Selbstverletzende Tätigkeit bei geistig behinderten Menschen - im institutionellen Kontext

AutorIn: Stefan Jürgens
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit an der Universität Bremen, FB 12 Studiengang Erziehungswissenschaften, Gutachter: Prof. Dr. Georg Feuser und Bodo Frank, 2004
Copyright: © Stefan Jürgens2004

Inhaltsverzeichnis

Der Philosophische Überbau

Bei der Darlegung von wissenschaftlichen Ausarbeitungen halte ich die Offenlegung des zugrunde liegenden Weltbildes für sinnvoll. Ein Weltbild kommt zustande, indem sich der Mensch aufgrund seiner subjektiven Erfahrung ein Bild von der Welt macht. Das Weltbild beeinflusst in hohem Maße die Art und Weise, wie andere Menschen wahrgenommen werden und wie mit den anderen Menschen umgegangen wird. Es besteht ein sehr komplexer Zusammenhang von Weltbild, Menschenbild und Pädagogik.

Eine der großen Grundfragen der Philosophie "Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur?" spaltet die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die das Ursprüngliche gegenüber der Natur im Geist sehen (die Idealisten), also in letzter Instanz eine "Weltschöpfung irgendeiner Art" annehmen, und diejenigen, welche die Natur als das Ursprüngliche ansehen, wie die Anhänger der verschiedenen Schulen des Materialismus (vgl. Engels 1987, S. 24f; sowie ferner Engels 1977, S. 23ff.).

Im folgenden soll die Entwicklung der Philosophie vom antiken und mittelalterlichen metaphysischen Weltbild bis hin zum historischen und dialektischen Materialismus, an dessen Denkmethode sich die vorliegende Arbeit orientiert, komprimiert dargestellt werden. Sich dieser Methode zu bedienen, ist m.E. bei der Analyse der Lebensbedingungen behinderter Menschen hilfreich.

Die Entwicklung vom metaphysischen Weltbild der Antike zum Rationalismus und Empirismus

Zunächst soll der historische Weg vom metaphysischen Weltbild der Antike und dessen Übertragung im Mittelalter, hin zu den zueinander konträren philosophischen Theorien des Rationalismus und des Empirismus, bzw. Nominalismus dargelegt werden.

Die Metaphysik der Antike und des Mittelalters

In der Antike und im Mittelalter war die Philosophie geprägt von der Metaphysik[1]. Hier sei exemplarisch der metaphysische Realismus des ARISTOTELES (384/83 - 322/21 v. Chr.) (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 30ff.) und der scholastische Realismus des THOMAS VON AQUIN (1225/26 - 1276) (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 282) genannt. VON AQUIN hat die Erkenntnisse des ARISTOTELES für die Zeit und Umstände, bzw. die Weltsicht des Mittelalters nutzbar gemacht. In beiden Werken wird noch "[...] dem Wesen, der Wahrheit der Dinge - den Wesenheiten in den Dingen - Vorrang [...]" (Naeher 1981, S. 22) (vgl. auch Störig 1986, S. 175ff. und S. 255ff.) eingeräumt. Diese Wesenheiten sollten dabei durch die philosophische Abstraktion erkannt und dadurch gleichsam "objektive Erkenntnis" werden (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 192). Daraus folgte für ARISTOTELES, "daß, störende Einflüsse ausgeschlossen, die menschliche Wahrnehmung die tatsächliche Beschaffenheit der Welt adäquat abbilde[t]: Wenn einem normalen und gesunden Beobachter etwas weiß erscheine, dann, so ARISTOTELES, sei es auch weiß." (Tuck 1989, S. 23)

Der Rationalismus[2]

Im Rationalismus vollzieht sich eine Wendung hin zum "Subjekt" (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 274). Einer der wichtigen Protagonisten des Rationalismus ist RENÉ DESCARTES (1596 - 1650). DESCARTES stellt die Dinge radikal in Frage und setzt dem Wissenschaftsverständnis des ARISTOTELES durch die Betonung der Möglichkeit optischer Täuschungen und des generell unzuverlässigen Charakters der menschlichen Sinneswahrnehmung, einen Zweifel an den Dingen entgegen (vgl. Tuck 1989, S. 32). Statt jedoch in einen Skeptizismus zu verfallen, untersucht er was bleibt, wenn er die Dinge in Frage stellt. Er kommt zu dem Schluss, dass das Denken das Einzige ist, dessen er nur gewiss sein kann "Cogito ergo sum - ich denke also bin ich" (Naeher 1981, S. 22). Insofern ist "Ich denke" die höchste Gewissheit des Rationalismus. Die wahre Beschaffenheit der äußeren Welt ist dem Menschen nicht zugänglich, dafür sind nach DESCARTES dem Menschen aber die mentalen Zustände und die durch Wahrnehmung hervorgerufenen Erscheinungen so unmittelbar bewusst, dass sie jedem Zweifel enthoben sind (vgl. Tuck 1989, S. 35). Insofern betrachtet DESCARTES "Leib und Seele [...] als zwei parallele Reihen leiblicher und psychischer Ereignisse" (Jantzen 1992, S. 115). Auf diesen cartesianischen "Dualismus" wird im Kapitel 1.3 genauer eingegangen.

Der Nominalismus[3] und Empirismus[4]

DAVID HUME (1711 - 1776) gilt als Vertreter des Nominalismus und Empirismus (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 140), der wie der Rationalismus die Wende zum Subjektiven teilt, diesen jedoch gleichzeitig kritisiert. Denken wird nämlich keineswegs als "höchste Gewissheit" definiert. Gewiss, bzw. "real" sind im Empirismus wieder die "Dinge", deren Existenz DESCARTES gerade in Frage gestellt hat. Jedoch sagt der Empirismus, bzw. Nominalismus, und das ist neu, dass die Dinge zwar real, durch Begriffe aber lediglich als "Sinnesdaten" auf das Subjekt wirken. Somit gibt es laut HUME "Keine Allgemeinheit der Dinge" (vgl. Naeher 1981, S. 24). Allgemein erscheinen bei HUME die Dinge nur dadurch, dass wir sie durch "Assoziation", durch Gewohnheit miteinander verknüpfen.

Hier wird ein Widerspruch zwischen den beiden weltanschaulichen Auffassungen des Rationalismus und des Empirismus deutlich. Ist die Welt so, wie wir sie empfinden (abgeleitet aus der empirischen Denkweise), - oder wie sie sich unserer Vernunft darstellt (abgeleitet von dem Rationalismus)? Eine Synthese dieses Widerspruchs zeigt IMANUEL KANT (1724 - 1804) durch den transzendentalen Idealismus (vgl. Kapitel 1.2.2) auf, den er in "Die Kritik der reinen Vernunft" (1998) beschreibt (vgl. Störig 1984, S. 52).

Die Synthese zwischen Rationalismus und Empirismus/ Nominalismus im transzendentalen Idealismus bei Imanuel Kant

KANT fasst die beiden philosophischen Auffassungen des Rationalismus und des Empirismus/Nominalismus in seinem "transzendentalen Idealismus zusammen. Dazu muss zunächst der Idealismusbegriff geklärt werden.

Der Idealismusbegriff

Im Idealismus wird das objektiv Wirkliche als "Idee" (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 144), "Geist" (ebd., S. 107), "Vernunft" (ebd., S. 295) bestimmt und auch die "Materie" (ebd., S. 187) als Erscheinungsform des Geistes betrachtet. Dinge sind also bloße "Vorstellungen" (ebd. S. 299), und das Bewusstsein bestimmt das menschliche Sein im Idealismus (vgl. ebd., S. 143).

Der transzendentale Idealismus bei Kant

Als Philosophieprofessor war KANT sowohl mit den Rationalisten, als auch mit den Empirikern gut vertraut. Zum Widerspruch der beiden Denkrichtungen meint nun KANT, dass beide Auffassungen zum Teil richtig liegen. Er räumt im Gegensatz zu HUME dem rationalistischen "Ich denke" wieder einen hohen Rang ein, ohne jedoch, wie im Rationalismus sonst, Zweifel an der Existenz der Außenwelt zu haben, deren Kenntnis wir den Sinneserfahrungen verdanken. Insofern reicht KANT auch den Empirikern die Hand, da nach KANT in jeder Erscheinung aus dem Denken heraus eine "Empfindung" (vgl. ebd., S. 81) hervorgebracht wird, die dann auf ein von uns unabhängiges "Sein" hinweist. Es gibt demnach gewisse Bedingungen in uns selber, die unsere Auffassung der Welt mitbestimmen.

Die idealistische Dialektik Georg Friedrich Hegels

GEORG FRIEDRICH WILHELM HEGEL (1770 - 1831) versucht, durch sein Verständnis der Philosophie als "Mutter" der Wissenschaft alle Wissenschaften philosophisch zusammenzufassen. Er folgt dabei dem Prinzip, die gesamte Philosophie vor seiner Zeit zu untersuchen und durch den dialektischen Weg (vgl. Buhr/Klaus 1971a, S. 239ff.) der These und Antithese eine Synthese der philosophischen Anschauungen zu bilden (vgl. Störig 1984, S. 124ff.). Die von mir in Kapitel 1.1 bis 1.2.2 beschriebenen philosophischen Theorien wollte HEGEL in Ausgleich bringen und bildet mit seiner Auffassung laut MANFRED BUHR (1972) "den Höhepunkt und Abschluß des klassischen bürgerlichen Denkens. Dieses Denken wurde von der Idee vom beständigen Fortschreiten der Menschheit zu Höherem bestimmt." (Buhr 1972, S. 93). FRIEDRICH ENGELS (1820 - 1895) (1987) beschreibt die Dialektik HEGELs als "Selbstbewegung des Begriffs":

"Der absolute Begriff [ist ewig vorhanden und die] eigentliche lebendige Seele der ganzen bestehenden Welt. Er entwickelt sich zu sich selbst [...]; dann ‚entäußert' er sich, indem er sich in die Natur verwandelt, wo er ohne Bewußtsein seiner selbst, verkleidet als Naturnotwendigkeit eine neue Entwicklung durchmacht und zuletzt im Menschen wieder zum Selbstbewußtsein kommt; dies Selbstbewußtsein arbeitet sich nun in der Geschichte wieder aus dem Rohen heraus, bis endlich der absolute Begriff wieder vollständig zu sich selbst kommt in der Hegelschen Philosophie." (Engels 1987, S. 47f.)

ENGELS beschreibt drei Gesetze der Dialektik, die von HEGEL als "Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyiert, nicht [aber] aus ihnen abgeleitet werden" (Engels 1975, S. 51), worin für ENGELS der Fehler liegt. Für diesen gelten die Gesetze der Dialektik sowohl für die geschichtliche Entwicklung, als auch für das Denken:

1. "das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze" (vgl. Thalheimer o.J., S. 112ff.)

2. "das Gesetz von der Negation der Negation" (vgl. Thalheimer o.J., S. 119ff.)

3. "das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt" (vgl. Thalheimer o.J., S. 127ff.)

Zu 1.: Dieses Gesetz ist das allgemeinste, umfassendste Grundgesetz der Dialektik, von dem die beiden anderen abgeleitet sind (vgl. Thalheimer o.J., S. 112). Es bedeutet nichts anderes, als dass es erstens keine Gegensätze, keine Unterschiede gibt, die nicht letzten Endes in eine Einheit zusammengefasst werden können und zweitens alle Dinge ebenso absolut verschieden und absolut oder unbegrenzt entgegengesetzt sind, wie sie gleich sind. (vgl. ebd.) Laut dem Gesetz der Durchdringung von Gegensätzen, welches auch oft als Gesetz des dialektischen Widerspruchs bezeichnet wird, sind die Triebkräfte jeder Bewegung und Entwicklung die den Dingen innewohnenden dialektischen Widersprüche. (vgl. Buhr/Kosing 1979, S. 71)

Zu 2.: Das Gesetz ist bei HEGEL ein Entwicklungsgesetz des reinen Denkens, der absoluten Idee, das folgende Formel hat: "These - Antithese - Synthese oder auch Position - Negation - Negation der Negation; letztere, auch als Triade bezeichnet, ist das Konstruktionsschema für das gesamte philosophische System Hegels" (Bartsch/Klimaszewsky 1973, S. 158). WOLFGANG JANTZEN (geb. 1941) (1992b) erklärt das Gesetz der Negation der Negation wie folgt:

"Jede Entwicklung vollzieht sich als eine ‚dialektische Negation' bestehender Qualitäten. Die neue Qualität bewahrt alles positive der Entwicklung auf der alten Stufe in sich auf, bleibt aber auf der alten Entwicklungsstufe nicht einfach stehen. Sie löst einerseits den Widerspruch, negiert also die alte Qualität. Sie entfaltet andererseits den Widerspruch auf neuem Niveau, negiert also zugleich seine Auflösung und damit sich selbst als neue Qualität." (Jantzen 1992b, S. 93)

Zu 3.: Für die vorhegelsche Philosophie reduziert sich alle Entwicklung auf bloße quantitative Veränderungen oder auf eine unvermittelte und durch keine quantitativen Veränderungen bedingte Ablösung alter Qualitäten durch neue (vgl. Buhr/Klaus 1971b, S. 898). HEGEL stellte erstmals das Gesetz des Umschlagens von quantitativen zu qualitativen Veränderungen umfassend dar, dem zufolge "quantitative Veränderungen innerhalb einer bestimmten Qualität beim Überschreiten ihres Maßes zum sprunghaften Übergang dieser Qualität in eine andere führen." (Buhr/Klaus 1971b, S. 898) Der Zeitpunkt eines "Dialektischen Sprungs" wird bei JANTZEN (1992b) als Induktionspunkt[5] bezeichnet. Er führt als Induktionspunkt im Sinne des dialektischen Sprungs das Beispiel des ersten Werkzeuggebrauchs der Australopithecinen vor ca. 2 Millionen Jahren oder des ersten Gebrauchs des Feuers vom Präsapiens vor ca. 50.000 Jahren an. (Jantzen 1992, S. 91)

HEGEL hat das dialektische Prinzip zum "Prinzip des Seins selbst" (Naeher 1981, S. 134) gemacht. Dadurch unterliegt er der Täuschung, dass die "ganze empirische Wirklichkeit aus den Gesetzen der Selbstbewegung des Denkens" (ebd., S. 134) abgeleitet werden kann. Dieser Gedanke ist ein "dualistischer" (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 72) Gedanke. Das "Denken" oder auch das "Bewusstsein" (vgl. ebd., S. 48) als Prinzip erklärt das "Sein" (vgl. ebd., S. 257) aus sich heraus. Oder, wie auch KANT schon postulierte (vgl. Kapitel 1.2.2), das Sein wird determiniert durch das Bewusstsein. Hierin besteht die "Zweiheit", der "Dualismus" der beiden Prinzipien, die dann nur getrennt voneinander gesehen werden können. Die mentalen Eigenschaften eines Individuums haben hier nicht die Eigenschaften eines materiellen Körpers (vgl. Feuser 1999). Diesen Dualismus finden wir auch schon bei DECARTES (vgl. Kapitel 1.1). GEORG FEUSER (geb. 1941) (1999) sagt in diesem Zusammenhang weiterführend:

"Im Sinne [des cartesianischen] Dualismus kann es [...] keine Wechselwirkungen zwischen der Welt des Mentalen und der des Materiellen geben. Lücken in der Erklärung von Phänomenen können letztlich nur noch mit dem Verweis auf das "Geheimnis der Schöpfung" oder mit "Gottes Plan und Wille" geschlossen werden. [...]. [Der cartesianische Gedanke: "ich denke also bin ich"] ist die totale Negation einer Bedeutung des Materiellen für das Geistige. Im cartesianischen Dualismus wird der Beweis der eigenen Existenz nur durch Prädikate geführt, die rein mentaler Art sind, als bestehe unser ganzes Wesen darin, ein denkendes Ding, aber kein körperliches zu sein." (Feuser 1999)

HEGEL war der Meinung, dass sein philosophisches Konstrukt durch die umfangreiche historische Rückschau und die Synthese der Philosophien ein Endpunkt in der Philosophie insgesamt darstellt.

Das dialektische Prinzip spricht jedoch gegen den Endzustand, den HEGEL postulierte. Die geschichtliche Wirklichkeit stand durch den Beginn der Industrialisierung und die dadurch entstandenen vielfältigen Widersprüche (vgl. z.B. Marx 1970c, S. 262f.) vor einem revolutionären Ausbruch (vgl. Marx; Engels 1970b, S. 25ff.), so dass die Dialektik HEGELs im historischen Kontext eher für ein revolutionäres, als für ein konservatives Prinzip spricht (vgl. Störig 1984, S. 135).

"Spätestens seit Hegel ist in der Philosophie ein Verständnis von Ontologie möglich, das sich auf das "Sein als Werden des Ganzen" orientiert und damit eine rein idealistische Betrachtung des Seins, losgelöst von historischen Bedingungen, überwindet. In den Mittelpunkt rückt nun die Betrachtung des "Werdens", d.h., das Sein ist in das Werden integriert und letzteres gegenüber ersterem priorisiert." (Feuser 1995, S. 87)

Der Materialismus

Der Materialismus versucht als "monistischer" (vgl. Schmidt, H. 1922, S. 196) Gedanke, zunächst die "Zweiheit" des Idealismus zu synthetisieren. Der Materialismus geht im Gegensatz zum Idealismus davon aus, dass das "Sein", besser passt hier der Begriff "Materie[6]", gegenüber dem Bewusstsein das Primäre, das Grundlegende, das Bestimmende ist. Die Ideenwelt oder allgemein das "Denken" (vgl. ebd., S. 62) des Menschen ist nicht abgetrennt vom Materiellen oder auch Substanziellen wie im Idealismus zu sehen, sondern ist Teil dessen. "Die fortgeschrittenste materialistische Position vor Marx und Engels war die der bürgerlichen, mechanischen Materialisten" (Autorenkollektiv Wissenschaftspsychologie 1975, S. 29), also z.B. JOHN LOCKE (1632 - 1704), FRANCIS BACON (1561 - 1626) oder THOMAS HOBBES (1588 - 1679), der bzgl. des "Unterwerfungsvertrages" (vgl. Kapitel 2.2.1) noch eingehender untersucht wird. Das mechanische Weltbild der bürgerlichen Materialisten entsprach dem damaligen Stand der Naturwissenschaften, hatte jedoch die Grenze einer einseitigen Auffassung der Verhältnisse von Materie und Bewusstsein. Damit waren sie unfähig, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erklären, und griffen dazu auf eine idealistische Weltauffassung zurück, wie etwa der, dass die Weltgeschichte das Werk einiger großer Männer wäre. Insofern war dieser Materialismus noch ein bürgerlicher (vgl. Autorenkollektiv Wissenschaftspsychologie 1975, S. 29). LUDWIG FEUERBACH (1804 - 1872), dessen weltanschauliches Konstrukt ENGELS (1987) als "Ausläufer der Hegelschen Philosophie" (Engels 1987, S. 46) erkennt, vollzog einen radikalen Bruch mit der Auffassung HEGELs. Gleichwohl behielt er ebenfalls den Idealismus "auf dem Gebiet der Menschheit, der Politik und der Moral bei" (Avineri 1987, S. 149) nicht weil er idealistisch dachte, "sondern weil er das Ideal als stetes Fortschreiten bejaht[e], und weil der Glaube an dieses fortschrittliche Merkmal der Geschichte den Idealismus ausmacht" (ebd.) (vgl. Kapitel 1.3) Der Kern der Philosophie FEUERBACHs liegt in einer grundlegenden Religionskritik, die später den Materialismus von KARL MARX (1818-1883) entscheidend geprägt hat. FEUERBACHs "Wahrheit" liegt nur in der "Anthropologie" und insofern liegt die Wahrheit sehr in der "Natur", dem "Wesen" des Menschen. Auch die Theologie ist demnach als Produkt des menschlichen Geistes ein anthropologisches Phänomen. Die Essenz des FEUERBACHschen Werkes liegt bezüglich seiner Religionskritik in der Aussage:

"Wenn wir nicht mehr [an] ein besseres Leben glauben [so wie das idealisierte Dasein im Gottgedanke] [...], sondern mit vereinten Kräften wollen, so werden wir auch ein besseres Leben schaffen. Aber um dies zu wollen und zu bewirken, müssen wir an die Stelle der Gottesliebe die Menschenliebe als die einzige, wahre Religion setzen, an die Stelle des Gottesglaubens den Glauben des Menschen an sich selbst, an seine eigene Kraft und Herrlichkeit, den Glauben, daß das Schicksal der Menschheit nicht von einem Wesen außer oder über ihr, sondern von ihr selbst abhängt" (Schmidt, H. 1922, S. 98)

"Die [...] von L. Feuerbach [dargelegte] Religionskritik beeinflusste die ideologiekritischen Untersuchungen von K. Marx und F. Engels, die als materialistische Geschichtsauffassung den historischen Materialismus und als Methode den durch Kritik G. W. F. Hegels entstandenen dialektischen Materialismus entwickelten (Marxismus)." (Brockhaus 1999)

Anders als bei FEUERBACH, der HEGEL "einfach als unbrauchbar beiseite warf" (vgl. Engels 1987, S. 46) bildet das System HEGELs den Ausgangspunkt des philosophischen Denkens von MARX. Außerdem beeinflussten ihn die Theorien FEUERBACHs hinsichtlich seiner Religionskritik und die revolutionären Theorien der französischen Utopisten[7] (vgl. Störig 1984, S. 162), deren Ausgangspunkt sich in den Schilderungen idealer Gesellschaftszustände in dem Buch "Utopia" von THOMAS MORUS (1478 - 1535) (1981) findet. Seine Doktorarbeit schrieb MARX über die "Differenz der demokratischen und epikureischen Naturphilosophie" (Winter IN: Stern 10/1975 S. 68). Eine Auseinandersetzung mit dem historischen Materialismus des DEMOKRIT[8] (460 - 371 v. Chr.) und des EPIKUR[9] (342 - 271 v. Chr.).

Der historische Materialismus ist ein metaphysischer Standpunkt, demzufolge die Gesamtwirklichkeit an sich materieller Natur ist, d.h. auch das seelische und das geistige Leben nur eine Funktion des materiellen Geschehens sind, bzw. in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln. "Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt" (Schmidt, H. 1922, S. 187). MARX hat diesen Gedanken, den Einfluss der Produktionsweise auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in den Aufsätzen "Lohn, Preis und Profit" (vgl. Marx 1965, S. 64f.), "Lohnarbeit und Kapital" (vgl. Marx 1970a, S. 35f.), sowie im Buch "Zur Kritik der politischen Ökonomie" (vgl. Marx 1972, S. 203) und in der Erweiterung "Das Kapital 1-3" (vgl. z.B. besonders Marx 1970c, S. 262f.) umfassend beschrieben. Er hat somit die Grenze der bürgerlichen Materialisten überschritten und die gesellschaftlichen Verhältnisse materialistisch erklärt.

In seinem Werk hat MARX (1970c) sich selbst voll zum rationellen Kern der dialektischen Methode Hegels bekannt (vgl. Marx 1970c, S. 8ff.). HEGEL hat in seinen Werken ein "Motiv geschichtsphilosophischen Denkens" (vgl. Buhr 1972, S. 97) anklingen lassen, "das MARX und ENGELS auf [genommen], dialektisch-materialistisch entfalte[t] und in der Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf seine materiellen Voraussetzungen" (Buhr 1972, S. 97) zurückgeführt haben. Wie schon erwähnt (vgl. Kapitel 1.3) hat HEGEL das revolutionäre Prinzip seiner Dialektik nicht erkannt, da er glaubte, dass "ein geschichtlicher Endzustand heraufgekommen sei, in welchem es dem Denken nur noch obliege, das Geschehene zu überschauen und ins reine Bewußtsein zu erheben." (Störig 1984, S. 135) In der MARXschen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit findet sich das revolutionäre Prinzip wieder. Indem das Bestehende durch den historischen Blick auf die Vergangenheit dialektisch beschreib- und erklärbar wird, enthält die Zukunft die Möglichkeit zur Veränderung. Das gesellschaftliche Sein oder anders ausgedrückt die materielle Produktionsweise bestimmt dabei das Bewusstsein des Menschen.[10]

Zur materialistischen Weltauffassung von MARX in Abhebung zu HEGEL gehört die Anerkennung der realen Existenz der Welt (vgl. Störig 1984, S. 166). Diese wird von objektiven Gesetzmäßigkeiten beherrscht, die wissenschaftlich beschreibbar sind[11]. Der Erkenntnisvorgang in diesen Wissenschaften besteht nach dieser Auffassung in einer Anpassung des Bewusstseins an die objektive Realität, in einer Abbildung der materiellen Welt im Bewusstsein. Die marxistische Philosophie unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen der "objektiven" und der "subjektiven" Dialektik.

"Als allgemeine Gesetzmäßigkeit der Bewegung und Entwicklung der vom Bewußtsein unabhängigen Realität ist sie objektive Dialektik, als Widerspiegelung der objektiven Realität im Bewußtsein und Denken des Menschen ist sie subjektive Dialektik." (Buhr/Kosing 1979, S. 71)

Nicht der Geist bringt die Natur hervor, sondern die Natur den Geist; dieser ist damit einProdukt der Materie, gebunden an die Tätigkeit des Gehirns.

"Während im Idealismus die objektive Realität in zwei Welten [Dualismus] getrennt wird, deren Zusammenhang unklar bleibt [...] beschränkt sich der dialektische Materialismus auf die materielle Welt (Natur und Gesellschaft), die durch die Erkenntnistätigkeit des Subjekts im Bewußtsein widergespiegelt wird. [...] Durch die Widerspiegelung innerhalb der menschlichen Tätigkeit, der gesellschaftlichen Arbeit, findet die sinnliche und theoretische Aneignung der Welt statt; durch die Widerspiegelung wird die bewußte Planung der Tätigkeit, die Vergegenständlichung von Zwecken in Arbeitsprodukten möglich, also die praktische Aneignung der Welt" (Autorenkollektiv Wissenschaftspsychologie 1975, S. 119)

In diesem Zusammenhang wird die Umkehrung der Dialektik HEGELs deutlich:

"Marx [...] erfüllt [die Dialektik] mit einem dem hegelschen genau entgegengesetzten Inhalt, er dreht sie um 180 Grad herum, wodurch sie, nach Marx´ Ansicht, erst vom Kopf auf die Füße zu stehen kommt" (Störig 1984, S. 163).

Die Materie ist nicht starr, sondern unterliegt einem ständigen Wandel, alles ist in Bewegung, alles verändert sich, alles fließt. Die Gegensätze treiben die Entwicklung voran; der ewige Kampf des Absterben und des Neuentstehen bildet die Grundlage der Entwicklung. Die Häufung quantitativer Veränderungen führt zu Spannungen und damit zu einer Störung des Gleichgewichtszustandes; dieser dialektische Sprung entspricht einer qualitativen Veränderung.



[1] Der Begriff "Metaphysik" kommt aus dem griechischen "meta ta physika: hinter den Dingen, dem Physischen [liegend]" (vgl. Langenscheidt Taschenwörterbuch 1955).

[2] Rationalismus kommt vom lateinischen "ratio, onis f.: 1. Berechnung, Rechenschaft; 2. Erwägung, Vorteil, Interesse; 3. Vernünftiges Denken, Überlegung, Vernunft; 4. Lehrgrundsatz, Regel, Ansicht, Meinung, Verfahren, Verhalten, Art und Weise" (vgl. Langenscheidt Taschenwörterbuch 1984) und ist "die Überzeugung, dass die Struktur der Welt der Vernunft gemäß, das heißt von logischer, gesetzmäßig berechenbarer Beschaffenheit, sei." (Brockhaus 1999)

[3] Nominalismus ist "die im Universalienstreit gegen Begriffsrealismus und Platonismus gerichtete Lehre, wonach allein Einzeldinge und Individuen existieren, die Allgemeinbegriffe (Universalien, z.B. Einheit, Vielheit) dagegen keine eigene Realität besitzen, sondern vom Denken willkürlich geschaffene Bedeutungsgehalte darstellen" (Brockhaus 1999)

[4] Empirismus ist "die Lehre, dass alle gültige Erkenntnis (nur) auf Erfahrung, besonders auf Beobachtung und Experiment, gegründet sei (Gegensatz Rationalismus)." (Brockhaus 1999)

[5] "Inductio, onis f: Zuleitung; (im Sinne von: Auslösung eines Vorgangs)" (vgl. Langenscheidt Taschenwörterbuch 1984)

[6] "Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und unabhängig von ihnen existiert." (Lenin 1977, S. 124)

[7] Ab dem Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts kam es zum Zerwürfnis mit Teilen der sich als Anhängerschaft dieser Theorie verstehenden Anarchisten. (vgl. Wittkop 1973, S. 77ff.; Marx 1971b; Marx 1979a, S. 52f. und 362ff.) In dieser Theorie zu unterscheiden sind der "individualistische Anarchismus" von z.B. P. J. PROUDHON (1809 - 1865), der "kollektivistische oder auch revolutionäre Anarchismus" von z.B. M. A. BAKUNIN (1814 - 1876) und ab Anfang des 20. Jahrhunderts der Anarchosyndikalismus. Im Gegensatz zum "autoritären" Sozialismus von Marx, der eine staaten- und klassenlose Gesellschaft als ein utopisches Ziel sah, welches erst über die Verstaatlichung aller Güter in einer "Diktatur des Proletariats", wie er sie im "Manifest der kommunistischen Partei" (Marx/Engels 1970b) forderte, erreicht wird, propagierten die kollektivistischen Anarchisten um BAKUNIN, eine sofortige staaten- und klassenlose Kollektivordnung und ein Kollektiveigentum der Produktionsmittel, bzw. bei KROPOTKIN auch ein Kollektiveigentum an den Konsumgütern. (vgl. Wittkop 1973, desweiteren: Blankertz 1980 und Landauer 1977) Den Konflikt zwischen MARX und BAKUNIN schilderte WLADIMIR ILJITSCH LENIN (1870 - 1926) in "Staat und Revolution" anschaulich. (vgl. Lenin 1971a, S. 74 ff. und 139ff.). Wie der Staat letztendlich über das Verschwinden der Klassenunterschiede im Rahmen des kommunistischen Staates überwunden werden könnte, schildert LENIN in "Über den Staat" (vgl. Lenin 1971b)

[8] DEMOKRIT ist "der erste Systembildner der Philosophie und der umfassendste Forscher der Antike vor Aristoteles; Hauptvertreter der Atomistik. Er versuchte, mit deren Hilfe Bewegung, Werden und Vergehen in der Wirklichkeit zu erklären und gab damit eine konsequent mechanistisch-materialistische Weltdeutung, die über P. Gassendi und G. Galilei nachhaltig auf die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft einwirkte" (Brockhaus 1999).

[9] "Der Kern der Philosophie EPIKURs ist die Ethik (Naturerkenntnis ist lediglich Mittel), ihr Ziel, durch richtiges Denken ein glückseliges Leben zu gewinnen. Der Maßstab der Wahrheit ist die sinnliche Wahrnehmung, auf die sich auch alle Vernunfterkenntnis aufbaut. Wahre Glückseligkeit (Eudämonie) als Wesen des Sittlichen sei nicht durch grobe Sinnenlust, sondern nur durch weise Abwägung des Genusses, durch Selbstbeherrschung, Tugend, Gerechtigkeit erreichbar. Ihre höchste Form sei die unerschütterliche Ruhe der Seele (Ataraxie). Epikurs Lehre wurde oft zum Hedonismus vergröbert" (Brockhaus 1999).

[10] Hier sei auf die Literatur von BERNT ENGELMANN (1921 - 1994) verwiesen, der in "Wir Untertanen" (1979a) und "Einig gegen Recht und Freiheit" (1977) versucht, die Geschichte aus der Position der Beherrschten zu beschreiben und somit m.E. nach näher an das gesellschaftliche Sein, an die Realität heranreicht, als die herkömmliche Geschichtsschreibung unserer Zeit.

[11] M.E. sehr hilfreiche Literatur in diesem Zusammenhang ist die von STEPHEN W. HAWKING (geb. 1942) (1997), der in "Eine kurze Geschichte der Zeit" versucht das Universum zu erklären. Seine Beschreibung des Universums drückt m.E. aus, dass wir Menschen in unserer phylogenetischen Entwicklung immer mehr Zusammenhänge des materiellen Seins wissenschaftlich erklären können.

Die Institution und die totale Institution

Im folgenden wird die Institution aus ihrer gesellschaftlich-historischen Dimension hergeleitet. Es gibt verschiedene vertragstheoretische gesellschaftliche Konstrukte, auf denen sich die Institutionenbildung gründet. Daraufhin wird die Herausbildung der "Totalen Institution" zunächst in seiner historischen Dimension dargestellt und die konkreten Mechanismen und Wirkungen in ihr untersucht. Das vorherrschende Merkmal der Isolation in "totalen Institutionen" wird im Anschluss daran in das Zentrum dieser Arbeit gerückt.

Die Begriffsbestimmung von Institution

MARX (1970c) entwickelt im 1. Kapitel des "Kapitals" die Kategorie der Doppelform (vgl. Marx 1970c, S. 25). Diesen Gedanken führt er dem Leser anhand der "Ware" vor Augen. Die Ware ist eine Doppelform: Dadurch, dass die Naturform einer Ware durch menschliche Arbeitskraft in ein bestimmtes Produkt umgeformt wird, hat die Ware einerseits die Naturform und andererseits die Wertform, die es erst möglich macht, dass sie getauscht werden kann (vgl. ebd., S. 17ff.; sowie Lehrbuch für das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium 1977, S. 61ff. und Abb. S. 92). So sind dann bei MARX (1972) Kaffee, Tee, Brot etc. etwa als Äquivalent für einen Wert zu sehen, mit dem entsprechend verrechnet werden kann (vgl. Marx 1972, S. 42ff.). In dieser zweiten Form steckt geronnene menschliche Arbeitszeit, ausgehend von menschlicher Arbeitskraft. "Ein Gebrauchswert oder Gut hat also einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist." (Marx 1970c, S. 20)

"Die Waren treten sich jetzt als Doppelexistenzen gegenüber, wirklich als Gebrauchswert, ideell als Tauschwert. Die Doppelform der Arbeit, die in ihnen enthalten ist, stellt sich jetzt füreinander dar, indem die besondere reale Arbeit als ihr Gebrauchswert wirklich da ist, während die allgemeine abstrakte Arbeitszeit in ihrem Preise ein vorgestelltes Dasein erhält, worin sie gleichmäßige und nur quantitative verschiedene Matriatur derselben Wertsubstanz sind." (Marx 1972, S. 67)

Diese Veränderung von der Naturform zur Wertform ist ein versteckter Vorgang. Aber die Erkenntnis dieses Vorgangs ist wichtig, um den Vermittlungsvorgang zwischen Individuum und Gesellschaft zu verstehen.

"Indem ich gebrauchswertschaffend arbeite, negiere ich zunächst meine Energieverausgabung, die Verausgabung abstrakter Arbeit. Indem ich das Produkt in mich zurücknehme, konsumiere ich, negiere ich das geschaffene Produkt der Arbeit, ihre gebrauchswertförmige Form. Ich reproduziere mich selbst, d.h. ich habe für mich Gebrauchswert. Und das, was ich an Energie in die güterproduzierende Arbeit gesteckt habe, negiere ich, indem ich das Produkt der Arbeit verzehre oder aufbrauche. Indem ich mich aber zugleich vom Standpunkt des Gemeinwesens reguliere, wird der Austausch im Gemeinwesen zur Grundlage meiner Handlungen. D.h. aber die durch Arbeit entstehende Ich - Reflexivität geht einher mit der Konstituierung jener Doppelform die sich als unterschiedliche Bewertungsgrundlage von Gebrauchswert [...] und Wert [...] im Warentausch äußert." (Jantzen 1994b, S. 49f.)

"Gebrauchswert schaffen" knüpft die Ware an die Bedürfnisse der Individuen in einer Gesellschaft. "Wert schaffen" konstruiert jedoch auch etwas viel Allgemeineres, nämlich die Bedingungen gesellschaftlicher Ökonomie. Mit diesem basalen Gedanken hat MARX eine grundlegende Einheit gesellschaftlicher Prozesse identifiziert, von dem aus vieles erklärbar wird. Dieser Gedanke ermöglicht einen Übergang in die Erklärung psychischer Prozesse, der Gebrauchswertproduktion, der konkreten Arbeit und insgesamt der gesellschaftlichen Prozesse, wie sie z.B. in der Entstehung von Institutionen zu sehen sind. Die Institution ist eine Kategorie, welche zunächst auch versteckt bzw. unsichtbar vorhanden ist (vgl. Kapitel 2.1.1.1), und sie ist dabei eine Kategorie, um Gesellschaft zu begreifen.

In der Sozialwissenschaft ist es sinnvoll, sich der Vielfalt der Meinungen zu versichern, da es häufig sehr unterschiedliche Perspektiven in diesem Wissenschaftsbereich gibt. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind dann auch jeweils mit dem Gesellschaftsbild und mit dem politischen Standpunkt des Autors verknüpft. Ich möchte daher im Folgenden Theorien aus zwei gegensätzlichen politischen Lagern zu Rate ziehen, um meine Aussagen zum Begriff Institution abzusichern. Die Idee dazu entwickelte JANTZEN im Sommersemester 1997 in der Veranstaltung "Grundlagen der Behindertenpädagogik II" in der Universität Bremen im Studiengang Behindertenpädagogik.

ARNOLD GEHLEN (1904 - 1976) wird traditionell politisch dem rechten Spektrum zugerechnet. Die "TAZ" beschreibt am 04.09.1992 GEHLEN als einen "Rechtskonservativen", der seine "ordnungspolitischen Folgerungen [...], [eine] staatsautoritäre Institutionenlehre aus einem kulturalistischen[12] Menschenbild zog" (TAZ 1998: 04.09.1992, S. 14). "Die Welt am Sonntag" schreibt am 03.03.2002 im Leitartikel "Von links nach rechts und umgekehrt" über GEHLEN:

"Linke Weltsicht tendiert zur Infragestellung und Schwächung von Institutionen und Autoritäten, die der Konservative als ‚haltende Mächte' (Arnold Gehlen) begreift und die als grundsätzlich notwendige Ordnungen dem Leben des Einzelnen Halt geben." (Die Welt 2002)

PIERRE BOURDIEU (1930 - 2002) wird traditionell der politischen "Linken" zugerechnet. Der Soziologe gründete 1975 die Zeitschrift "Actes de la recherche en sciences sociale"[13], laut der TAZ vom 03.08.1998 eine "sozialwissenschaftliche Spielwiese für kritische DenkerInnen aus aller Welt" (TAZ 1998: 03.08.1998, S. 11) und war von 1982 an bis zu seinem Tod Professor am Collège de France.

Die Welt schreibt am 01.08.2000 in dem Artikel "Der Soziologe als Nervensäge" über BOURDIEU:

"Bourdieu nervt all jene, die gerne unwidersprochen das Ende der Revolution, das Ende der Klassenkämpfe, das Ende der Geschichte und als logische Folge den totalen Triumph des Marktes proklamieren. In diesem Siegerdiskurs setzt die Kritik des Franzosen an." (Die Welt 2000)

Die beiden Autoren sind also weltanschaulich sehr unterschiedlich und gehen von unterschiedlichen Standpunkten aus. Wenn sich dort überlappende Aussagen herauskristallisieren lassen, um so bedeutsamer sind sie für meine Darlegung, den Begriff Institution zu füllen.

Der Institutionenlehre Arnold Gehlens

In "Urmensch und Spätkultur" setzt sich GEHLEN (1986b) mit der Entstehung von Institutionen in der Menschheitsgeschichte auseinander. Dort finden sich einige Kernaussagen, die GEHLEN mit umfangreichen empirischen Material aus der Frühgeschichte der Menschheit bis zur Neuzeit vorstellt.

Drei wichtige Kernaussagen lassen sich daraus herausfiltern:

1. Institutionen sind Transzendenzen, damit nicht sichtbar, und diese können sich verselbstständigen

2. Institutionen haben eine gewohnheitsmäßige Basis in der Gesellschaft

3. In Institutionen gibt es rituelle Tauschbeziehungen

Im folgenden werde ich diese Kernaussagen genauer erklären.

Die Transzendenzen

Institutionen sind ursprünglich "Transzendenzen", also jenseits der sinnlichen Erfahrung liegend (vgl. Gehlen 1986b, S.14). GEHLEN nennt hier als Beispiel "Blutlinien" und "Verwandtschaftszuordnungen", die sich z.B. im Ahnenkult manifestieren. "Der Totemismus[14] hat einen tiefen Zusammenhang mit der Herausbildung von Blutlinien und Verwandtschaftszuordnungen" (Gehlen 1986b, S. 18).

Der Angehörige einer Verwandtschaftslinie befindet sich in einem bestimmten Verhältnis zu den Menschen in seinem Umfeld, zu denen er gehört, und in einem anderen Verhältnis zu den Menschen, zu welchen er nicht gehört.

Diesen Zusammenhang, also die Verbindungen zu transzendental und dadurch nicht sichtbar vorhandenen oben genannten Verhältnissen, nennt GEHLEN eine Institution, über die sich die Menschen, die sich in ihr befinden, einig sind. Als diesen gedachten Zusammenhang kennzeichnet die Institution den Erfüllungsort menschlicher Primärbedürfnisse nach Nähe, nach Geborgenheit, nach verwandtschaftlicher Beziehung, nach Austausch, nach Kultur, und sie können sich verselbstständigen (vgl. Gehlen 1986b, S. 18).

So ein "Verselbstständigen" beschreibt GEHLEN am Beispiel eines Ahnenkultes in Griechenland. In Plataiai siegten 479 v. Chr. die Griechen unter PAUSANIAS über die Perser unter MARDONIOS (~530 v. Chr. - 479 v. Chr.) (vgl. Bayer 1964, S. 59; Atlas zur Weltgeschichte 1982, S. 57; Stein 1977, S. 128). Daraufhin entwickelten die Griechen einen Totenkult für die bei Plataiai gefallenen Angehörigen, den sie mindestens 600 Jahre aufrechterhielten. In diesen 600 Jahren wurden die Griechen zunächst von den Makedoniern unter ALEXANDER DEM GROSSEN (gest. 323 v. Chr.) (vgl. Atlas zur Weltgeschichte 1982, S. 65) und schließlich von den Römern besetzt (Stein 1977, S. 186; 214) und mussten daneben noch etliche andere Kriege z.B. mit den Spartanern und den Kelten erleiden (vgl. Bayer 1964, S. 166ff.). GEHLEN schreibt dazu:

"Plutarch [15] erlebte den 600. Jahrestag des Totenkults der bei Platää Gefallenen. Aber was kann die Freiheit Griechenlands für seine Zeitgenossen bedeutet haben, nachdem es längst von Makedonien verschluckt und von Flaminius auch noch befreit worden war?" (Gehlen 1986b, S. 43)

Die Verarbeitung der Katastrophe des Krieges mit den Persern über einen Totenkult, welcher eine Institution darstellt, hat sich verselbständigt.

Die psychischen Nachwirkungen von großen Katastrophen und die Verarbeitung solcher traumatischen Ereignisse, die auf eine gesamte Gesellschaft wirken, können bis in die zweite und dritte Generation und darüber hinaus Bestand haben, denke man z.B. an den Holocaust oder Hiroshima.

Kultische Handlungen können Formen solcher Verarbeitungsstrategien sein. Denkbar ist, dass z.B. frühzeitliche Priester im Laufe der Zeit die Idee entwickelt haben, traumatische Ereignisse rituell durchzuspielen, um das Trauma dadurch beherrschbar zu machen. In diesem Zusammenhang sei auf das Beispiel des Menschenopfers in alten Kulturen, wie z.B. bei den Inka (vgl. Waisbard 1989, S. 21/22) oder den Maya (vgl. Motz 1997, S. 35ff.) verwiesen. Auch Menschenopfer sind als kultische Handlungen zu verstehen, die abgelöst vom Alltag eine Verarbeitungsstrategie sein können, bzw. ihren Ursprung in einem traumatischen Erlebnis (Sonnenfinsternis, schlechte Ernten) haben können. Einmal entstanden, ist das Menschenopfer dann ein sinnbildender Mechanismus in den alten Kulturen, in denen es auftaucht.

Dieser Zusammenhang ist ein Beispiel dafür, wie Institutionen sich vom Alltag ablösen, und es so nicht mehr erkennbar ist, wo der Ursprung der Institution selbst liegt. Hat sich die Institution des Menschenopfers erst einmal in einer Kultur herausgebildet, ist die ursprüngliche Katastrophe nicht mehr sichtbar, weil dann genau die Bearbeitung der ursprünglichen Katastrophe durch z.B. einen transzendenten Ritus o.Ä. erfolgt und nicht die Offenlegung.[16]

Die Geschichte kann also nicht mehr offen gelegt werden und ist insofern gefangen; die Institution, ob als religiöser bzw. gesellschaftlicher Ritus oder als Einrichtung im Sinne eines Gebäudes, ist dann der Bezugsort, über den nicht mehr hinaus geschaut werden kann. Dadurch bildet sie auch gleichzeitig die Grenze des Denkens und des Fühlens der in ihr befindlichen Personen.

Wird deinstitutionalisiert, treten diese Grenzen gelegentlich zu Tage. Ein Beispiel dafür ist die Auflösung der Klinik Blankenburg im Jahre 1988. Die Psychiatrie - Enquete, die 1975 dem deutschen Bundestag zugeleitet wurde, hat in psychiatrischen Langzeiteinrichtungen menschenunwürdige, elende Umstände festgestellt. Diese Enquete hat die Entwicklung der psychiatrischen Krankenversorgung in Deutschland nachhaltig beeinflusst.(vgl. Finzen 1979) Nicht zuletzt auf diese Enquete ist die seit Ende der 60er Jahre geplante Auflösung der Klinik Blankenburg zurückzuführen. Hier wurde nach besten Wissen und Gewissen deinstitutionalisiert, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Insassen zu erreichen (schließlich enthielt diese Klinik alle Merkmale, die sie als eine "totale Institution" auswies; vgl. Kapitel 2.2). Trotzdem gerieten einige Insassen in Panik, als die Klinik effektiv aufgelöst wurde (vgl. Gromann-Richter 1991, S. 206). GEHLEN schreibt in Bezug auf solche Prozesse von "Innenstabilisierung" der Institutionen und meint, wenn eine Institution in "Verfall" gerät, sei die "Verhaltenssicherheit" nicht mehr gegeben (vgl. Gehlen 1986b, S. 43). GEHLEN leitet daraus ab, dass "alles gesellschaftliche Handeln [...] nur durch Institutionen hindurch effektiv, auf Dauer gestellt, normierbar, quasi- automatisch und voraussehbar [wird]" (Gehlen 1986b, S. 42). M.E. erscheint allerdings GEHLENs "Institutionenlehre" genau an dieser Stelle bedenklich, ist doch von diesem Gedanken ausgehend die Institution als solche und gerade auch die "Totale Institution" schwerer oder nicht mehr von Außenstehenden und von ihren Insassen selbst in Frage zu stellen.

Die Gewohnheiten und rituellen Tauschbeziehungen als gesellschaftliche Basis von Institutionen

GEHLEN führt weiter aus, dass jede Form von Kultur auf Systemen stereotypisierter und stabilisierter Gewohnheiten besteht. Institutionen sind dann vorhanden, wenn sie diesen Unterbau des gewohnheitsmäßigen Handelns absichern (vgl. Gehlen 1986b, S. 19).

GEHLEN macht anschließend auf verschiedene Komponenten aufmerksam, die zur Institutionsbildung führen. Wesentlich ist dabei für ihn die Rolle des Tausches, die er schon in der Frühgeschichte der menschlichen Gesellschaften feststellt (vgl. Gehlen 1986b, S. 46ff). Er beschreibt zum Einen den Gütertausch und zum Anderen den Güter und Menschentausch, der in der Brautgabe zum Ausdruck kommt. Dieser Zusammenhang ist für ihn auch schon in sehr einfachen Gesellschaften vorhanden. Es zeigt sich hierbei ein ökonomisches Problem: Ein Mitglied einer Gemeinschaft verlässt durch Heirat diese, ohne dass für die dadurch entstehende ökonomische Lücke etwas von ihm gegeben wird. Die Brautgabe versucht diese Lücke zu schließen.

Daseinswichtige Dinge in den ursprünglichen Gesellschaften werden also ritualisiert. Andere Formen sind laut GEHLEN z.B. die Künste, die Feste, die ritualisierten Kämpfe u.Ä. (vgl. ebd., S. 46). Hier findet sich ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas abgelöst und nicht mehr sichtbar in einen institutionellen Ritus eingeht.

Diese institutionellen Gegebenheiten, also real praktische, im Alltag wirksame, ritualisierte, religiöse usw., lassen ein Netz von Institutionen entstehen. Wer nun in diesen Institutionen die Sinnfrage aufwirft, hat sich nach GEHLEN entweder verlaufen oder er wirft die Frage nach anderen Institutionen auf (vgl. ebd., S. 61).

In der Institutionenbildung kommt noch eine wesentliche Rolle den Gründerfiguren zu, also Priestern, Königen, mythischen Vorfahren, die zeigen, dass der Weg zur Würde darin besteht, sich von einer Aufgabe konsumieren zu lassen. Dieser Zusammenhang bildet einen institutionellen Charakter.

Der Institutionsbegriff bei Pierre Bourdieu

Angelehnt an die "Kritik der politischen Ökonomie" von MARX (1974), beschreibt BOURDIEU in dem Buch "Sozialer Sinn" (1993) eine Theorie gesellschaftlichen Austausches in den Gesellschaften, in denen Geld und Kapitalverhältnisse noch nicht die Dominanz übernommen haben, also in vorindustriellen Gesellschaften.

Als Beispiel für eine solche Gesellschaft untersucht BOURDIEU die kabylische Gesellschaft in Algerien. Die Sammelbezeichnung "Kabylen" umschreibt Berbergruppen und Volksstämme im Riffgebirge Nordalgeriens, in der sogenannten "Kabylei" (vgl. Brockhaus 1999).

Bei diesen kabylischen Gesellschaften stellt BOURDIEU, mit großen empirischen Material untermauert, ein kompliziertes Sozialgefüge fest, das auf der ökonomischen Verteilung und Verbreitung der Güter über das Jahr aufbaut. Im Einzelnen untersucht BOURDIEU wann und mit welcher Abstimmung die Ernte der angebauten Feldfrüchte vollzogen wird (vgl. Bourdieu 1993, S. 358 - 368), wie dabei die Organisation des Hauses verläuft, welche Arbeiten in der Gestaltung den Männern, welche den Frauen obliegt, (vgl. ebd., Tabelle S. 380f.) und wie sich die beiden Geschlechter und die Gesellschaft als Ganzes für die Zeit, in der ökonomisch größere Ressourcen gebraucht werden, aufeinander abstimmen (vgl. ebd., S. 386). Interessant für den Kontext der Institutionenbildung ist dabei, wie die Arbeitsorganisation in den Austauschformen und in den Anerkennungsbeziehungen reguliert werden.

Die Gewohnheiten

BOURDIEU stellt in seiner Ausführung Thesen darüber auf, wie ein solches System funktioniert und wie sich dabei Gewohnheiten, die er Habitus nennt etablieren. Gewohnheiten haben schon zu Beginn der ontogenetischen Entwicklung der Menschen strukturierende Funktion und sind so gewissermaßen in ihrem Körper eingeschrieben (vgl. ebd., S. 108ff.). Der Körper ist somit eine soziale Konstruktion. Welche Mimik und Gestik der Mensch hat, ist von Anfang an sozial determiniert und ist mit Sinn im Rahmen von Austauschbeziehungen besetzt. BOURDIEU schreibt in diesem Zusammenhang, dass,

"in dem Maße, und nur in diesem, wie die Habitusformen dieselbe Geschichte verkörpern - oder genauer dieselbe in Habitusformen und Strukturen objektivierte -, [...] die von ihnen erzeugten Praktiken wechselseitig verstehbar und unmittelbar den Strukturen angepaßt und außerdem aufeinander abgestimmt und mit einem zugleich einheitlichen und systematischen [...] Sinn ausgestattet [sind]." (ebd., S. 108)

Ein Beispiel solcher Austauschbeziehungen ist die Begrüßung zweier Menschen. Dabei können verschiedene Rahmen gesetzt werden, die zwischen Aufwertung und Abwertung liegen. Je nachdem wie sich die Begrüßenden austauschen, können sie sich mit hoher Wertschätzung bis hin zu extremer Gleichgültigkeit gegenübertreten.

"[...] ohne, daß es einer Reflexion bedarf, [ist] geregelt, daß ein Gruß in zeitlicher Konvergenz erwidert oder zuerst erteilt werden muß, je nach sozialer Stellung. Die Erwiderung einer Gabe kann je nach Zeitabstand Achtung oder Mißachtung ausdrücken." (Jantzen 1996, S. 268)

BOURDIEU untersucht also zunächst Selbstverständlichkeiten, wodurch sich aber jedes Mitglied der Gesellschaft mittels Wissensaneignung über diese Selbstverständlichkeiten austauschen und dadurch absichern kann.

Der Tausch

BOURDIEU fragt nun, was die Grundlage dieses Tausches ist und entwickelt diesen Zusammenhang direkt aus dem MARXschen Tauschbegriff heraus (vgl. Bourdieu 1993, S. 206). Er sagt, die Menschen tauschen sich aus, weil sie als Angehörige ihrer Gesellschaft in der jeweiligen Gesellschaft durch Geburt, durch den familiären Ort, durch Geschlechter usw. ein bestimmtes "symbolisches Kapital" zugeschrieben bekommen haben (vgl. ebd., S. 205ff.). Dieses symbolische Kapital können sie mehren, oder sie können es abwirtschaften, und sie können es erhalten. Erhalten können sie es, indem sie das tun, was sich gehört. Sie können es abwirtschaften, indem sie sich ungewöhnlich benehmen, so wie jener Maurer in BOURDIEUs Beispiel (vgl. ebd., S. 209), der nach langem Aufenthalt in Frankreich ins Riffgebirge zurückkommt und bei einer großen Feier forderte, dass ihm sein Anteil am Essen und Trinken auf diesem Fest in Geld ausbezahlt werden solle. Aus ökonomischer Sicht ist diese Forderung einleuchtend, aber sozial hat sich der Maurer abgewertet und wird in der kabylischen Gesellschaft höchstwahrscheinlich den Status, den er vorher hatte, nicht wieder erreichen. Er hat gegen die ungeschriebenen Gesetze seiner Gesellschaft verstoßen, die GEHLEN als transzendent, also nicht sichtbar beschreibt. BOURDIEU erkennt hierin weiterführend eine "Verschleierung der [vorhandenen] ökonomischen Handlungen" (Bourdieu 1993, S. 209). Hier ist ein unausgesprochenes Abkommen sichtbar, welches sich über Ehre und Würde ausdrückt und nicht in Geld übersetzt werden darf, denn in diesem Kontext über den ökonomischen Wert dahinter nachzudenken und dann danach zu handeln, wäre ein Offenlegen der Basis und damit ein Tabubruch (vgl. ebd., 205ff.). Der Zusammenhang ist also kein Geldmaßstab, sondern er ist ein abstrakter Maßstab über das, was sich gehört, was dem andern zusteht, und damit ein Äquivalententausch, welcher ein implizites Modell von Ehre und Würde, die jedem zustehen, als Wertausdruck hat. Ehre und Würde haben in der vorkapitalistischen Gesellschaft noch die Funktion, die in der kapitalistischen das Geld annehmen kann. Und sie haben die Funktion, wie sie MARX in vorkapitalistischen Gesellschaften für den ökonomischen Teil des Warentausches analysiert hat. Demnach spielen Ehre, Würde oder Zuerkennung eine Rolle als Wertmaßstab für symbolisches Kapital, und das ist ein allgemeines Äquivalent dieser Gesellschaft, um das herum getauscht wird, damit die Beziehungen reguliert werden können.

Hier werden Institutionen sichtbar, die quasi "in Fleisch und Blut" übergegangen sind (vgl. Daniel 2002, S. 189). Erst wenn ein Mitglied der jeweiligen Gesellschaft anfängt, in den Tauschbeziehungen zu variieren, werden die Grenzen der Institution deutlich. Das Mitglied befindet sich dann in einem Rahmen, den es vor der Variation gar nicht gesehen hätte und stößt in ihm dann an Grenzen.

Die Überschneidung in den beiden Theorien

Alles, was in den Körper der Menschen eingeschrieben ist, nennt BOURDIEU Habitus und umschreibt damit den Komplex, den GEHLEN als Gewohnheit bezeichnet. Beide ziehen daraus die gleichen Schlussfolgerungen. Auch BOURDIEU stimmt zu, dass wie bei GEHLEN das Gesellschaftliche über Tauschverhältnisse reguliert wird. Es sind also Vorgänge des äquivalenten Tausches in der Gesellschaft, und wonach getauscht wird ist nicht sichtbar, also transzendent wie GEHLEN oder "verschleiert" wie BOURDIEU sagt. GEHLENs "Institutionenlehre" sieht den Menschen als ein biologisch nicht durch Instinkte geleitetes und deshalb auf stabile Institutionen angewiesenes "Mängelwesen" an (vgl. hierzu auch Gehlen 1986a, S. 35 und 82ff.). BOURDIEU vollzieht im Gegensatz dazu lediglich eine Analyse von individuellem Handeln, von kulturell vermittelten Handlungsmustern und der sozioökonomischen Macht- und Chancenverteilung. Was auf Seiten der Menschen Gewohnheiten und Habitus sind, ist auf Seiten der gesellschaftlichen Verhältnisse Institution. Was auf Seiten der Menschen die Güterproduktion ist, ist auf der Seite der gesellschaftlichen Verhältnisse Wertproduktion.

Die Vertragstheorien als Basis der Institutionen

Nachdem der Mensch phylogenetisch Produktionsmittel und damit privates Eigentum gebildet hat, das als Äquivalent angesehen und damit getauscht werden konnte, entstanden gesellschaftliche Probleme wie Eigentumsdelikte, Betrug, Unterschlagung, Raub, Diebstahl, Ehescheidung, Vererbungen, Staatsbürgerschaftsnachweise, Urheberschaftsansprüche, kaufmännische Beziehungen, Schadensersatzansprüche u.Ä., welche durch einen Verwaltungsapparat, einen Vollzugsapparat, einen Überwachungsapparat institutionell geregelt werden müssen. Die menschliche Gesellschaft kann also nicht ohne Organisation existieren. Diese neu entstandene Organisationsform, die sich in seinen Institutionen ausdrückt, wird in seiner Gesamtheit "Staat" genannt (vgl. Rauter 1977, S. 33).

"Aus früheren Tauschverhältnissen entstehen erstmalig Gesellschaften. In ihnen erfolgt die Weiterentwicklung der Institutionen. Institutionen können als verallgemeinerte Reproduktionsverhältnisse begriffen werden, welche die einzelnen Menschen herstellen und in die sie sich zu fügen haben. Und erst indem solche Verhältnisse sich in horizontaler und vertikaler Gliederung zur Reproduktion in staatlich gefaßten Gesellschaften entwickeln, treten systematisch Herrschaft und Unterdrückung in völlig neuen Formen auf." (Jantzen 1994b, S. 50)

Es stellt sich nun die Frage, auf welcher vertragstheoretischen Basis sich staatlich gefasste Gesellschaften bilden, die dann auch Grundlage für Institutionen sind. Die Theorien des "Unterwerfungsvertrages", des "Gesellschaftsvertrages" und des "Konstitutionsvertrages" können als verschiedene Grundlagen angesehen werden. Diese drei Theorien entstanden in der Periode, die GOTTFRIED ANGELO MANN (1909 - 1994) (1964) als "La Crise de la Conscience Europeénne[17]" identifiziert,...

"die Epoche, während der, [...] der Absolutismus sich feierlich vollendete. Aber unter seiner goldenen Kuppel [...] war Bewegung. [...] Fast alles ist damals gedacht und geschrieben worden, was später die ‚Aufklärung' popularisierte, woraus später die großen politischen Revolutionen hervorgingen." (Mann 1964, S. 351)

Die Betrachtung der Vertragstheorien soll versuchen zu klären, ob Institutionen so sein müssen, wie sie von "Natur" aus sind, also "unveränderbar", oder ob sich nicht Institutionen aufgrund einer anderen Vertragsbasis auch verändern können oder sogar ganz entbehrlich sind.

Der Unterwerfungsvertrag

Der bürgerlich-materialistische Philosoph HOBBES floh in den Wirren des englischen Bürgerkrieges 1640 nach Frankreich, da er fürchtete, wegen seines Werkes "The Elements of Law[18]" Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. Tuck 1989, S. 45). Hier verfasste er den "Leviathan", in dem er den Bürgerkrieg als "Behemoth", ein mythisches Landungeheuer der Endzeit in der jüdische Apokalyptik, beschreibt (vgl. Bibel 1952, S. 547). Der "Leviathan" machte HOBBES "nicht nur in kürzester Zeit zum ‚Monster von Malmesbury', sondern führte auch dazu, dass er sich längere Zeit den Anfeindungen von Leuten ausgesetzt sah, die einmal seine Freunde gewesen waren" (Tuck 1989, S. 49)

HOBBES´ (1970) Antwort auf den Bürgerkrieg ist zunächst die Forderung, auf das Naturrecht zurückzukommen, und das heißt für ihn, erst einmal wieder Gehorsam zu leisten. Den Menschen sieht HOBBES im Naturzustand als Egoisten, der nach dem eigenen Vorteil, das heißt nach Erhaltung seiner Existenz und dem Besitz möglichst vieler Güter strebt.

"Das Naturrecht ist die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles, was dazu etwas beizutragen scheint, tun kann." (Hobbes 1970, S. 118)

Dadurch herrscht aber seiner Ansicht nach ein "Krieg aller gegen aller" (ebd., S. 115), und dieser Zustand lässt für den Menschen den naturgegebenen Wunsch nach Sicherheit unbefriedigt. Die Gesellschaft selbst muss demzufolge einen starken Staat als Unterwerfungsstaat aufbauen mit einem theologischen Souverän (ebd., S. 155), denn "wo keine zwingende Gewalt ist, würde [...] das Naturrecht [...] übertreten werden." (ebd., S. 124) Im Kontext der Zeitgeschehnisse, die von revolutionären Umwälzungen geprägt sind, ist HOBBES damit ein Verfechter einer unerschütterlichen Staatsautorität (vgl. Störig 1986, S. 298f.). Den Staat oder das Gemeinwesen nennt er "Leviathan" (Hobbes 1970, S. 155), ein mythisches kanaanäisches Meeresungeheuer (Schlange oder Drache), welches im Alten Testament die Personifikation der gottfeindlichen Mächte darstellt (vgl. Bibel 1952, S. 679). Das Wesen des Leviathan, also sein Konstrukt des Staates, sieht wie folgt aus:

"Der Staat ist eine Person, deren Handlungen eine große Menge Menschenkraft der gegenseitigen Verträge [vgl. dazu Hobbes 1970, S. 118ff] eines jeden mit einem jeden als ihre eigenen ansehen, auf diese nach ihrem Gutdünken die Macht aller zum Frieden und zu gemeinschaftlichen Verteidigung anwende" (Hobbes 1970, S. 155f.)

Das eine Ungeheuer kann nur vermittels des anderen Ungeheuers besiegt werden. Leviathan ist die große Maschine, die Gewalt über alle hat und vom Souverän mit Seele besetzt wird, der als "Stellvertreter des Staates [die] höchste Gewalt [besitzt]" (ebd., S. 156), und dieser entscheidet dann, was Recht ist: "Was er erlaubt, ist Recht, was er verbietet, Unrecht" (Störig 1986, S. 299). Ein Recht auf Widerstand gegen diesen selbst gibt es nicht. Der Mensch hat also nur die Alternative zwischen dem Urzustand seiner Natur, das heißt völlige Anarchie und Bürgerkrieg, oder der restlosen Unterwerfung unter einer staatlichen Ordnung (vgl. ebd.). LOCKE wendet gegen HOBBES ein, dass auch ein Souverän, da ebenso ein Mensch, genauso seinem Naturzustand unterworfen ist und somit auch gewalttätige Neigungen besitzen kann wie seine Untertanen:

"Wer nämlich glaubt, absolute Gewalt reinige der Menschen Blut und ändere etwas an der Niedrigkeit der menschlichen Natur, der braucht nur in der Geschichte des jetzigen oder irgendeines anderen Zeitalters nachzulesen, um von dem Gegenteil überzeugt zu werden." (Locke 1974, S. 69 zit. n. Hennen/Prigge 1977, S. 41)

Alles, was laut HOBBES nicht durch Gesetz geregelt wird, ist allerdings frei, und das öffnet den Weg für das liberale Bürgertum und gleichzeitig für eine Ethik dieser individuellen Freiheit. Ethisch ist darin das, was den Individuen nützt. Hier, genau in den Lücken der Theorie des Unterwerfungsstaates, entsteht der Utilitarismus[19], der in verschiedenen Varianten bis heute eine wichtige und einflussreiche philosophische Strömung im englischsprachigen Raum ist[20]. In dieser Lücke wird ihn zunächst der englische Philosoph JEREMY BENTHAM (1748 - 1832) entwickeln. Der "Urvater des Liberalismus" schrieb von der "unsichtbaren Hand", dank derer aus der Verfolgung der Einzelinteressen das Gemeinwohl entstehe (vgl. Irrgang 1998, S. 56 ff.). Auf ihn werde ich bzgl. der "totalen Institution" zurückkommen (vgl. Kapitel 2.3.1)

Der Gesellschaftsvertrag von Jean - Jacques Rousseau

Ein Jahrhundert später ist es JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712 - 1778), der in Frankreich mit seiner Lehre vom "Gesellschaftsvertrag" hervortritt und sich mit diesem gegen HOBBES stellt. Es ist die Zeit der privilegierten Aristokratie im vorrevolutionären Frankreich und die Zeit des "Ancien Régime[21]". König ist der fünfjährige LUDWIG XV, dessen Regent PHILIPP VON ORLEANS trotz der hohen Staatsverschuldung, die durch die kostspieligen Kriege des LUDWIG XIV entstanden war, in der Glanzzeit des Rokoko eine verschwenderische Hofhaltung unterhielt (vgl. Atlas zur Weltgeschichte 1982, S. 281). Gleichzeitig verarmte die Bevölkerung in extremen Maße (vgl. Engelmann 1979a, S. 149). Diese Ungleichheit bewog ROUSSEAU (1981) zu seiner "Gleichheitslehre". Für ROUSSEAU waren die Menschen "im Zustand der Natur und der Wildheit [...] gleich" (Engels 1977, S. 129). ENGELS weist im sogenannten "Anti-Dühring" darauf hin, dass diese ursprünglichen "Tiermenschen[22]" für ROUSSEAU vor den übrigen Tieren dieser Zeit die Fähigkeit hatten, sich weiter zu entwickeln, und diese Weiterentwicklung sieht er als Ursache für die Ungleichheit.

"ROUSSEAU sah also in der Ungleichheit einen Fortschritt. Aber dieser Fortschritt war antagonistisch, er war zugleich ein Rückschritt." (ebd., S. 130)

Bei seiner geschichtsphilosophischen Konzeption sind hier dialektische Ansätze zu erkennen, auf die ENGELS im "Anti-Dühring" hinweist. Für ihn ist hier das dialektische Gesetz der Negation der Negation erkennbar (vgl. ebd., S. 131).

ROUSSEAU widerspricht damit der Vertragstheorie von HOBBES, der den Zustand der Sklaverei und Ungleichheit als gegebene Tatsache ansieht. (vgl. Rousseau 1981, S. 41)

"Während HOBBES die herrschaftsmäßige Bändigung der feindseligen und gewalttätigen Menschennatur vordringlich erschien, war es für ROUSSEAU gerade die Befreiung von gesellschaftlicher Reglementierung, die verwirklicht werden musste." (Hennen / Prigge 1977, S. 36)

Die Natur ist bei ROUSSEAU das ursprünglich Freie, die Gesellschaft ist das, was uns zwingt (vgl. Rousseau 1981, S. 40ff.). Aber Gehorsam unter allen Umständen ist naturwidrig und damit ein gesellschaftlicher Akt; ein Akt positiven Rechts, nicht Naturrechts. Gehorsam kann nur dort geleistet werden, wo er die Einsicht der Mehrheit mit einbezieht, also dem fiktiven "volonté general"[23], dem allgemeinen Willen unterliegt.

"Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des Allgemeinwillen, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf." (Rousseau 1981, S. 50)

Damit kommt ROUSSEAU zu einer anderen Vertragstheorie, indem jeder als Teil des Souveräns der Allgemeinheit verpflichtet bleibt (vgl. ebd., 51f.). Die Theorie von HOBBES ist der Unterwerfungsstaat, damit der Unterwerfungsvertrag. Die Vertragstheorie von ROUSSEAU beinhaltet den gesellschaftlichen Vertrag und den gesellschaftlichen Staat; ein Staat der durch Mehrheitsverhältnisse gebildet wird und damit auf demokratischen Grundlagen steht. Das macht ROUSSEAU so attraktiv für den Kampf gegen das Ancien Régime und für die bürgerliche Revolution, die in der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 ihren Anfang nimmt (vgl. Engelmann 1979a, S. 144f. und ferner Engelmann 1979b). Er ist somit einer der Väter und Vordenker der heutigen freien bürgerlichen Staaten und deren facettenreichen demokratischen Grundlagen.

Der Konstitutionsvertrag von Baruch Spinoza

BARUCH DE SPINOZA (1632 - 1677) steht generationsmäßig zwischen HOBBES und ROUSSEAU. Er gehörte zur jüdischen Gemeinde in Amsterdam und studierte als Jüngling den Talmud, die Bibel, die mittelalterlichen jüdischen Philosophen, bald aber auch die Scholastik, die griechische Philosophie und schließlich die neuere Philosophie seiner Zeit, besonders DESCARTES. Aufgrund der weit ausgreifenden Studien gelangte er bald zu Ansichten, die im Gegensatz zum Konstrukt von Religion und zum Dualismus von DESCARTES monistisch und materialistisch waren (vgl. Jantzen 1992, S. 119) und die damit einen Widerspruch zu seinem ursprünglichen Glauben aufwiesen. "In Übereinstimmung mit den antiken Materialisten und HOBBES betrachtet SPINOZA die Furcht als eine Quelle religiösen Aberglaubens und erkennt, daß die Religion dazu dient, das Volk in Knechtschaft zu halten." (Klaus/Buhr 1971b, S. 1030) So kam es, dass er bereits mit 24 Jahren, wegen Verbreitung angeblicher Irrlehren der Ketzerei angeklagt, aus seiner Gemeinde ausgeschlossen und darauf folgend über ihn der Bannfluch verhängt wurde. Der Ausschluss eines Juden aus seiner Gemeinde in der christlichen Umwelt dieser Zeit war doppelt schwer. Das Ergebnis war eine fast grenzenlose Einsamkeit und damit verbunden aber auch eine innere Unabhängigkeit und Freiheit. Sein weiteres kurzes Leben verlebte er zurückgezogen und in größter Bescheidenheit in verschiedenen Orten Hollands (vgl. Störig 1986, S. 326f.). Das Hauptwerk "Ethik" (1975) wurde erst nach seinem Tode von Freunden veröffentlicht. (vgl. Störig 1986, S. 329)

"In der ‚Ethik' wird der Bezugsrahmen einer Theorie des Universums angelegt, innerhalb derer der Mensch zu sehen ist. Das Universum wird als selbstorganisiert und selbstorganisierend durch die Wechselwirkung der Naturprozesse gesehen und nicht deterministisch. ‚Gott', als Metapher für Naturprozeß und Naturgesetze, ist in den Dingen enthalten und steht nicht über oder vor den Dingen. Die Entwicklung der individuellen Vernunft wird aus strikt konstruktivistischem Wege gedacht." (Jantzen 1998, S. 48)

In seiner zu Lebzeiten selbst veröffentlichten Schrift, das "Theologisch - politische Traktat" (o.J.), nimmt SPINOZA eine radikale Gegenposition zum Unterwerfungsvertrag ein (vgl. Jantzen 1998, S. 49).

Sowie für HOBBES das Gesellschaftliche gut und das Natürliche schlecht und für ROUSSEAU das Natürliche gut und das Gesellschaftliche schlecht ist, ist für SPINOZA keines von beiden gut oder schlecht. Gut oder böse ist für ihn eine Benennung, eine Eigenschaft, die Dingen zugeschrieben wird, welche vom Beobachterstandpunkt abhängig sind. Spätere Studien aus der amerikanischen Kulturanthropologie belegen die Verschiedenartigkeit von Menschen, und zahllose Beobachtungen zeigen, wie sehr sich die Erziehung auf die Grundpersönlichkeit, den ethnischen Charakter und auf die Definition von gut und böse, von angenehm und unangenehm auswirkt. (vgl. Malson/Itard/Mannoni 1972, S. 27f.)[24]. So haben "Gut und Böse [...] nur Sinn in bezug auf den Menschen und seine vorgestellten Zwecke." (Seidel 1975, S. 6) Wenn die Dinge "causa sui" als eigene Ursache betrachtet werden, dann kann nicht gesagt werden, das Ding ist gut oder schlecht, sondern es verhält sich dann so wie es sich verhält. (vgl. z.B. Spinoza 1975, S. 96ff.). Also weder Natur noch Gesellschaft sind aus sich selbst heraus gut oder schlecht.

Es stellt sich nun die Frage, wie sich in diesem Gedankenkonstrukt SPINOZAs die Möglichkeiten darstellen, mit denen alle Mitglieder der Gesellschaft am besten zusammen leben können.

SPINOZA macht darauf aufmerksam, dass eine Konstruktion des Staates Bedingungen zu beachten hat, die in der Natur des Menschen liegen. JANTZEN schreibt über das theologisch-politische Traktat: "Damit der Mensch vernünftig werden kann, bedarf es des Staates, der durch Übertragung der Naturrechte der Menschen in das positive Bürgerrecht sich gründet." (Jantzen 1998, S. 48) SPINOZA sagt in diesem Zusammenhang, dass die

"Freiheit ohne jedwede Gefahr für den Bürgerfrieden und das Recht der obersten Staatsgewalt [...] gewährt werden muß, ja das sie ohne große Gefahr für den Bürgerfrieden und großen Nachteil für den ganzen Staat nicht aufgehoben werden kann. Um dies zu beweisen, gehe ich von dem natürlichen Recht des Einzelnen aus und behaupte, daß sich dasselbe ebensoweit erstreckt, als sich sein Wille und seine Macht erstreckt." (Spinoza o.J., S. 33)

Der Staat muss so sein, dass er den verschiedenen Naturmöglichkeiten des Menschen entgegenkommt. Außerdem muss der Staat präventive regulative Gewalt haben (vgl. ebd., S. 33f.), aber diese muss wieder ausgewogen sein zur Naturbeschaffenheit der Menschheit. Denn der Staat darf andererseits niemanden zwingen, gegen sein eigenes Denken zu denken oder gegen seine eigenen Gefühle zu fühlen, deshalb verlangt SPINOZA auch die Gedankenfreiheit. Er sagt, "daß nach dem Naturrecht niemand gezwungen werden kann, nach der Überzeugung eines anderen zu leben, sondern jeder Schutzherr seiner Freiheit ist." (Spinoza o.J., S. 33). Er ist der Meinung, dass "die Inhaber der höchsten Staatsgewalt [...] am besten [...] die Regierung sichern können, wenn jedem erlaubt ist, zu denken was er will und zu sagen was er denkt." (Spinoza o.J., S. 34; vgl. dazu auch S. 372ff.). Was aber ausgesprochen wird ist eine soziale Tat und die kann dann gesellschaftlich bewertet werden (vgl. Spinoza o.J., S. 376ff.). Der Staat findet immer seine Grenze in der Existenz der Natur und ist gut beraten, "die Existenz des [...] Naturrechts im Bürgerrecht zu bedenken, will er sich nicht selbst seine Grundlage entziehen." (Jantzen 1998, S. 49); der "Zweck des Staates ist [...] im Grunde die Freiheit." (Spinoza o.J., S. 375).

Also beide Seiten: gesellschaftliche und natürliche Verhältnisse sind jeweils "causa sui", also als eigene Ursache zu denken. Dabei müssen die Konstruktionsverhältnisse so gedacht werden, dass diese jeweils aufgehen. Ein Balanceakt, den jede Generation immer wieder neu zu tun und zu verbessern hat. Ein einmalig geschaffener und damit feststehender Gesellschafts- oder Unterwerfungsvertrag vermag dies nicht zu leisten. Bei JANTZEN (1998) findet sich, für das Gedankenmodell Spinozas der Begriff des Konstitutionsvertrages (vgl. Jantzen 1998, S. 49). Jede neue Generation muss demnach diesen unter jeden gesellschaftlichen Verhältnissen erneut aushandeln.

Es gibt im Bürgerrecht folglich immer eine Grenze zwischen Natur und Gesellschaft, und diese Grenze kann nur dann latent bleiben, wenn sie ausgehandelt wird, d.h. im Bürgerrecht ist immer die Grenze des Bürgerkriegs, die HOBBES durch den Leviathan, den starken Staat durchbrechen will, vorhanden. Denn wo gesellschaftliches Recht gegen Naturrecht verstößt, wird sich das Naturrecht gegen das gesellschaftliche Recht verteidigen. Bürgerkrieg ist aber damit nicht ein die Gesellschaft überschwemmendes Ereignis, was mit dem Unterwerfungsstaat gehandhabt werden kann, sondern Bürgerkrieg ist immer latent in der Auseinandersetzung zwischen Natur und Gesellschaft (vgl. ebd.).

SPINOZA entwickelte damit die Theorie einer freien Gesellschaft. Die freie Gesellschaft ist eine Konstruktion von Generation zu Generation und kein fester Endzustand.

Damit liegen drei Vertragsgrundlagen vor, auf denen die Bildung von Institution oder institutionellen Veränderungen gedacht werden können.

Die Totale Institution

Im folgenden wird auf der Basis der Vertragstheorien nun dargelegt, auf welcher Grundlage die totale Institution entsteht und welche Strukturen, Merkmale und Wirkungen sie hat.

Die Totale Institution im historischen Kontext

MICHEL FOUCAULT (1926 - 1984) vollzieht in "Überwachen und Strafen" (1994) eine analytische Rückschau von Strafsystemen und kommt zu dem Schluss, dass die Gesellschaft im Laufe der Zeit die Mechanismen aus Überwachung und Bestrafung so weit verinnerlicht hat, dass die Einzelindividuen heute schon allein beim Gedanken an eine Tat, die laut Gesellschaft bestrafungswürdig ist, den inneren Zensor aufrufen, der sie in die Schranken weißt.

War in einer Stadt des 17. Jahrhunderts die Pest ausgebrochen, so traten umgehend restriktive Maßnahmen aufgrund entsprechender Gesetze in Kraft. Die Stadt wurde insgesamt unter Quarantäne gestellt, und jeder Stadtteil und jede Straße wurde einzeln abgeriegelt. Die jeweiligen Stadtviertel wurden unter die Befehlsgewalt von sogenannten Intendanten gestellt, und jede Straße hatte einen Syndikus, der den Intendanten ständig über die Veränderungen, die Toten und die eventuell zu veranlassenden Maßnahmen Bericht erstattete. Die Syndici hatten die absolute Autorität in ihren Straßen und hielten jede Familie unter Verschluss, regelten die Zuteilung von Nahrung und die Entsorgung der Toten, die sie über sogenannte "Raben", Leute von "geringem Wert [...], die man ohne weiteres dem Tod ausliefern konnte" (Foucault 1994, S. 251), vollziehen ließen. Damit keine Unruhen entstanden, wurden Gardesoldaten eingesetzt (vgl. Foucault 1994, S. 251). Bis auf die Intendanten, Syndici, Raben und Gardesoldaten waren also zu Pestzeiten die Straßen leer und die Bewohner in ihren Häusern isoliert.

Diese rigorose Parzellierung des Raums gewährleistete ein "Netz von undurchlässigen Zellen" (ebd., S. 251). Durch die Errichtung dieser Disziplinargewalt erhoffte sich der Gesetzgeber eine Eindämmung der Pest. Bei Leprakranken wurde im gleichen Zeitraum mit Ausschluss und Verbannung reagiert, welche sich in ähnlich abgeriegelten Räumen vollzog.

Dahinter verbirgt sich der Traum einer reinen und disziplinierten Gemeinschaft, und durch das Mittel der Disziplinargewalt wird versucht, "Macht über die Menschen auszuüben, ihre Beziehungen zu kontrollieren und ihre gefährlichen Vermischungen zu entflechten" (ebd., S. 255).

Die Pest und die Lepra sind begrenzte und vorübergehende Ereignisse. Aus der während der Pest zum Einsatz gelangten Disziplinargewalt ein auf Dauer gestelltes Konstrukt zu schaffen, welches die Gesamtgesellschaft lückenlos überwacht und ein sie durchdringendes Netzwerk schafft, war der Traum von BENTHAM.

Der Philosoph BENTHAM denkt das Modell der Unterwerfung genauso wie HOBBES, denn von BENTHAM stammt das Modell des Panopticon[25], der ersten systematisch gedachten totalen Institution für unter anderem behinderte und psychisch kranke Menschen. Im Jahr 1785 machte er sich an den Entwurf eines ringförmigen Gebäudes, in dessen Mitte ein Turm steht, der von breiten Fenstern durchbrochen ist, welche sich nach der Innenseite des Ringes öffnen. Das Ringgebäude ist in Zellen unterteilt, von denen jede durch die gesamte Tiefe des Gebäudes reicht. Die Zellen haben nach innen und nach außen gerichtet Fenster, so dass lediglich ein "Aufseher" genügt "einen Irren, einen Kranken, einen Sträfling, einen Arbeiter oder einen Schüler" (Foucault 1994, S. 257) zu überwachen.

"BENTHAM hoffte als Rationalist, dass die [...][Insassen] im Wissen, dass sie gesehen werden, davor zurückschrecken würden, Böses zu tun, um der Bestrafung zu entgehen. So glaubte er im Sinne der Aufklärung bei der Erziehung des Menschen einen Beitrag zu leisten, in dem der [...][Insasse] den Kontrollblick verinnerlichte." (Levin 2001)

Das Panopticon ist eine totale Institution, welche die Macht automatisiert und entindividualisiert: Im Außenring kann der Insasse vollständig gesehen werden, ohne je zu sehen wer ihn sieht, aber in dem Bewusstsein, dass er immer überwacht wird. (vgl. Foucault 1994, S. 259)

Das Panopticon funktioniert als Laboratorium der Macht, welches als "Maschine für Experimente, zur Veränderung des Verhaltens, zur Dressur und Korrektur von Individuen" (Foucault 1994, S. 262) dienen kann.

Im Vergleich zum punktuellen Disziplinargewaltmodell einer verpesteten Stadt ist das Modell von BENTHAM ein verallgemeinerungsfähiges Funktionsmodell, "das die Beziehungen der Macht zum Alltagsleben der Menschen definiert" (ebd., S. 264). Das Panopticon lässt sich also nicht nur für eine Funktion verwenden, sondern in jede Funktion integrieren, zum Beispiel in Erziehung, Heilung, Produktion und Bestrafung und ist somit ein ideales Regierungsinstrument (vgl. ebd., S. 265).

"Eine umfassende Verallgemeinerung der Disziplinen, die in Benthams Machtphysik zu Protokoll gegeben wird, hat sich im Laufe des klassischen Zeitalters vollzogen. Die Disziplinarinstitutionen haben sich vervielfältigt, ihr Netz ist immer umfassender geworden, und immer mehr sind sie aus ihrer Randlage herausgerückt: was einst eine Insel war, ein bevorzugter Platz, eine vorübergehende Maßnahme oder ein besonderes Modell, wird jetzt zur allgemeinen Formel." (Foucault 1994, S. 269)

Was BENTHAM als technisches Programm beschrieben hat, kann also als Modell für einen historischen Prozess gesehen werden. FOUCAULT nennt diesen Prozess Panoptismus und dieser ist die Grundlage auf der sich totale Institutionen bilden können.

"Seit BENTHAM ist der Raum des Panoptikums zum Synonym für das Arsenal an Überwachungspraktiken geworden, die unser heutiges Leben bestimmen. Wenn wir zögern eine rote Ampel zu überfahren, weil auf der anderen Seite der Kreuzung eine Radaranlage steht, die funktionieren könnte, dann verhalten wir uns genau entsprechend der [...] panoptischen Logik." (Levin 2001)

Im Sinne dieser panoptischen Logik hat die Gesellschaft bis heute, basierend auf der Formel des Panopticons, kontinuierlich Formen totaler Institutionen herausgebildet. In einer seiner massivsten Formen ist die totale Institution im Holocaust in Form des KZ zu Tage getreten.

JANTZEN (1994a) beschreibt fünf Grundlagen für die mögliche Entstehung des Holocaust:

1. "die Existenz moderner Bürokratie"

2. "die Erzeugung moralischer Insuffizienz, u.a. durch Dehumanisierung der Betroffenen oder zumindest durch Errichtung von Grenzen der Gleichgültigkeit"

3. "die Ersetzung von moralischer Verantwortung durch technisch-formale Verantwortung"

4. "die soziale Utopie einer schönen neuen Welt"

5. "die Möglichkeit und der Wille, diese Idee durchzusetzen" (Jantzen 1994a, S. 337)

Hier werden die gesellschaftlichen Bedingungen, die zum Fanal "Holocaust" geführt haben, besonders deutlich, und es sind Parallelen zum Konstrukt von BENTHAMs Utopie einer reinen Gesellschaft zu erkennen. HANNAH ARENDT (1906 - 1975) beschreibt in "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" (1955), in welcher Weise sich die gesellschaftlichen Grundlagen im oben genannten Sinne zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellten und über die totalitäre Herrschaft des "3. Reichs" zwischen 1933 - 1945 schließlich zum Holocaust führten.

Es finden sich bereits vergleichbar utilitaristische Passagen in "Mein Kampf" des ADOLF HITLER (1889 - 1945) (vgl. besonders Hitler 1940, S. 279f), hier in Bezug auf geistig behinderte und psychisch kranke Menschen. Er fordert die "unbarmherzige Absonderung unheilbar Erkrankter", die er als "eine barbarische Maßnahme für den unglücklich davon Betroffenen, aber ein Segen für die Mit- und Nachwelt" (Hitler 1940, S. 280) dargestellt. Hier lässt sich ein Gleichklang mit den Schriften von KARL BINDING (1841 - 1920) und ALFRED ERICH HOCHE (1865 - 1943) von 1920 erkennen, die in der Schrift "Die Freigabe des Gesetz zur Vernichtung lebensunwerten Lebens" ausführen:

"Wieder finde ich weder vom rechtlichen, noch vom sozialen, noch vom sittlichen, noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund, die Tötung dieser Menschen, die das furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden und fast Jedem Entsetzen erwecken, der ihnen begegnet, freizugeben" (Binding/Hoche 1920, S. 32 zit. n. Feuser 1995, S. 76).

Auf die Ankündigung HITLERs folgten dann nach der Machtergreifung 1933 die entsprechenden Gesetze und Maßnahmen, die bis zu den ersten Tötungshandlungen an behinderten Menschen 1940 im Rahmen von "T4"[26] (vgl. Roer/ Henkel 1986, S. 51ff.) führten. Im Frühjahr 1939 konstituierte sich der "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erforschung von erb- und anlagebedingten Leiden", der in einem geheimen Ministererlass Hebammen und Geburtshelfer verpflichtete behinderte Säuglinge den Gesundheitsämtern zu melden. Dort wurde über Leben und Tod der Kinder entschieden und diese dann entsprechend den 21 in Deutschland existierenden Kinderfachabteilungen zugeteilt. Alle nachfolgenden Vernichtungsaktionen im Rahmen von T4 ab 1940 wurden aufgrund der persönlichen Ermächtigung von HITLER getätigt. Es existiert ein Brief von HITLER vom 1. September 1939 an Reichsleiter PHILIPP BOUHLER und Dr. med. KARL BRANDT, indem er die Empfänger...

"unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann." (Landeswohlfahrtsverband Hessen o.J., S. 69).

Der Brief wurde von HITLER im Oktober 1939 unterzeichnet, auf den 1. September zurückdatiert und gilt in der historischen Literatur als Beginn der Euthanasie-Verbrechen. Bis auf einen Gesetzentwurf von 1940 über die Lebensvernichtung bezüglich der Selektionskriterien[27], wurde öffentlich nichts über diese Aktionen schriftlich herausgegeben (vgl. Klee 1981, S. 24f.). Gleichwohl wurden die Aktionen durch entsprechende Veröffentlichungen begleitet, um die inoffizielle Mordpraxis quasi zu rechtfertigen und pseudowissenschaftlich zu untermauern. (vgl. z.B. Enke 1938, S. 263ff, besonders 266 und 270.; Hoche 1940, S. 241f.; Reichsausschuß für Volksgesundheitsdienst 1942, S. 13-30). Etwa 15 000 Opfer kamen in Hadamar, der größten Tötungsanstalt der T4 Maßnahmen, ums Leben. Insgesamt wurden während des Faschismus psychisch kranke und geistig behinderte Menschen zu Hunderttausenden als sogenannte "Unproduktive" ermordet. Eine Aufarbeitung dieses Zusammenhangs fand nach dem 2. Weltkrieg zunächst nur unzureichend statt. (vgl. Roer/Henkel 1986, S. 7)

"Schon die Vernichtungsaktionen der Nationalsozialisten selbst sind von der deutschen Justiz, wenn überhaupt, dann nur mit größter Nachsicht und Milde bestraft worden. Das Landgericht Tübingen beispielsweise attestierte dem ‚Euthanasie'-Arzt Professor Falthauser, dem die Mitwirkung an der Ermordung von 10 000 behinderten Menschen in Grafeneck zur Last gelegt worden war, ‚das Mitleid, einer der edelsten menschlichen Beweggründe menschlichen Handelns', habe ihn motiviert [vgl. hierzu Szasz 1997]. Der Bundesgerichtshof hat in mehreren Verfahren Freisprüche gegen ‚Euthanasie' - Ärzte bestätigt." (Tolmein 1993, S. 58)

Weiterhin bestehende Institutionen für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen wurden bzgl. ihrer Mechanismen kaum hinterfragt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass weiterhin Verwahrung und Ausgrenzung einschneidende und rigorose Realität blieb, ein Zustand, den schließlich 1975 der "Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland - zur psychiatrischen und psychotherapeutischen/psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung", die sogenannte "Psychiatrieenquete" aufdeckte. In ihm wird von bundesweit bestehenden "elenden und menschenunwürdigen" Zuständen in der Psychiatrie berichtet (vgl. Finzen/Schädle - Deininger 1979, S. 77 - 210; sowie Klee 1978, S. 53).

"Psychisch erkrankte Menschen wurden in psychiatrischen Großkrankenhäusern unter häufig katastrophalen Bedingungen, isoliert von der Außenwelt, gemeindefern untergebracht und oft jahrzehntelang dort hospitalisiert. Rund 500.000 chronisch psychisch Kranke waren zur damaligen Zeit in den psychiatrischen ‚Anstalten' untergebracht. Behandlung mit dem Ziel der Integration in normale Lebensbezüge fand nicht statt. Ausgrenzung und Verwahrung standen im Vordergrund. Außerdem waren die Kliniken überlastet, überfüllt, gleichzeitig personell unterversorgt und in einem baulich äußerst schlechten Zustand." (Werner 1998, S. 153)

Im Zuge der sich im Neoliberalismus der heutigen Zeit vollziehenden Umstrukturierung des sozialen Bereiches muss die Gesellschaft m.E. besonders aufmerksam sein, ob dieser Prozess sich nicht im Sinne der Utopie der reinen Gesellschaft und der panoptischen Logik vollzieht.

Die These von der Utopie einer reinen Gesellschaft ist noch nicht verstummt, und es lassen sich in der historischen Rückschau "‚Kontinuitäten' ideologisch-institutioneller Menschenverachtung im Rahmen des Mythos der Segregation" (Feuser 1995, S. 77) erkennen. Der o.g. (vgl. Kapitel 2.2.1) australische Moralphilosoph SINGER (1994) betrachtet auf der Grundlage des klassischen Utilitarismus nach BENTHAM (vgl. Singer 1994, S. 84f.) "eine Handlung als richtig, wenn sie ebensoviel oder mehr Zuwachs an Glück[28] für alle Betroffenen produziert als jede andere Handlung, und als falsch, wenn sie das nicht tut." (Singer 1994, S. 17) "Tu, was Glück vermehrt und Leiden mindert" (ebd., S. 19). Daraus leitet er ab, dass die Handlung einen geistig behinderten Menschen in die Welt zu setzen, unrecht ist, (vgl. Singer 1994, S. 172) weil diese Tat nicht das Gesamtglück aller mehrt. Dieses utilitaristische Konstrukt ist die Grundlage, auf der SINGER nach Rechtfertigungen für die "Euthanasie" (vgl. ebd., S. 226ff.) all derjenigen sucht, die in seinen Augen die Gesamtsumme des Glücks negativ beeinflusst, denen er als "Nichtpersonen" (vgl. ebd., S. 147ff.) einen bestimmten Wert zukommen lässt und diese dann ökonomisch disqualifiziert (vgl. ebd., S. 197). SINGER offenbart hier ein Menschenbild, "in dem bestimmte Menschen (behinderte) nicht mehr vorkommen, in der die Vernichtung behinderter Menschen auf gedanklicher Ebene bereits vollzogen ist" (Bruns/Penselin/Sierck 1993, S. 109) und dessen Thesen, die sich ausdrücklich gegen die direkte Existenz eines Lebensrechts für alle Menschen wenden, sich im Gleichklang mit den Auffassungen von BINDING und HOCHE befinden (vgl. Feuser 1995, S. 77; Tolmein 1993, S. 74; Bock et. al. 1994, S. 87). SINGER ist als Leiter des "Centre for Human Bioethics" in Melbourne, in dem humangenetische Forschung und Reagenzglas-Befruchtungen durchgeführt werden, wie auch die sogenannte "Bioethik-Konvention"[29] (offizielle Bezeichnung: Menschenrechts-übereinkommen zur Biomedizin des Europarates - ein Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin des Europarates in Straßburg vom Juni 1996), um eine interne nicht öffentliche Ethik-Debatte bemüht, die eine Akzeptanz der Verwertbarkeit menschlichen Lebens in der öffentlichen Meinung zu erreichen sucht (vgl. Paul 1994, S. 12). Hierin wird eine Tendenz offenbar die sich auch in einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik verdeutlicht. JOACHIM HIRSCH (2002) ortet den Grund für diesen Wechsel in einem Umbruch vom Fordismus zum Postfordismus (vgl. Kapitel 4.3). Durch den damit einhergehenden Rückzug des Staates aus der Verantwortung für die sozialen Folgen der seit 1989 voranschreitenden globalen Ausbreitung des Kapitalismus greift nun immer mehr die

"Unterwerfung des Menschen unter die Kapitallogik bzw. unter den‚ ,Terror der Ökonomie', der neoliberale Versuch der totalen Vernutzung der im Menschen ruhenden Ressourcen bei Auslese und Ausgrenzung derjenigen, deren kapitalistischer Vernutzungswert gegen Null geht [...] [Dieser Zustand wird] in vielen Einrichtungen und Diensten vorerst als Tendenz wahrgenommen [...], ist [aber] in anderen Bereichen bereits weit fortgeschrittene empirische Realität." (Herzog/Müller 2002, S. 210)

Den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Aussonderung von Menschen erkennt auch ERNST KLEE (geb. 1942) (1978). In Hinblick auf die Wirtschaftspolitik zeichnet er eine Parallele der Geschichte der Psychiatrie zur Geschichte des Strafvollzuges:

"Beide Einrichtungen dienten dem Merkantilismus dazu, die Unbrauchbaren auszusortieren in Zucht oder Arbeitshäuser, in Narren- und Tollhäuser. Bevölkert wurden diese Anstalten von Armen, Bettlern, Stellungslosen, den Waisen, Witwen, Alten, Kriegsinvaliden, den Krüppeln und Irren. Diese Aussonderung, diese Selektion, hat die Psychiatrie übernommen." (Klee 1978, S. 68f.)

Auf diesen Zusammenhang wird in der Abschlussbetrachtung dieser Arbeit in Kapitel 4.3 und 5 genauer eingegangen.

Zunächst gilt es nun zu untersuchen, wie die totale Institution im konkreten funktioniert.

Die Struktur, Merkmale und Wirkung der totalen Institution

ERVING GOFFMAN (1922 - 1982) beschreibt in seinem Buch "Asyle" (1973) die Strukturen von Institutionen und deren Auswirkungen auf das Verhalten der Insassen. In dieser soziologischen Analyse geht er von seinen Erfahrungen in einem psychiatrischen Großkrankenhaus der USA in den 50er und 60er Jahren aus und analysiert die Insassenkultur unter den Bedingungen der von ihm so benannten "totalen Institution". Er verallgemeinert diese Bedingungen und überträgt sie auf andere Institutionen, in denen sich diese Strukturen ebenfalls wiederfinden. Er führt z.B. Militärgefängnisse, Klöster, Internate, Arbeitslager, KZs, Blinden- und Altenheime, Waisenhäuser und Schiffe an (vgl. Goffman 1973, S. 16f.), also Institutionen, die unterschiedlichen Zwecken dienen und damit qualitative Unterschiede haben. Viele, z.B. progressive Heilanstalten, Handelsschiffe, Tuberkulosesanatorien und Umerziehungslager ermöglichen es den Insassen, sich an einem Verhaltenmodell zu orientieren, das sowohl als Ideal gilt, als auch vom Personal gefördert wird. (vgl. Goffman 1973, S. 68) Ein m.E. sehr treffendes literarisches Beispiel liefert hierzu, wenngleich ein fiktiver Roman, "Der Zauberberg" von THOMAS MANN (1875 - 1955) (1959). MANN beschreibt hier ein Tuberkulosesanatorium, in dem, trotz Freiwilligkeit der Teilnahme, alle Tagesabläufe bis ins Detail geregelt sind. Die Insassen folgen hier, jeder Verantwortung enthoben, einem Ideal, welches ebenfalls dem des Personals, das sehr liebevoll und fürsorglich die Insassen umsorgt, vollständig entspricht. Mit der Zeit wird die Außenwelt für die Insassen zunehmend unwichtig, was zur Folge hat, dass einige nicht aus dem Sanatorium entlassen werden wollen, obwohl sie längst gesund sind. Mit dem vorbildlichen Ideal der Institution geht also eine zunehmende Entfremdung zur Außenwelt und damit zur Realität einher (vgl. MANN 1959).

"In andere totale Institutionen, z.B. den KZs und manchen Gefängnissen wird kein solches vom Insassen zu verinnerlichendes Ideal gefördert." (Goffman 1973, S. 68) Dieser Zusammenhang, das qualitativ gegensätzliche Extrem, welches quasi jede Willkür des Personals gegenüber den Insassen ermöglicht, wird an einem Zitat eines Insassen des KZ Mauthausen deutlich:

"Eine Lagerordnung existierte nicht. Nichts wurde verboten, zweifellos weil alles verboten war. Etwas, das an einem Tage erlaubt war, bedeutete am nächsten Tag stundenlange Mißhandlungen durch die SS." (Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen 1994, S. 53)

Auch wenn in Mauthausen keine formale Lagerordnung existierte, so galt auch hier eine Hausordnung, nämlich die der totalen Willkür und Unterwerfung. Es ist eine Hausordnung mit einer Logik des Unlogischen und dem Ziel der Versklavung und mithin der Vernichtung der Insassen (vgl. Arendt 1955, S. 644ff, besonders S. 651f.; sowie Hirschfeld et. al. 1968, S. 293f.). M.E. wird dieser Zusammenhang besonders in dem Buch "Roman eines Schicksallosen" von dem ungarischen Literaturnobelpreisträger von 2002 IMRE KERTÉSZ (geb. 1929) (1998) deutlich. KERTÉSZ schildert hier beeindruckend wertfrei seine Erfahrungen als Jugendlicher im KZ Buchenwald und Auschwitz. Er zeichnet das Bild eines grotesken Spektakels, welches eine Logik des Unmenschlichen, des Chaos offenbart, in welchem sich der Autor in seiner Zerbrechlichkeit als Jugendlicher über das Erkennen dieser Logik zu behaupten versucht und dadurch überlebt (vgl. Kertész 1998). BRUNO BETTELHEIM (1903 - 1990) beschreibt sein Überleben im KZ Dachau in ähnlicher Weise. Nur durch die unemotionale, analytische und objektive Erklärung der o.g. Verhältnisse, der Regeln und der Logik des Lebens im KZ konnte er eine geistige Metaebene zu seiner realen Existenz einnehmen und so verhindern, dass seine Persönlichkeit an der Realität zerbricht (vgl. Fisher in: Kaufhold 1993, S. 38f.).

GOFFMAN definiert insgesamt die Hausordnung als Kernstück jeder totalen Institution. Nur wenn sich der Insasse dieser quasi vollends unterwirft, hat er die in den Freiräumen bestehenden Rechte. Totale Institutionen sind daher Institutionen, die exakt und ausschließlich aus dem Modell des Unterwerfungsvertrages ableitbar sind. Dass also in diversen Anstalten Hausordnungen vom Typus des Unterwerfungsstaates entstanden sind (vgl. z.B. Basaglia 1980b; Werner 1998, S. 11ff.; Kesting/Kesting 1980; Finzen/Schädle-Deininger 1979; Gromann-Richter 1991; Fengler/Fengler 1994), zeigt, dass es gesellschaftliche Bedingungen gibt, die zu derartigen Konstruktionen führen.

GOFFMAN beschreibt die Grundstrukturen aller "totalen Institutionen" anhand von vier Grundelementen:

1 "Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt.

2. Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleichen Tätigkeiten verrichten müssen.

3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben.

4. Die verschiedenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen" (Goffman 1973, S. 17).

Durch diese vier Grundstrukturen wird ermöglicht, dass eine größere Gruppe von Menschen, die Insassen, durch einige wenige, das Personal, gemanagt werden kann.

Im folgenden wird der Prozess der Institutionalisierung, das Instrumentarium des Personals und die Anpassungsmechanismen der Insassen anhand der Bedingungen in Psychiatrien dargelegt. Diese sind dann aber nach Goffman auf andere totale Institutionen übertragbar.

Der Prozess der Institutionalisierung

GOFFMAN unterteilt den Prozess der Institutionalisierung in die "vorklinische Phase" (vgl. Goffman 1981, S. 208ff) und die "klinische Phase" (vgl. Goffman 1981, S. 217ff).

Bevor der spätere Insasse in eine Anstalt kommt, durchlebt er eine Phase des Ausschlusses aus der Gesellschaft, die mit Vertrauensbrüchen von Bezugspersonen und Entrechtung einhergeht. Es kommt zu Koalitionen von Vertrauenspersonen mit offiziellen Vertretern des Gesundheitswesens, wobei die Vertrauensperson nach und nach in eine Betreuungsperson umgewandelt wird (vgl. Goffman 1981, S. 208ff). Das führt dazu, dass die betroffene Person sich immer mehr ausgeschlossen und hintergangen fühlt. Schließlich kommt es zur Verbitterung der Person, einhergehend mit zunehmender gesellschaftlicher Isolation.

Darauf folgt, mit dem Eintritt in die Anstalt die "klinische Phase", die eine neue Qualität des Ausschlusses aus der Gesellschaft darstellt. Hier

"[...] wird dem Patienten unsanft klargemacht, daß er immerhin ein psychiatrischer Fall ist, der in der Außenwelt eine Art sozialen Kollaps erlitten hat und irgendwie total gescheitert ist, und daß er wenig soziales Ansehen genießt, da er kaum in der Lage ist, überhaupt wie ein vollzunehmender Mensch zu handeln" (Goffman 1973, S. 150).

Es ist eine Phase, die auf den Insassen in vielfacher Weise desintegrierend wirkt und eine neue Qualität der Isolierung darstellt (vgl. Werner 1998, S. 107).

Das Instrumentarium des Personals

In der Anstalt steht dem Personal ein gewisses Instrumentarium zur Bewältigung des Managements der Insassen zur Verfügung, aus denen sich Momente ergeben, die einen Demütigungsprozess für die Insassen bedeuten: Zunächst macht die Einweisung in die Anstalt selbst durch ihre schematischen und einheitlichen Aufnahmeprozeduren den Menschen zum Objekt (vgl. Goffman 1973, S. 27). Außerdem widerfährt dem Insassen neben dieser Form der Isolierung insgesamt eine allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen, die u.a. durch die geregelten Anstaltsabläufe, der weit gehenden Einengung der Freiheit und der Selbstbestimmungsmöglichkeiten und durch den Entzug persönlichen Eigentums gekennzeichnet ist (vgl. Goffman 1973, S. 49f). Diese Regelungen bestehen u.a. für gemeinsame Essens- und Schlafenszeiten, Freizeitaktivitäten, sowie Arbeits- und Tagesabläufen (vgl. Werner 1998, S. 14). Ein System von Reglementierungen hindert den Insassen daran, diese Abläufe zu stören oder zu umgehen. Die Hinderung, Handlungen nach seinen Bedürfnissen auszuführen, führt zur Zerstörung des formellen Verhältnisses zwischen ihm und seinen Handlungen (vgl. Goffman 1973, S. 45ff.). Diese "Entindividualisierung", die sich durch die Beugung der Interessen des Einzelnen unter die interne Organisationsstruktur vollzieht, hat für die Institution den Nutzen, bei geringer Anzahl von Personal und Ausstattung eine größere Menge von Menschen zu managen. In diesem Sinne ist die Institution zur Aufrechterhaltung der Ökonomie der internen Organisationsabläufe auf diese Mechanismen angewiesen. Außerdem kann sie sich dadurch die Kooperationsbereitschaft der Insassen sichern (vgl. Goffman 1973, S. 153). Damit vollzieht sich die Verdinglichung des Menschen in totalen Institutionen, dessen Auswirkungen FRANCO BASAGLIA (1924 - 1980) (1980b) beschrieben hat:

"Der Kranke ist nur noch ein institutionalisierter Körper, der sich selbst als Objekt erlebt und manchmal, solange er noch nicht völlig gefügig gemacht ist, mit scheinbar unverständlichen acting-outs versucht, die Eigenschaften eines person-haften Körpers, eines als lebendig erfahrenen Körpers zurückzugewinnen" (Basaglia 1980b, S. 148)

Stören diese "acting-outs" die Abläufe, werden die Demütigungen im oben beschriebenen Sinne benutzt, um ihn wieder "gefügig" zu machen. GOFFMAN beschreibt in diesem Zusammenhang Mechanismen, die er "Loopingprozesse" nennt (vgl. Goffman 1973, S. 43). Loopingprozesse beinhalten ein häufiges Verhaltensmuster vom Personal, dass der Anpassung an die Anstaltsabläufe dient: "[Das Personal] ruft beim Insassen eine Abwehrreaktion hervor und richtet den nächsten Angriff gerade gegen diese Reaktion" (ebd., S. 43). Durch diese ist dem Individuum die Möglichkeit genommen, gegen Angriffe auf seine Autonomie effektiv Stellung zu beziehen auch in Form eines "scheinbar unverständlichen acting-outs". Eine Lösung des Problems, dass eine Veränderung der Strukturen erforderlich macht, wird so effektiv von Seiten der Institution verhindert, und die Ordnung bleibt aufrechterhalten.

Die Möglichkeiten zur Demütigung basieren auf den formalen Möglichkeiten des Zugriffs des Personals auf alle Lebensbereiche des Insassen (vgl. Goffman 1973, S. 152). Gewährleistet wird dieses durch die offiziellen Informationsstrukturen, wie z.B. Akten, Tagebucheintragungen, kollektive Beschlüsse des Personals zum Umgang mit dem Einzelnen oder Gutachten (vgl. Goffman 1973, S. 158), sowie den inoffiziellen Austauschmöglichkeiten beim "Kaffeeklatsch" des Personals (vgl. Goffman 1973, S. 159). Die Betroffenen selber bleiben von diesen Kommunikationsstrukturen isoliert und haben wenig Möglichkeiten Einfluss zu nehmen. Hierbei ist es notwendig, dass sich das Personal loyal untereinander zeigt. Das Ehepaar FENGLER hat diesen Zusammenhang in dem Buch "Alltag in der Anstalt" (1994) aufgezeigt. Sie haben lange in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet und dabei Loyalitätskonflikte neu hinzugekommener reformorientierterer Ärzte und Psychologen mit dem schon vorhandenen und bereits fest im Anstaltsalltag etablierten Pflegepersonal beobachtet und untersucht (vgl. Fengler/Fengler 1994, S. 117f.). Bemerkenswert ist, das die Studie die Erklärung für derartige Institutionen, wie auch BOURDIEU und GEHLEN, ebenfalls in den Gewohnheiten sieht (vgl. Fengler/Fengler 1994, S, 77ff.). Durch Gewohnheiten manifestiert stellt das Personal Theorien darüber auf, wie der Alltag in der Anstalt zu sein hat. Diese Theorie führt dann zu den anstaltsinternen Regeln, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung vom gesamten Personal respektive den Insassen eingehalten werden muss.

GOFFMAN beschreibt außerdem das von ihm so benannte Privilegiensystem, eine weitere Grundlage, basierend auf dem System von Belohnung und Strafe (vgl. Goffman 1973, S. 56ff.), um den von der Anstalt gewünschten Kooperationseffekt herzustellen. Dieses System bezieht sich auf die Einhaltung der anstaltsinternen Regeln, der "Hausordnung" seitens der Insassen (vgl. Goffman 1973, S. 54ff.). Das Privilegiensystem stellt für die Kooperation mit der Anstalt für den Insassen Vergünstigungen in Aussicht, die entzogen werden können, wenn sein Verhalten als unerwünscht gilt. Die "Privilegien", welche die Institution gewährt, gehören in der Welt außerhalb zur Normalität und stellen ein unantastbares Recht dar. In der Institution wird dieses Recht in Frage gestellt und dadurch zur Absicherung der Kooperationsbereitschaft instrumentalisiert (z.B. Zuteilung von Zigaretten, Festlegung der Fernseh- und Schlafenszeiten, Ausgabe von Geld etc.). "Privilegien" in der "totalen Institution" stellen daher keine Vergünstigungen dar, sondern die Abwesenheit von Entbehrungen (vgl. Goffman 1973, S. 58ff.). Das Privilegiensystem ist auf der anderen Seite die Grundlage für die Reorganisation des Selbst unter den Bedingungen der Anstalt (vgl. Goffman 1973, S. 54).

Die Anpassungsmechanismen der Insassen

Um das Selbst aufrechtzuerhalten bleibt dem Insassen nur die Möglichkeit, die Kultur des Außen durch die Kultur der Anstalt zu ersetzen. Es kommt zur "Diskulturation", dem Verlust der Möglichkeit außerhalb der Anstalt zu leben, wenn die Regeln des draußen verloren sind, sie nicht mehr als verpflichtend erlebt werden (vgl. Goffman 1973, S. 167). Die Effekte auf das Selbst des Betroffenen beschreibt GOFFMAN als "Spiegeleffekte" (vgl. Goffman 1973, S. 148f.). Da die Reorganisation des Selbst unter den Bedingungen der Anstalt geschieht, übernimmt der Insasse die Definition der Anstalt und interpretiert das, was passiert, als Ausdruck seines Selbst. Er beginnt "Geschichten" zu erfinden, um seine Identität mit den ablaufen Prozessen in Einklang zu bringen (vgl. Goffman 1973, S. 150ff.). Führt dieses zu Störungen der Abläufe, wird erneut mit der Widerlegung der neuen Identität reagiert (vgl. Goffman 1973, S. 154ff.). Durch diesen Prozess von Rekonstruktion der eigenen Identität und der Zerstörung durch die Allmacht der Anstalt (vgl. Goffman 1973, S. 152ff.) kommt es zum Verlust der Identität. Es folgt die Anpassung an die Demütigungsprozesse, an die Erfordernisse der Anstalt, um die auftretenden Spannungen zu reduzieren (vgl. Goffman 1973, S. 59f.).

GOFFMAN unterscheidet die primäre und die sekundäre Anpassung (vgl. Goffman 1973, S. 185ff.). Die primäre Anpassung ist gekennzeichnet durch ein Verhaltensmuster, welches sich an die offiziellen Regeln der Anstalt anpasst. Die sekundäre Anpassung, erfolgt durch die strukturellen Gegebenheiten der Belohnung von Kooperationsbereitschaft, die eine primäre Anpassung durch das Privilegiensystem darstellt. Der Insasse passt sich den offiziellen Forderungen "primär" an, um keine Entbehrungen zu erleiden. Die von der Anstalt geforderten Verhaltensweisen werden im Hinblick auf die Nichtgefährdung der ihm zugestandenen Privilegien erfüllt. Der Insasse erfüllt die offiziellen Regeln aber nicht, weil er sich mit ihnen identifiziert, sondern wegen der Absicherung der Privilegien. Das hat den Effekt, dass die offiziellen Ziele in den durch das Privilegiensystem geschaffenen Freiräumen "unterlebt" werden. Damit erhält sich der Insasse ein gewisses Maß an Selbstbestimmung und sichert sich somit die Aufrechterhaltung einer relativen eigenen Handlungsökonomie (vgl. Goffman 1973, S. 202ff.). Diese bleibt aber immer unsicher. Das Misslingen ihrer Realisierung beschreibt GOFFMAN wie folgt:

"In erster Linie unterbinden oder entwerten totale Institutionen gerade diejenigen Handlungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft die Funktion haben, dem Handelnden und seiner Umgebung zu bestätigen, daß er seine Welt einigermaßen unter Kontrolle hat- daß er ein Mensch mit der Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfreiheit eines ‚Erwachsenen' ist. Gelingt es nicht, diese Handlungsfähigkeit des Erwachsenen oder zumindest deren Symbole zu erwerben, so kann dies beim Insassen zu einem erschreckenden Gefühl der völligen Degradierung in der Alters- Rangordnung führen." (Goffman 1973, S. 49f.)

Es wird also eine "Insassenkultur" von der Einrichtung und Loyalität, nicht nur des Personals untereinander, sondern auch von den Insassen zur Einrichtung erwartet. Wenn keine Loyalität zur Einrichtung vorhanden ist, wehrt sich die Einrichtung mit "totalen Mitteln", die bis zur Vernichtung der Persönlichkeit reichen kann. Ein gutes Beispiel hierfür liefert der fiktive Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" von KEN KESEY (1986), welches die Vorlage zu dem sehr erfolgreichen gleichnamigen Kinofilm mit JACK NICHOLSON bot (vgl. Kesey 1986).

GOFFMAN beschreibt fünf Modelle (Modi) von Strategien und Anpassungsmechanismen der Insassen an die Institution:

1. Die Strategie des Rückzugs aus der Situation

Der Insasse vollzieht einen dramatischen Abbruch an Interaktionsprozessen und zeigt nur Interesse an den ihm unmittelbar körperlich umgebenden Dingen. Dieser "Rückzug aus der Situation" als Anpassungsmechanismus wird je nach Form der totalen Institution auch Regression, Stumpfsinn, akute Depersonalisierung, Knastpsychose oder Tankeritis genannt und ist laut GOFFMAN häufig irreversibel (vgl. Goffman 1973, S. 65).

2. Die Strategie des kompromisslosen Standpunktes

Der Insasse verweigert jede Zusammenarbeit mit dem Personal. Er lehnt die formalen Regeln der totalen Institution kompromisslos ab und rebelliert gegen sie. Um diesen Standpunkt beizubehalten bedarf es, um die Regeln der Institution im Detail zu verstehen und negieren zu können, eines starken Interesses an der Anstalt. Hierin lässt sich ein Paradoxon erkennen. Der Insasse muss sein Verhalten an der formalen Organisation der Anstalt orientieren, um die Ablehnung aufrecht zu erhalten. Häufig reagiert das Personal dann mit einem ähnlichen Maß an Aufmerksamkeit gegenüber dem aufsässigen Insassen, um dessen Willen zu brechen, sodass die Rebellion dann in den Anpassungsmechanismus des "Rückzugs aus der Situation" mündet. So ist die Strategie meistens nur eine anfängliche Reaktion auf die Bedingungen der totalen Institution (vgl. Goffman 1973, S. 66).

3. Die Strategie der Kolonisierung

Der Insasse baut sich aus dem Ausschnitt der Außenwelt, den ihm die totale Institution noch zugänglich lässt und den er für sich als die gesamte Außenwelt konstruiert eine stabile Existenz auf. So tritt die Diskrepanz zwischen Außenwelt und der totalen Institution in den Hintergrund und der Insasse baut sich ein Konstrukt auf, welches ihm das Leben in der Anstalt als reizvoller und angenehmer empfinden lässt, als das Leben in der Außenwelt ihm erscheint (vgl. Goffman 1973, S. 66).

4. Die Strategie der Konversion

Der Insasse macht sich das amtliche Urteil über seine Person zu Eigen und versucht, ein "perfekter Insasse" zu werden. Dazu bedarf es der Ergründung der Logik der Anstaltsregeln. Die Haltung des Konvertiten ist dann eher moralistisch, diszipliniert und monochrom, und er wird den Eindruck erwecken in jeder Beziehung beeindruckt von der Anstalt und dem Personal zu sein (vgl. Goffman 1973, S. 67).

5. Opportunistische Kombinationen der verschiedenen Strategien (vgl. Goffman 1973, S. 67).

Die Isolation und Deprivation[30] als vorherrschende Bedingung in totalen Institutionen

"Isolation ist der Ausdruck inadäquater Lebensbedingungen lebendiger Individuen. Allgemein-biologisch bedeutet sie Überschreitung der Stabilitätsgrenzen eines lebendigen Systems durch Veränderung innerer [...] oder äußerer Bedingungen [...] in der Weise, das die stammesgeschichtlich und individualgeschichtlich erworbenen je höchsten Niveaus der Tätigkeit nicht realisiert werden können. Isolation ist somit die Negation der artgeschichtlich und lebensgeschichtlich möglichen und wirklichen höchsten Niveaus der Tätigkeit." (Jantzen 1980b, S. 88)

Die Analyse macht klar, dass eine Reihe von Reaktionen von Menschen, wie z.B. die Knastpsychose, das Schaukeln des Körpers oder die selbstverletzende Tätigkeit, die häufig spezifischen Defekten direkt zugeschrieben werden, der Institution und deren Wirkungen geschuldet sind (vgl. Jantzen et. al. 1999a, S. 207). Es wird klar, dass durch "Entindividualisierung", "Demütigung", "Diskulturation" "Entmenschlichung" und "Verdinglichung", der Insasse äußeren Bedingungen ausgesetzt ist, die ihn zunehmend im Sinne der o.g. Formulierung von Jantzen isolieren.

BASAGLIA nennt derartige Institutionen auch "Institutionen der Gewalt" (vgl. Basaglia 1980b, S. 122ff.). Der Begriff ist dabei weiter zu fassen, als die bloße physische Beschädigung. Gewalt liegt laut JOHAN GALTUNG (geb. 1930) (1984) auch dann vor, wenn "Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Entwicklung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung" (Galtung 1984, S. 9). JANTZEN (1981) bezeichnet Institutionen, die den gesellschaftlichen Ausschluss für behinderte Menschen absichern, diese Menschen also durch Einschluss von Teilen des gesellschaftlichen Lebens isoliert sind, insgesamt demnach repressive Funktionen haben, im Sinne BASAGLIAs als "Institutionen der Gewalt" (vgl. Jantzen 1981, 14f.). Durch solche Formen des Ausschlusses sieht er "systematisch isolierende Bedingungen entstehen, die in der Gesamttendenz ihrer Wirkung [...] Persönlichkeitszerstörung bewirken." (Jantzen 1992, S. 42) Der Begriff "Behinderung" ist für JANTZEN dabei insgesamt als "Isolation von der Aneignung des gesellschaftlichen Erbes zu begreifen" (Jantzen 1978, S. 40; sowie weiterführend Jantzen 1979, S. 36). Hierzu beschreibt JANTZEN (1980) Experimente zur sensorischen Deprivation, die er als Folge der Isolation vom gesellschaftlichen Erbe sieht: In diesen Experimenten sind "nahezu alle Kennzeichen psychiatrischer Symptomatik" zu erkennen, "seien dies Halluzinationen, systematische Realitätsverkennung, Persönlichkeitszerstörung oder psychosomatische Erkrankungen" (Jantzen 1980, S. 110). Derartige Institutionen verändern also dramatisch die soziale Entwicklungssituation für einen behinderten Menschen, wie auch für einen "gesunden" Menschen. Die Insassen werden dann jeweils zu den Menschen, welche die Institutionen zu ihrer Existenz benötigen. Diese "äußeren" isolierenden Bedingungen können dann in ihrer extremsten Auswirkung bis zum Suizid führen. THOMAS SZASZ (geb. 1920) (1997) schreibt in diesem Zusammenhang:

"Die Überschätzung der Gefahr des Suizids und die Unterschätzung der Gefahr psychiatrischer Zwangsmaßnahmen dienen den ökonomischen und beruflichen Interessen [der Institution], nicht den existentiellen Bedürfnissen des [...] Patienten. Aus diesem Grund behaupte ich, daß auf Zwang beruhende psychiatrische Interventionen eher geeignet sind, Suizid zu fördern als zu verhindern." (Szasz 1997, S. 128f.)

Auf dem Hintergrund isolierender gesellschaftlicher Bedingungen lässt sich konstatieren,

"daß das Handeln von psychisch kranken und behinderten Menschen unter diesen Bedingungen hochzweckmäßig ist, Ausdruck des bloß individuellen und eingeschränkten Kampfes um Realitätskontrolle, Leben und Wohlergehen, daß die Therapie nur aus Eigenlogik dieses Handelns im solidarischen Bündnis mit dem Patienten angelegt werden kann. Von da aus ist das medizinische Modell zu verwerfen, ist die psychiatrische Institution (Klinik, Anstalt) als Institution der Gewalt zu bekämpfen und ist die Psychiatrie als Wissenschaft zu verwerfen." (Jantzen 1980, S. 110)

Hiermit im Gleichklang schreibt auch SZASZ: "Die psychiatrische Sklaverei ist nicht reformierbar. Sie muß abgeschafft werden." (Szasz 1997, S. 134)

Insgesamt kann geschlossen werden, dass sich im Kontext der totalen Institution Isolation und Deprivation als vorherrschende Bedingung herausbildet. Diese äußeren isolierenden Bedingungen entfremden zunehmend den Insassen.



[12] Kulturanthropologie: "humanwissenschaftliche Disziplin, die neben dem biologischen und philosophischen Aspekt der Forschung am Menschen v.a. den der Kultur berücksichtigt" (Brockhaus 1999).

[13] "Actes de la recherche en sciences sociale" kann in etwa übersetzt werden mit: "Dossier von Recherchen über Sozialwissenschaften" (vgl. Langenscheidt Universal- Wörterbuch 1982)

[14] Totemismus ist "eine Bezeichnung für ein System von kollektiven Glaubensvorstellungen und zeremoniellen Riten, vermittels dessen anonyme und diffuse Kräfte überpersönlicher und übernatürlicher Art in Form bestimmter Pflanzen und/oder Tiere für die Mitglieder einer Gruppe (Klan, Sippe) gedanklich begreifbar und im Alltag handhabbar werden." (Fuchs 1973, S. 694f.)

[15] "(griechisch Plutarchos), griechischer Philosoph und Historiker, geb. Chaironeia um 46 n. Chr, gest. um 120; beeinflusst von Platon, der Stoa und der peripatetischen Schule" (Brockhaus 1999).

[16] Eine Strategie durch Offenlegung ist in der jüdischen Geschichte in den Beschreibungen des ersten und zweiten "Buches von den Königen" im Alten Testament zu finden. Hier wird der Auszug aus Ägypten, der quasi von "Mord und Totschlag" begleitet wird, eindrücklich geschildert (vgl. Bibel 1952, 347 - 415).

[17] "La Crise de la Conscience Europeénne" kann übersetzt werden mit "Die Krise des europäischen Bewusstseins" (vgl. Langenscheidt Universal - Wörterbuch 1982). MANN greift hier auf eine Formulierung von PAUL HAZARD (1935) zurück.

[18] "The Elements of Law: Elemente des Rechts, der Rechtswissenschaft" (vgl. Langenscheidt Taschenwörterbuch 1977)

[19] Das Wort "utilitaristisch" kommt vom lateinischen "utilitas, atis f: 1. Brauchbarkeit, Vorteil; 2. Nutzen, Vorteil" und bedeutet "am Nutzen ausgerichtet" oder einfach "nutzenorientiert" (vgl. Langenscheidt Taschenwörterbuch 1984). Die utilitaristische Philosophie sieht eine Handlung als moralisch gut an, wenn sie sich am Nutzen oder am Streben nach Glückseligkeit orientiert - allerdings nicht am Nutzen des Einzelnen, sondern am "größten Nutzen für die größte Anzahl" (vgl. Irrgang 1998, S. 56ff.)

[20] Hier sei exemplarisch auf das Werk "Praktische Ethik" des australischen Moralphilosophen PETER SINGER (geb. 1946) (1994) verwiesen, welches "den Themenbereich einer auf Anwendung gerichteten Ethik besetzt, auf Fragen der Bioethik eingegrenzt und auf utilitaristische Methoden zu ihrer Beantwortung beschränkt" (Irrgang 1998, Umschlagtext) hat.

[21] "Ancien Régime" bedeutet "Altes" Regime (Langenscheidt Universal - Wörterbuch 1982)

[22] ENGELS benutzt den Begriff "Tiermensch", den er vom Buch "Natürliche Schöpfungsgeschichte" Berlin (1873) von ERNST HAECKEL ableitet. In HAECKELs Klassifikation stellt der Alalus ("sprachloses Urwesen"; genauer: Affenmensch oder Pithtecanthropus) eine Stufe dar, die dem Menschen im eigentlichen Sinne unmittelbar vorausgeht. (vgl. Engels 1977, S. 319)

[23] "volonté general" kann übersetzt werden mit "Allgemeinwille" (vgl. Langenscheidt Universal- Wörterbuch 1982)

[24] In Japan wird das, bei den Europäern als Höflichkeit angesehene jünger Einschätzen des Alters als unhöflich angesehen. In einigen Kulturen wird das Lügen als normal angesehen, während es in anderen als unehrenhaft gilt. Auch das Töten wird kulturell unterschiedlich bewertet. So gab es in Nordamerika Indianerstämme, die ihre Alten erstickten und auf den Fidschi Inseln einen Brauch, bei dem die Alten lebendig begraben wurden, während anderen Kulturen dieses Verhalten als absurd erscheinen würde. (vgl. Malson; Itard; Mannoni 1972, S. 27)

[25] "Panoptikum: Sammlung von Wachsfiguren; Schau von Kuriositäten." (Brockhaus 1999) BENTHAMs "Panopticon" ist unter der zweiten Definition zu sehen.

[26] Aktion T4 ist der von den Nationalsozialisten verwandte Deckname für die systematische Ermordung von über 100.000 geistig und körperlich behinderter Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus. Namengebend war die Zentrale, in der über die Tötungsaktionen entschieden wurde, eine Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4.

[27] Hauptkriterium war "die Fähigkeit zur produktiven Arbeit." (Klee 1981, S. 25)

[28] PAUL WATZLAWICK (geb. 1921) verweist in "Anleitung zum Unglücklichsein" (1988) auf eine Diskussion von 1972 im Hessischen Rundfunk, in dessen Verlauf sich vier Vertreter verschiedener Disziplinen und Weltanschauungen nicht über die Bedeutung des Begriffs "Glück" einigen konnten. Glück scheint also eine sehr subjektive Kategorie zu sein. (vgl. Watzlawick 1988, S. 11)

[29] In der Konvention ist unter anderem folgendes vorgesehen:

an einwilligungsunfähigen Menschen darf geforscht werden, ohne persönlichen Nutzen für sie selbst (vgl. Bundesministerium für Justiz 1996, Art. 17)

von einwilligungsunfähigen Menschen dürfen Gewebe oder Organe für Transplantationszwecke entnommen werden (vgl. Bundesministerium für Justiz 1996, Art. 20)

[30] Deprivation meint hier Entbehrung im Sinne von Vorenthaltung z.B. des kulturellen und gesellschaftlichen Erbes

Die Selbstverletzende Tätigkeit

Zunächst wird in diesem Abschnitt die Kategorie Dialog als grundlegende Dimension für Leben heraus gearbeitet. Besonders die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine angemessene Pädagogik werden dabei betont. Hiernach wird der Begriff "Behinderung" und das sich daraus ergebende Menschenbild hinterfragt und eingeordnet. Daran anschließend wird "selbstverletzende Tätigkeit" begrifflich erklärt, geklärt wie häufig und in welchem Kontext das Phänomen auftritt, sowie untersucht welche Tätigkeiten phänomenologisch zur "selbstverletzenden Tätigkeit" gehören.

Anschließend wird anhand der aus dem Interiorisationskonzept hervorgegangenen Tätigkeitstheorie untersucht, wie sich die selbstverletzende Tätigkeit manifestiert. Entscheidend für die Entwicklung selbstverletzender Tätigkeit ist dabei der ausbleibende oder gescheiterte Dialog. Die Untersuchung von RENÉ A. SPITZ (1887 - 1974) soll diese These belegen.

Abschließend sollen die inneren, wie auch vor allem die äußeren isolierenden Bedingungen als Grundlage für die Herausbildung des Phänomens "Selbstverletzung" betrachtet werden.

Der Dialog als Ausdruck menschlicher Verhältnisse

Die Essenz der HEGELschen Theorie, dass das Sein in das Werden integriert ist und Letzteres gegenüber ersterem priorisiert ist (vgl. Kapitel 1.3), drückt sich im Bereich des Psycho-Sozialen am deutlichsten in der Aussage MARTIN BUBERs (1878 - 1965) "Der Mensch wird am Du zum Ich" (Buber 1994, S. 32) aus (vgl. Feuser 1995, S. 87). Er befindet sich damit im Gleichklang mit SPITZ (1988), der schreibt, dass "der Dialog der Beitrag der Umwelt zur Entstehung von Entwicklung und schließlich Festigung von Ich, Selbst, Charakter und Persönlichkeit" ist (Spitz 1988, S. 22). Somit wirkt die Umwelt über den Dialog auf das Individuum ein.

Bei der Geburt des Säuglings besteht noch keine visuelle Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Unbelebten und Belebten (vgl. Spitz 1988, S. 8). Wenige Wochen nach der Geburt lassen sich zwei Vorstufen der Unterscheidung von Belebtem zu Unbelebtem in den Reaktionen des Säuglings erkennen, die SPITZ angeborenen Auslösemechanismen (AAMs) geschuldet sieht:

1. Die Wahrnehmung des menschlichen Gesichts, besonders des Lachens (vgl. weiterführend hierzu auch eine kritische Betrachtung von Piaget 1995, S. 41)

2. Die Wahrnehmung jeglicher Art von Bewegung

Der Säugling kombiniert diese Reize und bringt sie mit anderen zusammen, sodass der 2-3 Monate alte Säugling mit fortschreitender Entwicklung "seine erste soziale Reaktion auslöst und seine Wahrnehmung des Unterschiedes zwischen Ich und Nicht- Ich einleitet" (Spitz 1988, S. 9)

Durch die primäre Bezugsperson kommt es zum wechselseitigen Aktions- und Reaktionszyklus, einer Vorform des Dialoges, in dem der Säugling in einem dynamischen Kreisprozess ein gefühlsmäßiges Erleben zwischen Befriedigung und Versagen empfindet (vgl. Spitz 1988, S. 14). Gleichzeitig erlebt der Säugling eine mangelnde Rückkopplung an unbelebten Gegenständen, denn das Unbelebte kann keinen Dialog mit dem Säugling führen (vgl. ebd., S. 14f.) Die wiederholte Zerstörung des unbelebten Objekts eignet sich zwar zur Abfuhr des "Aggressionstriebes" (vgl. Kapitel 3.5.1), führt hinsichtlich der "libidonösen Triebe" aber in eine Sackgasse, und das führt dazu, dass sich dem Säugling durch den Dialog mit dem lebendigen Partner Wege für die Erweiterung der Abfuhren von libidonösen und aggressiven Energien eröffnen und ihm gleichzeitig erlauben, "die Früchte der affektiven Befriedigung zu ernten" (Spitz 1988, S. 15f.). Gegen Ende des ersten Lebensjahres kann der Säugling schließlich Unbelebtes von Belebtem unterscheiden.

Der Dialog ist somit die Quelle der artspezifischen Anpassung, und ohne ihn kann die Entwicklung des Säuglings nicht voranschreiten. (vgl. Spitz 1988, S. 23) "Leben in unserem Sinne wird durch den Dialog geschaffen" (Spitz 1988, S. 23). M.E. muss in diesem Zusammenhang zusätzlich darauf verwiesen werden, dass Dialog immer möglich ist. "Keine noch so schwere Hirnschädigung eines Kindes verunmöglicht den Dialog, die Interaktion und Kommunikation" (vgl. Feuser 1995, S. 55). Ein grundlegendes metakommunikatives Axiom von WATZLAWICK (1990) besagt, dass "man [...] nicht nicht kommunizieren [kann]" (Watzlawick/Beavin/Jackson 1990, S. 53; vgl. auch weiterführend ebd., S. 72ff.)

Zusammenfassend muss in Bezug auf den pädagogischen Umgang mit den Menschen der Dialog als Grundlage der Pädagogik gesehen werden, denn nur mit ihm kann ein Entwicklungsprozess entstehen. "Pädagogisch fruchtbar ist [dabei] nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung" (Buber 1953, S. 69)

Die "Behinderung"

Zunächst ist es notwendig eine brauchbare Definition von "Behinderung" zu finden und das der Arbeit mit behinderten Menschen zugrunde liegende Menschenbild zu diskutieren.

Der Personenkreis behinderter Menschen

"Behinderung" ist zwar heute zu einem Begriff der Wissenschaft geworden, dennoch bleibt die definitorische und damit allgemein gültige Bestimmung weiterhin schwierig. Es gibt nicht den Menschen mit Behinderung. Behinderung ist ein individuelles Phänomen, und die Definition ist somit relativ. Hierin liegt die Schwierigkeit der endgültigen Begriffsbestimmung. Die organische Schädigung und ihre seelischen oder sozialen Folgen sind bei jedem Betroffenen unterschiedlich (vgl. Fornefeld 2000, S. 45f.). HINZ charakterisiert idealtypisch zwei verschiedene Definitionsansätze, "die mit den Begriffen ‚defektologisch' und ‚dialogisch' gekennzeichnet werden können und von medizinisch-psychiatrischer Grundlage einerseits und von pädagogisch-dialogischer Grundlage andererseits ausgehen. [...]. Beide Haltungen sind in [...] institutionellen Situationen vorstellbar und auch anzutreffen." (Hinz 2003) Geistige Behinderung wird bei einer defektologischen Sichtweise als Zustand und Eigenschaft gesehen, die dialogische Haltung sieht sie als dynamischen Prozess. (vgl. Tabelle 1, S. 68/69) Dementsprechend ist und bleibt ein Mensch defektologisch gesehen "geistig behindert" oder er wird zumindest in seiner Entwicklung so empfunden. Der Zustand ist in dieser Sicht bedingt durch hirnorganische Defekte, Intelligenzmangel und nicht eindeutig definierbaren Entwicklungsrückständen. Hier sei auf das Werk von EDWARD O. SEGUIN (1812-1880) "Die Idiotie und ihre Behandlung nach physiologischer Methode" (1912) verwiesen, in dem der Autor bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zu der Erkenntnis gelangt, man könne die von ihm so genannten "Idioten", also geistig behinderte Menschen "erziehen" (vgl. Seguin 1912, S. 13). SEGUIN hat die Idee "Arten von Erziehung zu finden, die natürlich und doch kräftig genug wären, um geschwächte Funktionen und sogar atrophierte Organe zu physiologischer Tätigkeit zu bringen [...]" (Seguin 1912, S. 17f.). Damit widerspricht SEGUIN in Ansätzen bereits zu Beginn der gesellschaftlichen Thematisierung behinderter Menschen (und ihrer nominellen Einteilung als eigenständige Gruppe von Menschen) einer defektorientierten Sichtweise in der diesbezüglichen Pädagogik und Psychologie.

Dialogischem Verständnis nach vollzieht sich die Entwicklung "geistiger Behinderung" demgegenüber ökologisch in wechselseitigem dynamischen Austausch zwischen inneren und äußeren Bedingungsfaktoren. In diesem dialogischen Sinne kann es "Geistigbehinderte" nicht geben, sondern nur Menschen, deren Entwicklung durch verschiedenste "geistige Behinderungen" inneren oder äußeren Ursprungs beeinflusst wird (vgl. Hinz 2003; sowie weiterführend Feuser 2003). Innere Bedingungen können z.B. Sinnesbeeinträchtigungen, Beeinträchtigungen des Zentralnervensystems oder sonstige Organ- und Gliedmaßenschädigungen sein, durch die der Widerspiegelungs- und Aneignungsprozess erschwert oder verunmöglicht wird (vgl. Eingangszitat Kapitel 2.3.3; sowie Jantzen 1978, S. 39). Werden diese inneren dann isolierenden Bedingungen von außen erkannt, wird diese Person aus defektologischer Sichtweise häufig massiv ausgegrenzt, und das schafft damit eine noch stärker auf das Individuum einwirkende äußere Form isolierender Bedingungen (vgl. Feuser 1995, S. 123; sowie Jantzen 1978, S. 39). Die äußeren isolierenden Bedingungen können dann sein:

1. Entzug oder Mangel an Kommunikation- und Interaktionsmöglichkeiten mit der personellen Umwelt (Deprivation)

2. Inadäquate, nicht individuell abgestimmte Lern- und Förderangebote

3, Aufgaben, die zu komplex oder in ihrer Aufgabenstruktur zu widersprüchlich und damit für die Person nicht zu erfassen sind. (Überstimulation)

Auch LEV SEMIONOWITSCH WYGOTSKI (1896-1934) (1975) gelangt schon Anfang des 20. Jahrhunderts zu der Auffassung, dass die äußeren isolierenden Bedingungen pädagogisch überwunden werden müssen, eine Auffassung, die in Ansätzen bereits schon bei SEGUIN zu finden ist:

"Das Problem der kindlichen Defektivität muß man in der Psychologie und in der Pädagogik als soziales Problem erkennen und durchdenken, vor allem weil sich das bisher übersehene soziale Moment das gewöhnlich als zweitrangig und abgeleitet angesehen worden ist, in Wirklichkeit als primäres Moment, als Hauptmoment erweist. [...] Wenn psychologisch ein körperlicher Mangel eine soziale Verrenkung bedeutet, so kann man pädagogisch solche Kinder erziehen, d.h. man kann sie im Leben zurechtrücken, wie man ein verrenktes oder krankes Organ wieder zum Funktionieren bringt." (Wygotski 1975, S.66)

HINZ fasst zusammen, dass

"[...] [b]estimmte Verhaltensweisen [...] defektologisch als - organisch oder sonstwie - begründete Ticks und Stereotypien verstanden [werden], dialogisch hingegen als subjektiv logische und sinnvolle Aktionen und Reaktionen auf die Umwelt." (Hinz 2003)

Die folgende Tabelle beschreibt nach HINZ gegenüberstellend Merkmale der beiden unterschiedlichen Haltungen gegenüber geistig behinderten Menschen:

Tabelle 1: Polaritätenmodell zur Kennzeichnung unterschiedlicher Haltungen zur "Geistigen Behinderung" (Hinz 2003)

(Private) Defektologische Haltung

Dialogische Haltung

'Geistige Behinderung' als Zustand

'Geistige Behinderung' als Prozeß

'geistig behindert' sein (und bleiben)

'geistig behindert' werden (und sich so entwickeln)

(Hirnorganischer) Defekt, ('IQ'-) Mangel, Defizite in der Entwicklung

auf sich wechselseitig beeinflussenden inneren und äußeren Bedingungen basierende Entwicklung

Ticks, Stereotypien

sinnvolle, logische (Re-)Aktion

(Private) Defektologische Haltung

Dialogische Haltung

Person als Objekt, primär passiv

Person als autonomes und abhängiges Subjekt, primär aktiv

Defizitorientierung, Arbeit an Problemen

Kompetenzorientierung, Unterstützung von Entwicklung

Wissen, was das Beste für die Person ist

Beobachten, auf der Welle der Person mitgehen

pädagogische Aggressivität

pädagogische Begleitung

Lernen nur von SpezialistInnen

Anregung durch das Umfeld

didaktische Reduzierung, 'Prinzip der kleinen Schritte'

Offenheit für gemeinsame Situationen und Erfahrungen

Maßnahmen und Regelungen, durch Professionelle gesetzt

individuelle Maßstäbe, individuelle Schritte

Tabuisierung des Themas 'Geistige Behinderung'

Zeugenschaft für Bearbeitung des Themas 'Geistige Behinderung'

Theorie der Andersartigkeit

Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit

Tatsächlich findet sich in der Literatur kein vollständiger Konsens über einen durchgängig anerkannten Begriff der Behinderung. JANTZEN schlägt im ersten Band der "Allgemeinen Behindertenpädagogik" (1992b) als Arbeitsdefinition für ein vorläufiges Verständnis von Behinderung seine Definition von 1974 vor:

"Behinderung kann nicht als naturwüchsig entstandenes Phänomen betrachtet werden. Sie wird sichtbar und damit als Behinderung erst existent, wenn Merkmale und Merkmalskomplexe eines Individuums aufgrund sozialer Interaktion und Kommunikation in Bezug gesetzt werden zu gesellschaftlichen Minimalvorstellungen über individuelle und soziale Fähigkeiten. Indem festgestellt wird, daß ein Individuum aufgrund seiner Merkmalsausprägung diesen Vorstellungen nicht entspricht, wird Behinderung offensichtlich, sie existiert als sozialer Gegenstand erst von diesem Augenblick an." (Jantzen 1974, S. 21f.)

Um die defizitäre Sichtweise zu überwinden, wird die kategoriale Festschreibung als "Behinderte" oft vermieden und eine allgemeine Kategoriebezeichnung, wie "Kinder", "Erwachsene", "Schüler", "Männer", "Frauen" vorangestellt. Die Behindertenproblematik wird als sekundäres Merkmal oder eher als Kennzeichnung einer besonderen Lebenslagenproblematik beschreibend hinzugefügt, wie "Personen mit Behinderung" oder "Menschen mit Beeinträchtigung ihrer intellektuellen Fähigkeiten"(vgl. Fornefeld 2000, S. 50).

"Doch das reicht noch nicht, da die Bezeichnung "Menschen mit [...] Behinderung" semantisch problematisch ist: [...] Nennen wir einen Menschen in seinem Geist behindert, werten wir ihn damit zwangsläufig in seinem Person-sein ab. Dieses anthropologische Problem ist zwar heute erkannt, aber eine treffendere Bezeichnung für den gemeinten Personenkreis wurde bislang noch nicht gefunden." (Fornefeld 2000, S. 50)

Im folgenden wird für einen Menschen des betreffenden Personenkreises die Formulierung "behinderter Mensch" gewählt. Durch den Begriff wird das Problem nicht mehr im Menschen verortet, sondern verweist darauf, dass der entsprechende Mensch an etwas "behindert" wird und damit ein prozesshaftes Problem vorliegt, welches im sozialen Kontext zu suchen ist.

Das Menschenbild

Das Menschenbild, das im Hinblick auf behinderte Menschen zum Zuge kommt, ist entscheidend für den Umgang mit Menschen und bestimmt im Wesentlichen, wie mit ihnen umgegangen wird. Demnach kann ein defektorientiertes Menschenbild, das einen beeinträchtigten Menschen biologisch für defekt, psychologisch für abweichend und pädagogisch für behindert hält, in der gesellschaftlichen Praxis nur Abwertung und Aussonderung bewirken.

"Behinderung ist eine Seinsform des Menschen und muß als solche betrachtet werden." (Fornefeld 2000, S. 79) Die Gleichheit der Menschen gründet sich in der Natur des Menschen, man kann also behinderten Menschen nicht eine andere Natur unterstellen. JANTZEN (1999b) weist daraufhin, dass die Rolle der Biologie jedoch nicht zu negieren ist, da sie behinderte Menschen in "ein anderes Verhältnis zu den Menschen und zur Welt und damit zur Möglichkeit des Aufbaus von Sprache, Kultur und Identität" versetzt (Jantzen 1999b, S. 211).

"Allerdings ist es nicht mehr die Biologie, die in diesem Prozeß die führende Rolle spielt, sondern die Fähigkeit der jeweiligen Umgebung, ihre Ausdrucksweisen so zu normalisieren, daß jeder behinderte Mensch auf jedem Niveau und in jedem Lebensabschnitt besondere Möglichkeiten der Teilhabe entwickeln kann. Geschieht dies nicht so entwickeln sich behinderte Menschen in kultureller, in sprachlicher und dialogischer Isolation." (ebd., S. 211)

Mit dem gesellschaftlichen Status des "Behinderten" verbindet sich eine Vorstellung, die das Gegenüber als mit Defekten ausgestattetes Mängelwesen erlebt und damit abqualifiziert (vgl. Fornefeld 2000, S. 78f.). FEUSER (2003) erläutert zum Thema Menschenbild: "Es gibt Menschen, die WIR aufgrund UNSERER Wahrnehmung ihrer menschlichen Tätigkeit, im Spiegel der Normen, in dem WIR sie sehen, einem Personenkreis zuordnen, den WIR als ‚geistigbehindert' bezeichnen." (Feuser 2003) Er sieht dabei Behinderung als einen phänomenologisch-klassifikatorischen Prozess, also einen Vorgang der Registrierung von an anderen Menschen beobachteten "Merkmalen", die dann zu "Eigenschaften" des Anderen gemacht werden (vgl. Feuser 2003).

Desweiteren konstatiert FEUSER (1991), dass

"...jeder Mensch [...] als historisch einmalig bedingtes und bedingendes Subjekt in der Menschheit [besteht]; dies mit all' seinen Bedarfen und Bedürfnissen, und der Unterschied zwischen mir und einem, den man schwerbehindert nennt, ist nicht mehr oder weniger, als unsere je spezifische Individualität." (Feuser 1991, S. 191)

So wird von der Pädagogik und von den Pädagogen verlangt, die Eigentümlichkeit der Welt des Anderen zu verstehen und ihre vorgefassten Meinungen kritisch zu hinterfragen, d.h. sie müssen sich ihres Menschenbildes bewusst werden (vgl. Fornefeld 2000, S. 79). Maxime der Pädagogik sollte in Bezug auf behinderte Menschen demnach sein, sich als Pädagoge zu bemühen, sich auf "behinderte" Menschen mit ihrer individuell verschiedenen Welt einzulassen und gleichberechtigt ihre Perspektive einzunehmen, sowie dann ihr beobachtbares Verhalten entsprechend als sinnvoll für sie selbst zu erkennen. Diese pädagogische Maxime ist demnach deckungsgleich zu der Maxime der Pädagogik für alle Menschen. Jedes menschliche Leben ist nur als integrierte Einheit von Biologischen, Psychischen und Sozialen zu verstehen (vgl. Feuser 1995, S. 84). Folglich

"müßte [dann] ‚eigentlich' ein ureigenes pädagogisches Anliegen sein, sich auf das zu orientieren, was aus einem Menschen seiner Möglichkeit nach werden kann und nicht auf das wie er uns gerade erscheint." (Feuser 2003)

Damit ist der Begriff behinderter Mensch als soziale Konstruktion erklärt. Außerdem ist dargelegt, dass für die Arbeit mit behinderten Menschen ein Menschenbild zugrunde liegen sollte, welches versucht eine segregierende Pädagogik zu überwinden.

Auf diesem Hintergrund kann nun auf die selbstverletzende Tätigkeit als besondere Form von Tätigkeit eingegangen werden.

Definition, Prävalenz und Phänomenologie von selbstverletzender Tätigkeit

In diesem Abschnitt soll selbstverletzende Tätigkeit definiert und seine Erscheinungsformen und Vorkommen aufgezeigt werden.

Die Definition

Im deutschsprachigen Raum werden am häufigsten die Begriffe "Autoaggression" und "selbstverletzendes Verhalten" benutzt. Es wird aber auch von "Automutilation", "autoaggressiven Verhaltensweisen", "selbstzerstörerischen Verhaltensweisen", "selbstbeschädigenden Verhaltensweisen", "Selbstschädigungen" oder "Selbstverletzungen" gesprochen.

ROHMANN/HARTMANN (1988) sprechen vom Terminus "Autoaggression" "als begriffliches ‚Sammelbecken' aller Formen von Schadenszufügungen dem eigenen Körper gegenüber" (Rohmann/Hartmann 1988, S. 13). Der Begriff impliziert jedoch das Motiv der "Selbstbeschädigung" und ist damit keine nur deskriptive Nennung des Phänomens, sondern kann be- und verurteilende Konnotationen wecken (vgl. Sachsse 2002, S. 36).

So kritisiert auch JOCHEN HETTINGER (1996), dass der Begriff "Autoaggression" eine Wertung des Verhaltens und eine intentionale Ausrichtung nahelegt (vgl. Hettinger 1996, S. 14). Von einer ähnlichen Argumentation geht auch FEUSER (1985b) aus. Seiner Meinung nach hat das selbstverletzende Verhalten nicht die Qualität einer Aggression gegen sich selbst, wie das Wort "Autoaggression" suggeriert. Außerdem stellen aggressive und autoaggressive Verhaltensweisen unterschiedliche psychische Qualitäten dar, so dass das Zusammenführen der beiden Begriffe Aggression und Autoaggression unmöglich erscheint (Feuser 1985b, S. 127 ff.).

Für PETER BREZOVSKY (1985) ist Autoaggression "ein beobachtbares Verhalten, das häufig wiederholt auftritt, stereotypen Charakter haben kann und bei dem ein Individuum Reize gegen den eigenen Körper setzt, deren Ziel oder Wirkung die physische Verletzung ist." (Brezovsky 1985, S. 3)

Problematisch finden ROHMANN/HARTMANN (1988) an dieser Definition, dass sie das gezielte bewusste Einsetzen der autoaggressiven Handlung voraussetzt und nicht berücksichtigt wird, dass dieses Verhalten auch automatisiert und nicht mehr steuerbar ablaufen könne. Außerdem lasse diese Sichtweise außer acht, dass das Ziel oder die Wirkung des autoaggressiven Verhaltens nicht automatisch das Hervorrufen oder Erreichen von physischen Verletzungen sein muss. Desweiteren gehen sie davon aus, dass selbstverletzendes Verhalten eine für das Individuum subjektiv sinnvolle Funktion haben und positive Konsequenzen bewirken könne (vgl. Rohmann/Hartmann 1988, S. 14ff.).

Aufgrund dieser Kritik schlagen sie folgende Definition vor:

"Autoaggressionen sind Verhaltensweisen, die sich gegen den eigenen Körper richten, die meist stereotyp mit hoher Geschwindigkeit ablaufen und dem eigenen Körper physische Schädigung oder extreme Reizung zuführen, wobei abhängig vom beobachtbaren Grad der Erregung oder Spannung, Qualität und Intensität in andersartig stereotype oder aggressive Verhaltensweisen übergehen können." (ebd., S. 17)

Die Bezeichnung "Verhalten" bezieht sich im Wesentlichen auf die beschreibende Ebene, eine Ebene des "äußeren Beobachters". Der Begriff der Selbstverletzenden Tätigkeit ist dagegen auf das engste verknüpft mit einem bewussten zielgesteuerten Tätigkeitsprozess, dem ein Motiv zugrunde liegt (vgl. Lanwer 2002, S. 9f.). Im weiteren soll im Sinne WILLEHAD LANWERs (2002) von "selbstverletzender Tätigkeit" gesprochen werden (vgl. Kapitel 3.4.2). Allerdings werden auch die unterschiedlichen Bezeichnungen einzelner Autoren berücksichtigt.

Bei den oben dargestellten Definitionen ist zu erkennen, dass die Begriffe "Autoaggression" und "selbstverletzendes Verhalten" häufig mit dem Begriff "stereotyp" bzw. "Stereotypie" zusammengebracht werden. Nach HEINZ MÜHL/HEINZ NEUKÄTER/KERSTIN SCHULZ (1996) besteht Uneinigkeit darüber, ob selbstverletzendes Verhalten von Stereotypien abzugrenzen ist. Eine prinzipielle Trennung wird jedoch nicht für begründbar oder zweckmäßig gehalten. Selbstverletzendes Verhalten erscheint oft zugleich mit stereotypem Verhalten, oder beide Verhaltensweisen können ineinander übergehen. Eine Abgrenzung wäre nur hinsichtlich der Wirkung, also der Intensität der physischen Reizung oder Verletzung möglich, und selbst hier wäre eine Grenzsetzung willkürlich. (vgl. Mühl 1996, S. 24) HETTINGER (1996) schreibt hierzu:

"Verletzungen der Haut ("tissue damage") sind leicht zu erkennen, die Schädigung innerer Organe oder von Gelenken, Sehnen und Muskeln dagegen fällt oft nicht unmittelbar auf. In diesem Sinn haben auch stereotype Verhaltensweisen und Körperhaltungen häufig selbstschädigende Konsequenzen. Die Abgrenzung zwischen diesen beiden Verhaltensformen ist daher nicht so eindeutig, wie es zuerst scheinen mag" (Hettinger 1996, S. 14)

Als Stereotypien bezeichnet HETTINGER "gleichförmige, in ihrer Form durch Umweltbedingungen weit gehend unbeeinflußte Bewegungen, die wiederholt (u.U. rhythmisch) auftreten, keine offensichtlichen Ziele haben und weder dem Alter noch der aktuellen Situation entsprechen." (ebd., S. 15)

Die Überlegungen zur Begriffsbestimmung von selbstverletzender Tätigkeit soll mit einer alternativen, eher deskriptiven, Definition von MÜHL/NEUKÄTER/SCHULZ (1996) abgeschlossen werden, die keine Vermutungen zur Verursachung des Verhaltens beinhaltet:

"Selbstverletzendes Verhalten von Personen mit geistiger Behinderung ist ein gegen den eigenen Körper gerichtetes beobachtbares Verhalten, das rhythmischen und stereotypen Charakter haben kann und in der Regel mit hoher Geschwindigkeit abläuft, häufig eine Stimulation des propriozeptiven, vestibulären und/oder kinästhetischen Wahrnehmungsbereichs bewirkt und dem eigenen Körper physische Verletzungen und/oder extreme Reizung zuführt und aus der Sicht des betroffenen Individuums sinnvoll zu sein scheint." (Mühl et. al. 1996, S. 25)

Die Prävalenz

Schaukelbewegungen, an den Haaren ziehen und ähnliche Tätigkeiten, also stereotypisierte Formen des Verhaltens, finden sich bei allen Menschen. Allerdings treten sie in dieser Form meist nur in der frühen Entwicklung auf, oder aber werden toleriert, weil sie in sozial übliche Formen der Tätigkeit integriert sind (vgl. Jantzen 1992b, S. 313). Nägelkauen, Lippenbeissen, Sich-kratzen o.Ä. ist bei allen Menschen unter bestimmten belastenden psychischen und sozialen Bedingungen zu beobachten. So kann man selbstverletzende Verhaltensweisen, als eine allgemein menschliche Verhaltensmöglichkeit sehen, Stress, Angst oder Schmerz ausdrücken bzw. kompensieren zu wollen. Das Verhalten kann durch seine Intensität zum Problem werden, bzw. es kann durch Außenstehende zum Problem gemacht werden.

"Die Angaben zur Auftretenshäufigkeit (Prävalenz) von Stereotypien und selbstverletzenden Verhaltensweisen bei Menschen mit geistiger und/oder autistischer Behinderung [...] gehen z.T. weit auseinander." (Hettinger 1996, S. 19) Als Ursache dafür werden unterschiedliche Definitionen von Verhaltensklassen, Unterschiede in der Alterszusammensetzung der untersuchten Stichproben oder Unterschiede in den Wohnformen genannt. Trotzdem ist festzustellen, dass ein relativ großer Prozentsatz von geistig behinderten Menschen stereotypes Verhalten zeigt. Selbstverletzende Tätigkeit tritt seltener auf, ist aber besonders in Vollzeiteinrichtungen/totalen Institutionen anzutreffen und als großes Problem anzusehen. Der Anteil von Menschen, die sich chronisch schwerwiegend selbst verletzen wird auf 10 - 25% geschätzt (vgl. ebd., S. 19f.).

"Fast durchgängig läßt sich eine positive Beziehung zwischen Institutionalisierung und Auftreten von SVV [SVV = Selbstverletzendes Verhalten] feststellen: Menschen, die in Heimen leben zeigen eher SVV als solche, die in gemeindenahen Einrichtungen untergebracht sind oder zu Hause leben. Allerdings sind Personen, die in Heimen leben, in der Regel auch älter und stärker behindert. Zudem spielen Verhaltensauffälligkeiten als Aufnahmekriterium eine Rolle." (ebd., S. 22)

Dass selbstverletzende Tätigkeit überwiegend in der Gruppe von schwer geistig behinderten Menschen vorzufinden ist, zeigt eine Auswertung von Prävalenzuntersuchungen bei MÜHL/NEUKÄTER/SCHULZ (1996). Nach drei verschiedenen Studien waren im Schnitt ca. 91% der untersuchten geistig behinderten Menschen, die selbstverletzende Tätigkeit zeigten, als schwer geistigbehindert eingestuft worden (vgl. Mühl 1996, S. 27). Eine ähnliche Studie findet sich bei JANTZEN (1999a). Vergleichsuntersuchungen zwischen mäßig schwer und sehr schwer geistig behinderten Menschen zeigen, dass sich die prozentualen Anteile von schweren Störungen mit der Schwere der Behinderung erhöhen (vgl. Jantzen et. al. 1999a, S. 200).

ULRICH ROHMANN/ULRICH ELBING (2002) sind der Meinung, es sei für den Einzelfall ohnehin nicht von Bedeutung, zu wissen "ob nun 18 oder 43% aller behinderten Menschen in sozialen Einrichtungen ähnliche Formen selbstverletzenden Verhaltens zeigen [...]." (Rohmann; Elbing 2002, S. 138). Eine sorgfältige individuelle Problemanalyse unabhängig von Statistiken ist nötig, um ein adäquates Verständnis für selbstverletzende Tätigkeit zu bekommen und Erfolg versprechende Veränderungsstrategien entwickeln zu können. Nach JOHNSON und DAY (1992) haben ROHMANN/ELBING folgende Zusammenhangslinien für selbstverletzendes Verhalten veröffentlicht:

"Es kann geschlossen werden, dass

1. die Auftretensrate bei nicht behinderten und die Häufigkeit bei geistig behinderten Personen bei Männern höher zu sein scheint als bei Frauen, wogegen das Umgekehrte zutrifft bei psychiatrisch beeinträchtigten Personengruppen.

2. Selbstverletzendes Verhalten tritt bei nicht behinderten Menschen kaum nach Kindheit und Vorschuljahren auf.

3. Es ist schwierig, handfeste Schlüsse bezüglich Alter und Auftreten bei geistig behinderten oder psychiatrischen Personengruppen zu ziehen.

4. Die Auftretensrate ist am niedrigsten für nicht behinderte Kleinkinder und Kinder und am höchsten für geistig behinderte Menschen aller Altersgruppen. Sie ist in der Mitte für psychiatrisch beeinträchtigte Stichproben.

5. Eine umgekehrte Beziehung wird festgehalten für den Zusammenhang zwischen selbstverletzendem Verhalten und Intelligenzniveau und hier scheinen definitiv höhere Raten von selbstverletzendem Verhalten aufzutreten bei den stark geistig behinderten Menschen, die in Institutionen leben gegenüber denen , die nicht in Institutionen leben." (ebd., S. 138f.)

Die Phänomenologie

Topographische Aspekte selbstverletzender Tätigkeit können weder für die Definition noch für eine Erklärung ausreichend sein, allerdings sind sie für die Diagnostik und Förderung von Bedeutung. Zum Beispiel um Veränderungen in der Form des Verhaltens während einer Intervention oder Therapie zu dokumentieren.

Viele Autoren vermuten, dass in der individuellen Entwicklungsgeschichte selbstverletzende Tätigkeit aus stereotypen Verhaltensformen hervorgegangen sind. Es wird zum Beispiel angenommen, dass sich das Schlagen mit dem Kopf gegen Wände oder Gegenstände aus stereotypem Schaukeln entwickelt haben kann. Eine aus dem Schaukeln entstandene Verletzung kann etwa zu Zuwendung geführt haben, so dass dieses Verhalten später instrumentell eingesetzt wurde, um wiederholt Zuwendung zu erreichen. (vgl. Hettinger 1996, S. 18ff.) Diese Vermutung ist m.E. kritisch zu betrachten, da durch diese Annahme die pädagogische Konsequenz der "Nichtzuwendung" gefolgert werden könnte, die dann zu einer weiteren Eskalation des Phänomens führt. HETTINGER (1996) stellt dazu das "Time-out" oder den "Ausschluss" als therapeutisches Setting dar (vgl. ebd., S. 123). Die Vorenthaltung vom Dialog, die eine "Time-out" Situation bzgl. der selbstverletzenden Tätigkeit einschließt stellt eine Form äußerer isolierender Bedingungen dar und ist somit selbst Teil der zur selbstverletzenden Tätigkeit führenden Grundlagen (vgl. dbzgl. Kapitel 3.5 und 3.6.3). Es kann bzgl. dieser Annahme jedoch konstatiert werden, dass selbstverletzende Tätigkeit das Ergebnis von Lernprozessen ist.

Außerdem können biologische Faktoren bei der Herausbildung des Phänomens eine Rolle spielen (vgl. Hettinger 1999, S. 24ff. und 35ff.). So ist es notwendig zunächst die medizinisch-organischen Aspekte der selbstverletzenden Tätigkeit durch z.B. eine differenzielle Blutuntersuchung abzuklären. Erst nach dieser Absicherung kann die selbstverletzende Tätigkeit bzgl. der psychosozialen Komponenten analysiert werden, die in dieser Ausarbeitung im Vordergrund stehen sollen.

Die meisten Autoren führen "sich auf den Kopf schlagen" bzw. "mit dem Kopf schlagen" als exemplarisches Beispiel für selbstverletzende Tätigkeit an. ROHMANN/HARTMANN (1988) berichten von einer Untersuchung von FACION und ROHMANN (1985), in der auf den Kopf fixierte aggressive Handlungen auf 78,4 % der untersuchten Personen zutraf (vgl. Rohmann/Hartmann 1988, S. 16). Bei JANTZEN/VON SALZEN (1986) findet sich eine Auflistung selbstverletzender Tätigkeit nach SCHROEDER/SCHROEDER/ SMITH/DALLDORF (1978), die entsprechend der Häufigkeit des Auftretens gegliedert ist (Jantzen/v. Salzen 1986, S. 49f.):

  • Kopfschlagen

  • Selbstbeißen

  • Selbstkratzen

  • Bohren an sich selbst (z.B. in Augen und Ohren)

  • Selbstkneifen, zwicken, klemmen

  • Haar ausreißen

  • Öffnungen verstopfen (z.B. Nase, Ohren, Scheide, After)

  • Nuckeln

  • Erbrechen (Speisen schlucken und wieder hochwürgen)

  • Kotschmieren

  • Luft hochwürgen (Rülpsen)

  • Atmung

  • Alles austrinken (Vasen und Pfützen)

  • Kombination von drei oder mehr der genannten selbstverletzenden Verhaltensweisen

HETTINGER zeigt in Tabelle 2, welche die häufigsten Formen von selbstverletzender Tätigkeit sind, erhebt dabei aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Tabelle 2: Topographien selbstverletzender und stereotyper Verhaltensweisen (Hettinger 1996, S. 17) Hier werden auch "komplexere Verhaltensweisen" zu den Stereotypien (durch einen waagerechten Strich getrennt) gezählt.

SELBSTVERLETZENDES VERHALTEN

STEREOTYPES VERHALTEN

  • mit dem Kopf schlagen

  • gegen den Kopf schlagen

  • Augen drücken

  • an der Lippe reißen

  • Zähne knirschen

  • Haare ausreißen

  • Beißen

  • Zwicken

  • Reiben, Kratzen

  • gegen den Körper schlagen

  • Gegenstände in Körperöffnungen stecken

  • Extremes Trinken

  • Luftschlucken "Aerophagie"

  • Selbstinduziertes Erbrechen

  • Wiederkäuen

  • Essen ungenießbarer Gegenstände

  • Essen von Kot

  • Selbstinduzierte Anfälle

  • Schaukeln mit dem Körper

  • Drehen des Körpers

  • mit dem Kopf rollen, nicken etc.

  • Hand starren, Hand vor Augen bewegen

  • Lecken an den Händen

  • Wedeln, schütteln der Hände

  • Klopfen gegen Gegenstände

  • Schütteln von Gegenständen

  • Reiben, Kratzen an Gegenständen

  • Schlagen mit Gegenständen

  • Drehen, zwirbeln von Fäden

  • an Gegenständen lecken, saugen

  • Laute hervorbringen

  • ---------------------------------------

  • Worte ständig wiederholen

  • Echolalie

  • Objekte anordnen, immer die gleichen Puzzle legen

  • Buchstabieren, Umgang mit Ziffern

ROHMANN/ELBING (2002) schlagen eine Einteilung der Erscheinungsformen von selbstverletzender Tätigkeit in drei verschiedene Schweregrade nach ROHMANN und FACION (1984) vor. Sie gehen davon aus, dass die interpretativ-deskriptive Form der Darstellung mit phänomenologischen Aspekten gerade im Bezug auf Therapiearbeit hilfreich ist:

1. "Leichte Autoaggressionen: Darunter verstehen wir selbstschädigende Verhaltensweisen mit geringer Intensität, ohne sichtbare Verletzungen, die häufig mit einem erkennbaren Situationsbezug stattfinden, wie z.B. Schlagen mit der flachen Hand, Kneifen usw. in Situationen der Überforderung, Verweigerung oder Wut.

2. Mittlere Autoaggressionen: Darunter verstehen wir selbstschädigende und selbstverletzende Verhaltensweisen wie das Schlagen der flachen Hand ins Gesicht, Beißen, Kratzen, Kneifen, Schlagen mit der Faust auf den Kopf mit gesteigerter Intensität und Regelmäßigkeit, so daß Verletzungen wie Narben, Verhornung usw. sichtbar sind, wobei dieses Verhalten bereits teilweise automatisiert auftreten kann.

3. Schwere Autoaggressionen: Darunter verstehen wir selbstverletzende und selbst zerstörerische Verhaltensweisen, d.h. daß Verletzungen auftreten können, die lebensbedrohlich sind wie das Schlagen mit dem Kopf oder der Stirn gegen Wände, scharfe Kanten, Stechen mit den Fingern in die Augen, Halten des Kopfes in offenes Feuer, Abbeißen der Fingerkuppen, Lippen oder Zunge. Die Intensität des Verhaltens ist massiv, das Verhalten findet ohne erkennbaren Grund statt und ist stark automatisiert, dem Kind[31] fehlt jegliche Selbstkontrolle, es ist sich sozusagen selbst ausgeliefert."(Rohmann/Elbing 2002, 135f.)

Damit ist die selbstverletzende Tätigkeit begrifflich definiert und seine Erscheinungsformen und Vorkommen aufgezeigt worden. Im folgenden kann nun eine Erklärung für das Auftreten von selbstverletzender Tätigkeit gesucht werden.

Die Selbstverletzung als Tätigkeitsrepertoir des Menschen

Das in der "kulturhistorischen Schule" entwickelte "Interiorisationskonzept" bildet die Grundlage für die "Tätigkeitstheorie". Durch gelungenen Dialog mit dem "Außen" bildet dann die Tätigkeit mit dem subjektiven Sinn und der objektiven Bedeutung eine Einheit. Zerfällt die Einheit, tritt die in diesem Erklärungsmodell die "selbstverletzende Tätigkeit" als eine für den Menschen sinnhafte hervor.

Das Interiorisationskonzept

MARX (1979b) stellt in den "Thesen über FEUERBACH" die sinnlich-praktische Tätigkeit in den Mittelpunkt. Der vormarxsche Materialismus fasst den "Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung [...] nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit" (Marx/Engels 1979b, S. 370), so dass die "tätige Seite" vom Idealismus nur abstrakt entwickelt wurde, da dieser die wirkliche, sinnliche Tätigkeit der Menschen nicht kennt. Die Menschen sind nach der MARXschen Erklärung "im System ‚Subjekt - Tätigkeit - Objekt' mit ihren Gattungswesen verbunden, das außerhalb von ihnen im ‚Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse' liegt." (Jantzen 1992b, S. 109)

Im Kontext der 20er und 30er Jahre, einer der bedeutendsten Perioden der Kultur und Wissenschaft in der Geschichte der Sowjetunion, die mit der Oktoberrevolution eröffnet und mit den stalinistischen Säuberungen plötzlich und unvermittelt abgebrochen wurde, entstand das Werk WYGOTSKIs, der zwischen Anfang 1924 bis zu seinem Tode 1934, also in einem relativ kurzen Zeitraum, wissenschaftlich tätig war (vgl. Keiler 2002, S. 22ff.). WYGOTSKI lebt damit in einer Zeit noch nicht parteistaatlich dirigierter MARXistischer Psychologie und Soziologie und kommt, "im Bewußtsein seiner eigenen materialistischen Position in Auseinandersetzung mit den herrschenden Tendenzen zu seinen Unterscheidungen und Folgerungen" (Dehn 1974, S. 141). WYGOTSKIs Werk zielt v.a. auf die Begründung einer neuen Subjektwissenschaft (vgl. Lurija 1993, S. 49ff.), die sowohl mechanischen Materialismus, wie subjektiven Idealismus überwindet und die Subjektbildung des Menschen als Ergebnis einer kulturhistorischen Entwicklung versteht (vgl. Holzkamp/ Schurig 1973, S. 17ff.).

Mitte der 20er Jahre wurde von WYGOTSKI die "Kulturhistorische Schule" begründet. Ziel war die Entwicklung einer allgemeinen Psychologie auf MARXistischer Grundlage. Mittelpunkt der kulturhistorischen Theorie ist das Interiorisierungskonzept:

Im Unterschied zum Tier passt sich der Mensch nicht lediglich seiner Umwelt an, sondern eignet sich die spezifisch menschlichen, gesellschaftlich-historischen Erfahrungen durch aktive Tätigkeit mit Hilfe spezifischer Werkzeuge an. Diese Werkzeuge wurden durch die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung künstlich geschaffen. Eines der Schlüsselwerkzeuge

ist die Sprache. (vgl. Galperin 1980, S. 40f.; weiterführend bzgl. Sprache: Rauter 1977, S. 13) Ursprünglich nach außen, zum anderen Menschen gerichtet, werden diese Werkzeuge im Laufe der Entwicklung des Menschen zum Mittel, um die eigenen psychischen Prozesse zu steuern. Im Weiteren werden sie verinnerlicht (interiorisiert) und damit wird die psychische Funktion von innen her vermittelt (vgl. Galperin 1980, S. 42). Dieser Prozess der Entstehung von inneren psychischen Funktionen aus primär äußeren, sozialen Funktionen, bildet den vollständigen Kreis der kulturhistorischen Entwicklung einer psychischen Funktion (vgl. Keiler 2002, S. 199).

Die Einheit von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung

ALEXEJ NIKOLAJEWITSCH LEONTJEW (1903 - 1979) (1973 u. 1977) war führender Vertreter der Kulturhistorischen Schule und verallgemeinerte das Interiorisierungskonzept zu einer Tätigkeitstheorie.

Der Begriff der gegenständlichen, zielgerichteten Tätigkeit gehört zu den Grundbegriffen der materialistischen Psychologie, welche dabei einen Rückgriff auf MARX vollzieht (vgl. Budilowa 1972, S. 141ff.). Bewusstsein und Tätigkeit bilden in dieser Auffassung eine Einheit (vgl. Ljublinskaja 1982, S. 137). LENIN schreibt in diesem Zusammenhang sehr treffend: "Das Bewußtsein des Menschen widerspiegelt nicht nur die objektive Welt, sondern schafft sie auch." (Lenin zit. n. Kossakowski/Lompscher 1973, S. 15; weiterführend Lenin 1976, S. 152) Die Tätigkeit muss dabei deutlich von der "Handlung" und der "Operation", durch welche die Tätigkeit realisiert wird (vgl. Ljublinskaja 1982, S. 138f.), unterschieden werden. Die Tätigkeit besteht aus aufeinander folgenden einzelnen "Handlungen". Die "Operationen" sind die Komponenten, aus denen die Handlungen zusammengesetzt sind. (vgl. Leont`ev 1974, S. 18)

"Tätigkeit ist die umfassende Bezeichnung für die Auseinandersetzung des Menschen mit den Bedingungen seines Lebens schlechthin, während mit dem Begriff Handlung ein durch ganz bestimmte Momente zusammenhängender Tätigkeitsabschnitt gemeint ist." (Erlebach et. al. 1967, S. 46)

Die wichtigsten Arten menschlicher Tätigkeit sind "Arbeit, Spiel, Lernen, gesellschaftlich-politische, kulturell-ästhetische, sportliche und andere Betätigungen" (Lompscher 1976, S. 524)

LEONTJEW (1973) versucht mit der Tätigkeitstheorie den Weg der Aneignung, über welche die Dinge von der Umwelt des Menschen in sein Verständnis eingehen, konkreter zu fassen.

"Wir werden die spezifischen Prozesse, die ein Lebewesen vollzieht und in denen sich die aktive Beziehung des Subjekts zur Wirklichkeit äußert, von anderen Vorgängen abgrenzen und als Prozess der Tätigkeit bezeichnen" (Leontjew 1973, S. 32)

Unter Tätigkeit versteht LEONTJEW eine durch psychische Widerspiegelung vermittelte Lebenseinheit, deren reale Funktion darin besteht, dass das Subjekt durch sie die gegenständliche Wirklichkeit erfasst und diese in der Form der Subjektivität umgestaltet (vgl. Lanwer 2002, S. 77). Psychische Widerspiegelung erfolgt demnach nicht durch die unmittelbare äußere Einwirkung auf die Sinnesorgane, sondern durch den praktischen aktiven Kontakt mit dem Gegenstand in Form einer Wechselwirkung. Damit ist der Begriff der Tätigkeit deutlich abgegrenzt gegenüber dem "Verhalten", das keine Wechselwirkung, sondern eine "Funktion äußerer Reizgegebenheiten" (Suckert-Weigert et. al. o.J., S. 36 IN: Deuse 1984, S. 26) darstellt.

Innere psychische Prozesse entstehen somit durch die Umwandlung der äußeren materiellen Tätigkeit, wobei die Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Prozessen der Tätigkeit ausschließlich der Form nach erfolgt. Ihre Struktur dagegen ist gleich. Zudem sind sie prinzipiell und wechselseitig miteinander verbunden.(vgl. Lanwer 2002, S.77f.; sowie: Talyzina 2001, S. 204) Die sich daraus ergebenden wechselseitigen Übergänge sind die wichtigste Bewegung der gegenständlichen menschlichen Tätigkeit in Phylo- und Ontogenese. (vgl. Jantzen 1994, S. 80)

Der Prozess der Tätigkeit bedarf dabei eines Motivs als Motor und Initiator, welches sich durch das Zusammenfallen des Gegenstandes mit dem psychologischen Bedürfnis entwickelt. LANWER (2002) konstatiert hierzu:

"Ein Mensch wird [...] insbesondere in den Möglichkeiten seiner Entwicklung, seiner Evolution, die sich stets in Abhängigkeit von seiner sozialen und gegenständlichen Umwelt verwirklicht, gesehen. In diesem Kontext repräsentieren die höheren psychischen Funktionen wie z.B. Erleben und Emotion, Bedürfnis, Antrieb, Motiv und Wille [...], Denken, Sprache und Bewußtsein [...], die als funktionelle Systeme [...] zu begreifen sind, das Ergebnis der Austauschbeziehungen des Menschen mit seiner Umwelt. Die individuell in tätiger Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelten psychischen Funktionen steuern, orientieren und regulieren die Tätigkeiten." (Lanwer 2002, S. 19)

Hier ist es notwendig auf das funktionelle System einzugehen. Nach ALEXANDER ROMANOWITSCH LURIJA (1902 -1977) (1973) können die Aufgaben des Gehirns in drei Gruppen, sogenannte funktionelle Hirnsysteme aufgeteilt werden. Das erste System reguliert die Wachheit, sorgt für eine Grundspannung der Muskulatur, bestimmt die Gefühlslage und aktiviert die Prozesse der gezielten Aufmerksamkeit (vgl. Lurija 1973, S. 43ff.). Das zweite System umfasst die Aufnahme, Analyse (Erkennen und Wiedererkennen) und Speicherung von Informationen (vgl. ebd., S. 66ff.). Das dritte System übernimmt die Entwicklung, Regulierung und Kontrolle der Motorik (vgl. ebd., S. 82ff.). Charakteristisch für diese Systeme ist, dass sie sich erst im Verlauf des Lebens und in Abhängigkeit von den allgemeinen Lebensbedingungen eines Menschen aufbauen. Haben sie sich jedoch entwickelt, funktionieren sie relativ beständig. Ihre Funktionen sind allerdings nicht starr. Sie können durch Zusammenschluss von Teilbereichen verändert werden (vgl. Leontjew 1973, S. 456). Dadurch erhöht sich die Anpassungsleistung eines Menschen, und er kann spezifische Kompetenzen erwerben. JANTZEN (1979) kritisiert diese vorgenommene Dreiteilung. Nach seiner Auffassung kann die Gefühlsebene und die Fähigkeit zu gezielter Aufmerksamkeit bzw. hoch motivierter Tätigkeit nur unzureichend im Rahmen des ersten Systems erfasst werden. Er unterschiedet deshalb vier Systeme. Die Emotionen, die Orientierungsreaktion und Motivation (z.B. das gezielte Kopfdrehen, um genau hinhören zu können, und das Sich-Konzentrieren auf Hörinformationen) bilden bei ihm ein zusätzliches System. Sie werden vom ersten System abgetrennt (vgl. Jantzen 1979, S. 213). JANTZEN nennt dieses vierte System "regulatorische Einheit für spezifische Aktivierung und Koordination von Planung, Information, Aktivation, Körperregulation (zentrales und autonomes System, subjektive Befindlichkeit [Emotion, Affektivität])" (Jantzen 1990, S. 74; vgl. dazu auch Simonov 1986). PJOTR KUMITSCH ANOCHIN (1898 - 1974) erweitert das System um die Aufgaben der Sinnesorgane und des neuromuskulären Apparates. Dadurch werden alle Teile des sensomotorischen Regelkreises (Wahrnehmung, Weiterleitung, Verarbeitung. Weiterleitung, Rückkoppelung, Wahrnehmung u.Ä.) einbezogen. Dies veranlasste ANOCHIN 1935, das Ganze als "funktionelles System" zu bezeichnen. (vgl. Lurija 1993, S. 126f.; Lompscher 1976, S. 189f.; sowie weiterführend Jantzen 1990, S. 59ff.)

Innerhalb der Tätigkeit vollzieht sich "eine gewisse Öffnung der Sphäre der inneren psychischen Prozesse gegenüber der objektiven gegenständlichen Welt, die mit Macht in diese Sphäre eindringt" (Leontjew 1982, S. 19 IN: Lanwer 2002, S. 79f.) Ergänzend dazu gelangen laut LANWER (2002) auch die objektiven Bedeutungen als Komplement zur objektiven gegenständlichen Welt, "innerhalb derer die historisch gesellschaftlichen Erfahrungen und Werte akkumuliert sind" in diese Sphäre und beeinflussen dann die "innerpsychischen subjektiven Sinnbildungsprozesse" (vgl. Lanwer 2002, S. 80).

Häufig wird zwischen "Sinn" und "Bedeutung" in der Psychologie nicht differenziert. Laut LEONTJEW (1973) gilt es beide Begriffe jedoch zu unterscheiden, "obwohl Sinn und Bedeutung im Bewußtsein zu verschmelzen scheinen." (Leontjew 1973, S. 222)

Psychologisch ist die Bedeutung eine verallgemeinerte Widerspiegelung der Wirklichkeit, "die die Menschheit erarbeitet und in Form eines Begriffs, einer Erkenntnis oder sogar in Form einer Fertigkeit, beispielsweise als Handlungsverfahren oder Verhaltensnorm, fixiert hat." (Leontjew 1973, S. 220) Bedeutung ist damit unabhängig von der individuellen Beziehung in welcher der Mensch zu ihr steht.

Sinn wird dort geschaffen, "wo der Mensch das objektive Verhältnis zwischen dem, was ihn zur Tätigkeit anregt [das Motiv], und dem, worauf sich seine Handlung richtet und was sie als unmittelbares Ergebnis erzielen soll, widerspiegelt [das Ziel]." (Leontjew 1973, S. 221)

Die Diskrepanz von Bedeutung und Sinn sei an einem einfachen Beispiel dargestellt:

Man stelle sich dazu drei Personen vor:

1. einen Nachfahren von Nikolaus August Otto

2. einen Schüler der 9. Klasse

2. ein Automechaniker

Das geschichtliche Wissen der Erfindung des "Otto-Motors" im Jahre 1862 ist den drei Personen geläufig, und auch die Bedeutung im gesellschaftlichen Kontext ist allen drei gleichermaßen bewusst. Für jeden bietet das Wissen darüber einen jedoch individuell unterschiedlichen Sinn. Dem Automechaniker vermittelt die Bedeutung dieses Ereignisses Sinn bezüglich seines Berufes, dem Schüler, der noch keinen Führerschein besitzt, vielleicht Sinn bezüglich einer Hoffnung auch einmal in einem Auto zu sitzen, dem Nachfahren des Erfinders vermittelt dieses Ereignis Sinn bezüglich seiner eigenen Identität.

Der subjektive Sinn entsteht aus der Wirklichkeit und bedarf dann der objektiven Bedeutung um sich ausdrücken zu können (vgl. Lanwer 2002, S. 80).

"Ferner können im Rahmen der subjektiven Sinnbildungsprozesse die Bedeutungen als historisch entwickelte Bedeutungsakkumulation immer nur annähernd und von den individuellen Erfahrungen ausgehend erschlossen werden." (Lanwer 2002, S. 80)

LANWER (2002) konstatiert, dass das Dialogische im Sinne BUBERs und SPITZ´ (vgl. Kapitel 3.1) im Konstrukt der Einheit von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung enthalten ist:

"In der Einheit von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung ist[...] das Dialogische als Widerspiegelung des Du im Ich [vgl. Buber 1994, S. 7ff.], d.h. als Bindungsverhältnis im Sinne einer rückgekoppelten Wechselbeziehung zwischen Ich und Du als Hauptform der Sinnhaftigkeit der Tätigkeit immanent enthalten" (Lanwer 2002, S. 81)

Daraus folgert LANWER, dass der Dialog auf die "Entwicklung, bzw. Herausbildung gemeinsamer Sinninhalte" zielen muss, "die sich auf Seiten des Subjekts beispielsweise durch bindungsbezogene Gefühle wie Liebe und Freundschaft ausdrückt", über die sich "Räume der Bestätigung, Sicherheit und Vertrautheit" entwickeln (Lanwer 2002, S. 81). Hierdurch entfalten sich dann die höheren psychischen Strukturen eines Menschen, die damit eine aktive Konstruktion eines inneren Abbildes der äußeren Welt darstellen. Unter diesem Blickwinkel sind die höheren psychischen Funktionen sozial determiniert (vgl. ebd., S. 82).

"Die im Dialog gewonnene Bindung als elementarster subjektiver Sinnbildungsprozess vermittelt dem Individuum Angstfreiheit im Sinne einer emotionalen Stabilität und ist damit die Grundlage und Voraussetzung des Werdens eines Menschen." (Lanwer 2002, S. 81)

Das Auseinanderfallen von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung

Sofern dem behinderten Menschen durch innere oder äußere isolierende Bedingungen, die eine radikal veränderte soziale Entwicklungssituation hervorrufen, Dialoge nicht möglich sind und auch seiner Umwelt es nicht möglich erscheint, die Kommunikationsweisen so aufeinander abzustimmen, dass gegenseitiges Verstehen realisierbar wird, spricht LANWER (2002) von einer Situation des "gescheiterten/entgleisten Dialogs" (vgl. Lanwer 2002, S. 83). Die betroffene Person findet in dieser Situation im BUBERschen Sinne keine Entsprechung mehr seines Ichs im Du, und das heißt laut LANWER, dass keine Einheit von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung mehr existiert.

"Im tätigkeitstheoretischen Sinne gestaltet sich die Situation für den organisch beeinträchtigten Menschen so, dass er aufgrund seiner isolierenden Bedingungen nicht dazu in der Lage ist, eine Bindung der Sinnkonstruktion an den entsprechenden Bedeutungen zu vollziehen. Das Ich findet im Du keine Bestätigung." (Lanwer 2002, S. 83)

Die erschwerten Bedingungen durch das Auseinanderfallen von Sinn und Bedeutung in der Tätigkeit durch den entgleisten/gescheiterten Dialog im System Psyche führen dann zu selbstorganisatorischen Regulations- und Ausgleichsprozessen, welche im Ergebnis als selbstverletzende Tätigkeit nach außen in Erscheinung treten können (vgl. Lanwer 2002, S. 83).

Insbesondere der Begriff "Selbstorganisation" ist zur Erklärung dieses Zusammenhangs von besonderer Bedeutung. Durch die Theorie der Selbstorganisation zeigt sich nämlich, dass der Mensch selbstaktiv, in Bezug auf seinen Kontext, etwas tut, und dass seine Tätigkeit nicht, einer defektologischen Sichtweise folgend, einer in ihm zu verortenden "Behinderung" geschuldet ist.

Die Selbstorganisationstheorie wurde erstmals von ILYA PRIGOGINE (geb. 1917) im Buch "Vom Sein zum Werden" (1988) beschrieben. Wesentliche Essenz dieser Theorie ist, dass eine zeitliche und räumliche Strukturbildung sich nur in einem thermodynamischen[32] Ungleichgewicht ereignet. Der Grundgedanke PRIGOGINEs ist, dass auf der "Basis der Beziehung zwischen Organismus und Umwelt aus einem ungeordneten und unstrukturierten Zustand der Materie geordnete räumliche und zeitliche Strukturen hervorgehen." (Lanwer 2002, S. 27, der hier das Konstrukt PRIGOGINEs auf lebende Organismen überträgt)

Eine Selbstorganisationstheorie für den Bereich lebender Systeme wurde von MATURANA und VARELA (1987) beschrieben:

Jedes System ist der Theorie nach autopoietisch d.h. selbstschöpfend[33] und selbsterhaltend organisiert. Um diese Organisationsform aufrecht zu erhalten, benötigt das System eine Struktur, die den notwendigen Austausch mit der Umwelt ermöglicht. Dies bezieht sich sowohl auf den organischen, wie auch den kognitiven Bereich eines Systems. Da sich das System in der Interaktion mit dem Milieu anpassen muss, kommt es dabei zu Strukturveränderungen. Die Interaktionen lösen einen Ungleichgewichtszustand (Zustand fern der Homöostase) durch Pertubationen (Stör- einwirkungen) aus, dessen Homöostase das System wiederherzustellen versucht. Diesen Zusammenhang bezeichnen MATURANA und VARELA als "strukturelle Koppelung". Die Interaktion wirkt für das System nicht determinierend oder instruierend, sondern hat lediglich einen auslösenden Charakter. Somit ist das System umweltoffen, aber selbstrefferentiell[34] und operational[35] geschlossen. Dieser Zusammenhang kennzeichnet letztlich die Autonomie des Systems. Es ist damit unmöglich direkt Einfluss auf das System zu nehmen. Dieser Kontext gilt ebenso für die strukturelle Koppelung an andere lebende Systeme, die MATURANA und VARELA als "Verhaltenskoppelung" bezeichnen (vgl. Maturana/Varela 1987, S. 200).

Die Selbstorganisation stellt die Grundlage für die Tätigkeit eines Lebewesen dar, in der es mit anderen einen Dialog aufbaut und darüber Sinn und Bedeutung erlangt.

Selbstverletzende Tätigkeit ist somit eine mögliche Anpassungsleistung, welche die autopoietische Organisationsform des Systems absichert. Dabei kann von außen nicht beurteilt werden, ob die Anpassung des Systems eine gute oder schlechte ist, sondern das System findet jeweils eine gelingende Anpassung, durch welche die autopoietische Organisationsform des Systems aufrechterhalten bleibt. Dieses sichert das Überleben des Systems. Insofern ist jede Anpassung des Systems als sinnvolle Tätigkeit zu sehen.

Wenn durch entgleisten/gescheiterten Dialog, die Verhaltenskoppelung an andere lebende Systeme verhindert wird, die zur Schaffung der Einheit von Tätigkeit, Sinn und Bedeutung erforderlich ist, zerfällt diese Einheit. Die auf die Umwelt bezogene Selbstreferenzialität ist nicht gewährleistet, und dieses Moment bedroht die Autopoiese des Systems. Die Referenzialität zu sich muss dann die Referenzialität zur Umwelt mit auffangen, und das kann sich in der selbstverletzenden Tätigkeit ausdrücken.

Die selbstverletzende Tätigkeit ist somit "die psychische Widerspiegelung der inadäquaten äußeren Tätigkeitsbedingungen" (Lanwer 2002, S. 83)

"Indem die Bedürfnisse nicht mehr in den Bedeutungen ihren Gegenstand finden, und damit eine Motivbildung für die Tätigkeit verunmöglicht wird, richtet sich insofern die nicht mehr nach außen zu realisierenden Tätigkeitsverhältnisse nach innen." (Lanwer 2002, S. 83)

Dieser Prozess kann sich verfestigen und geht einher mit dem Prozess der psychischen Umbildung. Dabei bleibt der subjektive Sinn stets erhalten. Die über die Gegenstände vermittelten objektiven Bedeutungen können jedoch nicht mehr in ihn überführt werden.

Nachdem dargestellt ist, dass die Störung dieses Prozesses zu selbstverletzender Tätigkeit führt, bedarf es nun eines Blickes auf Ursachen dieser Störung. In der psychoanalytischen Untersuchung von SPITZ wird erhellt, wie diese Störung zustande kommt.

Das Modell dominierender Tätigkeit anhand der entwicklungspsychologischen Arbeit von René Spitz

Welche Folgen das Vorenthalten dialogisch-kooperativer Beziehungen im Besonderen in der frühkindlichen Entwicklung für den Menschen haben kann, verdeutlichen die Untersuchungen von SPITZ (1960) zur Entstehung von Objektbeziehungen beim Kinde, die zeigen, dass Säuglinge bei Verlust der kontinuierlichen Beziehung zu einer primären Bezugsperson je nach Dauer "anaklitische Depressionen" und darauf folgend schwere Formen des "Hospitalismus" und "Marasmus" ausbilden. In dieser Entwicklung entstehen dann Formen der selbstverletzenden Tätigkeit.

SPITZ zeichnet einen Weg von der objektlosen Stufe, über die Bildung eines Objektvorläufers bis hin zur Bildung des Objektes im eigentlichen Sinne, welches eine Objektbeziehung überhaupt erst ermöglicht.

Wichtig für diese Entwicklung sind die Grundtriebe Libido und Aggression. Dazu sollen die Beschreibungen von SPITZ betrachtet werden, in denen er Rolle und Entwicklung der Triebe in Bezug auf die verschiedenen Etappen der Konstituierung des eigentlichen Objektes analysiert.

Anschließend wird seine Analyse der Pathologie der Objektbeziehungen und der damit in Verbindung stehenden Triebschicksale beschrieben, in deren Zusammenhang die selbstverletzende Tätigkeit als "dominierende Tätigkeit" hervortritt.

Das Konzept der dominierenden Tätigkeit beschreibt unter entwicklungspsychologischem Aspekt Perioden von Tätigkeiten, welche für die Entwicklung der Persönlichkeit vorrangige Bedeutung haben (vgl. Leontjew 1968, S. 186). Das kann z.B. das Spiel, die Arbeit oder das Lernen oder eben auch die selbstverletzende Tätigkeit sein (vgl. Jantzen 1992b, S. 198). Dabei ist die dominierende Tätigkeit bei der Entwicklung des Kindes nicht unbedingt jene, die das Kind am häufigsten ausführt. Folgende Kriterien finden sich bei LEONTJEW als Merkmale der dominierenden Tätigkeit:

  1. "In der dominierenden Tätigkeit deuten sich bereits neue Tätigkeitsarten an. Während der leitenden Tätigkeit des Vorschulalters, dem Spiel, beobachten wir bereits die neue Tätigkeit des Lernens. Das Vorschulkind beginnt zu lernen indem es spielt.

  2. Die dominierende Tätigkeit führt zur Bildung und Umgestaltung psychischer Vorgänge. Während des Spiels entsteht zum Beispiel die aktive Phantasie, und während des Lernens entwickeln sich die Prozesse des abstrakten Denkens. [...]

  3. Die dominierende Tätigkeit führt zu den in der gegebenen Entwicklungsstufe beobachteten grundlegenden Veränderungen der kindlichen Persönlichkeit. [...]

Die sich verändernde dominierende Tätigkeit bedingt also die Entwicklung der psychischen Prozesse und der psychischen Besonderheiten der kindlichen Persönlichkeit auf der jeweiligen Entwicklungsstufe." (Leontjew 1973, S. 402; vgl. weiterführend Saporoshez 1973, S. 134f. und Elkonin 1971, S. 20f.)

Die theoretischen Grundlagen

SPITZ bezieht sich in seinen Überlegungen auf die psychoanalytischen Theorien SIGMUND FREUDs (1856 - 1939). Aus diesem Grund beginnt die Darstellung der Untersuchung von SPITZ mit FREUDs Triebtheorie. Hierbei wird im Besonderen FREUDs zweite Triebtheorie beschrieben, in der er Libido und Aggression als die beim Menschen vorhandenen Grundtriebe herausstellt. Die FREUDsche Kategorie "Libido" ist laut JANTZEN (1994) in engster Übereinstimmung zur Dimension des "Sinns" im LEONTJEWschen Verständnis zu sehen (vgl. Jantzen 1994, S. 80).

Die Triebtheorie von Sigmund Freud

"Trieb: Allgemeine und umfassende Bezeichnung für die dynamische, energetisierende Komponente zielgerichteter Verhaltensweisen, die den Organismus dazu "antreibt" oder "energetisiert", ein Bedürfnis zu befriedigen" (Drever; Fröhlich 1972, S. 271)

Der "Trieb" liegt laut FREUD (1960b) zwischen dem Somatischen und dem Psychischen. Es gibt noch andere Reize, z.B. die physiologischen Reize, die auf das Psychische einwirken, hier geht es jedoch zunächst um die Triebreize. Triebreize stammen nicht aus der Außenwelt des Individuums, sondern aus dem Inneren des Organismus selbst, d.h. alles Wesentliche für den Reiz ist bereits gegeben. Der Triebreiz kann ähnlich wie der physiologische Reiz abgeführt werden, wirkt jedoch nie wie eine momentane Stoßkraft, sondern immer als konstante Kraft. Da er eben nicht von außen kommt, sondern vom Körperinneren selbst her entsteht, behält er seinen konstant drängenden Charakter. Der Begriff Triebreiz aus der Psychoanalyse lässt sich auch mit dem Begriff "Bedürfnis" umschreiben. Bedürfnisse können durch ihre "Befriedigung" aufgehoben werden. Für die Reize, egal ob sie von außen einwirken oder ob sie Triebreize sind, ist das Nervensystem zuständig. Dieser Apparat versucht die ankommenden Reize wieder zu beseitigen oder auf ein möglichst niedriges Niveau herabzusetzen. Das Nervensystem hat also in diesem Zusammenhang die Aufgabe der Reizbewältigung.

FREUD geht zunächst in seiner ersten Triebtheorie von 1915 davon aus, dass die Tätigkeit des menschlichen Seelenapparates zunächst dem Lustprinzip unterliegt. Der menschliche Seelenapparat wird durch eine Lust - Unlust - Reihe automatisch reguliert. Unlust steigert dabei das Bedürfnis nach Reizbewältigung, Lustempfinden führt zur Herabsetzung des Reizes (vgl. Freud 1960b, S. 8).

Zurückkehrend zu den Trieben kann festgestellt werden, dass FREUD am Trieb Quelle, Objekt und Ziel unterscheidet. Ziel eines Triebes ist seine Befriedigung, die durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht werden kann. Dabei sind verschiedene Wege zum Erreichen dieses Ziels möglich. Das Triebobjekt dient zur Erreichung des Ziels. Das Objekt der Libido beschreibt FREUD in seiner ersten Triebtheorie (1915) als

"dasjenige, von welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das Variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung seiner Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt werden; dieser Verschiebung des Triebes fallen die bedeutsamsten Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient." (Freud zit. n. Spitz 1960, S. 20)

Die Triebquelle ist ein Erregungszustand im Körperinnern, dessen Reize uns jedoch erst durch seine Ziele spürbar werden. Eine Triebbefriedigung kann durch eine andere ersetzt werden. Die Triebe sind also modifizierbar und lassen sich auch gehemmt wenigstens partiell befriedigen (beispielsweise durch Sexualität, über Zärtlichkeit oder durch den Beruf).

Im Gegensatz zu anderen Forschern, die zahlreiche verschiedene Triebe annehmen, führt FREUD die Fülle der Triebe auf zwei Grundtriebe zurück, denen dann wieder Partialtriebe zugeordnet werden. Für Grundtriebe verwendet FREUD den Begriff "Urtriebe". Diese sind Triebe, deren Quelle sich nicht willkürlich zerlegen lässt. Die zwei von FREUD in der ersten Triebtheorie angenommenen Urtriebe sind der "Ich"- und "Selbsterhaltungstrieb" und der "Sexualtrieb". Diese beiden Triebe sind noch unterteilt in viele Einzeltriebe. Die Sexualtriebe sind sehr zahlreich und entstammen vielfältigen organischen Quellen. Ein Anteil von ihnen bleibt den Ich-Trieben zeitlebens gesellt und stattet diese mit libidonösen Komponenten aus. Sie können variierend füreinander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln. Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen liegen. Damit sind die Triebe den unterschiedlichsten Wandlungen unterworfen und können sublimiert, verdrängt, gegen die eigene Person gewendet oder ins Gegenteil verkehrt werden, so kann zum Beispiel aus Liebe plötzlich Hass werden.

Diese Wandlungen oder "Schicksale" der Triebe lassen sich als "Abwehr"gegen die Triebe beschreiben. Die Abwehr stellt dabei eine logische Konsequenz dar, da keine Fluchtmöglichkeiten bestehen. Solange FREUD die Sexualität und den Selbsterhaltungstrieb für die beiden Kräfte gehalten hatte, die den Menschen beherrschen, hatte er dem Phänomen der Aggressivität wenig Beachtung geschenkt.

Zu Beginn der zwanziger Jahre entwickelte FREUD eine neue Idee - seinen dualistischen Ansatz- in dem er die Sexualtriebe als die eigentlichen Lebenstriebe erkennt. Der Gegensatz besteht nicht mehr zwischen den Ich- und Selbsterhaltungstrieben und den Sexualtrieben, sondern er stellt in seiner zweiten Triebtheorie dem "Lebenstrieb" einen "Todestrieb" gegenüber.

Da ein Trieb in FREUDs Theorie auch einen Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes darstellt, das Leblose früher vorhanden war als das Lebende, ist das Ziel allen Lebens der Tod. Der Lebenstrieb wird bei FREUD auch "Eros" genannt, dem sowohl die Ich- als auch die Objektliebe angehören. Der Eros strebt das noch nie Erreichte an, will Einheiten herstellen und binden.

Der Todestrieb (Thanatos), auch "Destruktionstrieb" genannt, dient zwar der Selbst- und Arterhaltung, will jedoch Zusammenhänge auflösen und zerstören. Sein letztes Ziel ist es, das Lebende in den anorganischen Zustand zu überführen (vgl. Freud 1960b, S. 10f.). FREUD sagt dazu:

"Das wir uns als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten (das Nirwanaprinzip nach einem Ausdruck von Barbara Low) wie es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben." (Freud 1992, S. 240f.)

Diese beiden Grundtriebe der zweiten Triebtheorie FREUDs wirken in den biologischen Funktionen des Organismus gegeneinander oder kombinieren sich miteinander. So ist zum Beispiel der Ablauf des Essens eine Zerstörung des Objekts mit dem Endziel der Einverleibung, der Sexualakt eine Aggression mit der Absicht innigster Vereinigung (vgl. Freud 1960b, S. 11). Die gesamte verfügbare Energie des Eros (Libido) dient dazu, die gleichzeitig vorhandenen Destruktionsneigungen zu neutralisieren. Solange dieser Trieb als Todestrieb im Innern des Organismus wirkt, bleibt er stumm und stellt sich erst, wenn er als Destruktionstrieb nach außen gewendet wird. Dies ist eine Notwendigkeit zur Selbsterhaltung (vgl. ebd., S. 12).

Ganz allgemein kann in der Theorie FREUDs die Aggressionsneigung im Menschen als eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage verstanden werden. In diesem Zusammenhang steht bei FREUD, dass der natürliche Aggressionstrieb sich oft dem Streben des Eros widersetzt. Die aufkommende Aggression wird dann introjiziert und dorthin zurückgeschickt, woher sie nach der Theorie FREUDs gekommen ist, sie wird gegen das eigene Ich gewendet.

Die Theorie zur Entstehung der ersten Objektbeziehung von René Spitz

Von diesen Grundlagen ausgehend, entwickelt SPITZ (1960 und 1980) die Theorie zur Entstehung der ersten Objektbeziehung in der Entwicklung des Kindes. Für den neugeborenen Säugling setzt das Objekt ein Subjekt, also den Neugeborenen selbst voraus. Dieses Subjekt ist noch in einem undifferenzierten Zustand und ohne psychische Funktion. Diese Annahme von SPITZ geht auf FREUD zurück, der annimmt, das sich aus diesem undifferenzierten Zustand des Neugeborenen erst die Triebe herausdiffenzieren (vgl. Spitz 1960, S. 11ff.; sowie1980, S. 34f.). Also gibt es dementsprechend noch kein Objekt, geschweige denn eine Objektbeziehung in der Welt des neugeborenen Säuglings. Diese entwickeln sich erst im Laufe des ersten Lebensjahres, im Sinne einer pränatalen Prägung, an dessen Ende sich ein Objekt der Libido konstituiert. Im Verlauf dieser Entwicklung konnte SPITZ drei Stufen unterscheiden (vgl. Spitz 1960, S. 20):

  1. Die objektlose Stufe

  2. Die Vorstufe des Objekts

  3. das Objekt im eigentlichen Sinne

Im folgenden soll auf die einzelnen Stufen eingegangen werden.

Die objektlose Stufe (2-3 Monate)

In der objektlosen Stufe ist der Säugling nicht fähig Dinge zu unterscheiden und auch nicht von seinem eigenen Körper abgetrennt wahrzunehmen. Aktivitäten und Funktionen arbeiten zunächst nur unzureichend und dienen der Existenzsicherung. Die Wahrnehmung des Neugeborenen ist durch eine sehr hohe Reizschwelle vor der Außenwelt geschützt, und nur sehr intensive Umweltreize werden wahrgenommen. Die Psychoanalyse spricht von der Stufe des primären Narzissmus, in der die Befriedigung von Bedürfnissen von außen und vor allem sofort erfolgen muss, da der Säugling noch nicht gelernt hat zu warten. In dieser Stufe beginnt das Kind Gedächtnisspuren zu bilden, die sich durch immer wieder gemachte Erfahrungen festigen und zu ersten Ich-Kernen werden. Diese sind dem Kind jedoch noch nicht bewusst zugänglich (vgl. Spitz 1960, S. 21ff.; sowie auch 1980, S. 53ff.).

Die Vorstufe des Objekts und der erste Organisator der Psyche

Nachfolgend etabliert sich in der Entwicklung des Kindes die Vorstufe des Objektes, erkennbar an der Konstituierung des ersten Organisators der Psyche. Der Begriff Organisator kommt aus der Embryologie. Es sind diejenigen Zellstrukturen, welche zentrale Steuerungsfunktionen wahrnehmen. Bevor sich noch kein Organisator in einer Zellstruktur konstituiert hat, sind die Zellen noch unstrukturiert und "austauschbar". Die Konstituierung eines Organisators bewirkt eine Gewebedifferenzierung höherer Ordnung und induziert eine Kette von aufeinander folgenden Organisatoren (vgl. Spitz 1960, S. 36f.; sowie auch 1980, S135ff.)

SPITZ verwendet den Begriff "Organisator" nun auch für den Bereich der psychischen Entwicklung. Dabei ist der Organisator nicht im Raum, also an einen Ort gebunden, sondern definiert sich durch Zeit und kann einem bestimmten Teil des zentralen Nervensystems zugeordnet werden (vgl. Spitz 1960, S. 36). SPITZ beschreibt in seinen Ausführungen insgesamt drei Organisatoren. Für die Beschreibung der Konstituierung des Objekts in der menschlichen Entwicklung sind die beiden erste Organisatoren relevant.

In der Psyche des Säuglings gehen die zunächst undifferenzierten Kräfte aus Reifung, Entwicklung und Umwelteinflüssen durch den ersten Organisator eine Verbindung ein. Es wird eine Modifikation zu einem strukturierten Zustand vollzogen, den man als Beginn der Psyche überhaupt begreifen kann. Die bis dahin gebildeten Ich - Kerne werden zu einem rudimentären Ich zusammengezogen, welches sich in seinem Verhalten an den Polen Lust und Unlust ausrichten. Die Errichtung des ersten Organisators ist für SPITZ ein entscheidender Wendepunkt in der Entwicklung der Psyche, da passives Hinnehmen zu aktiver Wahrnehmung wird. Dabei ist das Lächeln, meist im dritten Monat nach der Geburt auftretend, ein Indikator für den ersten Organisator. Durch das Lächeln kommt es zu einer bewussten und umkehrbaren Kommunikation, und es werden so Signale ausgetauscht. Diese Signale mit antizipatorischem Charakter zeigen den Beginn des Denkens an. Das Lächeln ist dabei nur ein sichtbares Symptom. Wesentlich dabei ist, dass zu diesem Zeitpunkt verschiedene Entwicklungstendenzen zusammengefasst werden und von nun ab eine neue Organisation auf höherer "Komplexität", auf höherem Niveau bilden. (vgl. Spitz 1960, S. 37; sowie 1980, S. 137)

Besonders der erste Organisator wird nach SPITZ relativ sicher etabliert. Danach ist das System sehr viel störanfälliger, da sich das Kind zunehmend an den herrschenden Umwelteinflüssen orientiert. Es sind jedoch rudimentäre Ich-Strukturen entstanden, welche durch die integrative Tendenz des Ich´s Störungen integrieren können (vgl. ebd.).

Die Stufe des Objekts im eigentlichen Sinne

Das "Dreimonatslächeln" zeigt, dass das Kind einen menschlichen Partner erkennt und eine neue Stufe der Entwicklung beschritten hat. Die "Achtmonatsangst" auf der nun folgenden Stufe, der Stufe des Objektes im eigentlichen Sinne, hat die gleiche Bedeutung. Im Falle des Lächelns wird das Signal des Lächelns mit den Erinnerungsspuren von menschlichen Partnern verglichen und akzeptiert. Im Alter zwischen sechs und zehn Monaten konstituiert sich erkennbar am Symptom der "Achtmonatsangst", dem "Fremdeln", der zweite Organisator der Psyche (vgl. Spitz 1960, S. 50ff.; sowie 1980, S. 167ff).

Die Wahrnehmung des Gesichts der fremden Person als Gesicht wird mit Erinnerungsspuren des Gesichtes der primären Bezugsperson (im folgenden PB genannt) verglichen und abgelehnt. Während der Etablierung des zweiten Organisators baut das Kind eine Beziehung zu einer nicht mehr austauschbaren Person, einem Objekt der Libido auf. Dies ist der Beginn der eigentlichen Objektbeziehung. (vgl. Spitz 1960, S. 55f.; sowie 1980, S. 176ff.)

Ein anderer wesentlicher Aspekt in der Entwicklung des Kindes ist der Dialog, durch Gestik, Mimik und Laute, mit der nicht mehr austauschbaren Person. Durch den Dialog hat das Kind die Fähigkeit erworben, Belebtes von Unbelebtem zu trennen (vgl. hierzu Kapitel 3.1). Es erweitert nun seinen Aktivitäts- und Kommunikationsraum und beginnt durch seine wachsenden kognitiven und motorischen Fähigkeiten aktiv und zielgerichtet zu handeln. Durch diese dominierende Tätigkeit entwickelt das Kind ein Verhältnis von sozialen Gesten, räumlichen Verhältnissen und den Gebrauch von Werkzeugen und das bringt seine Entwicklung voran.

Das Kind macht nun die Erfahrung, dass es etwas gibt, was dem Willen widerspruchslos gehorcht. SPITZ bezeichnet dieses als "Ur - Selbst". Es ist entstanden durch die Verknüpfung von positiven und negativen Erinnerungsspuren im Austausch mit dem Nicht - Selbst zu einem Ganzen. Alles was Problemlösung und Austausch erfordert nimmt das Kind nun als "das Andere" war.

Mit der Etablierung des zweiten Organisators bestimmen nun psychische Strukturen das Verhältnis des Individuums zu seiner Umwelt. Störungen aus der Umwelt können nun mit psychischen Mitteln reguliert werden. Psychische Abwehrmechanismen haben sich entwickelt, und Anpassung an seine Umwelt vollzieht das Kind so sehr viel effektiver. Durch diesen endgültigen Funktionswechsel kann nun bei Verhaltensauffälligkeiten das erste mal von beginnender psychischer Krankheit gesprochen werden.

Die Bedeutung und das Verhältnis von Libido und Aggression im Rahmen der Entstehung der ersten Objektbeziehung [36]

Die Rolle und Entwicklung der Triebe in der "normalen" Objektbeziehung

SPITZ bringt die Grundtriebe des Menschen, Libido und Aggression[37], in Zusammenhang mit der Möglichkeit der Wahrnehmung eines Objektes und damit der Objektbeziehung. Libido und Aggression sind an der Bildung des Objektes gleichermaßen beteiligt.

Bei der Geburt und während des auf die Geburt folgenden narzisstischen Stadiums befindet sich das Kind nach SPITZ in einer objektlosen Stufe. In dieser haben sich die Triebe noch nicht voneinander differenziert, dies geschieht erst in einem allmählichen Entwicklungsprozess.

Der libidinöse und der aggressive Trieb beginnen sich im Laufe der ersten drei Monate voneinander zu trennen. Dies ist das Resultat der Interaktionen, den Dialogen zwischen dem Kind und der PB. Diese Interaktion ist geprägt durch die Befriedigung der oralen Bedürfnisse und damit auch durch die Erfahrungen von Lust und Unlust. So kommt es zu Erlebnissen in spezifischen Bereichen der beiden Triebe. Diese Erlebnisse werden voneinander getrennten und damit in sich isoliert vom Kind wahrgenommen. Sie treten weder miteinander in Verbindung, noch verschmelzen sie miteinander. Dies gilt bis zum Alter von drei Monaten, während der narzisstischen Phase, bis sich der Objektvorläufer gebildet hat.

Auch in dem nun folgenden Übergangsstadium, das SPITZ als Vorstufe des Objekts bezeichnet und das in der Konstituierung des eigentlichen Objektes gipfelt, bleibt die Entwicklung der Triebe an die Befriedigung der oralen Bedürfnisse gebunden. Diese Entwicklung ist aber durch eine neue Qualität in der Interaktion zwischen PB und Kind geprägt. Zu Beginn des Übergangsstadiums entsteht beim Kind ein rudimentäres Ich, das als zentraler Steuerungsmechanismus der Koordination fungiert. Dieses rudimentäre Ich ermöglicht es ihm aus seiner Passivität herauszutreten und gestattet eine Triebabfuhr in Form gerichteter Handlungen. Die PB wird das Ziel sowohl der libidinösen wie auch der aggressiven Triebe. Wie in der narzisstischen Phase ist das Kind auch im Übergangsstadium noch nicht in der Lage Erlebnisse in den Bereichen der beiden Triebe miteinander zu verknüpfen. So führt die Möglichkeit der Triebabfuhr in gerichteten Handlungen zunächst zu einer zunehmenden Differenzierung der beiden Triebe voneinander und zur Bildung eines "guten" und eines "schlechten" Objektes. Die PB als Ziel der Triebe wird nicht als einheitliche, feste, unveränderliche Person wahrgenommen. SPITZ beschreibt dies wie folgt:

"Dank den Funktionen des sich entwickelnden Ichs lernt das Kind, zwischen dem ‚schlechten' Objekt, das sich weigert, seine Bedürfnisse zu befriedigen, und auf das sich seine Aggression richtet, und dem ‚guten' Objekt zu unterscheiden, das seine Bedürfnisse befriedigt und dem sich seine Libido zuwendet." (Spitz 1980, S. 184)

Um den sechsten Lebensmonat herum, das Kind befindet sich nach SPITZ in der dritten Stufe, die er die Stufe des Objekts im eigentlichen Sinne nennt, findet dann eine Synthese statt. Diese Synthese betrifft zwei Aspekte. Zum einen die Verschmelzung der beiden Triebe miteinander und zum anderen die Verschmelzung der beiden Objektvorläufer der "guten" und der "schlechten" PB zu einer einzigen und nicht mit einer anderen Person verwechselbaren PB. Durch diese Synthese vollzieht sich die Bildung des Objektes im eigentlichen Sinne. SPITZ sagt hierzu folgendes:

"Von nun an steht die Mutter [38] selbst im Brennpunkt der aggressiven und libidinösen Triebe des Kleinkindes. Das Verschmelzen der beiden Triebe und das Verschmelzen des guten und des schlechten Objektes in eins, nämlich in das Objekt der Libido [39] , sind daher zwei Facetten ein und desselben Vorgangs. [...] Nun, da die beiden Triebe auf das einzige, in höchstem Maße affektiv besetzte Objekt gerichtet sind, können wir erst von der Konstituierung des Objektes der Libido im eigentlichem Sinne und vom Beginn echter Objektbeziehungen sprechen." (Spitz 1980, S. 185)

Wie dies vor sich geht beschreibt SPITZ in Bezug auf die sich beim Kind entwickelnden Gedächtnissysteme des Ichs. In der Interaktion mit der PB bilden sich Erinnerungsspuren von sich immer wiederholenden Erlebnissen und Wechselbeziehungen. Diese Erinnerungsspuren beinhalten hauptsächlich Sinneseindrücke der PB. In diesen wird sie aber nicht als ganze Person, sondern als ein Element der Situationen wahrgenommen. Als Folge wird ein und dieselbe Person vom Kind als eine Anzahl von Personen oder besser gesagt Sinneseindrücken erlebt. Einige dieser Sinneseindrücke werden vom Kind als "gut" andere als "schlecht" empfunden. Durch die zunehmende Speicherfähigkeit der Gedächtnisfunktionen und dank der Integrationstendenzen des Ichs verschmelzen die Sinneseindrücke miteinander, so dass sich das eigentliche Objekt bildet. SPITZ erklärt den Vorgang so:

"Dieser Leistung liegt ein gedanklicher Prozeß zugrunde: aufeinanderfolgende Erinnerungsspuren des Objektvorläufers werden als miteinander übereinstimmend erkannt, unabhängig von der jeweiligen Situation, und die Synthese des Objekts wird vollzogen." (Spitz 1980, S. 185)

Dies ist die Bedeutung der beiden Triebe Libido und Aggression so weit es die "normale" Entwicklung der Objektbeziehung betrifft. Weitere Aspekte lassen sich aus den Ausführungen von SPITZ zur "abweichenden" und "gestörten" Objektbeziehung gewinnen, die im Folgenden beschrieben werden sollen.

Die Rolle und Entwicklung der Triebe in der "abweichenden" und "gestörten" Objektbeziehung

Die Abweichungen und Störungen der Objektbeziehung

Bei den Abweichungen und Störungen der Objektbeziehung (PB - Kind- Beziehung) geht SPITZ von zwei Grundannahmen aus. Beide basieren darauf, dass die PB der dominante, aktive Partner und das Kind zumindest anfangs der passive, aufnehmende Partner ist:

  1. Störungen der Persönlichkeit der PB spiegeln sich in den Störungen des Kindes wider

  2. Im Kleinkindalter sind schädliche psychische Einflüsse die Folge unbefriedigender Beziehungen zwischen PB und Kind

Die erste Annahme verweist darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen den Arten der Störungen des Kindes und denen der Persönlichkeit der PB gibt. Die zweite Annahme verweist auf die Quelle der Störung, nämlich die unbefriedigende Beziehung. Diese unbefriedigenden Beziehungen teilt SPITZ in zwei Kategorien ein:

1. Ungeeignete PB - Kind- Beziehungen

2. unzureichende PB - Kind- Beziehungen

In dieser Weise sind die Störungen der Objektbeziehung, nach SPITZ, auf einen qualitativen und einen quantitativen Faktor zurückzuführen.

Die ungeeignete PB - Kind- Beziehung kann bei den Kindern zu den verschiedensten Störungen führen. Die Symptome sind dabei teils körperlich, teils drücken sie sich in einem anomalen Verhalten aus. Die verschiedenen Symptombilder sind aber immer bestimmten Verhaltensweisen der PB zuzuordnen. Somit sind sie auf bestimmte psychogene Faktoren der Beziehung zurückzuführen. SPITZ sagt hierzu: "In jedem Fall können wir sagen, die Persönlichkeit der PB wirkt als das krankheitsverursachende Agens, als ein psychisches Toxin." (Spitz 1980, S. 221) In diesem Sinne nennt SPITZ die Gruppe der Störungen psychotoxische Erkrankungen. Tabelle 3 zeigt die unterschiedlichen Verhaltensweisen der PB in Verbindung mit der jeweiligen Erkrankung.

Tabelle 3: Ätiologische Klassifizierung von psychogenen Erkrankungen im Säuglingsalter entsprechend den Einstellungen der [PBs], (vgl. Spitz 1980 Tabelle IV, S. 222)

Einstellung der PB

Krankheit des Säuglings

Primäre unverhüllte Ablehnung

Koma des Neugeborenen

Primäre ängstliche übertriebene Besorgnis

Dreimonatskolik

Feindseligkeit in Form von Ängstlichkeit

Neurodermatitis des Säuglings

Kurzschlägiges Oszillieren zwischen Verwöhnen und Feindseligkeit

Hypermotilität (Schaukeln)

Zyklische Stimmungsverschiebungen

Koprophagie

Bewusst kompensierte Feindseligkeit

Aggressiver Hyperthermiker

Mit der unzureichenden PB - Kind- Beziehung wird die quantitative Ebene angesprochen. Hiermit ist der Entzug der Objektbeziehung gemeint. D.h. die Beziehung zur PB wird ohne adäquaten Ersatz entzogen. Hierdurch wird dem Kind libidinöse Zufuhr (affektive Zufuhr) vorenthalten, was zu schweren und ernsthaften seelischen Störungen führt. SPITZ nennt diese Gruppe der Störungen psychogene oder auch affektive Mangelerkrankungen. Er unterscheidet zwei Kategorien, je nach Grad des Fehlens von libidinöser Zufuhr:

1. partieller Entzug affektiver Zufuhr

2. totaler Entzug affektiver Zufuhr

Die Bedeutung des Objektverlustes für die Entwicklung der Triebe

In den Beschreibungen der "normalen" Entwicklung der Objektbeziehung wurde bereits deutlich, dass die Konstituierung des Objektes und die Entwicklung der Triebe sich gegenseitig bedingen. Als Schlussfolgerung hieraus muss angenommen werden, dass die vorstehend beschriebenen "Abweichungen" und "Störungen" der Objektbeziehung nicht ohne Wirkung auf die Entwicklung der Triebe bleibt und diese Entwicklung ihrerseits wiederum Anteil an den somatischen Folgen für das Kind hat. Um diesen Zusammenhang zu beleuchten, unternimmt SPITZ eine psychologische Betrachtung der Wirkung des Objektverlustes, in der er ausgehend von seinen Beobachtungen die Triebschicksale nachzeichnet und interpretiert.

In der "normalen" Entwicklung des Kindes kommt es in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres zu einem Stadium (infantile Ambivalenz), in dem das Kind keinen Unterschied bei der Entladung der Triebe macht. Der libidinöse wie auch der aggressive Trieb werden zugleich, einer in Begleitung des anderen oder abwechselnd als Reaktion auf das Objekt der Libido kundgetan. Beobachtet man die Kinder, denen ein entsprechendes Objekt fehlt, bemerkt man, dass auch die nach Außen gerichtete Entladung der Triebe fehlt. SPITZ folgert hieraus, dass wenn das Objekt entzogen wird oder es nie gebildet werden konnte, den Trieben auch ein Ziel fehlt, auf das sie sich richten können. Die Triebe hängen sozusagen in der Luft.

Die Folge ist die Entmischung bzw. Nichtmischung der Triebe, denn die Voraussetzung für die Vermischung ist die gemeinsame Richtung auf ein und das selbe Objekt. SPITZ sagt dazu:

"Wenn wir annehmen, daß beim normalen Kind dieses Alters (das heißt, in der zweiten Hälfte des ersten Jahres) die Triebe vermischt werden, dürfen wir auch postulieren, daß beim seelisch vernachlässigten Kind eine Entmischung der Triebe eintritt" (Spitz 1980, S. 297)

Die Folgen der Entmischung oder Nichtmischung von Libido und Aggression, d.h. die Triebschicksale, lassen sich anhand der Symptomatik der von SPITZ umrissenen klinischen Bilder verfolgen. Diese klinischen Bilder sind die Auswirkungen und Folgen von Isolation, welche die Kinder in drei Stufen altersunabhängig durchlaufen:

1. Stufe: Anaklitische Depression: Kinder verlieren ihre Fröhlichkeit und werden weinerlich

2. Stufe: Hospitalismus: Verlangsamung der Motorik, völlige Passivität, leerer Gesichtsausdruck, Nachlassen der Augenkoordination

3. Stufe: Marasmus: Stocken der psychischen Entwicklung, psychische Funktionsstörungen, Erhöhung der Sterblichkeit.

SPITZ schließt aus seinen Beobachtungen, dass die ungemischten Triebe, die kein außen liegendes Ziel zur Entladung finden, sich nun gegen die eigene Person richten, dem einzig verbliebenen Objekt. In Bezug auf den Aggressionstrieb kommt dies zum Ausdruck in einem Prozess, in dem das Kind zunächst weinerlich und anspruchsvoll wird und sich an jede Person klammert, die sich ihm nähert. SPITZ sagt, dass es so aussieht, als ob das Kind versucht mit Hilfe des Aggressionstriebes das verloren gegangene Liebesobjekt wiederzugewinnen. Wie bereits beschrieben verändert sich dieses Verhalten nach einiger Zeit. Es kommt zu Schlafstörungen, das Kind nimmt keine Nahrung mehr auf. Dem folgt eine völlige Passivität des Kindes. Die Symptome verfestigen sich und weiten sich aus. Dies kennzeichnet die Wendung des Aggressionstriebs gegen die eigene Person, die selbstverletzende Tätigkeit bildet sich aus. Die Rückwendung der Aggression hat so gesehen eine destruktive Wirkung, die den fortschreitenden psychischen wie physischen Verfall des Kindes bis hin zum Tode auslöst. Das "Schicksal" des libidinösen Triebes, der sich im ungemischten Zustand auf die eigene Person wendet, lässt sich anhand der autoerotischen Betätigungen des Kindes (z.B. Daumenlutschen) verfolgen. Nach längerer Zeit des Objektverlustes ist es dem Kind nicht mehr möglich, sich selbst zum Objekt zu nehmen. Kennzeichen dafür ist das Einstellen der autoerotischen Betätigungen des Kindes. SPITZ vergleicht diese Situation mit einer Rückkehr in das Stadium des primären Narzissmus. In diesem Zustand scheint die für die rückgewendete ungemischte Libido verbleibende Aufgabe zu sein, dem Verfallsprozess entgegenzuwirken und damit das Überleben des Kindes zu sichern.

An dieser Stelle ist die Aufgabe, die SPITZ dem Aggressionstrieb im Verhältnis zum libidinösen Trieb zuweist von besonderer Bedeutung. SPITZ sagt dazu:

"Nach meiner Meinung spielt die Aggression im normalen Mischungszustand der beiden Triebe eine Rolle, die der einer Trägerwelle vergleichbar ist. Auf diese Weise ermöglicht der Aggressionsdrang die Lenkung beider Triebe auf die Umwelt. Wenn aber der aggressive und der libidinöse Trieb nicht zur Mischung gelangen oder wenn eine Entmischung stattgefunden hat, dann wendet sich die Aggression gegen die Person des Kindes selbst; in diesem Fall kann auch die Libido sich nicht mehr nach Außen richten." (Spitz 1980, S. 299)

Wenn die PB oder ein entsprechendes Objekt der Libido in das Leben der Kinder zurückkehrt, kehrt sich der eben beschriebene Prozess um. In welcher Weise dies gelingt und ob dies ohne schwerwiegende Folgen für das Kind bleibt, hängt in hohem Maße von der Dauer des Objektverlustes ab. Bei einer Trennung von weniger als drei bis fünf Monaten (anaklytische Depression) tritt eine rasche Genesung der Kinder ein[40]. Bei einer Dauer der Trennung von über fünf Monaten (Hospitalismus, Marasmus) scheint es zu irreversiblen Schädigungen zu kommen.

Wie bei Kapitel 3.4.3 beschrieben, gehen bei der Herausbildung der selbstverletzenden Tätigkeit die objektiven Bedeutungen verloren. Das steht im Zusammenhang damit, dass der selbstverletzend tätigen Person keine Objekte am Außen mehr zur Verfügung stehen. Durch SPITZ wird deutlich, dass dieser Zusammenhang von der Störung der Objektbeziehung abhängt. Die Beziehung zum Außen funktioniert nicht.

Im nächsten Abschnitt wird auf eine wesentliche Gemeinsamkeit in Bezug auf die selbstverletzende Tätigkeit in den beiden vorausgegangenen Ansätzen eingegangen.

Die Isolation als grundlegende Bedingung der selbstverletzenden Tätigkeit

Die beiden Triebe Libido und Aggression sind nach SPITZ zu Beginn der Entwicklung noch nicht voneinander differenziert. In diesem Punkt steht SPITZ in einem Gegensatz zu anderen analytischen Autoren, die dem Kind schon zu Beginn ein kompliziertes Seelenleben mit Phantasien, Triebkonflikten und Schuld- und Wiedergutmachungsgefühlen zuschreiben. In der Hypothese von SPITZ bildet sich die Objektbeziehung erst nach der Geburt. Diese Hypothese ist für die Zeit in der SPITZ sie entwickelt neu. Die Trägerwelle für die Entwicklung des Kindes und für die Objektbeziehung ist für SPITZ die Aggression. Er sagt dazu:

"In meinem Denken habe ich seit mehr als ein Dutzend Jahren der Aggression eine Rolle zugeteilt, die ich mit der Trägerwelle der Radiosendung verglichen habe. Ich folgerte damals, daß ohne Aggression die Entwicklung des Individuums, seines psychischen Apparates, die Entwicklung seiner Fähigkeiten unmöglich wären." (Spitz IN: Mitscherlich 1969, S. 150)

In diesen Zusammenhang stellt SPITZ dann die Entwicklung einer "gestörten" Objektbeziehung dar und belegt, dass bestimmte psychotoxische Störungen beim Säugling bestimmten psychischen Störungen aus der Umwelt geschuldet sind (vgl. Anna Freud zit. n. Spitz 1960, S. 7/8): Das Verhalten des Kindes ist somit erst einmal nicht mehr nur von seinen genetischen Präferenzen und seinem Trieb abhängig, sondern ist damit eine adäquate Reaktion auf Reize aus der Umwelt. Besonders die selbstverletzende Tätigkeit ist dann nach SPITZ als Folge von isolierenden Bedingungen und fehlendem Dialog mit der Bezugsperson anzusehen. Hier ist ein Gleichklang zur im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Schlussfolgerung LANWERs auf der Basis der Konzeption der Tätigkeitstheorie von LEONTJEW zu erkennen. In ihr wird auch davon ausgegangen, dass selbstverletzende Tätigkeit als Tätigkeitsrepertoir des Menschen nicht aus einem Trieb entsteht, sondern sie "entspricht dem jeweils individuell wie als Art erreichten Niveau der Widerspiegelungs- und Tätigkeitsstruktur und ist [...] eine mögliche menschliche Handlungsweise und - richtung" (Gellert 1983, S. 41). Insofern kann die selbstverletzende Tätigkeit (z.B. häufig aus paternalistischer[41] Sicht angenommen) nicht als sinnlos angesehen werden, sondern ist auch in diesem Theorieansatz als sinnvolle Tätigkeit anzusehen, welche sich durch die Vorenthaltung adäquater Kommunikationsmöglichkeiten, bzw. dem fehlenden Angebot an Kommunikation, also insgesamt aus den äußeren Reizgegebenheiten etabliert. Der gescheiterte/entgleiste Dialog ist dann Teil der äußeren isolierenden Bedingungen.

In beiden Theorien wird also die Isolation in das Zentrum des Erklärungszusammenhangs gerückt. Als abgesicherter Parameter gilt in Bezug auf die selbstverletzende Tätigkeit somit, dass geringe kommunikative Fähigkeiten, als Form innerer isolierender Bedingungen, bzw. Störungen im kommunikativen Austausch zwischen dem behinderten Menschen und seiner Umwelt als Ausdruck äußerer isolierender Bedingungen (vgl. Kapitel 3.2.1), zu den Voraussetzungen von selbstverletzender Tätigkeit gehören. Es wird deutlich, dass das Vorliegen einer inneren isolierenden Bedingung das Umfeld auf die Aufgabe verweist, ein adäquates dialogisch-kooperatives Verhältnis zu etablieren, um nicht zusätzlich äußere isolierende Bedingungen zu schaffen.



[31] Hier beziehen sich ROHMANN und ELBING auf Kinder, m.E. kann die Einteilung auch für erwachsene Menschen gelten.

[32] Thermodynamik: "1. Hauptsatz (Energieerhaltungssatz): Wärme ist eine bestimmte Form der Energie; sie kann in andere Energieformen umgewandelt werden und umgekehrt. In einem abgeschlossenen System bleibt die Summe aller Energiearten (Mechan., therm., elektr., magnet. und chem. Energie) konstant. 2. Hauptsatz: (Entropiesatz): Die Entropie eines abgeschlossenen thermodynamischen Systems kann sich nur durch Austausch mit der Umwelt ändern, oder sie kann sich nur von selbst vermehren. Damit ist gleichzeitig der Richtungscharakter aller Wärmevorgänge ausgedrückt: Wärme kann nicht von selbst von einem kälteren auf einen wärmeren Körper übergehen. 3. Hauptsatz (Nerntsches Wärmetheorem): Die Entropie eines festen oder flüssigen Körpers hat am absoluten Nullpunkt den Wert Null" (Meyers Lexikon in drei Bänden 1995)

[33] Hierzu möchte ich auf einen Abschnitt in dem Buch "Kain oder Prometheus", in dem sich WALTER HOLLITSCHER mit MARX auseinandersetzt, verweisen. "MARX zufolge", so HOLLITSCHER, "ist der Mensch Schöpfer seiner selbst" (vgl. Hollitscher 1972, S. 13)

[34] Selbstreferenziell heißt, "[d]as System konstruiert sich selbst aufgrund der jeweils historischen Erfahrung aus den jeweiligen Vorstadien im Rahmen seiner gattungs- und individualgeschichtlichen Möglichkeiten" (Jantzen 1998, S. 122)

[35] Operationale Geschlossenheit meint, dass "[i]n der Tiefenstruktur ihrer Selbststeuerung [...] lebende Systeme geschlossen und insofern unabhängig bzw. nicht beeinflussbar sind von der Umwelt" (Hollstein-Brinkmann 1992, S. 46 IN: Osbahr 2000, S. 56)

[36] (vgl. Spitz 1980, S. 183-185)

[37] SPITZ betont, dass er die Begriffe "Aggression" und "Aggressionstrieb" nicht im Sinne der landläufigen Bedeutung des Wortes "aggressiv" verwendet. Wenn er von "Aggression" spricht meint er damit nicht Feindseligkeit und Destruktivität, wobei dies aber Erscheinungsformen des Triebes sein können.

[38] SPITZ geht davon aus das die Mutter jeweils immer die "primäre Bezugsperson" darstellt.

[39] SPITZ bemerkt zur Verwendung des Begriffes "Objekt der Libido" dass bei der beschriebenen Synthese die "guten" Aspekte der PB stärker sind als die "schlechten" und gleichsam der libidinöse den aggressiven Trieb überwiegt, da er im direktem Verhältnis zur Befriedigung der Bedürfnisse steht. Das "gute" Objekt bekommt bei der Verschmelzung die Oberhand

[40] SPITZ bezweifelt, dass die Genesung vollkommen ist. Er vermutet, dass auch ein kurzzeitiger Objektverlust sich in späteren Lebensphasen bemerkbar machen kann, wofür aber noch schlüssige Beweise fehlen (vgl. Spitz 1980, S. 285).

[41] Paternalismus: stellvertretende Vernunftwahrnehmung (vgl. auch Kapitel 4.1)

Die Deinstitutionalisierung

Wenn, wie im zweiten Kapitel gezeigt wurde, die totale Institution zu äußeren isolierenden Bedingungen des in ihr lebenden Einzelindividuums führt und die selbstverletzende Tätigkeit, wie im dritten Kapitel heraus gearbeitet, isolierenden Bedingungen, seien sie äußeren oder inneren Ursprungs, geschuldet ist, so ist m.E. fragwürdig, innerhalb einer solchen Struktur allein therapeutische und pädagogische Maßnahmen gegen das zur Aufrechterhaltung der Insassenkultur und Anstaltsstruktur (bzw. der Hausordnung der Institution) dann unerwünschte selbstverletzende "Verhalten" als Lösung zu betrachten. Es ist ebenso bedeutungsvoll, insgesamt das System einer segregierenden Behinderteneinrichtung, die im Sinne GOFFMANs als totale Institution angesehen werden kann, in Frage zu stellen.

Zunächst wäre es wichtig, die sozialen Verhältnisse innerhalb der Institution zu ändern, damit sich der Prozess der Deinstitutionalisierung in einem angemessenen adäquaten Rahmen abspielt. Die plötzliche Auflösung von Institutionen, an die sich die Insassen meist über Jahre gewöhnt haben, würde eine Überforderung darstellen.

Daneben müssen sich die gesellschaftlichen Bedingungen in der Weise ändern, dass eine Deinstitutionalisierung überhaupt stattfinden kann. Eine deinstitutionalisierende Überleitung der ausgegrenzten Menschen in ausgrenzende Bedingungen soll dadurch vermieden werden.

Abschließend sollen die notwendigen Veränderungen in ihrer globalpolitischen Dimension dargelegt werden.

Die Deinstitutionalisierung als Ausdruck sozialer Verhältnisse

Wie sich eine Deinstitutionalisierung entsprechend einer Maxime der Ermöglichung adäquaterer Lebensbedingungen vollziehen kann, zeigt das Beispiel der Auflösung einer psychiatrischen Klinik in Görz, in der Menschenrechtsverletzungen festgestellt wurden, also einer im GOFFMANschen Sinne "totalen Institution". BASAGLIA (1980b) zeigt, wenn man die Realität der Insassen totaler Institutionen, in seiner Beschreibung eben Insassen einer Psychiatrie betrachtet, der Beobachter es mit einer doppelten Realität zu tun hat. Er hat es einerseits mit Menschen mit einer dialektischen[42] und ideologischen[43] psychopathologischen Problematik zu tun und andererseits ist der Insasse ein Ausgeschlossener, ein Geächteter. (vgl. Basaglia 1980b, S. 151)

BASAGLIAs Gedanke ist nun, dass nur wenn beide Seiten dieser Realität aufgedeckt werden, eine Institution sich selber negieren und weiter entwickeln kann. Die Institution ist nicht weg, aber sie ist negiert durch sich selbst entwickelte reflexive Gegenkräfte. Es entsteht in Görz eine "Gemeinschaft der Ausgeschlossenen". Die Gegenkräfte bauen dann auf der Dialektik Natur - Gesellschaft, also im Prinzip auf dem Konstitutionsvertrag SPINOZAs[44] auf (vgl. Kapitel 2.2.3).

"Worum es geht", sagt BASAGLIA, "ist, die Gestalt des Kranken zu begreifen, zu rekonstruieren wie sie gewesen sein mußte, bevor die Gesellschaft mit Ausschluß auf den Kranken einwirkte, dass heißt, nicht weiter mehr nach dem Defekt des Kranken zu fragen, sondern nach seinen Möglichkeiten, das heißt, ihn als Subjekt seiner Tätigkeit zu begreifen." (Basaglia zit. n. Schneider 1994).

"[Die] Verdinglichung des Kranken ist nicht seine objektive Lebenslage, sondern wurzelt in der Beziehung zwischen dem Kranken und dem Therapeuten, und damit auch der Gesellschaft, die dem Arzt die Gewalt überträgt, Behandlung und Überwachung des Kranken zu übernehmen." (Basaglia 1980b, S. 134)

HOBBES (1970) legt mit dem "Unterwerfungsvertrag" ein Modell vor, auf dessen theoretischer Basis sich die "totale Institution" im Sinne GOFFMANs gründet und insofern als inhumanes Konstrukt zu verwerfen ist. Es reicht zur Humanisierung der in ihr befindlichen verdinglichten Menschen jedoch nicht aus, die Institution einfach zu schließen und andere Wohnformen zu etablieren, die dann in sich, vergleichbar mit der Struktur "totaler Institutionen" trotzdem starr und unveränderbar bleiben. FEUSER (1995) sagt in diesem Zusammenhang, dass "weder die Strukturen noch die Funktion psychiatrischer Institutionen [...], durch Akte der Dezentralisierung als überwunden angesehen werden" können. (Feuser 1995, S. 43)

"Quecksilber, das zu Boden fällt, zerstiebt in unzählige kleine Kügelchen, aber es bleibt Quecksilber und giftig." (Feuser 1995, S. 43)

Totale Institutionen sind nicht durch einen Ort bestimmt, sondern sind Ausdruck einer Organisationsform und in dieser Hinsicht durch ein spezifisches soziales Verhältnis bestimmt. (vgl. Jantzen 1998, S. 119) Strukturelle Veränderungen sind also nicht das Einzige und primäre, sondern die sozialen Verhältnisse in den Einrichtungen müssen sich in der Weise ändern, dass der Bewohner der jeweiligen Einrichtung und nicht die Einrichtung selbst im Vordergrund steht und dass hierbei Macht und Gewaltverhältnisse aufgegeben werden, deren grundlegende Bedingung paternalistisch motivierte Handlungsstrategien des Personals sind.

Kern des Paternalismus ist es, für sich zu beanspruchen, die "wirklichen Bedürfnisse" anderer Personen besser wahrnehmen und erkennen zu können als diese selbst. Mit vorgeblich besserem Wissen um die Bedürfnisse des Anderen und dem hieraus resultierenden Anspruch einer höheren moralischen Kompetenz wird dann mitdefiniert, was gut und was schlecht ist für den Anderen. Es wird vom paternalistisch Handelnden eine Einwilligung in dieses Konzept erwartet. Willigt der Insasse ein, kann aus der paternalistischen Stellvertreterposition sozioemotionaler Gewinn gezogen werden. Wird dieser zur Motivation der Arbeit, entstehen Problematiken, die WOLFGANG SCHMIDBAUER (geb. 1941) (1987) unter dem Begriff "Helfersyndrom" gefasst hat (vgl. Schmidbauer 1987). Willigt der Insasse nicht ein, so JANTZEN (1999a), "schlägt Sentimentalität in Terror um" (Jantzen 1999a, S. 209). Der Paternalismus als Gewaltstruktur muss aufgedeckt und dann vermieden und damit die Macht des Personals aufgegeben werden, soll die Voraussetzung zu einer gelingenden Deinstitutionalisierung geschaffen werden.

Zur Aufgabe von Macht und Gewaltstrukturen und damit der paternalistischen Handlungsstrategien, bedarf es adäquater pädagogischer Konzepte, die ein verändertes gemeinsames Handeln mit behinderten Menschen zulassen. In diesem Sinne steht die Forderung nach einer ganzheitlichen Pädagogik, die der Maxime einer konsequenten Subjektorientierung Rechnung trägt.

Dieser Logik folgend schreibt FEUSER (1995) aufbauend auf BUBER: "Der Mensch, so können wir folgern - und das schließt ein, was wir an ihm vermeintlich pathologisch wähnen -, wird zu dem ICH, dessen DU wir ihm sind!" (Feuser 1995, S. 127)

Außerdem ist für eine adäquate Pädagogik das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung (vgl. Feuser 1995, S. 177) von Interesse, welches den Menschen nicht defektorientiert sieht und ihm so keine Entwicklungsmöglichkeit mehr zuschreibt, sondern nach den Möglichkeiten der Entwicklung fragt. Als Zone der nächsten Entwicklung wird jener Bereich bezeichnet, in dem, über die Zone der aktuellen Entwicklung hinaus, Lernen zwar nicht alleine, jedoch in sozialen Bezügen möglich ist. Bezogen auf die Pädagogik bedeutet das, dass gutes Lehren dem aktuellen Entwicklungsstand immer einen Schritt voraus sein sollte.

Nur durch eine Diagnostik und Pädagogik, die dem Einzelindividuum angepasst ist und kompetenzorientiert und ganzheitlich agiert und durch die Verhinderung paternalistischer Strukturen verändern sich die sozialen Verhältnisse in den Institutionen. Nur damit einhergehend kann dann insgesamt Deinstitutionalisierung gelingen.

Die Deinstitutionalisierung im gesellschaftlichen Kontext

BASAGLIA und GOFFMAN haben gezeigt, dass sich die Institutionen als soziale Konstruktion verändern müssen. Die Institutionen haben sich wie im Kapitel 2.2 gezeigt aber nicht unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen konstituiert. Deshalb müssen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern, damit der Institution in der totalen Form die Grundlage entzogen wird und eine Gesellschaft entsteht, in der eine Sonderinstitution für behinderte Menschen letztendlich nicht mehr notwendig ist. Das vertragstheoretische Konstrukt des Konstitutionsvertrages (vgl. Kapitel 2.2.3) von SPINOZA (o.J.) kann eine Grundlage für einen gesellschaftlichen Dialog bieten, der dazu die Bedingungen schaffen könnte. Einen Dialog an dem alle Menschen, auch und gerade behinderte Menschen mit einbezogen werden. Ziel ist es dann, durch den gesamtgesellschaftlichen Dialog, den Ausschluss behinderter Menschen zu überwinden und sie wieder in die Gesellschaft mit einzubinden.

Es stellt sich daher die Frage, was im gesellschaftliche Kontext passieren muss, damit die Sonderinstitutionen für behinderte Menschen nicht mehr notwendig sind. In den letzten 50 Jahren wurden einige Leitideen entwickelt, die in Bezug darauf viel bewegt haben.

Die Leitideen in der Behindertenpädagogik

1959 formulierte der dänische Jurist und Verwaltungsbeamte N. E. BANK-MIKKELSEN (vgl. Thimm 1995, S. 4) die Grundidee des sozialpolitischen Konzepts des "Normalisierungsprinzips", welches in das dänische "Gesetz über Fürsorge für geistig Behinderte" Eingang fand. Dieses Prinzip wurde später durch den Schweden BENGT NIRJE 1969 präzisiert. In ihm wurden Kriterien festgelegt, anhand derer geistig behinderte Menschen ihr Leben so normal wie möglich führen sollten. Heute ist das Normalisierungsprinzip als wesentliche Leitlinie in die Praxis eingegangen. WALTER THIMM schreibt jedoch, dass es trotzdem noch weit von einer Umsetzung entfernt ist (vgl. Thimm 1995, S. 44ff.)

Anfang der 70er Jahre begann in Deutschland die "Integrationsdiskussion", in dessen Folge das zunächst bildungspolitische Konzept der "Integration" entworfen wurde. Mit ihm sollte der gesellschaftliche Ausschluss behinderter Menschen überwunden werden. Dabei darf das Konzept nicht missverstanden werden als das Hineinsetzen behinderter Menschen in an sich ausgrenzende Bedingungen. FEUSER (1996) formuliert sein Grundverständnis von Integration in Beziehung auf das Erziehungs- und Bildungssystem, das jedoch auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragbar ist.

"[...][Integration ist] die uneingeschränkte Teilhabe an allen regulären Erziehungs-, Unterrichts- und Ausbildungsangeboten, in der Weise, daß jede Person alles auf ihre Art und Weise lernen darf und dazu die Hilfe gewährt bekommt, die im kooperativen Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen als dafür erforderlich erkannt wird. Keine Art und kein Schweregrad einer Behinderung kann ein Kriterium dafür sein, einen Menschen davon legitim auszuschließen" (Feuser 1996, S. 28; vgl. auch weiterführend Feuser 1986, sowie Feuser 1987, hier besonders S. 228ff.)

In dem integrationspädagogischen Ansatz von FEUSER geht es um eine Reform des gesamten Bildungswesens, im Sinne einer dialektischen Aufhebung der Sonderpädagogik in eine Pädagogik für alle. Insofern verweisen die Forderungen aus dem Integrationsmodell auf eine Veränderung in der Gesellschaft insgesamt.

Seit einigen Jahren hat sich das Selbstbestimmungskonzept als neue Leitform in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen etabliert. Literatur zum Thema "Selbstbestimmung" bietet z.B. "Vom Betreuer zum Begleiter" (1994) oder "Selbstbestimmung" (1998) von der "Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.". Die inhaltliche Arbeit dieser Bewegung basiert auf dem grundsätzlichen Recht auf Selbstbestimmung. Sie richtet sich zum einen gegen die bislang bevormundenden und defizitorientierten Interaktionsstrukturen gegenüber behinderten Menschen, zum anderen gegen institutionelle und gesellschaftliche Verhältnisse. Dabei reduziert sich die Bewegung nicht nur auf verbale Grundsatzaussagen, sondern ist bestrebt, aus einer passiven Rolle herauszutreten und sich an einem Veränderungsprozess zu beteiligen. Angelehnt an der amerikanischen "Independent-Living-Bewegung" hat sich Mitte der 80er Jahre in Deutschland die "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" gegründet, die mit den Grundsätzen, Zielen und Strukturen ihres amerikanischen Vorbildes weit gehend übereinstimmt. Das Konzept der Selbstbestimmung formuliert HORST FREHE (1999) wie folgt:

"Selbstbestimmt leben bedeutet, das eigene Leben kontrollieren und gestalten zu können und dabei die Wahl zwischen akzeptablen Alternativen zu haben, ohne in die Abhängigkeit von Anderen zu geraten. Das schließt das Recht ein, die eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können, am öffentlichen Leben der Gemeinde teilzunehmen, verschiedene soziale Rollen wahrzunehmen und Entscheidungen selbst treffen zu können. Selbstbestimmung ist daher ein relatives Konzept, das jeder für sich bestimmen muß." (Frehe 1999, S. 279 zit. n. Deloach/Wilins 1983, S. 64)

Auch wenn die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung vorwiegend von Menschen mit körperlichen Behinderungen getragen wird, ist sie aus ihrem Verständnis heraus eine Organisation aller behinderten Menschen. Bis heute haben sich auch einige Gruppen geistig behinderter Menschen mit dem Ziel der Umsetzung dieser Leitidee gegründet (vgl. Knust-Potter 1994).

Zur konzeptionellen Form der Integration wird in letzter Zeit häufig synonym der Begriff "Inklusion" verwendet und scheint in dieser Debatte zunehmend den Begriff Integration abzulösen (vgl. Hinz 2002, S. 354). Der Begriff Inklusion vollzieht daneben jedoch scheinbar auch einen Paradigmenwechsel, in dem die institutionelle Veränderung gegenüber dem Begriff Integration in den Vordergrund gestellt wird. Als Definition für Inklusion schreibt KAI-UWE SCHABLON (2003): "[...]im soziologischen Kontext [bedeutet Inklusion] ‚[...]den Versuch sich in unterschiedlichen Aspekthaftigkeiten unseres Lebens unter den Begriff einer komplexen Gesellschaft zu organisieren.'" (Schablon 2003, der sich hier auf Bude 2000 bezieht) Bei der Inklusion geht es nicht um die Einbeziehung einer Gruppe von Menschen mit Schädigungen in eine Gruppe Nichtgeschädigter, wie zunächst der Begriff Integration suggerieren mag, sondern vielmehr liegt das Ziel der Inklusion in einem Miteinander unterschiedlichster Mehr- und Minderheiten, darunter auch der Minderheit geistig behinderter Menschen (vgl. Hinz 2002, S. 355). ANDRAS HINZ (2002) fast diese scheinbare Diskrepanz zum herkömmlichen Integrationsbegriff wie folgt zusammen:

"[In der Inklusion] geht es um diverse Dimensionen von Heterogenität, etwa die der Geschlechterrollen im Sinne einer reflexiven Koedukation, die der unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Herkunft im Sinne einer interkulturellen oder antirassistischen Erziehung, weiter die Heterogenität bildungsferner und bildungsnaher Milieus mit unterschiedlichen sozialen Umfeldern, auch die Heterogenität weltanschaulicher Orientierungen im Sinne eines interreligiösen und multiethischen Unterrichts, schließlich die Heterogenität verschiedener Lebensentwürfe, sexueller Orientierungen usw." (Hinz 2002, S. 355)

Insofern steckt die Forderung nach einer gesellschaftlichen Veränderung in der Definition des Inklusionsbegriffs, also genau die Forderung, die FEUSER (1986) in seiner Erklärung des Begriffs Integration ebenfalls aufstellt (vgl. Feuser 1986, 22 - 27 im Vergleich zur in der Tabelle 1 "Praxis der Integration und der Inklusion" gefassten Praxis der Inklusion Hinz 2002, S. 359[45]; sowie Feuser 2002).

Dass das Konzept der Inklusion häufig als Verbesserung zur Integration verstanden wird und somit die Integration kritisiert, bzw. sie als paralleles Konzept sieht, mag daran liegen, dass Integration häufig inflationär gebraucht wird, um den jeweiligen Projekten, Maßnahmen, Organisationsformen und Konzepten durch den Begriff "integrativ" einen per se positiven Anstrich zu verleihen. Dadurch wird dem Integrationsbegriff im FEUSERschen Sinne jedoch nicht genügend Rechnung getragen. Für FEUSER verdeutlicht sich im Inklusionsbegriff ein "gesamtgesellschaftliches Fernziel, dass mit Integration verbunden ist" (Feuser 2002, S. 3)

Zusammenfassend steckt in diesen dargestellten Leitideen insgesamt die Forderung nach der Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft mit allen Rechten. Es ist die Forderung nach einer Gesellschaft an der behinderte Menschen gemeinsam mit allen anderen, im Besitz ihrer vollen Bürgerrechte beteiligt sind und diese auch ebenso mit diesen Rechten auf die Gesellschaft einwirken können.

Die rechtlichen Grundlagen

Allein schon aus den gesetzlichen Vorgaben, ist die Umsetzung der Leitideen zwingend notwendig.

Insbesondere fünf gesetzliche Verankerungen sind in diesem Zusammenhang bedeutungsvoll:

  1. Im Grundgesetz ist in Artikel 2 verankert: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." (Bundeszentrale für politische Bildung 2002, S. 13: GG, Art. 2 Abs. 1)

  2. 1994 wurde das Grundgesetz in Artikel 3 Abs. 3 um den Satz ergänzt: "[...]. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." (Bundeszentrale für politische Bildung 2002, S. 13: GG, Art. 3 Abs. 3 Satz 2)

  3. Um die Umsetzung dieses Benachteiligungsverbotes zu gewährleisten, wurde der Zusatz durch bestimmte Gesetzesgrundlagen ergänzt. Das Sozialgesetzbuch und das Bundessozialhilfegesetz treffen hierzu Regelungen für Maßnahmen, die behinderten Menschen eine Rehabilitation und Teilhabe an der Gemeinschaft ermöglichen sollen. Im SGB IX heißt es dazu: "Behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen erhalten Leistungen nach diesem Buch und den für die Rehabilitationsträger geltenden Leistungsgesetzen, um ihre Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligung zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken. Dabei wird den besonderen Bedürfnissen behinderter und von Behinderung bedrohter Frauen und Kinder Rechnung getragen." (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2002, SGB IX §§ 1)

  4. Eine weitere Gesetzesgrundlage bietet das Betreuungsgesetz - BTG, das seit 1992 in Kraft getreten ist und das Vormundschaftsrecht abgelöst hat. Die Vormundschaft bedeutete die Entmündigung des Betroffenen und somit die Aberkennung jeglicher Freiheitsrechte. Vertragstheoretisch erweist sich das Vormundschaftsrecht als Ausdruck eines Unterwerfungsvertrages im HOBBESschen Sinne (vgl. Jantzen 1998, S. 37; sowie Kapitel 2.2.1). Das Betreuungsgesetz, in dem eher der Gesellschaftsvertrag im ROUSSEAUschen Sinne zum Tragen kommt (vgl. ebd.; sowie Kapitel 2.2.2), enthält Regelungen, wie den Erforderlichkeitsgrundsatz oder den Einwilligungsvorbehalt, dass auch im Falle einer gesetzlichen Betreuung einen Großteil der Rechte beim Betreuten belässt. So bleibt z.B. die Geschäftsfähigkeit oder das Recht auf Eheschließung von der Betreuung unberührt (vgl. Bürgerliches Gesetzbuch - BGB, Buch 4, Abschnitt 3, Titel 2 §§ 1896 - 1908K).

  5. Am 01.05.2002 ist das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (Bundesgleichstellungsgesetz - BGG) in Kraft getreten. Für die Umsetzung des Benachteiligungsverbotes (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG) enthält es u.a. Regelungen zur Herstellung von Barrierefreiheit, zum Recht auf Verwendung auf Gebärdensprache und andere Kommunikationshilfen, sowie der Bereitstellung eines Behindertenbeauftragten (vgl. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2003, S. 8ff.)

Es ist deutlich geworden, dass bereits Leitideen und Gesetzesgrundlagen existieren, die den Forderungen der Teilhabe aller an der Gesellschaft zumindest formell Rechnung tragen. Würden diese ausreichend umgesetzt, wären behinderte Menschen voll integriert und müssten Teil der Gesellschaft sein. Die nominierende Einteilung in behinderte Menschen und nichtbehinderte Menschen würde entfallen. Da m.E. jedoch weiterhin die Segregation behinderter Menschen bittere Realität ist, funktioniert die Umsetzung bisher nicht. Weshalb ist das so?

M.E. liefern die gesellschaftlichen Bedingungen die Schranken zur Umsetzung und daher bedarf es eines Einwirkens auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, um dadurch eine positive Veränderung herbeizuführen.

Die notwendigen Veränderungen in ihrer globalpolitischen Dimension

Wie durch die Theorien GEHLENs und BOURDIEUs dargestellt, entstehen Institutionen aus der Gesellschaft selbst heraus. Der Umkehrschluss ist also, dass sich die Auflösung von Institutionen auch nur durch die Veränderung der Gesellschaft und aus ihr heraus vollziehen kann (vgl. Wagner, P. 1995, S. 46f.). Dieses Moment verweist auf eine politische Dimension der Auseinandersetzung.

Wir befinden uns zur Zeit in einem Umbruch des Fordismus zum Postfordismus, einem grundlegenden Wandel des kapitalistischen Systems. (vgl. Hirsch 1998, S. 7-10; sowie Herzog/Müller 2002, S. 91 und 116). Der Vorgang der globalen Ausbreitung des Kapitalismus vollzieht sich seit Mitte der 70er Jahre, beginnend durch die Weltwirtschaftskrise, den Wegfall der Systemkonkurrenz 1989, sowie durch eine darauf folgende zunehmende Internationalisierung des Kapitals und die Machtübernahme durch neoliberale Regierungen in vielen Teilen der Welt. (vgl. Hirsch 1998, S. 28ff.). Diese neoliberalistische Umformung des bestehenden Systems wird allgemein häufig mit dem Begriff "Globalisierung" umschrieben (vgl. Herzog/Müller 2002, S. 86f.), wobei Globalisierung als soziale Konstruktion widersprüchlich verwendet wird (vgl. Narr 2000, S. 87; sowie Hirsch 1998, S. 14ff. und Huisken 2004). RICHARD SENNETT (2000) befasst sich in dem Buch "der flexible Mensch" mit dem, was Globalisierung in einigen Effekten den einzelnen Individuen antut und arbeitet heraus, wie sie quasi von den abstrakten Forderungen und Vorgängen der Globalisierung "aufgefressen" werden (vgl. Sennett 2000). DIETER FUCHS (1999) ortet einhergehend mit dem Globalisierungsprozess einen politischen Abbau des sozialen Wohlfahrtsstaates und eine Zunahme utilitaristischer Handlungen in der gesellschaftlichen Kultur. Es kommt dann durch die entstehenden sozialen und ökonomischen Ungleichheiten in der Folge zu einer Desintegration, die sich durch eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft und zunehmenden sozialen Ausgrenzungen äußert (vgl. Fuchs, D. 1999, S. 159ff.).

Häufig wird der Sachverhalt der Globalisierung auch als politisches Alibi und Druckmittel verwendet, mit dem Unternehmer und neoliberale Regierungen ihre Interessen versuchen argumentativ durchzusetzen (vgl. Hirsch 1998, S. 18f.). Es sind also Bedingungen entstanden, in denen nicht nur eine Reformulierung des Kapitalismus und der Staatstheorie, sondern auch "ein gründliches Überdenken traditioneller Konzepte emanzipatorischer Gesellschaftsveränderung notwendig" wird (Hirsch 1998, S. 9).

Die Folgen des mit der Globalisierung und der Umwandlung des Wohlfahrtsstaates in einen nationalen Wettbewerbsstaat einhergehenden Sozialabbaus, wird an einem aktuellen Beispiel deutlich.

In der Universität Bremen wird im Fachbereich 12 (Erziehungs- und Bildungswissenschaft) das Lehrgebiet Behindertenpädagogik seit Mitte der 90er Jahre in drastischer Weise reduziert. Zunächst wurde der Diplomstudiengang Behindertenpädagogik in einen gemeinsamen Studiengang Diplom-Erziehungswissenschaften überführt, einhergehend mit einer nachfolgenden Verschlankung von sieben auf vier Professuren. Im Sommersemester 2004 wurde nochmals ohne Wissen des Lehrgebiets von vier auf drei Professuren verschlankt. Gleichzeitig wurde seitens des Bremer Senats die Stellenbeschreibung "Behindertenpädagogik, Didaktik, Therapie und Integration bei geistiger Behinderung und schweren Entwicklungsstörungen" in die Stellenbeschreibung "Geistigbehindertenpädagogik" unter Ausschluss "tiefgreifender Entwicklungsstörungen" und schwerer kognitiver und emotionaler Beeinträchtigungen umgewandelt (vgl. Feuser 2004).

Für FEUSER (2004) bedeutet dieser Status Quo, dass dadurch:

"[...] das Fach [Behindertenpädagogik] um vier Jahrzehnte zurück[katapultiert]" wird und "die Betroffenengruppen [ausgegrenzt werden, wo] [...] in den unterschiedlichsten Bildungs- und Lebensbereichen die größte Hilflosigkeit und der höchste Qualifizierungsbedarf seitens des Personals besteht." (Feuser 2004, S. 4)

Ein anderes aktuelles Beispiel aus Bremen, wird auch durch jüngste Presseberichte im Weserkurier dargestellt. Vielen Kindern mit einem spezifischen Förderbedarf werden zur Zeit m.E. weniger Ressourcen zur Verfügung gestellt, als notwendig wären, um eine adäquate pädagogisch-therapeutische Förderung zu gewährleisten. Es besteht der Verdacht, dass schon der vom Gesundheitsamt Bremen zugesprochene Bedarf auf Förderung immer häufiger nicht mehr dem tatsächlichen Bedarf des Kindes entspricht. Dieser Zusammenhang wird zur Zeit in der bremischen Öffentlichkeit diskutiert (vgl. Weser-Kurier vom 2. und 3.07.2004). Hierdurch wird ein Paradigmenwechsel in der bremischen Finanzpolitik deutlich.

Diese beiden aktuellen Beispiele sollen synonym verdeutlichen in welcher drastischen und rasanten Weise sich der Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung für die Folgen der Globalisierung und deren ökonomisch-sozialen Umbauprozesse vollzieht. Es vollzieht sich damit eine Logik, die sich immer mehr dem, im nunmehr beinahe weltweit herrschenden Kapitalismus, grenzenlos gewordenen Kapitals verpflichtet fühlt. Die Menschen, welche die Arbeitskraft des Kapitals darstellen sind jedoch nicht grenzenlos, sondern werden immer mehr in ihren nationalstaatlichen Grenzen, sofern sie nicht durch Armut zur Flucht gezwungen werden, dieser Kapitallogik unterworfen (vgl. Hirsch 1998, S. 18; und weiterführend Herzog/Müller 2002, S. 184ff.).

Die notwendige Veränderung ist demnach die Stellungnahme der Gesellschaft in der Weise, dass sie wieder mehr soziale Gerechtigkeit einfordern muss und sich nicht durch das Alibi der Politik, ungerechte Maßnahmen unter dem Druck der Globalisierung durchsetzen zu müssen, blenden lassen darf.

"Es kommt darauf an, die bestehende, von den kapitalistischen gesellschaftlichen Formen geprägte und von Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogene ‚Zivilgesellschaft' zu verändern, und zwar weltweit." (Hirsch 2002, S. 214)

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich verstärkt seit Ende der 90er Jahre neue soziale Bewegungen, die eine wesentliche Kraft zur Wiederbelebung und Stärkung demokratischer Prozesse darstellen.

Diese zahlreichen Bewegungen unterscheiden sich bezüglich Organisations- und Entscheidungsstrukturen, Organisationsgrad, Aktionsformen, Radikalität der Positionen und dem politischen Selbstverständnis erheblich voneinander. Die Gemeinsamkeit aller Bewegung findet sich jedoch in der ablehnenden Position zur neoliberalen Globalisierung und deren Folgen (vgl. Boehme/Walk 2002).

Von der internationalen Weltöffentlichkeit wurden diese Bewegungen z.B. durch die Aufstände der Zapatistas in Chiapas, Mexiko 1994 oder die Protestaktionen wie z.B. in Seattle anlässlich der WTO-Tagung 1999 oder in Genua zum G8-Gipfel 2001 wahrgenommen (vgl. ebd.) Hier auftretende Gruppen wie ATTAC geht es dabei vornehmlich um die Korrektur kapitalistischer Fehlentwicklung (vgl. Hirsch 2002, S. 211). Diese Position lehnt den Kapitalismus in sich nicht generell ab und postuliert, dass durch eine gleichmäßige Verteilung des vorhandenen Reichtums der Kapitalismus gerechter werde. M.E ist aber genau die ungleiche Verteilung die Grundlage des Kapitalismus (vgl. dazu auch Gegenstandpunkt, April 2004). Andere Gruppen wie die Vereinigung PGA (Peoples Global Action) geht es dagegen um die Ablehnung des Kapitalismus als Lebensprinzip (vgl. Habermann 2002, S. 146). Neben diese auf große gesellschaftliche Umbrüche abzielende Aktivitäten spielen die, vor allem von den Zapatistas (vgl. Brand 2002, S. 119ff.) hervorgehobenen "gesellschaftsverändernden Kräfte des Alltäglichen", eine wesentliche Rolle.

BOEHME und WALK (2002) schreiben hierzu:

"Neue soziale Bewegungen repräsentieren [...] eine Politik von unten. Soziale Gruppen, Nachbarschaft, persönliche Beziehungen und Freundschaften bilden das eigentliche Bewegungsmilieu, in dem sich die Interessen, Protesthintergründe, Argumentationslinien und Zielperspektiven einer Bewegung entfalten. Hier entstehen die Gemeinschaften, Identitäten und Solidaritäten, aus denen sich schließlich das Lebenselexier der Bewegung zusammensetzt. Der Suchprozess, in dem Bewegungen ihre Ziele definieren und allmählich eine symbolische Gemeinschaftsidentität ausbilden, hat bei der Entstehung einer Bewegung einen hohen Stellenwert." (Boehme/Walk 2002, S. 14)

JOACHIM HIRSCH (2002) ist der Meinung, dass dieser Teil verändernder Kräfte seinen Ansatzpunkt in den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen zu suchen hat. D.H. weder die Konstruktion abstrakter Gegenentwürfe, noch die Schaffung autonomer Lebenswelten sind wirksame Alternativen. Die Veränderung muss "aus der Gesellschaft selbst hervorgehen" (Hirsch 1998, S. 65) und damit ist letztendlich jeder Einzelne in seinem Lebenszusammenhang angesprochen.

Nur in diesem Sinne, in einer Stärkung der Wahrnehmung von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung jedes Einzelnen, die einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs im Sinne des Konstitutionsvertrages hervorruft und damit die Bedingungen sozialer werden lässt, kann eine adäquate Deinstitutionalisierung stattfinden. Erst diese eröffnet dann einen angemesseneren pädagogischen Umgang mit selbstverletzender Tätigkeit behinderter Menschen.



[42] Dialektische psychophatologische Problematik bedeutet, die Menschen haben eine Geschichte in durch ihren Defekt veränderten sozialen Entwicklungssituationen.

[43] Ideologisch psychophatologische Problematik bedeutet, die Menschen sind in einer ideologischen Situation, denn ihre Geschichte ist ideologisch bewertet. Welche Bedeutung z.B. eine bestimmte Hirnschädigung für das Leben haben kann, ist durch medizinische Ideologie bewertet. Diese Bewertung ist damit Bestandteil der Entwicklungssituation und der psychopathologischen Problematik.

[44] BASAGLIA beruft sich häufig auf GRAMSCI, der im Wesentlichen SPINOZA als Grundlage hatte. (vgl. Jantzen 1998, S. 49)

[45] In diesem Vergleich wird deutlich, das die Darstellung der "inklusiven Praxis" in der tabellarischen Gegenüberstellung der unterschiedlichen Zielsetzung von Integration und Inclusion, den im Artikel "Integration: Humanitäre Mode oder humane Praxis?" dargestellten Leitlinien integrativer Pädagogik von FEUSER weit gehend entspricht.

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Quelle:

Stefan Jürgens: Selbstverletzende Tätigkeit bei geistig behinderten Menschen - im institutionellen Kontext.

Diplomarbeit an der Universität Bremen; FB 12 Studiengang Erziehungswissenschaften; Gutachter: Prof. Dr. Georg Feuser; Bodo Frank 2004

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 20.12.2005

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