„Ich bin eine Emanze, ich bin eine Frau, ich bin das gern.“

Politisches Engagement von Frauen mit Behinderungen in Wien

AutorIn: Svenja Killius
Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Bachelorarbeit
Releaseinfo: Bachelorarbeit; Eingereicht bei Dr. Jeremias Stadlmair BA MA; Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien.
Copyright: © Svenja Killius 2017

1) Ausgangslage

Die neue schwarz-blaue Bundesregierung in Österreich bestehend aus konservativer ÖVP und rechtspopulistischer bis teilweise rechtsextremer FPÖ stellt jene Bevölkerungsgruppen, die von Diskriminierung betroffen sind, vor neue Herausforderungen. Noch kurz vor der Wahl 2017 wurde im österreichischen Parlament noch einstimmig die Einführung des neuen Erwachsenenschutzgesetzes beschlossen, das weitreichende Veränderungen für Menschen mit Behinderungen mit sich bringen sollte. Doch mit der Begründung mangelnder Finanzierbarkeit hatte die neue Bundesregierung zwischenzeitlich im Februar 2018 angekündigt das Projekt um weitere zwei Jahre zu verschieben.

Das Engagement zahlreicher Verbände von und für Menschen mit Behinderungen hat nun durch die Organisierung eines breiten Protests dazu geführt, dass die Regierung das Gesetz doch bald verabschieden wird. Die Finanzierung konnte plötzlich doch noch sichergestellt werden.

Die Entwicklung des Erwachsenenschutzgesetzes zeigt: Widerstand und Protest lohnt sich. Menschen mit Behinderungen werden in Policy-Prozesse inkludiert, ob das institutionalisiert passiert wie zum Beispiel bei der konkreten Ausarbeitung des Gesetzes, oder über aktive demokratische Beteiligung auf der Straße (Faisst 2018).

Am Beispiel des Politikfeldes Behinderung kann nach Ursula Naue (2006) gut untersucht werden, wie sich Formen des Regierens verändern und unter Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Akteur_innen ein Wandel von Government hin zu Governance stattfindet. Die Partizipationsmöglichkeiten für politische Akteur_innen weiten sich aus und schaffen neue Möglichkeiten der Politikgestaltung.

Für Ursula Naue hat das Thema „Behinderung“ eine dezidiert politikwissenschaftliche Relevanz. Das bisher soziologisch (und vor allem pädagogisch) dominierte Feld muss auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive analysiert werden, um die politische Bedeutung von Behinderung und einen Wandel im sozi-politischen Umgang mit Menschen mit Behinderungen zu untersuchen (vgl. Naue 2006:18ff).

Das neue Erwachsenenschutzgesetz kommt auch im Besonderen Frauen mit Behinderungen zu Gute. Anders als bisher sollen künftig medizinische Eingriffe nur noch mit Zustimmung der Betroffenen erfolgen und nicht wie bisher allein aufgrund der Zustimmung durch Sachwalter_innen. Den bis zuletzt in Ausnahmefällen praktizierten Zwangssterilisationen wird damit endlich die rechtliche Grundlage entzogen.

Das Beispiel der Zwangssterilisation verdeutlicht in besonderem Maße die politische Tragweite von Intersektionalität: Frauen mit Behinderungen sind in besonderer Weise von Diskriminierung betroffen. Beim Zusammenspiel unterschiedlicher Differenzkategorien verstärken sich Ausgrenzungs- und Abwertungsmechanismen nicht nur gegenseitig, sie wirken interdependent und schaffen sogar neue Diskriminierungsformen (vgl. Köbsell 2010:28ff). Die Praxis der Zwangssterilisation betraf in den letzten 50 Jahren ausschließlich Frauen mit Behinderungen und kann daher weder ausschließlich mit der Kategorie „Frau“ noch mit der Kategorie „Behinderung“ vollständig erfasst werden.

Einige wenige Arbeiten befassen sich mit politischer Interessensgruppen von und für Menschen mit Behinderungen in Österreich (vgl. Joachim Malleier (2011): „Lobbying für Behinderte“ und Ursula Naue (2009): „Österreichische Behindertenpolitik im Kontext nationaler Politik und internationaler Diskurse zu Behinderung“). Theoretische Zugänge zur Verknüpfung von Geschlecht und Behinderung bieten u. A. Köbsell (2010), Windisch (2014) und Raab (2007) an. Auch zu konkreten Lebenssituationen von Frauen mit Behinderungen in Österreich wurde eine Handvoll Artikel und Studien veröffentlicht. Allerdings ist hier zu bemerken, dass sich umfangreichere Studien im Wesentlichen entweder auf Arbeitsmarktintegration oder auf Gewalt konzentrieren und keine Umfassenden Eindrücke zur Lebensrealitäten liefern können (vgl. Eiermann et al. 2000).

Der konkreten Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen in Österreich wurde bisher aber noch keine Arbeit gewidmet. Dies könnte am mangelnden Interesse an und der Aberkennung der Relevanz dieser Thematik liegen. Viel wahrscheinlicher scheint mir aber, dass sowohl das Thema „österreichische Behindertenpolitik“ insgesamt, als auch spezifische Problemkonstellationen bei Frauen mit Behinderungen in Österreich, noch so viele unerforschte Aspekte aufweisen, dass die Forschungslücke in Bezug auf politisches Engagement von Frauen mit Behinderungen nur eine von sehr Vielen ist. Die wenigen forschenden Wissenschaftler_innen im Bereich der Disability Studies können einfach nicht alle großen Fragen gleichzeitig abdecken.

Eine eben dieser Fragen zu beantworten und so einen weiteren Beitrag zu den österreichischen Disability Studies aus politikwissenschaftlicher Perspektive zu leisten, ist Ziel dieser Bachelor-Arbeit: Wie engagieren sich Frauen mit Behinderungen politisch in Wien?

Für die Beantwortung dieser Forschungsfrage ist es wichtig, eine Verbindung zwischen Forschenden und Beforschten herzustellen. „Es ist kaum möglich, sich diverser Problemfelder im Bereich von Behindertenpolitik bewusst zu werden und zu sein, ohne die Ansichten behinderter Menschen einzubeziehen“ (Naue 2006:20)

Partizipative Forschungsansätze wollen Problemstellungen partnerschaftlich und gleichberechtigt erforschen. Dabei geht die Zielsetzung über das reine Verstehen von Wirklichkeit hinaus: Partizipative Forschung hat dezidiert den Anspruch die Wirklichkeit zu verändern.

Bei partizipativer Forschung sollen Beforschte als gleichwertige Co-Forscher_innen mitentscheiden. Und um das zu ermöglichen sollen sie z.B. methodisch geschult werden, um dann entscheiden zu können welche Methode am besten passt. Um eine umfangreiche Beteiligung an Forschungsprozessen zu ermöglichen, müssen Aufwandsentschädigungen bezahlt werden (vgl. Unger 2014:1ff).

Im Rahmen meiner Bachelor-Arbeit ist mir eine solche Einbeziehung leider nicht möglich. Daher lehne ich mich nur in einigen Punkten an die partizipative Forschung an:

  1. Meine Interviewpartnerinnen sind für mich Expertinnen im interessierenden Feld. Ihr Erfahrungswissen wird als vollwertiges Wissen in die Analyse mit einbezogen.

  2. Ich arbeite mit explorativen Expert_innen-Interviews, in denen die Interviewpartner_innen an der Themensetzung im Interview mit wirken. Die Interviews werden induktiv und nah am Text ausgewertet. So sollen die Einstellungen und Zugänge der Interviewten widergespiegelt werden.

  3. Ich möchte mit dieser Arbeit ein kleines Stück dazu beitragen, Lebensbedingungen für Frauen mit Behinderungen zu verbessern. Dafür soll die fertige Arbeit für alle Interessierten online zugänglich gemacht werden.

10. Für die Beantwortung meiner Forschungsfrage werde ich zu Beginn den theoretischen Rahmen und den aktuellen Stand der Forschung skizzieren. Hier wird im Wesentlichen auf politikwissenschaftliche Geschlechterforschungsperspektiven, Modelle von Behinderung und Theorien der Intersektionalität, sowie relevante veröffentlichte Forschungsergebnisse eingegangen. Als nächstes wird die Forschungsmethode vorgestellt: Es werden zwei Fallstudien gemacht, wobei die Erhebungsmethode das Explorative Interview und die Auswertungsmethode die Qualitative Inhaltsanalyse mit induktiver Kategorienbildung sein werden. Im Anschluss werden die zentralen Ergebnisse der Auswertung präsentiert und diese mit Einbezug des theoretischen Hintergrunds analysiert. Die Arbeit wird mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick abgeschlossen.

2) Theoretischer Rahmen

Meiner Arbeit liegt ein geschlechterkritischer, politikwissenschaftlicher Ansatz zugrunde. Behinderung begreife ich als soziales, kulturelles Phänomen, wobei ich das phänomenologische Modell von Markus Dederich (2012) für besonders gewinnbringend für meine Forschungsfrage halte.

2.1) Politikwissenschaftliche Geschlechterforschungsperspektive; Politikverständnis – aktuelle Zugänge

Was bedeutet ein geschlechterkritischer Ansatz in der Politikwissenschaft? Einerseits ist es wichtig, androzentrische Annahmen der Schlüsselbegriffe der Politikwissenschaft zu dekonstruieren und diese andererseits mit dem Wissen um Geschlechterdifferenz anzureichern und so zu rekonstruieren. Mit Sauer und Rosenberger meint „Engendering“ der politikwissenschaftlichen Konzepte, „das Wissen um Unterschiede und Ungleichheiten in politischen Institutionen, Prozessen und Handlungen konstitutiv (...) zu integrieren“ (Rosenberger/Sauer 2004:13). Es geht dabei um eine übergreifende kritische politikwissenschaftliche Perspektive, in deren Zentrum u.a. die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Geschlecht als politikwissenschaftliche Kategorie und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Politikbegriffen steht (vgl. Rosenberger/Sauer 2004:13ff).

Im Folgenden werden einige wesentliche geschlechterkritische Konzepte skizziert.

Ein grundlegender Begriff in der Politikwissenschaft ist der Staat. Aktuelle feministische Debatten gehen nicht mehr davon aus, dass Staatlichkeit mit männlicher Herrschaft gleichzusetzen ist. Birgit Sauer folgt dem von Poulantzas (2002) eingeführten Bild vom Staat „als die Verdichtung von sozialen Widersprüchen, auch des Geschlechterwiderspruchs“ (Sauer 2004:120). Staat wird als menschliche Praxis verstanden, die mittels Hegemonie gestützt wird. Die Zivilgesellschaft spielt eine tragende Rolle: Hier aktualisieren sich (geschlechtsspezifische) Herrschaftsverhältnisse und finden dann Eingang in staatliche Strukturen (vgl. Sauer 2004:122).

Sauer betont die Pluralität von herrschaftsförmigen Differenzen: Sie erwähnt hier Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion und Ethnizität, bezieht aber zum Beispiel die Kategorie Behinderung/ Nicht-Behinderung nicht mit ein. Dies ist vermutlich einerseits der Unmöglichkeit, alle (wichtigen) Differenzkategorien zu berücksichtigen geschuldet, anderseits spiegelt es aber auch die marginalisierte Rolle von Behinderung in der deutschsprachigen feministischen Politikwissenschaft wider.

Das Konzept der Staatsbürger_innenschaft umfasst einerseits die Kategorien Inklusion/ Exklusion und andererseits Partizipation. Inklusion stellt in Abgrenzung zu einem konstitutiven Außen ein „Wir“ her, wobei die Individuen dieses Kollektivs Zugang zu gewissen Rechten genießen. Der Begriff der Partizipation zielt auf eine aktive Politikgestaltung ab. Im Zentrum steht hier die Selbstregierung der Staatsbürger_innen. Mit dem Theoriekonzept der „starken Demokratie“, das Benjamin Barber 1984 in den USA einführte, wird zwischen zwei Arten von Partizipation unterschieden. Konventionelle Partizipation bezieht sich dabei auf Wahlen, Parteien oder Regierungen, also auf institutionalisierte Ebenen. Unkonventionelle Partizipation schließt auch politisches Engagement von Bürger_innen mit ein, wie zum Beispiel Demonstrationen, Aktionen oder Gruppenbildungen. Holland-Cunz skizziert grundlegende feministische Demokratietheorien, wobei allen feministischen Konzeptionen ein kritischer Blick auf Bedingungen gleicher Teilhabe und Anerkennung als Staatsbürger_innen gemeinsam ist (vgl. Holland-Cunz 2004:132ff).

Feministische Theorien kritisieren die Trennung zwischen Öffentlichkeit, Privatheit und den damit verbundenen Politikverständnissen. Aus feministischer Perspektive gibt es nicht eine Öffentlichkeit, sondern vielmehr konkurrierende Öffentlichkeiten bzw. eine pluralisierte Öffentlichkeit. Öffentlichkeit ist ressourcenabhängig (vgl. Lang 2004:78). „Neben den Ressourcen Bildung und Geld sind Zeit und Zugang zu Netzwerken die wohl wichtigsten Komponenten für die Beteiligung an politischen Öffentlichkeiten“ (Lang 2004:78).

Definitionen von Politik und Öffentlichkeit können in drei Gegensatzpaare unterteilt werden: gouvernmentale oder emanzipatorische Politikbegriffe, deskriptive oder normative Politikbegriffe und konfliktorientierte oder konsensorientierte Politikbegriffe.

Gouvernmentale Politikbegriffe beziehen sich auf institutionalisierte Politik, also Regierungen, Parlamente, Parteien sowie Verbände und Lobbyorganisationen. In Abgrenzung dazu verstehen emanzipatorische Politikbegriffe Politik als „gesellschaftliches Handeln im Sinne eines emanzipatorischen Engagements zugunsten von Ausgeschlossenen oder Marginalisierten“ (Lang 2004:69). Es geht also um den Einsatz von Bürger_innen, um selbst ernannte Ziele zu verfolgen. Feministische Politikwissenschaft arbeitet in der Regel mit einem emanzipatorischen Politikverständnis (vgl. Lang 2004:69).

Ein deskriptiver Politikbegriff orientiert sich an empirischen Fakten und positivistischen Methoden. In Bezugnahme auf normative Politikbegriffe versucht feministische Politikwissenschaft hingegen auch Wertorientierungen einzubeziehen (vgl. Lang 2004:70).

Mit dem dritten Gegensatzpaar stehen sich konfliktorientierte und konsensuale Vorstellungen von Politik gegenüber, wobei in der feministisch-politikwissenschaftlichen Tradition beide Debatten miteinbezogen werden (vgl. Lang 2004:71).

Ute Behning beschäftigt sich u.a. mit feministisch-politikwissenschaftlichen Perspektiven auf die Care-Debatte. Kritisiert wird, dass unbezahlte Betreuungsarbeit vorrangig von Frauen übernommen wird. Behning berücksichtigt in ihrem Beitrag Frauen mit Behinderungen nicht, obwohl sie in doppelter Weise von der Care-Debatte betroffen sind: als Betreuende und als Betreute (vgl. Behning 2004:205).

Auch Identität und Interesse sind wichtige Schlüsselbegriffe sozialwissenschaftlicher Forschung.

Identität rahmt Sinn und trägt so dazu bei, dass sich Menschen mit politischen Zielen identifizieren. Identitätspolitiken sind eng verknüpft mit Inklusions- und Exklusionseffekten. Kollektive Identitäten basieren u.a. auf gemeinsam erlebten Bedrohungen oder Diskriminierungen (vgl. Rosenberger 2004:175).

Feministische Ansätze zu Interesse befassen sich mit Geschlechtsidentität und Interessen von Frauen, wobei es unterschiedliche Konzeptionen hinsichtlich der Gemeinsamkeiten und Grenzziehungen gibt (vgl. Rosenberger 2004:177). Reflektiert wird dabei, inwiefern Frauen eine gemeinsame Identität und damit gemeinsame Interessen unterstellt werden kann.

Die oben vorgestellten Begriffe und Konzepte geben Bezugspunkte für ein geschlechterkritisches Politikverständnis vor. Diese Bezugspunkte sind auch bedeutsam für die Frage nach politischem Engagement von Frauen mit Behinderungen. Dabei sind ein Staatsverständnis, bei dem die Zivilgesellschaft eine tragende Rolle spielt und der Blick auf unkonventionelle Partizipationsformen ebenso bedeutsam wie die Problematisierung der Trennung der Sphären Öffentlichkeit und Privatheit. Auch die Auseinandersetzung mit Interesse und Identität ist hierbei von zentraler Bedeutung.

Geschlecht ist ein wichtiger Teil der Identität von Menschen. „Doch so wichtig das Geschlecht für die Identität des Menschen ist: Liegt eine Beeinträchtigung vor, wird das Merkmal ‚behindert’ so dominant, dass Geschlecht oftmals kaum oder keine Berücksichtigung findet“ (Köbsell 2010, S.20).

Die Differenzkategorie Behinderung wird in den vorgestellten Ansätzen allerdings (weitgehend) ausgeblendet.

Um die Konzepte für meine Forschungsfrage nutzbar zu machen, müssen Erkenntnisse und Theorien der Disability Studies über Behinderung miteinbezogen werden.

2.2) Modelle von Behinderung

Behinderung kann sehr unterschiedlich konzeptualisiert werden.

Der medizinische Diskurs, der auf den Körper der behinderten Person abzielt, ist trotz Bemühungen von Menschen mit Behinderungen und sozialwissenschaftlichen Arbeiten weiter vorherrschend (vgl. Naue 2008). Warum ist der medizinische Blick auf den Körper und Behinderung vorherrschend? Die ersten relevanten österreichischen Gesetze zu Behinderung bezogen sich auf Kriegsinvalide, welche durch finanzielle Unterstützung wieder in die Gesellschaft integriert werden sollten. „Menschen, die mit einer Behinderung geboren wurden, fielen anfangs aus der Gruppe derer heraus, die Ansprüche stellen konnten, und der Kreis der Anspruchsberechtigten erweiterte sich erst im Laufe der Zeit“ (Naue 2009:279). Im Nationalsozialismus wurden Menschen, die mit Behinderungen geboren wurden, in ihren Lebensrechten eingeschränkt, verfolgt und bedroht (vgl. Naue 2009:278f).

Das medizinische Modell fasst Behinderung „als ein medizinisches Problem, als ‚Defekt’ der betroffenen Person“ (Köbsell 2010:18). Dieses Modell wird auch als individuelles Modell bezeichnet, weil im Fokus der Erklärung das betroffene Individuum steht, von dem erwartet wird, sich an die gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen optimal anzupassen. Behinderung und Nicht-Behinderung werden als Gegensatzpaar konstruiert, wobei Behinderung negativ und Nicht-Behinderung positiv bewertet wird. Der Körper wird als Träger einer Behinderung interpretiert, wobei das Geschlecht zunächst keine Rolle spielt (vgl. Köbsell 2010:18).

Das soziale Modell von Behinderung, das in den 1970er Jahren im Wesentlichen von Betroffenen selbst entwickelt wurde, begreift Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion. Behinderung wird hier prozesshaft hergestellt. „Menschen mit bestimmten Merkmalen – Beeinträchtigungen vielfältigster Art – [wird] die gesellschaftliche Teilhabe, Anerkennung und [der] Respekt [vorenthalten, welche] Menschen ohne Beeinträchtigung selbstverständlich zustehen“ (Köbsell 2010:18f). Das soziale Modell unterscheidet in Beeinträchtigung (Impairment) und Behinderung (Disability). In dieser Sichtweise ist die funktionale Einschränkung im Kontext von körperlichen oder geistigen Schädigungen gegeben und bildet die Grundlage für Behinderung, was die beschränkten Möglichkeiten der gleichberechtigten Teilhabe meint (vgl. Köbsell 2010:19).

In den Disability Studies wurde zuerst in Großbritannien breite Kritik am sozialen Modell und der damit einhergehenden Trennung von Beeinträchtigung (Impairment) und Behinderung (Disability) geübt. In Frage gestellt wurde die Konzentration auf ausgrenzende Strukturen bei gleichzeitiger Vernachlässigung der beeinträchtigten Körper, denn auch Beeinträchtigung (Impairment) kann als konstruierte Kategorie begriffen werden (vgl. Köbsell 2010:25).

Beeinträchtigung wird durch Macht und Wissen ebenso wie durch Geschlecht hervorgebracht. Beeinträchtigung (und damit der Körper selbst) hat lange nicht ausreichend Einzug in die Debatte gehalten. Das bedeutet, dass mit dem sozialen Modell „Behinderung entmedikalisiert [wurde], aber gleichzeitig [die] beeinträchtigten Körper dem medizinischen Feld überlassen“ wurden (Köbsell 2010:26).

Markus Dederich schlägt ein phänomenologisches Verständnis von Behinderung vor. Dederich kritisiert das soziale Modell von Behinderung und die damit einhergehende Reproduktion von cartesianischen Dualismen. Durch die Vernachlässigung von Schädigung werden die Dualismen Körper/ Geist und Innen/ Außen gestützt. Dabei dürfen „körperliche Aspekte der Schädigung und Momente der Missachtung oder Unterdrückung“ (Dederich 2012:152) nicht als getrennt verstanden werden. „Unterdrückung und Ausschluss treffen im Leib auf Empfindsamkeit und Sensibilität und werden auf der Grundlage vorgängiger Erfahrungen verarbeitet“ (Dederich 2012:152). Schädigung ist gleichsam gelebte Erfahrung und kulturelle Konstruktion (vgl. Dederich 2012:144).

Nach Dederich ist im sozialen Modell versäumt worden, leibliche Erfahrungen in die Konzeptualisierung von Behinderung einzubeziehen. Er schlägt einen phänomenologischen Zugang vor, der konstruktivistischen Perspektiven stark ähnelt, aber Leiblichkeit als vorgängig vor Sprache betrachtet. Kurz gesagt: Die körperliche Erfahrung wird zuerst gemacht, dann erst kann sie artikuliert werden. Allerdings werden diese Erfahrungen und Empfindungen durch vorgängige symbolische Ordnungen beeinflusst. „Somit kann eine Phänomenologie der Leiblichkeit etwas zur Sprache bringen, was eine zu rigide Fokussierung auf den Diskurs nicht in den Blick bekommt“ (Dederich 2012:150). Mit Susan Wendell (1999) betont Dederich die individuell wahrgenommenen Aspekte von Schädigung, das körperliche Leiden und den Schmerz. Dederich schließt sich Wendell an, die Leiden als menschliche Erfahrung interpretiert und betont, dass Menschen mit Behinderungen über einen großen Wissensschatz verfügen, wie mit diesem Leid umgegangen werden kann (vgl. Dederich 2012:166f).

Dederich sieht aber auch eine grundlegende Problematik bei dieser Herangehensweise: Weil das Verständnis von Behinderung als individuelle Kategorie immer noch weit verbreitet ist und Behinderung als Leiden eine lange Tradition hat, hat die Fokussierung auf Leiden als individuelle Erfahrung auch zweischneidigen Charakter (vgl. Dederich 2012:157). So könnte möglicherweise zum weiteren Fortschreiben des medizinischen Modells von Behinderung beigetragen werden, obwohl dies überhaupt nicht beabsichtigt wird (im Gegenteil).

Der Körper dient als Grundlage für Behinderung und für Geschlecht; diese Kategorien werden in den Körper eingeschrieben. „Der Körper ist […] ein ‚gegendertes’ historisches Konstrukt, dessen Zurichtung gemäß den jeweiligen Anforderungen erfolgt“ (Köbsell 2010:23).

Weiblichkeit und Männlichkeit wird z.B. mittels Bewegungen oder Kleidung inszeniert, ebenso durch Rasieren oder Nicht-Rasieren der Körperbehaarung, Formen des Körpers im Fitnessstudio oder Schönheitschirurgie. Der männliche, gesunde Körper gilt als Norm, während Frauenkörper und beeinträchtigte Körper eine Abweichung darstellen, als minderwertig eingestuft werden und so von der vollständigen gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden (vgl. Köbsell 2010:24). „,Andere’ Körper sind öffentliche Körper: Frauen werden zum Sexualobjekt gemacht, ‚mit Blicken ausgezogen’; behinderte Menschen werden angegafft und mit großer Selbstverständlichkeit danach gefragt, […] was ihnen zugestoßen sei“ (Köbsell 2010:24).

Geschlecht und Behinderung/ Nicht-Behinderung sind gesellschaftliche Konstrukte, die im Alltag ständig hergestellt werden. Männlichkeiten/ Weiblichkeiten und Behinderung/ Nicht- Behinderung sind jeweils hierarchisch angeordnet, aber auch untereinander hierarchisiert (vgl. Köbsell 2010:21).

2.3) Intersektionalität

Mit dem Versuch, das Zusammenwirken von unterschiedlichen Differenzkategorien analytisch fassbar zu machen, beschäftigen sich Ansätze zu Intersektionalität(en).

Das Konzept der Intersektionalität geht über den Ansatz der Mehrfachdiskriminierung hinaus. Unterschiedliche Dimensionen von Diskriminierung wirken nicht einfach additiv, sondern wechselseitig und ineinander verschränkt. So können auch neue Dimensionen von Ungleichheit entstehen. In den deutschsprachigen Disability Studies ist das Konzept von Intersektionalität noch relativ jung. Das Konzept ist mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert, wie zum Beispiel der Frage nach der Übertragbarkeit aus dem englischsprachigen in den deutschsprachigen Raum. Einerseits wird auf die Leere des Diskurses hingewiesen, andererseits auf das über verschiedene Disziplinen hinausgreifende Potential (vgl. Köbsell 2010:28ff).

Im Folgenden werden die wichtigsten theoretischen Konzepte von Intersektionalität nachgezeichnet.

Der feministische Mainstream verfolgte lange Zeit den Anspruch, alle Frauen zu vertreten. Sowohl Women of Color als auch Frauen mit Behinderungen übten Kritik an einem einheitlichen Subjekt „Frau“ und den damit verbundenen Politikentwürfen. Durch die Ausblendung unterschiedlicher Lebensbedingungen und gesellschaftlicher Situierungen wurden Hierarchien zwischen Frauen nicht thematisiert. Die fehlende Auseinandersetzung mit Machtgefällen innerhalb der Gruppe „Frauen“, auch in der politischen Praxis, mündete im Scheitern langfristiger politischer Bündnisse (vgl. Windisch 2014:143f). „Das mag ein Grund dafür sein, dass die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen mit Behinderungen in der Zweiten Frauenbewegung ebenso wenig Platz fanden, wie die Kategorie Geschlecht in den Auseinandersetzungen der Behindertenbewegung“ (Windisch 2014:144).

Ein Versuch, spezielle Diskriminierungsformen von Frauen mit Behinderungen zu thematisieren, ist das Konzept der „Doppelten Diskriminierung“. Nach Windisch bezeichnet der Begriff der „Doppelten Diskriminierung“ nicht lediglich eine Addition unterschiedlicher Benachteiligungen, sondern auch eine Form der Potenzierung, die neue Qualitäten von Benachteiligungen produzieren. Kritik wird vor allem bezüglich der Unklarheit des Begriffs geübt; Bedingungen, Zusammenwirken und Auswirkungen der Diskriminierungsformen bleiben offen.

Intersektionale Perspektiven hingegen legen den Schwerpunkt auf gleichzeitiges Zusammenwirken von Differenzkategorien und Ungleichheiten und den damit verbundenen Wechselwirkungen (vgl. Windisch 2014:145). „Intersectionalities“ bleibt aber ein relativ unbestimmter Begriff, wobei die Vorstellungen davon, was sich womit auf welcher Ebene überschneidet, unterschiedlich sind (vgl. Windisch 2014:147). „Sozialwissenschaftliche Analysen im Zusammenhang mit Intersektionalität stellen tendenziell das individuelle Erleben von sozialen Benachteiligungen in den Vordergrund“ (Windisch 2014:148). Windisch beschreibt wichtige sozialwissenschaftliche Ansätze und theoretische Perspektiven zu Intersektionalität.

2.3.1 Die Überkreuzung von Achsen der Differenz

Kimberlé Crenshaw führte 1989 den Begriff der Intersektionalität ein. Sie war Rechtswissenschaftlerin in den USA und versuchte, Perspektiven der People of Color-Bewegung mit feministischen Zugängen zu verknüpfen. Spezielle Diskriminierungsformen von „schwarzen Frauen“ sind nach Crenshaw weitgehend unsichtbar bzw. unberücksichtigt. Vor allem im Recht zeigt sich, dass die Interessen von „schwarzen Frauen“ marginalisiert wurden. Antidiskriminierungsgesetze beziehen sich lediglich auf eine Achse der Differenz (oder auf die andere Achse), aber nie auf beide. „Einen gewissen Rechtsschutz bieten die Antidiskriminierungsgesetze nur dann, wenn Benachteiligungen – ganz im Sinne eines single-issue-framework – eindeutig auf eine Ursache zurückzuführen sind“ (Windisch 2014:149). Diskriminierungsformen, denen „schwarze Frauen“ ausgesetzt sind, unterscheiden sich aber oft sowohl von denen „schwarzer Männer“ als auch von denen „weißer Frauen“, und werden daher nicht im Recht abgedeckt. Crenshaw verwendet zur Veranschaulichung das Bild der Straßenkreuzung, wo sich unterschiedliche Achsen der Differenz treffen. Kritik am Idee der Achsen der Differenz bezieht sich vor allem auf die Konzeption der Achsen, die vor und nach dem Zusammentreffen unabhängig voneinander existieren und dass der prozesshafte Charakter unberücksichtigt bleibt (vgl. Windisch 2014:149ff).

2.3.2 Interdependente soziale Kategorien

Katharina Walgenbach entwickelt in Abgrenzung zur Metapher der Straßenkreuzung soziale Kategorien als interdependente Kategorien. Sie betont, dass soziale Kategorien nicht homogen sind und lehnt die Konzentration auf einen klar abgegrenzten Inhalt ab. Interdependente soziale Kategorien werden auf unterschiedlichen Ebenen und Feldern reproduziert. Interdependente soziale Kategorien weisen komplexe innere Strukturen auf und sind durch Dynamiken der Veränderung geprägt. „Welche Erkenntnisinteressen in diesem Zusammenhang verfolgt und welche Aspekte als relevant bewertet werden, ist kontextspezifisch und abhängig von den Hintergründen, Entwicklungen, Diskursen und Praxisformen der gesellschaftlichen Bereiche, die im Fokus der Analyse stehen“ (Windisch 2014:151). Für Walgenbach ist es wichtig, sich auf die grundlegenden „Felder der (Re-) Produktion von Dominanzverhältnissen zu konzentrieren, die in den Bereichen Ökonomie, Recht, Politik, Kultur oder Körper verortet sind“ (Windisch 2014:153).

2.3.3 Behinderung als interdependente Kategorie

Heike Raab (2007) greift das Konzept interdependenter Kategorien für die Problematisierung von Behinderung auf. Sie deutet Behinderung als soziokulturelle Praxis, in der soziale Ungleichheit wirksam ist. Behinderung darf nach Raab nicht als homogenisierende Masterkategorie verstanden werden, sondern muss durch ein multiples Konzept erfasst werden. Hierfür schlägt sie vor, sowohl Achsen der Differenz als auch interdependente soziale Kategorien miteinzubeziehen. Raab sieht Behinderung als soziokulturelles Differenzierungsverfahren, bei dessen Analyse ebenso Heteronormativität oder Sexismus berücksichtigt werden müssen. Heteronormativität bedeutet nicht nur eine (hierarchische) Ordnung von Heterosexualität und Homosexualität, sondern (re-)produziert auch Asexualität und Ageschlechtlichkeit. Um die jeweiligen Interdependenzen und Machtmechanismen zu untersuchen fehlt nach Raab noch weitgehend das methodische Werkzeug, weshalb sie neue methodische Konzepte durch transdisziplinäre Kooperationen fordert (vgl. Windisch 2014:153ff).

2.3.4 Mehrebenenanalysen

Nina Degele und Gabriele Winkler führen den Ansatz der Mehrebenenanalyse ein. Im Zentrum stehen Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen, symbolischer Repräsentation und Identität. Diese sind in unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: der Makroebene, der Mesoebene und der Mikroebene. Grundlage bildet dabei die „theoretische Klammer“, die die kapitalistisch strukturierte Gesellschaft mit Dynamiken ökonomischer Profitmaximierung fasst. Bedeutsam sind in diesem Kontext auch Legitimationen von sozialen Ungleichheitsverhältnissen, die über Normen und hegemoniale Ideologien wirken. Ein Vorteil des Ansatzes von Degele und Winkler ist die Anwendbarkeit auf konkrete soziokulturelle Praktiken und individuelle Erfahrungen (vgl. Windisch 2014:155ff). Allerdings „erfordert der Anspruch, den […] gesellschaftlichen Widersprüchen, Uneindeutigkeiten und den dynamischen Effekten intersektionaler Machtprozesse gerecht zu werden, eine Kombination von ergebnisoffener und theoriegeleiteter Forschung, den konsequenten Bezug auf empirische Forschung und die beständige Reflexion darüber, welche inhaltlichen Bezüge sich im Rahmen spezifischer Fragestellungen kontextorientiert ergeben“ (Windisch 2014:157f). Ziel der Ergebnisoffenheit bei intersektionaler Forschung ist es, widerständiges politisches Handeln und die Beeinflussung sozialer Bewegungen zu ermöglichen (vgl. Windisch 2014:158).

Intersektionale Ansätze haben zum Ziel, Diskriminierungen und soziale Ungleichheiten multidimensional zu analysieren und Verstärkungen, Verschränkungen und Wechselwirkungen unterschiedlicher Differenzkategorien zu fassen. Für die Analyse von Problemlagen, Interessen und politischem Engagement von Frauen mit Behinderung ist ein intersektionaler Zugang unerlässlich. Das Modell der Mehrebenenanalyse von Nina Degele und Gabriele Winkler ist besonders gut ausgearbeitet und bietet die theoretische Grundlage für diese Arbeit.

2.4) Stand der Forschung und Stand der „Behindertenpolitik“

Grundlage der österreichischen „Behindertenpolitik“ ist seit 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention. Die teilnehmenden Staaten verpflichten sich, aktiv gegen Diskriminierungen aufgrund von Behinderungen vorzugehen. Ziel ist die Herstellung einer inklusiven Gesellschaft, um allen Menschen Partizipation und Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Die österreichische Bundesregierung von SPÖ und ÖVP hat im Jahr 2012 zur Umsetzung dieser Ziele den „Nationalen Aktionsplan Behinderung“ (kurz NAP Behinderung) vorgestellt. Auf Bundesebene sind hier Ziele und einzelne Schritte formuliert, die bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden sollen. Darunter fallen zum Beispiel Teilhabe, Inklusion, Chancengleichheit, Selbstbestimmung, Bewusstseinsbildung oder Barrierefreiheit. Dafür sind unterschiedliche Ebenen sowie Zivilgesellschaft, Selbstvertreter_innen, Organisationen von Menschen mit Behinderungen, Volks- und Behindertenanwaltschaft sowie Bundesbehindertenbeirat miteinzubeziehen. Die Überwachung des Fortschritts erfolgt durch den Bundes-Monitoringausschuss und Landesmonitoringausschüsse. Behindertenpolitik muss als Querschnittsmaterie begriffen werden, die viele weitere Politikfelder betrifft (vgl. Pernegger 2017:17f).

Die Prozentzahlen, die Menschen mit Behinderungen erfassen, variieren in Österreich, je nachdem, was unter Behinderung gefasst wird. Werden zum Bespiel chronische Erkrankungen zu Behinderungen gezählt? „Systematische Datenerhebungen mit klaren Definitionen des Begriffs ‚Behinderung’ fehlen bisher“ (Naue 2009:280).

2.4.1 Zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen in Deutschland

In Deutschland wurden zwei umfangreiche Studien zu Lebenssituationen von Frauen mit Behinderungen veröffentlicht: Im Jahr 2000 die Studie „Live Leben und Interessen vertreten – Frauen mit Behinderung. Lebenssituation, Bedarfslagen und Interessenvertretung von Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderungen“; im Jahr 2013 die Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland“, beide herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. Schröttle et al. 2013 und Eiermann et al. 2000)

Die Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland“ erfasst die Lebenssituation und soziostrukturelle Merkmale von Frauen mit Behinderungen in Deutschland. Darüber hinaus wird vor allem ein Schwerpunkt auf Gewalterfahrungen gelegt.

In der Studie konnten erstmals in großem Umfang Frauen erreicht werden, die unter erheblichen, oft multiplen Belastungen leiden, aber über keinen Behindertenausweis verfügen. Hier konnte ein wichtiges Dunkelfeld erhellt werden. Bei einem Großteil der Frauen mit Behinderungen treten die Behinderungen erst im Lauf des Lebens, oft im höheren Erwachsenenalter auf.

Die Studie ergab, dass vor allem für Frauen in Einrichtungen die Lebens- und Arbeitsbedingungen schlecht sind. Sie verfügen seltener über eine qualifizierte Ausbildung, arbeiten meist in Werkstätten, sind selten verheiratet oder haben Kinder. Sie sind in der Selbstbestimmung stark eingeschränkt, bekommen kaum Intimsphäre zugestanden und sind besonders häufig von Gewalt betroffen (vgl. Schröttle et al. 2013:260ff).

Auch Frauen mit Behinderungen, die in privaten Haushalten leben, sind nicht nur besonders oft von Gewalt betroffen; es handelt sich oft auch um noch schwerere und bedrohlichere Gewalt als jene, die Frauen ohne Behinderungen erleben. Gewalt wird von Frauen mit Behinderungen z.B. im sozialen Nahbereich, durch Mitbewohner_innen, Personal, Ämter, Behörden oder medizinische Fachkräfte erlebt. Besonders gravierend ist das Ausmaß sexueller Gewalt gegenüber gehörlosen Frauen; hier gaben über 50% an von sexueller Gewalt betroffen zu sein (vgl. Schröttle et al. 2013:415). Mit Interessensvertretung oder politischem Engagement hat sich die Studie nicht beschäftigt.

Die Studie „Live Leben und Interessen vertreten“ geht auch Fragen nach Bewältigungsstrategien und Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen nach. Ein wichtiger Aspekt für Frauen mit Behinderungen ist die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenssituation. Selbstbewusstsein, optimistische Lebenseinstellungen, gute medizinische Versorgung, vor allem aber Selbstbestimmung und Selbstgestaltung stehen dabei im Vordergrund (vgl. Eiermann et al. 2000:122f). Ratschläge für andere betroffene Frauen beziehen sich darüber hinaus auf den Aufbau bzw. Ausbau von Kontakten, das Austragen von Kämpfen, den Erhalt der Selbstständigkeit, ein pragmatischer Umgang mit Problemen und Selbstakzeptanz (vgl. Eiermann et al. 2000:192f).

In der Studie wurden außerdem konkrete Wünsche herausgearbeitet, die sich an Staat und Gesellschaft richten. Auffällig ist, dass viele der Befragten bisher kaum über politische Forderungen oder Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen Situation nachgedacht haben.

Die genannten Forderungen beinhalten finanzielle Unterstützung, v.a. für behinderte Mütter und ältere Frauen, zur Integration am Arbeitsmarkt oder für eine bessere Gesundheitsversorgung. Außerdem spielt das Verbleiben im privaten Haushalt und damit Unterstützungsleistungen wie persönliche Assistenz oder Haushaltshilfen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus werden umfassende Beratungsangebote und Anlaufstellen sowie Vernetzungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen gefordert. Auch das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen soll verändert werden und es soll zu mehr Integration sowie Rücksichtnahme und Offenheit beigetragen werden (vgl. Eiermann et al. 2000:247ff).

Die Studienteilnehmerinnen wurden auch gefragt, was für Möglichkeiten oder Schwierigkeiten sie bei der Vertretung ihrer Interessen sehen. Die Frage wurde oft nicht verstanden und falsch oder gar nicht beantwortet. „Die Frauen sind es offensichtlich nicht gewohnt, nach der politischen Durchsetzung ihrer Interessen gefragt zu werden“ (Eiermann et al. 2000:248). Viele Frauen beschreiben resigniert Missstände, Verbesserungsvorschläge werden kaum vorgebracht. Von Parteien wird erwartet, dass sie sich nicht ausreichend für die Belange von Menschen mit Behinderungen einsetzen und von Organisationen für Menschen mit Behinderungen, dass sie nicht ausreichend Einfluss oder Mitbestimmungsrechte haben. Nur selten werden die fehlenden Zusammenschlüsse und die damit verbundene Machtlosigkeit von Menschen mit Behinderungen thematisiert (vgl. Eiermann et al. 2000:249f).

Es wurden für die Studie auch Expert_innen zu Möglichkeiten und Problemen hinsichtlich der politischen Interessenvertretung von Frauen mit Behinderungen befragt. Dabei wurden im Wesentlichen zwei Aspekte betont.

Erstens sollten Organisationen, die Interessen von Frauen vertreten, auch jene Interessen von Frauen mit Behinderungen miteinbeziehen. Gleichzeitig sollten Organisationen, die Interessen von Menschen mit Behinderungen vertreten, auch jene Interessen von Frauen mit Behinderungen miteinbeziehen. Beides ist bisher nicht der Fall.

Zweitens ist „es dringend notwendig, dass die Frauen ihre Interessen selbst vertreten und diese nicht nur durch andere vertreten lassen“ (Eiermann et al. 2000:287). „Die meisten Befragten taten sich schwer, positive Beispiele für die Einbeziehung von Frauen mit Behinderung in politische Entscheidungsprozesse zu nennen“ (Eiermann et al. 2000:288). Es ist notwendig, dass sich Frauen mit Behinderungen weit mehr für ihre Rechte, politische Forderungen und ihre Bedürfnisse engagieren als bisher. Dafür müssen die (strukturellen) Rahmenbedingungen geschaffen und das Selbstbewusstsein gestärkt werden.

Umstände, die sich besonders nachteilig auf politisches Engagement auswirken, sind einerseits die Art der Behinderung, wobei hier vor allem Frauen mit Lernschwierigkeiten und psychischen Erkrankungen zu nennen sind, andererseits Lebensumstände wie Unterbringung in Institutionen oder Arbeit in Werkstätten, aber auch der eigene Umgang mit der Behinderung. Darüber hinaus hindert die mangelnde Barrierefreiheit von politischen Interessensvertretungen Frauen mit Behinderungen am politischen Engagement. Barrieren reichen von der Verkindlichung von Frauen mit Lernschwierigkeiten über fehlende Gebärdendolmetscher_innen oder räumliche Zugänglichkeit hin zu Widerständen aus der eigenen Gruppe, sowie geschlechtsspezifischen Barrieren, da Männer oft empfindlich auf selbst formulierte Positionen von Frauen reagieren (vgl. Eiermann et al. 2000:289f).

2.4.2 Zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen in Österreich

In Österreich gibt es keine umfassende Studie, die sich mit Lebensbedingungen oder politischer Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen auseinandersetzt.

Frauen mit Behinderungen waren in den ersten Jahrzehnten österreichischer Behindertenpolitik überhaupt nicht mit gemeint (vgl. Naue 2009:280).

Eine Studie, die sich mit theoretischen und empirischen Grundlagen zu Gender und Behinderung insbesondere in Bezug auf Arbeitsmarktintegration beschäftigt, wurde 2009 von Silvia Paierl durchgeführt. Für die verwendeten Daten wurde auf den Mikrozensus, Arbeitsmarktdaten des AMS und Daten der EU-SILC Erhebung zurückgegriffen (vgl. Paierl 2009: 6). Außerdem werden unterschiedliche Studien zu Lebenssituationen von Frauen mit Behinderungen in Österreich und Wien zusammengefasst.

Die Studie selbst beschäftigt sich (wie die meisten empirischen Daten zu Menschen mit Behinderungen) mit der Integration in den Arbeitsmarkt.

Die mehrfache Diskriminierung von Frauen mit Behinderungen in Österreich wird im Bereich des Arbeitsmarkts besonders deutlich. Über Erwerbsarbeit findet ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Integration statt. Im Zusammenhang mit Behinderung ist das unter anderem deshalb so relevant, weil die rechtlich bindende Vorstellung von „Behinderung als eine Form der Abweichung von der Normalität […] an einer Leistungsminderung aufgrund gesundheitlicher Schädigung gemessen“ (Paierl 2009:15) wird. Das heißt, dass Behinderung per Definition bedeutet, weniger leistungsfähig zu sein.

Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt (immer noch) anhand einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung organisiert wird. Dies drückt sich in der unterschiedlichen Bezahlung und unterschiedlichen Bewertungen geschlechtsspezifischer Arbeit aus.

Die Integration von Frauen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt wird also gleichzeitig durch das Absprechen von Leistungsfähigkeit als Mensch mit Behinderung und durch den Verweis von Frauen in den familiären Bereich erschwert. Erwerbsbiographien von Frauen mit Behinderungen weisen noch häufigere Unterbrechungen auf als jene von Frauen ohne Behinderungen. „Zu den frauentypischen Ursachen für derartige Unterbrechungen wie Karenz und Kindererziehung kommen krankheits- oder behinderungsbedingte notwendige Auszeiten bzw. länger andauernde Perioden der Arbeitslosigkeit aufgrund der noch geringeren Vermittlungschancen von Frauen mit Behinderung“ (Paierl 2009:16).

Darüber hinaus orientieren sich „die formalen Kriterien für die Festlegung einer Behinderung (...) historisch betrachtet an den Problemen kriegsgeschädigter Männer sowie bis heute an männlichen Erwerbstätigen“ (Paierl 2009:15).

Familienarbeit spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Dies hat Auswirkungen auf die Zuerkennung des Status „behindert“, welcher für die Inanspruchnahme von Ausgleichsleistungen zur gleichen gesellschaftlichen Teilhabe notwendig ist. Auch die Ausgleichsleistungen selbst orientieren sich an der Norm männlicher Erwerbsarbeit und lassen weibliche Lebenssituationen weitgehend außer Acht (Paierl 2009:15).

Weichen für die geringe Arbeitsmarktintegration und schlechte Bezahlung von Frauen mit Behinderungen werden schon in der Schul- und Ausbildung gestellt. Frauen mit Behinderungen verfügen besonders häufig lediglich über einen Pflichtschulabschluss, ergreifen seltener Lehrberufe (wenn, dann in frauentypischen Bereichen) und sind in der integrativen Berufsausbildung unterrepräsentiert. Da im Kontext Ausbildung bei Frauen mit Behinderungen die „Behinderung“ höher bewertet wird als das Geschlecht, greifen bewusste Gegenstrategien im Sinne des Gender Mainstreaming kaum. So werden traditionelle geschlechtsspezifische Rollenbilder besonders reproduziert (vgl. Paierl 2009:70).

Frauen mit Behinderungen haben ein erhöhtes Risiko, ausschließlich unbezahlte Hausarbeit zu leisten oder im sogenannten „Graubereich“ als Helfende im Familienbetrieb oder in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, ohne Entlohnung bzw. lediglich für ein Taschengeld zu arbeiten. Sie sind daher im besonderen Maß abhängig von familiären oder staatlichen Transferleistungen.

Erwerbstätige Frauen mit Behinderungen sind wie Frauen ohne Behinderungen vorrangig in frauentypischen Tätigkeitsfeldern anzutreffen. Zudem gehen sie häufig einer Teilzeitbeschäftigung nach und erhalten eine geringere Bezahlung als Männer (vgl. Paierl 2009:69).

Arbeitslose Frauen mit Behinderunge „beziehen geringere Leistungen als Männer (mit und ohne Behinderung) und als Frauen ohne Behinderung“ (Paierl 2009:69). Daten über Frauen mit Lern- und Mehrfachbehinderungen sind kaum vorhanden, sie arbeiten vermutlich häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Auch in diesen Werkstätten wird eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung fortgeschrieben. Während gewerblich-technische Fähigkeiten so vor allem von Männern erlernt werden, vertiefen Frauen ihre Kompetenzen in haushaltsnahen Bereichen. Dies hat zur Folge, dass die Chancen auf Integration in den so genannten ersten Arbeitsmarkt für Frauen mit Behinderungen, die in Werkstätten arbeiten, besonders gering bleiben (vgl. Paierl 2009:69f).

Frauen mit Behinderungen verfügen, verglichen mit Männern mit Behinderungen und Frauen und Männern ohne Behinderungen, über die niedrigsten Einkommen. Sie sind damit besonders von Armutsgefährdung betroffen.

Die Belastungen für Frauen mit Behinderungen, die in Armut leben, sind besonders drastisch: Sie haben erhöhte Alltagsaufwendungen im Zusammenhang mit Krankheiten und Behinderungen. Psychische Belastungen durch Armut und schon bestehende Erkrankungen und Behinderungen können sich gegenseitig verschärfen. Die mangelnden Möglichkeiten zur selbstständigen Existenzsicherung führen zu besonders prekären Lebenssituationen (vgl. Paierl 2009:71).

Im Zusammenhang mit Frauenarmut ist es wichtig zu berücksichtigen, mit welchen Methoden und Indikatoren Armut gemessen wird. Für die Armutsgefährdungsschwelle, die bei mehrköpfigen Haushalten in Bezug auf das gesamte Einkommen berechnet wird, wird davon ausgegangen, dass Einkommen innerhalb eines Haushaltes gleich verteilt werden. Da die Verteilung vom Haushaltseinkommen aber oft zu Ungunsten von Frauen und Mädchen erfolgt, wird das tatsächliche Ausmaß von Frauen- und Mädchenarmut durch aktuelle Berechnungsmethoden der Armutsgefährdungsschwelle nicht ausreichend erfasst. (vgl. Dawid/Heitzmann 2006:42).

Eine Studie, die sich mit politischem Engagement von Frauen mit Behinderungen auseinandersetzt, gibt es in Österreich bisher nicht.

Frauen mit Behinderungen sind politisch unsichtbar; sie gehen in der Kategorie der Menschen mit Behinderungen auf (Naue 2008). Menschen mit Behinderungen sind öffentlich kaum sichtbar, gleichzeitig gibt es für sie kaum Möglichkeiten, für sich selbst zu sprechen (vgl. Naue 2009:276).

Es gibt unterschiedliche Definitionen von Partizipation. Gemeinsam ist den verschiedenen Definitionen, dass die Akteur_innen gewöhnlich Bürger_innen sind. Außerdem handelt es sich um einen freiwilligen Akt oder eine freiwillige Verhaltensweise. Uneinigkeit herrscht z.B. darüber, ob auch eine mentale Beschäftigung mit Politik als Partizipation gelten kann (latente Partizipation) (vgl. De Nève/ Olteanu 2013:13).

Die Frage nach politischem Engagement und Partizipation von Frauen mit Behinderungen ist vor allem vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Verständnisses von Behindertenpolitik relevant. Die UN-Behindertenkonvention, die 2008 von Österreich ratifiziert wurde, fordert die Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen.

Für De Nève und Olteanu geht es in der Partizipationsforschung darum, die Frage nach dem Politischen zu stellen. „Unter diesem Blickwinkel werden vermeintlich unpolitische bzw. nicht relevante Partizipationsformen auf ihr Partizipationspotential untersucht“ (De Nève/ Olteanu 2013:284). Dies entspricht auch den Zugängen feministischer Politikwissenschaft, die ich eingangs skizziert habe und die die Grundlage für meine Arbeit bilden.

3) Vorstellung der Forschungsmethoden

Um die Frage, wie Frauen mit Behinderungen in Wien sich politisch engagieren, zu beantworten, sind qualitative Forschungsmethoden besonders geeignet. Hier geht es darum, gesellschaftliche Prozesse in ihrer Komplexität zu erfassen und subjektives Erleben zu verstehen bzw. nachzuvollziehen. Einerseits werden relevante Einzelfaktoren des Gegenstands herausgearbeitet, andererseits wird versucht, Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren zu finden. Qualitative Analysen haben also auch die Aufgabe der Hypothesenfindung und Theoriebildung (vgl. Mayring 2010:19ff).

3.1.) Fallstudien

Um der Komplexität von Intersektionalität in Bezug auf Frauen und Behinderungen gerecht zu werden, bezieht sich die folgende Analyse auf zwei Einzelfälle. Die umfangreiche Auseinandersetzung mit diesen beiden Fällen ermöglicht die benötigte Tiefe der Analyse. Die beiden Fälle der Analyse sind im Sinne der Disability Studies und im Sinne partizipativer Forschung Expertinnen im Themenfeld „Frauen mit Behinderungen in Wien“.

3.2) Erhebungsmethode: Exploratives Interview

Als Erhebungsmethode für mein Forschungsinteresse sind Expert_inneninterviews besonders gewinnbringend. Typisch für Expert_inneninterviews ist nach Abels/ Behrens, dass der oder die Interviewpartner_in in den Mittelpunkt gerückt und deutlich gemacht wird, dass der Experte oder die Expertin über spezifisches professionelles Wissen verfügt, das sich von Laien-Wissen abhebt (vgl. Abels/Behrens 2009:160). „In der Regel handelt es sich um gut ausgebildete, statusbewusste Personen, die es gewohnt sind, sich darzustellen, mit Fragesituationen umzugehen und komplexe Zusammenhänge darzulegen (Abels/Behrens 2009:161). Wer als Experte bzw. Expertin gilt, wem dieser Status zugesprochen wird, ist sowohl ein soziales als auch ein methodisches Konstrukt und kann nur im Verhältnis zum jeweiligen Forschungsinteresse bestimmt werden (vgl. Abels/Behrens 2009:160).

Abels und Behrens beschäftigen sich mit den konkreten Problemen, die in der Interaktion in Interview-Situationen auftreten können. Ein Problem, das ich durch die Tatsache, dass ich selbst im Feld politisch aktiv, und damit auch selbst Expertin bin, sehe, ist der Rückkoppelungseffekt. „Rückkoppelungseffekt“ bedeutet, dass der oder die Interviewte versucht, die Frage-Antwort-Situation umzukehren. Forscher_innen sollen zu Ko-Expert_innen werden um der interviewten Person ein soziales Feedback zu geben.

Wie Beate Littig darlegt, sind Expert_innen-Interviews vergeschlechtlicht: bei der Auswahl der Interviewpartner_innen, bei der Durchführung der Interviews und bei der Auswertung und Interpretation des Materials. Sie macht deutlich, dass Geschlecht auch in Expert_inneninterviews nichts natürlich-vorgängiges ist, sondern durch „Doing Gender“ hergestellt wird. Littig problematisiert, dass durch geschlechtsspezifische Arbeit(smarktstrukturen) vor allem Männer als Expert_innen sprechen und somit männliche Sichtweisen Expert_inneninterviews dominieren. Was Littig aber versäumt, ist, die Definition von Expert_innen an sich in Frage zu stellen und dadurch weibliche Sichtweisen einzubeziehen. Hier liefern die Disability Studies, genauer: Ansätze der partizipativen Forschung, wichtige Impulse, welche sich auch für die feministische Politikwissenschaft adaptieren lassen. Disability Studies schließen an einen wissenssoziologischen Expert_innen-Begriff an, kritisieren aber die vielfache „berufsförmige Verengung“ (Bogner/Menz 2009:69) und betonen auch die Relevanz von implizitem Wissen.

Aufgrund der großen Forschungslücke, die sich im Kontext von politischem Engagement von Frauen mit Behinderungen in Österreich auftut, versuche ich mich der Thematik explorativ zu nähern. Die Inhalte von Politik, Behinderung, Frau-Sein, aber auch vom Interview insgesamt sollen weitgehend von den Interviewpartnerinnen im Laufe des Gesprächs selbst festgelegt werden. So soll eine möglichst große Offenheit gegenüber dem Feld sichergestellt werden. (vgl. Mayring 2010:33)

Expert_innen-Interviews können in diesem Sinne „zur Herstellung einer ersten Orientierung in einem thematisch neuen oder unübersichtlichen Feld dienen (oder auch) zur Schärfung des Problembewusstseins des Forschers (sic!)“ (Bogner/Menz 2009:64). Als explorative Interviews sollten sie teilstrukturiert geführt werden.

3.3) Auswertungsmethode: Qualitative Inhaltsanalyse (induktive Kategorienbildung)

Philipp Mayring liefert eine konkrete Auswertungsmethode für qualitative Interviews: Die qualitative Inhaltsanalyse. Sie soll an alltägliche Prozesse von Sprachverständnis und Interpretation anknüpfen und die Perspektive des/ der anderen übernehmen. Nach Mayring ist qualitative nie abgeschlossen, sondern kann immer von Neuem interpretiert werden.

Wichtig ist, dass qualitative Inhaltsanalyse nicht beliebig ist, sondern regelgeleitet vorgeht. Das heißt, dass vorab Regeln der Textanalyse festgelegt werden und die Analyse sich daran orientiert. Besondere Bedeutung hat hier das konkrete Ablaufmodell, das immer an das konkrete Material bzw. die Fragestellung angepasst werden muss. Hier werden einzelne Analyseschritte definiert und deren Reihenfolge bestimmt (vgl. Mayring 2010:38ff).

Die Analyse soll theoriegeleitet ablaufen, was hier auf die genaue Erläuterung der Fragestellung abzielt und nicht auf den Einbezug des Forschungsstandes in die Analyse (dies wäre ein deduktiver Vorgang). Induktive Kategorienbildung ermöglicht über vorher definierte Schritte Kategorien direkt aus dem Material abzuleiten und so in der Sprache des Materials den Gegenstand zu erfassen (vgl. Mayring 2010:49ff).

4. Auswertung

8 Felder im Kreislauf: - Bestimmung, Fragestellung der Analyse, Richtung der
               Analyse, Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung - Bestimmung der
               Analysetechnik - Festlegung des Selektionskriteriums und des Abstraktionsniveaus -
               Materialdurcharbeitung: Paraphrasierung der relevanten Aussagen -
               Kategorieformulierung und Subsumtion - Überarbeitung der Kategorie - Endgültiger
               Materialdurchlauf - Interpretation und Analyse

Abbildung 1: Ablaufmodell der Analyse in Anlehnung an Mayring (2010:84) – eigene Darstellung

4.1 Bestimmung des Ausgangsmaterials

4.1.1 Festlegung des Materials: Corpus

Bei dem verwendeten Material handelt es sich um das transkribierte Interview von Fall A sowie um das transkribierte Interview von Fall B. Die Gedächtnisprotokolle geben lediglich eine Hintergrundinformation über den Gesundheitszustand der Interviewpartnerinnen zum Zeitpunkt des Interviews: Beide waren zum Zeitpunkt des Interviews krank.

4.1.2 Analyse der Entstehungssituation

Verfasserin des Materials ist die Autorin; es wurde je ein Interview mit zwei in Wien politisch aktiven Frauen mit Behinderungen geführt. Die Interviewerin ist die Autorin.

Die Interviews fanden mit zwei politische engagierten Frauen mit Behinderungen aus Wien statt, die von der Autorin angesprochen wurden und dem Interview freiwillig zustimmten. Die Interviews waren teilstrukturierte, explorative Expertinneninterviews, wobei die Interviewpartnerinnen auf die offenen Fragen frei antworten konnten. Die Interviews wurden jeweils zu Hause bei Person A und B geführt.

Die Verfasserin ist selbst in der Behindertenbewegung aktiv (Mitarbeiterin im Referat für Barrierefreiheit der ÖH Uni Wien). Mit Person A findet eine Kooperation für eine Podiumsdiskussion statt, Person B ist eine Kollegin der Verfasserin im Referat für Barrierefreiheit.

4.1.3 Formale Charakteristika des Materials

Die Interviews wurden mit Zustimmung der Interviewpartnerinnen mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet und mit Hilfe des Programms F5 transkribiert.

Die Transkriptionsregeln entsprechen im Wesentlichen jenen von Udo Kuckartz (2016).

Einige Regeln wurden adaptiert; die Schreibweise wurde vom Programm F5 übernommen. Die genauen Transkriptionsregeln werden im Anhang beigelegt.

4.2 Fragestellung der Analyse

4.2.1 Richtung der Analyse

Die Interviews wurden aus feministisch-politikwissenschaftlicher Perspektive mit einem Verständnis von „Wissen“ und „Expert_innen“ im Sinne der Disability Studies durchgeführt. Ziel im Sinne des inhaltsanalytischen Kommunikationsmodells ist es also, etwas über den kognitiven sowie emotionalen Hintergrund und den Handlungshintergrund der Kommunikatorinnen zu erfahren. Die Richtung der Analyse ist, Aussagen über den kognitiven sowie emotionalen Hintergrund und Handlungshintergrund der Interviewpartnerinnen zu treffen, wobei der soziokulturelle Hintergrund als Kontext gilt.

4.2.2 Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung

Die Interviews enthalten Aussagen von zwei Frauen mit Behinderungen, die in Wien politisch engagiert sind. Der aktuelle Forschungsstand beschäftigt sich mit Problemlagen von Frauen mit Behinderungen, allerdings vorrangig im Sinne der Arbeitsmarktsituation. Umfassende Analysen zu Lebenssituationen von Frauen mit Behinderungen gibt es für Deutschland, aber nicht für Österreich, wobei auch in Deutschland lediglich eine Studie die Interessen und Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen aufgreift. (Eiermann/ Häußler/ Helfferich 2000; Schröttle et al. 2013)

Intersektionale Zugänge zeigen auf, dass Menschen, die in mehrere Differenzkategorien gleichzeitig fallen (hier: Frauen und Menschen mit Behinderungen), von besonderen Formen der Diskriminierung betroffen sind. In Kombination mit den vorhandenen Forschungsergebnissen aus Deutschland, die zeigen, dass sich hier für Frauen mit Behinderungen besondere Problemlagen in der Lebensgestaltung, aber auch im politischen Engagement bzw. Vertreten der eigenen Interessen darstellen, stelle ich die forschungsanleitende These, dass Frauen mit Behinderungen in Österreich und Wien von besonderen Problemen betroffen sind und sich dies auf ihr politisches Engagement auswirkt.

Als Hauptfragestellungen ergeben sich nun:

  1. Was sind die besonderen Probleme von Frauen mit Behinderungen in Wien?

  2. Wie übersetzen Sie diese Probleme in politisches Engagement und welches Politikverständnis zeigt sich?

4.3 Bestimmung der Analysetechnik

Als Analysetechnik verwende ich die Zusammenfassung und induktive Kategorienbildung, da mir diese konkrete Technik für die Auswertung explorativer Expert_inneninterviews am geeignetsten scheint.

4.4 Festlegen des Selektionskriteriums und des Abstraktionsniveaus

Als Selektionskriterium gilt: Es werden Aussagen über (1) den emotionalen Bezug zum Gegenstand, (2) den Bedeutungshorizont, (3) den Wissenshintergrund, (4) die Erwartungen, Interessen und Einstellungen, (5) die Intentionen und Pläne, (6) die Machtressourcen, (7) die bisherigen Handlungen sowie (8) der soziokulturelle Hintergrund und der Gegenstand berücksichtigt. Das Abstraktionsniveau soll relativ niedrig sein, also nah am Text.

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

Zunächst wurden die thematisch relevanten Aussagen der Interviewten paraphrasiert. Eine detaillierte Auflistung der Paraphrasen befindet sich im Anhang.

Dann wurden neue Kategorien gebildet, um die Aussagen inhaltlich sinnvoll zu ordnen. Insgesamt lassen sich 14 Kategorien angeben:

  1. Sozio-kultureller Hintergrund

  2. Biographische Erfahrungen

  3. Erfahrungen als Frau mit Behinderung

  4. Erfahrung von Unterstützung

  5. Anliegen in der Beratung

  6. Probleme für Frauen mit Behinderung

  7. Politikverständnis

  8. Probleme in Österreich/ Wien bei politischem Engagement

  9. Voraussetzungen für politisches Engagement

  10. Verständnis von Behinderung

  11. Unterschiede zwischen „geburtsbehindert“ und „erworbene Behinderung“

  12. Frauenbewegung

  13. Behindertenbewegung

  14. Allgemeine Aussagen

Im ersten Interview wurden Aussagen zu allen angegebenen Kategorien gemacht.

Im zweiten Interview wurden keine Angaben zu folgenden Themen gemacht:

  • Anliegen in der Beratung

  • Voraussetzungen für politisches Engagement

  • Frauenbewegung

Die detaillierte Auflistung der kategorisierten Paraphrasen liegt im Anhang bei.

6. Interpretation

Besonders wichtig für das politische Engagement von Frauen mit Behinderungen sind persönliche Erfahrungen. Das soll nicht heißen, dass sie „nur“ aufgrund ihrer eigenen Behinderung politisch aktiv sind. Bei einer solchen Sichtweise besteht die Gefahr, das politische Engagement abzuwerten: „Man kann mich ja auch, oder überhaupt Menschen mit Behinderung, damit abtun, dass man das politische Engagement nicht ernst nimmt, weil man sagt, das macht sie ja nur, weil.“ (A, S.4).

Vielmehr fließt persönliches Erfahrungswissen in umfassender Weise in den emotionalen und den kognitiven Hintergrund sowie den Handlungshintergrund mit ein. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass es oft schwierig war, zu entscheiden, ob Paraphrasen der Kategorie ‚Biographische Erfahrungen‘ zugeordnet werden sollen oder zum Beispiel der Kategorie ‚Politikverständnis‘. Die Beschreibung der Erfahrung wird durch das Politikverständnis beeinflusst und das Politikverständnis ergibt sich unter anderem aus den persönlichen Erfahrungen.

Erlebnisse, die konkret als Erfahrungen als Frau mit Behinderung beschrieben wurden, beziehen sich einerseits auf den eigenen Körper: Frauen lernen, anders mit ihren Schmerzen umzugehen als Männer und dies hat direkte Auswirkungen auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Dauer der Diagnoseerstellung.

Eine Interviewpartnerin beschrieb den Prozess der eigenen Bewusstwerdung vom Frau-Sein: Es „war ein langer Kampf überhaupt das Frau-Sein zu spüren“. (A, S.2) Die Debatten zu Gender sind ein Luxusprogramm, „weil vorher kommt das Thema: Bin ich überhaupt eine Frau?“

Während Person A geburtsbehindert ist und sich das Selbstverständnis als Frau erkämpft, stellt Person B das Selbstbild als Frau nicht (im Interview) in Frage. Für sie ist der neue Umgang mit der (erworbenen) Behinderung zentral.

Andererseits wird aber auch ganz deutlich gemacht, dass Frauen benachteiligt bzw. Männer bevorzugt werden. Männern werden mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt und sie werden insgesamt mehr unterstützt. Hier können auch zwei oder mehr Differenzkategorien zusammenwirken: „Dann brauchte es sozusagen den weniger behinderten Mann, der sozusagen solidarisch ist“ und nur so der RollstuhlnutzerIN zu gleichen Rechte verhilft. Patriarchale Strukturen wie männliche Seilschaften wirken unter Menschen mit Behinderungen ebenso wie unter Menschen ohne Behinderungen.

Deutlich wurde auch die Relevanz von persönlichen Beziehungen, weil sich hier viel Solidarität abspielt und Frauen mit Behinderungen darüber viel Unterstützung erfahren. Hier sind einerseits Eltern und damit auch der sozio-kulturelle Hintergrund zu nennen und andererseits Freundinnen.

Auf die Frage nach Themen, die in Beratungsstellen für Frauen mit Behinderungen besonders wichtig sind, wurde auf zahlreiche spezifische Probleme verwiesen:

  • Ein zentrales Anliegen war Raum und Zeit: Einerseits um in Ruhe erzählen zu können und anderseits in Ruhe essen zu können. Das Essverhalten von Frauen in Einrichtungen wird kontrolliert, wenn beschlossen wird, dass sie abnehmen sollen. Darüber hinaus wird in Einrichtungen kaum Intimsphäre zugestanden und die Frauen sind umfangreicher Fremdbestimmung unterworfen: Zeitpunkt des Schlafen-Gehens, Zeitpunkt des Aufstehens, Erlaubnis das Zimmer abzusperren, Erlaubnis ob und welcher Besuch kommen darf.

  • Ein zweites wichtiges Thema war Gewalt: Lernen, ab welchem Punkt Gewalt losgeht und dass Frauen auch „Nein!“ sagen dürfen. In diesem Kontext ist es besonders wichtig, dass Peer-Beraterinnen auch als Vorbild fungieren.

„Als Beraterin [ist es so]: was sie erleben, erleb dann ich. [...] Ich bin nur eine Peer-Beraterin und ich sag dann sehr wohl: schrei mich nicht an. [...] Und dann erlebt die Person aber zum ersten Mal: Ok, man darf dann sagen: Das lass ich mir nicht gefallen. [...] Und dann fühlt sich aber die Person auch so, auch ernst genommen“ (A, S.13). Im Zusammenhang mit Gewalt ist auch wichtig zu erwähnen, dass Gewalt gegenüber Frauen mit Behinderungen oft subtile und schwer nachweisbare Formen annimmt. Es geht hierbei oft um unterlassene Hilfeleistung und seltener um „Schlagen“. Zum Beispiel wurde in einem Konflikt ein Fenster offengelassen, und der Frau mit Behinderung, die es nicht selbst schließen kann, wird kalt.

  • Weitere wichtige Themen waren Selbstvertrauen und eigene Ressourcen, Wohnberatung, Sexualität und Kinderwunsch.

Bei der allgemeinen Beschreibung von Problemen von Frauen mit Behinderungen wurden ähnliche Themen bei Fall B erwähnt, wie zuvor bei Fall A im Zusammenhang mit Beratung. Darüber hinaus wurde das komplexe Feld von Frauen mit Behinderungen und Mutterschaft sowie Pränataldiagnostik angesprochen.

In diesem Kontext wurde auch dezidiert das Patriarchat als erklärendes Modell herangezogen. Frauen und Männer mit Behinderungen sind nicht davor gefeit. Eigene Diskriminierungserfahrungen führen nicht automatisch zu einem Bewusstsein und Probleme, die Frauen betreffen, gelten für Frauen mit Behinderungen in der Regel verschärft.

Mit der Betrachtung der Probleme von Frauen mit Behinderungen ist verstehbar, weshalb das Politikverständnis der beiden Interviewpartnerinnen so umfassend ist: Komplexe Probleme verlangen nach komplexen Antworten. Im Einzelnen werden die Ergebnisse wie bereits erwähnt im Anhang angeführt, hier können nur exemplarisch ein paar Aspekte erwähnt werden. Als politischer Akt kann gelten:

  • Ein Kind ohne Partner_in zu planen und zu bekommen

  • Nicht ins Heim wollen und persönliche Assistenz fordern

  • Bus blockieren

  • Kunst machen und dafür den Kunsttopf fordern

  • (Peer-) Beratung

  • Demonstrieren

  • Aktiv im Alltag für Selbstbestimmung einsetzen

  • Artikel schreiben

  • Mit neuen Themen auseinandersetzen

  • Veranstaltungen

Außerdem als politisch wahrgenommen: Parteien, Wettkampf der Ideen, Parlament, Gesetzgebung, Staatsapparat, Zivilgesellschaft, Vereine, NGOs, Öffentliche Plätze und Öffentlichkeit, Häusliche Gewalt sowie die Unterfinanzierung von Frauenhäusern.

Die unterschiedlichen Aspekte zeigen das politische Selbstverständnis der Interview-Partnerinnen und auf welche Art und Weise sie sich politisch engagieren. Sichtbar wird hier vor allem, dass die Art der Betätigung sehr umfassend ist.

Es werden auch explizit Barrieren und Probleme beim politischen Engagement in Wien genannt. So wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die linksradikale Szene in Wien keine Teilnahme von Menschen mit Behinderungen ermöglicht. Die genutzten Räume sind nicht barrierefrei. Sie sind nicht barrierefrei zugänglich für Rollstühle. Sie sind nass, kalt, verraucht, laut, nicht partizipativ. Es werden keine Ruhepausen oder Rückzugsräume gegönnt. Trotz des persönlichen Bemühens zahlreicher Aktivist_innen: Die Strukturen sind dafür zu festgefahren.

Politisch aktive Frauen mit Behinderungen sind in Wien wenig sichtbar. Ein wesentlicher Aspekt ist hier, dass das politische Engagement schnell abgewertet wird, weil unterstellt wird nur aufgrund der Betroffenheit aktiv zu sein.

Als Voraussetzungen für politisches Engagement werden vor allem Zeit und Kraft genannt. Frauen mit Behinderungen brauchen schon für ihren ganz normalen Alltag viel Zeit: Einkaufen, Waschen, etc... Hinzu kommen aufwendige Arzt- und Spitalsbesuche.

Sowohl „die“ Frauenbewegung als auch „die“ Behindertenbewegung wurden kritisiert, nicht auf die jeweiligen Aspekte einzugehen. Frauen mit Behinderungen wurden von der deutschen und österreichischen Frauenbewegung lange vergessen oder ignoriert und nicht als Teil der Bewegung angesehen. „Die“ Behindertenbewegung ist ein stark männlich dominiertes Feld, in das sich schwer feministische Themen einbringen lassen. Dies wird unter anderem damit erklärt, dass in Österreich noch viel Lobby-Arbeit notwendig sei, für die wiederum „Single-Issue“-Arbeit einfacher wäre. „Bevor du die Forderung formulierst, machst du schon den Kompromiss“ (B, S. 9).

Ein letzter wichtiger Aspekt, den die Autorin bei der Erarbeitung der Forschungsfrage selbst nicht berücksichtig hat, findet sich in der Kategorie: „Unterschiede zwischen geburtsbehindert und erworbene Behinderung“. Beide Interviewpartnerinnen verwiesen auf unterschiedliche Erfahrungen und Interessen. Schon mit der Sozialisation manifestieren sich andere Selbstbilder: Geburtsbehinderte Menschen lernen beispielsweise, dass sie weniger Selbstvertrauen haben dürfen und benötigen daher später mehr Unterstützung. Die Wut, die besessenen Privilegien durch die Behinderung plötzlich verloren zu haben bedeutet für Menschen mit erworbenen Behinderungen eine besondere Stärke (für den politischen Kampf). Gleichzeitig wird betont, dass Schmerzen immer ein Manko sind, und sich daher Menschen mit Krankheiten auch Heilung wünschen. Es stellt sich also die Frage, inwiefern eine gemeinsame Interessensvertretung von Menschen mit erworbenen Behinderungen und Menschen mit Behinderungen von Geburt an sinnvoll ist und wie diese gestaltet werden kann. In jedem Fall sollte die teilweise Unvereinbarkeit von Bedürfnissen und Anforderungen an Barrierefreiheit in behindertenpolitischen Zusammenhängen zukünftig mehr thematisiert werden.

7. Ausblick

Aus dem derzeitigen Forschungsstand unter Einbeziehung aktueller theoretischer Zugänge aus der feministischen Politikwissenschaft und aus den Disability Studies ergaben sich folgende Hauptfragen:

  • Was sind die besonderen Probleme von Frauen mit Behinderungen in Wien?

  • Wie übersetzen Sie diese Probleme in politisches Engagement und welches Politikverständnis zeigt sich?

Mittels explorativen Expert_inneninterviews und anschließender qualitativer Inhaltsanalyse, beziehungsweise der Induktiven Kategorienbildung, wurden wesentliche Aspekte des politischen Engagements von Frauen mit Behinderungen herausgearbeitet.

Zentral ist hier einerseits, wie vielfältig und komplex Problemlagen von Frauen mit Behinderungen sind. Das Zusammenwirken unterschiedlicher Differenzkategorien wurde hier in Bezug auf Behinderung und Geschlecht untersucht. Viele, ebenso bedeutsame Kategorien wurden bewusst ausgeblendet, um die Frage im Rahmen einer Bachelorarbeit beantwortbar zu machen.

Andererseits ist deutlich geworden, dass die Auffassungen von Politik mannigfaltig sind. Von Frauen, im Besonderen von Frauen mit Behinderungen, wird erwartet, Kinderwünsche gemeinsam mit Partner oder Partnerin zu entwickeln und umzusetzen. Insofern ist es ein politischer Akt, sich dieser Erwartungshaltung zu widersetzen und an neuen Vorstellungen mitzuwirken, die vielleicht eines Tages hegemonial werden.

Die vorliegende Arbeit hat bestätigt, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderungen als Expert_innen in die Forschung mit einzubeziehen. Persönliche Erfahrungen fließen als Wissen auf ganz verschiedenen Ebenen in unterschiedliche Bereichen ein. Dieses Wissen kann nur schwer extrahiert werden. Daher wäre es sehr sinnvoll, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur als Interviewpartner_innen zur Forschung beitragen, sondern in sämtliche Schritte von Forschungsprojekten einbezogen werden. Deutlich wurde das hier an der entstandenen Kategorie „Unterschiede zwischen geburtsbehindert und erworbene Behinderung“, welche von der Autorin weder vorher vermutet noch abgefragt wurde. Vielmehr konnten die Interviewpartnerinnen durch die offene Interviewform diesen Aspekt selbst einbringen. Für weitere Forschungsvorhaben wäre es wichtig, die Kriterien partizipativer Forschung noch mehr zu befolgen und so schon bei der Fragestellung bzw. bei einzelnen Subfragen das umfangreiche Wissen von Menschen mit Behinderungen einzubeziehen.

Was diese Arbeit nicht leisten kann ist Repräsentativität. Umfangreiche quantitative Untersuchungen wären im Politikfeld „Frauen mit Behinderungen“ sehr wichtig. Vor allem vergleichbare Zahlen auf der Grundlage desselben Behinderungsbegriffs würden helfen, ein umfassenderes Verständnis der Lebensrealitäten und des politischen Handlungsbedarfs zu erlangen. Es bleiben also genügend offene Fragen und Forschungslücken für weitere Arbeiten im Bereich der österreichischen Disability Studies.

8. Literaturverzeichnis

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BEHNING, UTE (2004): Arbeit und Arbeitsteilung. In: Rosenberger, S. / Sauer, B. (Hg.), 2004: Politikwissenschaft und Geschlecht. Wien: WUV Facultas. S. 191-210.

BOGNER, ALEXANDER / MENZ, WOLFGANG (2009): Das theoriegenerierende Experteninterview. Erkenntnisinteresse, Wissensformen, Interaktion. In: Bogner, Alexander/ Littig, Beate/ Menz, Wolfgang (Hrsg.) (2009): Experten-Interviews. Theorien, Methoden, Anwendungsfelder, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

DEDERICH, MARKUS (2012): Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. 2. Auflage, Bielefeld

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MALLEIER, JOACHIM (2011): Lobbying für Behinderte. Interessensvermittlung am Beispiel des europäischen Behindertenforums der Europäischen Union In: Reihe Politik und Demokratie, hrsg. von Kramer, Helmut / Kreisky, Eva. Band 22. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang Verlag.

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SCHRÖTTLE, MONIKA / GLAMMEIER, SANDRA / SELLACH, BRIGITTE / HORNBERG, CLAUDIA / KAVEMANN, BARBARA / PUHE, HENRY / ZINSMEISTER, JULIA (2013): Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland. Ergebnisse der quantitativen Befragung. Ein Forschungsprojekt des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF) und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit dem SOKO Institut GmbH Sozialforschung und Kommunikation, Bielefeld, der Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung e.V. (GSF), Frankfurt, dem Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstitut Freiburg (SoFFI F.) und dem Institut für Soziales Recht der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Köln im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin https://www.bmfsfj.de/blob/94206/1d3b0c4c545bfb04e28c1378141db65a/lebenssituation-und-belastungen-von-frauen-mit-behinderungen-langfassung-ergebnisse-der-quantitativen-befragung-data.pdf [Zugriff am 10.03.2018]

VON UNGER, HELLA (2014): Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

WINDISCH, MONIKA (2014): Behinderung - Geschlecht - Soziale Ungleichheit. Intersektionelle Perspektiven. Bielefeld: Transcript Verlag.

9. Anhang

9.1. Tabelle von Fall A – Kategorisierte Paraphrasen

soziokultureller Hintergrund

Biographische Erfahrungen

Erfahrungen als Frau mit Behinderung

Erfahrung von Unterstützung

48 Jahre, körperliche Behinderung, Rollstuhlnutzerin, Performance-Künstlerin, Peer-Beraterin

Studieren wegen Stufen nicht möglich

Langer Kampf um Frausein zu spüren

Unterstützung durch Eltern

in konservativ-bäuerlichem Milieu aufgewachsen

Studieren körperlich nicht möglich

Gender-Debatte ist Luxusprogramm

viel Coaching und Therapie notwendig, um selbstständig zu sein

lange Arbeit als Beraterin

Viele weite Wege beim Studium

zuerst: bin ich eine Frau?

persönliche Kontakte für Veränderung wichtig

Beraterin für Frauen, Männer, mit und ohne Behinderung

Anmeldungen unmöglich wegen langem Anstehen

Männer werden mehr unterstützt

Selbstbild als Frau durch Hilfe von Freundin

Kindheit war schlimmste Zeit meines Lebens

Unterstützung für Männer auch in Kunst mehr

brauche Frauen die mich stärken

froh, erwachsen zu sein

Neid auf Männer

gefühlt erst mit 26 Erwachsen

große Ungleichheit

gefühlt 10 Jahre verloren

wurde abgehärtet

10 Jahre für Therapien und Operationen gebraucht

nutzt heute selbst Seilschaften

möchte die 10 Jahre nachholen

will alles richtig machen, aber kommt so nicht weit

Beruf und politisches Engagement vereinbart

spürt große Ermüdung

Frauenberatungsstelle mitgegründet

Zusammenarbeit von behinderten und nicht-behinderten Frauen

Gefühl, weniger Bildung zu haben und weniger schlau zu sein

Angst vor Plenumsdiskussion wegen Uni-Leuten

wegen politischer Haltung dennoch öffentlicher Auftritt

nutzt deshalb Seilschaften

Für Mut zu Selbstständigkeit 10 Coaching-Sitzungen nötig

Preis für 1 Coaching-Sitzung: 120 Euro

Erfahrung an Handelsschule: erworbene Behinderung bedeutet mehr Zutrauen in Möglichkeit auf HAK zu gehen als Geburtsbehinderung

Erfahrung: als gewählte Klassensprecherin von Klassenvorstand wegen mangelnder Schönheit als unpassend für das Amt empfunden

will manchmal nur behindert sein

will nicht immer tapfer und stark sein

ganz normaler Mensch

als Künstlerin politisch

bei einer der ersten mixed-abled Gruppen aktiv

wollten Geld von Kunsttöpfen (MA 7), nicht von Sozialeinrichtungen

wollten Kunst nicht als Beschäftigungstherapie

eigenen Verein gegründet

vieles selbst gegründet, weil noch nicht vorhanden

Statutenregeln: Verein mixed-abled auf Leitungsebene, Spielorte müssen barrierefrei zugänglich sein

politische Korrektheit in Kunst thematisiert

langer Kampf in der Kunst

durch Arbeit Verlust von Vergünstigungen

schwer nach Arbeit wieder Unterstützung zu bekommen

Anliegen in der Beratung

Probleme für Frauen mit Behinderung

Politikverständnis

Probleme in Österreich/Wien bei politischem Engagement

Anliegen in Beratung: Raum und Zeit haben

viel Zeit für Alltag von Frauen mit Behinderung nötig

Kind ohne Partner_in geplant zu bekommen ist ein politischer Akt

politisch aktive Frauen mit Behinderungen nicht sichtbar, weil Themen vermischt.

in Beratung wichtig: Zuhören

viel Zeit für Anziehen, Aufstehen, Einkaufen

politisch weil nicht notwendig um selbstbestimmtes Leben zu führen

Unterstellung, nur aufgrund eigener Betroffenheit aktiv zu sein

Beratung kostenlos und unlimitiert

politisch sein ist Luxus

nicht Entschieden, politisch zu sein

politisches Engagement wird nicht ernst genommen

Themen in Beratung zum Beispiel: Zeit, Frau-Sein, Frau-Sein mit Behinderung, in Ruhe essen können

Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung: Zeit

Buslinie blockieren ist politisches Handeln

Abwertung des Engagements schnell

Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen wird oft gesagt: du bist zu dick

Arztbesuche und Spitalbesuche zeitintensiv

Nicht ins Heim wollen und persönliche Assistenz fordern ist politisches Handeln

kaum Theater, Proberäume, Garderoben barrierefrei zugänglich

Frauen in Einrichtungen sollen abnehmen

Frauen mit Behinderungen auch durch Männer mit Behinderungen diskriminiert

Wunsch nach Kind ohne Hochzeit aussprechen ist politisches Handeln

Es wird kontrolliert wie viel die Frauen essen

weniger Selbstvertrauen bei Frauen

politisch sein immer aus persönlichem Bedarf ergeben

Thema: es gibt Zeit für mich

Frauen weniger Macht zugesprochen

früher kein Selbstverständnis als Feministin

in Beratung oft genötigt, alle Unterlagen mit zu bringen

weniger Möglichkeiten Bildungsmöglichkeiten für Frauen mit Behinderungen als Männer mit Behinderungen

Sehe mich als Feministin

Ihre Behinderung geht mich nichts an

weniger Support für Frauen mit Behinderungen

gerne Frau und Emanze

Themen in Beratung: Beziehungen, Gewalterfahrungen

Arbeitslosigkeit von Frauen höher als von Männern

weiter Weg zur Feministin

Gewalt durch Menschen in Einrichtungen oder andere Menschen

Was für Frauen ohne Behinderungen gilt verschärft für Frauen mit Behinderungen

nicht automatisch Feministin

viel strukturelle Gewalt

wenig öffentliches Auftreten von Frauen mit Behinderungen

langer Kampf bis Feministin

Fremdbestimmung des Zeitpunktes zu Schlafen, Aufzustehen, über Erlaubnis das Zimmer abzusperren, Erlaubnis von Besuch

Geld und Ressourcen in Ausbildung investiert

mit Beratung Beruf und politische Arbeit verbunden

Lernen von Einschätzung von Gewalt als solcher

Politische Arbeit ist: Peer-Beratung, demonstrieren, aktiv im Alltag für Selbstbestimmung einsetzen

Lernen, Nein zu sagen

keine Heldin

weil Peer-Beraterin: Erlebnisse werden weiter gegeben

politisch tätig weil notwendig

wenn Anschreien, sagen: Schrei mich nicht an

Heldinnen werden nicht gebraucht

Peer-Beraterin als Vorbild in der Beratungssituation

Solidarität zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen wichtig

Person fühlt sich ernst genommen

für gleiche Ideen engagieren, nicht für eine bestimmte Sache

Thema Beziehungen

Selbstbestimmung, Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung gilt für alle: Frauen, Männer, Kinder, Arme

Thema Gewalt an Frauen mit Behinderungen durch nicht-behinderte Partner

politische Arbeit geht über meins hinaus

wird selten geschlagen

Vielfältige Haltungen und Meinungen wertvoll

viel Unterlassene Hilfeleistung

Wichtig sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen

bei Konflikt Fenster offen lassen, Frau kann Fenster nicht schließen, wird kalt

müssen gegen Ausspielen gegeneinander aufmerksam bleiben

subtile Formen von Gewalt

politische Arbeit über eigenes Bedürfnis hinaus

schwer nachweißbare Formen von Gewalt

Kraft kommt vom Eigenen

Thema Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen

System: patriarchale Machtstrukturen

Ressourcen und Stärken erkennen

durch nicht-Auftreten werden Strukturen verfestigt

Ermutigung

weinig öffentliches Auftreten erklärbar

Themen: Wohnberatung, Sexualität, Kinderwunsch

politisches Engagement heißt sich exponieren

Bedeutung, ein Kind zu haben

für Kunst als Mensch mit Behinderung Kunsttöpfe fordern ist politisch

Beratungsthemen von Frauen vorgegeben

nicht jedes Stück hat politischen Auftrag

Beratung war keine Berufsberatung

Stücke unabsichtlich politisch

Moral bekehrt nicht

Veränderung durch Humor, neue Bilder, neue Diskurse, role model

eigene Kunst ist ohne Absicht politisch

ungleicher Support unfair

Politisch ist: als junge Frau wurde A von Arbeit abgeraten

Gedanke, dass Dinge getan werden müssen macht stark

politisch engagiert weil als wichtig eingeschätzt, nicht um Frauenquote zu heben

will nicht Kuchen, sondern Bäckerei

Inklusionsbekennung Augenauswischerei, weil gleichzeitiger Bau von Heimen

Funktionalität von Inklusion kein Argument

Haltung notwendig

Inklusion auf Rahmenbedingungen angewiesen

Rahmenbedingungen inklusiver Schulen festgelegt

Wunsch behinderte Menschen auszuschließen faschistisch

Barrierefreiheit kein Luxus sondern Menschenrecht

Voraussetzungen für politischen Engagement

Verständnis von Behinderung

Unterschiede zwischen geburtsbehindert und erworbene Behinderung

Frauenbewegung

Zeit für politische Arbeit notwendig

Meine Behinderung ist so behindert

großer Unterschied zwischen Geburtsbehinderung und erworbener Behinderung

Frauen mit Behinderung in Deutschland und Österreich von Frauenbewegung vergessen, ignoriert

Kraft für politische Arbeit notwendig

andere Sozialisation

Frauen mit Behinderung nicht als Teil der Bewegung gesehen

politisches Engagement setzt vorhandene Zeit voraus

geburtsbehinderte sind froh dass sie leben

Frauenbewegung für Frauen mit Behinderungen muss noch passieren

für politisches Engagement braucht man Kraft

durch erworbene Behinderungen Verlust von vorher gegebenem

Schönheit unnütz

Schönheit hilft

durch Verlust mehr Energie und positive Wut

Unverständnis, warum körperliche Einschränkung Verlust von Möglichkeiten bedeuten soll

mehr Power und Selbstverständlichkeit bei erworbenen Behinderungen

für geburtsbehinderte mehr Support nötig

solidarischer, weniger behinderter Mann nötig um Amt ausüben zu dürfen

Behindertenbewegung

Allgemeine Aussagen

Selbstbestimmt Leben Bewegung international eingebettet

Computer ist eine Verbesserung

Konflikte zwischen behinderten Frauen und Männern entwickelt

in Politik keine Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern

Bewusstsein und Emanzipation nicht automatisch

Mehr Männer in Machtpositionen

Menschen mit Behinderungen auch für andere, z.B. Geflüchtete, Homosexuelle Menschen, engagiert

Frauen nicht nur als Quote einbeziehen, sondern in Entscheidungspositionen

behinderte Frauen und Männer nicht vor Patriarchat gefeit

Welt ist sexistisch

eigene Vertretung für Heime z.B. das Selbstvertretungszentrum in Wien

Behindertenfilme furchtbar

Funktionieren von Interessensvertreter in Institutionen bezweifelt

in Filmen träumen behinderte Personen vom Leben ohne Behinderung

Interessensvertreter nicht außenstehend, unabhängig

Mütter fördern Buben mehr

werden gewählt aber nicht Unabhängig

Zerstörung von 20 Jahren Arbeit durch neue Regierung

leben, arbeiten, wohnen fällt zusammen

Zerstörung von Arbeit durch Dummheit und Nicht-Wissen

für Deinstitutionalisierung

Stundenlohn in Werkstätten ein Hohn

in Werkstätten nicht Sozialversichert

Arbeit in Werkstätten ist Sklavenarbeit

9.2. Tabelle von Fall B – Kategorisierte Paraphrasen

soziokultureller Hintergrund

Biographische Erfahrungen

Erfahrungen als Frau mit Behinderung

Erfahrung von Unterstützung

31 Jahre, wohnt in Wien

aktuell Artikelverfassen über anstehende Gesetzesnovelle zur Sachwalterschaft

Frauen lernen im Bezug auf Körper nicht Nein zu sagen

persönliche Kontakte

Arbeit halbtags an Universität Wien, ehrenamtlich im Referat für Barrierefreiheit der ÖH Uni Wien

Artikel für linken Blog (Mosaik)

Körper als defizitär, Schmerzen sollen ertragen werden

seit 26 Jahre alt behindert

Blog wollte Artikel zu Sachwalterschaft

als Frau Verlust von Intimität im Krankenhaus

bisherige Unkenntnis des Themas

Morbus Bechterew lange als Männerkrankheit, aber betrifft Frauen und Männer gleichermaßen

politisiert mit 15 Jahren in der neunten Klasse

Unwissen von Frauen mit Morbus Bechterew weil Frauen Berichte von Schmerzen nicht geglaubt wurden

in Diskussion deutlich gemacht, Bildung, Gesundheit, öffentlicher Verkehr, Mobilität muss einkommens-unabhängig sein.

Schmerzen als weniger schlimm beschrieben

bin Sozialistin

Männer vokalisieren Schmerzen

hatte Interesse an Dritter Welt

spätere Diagnose für Frauen, daher Jahre mit unnötigem Leiden

wollte Leuten helfen

Verstärkung von krank sein und Frau sein

beste Freundin von IE-Studium berichtet

Verselbstständigung von politischer Organisierung im IE-Studium

Referat für Barrierefreiheit als Möglichkeit für weiteres politisches Engagement

Posten bisher für niemanden interessant

erste Kollegin keine Hilfe, evtl. psychisch Krank aber keine Kommunikation

Im Referat für Barrierefreiheit bisher keine Wissensarchivierung

bei Null angefangen

Kombination unterschiedlicher Schwerpunkte

erfahrene, bekannte Person auf UV war Unterstützung

Beschäftigung mit psychischen Behinderungen und psychischen Krankheiten durch Psychologie-Studierende

habe kaum Kenntnisse zu Personen mit Lernschwierigkeiten

kenne kaum Menschen mit Lernschwierigkeiten aufgrund universitären Umfelds

Menschen mit Lernschwierigkeiten studieren nicht

gute Ergänzung unterschiedlicher Zugänge im Barref, z.B. Neuro-Diversity

war lange im Krankenhaus

nicht genug politisch aktiv

Berührung von A mit Werkstätten nur bei Beantragung des Behindertenausweises

B wurde geraten, dass keine Verminderung der Arbeitsfähigkeit drin stehen soll

Politisches Engagement für Menschen mit Behinderungen aufgrund eigener Behinderung

vorher nicht daran interessiert

Menschen mit Behinderung im schwäbischen Dorf nicht integriert

Interesse mit Erfahrung am eigenen Leib

Probleme beim Beenden des Studiums mit Behinderung

Krankheit Studium verunmöglicht

keine Unterstützung, Steine in den Weg gelegt durch Uni

als Bittstellerin und Störenfriedin gesehen

Anliegen in der Beratung

Probleme für Frauen mit Behinderung

Politikverständnis

Problem von Frauen für viele von Intersektionalität betroffene gleich

Privates ist politisch

als Frau diskriminiert und mit Sexismus und Gewalt konfrontiert

Politisch ist: Parteien, Wettkampf der Ideen, Parlament, Gesetzgebung, Staatsapparat, Zivilgesellschaft

Verstärkung bei Frauen mit Behinderung

Politik in Vereinen, NGOS, auf öffentlichen Plätzen, in Kämpfen um öffentliche Plätze und Öffentlichkeit

viel sexualisierte Gewalt in Heimen gegen Frauen

häusliche Gewalt mit Politik zu tun

mangelnde Sprache für Frauen mit Lernschwierigkeiten

Unterfinanzierung von Frauenhäusern politischer Akt, wirksam im Privaten

Schwierig über Gewalt zu reden

Definition von Politik soll keine gesellschaftlichen Bereiche ausschließen

Thema Mutterschaft wichtig

Frage, ob ich richtig Politik mache

Behinderte sollen keine Kinder haben

besser mehr oder besser weniger Politik machen?

früher Zwangssterilisationen von geistig Behinderten

Mut für politisches Engagement in faschistoidem Land schwierig

fehlendes Zutrauen in Kindererziehung durch Frauen mit körperlicher Behinderung

ÖH institutionalisiert, staatlich gewünscht, vorgegebene Rolle aber Freiheiten

Verantwortung bei Frauen, durch Pränataldiagnostik Kinde mit Behinderungen zu verhindern

Politik durch Beratung

Schwierig, Anliegen von Frauen mit Behinderungen zu artikulieren und durchzusetzen

in Beratung auf politisch-kämpferisches Verweisen

ähnlich wie bei anderen politischen Bewegungen

Beratung oft: Sorry, da können wir nix machen

durch Patriarchat auch marginalisierte Männlichkeiten besser als Frauen

Politik durch Ermutigung von Leuten

Gefühl von Nicht-Allein-Sein vermitteln wichtig für politischen Mut

Politik mittels Veranstaltungen

Politik mittels Artikelschreiben, Auseinandersetzung mit neuen Themen

Probleme in Österreich/Wien bei politischem Engagement

Voraussetzungen für politischen Engagement

Verständnis von Behinderung

antifaschistisches Engagement z.B. Info-Center trotz Krankheit

Bedeutung Behinderung: breites Verständnis

antifaschistisches Engagement nicht mehr möglich

aktiv von der Gesellschaft gehindert

Traurig dass nicht möglich

passiv von Körper gehindert

Teilnahme an Wiener Linksradikalen nicht möglich

wechselseitiges Verhältnis

kein Raum barrierefrei: Nicht räumlich für Rollstühle, nass, kalt, verraucht, laut, nicht partizipativ, nicht-Gönnen von Ruhepausen, Urlaub, kein Rückzugsraum

Gesellschaft verwehrt Teilnahme

schnell klar: Engagement nicht mehr möglich

aktive und passive Behinderung

Strukturen fest gefahren

Ausschluss von Behinderungen durch zu enge Definitionen

Behinderung auch, wenn Menschen von Gesellschaft behindert werden, sich aber nicht als behindert wahrnehmen

andere Beschreibungen von Behinderung: soziales Modell, kulturelles Modell, medizinisches Modell

Behinderung des Körpers, des Leibes wichtig

Leib inkludiert Psyche

Permanente oder temporäre Behinderung möglich

temporär: nicht dauerhaft, von Gesellschaft akzeptiert

temporär nicht Bs Behinderungsbegriff

Unterschiede zwischen geburtsbehindert und erworbene Behinderung

Frauenbewegung

Behindertenbewegung

Allgemeine Aussagen

Unsicher, ob Behinderte durch Krankheit und ohne Krankheit zusammen vertreten werden sollten

Verein Ninlil unterstützt

Menschen mit Morbus Bechterew kommen manchmal in Werkstätten

Frage, ob gemeinsamer Kampf gut tut

Mitarbeit von vielen Frauen in Behindertenbewegung, aber Männer an Spitze

Werkstätten für Menschen mit Morbus Bechterew schlecht

B will geheilt werden, hofft auf neue Fortschritte bezüglich der Krankheit

stark Männerdominiertes Feld

B will nicht behindert sein

Feminismus ordne ich nicht Behinderung unter oder umgekehrt

Schmerzen sind immer Manko

Angeblich irrelevant ob Frau oder Mann im Rollstuhl, Forderung nach gemeinsamen Kampf

Geburtsbehinderte kämpfen gegen andere Probleme, z.B. Heime

Subsumierung von Bedürfnissen von Frauen

Geburtsbehinderte kämpfen gegen Behindertenwerkstätten

Trennung von feministischen Kämpfen und behindertenpolitischen Kämpfen durch Frauen mit Behinderungen

erste Erfahrung mit Unterschied zwischen Behinderten: aufpassen, selbst nicht zu behindert zu werden, nicht wie die anderen Behinderten werden

schwer, feministische Themen in Behindertenbewegung und Organisationen rein zu bringen

Angst von chronisch Kranken und Krankheitsvereinen, zu behindert zu werden

Notwendig als Behinderten-Gruppen Lobbyarbeit zu machen

Angst verhindert Bündnispolitk

Lobbyarbeit vor allem im gesetzlichen Bereich nötig

schwierige Ausgangslage, wenig thematisiert

für Lobbyarbeit Koalitionspartner wichtig

Single-Issues für Lobbyarbeit einfacher

Kompromiss schon vor Formulierung der Forderung

Kompromiss in Forderung schlecht, da eigentlicher Kompromiss noch schlechter wird

österreichische Behindertenbewegung beeinflusst durch Kriegsinvalide

früher viele körperlich und psychisch behinderte Männer durch Krieg

Aufbau der Behindertenpolitik auf Veteranenvereinen

evtl. durch Veteranenvereine männlich dominierte Themen in Behindertenbewegung

Veteranen bestimmen Bild von Behinderungen für unsere Eltern

Veränderung des Bildes von Behinderung seit Jahrzehnten

Frage, wie nach Studium weiter politisch aktiv sein

gähnende Lehre, wo politisch engagieren?

Bizeps hat rechte Positionen, Mitarbeit dort nicht gut für B

Bizeps aus anderer Bewegung entstanden

Bedürfnisse von Behinderten können sich gegenseitig ausschließen und konträr sein

Blindenleitsysteme für blinde Menschen möglichst eindeutig und Linien höher, für Elektrorollis hohe Linien problematische

Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Erkrankungen unterschiedlich, Räume sollen hell erleuchtet sein oder Räume sollen nicht hell erleuchtet sein; Ausgang gut oder nicht gut sichtbar

Notwendig in Behindertenbewegung mehr zu thematisieren

9.3.Transkriptionsregeln

  1. Es wird wörtlich transkribiert, also nicht lautsprachlich oder zusammenfassend. Vorhandene Dialekte werden nicht mittranskribiert, sondern möglichst genau in Hochdeutsch übersetzt.

  2. Sprache und Interpunktion werden leicht geglättet, d. h. an das Schriftdeutsch angenähert. Zum Beispiel wird aus „Er hatte noch so’n Buch genannt“ → „Er hatte noch so ein Buch genannt“. Die Satzform, bestimmte und unbestimmte Artikel etc. werden auch dann beibehalten, wenn sie Fehler enthalten.

  3. Deutliche, längere Pausen werden durch einen in Klammern gesetzten Auslassungspunkt (.) angegeben, bei längeren Pausen wird eine Zahl entsprechend der Dauer in Sekunden angegeben.

  4. Einwürfe der jeweils anderen Person werden mit ∟ gekennzeichnet.

  5. Absätze der interviewenden Person werden durch ein „Y:“, die der befragten Person(en) durch ein eindeutiges Kürzel, z. B. „A;“, gekennzeichnet.

  6. Jeder Sprechbeitrag wird als eigener Absatz transkribiert. Ein Sprecherwechsel wird durch zweimaliges Drücken der Enter-Taste, also einer Leerzeile zwischen den Sprechern deutlich gemacht, um so die Lesbarkeit zu erhöhen.

  7. Störungen werden unter Angabe der Ursache in Klammern notiert, z. B. (Handy klingelt).

  8. Lachen wird mit @(.)@ angegeben. Lachend Gesprochenes wird mit @()@ angegeben.

  9. Nonverbale Aktivitäten und Äußerungen der befragten wie auch der interviewenden Person werden in Doppelklammern notiert, z. B. ((hustet)) und Ähnliches.

  10. Unverständliche Wörter werden durch (unverständlich) kenntlich gemacht

  11. Alle Angaben, die einen Rückschluss auf eine befragte Person erlauben, werden anonymisiert.

9.4 Transkript von Fall A

Y: Genau, vielleicht kannst du kurz irgndwie was sagen:: (2) ah jetzt is schon. #00:00:05-7#

└ A: (unverständlich) #00:00:05-6#

Y: Äh, ne, oke, des war jetzt nur für die Spektrumanalyse #00:00:09-5#

└ A: Achso. Hallo hallo hallo #00:00:10-1#

Y: Aber ich glaub des hat jetzt schon (.) @(.)@ #00:00:10-9#

└ A: Ich bin da:: #00:00:13-8#

Y: ((hustet)) #00:00:12-8#

└ A: @(.)@

Y: Super ich glaub es passt. #00:00:15-7#

└ A: (unverständlich) #00:00:16-4#

Y: Ähm:: ja, also genau, vielleicht magst du einfach kurz was von dir erzählen #00:00:23-4#

A: Mhm, also:: ich bin:: mein Namen? Nein. Also ich bin sozusagen ähm 48 Jahre alt ich bin eine Frau mit einer ähm man nennts halt einfach körperlichen Behinderung, im Umgangssprachlichen sagt man Spastikerin. Ähm ich sitz im Rollstuhl und kann aber mit Stecken gehn. Ich bin, hab ich das Alter schon gesagt? Ja, ich bin von Beruf äh ausgebildete Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Sexualität, ich bin Peer-Beraterin und äh, was eigentlich mein Hauptberuf, meinem Gefühl ist, ich bin Performance-Künstlerin. Ähm und des, den Beratungsarbeit hab ich eigentlich äh begonnen weil mich erstens immer Beratung interessiert hat, Sexualität interessiert hat, und ich neben meiner Performance-Arbeit äh immer schon gewusst hab, ich werd nie daneben kellnern können, ich werd auch sicher nicht von der Kunst kontinuierlich leben können, also brauch ich einen 2. Job. So. Ähm:: das, das würd ich so zu mir sagen, genau, und ich habe eine, eine Tochter, meine Tochter ist jetzt, das ist mir wichtig, weil es is wichtig im Lebenslauf und ist in meinem Fall sehr politisch, weil ich sozuasagen ähm ein Kind bekommen hab weil ich ein Kind wollte, und nicht weil ich eine Beziehung hatte und einen Mann. Also ich wollte unbedingt ein Kind, und ich hatte die Regel, wenn ich bis ähm, bis 40 äh nicht schaffe mit #00:01:51-9# einer, mit einer Partnerin oder einem Partner ein Kind zu bekommen, dann bekomm ich einfach ein Kind ohne Partner oder Partnerin. #00:01:58-9#

(Dieser Ausschnitt wird nicht transkribiert.) #00:02:17-8#

A: Mir ist nur wichtig ähm, das zu sagen, weil meine Tochter sozusagen so aufgewachsen ist dass ich immer sag du hast einen Papa der dich mit mir gemacht hat und einen der für dich da ist. So. Und für sie ist das ganz normal. Und das ist für mich nämlich auch schon ein politischer Akt. Es war jetzt so die Frage, ähm, äh, Frauen mit Behinderung die halt politisch tätig sind ähm, und dass sie wenig sichtbar sind, und ich hab das Gefühl ich bin da auch nicht ähm, ich hab mich nicht entschieden: Ich bin jetzt politisch, sondern ich bin da sozusagen einfach ähm hinein gekommen. Sozusagen dadurch äh, wie ich lebe und wie ich leben wollte bin ich sozusa- also sozusagen irgendwie bin ich politisch geworden weils nicht anders geht, wenn man sozusagen, wenn man sozusagen ein selbstbestimmtes Leben leben will als Mensch mit Behinderung, dann (.) muss man politisch werden, weil sonst kann man nicht selbstbestimmt leben. Also das war jetzt gar nicht so: Ich bin jetzt politisch. Das hat sich einfach sozuagen ergeben aus: erstes Mal den 13A (anmerkung Y: Buslinie) blockieren, das nächste Mal sagen ich brauch Assistenz weil ich will nicht ins Heim ähm äh das nächste Mal sagen ich möchte ein Kind und ich will dafür nicht unbedingt äh, ähm heiraten müssen @(.)@ #00:03:37-9# Äh so halt. Also sozusagen es hat sich immer aus einem, aus einem, es ist vielleicht nicht sehr edelmütig, aber es hat sich immer aus einem persönlichen Bedarf @(ergeben)@. Äh ich wollte zum Beispiel studieren, aber es waren einfach viel zu viele Stufen überall und (.) und es war einfach körperlich nicht möglich zu studieren ähm äh und hab, ich wollt eigentlich vergleichende Literaturwissenschaft studieren, das is, war aber eine Uni mit irrsinnig vielen ich sags immer so: Wendeltreppen. Und dann wollt ich Germanistik studieren, das hab ich dann begonnnen, auch da wieder zu viele Stufen, zu viele weite Wege, Anmeldungen waren nicht möglich weil man muss stundenlang stehn, und dann muss man sich gut vordrängeln können und wenn man das nicht kann dann kommt man einfach nie zur Anmeldung. Also so gesehn ist hier der Cumputer eine gute Sache, weil man sich jetzt online schneller anmelden kann. Aber jetzt bin ich wieder vom Thema abgewies- also poli- also ich bin sozusagen ich führ und ich hab immer das Gefühl wollte ich nie zu den Feministinnen zählen. #00:04:39-2# Weil ich hab mir gedacht: nein, das sind äh, die (.) erstens war ein langer Kampf überhaupt zu spüren dass ich ähm, das Frausein zu spüren, das is eh schon ein, für mich is es schon ein alter Hut. Ich hab das Gefühl ich mach schon seit 20 bis 30 Jahren nichts anderes als das jetzt zu erzählen was ich hier jetzt erzähl. #00:04:59-8#

└ Y: //mhm// #00:04:59-8#

└ A: Also dieses Gefühl, dieser Kampf überhaupt, äh (.) ähm jetzt in der ganzen Diversität und äh und ähm (.) Gender und Transgender und düdüdü de- Debatte ähm wa-, wa-, war für mich so eine Luxus- is es jetz sozusagen ein Luxus-Programm, weil vorher kommt des Thema: bin ich überhaupt eine F- eine Frau? Ja, also es war schon ein langer Kampf (zu sagen) dass ähm dass die Frauenbewegung (unverständlich) dass die Frauenbewegung in Deutschland, in Österreich, sonst kenn ich sie nicht so gut, äh, auch die Frauen mit Behinderung sozusagen vergessen, ignoriert, weiß ich nicht, ja, eben auch nicht sozusagen als Teil ihrer Bewegung gesehen hat, und erst im Laufe der Behindertenbewegung ähm uns mit sehr persönlichen Kontakten, also ich hab eine Freundin, die, die is eine Feministin und eine emanzipierte Frau und sie war eine Frau die mich sehr unterstützt hat, mich als Frau zu sehen, äh, die mir geholfen hat. Ich seh mich sehr als Feministin mittlerweile. Ich seh mich, ich bin eine Emanze, ich sag das sehr gern, ich sag nicht, ich bin emanzipiert aber, (.) sondern: Nein. Ich bin eine Emanze, ich bin eine Frau, ich bin das gern. #00:06:20-5# Ja, und ich sag das immer wieder und es wird immer, immer werd ich anders äh zitiert, oft, ja, oder interpretiert ähm und ich steh dazu. Und es gibt kein, keinen Unterton dabei, ja, das ist mir ur wichtig. Aber das hab ich mir (.) ähm, das war auch ein Weg. Es ist irgendwie nie einfach nur so, ich bin das jetzt und dann bin ichs, sondern es war immer so ein (.) ja, is eh wahrscheinlich für jeden. Es war nicht automatisch, es war immer, immer das Gefühl, immer, immer kämpfen. (Es war) nie da das Gefühl: Ist halt so. Ich bin nicht so aufgewachsen, ich bin sehr, (.) sehr (..) in einem sagen ma konservativ-bäuerlichen Milieu aufgewachsen, ja. Das heißt das war alles neu, so. #00:07:10-0#

Y: Muss mir nur kurz alle irgendelche Sachen die grade nicht passen, muss des mir aufschreiben, sonst vergess ich des dann nachher wieder. ((hustet)) #00:07:24-4#

└ A: die nicht passen @(.)@ #00:07:23-9#

Y: Hm? #00:07:25-1#

A: Sachen die nicht passen oder wie? #00:07:28-0#

Y: Genau, also mir grad was einfällt was ich jetzt besser nicht sag, weil des sonst so verwirrend is dann, schreib ich mir des jetzt @(mal kurz auf)@ . #00:07:36-3#

A: @(.)@ #00:07:35-7#

Y: So, jetz hab ich dich aber unterbrochen, oder? #00:07:56-7#

A: Ja, macht aber nichts. Ich bin zum Beispiel froh wenn du mich Sachen fragst, weil sonst, sonst dreh ich mich sozusagen immer ums selbe. #00:08:03-6#

Y: Mhm, ähm, (..) also:: generell:: also mal so des erste was ich besonders wichtig find, is was sind, also was (.) meinst du sind so die besonderen Probleme von Frauen mit Behinderungen? Für die es sozusagen sich dann lohnt, politisch zu werden. #00:08:26-8#

A: Ich glaube halt, man, man, also politische Arbeit braucht Zeit, politische Arbeit braucht Kraft und, und, und, und ich glaube halt, dass sozusagen manchmal der Alltag für Frauen mit Behinderung schon so,so viel Zeit, der Alltag, der banale Alltag, äh, schon, also anziehen, aufstehen, einkaufen und so weiter, schon so viel Zeit und Kraft braucht, dass einfach es sich fast schon wie ein Luxus ausch- anfühlt, politisch zu sein Y: //mhm// Ja, oder sich politisch zu engagieren. Weil das auch Zeit braucht, weil das auch Kraft braucht, und weil, das muss ich schon sagen, ein, für mich ist ein großer Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag ist des, ist d- ist des Thema Zeit. Ja, ähm, und eben dass sozusagen äh viele Arzt, also viele Arztbesuche, viele Spitalbesuche einfach wahnsinnig Zeitintensiv sind Y: //mhm// #00:09:26-2# Ja, ähm und, und ich das immer als, als einen positiven Luxus und sehr wichtig finde, aber auch, die Zeit muss man haben, sich politisch zu engagieren. Also, brauch ich wahrscheinlich dir nicht erzählen. Ähm, und, und eine wie, eine:: ich bin zwischen 5 und 14 Jahren 6 mal operiert worden, zum Beispiel. Also, sozusagen Y: //mhm// meine Kindheit kann ich sozusagen also ich hab bin ein Mensch die immer sagt: ich möcht nie mehr ein Kind sein. Es waren eine mh meine schlimmste Zeit in meinem Leben, ähm und ich möchts nie mehr wieder erleben. Und ich bin, war wahnsinnig froh wie ich erwachsen war und ich hab aber das Gefühl erst mit 26, mit 26 und ich hab immer das Gefühl ich hab 10 Jahre verloren. Wenn man mich fragt, wie, ich bin jetzt 48 und ich hab immer das Gefühl, ich bin 10 Jahre jünger Y: //mhm// so, so gefühlt, und ich hab auch 10 Jahre verlorn Y: //mhm// Also 10 Jahre mit Therapien, 10 Jahre mit Operationen, die mir abgehen und die ich versuch (.) nachzuholen, und eben politisch aktiv (unverständlich) das halt das Gute, ich bin sozusagen schon sehr lange Beraterin im, im, im Beratungsbereich und im Bereich für Menschen mit Behinderung und dadurch hab ich sozusagen meinen Beruf und die politische Arbeit, was ich super find, verbinden können. #00:10:48-7# Also, weil Peer-Beratung ist für mich politische Arbeit äh, dem- äh demonstrieren aber auch sich aktiv im aktiv im Alltag einzusetzen für Selbstbestimmung, das ist alles für mich politische Arbeit. (Aber) ich wüsste nicht ob ich neben meiner normalen Arbeit so politisch aktiv wäre wie ich bin, wie ich jetzt bin. Ich hab immer das Gefühl (.) ich bin nicht sehr heldenhaft. Ich bin einfach politisch tätig, weils notwendig ist. Also Y: //mhm// äh sozusagen das ist mir auch so wichtig, äh, also wir brauchen sozusagen keine (.) Heldinnen, und die werden dann stilisiert zu irgendwas Tollem, sondern einfach, einfach Solidarität untereinander, Solidarität zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen, die für die selbe (.) Ideen einstehen und nicht für eine ganz bestimmte Sache. Also, wenn ich für Selbstbestimmung bin, oder für Gleichberechtigung, oder für Gleichwertigkeit, dann gilt das für Frauen, dann gilt das für Männer, dann gilt das für Kinder, also, also Kinderrechte und so weiter, oder ähm, Armutsbekämpfung, also ich hab das Gefühl, sobald man politisch aktiv wird, ist das Feld (.) wahnsinnig groß, ja. Und ich hab sozusagen es geschafft für mich persönlich meinen Beruf und mein Engagement zusammen Y: //((hustet))// zusammen zu bringen, ich, ich glaub ich könnts nicht so einteilen in so schöne Häppchen. Und warum wir dann vielleicht nicht sichtbar werden, weil, weil eben so schnell (..) alles vermischt wird. Also auch, die Gefahr is immer auch, naja die macht das ja nur, weil sie behindert ist, also es ist auch die Gefahr wenn ichs jetzt so erzähl, sonst wär sie vielleicht politisch gar nicht aktiv. #00:12:35-6# Ja, also, (unverständlich) das was ich jetzt als positiv erzähl könnte auch gegen mich verwendet werden, so, also sie macht das ja nur weil sie behindert ist, und wenn sie nicht behindert wäre, wär sie vielleicht gar nicht politisch aktiv, ja. Y: //mhm// Glaub ich nicht, weiß ich aber nicht, weil sozusagen meine Behinderung und ich, man uns nicht (.) trennen, ja also weil ich, ich bin eine, eine Frau mit einer Behinderung. Ich glaube ich wäre, ähm, eine ähnliche Perse-, Persönlichkeit, aber das ist eine sinnlose Diskussion, weil, (meine) Persönlichkeit (.) die bin ich aufgrund, mit meiner Behin- also das is so eine schwere Y: //mhm// Diskussion. Und die Sichtbarkeit ist dann so schwierig, weil, weil man kann mich ja auch, oder überhaupt Menschen mit Behinderung, damit abtun, ja, Y: //mhm// dass man das politische Engagement nicht ernst nimmt, weil man sagt, das macht sie ja nur, weil, ja. Also, also diese Frage fand ich sehr interessant: warum sind Frauen, politische Frauen nicht so sichtbar. Ich glaube weil, weil diese Abwertung so schnell passiert. Ja, also sie #00:13:41-5#

(Interview unterbrochen) #00:13:51-6#

Y: So. #00:13:52-6#

A: Weißt du wa, weißt du was ich sagen wollte damit? Also weil die Frage war sehr stark, warum wir nicht sichtbar werden, äh, ich, weil es die, diese Frauenberatungsstelle zum Beispiel die, die::, die Zeitlupe hab ich gemeinsam mit, mit Nin-, Ninlil gegründet. Das war schon mein persönliches Engagement, aber auch das Engagement von nicht-behinderten Leuten die das wichtig finden. Also es war eine, eine Zusammenarbeit, ja. Y: //mhm// Ich glaub es, ähm (.) Und dadurch dass selbstbestimmt, und äh die Selbstbestimmt Leben Bewegung, also die BIZEPS halt, als starke Selbstbestimmt Leben Bewegung, aber auch natürlich die deutsche, weil die Sachen sich halt immer, immer stark beeinflussen. Also ich empfinde uns immer alle als Zusammengehöriges. Das geht halt von Amerika nach Deutschland, von Deutschland nach Österreich und, und so. Es muss Y: //mhm// immer auch was in der Luft liegen, #00:14:44-9# ja, so, sozusagen. Und, und innerhalb der Behindertenbewegung gabs dann, glaub ich halt auch, also, nicht glaub ich, weiß ich, Konflikte zwischen behinderten Frauen und Männern. Y: //mhm// Und dann glaub ich haben sich dann die behinderten Frauen sozusagen so weit etabliert, dass sie gesagt haben: Ähm, Behinderung sag ich jetzt mal ist kein Geschlecht, ja. Und, ähm auch Männer mit Behinderung äh diskriminieren Frauen mit Behinderung, und da gibts nicht automatisch eine (.) eine, ein Bewusstsein, oder ei-, eine Emanzipation und so. Und wichtig find ich auch, ähm jetzt hör ich dann eh gleich auf, damit wir raus kommen aus dem (.) Menschen mit Behinderung sind ja nur für Behinderte engagiert, dass ich mich auch immer so seh, dass ich mich sehr wohl auch für, für (.) ich weiß nicht, für (.) ich hab das Wort nicht so gern. Für Menschen die flüchten müssen, oder für Menschen die eine andere sexuelle Orientierung haben als ich, ja. Es geht einfach nicht immer nur um mich, ja. Das ist mir bei meiner politischen Arbeit wichtig, dass ich sozusagen über meins hinaus seh, dass ich Gemeinsamkeiten seh und die seh ich zum Beispiel, aber auch Unterschiede. #00:15:59-3# Also ich mag auch nicht dieses immer, wir machen uns gleich, damit wir soz-, solidarisch sein können, also das, diese. Aber das is es glaub ich bei Diversity Studies so, dass die Unterschiede auch ein Wert sind, ja. Y: //mhm// Und, und, und auch nicht schön geredet werden können und auch manchmal Konflikte und Reibung nicht (.) äh, schön geredet werden kann, sondern einfach da ist, ja. Oder unterschiedliche Haltungen und nicht (.) alle Frauen haben zu allem die gleiche Meinung und das find ich aber wertvoll. Nicht sozusagen, wichtig und sich nicht ausspielen lassen, das ist so eins meiner Themen. Y: //mhm// Also was ja dann oft passiert, in, also in den polemischen Auseinandersetzungen äh, wär-, sagen wir mal, wären die Ausländer nicht, hätten die behinderten Leute mehr Geld blablabla, ist ja alles ein Blödsinn, ja. Aber wird, wird oft so benutzt, ja Y: //mhm// und da müssen wir äh aufmerksam sein, ja, und bleiben, so das ist so, das ist dann für mich sozusagen politische Arbeit über d-, über das eigene Bedürfnis hinaus. #00:17:01-9# Obwohl ich das Eigene auch wichtig find, weil da kriegst die Kraft her, ja. Y: //mhm// Also, #00:17:10-8#

└ Y: Ähm ((räuspern)), was mich, ähm so, schon noch so ganz konkret interessiert, ist, ähm, im, innerhalb der Behindertenbewegung die in Österreich, die jetz, die auch nicht abgeschlossen ist, oder homogen, aber, sozusagen, ich hab so ein bisschen den Eindruck, dass eben gerade auch da:: eben Frauen einfach nicht so ähm nicht so öffentlich auftreten oder so? Wie siehst du das, also zum Beispiel bei ÖZIV oder, weiß nicht, bei diesen ganzen größeren Vereinen, wie, hast du da ne Meinung? #00:17:50-5#

A: Ja, das stimmt. @(.)@ Also ich weiß nicht, es, natürlich es sind ja matriarchale ähm, nein (unverständlich) dieses Wort #00:17:59-7#

└ Y: @(.)@ #00:17:59-7#

└ A: (unverständlich) Also patriarchale Machtstrukturen, äh, das mag ich so gern, weil das hab ich gelernt und es beschreibts für mich so gern, dass patriarchale Machtstrukturen erstens Männer auch betreffen, und zweitens natürlich sind weder behinderte Männer noch behinderte Frauen davor gefeit. Also, dass diese, dieses System, ähm, (.) für uns genauso gilt und dass wir äh, dass ich immer noch das Gefühl hab, da haben wir nicht so viel, wir Frauen sag ich jetzt, das ist immer blöd verallgemeinert, aber da haben wir nicht so viel Selbstvertrauen, da kriegen wir nicht so viel Macht zugesprochen. Wir haben, wir wissen alle, dass Frauen mit Behinderung, äh, weniger, ähm, weniger Bildung äh, ah weniger Möglichkeiten auf Bildung haben, weniger Support bekommen, äh, ähm, dass die Arbeitslosigkeit von Frauen höher ist als von Männern, blablabla. Also, es ist sozusagen alles, was für Frauen ohne Behinderung und für Männer ohne Behinderung gilt, gilt noch einmal für Frauen, ähm, mit Behinderung. Also, nochmal schärfer. Das, und ich glaub daher kommt dieses weniger Sichtbar-Sein, das heißt: Die Frauenbewegung für Frauen mit Behinderung (.) die muss auch erst passieren. Also, oder die passiert, aber, ich merk das schon bei mir, dass ich mich, ähm (.) #00:19:23-0# Ja, ich weiß nicht, dass ich me-, dass es lang gebraucht hat, jetzt bin ich fast 50 und trotzdem brauch ich immer Frauen, die dann zu mir sagen, A., du schaffst das. Ja, und dann kommt dazu sozusagen das Gefühl, äh weniger Bildung zu haben, deswegen weniger, das haben wir eh geredet, beim Telefon, das Y: //mhm// war so typisch, weniger gscheit zu sein. #00:19:43-8# Ich hab Angst vor dieser Plenumsdiskussion, weil ich weiß, dass da lauter Uni-Leute sitzen, und dann werd ich wie sicher deppert da stehn. Also das sind so Themen und, und aus meiner politischen Haltung denk ich mir, denk ich mir dann: Ich machs trotzdem, weil wenn ich ewig sag ich hab nicht studiert, ich darf nicht mit reden, dann verfestige ich das selber, ja. Y: //mhm// Aso, ähm, aber natürlich ähm (.) ja, warum das so ist? Ja, ich, ich finde ja, der Eindruck stimmt, aber ich finde sozusagen das ist erklärbar und, und wundert mich nicht, ja. Und meine Erfahrung, ich arbeit, hab ja viel schon als Beraterin gearbeitet, und auch mit, also ich auch in der WAG Y: //((husten))// gearbeitet, des is, die WAG, ich weiß nicht ob du die WAG kennst? #00:20:32-8#

└ Y: mhm (bejahend) #00:20:32-8#

A: Wo, äh, da hab ich auch lang als Beraterin gearbeitet, ich bei Integration Wien gearbeitet, ich hab bei der Zeitlupe gearbeitet, das heißt ich hab sowohl mit, bei Zeitlupe ist halt eine Frauenberatungsstelle, aber, aber die WAG ist für Männer und für Frauen. Und, und ich berate natürlich auch selbstständig, ich bin ja auch selbstständig, ich hab den Gewerbeschein. Dafür brauch ich aber viel Therapie, viel Coaching, also ich hab, und auch wieder viel Geld, viel Ressourcen ja, äh und Eltern die meine Ausbildung bezahlt haben, ja. Dass ich mich, dass ich mich getraut hab überhaupt mich selbstständig zu machen, hat mindestens 10 Coaching-Sitzungen gekostet, die 120 Euro kosten. Ich, ich mein nur es ist sozusagen einfach immer auch Geld, Ressourcen dahinter, ja Y: //mhm// und Persönliches, das ist mir wichtig genug, äh und dann hab ich mich das getraut, ja. Das, das will ich betonen, dass es sozusagen, es ist (.) immer meine eigene Kraft und immer viel Support den ich selber bezahl oder den ich von Freunden bekomm ,Y: //mhm// ja. Und daher ähm, ähm und ich, ich geb dir Recht, ja, ja der, der Eindruck ist bei mir auch. Aber, wie, wie kann das anders sein, wenn das auch sonst sozusagen wir das nicht schaffen in der Politik, äh eine, eine Ausgewogenheit zu finden zwischen Männern und Frauen in, in wirklich. Nämlich in Machtpositionen, wo man auch was, das ist ja das, das Thema, in, in machtvollen Positionen im Sinne wo man was machen kann. Und nicht nur: Wir setzen jetzt eine Frau hin damit sie da sitzt und wir sagen können, wir haben eine Frau, ja. Sondern, Frauen die dann auch was entscheiden können. #00:22:17-8# Und, das muss man ja auch ähm Selbstvertrauen, wenn man behindert ist, wenn man (.) Okay, stop. Was ich, ich mach auch noch einen großen Unterschied zwischen Frauen oder Menschen die mit geburtsbehindert sind äh, nen großen Unterschied ob man geburtsbehindert ist, das sag ich immer gern, oder eine erworbene Behinderung hat, oder durch einen Unfall behindert ist. Weil ich Y: //mhm// glaube dass, was die Sozialisation dann auch ganz anders ist. Y: //mhm// Und mein Lieblingsbeispiel ist halt, es ist jetzt polemisch, aber bei, wenn man sozusagen wie ich von Geburt an behindert ist, ist immer das Gefühl: Sei froh dass du da bist, ja, und sei dankbar dass, dass man dich nicht umgebracht hat, oder liegen lassen. Ich übertreib, also ich übertreib jetzt. Und wenn man aber ein (Rehabler) ist, also man erwirbt eine Behinderung, oder man hatte einen Unfall, dann hat man was verloren, ja, Y: //mhm// was man vorher hatte. Und dann hat man, ist jetzt meine, mehr, mehr Energie um positive Wut, ja, ich möchte das haben was ich, was ich bis jetzt hatte. Und warum ist eine körperliche oder (.) Einschränkung sozusagen ein Grund dass ich das jetzt nicht mehr hab. Und das gibt auch Energie und Selbstvertrauen. #00:23:32-4# Weil, ähm (.) weil ich kenn ja, ich hab ja Freunde, die äh, eine Behinderung erworben haben, oder wo die Behinderung sozusagen, wo die, nicht die Behinderung, wos halt wie soll ich sagen, wo man halt vom Gehen zum Rollstuhl kommt, ja. Y: //mhm// Ähm, und dann merk ich immer mehr, mehr Power, mehr Selbstverständlichkeit. Ich, ich hab immer mehr, viel mehr Angst, das zu fordern, ja. Y: //mhm// Also, das ist für mich ein, das kann ein Grund sein und dann brauchst du mehr Support, bräuchte, braucht man mehr Support von anderen, die sagen: Du schaffst das, du kannst das, ich weiß das, oder (.) oder so, ja. Ich äh weiß auch ganz genau, in der Handelsschule, hats die Diskussion gegeben: wer von der Handelsschule kann in die HAK? Und es war, ähm, und es war dann eindeutig, dass, d-, es wurde uns, es war ganz klar, dass die Menschen, die, die Behinderung erworben hatten, sich eher zutrauen, in die HAK weiter zu gehen, ja, und das auch eher unterstützt wurde als von Leuten, die sozusagen von vornherein behindert waren. Ich weiß nicht, warum, ja. Y: //mhm// Oder ich bin als Klassensprecherin gewählt worden, und dann hat der Klassenvorstand gesagt: Ja, aber wenn du die Klasse vertrittst, du bist nicht so schön. (.) Was ist das für ein Argument? Aber, weißt du meine Behinderung ist halt so, so behindert @(ja)@. Also halt, weißt eh, Spastiker: Die Füße strecken sich weg und, und mein, mein Stellvertreter, der war ein sehbehinderter Mann. Y: //mhm// Also sozusagen er war ein Geher und war halt sehr stark sehbehindert. Und dadurch dass er jetzt aber mein Stellvertreter war, haben wir gesagt: ich darf Klassensprecherin bleiben, aber für, für öffentliche Auftritte (.) äh ko-, geht halt er. Y: //mhm// Ja. Aber er hat sich Gott sei Dank geweigert, er hat gesagt: Nein, das macht er nicht, er geht schon, aber nur mit mir. Aber dann, dann brauchte es sozusagen den weniger behinderten Mann @(.)@, der sagt, der sozusagen solidarisch ist und sagt: mach ich nicht. Ja. Und dann sind wir halt beide gegangen. Aber das ist so ein ganz konkretes Beispiel, das war natürlich vor, jetzt bin ich 48, auch schon vor 20 Jahren. Aber, aber dieses, ich will das System beschreiben, das ist ein bisschen differenzierter, ja. Y: //mhm// #00:25:48-5# Ähm, ja, ja. Y: //mhm// Und manchmal will man auch einfach nur behindert sein. Man will nicht immer nur tapfer sein und, und, und stark und, und, ich weiß nicht, ja. Man ist auch einfach nur ein ganz normaler Mensch. Und sich politisch zu engagieren ist auch sich sehr zu exponieren, ja. Also da braucht man ja auch Kraft. Weil dann kriegt man ja auch was entgegen geschnallst, ja @(.)@ oder. Y: //mhm// Schön sein nützt nichts, wie man bei der Kira Grünberg @(.)@ äh auch sieht halt, ja. Nicht auf Dauer. (.) Hil-, es hilft aber. @(.)@ Y: //((hustet))// das glaub ich schon. #00:26:39-8# Y: //mhm// Ich weiß das klingt sexistisch, aber ich glaube dass unsere Welt sexistisch ist, ja @(.)@ also. #00:26:47-6#

Y: Mhm. Ich versuch nur #00:26:50-7#

└ A: Ja. #00:26:50-7#

└ Y: Nicht so viel dazu zu sagen. #00:26:50-7#

└ A: Ok, damit ich, damit ich frei rede #00:26:51-5#

└ Y: @(.)@ #00:26:51-5#

A: Gut. #00:27:00-3#

Y: Ähm. Genau. Ich wollte dich noch fragen: Einerseits was, also noch mal so ganz konkret, was bedeutet für dich Politik? Und auch was bedeutet für dich Kunst? Ähm, gibts da irgendwie für dich auch einen Zusammenhang? Ja. #00:27:16-4#

A: Natürlich. Boah, das ist auch eine große Frage, Wahnsinn. Ja, gibts verschiedene Ebenen. Kunst ist für mich (.) so wie, ist für mich wie für andere Brot. Ich seh mich als Künstlerin und wenn ich nicht mich als Künstlerin ausdrücken kann, dann werd ich depressiv und irrsinnig traurig und schlecht gelaunt und alles ist scheiße. Also, Kunst ist für mich wie für andere, ist Nahrung, ist seelische Nahrung und es geht mir sehr sehr schlecht wenn ich nicht, wenn ich mich nicht als Künstlerin ausdrücken kann. Ähm. (unverständlich) Für mich ist aber sozusagen ähm (.) Ich war als Künstlerin politisch, weil ich wollte, ich w-, ich hab, ich hab bei Bilderwerfer, das ist, war eine der ersten Performance- Gruppen, die mixed-abled war, damals hat man noch Integration gesagt. Aber, wir wollten, zum Beispiel das war sehr politisch, wir wollten kein Geld vom Sozialbereich, wir wollten unbedingt Geld von der Kunst. Also, von der MA7, das ist für Kunst, und nicht vom äh und nicht von irgendwelchen Sozialeinrichtungen. Und das war da, das war ein totaler Kampf. Y: //mhm// Also wir wollten äh keine Kunst als Beschäftigungstherapie, keine Kunst, weil wir, ja ähm, Kunst, Kunst zu machen als Mensch mit Behinderung und dafür den Kunsttopf zu fordern Y: //mhm// ist zum Beispiel politisch Y: //mhm// ja. #00:28:50-1# Ähm du kannst dann nur sagen wir machen halt äh Kunst die mir gefällt oder nicht, ja, oder: das Stück gefällt uns nicht. Aber wir wollten unbedingt also von der MA7, das ist eben Kunstabteilung. Ich weiß jetzt keine Sozialabteilung, da @(weiß ich die MA jetzt gerade nicht)@. Also wir hab sozusagen immer dafür gekämpft, dass wir von der Kunstabteilung Geld bekommen. Und machen wir nach wie vor. Ähm und ich hab ja selber auch einen Verein gegründet, ich mach so viel, weil es, weil ich alles musste ich gründen @(weils es nicht gab)@ ja. Ich hab auch neu-, in den neu- , also wie sagt man das, 1996 eine, einen Verein gegründet, der heißt Lizard Productions und der hat ein paar Statutenregeln, und eine ist halt, dass wir sozusagen, ähm, nur mixed-abled arbeiten und ähm, äh, Leitungs- sozusagen mitbestimmen, also immer mitbestimmen auf der Leitungsebene. Y: //mhm// Und, was ist noch eine wichtige Regel? Ja, zeitgenossische @(Kunst)@, das war auch eine, und ein paar C-, also halt, äh genau und die, und die äh und da wo wir spielen, das muss barrierefrei zugänglich sein, das haben wir blöderweise in die Statuten geschrieben, womit wir uns selber das Leben schwer gemacht haben. Y: //mhm// Weil, weil die wenigsten Theater äh barrierefrei zugänglich sind und schon gar nicht die, äh Proberäume und schon gar nicht die Garderoben. Y: //mhm// So gesehen ist für mich, ist für mich sozusagen Kunst schon politisch, aber nicht jedes Stück, das wir machen, hat sozusagen einen politischen Auftrag. Nur, äh, so viele haben wir noch nicht bewilligt bekommen. Und sie sind dann, sie werden schon immer irgendwie politisch, aber weil ja, Kunst ist ja für so einfach auch ein kreativer Ausdruck. Von mir, von mir als Künstlerin. Das wird halt politisch, weil: Also unser letztes Stück hat geheißen: I move like a disabled person. Y: //mhm// Und wir sind aber 2 Personen mit, also wir arbeiten sehr viel mit Humor und es wird politisch weil, weil halt meine Kollegin und ich, ich habs mit einer Kollegin, die auch behindert ist, gegründet, den Verein. Wir sind halt beide behindert, äh und in der Kunst tätig, das heißt, ich sag einmal: unabsichtlich, ja, werden unsere Stücke sozusagen politisch. Aber ich geh nicht mit dem Ding hin, dass ich sag: So, wir machen jetzt ein politisches Stück. Weil ich glaube, dass Moral überhaupt niemanden bekehrt, ja. Also, also die Moral-k, Keule, oder: sei ein guter Mensch, ich glaube das funktioniert überhaupt nicht. Ich glaub viel geht mit Humor, äh, und ü-, ähm und einfach ähm, ähm neue Bilder zu, zu, zu, ich find halt Kunst auch ein gutes Medium, wie sagt man immer so schön, so role model zu sein. Neue Bilder zu kreieren, neue Diskurse zu etablieren. Wenn, wenn (.) wenn meine Kollegin, die C. und ich ein Stück machen, das nennen wir: I move lika a disabled person, like a disabled person. Und dann machen wir uns, oder das letzte Stück hat geheißen: the audition von, da ist es gegangen über den Steven Hawkings. Y: //mhm// Und, und des Thema war aber, wer, also diese Behindertenfilme sind ja alle zum speiben, also fast alle zum speiben. Weil am Ende ist immer das Thema: der, die behinderte Person träumt immer davon, dass sie gehen kann, oder dass sie nicht behindert ist, ja. Y: //mhm// Und wir haben ein Stück gemacht, das hat geheißen: es gibt ein Casting, wo 2 be-, 2 behinderte Leute, ein Mann und eine Frau, und ein nicht-behinderter Performer sich bewerben um die Rolle des Steven Hawkings. #00:32:52-4# Y: //mhm// Das war das Stück. Und das Thema darunter ist: Wer ist der bessere Schauspieler, ja? Der, der spielt, dass er behindert ist, ja, oder der behinderte Schauspieler, der spielt, dass er eine Behinderung hat, die aber nicht seine ist, ja. Das war das Thema und es hat Casting deswegen geheißen, weil wir haben so, das Stück so aufgebaut, dass das Publikum sozusagen dass entscheiden musste am Schluss. Y: //mhm// Das war ein Schmäh. Y: //mhm// Also, äh, und, und die Hauptrede war, ähm: Wir sind alle so politisch korrekt und deswegen müssen wir jetzt auch behinderte Leute äh sozusagen einladen zum Casting, und aber in der Regel war, gleichzeitig wars so, zynisch auch, dass klar war, wir machen das jetzt aus einer politischen Korrektheit, und nicht weil wir glauben, dass das was bringt, ja. Also, Kunst ist für mich sozusagen eine Form, viele Ebenen darzustellen, und dann die Leute, für mich eigentlich zum, zum Denken zu bringen, oder, oder zum ärgern zu bringen, oder Emotionen zu provozieren. Und aber nicht selber zu bestimmen, ich mach das und das, damit das und das rauskommt, ja. Es war ziemlich heftig, ja, das Stück auch zu spielen und es, ähm, und wir haben, der Regisseur ist selber nicht behindert. Y: //mhm// Also wir sind sozusagen die Akteurinnen, wir haben die Idee gemeinsam gehabt, aber so Regie hat der fagleichstellung job münchenfrauenberatung job münchenfrauen referentin münchen jobfrauenhäuser mberatungfrauen mit behinderung münche ( Was ist das für ein Argument? Aber, weißt du meine Behinderung ist halt so, so behindert haha2 j. Also halt, weißt eh, Spastiker: Die Füße strecken sich weg und, und mein, mein Stellvertreter, der war ein sehbehinderter Mann. m2 Also sozusagen er war ein Geher und war halt sehr stark sehbehindert. Und dadurch dass er jetzt aber mein Stellvertreter war, haben wir gesagt: ich darf Klassensprecherin bleiben, aber für, für öffentliche Auftritte ( äh ko-, geht halt er. m2 Ja. Aber er hat sich Gott sei Dank geweigert, er hat gesagt: Nein, das macht er nicht, er geht schon, aber nur mit mir. Aber dann, dann brauchte es sozusagen den weniger behinderten Mann haha, der sagt, der sozusagen solidarisch ist und sagt: mach ich nicht. Ja. Und dann sind wir halt beide gegangen. Aber das ist so ein ganz konkretes Beispiel, das war natürlich vor, jetzt bin ich 48, auch schon vor 20 Jahren. Aber, aber dieses, ich will das System beschreiben, das ist ein bisschen differenzierter, ja. m 2Ähm, ja, ja. m2 Und manchmal will man auch einfach nur behindert sein. Man will nicht immer nur tapfer sein und, und, und stark und, und, ich weiß nicht, ja. Man ist auch einfach nur ein ganz normaler Mensch. Und sich politisch zu engagieren ist auch sich sehr zu exponieren, ja. Also da braucht man ja auch Kraft. Weil dann kriegt man ja auch was entgegen geschnallst, ja haha oder. m2 Schön sein nützt nichts, wie man bei der kira Kira Grünberg haha äh auch sieht halt, ja. N) Hil-, es hilft aber. haha ((hustet)) das glaub ich schonm2 Ich weiß das klingt sexistisch, aber ich glaube dass unsere Welt sexistisch ist, ja haha also. Y: Mhm. Ich versuch nur

A: Ja

Y: Nicht so viel dazu zu sagen.

A: Ok, damit ich, damit ich frei rede

Y: haha

A: Gut.

Y: Ähm. Genau. Ich wollte dich noch fragen: Einerseits was, also noch mal so ganz konkret, was bedeutet für dich Politik? Und auch was bedeutet für dich Kunst? Ähm, gibts da irgendwie für dich auch einen Zusammenhang? Ja.

A: Natürlich. Boah, das ist auch eine große Frage, wahnsinn Ja, gibts verschiedene Ebenen. Kunst ist für mich ( so wie, ist für mich wie für andere Brot. Ich seh mich als Künstlerin und wenn ich nicht mich als Künstlerin ausdrücken kann, dann werd ich depressiv und irrsinnig traurig und schlecht gelaunt und alles ist scheiße. Also, Kunst ist für mich wie für andere, ist Nahrung, ist seelische Nahrung und es geht mir sehr sehr schlecht wenn ich nicht, wenn ich mich nicht als Künstlerin ausdrücken kann. Äh uu Für mich ist aber sozusagen ähm ( Ich war als Künstlerin politisch, weil ich wollte, ich w-, ich hab, ich hab bei Bilderwerfer, das ist, war eine der ersten Performance- Gruppen, die mixed-abled war, damals hat man noch Integration gesagt. Aber, wir wollten, zum Beispiel das war sehr politisch, wir wollten kein Geld vom Sozialbereich, wir wollten unbedingt Geld von der Kunst. Also, von der MA7, das ist für Kunst, und nicht vom äh und nicht von irgendwelchen Sozialeinrichtungen. Und das war da, das war ein totaler Kampf. Also wir wollten äh keine Kun m2st als Beschäftigungstherapie, keine Kunst, weil wir, ja ähm, Kunst, Kunst zu machen als Mensch mit Behinderung und dafür den Kunsttopf zu fordern m2 ist zum Beispiel politisch m2 ja .Ähm du kannst dann nur sagen wir machen halt äh Kunst die mir gefällt oder nicht, ja, oder: das Stück gefällt uns nicht. Aber wir wollten unbedingt also von der MA7, das ist eben Kunstabteilng. Ich weiß jetzt keineu Sozialabteilung, da haha2 weiß ich die MA jetzt gerade nich. Also wir hab sozusagen immer dafür gekämpft, dass wir von der Kunstabteilung Geld bekommen. Und machen wir nach wie vor. Ähm und ich hab ja selber auch einen Verein gegründet, ich mach so viel, weil es, weil ich alles musste ich gründen haha2 weils es nicht gabja. Ich hab auch neu-, in den neu- , also wie sagt man das, 1996 eine, einen Verein gegründet, der heißt Lizard Productions und der hat ein paar Statutenregeln, und eine ist halt, dass wir sozusagen, ähm, nur mixed-abled arbeiten und ähm, äh, Leitungs- sozusagen mit bestimmen, also immer mitbestimmenauf der Leitungsebene. m2 Und, was ist noch eine wichtige Regel? Ja, zeitgenossische haha2 Kuns, das war auch eine, und ein paar C-, also halt, äh genau und die, und die äh und da wo wir spielen, das muss barrierefrei zugänglich sein, das haben wir blöderweise in die Statuten geschrieben, womit wir uns selber das Leben schwer gemacht haben. m2 Weil, weil die wenigsten Theater äh barrierefrei zugänglich sind und schon gar nicht die, äh Proberäume und schon gar nicht die Garderoben. m2 So gesehen ist für mich, ist für mich sozusagen Kunst schon politisch, aber nicht jedes Stück, das wir machen, hat sozusagen einen politischen Auftrag. Nur, äh, so viele haben wir noch nicht bewilligt bekommen. Und sie sind dann, sie werden schon immer irgendwie politisch, aber weil ja, Kunst ist ja für so einfach auch ein kreativer Ausdruck. Von mir, von mir als Künstlerin. Das wird halt politisch, weil: Also unser letztes Stück hat geheißen: I move like a disabled person. m2 Und wir sind aber 2 Personen mit, also wir arbeiten sehr viel mit Humor und es wird politisch weil, weil halt meine Kollegin und ich, ich habs mit einer Kollegin, die auch behindert ist, gegründet, den Verein, wir sind halt beide behindert, äh und in der Kunst tätig, das heißt, ich sag einmal: unabsichtlich, ja, werden unsere Stücke sozusagen politisch. Aber ich geh nicht mit dem Ding hin, dass ich sag: So, wir machen jetzt ein politisches Stück.fref. Weil ich glaube, dass Moral überhaupt niemanden bekehrt, ja. Also, also die Moral-k, Keule, oder: sei ein guter Mensch, ich glaube das funktioniert überhaupt nicht. Ich glaub viel geht mit Humor, äh, und ü-, ähm und einfach ähm, ähm neue Bilder zu, zu, zu, ich find halt Kunst auch ein gutes Medium, wie sagt man immer so schön, so role modelrole model zu sein. Neue Bilder zu kreieren, neue Diskurse zu etablieren. Wenn, wenn ( wenn meine Kollegin, die Cornelia Scheuer und ich ein Stück machen, das nennen wir: I move lika a disabled person, like a disabled person. Und dann machen wir uns, oder das letzte Stück hat geheißen the audition :von, da ist es gegangen über den Steven Hawkins. m2 Und, und des Thema war aber, wer, also diese Behindertenfilme sind ja alle zum speiben, also fast alle zum speiben. Weil am Ende ist immer das Thema: der, die behinderte Person träumt immer davon, dass sie gehen kann, oder dass sie nicht behindert ist, ja. m2 Und wir haben ein Stück gemacht, das hat geheißen: es gibt ein Casting, wo 2 be-, 2 behinderte Leute, ein Mann und eine Frau, und ein nicht-behinderter Performer sich bewerben um die Rolle des Steven Hawkinggs. m 2 Das war das Stück. Und das Thema darunter ist: Wer ist der bessere Schauspieler, ja? Der, der spielt, dass er behindert ist, ja, oder der behinderte Schauspieler, der spielt, dass er eine Behinderung hat, die aber nicht seine ist, ja. Das war das Thema und es hat Casting deswegen geheißen, weil wir haben so, das Stück so aufgebaut, dass das Publikum sozusagen dass entscheiden muss am Schluss. tem2 Das war ein Schmäh. m2 Also, äh, und, und die Hauptrede war, ähm: Wir sind alle so politisch korrekt und deswegen müssen wir jetzt auch behinderte Leutäh sozusagen einladen zum Casting, und aber in der Regel war, gleichzeitig wars so zynisch auch, dass klar ,war, wir machen das jetzt aus einer politischen Korrektheit, und nicht weil wir glauben, dass das was bringt, ja. Also, Kunst ist für mich sozusagen eine Form, viele Ebenen darzustellen, und dann die Leute, für mich eigentlich zum, zum Denken zu bringen, oder, oder zum ärgern zu bringen, oder Emotionen zu provozieren. Und aber nicht selber zu bestimmen, ich mach das und das, damit das und das rauskommt, ja. Es war ziemlich heftig, ja, das Stück auch zu spielen und es, ähm, und wir haben, der Regisseur ist selber nicht behindert. Y: //mhm// Also wir sind sozusagen die Akteurinnen, wir haben die Idee gemeinsam gehabt, aber so Regie hat der Yosi Wanunu ge-, geführt, den wir lieben, also, (unverständlich) #00:34:29-7# dem seine Arbeit wir lieben und, und wir haben den selben Humor, weil er, also nicht weil, sondern. Zum Beispiel er ist, äh, selber, ähm Israeli, ein Jude, der aus ner, von New York aus, aus, nach Wien, äh, gezogen ist, und da spielt. Und wir haben oft so ähnliche Witze. Er sagt zum Beispiel, wir haben so schiache Witze, wie: Geh, er sagt so: Ihr habts es so gut, ihr Behinderte, ihr bekommt immer die großen Badezimmer. Und da hab ich gesagt: Yosi, da sind Fenster. Spring raus, hol dir einen Querschnitt, dann kriegst du auch ein großes Badezimmer Y: // @(.)@ // , ja. Und, der Yosi Y: //((hustet))// ist aber so ein Mensch, der diesen Humor auch hat, ja. Und dann, und dann so blöde Witze wie: Entschuldige Yosi, aber am Ende ä-, landen wir beide in der Gaskammer, ja. Also, und so, das ist ja wahnsinnig hart, ja. Aber wir haben so Behindertenwitze dürfen nur Behinderte machen, Judenwitze können Juden machen. Also es ist ja auch die Frage, wer, wer macht welche Witze, ja. Und ich glaub aber Witze und Humor ist eine gute Form, Dinge sozusagen zu, deswegen ist für mich sozusagen Kunst politisch, also mei-, oder die Kunst die ich mach politisch, ohne dass ich mir jetzt dauernd denk: ich mach ein politisches Stück, ja. #00:35:47-6# Aber zum Beispiel das erste Lied was wir gesungen haben: Da hängen wir am Balko-, auf, da hängen wir in der Luft und das erste Lied heißt @(i’m still standing)@. Also, ähm, und das Publikum hat uns gesucht, weil, wir sind, an der, am (unverständlich) gehangen. Weil, wir haben gesagt, wir wollen einmal, wir wollen, Leut wir wollen mal Kunststücke machen. Ähm, und ja, jetzt bin ich in der Ku-. Also wenn man mit mir über Kunst redet, dann verlier ich sozusagen oft (unverständlich) Y: //mhm// Und heute gehts mir leider nicht so gut. #00:36:24-1#

Y: Gehts jetzt schon, also kannst du noch, oder sollen wir #00:36:25-7#

└ A: Ich kann noch #00:36:26-3#

└ Y: (unverständlich) aufhören? #00:36:26-3#

└ A: Nein, aber ich merk, dass ich immer so abreis, aber jetzt war ich kurz im Stück @(.)@ du kannst es auch auf vimeo anschauen. Ja. Ich hoff, ich hab die Frage beantwortet. #00:36:35-0#

└ Y: mhm (bejahend) . Ähm ((räuspern)) hm, also #00:36:43-5#

└ A: Ah, ich wollt, eine Sache wollte ich noch sagen, die nicht passt, dass ich immer wahnsinnig eifersüchtig bin und dass ich immer noch nach wie vor das Gefühl hab, dass Männer, Männer mehr unterstützt werden, auch im Kunstbereich. Mehr Mentoren haben, mehr supported werden, als Frauen mit Behinderung. Das, das, und dass ich wahnsinnig eifersüchtig bin und überhaupt nicht drüber steh. Ich hab auch das Gefühl, dass die Mütter viel mehr ihre Buben unterstützen, ja. Und da is für m-, (unverständlich) ein großer Neid, eine große Eifersucht, ja. Y: //mhm// Dass ich mir denk, es is, is so unfair. Und, und auch wenn ich das allen behinderten Männern genauso gönne, fühl ich da so eine Ungleichheit, ja. Dass ähm, wir haben uns bei Impulstanz, ähm, wir haben uns, meine Kollegin und ich zum Beispiel, für Impulstanz beworben und wir sind dauernd abgelehnt worden. Und dann ist der Yosi, der halt ein, sozusagen ein bekannter Regisseur ist, ähm, ist er hin gegangen und hat er gesagt: Wir wollen das machen, und dann konnt ers dann, äh ist passiert. Y: //mhm// Ja, und, das, das empfind ich als so eine, zu, weil das Stück ist das gleiche Y: //mhm// ja, also, und wir sind die Performerinnen und es ist unser Verein. Und wir stellen das Geld auf, ja. Aber sozusagen, ein Mann redet, ich bin froh, dass der Yosi das gemacht hat. Ich bin ihm nicht böse, sondern ich bin froh. Und ich bin mittlerweile halt, man wird schon so abgehärtet, dass ich mir denke: Ja, wenns nur so funktioniert. Ich verm-, ich nütze alle, alle Seilschaften, die ich kenne, ja. Und das hätte ich zum Beispiel, sag ich mal in meiner Jugendpolitik-Zeit nicht gemacht, ja. Wär ich viel zu stolz gewesen. Und jetzt denkma: nein, ihr könnt mich alle gern haben, ja. Y: //mhm// Wenn ihr das so brauchts, dann kriegts ihrs so. Also auch nicht diese (.) äh, dieses was wir F, was i- oder ich weiß nicht wie andere Frauen sind, ich hab das auch, ich will immer gut sein, ich wills richtig machen, ich will nicht die selben blöden Sachen machen wie Männer. Und dann merk ich aber: Wenn ichs aber nicht mach, dann komm ich zu nichts. Und jetzt fang ich schon an, im Alter, sag ich, oder in der Ermüdung, das auch zu nützen (unverständlich) wurscht, ich, ich find das Stück super, ich find den Yosi super, und wenn ers schafft, Impfulstanz dazu zu bringen, dann nehm ich das in Anspruch. Also, sozusagen. #00:39:13-1#

└ Y:Seid ihr, a-, a-, ähm, seid ihr da schon jetzt aufgetreten, oder #00:39:18-5#

└ A: Ja, wir sind, wir sind #00:39:24-4#

└ Y: Cool. #00:39:24-4#

└ A: Endlich aufgetreten. Und, und das ist das insofern gut, nicht dass jetzt Impulstanz so super, super ist, aber, das ist super, weil so viele Leute international kommen und dadurch (unverständlich) laden dich dann andere Festivals, wenns ihnen gefällt natürlich, das ist ja die Bedingung, ja. Y: //mhm// Und, und es gibt halt so Festivals da ist es wichtig zu spielen, und ähm, das haben wir geschafft. Also geschafft, im Sinne von: wir, wir sind (unverständlich) aber ich, wir arbeiten, meinen Verein gibts jetzt seit 2006, 1900, nein wie, nein wie heißt das? 1900, oh ja, 1996.

Y: //mhm// #00:40:02-0# Also, so viele Jahre so ein Kampf, ja. So ein durchh-, und könnte, hätte das nie durchgehalten ohne meine anderen Jobs, weil da, das, ähm (.) das, und auch ich äh, noch was Politisches: Wie ich jung war, haben alle gesagt, A., fang nicht zu Arbeiten an, du verlierst alle Vergünstigungen. Wenn du einmal b-, wenn du behindert bist und einmal zu Arbeiten bekomm-, beginnst, Y: //mhm// dann gehts schwer wieder soz-, also Unterstützung zu bekommen. Y: //mhm// Und ich hab gesagt: Nein, ich will aber Arbeiten, ich will nicht ewig von der Dauersozialleistung leben. Also, und da denkt man sich irgendwann: Na, warum bin ich so deppert, ja. Y: //mhm// #00:40:46-9# Ich bin froh dass ichs gemacht hab. Ich sag nur, wie, wie man sich auch im, im, und Gott sei Dank, ist man jung, ja, und hat noch andere @(Ideale)@. Und, und mittlerweile ist es halt gut, dass ichs so gemacht hab, aber ich hab schon, ich merk schon, ja, dass es, au- mein, mein großer Ment-, also mein großer unabsichtlicher Vorbild war halt, ist halt, klingt jetzt auch blöd, aber ist halt sozusagen Jesus und Konstantin Wecker. Weil für mich war Jesus so jemand, der so, der kämpft für die Armen, Entrechteten, Frauen und so, Kinder. Und Konstantin Wecker war mein großes äh Vorbild von seiner Musik, ja immer so: Es geht ums Tun und nicht ums Siegen und so, ja. Also eher, also das ist eins was mich total stark hält, dieser Gedanke: Man macht die Dinge weil man sie machen muss. Oder ich singe, weil ich ein Lied hab und nicht weil es euch gefällt, ja. Also ich mach nicht Kunst weil, jemand findet, eine Frau soll jetzt Kunst machen, sondern ich mach Kunst, weil ich Kunst machen will, ja. Y: //mhm// #00:41:52-5# Und ich, ich bin politisch engagiert weil ichs grundsätzlich wichtig find, und nicht, weil ich die Frauenquote heben will, aber ich finds gut @(.)@. Ich will nur auch sozusagen, äh Ma-, die gleiche Macht haben. Nicht den Kuchen, sondern die Bäckerei, sozusagen. #00:42:07-3#

Y: @(.)@ #00:42:07-3#

A: @(.)@ Nicht den Kuchen sondern die Bäckerei. @(.)@ Ja. #00:42:14-1#

Y: Hm, jetzt, wo-,hm, muss ich mal noch kurz gucken. Hm #00:42:19-3#

└ A: Hast du irgendwelche Fragen beantwortet? #00:42:20-8#

Y: Viele, ganz viele hab ich #00:42:22-1#

└ A: Ja, gut. #00:42:22-9#

└ Y: schon beantwortet. Ähm. (.) Ich hab nur noch 2, 3, naja. Also, ähm. Das ist vielleicht nicht so wichtig, aber, ähm. Was mich noch sehr interessieren würde ist, mit welchen Anliegen, ähm, wenn sich dann Frauen an dich in der Peer-Beratung so, also, du musst jetzt da, ich weiß jetzt nicht ob das irgendwie ein Problem ist, darüber zu erzählen, ob das irgendwie blöd ist. #00:42:55-4#

A: Ja, also ich ka-, ich kanns nur thematisch, also ich kann nur sozusagen, ich kann nicht, weil ich bin ja Beraterin und hab ja Schweigepflicht. (.) Was waren denn viele Anliegen? Ähm. Eigentlich wars eher eine f-, ein großes Anliegen war immer, überhaupt einen Raum zu haben. Einen, einfach wirklich Raum und Zeit zu haben. Dass jemand wirklich zuhört. Äh, es hat ja auch Zeitlupe geheißen, das war ganz bewusst, also wir haben Zeit. Also viel, ist es eine Atmosphäre schaffen, wo man nicht sagt, so jetzt sag aber mal schnell deine Probleme und tummel dich, also Zeit. Wirklich Zeit zu haben, für sich. Ähm, die Beratung war ja kostenlos und eigentlich auch nicht limitiert, also nicht: 3 Beratungen und mehr gehen nicht. Also das Thema Zeit, das Thema Frau-Sein, Frau-Sein mit Behinderung. Ähm, viel war auch ähm, ähm in Ruhe Essen zu können zum Beispiel. Ähm. #00:44:05-1#

└ Y: In der Beratung? #00:44:05-1#

└ A: Ja. Y: //mhm// Bin, bin oft gefragt worden, äh, darf ich meine Jause essen? Y: //mhm// Ja, weil oft in Einrichtungen ist für Menschen mit Behinderung oder mit Lernschwierigkeiten das nicht das Essen limitiert, aber es kommt oft dieses: Du bist zu dick, oder Y: //mhm// es wird kontrolliert, wie viel die Frauen essen, ähm, damit sie halt abnehmen, ja. Und, oder und, dadurch, dass einmal Zeit war, war, war irrsinnig oft so die Frage: Darf ich jetzt mein, es war oft nicht mal nur Beratung, sondern nur so grundsätzliche Sachen, wie: Es gibt Zeit für mich. Y: //mhm// Und das Essen ist nur ein Thema, ja. Aber es gibt äh Zeit für mich und auch dieser Raum, man, ich, (unverständlich) dieses, ähm. Ich hab auch immer versucht, dass sie mir nicht sofort ihre Diagnose erzählen. Weil Menschen mit Behinderung werden, werden irrsinnig oft wenn sie wohin gehen, wird so: Ja, was hast du für eine Behinderung? Und warum bist du da? Blabla. Und oft bringen die Frauen automatisch alle ihre Unterlagen gleich mit, ja. Y: //mhm// Und zeigen mir das und so und ich sag: Das geht mich überhaupt nichts an, ja. Äh, also auch dieses Lernen, dass, oder, geht auch natürlich viel über, ähm, Beziehungen und Gew-, Gewalterfahrungen. Y: //mhm// Ähm entweder in der Einrichtungen, oder von anderen Menschen. Menschen und Männern, oder Betreuern. Aber dann auch zu spüren, oft auch das Gespräch: Ja, das war schon Gewalt. Also, oft war, es, ist ja auch das Thema: Menschen mit Behinderung erleben oft sozusagen strukt-, also strukturelle Gewalt sowieso, Y: //mhm// scheint mir schon so selbstverständlich. Wie: Jemand anderer bestimmt wann du schlafen gehst, wann du aufstehst, ob du dein Zimmer absperren darfst oder nicht, wer dich besuchen darf oder nicht. Äh, das ist ja alles strukturelle Gewalt. Oder auch eben, überhaupt erst zu lernen, wenn dich jemand total anschreit, das ist schon Gewalt, ja. Y: //mhm// #00:46:08-8# Aber auch, auch äh sich zu trauen zu sagen: Nein. Also ich will das nicht. Aber, oft, ich bin ja Peer, ich ja auch ein Mensch mit Behinderung, als Beraterin, das heißt ich krieg das oft auch sozusagen, was sie erleben, erleb dann ich. Also ich bin auch schon in Beratungen angeschrien worden. Und ich bin, ich bin keine Psychotherapeutin, ich bin nur eine Peer-Beraterin und ich sag dann sehr wohl: Schrei mich nicht an. Y: //mhm// Ja, und dann, und das ist nicht angenehm, wenn man angeschriehen wird, ja. Y: //mhm// Und dann erlebt aber die Person zum ersten Mal: Ok, man darf dann sagen: Das lass ich mir nicht gefallen. Y: //mhm// Also, also ich ja nicht, ich bin auch nicht so eine Betreuerin die zu allem lächelt, ja, und so: Ja, wir wissen eh, du hast Probleme, und deswegen schreist du jetzt. Sondern du kannst auch sehr wohl sagen: Schrei mich nicht an, ja. Y: //mhm// Und dann fühlt sich aber die Person auch so, auch ernst genommen, weil wenn ein, wenn du alles nur schön redest, dann kann der Mensch mit Behinderung auch nicht lernen: Was ist jetzt nicht ok? Und gleichzeitig wird man dann, weiß ich nicht, sediert oder Y: //mhm// Weißt du was ich mein? Also, sozusagen, ähm, ich bin ein role model, auch in dem dass ich sag: Schrei mich nicht an, äh das ist unangenehm für mich, oder sags anders, ja. Und ich sag dann schon auch: Ich bin jetzt nicht böse, aber ich möchte mich nicht anschreien lassen, ja. Und dann sa-, und, und dann, also eher das Thema ist sozusagen ähm, ähm dadurch, dass es auch Frauenberatung war, natürlich auch über Beziehungen, also mit, mit ähm, also Gewalt an Frauen mit Behinderung von, von äh nicht-behinderten Partnern, ja. Y: //mhm// Und das ist ein nicht, also, und auch zu, zu denken dass nicht immer, es wird selten schlagen. Y: //mhm// Es ist viel mehr so, ich würde mal sagen: Unterlassene Hilfe. Y: //mhm// Oder: Es gibt einen Konflikt und, und dann kann man das Fenster offen lassen, und die Frau mit Behinderung kann das Fenster nicht zumachen und dann ist es kalt. Y: //mhm// Also, oder, oder solche Themen. Y: //mhm// Es ist nicht immer so ein: Ich hau dir eine in die Goschn, das ist sozusagen die körperlichste Form von Gewalt, aber es gibt halt auch viel subtilere Sachen, die man dann auch weniger nachweisen kann, Y: //mhm// sag ich einmal. Ja, das sind viele Themen. Aber viel ist auch ein-, also, das muss man schon auch sagen: Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen oder ähm, hm, jetzt hab ich extreme Sachen erzählt. Oft ist es auch einfach: Ressourcen, Stärken, sozusagen, was die Person eigentlich gut kann, äh ermutigen, so. Also das ist auch ein starkes Thema immer gewesen. #00:48:53-7#

Y: Aber das heißt, also es sind dann in der Beratung (unverständlich) #00:48:58-1#

└ A: Und ich berate auch Menschen ohne Behinderung, aber jetzt hab ich lauter Menschen mit Behinderung gesagt, also Y: //mhm//. Wohn-, Wohnber-, also eigentlich sehr viele, sag ich jetzt mal normale Themen: Beziehung, Wohnberatung, Sexualität, dann: Kinderwunsch ist immer auch ein großes Thema Y: //mhm// ja. Also nicht, das eine ob das mein Kind will und eine Beziehung, wie wirds von den anderen aufgenommen, dass mein Kind (unverständlich) Y: //mhm// So, ja. Und was bedeutet es, ein Kind zu haben? Es ist ja schön sich das vorzustellen, und dann gibt es aber noch das andere Thema: Wie ist es dann konkret? Und: Hab ich die Nerven für das, ja? Y: //mhm// Halt so für: 3 mal am Tag aufstehen, ähäh, in der Nacht aufstehen oder so, ja. Y: //mhm// Das wird dann auch oft in der Beratung schon durchbesprochen, also, dass es halt keine Puppe ist, sozusagen. So, also: Frauen-Themen, im Grunde. Und, ja, nein, jetzt hör ich hier mal auf. Y: //mhm// Aber eigentlich geben die Frauen die Themen vor, nicht ich. Y: //mhm// Also, es ist eine Frauen-Beratungsstelle, aber ich versuch, sehr, sehr stark äh, nicht das Thema, Thema vorzugeben. Außer was es nicht ist, äh, bei Zeitlupe wars halt so, wars keine Berufsberatung. Y: //mhm// Ja, also schon, kannst schon in dem Sinn: Was möchtest du mal werden? Aber nicht konkret. Y: //mhm// Ja. #00:50:21-9#

Y: Jetzt hab ich noch n-, n-, ne letzte Frage: ((räuspern)) Ähm, und zwar bezüglich der Situation eben von Frauen, die in Einrichtungen leben. #00:50:37-2#

└ A: Mhm. #00:50:37-2#

Y: Äh, das ist halt auch ein ganz großes Feld jetzt wahrscheinlich, aber, ähm, was mich da vor allem interessiert ist, ähm, gibts da irgendwie die Möglichkeit von eigener Interessensvertretung oder so? Also, ich hab halt irgendwie, es gibt halt so Heimvertretungen, aber das sind ja außendstehende Vereine oder so? Ist das, das richtig, oder? #00:50:57-6#

A: Ja. Also, hm, da wärs halt, irrsinnig gut, wenn, wenn jemand von Ninlil darüber redet, weil die haben ja das als extra Bereich. Es gibt natü-, es gibt das Selbstvertretungszentrum, das wär glaub ich sehr interessant für dich, aber, es gibt jetzt schon, es gibt auch s-, das ist jetzt glaub ich am Werden, das heißt, das heißt glaub ich sogar auch so: Selbstvertretungszentrum. Ist im 11. Bezirk, fi-, findest du aber, die haben eine tolle Homepage, und da sind eben Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten, die haben sogenannte Unterstützeinnen. Das weiß nicht Y: //mhm// ob du das kennst. Das sind halt, äh, Frauen, das ist eine eigene Berufssparte. Die unterstützen die Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten. In den Institutionen selber gibt’s, gibt’s auch glaub ich, soweit ich weiß, sozusagen Interressensvertreter, ich bezweifel das ein bisschen. Wenn man innerhalb einer Institution ähm das, also, das zieh ich in Zweifel, wie gut das funktioniert, wenn das sozusagen nicht, nicht außenstehende, unabhängige Positionen sind. Y: //mhm// #00:52:09-9# Also wenn die sozusagen, schon, nicht, dass die gewählt werden, das glaub ich schon, ja. Dass es sozusagen, ähm von den Leuten selber wirklich gewollt und gewählt werden. Aber ich bezweifle die Unabhängigkeit, wenn die, die gewählt werden auch in dieser Institution Y: //mhm// leben. Und arbeiten. Weil es ist ja oft zusammen, in Insti-, Institutionen ist ja oft: leben, arbeiten und wohnen. Y: //mhm// Also, ich bin ja, also sozusagen von meiner Position her total gegen, für, sagen wirs positiv, für Deinstitutionalisierung. Y: //mhm// Weil alles andere.. Und das wirst du ja wissen: Der Stundenlohn für Arbeit in den geschützten Werkstätten ist ja ein Hohn. Und sie sind nicht sozialversichert und gar nichts, ja. Es ist für mich eigentlich Sklavenarbeit. Y: //mhm// Ich glaub es sind jetzt 70 Euro im Monat Y: //mhm// für 8 Stunden Arbeit. Y: //mhm// Also, und, und diese ganze Inklusionsbekennung ist eine Augenauswischerei, weil gleichzeitig Heime gebaut werden, ja. Y: //mhm// Und, und jetzt mit der neuen, also bin ein bisschen, ich bin ein bisschen ähm (.) entmutigt, weil ich jetzt das Gefühl habe mit der neuen Regierung ähm werden sozusagen 20 Jahre Arbeit, sozusagen, halt weg, also weg gewischt, mit Dummheit, ja. Und, und Nicht-Wissen und, und wenn wenn ich dann schon hör: Modellprojekt Persönliche Assistenz, denk ich mir: Idiot. Also @(ich kann)@, ich kanns nicht anders sagen, ja. Und, und wir müssen mal, äh, schau-, schaun ob das geht, ja, mit der Inklusion. Müssen wir nicht schauen, ja. Man muss es machen, einfach, ja. Nicht, ich weiß, gibt, ich sag’s eh, ich bete das halt schon seit 30 Jahren, dass ein (unverständlich) In, es gibt in, seit den 70er Jahren keine Sonderschule in Italien, und es ist äh, und für mich ist es auch kein Argument, dass es manchmal nicht oder schon funktioniert, ja. So ist das Leben. Du, du brauchst eine Haltung, und dann, und dann versuchst du das Beste. Aber wenn du gar nicht für Inklusion bist, ja, dann wirds nicht funktionieren, ja. Und wenn du für Integration bist, aber nicht die Rahmenbedingungen einhältst, die dafür nötig sind, und dann zusagen: Es, Integration funktioniert nicht. Das ist eine Augenauswischerei, ja. Die Ra-, und es, die Rahmenbedingungen wurden schon längst festgelegt, wie eine inklusive Schule funktionieren kann. Eigentlich weiß nicht ob ich jetzt hier Sachen erzähl, die du sowieso weißt, ja. Das ist für mich immer so schwierig. Y: //mhm// Ähm, das mein ich mit, wenn ich dann sozusagen Interviews geb, oder ich jemand fragt, weiß ich nicht: wo soll ich anfangen?Ja. Also, wenn ich sag: Persönliche Assistenz, und jemand weiß gar nicht was das ist, ja, Y: // (unverständlich) // wo soll ich da anfangen? Oder wenn ich sag, die Rahmenbedingungen von in-, ink-, von inklusiver Schule und das weiß der andere nicht, äh, dass es in dem maximal 22 Kinder, davon maximal 4 behindert, mindestens 2 Lehrer, ja. Und wenn du das nicht einhältst funktionierts nicht gut, ja. Und dann wenn dus aber nicht einhälst und dann sagst, äh, Integration funktioniert nicht, dann ist das ein Fehler, ja. Also, dann ist sozusagen nicht das Fehler die Integration oder Inklusion, ähm, sondern dann man die Rahmenbedingungen nicht eingehalten, ja. Und da find ich fehlts, fehlts so. Und nur weil man nicht will dass behinderte Leute da sind, ich mein wo sind wir? Das ist so faschistisch, das geht überhaupt nicht für mich, ja. Also, aber nur weiß ich nicht wo man anfangen soll, weil, ja. Ich bin ein bissl hilflos auch, ja. Y: //mhm// #00:55:56-3# Also, ich sag immer: So wie Barrierefreiheit, Barrierefreiheit ist kein, ist kein Luxus sondern ein Menschenrecht. Aber wenn du die Leute nicht dazu kriegst das zu sehen, dann (.) Na, bin ich, also, es gibt auch einen großen Teil an, an Hilflosigkeit und Ohnmacht, ja. Also. Y: //mhm// Ich weiß nicht wie du das siehst, weil du arbeitest ja auch politisch. #00:56:25-3#

└ Y: Ähm #00:56:23-5#

└ A: Aber das ist eine blöde Frage (unverständlich) ich soll ja dich nichts fragen. #00:56:27-3#

└ Y: Also, ich bin jetzt eigentlich eh fertig, ich würd jetzt mal, es ist jetzt schon fast eine Stunde, ich mach jetzt hier mal auf Stop. #00:56:37-5#

A: Ja.

9.5 Transkript von Fall B.

Y: Jetzt, geht schon los. #00:00:02-9#

B: Ok. Ich bin B, bin 31 Jahre alt. Wollen wirs noch mal testen, obs funktioniert? #00:00:12-3#

Y: Es funktioniert #00:00:14-1#

└ B: Okay. #00:00:14-1#

└ Y: jetzt, ich hab jetzt ja schon drei mal getestet. #00:00:15-9#

└ B: Okay. (.) Ich wohn in Wien und ich arbeite a-, halbtags auf der Universität Wien und meine ehrenamtliche Nebenbeschäftigung ist in der Österreichischen Hochschülerinnenschaft der Universität Wien im Referat für Barrierefreiheit. Und ähm ich bin seit ich 26 Jahre alt bin, behindert. Jetzt (möchtest) du mir eine Frage stellen? #00:00:46-6#

Y: Ähm, ja. Genau, ähm, die erste Frage ist, wie du, also mit was du dich aktuell beschäftigst. #00:00:55-3#

B: Aktuell beschäftige ich mich mit dem in Österreich anstehenden Gesetzesnovelle zur Sachwalterschaft. Darum schreib ich grade einen Artikel für einen linken Blog in Österreich, ähm #00:01:11-3#

└ Y: Was für einen Blog? #00:01:12-0#

└ B: Für Mosaik. Ähm, und die wollten einen Artikel haben zum Thema Behinderung. Ähm, also zum Sachwalterschaftsgesetz, weil die Regierung in Österreich des jetzt ablehnt, des zu finanzieren, und damit für zwei Jahre verschiebt. Und ich kenne mich mit dem Thema gar nicht aus, und deswegen musste ich mich jetzt die letzten paar Tage einlesen zu dem Thema, musste überhaupt mal lesen: Was ist überhaupt das Sachwalterschaftsgesetz ist, was das neue Erwachsenenschutzgesetz sein wird, was die Änderungen sind, und muss halt ein bisschen mutmaßen, warum die Regierung das jetzt verschiebt, und was dies Kalkül dahinter ist und genau. Da sitz ich jetzt seit 2 Tagen dran und versuch das zu machen. Damit beschäftige ich mich grade. #00:01:50-4#

Y: Mhm, und, ähm (.) ja. Hm, wenn, ich weiß nicht, willst du dazu noch irgendwas sagen, weil sonst geh ich jetzt glaub ich einfach zu meinen Fragen. #00:02:01-3#

B: Ich glaub wir können einfach mal die Fragen machen. Genau.#00:02:07-6#

Y: Okay, also meine erste Frage ist: Wie wurdest du politisiert? #00:02:11-4#

B: Das ist eine sehr schwierige Frage. Da würd ich glaub ich noch drei Stunden dasitzen wenn ich jetzt so aushol. Also ich erzähl immer diese Geschichte, wie ich politisiert wurde im Wissen, dass es eine Geschichte ist. Macht das Sinn für dich? #00:02:30-0#

Y: Na sicher. #00:02:30-0#

└ B: Also, es stimmt, aber gleichzeitig ist es sehr runter gebrochen auf ein Moment, das wahrscheinlich nicht so stimmt. Aber ich erzähls trotzdem immer sehr gern. Äh, wir hatten Gemeinschaftskundeunterricht in der neunten Klasse, damit war ich 15, und ähm ich hab mich sehr schon immer für Gemeinschaftskunde äh, ähm. (unverständlich) Wir haben soziale Marktwirtschaft versus Kommunismus, also Soziale Marktwirtschaft versus Planwirtschaft durchgenommen. Und mein Gemeinschaftskundelehrer, den hab ich sehr gemocht, der war, ähm, der war bei der CDU, im Kreis, zuständig auch, aber es war ein sehr, sehr kluger und gebildeter Mann, deswegen hab ich immer gewusst: Auch Konservative haben sehr wohl sehr kluge gebildete Menschen und man muss sie nicht alle verachten. Auf jeden Fall haben wir diskutiert und wie so oft war ich die einzige die überhaupt mitdiskutiert hat, im Unterricht, also ist es mir vorgekommen. Ich bin aber auch eher die Person die andere nicht ganz so oft zu @(Wort kommen lässt)@ , also vielleicht habens andere eh versucht. Und haben drüber geredet, Soziale Marktwirtschaft, was vom Staat bereit gestellt wird, was ist, ähm, kapitalistisch über den Markt organisiert wird. Und wir haben diskutiert und dann irgendwann hab ich gesagt: Ich will, also ich finde nicht, ich würde es anders organisieren, hier in Deutschland, ähm, es kann ja nicht sein, dass Bildung, Gesundheit und öffentlicher Verkehr, Mobilität, vom Einkommen abhängen. Des muss einfach alles umsonst sein. Und daraufhin hat er gesagt: Ja, aber das ist ja purer Sozialismus. Und dann hab ich gesagt: Bin ich halt Sozialistin. @(Und)@ des war so dieser Moment, wo ich dann irgendwie nach Hause gegangen bin, und meine Eltern hatten diese, diese Bertelsmann-Lexika, wo du so 26 Bände, oder noch mehr, oder weniger hast. Und da hab ich dann angefangen, so im a-, also im Lexikon nachzuschauen: Was ist Sozialismus? Und da war dann Rosa Luxemburg als Beispiel, und dann hab ich Rosa Luxemburg nachgelesen, und die hat mir m-, wahnsinnig imponiert, obwohl ich nix von ihr gelesen hab, es is so, und des muss man auch sagen: In Balingen wars auch, also das Internet gabs schon, und da hab ich dann auch schon so die ersten Texte gelesen, aber es war schon wahnsinnig schwer n Buch von Rosa Luxemburg zu bekommen. Äh, es is nich so, dass de da in die Bib gehst, und, wir hatten ne Stadtbücherei, die hatte nie keine politischen Texte. Also es war schon die nächsten Jahre dann in Balingen, in der Kleinstadt, waren eher (.) von ähm Tristesse, Einöde, politischem Stillstand, alles Mögliche bewegt. #00:05:08-6#

((Trommeln durch Katze)) #00:05:08-6#

B: Soll ich kurz aufstehn und sie raus lassen? #00:05:08-4#

└ Y: Ja, ich glaub, die Viertelstunde is vorbei. #00:05:14-1#

#00:05:19-9#

B: Wir benehmen uns gut. Host mi? Genau. Irgendwas such ich noch, Moment. Mhmh #00:05:32-8# (15) Nicht anschauen. (unverständlich) Genau. Und, däh, ich hab mich schon immer sehr für ähm, im Erdkundeunterricht hab ich mich sehr für die Dritte Welt interessiert, und, ähm, so, und ich wollt einfach den Leuten helfen. Und meine beste Freundin hat schon in Wien gewohnt, und die hat mir von dem Studium der Internationalen Entwicklung erzählt und des hat irgendwie gepasst. #00:06:21-9#

Y: War das schon die Betty? #00:06:22-3#

B: Nein, das war die Marianne, die Betty ist jünger als ich. Die Marianne kennst du, die Marianne hab ich dir schon mal erzählt ist des mit dem Kind, die hat jetzt n Kind. Aber genau, die hat nämlich schon hier gewohnt seit sie 15 war. Marianne kenn-, äh Betty kenn ich erst seit 4 Jahren. Ähm, die Marianne kenn ich seit ich 8 bin (unverständlich) . Und dann dann bin ich her gekommen. Und dann IE und im IE-Studium verselbstständigt sich die politische Organisierung bei sehr vielen, Gott sei Dank. Y: // @(.)@ // Ja genau. #00:06:49-7#

Y: Mhm, super. Ähm was bedeutet denn für dich Behinderung? #00:07:01-2#

B: Oh, eine sehr offene Frage. Mh, (4) Behinderung mh bedeutet für mich im breiten, in a broad sense, also im breiten Sinn, dass man gehindert, behindert ähm wird, einerseits aktiv, von der Gesellschaft, Dinge zu tun, ähm, andererseits auch vom eigenen Körper gehindert wird, Dinge zu tun. Und es is ähm des is ein wechselseitiges Verhältnis, des sich gegenseitig bedingt, aber auch nich bedingen muss. Und des ähm mal mehr von der Gesellschaft behindert wird, mal mehr vom eigenen Körper wieder zurück gewo-, ich nenns immer, in meiner Sinn von Behinderung, dass man oft zurück geworfen wird auf den eigenen Körper, der einem bestimmte Möglichkeiten verschließt. Das hat jetzt eigentlich fast jeder Mensch der seinen Körper als defizitär erlebt, also es ist nich unbedingt was Behinderung, aber Behinderung is für mich einfach auch gleichzeitig halt ähm etwas das einen davon abhält an der Gesellschaft teil zu nehmen, des aber von der Gesellschaft auch gemacht wird. Genau, weil einfach in unserer Gesellschaft nicht die Möglichkeit gemacht wird für Menschen mit Behinderungen an der Teil zu nehmen. Und des, würd ich sagen is eine Behinderung, oder man wird sowohl aktiv als auch passiv behindert. Y: //mhm// #00:08:41-5# Also ich würd diese offene Definition einfach so: äh Jede Behin-, äh Behinderung die man dann enger definiert oder meine Behinderung oder so schließt wiederum andere Behinderungen aus. Es gibt auch sicher Menschen die sich selbst nicht als behindert wahrnehmen, also zum Beispiel körperlich, ähm nicht als behindert wahrnehmen, aber durch die Gesellschaft behindert werden. Und des is natürlich auch ne Form von Behinderung. #00:09:07-9#

Y: Mhm. Ich muss dir nachher unbedingt ähm noch ein Buch zeigen, ähm, w-,w-, was glaub ich deinen äh Behinderungsbegriff ganz gut, also was, weiß nicht, vielleicht mal an-, kannst du damit was anfangen. Das würd dich bestimmt, also ich glaub da würdest, wirst du dein Verständnis von Behinderung ganz gut wieder finden. #00:09:29-2#

B: Also ich mein, mir is schon klar, dass es auch andere Beschreibungen von Behinderung gibt, also mir sind alle wissenschafltichen und politischen Definitionen von Behinderung bewusst. Ich hab das jetzt ganz bewusst ähm als eher so individuelle jetzt erklärt, weil natürlich weiß ich was ein soziales Modell, @(kulturelles Modell)@, medizinisches Modell, alles Mögliche is, hm, aber genau. Also für mich is dieses, also zum Beispiel zum Unterschied zu manchen Theorien ist für mich halt dieser, die Behinderung des Körpers schon auch wichtig, oder am Leib, also manchmal sagen sie auch Leib dazu, um die Psycho noch mit einzuschließen. Also, das is halt für mich nicht ähm getrennt zu sehn. Mh natürlich gibts auch so was wie: Permanente Behinderung und ähm temporäre Behinderung, aber wenn sich jemand den Arm bricht, oder des Bein, vielleicht Bein noch schlimmer, weil, dann is er auch behindert, temporär, aber er hat einerseits nicht eine dauerhafte Erfahrung von behindert werden in der Gesellschaft. Noch dazu hat er sie komplette Akzeptanz seiner Behinderung, weil jeder es als Temporär ansieht. Und genau, und weiß auch wann sie wieder zu Ende sein wird. Und des is für mich dann halt, des fällt dann raus ausm Behinderungsbegriff den ich halt hab. Genau. #00:10:49-9#

Y: Mhm. (.) Okay. Ähm. Warum hast du denn angefangen dich für Anliegen von Menschen mit Behinderungen zu engagieren? #00:11:02-6#

B: Des is einfach. Ha. Weil ich selbst behindert wurde. Davor hats mich n Scheiß interessiert. Das geb ich ganz offn zu. Davor hab ichs sogar @(lächerlich gefunden zum Teil)@. Also ähm, anders als andere Menschen, mh. Ich kann mich schon auch erinnern an Menschen mit Behinderung, als ich groß geworden bin, aber die wurden eher, kam halt vom schwäbischen Dorf, die wurden eher fern gehalten von uns. Oder warn zu Besuch da, waren aber nicht integriert, Y: //mhm// in irgendeinem Sinn. Also sind auch nicht mit uns in die Schule gegangen. Weil, also genau, deswegen. Jo. Dann wurde ich selber behindert und dann hats mich interessiert. Also ich musste es am eigenen Leib erfahren. #00:11:47-5#

Y: Mhm. Und was warn dann so die konkreten Themen, die dann für dich wichtig wurden? #00:12:00-2#

B: Hm, äh in dem Sinn dass ich noch studiert hab und eigentlich mein Studium wegen meiner Behinderung nicht beenden konnte. Un hab ich versucht ähm, und mir durch meine Krankheit ähm des Studium sehr verunmöglicht wurde, hab ich gemerkt, dass einfach keinerlei Unterstützung in irgendeiner Weise von der Universität kam, sondern eher des Gegenteil. Ähm, nicht Unterstützung, sondern Behinderung gekommen is, und ähm also da, wirklich Behinderung und nicht nur Behinderung sondern mir Steine in den Weg gelegt wurden. Ich als, zur Bittst-, also im nettesten Sinne zur Bittstellerin verkommen bin, im schlimmsten Sinne als Störenfriedin des Systems gesehen wurde. Ähm, während meiner Behinderung hab ich weiter mein antifaschistisches Engagement, was ich davor auch hatte, ähm, weiter führen wollen. Da war ich, also ich war krank und hab trotzdem an Aktionen teil genommen, indem ich zum Beispiel Info-Center und so was gemacht hab. Ähm, es war schnell klar, dass des nicht geht. Also selbst meine Freundinnen und Freunde, die sich durchaus bemüht haben, und mir soweit es geht irgndwie zu versuchen zu ermöglichen, weiter daran teil zu nehmen, ähm. Es funktioniert nicht und es ist total traurig, aber es funktioniert nicht, behindert zu sein, und in der Linksradikalen in Wien teilzunehmen. Selbst wenn sich alle Leute bemühen: Es ist kein einziger Raum barrierefrei, in irgendeiner Art und Weise, also weder räumlich barrierefrei für Rollstühle oder so, davon wollen wir gar nicht reden, sondern auch: es sie sind nicht barrierefrei, sie sind nass, sie sind kalt, sie sind ähm verraucht, sie sind laut, sie sind nicht partizipativ angelegt, es wird keinem, es wird in nem psychischen Sinne wird Leuten keine Ruhe gegönnt, kein Rückzugsraum gegönnt, keine Ruhepausen oder auch nur Urlaub gegönnt. Also für mich is es deswegen nicht möglich gewesen, und ich hab das recht schnell gemerkt, weiter an meinem Engagement teil zu nehmen. #00:14:04-9# Auch wenn sich alle anstrengen, weil die Strukturen schon so fest gefahren sind. Genau, und dann hab ich ähm erfahren, hab mich umgehört, wie ich jetzt weiter politisch aktiv sein kann, also wie ich weiter links sein kann und für behinderte sein kann und @(.)@ und dann hab ich raus gefunden, dass es halt das Referat für Barrierefreiheit gibt und dann hab ich mich an den KSV LiLi, also n kommunistischen Studierendenverband LinkeListe, schon immer ähm meine Wahl,f-, beim Wählen von der ÖH-Wahl und auch durch die, durch mein antifaschistisches und hochschul- ähm Engagement sehr gut gekannt hab, persönlich, gewandt, ob sie mir einen Platz bei der nächsten, bei der nächsten Legislatur geben wollen würden. Und weil das immer so ein Posten war, den keine Sau interessiert hat, und wo die irgendwelche Leute hingehockt haben, die n bissl Geld brauchn, ham gsagt ja, mach mal. Und dann dann bin ich da hin gekommen. Dann hab ich des mal gemacht. Ja. #00:15:09-6#

Y: Und am Anfang, warst du allein? Oder waren des immer schon mehrere? #00:15:13-1#

B: Ne, am Anfang war ich, warn wir zu zweit, mit einer weiteren GRAS-Person, die ähm keinen Tau von nix hatte. Die (.) also es is jetz schwierig zu sagen, also ich weiß nicht ähm ob sie, also mir wurde dann auch gesagt, dass sie psychische Probleme hatte, und deswegen nicht teilnehmen konnte. Des hat sie aber bei mir nie geäußert, auch nicht in irgendeiner Andeutung. Es hat damit geendet, dass ich ähm halbes, dreiviertel Jahr komplett allein war, sie nicht reagiert hat, nicht geholfen hat. Und noch dazu muss ich sagen dass es in diesem Referat keinerlei, keinerlei, äh Wissensarchivierung hab, keinerlei Wissensweitergabe, nichts. Also ich hab quasi bei Null angefangen. Des gute war, dass die Lea Laubental davor auch im Barref war, da war sie allein im Barref, ähm, und auf die BV gewechselt ist, äh Bundesvertretung #00:16:18-1#

└ Y: Ist die Lea Laubental eigentlich unfraktioniert? #00:16:21-5#

└ B: Nein, die is bei der GRAS, gewesen. Genau. Und die is dann rüber gewechselst. Ich wollt, fands eigentlich total, fands total toll, weil ich sie kannte sie auch schon vorher, ähm. Die Lea hat n ganz anderen Schwerpunkt in Behinderung wie ich. Und ich hab mich voll gefreut mit ihr zusammen zu arbeiten, dann immer so: Ja, ich geh auf die BV. Also mhm. Aber dadurch hatt ich doch schon ne Person die ich anrufen konnte, mit der ich reden konnte, und mit, wos bisschen geholfen hat, da mit zu arbeiten. Genau, und dann hab ich irgndwann ahm, des allen auch irgendwann mal so gesagt: des geht so nich weiter, ich bin mit Arbeit eingedeckt, ähm und ich bin allein und die GRAS muss jetzt jemand bestellen, der gefälligst so auftaucht und mir hilft. Und dann kam eine andere Person ins Referat, die mich sehr, also die sehr engagiert war, n ganz anderen Schwerpunkt auch wiederum hatte, wie die Lea aus der Psychologie kam, und da auch einfach n anderen, also natürlicherweise n anderen Zugang hat. #00:17:21-5#

Y: Die Lea kam aus der Psychologie? #00:17:22-0#

B: Die Lea kam aus der Psychologie. Die hat ähm Psychologie studiert. Ich glaube, sie is jetzt fertig, bin mir gar nich ganz sicher, oder grad ne-, grad am fertig werden, und hat dadurch, also Psychologiestudierende, engagierte Psychologiestudierende, ham halt n anderen also meiner Meinung nach n anderen Zugang zu Behinderung. Ähm beschäftigen sich natürlich sehr viel mit psychischen Behinderungen und psychischen Krankheiten, ähm wo jetz n-, des war jetz nicht m-, also is nicht mein Schwerpunkt. Genau, aber genau, also der Punkt an dem ich wirklich eher nicht so mich auskenne und beschäftige, sind zum Beispiel Personen mit Lernschwierigkeiten. Aufgrund meines intellektuellen ähm Umfelds, meinem universitärem Umfelds, ähm, lern ich auch nie Menschen kennen, die so sind. Y: //mhm// Und muss sie nicht beraten, weil auf die Uni kommen sie eh nicht. Und wem ich mich nicht berate, mit dem kann ich mich auch irgendwie nicht schauen was sind dem seine Schwierigkeiten, wo hackts hier, da und deswegen, mh, genau. Und des ist natürlich auch wieder son Psychologie (unverständlich) Psychologie Studierende sich öfter zum Beispiel mit, also die Kara hat sich zum Beispiel beschäftigt mit Neuro-Diversity und New-Science und die Verknüpfungen von Autismus, da ham wir zum Beispiel zwei, drei Veranstaltungen gemacht. Des is jetz was, des beschäftigt mich eigentlich nicht. Natürlicherweise, aus mir heraus.Und des hat mir dann, also des ham wir dann gut ergänzt find ich. #00:18:49-8#

Y: Mhm. (3) Ähm. Was denkst du denn sind die besonderen Probleme von Frauen mit Behinderungen? Also einerseits im politischen Engagement selber aber auch andererseits im Alltag. #00:19:14-4#

B: Mh, ich glaub des Problem von Frauen mit Behinderung ist ein Problem, das sehr viel Menschen haben, die von Intersektionalität betroffen sind. Mh, wirst einerseits diskriminiert, weil du ne Frau bist, und mit Sexismus u-, und so, und Alltagssexismus, struktureller Sexismus mit Gewalterfahrungen zu tun. (Alles gut?) #00:19:47-7#

Y: mhm (bejahend) . #00:19:50-6#

B: Ähm. Und als behinderte Frau mh, verstärkt sich des. Also jetzt zum Beispiel nich in meiner Position, zum Beispiel, aber doch auch. Ähm, ein Beispiel aus meinem Leben: Ich war sehr lange im Krankenhaus, öfter im Krankenhaus, bin immer mal wieder in Krankenhäusern. Mh, als Frau lernst du eigentlich von klein auf in der Sozialisation, dass du nicht Nein sagen solltest, was deinen Körper belangt. Dass dein Körper defizitär ist und dass er wehr tut, und dass man das ertragen muss. Und ähm als Frau in Krankenhäusern verlierst du jegliche Intimität und dir wird sukzessive verlangt, dass du dir deine Autonomie nicht mehr erlauben kannst. Mh, dir wird nicht geglaubt. Also zum Beispiel meine Krankheit, eine Krankheit, die seit Jahren eigentlich recht gut erforscht ist, Morbus Bechterew, axiale Spondylarthropathie, ähm, war sehr lange der Glaube, dass sie 70 - 80 % Männer beträfe. Das ist vollkommener Schwachsinn. Es betrifft genau so viele Männer wie Frauen. Wie kams dazu, dass man geglaubt hat, dass das so ist? Ganz einfach: Man hat Frauen nicht geglaubt, wenn sie über ihre Schmerzen geredet haben. Man hat ähm ihnen nich, gs-, man hat gesagt, sie ham Bandscheibenvorfälle, man, Frauen haben auch oft, also, und in diesen Studien warum dann raus kommt, warum des nicht so ist, z.B.: Frauen haben auch ihre Schmerzen als nicht so schlimm beschrieben. Des wird uns Frauen schon immer beigebracht. Des ist net so schlimm. Frauen, also könnnen wir jetzt auch mit so biologistischen Zuständen kommen, dass Frauen Schmerzen mehr aushalten können. Ich finde des is Schwachsinn, ich find es is antrainiert, dass wir also gefälligst unser Maul zu halten haben, wenn wir Schmerzen haben, mehr als Männer, denen quasi: Schmerz, oh, ja, der Mann, der hält zwar Schmerz so gut aus, aber gleichzeitig vokalisiert er ihn die ganze Zeit. Und Frauen tun das nicht, weil, genau. Und, ähm, also wird Frauen, bis heute glauben viele Ärzte, dass Morbus Bechterew ein hauptsächlich männliches Thema ist, glauben Frauen, nicht, wenn sie diese Schmerzen beschreiben, diagnostizieren Frauen viel später. Bei Männern dauert ei-, eine Diagnose von Morbus Bechterew 3-5 Jahre, bei Frauen 8-12. Also, da sieht man schon: Das sind Jahre, in denen Frauen leiden, in denen sie keine Hilfe bekommen. Und ich glaub da verstärkt sich Behindert sein, beziehungsweise krank sein und Frau sein. #00:22:20-2# Und des geht dann halt auch weiter in der Gesellschaft, andere Frauen mit Behinderung, ja, also grad zum Beispiel Lernschwierigkeitsfrauen, ich kenn mich da nich so aus, aber ich hab mich natürlich bisschen informiert. Frauen in Heimen, in Behindertenheimen, sind in einem hohen Maß sexualisierten Angriffen und Gewalt ausgesetzt. Über die nicht geredet wird. Und (unverständlich) diese Frauen oft auch nicht selber die Sprache entwickeln können, darüber zu reden. Also, Frauen mit Lernschwierigkeiten und sexueller Missbrauch is sicher ein Thema, hm, des extrem schwer is in unserer Gesellschaft darüber zu reden, weil gesunden Frauen, ich mach jetzt Anführungszeichen, gesunden Frauen is schon schwer über sexualisierte Gewalt zu reden, Frauen mit Lernschwierigkeiten, die über sexuelle Gewalt reden müssen, des is noch mal ein ganz anderes Thema. Aber da gibts halt Gott sei Dank die Ninlil-Leute, die sich da auch wirklich einsetzen für, aber, ich glaub so beeinflusst Frau-Sein und Behinderung in einem negativen Sinn sich gegenseitig. Und, ähm, was auch noch ein Thema is, bei Frau-Sein und Behinderung, is des ganze Thema das Mutterschaft umfasst. (4) (unverständlich) Genau. Und ähm, ja, also, einerseits halt, mit einem behinderten Körper Mutter werden, is ein Thema, des, ähm, (unverständlich) also zu manchen sagt man: Ja du bist behindert, du sollst kein Kind kriegen. Auch so ganz komische Mendel’sche Er-, Vererbungslehre, wenn man zum Beispiel Frauen mit Lernschwierigkeiten und anderen geistigen Behinderungen früher Zwangssterilisiert hat. Was eigentlich extrem ist. Ähm, dass man Frauen mit körperlichen Behinderungen nicht zutraut, Kinder zu erziehen, oder großzuziehen, weiß nicht jetzt Rollstuhl oder ähm Stümmelpersonen, ja genau. Und ähm, und dann andererseits auch Frauen durch die Pränataldiagnostik quasi d-, dir die Verantwortung übergeben wird, bitte keine behinderten Kinder auf die Welt zu bekommen. Genau. #00:24:45-1#

Y: Mhm. Und #00:24:55-1#

B: (unverständlich)

#00:24:55-1#

Y: Okay. Ähm, ich würd ja eh so gern mit ihr (Anmerkung Svenja: der Katze) kuscheln, aber #00:24:58-7#

└ B: Du darfst nicht kuscheln mit ihr. Niemand darf kuscheln mit ihr. Sie hasst kuscheln. #00:25:01-2#

Y: @(.)@ #00:25:07-1#

└ B: Nein, sie hasst nicht kuscheln, ich hab Bilder auf meinem Handy, die des Gegenteil beweisen. Sie mag nur keine Fremden. #00:25:08-4#

Y: Ja. #00:25:09-1#

└ B: (unverständlich) von Fremden. #00:25:12-9#

Y: Ähm. Genau, also, ähm wo siehst du da jetzt so Verknüpfungen zum mh, oder warum ist es so schwer, Aliegen von Frauen mit Behinderungen irgendwie politisch zu Artikulieren oder durchzusetzen? Oder ist es eigentlich gar nicht so schwer, also, wie? #00:25:33-5#

B: Ich halts für extrem schwer. Ähm. Des is glaub ein Thema, des mehrere politische Bewegungen haben. Also ich nehm da immer son bisschen die Schulen-Lesbische Bewegungn als Beispiel. Dass ähm, die sehr, also schwul-lesbische Bewegung, eigentlich ein gemeinsamer Kampf: Rechte für gleichgeschlechtliche Paare. Jetzt sag ich schon Paare @(.)@ Für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Ähm, aber Schwule haben dann doch wieder ganz andere Interessen und kriegen diese komischerweise, nicht komischerweise viel leichter durch als Lesben. Und des is halt, weil wir im Patriarchat leben und ähm männliche Stimmen, auch wenn sie untergeordnete Männlichkeiten oder marginalisierte Männlichkeiten sind, immer noch besser sind als Frauen. Und ich glaub es is in der Behindertenbewegung genauso, dass zwar extrem viele Frauen in der Behindertenbewegung mitarbeiten, sich verausgaben, ihr Herz rein stecken, ähm, aber Männer wiederum an der Spitze sind. Also grad in österreich is, also des hat mich total geschockt, als ich da angefangen hab zu forschen, in dem Bereich. Dass des wirklich n so stark Männerdominiertes Feld ist. Und, ähm, als ich auch so Versuche unternommen hab, mich mit anderen Gruppen, zum Beispiel auf der ÖH und so vernetzen, war dann oft des Thema, wenn ich angesprochen hab: ich möchte, also, ich werde meinen Feminismus nicht meiner Behinderung unterordnen oder vice versa @(.)@, ähm, dann kriegt man oft zu sagen: Ja, aber Behinderung betrifft alle gleich. Ob n Mann im Rollstuhl sitzt oder ne Frau im Rollstuhl sitzt, spielt keine Rolle. Ob ein Reicher im Rollstuhl sitzt, oder ein Armer im Rollstuhl sitzt, spielt keine Rolle. Des is, ähm, wir müssen zusammen für die Rechte von Menschen kämpfen, die behindert sind. Und wir dürfen uns da jetzt nicht so ne Wurst an 20 Wörter mit geben lassen, was wir alles sind. Und ich versteh des, dieses Unbehagen, aber gleichzeitig subsumierts dann wieder Frauen und deren Bedürfnisse unter. Und viele Frauen sind, machen da aber auch mit. Also sagen: Ja, und ähm, ich hab diesen feministischen Kampf hier, und meinen Behindertenkampf, den führ ich hier. Und weil des aber so st-, dermaßen schwierig ist, ähm, feministische Themen in Behindertenbewegungen rein zu bekommen und in Organisationen, lass ichs da und engagier mich dann zum Beispiel im Frauenvolksbegehren und bei BIZEPs oder so, aber bring das nicht zusammen. Und noch dazu sind Behinderten-Gruppen oft, mh, di müssen sehr viel Lobbyarbeit machen, gerade weil, grade auch im gesetzlichen Bereich noch so viel zu tun ist, und in Österreich, auch in Deutschland musst du dich dann mit, d-, mit vielen Koalitionspartnern gut stellen, viel Parteienarbeit und Lobbyarbeit machen, und des is sehr viel einfacher, wenn du ein Single-Issue bist. Behinderung. Und dann muss man zum Beispiel mit der ÖVP zusammen arbeiten, wenn du denen mit feministischem und Behinderung kommst, die hören dir nicht zu. Und dadurch, bevor du, also, schon bevor du die Forderung formulierst, machst du schon den Kompromiss. Was meiner Meinung nach komplett falsch ist. Weil wenn deine Forderung schon ein Kompromiss ist, dann wird der Kompromiss noch beschissener aussehen. Und, genau, und deswegen glaub ich, is es sehr schwer, ähm, hier anzusetzen und hier zu sagen, ja, Frauen und Behinderung. Und noch ein Thema des mir jetzt eingefallen ist, wo wirs gestern auch son bisschen davon hatten: Die Behindertenbewegungen in Österreich und Deutschland und, ähm, zum Teil auch in den USA, waren sehr stark geprägt von Kriegsinvaliden, sehr lang, und das hat eher Männer betroffen. Also, da hat man halt in Institutionen in den vierzgern und fuffzgern gehabt, aber auch schon in den zwanzgern, dass sehr, es plötzlich sehr, sehr viele Behinderte gab, körperlich behinderte, aber auch psychisch behinderte #00:29:26-0#, ausm Krieg. Und die warn aber fast alles Männer. Und dadurch hat sich die Behindertenbewegung die ersten Rechte für be-, für Menschen mit Behinderung stark auf Veteranenvereine äh, und in Österreich tatsächlich Naziwaffe, ähm Nazi-Veteranen-Vereine berufen. Und dadurch is glaub ich, vielleicht kommt, also des hab ich noch nich erforscht, des wär auch eigentlich immer interessant, aber, obs irgendwie n Zusammenhang gibt, ich kanns mir halt a-, so herleiten, dass es deswegen so war, dass sehr oft männlich dominierte Themen, bei grad zum Beispiel Kriegsversehrten und so, ne große Rolle gespielt hat. Aber, mh, da hab ich jetzt auch noch keine Forschung dazu gelesen. Ich hatte mal ne Diskussion mit jemand darüber, der gemeint hat, der zu Kriegsinvalidität forscht, und der gemeint hat, dass es daher kommen kann. Aber, es spricht viel dafür, aber auch viel dagegen. Aber ich glaub schon, dass des ähm für unsere Eltern, die aufgewachsen sind, mit, zum Teil kriegsversehrten Vätern, oder Ur-, Großvätern, des isn, des für unsere Gesellschaft n, ne große Rolle gespielt hat, wie Behinderung dargestellt wird und woher Behinderung kommt. Des sich in den letzten fuffzig Jahren komplett geändert hat, weils in Österreich und Deutschland keine Kriege mehr gab, die Kriegsinvalide produziert haben, in großem Ausmaß. Jo. #00:30:52-9#

Y: Mhm. Mhmhm. Ähm, was bedeutet denn allgemein für dich Politik? #00:31:09-0#

B: Politik ist das Feld, in dem @(.)@ Hannah Arendt. (unverständlich) #00:31:09-2#

└ Y: Oder was ist für dich politisch, alles? #00:31:12-8#

└ B: Das private ist politisch. Ich glaube, ähm, man tut sich einen Bärendienst und des sollen die Politikwissenschaftler_innen tun, zu definieren, was Politik ist, weil du sobald dus definierst, lässt du was raus, was durchaus politisch sehen würden. Für mich is des streng genommen Politische politsch, also nehmen wir an die politische Sphäre, immer im Sinn von Parteien, die sich im Wettkampf der Ideen präsentieren, einem Volk, das sie dann wählt, das ist für mich politisch. Also auch Parlament, Gesetzgebung, alles ist politisch, in diesem, also der Staatsapparat ist politisch. Ähm, es hat sich inzwischen so ein bisschen dieser Begriff: Zivilgesellschaft, den, herausgearbeitet, den ich für komplett falsch @(halte)@. Aber n anderes Thema. Ähm, also es gibt aber au- äh politische, Politik spielt sich aber auch in Vereinen, in NGOs, auf öffentlichen Plätzen, in Kämpfen um öffentliche Plätze und Öffentlichkeit statt. Und des politische trägt sich aus dem Privaten ins Private und wieder, genau, also. Natürlich ist das private auch politisch, wenn wir in Österreich Zahlen von häuslicher Gewalt haben, die krass sind. Natürlich hat des häusliche Gewalt spielt sich im häuslichen Raum, und des hat sehr viel mit Politik zu tun. Unter anderem Frauenhäuser, die ich, wo ich jetzt heute noch mal n Artikel irgendwie überflogen hab. In Niedersachsen wird jede dritte Frau von einem Frauenhaus abgewiesen, na dreimal mehr Frauen, des is ja noch schlimmer. Dreimal mehr Frauen melden sich, damit die Platz. Nicht jede dritte Frau wi-, wird abgewiesen, sondern jede dritte Frau wird genommen. Y: //mhm// Also, natürlich hat des, ts-, Underfunding von Frauenhäusern ist auch ein politischer Akt, der sich dann bis ins Privateste hinein drängt. Das is, genau. Y: //mhm// Ja, also, deswegen, ich würde keine Definition von Politik machen können, mit bestem Gewissen, der irgendeinen Bereich im Leben ausschließt, gleichzeitig kann Politik natürlich auch nicht alles sein. Also, ich glaub, Politik ist halt so ein Aushandlungsfeld von gesellschaftlichem Sein, wenn mans so nennen will. Des is halt, des is sehr breit zu fassen. #00:33:35-5#

Y: Mhm. Ähm, wie machst du denn Politik, oder wie, ja wie vertrittst du deine Interessen? #00:33:45-8#

B: Is ne schwere Frage, weil ich mich seit ein paar Ma-, seit einiger Zeit damit beschäftige, ob ich richtig Politik mach, ob ich nicht mehr machen sollte, ob ich nicht weniger machen sollte. Wie man Politik macht in einem faschistoiden, demokratischen Land, in dem die Leute so frei sind, dass sie immer die Faschisten wählen. Und des eine is irgendwie, dann da noch den Mut finden Politik zu machen. Ich glaub, also, einerseits mach ich halt Politik im äh, in nem instit-, in dem institutionellen Rahmen der ÖH, der einerseits halt institutionell ist. Der ist vom Staat gewollt. Wir ham ne gewisse Rolle zu erfüllen. Auch als Barref ham wir eine gewisse Rolle zu erfüllen, wobei wir nicht festgeschrieben sind und uns des auch deswegen Freiheiten gibt, zu tun worauf wir Lust haben. Also mach ich Politik, ich mach Politik in der Beratung, in dem ich Leute berate und versuche ihnen, die richtige Beratung zu geben und in meiner Beratung versuch ich immer, soweit ich gut drauf bin und des hin krieg, auf ähm politisch-kämpferisches hinzuweisen. Also des hab ich zum Beispiel letztes Mal auch nicht gemacht, des hat mir dann auch wieder leid getan, aber viel von der Beratung die wir machen is zu sagen: Sorry, können wir nix machen. Und des tut weh, und des macht einen verzweifelt und ähm, es tut den Leuten nicht gut. Deswegen muss ich immer ein bisschen ein kämpferisches Potenzial da raus holen: Ja wir können nichts machen, aber. Versuch doch das und das. Und, genau, so versuch ich Politik zu machen, die Leute zu ermutigen, zu kämpfen. Und ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind, weil das ist glaub ich der Tod jeder politischen, jedes politischen Mutes, wenn du das Gefühl hast, dass du allein bist. Gleichzeitig mach ich eben Politik aus der Beratung heraus mit Veranstaltungen. Ein wichtiger Aspekt meiner politischen Tätigkeit ist Artikel schreiben, des is für mich einfach wichtig. Ich hab jetzt auch schon wieder gemerkt, wie ich den neuen Artikel schreib, des, der Aspekt des tatsächlichen Artikel-Schreibens ist mir gar nicht so wichtig wie der Aspekt: Ich beschäftige mich mit einem Thema und lese mich ein und werde dann so in diesem Thema auch, kenn mich besser aus. Mn, ja, so mach ich Politik. #00:36:22-3#

Y: Hast du noch Kopfweh? #00:36:25-7#

B: Also langsam #00:36:22-9#

└ Y: Wir können #00:36:27-7#

└ B: Is vielleicht besser wenn #00:36:27-7#

└ Y: Jetzt dann eigentlich auch, mh, also, für mich sind eigentlich die wesentlichen Fragen abgearbeitet. Fällt dir noch irgendwas ein, was du noch hinzufügen möchtest? Was du noch loswerden willst, irgendwas, was dir besonders wichtig ist? #00:36:45-3#

└ B: Des einem nie ein wenn @(Leute einen fragen)@ @(.)@ Du musst sagen: Was möchtest du nicht @(erwähnen)@? Was is ganz unwichtig? #00:36:53-0#

└ Y: Was wolltest du mir eigentlich verschweigen? #00:36:55-9#

└ B: Was, genau, was ist eigentlich ganz unwichtig, @(was glaubst du is des unwichtigste von Allem)@? Und dann kommen Antworten. Na, also, das Ding ist ok ich weiß nicht. Also, zum Beispiel, wie du mich interviewt haben wolltest, das war irgendwie für mich so dieses jetzt so wo ich dachte: Bin ich des überhaupt? Verstehst du was ich mein? Bin ich überhaupt eine behinderte politisch aktive Frau? Weil ich finde zum Beispiel nicht, dass ich genug politisch aktiv mach. Und ich hab mich gestern auch mit ner Freundin unterhalten, wie wir jetzt dann weiter nach dem Studium, nach der ÖH vorgehen, sie ist nicht mehr in der ÖH, ich bins noch, aber nicht mehr so lange. Wie wir uns danach politisch aktiv verhalten wollen. Und für mich ist natürlich dann auch die Frage, wie ich mich danach Behindertenpolitisch einsetzen möchte. Und des is, puh. Also son bisschen so ne gähnende Leere, weil ich gar nicht weiß wo ich mich engagieren soll. Also, es hab mir dann gestern Abend überlegt: Soll ich zu BIZEPs irgendwann gehen? Aber, des is, also die die sind rechts offen ohne Ende. D-, da würd ich glaub ich, des würd mir nich gut tun. Auch, ähm, kommen die aus ner ganz anderen Bewegung wie ich. Also, ich bin mir manchmal gar nich sicher, ob man so Leute, die durch Krankheit behindert sind, wie ich, wirklich gut, obs uns wirklich gut tut, zusammen vertreten zu werden mit Leuten, die durch, motorisch behindert sind oder sinnesbehindert sind, aber des nicht als Krankheit empfinden, berechtigterweise. Und auch keine Krankheiten haben. Ob des gut tut da überhaupt zusammen zu kämpfen, weil es einfach ganz andere Felder sind. Ich zum Beispiel will geheilt werden. Ich hoffe und ich bete nicht, aber sagen wir mal so: Ich hoffe jeden Tag darauf, dass es neue Fortschritte in meiner Krankheit gibt. Ich hoff dass sie Stammzellenforschung erauben, damit die endlich forschen können und meine Krankheit heilen können. Ich will nicht behindert sein. Und ich kenn aber auch Leute, die ihre Behinderung nicht als Manko erfahren. Aber wenn deine Behinderung mit Schmerzen verbunden ist, dann ist sie immer ein Manko. Weil, wer um Himmels Willen will denn freiwillig Schmerzen haben? Ja, also des is halt schwierig so. Also mh BIZEPs hat halt eher wiederum andere Kämpfe und sind auch Leute die zum Teil, also bei BIZEPs kommts mir vor als obs eher Leute sind, die ihr Leben lang schon behindert sind, gegen, gegen Heime kämpfen. Und des is n Problem des ich nicht hab. Und des ich auf längere Zeit auch nicht haben werde. Oder die kämpfen, dass sie irgendwie zum Beispiel, dass zum Beispiel diese Behindertenwerkstätten, diese furchtbaren, geschlossen werden. Und des einzige, wo ich mit Behindertenwerkstätten in Verbindung gekommen bin, wo ich recht lang krank war, und ähm, mit dem Behindertenausweiß, den machen wollte. Und was es ja auch noch gibt, was man nicht mit dem Behindertenausweiß macht, aber trotzdem damit zusammen hängt, is eine verm-, vermind-, ah wie heißt des. Verminderung der Arbeitsfähigkeit. Beh-, #00:40:07-1#

Y: Ähm was is die Frage, wie die Definition von Behinderung is? #00:40:10-8#

└ B: Nein, es gibt, also es gibt n Behindertenausweiß, den kriegst du, und der is 50 Prozent. Aber des heißt ja nicht, dass du irgendwie weniger arbeiten sollst oder kannst. Y: //mhm// Aber dann gibts noch mal dieses Extra-Ding, des auch vom Sozialministerium gemacht wird. Des heißt Verhinderung, Verminderung der Arbeitsfähigkeit? 50 Prozent und so. Des is noch mal was ganz anderes. Also nicht ganz anders, des hängt schon zam. Also des bescheinigt dir quasi, dass du nicht 100 Prozent am Arbeitsplatz, 100 Prozent am Arbeitsmarkt teilnehmen kannst. #00:40:41-2#

└ Y: Des is einfach also #00:40:43-6#

└ B: (unverständlich) #00:40:43-6#

└ Y: bei mir is des einfach son Zusatz. #00:40:45-0#

└ B: Genau. #00:40:23-4#

└ Y: Wo dann steht: Ähm, weiß ich nicht, sie ist in einem integrativen Betrieb oder mit irgendwie Unterstützung normal einsetzbar: Ja oder nein. #00:40:55-8#

B: Genau. Und wenn du des nicht bist, nein, gibts einen Grad der Verminderung. Y: //mhm// Und wenn der über 50 Prozent is, des h-, also der is ähm, kann nur 50 Prozent an (Arbeit bringen), dann bist du qualifiziert für Behindertenwerkstätten. Y: //mhm// Und wie ich mit Morbus Bechterew rein war, hatten die mir gesagt: Wenn du den Behinderbea-, äh Ausweiß beantragst, schau auf jeden Fall, dass das auf keinen Fall bei dir drin steht. Ich so: Häh, aber dann hab ich ja nich so nen Stress mitm Arbeitsamt, damals war ich noch arbeitslos, nicht arbeitslos, ich war geringfügig beschäftigt. Und dacht aber he, dann krieg ich vielleicht Invalidenrente und so was, des kriegt man ja dann auch wenn man jung ist. Gsagt: Ja. Und die stecken dich in Behindertenwerkstätten. Ich so: Nah. Des hab ich gar nicht geglaubt, weil du bist ja nur körperlich verhindert, etwas zu tun. Wie kann ich in ner Werkstatt stehn oder sein, wenn es mir körperlich schlecht g-, aber das machen die. Die stecken Menschen mit Morbus Bechterew, einer Krankheit, die schnell mal mit 50 Prozent, also wenn du nen Schub hast schnell mal mit 50 Prozent Arbeitsverminderung, in Werkstätten. Ungefähr das schlechteste was du tun kannst wenn du Morbus Bechterew hast is, dich so, zu arbeiten. Und des is vorgekommen. Und des war so dieses Ding, wo ich zum ersten Mal gemerkt hab: Ok, ich muss aufpassen, damit ich nicht zu behindert werd. Damit ich nicht wie die anderen Behinderten werd. Y: //mhm// Und des is so was des in vielen chronisch kranken Vereinen oder in Krankheitsvereinen oft so diese totale Angst ist, und deswegen auch son bisschen so ne, so ne Bündnispolitik oft verhindert. Weil quasi die schauen sich Behinderte an, und sagen: So will ich nicht werden. #00:42:35-6# Weil die werden so scheiße diskriminiert. Und nicht zu sagen: ich möcht nicht dass die so diskriminiert werden, weil ich irgendwann tatsächlich wahrscheinlich so werd, sondern alles daran tun, zu verhindern, so eingestuft zu werden. Und, des sind halt s-, is klar des is ne schwierige, des is ne schwierige Ausgangslage vorüber auch niemand so richtig redet. Und, also, ich hätte jetzt nicht mal bei BIZEPs oder bei Selbstbestimmt Leben oder (unverständlich) so mal gehört, wie, wie gehn wir mit so, also m-, es is ganz klar, es wird ganz oft darüber geredet: Behinderungen sind sehr individuell, ähm, kann man oft nicht unter einen Hut tun, aber dass es zum Beispiel auch Behinderungen gibt, die sich, also be-, Bedürfnisse von Behinderten gibt, die sich tatsächlich konträr zueinander verhalten und die tatsächlich ähm gar nicht so vereinbar sind. Also, zum Beispiel des is n Thema, das spricht überhaupt niemand gern an. Also ich hatte einmal so diesen Fall, also s NIG, die neue, die neue, warst du da schon im Referat mit dem NIG? #00:43:35-9#

Y: In was für nem Referat? #00:43:38-0#

└ B: Ähm bei uns? #00:43:38-0#

Y: Achso, ähm du meinst wegen den Blindenleitlinien? #00:43:45-2#

└ B: Warst du da schon? #00:43:46-0#

Y: Was #00:43:44-7#

B: Hast du das schon mitbekommen? #00:43:47-9#

Y: Jaja, des hab ich mitbekommen. Ne, da war ich noch nicht im Barref #00:43:51-8#

└ B: Okay. #00:43:50-9#

Y: Da war ich, da waren wir gemeinsam im Seminar, bei der Naue. #00:43:56-3#

B: Genau und da gings ja dann später weiter, dass wenn diese, des isn ganz dummes Beispiel, aber. Genau, Behinderten-, äh die Blindenleitsysteme: für die Blinden is es wichtig, dass die möglichst hoch sind, damit sie sie besser ertasten können. Möglichst eindeutig sind. Die Elektrorollis finden die äußerst lästig. Des isn ganz dummes Beispiel, aber es zeigt, des is nich immer so: Wir sind alle behindert und deswegen wollen wir Barrierefreiheit, weil des widerspricht sich zum Teil. Und, wir müssen auch zum Beispiel darüber in, psychische Behinderungen haben oft ganz unterschiedliche, unterschiedliche ähm Bedürfnisse. Manche Leute wollen nicht in sehr helle Räume gehen, da sieht man sie. Manche wollen, also genau, manche ham gsagt: Ich möchte keinen Eingang haben, den man sofort erkennt, wenn ich dann drin steh und mich alle anschauen. Mein Bedürfnis, mit meinen Angstattacken: Ich muss immer den Ausgang sehen, der muss gut beleuchtet werden, es dürfen nicht zu viele Leute im Raum sein, sonst krieg ich ne Panik-Attacke. Also inzwischen nicht mehr der Fall, aber ich konnte früher nicht in Restaurants gehen, wo ich nicht direkt die Tür gesehen hab. Das, des ging nicht, ich hab, also es ging einfach nicht. Und des sind Sachen die wies-, wiedersprechen sich, und ich glaub da müsste man in der Behindertenbewegung öfter drüber reden. #00:45:12-2#

Y: Schlusswort? #00:45:13-0#

B: Ja. #00:45:14-6#

Quelle

Svenja Killius: „Ich bin eine Emanze, ich bin eine Frau, ich bin das gern.“ Politisches Engagement von Frauen mit Behinderungen in WienBachelorarbeit; Eingereicht bei Dr. Jeremias Stadlmair BA MA; Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien.

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 23.08.2018

Quelle

Bibliographische Angaben / Zweckinformation und eventuelle weitere Hinweise.

bidok - Volltextbibliothek: Erst-/Wieder-/Neuveröffentlichung im Internet

Stand: 19.09.2018

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