhelden - war angebrochen. Die Gemeindebauten besonders in Wien und ihre figurale Ausschmückung zeigte, welche Tendenz innerhalb des Sozialismus vorherrschte. Noch deutlicher trat diese Tendenz in der Arbeiterkultur und in Sportorganisationen (ASKÖ) auf. Die gesunde und schöne Jugend war das Endziel einer Ersatzreligion. Kein Alkohol, kein Nikotin, Liebe nur im Sinne der Arbeiterklasse.

    Und jetzt die Kehrseite der Medaille: Hunderttausende sogenannter Idioten. Selbst der große Humanist Julius Tandler stellte schon in den späten zwanziger Jahren eine Kosten-Nutzenrechnung über Alkoholiker und Geisteskranke auf. Natürlich kam Tandler und Genossen nie in den Sinn, Menschen zu töten, aber der Funke für einen Brand war gelegt. Die Solidarität reichte damals nur für die „Normalen“.

    Die Geschichte der Psychiatrie beinhaltet nicht nur die Grausamkeiten und Morde der NS-Zeit, sondern sie ist eine permanente Herabsetzung der Würde des Menschen. Die Ideen eines Hitlers sind nicht vom Himmel gefallen. Sie waren verwurzelt schon in der Gedankenwelt gewisser klerikaler Kreise, mit Hexen, mit Hexern und der sogenannten angeborenen Hysterie bei Weibern - Ausdruck verschiedener Äbte. Erst durch die KIostersäkularisierung durch den Reformkaiser Joseph II. wurde das Pflänzchen Toleranz gesetzt. Der Exorzismus ist eine der brutalsten Formen, wie mit labilen Menschen umgegangen wurde und noch wird.

    Die Perfektionierung der NS-Maschinerie war geradezu „modern“ in der Möglichkeit, sich Kranker und Behinderter zu entledigen. Schon 1936 wurden die Vergasungsversuche an Behinderten durchgeführt. Das NS-Regime war von der Sendung erfüllt, töten sei ein humaner Akt der Befreiung des Menschen durch den Menschen. Der kranke Mensch musste ausgelöscht werden. Das Schöne, das Wertvolle und vor allem der Tüchtige wurde belohnt, gefördert und politisch betrogen.

    Als Opfer des NS-Regimes - 1939 bis 1945 am Spiegelgrund Steinhof heute Baumgartnerhöhe weiß ich, wovon ich rede und schreibe. Die Überlebenden der Nazibarberei sind zum Großteil nach wie vor nur „Asoziale“, Die Sprache verrät die Täter und vor allem jene, die heute wieder zur Sterbehilfe aufrufen. Die NS-Euthanasie - wobei das Wort Euthanasie in diesem Zusammenhang völlig unangebracht ist - war Mord. Der materielle Wert des Menschen war das Wesentliche einer menschenverachtenden Ideologie.

    Und heute? Sparpakete aller Art münden immer in Kürzungen von sozialen Leistungen. Die Debatte geht immer in die Richtung: Schmarotzer gehören kaltgestellt. Solange sich der Mensch nicht im Klaren ist, welche wahnwitzigen Beträge die Rüstung verursacht, solange kann er sich nie zu einem humanen Wesen bekennen. Die Beträge, die für Kranke aller Art ausgegeben werden, sind kaum ein Prozent der Ausgaben der Rüstungsindustrie.

    Die Euthanasie ist kein Punkt für eine Diskussion. Diese Diskussion hat ihr Ende in den Krematorien des „Dritten Reiches§ gefunden.

    Und noch eine wichtige Frage zur Euthanasie: Wer hat das Recht, das Leben eines Menschen als wert oder unwert einzustufen?

    Alois Kaufmann Wien, 22Juni 1998



    [4] Die genauen Zahlen: 4.097 Patienten werden in Langenhorn selektiert und deportiert; hinzukommen: 1941 weitere 395 Langhörner Patienten. die vorher in die sog. Hamburger-Häuser in Lübeck-Strecknitz verlegt worden waren und direkt von Lübeck aus abtransportiert werden, 1943 534 Patienten, die direkt aus den Wohlfahrtsanstalten abtransportiert werden sowie 463 Patienten, die direkt aus den Alsterdorfer Anstalten abtransportiert werden, darunter der Transport nach Wien. (Wunder 1997, 399)

    Teil VI

    Presseauswahl: profil Nr. 21 ,17. Mai 1997

    Abbildung 27. Originales Schriftstück Teil 1:

    Foto des originalen Zeitungsartikels

    Abbildung 28. Originales Schriftstück Teil 2:

    Foto des originalen Zeitungsartikel

    Inhalt:

    Fall Gross: Neu aufgerollt? – Fast 50 Jahre nach dem ersten Prozeß gegen den „Euthanasiearzt“ Gross stellt das Justizministerium die Weichen für eine Wiederaufnahme (von Marianne Enigl)

    Heinrich Gross, jetzt 81 Jahre alt, ist geistig voll aktiv. Im Jahr 1995 kassierte er als psychiatrischer Gerichtssachverständiger 595.231 Schilling. Im Vorjahr gab er 123 Gutachten ab und bekam dafür 413.871 Schilling.

    Als ihn ein Journalistenteam der US-Fernsehstation ABC im heurigen April vor seinem Haus überraschte, brach er zum erstenmal sein langes Schweigen und war bereit, eine halbe Stunde lang Rede und Antwort zu stehen – siehe Interview[5].

    Tom Hagler von ABC: „Intellektuell ist er voll auf der Höhe, der sagt dann nur, daß er große Schmerzen in den Beinen hat.“

    Der leidenschaftliche Fotograf Gross interessierte sich lebhaft für die TV-Kamera und zückte am Ende des Gesprächs seine Pocketkamera, um seinerseits die Journalisten abzulichten. Dem Team wurde mulmig zumute – Mediziner Gross hatte in seiner Zeit in der NS-„Euthanasieklinik“ am Wiener „Spiegelgrund“ penible Bilddokumentationen der Kinder angefertigt, deren Gehirne er später für Forschungen verwendete.

    Die große ABC-Dokumentation zur NS-„Kindereuthanasie“ und über den Fall Gross lief in der Vorwoche mit dem Titel „The Secret of Vienna“ über amerikanische Bildschirme. Simon Wiesenthal bezeichnet darin spezielle Tötungsanstalten wie jene am Wiener „Spiegelgrund“ als „Euthanasie-Lager“ und Vorläufer des Holocaust. Der „Spiegelgrund“-Patient Alois Kaufmann schilderte seine Todesangst, wenn „lebensunwerte“ Kinder selektiert wurden und dann spurlos verschwanden. Ein weiter Überlebender meinte, ein Prozeß gegen „Spiegelgrund“ – Arzt Heinrich Gross sei das mindeste, was für die Ermordeten getan werden könne.

    Die ABC-Dokumentation endet mit dem Satz: „Im heutigen Österreich ist wohl nichts weniger möglich als das.“ Doch während Österreich zu Recht wieder einmal als Land präsentiert wurde, in dem „Erinnerungen so unerträglich sind, daß sie am besten vergessen werden“ (ABC Kommentator Jim Wooton), feilten hohe Beamte des Justizministeriums in Wien an einer überraschenden Stellungnahme. Kernsatz der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des Gründen Karl Öllinger: Die Absicht der Staatsanwaltschaft, auch die jüngste Strafanzeige gegen Heinrich Gross zurückzulegen, „wurde vom Justizministerium nicht zur Kenntnis genommen…Vielmehr wurde um weiter Erhebungen ersucht.“ Nach Jahrzehnten des Ablockens durch seine Vorgänger öffnet Justizminister Klaus Michalek damit erstmals den Weg für eine mögliche Wiederaufnahme des Falles Gross.

    Nach einem profil-Bericht vom 10. März dieses Jahres über Gross´ Tätigkeit am „Spiegelgrund“ hatte der Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer, gegen Gross erneut Strafanzeige erstattet. Wie aus der Anfragebeantwortung hervorgeht, wollte die Staatsanwaltschaft diese ebenso ungeprüft zu den Akten legen wie jene, die bereits 1995 nach einem profil-Artikel eingebracht worden war. Stereotype Begründung: verjährt.

    Gross war 1950 wegen Beihilfe zum Totschlag zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, Das Urteil wurde aufgehoben und an die erste Instanz zurückverwiesen, die das Verfahren jedoch nie mehr aufnahm. Totschlag verjährt nach 20 Jahren, Mord nicht.

    Totschlag unterscheidet sich nach dem deutschen Reichsstrafgesetz, das hier zur Anwendung kommt, lediglich von den „niedrigen Beweggründen“, die in diesem Gesetz für Mord gefordert sind. Gross war zeitweise auch leitender Arzt im „Euthanasie“- Pavillon und hatte ausgesagt, er habe Tötungen trotz seiner Tätigkeit abgelehnt und sich daher an der Front gemeldet.

    Ein erst 1995 aus ehemaligen Stasi-Archiven aufgetauchtes Dokument besagt jedoch, daß er in der späten „Euthanasie-„ Phase im Sommer 1944 in seinem Urlaub „reichlich einen Monat lang…einen guten Teil der Reichsausschußarbeit“ tat. Gross sollte dafür eine Prämie bekommen.

    Auch während dieser Zeit starben am „Spiegelgrund“ Kinder. So diagnostizierte Gross am 24. Juli 1944 bei einem Säugling eine Kieferlippenspalte, das Kind wurde an den Reichsausschuß gemeldet, am 26. August starb es. Im ABC-Interview sagt Gross, für die Behandlung sei seine Kollegin zuständig gewesen. Nur die war selbst auf Urlaub und im Krankenstand – und wurde von ihm vertreten.

    Justizminister Michalek macht in der Anfragebeantwortung jetzt klar, daß nach den angeordneten Erhebungen die rechtliche Qualifikation – Verdacht auf Totschlag oder Mord . von Gross´ freiwilliger Mitarbeit geprüft werden muß. Ein Mitarbeiter des Ministers: „Aus heutiger Sicht können wir die damalige Rechtsmeinung nicht mehr weiter plagiieren.“ Eine Frau deren Schwester am „Spiegelgrund“ starb: „Ich möchte Gerechtigkeit. Gross könnte doch Geld für ein Kinderheim geben.“

    Das Interview – Heinrich Gross: „… habe an nichts Besonderes gedacht“

    Frage: Herr Dr. Gross, wie viele Kinder sind am „Spiegelgrund“ getötet worden?

    Gross: Ich weiß nicht, wie viele. Kann sein dreihundert, kann sein mehr.

    Waren Sie in die Tötungen involviert?

    Ich habe nichts getan. Ich war angestellt.

    Haben Sie damals etwas von den Tötungen gewußt?

    Ja, ich habe davon gewußt, aber ich war nicht daran beteiligt. Jeder, der dort gearbeitet hat, hat es gewußt.

    Meinen Sie, daß das Kriegsverbrechen waren?

    Es wurde „Tötung von Menschen, deren Leben es nicht wert war, gelebt zu werden“ genannt. Es wurde „Euthanasie“ genannt.

    1979 klagten Sie den Arzt Werner Vogt an, weil der Ihnen Beteiligung an der Ermordung behinderter Kinder vorgeworfen hatte. Seitdem wurden neu Dokumente, die Ihren früheren Aussagen widersprechen, veröffentlicht. Was sagen Sie dazu, daß immer wieder Anschuldigungen gegen Sie erhoben worden sind?

    Das war, weil ich der einzige Überlebende war. Es hat niemanden sonst gegeben, den sie beschuldigen hätten können.

    1981 wurde gerichtlich festgestellt, daß man zu Recht sagen kann: „ Dr. Gross war an Tötungen beteiligt.“

    Ja, aber dennoch war es nicht wahr.

    Haben sie Gewissensbisse, bedauern Sie, was passiert ist?

    Ich kann das nicht beurteilen, ich kann die nicht Verbrecher nennen, obwohl sie etwas Falsches getan haben,

    Und ihre persönliche Meinung?

    Ich kann das nicht beurteilen. Damals war das geistig von einem großen Sozialisten vorbereitet, ich habe seine Namen vergessen. Er hat schon zwanzig Jahre vor dem Krieg gesagt, daß Behinderte ausgeschaltet werden sollten. (Anm. : Der Wiener Gesundheitsstadtrat Julius Tandler trat bei erbkranken Menschen für Sterilisation ein.)

    Sie haben nach dem Krieg mit Gehirnen dieser Kinder wissenschaftlich weitergearbeitet. Ist das ethische Medizin die mit Leichenteilen ermordeter Kinder arbeitet?

    Man arbeitete auch mit Gehirne von Leuten, die hingerichtet wurden.

    Als Todesursache wurde stereotyp Lungenentzündung genannt. Eine Mutter erzählte jetzt, daß die Kinder nackt in den kalten Schlafsälen liegen mußten.

    Nein, sie haben Schlaftabletten bekommen und sind dann an Lungenentzündung gestorben.

    Wenn Sie durch die Anlage auf der Baumgartner Höhe gegangen sind, was waren Ihre Gefühle bei den Gedanken an die Kinder?

    Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich war gewöhnt, mit Behinderten zu arbeiten, daher habe ich an nichts Besonderes gedacht.

    Aber wie haben Sie sich gefühlt, mit ihnen zu arbeiten im Wissen, daß sie getötet werden?

    Das war normal, man konnte es nicht sehen. Ich habe nichts gedacht.

    Haben Sie an die NS-Ideologie geglaubt?

    Ja, an einem bestimmten Punkt.

    Wann haben Sie aufgehört, daran zu glauben?

    Bereits während des Krieges.

    Wie paßt das zusammen, daß Sie an den Gehirnen der ermordeten Kinder geforscht haben, nachdem Sie aufgehört hatten, an die Nazi-Ideologie zu glauben? Sie habe doch 14 Kinder selbst an den Reichsausschuß gemeldet, von wo dann die Anweisung „Behandeln“ – Töten – zurückkam.

    Das waren Gehirne wie andere auch, an denen ich gearbeitet habe. Man hat es nicht bemerkt, wenn man die Gehirne untersucht hat.

    Aber Sie wußten es doch?

    Nein, einige Kinder sind eines natürlichen Todes gestorben, es waren verschiedene Gehirne nebeneinander.

    Wenn Sie zurückblicken, würden Sie etwas anders machen?

    Das Äußerste, was ich tun konnte, war wegzugehen an di Front. Hätte ich etwas dagegen gesagt, hätte das meinen Tod bedeutet.

    Wir haben gestern mehr als 400 Gehirne von „Spiegelgrund“- Kindern gesehen, auch von solchen, die 1944 gestorben sind. Ihr Name steht auf einigen dieser Dokumente.

    Ja, während ich auf Urlaub war, habe ich einige Krankengeschichten ausgefüllt. Aber ich hatte mit Tötungen nichts zu tun.

    Wie meinen Sie das? Wer hat die Kinder behandelt?

    Meine Kollegin, die dann ins Gefängnis mußte.

    Haben Sie auch 1944 noch am „Spiegelgrund“ gearbeitet?

    Ich war in der Zeit bei der Armee, von 1943 bis 1945.

    Wo waren Sie stationiert?

    Überall, in Rußland, in Albanien.

    Was sagen Sie dazu, daß eine parlamentarische Anfrage der Grünen sich mit Ihrer langen Zeit verschwiegenen Tätigkeit während des letzten Kriegssommers 1944 am „Spiegelgrund“ befaßt?

    Ich habe es Ihnen schon gesagt. Ich habe da gelebt, ich habe meine Kinder großgezogen, ich war im Urlaub. Die haben mich gefragt, ob ich helfen könne. Daher habe ich einige Krankengeschichten geschrieben, das ist alles, wo mein Name vorkommt.

    Es gibt den Brief von Klinikleiter Erns Illing, der Sie für eine Sonderprämie vorschlug.

    Das ist absolut falsch. Er hat das nicht gesagt.

    Der lange Schatten der NS-Medizin Herwig Czech in "Die Universität" vom 26.04.2002

    Am 28 . April werden am Wiener Zentralfriedhof knapp 600 Urnen mit sterblichen Überresten von Opfern der NS-Kindereuthanasie am "Spiegelgrund" bestattet. Eine dunkle Episode der österreichischen Geschichte findet damit ihren vorläufigen Abschluss. Die Suche nach den Gründen für dieses späte Begräbnis führt mitten in die Geschichte der NS-Medizin in Österreich und ihrer gescheiterten Bewältigung in den Jahrzehnten nach 1945.

    Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Geschichte. Im Sommer 1940 eröffnete die Wiener Stadtverwaltung in der "Heil-und Pflegeanstalt Am Steinhof“ eine Fürsorgeanstalt für Kinder. Sie erhielt die Bezeichnung "Am Spiegelgrund". Die Gründung war möglich, weil vorher in der Anstalt Platz geschaffen worden war: die "Kanzlei des Führers" ließ rund 3200 Steinhofer PatientInnen nach Hartheim deportieren und vergasen. Auch der "Spiegelgrund" sollte der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" dienen. Behinderte Kinder und Jugendliche wurden systematisch erfasst und in die Tötungsklinik eingewiesen. Gelangten die dort tätigen Ärztinnen zu dem Schluss, dass mit keiner künftigen Arbeitsleistung im Dienste der NS-Volksgemeinschaft zu rechnen war, so berichteten sie nach Berlin. Drei Gutachter des dortigen "Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" entschieden über Leben oder Tod der Betreffenden. Gaben sie die Ermächtigung zum Mord, so erhielten die Kinder hochdosierte Schlafmittel. Waren sie entsprechend geschwächt, so starben sie an einer Infektionskrankheit, in der Regel Lungenentzündung.

    Die restlose Verwertung der Euthanasie-Opfer

    Die gnadenlose Kosten-Nutzen-Rechnung, der die NationalsozialistInnen das menschliche Leben unterwarfen, erlaubte keine "unnützen Esser". Sie erlaubte aber auch keinen unnützen Tod: Die Leichen der Euthanasieopfer wurden für die wissenschaftliche Forschung aufbewahrt. Daran scheint sich auch nach dem Krieg niemand gestoßen zu haben: 1946, beim Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen der Wiener Kindereuthanasie, den ehemaligen Leiter des Spiegelgrund, Ernst Illing, sagte die Prosektorin des Steinhof Barbara Uiberrak: "Fast jeder der einzelnen Fälle ist wissenschaftlich gesehen hoch interessant. Wir haben 'Am Steinhof noch alle 700 Gehirne, in den meisten Fällen auch die Drüsen mit innerer Sekretion, fixiert ausgebaut, sodass sie jederzeit einer wissenschaftlichen pathologischen Untersuchung zugeführt werden können. Ich glaube, dass es lohnend wäre, einige Fälle aus jedem Jahr herauszugreifen."

    Die zweite Karriere des Heinrich Gross

    Ernst Illing selbst sollte dazu keine Gelegenheit mehr haben: er wurde im November 1946 hingerichtet. Seinem ehemaligen Abteilungsarzt im Tötungspavillon XV, Heinrich Gross, sollten die gesamten Früchte der gemeinsamen Arbeit zufallen. Während Illing vor Gericht stand, befand Gross sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Bei seiner Rückkehr 1948 wurde er verhaftet und ebenfalls angeklagt. Das politische Klima in Österreich hatte sich jedoch bereits soweit zugunsten der ("ehemaligen") Nationalsozialistinnen verschoben, dass Urteilssprüche immer seltener wurden. Die erste Instanz verurteilte Gross zwar, nach der Aufhebung des Urteils wegen formaler Mängel verlief das Verfahren jedoch im Sand. Gross startete seine zweite Karriere. Er trat dem "Bund Sozialistischer Akademiker" (BSA) bei, wo viele "Ehemalige" hilfreiche Seilschaften bildeten. Die Stadt Wien nahm in wieder in ihre Dienste, diesmal in der Nervenheilanstalt "Am Rosenhügel", wo sich Gross konsequenterweise zum Neurologen und Psychiater ausbilden ließ.

    Anfang der 1950er Jahre begann er mit der Auswertung der Gehirne, die in der Prosektur des Steinhof aufbewahrt worden waren. Bald folgte Publikation auf Publikation. Gross gab sich keine große Mühe, die Herkunft seines "Materiales" zu verschleiern, wenngleich er natürlich darauf verzichtete, die näheren Umstände seiner Entstehung zu erläutern. Bis ins Jahr 1978 erschienen über 30 Arbeiten, an denen teilweise prominente Kollegen von Gross beteiligt waren: Franz Seitelberger etwa, ehemaliges SS-Mitglied und Rektor der Universität Wien in den 1970er Jahren. 1968 erhielt Gross ein eigenes "Ludwig Boltzmann-Institut zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems", das sich in den ersten Jahren seines Bestehens ausschließlich auf die Auswertung der Spiegelgrund-Gehirne konzentrierte.

    Heinrich Gross zählte jahrzehntelang zu den prominentesten PsychiaterInnen Österreichs. Das hing zum Teil mit seiner Tätigkeit als Gerichtsgut achter zusammen, die er oft bei aufsehenerregenden Prozessen ausübte. Drei seiner prominentesten Begutachtungsfälle Günter Brus, Otto Mühl und Oswald Wiener, die wegen der berühmten "Uni-Ferkelei" vom 7. Juni 1968 vor Gericht standen.

    Vom Euthanasiearzt zum Pharmatester: Menschenversuche am Steinhof

    Neben seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Hirnforscher fand Gross auch die Zeit, sich als Pharmatester zu betätigen. Auf seiner Abteilung am "Steinhof" stand ihm das dafür nötige "Krankengut" zur Verfügung. Gross genoss das Vertrauen der Pharmaindustrie: Oft kamen die neuen Präparate direkt aus dem Tierversuchslabor, um an den Steinhofer PatientInnen ausprobiert zu werden. Allein zwischen 1958 und 1968 testete er nach eigenen Angaben 83 verschiedene Psychopharmaka an teilweise weit über hundert PatientInnen.

    Das Ende einer österreichischen Karriere

    Mitte der 1970er Jahre begutachtete Gross einen Überlebenden des Spiegelgrund. Friedrich Zawrel. Dieser erkannte seinen Peiniger aus der NS-Zeit wieder. Gross verfasste ein vernichtendes Gutachten, in dem er sich ungeniert aus der Spiegelgrund-Akte Zawrels bediente, um den unliebsamen Zeugen zum Schweigen zu bringen. Der Plan wäre auch fast aufgegangen, wenn sich die "Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin" nicht des Falles angenommen hätte. Im Zuge der folgenden öffentlichen Auseinandersetzungen kam es zu einem Ehrenbeleidigungsprozess zwischen Gross und Werner Vogt, der mit einer juristischen Niederlage Gross' endete. Das Gericht sah die Beteiligung von Gross an den NS-Kindermorden als erwiesen an. Dieser kam dennoch mit einem blauen Auge davon: Die Niederlage im Zivilprozess führte zu keinen strafrechtlichen Konsequenzen. Gross konnte seine Tätigkeit als Gerichtsgutachter unbehelligt fortsetzen. Ähnlich halbherzig die politischen Konsequenzen: die SPÖ (und mit einiger Verzögerung auch der BSA) schloss ihn zwar aus, die Ludwig Boltzmann-Gesellschaft hielt ihrem Institutsleiter jedoch die Stange: das Gross-Institut wurde mit dem "Ludwig Boltzmann-Institut für klinische Neurobiologie" zusammengelegt, Kurt JelIinger und Heinrich Gross übernahmen die gemeinsame Leitung. Erst 1989 musste Gross auf Druck des Wissenschaftsministeriums diese Funktion zurücklegen.

    Keller voller präparierter Menschenteile

    Über der Präparatesammlung lag ein Mantel des Schweigens. Angehörige von Jugendlichen aus Hamburg, die nach Wien deportiert und am Spiegelgrund getötet worden waren, versuchten jahrelang, Auskunft über die sterblichen Überreste der Opfer zu erlangen. Die Wiener Zuständigen blockten ab. So mancher, der sich jetzt bei der Aufarbeitung der Angelegenheit profiliert, war noch vor wenigen Jahren an dieser Vertuschung beteiligt. Dennoch setzte ein langsames Umdenken ein. Im "Bedenkjahr" 1988 wurde ein Lagerraum im Keller der Pathologie in einen "Gedenkraum" umfunktioniert. Die Sammlung sollte plötzlich als Mahnmal fungieren, wenngleich einzelne Gehirne immer noch für eine eventuelle wissenschaftliche Bearbeitung vorgesehen waren.

    Die entscheidende Wende erfolgte erst mit dem neuerlichen Verfahren gegen Gross Ende der 1990er Jahre. Der Prozess scheiterte zwar an der attestierten Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten, dieser war aber nun zumindest politisch isoliert. Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder nannte Gross einen "Mörder" und ließ die Bestattung der Präparate vorbreiten. Diese positive Tendenz setzte sich auch unter seiner Nachfolgerin Elisabeth Pittermann fort. Rückzugsgefechte blieben dennoch nicht aus. Der Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Klinische Neurobiologie, Kurt Jellinger, versuchte, die Existenz von zehntausenden histologischen Präparaten der Spiegelgrund-Opfer in seinem Institut zu verheimlichen und so mit der Bestattung zu entziehen.

    Gedenk-und Forschungsstätte für Medizin und Nationalsozialismus

    Ungeklärt ist auch die Frage, was mit den noch vorhandenen Präparaten aus der "Heil-und Pflegeanstalt Am Steinhof“ geschehen soll, die ebenfalls aus der NS-Zeit stammen. Wer die Geschichte der Anstalt kennt, muss davon ausgehen, dass es sich bei diesen Menschen zum Grossteil um Opfer der "dezentralen Anstaltstötungen" der Jahre 1941 bis 1945 handelt. Die Bestattung der sterblichen Überreste der Spiegelgrund-Opfer ist vor allem für die Angehörigen ein äußerst wichtiger Akt. Als politisches Symbol ist sie ambivalent. Es steht zu befürchten, dass die Verantwortlichen an das Begräbnis wieder einmal die Hoffnung auf einen Schlussstrich, auf eine endgültige Erledigung, knüpfen werden. Dabei steckt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema noch in den Anfängen. Viele Bereiche der NS-Medizin sind noch unzureichend erforscht. Insofern war es nur konsequent, dass Elisabeth Pittermann im Herbst 2001 neben der Bestattung der Gehirnpräparate auch die Errichtung einer Gedenk-und Forschungsstätte ankündigte, die sich der Auseinandersetzung mit diesem Thema widmen soll. Inzwischen liegt ein entsprechendes Konzept vor, an dessen Verwirklichung der politische Wille zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Medizin und Nationalsozialismus zu messen sein wird.

    Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes und studiert an der Universität Wien.

    Presseauswahl: Euthanasiearztes Dr. Heinrich Gross , Wolfgang Neugebauer, in "mitmachen", Mitgliederzeitschrift der Lebenshilfe Wien: 8/2002, S.14-16.

    Die Nachkriegskarriere des Euthanasiearztes Dr. Heinrich Gross

    Die "wissenschaftliche" Verwertung der Opfer der Kindereuthanasie vom "Spiegelgrund" ist untrennbar mit dem Namen Dr. Heinrich Gross verbunden. Sein Fall scheint von der Dimension und Konstellation sowohl in der Medizin- als auch in der Kriminalgeschichte einmalig zu sein. Heinrich Gross, Jahrgang 1915, seit 1932 in der NS-Bewegung, 1939 promoviert und -nach einem kurzen Intermezzo in der Anstalt Ybbs (während der Aktion "T4") - ab November 1940 in der Anstalt "Am Spiegelgrund" tätig. In dieser in der Wiener Heilanstalt "Am Steinhof angesiedelten "Kinderfachabteilung" wurde 1940-1945 die NS-Kindereuthanasie durchgeführt, der mehr als 700 geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche zum Opfer fielen. Der an diesen Tötungshandlungen maßgeblich mitwirkende Heinrich Gross dürfte zu jenen vornehmlich jüngeren Ärzten gehört haben, die über den Tötungsauftrag hinaus die Situation zu "wissenschaftlichen" Zwecken ausnützten. Erst die Befreiung Österreichs durch die Alliierten 1945 beendete das medizinische Morden und das "Forschen" an Kindern und Jugendlichen, und die damals für die Behörden greifbaren Verantwortlichen und Beteiligten an den Psychiatriemorden wurden von der 1945/46 konsequent agierenden Justiz zur Verantwortung gezogen. Diese antifaschistisch geprägte Phase der österreichischen Nachkriegsentwicklung und -justiz wurde jedoch im Zuge des Kalten Krieges schon bald von einer lang anhaltenden Periode der Reintegration der ehemaligen Nationalsozialisten und der Dominanz der "Kriegsgeneration" abgelöst. Diese gesellschaftlich-politische Grundströmung kam auch dem Euthanasiearzt Dr. Heinrich Gross zugute. Nach dem Gross infolge sowjetischer Kriegsgefangenschaft bis Ende 1947 die für NS-Täter in Österreich gefährlichen Jahre 1945/46 überstanden hatte, versuchte er wie viele andere wegen Kriegsverbrechen gesuchte Nazis unterzutauchen, wurde 1948 verhaftet und vom Volksgericht Wien 1950 zu zwei Jahren schweren Kerker verurteilt. Die Verurteilung erfolgte lediglich wegen Totschlags (nach o 212 RStG), da die Rechtssprechung (damals und danach bis 1997) davon ausging, daß an Geisteskranken oder -schwachen kein heimtückischer Mord begangen werden könne, da den Betroffenen "die Einsicht fehlte". Vom Vorwurf der Mitgliedschaft und Tätigkeit für die illegale NSDAP wurde Gross freigesprochen, weil den entlastenden Aussagen von NS-Funktionären höhere Beweiskraft zugebilligt wurde als den belastenden Dokumenten aus der NS-Zeit. Nachdem dieses Urteil wegen Widersprüchlichkeiten vom OGH aufgehoben und an die Erstinstanz zurückverwiesen worden war, zog die Staatsanwaltschaft Wien den Strafantrag zurück, und das Verfahren wurde 1951 eingestellt.

    Damit stand der weiteren Karriere des Euthanasiearztes Dr. Heinrich Gross nichts mehr im Wege; denn politische oder ethische Bedenken, mit einem Mann mit solcher Vergangenheit zusammenzuarbeiten, dürften bei Kolleginnen und Vorgesetzten nicht bestanden haben. Wie viele andere ehemalige Nazis begab er sich unter die Fittiche einer Großpartei, der SPÖ, der er 1953 beitrat. Insbesondere im Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) stieß Gross auf viele ehemalige Gesinnungsfreunde. 1965 gehörte er dem Komitee für die Wiederwahl von Bundespräsident Franz Jonas an. Seine medizinische Laufbahn setzte Dr. Gross ab 1951 in der (städtischen) Nervenheilanstalt Rosenhügel fort. 1955 schloß er seine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie ab, und im selben Jahr kehrte er an die Heil-und Pflegeanstalt der Stadt Wien "Am Steinhof" zurück. Bereits 1957 fungierte Dr. Gross als Primarius einer Abteilung und Leiter des Neurohistologischen Laboratoriums. Auf der Stätte seiner Euthanasietätigkeit wurde ihm zu günstigsten Bedingungen auch eine große Wohnung überlassen, die er bis Mitte 1997 innnehatte. Aufgrund einer Empfehlung des Psychiatrieprofessors Erwin Stransky wirkte Gross seit 1958 als Gutachter und wurde zum meistbeschäftigten und damit bestverdienenden Gerichtspsychiater Österreichs. Allein bis 1978 schafft er nach eigenen Angaben 12000 Gutachten.

    1952 begann Dr. Heinrich Gross mit der Publikation wissenschaftlicher Arbeiten, wobei er ungeniert die von ihm mitgeschaffenen Gehirnpräparate aus der NS-Zeit benützte. Daß diese Präparate -die Zahlenangaben differieren zwischen 700 und 1100, derzeit sind es noch über 400 - überhaupt aufbewahrt und dem an den Tötungshandlungen Mitbeteiligten zur Verfügung gestellt wurden, zeigt nicht nur welche grundsätzliche Einstellung zu Opfern und Tätern damals vorherrschend war, sondern ist auch ein Indiz für das Vorhandensein ärztlicher Seilschaften aus der NS-Zeit. 1968 wurde ein eigenes Ludwig Boltzmann-Institut (LBI) zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems errichtet, das ad personam Dr. Heinrich Gross geschaffen wurde und dessen Leitung dieser übernahm. Bereits vorher, 1964/65, hatte Dr. Gross (letztlich staatliche) Förderungsmittel der Boltzmann-Gesellschaft für ein Projekt "Hirnmißbildungen" erhalten; auch wissenschaftliche Fonds der Stadt Wien förderten seine Publikationen. 1959 erhielt Gross für seine wissenschaftliche Tätigkeit einen Preis aus der SPÖ - nahen Theodor Körner-Stiftung.

    Bei der Auswertung des von ihm immer wieder als (weltweit) "einmalig" bezeichneten "Materials" bemühte sich Dr. Gross um Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät. Im besonderen pflegte er eine weit zurückreichende Kooperation mit dem Neurologischen Institut der Universität Wien, wo er seit 1953 mit dem Institutsvorstand Univ. Prof. Dr. Hans Hoff, einem Verfolgten des NS-Regimes, dem damaligen Assistenten (späteren Professor, Institutsvorstand und Rektor) Dr. Franz Seitelberger, einem ehemaligen SS-Angehörigen, und Dr. Kurt Jellinger, dem jetzigen Leiter des ehemaligen Gross-LBI, zusammenarbeitete. Von den nachweislich 35 auf "Spiegelgrund“-Opfern basierenden wissenschaftlichen Arbeiten von Heinrich Gross sind sieben mit K. Jellinger, zwei mit F. Seitelberger und eine mit H. Hoff gemeinsam publiziert worden. Grossers Bemühungen, sich an der medizinischen Fakultät der Universität Wien mit einer Arbeit über "Sehnervenatrophie infolge Turmschädelbildung" 1962 zu habilitieren, scheiterten, als die Herkunft der verwendeten Gehirnschnitte von NS-Opfern bekannt wurde. Ebenso konnte er seine Ambition, Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses zu werden, nicht verwirklichen. Ungeachtet seiner NS-Vergangenheit, seiner gerichtsanhängigen Involvierung in Tötungshandlungen und der ethischen Fragwürdigkeit seiner wissenschaftlichen Arbeiten zeichnete die Republik Österreich Dr. Heinrich Gross 1975 mit einem hohen Orden, dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, aus.

    Die in den Jahren 1979-1981 vor sich gehende öffentliche Kontroverse mit Dr. Werner Vogt, dem Wortführer der Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin. die mit einer katastrophalen juristischen und moralischen Niederlage für Dr. Heinrich Gross endete, führte zum Karrierebruch für den nun der Mitbeteiligung an Tötungshandlungen gerichtlich überführten Euthanasiearzt. Aus der SPÖ wurde Gross ausgeschlossen; als beamteter Arzt des PKH 1981 pensioniert. 1981 wurde das von Gross geleitete LBI zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems mit dem LBI für klinische Neurobiologie zusammengelegt; 1989 mußte Dr. Gross unter dem Druck des Wissenschaftsministeriums seine Leiterfunktion zurücklegen.

    Aufgrund von Aktenfunden in einem ehemaligen Stasi-Archiv in BerIin, die die freiwillige Mitwirkung von Gross (während eines Wehrmachtsurlaubs) an der Kindereuthanasie beweisen, und der neuen Erkenntnisse der Göttinger medizinhistorischen Dissertation von Matthias Dahl über die Kinderklinik Spiegelgrund erstattete das DÖW 1995 und 1997 Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Wien wegen Verdachts des Mordes. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des großen medialen Interesses im In-und Ausland und klarer politischer Stellungnahmen in der Nationalratsdebatte am 5. 6. 1997 wurde die beantragte Einstellung des Verfahrens vom Justizministerium abgelehnt und 1998 eine Voruntersuchung beim Landesgericht für Strafsachen Wien eingeleitet, die nach sorgfältigen Erhebungen und Erstellung wissenschaftlicher Gutachten Anfang 1999 abgeschlossen wurde. Ob nun eine Anklage und letztlich ein Prozeß zustandekommen, ist noch offen. jedenfalls ist diese Entwicklung auch ein Ausdruck dafür, daß sich die Einstellung von Justiz, Medien und Politik gegenüber NS-Verbrechen in Richtung größere Sensibilität und Seriosität verändert hat.

    Abbildung 29. 1936 noch ein fröhliches Kind in Alsterdorf -Irma Sperling, 1943/44 deportiert und ermordet.

    Foto  von Irma Sperling auf dem Spielplatz. Eine Frau und ein Kind
sitzen mit ihr an einem Tisch und sind ins Spiel vertieft. Links sitzen
vier weitere Kinder am Rand eines Sandkastens.

    Presseauswahl: profil Nr. 16, 15. April 2002

    Abbildung 30. Originales Schriftstück Teil 1:

    Foto des originalen Zeitungsartikel

    Abbildung 31. Originales Schriftstück Teil 2:

    Foto des originalen Zeitungsartikel

    Inhalt:

    Der letzte Akt – NS-Opfer. Am 28. April werden die Kinder vom „Spiegelgrund“ symbolisch beerdigt. 600 Urnen sind bereits in aller Stille beigesetzt worden. (von Marianne Enigi)

    Ein Morgen am Wiener Zentralfriedhof, kurz nach Öffnung der großen Tore um acht Uhr. Menschenleere. Die Männer der Bestattung tun, was sie so tun, bevor die Arbeit beginnt. Rauchen noch eine Zigarette, schnippen den Rest über die niedrige Hecke, unterhalten sich. Dennoch ist ihre Arbeit an diesem Mittwoch der Vorwoche anders als sonst. Vor ihnen stehen Kisten aus dünnem Holz, gefüllt mit dunkelgrauen Urnen.

    Mehr als sechshundert Urnen.

    Zu erledigen ist die größte Beerdigung in Wien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Beerdigung von Opfern des Nationalsozialismus. Ein Ritus, sie zu verabschieden, ist nicht vorgesehen, gekommen sind Familien zweier Opfer. Somit fällt allein den Bestattern jene Aufgabe zu, die ansonsten Trauergäste und Religionsvertreter innehaben: dem finalen Akt ein wenig Würde zu geben.

    Angespannt senken sie eine Kiste nach der anderen in die Grabstellen. Würde eine stürzen, könnten die Deckel der Urne aufspringen und den Inhalt freigeben. Gehirne und Markstränge, dazu zehntausende Gehirnschnitte in Paraffin. Die Urnen sind nicht versiegelt, da die Aschekapseln versiegelt sind, die sie üblicherweise enthalten. Im Grab werden die Kisten zugenagelt, es geht rasch. Nach vierzig Minuten ist alles vorbei.

    Drei Urnen in einer kleinen Kiste bleiben.

    Eine wird beigesetzt, wenn Familien der Opfer der nationalsozialistischen Mordwut sich von den Kindern verabschieden, die in der NS-Zeit als Patienten am Wiener „Spiegelgrund“ ermordet wurden. Dem Wunsch der Angehörigen entsprechend findet die ökumenische Zeremonie ohne Öffentlichkeit statt.

    Die beiden letzten Urnen werden im offiziellen Trauerakt am Sonntag, dem 28. April, bestattet werden. Dann werden Österreichs Bundespräsident und Wiens Bürgermeister an der Grabstelle stehen. Es ist eine „symbolische Beisetzung“, so der Bürgermeister in einem Brief an Institutionen und Angehörige in dem er hervorhebt, dass die Stadt Wein die Grabstelle ehrenhalber gewidmet hat.

    Journalisten von „New York Times“, BBC, „sogar aus Argentinien und Australien“ haben sich angesagt. So die Agentur, die mit Begräbnisorganisation und Pressebetreuung beauftragt worden ist. Vorgabe war, die offizielle Feierlichkeit mit Reden in eineinhalb Stunden abzuwickeln.

    Das Ausharren während der Versenkung aller Urnen, die direkte Konfrontation mit dem Tod, so vieler, war da nicht unterzubringen. Zu bedrückende Bilder aus Wien.

    Die Namen der Toten werden dann über ein Endlostonband präsent sein, es soll eine stimmungsvolle Zeremonie sein. Beinahe sechzig Jahre lang sind die Leichen im Keller gelegen.[6]

    Medizin ohne Menschlichkeit.

    Es war auch ein Akt der Diskretion den Vergessenen gegenüber, sie ohne die nun angesagte Weltöffentlichkeit zu begraben. Und es war ein Akt höchster Diskretion der Stadt und ihrem Verschweigen und Vergessen gegenüber.

    Nicht aus Vergessen, sondern erneut an der Arbeit ging einer der NS-Ärzte, der ab den fünfziger Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt wieder Karriere gemacht hat; der heute 86-jährige Heinrich Gross, dessen Prozess wegen Beteiligung am neunfachen NS-Mord im Jahr 2000 eröffnet und wegen Verhandlungsunfähigkeit abgebrochen wurde. Für ihn wurden die in Formalin gelagerten Gehirne und Markstränge der NS-Opfer zum „größten Material…soweit dies an Hand der Weltliteratur geschätzt werden kann.“ Er zerstückelte und verwertete es, bekam dafür ein öffentlich finanziertes Hirnforschungsinstitut der Boltzmann-Gesellschaft – und verfasste bis 1978 darüber mit prominenten Autoren wie Hans Hoff und dem früheren Rektor der Universität Wien, Hans Seitlberger, 36 Arbeiten. Die Todesursache der Kinder wurde in keiner erwähnt. Heuer wurde ein Verfahren eröffnet, ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse abzuerkennen.

    Unendliche Geschichte.

    Die Suche nach den Leichenteilen brachte immer neue Funde zutage. Einmal gab es die so genannten Feuchtpräparate in fomalingefüllten Gläsern. Sie befanden sich seit 1989 in einem „Gedenkraum“ genannten Keller der Spitalsprosektur. Gross hatte damals aus seiner 2000 Gehirne umfassenden Sammlung hunderte als „Musealpräparate“ ausgesondert. Alle anderen Gehirne wurden vernichtet. Vor wenigen Jahren stieß ein Senatsprojekt der Universität Wien im Ludwig-Boltzmann-Institut für Neurobiologie, das sich ebenfalls auf dem Gelände des Otto-Wagner-Spitals befindet, auf histologische und Paraffin-Schnitte der Gehirne. Mit der weiteren Suche war der junge Zeithistoriker Herwig Czech beauftragt. Nach dem Institutsleiter Kurt Jellinger sich geweigert hatte, selbst Auskunft zu geben, kam von einem Spitalangestellten der vertrauliche Hinweis – auf dem Dachboden fand man den Rest: Tausende Paraffinklötze und –schnitte von Gehirnen steckten in Papiersackerln, jene vom „Spiegelgrund“ waren mit den Namen und der Kennzahl 1 beschriftet[7].

    So kommt es, dass manche Kinder nun innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal beerdigt werden müssen. In Wien sind vier jüdische Opfer bereits bestattet worden, von denen jetzt noch einmal Gehirnteile gefunden wurden; in Hamburg wurden 1996 zehn Urnen in Wien getöteter Kinder bestattet – jetzt wurden von ihnen und weiteren Opfern aus Deutschland Gehirnteile entdeckt. Anje Kosemund, die zur zweiten Beisetzung ihrer Schwester Irma nach Wien kommt: „Es bricht alles wieder auf. Jahrelang habe ich um die Überführung kämpfen müssen, jetzt muss ich damit fertig werden, dass es nicht alles war.“

    In deutschen Städten wurde die Suche nach Angehörigen systematisch geführt, in Österreich nicht. Zwanzig Familien fanden selbst heraus, dass Verwandte von ihnen „Spiegelgrund“ –Opfer waren. Manche ahnten seit langem, was hinter den Schuldgefühlen in ihrer Familiengeschichte verborgen war und forschten nach. Walter Zehetner, Leiter des Finanzamtes in Baden bei Wien, fand die Sterbeurkunde seines knapp eineinhalb Jahre alt gewordenen Bruders Gerhard erst nach dem Tod der Mutter vor vier Jahren. Aus Berichten waren ihm die Vorgänge „Am Spiegelgrund“ bekannt gewesen. Nun sah er, dass sein Bruder vor Weihnachten 1942 dort gestorben war, fragte nach, bekam Krankengeschichte und die Gewissheit, dass es noch ein „Präparat“ des Buben gab. Dr. G. (Gross, Anm.) hatte das Kind als „wahrscheinlich idiotisch“ diagnostiziert. Die Mutter hatte ihren Sohn zweimal vom „Spiegelgrund“ nach Hause geholt. Warum sie ihn wieder zurückbrachte, zurückbringen musste, bleibt ihr Geheimnis. Wie sie um ihn trauerte, zeigte sie nur, wenn sie an seinem Todestag jedes Jahr eine Kerze anzündete, und darin, wie sie sich an ein Foto „Zur Erinnerung an Gerli“ und eine Haarlocke des Kindes klammerte.

    Die Urne mit seinem Namen ist eine der beiden, die für den symbolischen Akt bereitstehen.

    Presseauswahl: diepressecom, 27.04.2002

    Abbildung 32. Originales Schriftstück:

    Foto des originalen Zeitungsartikel

    Inhalt:

    Wagner-Spital : Hunderte neue Präparate von NS-Opfern entdeckt (von Norbert Rief)

    Am Sonntag soll mit der Beerdigung der NS-Opfer vom Spiegelgrund ein dunkles Kapitel der Vergangenheit abgeschlossen werden. Doch nun tut sich ein neues auf: Im Otto-Wagner-Spiral wurden Hunderte Präparate von Psychiatrie-Patienten gefunden, die ebenfalls von den Nazis getötet wurden.

    WIEN. Sie schnaufen schwer, die Mitarbeiter der Bestattung Wien. Auf dem Zentralfriedhof im Bereich der Gruppe 40 (Opfer des Nationalsozialismus) stehen mehr als ein Dutzend große, schwarze Kisten. In jeder der Kisten sind in drei Reihen 45 Urnen untergebracht -insgesamt 597. Es sind die sternblichen Überreste der Kinder, die während der NS-Zeit in der Wiener Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" (beim jetzigen Otto-Wagner-Spital) getötet wurden: .Mikroskopische Gewebeschnitte, Gehirne, Teile von Gehirnen -jene Zehntausenden Präparate, die iahrzehntelang etwa im Ludwig-BoItzmann-Institut lagen.

    Die Bestattung der 597 Kinder - im Durchschnitt waren sie gerade einmal sechs Jahre alt- fand vor zwei Wochen statt. Am Sonntag werden bei einem Festakt (14 Uhr auf dem Wiener Zentralfriedhof) zwei weitere Kinder bestattet: Der 18 Monate alte Gerherd Zehetner und die vierjährige Annemarie Tanner. Auch sie mußten in der NS-Zeit sterben, weil sie "lebensunwertes Leben“ waren: Kinder, die psychisch behindert waren. „Idiotie“, lautete die Diagnose, die von der Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ an den „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb-und anlagebedingter schwerer Leiden“ nach Berlin gemeldet wurde. Ein sicheres Todesurteil.

    Der Festakt am Sonntag ist ein vorläufiger Schlußpunkt unter eines der vielen dunklen Kapitel der Vergangenheit. Der Mediziner Werner Vogt hatte den Fall 1979 ins Rollen gebracht, als er den angesehenen Psychiater Heinrich Gross schwer beschuldigte: Gross sei mitverantwortlich für die Tötung von 800 Kindern Am Spiegelgrund durch Medikamente, Nahrungsentzug oder wissenschaftliche Experimente gewesen. Es dauerte Jahre, bevor 2000 ein Gerichtsverfahren wegen Mordes gegen Gross eingeleitet und später wegen Verhandlungsunfähigkeit des 86jährigen wieder abgebrochen wurde. Aber das Thema wurde diskutiert und aufgearbeitet. Eine Arbeitsgruppe der Stadt beschäftigte sich mit den Kindertötungen. Ein Ergebnis ist nicht nur die öffentliche Trauerfeier, beim Otto-Wagner-Spital wird auch eine Gedenk-und Forschungsstätte eingerichtet, ein Mahnmal vor dem Jugendstiltheater soll an die Vorgänge während der NS-Zeit erinnern.

    Doch kaum glaubt man, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben, tut sich auch schon ein neues auf. Ein engagierter Mitarbeiter des jetzigen Otto-Wagner-Spitals hat Tausende Präparate der Pathologie durchgearbeitet und dabei eine schreckliche Entdeckung gemacht;

    Etwa 1000 bis 1500 Präparate, die noch in den Lagern der Prosektur liegen, dürfen von Patienten der „Heil-und Pflegeanstalt Am Steinhof“ stammen, die zwischen 1938 und 1945 der sogenannten „wilden Euthanasie“ zum Opfer fielen.

    Etwa 100 Personen konnten bisher namentlich erfaßt werden. Es wird geschätzt, daß von jedem der Psychiatrie-Patienten 50 Hirnschnitte gemacht wurden. Wo die restlichen 3500 bis 4000 Präparate sind, kann man nur mutmaßen: Wahrscheinlich im Archiv des Ludwig-Bolzmann-Instituts, das auch über Tausende Präparate der Spiegelgrund-Opfer verfügte (Gross war Leiter des „Instituts zur Erforschung zerebraler Mißbildungen“). Warum man die Entdeckung erst jetzt gemacht hat? Nach der Affäre Gross sei alles von der Aufklärung der Spiegelgrund-Zeit überlagert gewesen, 30.000 Präparate mußten durchsucht werden, um sie den getöteten Kindern zuordnen zu können.

    An der „Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof“ kamen 4300 Menschen ums Leben (3200 weitere wurden in 15 Transporten in Gaskammern getötet), schreibt Peter Schwarz, Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, in einer Arbeit unter dem Titel „Mord durch Hunger“. Die „wilde Euthanasie“ am Steinhof, so Schwarz, war „die Weiterführung des Massenmordes an geistig und körperlich Behinderten mit anderen Mitteln“: Man ließ die Patienten verhungern oder verlegte sie in die Pavillons 19 und 22 – „Infektionsabteilung Männer“. Die Todesursache war daher in vielen Fällen Tuberkulose oder Lungenentzündung.

    Laut den Untersuchungen von Schwarz betrug 1945 die Sterblichkeitsrate am Steinhof 42,76 Prozent. Der systematischen Tötung ging, wie bei den Kindern am Spiegelgrund, oft die Diagnose „Idiotie“ voran.

    „Stiehlt ein Stück Brot“

    Die Krankengeschichten und Briefe der Pfleglinge, die entdeckt wurden, beschreiben das Leiden besser als Zahlen: „Betteln um Essen“, steht da. Oder: „Stiehlt dem Nachbar sein Stück Brot.“ Ein 16jähriger schrieb: „Wir kriegen nur eine Schnitte Brot und ein bißchen Kaffee. Liebe Mutter, wir werde nie satt gemacht.“

    Auch in diesem Fall wollte das neu erstandene Österreich nicht an seine schreckliche Vergangenheit erinnert werden. Am 18. Oktober 1971 wurden auf der Baumgartner Höhe 1157 Personalakten verbrannt.

    Das Kapitel Spiegelgrund hat man aufgearbeitet, jetzt wartet das Kapitel Steinhof. Den Überlebenden und den Angehörigen bleibt nur der Gang in die Tempelgasse in der Leopoldstadt: Dort betreut der psychosoziale Dienst „Esra“ Überlebende der NS-Zeit. Eine der Spätfolgen, mit denen die Ärzte konfrontiert sind: Das Schuldgefühl, den Horror überlebt zu haben.

    Presseauswahl: taz-hamburg, 14.12.2001

    Da Gedächtnis der Opfer

    Hirnpräparate von Hamburger Euthanasie-Toten auf einem Dachboden vom Wiener Institut wieder aufgetaucht

    Die Gehirnschnitte sind mit Parafin chemisch präpariert oder zwischen zwei Glasplatten konserviert. Über 10.000 Hirnpräparate von Euthanasieopfern haben MitarbeiterInnen des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands auf dem Dachboden des Ludwig-Boltzmann-Instituts Wien gefunden. Darunter auch Gehirnschnitte von Irma Sperling, die zusammen mit weiteren 14 Mädchen der Hamburger „Alsterdorfer Anstalten“ 1943/44 in der Kinderfachabteilung des Wiener Klinikums „Spiegelhof“ nach medizinischen Experimenten starb. Die Leichen wurden obduziert, die Gehirne von den NationalsozialistInnen präpariert.

    „Es ist unglaublich", betont Irmas Schwester Antje Kosemund, "wir dachten. alle verfügbaren sterbliche Überreste beigesetzt zu haben". Denn nachdem Kosemund per Zufall bei einem Besuch 1994 in Tirol von den Präparaten in der Gehirnkammer des Klinikum erfuhr, stritt sie, unterstützt durch Michael Wunder von der „Stiftung Alsterdorf", mit der österreichischen Klinik jahrelang um die Herausgabe der Gehirne. Bei einer Gedenkveranstaltung für die insgesamt 508 Euthanasieopfer der Hamburger Einrichtung wurden dann 1996 alle noch vorhandenen sterblichen Überreste von lrma und weiteren neun Mädchen auf dem Ehrenfeld der Geschwister Scholl beigesetzt.

    So glaubten zumindest die Betroffenen. Tatsächlich jedoch wurde an den Präparaten offenbar weitergearbeitet. „Jahrzehntelang dienten die Gehirne der Opfer so manchem der früheren Täter als Forschungsmaterial" erklärt Kosemund. Vor allem der Wiener Psychiater Heinrich Gross, der als Oberarzt der Kinderfachabteilung unmittelbar an der Tötung beteilig war, forschte auch nach 1945 an den Gehirnpräparaten und machte sieh damit einen Namen in der Fachwelt.

    „Dass die verloren geglaubten Hirnpräparate gefunden wurden, ist erfreulich" sagt Wunder, der seit Jahren nach den sterblichen Überresten sucht. Von allen Mädchen wären ganze Serien von Präparaten vorhanden. „Ungeheuerlich ist jedoch das Ausmaß des mörderischen Forschungsdrangs", sagt Wunder. Was ihn jedoch doppelt empört, ist der Umstand, „dass über Jahre dieser Bestand von der Leitung des Boltzmann-Instituts geleugnet und Grods bis heute gedeckt wurde". Bis 1981 hatte Gross die Instituts Dependance im Steinhof geleitet, bevor sie in die Institutszentrale in der Klinik Wien-Lainz aufgenommen wurde. Der Leiter der Klinik, Karl Jellinger, hatte immer wieder bestritten, das die Präparate von Euthanasieopfern stammen.

    Am 28. April des kommenden Jahre beabsichtigt die Stadt Wien alle aufgefunden Präparate feierlich beizusetzen.

    Andreas Speit

    Presseauswahl: taz-hamburg, 24.04.2002

    Abbildung 33. Originales Schriftstück

    Foto des originalen Zeitungsartikel

    Inhalt:

    Gegen das Verheimlichen – Hamburger Euthanasie-Opfer wird heute symbolisch in Wien beigesetzt (von Andreas Speit)

    Irma Sperling wird bereits zum dritten Mal begraben. 1944 verscharrt in einem Massengrab in Wien. 1996 feierlich beigesetzt in Hamburg wird sie heute erneut würdig in der österreichischen Hauptstadt beerdigt. Nach über 58 Jahren wird die Urne des Euthanasie-Opfers aus Hamburg symbolisch für die in den letzten Jahren aufgefundenen Überreste von 791 Opfern der Medizin im Nationalsozialismus auf dem Zentralfriedhof bestattet. „Hoffentlich setzten wir nun wirklich alle sterblichen Überreste von Irma bei“, betont Irmas Schwester Antje Kosemund. Zusammen mit weitern Angehörigen der Hamburger Opfer nimmt sie als Gast der Stadt Wien an der „Ökumenischen Gedenkfeier“ teil.

    Schon im Mai 1996 hatten Betroffene aus der Hansestadt geglaubt, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für die Hamburger Euthanasie-Opfer die noch vorhandenen sterblichen Überreste auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt zu haben.

    Am 16. August 1943 waren Irma und weitere 227 Mädchen und Frauen von den Alterdorfer Anstalten zur Wiener Klinik „Am Steinhof“ deportiert worden. Knapp fünf Monate später starb die 14-jährige nach „medizinischen Experimenten im Dienste der Wissenschaft“ in der Kinderfachabteilung des Wiener Klinikums. Die Leichen wurden obduziert und die Gehirne präpariert.

    Erst 1994 erfuhr Kosemund per Zufall, dass sterbliche Überreste ihrer älteren Schwester noch in der „Gehirnkammer“ des Psychiatrischen Krankenhauses „Baumgartner Höhe“ aufbewahrt werden. Unterstützt durch Michael Wunder von der „Stiftung Alsterdorf“ erstritt sie in den folgenden Jahren die Herausgabe der Gehirne der Hamburger Opfer. Jahrelang hielt die Stadt Wien, vor allem das Gesundheits- und Spitalamt, eine Freigabe und Beisetzung der sterblichen Überreste nicht für nötig. Erst in den letzten Jahren zweigten die Verantwortlichen Verständnis. Umso größer die Enttäuschung, als Kosemund im November 2001 die Nachricht erhielt, dass über 10. 000 Hirnpräparate von Euthanasie-Opfern im Wiener „Ludwig-Boltzmann-Institut“ aufbewahrt und für weitere Forschungszwecke missbraucht wurden. Unter den mit Paraffin konservierten Gehirnscheiben fanden sich erneut auch sterbliche Überreste von Irma. „Ich wollte es nicht glauben“, erzählt Kosemund, „mal wieder hat man uns belogen.“ So leugnete auch jahrzehntelang der Nachfolger des NS-Mediziners Heinrich Gross, Institutsdirektor Karl Jellinger, die Existenz des „pathologischen Materials“.

    Die Missachtung der Angehörigen, das Verheimlichen und Vertrösten will Dr. Karin Mosse von der Gesundheitsplanung der Stadt Wien und Beauftragte des Projekts „Opfer des Spiegelgrund“ nicht beschönigen. „Wir sind uns des unwürdigen Umgangs mit den Opfern und ihren Angehörigen sehr bewusst.“ Auch deshalb wird heute für die Angehörigen eine Gedenkfeier stattfinden und am 28. April die Stadt Wien einen öffentlichen „Feierlichen Trauerakt“ durchführen.

    Quelle

    Herausgeberin: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Land Hamburg

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 18.12.2015



    [5] Gross´ Antworten wurden von dem ins Englisch übertragenen Text ins Deutsche rückübersetzt.

    [6] Auf den Steintafeln der Grabstelle wurden die Namen von 789 Kindern eingraviert, die zwischen Juli 1940 und Kriegsende am so genannten „Spiegelgrund“ der Wiener städtischen Heil-und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ verstorben sind; bestattet wurden nun die sterblichen Überreste von 600 Kindern; fünf von ihnen waren mosaischen Glaubens und werden im jüdischen Teil des Friedhofes beerdigt; ein moslemisches Opfer wurde eigen bestattet; eine Urne nach Klagenfurt überführt. Wegen ihrer Größe mussten die Leichenteile von 14 Kindern in je zwei Urnen gebettet werden; eine Urne enthält anonyme Überreste.

    [7] Gefunden wurden auch Gehirnschnitte dutzender Erwachsener. Vom Steinhof wurden 3200 Patienten in die Vernichtungsanstalt Hartheim gebracht und dort vergast. Weitere 3500 Patienten starben an Hunger und unterlassener Versorgung als Opfer der „wilden“ Euthanasie.

    zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation