"Trauerbegleitung bei Suizid - Was können Dritte tun?"

AutorIn: Oliver Jungwirth
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Schlagwörter: Konstruktivismus, Studie, Trauer
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magister (FH) für sozialwissenschaftliche Berufe. Fachhochschul-Studiengang Soziale Dienstleistungen für Menschen mit Betreuungsbedarf. Erstbegutachter: Mag. Helmut Rockenschaub, Zweitbegutacherin: DDr. Silvia Hedenigg. Linz am 6. April 2007
Copyright: © Oliver Jungwirth 2007

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Im Dezember 2005 begann ich gemeinsam mit einer Studienkollegin, Barbara Payré, an dem Projekt "ZeitRaum" zu arbeiten. Geplant war das Entstehen eines Filmes über Angehörige, die einen geliebten Menschen durch Suizid verloren hatten. Der Film sollte die Situationen der Menschen zeigen, ihre Emotionen, Gedanken und Probleme, mit denen sie Tag für Tag zu kämpfen hatten.

Im Laufe der Filmproduktion kamen durch den Kontakt mit Fr. Mülleder und der von ihr geleiteten Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern in Linz viele Gespräche zustande, welche mich noch lange danach beschäftigten. Vor allem eine Tatsache, die sich durch alle Gespräche zog, beschäftigte mich sehr: Die Betroffenen berichteten darüber, von ihrem Umfeld gemieden zu werden. Auf mein Nachfragen hin erhielt ich häufig die Antwort, dass die Gründe für diesen Rückzug vermutlich darin lagen, dass die Menschen nicht wussten, was sie reden oder was sie tun sollten und sich deshalb von den Betroffenen fernhielten.

Allerdings stellte sich diesbezüglich eine weitere Frage: Warum war das Thema Suizid so von Angst erfüllt?

Im Laufe der Filmproduktion kamen wir auch mit vielen Menschen in Kontakt, die mit dem Thema davor noch nicht zu tun gehabt hatten und über mich und Barbara erfahren wollten, wie man mit Betroffenen umzugehen hätte, wie man reden sollte, was zu tun sei. Aus diesen Fragen folgerte ich, dass die Bereitschaft zu reden und da zu sein für die Betroffenen durchaus vorhanden war. Aber die Angst davor, etwas "Falsches" zu tun, schien unglaublich hoch. Niemand wollte den Schmerz, den die Hinterbliebenen fühlten, unbeabsichtigt noch vergrößern.

Auf beiden Seiten herrscht diesbezüglich Sprachlosigkeit: Einerseits sind die Betroffenen so sehr im Schmerz versunken, dass es ihnen nicht möglich ist, die Hand auszustrecken. Andererseits hat das Umfeld so sehr Angst davor, etwas Unangemessenes zu tun, dass es ihm nicht möglich ist, von sich aus auf die Betroffenen zuzugehen.

Dazwischen liegt peinlich berührtes Schweigen.

Da ich durch die Arbeit an unserem Filmprojekt und aufgrund der Reaktionen darauf noch längere Zeit mit beiden Seiten zu tun haben werde, beschloss ich, eine Brücke zu bauen und mich genau diesem Berührungspunkt, der so selten genutzt wird, zu widmen und zu untersuchen, was Drittpersonen für Hinterbliebene tun können und wie sie es tun können.

Ich möchte mich bei allen Betroffenen, die bereit waren, sich für Gespräche zur Verfügung zu stellen, für ihre Offenheit und Ehrlichkeit bedanken. Gleiches gilt für Josefine Mülleder, die den Kontakt zu den Hinterbliebenen herstellte und für Birgit Koxeder, die mir die Wichtigkeit dieser Thematik immer wieder vor Augen führte. Danke auch an Mag. Helmut Rockenschaub, der mich beim Schreiben dieser Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen unterstützt und auf dem "wissenschaftlich richtigen Weg" gehalten hat.

Großer Dank gilt auch all jenen Menschen, die in langen Gesprächen mit mir beisammen saßen und mit mir so viele Themen, begonnen bei Gott, über das Leben hin bis zur Angst vor Unbekanntem, besprachen. Es wären zu viele, um sie hier alle namentlich zu nennen, aber besonders erwähnen möchte ich Melanie Sinnhofer.

Riesengroßer Dank geht auch an Barbara und Pierre Payré. Barbara danke ich für die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Erfahrungen bei der Arbeit an "ZeitRaum" und Pierre für seine Geduld und Unterstützung während der anstrengenden Arbeits-und Filmproduktionsphasen, die neben dem Schreiben dieser Arbeit erfolgten.

Und auch meinen Eltern gebührt großer Dank. Sie haben mich während meinem Studium, sowie dem Schreiben dieser Arbeit, immer unterstützt.

Ich hoffe, dass diese Arbeit ein wenig die Angst aus den Begegnungen von Betroffenen und ihrem Umfeld zu nehmen vermag.

Eidesstattliche Erklärung

Ich erkläre hiermit eidesstattlich, die vorliegende Arbeit selbständig und ohne fremde Hilfe verfasst zu haben, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht zu haben.

Diese Arbeit ist allen Betroffenen gewidmet, die ich im Rahmen der Arbeiten an dem Film "ZeitRaum" kennengelernt habe.

Namentlich möchte ich Josefine Mülleder und die "Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern" in Linz anführen, sowie Birgit Koxeder, welche mir viel Einsicht in das Thema gaben.

Oliver Jungwirth Linz, am 6. März 2007

Einleitung

Im Rahmen des Projektes "ZeitRaum", das ich gemeinsam mit Barbara Payré im sechsten Semester meiner Ausbildung an der Fachhochschule durchführte, kam ich dem Thema "Suizid und Angehörige" sehr nahe. Ziel dieses Projektes war es, einen Spielfilm zu produzieren, welcher die Thematik "Wie geht es Angehörigen nach dem Suizid eines geliebten Menschen?" behandelt.

Im Laufe des Projektes, das von Jänner 2006 bis Dezember 2006 lief, traten für mich oftmals Fragen auf, welche sich damit beschäftigten, wie das Umfeld auf die Hinterbliebenen reagierte. Leider mussten wir in den Gesprächen mit den Betroffenen feststellen, dass beinahe alle gleich mit dem Umgang der Gesellschaft zu kämpfen hatten. Isolation und ähnliches waren die Merkmale, unter welchen das Leben nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen durch Suizid zu laufen schien.

Ich entschied mich dafür, meine Arbeit dem Thema: "Trauerbegleitung bei Suizid - Was können Dritte tun?" zu widmen und herauszufinden, was Drittpersonen für die Hinterbliebenen von Suizidenten tun können.

Die Wichtigkeit dieser Frage schien mir besonders hoch zu sein, da die Reaktionen auf den Film "ZeitRaum" allesamt positiver Natur waren und viele Fragen an mich herangetragen wurden, die sich mit dem Thema "Was kann ich für solche Menschen tun?" beschäftigten. Auf meine Literaturrecherche hin erkannte ich, dass dies eine Frage war, die leider in der Literatur nur unzulänglich thematisiert wurde. Selbst Bücher mit Titeln wie "Ein Ratgeber für Angehörige" halfen nicht viel weiter, da auch darin hauptsächlich die Situation der Angehörigen beschrieben, aber nie wirklich erklärt wurde, was Drittpersonen für Hinterbliebene tun können.

Der Zugang zu dieser Thematik kann vielfältig erfolgen. Meine Herangehensweise orientiert sich an den Betroffenen, welche die Antworten auf die Frage: "Was kann man für euch tun?" selbst geben sollen.

Dazu wird im ersten Teil dieser Arbeit die Meta-Ebene diskutiert, welche erklären soll, unter welchen wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten diese Arbeit verfasst wurde. Danach erfolgt der Einstieg in die Problematik mit einer theoretischen Betrachtung des Themas Suizid. Wesentlich dafür sind die Werke "Der Selbstmord" von Erwin Ringel, in welchem das "präsuizidale Syndrom" erklärt wird, und dem ebenfalls "Der Selbstmord" titulierten Buch von Émile Durkheim. In diesem Teil werden durch verschiedene Sichtweisen die Arten von Suizid und deren möglichen Ursachen erörtert.

Darauf folgt eine theoretische Betrachtung des Trauerprozesses. In diesem Abschnitt wird das Trauermodell von Verena Kast vorgestellt und wichtige Aspekte von Trauerprozessen und deren Ausprägungen in Bezug auf Suizid behandelt.

Anschließend folgt ein Empirie-Teil, in welchem die Fragestellung "Welche Reaktionen gab es vom Umfeld und wie reagierten die Betroffenen darauf?" im Rahmen einer Inhaltsanalyse von Interviews, die mit Betroffenen geführt wurden, beleuchtet wird.

Im Kapitel "Trauerbegleitung bei Suizid" werden die Schlussfolgerungen aus Empirie und Theorie zusammengefasst dargestellt und deren Bedeutung für Drittpersonen im Umgang mit Betroffenen erläutert.

Der letzte Teil "Abschließende Diskussion" widmet sich einer kurzen Reflexion dieser Arbeit.

1. META-EBENE - Zum Verständnis dieser Arbeit

Die Frage, ob man sich mit einem Thema wie diesem auseinander setzen kann, ohne subjektiv davon betroffen zu sein oder Werturteile zu haben, scheint eine große und vor allem wichtige Angelegenheit zu sein. Um zu verstehen, unter welchen Gesichtspunkten diese Arbeit geschrieben wurde, ist es notwendig, eine kurze Einführung zum Thema "Konstruktivismus" und zum "Kritischen Rationalismus" nach Karl R. Popper der Arbeit voranzustellen. Anschließend wird kurz das Verständnis von Wissenschaft und die "Problematik des Werturteils" in Bezug zur vorliegenden Arbeit betrachtet, bevor das eigentliche Thema behandelt wird.

1.1 Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Position, welche davon ausgeht, dass die Menschen die Wirklichkeit um sich herum nicht finden, sondern "erfinden", sie für sich selbst konstruieren (vgl. Watzlawick 2006, S 13ff).

"An dieser Stelle möchte ich wiederum auf den Radikalen Konstruktivismus zurückkommen und die Untersuchung jener Prozesse, durch die wir unsere individuelle, familiäre, gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche und ideologische Welt schaffen, dann aber naiverweise annehmen, dass die Welt wirklich so ist." (Watzlawick 2006, S. 32) Nach Watzlawick können wir nicht überprüfbar sagen, ob unsere Entdeckungen "wirklich" sind. Wir können nur davon ausgehen, dass sie vermeintlich richtig sind, und zwar so lange, bis sie als falsch widerlegt wurden (vgl. Watzlawick 2006, S. 33). Um ein Beispiel zu nennen: Ein Mensch betrachtet ein Wasserglas und hält es für halb voll. Ein anderer Mensch betrachtet das gleiche Glas und meint, es sei halb leer. Welche der beiden Aussagen ist richtig? Objektiv betrachtet wäre die Formulierung, dass es sich um ein Glas handelt, dessen Fassungsvermögen halb genutzt wurde, wohl eine neutrale. Ob das Glas nun aber halb voll oder halb leer ist, scheint eine subjektive Betrachtung zu sein. Keine der beiden Aussagen ist an sich falsch, keine kann den Anspruch erheben, richtiger zu sein als die andere, beschreiben doch beide den gleichen Sachverhalt. Es handelt sich lediglich um zwei verschiedene Konstrukte der Wahrnehmung. Weder die eine noch die andere ist besser, schlechter, richtiger oder falscher, da beide den gleichen Tatbestand beschreiben (vgl. Watzlawick, S. 1ff).

Kurz gefasst lautet die Kernthese des Konstruktivismus folgendermaßen: "Jeder Mensch konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit." (Watzlawick 2006, S. 10)

Wie sieht es aber mit der Wirklichkeit aus? Gibt es so etwas wie eine "objektive Wirklichkeit"? Existiert eine "allgemein gültige" Realität? Laut Popper und Watzlawick tut sie das. Es sei nur bis jetzt nicht bekannt, wie sie aussieht.Wie ist es also möglich, eine objektive Wirklichkeit zu erkennen? Karl R. Popper geht den Weg von "Annäherung" und "Ausschluss" (vgl. Popper 2006, S. 1ff).

1.2 Kritischer Rationalismus nach Popper

Die Annahme, welche dem Kritischen Rationalismus zugrunde liegt, ist jene, dass es eine reale, äußere Wirklichkeit gibt, die - unabhängig von der Erkenntnis des Menschen - existiert. Die Möglichkeiten der Wahrnehmung des Menschen werden von dieser Wirklichkeit, dieser Wahrheit, wie Popper sie nennt, definiert (vgl. Popper 2006, S. 255ff).

"Wir können sagen, daß das Verhalten von Tieren und auch von Pflanzen zeigt, daß Organismen auf Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten eingestellt sind. Sie erwarten Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten in ihrer Umgebung, und die meisten dieser Erwartungen sind, vermute ich, genetisch bedingt, das heißt, angeboren." (Popper 2006, S. 16)

Das Problem, welches sich stellt, ist, dass es nicht möglich ist, zu beweisen, ob eine Aussage oder eine Erkenntnis nun diese "reale Welt" richtig beschreibt oder nicht. Die einzige Möglichkeit zu "beweisen", dass eine Aussage möglichst nahe an die Wahrheit heran reicht, liegt darin, jede Theorie auf ihre Falsifizierbarkeit hin zu überprüfen. Je mehr Falsifikationen eine Theorie standhält, desto wahrscheinlicher beschreibt sie die wirkliche Welt (vgl. Popper 2006, S. 28ff).

Allerdings ist es - nach Popper - nicht möglich, zu beurteilen, wie nahe diese Theorie an die Wirklichkeit herankommt, und wie lange sie Bestand hat. Es bleibt immer möglich, dass sie von einer neuen Theorie abgelöst wird, welche die gleichen Fragen noch besser beantwortet als die vorhergehende (vgl. Popper 2006, S. 15ff).

"Die Idee der Annäherung an die Wahrheit ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Ideen der Wissenschaftstheorie. Das hängt damit zusammen, daß die kritische Diskussion von konkurrierenden Theorien, wie wir gesehen haben, für die Wissenschaftstheorie so wichtig ist." (Popper 2006, S. 39)

Popper geht in seinem Buch "Alles Leben ist Problemlösen" von einem 4-Stufen-Verfahren aus, welches seiner Meinung nach den Vorgang jedweder Erkenntnis treffend beschreibt: Die erste Stufe ist das "Problem", welches gelöst werden soll. Als nächstes werden verschiedene mögliche Lösungsversuche angedacht und ausprobiert. In der dritten Stufe werden diese Versuche auf ihre Wirksamkeit hin getestet. Es wird beobachtet, ob sie das gewünschte Resultat erzielen, und die "falschen" Lösungsversuche, also jene, die nicht das gewünschte Resultat liefern, werden eliminiert, bis letztlich nur noch ein Lösungsversuch übrig bleibt. Dieser wird auf das Problem angewandt. Dadurch entsteht entweder eine neue Form des alten Problems, also ein Problem, das dem Ersten ähnlich ist, sich aber doch klar von dem alten allein schon dadurch unterscheiden lässt, dass der Lösungsversuch des vorigen Problems bei diesem nicht greift. Oder es bildet sich ein gänzlich neues Problem, welches durch die Lösung des ersten Problems entstanden ist, und das Verfahren beginnt wieder von vorne (vgl. Popper 2006, S. 32ff).

"Wir können von unserem vierstufigen Schema weiter ablesen, daß wir in der Wissenschaft von einem Zyklus von alten Problemen ausgehen und mit neuen Problemen aufhören, die ihrerseits wieder als Ausgangspunkt eines neuen Zyklus fungieren." (Popper 2006, S. 33)

Die grundlegende Haltung hinter dieser Denkrichtung ist jene, dass durch Theorienbildung und Falsifikation gemeinsam der Wahrheit ein Stück näher gekommen wird. Durch jede falsifizierte Theorie ist wieder eine Möglichkeit eliminiert worden, und durch diese Elimination ist wieder ein Schritt in Richtung der Lösung gegangen worden. Demzufolge ist jede Theorie losgelöst von ihrem Urheber zu betrachten, und auch ihm selbst sollte daran liegen, sie aufs Strengste zu prüfen (vgl. Popper 2006, S. 15ff).

Das sei -laut Popper -auch einer der Punkte, der den Menschen klar von der Tierwelt abgrenzt, in welcher er die gleiche Entdeckung machte. Eine Amöbe bediene sich der gleichen Mechanismen, wie - zum Beispiel - ein Albert Einstein: Sie versucht durch "Versuch und Irrtum" an ihr Ziel zu kommen (vgl. Popper 2006, S. 25).

"Die Amöbe flieht vor der Falsifikation: Ihre Erwartung ist ein Teil von ihr, und vorwissenschaftliche Träger von Erwartungen oder Hypothesen werden oft durch die Widerlegung der Hypothese vernichtet. Einstein dagegen hat seine Hypothese objektiviert. Die Hypothese ist etwas außerhalb von ihm; und der Wissenschaftler kann seine Hypothese durch seine Kritik vernichten, ohne selbst mit ihr zugrunde zu gehen. In der Wissenschaft lassen wir Hypothesen für uns sterben." (Popper 2006, S. 25f)

Nach dieser sehr kurzen Einführung in den Konstruktivismus und den kritischen Rationalismus, widmet sich der nächste Teil dem Wissenschaftsverständnis und der Problematik der Werturteile in wissenschaftlichen Arbeiten.

1.3 Verständnis von Wissenschaft und Werturteilsproblematik

In der Arbeit von Patry wird Wissenschaft als ein Konstrukt von Sätzen verstanden, welche versuchen, eine möglichst nahe Annäherung an die Wirklichkeit darzustellen. Die Einbindung von Werten und Normen, also der Gebrauch von präskriptiven beziehungsweise normativen Sätzen, wird nicht als problematisch betrachtet, solange sie klar von den deskriptiven Teilen der Arbeit abgegrenzt sind (vgl. Patry 2006, S 1ff).

"Erziehungswissenschaft als System von Sätzen kann problemlos Aussagen über Ziele, Werte und Normen enthalten, die jemand vertritt. Es sind dies deskriptive Aussagen über Normen: Es wird beschrieben, welche Werte und Normen von bestimmten Personen vertreten werden. Die Aussage "Die Person A vertritt die Norm N" sagt etwas aus über Person A, nicht aber darüber, welche Normen der Autor oder die Autorin dieser Aussage, die sich auf Person A bezieht" vertritt." (vgl. Patry 2006, S. 2)

1.4 Diskussion

Aufgrund der Werturteilsproblematik, die sich bei einem Thema wie diesem stellt, werden Überlegungen des Autors klar gekennzeichnet und in einem eigenen Punkt unter dem Namen "Diskussion" behandelt. Im gleichen Punkt werden - sofern vorhanden - Überlegungen in Bezug auf Konstruktivismus und den Kritischen Rationalismus untergebracht und damit klar ersichtlich von den deskriptiven Teilen der Arbeit abgegrenzt.

Auch wird vom Autor zur Beschreibung des Sachverhaltes nur das Wort "Suizid" gebraucht, da es die einzige Formulierung zu sein scheint, welche einen neutralen Zugang zu der Thematik widerspiegelt. Die Worte "Selbstmord" oder "Freitod" implizieren eine vom Autor nicht gewollte Deutung hinsichtlich Aggression und Freiwilligkeit. Dennoch wird in manchen Teilen (zum Beispiel im Kapitel über Suizid) der Begriff "Selbstmord" gebraucht. Dies geschieht allein aus dem Grund, dass die für diesen Teil verwendeten Autoren diese Formulierung benutzten. In den Fällen von Émile Durkheim und Erwin Ringel sei noch hinzugefügt, dass in der Zeit, als diese Bücher verfasst wurden, der Begriff "Selbstmord" ein Fachbegriff war und demzufolge ebenfalls wertneutral zu betrachten ist.

Eine Erklärung über wichtige Begriffe füge ich dieser Arbeit nicht hinzu, da die Bedeutung aller verwendeten Begrifflichkeiten, die vielleicht dem Laien nicht verständlich sind, klar aus dem Kontext hervorgehen.

Nach diesem Exkurs in die Wissenschaftstheorie beginnt nun die eigentliche Arbeit zum Thema "Trauerbegleitung bei Suizid - Was können Dritte tun?". Der erste Schritt ist eine Betrachtung der gängigen Theorien zum Thema Suizid.

2. SUIZID - Eine Betrachtung

"Niemand wird es einfach finden, den Selbstmord zu definieren oder zu klassifizieren, und es ist wirklich nicht leicht. Der Tod durch eigene Hand resultiert letztlich aus einem Bündel unbekannter Motive, komplexer psychologischer Gegebenheiten und ungewisser Umstände."(Redfield Jamison 2000, S. 32)

Eine Feststellung, die wenig zufriedenstellend erscheint, aber dennoch eine gewisse Richtigkeit beinhalten mag. Das Thema Suizid ist ein überaus komplexes Thema, und eine definitive, allgemeingültige Antwort auf die Frage, warum Menschen sich das Leben nehmen, wurde bis heute nicht gefunden. Viele Autoren bemühen sich um eine Aufklärung der Hintergründe und suchen nach möglichen Ursachen im persönlichen und psychischen, genauso wie im gesellschaftlichen Umfeld, aber noch niemand konnte dezidiert feststellen, was genau die Ursache für Suizid ist.

"Der individuelle Zustand aber, der ihn begünstigt, besteht nicht in einem bestimmten und automatischen Trieb (abgesehen von Psychosen), sondern in einer ganz allgemeinen und vagen Bereitschaft, die je nach den Umständen verschiedene Formen annehmen kann, die den Selbstmord wohl zuläßt, aber nicht notwendig impliziert, und ihn folglich nicht erklärt." (Durkheim 1973, S. 99)

Émile Durkheim setzte sich im Jahr 1897 als einer der Ersten mit dem Thema auseinander. In seinem Buch "Der Selbstmord" untersuchte er, ob und inwiefern gesellschaftliche Tendenzen zu Veränderungen der Suizidrate beitragen können. Allerdings betont er, dass er nicht den Suizid untersucht im Sinne einer individuellen Entscheidung, sondern die soziale Suizidrate. Tausende Akten von Suizidenten wurden auf Gleichheiten, Unterschiede und eventuelle Möglichkeiten zur Erklärung der Tat begutachtet. Die von ihm gezogenen Schlüsse scheinen ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und einen Teil der Verantwortung auf die Gesellschaft, in welcher die Suizidenten gelebt haben, zu übertragen.

"Man kann diesen Strom des gemeinsamen Leidens nur so eindämmen, dass man mindestens die kollektiven Krankheitserscheinungen zu lindern versucht, aus denen er entspringt und für die er Symptom ist." (Durkheim 1973, S. 466)

Im Gegensatz dazu erforscht Erwin Ringel in seinem ebenfalls "Der Selbstmord" titulierten Buch im Jahr 1953 745 Suizidenten, die ihren Suizidversuch überlebten, und beginnt, wie er selbst im Vorwort der 9. Auflage schreibt, "zu erkennen, dass das soziologische Element, dessen Vater in der Selbstmordforschung Durkheim war, in meinen Forschungen und somit auch in diesem Buche bedauerlicherweise völlig fehlt." (Ringel 2005, S. 1ff).

Letztgenannter hat mit seiner Studie das präsuizidale Syndrom entdeckt, welches den Selbstmord als Abschluss eines psychischen Krankheitsverlaufs klassifiziert.

Ringels Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass nicht wissenschaftlich erwiesen ist, dass jeder Suizident automatisch psychisch krank sein muss.

"Natürlich ist die Neurose der Lebensverunstaltung n i c h t d e r e i n z i g e Schrittmacher des Selbstmordes, aber insofern ein sehr wichtiger, als doch mindestens 1/4 aller Selbstmorde auf ihn zurückgehen und außerdem einer, der bis zum Erscheinen dieses Buches in seiner Spezifität noch nicht beschrieben war." (Ringel 2005, S. 1ff)

Ringel räumt also seinen Kritikern ein, zum Teil Recht zu haben und spricht der psychischen Krankheit ab, als alleinige Ursache für Suizid zu gelten, weist aber gleichzeitig nochmals darauf hin, dass ein großer Teil der Suizidenten sehr wohl unter diese Diagnose fallen. Durkheim scheint die These der psychischen Erkrankung als alleinige beziehungsweise einzige Ursache ebenfalls abzulehnen. Er geht viel mehr davon aus, dass Suizid allgemein von jeder Person, egal ob psychisch krank oder gesund, egal aus welcher Gesellschaftsschicht, verübt werden kann. Selbst wenn das Vorhandensein einer psychischen Krankheit die Wahrscheinlichkeit auf Ausübung eines Suizids erhöht, so betrachtet aber auch er sie nicht als den einzigen Wegbereiter (vgl. Durkheim 1973, S. 71).

Vielmehr geht er im Verlauf seines Buches darauf ein, dass gewisse gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen die Entstehung von Suizid forcieren. Im weiteren Verlauf stellt er die Theorie auf, dass eine Gesellschaftsstruktur ohne Suizid beinahe nicht denkbar sei (vgl. Durkheim 1973, S. 426ff). Er erläutert verschiedene Möglichkeiten, wie das Individuum von der Gesellschaft in die Rolle des Suizidenten gedrängt werden kann.

Aber nicht nur die Gesellschaft, sondern auch der Einfluss von kosmischen Begebenheiten scheint bei der Betrachtung der Suizidrate eine Rolle zu spielen.

So legt Durkheim ein recht überraschendes Ergebnis vor. Vielen Menschen scheint klar zu sein, aus welchen Gründen auch immer, dass die Gefahr, Suizid zu begehen, in den dunklen und kalten Monaten des Jahres rapide steigt. Die Meinung, dass vor allem zu Weihnachten die Suizidrate in die Höhe schnellt, ist weit verbreitet. Dunkelheit und Kälte scheinen im Volksmund Gründe genug für Depression und dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, zu sein.

"Wenn die Natur grau in grau sich zeigt, gerät man dann nicht ins Träumen, wälzt traurige Gedanken oder versinkt in Schwermut? Übrigens ist das auch die Zeit des rauheren Lebens, weil wir dann eine reichere Nahrung brauchen, um die fehlende natürliche Wärme zu ersetzen. Schon aus diesem Grund hielt Montesquieu die Länder, in denen Nebel und Kälte herrschen, für besondere Brutstätten des Selbstmordes, und das war lange Zeit die herrschende Lehrmeinung. Den Gedanken weiterführend kam man so zu dem Schluß, daß im Herbst der Selbstmord am häufigsten auftreten müsse." (Durkheim 2005, S. 103)

Eher, sagt Durkheim, sei es so, dass die Kurve der Suizidrate auf den Jahreszyklus hin bezogen von Juli bis Dezember rapide abnimmt und erst von Jänner bis Mai wieder steigt, um im Juni und Juli - also den wärmsten und hellsten Monaten im Jahr - ihr Maximum zu erreichen. Die Tatsachen widersprechen hier also einer weit verbreiteten Meinung.

"Weder im Winter noch im Herbst erreichen die Selbstmordfälle ihren Höhepunkt, sondern während der schönen Jahreszeit, bei strahlend lachender Natur und den mildesten Temperaturen." (Durkheim 2005, S. 103)

Kay Redfield Jamison kommt zu einem ähnlichen Ergebnis, von einer minimalen Verschiebung der Spitze in den Mai und des Tiefpunktes in den Jänner abgesehen (vgl. Redfield Jamison 2000, S. 201). Das Resultat bleibt gleich: Die Suizidrate ist in den warmen Monaten am höchsten, und sie erreicht ihren Tiefpunkt in den kalten Monaten.

Durkheim stellt zwei Überlegungen an, welche die Fakten logisch erklären sollen: Zum einen ist die Anzahl der Menschen, die sich untertags das Leben nehmen, weitaus höher als jener, welche die Nacht vorziehen. Etwa 80% aller Suizidenten nehmen sich in den Tagesstunden das Leben und, wie allgemein bekannt ist, hat der Sommer die längsten Tage. Bringt man diese beiden Fakten miteinander in Verbindung, scheint dies laut Durkheim die Tatsache zu erklären, dass die Kurve im Sommer ihren Höhepunkt hat und nicht etwa, wie man vermuten möchte, im Winter. Die daraus resultierende Frage: Hat die Temperatur mit dem Steigen und Fallen der Suizidrate zu tun? Ist es womöglich die Hitze, welche Menschen dazu bringt, Suizid zu begehen?

Vergleiche des Jahreszyklus in verschiedenen europäischen Ländern, in welchen ähnliche Temperaturen herrschten, ergaben ein Bild, das nicht zu dieser Theorie passt: Obwohl die Temperatur etwa gleich hoch ist, weicht die Suizidrate prozentuell sogar stark voneinander ab. Würden die beiden Faktoren Suizid und hohe Temperatur aber zusammengehören, dann müsste sich doch ein ähnliches Ergebnis in allen Ländern mit annähernd gleicher Temperatur einstellen. Dem ist aber nicht so.

"Im gleichen Land zeigen Monate mit gleichem Temperaturmittel völlig verschiedene Selbstmordzahlen (z. B. Mai und September, April und Oktober in Frankreich, Juni und September im Italien, usw.). Nicht weniger oft findet man das umgekehrte Bild." (Durkheim 2005, S. 110)

Welche anderen Erklärungen gibt es dann?

Durkheim hat einen möglichen weiteren einflussreichen Faktor gefunden: Den gesellschaftlichen Jahreszyklus. Die Gesellschaftsstrukturen in den untersuchten europäischen Ländern weisen deutlich auf, dass in den Sommermonaten weit mehr Aktivität als in den Wintermonaten zu verzeichnen ist, was bedeutet, dass die Aktivität in der Gesellschaft als Ganzes mit der Kurve der Suizidenten einhergeht. Steigt die Aktivität der Gesellschaft, steigt die Suizidrate mit. Sinkt die eine Kurve, sinkt auch die andere. Somit scheint sich die Erklärung für das Schwanken der Suizidrate auf die gesellschaftliche Aktivität zu begründen (vgl. Durkheim 1973, S. 110ff).

Diese Theorien und Überlegungen erklären zwar den Verlauf und die Variationen der Statistik, allerdings tragen sie nichts zu der Aufklärung bei, wie es zu Suizid kommen kann oder welche möglichen Auslöser hinter der Tat an sich stecken können.

Durkheim erwähnt die Möglichkeit eines Persönlichkeitstypen, der sich von der Gesellschaft an den Punkt drängen lässt, an welchem er sich das Leben nimmt. Seine These ist, dass es Individuen gibt, die sehr sensibel in ihrem Umgang mit der Umwelt sind und noch sensibler im Umgang der Umwelt mit ihnen. Der Begriff "Neurasthenie" wird in diesem Zusammenhang des Öfteren genannt. Er kennzeichnet eine biologische Veranlagung, bei der die geringsten Erschütterungen und Berührungen, seien sie nun mentaler oder physischer Natur, bereits erhebliche Reaktionen im Nervensystem hervorrufen können (vgl. Durkheim 1973, S. 47ff):

"Es ist im übrigen verständlich, das Neurasthenie für Selbstmord prädestiniert; denn Neurastheniker sind ihrem Temperament nach schon prädestiniert zu leiden. Man weiß doch, daß der Schmerz im allgemeinen aus einer zu starken Erschütterung des Nervensystems entsteht. Eine allzu intensive nervöse Aufwallung ist meist schmerzhaft. Die Schmerzschwelle liegt jedoch bei jedem Individuum woanders. Bei Menschen, deren Nerven widerstandsfähiger sind, ist sie höher als bei solchen mit schwachen Nerven. Bei den letztgenannten setzt die Schmerzempfindung daher früher ein. Für den Neuropathen ist jeder Reiz eine Quelle für Unbehagen, jede Bewegung eine Strapaze. Seine Nerven reagieren bei der geringsten Berührung mimosenhaft empfindlich." (Durkheim 1973, S. 55)

Das wiederum scheint darauf hinzuweisen, dass bestimmte Voraussetzungen im Individuum es möglich machen, auf die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit ihm umgeht, extrem zu reagieren. Durkheim geht nicht näher darauf ein, wie genau solch ein Individuum charakterisiert werden kann. Allerdings weist er auf verschiedene Ausprägungen der Gesellschaft hin, die einen solch gearteten Charakter möglicherweise in den Tod treiben können.

"Aber von jetzt an verstehen wir, daß die Selbstmordrate, sofern sie von gesellschaftlichen Faktoren beeinflußt wird, zu-und abnehmen muß, je nachdem das Kollektivleben mehr oder weniger aktiv ist." (Durkheim 1973, S. 123)

Während Durkheim das Phänomen Suizid hauptsächlich als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, versucht Ringel die Art und Weise, wie sich ein Individuum entwickelt haben muss, um an den Punkt zu gelangen, an welchem es an Suizid denkt, zu erläutern. Er untersuchte 745 Menschen, die einen Suizidversuch überlebten und sich bereit erklärten, an seiner Studie teilzunehmen, auf Gemeinsamkeiten hin.

Was sein Buch außergewöhnlich und zu einem führenden Standardwerk in der Thematik Suizid macht, ist die Entdeckung des präsuizidalen Syndroms. Eine Entdeckung, die in der Fachwelt für Aufruhr gesorgt hat und mittlerweile seine Gültigkeit bewiesen hat (vgl. Ringel 2005, S. 1ff).

"Da muss ich zuallererst sagen: das präsuizidale Syndrom, dessentwillen dieses Buch eigentlich verfaßt wurde, hat sich bewährt. Es ist heute allgemein international bekannt und anerkannt, es ist der bisher verläßlichste Gradmesser bestehender Selbstmordgefahr, ein Alarmsignal, das bei entsprechender Kenntnis, die nicht nur dem Fachmann möglich ist, nicht übersehen werden dürfte." (Ringel 2005, S. 1)

Ringel kommt in seiner Untersuchung zu dem Schluss, dass die Tendenz zu Suizid von verschiedenen Traumatisierungen im Verlauf des Lebens abhängt und sie hauptsächlich in den beiden Bereichen Familie und Beruf zu finden ist. Als mögliche Untergruppen, die solch eine Traumatisierung auslösen können, nennt er noch Materielles, Gesundheitliches und Politisches (vgl. Ringel 2005, S. 37ff).

Einig scheinen sich die meisten Autoren darüber zu sein, dass Suizid ein Problem darstellt, das nicht nur psychischer und biologischer, sondern auch gesellschaftlicher Natur ist.

An dieser Stelle folgt ein Exkurs, der den Inhalt des präsuizidalen Syndroms von Erwin Ringel kurz beschreibt, da es aufgrund seiner Bedeutung in der Suizidforschung nicht unerwähnt bleiben sollte:

2.1 Exkurs: Das präsuizidale Syndrom nach Ringel

Das präsuizidale Syndrom geht Ringels Forschungen zufolge häufig einem Suizidversuch voraus und ist durch drei verschiedene Phasen charakterisiert, die wiederum verschieden starke Ausprägungen durchlaufen.

2.1.1 Einengung

Die erste Phase des Syndroms ist gekennzeichnet durch einen auch als Einengung bezeichneten Realitätsverlust.

Im ersten Stadium ist der Verlust der Fähigkeit zur Expansion vorherrschend, was bedeutet, dass es dem Individuum beinahe unmöglich ist, sich Dinge vorzustellen, die es nicht persönlich erfahren hat. Eine Veränderung hin zu anderen, bis dato nicht erlebten, Lebensumständen liegt für die Betroffenen nicht im Bereich des Denkbaren. Nur was das Individuum kennt, hat in seiner Welt Bestand (vgl. Ringel 2005, S. 117ff).

Die Möglichkeit, dass etwas Neues gelingen kann, ist seiner Gedankenwelt nach nicht möglich.

Das zweite Stadium der Einengung ist die Stagnation. Das Gefühl, beherrscht auf der Stelle zu treten, nicht voran zu kommen beziehungsweise nicht voran kommen zu können, mündet schließlich im letzten Stadium, der Regression. Das Individuum kann keinen Kontakt mehr zur Umwelt herstellen, was ihm aber auch nicht als wichtig erscheint, da sein Interesse daran erlischt und nur noch das eigene subjektive Empfinden in seiner Wahrnehmung Platz hat (vgl. Ringel 2005, S. 127ff).

"Daß wirklich ein entscheidender Zusammenhang zwischen Einengung und Selbstmord besteht, beweist die Tatsache am besten, daß die überwiegende Mehrzahl unserer Patienten in mehr oder minder starker affektiver Erregung handelte. Natürlich gibt es auch Selbstmorde, die einem seit längerer Zeit gefaßten und sozusagen "wohlüberlegen" Entschluß entspringen. Abgesehen aber davon, daß sie (auch in unserem Material) absolut selten sind, wäre es ein grober Fehler, nicht zu unterscheiden zwischen nüchterner Überlegung v o r und w ä h r e n d der Tat." (Ringel 2005, S. 126)

Die Einengung der Gefühlswelt ist die erste Phase des Syndroms und kennzeichnet die Abkapselung von der Umwelt aufgrund einer als übermächtig empfundenen Bedrohung. Diese führt dazu, dass letzten Endes nur noch auf das eigene Empfinden Rücksicht genommen wird. Anregungen von der Außenwelt, egal in welcher Absicht geäußert, werden immer als negative Kritik empfunden (vgl. Ringel 2005, S. 117ff). Die zweite kennzeichnende Phase ist die Aggression.

2.1.2 Aggression

Fest steht für Ringel, dass ohne Aggression nicht über Suizid gesprochen werden kann, da sie unmittelbar zu seiner Durchführung benötigt wird. Ein "Akt des Tötens" geht immer mit Aggression einher, ein Akt der Selbsttötung mit Selbstaggression (vgl. Ringel 2005, S. 128ff). Eine mögliche Erklärung für die Selbstaggression könnte die empfundene Übermacht der Umwelt und die daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplexe darstellen. Die Hilflosigkeit, die damit einhergeht, kann zu Minderwertigkeitskomplexen führen. Ein anderer möglicher Ansatz stellt eine vor die Aggression geschobene Hemmung in der Kindheit dar. Eine Kindheit, in welcher Wut nie artikuliert werden durfte, könnte später dazu führen, dass die im Inneren angestaute Aggression gegen sich selbst gerichtet wird (vgl. Ringel 2005, S. 133ff).

"In merkwürdiger und ziemlich übereinstimmender Art vermeiden es also die Abschiedszeilen unserer Patienten, anderen die Schuld zu geben (was im Grunde gemeint wird), vielmehr kommt es zu mehr oder weniger ausgeprägten Selbstbeschuldigungen. Wir sehen darin nur ein Symptom des Gesamtvorganges, die Fremdaggression in Selbstaggression zu verwandeln." (Ringel 2005, S. 137)

In beiden Ansätzen findet die Aggression im Akt des Suizids ihren Ausdruck. In vielen Fällen schien Ringel die Selbstaggression daher zu kommen, dass die Person, gegen welche sich die eigentliche Aggression richtete, unerreichbar war.

Bei den drei am häufigsten genannten Personengruppen waren an erster Stelle die nächsten Menschen, im Sinne von den Eltern und Freunden, zu finden. An zweiter Stelle folgte die Gemeinschaft, genauer: Die Menschheit oder bestimmte Gruppen von Menschen, und der Drittgenannte war Gott (vgl. Ringel 2005, S. 127ff).

Fest steht, dass unterdrückte Aggressionen, woher sie auch stammen mögen, im Falle des Suizides ihren Weg nach außen gefunden haben. Mit ihnen geht allerdings eine Hemmung einher, sie auf andere Personen zu übertragen oder sie zu artikulieren (vgl. Ringel 2005, S. 139ff).

Die letzte Phase setzt diese Bereitschaft zur Aggression voraus:

2.1.3 Flucht in die Irrealität

Ein wichtiger Faktor ist die Phantasie. Die Vorstellungskraft nimmt immer mehr Raum ein, auch in der wirklichen Welt, anfangs vielleicht nur in Details und Tagträumen.

Der Gedanke, dass der Suizident tot besser dran wäre, ist in diesem Stadium häufig,kann aber durch kleine "Lichtblicke" im Leben wieder verdrängt werden (vgl. Ringel 2005, S. 144ff).

Im zweiten Stadium hat sich dieser Gedanke ausgeweitet zu der konkreten Vorstellung, sich das Leben nehmen zu wollen. Die Idee, sein Leben zu beenden, taucht oft als Lösung bei Problemen in der Phantasie des Suizidenten auf (vgl. Ringel 2005, S. 146ff).

Im letzten Stadium ist die Idee zu einem fixen Plan geworden. Ort und Art des Suizids sind bereits geplant und im Kopf des Individuums ausgearbeitet.

"Die Wichtigkeit dieser Selbstmordgedanken und -phantasien kann nicht eindringlich genug geschildert werden. Wir haben bereits gehört, daß ungefähr ein Drittel aller unserer Patienten seit langer Zeit bestehende Selbstmordpläne zugab, ein anderes Drittel von gelegentlichen Selbstmordideen sprach und daß die Behauptungen des Restes, niemals an Selbstmord gedacht zu haben, gar nicht so selten widerlegt werden konnten." (Ringel 2005, S. 149)

Der Verlauf des Syndroms ist nicht streng an die Stadien innerhalb der Phasen gebunden. Das bedeutet, dass es nicht zwingend erforderlich ist, in der Phase der Einengung das Stadium der Regression erreicht zu haben, um in die Phase der Aggression überzugehen. Es ist auch möglich, dass von einer Phase in die nächste eingetreten wird, ohne dass die Vorhergehende voll ausgeprägt ist (vgl. Ringel 2005, S 150ff).

"Ob nun die Phantasie bis zu jenem Gipfel vorstößt oder schon früher halt macht, in beiden Fällen ist sie - natürlich quantitativ verschieden - eine zum Selbstmord treibende Kraft." (Ringel 2005, S. 152)

Auch in den von Durkheim unterschiedenen Arten des Suizids sind Hinweise auf das präsuizidale Syndrom von Ringel zu finden.

2.2 Arten von Suizid nach Durkheim

Durkheim versucht eine Einteilung der Suizidarten in verschiedene Gruppen, in von außen und von innen motivierte Suizide. Er unterscheidet vier Arten von Suizid, die sich durch Geisteskrankheiten, also von innen motiviert, erklären lassen.

2.2.1 Der manische Suizid

Der manische Selbstmord begründet sich auf Halluzinationen und Wahnvorstellungen, bei denen der Suizident sich das Leben nimmt, damit er irgendeiner Wahnvorstellung entkommt.

"Er ist zurückzuführen auf Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Der Kranke tötet sich, um einer Gefahr oder einer vermeintlichen Schande zu entgehen, oder um einem geheimnisvollen Befehl von oben zu gehorchen usw." (Durkheim 1973, S. 48)

Beachten sollte man hier, dass es nicht der Tod ist, nach dem die oder der Betroffene sich sehnt, sondern es ist die Flucht vor einem Wahn, einer Bedrohung, der den oder die Betroffene dazu bringt, Suizid als letzte und endgültige Fluchtmöglichkeit zu sehen (vgl. Durkheim 1973, S. 48f).

2.2.2 Der depressive Suizid

Bei dieser Form des Suizids empfindet der Suizident das Leben als leer und sinnlos. Alles erscheint schwarz und trist, Freude und Glück scheinen nicht mehr erstrebenswert zu sein. Als ein Ausweg aus dieser Leere mag der Suizid erscheinen.

"Das Leben erscheint ihm langweilig und schmerzhaft. Ebenso hartnäckig wie diese Melancholie ist sein Denken an Selbstmord." (Durkheim 1973, S. 49)

Der Grundtenor beim depressiven Selbstmord ist die Tatsache, dass die Umwelt nicht mehr richtig wahrgenommen wird. Jedwedes Ereignis im Leben des Suizidenten erscheint in deprimierendem Licht, selbst positive Ereignisse werden als negativ wahrgenommen. Der wesentlichste Unterschied zum manischen Selbstmord ist der Verlauf, der den Selbstmord an sich zu einer fixen Idee werden und den Suizidenten in aller Ruhe sein Scheiden aus dem Leben vorbereiten lässt, frei von Angst und Panik (vgl. Durkheim 1973, S. 49f).

2.2.3 Suizid als Zwangsvorstellung

Der Drang, sich selbst das Leben zu nehmen, ist hier völlig ohne erkennbaren Grund vorherrschend. Könnte man bei manischen oder depressiven Suizid das Argument des Verzweifelns am Leben oder die Angst vor Wahnvorstellungen anführen, so fallen diese Argumente beim Suizid als Zwangsvorstellung weg.

"In diesem Fall hat der Selbstmord weder ein reales noch ein vermeintliches Motiv; er hat seinen Grund allein in der Zwangsvorstellung des Todes, die sich ohne erfindlichen Grund der Psyche des Kranken bemächtigt hat." (Durkheim 2005, S. 50)

Der Suizident weiß selbst, dass er keinen nennbaren Grund hat, sich das Leben nehmen zu wollen, und dennoch drängt sich der Gedanke, das Leben zu beenden, immer wieder scheinbar aus dem Nichts auf. Angst entsteht dadurch, dass der Gedanke an Suizid immer wiederkehrt. Die Angst vor dieser Intention beherrscht das Denken und führt zu konstantem Unwohlsein. Erst wenn beschlossen wurde, diesem Drang nachzugeben, weicht die Angst und eine innere Ruhe kehrt ein (vgl. Durkheim 1973, S. 50f).

2.2.4 Der impulsive oder reflexartige Suizid

Der Drang, einen Suizid zu verüben, ist hier genauso wenig begründet wie beim Suizid als Zwangsvorstellung. Es liegt weder ein Grund in der realen Welt noch in der eingebildeten Welt vor. Der Drang, sich das Leben zu nehmen, entsteht spontan und ist so stark, dass er nicht kontrollierbar ist.

"Plötzlich ist er da, voll entwickelt und regt die Tat an, oder zum mindesten den Anfang der Ausführung. Eine solche Unvermitteltheit erinnert an unsere Beobachtungen über die Manie, nur hat der manische Selbstmörder immer einen Grund, sei er auch noch so sinnlos." (Durkheim 1973, S. 52)

Dem Suizidenten ist nicht bewusst, woher die Idee, sich das Leben zu nehmen, kommt. Es ist ein Impuls, dem sofort nachgegangen werden muss, ohne einen vorhergehenden Gedankengang (vgl. Durkheim 1973, S. 51f).

Als mögliche Erklärung mag hier die Biologie funktionieren. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die im menschlichen Körper enthaltenen Stoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin mit der Entstehung von Stimmungsstörungen zu tun haben. Ebenfalls herausgefunden wurde, dass ein niedriger Serotoninspiegel die Impulsivität hebt und die Impulskontrolle senkt. Ein Faktor, dem auch bei selbstverletzendem Verhalten, für viele Menschen eine Vorstufe von Suizid, eine hohe Bedeutung zukommt (vgl. Cox, D., Saradjian, J., Smith, G., 2001, S. 50f).

Diesen vier Arten des Suizides liegt ein gleiches Muster zugrunde: Es sieht offenbar so aus, als werden sie entweder gänzlich ohne oder aufgrund rein imaginärer Motive verübt. Es gibt scheinbar keinen Grund in der "realen" Welt, sich das Leben zu nehmen, sondern rein subjektive Empfindungen oder Gedanken, die diese Tat hervorrufen (vgl. Durkheim 1973, S. 52ff). Diese Einteilung deckt sich mit dem präsuizidalen Syndrom von Ringel. Auch wenn dieser keine Einteilung in Unterstufen vornimmt, so führt er dennoch als Bedingung das Vorhandensein einer psychischen Krankheit an und nennt den Suizid "Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung".

"Im Kriege gehen vor allem die männlichen Suicide zurück, während die weiblichen kaum beeinflußt werden. Analog dazu verhalten sich die Neurosen: Der Krieg senkt die Zahl der männlichen Neurotiker, auf die Neurosen der Frauen hat er einen geringeren Einfluß." (Ringel 2005, S. 4)

Als Ergänzung zu diesen rein subjektiv motivierten Suiziden nennt Durkheim noch andere Möglichkeiten, bei welchen von außen auf das Individuum eingewirkt wird. Er betrachtet gesellschaftliche Strömungen, die unter gewissen Voraussetzungen beim Individuum die Idee, einen Suizid zu begehen, verstärken oder auch hervorrufen können (vgl. Durkheim 1973, S. 273ff). Ringel schreibt in seinem 1983 verfassten Vorwort:

"Ich beginne immer mehr zu erkennen, dass das soziologische Element, dessen Vater in der Selbstmordforschung Durkheim war, in meinen Forschungen und damit natürlich in diesem Buche bedauerlicherweise völlig fehlt. Heute weiß ich, daß in vielen Fällen nicht so sehr der einzelne, der Selbstmord begeht, krank ist (oder sein muß), sondern die Gesellschaft in der er zu leben gezwungen ist." (Ringel 2005, S. 1ff)

Auch er nimmt eine Einteilung in Untergruppen vor, allerdings nur in Bezug auf psychische Krankheiten. Er führt endogene Depression, Schizophrenie, senile Psychosen, Epilepsie und progressive Paralyse als Auslöser an und erläutert dies anhand von Lebensgeschichten einzelner Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben (vgl. Ringel 2005, S. 172ff). Diese Geschichten beschreiben eine Fülle von Schicksalsschlägen, die sich als Mischformen in die von Durkheim erstellten Kategorien einordnen lassen. Persönliche sowie gesellschaftliche Motivationen zum Suizid ereignen sich gleichermaßen und begünstigen so scheinbar in Wechselwirkung die Bereitschaft, sich das Leben zu nehmen (vgl. Ringel 2005, S. 39ff).

Auch Kay Redfield Jamison schließt sich dieser Auffassung an und beschreibt suizidgefährdete Menschen folgendermaßen:

"Für sie ist es manchmal so, als sei ihr Nervensystem in Kerosin getaucht: Eine heftige Auseinandersetzung mit einer geliebten Person, ein verlorenes Spiel, ein Zusammenstoß mit dem Gesetz oder der irritierende Blitz einer psychischen Krankheit können zum Zündstoff für eine Selbstmordreaktion werden." (Redfield Jamison, 2000 S. 191)

Die von außen motivierten Typen, welche Durkheim unterscheidet, sind im Folgenden beschrieben, wobei vereinzelt noch Untergruppen existieren:

2.2.5 Der egoistische Suizid

Diese Theorie geht davon aus, dass jedes Individuum in der Gesellschaft mehr oder weniger stark verankert ist und seinen Platz im System hat, eine Aufgabe zu erfüllen oder ein Ziel zu erreichen. Eine Gesellschaft, die weg vom kollektiven Denken hin zu einer Entwicklung, die den Menschen, das Individuum selbst, ins Zentrum des Denkens rückt - also nicht mehr den Drang dazu zu gehören und für das Gesamte eine Aufgabe zu erfüllen, sondern rein für sich selbst eine Möglichkeit nach Entfaltung zu suchen -, tendiert, schafft möglicherweise die Grundbasis für den egoistisch motivierten Suizid. Das Individuum kämpft nicht mehr in der Gruppe für ein gemeinsames Ziel, sondern ist auf sich allein gestellt und kämpft für eigene Ziele, die es sich mit anderen im besten Falle teilt oder die - im schlimmsten Falle - alle anderen als "Feindbild" klassifiziert (vgl. Durkheim 1973, S. 186ff).

"Der Selbstmord steht im umgekehrten Verhältnis zum Integrationsgrad der Kirche, der Familie und des Staats. Diese Zusammenstellung zeigt, daß, wenn diese verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einen mäßigenden Einfluß auf den Selbstmord haben, er nicht auf Besonderheiten einer jeden Gruppe, sondern auf etwas beruht, das ihnen allen gemeinsam ist." (Durkheim 1973, S. 231)

Je mehr eine Gesellschaft dazu tendiert, Individuen zu schaffen, jedoch keine Basis vorgibt, um diesem Individuum ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln, desto einsamer wird sich dieses Individuum im Kontext mit der Gesellschaft vermutlich fühlen. Es wird möglicherweise eigene Denkmuster entwickeln, an den allgemein gültigen Regeln zweifeln und nach neuen Wegen und Erklärungsmodellen für sich und seine Existenz suchen. Das Resultat aus solchen Bestrebungen scheint oftmals eine Entfremdung von seiner Umwelt zu sein.

"Das Dasein, sagt man, ist nur erträglich, wenn man einen Grund zu leben hat, wenn es ein Ziel gibt, für das es zu leben lohnt. Das Individuum an sich gibt keinen hinreichenden Sinn für Leben und Handeln. Es ist zu gering. Es hat seine engen Grenzen nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Wenn wir also keinen anderen Lebenszweck als uns selber haben, drängt sich uns immer wieder die Vorstellung auf, dass alle unsere Wege schließlich ins Nichts führen müssen, da wir ja dahin zurückkehren. Aber die Auflösung erfüllt uns mit Schrecken. Woher soll man unter diesen Umständen den Mut zum Leben nehmen, den Mut zum Handeln und Kämpfen, wenn doch von all der Mühe, die man auf sich nimmt, nichts übrigbleibt? Mit einem Wort, der Egoismus stünde im Widerspruch zur menschlichen Natur und wäre daher zu prekär, um dauern zu können." (Durkheim 1973, S. 234)

Dies allein mag aber noch kein Grund sein, sich das Leben zu nehmen. Erst wenn mit dieser Entwurzelung von der Gesellschaft noch weitere Faktoren einhergehen, wie zum Beispiel die Degradierung der Werte, die das Individuum in sich trägt, oder das ein in seinen Augen erstrebenswertes Ziel gesellschaftlich als nicht erstrebenswert gilt, können diese letztlich zur Isolation und Depression führen, die alle Mühen und alle Vorstellungen von einem Wert des Lebens als sinnlos erscheinen lassen (vgl. Ringel 2005, S. 154ff).

"Wenn sie ihres Geschickes Herren sein dürfen, steht es ihnen auch zu, den Zeitpunk ihres Endes selbst zu bestimmen. Andererseits fehlt ihnen selbst jede Veranlassung, das Elend ihres Daseins mit Geduld zu ertragen." (Durkheim 1973, S. 233)

Auch in diesem Fall kann man als letzten Auslöser der Tat biologische oder psychische Faktoren heranziehen. Die Serotonin-Impulsivität-Theorie scheint auch hier eine mögliche Erklärung zu sein. Redfield Jamison schreibt über den Zusammenhang von Gewalt und Suizid:

"Da offenbar ein Zusammenhang zwischen der Funktionsweise von Neurotransmittern und Depression besteht und zudem eine enge Beziehung zwischen der Serotoninfunktion und impulsiven und aggressiven Verhalten durch eine eindrucksvolle Reihe von Studien nachgewiesen wurde, ist es nicht überraschend, dass die klinische Forschung sich als Nächstes dem Vergleich zwischen der Serotoninfunktion bei suizidalen und nichtsuizidalen Psychiatriepatienten zuwandte. Die Ergebnisse waren unerwartet konsistent." (Redfield Jamison, 2000 S. 185)

Sie erläutert weiterhin, dass in diversen Studien ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Komponenten gefunden werden konnte. Auch wenn bis dato nur an Tieren getestet wurde, geht sie davon aus, diese Schlussfolgerungen auf den Menschen anwenden zu können (vgl. Redfield Jamison 2000, S. 185ff).

Der egoistische Selbstmord scheint also eine Form des Suizids zu sein, bei welcher das Individuum persönliches Versagen empfindet. Versagen darin, die Werte der Gesellschaft nicht erfüllen zu können, oder darin, Werte zu haben, welche die Gesellschaft nicht anerkennt. Durkheim erwähnt die Ehe, die Religion und politische sowie nationale Krisen als Anlass, Suizid zu verüben. Dies deckt sich mit den von Ringel gewonnen Erkenntnissen (vgl. Ringel 2005, S. 37ff). Ein scheinbares Gegenteil zum egoistischen Selbstmord scheint der altruistische Selbstmord zu sein, da dieser an Häufigkeit abnimmt, sowie der egoistische sich entwickelt.

2.2.6 Der altruistische Suizid

Durkheim bezeichnet den Egoismus als denjenigen Zustand, in welchem das Ich nur sich selbst gehorcht, und nennt als Gegenteil dieser Beschreibung den Altruismus.

Ausformuliert ist dies also ein Zustand, in welchem das Ich nicht sich selbst, sondern einer Gruppe gehorcht (vgl. Durkheim 1973, S. 247ff).

"Wenn wir gesehen haben, daß eine übermäßige Vereinzelung zum Selbstmord führt, so hat eine nicht genügend ausgeprägte Individualität dieselbe Wirkung. Wenn der Mensch aus der Gesellschaft herausgelöst wird, begeht er leicht Selbstmord. Das tut er auch, wenn er zu sehr in sie verstrickt ist." (Durkheim 1973, S. 242)

Er führt zur näheren Beschreibung Beispiele aus der Geschichte an, wie etwa die frühen Samuraikrieger, deren bekanntestes Merkmal es war, Suizid als letzte Möglichkeit zur Aufrechterhaltung der Ehre zu begehen. Wer im Leben verfehlt hatte, der nahm sich das Leben, um seine Schande zu tilgen und sein Leben in Ehre zu beenden. Es handelt sich also um einen vom außerhalb des Ichs initiierten Suizid, und in diesem Fall sogar von der Gesellschaft nicht nur akzeptiert, sondern teilweise auch erwartet oder forciert. Diese Form des altruistischen Selbstmordes nennt Durkheim obligatorischer altruistischer Selbstmord (vgl. Durkheim 1973, S. 248f). Eng an diese Form gebunden und nicht gänzlich davon zu trennen ist der fakultative altruistische Selbstmord. Der Unterschied liegt darin, dass hier der Suizid nicht ausdrücklich verlangt wird, er aber dennoch zu einem besseren Ansehen des Suizidenten führt. Um beim Beispiel des Kriegers zu bleiben: Ein Kommandant führt seine Truppe in die Schlacht, aufgrund einer Fehlentscheidung sterben alle Mitglieder seiner Gruppe, nur er selbst überlebt. Er beschließt, mit dieser Schuld nicht zu leben und erhängt sich. Die Tat wurde nicht gefordert, aber es mag durchaus Menschen geben, die seine Beweggründe verstehen und seine Tat sogar gutheißen, wenn nicht sogar bewundern (vgl. Durkheim 1973, S. 249f).

Die dritte Variante des altruistischen Selbstmordes ist der überspitzte altruistische Selbstmord, welcher sich durch seinen Mystizismus auszeichnet und eine Art Opfer in spirituellem Sinne darstellt.

Der altruistische Selbstmord zeichnet sich demzufolge durch seinen Opfercharakter aus, und lange Zeit wurde es sogar abgelehnt, ihn als Selbstmord zu klassifizieren.

"Man hat es oft abgelehnt, den altruistischen Selbstmord als Mord an der eigenen Person aufzufassen, weil er trotz aller charakteristischen Züge des Selbstmords besonders in seinen auffälligsten Erscheinungsformen Ähnlichkeiten mit bestimmten Handlungsweisen hat, die wir nach alter Gewohnheit ehren, schätzen oder sogar bewundern." (Durkheim 1973, S. 270)

Der dritte Typus ist der anomische Selbstmord, dessen wohl markantestes Merkmal darin liegt, dass die Gesellschaft scheinbar darin versagt hat, dem Individuum Halt zu geben.

2.2.7 Der anomische Selbstmord

"Niemand kann sich wohlfühlen, ja überhaupt nur leben, wenn seine Bedürfnisse nicht mit den ihn zu Verfügung stehenden Mitteln einigermaßen im Einklang stehen." (Durkheim 1973, S. 279)

Auf den ersten Blick mag der anomische Selbstmord dem egoistischen Selbstmord sehr ähnlich sein: Das Vermögen, an der Gesellschaft Freude zu empfinden, ist gehemmt. Übrig bleibt die Isolation oder das Gefühl des "Auf sich allein gestellt seins" beziehungsweise das Gefühl, nicht bekommen zu haben, wonach man sich sehnte.

Um ein Beispiel zu nennen: Während verschiedener finanzieller Krisen in den Jahren von 1870 bis 1880 (in Wien und in Paris) stiegen die Selbstmordzahlen an. Die vermutlich naheliegendste logische Erklärung dazu wäre, dass die Menschen große finanzielle Einbußen hinnehmen mussten und sich aufgrund dieses Verlustes das Leben nahmen. Wie kann man sich dann aber erklären, dass genau dasselbe passierte, nämlich ein Ansteigen der Kurve, als im Jahre 1850 der Getreidepreis auf den niedrigsten Punkt seit Jahren fiel?

"Zunehmender Notstand bewirkt so wenig eine Steigerung der Selbstmorde, daß sogar Konjunkturzeiten, während deren der Wohlstand eines Landes plötzlich zunimmt, auf die Selbstmordzahlen genau dieselbe Auswirkung haben wie Wirtschaftskatastrophen." (Durkheim 1973, S. 275)

In beiden Fällen stieg die Suizidrate an. Eine mögliche Erklärung dazu ist, dass der Mensch Stabilität am höchsten schätzt und bei jedweder Abweichung von der gewohnten Bahn, sofern sie stark genug ist, in eine Krise stürzt.

Die Beweggründe könnten bei einer Veränderung mit negativen Folgen in der Erkenntnis liegen, dass bestimmte Träume oder Ideen, für die man bis dato lebte, nun in weite Ferne gerückt sind und ihre Erreichbarkeit so unwahrscheinlich scheint, dass der Tod diesem Leben vorzuziehen ist. Umgekehrt ist es genauso denkbar, dass bei einer positiven Entwicklung alle vom Erfolg berauscht sind und dessen positiven Aspekt nutzen können, aber das Ziel, dass der Suizident verfolgt, trotzdem nicht näher gerückt ist.

"Ein Bedürfnis aber, das nur unter Leiden befriedigt werden kann, wird kaum neu entstehen.Ein Drang, der niemals befriedigt wird, muß schließlich verkümmern, und da der Drang zu leben sich notwendig aus allen anderen Bedürfnissen ergibt, muß auch er schwächer werden, wenn die anderen nachlassen." (Durkheim 1973, S. 279)

Unabhängig davon, was der Suizident tut, er kommt seinem Ziel nicht näher, und selbst ein gesellschaftlicher Aufschwung, der allen helfen sollte, hilft ihm nicht. Diese Erkenntnis kann ihn dazu bringen, an der Freude der anderen zugrunde zu gehen und den Beschluss zu fassen, aus dem Leben zu scheiden.

"Der Mensch braucht trotz aller Freude am Handeln, an der Bewegung, an der Anstrengung auch das Gefühl, dass seine Bemühungen nicht vergeblich sind und dass er dabei weiterkommt. Man kommt aber nicht weiter, wenn man ohne jedes Ziel marschiert oder, was auf dasselbe hinausläuft, wenn man das Ziel, das man zu erreichen sucht, im Unendlichen liegt." (Durkheim 1973, S. 281)

Der anomische Selbstmord unterscheidet sich also vom egoistischen und altruistischen Selbstmord dadurch, dass sein Beweggrund nicht in erster Linie am "Versagen" des Individuums liegt, der Gesellschaft scheinbar nicht gerecht zu werden, sondern am "scheinbaren Versagen der Gesellschaft", dem Individuum nicht gerecht zu werden (vgl. Durkheim 1973, S. 273ff).

Zusammengefasst scheint es, als wäre Suizid kein rein individuelles Problem, gleichgültig ob im biologischen oder psychischen Bereich. Genauso wenig scheint er aber auch ein rein gesellschaftliches Problem zu sein.

Beim anomischen Suizid ist es offensichtlich, dass die Problematik nicht rein gesellschaftlicher Natur sein kann, sondern auch auf individuelle Charaktermerkmale der Person Rücksicht genommen werden muss. Wie sonst könnte man erklären, dass es beispielsweise in jeder Wirtschaftskrise zwar einen Anstieg an Suiziden gibt, aber dennoch nehmen sich nicht alle Betroffenen das Leben. Oder um das Beispiel des Kriegers erneut aufzugreifen: Soldaten, die sich aufgrund von Versagen das Leben nehmen, sind eine auffällig häufige Erscheinung, aber nicht alle Soldaten tun das.

"Es stimmt also nicht, daß die Handlungsfreiheit des Menschen unbeschränkt sein könne. Ein solches Privileg gibt es für nichts und niemanden auf Erden. Denn jedes Wesen, dass Teil des Universums ist, steht in Beziehung zu den anderen Wesen dieses Universums; seine Natur und die Art, wie es ihr Ausdruck verleiht, hängen nicht allein von ihm ab, sondern auch von den anderen Wesen, die es infolgedessen in Schranken halten und Regeln unterwerfen." (Durkheim 1973, S. 287)

Genauso verhält es sich mit den von innen her motivierten Suiziden. Die Zahl der psychisch Kranken ist in der Suizidstatistik auffällig hoch, es nehmen sich aber nicht alle psychisch Kranken das Leben.

"Kein Selbstmord gleicht dem anderen. Jeder ist etwas ganz eigenes, unverständlich und schrecklich. Dem, der ihn beging, wird der Selbstmord als die letzte und beste von vielen schlechten Möglichkeiten erschienen sein, und jeder Versuch der Lebenden, diesen Grenzbereich zu erkunden, kann nur eine Ahnung liefern und zum Verrücktwerden lückenhaft sein." (Redfield Jamison 2000, S. 75)

Ein Aspekt, der weder von Redfield Jamison noch von Ringel genauer untersucht wird, aber bei Durkheim Beachtung findet, ist die Nachahmung. Durkheim verwendet den Begriff in einem engen Sinne, der das "Lernen am Modell" meint. Seine Schlussfolgerungen aus verschiedenen Überlegungen, die eine mögliche Ansteckung bei Selbstmord mit einbeziehen, schließen darauf, dass Nachahmung sehr wohl möglich ist. Er verwehrt sich jedoch gegen die Idee, dass sie als alleiniger Auslöser in Frage kommt. Nachahmung mag als Ideengeber bedeutsam sein, um sich von einem unhaltbaren und nicht mehr erträglichen Leid zu erlösen, aber das Modell würde ohne das bereits als Basis dienende Gefühl des Leidens nicht zur Wiederholung animieren.

"Das Gleiche wie andere zu denken ist etwas anderes als sich vor der Autorität der öffentlichen Meinung zu beugen oder automatisch nachzumachen, was andere vorher getan haben." (Durkheim 1973, S. 131)

Trotz zahlreicher interessanter Überlegungen und Fakten würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf alle Punkte, die Durkheim oder Ringel aufgreifen, einzugehen, deshalb sei für den Interessierten auf die im Anhang befindliche Literaturliste verwiesen.

Erwähnt sei dennoch, dass es durchaus auch Kritiker an den bis jetzt erläuterten Theorien gab. Jerry Jacobs zum Beispiel kritisiert die von Durkheim durchgeführte Studie in einigen Punkten. Vor allem die Tatsache, dass Durkheim nie mit Menschen, die sich das Leben nehmen wollten, gesprochen hat, scheint Jacobs an der Richtigkeit von Durkheims Überlegungen zweifeln zu lassen (vgl. Jacobs 1985, S. 9ff). In seinem Buch "Ich weiß keinen Ausweg mehr" greift er Durkheims Vorgehensweise an und weist auch auf die Bedenklichkeit einer "Krankmachung" von Suizidenten hin:

"Ich verweise auf die Vorstellung, dass Selbstmord etwas Pathologisches, Sündhaftes oder Unmoralisches sei. Derartige Behauptungen lassen sich im allgemeinen darauf zurückführen, dass man die persönlichen Umstände des Suizidenten nicht über eine gewisse Zeitspanne hinweg und seinen hartnäckigen Kampf, ihrer Herr zu werden und zu überleben, nicht ernsthaft berücksichtigte." (Jacobs 1985, S. 8)

Interessanterweise kommt Jacobs im Laufe seine Buches zu der Ansicht, Durkheim zugestehen zu müssen, mit seinen Überlegungen zu den gleichen Ergebnissen gekommen zu sein wie er selbst, und er empfiehlt am Ende des Buches sogar "dass wir, wenn wir den Selbstmord besser verstehen wollen, um ihn vorhersehen und verhindern zu können, gut daran täten, den Faden an dem Punkt wieder aufzunehmen, an dem Durkheim verfrüht aufgab, und die Suche nach seinen wesentlichen Merkmalen fortzusetzen." (Jacobs 1985, S.170)

2.3 Diskussion

Die Betrachtung der vorhergehenden Überlegungen von Durkheim, Ringel und Redfield Jamison als sich ergänzende Studien und nicht als einzeln und von einander unabhängig, scheint die vorteilhafteste Methode zu sein, um sich der Thematik Suizid und der Frage, welche Ursache er haben kann, anzunähern. In einigen Bereichen decken sich die Erkenntnisse der drei Autoren. Beispielsweise darin, krankhafte psychische Entwicklung als eine Möglichkeit der Erklärung des Phänomens zu betrachten. Auch wenn alle drei unterschiedliche Gründe für ihre Thesen darlegen, so scheinen diese sich nicht zu widersprechen, sondern sogar zu ergänzen.

Ringels Untersuchungen in Bezug auf das präsuizidale Syndrom entsprechen in etwa den Überlegungen eines Durkheim, der darauf hinweist, dass es möglich sein könnte, dass diverse Entwicklungen im Leben eines Menschen, die außerhalb seines Einflusses stehen, ihn dazu bringen können, sich das Leben nehmen zu wollen. Auch wenn man über die Einteilung der Suizidarten diskutieren kann, so scheint hauptsächlich die Kernaussage, nämlich die Feststellung, dass es von innen und von außen motivierte Suizidhandlungen gibt, die Wichtigste zu sein.

Vor allem in Bezug auf das vorliegende Thema -die Begleitung von trauernden Angehörigen -scheint diese Feststellung von wichtiger Bedeutung zu sein. Besonders für jene Betroffene, die der Meinung sind, dass sie selbst der einzige Grund sind, weshalb sich ihr Kind oder ihr Partner das Leben genommen hat, könnten unter diesem Aspekt neue Anhaltspunkte für Trost gefunden werden.

Jerry Jacobs Hinweis auf das Versäumnis von Durkheim, sich persönlich mit Suizidenten auseinander zu setzen, mag berechtigt erscheinen. Eine rein soziologische Diskussion des Themas erlaubt vermutlich nicht die Art von Einsichten, die es auf persönlicher Ebene möglich machen könnten, einen Suizid zu verhindern, wenn dies die Intention des Autors gewesen sein sollte.

Um ein Beispiel zu nennen: Die Überlegungen hinsichtlich eines Zusammenhangs einer Steigerung der Suizidrate und der Aktivität in den Sommermonaten mag zwar ein interessanter Aspekt sein, wird aber allein betrachtet vermutlich nicht unbedingt darin behilflich sein, Suizidprävention zu betreiben.

Hinzukommend scheint es, dass sich bei genau dieser Überlegung ein möglicher Fehler eingeschlichen hat, der allerdings im Jahre 1897 noch nicht zu erkennen gewesen sein mag: Durkheim geht davon aus, dass die gesellschaftliche Aktivität als Gradmesser zu betrachten ist, an welchem die Suizidrate indirekt gekoppelt ist. Er nennt als eines der Beispiele, um seine Theorie zu untermauern, das Verhältnis von Mann und Frau. Er schreibt, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden geben muss, da der Anteil, den der Mann am gesellschaftlichen Leben hat, viel höher sei als jener der Frau, woraus resultieren müsste, dass sich viel mehr Männer als Frauen das Leben nehmen. Die Tatsache, dass etwa 70% der Suizidenten männlich sind, scheint seine These zu unterstützen.

In den letzten Jahren hat sich allerdings eine Bewegung entwickelt, von der Durkheim nichts wissen konnte: Die dritte Welle der Frauenemanzipation in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Frauen drängen mehr auf Gleichberechtigung und vermehrt auf den Arbeitsmarkt, zu einer Karriere, zu einer Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Sollte Durkheims These also stimmen, so müsste der prozentuelle Anteil der Frauen in der Gesamtsumme der Suizide im Laufe der fortschreitenden Emanzipation der Frau gestiegen sein. Dem statistischen Jahrbuch Austria 2007 zufolge ist es jedoch so, dass in den Jahren 1970 bis 2005 der prozentuelle Anteil der Frauen in der Suizidrate großteils konstant von 31 auf 25% gesunken ist. Die Fakten scheinen Durkheim also in diesem Punkt zu widersprechen.

Kann man jedoch Gesellschaft nur als Arbeitsmarkt definieren? Stehen nicht auch soziale Kontakte, Freundschaften, Hobbys und Ähnliches dahinter? Drängt die Emanzipation die Frauen wirklich mehr in die Gesellschaft, oder lediglich mehr auf den Arbeitsmarkt? Sollte Durkheim mit dem Begriff des "gesellschaftlichen Lebens" den Arbeitsmarkt gemeint haben, so scheint seine These widerlegt, da die Auswirkungen der Emanzipation schlichtweg das Gegenteil von dem sind, was man aufgrund seiner Überlegungen vermuten würde.

Dieser Ansatz scheint interessant genug zu sein, um weiter zu forschen. Die Fragen nach einer Beweisführung im Sinne Durkheims, also einen Vergleich anzustellen zwischen der Teilnahme der Frau am gesellschaftlichen Leben und ihrer Entwicklung in Bezug auf die soziale Suizidrate, könnte möglicherweise Aufschluss darüber geben, ob seine These berechtigt ist.

Kay Redfield Jamison bringt die Problematik für eine Annäherung an die Ursachen von Suizid wie es scheint auf den Punkt: "Der Tod durch eigene Hand resultiert letztlich aus einem Bündel unbekannter Motive, komplexer psychologischer Gegebenheiten und ungewisser Umstände." (Redfield Jamison 2000, S. 32)

Unbekannte Motive scheinen in der Tat das größte Problem zu sein. Suizidenten, die damit Erfolg haben, sich das Leben zu nehmen, können (so makaber die Vorstellung auch klingen mag) nicht mehr zu ihren Beweggründen befragt werden. Und die scheinbar offensichtlichsten Gründe scheinen nicht immer jene zu sein, die wirklich zu der Tat an sich geführt haben.

Ringel beschreibt in kurzer Form viele Lebensgeschichten und lässt auch die Problematik der Lüge nicht außer Acht. Er stellt sich selbst die Frage: "Was, wenn die Interviewten mich - aus welchen Gründen auch immer - in Bezug auf ihre Motivation zum Suizid belügen?"

Die Antwort sollte einfach sein: Es würde die Auswertung der gesammelten Daten und ihre Interpretation verfälschen. Ist es jedoch im Bereich des Machbaren, die Möglichkeit einer Lüge völlig auszuschließen? Vermutlich nicht. Selbst wenn Verwandte, Freunde und die engste Familie zu dem gleichen Thema befragt werden, besteht die Möglichkeit einer Lüge noch genauso stark, und es kommt bei widersprüchlichen Aussagen vermutlich sogar noch die Problematik des "Wem schenke ich Glauben?" hinzu. Es erscheint einfach und unvermeidbar, Fakten mit Interpretation zu vermischen.

Und dennoch scheint die Zeit Ringel und seiner These des präsuizidalen Syndroms Recht zu geben, findet sie doch heutzutage in der Suizidprävention nach wie vor Anwendung und weist Erfolge auf.

Für die Gedankengänge von betroffenen Angehörigen könnte sich Ringels These jedoch auch als Rückschlag erweisen. Geht man davon aus, dass dieses Syndrom Gültigkeit hat, so existiert eine Möglichkeit, den Suizidversuch bereits vor seiner Ausübung zu erkennen. Dadurch bekäme die Frage der Hinterbliebenen nach der eigenen Schuld bei einem gelungenen Suizid eine neue Dimension: "Man hätte es also erkennen können, warum habe ich es dann nicht erkannt?"

An dieser Stelle soll betont werden, dass Ringel selbst die Gültigkeit seiner These nur für psychische Erkrankungen beansprucht. Seine Entdeckung des präsuizidalen Syndroms mag also hilfreich sein im Bereich der Suizidprävention und in der Arbeit mit psychisch Kranken, scheint aber für Hinterbliebene keine Hilfestellung zu leisten, um mit ihrer Trauer umgehen zu können.

Gehen wir im folgenden Fall davon aus, dass beim Suizidenten keine geistige Krankheit diagnostiziert wurde, so bleiben im Sinne einer konstruktivistischen Betrachtung verschiedene Möglichkeiten, die gleichermaßen für Hinterbliebene und für Personen, die mit ihnen zu tun haben, gelten würden:

Entweder der Suizident wird als psychisch krank betrachtet, und somit wäre der Suizid nach den Kriterien von Ringel diagnostizierbar gewesen. Oder er wird als geistig gesund betrachtet und hat somit die Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, in völligem Bewusstsein seiner geistigen Kräfte gefällt.

Im letztgenannten Fall mögen der Schmerz und die Trauer nicht weniger intensiv sein als im erstgenannten Fall, aber der Unterschied ist deutlich: Die Hinterbliebenen würden im Bewusstsein leben, dass der Suizident nicht mehr leben wollte, während im Krankheitsfall die Möglichkeit bestanden hätte, dass die Tat nicht im vollem Bewusstsein ausgeführt wurde. Welche Betrachtungsweise nun auch bevorzugt wird, für die Hinterbliebenen scheint es keinen Unterschied zu machen: Die Frage, welche aus der Annahme des freien Willens des Suizidenten entspringt, kann möglicherweise so lauten: "Was habe ich getan, damit er sich entschieden hat, nicht mehr leben zu wollen?" Die gefühlte subjektive Schuld der Hinterbliebenen wird dadurch nicht geringer werden. Die Frage, die sich im Falle eines krankheitsbedingten Suizid stellen mag, könnte andererseits so lauten: "Warum war ich so blind und habe die Krankheit nicht gesehen?" Auch in diesem Fall scheint kein Trost zu finden zu sein. Möglicherweise liegt die Schwierigkeit für die Hinterbliebenen, sich frei von Schuld zu fühlen, darin, dass in beiden Fällen der Suizid aus einem inneren Motiv heraus begangen wurde, unabhängig davon ob man dieses Motiv nun als krankhaft oder als gesund bezeichnet.

Die Möglichkeit eine äußere Motivation in Betracht zu ziehen und diese als Erklärung der Tat sehen zu können, mag für manche der Hinterbliebenen eine Erleichterung darstellen. Äußere Motivatoren sind von Individuen nicht beeinflussbar und entziehen sich somit offenbar auch der Frage nach der Schuld von Hinterbliebenen. Möglicherweise ist es sogar machbar, die Schuldfrage auf eine höhere, unangreifbare Instanz zu "schieben", die trotz ihrer Unveränderbarkeit dennoch als Kanal für die Wut und die Trauer der noch Lebenden dienen kann.

3. TRAUERPROZESS - Eine Betrachtung

"Nun wird es endgültig sein: Mein Sohn ist nicht mehr da. Er ist nicht mehr bei mir. Mein Entsetzen ist so groß, dass ich nicht begreife, was hier eigentlich passiert. Das ist der letzte Abschied. Ich muss scheiden von meinem Sohn, und er von mir. Ich muss unter-scheiden, zwischen mir, dem Lebenden, und meinem Sohn, dem Toten. Ich muss loslassen. Meinen Sohn aus den Händen geben. So sagt es der Pfarrer am Grab, so sagt es die derzeitige Trauerliteratur." (Kachler 2005, S. 14)

Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen durch Krankheit, einen Unfall oder Suizid. Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen durch Scheidung. Trauer beim Verlust von Arbeit, Heimat und Sicherheit. Jorgos Canacakis beschreibt alle genannten Bereiche in seinem Buch "Ich begleite dich durch deine Trauer" und kommt zu dem Schluss, dass der Verlauf der Trauerphasen in all ihren verschiedenen Daseinsformen ähnlich sei. Nur die Intensität der gefühlten Trauer würde variieren (vgl. Canacakis 1990, S. 32).

Seiner Ansicht nach ist Trauer ein grundsätzlicher Bestandteil des Lebens, der von Geburt an im Menschen existiert und dem Zweck dient, ihm das ganze Leben lang in Verlust-Situationen beizustehen und ihn zu trösten (vgl. Canacakis 1990, S. 23f).

"Grundsätzlich ist die Trauerreaktion eine Fähigkeit, die mit uns geboren wird. Sofort nach der Geburt tritt sie in Erscheinung als das bekannte Verhalten des Neugeborenen: weinen, schreien, protestieren, klagen usw. Diese Fähigkeit bleibt uns erhalten bis zu unserem Tod. Wenn wir unser tägliches Leben einmal in Ruhe betrachten, so werden wir sehr schnell entdecken, daß dieses Leben von Anfang an voller Abschiede, Trennungen und Verluste ist." (Canacakis 1990, S. 23)

Verena Kast sieht die Fähigkeit zum Trauern ebenfalls als angeboren an. In ihrem Buch "Trauern" beschäftigt sie sich mit Träumen, die Verlusten oft vorausgehen, und vergleicht die Geschehnisse in der Realität mit den Geschehnissen in der Traumwelt. In den von ihr wiedergegebenen Träumen decken sich zwar nicht die Geschehnisse an sich, aber die Gefühle von Einsamkeit und Trauer, welche im Traum empfunden wurden, sind jene, die in naher Zukunft durch den Verlust von geliebten Menschen Wirklichkeit wurden (vgl. Kast 1999, S. 29ff).

"Es ist bekannt, dass im Umfeld von Todeserleben sehr intensiv geträumt wird, dass das Unbewusste hilft, das Todeserlebnis mit zu verarbeiten. Ich habe seit 10 Jahren Träume von Trauernden gesammelt und dabei herausgefunden, dass das Unbewusste Anleitung zum Trauern gibt und sich dadurch eine neue Identität des trauernden Menschen aufbaut." (Kast 1999, S. 31)

In ihrem Buch erstellt sie ein Modell für den Trauerprozess, der sich in vier Phasen gliedert: Die erste Phase ist die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens, welche übergeht in die Phase der aufbrechenden Emotionen. Die dritte Phase ist die Phase des Suchens und Sich-Trennens, und die vierte und letzte ist die Phase des neuen Selbst-und Weltbezugs (vgl. Kast 1999, S. 68ff).

Das Modell von Verena Kast hat nach wie vor Gültigkeit und die meisten für diese Arbeit verwendeten Autoren beziehen sich auf ihr Modell, deshalb ein kurzer Überblick.

3.1 Trauermodell nach Verena Kast

Nach Analyse der von ihr gesammelten Traumerfahrungen und Gesprächen mit den Trauernden über deren Leben kam Verena Kast zu der Ansicht, dass der Trauerprozess vier Phasen durchläuft. Sie veranschaulicht ihre Theorie am Beispiel einer jungen Frau namens Elena. Gleichzeitig zieht sie immer wieder andere von ihr interviewte Personen als Vergleich heran, um die allgemeine Gültigkeit ihres Modells zu untermauern (vgl. Kast 1999, S. 69ff).

Im Folgenden werden die vier Phasen ihres Modells kurz erklärt und mit Beispielen von anderen Autoren, deren Überlegungen und Erfahrungen dieses Modell ergänzen, erweitert.

3.1.1 Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Der erste Reflex bei Verlusten, vor allem beim Tod von geliebten Menschen, scheint eine Art Gefühlskoma zu sein, welches bei Betroffenen einen, wie Kast es nennt, "Gefühlsschock" auslöst (vgl. Kast 1999, S. 72).

"Die erste Phase nach der Nachricht vom eingetretenen Tod ließ sich bei Elena durch Empfindungslosigkeit charakterisieren. Elena glaubte nicht an den Tod des Partners, fühlte sich selbst wie tot, starr." (Kast 1999, S. 71)

Auch Diodà und Gomez stellen diese Empfindungslosigkeit in ihrem Buch "Warum konnten wir dich nicht halten" fest (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 73).

Obwohl das Anhalten dieses "Gefühlsschocks" in seiner Dauer von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Wochen variierte, trat er dennoch bei allen Personen auf. Die Dauer der Wirkung lässt sich möglicherweise auf die Intensität der Bindung zu der verlorenen Person erklären (vgl. Kast 1999, S. 71f).

Dieser Phase des "Gefühlsschocks" folgt das Aufbrechen der scheinbaren Erstarrtheit in eine Fülle von Emotionen, die sich aber wiederum von Person zu Person unterscheiden (vgl. Canacakis 1990, S. 44f).

3.1.2 Phase der aufbrechenden Emotionen

In dieser Phase können alle möglichen Emotionen, welche mit der Person, die verloren wurde, verknüpft waren, zum Ausdruck kommen. Auch der Charakter der trauernden Person scheint hier eine große Rolle zu spielen. War die trauernde Person vor dem Verlust ein wütender Mensch, dann wird vermutlich Wut in dieser Phase vorherrschen. War sie aber eine Person, welche zur Traurigkeit und zum Weinen neigte, so werden in dieser Phase höchstwahrscheinlich viele Tränen fließen (vgl. Kast 1999, S. 73ff).

Die Art und Weise des Trauerns kann in allen möglichen Variationen auftreten, beispielsweise in Lethargie, Betriebsamkeit, Isolation oder Flucht in Menschenmassen, Gefühlskälte oder völlige Übersensibilität. Möglich ist ebenso ein Ausklammern der Zukunft und eine Fixierung auf die Vergangenheit (vgl. Canacakis 1990, S. 45). In dieser Phase taucht auch die Frage nach der Schuld zum ersten Mal auf. Eigene Schuldgefühle scheinen mit der Suche nach anderen Schuldigen einherzugehen. Vor allem die Frage, wie man die letzten Begegnungen mit der verstorbenen Person verbracht hat, ob man im Zorn oder in Freundschaft auseinander ging, scheint eine große Rolle zu spielen (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 75).

"Wer allerdings seine Probleme mit dem Verstorbenen nicht vor dessen Tod aufarbeiten kann, wird sich nachher mit seinen Schuldgefühlen herumschlagen müssen, mit seinen Aggressionen, die noch den Toten betreffen und gegenüber den Verstorbenen seltsam ins Leere gehen." (Kast 1999, S. 75)

Ausgehend davon, dass die Wut und die Schuldsuche bereits der Anfang eines Versuches sind, einen neuen Bezug zur der verlorenen Person herzustellen, ist die dritte Phase die scheinbar logische Konsequenz der beiden vorhergehenden Phasen (vgl. Kast 1999, S. 78).

3.1.3 Phase des Suchens und Sich-Trennens

Trauernde suchen in dieser Phase nach der verlorenen Person. Sie suchen bei anderen Menschen nach ähnlichen optischen Wesenszügen und sie besuchen Orte, an welchen die Erinnerung stark ist. Im Extremfall ist es möglich, dass die Trauernden sogar versuchen, das Leben der verlorenen Person zu leben (vgl. Kast

1999, S. 78ff).

Auch Gomez und Diodà haben ähnliche Erfahrungen mit Trauernden gemacht:

"Jedes Erlebnis, das Erinnerungen an den Toten wachruft, löst erneut ein Chaos der Gefühle aus. Das Suchen zwingt Hinterbliebene, sich immer wieder mit dem Verstorbenen auseinander zu setzen und Fähigkeiten und Stärken, die an den Verstorbenen delegiert wurden, wieder zurückzunehmen." (Diodà/Gomez 2005, S. 77)

Nach Roland Kachler dient der Verlauf dieser Phase dazu, dass Trauernde den Verlust anerkennen und zu akzeptieren beginnen, dass die Person, welche verstorben ist, nicht mehr ins Leben zurückkehren wird (vgl. Kachler 2005, S. 24).

Ist dieses Ziel erreicht, geht der Trauerprozess in die vierte und letzte Phase über, in welcher erreicht werden kann, eine Art von "Leben nach dem Verlust" zu organisieren. Während die ersten drei Phasen hauptsächlich im Innenleben der Betroffenen stattfinden, beginnt in der vierten Phase auch die Einbeziehung der Außenwelt (vgl. Kast 1999, S. 83ff).

3.1.4 Phase des neuen Selbst-und Weltbezugs

Das Trauern scheint nun nicht mehr der Hauptzweck des Daseins zu sein und die Trauernden erkennen, dass es ein Leben außerhalb ihrer bisherigen Wahrnehmung geben kann. Es wird höchstwahrscheinlich versucht, neue Bindungen aufzubauen, neue Wege, mit der Welt in Kontakt zu treten, zu finden. Die verstorbene Person ist zwar scheinbar noch präsent, aber nur noch als eine Art "innerer Begleiter"(vgl. Kast 1999, S. 84ff).

"Der Verlust kann akzeptiert werden, ohne dass die Verstorbenen dabei vergessen werden. Der Hinterbliebene distanziert sich von Bezugspersonen, die ihn während der Trauerzeit betreuten, und wendet sich neuen Lebensmustern und neuen Beziehungen zu. Erst sind es nur Minuten, dann Stunden, in denen Trauernde plötzlich erkennen, dass sie sich während dieser Zeitspanne mit etwas anderem als mit dem Suizid beschäftigten." (Diodà/Gomez 2005, S. 78).

Diese vier Phasen werden von allen Trauernden durchlaufen. Die Zeitspannen, welche sie umfassen, scheinen allerdings sehr unterschiedlich zu sein. Auch merkt Kast an, dass es durchaus möglich ist, dass der Trauerprozess durchaus nicht mit dem Durchleben dieser Phasen zu Ende ist. Vielmehr weist sie auf die Gefahr hin, die ihrer Meinung nach hauptsächlich in der vierten Phase besteht, dass der gesamte Prozess immer wieder neu durchlebt werden muss (vgl. Kast 1999, S. 85).

"Es scheint so zu sein, dass Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben, auf längere Zeit auf jede Art des Verlustes von Menschen sehr stark reagieren, sozusagen wieder einen Rückfall haben und dann den Trauerprozess nochmals durchmachen müssen. Allerdings geschieht das in den meisten Fällen nicht mehr in der ursprünglichen Intensität." (Kast 1999, S. 85)

Chris Paul teilt den Trauerprozess nicht in Phasen, sondern in Aufgaben: Den Verlust als solchen erkennen, die Schmerzen der Trauer durchleben, sich an eine Umgebung ohne den oder die Tote anpassen, zu einer "neuen" Beziehung mit dem oder der Verstorbenen finden und sich letzten Endes wieder dem eigenen Leben zuwenden (vgl. Paul 2004, S. 17ff). Kachler, der selbst als Psychotherapeut tätig war, schließt sich dieser Meinung an und geht noch einen Schritt weiter, indem er dem Trauerprozess noch eine Dimension hinzufügt: Die Hauptaufgabe sei es, eine neue Art von Liebe zum Verstorbenen zu finden (vgl. Kachler 2005, S. 24).

Kast steht dieser Ansicht scheinbar skeptisch gegenüber, da sie darauf hinweist, dass eine "Verinnerlichung" der verstorbenen Person auch pathologische Folgen haben kann. Die Gefahr bestehe darin, dass die Lebenden zu sehr in ihrer Kompensation aufgehen und die Persönlichkeit und das Leben der Verstorbenen annehmen, ohne dabei auf ihr eigenes Leben Rücksicht zu nehmen. Vielmehr sei es wichtig, einen neuen, eigenen Lebensweg zu finden, ohne dass die Person, um die getrauert wird, in Vergessenheit gerät (vgl. Kast 1999, S. 84f). Canacakis weist darauf hin, dass Trauermodelle zwar eine gewisse Struktur für die Praxis geben und im Sinne einer wissenschaftlichen Betrachtung zur Findung von Möglichkeiten zur besseren Unterstützung von Trauernden benutzt werden können, warnt aber davor, sie ohne Anpassung auf Menschen umzulegen, denn "Gefühle lassen sich nun einmal nicht in ein Muster pressen." (Canacakis 1990, S. 46).

Weiters stimmen Kast und Canacakis darin überein, dass es zwei grundlegend verschiedene Arten von Trauer gibt, namentlich die lebensfördernde und die lebenshemmende Trauer (vgl. Canacakis 1990, S. 26).

Nach Kast besteht in jeder Phase die Gefahr, dass man in ihr "hängen bleibt" und der Prozess zu einem Stillstand kommt. Allerdings gibt sie der "lebenshemmenden" Trauer den Namen "Melancholie" und erklärt, dass der Unterschied darin liege, dass "der Trauernde weiß, was er verloren hat, der Melancholische zwar auch weiß, wen er verloren hat, aber nicht was, dass also der Objektverlust dem Bewusstsein teilweise entzogen ist." (Kast 1999, S. 93)

Anschließend werden wichtige Aspekte des Trauerprozesses angeführt, die von allen Autoren erwähnt werden, und danach wird auf die besonderen Ausprägungen von Trauerprozessen in Bezug auf Suizid eingegangen.

3.2 Wichtige Aspekte von Trauerprozessen

Canacakis, Otzelberger und auch Kachler sind sich darin einig, dass Trauer etwas vollkommen Natürliches ist, das "unsere Gesellschaft" leider verlernt hat (vgl. Otzelberger 2005, S. 145).

"Trauern ist komplizierter geworden in einer Gesellschaft, die schon den "natürlichen" Tod verdrängt hat. Für den "unnatürlichen" Tod in Form des Suizids gilt das noch viel stärker." (Otzelberger 2005, S. 145)

Canacakis geht sogar noch einen Schritt weiter und beschwert sich über die für ihn unnatürliche Art und Weise, wie mit Trauer umgegangen wird:

"Ich habe das Gefühl, daß die Worte Trauer und Traurigkeit in unsrer Gesellschaft einen durchweg negativen Beigeschmack haben. Es ist etwas Unangenehmes, ja sogar Krankhaftes, das man mit aller Kraft meiden, verdrängen, übersehen und verleugnen soll. Es wird verwechselt mit Melancholie, Depression, mit krankem Kummer und Gejammer, und man versucht deshalb krampfhaft, "es" zu behandeln, wegzubehandeln, ohne sich jedoch nur einen Moment Gedanken darüber zu machen, daß es sich hierbei möglicherweise um eine lebenswichtige Reaktion auf bestimmte Lebenssituationen handeln könnte." (Canacakis 1990, S. 24f)

Und tatsächlich scheint die Art und Weise unserer Gesellschaft, sich dieses Themas anzunehmen, eine falsche zu sein. Verdrängte Trauer kann gesundheitsschädlich sein. Eine der häufigsten Folgen verdrängter Trauer ist das Entstehen von Depressionen, die vor allem dann auftreten, wenn der Trauerprozess unterdrückt wird, und gleichzeitig scheint die "Rückkehr in ein normales Leben" ebenfalls nicht möglich zu sein (vgl. Diodà/Gomez 2005, S.80).

Auch Verena Kast widmet dem Thema ein eigenes Kapitel in ihrem Buch, in welchem sie auf die Gefahren von "verschleppten Trauerprozessen" hinweist (vgl. Kast 1999, S. 93ff) und gleichzeitig betont, wie wichtig Trauer für die Betroffenen ist. Aber welche Aspekte sind nun die wichtigsten? Gibt es im Prozess des Trauerns überhaupt etwas "Wichtigstes"? Die Schwerpunkte, welche die Autoren legen, sind je nach Hintergrund und Lebenseinstellung verschieden. So legt zum Beispiel Anne Christine Mess in ihrem Buch "Wenn die Hoffnung stirbt" viel Wert auf den Glauben an Gott und die Unterstützung, die dieser Glaube manchen Menschen geben mag (vgl. Mess 2003, S. 107ff). Canacakis legt viel Wert auf Rituale, welche die Trauernden für sich allein durchführen können, und gleichzeitig betont er, dass die Gemeinschaft ein wichtiger Aspekt ist (vgl. Canacakis 1990, S. 47ff). Kachler wiederum verweist etliche Male auf die Natur und den Gedanken der Transzendenz (vgl. Kachler 2005, S. 107ff).

Die Wege und die Arten zu trauern scheinen so unterschiedlich zu sein wie die Menschen selbst. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten im Trauerverlauf und im Umgang des Umfelds mit den Trauernden. Festgestellt wird, dass Trauer nichts ist, was von außen gesteuert werden kann. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, seine eigene Art, mit einem Verlust umzugehen (vgl. Canacakis 1990, S. 43) und trotzdem scheint es offenbar vor allem in der Art und Weise, wie Männer und Frauen auf Verluste reagieren, "geschlechtertypische Verhaltensmuster" zu geben (vgl. Diodà/Gomez 2005, S.96ff).

"Offensichtlich gibt es geschlechterspezifische Unterschiede beim Trauern. Verschieden Autoren der Trauerliteratur weisen darauf hin, dass trauernde Frauen sich eher ihren Gefühlen hingeben und Unterstützung zulassen, während Männer dazu neigen, ihre Trauer aktiv zu bewältigen und etwa durch vermehrtes Arbeiten die seelische Anspannung abbauen." (Diodà/Gomez 2005, S.97)

Männer würden vor allem alleine trauern, ihre Gefühle anderen Menschen nicht zeigen und sich in Arbeit und Aktivität "flüchten". Nachdenken dominiere die Probleme, und die Gefühle, die ausgedrückt werden können, seien nicht Traurigkeit oder Schmerz, sondern Wut und Aggression. Zentrales Thema des männlichen Trauerprozesses sei das Bewältigen von konkreten Problemen (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 98f). Natürlich gelte dieses Schema nicht für die Trauerprozesse von allen Männern, sei aber für die Mehrheit bezeichnend.

Gängige Vorstellungen von Trauerprozessen im Sinne von Tränen, Depression, Resignation, seien eher bei Frauen vorrangig. Diese würden in den meisten Fällen eine "passive Trauer" erleiden (vgl. Diodà/Gomez 2005, S.97f).

An dieser Stelle sei erneut betont, dass alle Autoren darauf hinweisen, wie verschieden der Trauerprozess sein kann. Es gibt keine falsche und keine richtige Trauer, es gibt nur die eigene Trauer und ganz gleichgültig, was die Trauernden als am schlimmsten empfinden, niemand kann ihnen absprechen, dass genau diese Gefühle, beziehungsweise genau dieses Problem, auch ihr Schlimmstes ist (vgl. Canacakis 1990, S. 44).

Aber nicht nur der innere Kampf mit der Trauer scheint eine Hürde darzustellen, denn mit einem Verlust gehen - vor allem je länger der Trauerprozess anhält - oft soziale Isolation, Unverständnis der Gesellschaft und Einsamkeit einher:

"Unsere Gesellschaft fordert von Trauernden, dass sie sich so rasch wie möglich von der Trauer lösen und in den Alltag zurückkehren. Wer nach zwei oder drei Monaten noch erkennbar unglücklich und schwach ist, dem wird unterstellt, er oder sie sei depressiv oder labil." (Diodà/Gomez 2005, S.121)

Chris Paul weist zum Beispiel auf die Bedeutung des Trauerjahres hin, dass in der westlichen Gesellschaft mittlerweile nur noch wenig Bedeutung hat. Aber gerade in diesem Jahr ergeben sich viele Momente, welche in der Trauer einerseits schmerzhafte Erinnerungen wecken und gleichzeitig die Realität des Verlustes vor Augen führen: das erste Ostern ohne die verstorbene Person, das erste Weihnachten allein, der Geburtstag, der in diesem Jahr nicht mehr mit einem Geschenk gefeiert wird, der Jahrestag mit dem verstorbenen Partner oder der verstorbenen Partnerin (vgl. Paul 2004, S. 47ff).

Auch das Bedürfnis, über die verlorene Person zu sprechen, scheint in unseren Breitengraden auf eine Barriere aus Schweigen zu stoßen. Die Hilflosigkeit von Angehörigen der Trauernden drückt sich oft in einer Vermeidung des Themas aus (vgl. Otzelberger 2005, S. 145ff):

"Vielfach empfinden wir Angst oder Unsicherheit im Umgang mit einer trauernden Person, möchten vielleicht durch die Auseinandersetzung mit ihrem Schmerz nicht an eigene erlittene Verluste erinnert werden. Möglicherweise sind wir selbst nicht aus unserer Trauer herausgekommen oder haben sie wegzuschieben versucht?! Es ist eine Tatsache, dass ein gesundes Trauern, also ein Zulassen der verschiedenen Emotionen wie Überwältigung von Sinnlosigkeit, Angst, Wut, Hass, uns positiv verändern kann." (Mess 2003, S. 133)

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Trauernde mit der Realität von Isolation und Einsamkeit in der Gesellschaft und der eigenen Familie ebenso kämpfen müssen wie mit der inneren Trauer. Die Zeitspanne, welche ihnen gewährt wird, um sich von geliebten Menschen zu verabschieden, ist scheinbar häufig viel zu kurz. Zu der eigenen Trauer kommen noch der Druck der Gesellschaft zu funktionieren und die oftmals unbeachtete Tatsache, dass ein Gespräch über die betrauerte Person vielleicht mehr helfen könnte als angsterfülltes Schweigen.

Hilfreich war es für einige Betroffene, sich mit Trauernden, die einen ähnlichen Verlust erlebten, zu unterhalten, sich mit ihnen auszutauschen und gemeinsam zu trauern (vgl. Canacakis 1990, S. 49).

"Selbsthilfegruppen zeigen Hinterbliebenen nicht nur, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind, sondern eröffnen auch wertvolle Gesprächsmöglichkeiten, um ihre Gefühle, Fragen, Selbstzweifel und Gedanken gegenseitig auszutauschen. Die Verzweiflung nach einem Suizid kann erdrückend sein, aber es ist hilfreich mit Menschen zu sprechen, die nachvollziehen können, wie sich Verzweiflung anfühlt, weil sie dieses Gefühl selbst erlebt haben." (Diodà/Gomez 2005, S. 123)

Auch das Bedürfnis nach Nähe kann sehr stark sein, eine Schulter zum Anlehnen, eine Brust zum ausweinen. Auch Sexualität, vor allem in Paarbeziehungen, kann eine heilsame Erfahrung sein, auch wenn sie in vielen Fällen lange Zeit nicht mehr zustande zu kommen scheint, da die Trauer es "verbietet", solche Gedanken zu haben (vgl. Paul 2004, S. 61). Auch Diodà und Gomez schließen sich dieser Meinung an, da körperliche Nähe an sich schon Trost zu spenden scheint (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 129).

Ebenfalls hilfreich bei der Realisation des Todes und dem Abschied nehmen kann es sein, wenn der oder die Tote nochmals gesehen wird. Oftmals meinen Polizeibeamte, Ärzte oder Sanitäter, dass Betroffene die verstorbene Person "besser nicht mehr sehen sollten" und meinen es vermutlich gut, aber Fakt bleibt, dass es vielen Hinterbliebenen geholfen hat, "von Angesicht zu Angesicht" Abschied zu nehmen (vgl. Otzelberger 2005, S. 166).

"Nach einem Suizid sollten alle, die den Wunsch danach haben, die Möglichkeit bekommen, die Tote bzw. den Toten zu sehen. Menschen, die im Rettungsdienst, in der Seelsorge, bei der Polizei und im Bestattungswesen arbeiten sollten in der Lage sein, Angehörige vorurteilsfrei und ohne Angst zu unterstützen, sowohl in ihrer Entscheidungsfindung wie auch dabei, in Ruhe und mit allen vorhandenen Gefühlen Abschied zu nehmen." (Paul 2004, S. 36)

Auch das Schreiben kann eine Unterstützung beziehungsweise Therapiemethode sein, um die Trauer "nach außen" zu lassen. Es gibt viele Bücher - auch im Handel erhältlich - welche dies belegen: "Ich wollte doch dein Leben schützen!" von Erika Bodner oder "Mein Sohn hat sich das Leben genommen" von Sue Chance, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Liste jener Betroffenen, die Gedichte schreiben, malen, Skulpturen formen oder Liedtexte verfassen, um ihre Trauer auszudrücken, ist vermutlich unendlich lang. Kreativität scheint im Umgang mit einem Verlust eine große Stütze zu sein, man bedenke nur wie viele Musikstücke es zu diesem Thema gibt (vgl. Otzelberger 2005, S. 170).

Es wurde bereits des Öfteren darauf hingewiesen, wie verschieden der Umgang mit einem Verlust von Mensch zu Mensch sein kann, und wie unterschiedlich die Trauerprozesse verlaufen können. Deshalb sei hier noch erwähnt, dass in diesem Bereich viel an Forschung möglich wäre.

Interessante Aspekte scheinen der Unterschied in der Trauer zwischen Mann und Frau zu sein, genauso wie die Unterschiede darin, um wen getrauert wird, da auch die Art der Beziehung zu den Verstorbenen von großer Wichtigkeit ist. Es macht einen Unterschied, ob um einen Bruder, eine Schwester, einen Vater, eine Mutter, einen Sohn, eine Tochter, einen Freund, eine Partnerin und so weiter, getrauert wird. Auch die Möglichkeiten zum Ausdruck von Trauer scheinen genauere Untersuchungen Wert zu sein, ebenso wie die Arbeit oder die Ausbildung der Polizei, welche Todesnachrichten überbringen muss, und deren Umgang damit, oder welche Art von Ausbildung die Rettungssanitäter haben, welche die Toten abholen, ob sie geschult sind im Umgang mit Trauernden oder ob sie sich selbst und ihrem Feingefühl überlassen sind. In diesem Punkt gibt es noch viele ungeklärte Fragen, was vermutlich am Feld der großen Möglichkeiten liegen mag. Dennoch wäre es interessant, zumindest bei einigen dieser Themen tiefer zu gehen, was im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich ist. Weitere Forschungen scheinen aber in jedem Falle erstrebenswert.

Nach dieser Betrachtung von verschiedenen Aspekten von Trauerprozessen im Allgemeinen wird nun das Thema "Ausprägungen von Trauerprozessen in Bezug auf Suizid" betrachtet.

3.3 Ausprägungen von Trauerprozessen in Bezug auf Suizid

"Selbsttötungen zerstören von einem Augenblick zum nächsten einen Lebenszusammenhang, der bis dahin als normal und funktionierend empfunden wurde." (Paul 2004, S. 30)

Der wohl größte Unterschied zwischen dem Verlust eines Angehörigen durch einen Unfall und einem Verlust durch Suizid scheint die Frage nach der Schuld zu sein. Bei Unfällen sind die Trauer, der Schock und die Frage nach dem Warum ebenfalls gegeben, aber die Frage nach der Schuld der Hinterbliebenen ist bei letztgenannten scheinbar besonders hoch (vgl. Mess 2003, S. 128f). Auch kämpft fast jeder Angehörige mit Schuldgefühlen, die sich mit der Thematik "Versäumnisse" beschäftigen. Wenn Hinterbliebene dann noch mit dem Eindruck konfrontiert werden, dass sie von der "Außenwelt" für schuldig gehalten werden, kann dieses Gefühl enorm verstärkt werden. Auch juristisch ergeben sich dabei Probleme (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 17):

Juristisch betrachtet ist Suizid nichts anderes als Tod durch Gewaltanwendung und muss von der Polizei geprüft werden. Die Polizeibeamten haben die Pflicht, den Tatort auf Spuren zu untersuchen, um auch jede Möglichkeit einer Fremdeinwirkung ausschließen zu können. Das kann für Betroffene äußerst belastend sein, vor allem deshalb, weil viele Polizisten nicht genügend Feingefühl aufweisen oder mit dem Thema nicht sensibel genug umgehen (vgl. Paul 2004, S. 79).

"Ein erfahrener Kripobeamter, der mehr als 30 Suizide untersuchen musste, erzählt, wie schwer es ihm fällt, die Angehörigen angesichts des immensen Leids mit seinen Fragen behelligen zu müssen. Die Beamten lernen zwar, professionell aufzutreten, nicht aber, ihre Gefühle abzustellen. Der Kripobeamte vermutet, dass manch einer seiner Berufskollegen die Gefühle hinter einem dicken Panzer verbirgt und es ihnen deshalb nicht immer leicht gelingt, den richtigen Ton zu finden." (Diodà/Gomez 2005, S. 19)

Die Schuldfrage, welche die Polizei gerichtlich klärt, bleibt aber für die Hinterbliebenen auch nach den Ermittlungen noch aktuell. Die Frage, ob sie selbst vielleicht schuld am Tod ihrer Angehörigen sind, stellt sich noch eine lange Zeit und nicht selten scheinen alle Gespräche mit den Verstorbenen gedanklich wieder und wieder durchgegangen zu werden. Immer wieder würden Hinterbliebene in ihrer Erinnerung nach Anzeichen für den Suizid suchen - und meist auch fündig werden. Alltägliche Gespräche und Gesten würden im Nachhinein oft als "Anzeichen" oder "Vorboten" des Suizids beurteilt werden (vgl. Otzelberger 2005, S. 85). Nach Diodà und Gomez ist beim Verlust eines Partners unsere "gesellschaftlich romantisierte Sicht" auf die Liebe ein großes Problem:

"Was wir unter Liebe verstehen, ist ein von Romantik umrankter Begriff: Wahre Liebe bezwingt jedes Leid und hat perfekt zu sein. An diesen Vorstellungen drohen Angehörige nach einem Suizid zu ersticken. Dennoch sind diese Vorstellungen nicht realistisch: Jeder Mensch macht Fehler, hat Schwächen und Launen, ist oftmals ungeduldig und ungerecht gegenüber seinem Partner, seinen Kindern, Geschwistern und Eltern. Allen romantischen Ansprüchen zum Trotz ist auch die größte und tiefste Liebe nicht von Krisen gefeit, und wer sich einzureden versucht, durch seine Liebe über das Leben eines anderen Menschen entscheiden zu können, maßt sich göttliche Kräfte an." (Diodà/Gomez 2005, S. 47)

Suizid ist keine Entscheidung, welche den Suizidenten allein betrifft. Jeder Mensch steht in Verbindung mit Anderen, hat zwischenmenschliche Beziehungen und Sozialkontakte. Gerade für sehr nahestehende Personen wie Eltern, Kinder oder Partner, bedeutet ein Suizid auch immer eine Absage an diese Bindung. Das Leben, welches vor dem Suizid existiert hatte, gemeinsame Erfahrungen, intime Momente - nach einem Suizid ist dies alles in Frage gestellt (vgl. Otzelberger 2005, S.84ff).

"Für Hinterbliebene ist es sehr wichtig zu wissen, dass der Auslöser für den Suizid nicht die Ursache ist, betont Asmus Finzen. Der Psychiater führt das wiederkehrende Kreisen von Gedanken auf depressive Symptome zurück, die gemäß seinen Erfahrungen bei Angehörigen nach einem Suizid auftreten. Dabei geht es häufig um die Frage, ob eine andere Reaktion, eine andere Antwort, eine andere Verhaltensweise in der letzten Begegnung mit dem Menschen, der sich das Leben genommen hat, den Suizid verhindert hätte." (Diodà/Gomez 2005, S. 51)

Neben den eigenen Fragen, welche die Trauernden quälen, kommt noch die Reaktion der Gesellschaft hinzu, die nur ganz selten hilfreich ist. Meist ist es so, dass die Frage nach dem "Warum" auch vom sozialen Umfeld gestellt wird und nicht selten passiert es, dass das Umfeld seine eigene Antwort findet (vgl. Paul 2004, S. 78ff).

Chris Paul hält fest, dass die allgemeingültige Meinung darüber, dass jeder Mensch für sein Leben selbst verantwortlich ist, erstaunlicherweise gerade bei einer so individuellen Entscheidung wie Suizid von der Gesellschaft als "nicht gültig" deklariert wurde. Vielmehr würde mit jedem Suizid die Frage einhergehen, ob die Suizidenten nicht vielleicht doch - von wem auch immer - in den Tod getrieben wurden, was Paul heftig zurückweist. Die Verantwortung für einen Suizid liegt laut ihrer Meinung immer beim Suizidenten (vgl. Paul 2004, S. 82f).

Diese Verantwortlichkeit könnte es auch sein die dazu führt, dass Suizidenten Abschiedsbriefe an ihre Hinterbliebenen schreiben. Inhalt dieser Briefe sind Tröstungsversuche, Schuldfreisprüche, Erklärungsversuche oder auch Anklagen. Viele Menschen, die sich das Leben nehmen, scheinen zu wissen, dass sie die Hinterbliebenen zutiefst verletzen. Sie hinterlassen ihnen noch letzte Worte vielleicht in der Hoffnung, ihre unbegreifbare Tat begreifbar zu machen (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 52). Am häufigsten werden in diesen Briefen Abschiedsworte und Liebesbekundungen an die Hinterbliebenen formuliert. Worte, von Menschen geschrieben, welche nicht daran glauben, dass ihnen jemand helfen kann und deshalb eine endgültige Lösung auf ein nicht endgültiges Problem anwenden (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 53).

"Aber längst nicht alle Abschiedsbriefe sind klärend oder entlasten die Hinterbliebenen ... In diesem Fall ist es für die Angehörigen sehr wichtig zu wissen, dass solche Anschuldigungen ein Verzweiflungsakt sind und nichts mit einer realen Schuld zu tun haben. Der momentane Zustand, in dem der Verstorbene die Worte niederschreibt, sagt nichts aus über die tatsächliche Beziehung, sondern widerspiegelt seinen Gemütszustand in größter Not." (Diodà/Gomez 2005, S. 53)

Die Not, in welcher sich die Suizidenten scheinbar vor ihrer Tat befinden, kann auch eine mögliche Erklärung dafür sein, weshalb sich viele Hinterbliebene lange Zeit nicht erlauben, auf die Verstorbenen wütend zu sein. Einhergehend mit der gesellschaftlichen Regel, dass über Tote nicht "schlecht geredet werden darf", trägt diese "Not" vermutlich noch mehr dazu bei, die - nichtsdestotrotz - vorhandene Wut auf sich selbst zu projizieren (vgl. Paul 2004, S. 84f).

"Wut nach einem Suizid ist ein besonders schwieriges Gefühl. Wie ist Wut zu rechtfertigen, wenn sie sich gegen einen Menschen richtet, der sich das Leben genommen hat? Ein Mensch, der sich das Leben genommen hat, soll nach allgemeiner Meinung bedauert werden, nicht verflucht und beschimpft. Außerdem ist Wut ein gewalttätiges Gefühl, das der Person, gegen die die Wut gerichtet ist, Schaden wünscht. Im Extremfall ist die Wut so groß, daß sie den Menschen, der schon tot ist, am liebsten umbringen würde - und dieses Gefühl löst eine neue Welle von Schuldgefühlen oder eine Bestätigung des tiefen Schuldbewusstseins aus." (Paul 2004, S. 84)

Diese Schuldgefühle können sogar so stark sein, dass die Hinterbliebenen sich wünschen, selbst tot zu sein, oder mit dem Gedanken spielen, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Auch psychosomatische Krankheitsbilder sind keine Seltenheit (vgl. Diodà/Gomez 2005, S. 77).

In einer kurzen inhaltlichen Darstellung lassen sich die verschiedenen Empfindungen und Reaktionen während der Trauerprozesse in Bezug auf Suizid zusammenfassen: Die augenscheinlichsten Unterschiede zwischen dem Verlust eines Angehörigen durch einen Unfall oder durch Krankheit und dem Verlust eines Angehörigen durch Suizid scheint die bedeutungsvolle und tiefgreifende Frage nach der Schuld der Hinterbliebenen zu sein. Die Frage nach dem Warum betrifft offenbar auch das Umfeld der Hinterbliebenen, was dazu führen kann, dass diese sich nicht nur mit den inneren Schuldgefühlen beschäftigen müssen, was schon schwer genug erscheint, sondern auch mit denen, welche die Außenwelt bewusst oder unbewusst an sie heranträgt. Selbstzweifel und der Verlust von Vertrauen in sich selbst sind offenbar zwei Reaktionen, welche durch den Suizid und die nicht zu beantwortenden Fragen in Zusammenhang mit der Tat ausgelöst werden. Die Wut, die viele der Betroffenen scheinbar nicht auszudrücken wagen, kann dazu führen, dass sich das System des Suizids bei ihnen wiederholt und zu Selbstaggression und dem Wunsch, sich ebenfalls das Leben zu nehmen, führen. Wichtig scheint auch das Faktum zu sein, dass in der westlichen Gesellschaft Suizid noch immer ein Thema ist, über das nicht offen gesprochen werden darf. Diese Tatsache erschwert die Auseinandersetzung mit diesem Thema offenbar sichtlich.

"Durch den Tod eines nahe stehenden Menschen verlieren die Hinterbliebenen nicht nur Vertrautheit und Nähe, sondern können auch Neues gewinnen. Trauer kann als Chance verstanden werden, sich selbst neu kennen zu lernen. Wut, Scham, Schuld, und Verzweiflung gehen auch nach einem Suizid vorüber. Zu erleben, dass Trauern ein Prozess ist, der in Phasen stattfindet und viel Zeit beansprucht, macht es leichter, auch depressive Stimmungen zu akzeptieren. Wer die Trauer durchsteht, den macht sie stark." (Diodà/Gomez 2004, S. 146)

3.4 Diskussion

"Ich erinnere mich. Das ganze erste Jahr nach ihrem Tod war ich ziemlich aus dem Gleichgewicht, wusste nicht, was ich tun sollte, wohin mit meinem Kummer, wie weiterleben. Immer wieder rief ich mir einen Tag am Juhu Beach in Erinnerung und ein junges Mädchen im Stars-and-Stripes-Badeanzug, das über alles schimpfte, was ihr vor Augen kam. Das war der Tag, an dem ich mir ein Bild von der Welt machte, so, wie ich sie mir wünschte, das Bild, das ich von jenem Tag an in mir trug, bis zu dem Tag, an dem sie starb. Jetzt fühlte ich mich, als hätte mir jemand das Bild aus den Händen gerissen und zerfetzt." (Rushdie 2000, S. 728f)

Was in Sachbüchern nicht erlaubt ist, darf in der Belletristik getan werden. So verwundert es vermutlich nicht, dass Salman Rushdie das eben zitierte Bild zu zeichnen vermag. Liest man Berichte von Betroffenen, so würden sie, möchte man meinen, einen ähnlichen Vergleich heranziehen. Das scheinbar wirklich Erschütternde am Suizid und das vermutlich größte Problem in seiner Bearbeitung scheint genau das Problem zu sein, dass Rushdie verbildlicht ausdrückt: Das Leben, wie es vor dem Suizid war, existiert nicht mehr. Jedoch die Erinnerungen, welche die Betroffenen an das "Leben davor" haben, sind noch die gleichen. Sie bestehen aus Fakten, Momentaufnahmen und Gesten, die nicht zu leugnen sind, aber ihre Bedeutung hat sich scheinbar verschoben.

Um einen verständlichen Vergleich aus dem Kapitel der Meta-Ebene zu benutzen: Die Wahrnehmung der Betroffenen in Bezug auf einen neutralen Sachverhalt hat sich vom "halb vollen" Glas hin zum "halb leeren" Glas verschoben. Jeder Moment, der vor dem Suizid als positiv oder wenigstens als neutral angesehen wurde, scheint nach dem Suizid unter dem Aspekt der Schuldsuche neu beleuchtet und zu einem negativen Moment zu werden. Der Sachverhalt bleibt der gleiche: Das Fassungsvermögen des Glases wird noch immer halb genutzt, aber die Tatsache wird nun scheinbar in einem neuen Licht gesehen. Das Konstrukt der persönlichen Wahrnehmung wird verändert.

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass der Vergleich hinkt. Menschen sind keine Wassergläser, Menschen sind keine "Dinge", keine starren, reglosen Utensilien. Aber Erinnerungen sind "Dinge", starre, reglose Momentaufnahmen, die im Gehirn gespeichert und dort für Interpretationen (also subjektive Konstrukte zur Wahrnehmung des Sachverhalts) frei verfügbar sind. Ein Beispiel zur Erläuterung: Ein junger Mensch kommt von der Schule nach Hause und zeigt seinen Eltern eine Schularbeit, auf welche er die Note "Nicht genügend" erhalten hat. Der Vater und die Mutter sehen, dass es ihrem Kind Leid tut, dass es traurig ist und reagieren mit Verständnis. Vermutlich sagen sie ihm in aufbauendem Tonfall: "Das kann ja passieren. Das nächste Mal lernst du einfach mehr und dann wird das schon wieder." Das Kind lächelt, nimmt sein Heft und geht.

Vor dem Suizid wird diese Erinnerung vermutlich positiv im Gedächtnis der Eltern haften bleiben und die Gedanken dazu könnten sein: "Gut, dass wir unserem Kind gesagt haben, dass diese Note nicht so wichtig ist, und dass wir ihm aufbauende Worte gewidmet haben." Eine Geste also, die von Liebe und Verständnis zeugt. Und die Reaktion des Kindes könnte folgendermaßen interpretiert werden: "Unser Kind hat gelächelt, also ist es froh darüber, so gute, verständnisvolle und fürsorgliche Eltern zu haben, welche an es glauben."

Angenommen das Kind begeht aber drei Wochen später Suizid. Wie könnten die Gedanken der Eltern dann in Bezug auf diese Situation aussehen, was würden sie überlegen? Vermutlich würden sie sich die folgenden Fragen stellen:

Hat das Kind den Eindruck gehabt, dass wir ihm sagen wollten, es solle sich mehr anstrengen? Hat es unsere Aufmunterungsversuche als Gleichgültigkeit seinen Noten gegenüber aufgefasst? Hat es den Satz "Das kann ja mal passieren.", auf sich bezogen und gedacht wir meinen: "Das kann DIR ja mal passieren, wundert uns überhaupt nicht!" Und auch das Lächeln, das vom positiven Standpunkt aus als erleichtert gesehen wurde, kann im Nachhinein als gequält interpretiert werden. Gequält, weil die Eltern mich nicht ernst nehmen, weil es ihnen egal ist, wenn ich schlechte Noten schreibe.

Es findet sich das gleiche Prinzip wie das des Wasserglases, nur in dieser Ausführung scheint der Unterschied weit dramatischer zu sein. Einem Wasserglas ist es völlig egal, ob jemand sagt, es sei halb voll oder halb leer. Einem Kind ist es möglicherweise aber wichtig, ob man es aufmuntert, ernst nimmt, mit Floskeln abspeist, schimpft, lobt oder Unterstützung anbietet. All diese Fragen können sich bereits zu einer einzigen kurzen Erinnerung stellen. Wie viele Erinnerungen an gemeinsame Stunden haben die Hinterbliebenen? Wie viele verschiedene Momente kann man unter diesem Aspekt neu betrachten? Vermutlich Hunderte davon. Unabhängig davon, dass es sich um Kinder, Partner oder Eltern handelt, die verloren wurden, die Zahl an "subjektiven Momenten des Versagens" kann vermutlich in jedem denkbaren Fall ins Unermessliche steigen.

Es scheint gleichgültig zu sein, wie abstrus die Überlegungen nach einem Suizid sein können und wie konstruiert die Gedanken der Betroffenen auch manchmal wirken. Die Tatsache, dass diejenigen, die für diese Gedanken verantwortlich sind, nicht mehr befragt werden können, nicht mehr ihre Version der Wirklichkeit erklären können, scheinen jeden Versuch eines Widerspruchs im Keim zu ersticken. Das Problem des Wasserglases tritt wieder auf: Weder die positive noch die negative Sicht kann ein Recht auf die letzte Wahrheit beanspruchen. Ein scheinbares Dilemma für alle, die den Betroffenen tröstend oder helfend zur Seite stehen wollen. Dennoch scheint es möglich zu sein, diese "Verschiebung der Wahrnehmung" von der "negativen Seite" wieder auf die "positive Seite" zu lenken. Die Frage nach der "richtigen" oder "falschen" Ansicht ist offensichtlich keine, welche beantwortet werden kann. Aber die Frage danach "Mit welcher Ansicht kann ich besser leben?" ist sehr wohl zu beantworten. Psychotherapeuten, wie zum Beispiel im Kriseninterventionszentrum Linz, arbeiten teilweise nach dieser Methode und versuchen die Betroffenen in diese Richtung zu unterstützen. Die Frage von den Betroffenen an den Therapeuten könnte lauten: "Wie können Sie mir beweisen, dass ich nicht schuldig bin?" Sie lässt sich so vermutlich auch umgedreht vom Therapeuten an die Betroffenen stellen: "Wie können Sie mir beweisen, dass Sie schuldig sind?" Die Hinterbliebenen werden wahrscheinlich überrascht von dieser Frage sein, aber jede Behauptung, welche von Betroffenen in den Raum gestellt wird, kann vermutlich auch "positiv interpretiert" werden. Am Beispiel des Schulkindes würde das bedeuten, dass die Hinterbliebenen die "negative Interpretation" als Beweis für ihre Schuld anführen würden. Der Therapeut könnte das "positive Beispiel" aufzeigen. Natürlich würde die "Änderung der Wahrnehmung" nicht von heute auf morgen geschehen, aber auf lange Sicht könnte diese Methode zu einem Umdenken der Hinterbliebenen führen.

Die Normen der Gesellschaft scheinen dies jedoch nicht zu fördern. Suizid ist offensichtlich ein Thema, welches in dieser Zeit nach wie vor tabuisiert wird und der Blick auf "reale Hintergründe" scheint einer zu sein, der zu tief geht, um sich damit beschäftigen zu können.

Wie bereits an anderer Stelle zitiert, meint Otzelberger dazu: "Trauern ist komplizierter geworden in einer Gesellschaft, die schon den "natürlichen" Tod verdrängt hat." (Otzelberger 2005, S. 145)

Der Fortschritt in unserer Kultur scheint keiner zu sein, wenn es um menschliche Gefühle und Empfindungen geht. Jede neue Erfindung, welche es möglich macht, etwas schneller zu erledigen, scheint den Menschen dazu zu drängen, aufzuholen und genauso schnell zu sein. Schlicht deshalb, damit er nicht ebenso schnell "veraltet" ist, wie der Computer vom letzten Jahr. Diese Schnelllebigkeit scheint in unserer westlichen Kultur sehr verbreitet zu sein, egal woher sie kommt, egal welchen Mechanismen sie folgt -dies soll hier nicht diskutiert werden. Aber die Menschen müssen ihr, wie es scheint, folgen: Ein EDV-Techniker, der nicht auf dem neuesten Stand ist, wird sich eine neue Arbeit suchen müssen. Ein Mechaniker, der keine Ahnung von den neuen Motoren hat, wird bald seine Stelle verlieren. Leicht anders und allgemeiner formuliert könnte man möglicherweise sagen: Wer nicht funktioniert, ist schwach und austauschbar, oder technisch gesprochen: Zahnräder, welche sich nicht drehen, werden ersetzt.

Legt man diese Überlegung auf Menschen um, die in Trauerprozessen leben, so bleibt das Bild ähnlich: Trauernde kämpfen mit sich selbst, versuchen mit sich und ihrem Leben, den kleinsten, alltäglichen Dingen zurecht zu kommen. Gleichzeitig werden sie scheinbar von der Gesellschaft dazu gedrängt, sich "schneller" zu kurieren, als dies möglich ist. Der Trauerprozess wird vermutlich unterdrückt oder verdrängt und schwelt im Untergrund des Bewusstseins, einem Vulkan nicht unähnlich, weiter dahin.

Interessanterweise sind sich alle für diese Arbeit verwendeten Autoren darüber einig, dass ein "verschleppter Trauerprozess" ernsthafte gesundheitliche Folgen haben kann. Seien diese nun psychisch oder physisch.

Die Gesellschaft und der Trauerprozess stellen offenbar zwei unterschiedliche Anforderungen an die Betroffenen. Während Erstgenannte dazu zu drängen scheint, möglichst schnell wieder zu funktionieren, drängt der Prozess des Trauerns offensichtlich dazu, sich Zeit zu nehmen, um das Geschehene zu verarbeiten.

Die Entwicklung von psychischen oder physischen Krankheiten scheint nichts zu sein, worüber man sich wundern sollte. "Psychosomatisch" ist in der heutigen Zeit ein bekannter Begriff. Dennoch hat scheinbar die Bedeutung des Zusammenhanges von "Psyche" und "Körper" noch nicht in die Gesellschaft und in ihre Normen Einzug gefunden.

Diese These soll hier, obwohl vermutlich ein sehr interessantes Forschungsprojekt, nicht Thema sein. Auch die Gründe für eine scheinbar "ungesunde", von der Gesellschaft gewünschte Beschleunigung des Trauerprozesses und deren Zusammenhang mit wissenschaftlichen, medizinischen oder industriellen Fortschritten, können hier nicht ausreichend untersucht werden, würden sich aber für nähere Betrachtungen anbieten. Bezugnehmend auf die Aussagen von Chris Paul, dass die "Binsenweisheit", dass jeder erwachsene Mensch für sich selbst verantwortlich ist, im Falle eines Suizides nicht mehr gültig ist, und das über "Tote nicht schlecht geredet werden darf", scheint es kaum zu verwundern, dass auch die Wut auf Menschen, die Suizid begangen haben, oftmals unterdrückt wird. Hier scheint ebenfalls der gleiche Mechanismus zu greifen, der den Trauerprozess des Öfteren zu einer "psychosomatischen Angelegenheit" macht. Wut auf die Person, welche sich das Leben genommen hat, ist offiziell in der Gesellschaft nicht erlaubt. Tote sind zu betrauern. Wie können Hinterbliebene beide Anforderungen erfüllen?

"Ich habe mir immer gedacht, dass ich nicht wütend sein darf, dass ich als anständige Tochter tiefe Trauer um dich empfinden muss. Du bist mein Vater, und ich als deine Tochter, muss dich ehren und dich vermissen. Doch jetzt muss ich erkennen, dass ich seit zehn Jahren entgegen meinen eigentlichen Gefühlen gehandelt habe. Dass ich tief in mir drinnen, enorme Wut und Hass empfinde.", sagt Roswitha im Film "ZeitRaum"[1] über die Beziehung zu ihrem Vater, den sie vor zehn Jahren durch Suizid verloren hat. Wut ausdrücken zu können scheint ein langer Prozess zu sein, und laut Otzelberger eignet sich dafür vor allem die kreative Auseinandersetzung. Wut, aber auch Trauer oder Angst scheinen sich gut in Gedichten ausdrücken zu lassen, und für die Betroffenen mag es hilfreich sein, ihre Gefühle zu verbalisieren.

Der Umgang von Drittpersonen mit der Trauer von Hinterbliebenen scheint sehr abhängig zu sein von dem Weg, den diese gehen. Folgen die Trauernden dem Weg, den Anne Christine Mess in ihrem Buch darstellt, so ist dieser gekennzeichnet von vielen Fragen über Religion, Gott und das Schicksal. Der scheinbare Widerspruch der Themen "Religion" und "Suizid" verliert sich in der genaueren Betrachtung, da die bekannte Aussage, dass laut Bibel Suizidenten im Fegefeuer enden, eine falsche Tatsache ist. Laut Mess kommen selbst in der Bibel Erzählungen vor, welche aufzeigen, dass manche der Protagonisten sich das Leben nehmen und dennoch nicht verdammt werden. Auch das Verbot, Suizidenten ein kirchliches Begräbnis zu gewähren, ist mittlerweile aufgehoben worden (vgl. Ringel 2005, S. 1ff). Entgegen dem Untertitel "Hilfen für Angehörige und Mitbetroffene" schreibt Mess allerdings in einem umfangreichen Teil des Buches über Präventionsmöglichkeiten und den Beistand durch Gott, um anschließend in ihrem einhundertsechzig Seiten umfassenden Werk wenige dreizehn Seiten dem Thema "Was löst ein "gelungener" Suizid bei Angehörigen und Helfern aus?" zu widmen. Von diesen wenigen Seiten beschäftigen sich genau acht Zeilen mit der Schuldfrage.

Der Ansatz von Chris Paul, den Trauerprozess als eine Abfolge von Aufgaben zu betrachten, könnte ebenfalls seltsam anmuten. Die vier Aufgaben, welche sie nach dem Schema der Traueraufgaben von J. William Worden konstruiert hat, sind den Phasen von Kast sehr ähnlich. Ihr Gedanke, Trauerarbeit als Aufgabe zu sehen, welche vom Leben an die Hinterbliebenen gestellt werden, scheint eine zweischneidige Angelegenheit zu sein, wenn die weiter oben erwähnten Überlegungen in Betracht gezogen werden. Im Zwiespalt mit den eigenen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Normen könnte es die Betroffenen zusätzlich belasten, ihnen weitere Aufgaben aufzubürden. Eine Betrachtung der Realität relativiert dies jedoch ein wenig, da die "Aufgaben", wie sie hier genannt werden, im Verlauf eines hilfreichen Trauerprozesses ohnehin erfüllt werden müssen.

Störend wirkt möglicherweise nur die Bezeichnung "Aufgaben", da sie Betroffene abschrecken könnte, weil doch ohnehin bereits so viel von ihnen "gefordert" wird. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet könnte es aber auch möglich sein, dass gerade diese Aufgaben einigen Betroffenen die nötige Struktur geben, den nötigen "Arbeitsauftrag", um sich dafür zu entscheiden, bewusst in den Trauerprozess einzusteigen.

Otzelberger gibt, genauso wenig wie Diodà und Gomez, keinen Weg vor. Er berichtet von Erfahrungen, differenziert zwischen dem Verlust von Eltern, Kindern, Geschwistern, Partnern und zählt noch weitere "Arten" des Suizides auf. Er ist auch der Einzige, der auf die Schwierigkeiten hinweist, welche Menschen zu erwarten haben, die mit dem Phänomen Suizid beruflich zu tun haben. So kommen bei ihm auch Polizisten zu Wort, welche Todesnachrichten überbringen müssen, oder Lokführer, die damit fertig werden müssen, dass sich jemand vor "ihren" Zug geworfen hat.

Überraschenderweise sind Chris Paul, Diodà und Gomez diejenigen, welche das Thema "Sexualität und ihre heilsame Wirkung" aufgreifen, auch wenn sie es nur kurz streifen.

Die Thematik "Sexualität und Suizid" scheint in vielerlei Hinsicht interessant zu sein. Fragen wie "Kann ein Nicht-Ausleben der Sexualität Suizidgedanken hervorrufen?" oder "Sexualität während des Trauerprozesses", mögen im ersten Moment pietätlos und unmoralisch erscheinen, haben aber ihre offensichtliche Berechtigung, da die "heilsame" Wirkung von Sexualität in Bezug auf den Selbstwert unbestritten ist und gerade nach dem Verlust eines Angehörigen eben dieser Selbstwert stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Problematik dieser Forschungsarbeit in Hinblick auf Moral und "unpassende, taktlose Fragen" im Hinterkopf, wird es vermutlich nicht verwundern, dass dem Autor diesbezüglich keine Studien bekannt sind.

Im nächsten Kapitel kommen Betroffene selbst zu Wort, denn es folgt eine Inhaltsanalyse der vom Autor durchgeführten Interviews.



[1] "ZeitRaum", Copyright 2006. Ein Film von Barbara Payré und Oliver Jungwirth. Laufzeit: 96 Minuten. www.zeitraum-der-film.at

4. EMPIRIE

Im vorliegenden Kapitel werden fünf Interviews auf ihre Aussagen hinsichtlich der theoretisch erörterten und behandelten Themen analysiert. Die Vorgehensweise der Analyse beruht auf dem System der Strukturierung, wie Philipp Mayring sie in seinem Buch "Qualitative Inhaltsanalysen" beschreibt (vgl. Mayring 1996, S. 75ff). Bezug nehmend auf die Gütekriterien, wie sie Mayring in seinem Buch behandelt (vgl. Mayring 1996, S. 115ff), kann festgestellt werden, dass die Reliabilität der vorliegenden Arbeit schwierig umzusetzen ist, da ein zweiter Durchlauf der Interviews bereits andere Grundvoraussetzungen schaffen würde. Die Befragten wären auf ihrem Weg im Trauerprozess bereits an einer anderen Stelle und auch Aussagen über ihren Zustand würden aufgrund der verstrichenen Zeit von ihnen selbst vermutlich anders formuliert werden. Es wird im vorliegenden Fall versucht, dies durch die Transparenz des Prozesses auszugleichen.

4.1 Vorarbeit

Im Folgenden werden die Bedingungen der Interviewentstehung, die Situationen, in welchen die Interviews geführt wurden und die formalen Begebenheiten des Materials näher erläutert.

4.1.1 Festlegung des Materials

Die vorliegenden Interviews fanden im Rahmen des Projektes "ZeitRaum", welches im sechsten Semester an der FH OÖ Campus Linz vom Autor dieser Arbeit in Kooperation mit Frau Barbara Payré durchgeführt wurde, statt. Die Befragten verbindet die Tatsache miteinander, dass sie jeweils einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. Jedoch befanden sie sich zum Zeitpunkt der Befragung an ganz unterschiedlichen Punkten in der Phase der Bearbeitung und des Trauerprozesses.

Fall A: Ehepaar, das seinen ältesten Sohn verloren hat

Fall B: Mutter, die ihren Sohn verloren hat

Fall C: Studentin, die ihren ehemaligen Freund verloren hat

Fall D: Student, der seinen Bruder verloren hat

Fall E: Mutter, die ihren Sohn verloren hat

Die Interviewteilnehmer wurden zunächst durch gemeinsame Bekannte und professionelle Helfer nach ihrer Bereitschaft, Interviews zu geben, befragt. Erst nachdem sie ihre Zustimmung erklärten, wurden sie von den Interviewern persönlich kontaktiert.

4.1.2 Analyse der Entstehungssituation

Die Teilnahme an den Interviews erfolgte freiwillig. Voraussetzungen waren lediglich die Bereitschaft, sich interviewen zu lassen, und einen Verlust durch Suizid erlitten zu haben. Die Leitfäden für die Interviews wurden von den beiden Projektleitern in Zusammenarbeit mit Fr. Mülleder (Leiterin der Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern in Linz) und Fr. DDr. Hedenigg (Leiterin des Studiengangs Soziale Dienstleistungen) erstellt. Sie beinhalteten verschiedene "Themenblöcke", welche die Interviewer im Anschluss für die Weiterführung ihres Projekts genauer untersuchen wollten. Die Themen umfassten unter anderem die Bereiche Trost, Veränderungen, Coping-Strategien, Trauerprozess, erhaltene und/oder erwünschte Hilfestellungen.

Die Interviews wurden großteils bei den Befragten im unmittelbaren Wohnumfeld durchgeführt. Das ermöglichte einerseits die Schaffung einer entspannten Atmosphäre, andererseits konnte so der Aufwand für die Betroffenen gering gehalten werden. Die Gespräche wurden von zwei Interviewern, den Projektleitern, geführt. Die Entscheidung, zu zweit die Hinterbliebenen aufzusuchen, beruhte hauptsächlich auf folgenden Überlegungen:

Ein wichtiger Punkt war, dass - sollte eine Aufzeichnung des Interviews nicht erwünscht sein - zwei Menschen mehr Informationen aufnehmen können. Die Situation, dass eine Person während des Gespräches mitschreiben und gleichzeitig zuhören musste, sollte - allein schon aus Respekt vor den Interviewpartnern - vermieden werden. Eine weitere Überlegung war der geschlechtliche Unterschied. Frau Payré und ich waren der Meinung, dass die Interviewten die Möglichkeit zur Auswahl ihres Gesprächspartners erhalten sollten. Frau Mülleder unterstützte diese Entscheidung dahingehend, als sie uns darüber aufklärte, dass es sehr wesentlich sei, welche Person die Betroffenen verloren hatten und mit wem wir sprechen würden. Eine Mutter, deren Tochter sich das Leben nahm, würde sich vielleicht eher einer jungen Frau öffnen. Ein Vater, der seinen Sohn verloren hatte, könnte möglicherweise das Gespräch mit einem jungen Mann bevorzugen. Die Auswahl des Hauptgesprächspartners wurde also den Interviewpartnern überlassen.

Der Ablauf der Interviews wurde von den Projektleitern als dynamisch vereinbart. Die Interviewten sollten den Gesprächverlauf lenken und die Leitfäden nur eine ungefähre Richtlinie bilden für den Fall, dass es aus irgendeinem Grund notwendig werden sollte, das Interview wieder auf das Thema zu fokussieren. Als Dankeschön für die Teilnahme an den Interviews wurde den Befragten eine Kopie des fertigen Films zugesichert.

4.1.3 Formale Charakteristika des Materials

Die Tonbandaufnahmen erfolgten mit dem Mikrofon einer JVC Handheld MiniDV-Kamera und wurden anschließend auf einem Microsoft Windows PC transkribiert. Die Transkription wurde nach folgenden Regeln gestaltet:

  • Mundartgespräche werden ins Hochdeutsche übertragen, jedoch so nahe wie möglich am Original belassen (z. B.: Dahoam = Daheim und nicht Zuhause)

  • Pausen unter drei Sekunden werden mit drei Punkten gekennzeichnet, zwischen drei und fünf Sekunden mit (kurze Pause), zwischen fünf und zehn mit (längere Pause) und über zehn Sekunden mit (lange Pause)

  • Orte, die zur Identifikation der Interviewten dienen könnten werden mit XXXXX tituliert

  • Personen werden nur durch ihren Anfangsbuchstaben gekennzeichnet (z.B.: Oliver = O)

  • Verbale Mitteilungen, die nicht in Worten stattfinden, werden möglichst nahe am Lautbild transkribiert

  • Gesten und Emotionen werden in Klammer angeführt (z.B.: O lacht)

  • Aussagen oder Fragen der Interviewer werden in Großbuchstaben angeführt und durch die Kennung IW (Interviewerin weiblich) und IM (Interviewer männlich) am linken Seitenrand angeführt

Nach der Beschreibung der Entstehungssituation der Interviews und deren Transkription folgt im nächsten Abschnitt die Darlegung der Ausrichtung der Inhaltsanalyse.

4.2 Analyseablauf

Die transkribierten Interviews lassen viele Möglichkeiten der Interpretation auf den Trauerprozess, Coping-Strategien oder der Veränderung von Werten bei den befragten Personen zu. Anschließend soll geklärt werden, in welcher Richtung die Analyse erfolgen soll und welche Aspekte der Aussagen in Bezug auf die Fragestellung wichtig erscheinen.

4.2.1 Richtung der Analyse

Intention der Befragung war es, einen subjektiven Bericht der Teilnehmer über ihre Biografie in Hinblick auf ihren stattfindenden Trauerprozess zu bekommen. Die Interviewten sollten dazu angeregt werden, über ihre emotionale, kognitive und soziale Bearbeitung des Verlustes zu erzählen. Dazu schien es wichtig, dass auch der Vorgang des Verlustes und Details aus dem Leben "davor" beschrieben wurden. Diese Aspekte sind in Hinblick auf die Analyse nur unwesentlich bedeutsam. Als wichtig erachtet werden die emotionalen, kognitiven und sozialen Prozesse, die nach dem Verlust stattfanden.

Da dieses Themengebiet jedoch nach wie vor sehr breit definiert ist, bedarf es einer weiteren Eingrenzung.

4.2.2 Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung

Der Aspekt, dass die Gesellschaft in der heutigen Zeit nicht mehr weiß, wie man trauert und folglich mit den Trauerprozessen von Betroffenen nicht mehr umzugehen vermag (vgl. Otzelberger 2005, S. 145), soll hier betrachtet werden. Allerdings nicht in Hinsicht auf Falsifizierung dieser These, sondern dahingehend ausgerichtet, welche Reaktionen die Trauernden von ihrem Umfeld erfahren haben und ob diese ihnen gut taten und halfen oder nicht. Um für die These von Otzelberger ein wirklich repräsentatives Ergebnis zu erlangen, reicht die Anzahl der Befragten keinesfalls aus. Das ist auch nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Wohl aber Inhalt ist die Frage danach, wie Menschen aus dem Umfeld der Befragten auf den Trauerprozess reagierten, und was diese Reaktionen bei den Hinterbliebenen auslösten, da sich daraus mögliche tröstende Verhaltensmuster für Drittpersonen erkennen lassen könnten.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich folgende Frage formulieren:

Welche Reaktionen kamen vom Umfeld der Betroffenen und was haben diese in den Hinterbliebenen bewirkt?

4.2.3 Kodierung

Bei der Analyse in Hinblick auf die Fragestellung wurden Aussagen der Interviewpartner untersucht, welche sich ausschließlich auf Aktionen beziehen, die von Verwandten, Freunden oder Familienangehörige ausgeführt wurden. Diese sind durch Aussagen wie "Meine Nachbarn haben ..." oder "Meine Freunde sind ..." gekennzeichnet.

Ein Beispiel aus dem Fall E, Zeile 1335: "Meine Schwester ruft nicht an, die andere Schwester nicht und die andere auch nicht." Im Fall der Gesprächsprotokolle (Fall A und D) wurden diese Aussagen um den Zusatz "Er hat erzählt, dass seine Schwester ..." erweitert.

Der Begriff "Gesellschaft" wird bei der Analyse verwendet, wenn die Interviewpartner von Reaktionen erzählten, welche eine ganze Gruppe von Menschen betraf, damit aber keine einzelne, bestimmte Person an sich nannten.

So geschehen zum Beispiel im Fall E, Zeile 727f: "... aber ich habe mir oft gedacht, wenn ich jemanden gesehen habe, fragt mich der gar nicht, wie es mir geht?"

Die Interviews wurden anhand der oben erläuterten Kodierung analysiert und unter Betrachtung der beiden Fragestellungen ausgewertet. Im Folgenden wird das Ergebnis aufgeschlüsselt und erläutert.

4.3 Ergebnis der Fragestellung: Reaktionen des Umfelds

In vier der fünf Interviews kann man eine Art Modellverhalten des Umfeldes feststellen, das sich in drei Phasen einteilen lässt. Der Grund, weshalb die Reaktionen bei Fall C eine Abweichung von dem Modell zulassen, lässt sich möglicherweise durch die Überlegung der "Intensität der Trauer", die bereits im Kapitel 3 erwähnt wurde, erklären. Bevor aber eine Abweichung erklärt wird, soll zunächst das "Drei-Phasen-Modell" selbst näher erläutert werden.

4.3.1 Phase des Mitleids

In den vier zutreffenden Berichten ging die Nachricht über den Verlust eines Angehörigen durch Suizid im Umfeld mit großen Trauerbekundungen einher, und Mitleid mit den Hinterbliebenen zeigte sich deutlich in allen Lebensgeschichten. Vor allem der Zeitraum bis zur Beerdigung lässt sich vermutlich als "Mitleidsphase" bezeichnen. Diese Phase ist gekennzeichnet vom guten Willen des Umfelds, den Hinterbliebenen viel von der Last zu nehmen und sie intensiv zu unterstützen. Hilfe beim Vorbereiten der Trauerfeier, Gespräche über das, was geschehen ist und ähnliche Hilfestellungen scheinen in dieser Phase weit verbreitet zu sein.

"... die haben sich da auch damals voll um ihn gekümmert, also die haben sich damals sehr viel angetan, sagt er, ..." (Fall D, Zeile 43f)

Diese Hilfestellungen werden von den Betroffenen vermutlich bemerkt, aber kognitiv nicht bewusst verarbeitet. Die Verarbeitung des Schocks, des Suizids, beansprucht offensichtlich die ganze Person der Betroffenen und die "äußere Wahrnehmung" ist stark eingeschränkt. Diese Phase entspricht der Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens von Verena Kast. Sie ist sozusagen das "Pendant für das Umfeld". Wenn diese Phase bei den Betroffenen vorbei ist und die Phase der "aufbrechenden Emotionen" folgt, scheint auch das Umfeld in eine andere Phase überzugehen.

4.3.2 Phase der Isolation

Wenn bei den Betroffenen die Starrheit aufbricht und die tiefgehenden Emotionen hervortreten, scheint es, als ob das Umfeld sich großteils zurückzieht und auf Distanz geht. Die Gründe hierfür können verschieden sein und sollen hier weder erforscht noch kommentiert werden, wären aber eine eigene Studie wert und ein interessantes Forschungsprojekt. Die Betroffenen beschreiben, dass sich Nachbarn nicht sehen lassen, dass Freunde nicht mehr zu Besuch kommen, und dass sich sogar teilweise die eigene Familie vor der Gewalt dieser Emotionen zurückzieht.

"Ich habe halt ein Riesenproblem gehabt mit meinen Geschwistern, die sind älter als ich. ... Ein Trauernder, der ruft nicht an. Ein Trauernder wartet. Überhaupt in so einer Situation wie halt bei uns. Ich habe mir gedacht: "Mir geht es so schlecht, mir geht es schlecht, mir geht es so schlecht, und keiner ruft mich an." Meine Schwester ruft nicht an, die andere Schwester nicht und die andere auch nicht. Und ich habe immerzu gewartet." (Fall E, Zeile 1325ff)

Der Kontakt zu den Betroffenen wird vom Umfeld scheinbar nur indirekt gehalten, indem über gemeinsame Bekannte oder Familienangehörige nach dem Wohlbefinden gefragt wird. Eine direkte Nachfrage kam in den Berichten jedoch sehr selten vor.

In einem Fall erzählten die Interviewten, dass sie auch selbst das Umfeld vertrieben hätten, weil die Wut in ihnen auf sich selbst so groß war, dass sie sich an jemanden abreagieren mussten und diese Person damit abstießen.

"... hat irgendwann einmal den Pfarrer konfrontiert damit, eben quasi: Wie kannst du sagen: Gott ist gut, oder so in die Richtung, wenn doch das alles passiert ist und so und er wollte vom Pfarrer konkret - laut eigener Aussage - die Antwort haben: "Ich weiß es nicht, ich kann dir das auch nicht erklären." Die ist nicht gekommen, der Pfarrer hat nur gemeint: "Für mich ist Gott aber trotzdem gut." Und das war dann eben der Zeitpunkt, wo der Herr Pfarrer nicht mehr zu Besuch gekommen ist." (Fall A, Zeile 204ff)

Auffallend ist in dieser Phase, dass die Menschen, die dennoch Kontakt zu den Hinterbliebenen pflegen, hauptsächlich jene zu sein scheinen, die selbst einen Verlust erlebt haben und scheinbar mit den aufbrechenden Emotionen umgehen können. Dies gilt besonders für Selbsthilfegruppen, welche gerade in dieser Phase der Isolation von den Betroffenen aufgesucht werden. Nach dem Grund befragt, weshalb die Selbsthilfegruppen als Unterstützung angenommen werden, antworteten die Befragten, dass die Betroffenen dort mit Menschen zu tun hatten, die selbst den Schmerz erlebt haben, den nun sie durchmachen müssen (vgl. Fall B, Zeile 451ff).

Alle Betroffenen sprachen offen von ihrer Enttäuschung, die sie den Menschen gegenüber empfanden, die ihnen vor dem Verlust nahe standen und die nun nicht den "Mut" aufbrachten, vorbeizukommen und bei ihnen zu sein. Im Nachhinein ist das Verständnis der Betroffenen für dieses Versäumnis zwar da, aber die Verletzung, die dadurch entstand, scheint dennoch eine sehr tiefgehende zu sein.

"Es kann nicht wirklich jemand umgehen. Ja, ich hätte das auch nicht können ... Ich meine, mir haben sie immer geschrien, ich bin im Gastgewerbe, ist jemand ausgefallen: "Ma, könntest du mir helfen?" ... Ja. Kinder zusammengepackt, zur Oma gebracht, geholfen, das ist nicht weit weg. Nie gefragt, wie es mir geht. Nie vorbeigeschaut, die fahren vorbei, dass sind nicht einmal ein paar hundert Meter weiter ..." (Fall E, Zeile 825ff)

Früher oder später kommt scheinbar auch wieder Kontakt zu alten Freunden, zu Bekannten oder zur Familie zustande. Die Zeitspanne bis es soweit ist scheint - genauso wie die Gründe für die Kontaktaufnahme - sehr variabel zu sein.

4.3.3. Phase der Kontaktaufnahme

Die erneute Kontaktaufnahme des Umfelds zu den Betroffenen scheint in der Art und Weise - genauso wie der Zeitpunkt an dem sie geschieht - von Person zu Person sehr unterschiedlich zu sein.

Während die einen die Betroffenen zu sich nach Hause einladen, fahren andere sie besuchen. Während die einen die intimere, persönlichere Variante - also ein Gespräch im kleinen Rahmen - bevorzugen, scheinen die anderen auf Großveranstaltungen zu setzen. Wieder andere rufen an und wieder andere schreiben einen Brief.

Die Intentionen dieser Kontaktaufnahme scheinen ebenfalls verschieden zu sein: Drei der Betroffenen berichteten von Freunden, welche versuchten nach einer gewissen Zeitspanne - im kürzesten Fall nach einem dreiviertel Jahr - den Kontakt wieder herzustellen und die Trauer dadurch zu bekämpfen, dass sie die Hinterbliebenen zu "lustigen" Stammtischrunden oder Familienfeiern einluden. Die Reaktion war bei allen Dreien die gleiche:

Die Einladung wurde angenommen. Der Abend wurde für alle ein Reinfall und sie fuhren zum erstbesten Zeitpunkt nach Hause. Die nächste Einladung - gleichgültig von wem - wurde dankend abgelehnt (vgl. Fall E, Zeile 1485ff).

Gut taten den Hinterbliebenen in dieser Zeit nur ganz wenige Menschen, nämlich jene, welche viel zuhörten, sich nicht scheuten über die Thematik Suizid und Trauer offen und ehrlich zu sprechen und - dies scheint vor allem wichtig zu sein -die keine Ratschläge gaben.

"... hat einen gewissen "W" gehabt, der seine Frau verloren hat, der selber auch eine Trauergeschichte hat, der für ihn viel da war und im Gespräch ... er sagt selber "Balsam" war. Ah, der ihm einfach nur zugehört hat, und ihm immer wieder auch Rückmeldung gegeben hat: "Ich gehe dann wieder heim, du bleibst mit dem zurück." Was also auch ganz klar und ehrlich ausgesprochen worden ist." (Fall A, Zeile 165ff)

Vom Umfeld scheint diese Phase eine Art "Testlauf" zu sein, und wenn die erste Begegnung einigermaßen "erfolgreich" verlaufen ist, dann entsteht möglicherweise langsam wieder ein regelmäßiger Kontakt. Im anderen Fall schien oft ein Rückschritt zu passieren und die Phase der Isolation wieder in Kraft zu treten.

Die Intentionen des Umfelds scheinen es hier zu sein, die Betroffenen aus der "traurigen Welt" in die "lustige Welt" holen zu wollen, die Hinterbliebenen sozusagen von ihrer Trauer zu "erlösen" und sie wieder in die "heile" Welt ohne den Verlust zu integrieren - und so zu tun, als wäre der Suizid nie geschehen. Das scheint für die Betroffenen sehr schwer zu sein, da das Bedürfnis, sich alles wieder und wieder von der Seele zu reden, sehr groß ist.

"Aber ich hab mich da auch ziemlich isoliert gefühlt trotzdem, auch im Kreis meiner Schwester, weil dort, also die wollte mich hineinziehen in ein heiteres Leben und das ist ja eben die große Problematik von Trauernden, dass sie eben normale Leben lange nicht mitleben können. Es war damals ein sehr schöner, heißer Sommer, meine Schwester hat ständig betont: "haben wir es nicht schön?", wir sind im Garten gesessen und, und ich hatte immer das Bedürfnis von meiner Situation zu sprechen, also von Herwig, und hab auch aber schon gesehen, die Signale, dass das nicht passend ist." (Fall B, Zeile 542ff)

Auch damit scheinen Betroffene in Bezug auf ihr Umfeld oft kämpfen zu müssen: Mit der Tatsache oder dem Gefühl, dass es nicht passend ist, ihr Thema, also den Verlust durch einen Suizid, anzusprechen. Das Dilemma besteht darin, dass Betroffene gerade das Sprechen über das Vorgefallene zur Verarbeitung brauchen und auch suchen. Dieser Zwiespalt von Reden wollen, aber nicht können beziehungsweise dürfen, macht den Kontakt zum Umfeld offensichtlich sehr schwer.

Im Fall C allerdings ergeben sich einige Unterschiede, die nicht in das erklärte Modell passen. Vor allem der Umgang mit dem Umfeld scheint in diesem Fall weit "besser" funktioniert zu haben als bei den anderen:

"Ja, ich habe auch lässig gefunden, wie meine Freunde damals irgendwie damit umgegangen sind. Die haben gesagt: "Gell, wenn du reden willst, dann red einfach und wenn du das nicht willst, dann nicht, aber wir werden dich jetzt nicht ständig fragen wie es dir geht." Das habe ich lässig gefunden, das war irgendwie cool, wennst du weißt, dass du reden kannst drüber, aber es muss nicht sein..." (Fall C, Zeile 418ff)

Eine mögliche Erklärung dafür könnte das nicht so nahe Verhältnis zwischen dem Suizidenten und der Interviewten sein. Bei den anderen Interviewpartnern war es immer ein Familienmitglied, welches sich das Leben genommen hatte, in diesem Falle der ehemalige Freund der Interviewten. Dieser Unterschied in der Nähe der Bindung zum Suizidenten könnte die Art und Weise des "lockeren" Umgangs mit dem Umfeld, beziehungsweise des Umfeldes mit ihr, erklären.

Aber auch im Trauerverlauf der anderen Interviewpartner gab es Momente oder Begegnungen, die den Betroffenen gut taten.

4.3.4 Als positiv zu deutende Erlebnisse

Im Fall E wird erzählt, dass es leichter für die Betroffene war, sich in einer fremden Stadt aufzuhalten als in der Wohngemeinde. In der eigenen Gemeinde glaubte die betroffene Mutter immerzu die Blicke der anderen Stadtbewohner zu spüren. Selbst, wenn diese nur eingebildet gewesen sein sollten, so fiel auch diese "Einbildung" in einer fremden Stadt weg. Auch das Gespräch sei mit Fremden leichter als mit alten Bekannten:

"Da kommt der Neid, dann kommt das, das Wissende, weil wenn ich heute mit einem Fremden rede, da denke ich mir nicht: "Ma habe ich einen Neid, weil es dem gut geht." Ich weiß ja nicht, was für ein Schicksal vielleicht einmal gehabt hat, oder was, das weiß ich ja nicht. Ich frage ihn auch nicht darum. Aber DA weiß ich es." (Fall E, Zeile 1309ff)

Auch die Anwesenheit von Freunden sei etwas, das helfen könne, auch - oder gerade wenn - nicht gesprochen wird. Im Fall D wird von so einer Situation erzählt und der junge Mann meint dazu, dass es schön war, dass jemand da war, auch wenn nichts gesagt wurde, denn es hätte ja auch nichts zu sagen gegeben (vgl. Fall D, Zeile 126ff).

Ein sehr wichtiger Aspekt scheint auch die Ehrlichkeit des Umfelds zu sein. Die Maskerade, die oftmals scheinbar aus Hilflosigkeit aufgebaut wird, vermag für keine der beiden Seiten Vorteile zu haben. Die Betroffenen durchschauen halbherzige Versuche offenbar sehr schnell und sind tief verletzt, und das Umfeld versucht seine Unsicherheit zu verstecken und kommt damit keinen Schritt näher an das heran, was den Betroffenen wirklich helfen könnte. Ehrlichkeit wird offensichtlich in den meisten Fällen honoriert.

Ratschläge oder Tipps im Umgang zu einer schnellen Beendigung der Trauer stoßen offensichtlich ebenfalls auf Gegenwehr (vgl. Fall E, Zeile 1100ff), genauso wie Gesprächsfloskeln, die nicht ernst gemeint sind.

"Was er auch erzählt hat, war die Frage, so auf die Art, auch vom Umfeld von der Familie, ja, Nachbarn, was auch immer, die Frage: "Wie geht's?" hält er überhaupt nicht mehr aus, obwohl er dann nicht gewusst hat, wie man es anders fragen könnte..." (Fall D, Zeile 141ff)

Im nächsten Teil werden die gewonnenen Erkenntnisse aus der Empirie den Überlegungen aus der Theorie in Kapitel 2 und 3 gegenüber gestellt und auf ihre Bedeutung für den Umgang von Drittpersonen mit Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben, betrachtet.

5. Trauerbegleitung bei Suizid - Was können Dritte tun?

Die Überlegungen, welche in Bezug auf die Hilfestellungen gemacht wurden, die Drittpersonen für Hinterbliebene leisten können, wurden in sechs Unterpunkte eingeteilt, die sich mit verschiedenen Aspekten befassen, aber zusammenhängend verstanden werden sollten. Verhaltensratschläge, welche in einem Teil gemacht werden, gelten auch für die anderen Teile, es sei denn, es wird explizit darauf hingewiesen, dass dem nicht so ist. Die Entscheidung zur Einteilung in Unterpunkte erfolgte aus Gründen der Übersichtlichkeit und um die Lesbarkeit zu erhöhen.

5.1 Schuldfrage

Bezug nehmend auf die Diskussion in Kapitel 2 kann festgehalten werden, dass es nichts konkret Erklärbares gibt, weshalb Menschen sich das Leben nehmen. Die möglichen Erklärungsversuche sind vielfältig, aber eine sichere Aussage darüber, wo die Gründe liegen, kann nicht getroffen werden. Ob es sich nun um soziale, psychische oder physische Faktoren handelt, ist nicht hundertprozentig zu belegen. Die Überlegungen sind also klar auf mehrere Faktoren aufgeteilt, wodurch die Beantwortung der Schuldfrage beinahe nicht möglich ist, da zu viele Möglichkeiten in der Erklärung auftauchen würden, um ihr Endgültigkeit zukommen zu lassen. Konstruktivistisch betrachtet bleibt der Erklärungsnotstand allerdings nicht unerklärlich:

Die letzte Verantwortung für einen Suizid liegt eindeutig bei der Person, welche den Suizid beging. Unabhängig davon, welche Dinge im Leben rund um die Person geschahen -die selbst konstruierte Wirklichkeit der Suizidenten ist die Ursache für den Suizid. Die Einstufung eines Vorfalls als Grund, Suizid zu begehen, oder die Einstufung mehrerer Geschehnisse, obliegen allein dem Suizidenten und können von außen nur selten bis gar nicht gesteuert oder auch nur erkannt werden.

Mögliche Gründe sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Was für den einen eine Lappalie zu sein scheint, ist für den anderen ein Grund, sich das Leben zu nehmen. Unter diesem Gesichtspunkt bestehen nur zwei Möglichkeiten zur Intervention: Der Versuch, alle möglichen negativen Einflüsse von der in Frage kommenden Person fern zu halten, oder aber sie einfach "leben zu lassen" und zu hoffen, dass alles gut ausgeht. Fällt die Entscheidung zugunsten ersterer Überlegung aus, stellt sich immer noch die Frage, was geschieht mit der Person, sobald man nicht mehr auf sie Acht geben kann?

Die meisten Menschen entscheiden sich wohl für die zweite Variante, was vermutlich auch für das eigene Leben sicherer und von höherer Qualität ist, als sich immer zu fragen, was mit der anderen Person passieren könnte.

In Hinblick auf den Umgang mit Hinterbliebenen erscheint es für Drittpersonen ratsam, sich gegen eine Verurteilung der betreffenden Person zu entscheiden, da im Nachhinein nicht geklärt werden kann, wer nun Schuld hat - und vor allem, was im Inneren des Suizidenten vor sich ging. Ausgehend davon, dass Drittpersonen, welche mit Hinterbliebenen Kontakt haben, helfen wollen, sollte klar sein, dass Schuldsprüche nicht hilfreich sind. Es mag hin und wieder schwer sein, den Betroffenen auf Dauer zu widersprechen, wenn sie sich selbst mit überzeugenden Argumenten die Schuld geben, dennoch sollte nie vergessen werden: Die Betroffenen geben nur ihre Sicht der Dinge wieder. Womöglich geschahen im Leben der Suizidenten Dinge, von denen die Betroffenen überhaupt nichts wussten, welche die Tat letztendlich auslösten. Womöglich haben die Suizidenten aufgrund der vermuteten Reaktionen der Hinterbliebenen die Tat noch länger aufgeschoben. Den Betroffenen selbst scheint es jedoch so, also ob sie die Entscheidung forciert haben. Wichtig ist, daran zu erinnern, dass es immer mehrere Seiten gibt und nicht nur die der Hinterbliebenen. Ergänzt werden kann, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Person - selbst wenn es der Vater oder die Mutter sein sollte - in der Lage sein könnte, jemanden in den Suizid zu treiben, äußerst gering ist. Jeder Mensch hat ein soziales Netz aus Freunden und Bekannten, welche als Stütze einspringen können, sollte ein anderer Teil des Netzes versagen.

5.2 Individuelle Trauer

Die wohl wichtigste Erkenntnis aus dem dritten Kapitel - die von den Betroffenen bestätigt wurde - ist jene, dass jeder seine eigene Art im Umgang mit Trauer hat. Jeder Mensch trauert unterschiedlich. Daraus folgert, dass keine Person der anderen Tipps oder Ratschläge geben kann, wie sie zu Trauern hat. Keine Drittperson kann wissen, ob ein Besuch am Grab der Verstorbenen für die Hinterbliebenen auch nach 10 Jahren noch notwendig ist. Kein Mensch kann sagen, ob Tränen am 20. Jahrestag des Todes noch notwendig für die Trauerbearbeitung sind. Ebenfalls nicht feststellbar für Drittpersonen ist, wie lange die Trauerzeit dauern "darf", da gerade diese Phasen sehr individuell sind.

Aber hier aufzuzählen, was für Hinterbliebene nicht förderlich ist, würde vermutlich den Rahmen überschreiten. Deshalb bewegen sich im Folgenden die Überlegungen dahingehend, was Drittpersonen Gutes für Hinterbliebene tun können. Was laut Empirie alle Personen als unterstützend und hilfreich erlebten, war die Anwesenheit von Menschen -und dabei nicht deren Gespräche, nicht deren Tipps oder Ratschläge, sondern schlicht deren Anwesenheit. Das jemand da war, wenn jemand zum Reden und zum Zuhören gebraucht wurde. Vor allem um das Zuhören schien es den Betroffenen zu gehen.

Wie im dritten Kapitel bereits diskutiert, so findet in den Hinterbliebenen eine Verschiebung von einer "positiven Sicht" hin auf eine "negative Sicht" statt. Gerade in dieser Phase können Drittpersonen den Betroffenen Gutes tun, indem sie da sind, zuhören, mit den Betroffenen gemeinsam die Geschichten durchleben und sich alles anhören, was diese zu sagen haben.

Hier geht es besonders um ehrliches und authentisches Verhalten der Drittpersonen. Floskeln, wie "Es wird schon wieder", oder "Das war sicher nicht so, du hast keine Schuld", sind offenbar nicht sehr förderlich, da sie von Tatsachen ausgehen, die keinem logischen Wahrheitsgehalt entsprechen. Wie kann jemand behaupten, dass "es schon wieder wird", wenn nicht bekannt ist, was noch alles geschehen wird? Wie kann behauptet werden, dass etwas "sicher nicht so war", wenn es keinen Beweis dafür gibt oder die Person, welche diese Behauptung aufstellt, nicht einmal dabei war? Hier sind vorsichtige Worte gefragt, die zwar die Meinung der Drittperson wiedergeben können, aber auch eindeutig als solche gekennzeichnet werden sollten: "Ich bin nicht der Meinung, dass du Schuld daran hast."

Der Unterschied mag gering sein, scheint aber von großer Wichtigkeit. Der Aussage "Du bist nicht Schuld", kann widersprochen werden, aber die Meinung "Ich glaube, dass du nicht Schuld bist", muss hingenommen werden. Sie gibt die Meinung des Sprechenden wieder, und warum sollen Hinterbliebene die Meinung von Drittpersonen anzweifeln?

Generell sollte möglichst wenig gesprochen, sondern viel mehr zugehört werden. Oftmals verlangen die Gespräche mit Hinterbliebenen keine Kommentare.

Auch die Aufforderung zu sprechen oder eine konkrete Frage durch die Betroffenen ist nicht immer an den Zuhörer gerichtet, sondern oft nur rhetorischer Natur und bedarf nicht immer einer Antwort. Hier braucht es Feingefühl in der Gesprächsführung.

5.3 Der Faktor Zeit und soziale Kontakte

Die Phase des Mitleids mit den Angehörigen ist oftmals nur kurz, da das eigene Leben unbetroffen vom Suizid weiterläuft und andere Aufgaben anfallen. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die Zeitrechnung für Hinterbliebene anders verläuft.

Tägliche Arbeitsaufgaben oder wichtige Termine gibt es in dem Sinne für die Hinterbliebenen nicht mehr. Vor allem in der ersten Phase der Trauer steht vieles hinten an und alle Fragen und Gedanken drehen sich um den Suizid. Gerade in dieser Phase ist es wichtig, sich auf die Welt der Betroffenen einzulassen und nicht in eigenen Maßstäben zu werten. Die Hinterbliebenen wissen selbst am besten, wo sie stehen, wie stark ihre Trauer und ihr Schmerz sind. Wie könnte das jemand von "außen" beurteilen? Selbst wenn scheinbar schon wieder am täglichen Leben teilgenommen wird, wenn Betroffene beginnen, sich wieder mit etwas zu beschäftigen (wie zum Beispiel in Fall A mit dem Bau eines Swimming Pools), so gibt das keinerlei Auskunft über den Stand ihrer Trauer.

Auch Aufforderungen, endlich wieder aus dem Haus zu gehen oder dies und jenes zu tun, sind nicht hilfreich. Sollten Drittpersonen der Meinung sein, dass die Hinterbliebenen zu wenig sozialen Kontakt haben, dann wäre ein Besuch bei ihnen die beste Lösung oder eine Einladung zu sich nach Hause. Allerdings sollte bedacht werden, dass Humor und Witze bei einem Treffen nichts verloren haben. Viele der interviewten Betroffenen gaben an, dass Lachen sie stört, da sie nichts mehr zu lachen hätten.

Das Bewusstsein, dass wieder über den Suizid gesprochen werden wird, sollte mit einer Einladung einhergehen. Das Thema wird sich nicht vermeiden lassen, weder durch Ablenkung noch durch witzige Anekdoten.

Auch bedacht werden sollte, dass Besuche von Hinterbliebenen vermutlich die volle Aufmerksamkeit der "Drittpersonen" beanspruchen werden. Telefongespräche zwischendurch oder Besuch von weiteren Personen sollte möglichst vermieden werden. Besuche von weiteren Personen bieten sich dann an, wenn sie die Betroffenen kennen, so dass in deren Anwesenheit auch ein offenes Gespräch über das Thema möglich ist. Das vermutlich Unangebrachteste, was man Hinterbliebenen antun kann, ist die Einladung zu einem Besuch, der dann so verläuft, dass viele Witze erzählt werden, Personen anwesend sind, die von der "Situation" der Betroffenen nichts wissen und keine Zeit vorhanden ist, um ein tiefgründiges Gespräch zu führen.

Vermutlich wird das dann die letzte Einladung sein, die für eine lange Zeit von den Hinterbliebenen angenommen werden wird.

Auch der Gedanke, mit den Betroffenen nicht über die verstorbene Person sprechen zu wollen, aus Angst davor, die Hinterbliebenen an das Vorgefallene zu erinnern, scheint ein Trugschluss zu sein, da Hinterbliebene offensichtlich ohnehin die meiste Zeit über an den Suizid denken. Von "Erinnern daran" oder von "Wunden aufreißen" kann also in keinem Fall die Rede sein.

Verletzungen können allerdings zugefügt werden, wenn zum Beispiel während dem Besuch bei oder von Betroffenen das Telefon läutet, während man gerade ins Gespräch vertieft war und der Anrufer fragt: "Störe ich gerade?" und die Antwort lautet: "Nein, überhaupt nicht."

Zusammengefasst: Wenn mit Hinterbliebenen gesprochen wird, dann sollte die gesamte Aufmerksamkeit den Betroffenen gelten.

Sollten Drittpersonen das Bedürfnis haben sich bei den Betroffenen zu melden, so sollten sie das tun. Darauf zu warten, dass die Initiative von den Trauernden ergriffen wird, ist nicht zielführend. Trauernde Menschen vergessen die Welt um sich. Wichtig bleibt es, dass die Welt die Trauernden nicht vergisst.

5.4 Aufbrechende Emotionen

Wenn die Hinterbliebenen in der Lage sind, über ihre Emotionen zu sprechen oder sie einfach zu zeigen, so ist das für viele Menschen schwer auszuhalten. Es scheint für manche Drittpersonen problematisch zu sein, Tränen und Trauer zu akzeptieren, aber dieser Teil wird den Menschen, die sich auf eine Begleitung in der Trauerzeit einlassen, nicht erspart bleiben.

Eine wichtige Frage, welche sich die begleitenden Personen stellen sollten, ist: "Halte ich die Trauer und die Tränen nicht aus, oder halte ich meine Hilflosigkeit nicht aus?" Wenn ersteres der Fall ist, kann vermutlich nicht viel getan werden. Den Betroffenen zu verbieten, ihre Emotionen zu zeigen, ist schwerwiegend und wird einen "lebensfördernden Trauerprozess" nicht unterstützen. Sollte es zutreffen, dass das Problem nicht die Tränen und die Trauer sind, sondern die eigene Unfähigkeit mit der Hilflosigkeit umzugehen, dann ist es durchaus möglich, dies zu thematisieren. Es ist schwer, sich selbst einzugestehen, dass das Problem nicht bei den Trauernden, sondern bei einem selbst liegt. Und es bedarf eines hohen Maßes an Potential zur Eigenreflexion. Das Thema anzusprechen scheint in diesem Fall die beste Lösung für alle Beteiligten zu sein.

"Ich kann nicht damit umgehen, dass du hier vor mir sitzt und weinst und ich nicht weiß, was ich tun kann um dir zu helfen."

Ein schwerer Satz, aber einer, der vermutlich unterstützend auf Hinterbliebene und Drittpersonen wirkt. Betroffene wissen selbst ganz gut, was sie brauchen und was nicht. Und wenn die Antwort "Nichts", lauten sollte, dann ist zumindest der Druck des "Was wird von mir erwartet?" genommen und sollte es leichter machen, einfach nur da zu sein. Aber auch die Bitte darum, nur zuzuhören oder einen Kommentar zu etwas abzugeben kann als Antwort folgen. Selbst die Bitte der betroffenen Person, sie einfach in den Arm zu nehmen bis sie fertig ist mit ihrem Weinen, kann eine mögliche Antwort sein, deren Erfüllung im Bereich des Machbaren liegt und den Trauernden ein große Hilfe sein kann.

5.5 Faktor Wiederholung

Wie bereits erwähnt ist der Drang, die gesamte persönliche Leidensgeschichte immer wieder auf ein Neues zu besprechen, sehr groß. Dessen sollten sich Menschen, die helfen wollen, bewusst sein. Es verlangt viel Geduld von den Zuhörern, sich immer wieder die gleichen Fragen anzuhören, die gleichen Geschichten und die gleichen Episoden aus dem Leben der Trauernden zu verfolgen, aber daran wird sich nichts ändern lassen. Reden über das Vorgefallene, das Unaussprechliche aussprechen, immer und immer wieder, scheint zu einem Trauerprozess dazu zu gehören. Wichtig ist auch in diesem Fall, den Hinterbliebenen nicht die Gesprächsführung aus der Hand zu nehmen, sondern sie erzählen zu lassen.

Die Betroffenen sollen den Verlauf des Gesprächs bestimmen, nicht die Zuhörer. Sollten die Geschichten aufgrund ihrer gefühlten Intensität für die Hilfsperson nicht mehr erträglich sein, dann muss dies zur Sprache gebracht werden.

"Es tut mir leid, aber ich kann heute nicht mehr." Auch hier gilt es, Ehrlichkeit beizubehalten. Das Bewusstsein, dass sich die Betroffenen mit diesen Fragen die ganze Zeit über beschäftigen, gibt dem Zuhörer vielleicht Kraft, länger durchzuhalten. Ttrotzdem sollte nicht vergessen werden, auf sich selbst zu achten. Ein Zuhörer, der mit dem Betroffenen gemeinsam in eine Depression gerät, ist keine Hilfe. Auch bereits besprochene Themen können bei einem neuerlichen Besuch wieder zum Thema werden. Dessen müssen sich die Drittpersonen bewusst sein.

5.6 Umgang mit Wut

Der Faktor Wut ist ebenfalls ein wesentliches Thema. Wut auf die Verstorbenen kann genauso präsent sein wie Wut auf sich selbst. Da es schwierig ist, sich Wut auf Verstorbene einzugestehen, kann es durchaus möglich sein, dass diese auch auf Drittpersonen übertragen wird. Provokationen der Hinterbliebenen gegenüber Drittpersonen können ein Mittel und Weg sein, um diese Wut loszuwerden.

Wichtig zu dieser Thematik ist, dass diese zornigen Äußerungen nicht persönlich genommen werden dürfen. Betroffene geben möglicherweise verletzende Bemerkungen von sich, die aber nicht als persönlicher Angriff verstanden werden sollten. Es kommt in diesem Fall nicht darauf an, wer den Betroffenen gegenüber sitzt.

Selbst wenn ein Gespräch wütend beendet wird, weil der Zuhörer selbst wütend wird auf den oder die Hinterbliebene, so sollte sich dennoch das Bewusstsein bilden, dass diese Wut seitens der Betroffenen in den seltensten Fällen einen wirklichen Bezug zu der Person hat, an welche sie im Moment gerichtet ist.

Es kann durchaus ein Gespräch abgebrochen werden, weil man sich nicht dieser Wut aussetzen kann oder will. Wichtig scheint es aber, später mit den Hinterbliebenen wieder Kontakt aufzunehmen und die bestehende Bindung auszubauen und zu verstärken. Man sollte verzeihen können. Es ist auch in diesem Fall möglich, dies zu thematisieren und die Betroffenen beim nächsten Treffen darauf anzusprechen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die wichtigste Unterstützung für Hinterbliebene auf Folgendes hinausläuft: Da sein und zuhören. Die Bedürfnisse der Betroffenen zur Kenntnis nehmen und darauf eingehen. Ehrlich bleiben. Eigene Zweifel und Unfähigkeiten thematisieren, ehrlich dabei bleiben und Geduld haben. Die eigenen Maßstäbe in Bezug auf Trauer zur Seite stellen, nicht drängen, keine Vorschläge machen, sondern einfach da sein und ein offenes Ohr haben.

Alles andere wird sich im Laufe der Zeit von selbst ergeben.

6. Abschließende Diskussion

Die Schwierigkeit dieser Arbeit bestand in erster Linie darin, Menschen zu finden, welche zu Interviews bereit waren. Im vorliegenden Fall gelang es, Betroffene zu finden, deren Problemlagen sehr unterschiedlich und vielfältig waren, und mit diesen ins Gespräch zu kommen. Zwei der Interviews wurden mit Müttern geführt, welche ihre Söhne verloren hatten, eines mit einer Studentin, deren ehemaliger Freund Suizid beging, eines mit einem jungen Mann, der seinen Bruder verlor und ein Ehepaar wurde interviewt, dessen ältester Sohn sich das Leben nahm. Obwohl in den Trauerprozessen durchaus viele Ähnlichkeiten vorhanden sind, so zeigen sich doch gewichtige Unterschiede in den Details.

Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn für diese Arbeit eine einzige Gruppe von Menschen zur Verfügung gestanden hätte, zum Beispiel nur Mütter, die ihre Söhne verloren haben. Die daraus resultierenden Ergebnisse hätten weit mehr Aussagekraft, wenn auch für eine weniger breit gefächerte Gruppe von Betroffenen. Diese Überlegungen im Vorfeld anzustellen, wäre für die Erarbeitung dieser Thematik möglicherweise vorteilhafter gewesen.

Die Erkenntnisse, die in der vorliegenden Arbeit gewonnen wurden, sind für den Autor nicht überraschend, da im Laufe des Projektes "ZeitRaum" bereits viel über diese Thematik recherchiert wurde und in vielen Gesprächen mit Betroffenen diese Erkenntnisse bereits angewandt wurden - allerdings ohne wissenschaftlich belegt gewesen zu sein.

Während der Erarbeitung der Kapitel "Suizid" und "Trauerprozesse" bildete sich die Vermutung, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die Interviews erst zu führen, nachdem eine Aneignung der Kenntnisse in dem Maße, wie sie für diese Untersuchungen vonnöten waren, erfolgt wäre. Allerdings wurde diese Meinung nach Abschluss der vorliegenden Arbeit revidiert.

Das unvoreingenommene Gegenübertreten hat in diesem Falle viele Vorteile gehabt, da während der Interviews nicht bereits in "theoretische Schubladen" gepackt wurde, sondern die Betroffenen so angenommen werden konnten, wie sie waren, ohne irgendein Urteil seitens der Interviewer. Der Blick auf die Lebensgeschichten und die Emotionen der Hinterbliebenen wurde auf diese Art und Weise freigehalten von unbewussten theoretischen Einstufungen, und viele wichtige Zwischenfragen an die Betroffenen, in welchen um Erklärung über diverse Sachverhalte gebeten wurde, wären mit theoretischem Hintergrundwissen nicht gestellt worden und hätten den Interviews viel von ihrer persönlichen Note geraubt.

Im Nachhinein ist festzustellen, dass die derzeitige Literatur zum Thema "Suizid" die Situation der Hinterbliebenen treffend beschreibt. Die verwendeten Bücher zeugen von Sachkenntnis und beschreiben - im Gesamten gesehen - sehr gut die Themen, welche die Betroffenen wirklich beschäftigen. Kritisch anzumerken ist dennoch, dass sich keines der Bücher die Thematik "Wie kann ich Betroffene unterstützen?" aufgreift und behandelt.

Im Laufe des Verfassens dieser Arbeit haben sich interessante Ansatzpunkte heraus kristallisiert, welche sich für weitere Forschungsarbeiten anbieten. Darauf wurde allerdings bereits in den einzelnen Diskussionen der betreffenden Kapitel hingewiesen.

Für die Praxis zeigte sich, dass die Tipps, welche im vorhergehenden Kapitel angeführt und erläutert wurden, leicht umsetzbar und für jeden - auch für Laien - anwendbar sind.

7. Literaturverzeichnis

Canacakis, Jorgos (1990): Ich begleite dich durch deine Trauer. - Neue und erweiterte Auflage - Stuttgart: Kreuz Verlag

Cox, D., Saradjian, J., Smith, G. (2000): Selbstverletzung Damit ich den inneren Schmerz nicht spüre - Ein Ratgeber für betroffene Frauen und ihre Angehörigen. Stuttgart: Kreuz Verlag Zürich-Stuttgart

Diodà, Carin/Gomez, Tina (2005): Warum konnten wir dich nicht halten? - Wenn ein Mensch, den man liebt, Suizid begangen hat. - 3. Auflage - Stuttgart: Kreuz Verlag

Durkheim, Émile (2005): Der Selbstmord. - 9. unveränderte Auflage - Berlin: Suhrkamp Verlag

Jacobs, Jerry (1985): Ich weiß keinen Ausweg mehr - Hilfe für selbstmordgefährdete Jugendliche. Düsseldorf: Econ Taschenbuch Verlag GmbH

Kachler, Roland (2005): Meine Trauer wird dich finden - ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit. Stuttgart: Kreuz Verlag

Kast, Verena (1999): Trauern - Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. - neue und erweiterte Auflage - Stuttgart: Kreuz Verlag

Mayring, Philipp (1988): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. - Neusausgabe - Weinheim: Deutscher Studienverlag

Mess, Anne Christina (2003): Wenn die Hoffnung stirbt - Selbstmord - Hilfen für Angehörige und Mitbetroffene. Moers: Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH

Otzelberger, Manfred (2005): Suizid - Das Trauma der Hinterbliebenen - Erfahrungen und Auswege. - 3. Auflage - München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG

Paul, Chris (2004): Warum hast du uns das angetan? - Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat. - 4. aktualisierte Auflage - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus GmbH

Popper, Karl R. (2006): Alles Leben ist Problemlösen - Über Erkenntnis, Geschichte und Politik. - 10. Auflage - München: Piper Verlag GmbH

Redfield Jamison, Kay (2000): Wenn es dunkel wird - zum Verständnis des Selbstmordes. Berlin: Siedler Verlag

Ringel, Erwin (2005): Der Selbstmord - Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung. - 9. unveränderte Auflage - Eschborn bei Frankfurt am Main: Verlag Dietmar Klotz GmbH Watzlawick, Paul (2006): Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen - Über das Glück und die Konstruktion der Wirklichkeit. - 2. Auflage - München: Piper Verlag GmbH

Internetquellen:

Statistik Austria (Hrsg): Statistisches Jahrbuch 2007. URL: http://www.statistik.at/jahrbuch_2007/pdf/K03.pdf (Stand: 25.1.2007)

PATRY, J.L. (2006): Die Werturteilsproblematik in der Erziehungswissenschaft. URL: https://elearn.sbg.ac.at/webapps/portal/frameset.jsp?tab=courses&url=/bin/common/c ourse.pl?course_id=_2064_1 (Stand: 14.10.2006)

Literatur von Betroffenen:

Chance, Sue (1994): Mein Sohn hat sich das Leben genommen - Der Bericht einer Mutter. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.

Bodner, Erika (2002): Ich wollte doch dein Leben schützen! - Erleben, Sinnsuche und Trost nach dem Verlust eines Kindes - Schwerpunkt Suizid. Gnas: Herbert Weishaupt Verlag

Belletristik:

Rushdie, Salman (2000): Der Boden unter ihren Füssen. - Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH

8. Anhang

Kann beim Autor angefragt werden:

per Mail: oliver_jungwirth@web.de

Postweg: Oliver Jungwirth, Klosterstraße 6/6, 4010 Linz

(Anmerkung von bidok, 5.2.2008)

Auf der als Anhang beigelegten CD befinden sich folgende Dokumente in den Formaten Microsoft WinWord 2003 und Adobe PDF:

  1. Interviewleitfaden für Interviews mit Betroffenen

  2. Transkription des Interviews "Fall A"

  3. Transkription des Interviews "Fall B"

  4. Transkription des Interviews "Fall C"

  5. Transkription des Interviews "Fall D"

  6. Transkription des Interviews "Fall E"

Quelle:

Oliver Jungwirth: "Trauerbegleitung bei Suizid - Was können Dritte tun?"

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magister (FH) für sozialwissenschaftliche Berufe. Fachhochschul-Studiengang Soziale Dienstleistungen für Menschen mit Betreuungsbedarf. Erstbegutachter: Mag. Helmut Rockenschaub, Zweitbegutacherin: DDr. Silvia Hedenigg. Linz am 6. April 2007

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.01.2008

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation