Behinderung aus materialistischer Perspektive

Ein Interview mit Wolfgang Jantzen

AutorIn: Wolfgang Jantzen
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Zeitschrift Distanz: Online-Magazin abseits deutscher Konsenswünsche/Behinderung, Ausgabe 2, Juni 2015, S. 5-12.http://distanz-magazin.de/ Distanz (2/15)
Copyright: © Distanz 2015

Inhaltsverzeichnis

Wolfang Jantzen

Wolfang Jantzen war nach seinem Studienabschluss der Pädagogik und Psychologie als Lehrer an Sonderschulen tätig. Er promovierte 1972 und war von 1974 bis 2006 Professor für Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Bremen. Zusammen mit Georg Feuser legte er den Grundstein für die materialistische Behindertenpädagogik. Als Emeritus lebt er in Bremen und ist weiterhin als Forscher, Publizist und akademischer Betreuer tätig. Aktuelle Texte finden sich auf seiner Homepage: www.basaglia.de

Distanz: Wolfgang, in Deutschland wird seit Jahren über die Möglichkeiten der Inklusion von Menschen mit Behinderung debattiert. Dabei fällt das Schweigen linker Gruppen auf. Gibt es keine linke Praxis und keine linke Theorie der Emanzipation von Menschen mit Behinderung?

Wolfgang Jantzen: Natürlich gibt’s die Theorie. Gemeinsam mit KollegInnen und Studierenden habe ich sie – zunächst in Marburg, dann in Bremen – über Jahrzehnte entwickelt. Und wir haben sie praktisch umgesetzt im Bereich der Deinstitutionalisierung, indem wir Menschen aus Heimen rausgeholt haben und die Veränderung von Einrichtungen selbst erzwungen haben. Mein Bericht über eine evangelische diakonische Großeinrichtung, die jahrzehntelang eine Art Müllkippe für schwerstbehinderte Kinder in norddeutschen Ländern und West-Berlin war, trägt den Titel: „Die da dürstet nach der Gerechtigkeit“. Dort habe ich in allen Bereichen gearbeitet. Wir sind bis dorthin gegangen, um zu zeigen, dass es bei allen Menschen Entwicklung gibt, und wir haben von Anfang an einer konservativen Behindertenpädagogik eine marxistische Position entgegengesetzt.

Wir haben dazu etwa das Konzept „rehistorisierende Diagnostik“ entwickelt und in zwei Büchern dokumentiert. Bei diesem Konzept geht es darum, die Symptome eines Menschen als Ausdruck einer ihm widerfahrenen Geschichte zu verstehen, und auf dieser Grundlage eine Diagnose zu treffen. Das unterscheidet sich von einer subsumtionsgeleiteten Diagnose, bei der man im Katalog nach einer Krankheitschiffre sucht – und fertig. GEORG FEUSER hat dazu 2012 in etwa Folgendes geschrieben: „Unsere Basis war immer die Dialektik, der Historische Materialismus und die Selbstorganisationstheorie." Eine linke Praxis und eine linke Theorie der Emanzipation von Menschen Behinderung gibt es daher ausführlich, und man solle sie bitte zur Kenntnis nehmen.

Distanz: Worauf müsste eine linke Praxis zur Emanzipation von Menschen mit Behinderung bauen?

Wolfgang: Immer haben die Betroffenen das letzte Wort, aber das heißt nicht, dass sie Recht haben müssen. Daran muss die Diskussion ansetzen, denn die Betroffenen als Teil der Unterdrückung tragen auch immer die Spuren der Unterdrückung in sich. Dabei ist mit PAULO FREIRE nach der Pädagogik der Unterdrückten zu fragen, die dialogisch, in wechselseitiger Anerkennung und im horizontalen Austausch zu entwickeln ist. Es gibt keine Praxis der Befreiung ohne Demokratie, ohne wahre Demokratie.

Distanz: Auf welchen historischen Vorläufern kann eine linke Theorie und Praxis dabei aufbauen?

Wolfgang: Eine sehr wichtige Quelle für uns war die italienische demokratische Psychiatrie – FRANCO BASAGLIA . Die italienische demokratische Psychiatrie hat auf die generelle Auflösung der Anstalten gesetzt. Gleichzeitig gab es in Florenz ADRIANO MILANI COMPARETTI , der für eine komplette Beseitigung der Biologisierung von Spastizität gekämpft hat, und LUDWIG -OTTO ROSER. Beide sind Vorläufer einer Theorie zur totalen Integration, und sie haben zum Teil einfach die älteren spastisch gelähmten Leute mit in Kindergärten gesetzt. Ähnlich habe ich das mit einem Anenzephalen erlebt –

Distanz: Bei Anenzephalen fehlen Teile der Kopfhaut und des Gehirns...

Wolfang: Ja, genau. Ich habe ihn in Schleswig- Holstein vor dem Zugriff einer Behinderteneinrichtung gerettet. Mittlerweile lebt er seit zehn Jahren in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Dabei haben wir trotz eines gegenteiligen psychiatrischen Gutachtens vor dem Amtsgericht obsiegt. Es gibt eine linke Praxis; und es gibt sie im Kindergartenbereich, es gibt sie Schulbereich. GEORG FEUSER hat in vielen Arbeiten gezeigt, wie eine Didaktik angelegt sein kann, die im schulischen Bereich auch die Integration schwerstbehinderter Kinder sichert. Das liegt in einem zehnbändigen Handbuch, ausführlich theoretisch begründet, vor. Daran schreiben viele Kollegen mit, die teilweise auch eine sehr deutliche kulturhistorische und marxistische Ausrichtung haben. Ich selbst habe durch eine Schulbegleitung zeigen können, dass auch die schwierige Zeit der Pubertät ohne Ausgrenzung überwindbar ist.

Distanz: Würdest du zwischen geistiger und körperlicher Behinderung unterscheiden wollen?

Wolfgang: Ich werde erst einmal etwas dazu sagen müssen, was geistige Behinderung ist. Geistige Behinderung ist kein körperlicher Zustand. Der späte FRANCISCO VARELA hat es, den Geist betreffend, in etwa folgendermaßen beschrieben: Der Geist ist nicht im Kopf, er ist nicht draußen und er ist nicht drinnen – er ist ein Zyklus von Operationen.[1] Dazu habe ich im Zusammenhang mit einer Begründung des psychologischen Materialismus ausführlicher gearbeitet. Und ähnlich denkt das so ein bedeutender Marxist wie HANS HEINZ HOLZ für das menschliche Bewusstsein, der sinngemäß davon spricht, dass es nicht draußen und nicht drinnen sei, sondern ein Prozess von Fluktuationen in jedem Augenblick unseres Lebens.

Wenn Geist ständigem Wandel unterlegen ist, dann ist jeder Mensch, ob im Koma oder anenzephalisch, mit im Bereich der Menschheit; prinzipiell und ohne Ausgrenzung. Und das, was zwischen dem Drinnen – gleichsam intrasubjektiv, intrapsychisch – und dem Draußen – also intersubjektiv, interpsychisch – passiert, ist ein kultureller Prozess, wobei von Anfang an die ideale Form in die rudimentäre Form eingreift, wodurch sich Kultur und Bewusstsein entwickeln.

Distanz: Ist geistige Behinderung dann ein sozialer Prozess, den prinzipiell jeder Mensch erfahren könnte?

Wolfgang: Ja. Dementis wird zwar als körperlicher Abbauprozess beschrieben, aber in Wirklichkeit ist es ein sozialer Abbauprozess mit fürchterlichen Formen von Ausgrenzung, die alle alten Menschen sehr genau spüren. Niemand begreift nicht, in welcher Umgebung er ist – bis zum Tod. Das zeigen alle Dokumente und das zeigen auch meine Erfahrungen mit Schwerstbehinderten: Sobald sie eine Gruppe kamen, die höher angesehen wurde, sind sie aufgeblüht; sobald sie in eine Gruppe kamen, die niedriger angesehen wurde, sind sie regrediert. In einer Einrichtung, die ich begleitete, lebte ein Mann, der sich ständig ausgezogen hat, das Zimmer vollgeschissen hat, und mit dem keine Pflegekraft klargekommen ist. Er war nicht in der schwersten Gruppe, aber in einer der schwersten. Da haben mir die Pflegekräfte gesagt: „Ach, du hast ja gut reden, du bist einmal zu einer Fachberatung da – komm mal in den Alltag!“ Ich hab insgesamt sieben Besuche in Gruppen gemacht, eine ganze Schicht mitgearbeitet; das war meine erste. Der Mann war in einem großen, leeren, mit Betonfarbe ausgestrichenen Zimmer, und der Boden war voller Scheiße. Dann habe ich gesagt: „Wo ist hier der Putzeimer und der Feudel?“, und hab mich dran gemacht, das zu säubern, als allererstes. Damit hatte ich die Sympathie des Personals gewonnen und das ist durch die Einrichtung wie ein Lauffeuer. Wir haben dann gesehen, dass der Umgang mit diesem Mann auch ganz anders geht.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Ein Bewohner der Einrichtung kam als vierjähriger Junge von Zuhause weg. Er entstammte als nichteheliches Kind einem Bauernhof an der Elbe. Die Großeltern haben ihn geliebt, aber es ging nicht mehr Zuhause. Dann kam er in eine Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo ich noch eine Karte von der Großmutter fand, in der sie für die „Liebesdienste“ an ihrem Jungen dankt. Diesen Jungen, der den „Liebesdienst“ erfahren hat, lernte ich mit viel zu enger Kleidung und völlig isoliert kennen. Er schlug sich selbst und zeigte alle Symptome aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dann haben wir zugesehen, dass er in eine Gruppe mit schwer verhaltensgestörten, aber absolut hellen Jungs kam. Und er ist aufgeblüht, er hat sich nicht mehr die Kleider vom Leibe gerissen, und es ging ihm viel besser.

Menschen sind extrem soziale Lebewesen. Wenn man ihnen emotionale Resonanz entzieht, ist das traumatisierend und manchmal tödlich.

Distanz: Wie kann eine Projektion linker Bedürfnisse auf Menschen mit Behinderung und die Verdinglichung von Menschen mit Behinderung als bloße Objekte linker Fürsorge vermieden werden?

Wolfgang: Indem die Linken nicht projizieren?! Ganz einfach. Indem Linke bereit sind, mit behinderten Menschen, die sie nicht verachten, sondern von denen sie was lernen können, in der Weise auseinanderzusetzen, wie ENRIQUE DUSSEL das sagt: „Der Andere ist das einzig heilige Seiende.“[2] Das heißt in meinem Falle beispielsweise, mich auf eine Frau einzulassen, die ihren Darm ausgeräumt hat – auf eine Frau, die völlig abgemagert in einer Großeinrichtung lebt, oder auf einen Jungen, der sich ständig auszieht und sein Zimmer vollscheißt. Das heißt es. Dabei dürfen diese Menschen nicht pathologisiert werden, das heißt nicht als krank angesehen werden, sondern als meinesgleichen. Man muss dechiffrieren, warum sie in dieser Situation sind, in der unter anderen Umständen ich auch hätte sein können.

Distanz: Da könnte man entgegnen, dass du doch der Mächtige in dieser Situation bist. Du kannst dechiffrieren, die Person kann es nicht.

Wolfgang: Das ist aber schon eine Abwertung der Person. Die Dechiffrierung, die ich vornehme, bedarf immer der Bestätigung des Gegenüber, sonst ist sie wirkungslos, sonst ist sie ein Nichts, sonst kann ich sie vergessen. Die letzte Instanz ist immer der oder die Andere, die meine Verwundbarkeit, die ich in der Offenbarung zeige, behebt, indem er oder sie meine Deutungen und Handlungen als für sich brauchbar annehmen kann.

Vernunft ist kein im einzelnen Kopf wohnender Zustand. Vernunft ist ein soziales Verhältnis, Vernunft ist nicht draußen und nicht drinnen. Das ist der gemeinsame Zustand, den wir herstellen. Und Dechiffrieren ist ein gemeinsamer, kreisender Prozess, sonst stimmt die Chiffre nicht. Der eine sagt etwas und der andere versucht zu übersetzen. Derjenige versucht das Übersetzte dem, der es gesagt hat, verständlich zu machen, und er bestätigt wieder.

Distanz: Wolfgang, die letzte Frage: Wie kann eine linke Kritik bürgerlicher Inklusionspläne, zum Beispiel der Behindertenwerkstätten, lauten?

Wolfgang: Das ist eine gute Frage, denn wir haben ja zunächst einmal einen sozialen Tatbestand. Die Behindertenwerkstätten haben viele Leute aus dem Bereich geholt, wo sie früher in Anstalten eingesperrt waren, das darf man nicht vergessen. Es gibt im Moment einen kapitalistischen Arbeitsmarkt, auf dem die Leute ohne Chance untergehen. Dann muss man sehen, wie man im zweiten oder dritten oder vierten Arbeitsmarkt eben Plätze außerhalb von Anstalten schafft. Hier muss man sehen, wie die Einkommen verbessert werden können. Dazu benötigt es soziale Umverteilung. Die läuft aber gegenwärtig in die falsche Richtung, denn es wird stets versucht, aus den Taschen derer, die wenig haben, das Wenige noch herrauszuziehen.

Man braucht also eine soziale Umverteilung, die ganz klar Hartz-IV-Regeln verändert, das Sozialhilfegesetz verändert, Mindestsätze verändert und auf diese Weise den Leuten, die in Werkstätten sind, einen sicheren rechtlichen Rahmen gibt. Dass sie entsprechend der Mindestlohngesetzgebung verdienen, wäre ein Anfang. Weiterführend kann man überlegen, ob man unter diesen Bedingungen Werkstätten öffnen kann, denn zur Zeit sind die Werkstätten ja eine Auslagerung der Produktion, die Konzernen nur sehr recht sind, und in Konkurrenz zu Billiglohnbetrieben in Rumänien, Bulgarien etc. sowie mit Gefängnissen stehen. Das ist also ein Markt, der sich ständig gegenseitig austrickst und runterdrückt. Dennoch kann man froh sein, wenn es wenigstens teilweise auch Versuche gibt, in den Werkstätten Leute vernünftig zu unterstützen und aufzubauen – und sie in einer anderen Weise zu sehen. In einer Weise, die nicht pathologisiert. ERICH WULFF hat das mal bezogen auf die Psychiatrie ungefähr so gesagt: Man muss die Widersprüche aufs Äußerste zuspitzen – dann sieht man, dass es so nicht weitergeht.

Distanz: Lieber Wolfgang, vielen Dank für das Interview.

Das Interview mit Wolfgang Jantzen führte Saša

Quelle

Wolfgang Jantzen, Distanz: Behinderung aus materialistischer Perspektive. Ein Interview mit Wolfgang Jantzen. Erschienen in: Zeitschrift Distanz: Online-Magazin abseits deutscher Konsenswünsche/Behinderung, Ausgabe 2, Juni 2015, S. 5-12. http://distanz-magazin.de/

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 13.10.2015



[1] Ausführlicher zum Verhältnis zwischen Geist und Körper und Umwelt: www.neue-impulse-verlag.de/marxistischeblaetter/artikel/414/1084-auf-dem-wege-zum-psychologischen-materialismus.html , 1.4.2015.

[2] Enrique Dussel: Philosophie der Befreiung. Berlin: Argument Verlag 1989, S. 75.

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