Integration im Vorschulbereich: Frühförderung - Therapie - Kindergarten

AutorIn: Judith Kessler
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: TAFIE (Hrsg.): Pädagogik und Therapie ohne Aussonderung. 5. Gesamtösterreichisches Symposium 1989, S. 95 - 100
Copyright: © Judith Kessler 1989

Integration im Vorschulbereich: Frühförderung - Therapie - Kindergarten

Der Bereich der vorschulischen Integration ist sehr weit und vielschichtig. Ich werde hier nur einige Problemschwerpunkte aufgreifen und einige mir wichtig erscheinende Gedanken skizzieren.

Ich gehe davon aus, daß wir hier eine gemeinsame Zielsetzung haben: die Integration aller Kinder. - Lieber spreche ich hier in diesem sehr frühen Zeitabschnitt im Leben der Kinder von Nicht-Aussonderung der behinderten Kinder, weil er meiner Meinung nach unser Anliegen besser beschreibt, nämlich die Kinder in ihrer normalen Umgebung bestmöglich zu betreuen. Der Begriff Integration hat sich aber in unseren Köpfen bisher besser durchgesetzt.

Es gilt also nun zu überlegen, wie jede Berufsgruppe durch ihre Sichtweise, durch ihren spezifischen Zugang und ihre praktischen Möglichkeiten am Integrationsprozeß mitwirkt bzw. mitwirken kann.

Dabei verstehe ich Integration zum einen als ein anzustrebendes Ziel, im Sinne von gesetzlichen Grundlegungen und bestmöglichen Rahmenbedingungen, und vor allem aber verstehe ich Integration als einen gemeinsamen Lernprozeß, den alle Beteiligten im alltäglichen Miteinander und in der tagtäglichen Auseinandersetzung gestalten und erfahren. Dieser Prozeß ist - wie jedes Beziehungsgeschehen - vielschichtig, nicht geradlinig und konfliktfrei, und betrifft uns alle in unserer Gesamtheit (d.h. körperlich, emotional, kognitiv).

Ich möchte meine weiteren Überlegungen an die psychische Entwicklung der Kinder bzw. an die notwendigen Bedingungen dafür knüpfen.

Wir alle wissen, wie wichtig das erste Lebensjahr für die Entwicklung jedes Kindes ist (und zwar für die emotionale, die körperliche, die kognitive Entwicklung).

Das Urvertrauen, das Zugehen auf die Welt sowie der Kern des Selbst werden in engem Kontakt mit der Bezugsperson (bei uns in den meisten Fällen mit der Mutter) grundgelegt. Doch scheint das Wissen um die so bedeutende Zeit der/s ersten Jahre(s) verschwunden, wenn wir ein behindertes Kind vor uns haben.

Wie sonst könnten wir es akzeptieren, daß dieses Kind Trennungen ausgesetzt wird (meist für Spitalsaufenthalte), Untersuchungen und Therapien erfährt (mit verschiedensten Menschen) und dabei zu spüren bekommt, daß es so, wie es ist, nicht in Ordnung ist.

Das Kind, das die Innen- und Außenwelt, sich selbst und die anderen, erst langsam zu unterscheiden lernt, wird diese Welt (einschließlich seines eigenen Körpers) schmerzhaft, feindlich, verunsichernd erleben; es kann nicht wissen was, warum, wie zu "seinem Besten" getan wird. Es sind diese inneren Erfahrungen, die das Kind während dieser ersten Interaktionen mit der Welt (= der Mutter) macht, die das Maß seiner späteren Beziehungsfähigkeit (mit)bestimmen.

Die wichtigste Entwicklungsbedingung unserer ersten Zeit ist eine verfügbare, empathische Mutter bzw. Bezugsperson. Damit Mütter diese Aufgabe erfüllen können, ist es wichtig, sie dabei zu unterstützen, zu stärken und auch zu entlasten; d.h. der Ansatz für die Frühförderung liegt nicht in der Behandlung des Kindes, sondern in der Unterstützung der Bezugsperson (der Mutter und auch des Vaters). Ich spreche hier nicht von Idealbedingungen, sondern von Bedingungen, die so beschaffen sind, daß sie die eigenen Kräfte des Kindes überhaupt zur Entwicklung kommen lassen und ich möchte damit die noch unsichtbaren, aber sehr entscheidenden Spuren der emotionalen Entwicklung (und damit aller anderen Entwicklungen) betonen.

Entwicklung ist verbunden mit zunehmender Lösung von den engen familiären Bindungen. Der Kindergarten hat dabei eine zentrale Bedeutung für diese Erweiterung des sozialen Umfeldes und für die Erprobung und Erweiterung der Autonomie des Kindes, indem vielfältige Erfahrungen mit anderen Kindern, Erwachsenen und neuen Inhalten möglich werden. Ziel ist - nach meinen Erfahrungen - daß jedes behinderte Kind einen integrierten Kindergarten, möglichst in seiner Wohnnähe, besuchen kann, und daß dabei die notwendige therapeutische Unterstützung gewährleistet ist.

Auf die Rahmenbedingungen integrativer Kindergartenarbeit möchte ich hier nicht weiter eingehen, sondern ich werde die wichtigsten Erfahrungen im integrativen Kindergarten thesenartig zusammenfassen:

1. Die Kinder lernen voneinander. Ganz einfach und alltäglich.

Von den Kindern geht eine Fülle von Impulsen und Anregungen aus, die von den Erwachsenen (BetreuerInnen und TherapeutInnen) nie in dieser Weise in Gang gebracht werden können. In diesem dichten Gefüge der alltäglichen gemeinsamen Erfahrungen (vor allem auch beim gemeinsamen Essen, Waschen, Klogehen ...) vollziehen sich viele Lernprozesse ganz selbstverständlich und meist unbewußt und daher auch fast unbemerkt. Die Kindergruppe wirkt motivierend für das aktiv werden einzelner Kinder. Dabei sind die Lernprozesse durchaus gegenseitig; die nichtbehinderten Kinder sind nicht die einseitig gebenden.

2. Wirkliches Miteinander setzt gegenseitige Rücksichtnahme voraus, wobei die Bedürfnisse aller Kinder gleich ernst genommen werden müssen.

Es ist dies eine Forderung an die BetreuerInnen und TherapeutInnen, die sowohl bei der Planung wie auch in aktuellen Konfliktsituationen Bedeutung hat. Es ist aber auch ein Lernprozeß für die Kinder, der beinhaltet, daß sie lernen, die verschiedenen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen zu sehen und damit einfühlsam umzugehen, ohne die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu unterdrücken. Ebenso ist es für alle Kinder wichtig, Erfahrungen mit Aggressionen und Wutausbrüchen zu machen und in Konfliktsituationen selbständig handeln zu lernen.

3. Im Integrationsprozeß kommt der körperlichen Ebene eine wichtige Bedeutung zu: Kontakt aufnehmen, Konflikte austragen, liebevolles Zuwenden ..., fast alle Interaktionen der Kinder untereinander sind sehr mit ihrem Körper verbunden und manifestieren sich mit großer Direktheit und Konkretheit. Körperbezogen ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil im täglichen Kommunikations- und Interaktionsprozeß, sondern auch im Prozeß der Aneignung des eigenen Körpers, was besonders für Kinder mit einer Behinderung mit vermehrten Schwierigkeiten verbunden ist bzw. sein kann. Die behinderten Kinder sind durch das tägliche Zusammensein in den ständigen Prozeß der körperlichen Annäherung und Abgrenzung miteinbezogen. Diese Auseinandersetzung in ihrer aggressiven wie zärtlichen Ausprägung bringt eine Reihe von Erfahrungen, die zur Ausprägung eines positiven Körpergefühls als Grundlage des sich-selbst-Akzeptierens beitragen.

4. Integrative Gruppen fordern zu einer radikalen Infragestellung des Konkurrenz- und Leistungsverhaltens heraus.

Wichtig scheint mir, die Leistungsbereitschaft und -freude der Kinder zu fördern; dabei eine Gruppenatmosphäre zu schaffen, in der möglichst wenig Leistungsdruck und vor allem möglichst wenig Konkurrenz herrscht; und daß auch in der Erwachsenengruppe Leistungserwartungen immer wieder reflektiert werden.

5. Die Vielfalt der möglichen Ausdrucksformen und der akzeptierten Verhaltensweisen wirken oft für die nichtbehinderten sehr befreiend und ermöglicht es ihnen dann eher, ihren eigenen, z.B. regressiven oder aggressiven, Impulsen nachzugehen; sie erleben, daß jeder hilfsbedürftig, aggressiv, müde, traurig, zornig usw. sein kann, ohne Angst haben zu müssen, nun nicht mehr akzeptiert und geliebt zu werden.

6. Die Kinder bestimmen von sich aus den Rhythmus und die Zeit, die sie für ihre Entwicklung brauchen. Wir Erwachsenen können Bedingungen und Anregungen für mögliche Entwicklungen schaffen (in den verschiedensten Bereichen), die Veränderung geht aber vom Kind selber aus.

7. Teamarbeit ist notwendige und grundlegende Arbeitsform, um der Ganzheit des Kindes gerecht zu werden.

Das bedeutet für die Erwachsenengruppe eine große Entwicklungsmöglichkeit, stellt aber hohe Forderungen an die einzelnen MitarbeiterInnen in bezug auf Offenheit, Transparenz der Arbeit, Kooperations- und Konfliktbereitschaft; es verlangt vor allem, sich einzulassen und die eigene Praxis immer wieder zu reflektieren.

8. Für die meisten Eltern behinderter Kinder ist der Kindergarten mit neuen Erwartungen und neuen Ängsten verbunden; manchmal ist der Kindergarten der erste, sogenannte "öffentliche" Ort, an dem die Behinderung des Kindes offensichtlich wird; zumeist aber ist es ein Ort, wo Auseinandersetzung mit anderen Kindern, Eltern, BetreuerInnen, TherapeutInnen (sogenannten Experten) stattfindet. Es ist ein neuer Anfang, ein neuer Ort mit neuen Erwartungen, auch mit neuen Anforderungen.

Offen oder versteckt; auf sehr unterschiedliche Weise werden diese Bedürfnisse und Erwartungen miteinander kommuniziert, so daß aus den bewußten und unbewußten Ängsten, Erwartungen, Hoffnungen und Phantasien aller Beteiligten ein sehr dichtes, sensibles Spannungsfeld um das Kind herum entsteht.

Dies führt mich noch zu einigen Gedanken, die ich zusammenfassend und abschließend kurz anreißen möchte.

Ich glaube, daß wir den unbewußten Motiven, den Phantasien, die um das Kind herum aufgebaut sind, viel mehr Beachtung schenken müssen; daß sie im Prozeß der Auseinandersetzung und Aufarbeitung eine sehr wichtige Rolle spielen.

Ebenso brauchen wir mehr Platz für die Ängste und Trauer, für Wut und Aggression. Ich meine damit, daß diese Gefühle sehr wesentlich unser Verhalten beeinflussen, daß sie in verschiedenen Phasen des Lebens/des Arbeitens verschieden stark vorhanden sind, daß sie einen Teil unserer Lebendigkeit ausmachen - aber nur dann, wenn sie auch eine Möglichkeit zum Ausdruck, zum Mitteilen haben. Das betrifft uns alle, sowohl die Kinder, die Eltern und auch diejenigen, die mit ihnen arbeiten (in erster Linie denke ich aber an die Mütter).

Dies bedeutet weiter, daß wir Krisen und Konflikte nicht zu verhindern, nicht auszubügeln versuchen, sondern als Lern- und Entwicklungschance begreifen. Integrative Arbeit ist mit Konflikten verbunden; doch scheint es mir wichtig, sie nicht nur als störende Hindernisse zu sehen, nicht gegen sie, sondern mit ihnen zu arbeiten und zu leben.

Gerade für den vorschulischen Bereich scheint es mir notwendig, auch die "Zukunftsorientiertheit" vieler pädagogisch-therapeutischer Denkweisen zu reflektieren. Vieles wird unternommen mit der Perspektive auf das "spätere Leben"; das Jetzt mit seinen "kindlichen" Wichtigkeiten geht darüber verloren; es bleibt kein Platz für den spielerischen, verschwenderischen Umgang mit der Zeit, für die leisen, unsichtbaren Spuren. Damit möchte ich mit K. Wecker schließen: "Leben ist zwischendrin. Vor allem: heute."

Quelle:

Erschienen In: TAFIE (Hrsg.): Pädagogik und Therapie ohne Aussonderung.

Gesamtösterreichisches Symposium, S. 95 - 100, Autoreneigenverlag TAK, Innsbruck 1990

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Stand: 04.04.2005

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