Die Entwicklung des Begriffs Imbezillität als Beispiel des gesellschaftlichen Umgangs mit Minderheiten

Ein Beitrag zur Ideengeschichte von Psychiatrie und Behindertenpädagogik

AutorIn: Wolfgang Jantzen
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Verfaßt im Oktober 1980 anläßlich eines Vortrags auf der 17. Arbeitstagung der Dozenten für Sonderpädagogik in deutschsprachigen Ländern in Essen. Bisher (Oktober 2003) unpubliziert.
Copyright: © Wolfgang Jantzen 2003

Ein Beitrag zur Ideengeschichte von Psychiatrie und Behindertenpädagogik

Michel Foucault beschreibt in "Die Geburt der Klinik" (1976, 9) den Ausgangspunkt der strukturalistischen Auffassung der Methode der Ideengeschichtsschreibung wie folgt:

"Um die Mutation des Diskurses in dem Moment zu erfassen, da sie sich vollzogen hat, muß man zweifellos etwas anderes befragen als die thematischen Inhalte oder die logischen Modalitäten. Man muß sich jener Region zuwenden, in der die ‚Dinge' und die ‚Wörter' noch nicht getrennt sind, wo die Weise des Sehens und die Weise des Sagens auf der Ebene der Sprache noch eins sind." Und fährt fort:

"Am Anfang des 19. Jahrhunderts haben die Ärzte beschrieben, was jahrhundertelang unter der Schwelle des Sichtbaren und des Aussagbaren geblieben war. Aber das kam nicht daher, daß sie sich wieder der Wahrnehmung zuwandten, nachdem sie allzu lange spekuliert hatten, oder daher, daß sie nun mehr auf die Vernunft hörten als auf die Einbildungskraft. Das lag vielmehr daran, daß die Beziehung des Sichtbaren zum Unsichtbaren, die für jedes konkrete Wissen notwendig ist, ihre Struktur geändert hat und unter dem Blick und in der Sprache etwas hat erscheinen lassen, was diesseits und jenseits ihres Bereiches lag" (10).

Der Ausgangspunkt ist zwar präzise beschrieben. Doch die strukturalistische Methode selbst stellt nicht hinlänglich die Mittel der notwendigen Abbildung der historischen Strukturen bereit, die erforderlich sind, um die Genese der Dinge als sichtbare Dinge wie der Begriffe als Voraussetzung des Sichtbarmachens in den komplexen Zusammenhang des gesellschaftlichen Prozesses der Produktion und Reproduktion zu vermitteln (vgl. zur Strukturalismuskritik Sève 1972). Ich möchte die von Foucault angesprochene Einheit von Dingen und Wörtern und ihr historisches Auseinandertreten abbilden auf einer strukturell historischen Matrix des Gegenstandsbereichs. Gegenstandbereich meint, Humanwissenschaft als "synthetische Humanwissenschaft" (Ananjew 1974). Mit Ananjew (1974), Sève (1972 b) sowie neuerdings A. Thom (1977) wird Humanwissenschaft als eine Disziplin verstanden, die sich durch ihren Gegenstandsbereich sowohl von Natur- als von Gesellschaftswissenschaften abhebt.

Dieser Gegenstandsbereich ist gekennzeichnet durch die Wirkung von psychobiologischen Gesetzmäßigkeiten, psychosozialen Gesetzmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten aus der aktiven Entfaltung der Orientierungstätigkeit, Handlungsfähigkeit und Persönlichkeit des Individuums. Das Auseinandertreten von Wörtern und Dingen ist insofern ein Prozeß, der von Seiten der Erkenntnisvoraussetzungen der Individuen, die mit neuen Gegenständen konfrontiert werden, beschrieben werden kann, wobei nach der Zugänglichkeit der Gegenstände wie den Wahrnehmungsmöglichkeiten der Individuen rückgefragt werden muß. Dabei müssen die Zugänglichkeit der Gegenstände wie die Wahrnehmungsmöglichkeiten der Individuen aus der Kompliziertheit der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse begriffen werden, können im Sinne der 6. Feuerbach-These von Marx nur als konkreter Ausdruck des Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse in der individuellen Aneignung dieser Verhältnisse begriffen werden. Insofern bedeutet das Sichtbarwerden der Dinge und seine Transformation in gesellschaftlich vorgefundene Sprachmuster wie die Schaffung neuer Sprachmuster für bisher nicht begrifflich Abbildbares zugleich die Überführung von "Dingen an sich" in "Dinge für uns". Dies bedeutet einerseits in Dinge, deren Gesetzmäßigkeiten wir begrifflich abzubilden vermögen und damit in der Lage sind, sie in unserer Tätigkeit zu beeinflussen und zu nützen, wie andererseits Hereinnahme als "Dinge für uns" mit herrschenden gesellschaftlichen Kategorien, die zugleich ideologischer Ausdruck der gesellschaftlich herrschenden Verhältnisse, der objektiven Logik des Interesses der herrschenden Klassen sind.[1]

Ich habe versucht, Kategorien zu einer Geschichtsschreibung, die diesen komplexen Zusammenhang abzubilden vermag, zu entwickeln und verweise ergänzend auf meine Arbeiten "Behinderung und psychische Erkrankung als Ausdruck der objektiven Logik der kapitalistischen Gesellschaftsformation" (Kap. 3 in: Jantzen 1979) sowie "Sonderschule für Lernbehinderte und Infrastruktur" (in: Jantzen 1981). Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf Dinge und Begriffe, die für die Konstitution von Behindertenpädagogik und Psychiatrie von eminenter Bedeutung sind. So war die Idiotie eine der frühesten in der Psychiatrie nosologisch erfaßten Tatbestände; ihre begriffliche Rückverfolgung legt somit wesentliche Strukturen der Entstehungsbedingungen von Behindertenpädagogik und Psychiatrie frei, erarbeitet die Abbildung realer menschlicher Lebensverhältnisse in diesen Theorien ebenso wie die Determiniertheit theoretischer Begriffe durch herrschende Interessen und Ideologien. Ich versuche im folgenden also das von Foucault skizzierte Konzept der Ideengeschichte systematisch in historisch-materialistische Gesellschaftsanalyse wie psychologische Analyse einzubetten.



[1] Unter Klassen verstehe ich "Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft." -- Zur marxistischen Klassen- und Schichtanalyse, unter Aufgreifen dieser auf Lenin ("Die große Initiative", Ausgewählte Werke Bd. 3, [Dietz] Berlin 1970, 255) zurückgehenden Definition, vgl. Jantzen 1974, 104 -110 sowie W. Jantzen "Allgemeine Behidnertenpädagogik" Bd. 1. (Beltz) Weinheim 1987, 30-33.

I. "Idiotie" und "Imbezillität" bei Eduard Séguin und Paul Sollier

Angeregt durch die widersprüchliche Definition des Begriffs Imbezillität im Enzyklopädischen Handbuch der Heilpädagogik von 1911 (Stichwort: Schwachsinn), die sich, wie ich später ausführe, in keiner Weise mit dem heutigen Verständnis des Begriffs als mittlerer Schweregrad geistiger Behinderung deckt, habe ich auf den Spuren der dort zitierten Literatur wie der Verfolgung der Theorie- und Institutionsgeschichte von Psychiatrie und Behindertenpädagogik zwei Knotenpunkte, Verdichtungen in der Begriffsbildung gefunden, wo Wörter und Dinge ersichtlich in ein neues Verhältnis getreten sind. Die Begriffe Idiotie und Imbezillität sind vor diesen Verdichtungen jeweils relativ unsystematisch nebensächlich definiert gebraucht worden. Ich gehe zunächst auf die Begriffsbildung bei Eduard Séguin ein, die in dem Buch "Die Idiotie und ihre Behandlung nach physiologischer Methode" (1912) vorgelegt wird. Dieses Buch ist 1866 in der USA erschienen und in wesentlichen Grundrissen vor der Emigration Séguins unter der bonapartistischen Diktatur bereits 1846 in Paris unter dem Titel «Traitement moral, hygiéne et education des idiots». Séguin war eine Zeit lang Mitarbeiter von Itard (vgl. Lane, 1976) und führte im Jahre 1841/42 am Bicêtre in Paris den ersten systematischen Versuch der Idiotenerziehung durch.

"Idiotie ist eine spezifische Erkrankung der kranio-spinalen Achse, die durch Nahrungsmangel im Uterus und beim Neugeborenen hervorgerufen wird. Sie benachteiligt meistens die Funktionen, die den Reflex, die instinktiven und bewußten Lebensäußerungen entstehen lassen. Daher bewegt sich der Idiot, fühlt, versteht und will, aber unvollkommen; er tut nichts, denkt an nichts und kümmert sich um nichts (schwerste Fälle); er ist gesetzlich minder verantwortlich, isoliert, ohne Assoziationen, eine in unvollkommene Organe eingeschlossene Seele, ein Einfältiger" (1912, 50 f.). Séguin grenzt die Idiotie von vier weiteren Zuständen ab (67 ff):

"Daß dem Idioten amnächsten verwandte Kind wird zurückgeblieben, französisch arrièré, genannt [...] das zurückgebliebene Kind (ist) frei von gestörter Aktivität, gebraucht seine Hände natürlich, aber mit sehr geringer Wirksamkeit, geht fehlerlos, aber ohne Festigkeit oder Elastizität und zeigt keine sensorischen Anomalien, gebraucht aber seine Sinne nicht viel, um seine träge Auffassung zu beschleunigen; wenn der Idiot keinen Fortschritt zu machen scheint, und wenn das gewöhnliche Kind im Verhältnis zu 10 vorwärts kommt, so schreitet das zurückgebliebene Kind nur im Verhältnis zu 1, 2, 3 oder 5 vor."

Als weitere Formen unterscheidet Séguin zwei Formen des Wahnsinns, der Geistesstörung, die insgesamt unter Kindern nicht sehr verbreitet sind, aber doch leicht mit Idiotie verwechselt werden.

"Wir haben zwei Arten dieser Kinder beobachtet [...] das eine hat einen festen Schritt, gesunde Farben und allgemeine Üppigkeit der Gewebe, seine Ohren werden gelegentlich rot und seine Augen flackern, anstatt ruhig zu bleiben. Unfähig aufzupassen, obwohl es sich, zutunlich und zugänglich, sehr bemüht, scheint es in seiner Sprache etwas wie Perioden von Stummheit und Gesprächigkeit zu geben; daher kann es zeitweilig nicht ein Wort wiederholen und wird zu anderer Zeit spontan einige Sätze aussprechen. Es beherrscht ohne Schwierigkeit seine Bewegungen, wie jene, die zum Zeichnen, Turnen etc. nötig sind. Es ist reinlich, hat keine Schwierigkeiten, sich selbst anzukleiden; seine Hände sind tadellos, keine Funktion scheint gestört zu sein; aber je älter es wird, desto befremdlicher blickt es, bis es schließlich Zeichen von Zusammenhanglosigkeit gibt. Das andere ist ein physisch zu zartes Kind, eher blaß und eckig, seine Charakterzüge sind mehr ausgeprägt als des ersten. Seine Züge schärfer, sein Blick mehr von den Brauen beschattet, sein Gedächtnis stärker, seine intellektuelle Erziehung leichter, seine moralischen Neigungen schlimmer. Es ist mißtrauisch, grausam, unnachgiebig, weicht nur der Gewalt und verliert unter dem vorübergehenden Druck einer Autorität nichts von seinem natürlichen Hang zur Grausamkeit. [...] Von den beiden Arten von Kindern mit Neigung zur Geistesgestörtheit verlangt die erstere mehr Erziehung und ist ihr schwerer zugänglich, die zweite erfordert mehr moralische Schulung und verhält sich gegen die Regeln derselben ablehnender" (68 f.).

Séguin verweist darauf, daß er nur diese beiden Arten beobachtet hat und es möglicherweise noch weitere Arten gibt. Schließlich führt Séguin den Imbezillen an, der allgemein mit dem Idioten verwechselt werde.

"Seine Affektion bezieht sich mehr auf den Zustand der Nervenzentren und ist mehr intellektueller Art mit Benachteiligung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Verstand etc. Er ist zu diesem Zustand der mentalen Degeneration durch Umstände gelangt, die der Mangel an Ernährung hervorruft, der im zarten Alter Idiotie und in den folgenden Jahren Imbezillität verursacht. [...] Dieselbe Tatsache, die den Idioten am Beginne des Lebens unfähig, unwissend und einfältig gemacht hat, (macht) später den Imbezillen selbstvertrauend, töricht und geneigt, imoralische Impressionen zu empfangen, die seinem intensiven Egoismus Befriedigung gewähren."

Alle diese Kinder hält jedoch Séguin für erziehbar (1912, ebd.). Und Goddard (1912, 5) bemerkt: "Es gereicht Séguin zu unsterblichem Ruhm, daß er bewiesen hat, es sei kein Fall so schwer für uns, daß wir nicht versuchen könnten, eine Besserung herbeizuführen."

Noch einmal Séguin, um seine Sichtweise und seine Methode weiter zu verdeutlichen:

"Wenn Idioten schreien, so müssen wir uns erinnern, daß sie noch Kinder, manche von ihnen sogar sehr kleine Kinder sind. Manche von ihnen sprechen nicht, sie bewegen sich kaum, sie besitzen keine andere Sprache als Schreie, keine andere Turnübung als das Sprungbrett des Zwerchfells, an dem sie ihre Lebensorgane im Atmen und Kreischen üben. Wenn wir mehr prüften, würden wir diese Laute zu schätzen wissen, welche alle Bedürfnisse, die Neigungen und Erregungen des Lebens, die auf die äußersten Grenzen der Innerlichkeit reduziert sind, bezeichnen. [...] Die Wahrheit über ihr Schreien ist, daß es, abgesehen von seinem Wert als Brustgymnastik, der einzige Alarm des Kindes in Gefahr oder Not, ihr einziges soziales Kommunikationsmittel ist. Aber mehr noch, diese Schreie sind vor allem Laute, sie sind der einzige Anfang, auf den es uns möglich ist, den Sprechunterricht zu begründen, indem wir den Schrei in einen Durchschnittslaut umwandeln, diesen Laut auf nachfolgende Konsonanten stützen und so weiter, indem wir das Material für das richtige Sprechen aus der tierischen Stimme bereiten" (130).

Der Kern seiner Idee ist es: Die Funktionen und alle Fähigkeiten als Funktionen zu schulen, anstatt Kinder nur zu unterrichten, und er glaubt, daß diese Methode Eignung für die Erziehung aller Kinder hat (48).

Kirmsse faßt 1911 die Methode Séguins so zusammen: "Das Kind muß von der Entwicklung des Muskelsystems zur Entwicklung des Nervensystems und der Sinne, von dieser zur Entwicklung der Vorstellungen und später zu der der Ideen bis zur höchsten Stufe der Erfassung der Moralbegriffe aufsteigen" (1486).

Séguin selbst geht von folgender Auffassung über den psychischen Prozesse aus:

"Wirkliches Wissen kommt nur auf diese Weise zustande. Sobald ein Sinn auf ein Phänomen stößt, wird sich der Geist der Realität des letzteren durch seine Elemente bewußt, die seine Analogie mit und seinen Unterschied zwischen anderen Phänomenen hervorheben; der Geist empfängt durch die erwähnte Analogie und Verschiedenheit den Eindruck, der das Bild ausmacht, das aufgespeichert, hervorgerufen, verglichen, kombiniert etc. werden soll. Der Charakter der Analogien und Unterschiede, die dem Geiste durch die Verhältnisse und am meisten durch die Erziehung vorgeführt werden, bilden unser Stammkapital an Gedanken. [...] Die Vereinigung einer großen Zahl von Ideen, einfachen oder zusammengesetzten, auf demselben Vergleichsfelde läßt allgemeine Ideen entstehen" (47).

In den Aufbau der Sinne, dessen Basis Séguin in den Muskel-, Nachahmungs-, Nerven- und Reflexfunktionen sieht, geht organisch ein Aufbau der künstlichen Sinne mit ein, d. h. "die Behandlung des Kompasses, des Prismas, des naturwissenschaftlichsten unter ihnen, des Mikroskops" (46).

Séguin verfügt also über differenzierte Vorstellungen über den Aufbau der Psyche. Er begründet ein Erziehungssystem, das diesem Aufbau vom Biologischen zum Sozialen hin Rechnung trägt.

Ein völlig anderer Theorieentwurf wird von Paul Sollier (1891) vorgelegt. In dem Buch "Der Idiot und der Imbezille" erfolgt eine Definition von Idiotie wie insbesondere eine Definition von Imbezillität, die eine ungeheure Wirkungsgeschichte hatte und die erstmals die bis dahin sehr unterschiedlichen Diskussionslinien der mit dem neuen Begriff nunmehr gefaßten Dinge verdichtete, zu einem Knotenpunkt in der Theorieentwicklung wurde. Sollier, über den ich keine weiteren Daten ausfindlich machen konnte, ist nach eigenen Angaben im Vorwort am Bicêtre in Paris unter der Leitung von Bourneville tätig. Bourneville ist die Hauptfigur des zweiten historischen Abschnitts in der französischen Schwachsinnigenfürsorge.

Der erste endet mit Séguins Emigration 1848. Um Sollier, der zahlreiche Publikationen zur Idiotenfrage vorgelegt hat, gruppiert sich eine Gruppe von anderen Autoren, zu denen Kirmsse (1911, 1485-1490), als weitere Autoren Binet, Fougeray-Mans und Couetouix-Nantes sowie Boyer zählt. Sollier hat teils als Interner, teils Kustos des pathologischen Museums an der Abteilung für idiotische, zurückgebliebene und epileptische Kinder in Bicêtre gearbeitet. Sein Buch ist vorwiegend eine psychologische Monographie; auf pädagogische Aspekte geht er nur wenig ein. Idiotie ist für ihn "eine auf verschiedenartigen Veränderungen beruhende, chronische Gehirnerkrankung, welche charakterisiert ist durch Störungen der intellektuellen, sensitiven und motorischen Funktionen bis zur fast vollständigen Aufhebung derselben und die ihren besonderen Charakter, namentlich was die intellektuellen Störungen betrifft, nur dem jugendlichen Alter der Individuen entlehnt, die sie befällt" (8).

Soweit scheint Einigkeit mit Séguin zu bestehen. Dies ist jedoch in keiner Weise der Fall; das Solliersche Buch ist geradezu als Kampfschrift gegen die Positionen Séguins zu begreifen. Sollier gibt eine lange Passage des Séguinschen Buches von 1846 wieder (28-30), die in der Tat in der psychologischen Kennzeichnung der Idioten in einer mißverständlichen Formulierung endet: "In physiologischer Beziehung kann er nicht; in intellektueller versteht er nichts; in psychischer will er nichts; und er würde können und verstehen, wenn er wollte; aber vor allem und hauptsächlich, er will nicht." Dieses Zitat nimmt Sollier zum Aufhänger seiner Kritik der psychologischen Überlegungen Séguins.

Sollier unterstellt daraus Séguin, dieser meine, der Idiot könne, wenn er nur wolle. Und formuliert: "Wahrlich, das ist eine seltsame Philosophie, den Willen als etwas von dem übrigen Intellekt gesondertes zu betrachten. [...] Der Idiot will nicht, weil er nicht kann; er fühlt nicht, weil er nicht kann; und er kann nicht, weil sein Gehirn schlecht und ungenügend gebaut ist, weil es anormal und unvollständig entwickelt ist" (7).

Hätte Séguin dies tatsächlich behauptet, Sollier hätte nicht unrecht. Allein aus dem bereits aus dem Buch von 1866 (Séguin 1912) entnommenen Zitat wie aus dem von Sollier selbst zitierten Zusammenhang geht hervor, daß Séguin ganz anders argumentiert. In der ausführlich zitierten Stelle (Sollier, 28-30) heißt es: "Es fehlt ihm die Selbsttätigkeit, der innere Antrieb, dem der freie Wille entspringt"; d. h., Séguin unterscheidet sehr deutlich zwischen Antriebsfunktionen und dem Willen. Die bisherige Auseinandersetzung erscheint beinahe nebensächlich, bereitet jedoch das Feld für Sollier, der Idioten und Imbezillen im folgenden nach dem Grad bzw. der Beständigkeit der Aufmerksamkeit klassifiziert und zugleich alle Annahmen verwirft, die Séguin im Sinne einer an Condillac und Locke orientierten Widerspiegelungstheorie über den Aufbau des Psychischen entwickelt hatte. Die Psychologie Solliers reduziert sich damit faktisch in einem Black-box-Modell, liefert keinerlei Verständnis für die Entwicklungsprozesse von Idioten und Imbezillen, macht diese, auf äußere Funktionen reduziert, vom Klassenstandpunkt Solliers aus beschreibbar.

Nunmehr zu seiner Beschreibung: "Darum glaube ich sagen zu können, daß in sozialer Beziehung die Idioten Extra­soziale sind, während die Imbezillen Anti­soziale sind" (62). Beide Formen werden als Degenerationsformen betrachtet.

Solliers Schilderung des Idioten

"Der Idiot ist ein Automat, der sich erst infolge der äußeren Anregung, die er empfängt, bewegt" (3). Er ist unflätig beim Essen: "Bei dem einfachen Idioten in seinen verschiedenen Graden beobachtet man fast allgemein Eßgier, Gefräßigkeit; nichts läßt sich damit vergleichen; man muß bei den Mahlzeiten der Idioten zugegen gewesen sein, um sich davon zu überzeugen. Bei den sehr tiefstehenden Idioten ist es ein wenig erfreulicher Anblick zu sehen, wie sie die Speisen regurgitieren, wie sie mit vollen Händen in den Speisen herumfahren, sie auf dem Tische herumwerfen, wie sie sich damit beschmieren, sie gierig in den Mund stecken und sie, ohne sich die Zeit und die Mühe zum Kauen zu gönnen, hastig verschlingen" (42/43).

Die Heilkunde ist bei Idioten schlimmer dran als beim Tier: "Das Tier äußert wenigstens durch eine Stellung, ein Geheul den Schmerz, den es bei der Berührung an der kranken Stelle empfindet. Bei dem Idioten nichts dergleichen!" (51). "Was bei den Idioten, welchen Grades sie auch sind, vor allem auffällt, ist der Mangel jeglicher Anmut in ihrer Haltung und die Häßlichkeit des Gesichtes" (131).

Solliers Schilderung der Imbezillen

Imbezille sind "fast alle naschhaft"; sie haben eine "gewissermaßen angeborene Neigung" zum Alkohol (43). Sie gehören "zur Klasse der Arbeitsscheuen, der Anti-Sozialen, [...] (der) Vagabunden, Prostituierten und Recidivisten [...] dieses Bedürfnis, zu vagabundieren, ist bei den Imbecillen sehr ausgesprochen" (64) . "Die Zuchtlosigkeit ist eine wahre Eigenschaft ihres Zustandes, welche sich übrigens sehr gut mit ihrem Bedürfnis, zu vagabundieren, verträgt" (65). Sie sind oft außerordentlich frühzeitig entwickelt und zeigen die "meisten geschlechtlichen Perversitäten" (76). "Sie treiben oft zu zweien Onanie, und zwar am häufigsten Imbecille untereinander, ebenso Sodomiterei" (78). Bei ihnen ist der vollständige Ausfall des moralischen Gefühls festzustellen. "Der Imbecille ist sehr geil; er ergeht sich mit Vorliebe in Zoten". Imbezille treiben sehr oft Päderastie: "Sie bilden zu diesem Zwecke wirkliche Haushaltungen, und der, welcher den Mann vorstellt, beschützt seinen Freund wie eine Frau. Übrigens sind sie sehr wenig beständig in diesen widernatürlichen Liebesbezeugungen" (102). Sie können nicht spielen und treiben nur "zerstörerische Spiele" (89). Sie sind durchtrieben und weiden sich an den Schmerzen anderer.

Die extremste Form der Imbezillität ist das moralische Irrsein (115). "Den Imbecillen, die eine so falsche und zugleich eine so hohe Vorstellung von ihren Rechten haben, erscheint natürlich jede Strafe als ein Mißbrauch der Gewalt, wofür sie wieder Vergeltung zu üben trachten" (118). Sie sind innerhalb der großen Familie, die sie mit den gewöhnlichen Verbrechern bilden, die in Bezug auf die Intelligenz, nicht aber in Bezug auf die schlechten Triebe am wenigsten gut bedachten Repräsentanten derselben" (110). Der Imbezille ist im wahren Sinne faul. "Mit aller Mühe bewegt man ihn kaum zur Arbeit und auch dann nur durch die Aussicht auf Gewinn oder die Furcht vor der Entziehung eines Vergnügens oder vor Strafe" (111). "Sie sind die zuchtlosesten Individuen, die es gibt" (119).

"Bei dem Imbecillen beobachtet man auch maniakalische Erregungszustände, Trieb zum Mord, zur Brandstiftung und zum Zerstören. Der Mordtrieb ist vielleicht der häufigste und macht sie zu noch viel gefährlicheren Geschöpfen als die Idioten. Sie tragen gern gefährliche Werkzeuge bei sich, scharfe Eisenstücke in Form von Messerklingen" (201). "Die Klasse von Individuen macht sich [...] auch am meisten der scheußlichen Verbrechen und Angriffe schuldig, die mit unerhörtem Zynismus, mit einer grenzenlosen Raffiniertheit, Rohheit und Grausamkeit ausgeführt werden, Notzüchtigungen mit Verstümmelung des Opfers, besonders an kleinen Kindern, an alten Frauen und Leichen verüben. In dieser Beziehung ist der Imbecille ein viel gefährlicheres Geschöpf als der Idiot" (212).

Sollier zur Erziehbarkeit von Idioten und Imbezillen

"Bei den Idioten erreicht man wenigstens einen brauchbaren automatischen Zustand, bei den Imbecillen fällt selbst diese Hoffnung fort" (67). "Der Idiot kennt aus Erfahrung das Recht, das der Lehrer über ihn hat, wie es ein Tier von seinem Herrn weiß" (113).

"Die Imbecillen muß man als schädliche und gefährliche Geschöpfe unschädlich machen, das versteht sich von selbst" (222). Er "stehe nicht an, noch weiter zu gehen und zu sagen, daß viele dieser Imbecillen viel besser in Besserungsanstalten als in Krankenanstalten untergebracht wären. Aber unsere falsch angebrachte Sentimentalität will es nun einmal so" (223).

Auf das hinter den Auffassungen von Séguin wie von Sollier stehende unterschiedliche Gesellschafts- und Menschenbild werde ich im analytischen Teil meiner Ausführungen eingehen; im folgenden werde ich mich zunächst mit der Wirkungsgeschichte beider Theorien befassen.

II. Zur Wirkungsgeschichte von Séguin und Sollier in Deutschland

1. Zur Wirkungsgeschichte von Séguin

Kirmsse (1911, 1686) geht davon aus, daß die Erfahrung hundertfältig bewiesenhat, daß Séguin recht hatte: "Und die Abnormenbildner aller Länder sind ihm aufdiesen Richtwegen nachgefolgt, mit Ausnahme Deutschlands, wo die pietistisch angehauchten Idiotenlehrer in der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts die Séguinschen Ideen nicht anerkennen mochten."

Ob allerdings Séguins Wirkungsgeschichte in Frankreich so ungebrochen war, wie Kirmsse dies annimmt, ist aufgrund des tiefgreifenden Einbruchs in der französischen Idiotenerziehung, den Kirmsse nach der Emigration Séguins in die USA konstatiert, nicht so ohne weiteres glaubhaft. Kirmsse verweist darauf, daß in dieser Zeit die Kinder am Bicêtre ein kümmerliches Dasein geführt hätten. Eine neue Zeit sei erst durch Bourneville angebrochen, der nach Kirmsse 1870 zu Paris promoviert hat. Bourneville hat in der Tat ein imposantes wissenschaftliches Werk vorgelegt, das der Auswertung bedarf. Allerdings bezieht er sich nicht auf Séguin, sondern auf Delasiauve, der ebenfalls in den vierziger Jahren am Bicêtre und an der Salpêtrière gearbeitet hat. Da Sollier sein Buch explizit gegen die Séguinschen psychologischen Auffassungen richtet, Sollier jedoch dieses Buch auch in ausdrücklicher Verpflichtung an Bourneville geschrieben hat, unter dem er gearbeitet hat, ist es in jedem Fall zu bezweifeln, daß in der zweiten Phase der französischen Schwachsinnigenbildung unmittelbar an Séguin angeknüpft wurde. Für den amerikanischen Bereich ist dies zweifellos im Sinne von Kirmsse einzuschätzen, wie auch Goddard in der Einleitung zu Séguins Buch ausführlich betont. "Alle älteren amerikanischen Institute verdanken ihr Bestehen dem durch seine Erfolge in Bicêtre hervorgerufenen Enthusiasmus" (3).

Lane (1976, 268) verweist darauf, daß Séguin die Gesellschaft der Superintendenten der Schulen für Zurückgebliebene mit gründete und ihrer erster Präsident war, aus der sich die American Association on Mental Deficiency entwickelt hat. Ebenfalls wird von Lane darauf verwiesen, daß Maria Montessoris Werk unmittelbar auf Séguin aufbaut. In Deutschland selbst hatte Séguin so gut wie keine Wirkungsgeschichte. Die Auflage seines Buches von 1846 mit dem Titel "Traitement moral, hygiène et education des idiots" wird zwar von Sengelmann (1885) zitiert, jedoch in ihrer inhaltlichen Bedeutung nahezu nicht rezipiert. Auch der Versuch Krenbergers in der sorgfältig kommentierten deutschen Übersetzung der letzten Fassung des Buches von Séguin (1866) im Jahre 1912 hat kaum Rezeption erfahren[2]. Richtig hat Krenberger dieses Buch der herrschenden Ideologie, insbesondere dem "Grundriß der Heilpädagogik" von Theodor Heller (1904) gegenübergestellt; ein Buch, das, so Krenberger, "weder Grund noch Pädagogik" habe (XVIII). Aber Krenberger bemüht umsonst die Konzeption Séguins wie auch die Konzeption von Georgens und Deinhardt (1860, 1863), die auf Fröbel und Hegel aufbauend eine Heilpädagogik entworfen haben, gegenüber einer Lehre, die den herrschenden Interessen jener Zeit weitaus eher entsprach. Zudem dürfte das berechtigte Anliegen Krenbergers z. T. dadurch Beeinträchtigung erfahren haben, daß er, wie ich dem Bericht über die 10. Konferenz der Idiotenanstalten von 1901 entnehme, zu dieser Zeit in unmittelbarer fachlicher und ökonomischer Konkurrenz zu Heller stand, da beide die einzigen privaten Idiotenanstalten in Wien leiteten (Müller 1901, 128 f.).

Zusammengefaßt: Das Werk Séguins hat in Deutschland nahezu keine Spuren hinterlassen. Ganz anders jedoch das Buch von Paul Sollier, obwohl dessen Name weder im Enzyklopädischen Handbuch der Heilpädagogik auftaucht noch in einer der traditionellen Geschichtsschreibungen dieses Faches.

2. Zur Wirkungsgeschichte von Sollier

Séguins Konzeption des Idioten als prinzipiell bildungsfähigen Kindes blieb in Deutschland ohne Wirkung. Die Wirkung von Solliers Position ist jedoch nur zu verstehen, wenn man kurz auf die ihr vorweggehenden Definitionen eingeht, die sie vereinheitlichte, verdichtete, indem sie "Dinge" und "Wörter" erstmals in jenes neue Verhältnis setzte, von dem Foucault spricht. Auch vor 1891 tauchen die Begriffe des Idioten und auch des Imbezillen in der deutschen Diskussion auf, ohne jedoch die Bedeutung des Automaten und Extra-Sozialen bzw. des Anti-Sozialen zu haben. Die Konferenz der Idiotenanstalten, die seit 1874 unter der Leitung von Sengelmann, damals Leiter der Alsterdorfer Anstalten in Hamburg, alle drei Jahre tagt, stimmt auf ihrer ersten Konferenz 1874 über eine pragmatische Einteilung der dort aufbewahrten bzw. betreuten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ab. Sie gelangt zu einer Einteilung in Blödsinnige, Schwachsinnige und Kranksinnige. Blödsinnigkeit entspricht der Idiotie. Die Begriffe Imbezillität und Kretinismus werden nicht verwendet. Statt dessen wird der Begriff der Schwachsinnigkeit für leichtere Grade der Idiotie verwendet und der Begriff Kranksinnigkeit für Grade der Idiotie, die zusätzliche Komplikationen aufweisen, die man am ehesten unter dem Begriff der Geistesstörung fassen kann (Sengelmann 1874, 7 ff., insbesondere 17).

Bereits vorher hatten Georgens und Deinhardt (1860, 1863) beiden Begriffen eine definitorische Fassung gegeben, die sich jedoch nicht durchzusetzen vermochte:

Ausgehend von Hegels Philosophie wie Fröbels Pädagogik versuchten beide Autoren einen Entwurf einer allgemeinen Pädagogik, der sich von der Heilpädagogik her bestimmte. Eine Klassifikation der Idiotie wurde vermittels der verschiedenen Typen des Temperaments (phlegmatisch, sanguinisch, melancholisch, cholerisch) vorgenommen (1860, 206), der Aspekt der Imbezillität taucht lediglich einmal in ihrem Buch als Synonym zur Verwahrlosung auf, spielt jedoch keine Rolle für ihren Theorieentwurf (vgl. Bd. 2, 1863, Kap. 12). Für sie ist Idiotie im wesentlichen eine Schwäche des wollenden Bewußtseins. "Wenn die Organe dieser (centralen, W.J.) Energie schlechthin fehlen oder wenn die Unerregbarkeit der peripherischen Organe oder das Mißverhältnis ihrer Entwicklung die höchste Energie der Spannung und Ausgleichung fordern würden, während sich eine solche, da ihr von vorneherein die Möglichkeit der Betätigung fehlt, überhaupt nicht entwickeln kann, ist der Idiotismus sicher unheilbar" (1863, 240), womit Georgens und Deinhardt medizinische Unheilbarkeit meinen, jedoch keineswegs pädagogische Unbeeinflußbarkeit. In der Tat ist gegenüber solchen Positionen die Position der Konferenz der Idiotenanstalten eher pragmatisch; die Bildungsunfähigkeit eines Großteils der Idioten wird durchgängig akzeptiert.

Auf diese Diskussion trifft das Buch von Sollier, das erstmals auf der 7. Konferenz der Idiotenanstalten genannt wird (Reichelt 1893, 6, 75 f.). Die Neudefinition, die die 10. Konferenz 1901 (Müller1901) vornimmt, beruhte auf einem Referat von Kölle, das in wesentlichen Punkten Bezug auf Sollier nimmt. Kölle schlägt eine Gliederung unter einem quantitativen Aspekt sowie unter drei qualitativen Aspekten vor. Seine quantitative Gliederung ist die in blödsinnig, schwachsinnig und schwachbefähigt, wobei er unter ausdrücklichem Bezug auf Sollier diese Begriffe dessen Klassifizierung von schwerer Idiotie, leichter Idiotie und Imbezillität gleichsetzt (vgl. 70 ff). In qualitativer Hinsicht unterscheidet Kölle

  1. angeborenen körperlichen Defekt, erworbenen körperlichen Defekt sowie ohne körperlichen Defekt;

  2. erethisch/apathisch: diese Differenzierung wurde 1885 von Sengelmann (Bd. 1, 12) unter Vereinfachung der Definition von Georgens und Deinhardt eingeführt;

  3. cholerisch/sanguinisch: dies entspricht dem erethischen Typus, phlegmatisch/melancholisch entspricht dem apathischen Typus);

  4. einfach psychisch Schwache, Idioten mit psychischen Komplikationen, Idioten mit moralischem Defekt.

Dadurch ergibt sich ein vierdimensionales Raster, das Kölle im einzelnen durchgeht. Zur Klassifikation selbst ist darauf zu verweisen, daß mittlerweile Ziehen (1897) den angeborenen Schwachsinn, den er im allgemeinen Sinne als Imbezillität kennzeichnet und vom erworbenen Schwachsinn, der Demenz, unterscheidet, in drei Untergruppen einteilt: "die Idiotie, die Imbezillität im engeren Sinne und die Debilität" (555) und für ihn der Imbezille bzw. der Debile um etliches gefährlicher als der Idiot sind, da ihre Befähigung zu kompliziertem Handeln erheblich größer ist (559 ff). Entsprechend findet Kölle für verschiedene quantitative Grade des Schwachsinns auch jeweils moralische Defekte, die er u.a. in folgenden Begriffen beschreibt: "Perverse Triebe", "heimtückisch, selbstsüchtig, hinterlistig" (Müller 1901, 79) und in der Gruppe der erethisch Zurückgebliebenen ohne körperliche Defekte, mit moralischen Defekten ausdrücklich von "seelenlosen Geschöpfen" (81) spricht.

Trüper, Gründer des heilpädagogischen Heimes "Sophienhöhe" bei Jena, Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Kinderfehler", die seit 1895 erschien, später Verbandorgan des Verbands der Hilfsschulen war, dann in die "Zeitschrift für Kinderforschung" umgewandelt wurde, Initiator des "Kongresses für Kinderforschung" 1908 in Berlin (vgl. hierzu Trüper und Trüper 1978), bezieht sich in seinem grundlegenden Buch "Psychopathische Minderwertigkeiten im Kindesalter" (1893) ausdrücklich auf Sollier: "Psychopathisch veranlagte Kinder haben oft eine anti-soziale Neigung, und eine umso stärkere, je erregter sie sind und je tiefer sie in intellektueller Hinsicht stehen. Sollier nennt alle Imbezillen anti-sozial. Wir halten diese Behauptung wie viele andere bei ihm für einseitig und übertrieben. Viel Wahres liegt aber darin" (76). Was Trüper für einseitig und übertrieben hält ist nicht die inhaltliche Kennzeichnung des imbezillen Kindes als anti-sozial, ist vielmehr vor allem die Psychologie Solliers: "Die ins Geisteskranke übergehenden Formen psychopathischer Minderwertigkeit der Idiotie werden in vortrefflicher, lebendig-anschaulicher Weise geschildert in der Schrift von Paul Sollier ‚Der Idiot und der Imbecille' [...] leider ist aber die psychologische Beurteilung der Erscheinungen ebenso oberflächlich wie einseitig" (8).

Theodor Heller (1904) bezieht sich ebenfalls ausdrücklich auf Sollier. Theodor Heller legt in seinem Grundriß der Heilpädagogik einen Entwurf auf der Basis der Wundtschen Psychologie und wesentlich beeinflußt durch Kraepelin vor. "Heller galt als der führende Wissenschaftler der Heilpädagogik in Österreich und wurde als ihr Altmeister verehrt", führt Erich Beschel im Enzyklopädischen Handbuch der Heilpädagogik 1969 (1312) aus. Theodor Heller geht davon aus, daß die Kennzeichnung des Zusammenhangs Imbezillität und Antisozialität in der von Sollier vorgenommenen Form in dieser Allgemeinheit nicht stimmig sein kann, da sonst keine Erziehbarkeit gegeben sei. Jedoch ist für ihn der Imbezille in der Regel ein "Egoist, der in der Wahl der Mittel, welche ihm Annehmlichkeiten verschaffen können, keineswegs wählerisch ist" (45).

Eine Ausnahme bilden hier apathische Schwachsinnige: "Automatenhaft vollziehen sie alle Befehle, die ihnen erteilt werden, und sind deshalb zumeist erträgliche Hausgenossen" (45). Man merkt die Solliersche Diktion, auch wenn Heller sich hier nicht explizit auf diesen Autor bezieht. Da er diese Formulierung jedoch in der Auseinandersetzung mit Sollier vornimmt, er, wie Krenberger (1912) nachweist, auch an anderen Stellen nicht sorgfältig zitiert, kann die Übernahme des Sollierschen Begriffs des Idioten bei Heller vorausgesetzt werden. Die moralische Minderwertigkeit als charakteristisches Merkmal der Imbezillität möchte Heller nicht nur für diese gelten lassen: "Ziehen beschreibt eine Gruppe schwachsinniger Kinder, deren intellektueller Defekt weniger hervorstechend ist als ihre ethische Minderwertigkeit. Er bezeichnet dieselben deshalb als Debile, betont jedoch ausdrücklich, daß die Debilität durch fließende Grenzen in das Gebiet der normalen Beschränktheit übergehe" (47). Moralische Minderwertigkeit ist demnach auch bei Idioten und besonders bei Debilen zu finden. Da Heller in den Widerspruch gerät, wenn er Solliers Definition übernähme, sich als Heilpädagoge inkompetent erklären zu müssen - ein Widerspruch, der sich für Sollier, der eine rein psychologische Studie schrieb, in dieser Form nicht stellte -, formuliert er: "Die moralischen Defekte zahlreicher imbeciller Kinder sind darauf zurückzuführen, daß es ihnen zu rechter Zeit an der richtigen Erziehung gefehlt hat" (192). "Die bei derartigen Kindern häufig zu beobachtenden Zornesausbrüche, die Brutalität [...] sind oft nichts anderes als Reaktionen auf die gewaltsame Art, in der man ihre spezifischen Eigentümlichkeiten zu unterdrücken sucht" (194). Heller hat jedoch keineswegs vor, mit dieser Unterdrückung zu brechen: "Diese moralisch defektiven Kinder (im Sinne von moral insanity; W.J.) müssen in Anstalten gebracht werden, wo sie lebenslänglich versorgt sind, eine strenge Disziplin und entsprechende Strafmittel zur Verfügung stehen, überdies aber ärztliche und pädagogische Fürsorge nicht fehlen. Die Errichtung derartiger Anstalten, welche gleichsam die Mitte zwischen Gefängnis und Irrenanstalt einnehmen, ist längst als unbedingte Notwendigkeit erkannt worden und sollte allenthalben zur praktischen Verwirklichung gelangen" (343).

Daß Heller nicht nur auf den Kern des moralischen Schwachsinns zielt, den er für unerziehbar hält, sondern generell auf alle moralischen Abweichungen, wird deutlich, wenn er die auf Seite 328 aufgezählten 40626 Zöglinge in Erziehungsanstalten im Jahre 1898, wozu noch die staatlichen und Provinzanstalten verwandter Tendenz kommen, generell mit Kochs Begriff der psychopathischen Minderwertigkeit klassifiziert und an anderer Stelle ausführt, daß "ein nicht geringer Teil der arbeitsscheuen Bettler und Vagabunden zweifellos schwachsinnig" sei (332).

Umfangreich setzt sich die Tradition der Sollierschen Begriffsbestimmung im Enzyklopädischen Handbuch der Heilpädagogik von 1911 fort. Einer der drei Herausgeber, Dannemann, klassifiziert Idioten und Imbezille wie folgt:

Schwachsinnige werden in Idioten, Imbezille und Debile eingeteilt, eine Einteilung, die für das "praktische Leben" genüge (1429). Die höchstentwickelten Idioten sind bildungsfähig: "Sie folgen unbeaufsichtigt gern rücksichtslos ihren oft recht unsozialen Trieben. Die Fähigkeit, dem Leben höhere Gesichtspunkte abzugewinnen, fehlt; die Impulse des Augenblicks dominieren, und nur unter dem Zwange der Aufsicht betätigen sie sich und halten sich innerhalb der Grenzen der gesellschaftlichen Ordnung" (1430). Für Imbezille im engeren Sinne gilt: "Doch ist das Gefühlsleben ein armes, das Urteil ein schwächliches. Die Charakterbildung hat sich nicht vollziehen können. Planlosigkeit, Handeln nach Augenblicksimpulsen bestimmen die Lebensführung und geben ihr das Gepräge des Sprunghaften und Inkonsequenten. [...] Das Leben stellt zumeist eine Kette von Mißerfolgen dar. Sehr oft kommt es zu kriminellen Verwicklungen" (1830). "Das imbezille Kind aus dem Volke pflegt zumeist in früher Jugend bereits den Strafrichter zu beschäftigen" (1830). Ausdrücklich werden Diebstahl, Betrug, Vagabundage, Hoheits- und Sittlichkeitsdelikte genannt. "Nicht selten sind endlich die Fälle, in denen rein aus Lust am verbrecherischen Tun oder aus Renomisterei von Imbezillen schwere Verbrechen begangen werden" (1831).

"Der Typus des höheren Imbezillen ist der Sohn aus guter Familie, der mit Mühe das Klassenziel der Mittelschule erreicht, nachdem er zunächst in eine höhere geschickt worden war, der dann frühzeitig durch Unredlichkeit, Fälschungen von Zensuren, Exzesse in baccho et venere unter Verwendung unterschlagener Gelder usw. auffällt, in keiner Stellung, die ihm zum Lehrzweck angewiesen wurde, es aushält, gern renomiert, durch nichts zu beeinflussen ist, weder durch Strenge noch durch Güte, bis die in ihm nur den ‚Mißratenen' sehenden Eltern die Hand von ihm abziehen und ihn damit dem Verbrechen und der Landstreicherei ausliefern. Für den vorurteilsfrei die gesamte Persönlichkeit ins Auge Fassenden dokumentiert sich in solchen Fällen der Schwachsinn auf das Deutlichste in der stets und ständig wieder hervortretenden Unfähigkeit zur logischen Erwägung der Folgen seines Tuns, durch das überlegungslose, selbstschädliche Handeln der Imbecillen" (1430).

Der Beschreibung der Imbezillität entspricht inhaltlich die Beschreibung der Psychopathen an anderer Stelle des Handbuchs, wo unter Bezug auf Kraepelin die geborenen Verbrecher, die sogenannten Haltlosen, die krankhaften Lügner und Schwindler und die Pseudoquerulanten genannt werden. "Man darf nicht in den Irrtum verfallen, aus der Zugehörigkeit jemandes zur Klasse der Psychopathen eine Unverantwortlichkeit vor dem Gesetz herzuleiten" (1250). Eine psychopathische Minderwertigkeit oder geistige Abnormität trifft auf ca. 50 % der Fürsorgezöglinge zu (606). Dannemann äußert sich zur notwendigen Kenntnis vom Seelenleben abnormer Fürsorgezöglinge, daß deren Beobachtung und Begutachtung eine Aufgabe sei, "deren Lösung ein eifriges Studium des Geisteslebens jugendlicher Psychopathen und aller Nuancen der Imbezillität zur Grundlage habe" (1468).

Als nächstes Werk möchte ich das Buch von Arno Fuchs "Schwachsinnige Kinder" (in dritter Auflage in Halle 1922 erschienen) heranziehen, das das erste umfassende Lehrwerk der Hilfsschulpädagogik war und diese in der Weimarer Republik und bis heute weitgehend beeinflußt hat. Ab 1903 habe eine genaue Differenzierung des "Kindermaterials" stattgefunden, die Fuchs auf Seite 26 wiedergibt (vgl. die Tabelle im Anhang) und die im wesentlichen an der von Kölle 1901 vorgelegten und von der Konferenz der Idiotenanstalten beschlossenen Klassifikation orientiert ist. Auch Fuchs gebraucht wie die Autoren vor ihm, die ich zitiert habe, den Sollierschen Begriff der Imbezillität nicht uneingeschränkt, er bleibt jedoch das Modell, der zentrale Begriff, durch den der ganze Aspekt der moralischen Defekte, der Fürsorgeerziehung, der Psychopathen gesehen wird.

So sieht Fuchs unter Verweis auf Stern 66,87 % der Fürsorgezöglinge als geistig minderwertig, 3,68 % als geisteskrank, mindestens aber nach neueren Feststellungen 30-50 % als in diesem Zustand befindlich an (14 f.). Später arbeitet er eine Gruppe von intellektuell und moralisch geschädigten Kindern heraus, bei denen eine pathologische Anlage bestehe, die sich auf einen Ausfall oder eine starke Herabsetzung des moralischen Empfindens beziehe. "Diese Eigenschaften nehmen den Charakter des Krankhaften an, unterstehen also nicht der Verantwortlichkeit des Kindes. Hierbei handelt es sich um Akte der Rohheit, um Notzwang, um Gewalttat, Verlogenheit u.a., die trotz gütlichen Zuredens und schwerer Strafe immer wieder auftreten. [...] Diese Kinder - die übrigens dem von Sollier geschilderten Typus der Imbezillen entsprechen - werden fast ausnahmslos der Fürsorgeerziehung überwiesen, die wieder in ihren Anstalten am allerwenigsten etwas mit ihnen anzufangen weiß. [...] Diese Gruppe der Schwachsinnigen steht in naher Verwandtschaft mit den moralisch Schwachsinnigen ohne Intelligenzdefekt, den psychopathischen Konstitutionen, deren Behandlung aber eine in vielen Punkten von der Hilfsschulpädagogik abweichende Gestaltung anzunehmen hat" (260).

In der zweiten Auflage des Enzyklopädischen Handbuches der Heilpädagogik von 1931 (völlig neu bearbeitet) setzt sich die Wirkungsgeschichte von Sollier in vollem Umfang fort. Im Stichwort über "Idiota adiposogenitales" schreibt Anton:

"Im Verkehr mit anderen Menschen genügt die flüchtige Aufmerksamkeit nicht, weil sie niemals zu einem entsprechenden Konnex mit anderen Menschen gelangen läßt. Deshalb sind diese Idioten als extra-sozial bezeichnet" (1202).

Und im Stichwort "Idiotie, ihre anatomischen Grundlagen" führt Vogt aus: "Das Wort kommt von ‚idios' eigen, für sich, nicht zur Gemeinschaft gehörig, eine Bezeichnung, die in Anbetracht des extra-sozialen Verhaltens der Idioten im Gegensatz zur anti-sozialen Charakterneigung der Imbezillen gar nicht so übel gewesen ist. Als Sammelbegriff, wenn man sich der vagen Grenzen des Ausdrucks bewußt ist, kann er besonders zur Unterscheidung der Imbezillität und Debilität wohl beibehalten werden: Er begreift dann alle tiefen Stufen der angeborenen oder in der Kindheit erworbenen geistigen Defektzustände in sich" (1217).

Im Stichwort über "Imbezillität" (einschließlich Debilität) führt Ziehen aus: "Zu einer normalen Begriffsentwicklung gehört auch eine normale Entwicklung der Gefühlsbetonung der Begriffe. Fehlt sie oder ist sie unzureichend entwickelt, spricht man von einem "ethischen, ästhetischen Defekt" usf. Besonders auffällig ist die Tatsache, daß diese oft gerade bei leichter Debilität sehr ausgesprochen sein kann. Man spricht dann vom moralischen Irrsein oder moralischen Schwachsinn" (1224). Im einzelnen werden folgende Handlungen des Imbezillen aufgeführt: "Fortlaufen von Zuhause, Landstreichen und Betteln, Stehlen sind häufig [...] Gelegentlich kommen Brandstiftungen vor, meist aus Rachsucht [...] Ungemein häufig sind sexuelle Vergehen" (1226). Und in bezug auf die "Debilität mit vorzugsweise ethischem Defekt" behauptet Ziehen: "Die meisten dieser Individuen enden als Gewohnheitsverbrecher", obgleich diese Variante der Debilität nicht häufig sei (1228).

Die Art der Betrachtung von Idioten und Imbezillen, die durch Sollier sich verdichtete und im herrschenden gesellschaftlichen Interesse in eine neue Form gelangte, setzt sich bis heute fort, wie ich als letztes am Enzyklopädischen Handbuch der Sonderpädagogik (3., völlig neu bearbeitete Auflage des Enzyklopädischen Handbuchs der Heilpädagogik, 1969) belegen möchte.

Ich gehe zunächst auf das Stichwort "Schwachsinn, psychiatrisch-klinisches Erscheinungsbild" ein. Auch hier wird noch von abartigen Charakteren gesprochen, die mit den Zeichen "unreifer sozialer Einstellung" bei Schwachsinnigen von vielen Autoren beobachtet und beschrieben worden seien. "Ob es einen angeborenen ‚isolierten' moralischen Schwachsinn gibt, ist fraglich; er wird aber von vielen Autoren um die Jahrhundertwende bejaht" (3080). Der Idiot wird als "bildungsunfähig und unbelehrbar" betrachtet, wobei Idiotie beschrieben wird als schwerste Form der Oligophrenie. "Der IQ beträgt bei dieser Schwachsinnsform 0-44 (nach Wechsler)" (3081). "Die Stimmung der Idioten ist vornehmlich leer und indifferent." Und Opitz (ebd. 1969) scheut sich nicht, den berüchtigten Freiburger Psychiater Hoche zu zitieren, der in seiner 1920 mit Bindung vorgelegten Denkschrift zur "Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" von "geistig völlig Toten" spricht, wobei das von Opitz scheinbar wertneutral übernommene Zitat nicht aus dieser Schrift entnommen ist, jedoch deren Argumentation völlig entspricht: "Sein Gefühlsleben beschränkt sich auf körperliche Lust und Unlustgefühle (Hoche)" (3082). Der Imbezille ist für Opitz durch Leichtgläubigkeit, Suggestibilität und Wandelbarkeit des Denkens gekennzeichnet; "als ungelernter Arbeiter vermögen sie einfachste mechanische Arbeiten zu verrichten und sich im Arbeitsprozeß durchaus angepaßt zu verhalten" (3085), und Imbezille sind in ihrem Verhalten sehr stark von der Affektivität abhängig. "Der Mangel an ethischen Werten und die Leichtgläubigkeit führen dazu, daß eine Vielzahl von Imbezillen in einem ungünstigen Milieu asozial werden und grobe Charakterfehler aufweisen [...] Die mangelhafte Steuerung der Aktivität durch die Defekte des Person-Erlebens und der Bildungsschicht läßt es bei ihnen zu typischen Strafhandlungen kommen wie Tierquälerei, Mundraub, Diebstahl, Brandstiftung, Totschlag und gelegentlich auch Mord" (3086).

Ähnlich schildert Opitz im Stichwort Psychopathie den gemütsarmen Psychopathen (2653 f.). "Seinen triebhaften Wünschen folgend strebt er, wie der Haltlose, nach oberflächlichem Genuß, den er auf möglichst bequeme Weise, ohne eigene Anstrengung erreichen will. Daraus ergeben sich Betrügereien, Diebstähle, Vagabundieren, häufiger Wechsel des Arbeitsplatzes usw.". Die Stichwörter über "Verwahrlosung" (Opitz) und "Unerziehbarkeit" (Gerson) entsprechen dieser Sichtweise. Und, wenn es dieses Beleges zur Wirkungsgeschichte von Sollier überhaupt noch bedürfte, ist sein Buch neben dem von Strümpell "Pädagogische Pathologie" (1890) und einem Buch von Ziehen über "Die Ideenassoziation des Kindes" (1898) das einzige Buch aus dem vorigen Jahrhundert, das Busemann in seinem umfassend bibliographisch gestützten Werk "Psychologie der Intelligenzdefekte" (1965) zitiert.

Wie ist diese Wirkungsgeschichte zu verstehen, wie ist zu verstehen, daß in der von Sollier vorgenommenen begrifflichen Bestimmung des sozialen Tatbestands, der sich hinter "Idiotie" und "Imbezillität" verbirgt, ganze Generationen von Idiotenerziehern, Hilfsschulpädagogen und Psychiatern gedacht haben? Ich versuche im folgenden, nachdem das Auftreten der Begriffe herausgearbeitet sowie ihre Wirkungsgeschichte verfolgt wurde, zu jenem historischen Ort zurückzugehen, wo "Dinge" und "Wörter" sich trennten, nach der sozialen Determination des Blickfeldes der Definierenden zu fragen.



[2] Ersichtlich hat Krenberger nach folgender Ausgabe übersetzt: Edward SEGUIN: Idiocy and its treatment by the physiological method. [Ed.: Committee on Publications, Teacher's College, Columbia UniversityAlbany] (Brandow) New York 1907 [Repr. d. Ausg. 1866] 202 S. Wie meine Recherchen anlässlich der Neuübersetzung und des geplanten Neuerscheinens des Séguinschen Buches (Edition-Marhold, Berlin) ergaben, umfasst die Orginalausgabe von 1866 jedoch 457 Seiten; der gesamte Anhang ab Seite 295, der insgesamt 47 Fallbeispiele enthält (darunter 12 Übersetzungen "from our french book", also aus dem Traitément ..."), wurde in der Ausgabe von 1907 nicht nachgedruckt und folglich auch von Krenberger nicht überrsetzt. In dieser Hinsicht hatte das Buch ein ähnliches Schicksal wie Henri WALLONS Habilitationsschrift "L'enfant turbulent" (Quadrige/PUF) Paris1984², das in der ersten Auflage [ (Felix Alban) Paris 1925] noch "214 observations" enthielt und statt den 316 Seiten der Zweitausgabe 664 Seiten umfasste. [Okt. 2003; d.Verf.]:

III. Analytischer Teil: Die Verdichtung des Blickes und die Entstehung der Kategorien.

Im folgenden versuche ich die gesellschaftlichen Bestimmungsmomente des vorweg skizzierten ideologischen Prozesses herauszuarbeiten. Dies geschieht unter sechs Gesichtspunkten. Ich gehe ein auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen Séguin (1) und Sollier (2) gestanden haben, und auf ihre Sicht von Individuum und Gesellschaft. Ich komme dann (3) zu sprechen auf die sozialen und ökonomischen Zusammenhänge zum Zeitpunkt der Rezeption des 1891 in Deutschland erschienenen Buches von Sollier; ich behandele sodann (4) jene Gruppen der Intelligenz (d. h. philosophische und ideengeschichtliche Linien), innerhalb derer Solliers Ideologie ihre Wirkung entfaltete. Ich komme dann noch einmal (5) auf jene Situation zu sprechen, in der sich im Begriff Imbezillität durch Sollier eine unglaubliche Verdichtung sozialer Tatbestände ereignete, die sich sehr schnell dann wieder entfaltete in weitere Begriffe wie Psychopathie, geistige Abnormalität, Verwahrlosung, Debilität usw. Schließlich möchte ich die gesellschaftstheoretisch zu benennenden Bestimmungsmomente der Definition von Sollier herausarbeiten (6).

1. Gesellschaftliche Situation und Klassenstandpunkt von Eduard Séguin

Séguin kennzeichnet seinen eigenen Standpunkt in bezug auf die Idee Itards wie folgt (1912, 38 f.):

"Die philosophische Schule, der er im Jahre 1800 angehörte, hatte vor ihm ihren Geist ausgehaucht. Von 1830 bis 1840 stritten drei Schulen um die Herrschaft über dieses Jahrhundert. Die eine, die des göttlichen Rechtes genannt, maß der Unterdrückung der vielen durch die wenigen nach gewissen Gesetzen der Vererbung und der Priesterschaft einen göttlichen Ursprung bei; zwischen den Individuen gebe es nur Gehorsam und Autorität;

Erziehung sei ein begrenztes Privileg. Dann die eklektische Schule, deren höchstes Ziel ‚Klassifikation nach der Kapazität und Belohnung nach der Produktion' war; Fortbestehen von Klassen, wenn nicht gar von Kasten; die Erziehung wie alles andere sei nur für den mutmaßlich Fähigen. In der Tat eine liberale Schule, die vom Embryo an klassifizierte, vom Fötus an ungleich machte. Drittens die christliche Schule (St. Simonismus), die für eine soziale Anwendung des Evangeliums, für die schnellste Erhebung der Niedrigsten und Ärmsten durch alle Mittel und Einrichtungen, am meisten durch freie Erziehung kämpfte. Die Idee Itards, die nur dieser letzten Schule geistesverwandt war, wurde in ihr gepflegt, in ihr wurde ihr natürliches Gedeihen und ihre Umwandlung erprobt [...] Es ist eine unleugbare Tatsache, daß diese Schule und keine außer ihr unter vielen Arbeiten von großer Bedeutung die einzige didaktische Behandlung der Idiotie hervorgebracht hat".

Und über den offensichtlichen Stillstand in dem Fortschritt dieser Idee in Frankreich schreibt Séguin 1866 (1912, 40), daß "die Schule, die die Idee der physiologischen Erziehung entwickelte, niedergerungen war". Séguin bezieht sich also ausdrücklich auf das Werk des Grafen von Saint-Simon (1760-1825), der als einer der wesentlichen Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus, des Werkes von Marx und Engels, betrachtet werden muß.

Engels selbst (1970, 61) führt aus, daß St. Simon die französische Revolution als Klassenkampf aufgefaßt habe, "und zwar nicht bloß zwischen Adel und Bürgertum, sondern zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen [...] (eine) im Jahr 1802 [...] höchst geniale Entdeckung". St. Simon ist neben Hegel "der universellste Kopf seiner Zeit" (ebd., 74). "Entscheidend ist für Saint-Simon die jeweilige Stellung der Klasse zur Produktion, und aus ihr leitet er den bestehenden Klassengegenstand zwischen den Produzenten und den Nichtstuern, der feudal-klerikalen Oberschicht ab. Aus dieser sozial-ökonomischen Trennung resultiert auch der jeweilige politische Anspruch auf Beteiligung an der Herrschaft" (Herre 1973, 58). Der Gegensatz Unternehmer und Arbeiter bestand für ihn noch nicht. Die Vernachlässigung der materiell am schlechtesten gestellten Teile der Bevölkerung lastete er nicht den Unternehmern, sondern noch den feudalen Klassen an. Auf dieser Grundlage forderte er ein neues Christentum (Herre, 61 f.), was Krenberger in seinen Fußnoten zum Buch von Séguin (1912, 39) unter bezug auf Ludwig Stein "Die soziale Frage im Lichte der Philosophie", Stuttgart 1897, so charakterisiert: "Der tragende Gedanke seines ‚Nouveau Christianisme' läßt sich kurz dahingehend zusammenfassen: ‚An die Stelle des geisttötenden Buchstabenglaubens [...] trete ein neues, soziales Christentum, das nur einen Glaubenssatz kennt, das alte testamentarische Wort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.' (Stein, 337 f.)".

Harald Lane (1976, 263) verweist darauf, daß Séguin damals einem politischen Zirkel angehört habe. "Beim Bemühen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, während er seine Experimente über die Behandlung der Idiotie begann, schrieb Séguin Artikel zu politischen und ökonomischen Fragen und über Kunst in den wichtigsten Pariser Zeitungen. Er schloß sich zusammen mit einem Zirkel von berühmten literarischen Figuren, der Viktor Hugo einschloß, alle von ihnen verschrieben der halb mystischen, halb praktischen Lehre von Saint-Simon und seinen Nachfolgern, Pièrre Enfantin und Olinde Rodriguez. Dieser Zirkel befaßte sich mit sozialer Reform, und ihre Anstrengungen schlossen ein Revisionen der Kriminalgesetzgebung und Strafpraktiken wie bürgerliche Agitation, um das Los der arbeitenden Klasse zu verbessern, und Hilfswerke für die Unbeschäftigten, "les miserables". Goddard nennt in seinem Vorwort zum 1912 von Séguin in Deutschland erschienenen Buch (2) weitere Namen des Zirkels, dem Séguin angehörte: "Er war der jüngste, aber nicht der geringste einer Gruppe berühmter Männer seines Vaterlandes, zu welcher Viktor Hugo, Ledru-Rollin, Louis Blanc, Jean Reynaud, Flourens, Michel Chevalier und Pierre Leroux zählten [...] Er übertrug jene Gleichheitstheorien, welche in seinem Geburtslande eine so hervorragende Rolle spielte, auf das praktische Leben, ja er erstreckte sie sogar auf die Idioten, und sie ließen ihn eine Methode suchen und finden, dank welcher diesen Unglücklichen jene Vorbedingungen verliehen werden können, welche zur Gleichheit mit der übrigen Menschheit berechtigen".

Betrachten wir jene Gruppe: Es ist die Gruppe, mit deren bedeutendsten Vertretern, Leroux und Louis Blanc, Marx während seines Parisaufenthaltes persönlichen Kontakt hatte, zu der er selbst schreibt: "Bürgerliche Geschichtsschreiber haben längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie desselben dargestellt" (nach Herre 1973, 69).

Es ist die Schule von Saint-Simon; es sind die Saint-Simonisten, die die Analyse von Saint-Simon erheblich weitergeführt haben. "Auf der antagonistischen Trennung der Gesellschaft in parasitäre und arbeitende Klassen, in Feudalismus und Bourgeoisie aufbauend, zeichnet sich eine differenzierte Unterteilung der Bourgeoisie in ‚industrielle und kleine Bourgeoisie' sowie ‚Volk' oder ‚Proletariat' ab" (Herre 1973, 66). Sie baut auf jenen Prinzipien auf, die Marx bereits in der deutschen Ideologie, zurückgreifend auf Reybaud, zitiert: "Alle gesellschaftlichen Einrichtungen müssen die moralische, intellektuelle und physische Verbesserung der zahlreichen und ärmsten Klasse zum Zwecke haben - Alle Vorrechte der Geburt, ohne Ausnahme, sind aufgehoben - Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken" (nach Herre, 66).

Séguin steht somit in den Traditionen der fortschrittlichsten Teile des französischen Bürgertums, der weitest entwickelten Theorien des Sozialismus. Er steht ferner in den Traditionen der Entwicklung der materialistischen Widerspiegelungstheorie durch Locke und Condillac, er steht in den Traditionen von Rousseau, von Jean Paul und von Herbert Spencer, wie es Krenberger im einzelnen herausarbeitet und zusammenfaßt: "Drei Jahrhunderte pädagogischer und psychologischer Gedankenarbeit liegen also in Séguins Werk vor, und eine Summe von Erfahrungen ist hier niedergelegt von Männern, welche die Kulturwelt befruchtet und Bildung und Erkenntnis gefördert haben" (1912, 31 f.).

Ich habe diese Zusammenhänge deshalb ausführlich dargestellt, weil das Buch von Séguin gegenwärtig nur sehr schwer zu beschaffen ist und ich hiermit Anstöße für weitere Forschungsarbeiten geben möchte. Mir scheint es unbedingt erforderlich zu sein, die demokratische Tradition wie die inhaltlich weitreichende Dimension des Séguinschen Werkes für eine parteiliche Behindertenpädagogik, eine materialistische Behindertenpädagogik aufzuarbeiten.[3]

2. Solliers Gesellschaftsbild: Kampf aller gegen alle, Chauvinismus und Rassismus

"Der bestimmteste und deutlichste Ausdruck der willkürlichen Aufmerksamkeit ist die Arbeit. Der Wilde ist ein zuchtloses und faules Geschöpf, das jeder Arbeit widerstrebt. Bei den zivilisierten Nationen gibt es gleichfalls Individuen, die undiszipliniert und unfähig zu jeglicher Arbeit sind, wie die Vagabunden, die Prostituierten, die ganze große Klasse der Recidivisten" (Sollier 1891, 60). "Ungestüm und Jähzorn sind die Erbteile niederer Rassen und finden sich bei dem Kinde wieder" (106). Das Gesellschaftsbild ist an der Auffassung von Hobbes orientiert, des Kampfes aller gegen alle, der Mensch ist des Menschen Wolf: homo hominis lupus "Die Gesellschaft beruht auf dem Bewußtsein des Besitzes, ohne das die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse nicht gesichert ist. Der Schutz der zu diesem Zwecke gemachten Erwerbung ist also die erste Bedingung für das Zusammenleben. [...] Jedes natürlichen Schutzes entbehrend, bleibt dem Menschen nur übrig, sich mit seinen Nebenmenschen zum gemeinsamen Kampf zu verbinden. Um hierin jedoch zusammenzuhalten, bedarf es der gegenseitigen Verpflichtung, d. h. eines Vertrages, eines formellen oder stillschweigenden. [...] Dieser Kampf zwischen den Einzelnen ist heutzutage nicht mehr zulässig und wird als Diebstahl oder Verbrechen bestraft. Aber er existiert trotzdem, Klasse gegen Klasse, sei es in der Form finanzieller Gesellschaft oder des Bürger- oder des internationalen Krieges" (107 f.). Was Sollier mit Bürgerkrieg meint, dürfte nach der Revolution der Kommune 1871 und ihrer blutigen Niederschlagung durch die Bourgeoisie deutlich sein. Die Kommune hatte den Blick des Bourgeois erstmals auf die Kampfkraft wie den Anspruch des aufkommenden Proletariats in aller Präzision gerichtet. Es ist jene Ausrichtung des Blickes, die Sollier nunmehr auf die Ärmsten und Elendesten der bürgerlichen Gesellschaft, die Idioten und Imbezillen zentriert. Und entscheidendes Kriterium, das er bei den Idioten und Imbezillen nicht erfüllt sieht, ist folgendes: "Die Liebe zum Eigentum muß sich, um ehrenhaft zu bleiben, mit einer ebenso großen Achtung vor dem fremden Eigentum verbinden" (109).

Ich habe leider bisher Ideen und Sozialgeschichte in Frankreich bis zum Entstehen dieser Ideologie nicht im einzelnen verfolgen können. Insbesondere liegt mir im Bereich der Psychiatriegeschichtsschreibung auch keine Zusammenfassung oder Einschätzung des Werkes von Bourneville vor, in dessen Zusammenhang Solliers Theorien vermutlich eingeordnet werden müssen. Es wäre zu erforschen, wie eine solche Sichtweise des Rassismus und Chauvinismus zugleich mit hervorgebracht wird durch die französische Kolonialpolitik. Ich kann dies alles hier nur andeuten und weitere Forschungen anregen. Zusammengefaßt ist festzustellen, daß entgegen Séguins Definition, der eine Verdichtung des Blickes im Interesse des aufkommenden Proletariats im Hinblick auf die Idiotie formulierte, Solliers Position die der imperialistischen Bourgeoisie an der Macht ist, die diese Macht und das private Eigentum mit allen Mitteln verteidigt. Der Imbezille als geborener Anti-Sozialer im Werk von Sollier ist der von der Bourgeoisie auf den Begriff gebrachte, sie in der Existenz bedrohende Proletarier. Die Ausdehnung des Anti-Sozialen auf alle Gruppen gesellschaftlicher Anormalität, insbesondere aber auch auf die Kommunisten durch den Hitlerfaschismus, belegt nur zu deutlich den Klassenstandpunkt, von dem aus der Imbezille all dasjenige präsentiert, was die Bourgeoisie zu befürchten hat und zu befürchten glaubt.

3. Die Situation in Deutschland zum Zeitpunkt der Rezeption des Buches von Sollier

Es ist nicht verwunderlich, daß nach dem Mißlingen des Versuchs der bürgerlichen Revolution 1848, nach deren Niederlage auch bürgerlich-demokratische Ärzte aus dem Bereich der Idiotenanstalten (wie Rösch aus Mariaberg) emigrierten, im Zusammenhang einer Restauration des feudal-klerikalen Staatsapparates der herrschenden Klasse auf Hegel und Fröbel zurückgehende Ideen, wie sie Georgens und Deinhardt formulierten, kaum Berücksichtigung fanden. Georgens und Deinhardt fordern, daß allen Ansprüchen an Hilfe der kategorische Imperativ "Selbsthülfe" entgegenzusetzen sei (1860, 359) und daß der im Hegelschen Sinne verstandene Staat daher auch die Arbeiterassoziationen unterstützen müsse (361). Und es wird erst recht verständlich, daß die Ideen von Séguin außer in der schematischen Übernahme einiger Erziehungspraktiken keine Wirkung in Deutschland entfachten.

Betrachten wir näher die historischen Zusammenhänge: 1854 war das erste Koalitionsverbot für Arbeitervereine, das 1857 zu Beginn der neuen Ära wieder aufgehoben wurde. 1863 entstand unter Führung Lassalles der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein; seit 1864 wurde durch Kriege Preußens die Gründung des Deutschen Reiches vorbereitet. Seit 1867 schuf Bismarck im Norddeutschen Bund alle Vorbereitungen zur Ausgestaltung der von ihm die ersten 20 Jahre des Deutschen Reiches ausgestalteten "bonapartistischen Monarchie", wie Engels (1975, 19) bezogen auf die Diktatur des Präsidenten Louis Napoleon von 1851 bis 1870 in Frankreich formulierte. 1869 wurde die sozialistische Arbeiterpartei auf der Basis des Eisenacher Programms gegründet: 1875 folgte die Vereinigung der Lassallianer und der Marxisten in Gotha; 1878 wurde die Partei durch das Sozialistengesetz verboten: gleichzeitig entwickelte sich als Verbindung von "Zuckerbrot und Peitsche" die Sozialgesetzgebung: 15. 6. 1883 Krankenversicherungsgesetz, 15. 7. 1884 Unfall-Versicherungsgesetz, 22. 7. 1889 Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz. Ausdrücklich wird in der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 betont, "daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich auf dem Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sei" (Deppe 1980, 89). 1884 beginnt die Kolonialpolitik, die später, 1897, in der Niederschlagung des Hottentotten-Aufstandes und den 1904 durch den Reichstag sanktionierten Völkermord an den Herreros ihren Höhepunkt findet. Durch den organisierten Kampf der Organisationen der Arbeiterklasse, insbesondere durch den Bergarbeiterstreik 1889 (April und Mai), der insgesamt über 150.000 Arbeiter erfaßte, wird der Einfluß der Sozialdemokratie erheblich gestärkt und das Sozialistengesetz infolge dieser Auseinandersetzungen am 29. Januar 1890 nicht mehr verlängert.

Unter dem Eindruck der Massenaktionen der Arbeiterklasse, insbesondere des Bergarbeiterstreiks, plädierte Wilhelm II. "für ein über die Bismarckschen Sozialgesetze hinausreichendes sozialpolitisches Programm, das ‚ungesäumt' in einem kaiserlichen Erlaß zu formulieren sei. Darin sollten Vorschläge für eine internationale Übereinkunft in Fragen des Arbeiterschutzes (Beschränkung der Sonntags-, Nacht-, Frauen- und Kinderarbeit) ebenso enthalten sein wie die Einrichtung von Einigungsämtern zur Streikschlichtung, die Aktivierung von Kirche und Schule gegen die sozialistische Bewegung, die Gründung von Sparkassen und ein Appell für beispielhaftes sittliches Verhalten der oberen Gesellschaftsschichten" (Bartel 1980, 297 f.).

Es kam nach dem Ablehnen der Neufassung des Sozialistengesetzes dann am 20. Januar 1890 zu Neuwahlen, innerhalb derer die Sozialdemokratie ihren Anteil von 11 Mandaten auf 35 Mandate und von 664.000 auf 1.427.000 Stimmen erhöhen konnte. Sie war mit 19,7 % nunmehr stärkste Partei im Reichstag (alle Angaben nach Bartel u.a. 1980, 297-303). Der Zusammenbruch der bonapartistischen Herrschaft Bismarcks "eröffnete vor allem der Bourgeoisie die politische Chance, innerhalb des junkerlich-bourgeoisen Klassenbündnisses eine wesentliche Machtverschiebung zu ihren Gunsten zu erreichen [...] Doch in der Entscheidungsphase geschah dergleichen nicht einmal im Ansatz: Antisozialismus, Antidemokratismus, Feigheit und Furcht vor der Volksbewegung und auch vor der Regierungsverantwortung sowie das eigensüchtige Verfolgen der spezifischen ökonomischen Interessen der einzelnen Gruppierungen innerhalb der Bourgeoisie verhinderten eine grundlegende Machtveränderung, ja selbst eine schrittweise Parlamentarisierung des Reiches" (ebd., 312). Der Kurs des neuen Reichskanzlers wie des Kaisers wie der bürgerlichen Teile des Reichstages blieb der Antisozialismus, der die von der Arbeiterklasse erkämpfte Legalität "bis aufs äußerste", so Caprivi, einzuschränken versuchte (ebd., 313).

Die eminente Verunsicherung des der Ideologie der herrschenden Klasse verpflichteten Beamtentums, Bildungsbürgertums, Kleinbürgertums wurde außerordentlich verstärkt durch die große Depression von 1893-1895. "Schließlich war die sogenannte Große Depression wie die Gründerkrise durch die massenhafte Ruinierung von kleinen kapitalistischen sowie einfachen Warenproduzenten gekennzeichnet. Dieser Prozeß hatte im Bewußtsein jener Schicht nachhaltige Wirkungen hervorgerufen, die weniger dazu angetan waren, die sozialistische Arbeiterbewegung ideologisch zu unterstützen als vielmehr die Verbreitung imperialistischer Ideologien zu fördern" (Mottek u.a., 179, vgl. auch Stegmann 1970).

Wir müssen also die Rezeption des Werkes von Sollier in dem Zusammenhang des sich entfaltenden Konflikts zwischen Kapital und Arbeit begreifen, der 1891 im Erfurter Programm der SPD seine klarste und zugespitzteste Fassung durch die marxistische Analyse und marxistische Programmatik der Partei der Arbeiterklasse erfuhr. Nun sind jene Bereiche, die hier untersucht werden, die Bereiche der Sozialpädagogik, der Medizin - insbesondere der Psychiatrie - und der Schulpädagogik nicht Bereiche der ökonomischen Basis, sondern des gesellschaftlichen Überbaus, der in differenzierten und komplizierten Verhältnissen zur Weiterentwicklung wie Hemmung der gesellschaftlichen Produktion steht. Diese Zusammenhänge können auf mindestens drei Ebenen strukturell beschrieben werden, die ich an anderer Stelle ausführlich entwickelt habe (vgl. Jantzen 1981, insbesondere "Qualifikation und Zerstörung der Arbeitskraft: Zu einigen Problemen der bildungsökonomischen Diskussion" sowie "Sonderschule für Lernbehinderte und Infrastruktur").

Kurz gefaßt geht es um folgendes: Die stürmische Weiterentwicklung der Produktivkräfte verlangt mehr und mehr geänderte Reproduktionsbedingungen für alle gesellschaftlichen Bereiche (also Entwicklung von Schule, Gesundheitswesen, Sozialversorgung, Arbeitsschutzgesetzgebung usw.), um den nunmehr erfolgenden Übergang von der extensiven Ausbeutung der Arbeitskraft zur intensiven Ausbeutung (ca. um 1850-1860) durch entsprechende Qualifikationsstrukturen, auf die auf dem Arbeitsmarkt zurückgegriffen werden kann, zu sichern. Hier übernimmt der Staat als ideeller Gesamtkapitalist Aufgaben des Gesamtkapitals gegenüber den Einzelkapitalien, die zu kennzeichnen sind als Ausbau der Infrastruktur, die sich nicht auf Verkehr, Transport, Justiz, Polizeiapparat wie bisher bezieht, sondern insbesondere auf die genannten Bereiche wie Schule, gesundheitliche Versorgung, Sozialpädagogik usw. Die hieraus resultierende Ökonomisierung des Einsatzes der gesellschaftlichen Mittel schafft einerseits unmittelbare Verbesserungen für die Lage der abhängigen Klassen, andererseits ist es jedoch für den bürgerlichen Staat und die herrschende Klasse notwendig, diese Ökonomisierung in Formen des Rechts einzugießen, die den Herrschaftsanspruch des bürgerlichen Staates ungeschmälert fortbestehen lassen bzw. in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen weiterhin ausbauen. Die Entwicklung des Strafrechts, des bürgerlichen Rechts, des Wirtschaftsrechts oder eben der Sozialgesetzgebung und des Schulrechts kennzeichnen solche Stränge der Expandierung des Herrschaftsanspruchs; ein Herrschaftsanspruch, der freilich außerhalb des unmittelbaren staatlichen Repressionsapparates wie Polizei und Militär sich jeweils entlang der historisch notwendigen Ökonomisierung des Infrastrukturbereichs als Verrechtlichung entfaltet.

Als dritte Ebene der Analyse, die hier zu berücksichtigen wäre, ist die Sicherung des Führungsanspruchs, der Hegemonie der herrschenden Klasse zu nennen. In die Ausgestaltung der neugeschaffenen Institutionen und Verkehrsformen, die gelenkt werden über die Instrumente der Verrechtlichung des bürgerlichen Staates, werden traditionelle Gruppen der Intelligenz mit einbezogen oder in neue Eliten transformiert, soweit sie ideologische und wissenschaftliche Lösungen für die neuen Probleme formuliert haben. Ein wesentliches Instrument dieser Transformation ist z. B. das Beamtengesetz. Oder um ideologische Instrumente der Transformierung zu nennen, ist dies der massive Antisozialismus, wie er um 1890 für die Situation der herrschenden Klasse durchgängig benannt wird. Dieser Antisozialismus findet seine reale Basis in der Verunsicherung und Verengung der Lebensspielräume für zahlreiche Schichten, die vom Gegensatz Arbeit/Kapital mehr und mehr tangiert und aufgesogen werden. Exemplarisch am Kleinbürger zu benennen, der einerseits durch die Zusammenballung der Monopole in seiner Existenzgrundlage unmittelbar bedroht ist, der Proletarisierung ausgesetzt ist und andererseits das Proletariat selbst als unmittelbarste Existenzbedrohung erfährt. Entsprechend der Ökonomisierung und Verrechtlichung einerseits wie selbstverständlich andererseits dem ökonomischen, sozialen und politischen Kampf der Arbeiterklasse, der die "Dinge" jeweils in neuer Sichtweise präsentiert und erscheinen läßt, treten diese in ein anderes, in ein neues Blickfeld oder erstmalig ins Blickfeld für die Angehörigen jener Eliten, jener Teile der traditionellen Intelligenz, die durch die gesellschaftliche Distribution jetzt in unmittelbaren Kontakt zu den "Dingen" gelangen. Es zeigt sich, daß hier zwischen verschiedenen Eliten Auseinandersetzungen, hegemoniale Kämpfe ausbrechen, wobei dann der Führungsanspruch einer Gruppe (vgl. hier z. B. die Auseinandersetzung um die medizinische oder pädagogische Benutzung des Psychopathiebegriffs, wie sie Strohmayer (1239 ff.) im Enzyklopädischen Handbuch der Heilpädagogik 1911 führt) vom Staat entsprechend den Ökonomisierungs- und Verrechtlichungstendenzen und den Klassenauseinandersetzungen stärker oder weniger stark unterstützt wird. Probleme beim Wandel der Ideologien entstehen zusätzlich dadurch, daß sich möglicherweise durch die neue Fassung des Gegenstandes die Klassenfrage selbst anders stellt, insofern "meisterhafte Beherrschung des Gegenstandes" und "höhere Formen der Kooperation" (Gramsci) die Erkenntnis gesetzmäßiger Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft vorantreiben.

Die hier angesprochenen komplizierten Prozesse der Herausbildung von neuen Eliten möchte ich im folgenden näher darstellen. Ich gehe hierbei nicht im einzelnen auf die Linien der Ökonomisierung und Verrechtlichung ein, die ich jeweils nur angedeutet habe und weiterhin andeuten werde und die Gegenstand eigener Forschung sein müssen. Ich verfolge (auf der Ebene der Hegemoniebildung und Ritualisierung eines gesellschaftlichen Blickes auf neue, ins Blickfeld tretende Dinge durch herrschende Lehrmeinungen) die ideologischen Linien, innerhalb derer dann der Imbezillitätsbegriff, wie ihn Sollier formuliert, für einen Augenblick die Blicke aller Beteiligten auf einen Punkt verdichtet und sie sodann zur spezifischen Weiterentwicklung der Begrifflichkeit aus ihrem jeweiligen sozialen Interessenzusammenhang führt. (Zur Frage der Infrastrukturentwicklung allgemein vgl. Güther 1977; zur Entwicklung des Rechts vgl. Brüggemeier 1977; zur Frage der hegemonialen Formierung neuer Eliten vgl. Gramsci 1980).

4. Ideologische Linien der traditionellen Intelligenz im Vorfeld um die Diskussion von Solliers Begriff der Imbezillität

Ich möchte hier im wesentlichen drei Gruppen traditioneller Intelligenz in ihrer Entwicklung näher bestimmen: Sozialpädagogik, Psychiatrie und Volksschullehrerschaft.

a) Die Entwicklungslinie der Sozialpädagogik

Zur Geschichte der Entwicklung sozialpädagogischer Institutionen liegen verschiedene Arbeiten vor. Die gesamten Vorstufen der Entwicklung, die über die Rettungshäuser dann zur Gründung der Idiotenanstalten ab Ende der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts führen, hat das Autorenkollektiv "Gefesselte Jugend, Fürsorgeerziehung im Kapitalismus" (1971) ausführlich berichtet. Ich greife diese Linie, in der Sengelmann (1885, Bd. 1) ausdrücklich die Entwicklung der Idiotenanstalten einordnet, nicht mehr auf, sondern schildere mit Köhler (1977) die sozialpädagogische Ideologie, die dort zur Anwendung kam, in ihren wesentlichen Momenten. Köhler verweist darauf, daß in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts das Kleinbürgertum die Armenerziehung übernahm. Insbesondere seien es "ideologisch subalterne Teile" des Kleinbürgertums gewesen (109/110), wobei er der Entwicklung der Sozialpädagogik durch Wichern und das Rauhe Haus besondere Bedeutung zumißt. Zur zeitlichen Einordnung: Wichern gründet 1833 das Rauhe Haus in Hamburg, ist zugleich Begründer der evangelischen Inneren Mission. 1836 gründet Fliedner das erste Diakonissen-Mutterhaus in Kaiserswerth. 1849 beruft Wichern den ersten Deutschen Kirchentag in Wittenberg ein; seit 1850 ist er Berater für Gefängnisreform des preußischen Königs, seit 1857 Dezernent für Gefängniswesen in Preußen (Angaben nach Köhler, 129 bzw. Stein 1960). Rettungshäuser sind ebenso wie Idiotenanstalten ein Tropfen auf den heißen Stein. "Sozialpädagogik und Psychologie entfalten sich im Vakuum realer Hilfe, genauer: Sie entfalten sich bei dem Versuch, dieses Vakuum mit einem mehr oder weniger komplexen Gespinst von Resozialisierungsprogrammen und -praktiken aufzufüllen - buchstäblich eine Sisyphusarbeit" (Köhler, 127).

Es ist eine Sisyphusarbeit in spezifisch antiproletarischer Ausrichtung, die gleichzeitig eine ideologische Lücke füllt: "Das reaktionäre Kleinbürgertum meldet sich lautstark zu Wort, wo das fortschrittliche Bürgertum verstummt" (ebd., 142), wobei im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Bourgeoisie diese Posten übernimmt und besetzt in einer "konzertierten Aktion gegen die Formierung der Arbeiterklasse" (142). Wir werden diesen Zusammenhang im Verhältnis der Auseinandersetzung der Idiotenanstalten zur Psychiatrie einerseits wie der Hilfsschulbewegung andererseits wieder entdecken. Welcher Ideologien bedient sich die Sozialpädagogik? Köhler beantwortet diese Frage auf dem Hintergrund der kleinbürgerlichen Herkunft der Sozialarbeiter wie folgt:

"Denn für diesen Sozialarbeiter ist das Verhalten seines Widerparts schon unverständlich sinnlos, daß in dieser Attacke ein Akt proletarischer Selbstbehauptung liegen könnte - der Versuch, eine Demütigung und Verletzung abzuweisen und zu bewältigen, bleibt ihm verschlossen" (113). Es entwickeln sich Gruppen von Funktionären, "Spezialisten für Pauperismus, Verwahrlosung, Kriminalität" (113); Armut wird auf ein Familienproblem reduziert. Es "verliert diese Überlastung der proletarischen Familie mit den Funktionen der Reproduktion der Arbeitskraft, der Kranken- und Altenversorgung, der Arbeitslosenunterstützung, der Sozialisation usw. ihren historischen Charakter; sie nimmt eine anthropologische Bedeutung an" (117).

Das Rettungshaus wird zum Labor für Sozialpädagogik; wie später die Idiotenanstalten will es eine "große Familie" sein (123). Was sich hier durchsetzt, ist jene Gesinnung, die Foucault (zitiert nach Köhler, 127) als "Moralsadismus" kennzeichnet. "Die neue pädagogisch und psychologisch orientierte Fürsorge ignoriert das jeweils Spezifische (und daher auch die Basis) der Verelendung, auf die sie trifft, sie stellt vielmehr überall die abstrakte Forderung moralischen Wohlverhaltens, und sie ist überall bereit, dieser Forderung mit Gewalt Nachdruck zu verleihen" (129).

Köhler faßt zusammen: "Einschüchterung, Verdächtigung, Überrumpelung der Armen; wir haben hier vielleicht einen der geschichtlichen Zusammenhänge, in denen die bürgerliche Psychologie und Soziologie entstanden ist und sich entwickelt hat [...] Naturwüchsige Frühformen des Sammelns und Kombinierens von Kenntnissen über Menschen im Interesse der bürgerlichen Herrschaft" (ebd., 37). In dieser Linie ist die Idiotenerziehung einzuordnen. Fortschrittliche Positionen verschwinden nach 1848 weitgehend. Die kleinbürgerliche Variante der Idiotenpädagogik reicht bis zur offenen Korruption, wie am Beispiel von Saegert zu belegen ist, einer der ersten bekannten Pädagogen der Idiotenerziehung, der in Berlin eine Anstalt gründete und ein Buch über die "Heilung des Blödsinns auf intellektuellem Wege" (1845/46) publizierte. Saegert ist Privatlehrer des späteren Kaisers Friedrich II. und ab 18. 1. 1855 Regierungs- und Schulrat und als solcher Generalinspektor des preußischen Taubstummenwesens bis 1857. Während dieser Zeit zieht er gleichzeitig aus den Mitteln seiner Anstalt weiterhin das volle Gehalt, "so daß die königliche Anstalt in ihrer äußeren und inneren Entwicklung schweren Schaden litt" (Schumann 1940, 293).

In den Jahren 1840-1860 entfaltet sich die Idiotenerziehung in einem gewissen Maß an Gleichberechtigung zwischen Theologen, Pädagogen und Medizinern (vgl. Dorothea Meyer 1973), bevor sie nunmehr nach und nach ihre Neuformierung durch Sengelmann erfährt. (Geboren 1821, seit 1846 als Pastor in Hamburg, dort Eröffnung einer christlichen Arbeitsschule für gefährdete Kinder, die er 1860 nach Alsterdorf verlegt. Seit 1863 ein Asyl für geistesschwache Kinder. 1871 waren die Alsterdorfer Anstalten bereits die größte norddeutsche Stätte für Geistesschwache. "Sein 1885 veröffentlichtes ‚Systematisches Lehrbuch der Idiotenheilpflege' war das erste zusammenfassende in deutscher Sprache"; gestorben am 3. 2. 1899 in Hamburg; vgl. G. Mittelstädt in: Enzyklopädisches Handbuch der Sonderpädagogik 1969, 3174).

Sengelmann berief 1874 (4.-6. November) die erste Konferenz der Idiotenanstalten[4] ein und war zunächst Leiter dieser Konferenzen, später aus Gesundheitsgründen, als er nicht mehr teilnehmen konnte, Ehrenpräsident. Die Konferenz selbst wurde zu einem Zeitpunkt einberufen und formierte vor allem die Anstaltsleiter und Theologen, obwohl sie sich immer auch offen für Lehrer und Ärzte gaben, zu dem das sächsische Schulgesetz vom 26. April 1873 in seinen Ausführungsverordnungen bereits die Einrichtung der Hilfsschulen prinzipiell ermöglichte. §4 dieses Gesetzes lautet: "Verwahrloste, nicht vollsinnige, schwach- und blödsinnige Kinder sind in hierzu bestimmten öffentlichen oder Privat-Anstalten unterzubringen, sofern nicht durch die dazu Verpflichteten anderweit für ihre Erziehung hinreichend gesorgt ist. Die dazu gehörige Ausführungsverordnung besagt: Da die Unterrichtung verwahrloster, nicht vollsinniger, schwach- und blödsinniger Kinder eine besondere Befähigung und Vorbildung des Lehrers voraussetzt, solche Kinder auch dem Lehrgange der Volksschule in der Regel nicht folgen können, so empfiehlt sich für größere Städte die Einrichtung besonderer Schulen oder Klassen für derartige Kinder. Entstehen beim Schulvorstande darüber Zweifel, ob die Erziehung solcher Kinder im Hause ihrer Eltern ausreichend sei, so hat derselbe der Bezirksschulinspektion Anzeige zu erstatten und ihr die weitere Anordnung beziehentlich nach Einholung eines bezirksärztlichen Gutachtens auf Kosten der Beteiligten zu überlassen" (Sengelmann 1878, 38).

Die massiven Auseinandersetzungen, die die Konferenz seit 1880 um die Entstehung der Hilfsschulen führte, wie ihre Entstehung zu einem Zeitpunkt, da sächsisches Schulgesetz und Ausführungsverordnung bereits die drohende Gefahr für die Anstalten kennzeichneten, deren Arbeit fast durchgängig auf erziehungsfähige schwachsinnige Kinder ausgerichtet war, legen nahe, daß die Konferenz durch Sengelmann als Instrument zur Bekämpfung der aufkommenden Bestrebungen, schwachsinnige Kinder in Hilfsschulen zu beschulen, einberufen wurde. Diese These wird zusätzlich durch folgendes Faktum gestützt: "Die erste Vereinigung, die sich mit den Veranstaltungen für Geistesschwache beschäftigte, war die 1865 in Hannover abgehaltene Naturforscher- und Ärzteversammlung. Sie empfahl auf Vorschlag Kerns die ‚Nachhilfeschulen' im Stötznerschen Sinne und bildete eine besondere Sektion Idiotenpflege" (Henze, Enzyklopädisches Handbuch der Heilpädagogik 1911, 1835).

Dies war ein Beschluß, der den Leitern der Idiotenanstalten auf Dauer nicht recht sein konnte, zumal die gesetzlichen Möglichkeiten nunmehr durch das sächsische Schulgesetz und seine Ausführungsbestimmungen geschaffen waren. Und hier lag wohl der wirkliche Grund der Trennung der Konferenz der Idiotenanstalten von der Versammlung der Naturforscher und Ärzte, den Sengelmann selbst jedoch erheblich anders beschreibt (Vortrag auf der 5. Konferenz in Frankfurt/M. 1886; Reichelt 1886, 8).

"Es sind über 20 Jahre her, da ließen sich die Idiotenfreunde in einen Nachen bringen, der dem großen Versammlungsschiffe der Naturforscher und Ärzte am Seile nachfuhr. Ich habe eine solche Fahrt im Jahre 1865 in Hannover mitgemacht. Ich bemerkte, daß in diesem Nachen keiner sich behaglich fühlte. Neun Jahre später suchte ich die Genossen jener Kahnfahrt auf, und wir beschlossen, das Seil abzuschneiden und es mit eigenem Schiff in freier Fahrt zu versuchen. In dieses Schiff stieg, wer ein warmes Herz für die Idioten hatte. Es hieß nicht: Hier Arzt, hier Pädagog! Das Interesse für die Ärmsten bestimmte die Fahrt; dem wurde das medizinische, pädagogische Interesse untergeordnet".

Daß dies vor allem wohl ein Abkoppeln war, um der institutionellen Bedrohung durch die Hilfsschulen zu entgehen, verschweigt Sengelmann. Die Vermutung liegt jedoch doppelt nahe, betrachtet man sich die Auseinandersetzung mit den Hilfsschulvertretern einerseits wie die Finanzierungspläne der einzelnen Anstalten (in: Sengelmann 1885, Bd. 1) andererseits, die offenlegen, wie sehr die Anstalten auf Finanzierung durch Beiträge der Eltern angewiesen waren und sich somit zwangsläufig von jeder kostengünstigeren Alternative eminent bedroht fühlen mußten.

Die ideologische Linie der Konferenz der Idiotenanstalten entspricht der Skizzierung, die Köhler mit Hinweis auf Wichern allgemein für die Sozialpädagogik herausgearbeitet hat. Seitens der Konferenz selbst wird sie auf der 10. Konferenz in Elberfeld 1901 (Müller 1901, 33) durch Herberich wie folgt verdeutlicht: "Es gibt - wie man sagt - verschiedene Internationalen: eine rote, eine schwarze und eine gelbe. Wir, m. D. u. H., gehören zur weißen Internationale, zu jener großen, mutigen Armee, die da keinen Unterschied kennt, weder der Nationalität noch der Konfession noch des Standes, die da voranträgt das weiße Banner mit dem roten Kreuze. Und unser Symbol ist die hehre Lichtgestalt der Caritas, die uns voranschwebt, mit der einen Hand hinaufzeigend zum Himmel und mit der anderen hinweisend auf die zahllose Schar unserer Pflegebefohlenen, und die uns die Worte des Herrn zuruft: ‚Was ihr immer dem geringsten meiner Brüder gethan, das habt ihr mir gethan.' Und das sei unser Ideal jetzt und immerdar?".

Es ist dies die sozialpädagogische Doktrin der Inneren Mission, die Schellenberg 1930 als ein "Werkzeug im Interesse der Rechtsparteien, insbesondere der Deutsch-Nationalen" kennzeichnet (zit. nach Bauer 1978, 90).

b) Zur Entwicklungslinie der Medizin und Psychiatrie

Die Entwicklung der Medizin vor 1820 bis 1925 ist gekennzeichnet durch die Gewinnung des angemessenen Blickes für den kranken Organismus, des "modernen medizinischen Blicks", eine Entwicklung, die durch Broussais abgeschlossen wurde (vgl. Foucault 1976). "Die Krankheit löste sich von der Metaphysik des Übels, mit der sie jahrhundertelang verbunden, und findet in der Sichtbarkeit des Todes die adäquate Form, in der ihr Gehalt positiv erscheint. Solange die Krankheit im Bezugsrahmen der Natur gedacht wurde, war sie das unangehbare Negative, dessen Ursachen, Formen und Manifestationen nur auf Umwegen und vor einem sich ständig verschiebenden Hintergrund zu fassen waren; im Bezugsrahmen des Todes wahrgenommen, war die Krankheit erschöpfend lesbar und sie öffnet sich restlos der sezierenden Tätigkeit der Sprache und des Blicks. Weil der Tod in die medizinische Erfahrung epistemologisch integriert worden ist, konnte sich die Krankheit von ihrem Status als Gegen-Natur befreien und sich im lebenden Körper der Individuen verkörpern." (Foucault 1976, 207)

Dabei verband sich dieser Blick in den fortschrittlichen Bereichen des aufstrebenden Bürgertums mit einem klaren Blick der sozialen Verhältnisse, die Krankheiten hervorbrachten, es formierte sich eine aufklärerische Linie der sozialen Medizin, für die in Deutschland insbesondere Virchow steht, wie dies von Deppe und Regus herausgearbeitet wird (1975).

Mit dem Niederschlagen der bürgerlichen Revolution 1848 in Deutschland verschwand mehr und mehr diese Linie. "Die Verabsolutierung der naturwissenschaftlichen Denkweise in der Medizin vollzog sich in einer Weise, die im Gegensatz zu den Auffassungen der Sozialmedizin der 40er Jahre gesellschaftliche Zusammenhänge als Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis programmatisch ausschloß" (Regus 1975, 60). Hinzu kam, daß die glänzenden Erfolge der bakteriologischen Forschung die Aussagen der sozialen Medizin zur Entstehung und Verbreitung der Volkskrankheiten als vorwissenschaftliche Spekulation erscheinen ließen (ebd., 61). Zudem fiel diese Entwicklung in eine Phase, die allgemein durch ein zunehmendes Gefühl der Ratlosigkeit und Krisenstimmung aufgrund der gesellschaftlich zunehmenden Spannungen zu kennzeichnen ist: "Es erfolgte eine Abkehr von dem spontanen und optimistischen Materialismus der Mitte des 19. Jahrhunderts und eine Wendung zu neoromantischen und neopositivistischen, relativistischen und skeptizistischen Positionen" (Regus 1975, 58). In diese Entwicklung der allgemeinen Medizin ordnete sich die Entwicklung der Psychiatrie ein, die ich zunächst mit Dörner an ihrem Entwicklungsursprung in Frankreich nach der bürgerlichen Revolution aufgreife.

Die französischen Psychiater dieser Epoche, für die insbesondere Pinel und Esquirol stehen, waren häufig ideologisch an den St. Simonismus gebunden, "wobei Ideen des Fortschritts, der Vererbung, der Hygiene, des Katholizismus und des Sozialismus eine liberal-romantische Verbindung eingehen" (Dörner 1969, 187). "Dies steht vor allem in Kontrast zu Deutschland, wo der größte Teil der Psychiater im 18. und 19. Jahrhundert in ungebrochener Tradition und ohne Anzeichen zunehmender sozialer Mobilität stets Beamtenfamilien entstammten" (ebd., 188). Kennzeichnend für Pinel ist eine grundsätzlich andere Sicht der Irren, die erst auf dem Hintergrund der französischen Revolution möglich wurde ("Befreiung der Wissenschaft von religiösen Institutionen, privater Habgier [...] und öffentlichen Vorurteilen; sie machte die Freiheit der Gedanken möglich, den freien Unterricht, einschließlich der Erziehung durch Beobachtung im Krankenhaus und die Erkenntnis der Bedeutung der sozial-moralischen Therapie gegenüber der bloßen Anwendung tradierter Medikationen"; Dörner, 173).

Unter dem durch die Revolution gewonnenen Blick sieht Pinel die Irren nicht länger als unheilbar, damit notwendig auszugrenzen; vielmehr ist es möglich, Techniken zu entwickeln, deren Gemeinsames es ist, "die Menschen als Irre scheinbar zu akzeptieren, um sie dadurch unmittelbar mit sich selbst zu konfrontieren. Diese Konfrontation ist notwendig, um sie darf kein Irrer in seinem Heilungsprozeß herumkommen" (Dörner 1969, 183). Somit wird zwar einerseits die Unvernunft des Irreseins als "ein dem Menschen äußerliches, eine körperliche Krankheit" sichtbar, andererseits wird sie "namentlich im Fall der Monomanie und ihrer Nachfolger, umso tiefer im Menschen verankert [...] als Vererbung, Anlage, Konstitution oder frühkindlicher Traumatisierung" (ebd., 210). Und in Pinels Begriff der Monomanie erfahren wir erstmals die Wendung des Blickes dorthin, wo später Sollier Imbezillität und Kraepelin Psychopathie sehen wird.

"Die Monomanie ist der Rahmen für das ‚zu große', daher anstößige Ausmaß z. B. an Selbstbewußtsein, Überheblichkeit (Megalomanie), Liebesbedürfnis (Erotomanie), Rechtsanspruch (Querulanz), für die Neigung zum Trinken (Dipsomanie), Stehlen (Kleptomanie), zur Brandstiftung (Pyromanie) usw., aber auch für Süchtige aller Art, Homosexuelle und sexuell ‚Perverse', Rückfall- oder Gewohnheitsverbrecher und endlich für das Heer der sonstwie Abnormen, der späteren Psychopathen. Zur politischen Dimension dieser Zusammenhänge mag der Hinweis genügen, daß seit der Jahrhundertmitte immer wieder die Führer gescheiterter - nicht etwa erfolgreicher! - Revolutionen als Psychopathen u.ä. bezeichnet bzw. begutachtet worden sind" (Dörner 1969, 201 f.).

Die mögliche Verankerung in der Konstitution wird mehr und mehr durch die Degenerationstheorie (Morel) wie die Wendung des Darwinismus als Sozialdarwinismus geschaffen. Gleichzeitig konstituiert sich damit die als geringer gesehene Beeinflußbarkeit der Monomanen und späteren Psychopathen durch Moralisierung bzw. Erziehung als den beiden Hauptmethoden der Beeinflussung der Irren.

In Deutschland selbst hat es niemals eine mit Frankreich vergleichbare Revolution in der Befreiung der Irren gegeben, wenn auch das wissenschaftliche Werk von Wilhelm Griesinger hier wesentliche Momente eines bürgerlich-aufklärerischen und materialistischen Begriffs von psychischer Erkrankung zeichnete. Im Rahmen des absolutistischen Staates war in Deutschland ein System von ungemein vielfältigen, eliminierenden Anstalten entstanden. "Das System breitete sich in dem Maße aus, wie die aufgeklärt-absolutistischen Fürsten das Heer und das Beamtentum zum Rückgrat ihres Staatswesens machten" (215). Internierungsmaßnahmen wurden als Aspekt der Bevölkerungspolitik angesehen, "weil hier die bevölkerungspolitische und ökonomische Katastrophe des 30jährigen Krieges noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein zu spüren war und weil die deutschen Staaten ihre vergleichsweise geringe Ausdehnung nur durch die Zahl der Menschen ausgleichen konnten, wollten sie in der europäischen Politik mitreden. Hierfür und für den Aufbau einer autarken Wirtschaft war es erforderlich, die Untertanen, soweit irgend möglich und wenn nötig durch Zwang in Ehepaare, Arbeiter, Steuerzahler und Soldaten zu verwandeln. Dabei mußte es auch hier um die ‚Polizierung' der Ausgegrenzten, der Reservearmee der Asozialen gehen, die zumal in den geistlichen Territorien über 25 % der Bevölkerung ausmachten" (Dörner a.a.O., 216; vgl. zur Ausbildung dieses Staates als wesentliches Übergangsinstrument im Übergang zum Kapitalismus auch Anderson 1979, insbes. zu Preußen, 292 ff.).

Aus diesen zahlreichen, ausgrenzenden Institutionen und einem differenzierten Rechts- und Gewaltapparat des absolutistischen Staates, der diese Ausgrenzung sicherte, entwickeln sich im Übergang zum 19. Jahrhundert mehr und mehr Blickweisen, die Irresein nicht mehr als Folge von Sünde, sondern als krankhaften Prozeß sehen. Es ist dies die Differenzierung in die "Psychiker" und "Somatiker" innerhalb der Psychiatrie-Entwicklung, wobei die Somatiker sich in jene Linie einreihen, die Regus als frühe materialistisch-sozialmedizinische Positionen der Medizin in Deutschland herausgearbeitet hat. Entsprechend ist die allgemeine Ideologieentwicklung in der Psychiatrie beeinflußt und determiniert von der gesellschaftlichen Entwicklung, die ab 1848 in der zunehmenden und massiven Unterdrückung bürgerlich-aufklärerischer Positionen sich niederschlägt. Auf diesem Hintergrund kann dann Dörner die folgende Ausrichtung des Blicks der Psychiatrie konstatieren: "Je mehr im 19. Jahrhundert der Pöbel des Proletariats sein eigenes Selbstbewußtsein anstrebt, je mehr seine Stärke als Bedrohung der bürgerlichen Ordnung empfunden wird, desto mehr wird er von psychiatrietreibenden Bürgern im Bild physischer, intellektueller und moralischer Schwäche und ebensolchen Blödsinn typisiert und abgewertet" (313).

Der Entstehung einer solchen Blickweise steht zunächst noch Griesingers Paradigma der Psychiatrie entgegen, auf dessen Skizzierung ich hier jedoch verzichten muß. Ich verweise auf die Ausführungen bei Dörner (1969) und bei Güse und Schmacke (1976). Zur Zusammenfassung nur soviel: Geisteskrankheiten sind für Griesinger Gehirnkrankheiten; die Seele ist die Summe aller Gehirnzustände (Dörner 1969, 368 f.). Psychische Prozesse besitzen eine relative Eigenständigkeit; die seelischen Zustände werden aus psychischen Reflexaktionen heraus begriffen, wobei für Griesinger neben hereditären, organischen und psychischen Faktoren ebenso das Soziale eine wichtige Rolle für die Entstehung der Geisteskrankheiten spielt. "Elend und Entbehrungen sind höchst wichtige und häufig allein nachweisbare Ursachen von Wahnsinn" (Güse und Schmacke 1976, 60). Durch Griesinger differenziert sich weiterhin der Blick für die Symptome. "Daher und weil mit der Zahl der Anstalten auch die der beobachtbaren armen Irren wächst, vermag Griesinger erstmals deutlich die Symptome der endgültig erst seit der Jahrhundertwende begrifflich ‚existierenden' Schizophrenie zu ‚sehen', also die ‚Entzweiung der Seele', den Zwiespalt, den ‚Riß im Ich' und den bleibenden Defekt. Dasselbe gilt für den jetzt in Deutschland sozial sichtbar werdenden Schwach- und Blödsinn, weshalb Griesinger zu Recht meint: ‚Wie die Irrenanstalten die Voraussetzung für die Erkenntnis der Irren, so machen die jetzt zu gründenden Idiotenanstalten erst das Kennenlernen dieser Intelligenzmängel möglich.'" (Dörner 1969, 371).

Wie präsentiert sich nun der gewandelte Blick der Psychiatrie unter den Bedingungen der zunehmend im Interesse der herrschenden Klasse antisozialistisch ausgerichteten Psychiatrie gegen Ende des Jahrhunderts? Ich greife hierzu das Werk Emil Kraepelins (1856-1926) auf, der die Gesamtheit der Formierungsprozesse von Dingen und Blick auf dem Gebiet der Psychiatrie abschließt, für dessen präzisen Anfang auf dem Gebiet der Schwachsinnigenpädagogik Solliers Fassung der Idiotie und der Imbezillität steht. Mit Kraepelin klärte sich erstmals die "vor der Entwicklung der Krankheitseinheit bestehende Sprachverwirrung [...] der Mannigfaltigkeit der Symptome", die sich jedoch sodann in die "Sprachverwirrung der mannigfaltigen Richtungen und Theorien (Pethö 1969, 421) auflöste, auf die bereits Regus mit seinem Hinweis auf neoromantische, neopositivistische, relativistische und skeptizistische Positionen verwiesen hatte. In dieser Ausdifferenzierung spiegelt sich nach Mette (1968) "die Ideologie wider, die in der imperialistischen Phase des Kapitalismus im Bürgertum aktuell wurde und skeptischen, agnostizistischen und irrationalistischen Auffassungen zur Vorherrschaft verhalf" (401).

Für Kraepelin ist psychische Krankheit Schicksal, ein "Ergebnis der Keimmischungen" (Güse und Schmacke 1976, 103); in den Erbanlagen wird der Schlüssel zum Verständnis der Krankheitserscheinungen gesehen (ebd., 106). Krankheit ist für Kraepelin ein "Wertbegriff", die Frage nach dem Wesen von Krankheit ist als "quasi-philosophisches Problem aus der Kompetenz des Psychiaters entlassen", wobei Kraepelin sich nunmehr als Maßstab nicht mehr wissenschaftlicher Gesichtspunkte, sondern praktischer Zwecke bedient, wie dies sind: "Die Feststellung der Schulfähigkeit, der Militärtauglichkeit, der Geschäftsfähigkeit, der Zurechnungsfähigkeit". Krankheitswert in diesem praktischen Interesse gewinnt daher die "Abweichung vom Durchschnitt im Sinne der Zweckwidrigkeit" (ebd., 108). Die Geschichte des einzelnen Kranken erscheint daher "nicht als Entwicklung zur Krankheit hin, sondern als Prozeß des zugrundeliegenden Krankheitsbildes" (ebd., 112), wobei Kraepelins Psychiatrie und Prognostik zu einem Ordnungsfaktor ersten Ranges wird durch "ihre fatalistische Einfachheit: Die Krankheitsanlage geht ihren Weg, günstige Verläufe sind in Wirklichkeit nur ‚trügerische Augenblicksbilder' des für einen Moment zur Ruhe gekommenen Krankheitsprozesses" (ebd., 113).

Der durch Kraepelin gewonnene ordnungsstiftende Begriff in der Psychiatrie, die Krankheitseinheit, Grundlage des gesamten Systems der durch ihn aufgestellten und die Sichtweise von Psychiatern bis heute zutiefst durchdringenden Nosologie, ist damit erkauft durch den Verzicht der Beobachtung sozialer, psychischer und zerebraler Gesetzmäßigkeiten; er bildet im psychiatrischen Bereich das nach, was zuvor bereits im Netz der sich verdichtenden gesellschaftlichen Beziehungen als die öffentliche Ordnung störend gekennzeichnet wurde. "Indem Kraepelin ‚sein Krankheitskonzept' eindeutig so definiert, daß es eher ‚Gefahr und Bedrohung für Wirtschaft und Staat als für die betroffenen Individuen' erfaßt, übernimmt er als Psychiater das Rechtsdenken und Sicherheitsstreben des Gesellschaftssystems und stellt sich damit in der Praxis auf die Seite der herrschenden gesellschaftlichen Interessen" (ebd., 119).

Güse und Schmacke illustrieren dies in aller Deutlichkeit durch Rückgriff auf Kraepelins unveröffentlichten Lebenslauf (125): "Die ersten Eindrücke, die ich von meiner neuen Tätigkeit hatte, waren entmutigend. Das verwirrende Gewimmel ungezählter verblödeter, bald unzugänglicher, bald zudringlicher Kranker, mit ihren lächerlichen oder ekelerregenden, bedauernswerten oder gefährlichen Absonderlichkeiten, die Ohnmacht des ärztlichen Handelns, das sich meist auf Begrüßungen und gröbste körperliche Pflege beschränken mußte, die völlige Ratlosigkeit gegenüber allen diesen Erscheinungsformen des Irreseins, für die es keinerlei wissenschaftliches Verständnis gab, ließen mich die ganze Schwere des von mir gewählten Berufes empfinden. Ähnlich wie zu Anfang in Würzburg verfolgten mich die wirren und abstoßenden Bilder der Tagesarbeit auch in den Nächten und ließen mich zweifeln, ob ich mich wirklich in dieser Tätigkeit werde zurechtfinden können. Allmählich indessen half mir die abstumpfende Gewöhnung und namentlich der angenehme Verkehr mit den gleichgesinnten Kollegen. Ich begann mich als Glied einer Arbeitsgemeinschaft mit hohem Ziel zu fühlen und schöpfte Befriedigung aus den nach unserer damaligen Ansicht vollendeten Einrichtungen unserer Anstalt, die mit ihren schönen Parkett- und Terrazzoböden, ihrer gewaltigen Zentralheizung, ihrem Küchen- und Wäschebetrieb, ihrem fast nie benutzten Zentralbade uns auf der Höhe der Zeit zu stehen schien. Dazu kam unser Stolz auf die wissenschaftliche Bedeutung unserer Klinik, wie sie sich hauptsächlich in unseren anatomischen Laboratorien und Tierställen ausdrückte. Hier lag das Gebiet, das uns für die Unfruchtbarkeit und Unerquicklichkeit unserer Tagesarbeit entschädigte".

So machte sich Kraepelin, dessen großes Vorbild Linné und der selbst leidenschaftlicher Botaniker war (Güse und Schmacke 1976, 115, Pethö 1969, 408), an die Sisyphusarbeit der Klassifikation der sozialen Probleme seiner Zeit: mit dem Blick des Botanikers unter dem Gesichtswinkel der Arten der Störung der öffentlichen Ordnung. Daß es hierbei für ihn einen Prototyp der Entartung geben mußte, den er in der Psychopathie findet (Güse und Schmacke 1976, 143), liegt auf der Hand, wobei im nachhinein noch der Weg von Solliers Begriff der Imbezillität zu Kraepelins Begriff der Psychopathie zu skizzieren bleibt, hier zunächst jedoch der entfaltete Begriff vorgestellt werden soll.

"Psychopathie ist allgemein als antisoziales Verhalten konzipiert; dennoch hebt Kraepelin die Gruppe der ‚Gesellschaftsfeinde' gesondert hervor. Sie heißen auch die ‚Antisozialen' und sind für Kraepelin implizit identisch mit den sogenannten geborenen Verbrechern, auf deren ‚Schöpfer' C. Lombroso er sich ausdrücklich bezieht" (Güse und Schmacke 1976, 146). Im Zentrum des Kraepelinschen Blickes steht also jene Gruppe, die Sollier als Imbezille ausgemacht hatte und die Perlman im Vorwort des Sollierschen Buches bereits mit Lombrosos "Geborenem Verbrecher" gleichgesetzt hatte. Kraepelin selbst sieht das Gebiet der psychopathischen Persönlichkeiten als "breites Zwischengebiet zwischen ausgesprochen krankhaften Zuständen und jenen persönlichen Eigentümlichkeiten [...] die wir noch dem Bereiche des Gesunden zuweisen" (1915, 1973). Er greift insofern auf die Psychopathielehre von Koch zurück, auf die ich später noch eingehen werde. Er klassifiziert die Psychopathen in Erregbare, Haltlose, Triebmenschen, Verschrobene, Lügner, Schwindler, Gesellschaftsfeinde (Antisoziale) und Streitsüchtige. Unter den Gesellschaftsfeinden, d. h. Antisozialen, sieht er insbesondere Fürsorgezöglinge (2076 f.), unter denen ca. 8-10 % "unerziehbare Verbrechernaturen" sind (2082). Die Antisozialen kennzeichnet er insgesamt "als Ballast", die von "ihren gesünderen und leistungsfähigeren Genossen mitgeschleppt werden müssen" (2076). Ausgangspunkt der Klassifikation ist für ihn die Gesetzgebung; sie "zwingt uns zu einer Abgrenzung derjenigen Grade sittlicher Gefühllosigkeit, die aus dem Bereiche der Gesundheitsbreite in das Gebiet des Krankhaften hineinragen" (2105). Er verweist darauf, daß man "um solchen geborenen Verbrechern auch die bedenkliche Möglichkeit einer Vererbung ihrer Eigenschaften zu nehmen" (1899) in Nord-Amerika und später auch in der Schweiz dazu übergegangen sei, "wenigstens die Männer zeugungsunfähig zu machen" (2110).

Idiotie, Imbezillität und Debilität grenzt Kraepelin exakt entsprechend der Gliederung im Bürgerlichen Gesetzbuch ab, wobei er sich für die Idiotie an den Altersbereich bis 6 Jahre (schwere Idiotie bis 1 Jahr, leichte bis 6 Jahre), für die Imbezillität an den bis 14 Jahre und für die Debilität an den Altersbereich bis 18 Jahre anlehnt. Imbezillität umfaßt demgemäß "diejenigen Kranken, die sich wohl ein gewisses Maß an einfachen Kenntnissen anzueignen vermögen, aber wegen ihrer Verstandesmängel unfähig sind, eine selbständige Berufstätigkeit auszuüben" (2176), die folglich in Hilfsklassen, Sonderanstalten und in den untersten Stufen der Schule zu finden sind. "Sehr häufig aber, wenigstens bei den Kranken, die in die Hände des Irrenarztes kommen, finden sich allerlei gesellschaftsfeindliche Züge, Trotz, Eigensinn und vor allem Reizbarkeit, die zu heftigen Zornesausbrüchen und Gewalttaten führt" (2178). "Eine besondere Gefahr bildet für die Imbezillen der Militärdienst, wo sie durch Gehorsamsverweigerung, Fahnenflucht, tätliche Angriffe auf Vorgesetzte auffallen" (2180). "Die minderwertige Veranlagung schlägt sich auch im Äußeren nieder, wo geistige Leere und gemütliche Stumpfheit des Gesichtsausdruckes auffallen" (2182). Man sieht: Durch die gesellschaftliche Ausdifferenzierung von Fürsorgeerziehung und Hilfsschulbereich, von Idiotenanstalten und Gefängnissen differenziert sich der soziale Tatbestand des "Antisozialen" als moderner Antichrist, als Sinnbild der Bedrohung der Bourgeoisie durch das Proletariat unter Kraepelin weiter aus und findet gegenüber der bei Sollier erstmals gewonnenen Einheit des Blickes der Bourgeoisie seine Differenzierung in die verschiedensten Teilbereiche.

Der Kraepelinschen Systematik als Ausdruck der Theorie und Praxis der Psychiatrie seiner Epoche gingen erste Ausdifferenzierungen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorweg, die Kraepelin unmittelbar aufgreift. 1887 erscheint als erstes Werk der Kinder- und Jugendpsychiatrie das Buch von Hermann Emminghaus über "Psychische Störungen des Kindesalters". Emminghaus (1845-1904) ist von 1880 bis 1886 erster Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Dorpat, wo ihm 1886 Kraepelin seine erste Professur nachfolgt.

Emminghaus geht aus von einer somatisch ausgerichteten Betrachtungsweise der Geisteskrankheit. Gegenüber dem Begriff der Einheitspsychose bei Griesinger setzt er sich intensiv mit der begrifflichen Abgrenzung psychiatrischer Krankheitsbilder auseinander. "Dadurch, daß Einzelsymptome gemeinsam auftraten und sich miteinander verbinden ließen, entwickelte sich die Vorstellung von Symptomenkomplexen. Es wurde gleichzeitig versucht, einen derartigen Komplex als Krankheitseinheit zu begreifen, die bei verschiedenen Individuen als in gleicher Weise reproduzierbar angesehen wurde" (Kindt 1971, 128), wobei die Kinderpsychiatrie zugleich sich auf die Ätiologie der Krankheit zu beziehen hat, die insbesondere mit der Konzeption des "degenerativen Irrseins" zu begreifen versucht wird. Erstmalig erfolgt durch Emminghaus die vergleichende Betrachtungsweise des psychisch gesunden und des kranken Kindes, womit der Begriff der "abnormen Geisteszustände" am Durchschnitt der Bevölkerung gewonnen werden kann. In Emminghaus' Werk sind somit wesentliche Momente der Kraepelinschen Krankheitslehre bereits enthalten, andererseits steht er symptomatisch für die sich entfaltende Wissenschaft von der kindlichen Entwicklung in Psychologie, Pädagogik und Medizin. Also in jener Diskussionslinie, die sowohl aus der Diskussion um die Reform des Ausbildungswesens wie der Diskussion um die Kinderarbeit und die Verwahrlosung sich entwickelt, und die in verschiedenen Problembereichen, so in der Überbürdungsfrage, der Diskussion um die Kinderfehler, aber auch der Entfaltung der Kinderheilkunde ihren Niederschlag findet (vgl. Jäger und Staeuble 1978;Rang-Dudzek 1980; Johansen 1978).

Um die gleiche Zeit erscheinen erstmals Kochs Abhandlungen (1888, 1891-93) über "psychopathische Minderwertigkeiten", die aus der Sicht des Psychiaters das Grenzgebiet zwischen Krankheit und Gesundheit aufspannen. Unter dem Ausdruck psychopathische Minderwertigkeiten faßt Koch "alle, seien es angeborene, seien es erworbene, den Menschen in seinem Personalleben beeinflussende psychische Regelwidrigkeiten zusammen, welche auch in schlimmen Fällen doch keine Geisteskrankheit darstellen, welche aber die damit beschwerten Personen auch im günstigsten Falle nicht als im Vollbesitze geistiger Normalität und Leistungsfähigkeit stehend erscheinen lassen" (zit. nach Trüper 1893, 1); eine Definition, die in Anbetracht der Entfaltung und Ausdifferenzierung des Proletariats zwingend und notwendig für die Beibehaltung psychiatrischen Sichtweise ist, die sich mittlerweile, losgelöst von sozialmedizinischen Zusammenhängen, etabliert hat und die anderenfalls sich unmittelbar den sozialen Ursachen psychischer Erkrankung wieder zuwenden müßte. Kochs Werk beeinflußt wie kaum ein anderes zu dieser Zeit die Diskussion in Pädagogik und Medizin und bereitet den Boden vor für die Solliersche Präzisierung des Blickes auf die Dinge. Bevor ich jedoch zu dieser zurückkehre, als dritte wesentliche Entwicklungslinie die ideologische Entwicklung in der Schulpädagogik.

c) Ideologische Entwicklung in der Schulpädagogik: Überbürdung und Kinderfehler

Zunächst einige Bemerkungen zur Entwicklung des Schulwesens im 19. Jahrhundert, bevor ich auf die Entwicklung des Herbartianismus als wesentlicher Doktrin eingehe. In der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wird die allgemeine Schulpflicht eingeführt, die jedoch von kaum der Hälfte der Kinder erfüllt wird. Ein großer Teil der Fabrikkinder besucht Fabrikschulen. Religion war Grundlage und Hauptelement des Elementarunterrichts (Geschichte der Erziehung 1969, 235 ff.). Seit 1830 mehren sich die Stimmen, die für eine deutsche Nationalerziehung eintraten, für Umgestaltung des gesamten Schulwesens wie Demokratisierung der Schulen (ebd., 280 f.). Lehrervereine entstanden, unter ihnen der "Allgemeine Deutsche Lehrerverein" 1848, die sich im Rahmen der bürgerlich-revolutionären Bewegung vehement für Reformen einsetzten. Das Scheitern der Revolution schuf den Boden für eine Phase der reaktionären Schulpolitik bis etwa 1870, die ihren Höhepunkt in den Stiehlschen Regulativen von 1854 hatte. Um 1870 mußte mehr und mehr den hervortretenden Bedürfnissen der Industrie nach einer verbesserten Volksbildung Rechnung getragen und den mehrklassigen und einklassigen Schulen der preußischen Industriebezirke die Vermittlung einer höheren als der in den Regulativen vorgeschriebenen Bildung gestattet werden.

In dieser Zeit lebte auch die Lehrerbewegung neu auf. Im Oktober 1872 wurden die "Allgemeinen Bestimmungen" erlassen und die preußische Regulative von 1854 außer Kraft gesetzt. Es erfolgte eine Neuformierung der Volksschule wie auch der Mittelschule, entsprechend den veränderten Bedingungen des industriellen Produktionsprozesses. Insbesondere wurden in dem Normallehrplan für die Mittelschulen die naturwissenschaftlichen Bildungsstoffe, Geographie und moderne Fremdsprachen wesentlich erweitert. "Mit der Anerkennung der Schulen, die aus dem Bedürfnis von Industrie und Handel in den Städten entstanden waren, als Mittelschulen, kam die preußische Regierung zugleich dem Prozeß der gesellschaftlichen Differenzierung entgegen. Das mittlere Bürgertum wurde durch diese Möglichkeit für die Ausbildung seiner Kinder sozial noch deutlicher vom Proletariat abgehoben und auf die Wahrnehmung von Führungstätigkeiten auf der mittleren Ebene des Produktionsprozesses sowie des Staatslebens orientiert" (Geschichte der Erziehung 1969, 361).

"Am Ende des 19. Jahrhunderts bestand in Deutschland ein stark strukturiertes Bildungswesen mit einer betonten Zweiteilung. [...] Für die Kinder der Volksmassen bestanden 8-jährige Volksschulen. [...] Für die Kinder des mittleren und kleineren Bürgertums waren Mittelschulen (zumeist 5.-10. Klasse) entstanden. [...] Die höheren Schulen (Humanistisches Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule) waren im Normalfall 9-jährig und bildeten Führungskräfte für Staat, Wirtschaft und Wissenschaft aus. Ihre Schülerschaft entstammte - wie statistische Untersuchungen eindeutig nachgewiesen haben - überwiegend den bürgerlichen, großbürgerlichen und junkerlichen Schichten. Den Kindern der Arbeiter und Bauern standen sie nur in wenigen Fällen offen. Diese Schulen hatten durchweg ein hohes Bildungsniveau; sie berechtigten zum Studium an den Universitäten und Hochschulen" (Geschichte der Erziehung 1969, 363 f.). Die Hilfsschule entwickelte sich erst mit Aufnahme der Realien in den Unterricht (Ablösung der Regulative durch die Allgemeinen Bestimmungen) wie durch die Durchsetzung der Schulpflicht für alle Kinder: Es wurde nunmehr eine Gruppe von Kindern ausdifferenziert vorgefunden, die nach den neuen Bedingungen nicht hinreichend beschulbar waren, wohl aber in kleinen Klassen und bei Reduzierung des Stoffes. Und erst mit dieser allgemeinen infrastrukturellen Veränderung wurde die Voraussetzung zur allgemeinen kommunalpolitischen Durchsetzung der Hilfsschulen geschaffen. Obwohl auch die Idiotenanstalten zu dieser Zeit wesentliche Momente einer Pädagogik bei schwachsinnigen Kindern bereits entwickelt hatten und zahlreiche Lehrer in diesen Anstalten beschäftigt wurden, setzten sich die Hilfsschulen als auf Dauer doch wohl kostengünstigere Alternative bald durch und erfuhren ihre Ausformierung durch staatliche Gesetzgebung im Zeitraum von 1892-1901 (vgl. Fuchs 1922, 23 f.).

Den wesentlichen Hintergrund der Volksschulpädagogik bis zum Einsetzen der Reformpädagogik wie der Hilfsschulpädagogik, weit darüber hinaus und bis heute bildet die philosophische, psychologische und pädagogische Lehre von Johann Friedrich Herbart (1776-1841). Auf die massive Einwirkung dieser Lehre auf die Hilfsschulpädagogik, insbesondere im Rahmen ihrer Vereinheitlichung unter dem Begriff des Schwachsinns durch A. Fuchs, verweist Gehrecke (1971, 17):

"Der Hilfsschüler ist der Schwachsinnige. Diese Vereinheitlichung des Hilfsschülertyps war notwendig, damit die Formalstufen der Herbartianer, auf denen alle Unterrichtsbeispiele von Fuchs aufgebaut waren, Anwendung finden konnten". Ich kann die Lehre von Herbart hier nicht in aller Ausführlichkeit darstellen (vgl. Geschichte der Erziehung 1969, 252-260), möchte jedoch auf einige wichtige Grundpositionen eingehen.

Herbart gründete sein pädagogisches System auf die praktische Philosophie (Ethik) und die Psychologie. Das Ziel der Erziehung leitet er aus der Ethik her und den Weg zur Verwirklichung dieses Zieles aus der Psychologie. Alles seelische Geschehen ist für ihn als Abfolge von Selbsterhaltungsakten und Störungserscheinungen zu verstehen. Die der Selbsterhaltung dienenden Reaktionen der Seele auf die von außen wirkenden Reize bezeichnet er als Vorstellungen. Vorstellungsfähigkeit ist für ihn die psychische Grundfunktion, die Ursache allen menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens. "Den Vorstellungsschatz könne der Mensch nur mit Hilfe der Apperzeption erweitern. Die Apperzeption sei ein Vermögen des Menschen, bereits vorhandene Vorstellungsmassen im Bewußtsein zu aktivieren, um mit ihrer Hilfe das klare und deutliche Erfassen neuer Vorstellungen zu bewirken" (Geschichte der Erziehung 1969, 254); demnach bestehe die Aufgabe der Erziehung eindeutig darin, "den jungen bildsamen Menschen mit den richtigen Vorstellungen zu ernähren" (ebd.). Das Erziehungsziel ist bei Herbart der sittliche Zweck, den er klassenneutral definiert, "daß die Ideen also nur Richtschnur unter Anerkennung der bestehenden Herrschafts- und Dienstverhältnisse sein könnten" (ebd.). Er begründet mit seiner Ethik also ein konservatives Erziehungsziel, das er in abstrakten und weitgehend formalen Begriffen wie "Charakterstärke der Sittlichkeit", "Moralität" und "Tugend" faßt. Dieser sittlichen Zwecksetzung ordnet Herbart alle anderen Aufgaben der Erziehung und Bildung unter und kommt damit zur Konzeption des erziehenden Unterrichts, der Interessen bzw. geistige Aktivitäten fördern soll, die sich sowohl auf Erkenntnis (mannigfaltige Gegenstände der Natur und des gesellschaftlich geschichtlichen Lebens) wie auf Teilnahme (Anteil am Leben der kleineren und größeren Gesellschaftsgebilde, Verhältnis der Menschen zu Gott) beziehen. "Will der Unterricht den sittlichen Willen bilden, dann muß er solchen Vorstellungsmassen den Vorrang im Bewußtsein sichern, denen ein sittliches Fühlen und Wollen innewohnt" (256). Der Unterricht selbst gliedert sich gemäß den sogenannten formalen Stufen des Unterrichts (Klarheit, Assoziation, System und Methode).

Dies meint, jeder Lehrstoff ist zunächst in seine kleinsten Teile zu zerlegen, dann mit bereits bekannten Vorstellungen zu verknüpfen, ist dann zu ordnen und schließlich in die höchste Stufe der Besinnung, die Methode überzuführen. "Sie durchläuft das System; produziert neue Glieder desselben und wacht über die Konsequenzen seiner Anwendung" (258), wobei dies in höchster Konsequenz produktive wissenschaftliche Arbeit bedeutet. Wesentlicher Bereich der Erziehung ist die Zucht, die den Unterricht systematisch ergänzt. Ihr Zweck ist die Bildung. Sorgt der erziehendeUnterricht vor allem durch Herausbildung zahlreicher sittlicher Urteile und die Bildung des Gedankenkreises für die Richtigkeit des Charakters (als Gestalt des Willens), so sorgt die Zucht mehr für dessen Festigkeit, Härte und Unverwundbarkeit. Dabei geht Herbart von einem Erziehungsverhältnis aus, das der Situation des Hauslehrers entnommen ist, also eines Erziehers zu einem Zögling.

Soweit die Herausarbeitung der Zucht noch nicht möglich ist, hat "Regierung" zu erfolgen. "Sie wendet z.T. die gleichen Mittel und Maßnahmen an wie die Zucht, aber ihr kommt es nicht auf die sittliche Bildung an; sie hat nicht die Zukunft des Zöglings, sondern nur das gegenwärtige disziplinierte Verhalten vor Augen. Das jüngere Kind habe noch keinen echten Willen, es lasse sich vorwiegend von dem ‚wilden Ungestüm' seiner triebmäßigen Begierden leiten; der eigentlichen Erziehung fehle insofern noch der Ansatzpunkt. Damit das Kind nicht selbst zu Schaden komme und auch anderen Menschen und den gesellschaftlichen Einrichtungen keinen Schaden zufüge, müsse es zum Gehorsam gezwungen und unter Druck gehalten werden [...] Hunger, Freiheitsentzug für einige Stunden, Freiheitsentzug verschärft durch Händebinden und Einsperren in ein finsteres Zimmer sind Maßnahmen, die er billigt. Mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß die Zwecksetzung und die Maßnahmen der ‚Regierung' unter pädagogischem Aspekt betrachtet und gewertet werden müssen, auch wenn Herbart sie nicht der eigentlichen Erziehung in seiner Theorie zuordnet. Jedenfalls ist sein Begriff der ‚Regierung' der preußischen Auffassung von Disziplin, Zucht und Drill recht verwandt" (ebd., 260).

Während die "Geschichte der Erziehung" (1969) nur die Gesinnungsbildung und die Formalstufenlehre als Bestandteile der Herbartschen Theorie in der Entwicklung des Herbartianismus weiter verfolgt, scheint es mir außerordentlich wichtig zu sein, jene Kennzeichnung Herbarts zu verfolgen, die insgesamt die Kinder zusammenfaßt, die unter dem Aspekt der Regierung zu erziehen sind. Es ist dies die Lehre von den Kinderfehlern, die später bei den Herbartianern eine außerordentlich breite Ausdifferenzierung erfährt. Sie ist neben der skizzierten Entwicklung der psychiatrischen Lehre und der Sozialpädagogik-Doktrin die dritte ideologische Linie, aus der die Entwicklung der Schwachsinnigenpädagogik, Hilfsschulpädagogik, Idiotenerziehung in Deutschland verstanden werden muß und die bis heute die Denkweisen in diesem Bereich durchdringt. Ich beziehe mich hierbei insbesondere auf die Aufsätze von Közle (1896) und Siegert (1897) im "Enzyklopädischen Handbuch der Pädagogik" (herausgegeben von Wilhelm Rein) über "Fehler der Jugend" und "Kinderfehler".

Herbart ist derjenige, dem das Hauptverdienst zukomme, zusammen mit seinen Schülern "die Kinderfehler zur Höhe der wissenschaftlichen Forschung gehoben zu haben" (Siegert, 60). "Was die Gliederung der Kinderfehler anlangt, so unterscheidet Herbart zwischen Fehlern, die das Kind hat und solchen, die es macht; jene sind bleibende, diese vorübergehende, die jedoch durch Wiederholung zu bleibenden werden können. Beide entstehen mehr oder weniger unter Mitwirkung der Individualität. Außer von Fehlern ‚der bloßen Schwäche' redet Herbart von Fehlern, die im Vorstellungsleben als solche zu beobachten sind (Beengung, Starrheit, Zerstreutheit, ‚das Springende energischer Naturen') und von sittlichen Fehlern (Trägheit, Wildheit, Ungeschicklichkeit, Leidenschaftlichkeit, Ungehorsam, Geringschätzung des moralischen Urteils)" (Siegert 1887, 61).

Die Lehre Herbarts -so Közle (1896, 196) - wurde in ausdrücklicher Auseinandersetzung mit Fichtes Reden an die deutsche Nation entwickelt, in welchen Fichte die Schuld aller menschlichen Fehler auf die kirchliche Lehre von der Erbsünde schob und glaubte, "die Jugend sei sofort gut, sobald man ihr sage, sie sei gut, und sie nur gute Beispiele sehen lasse. Herbart [...] war der erste, welcher die Gefahr erkannte, die der Pädagogik mit diesem neuen Idealismus, der ‚die menschliche Unschuld predigte', drohte. [...] Herbart hielt zwar die alte Lehre von der Erbsünde für besser als die Fichteschen Ideen, aber sie genügte seinem philosophischen Denken nicht. Er führte die Entstehung der menschlichen Fehler zurück auf den ‚psychischen Mechanismus', auf die Störungen und Alternationen desselben."

An diesem Punkt setzen dann die Herbartianer und insbesondere Ludwig Strümpell (1812-1899) an, wobei die Herbart-Schule sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts "mehr in den Dienst der gesellschaftlich regressiven Kräfte" gestellt hat (Geschichte der Erziehung 1969, 376). Insbesondere wurde die gesellschaftliche Funktion der Herbartianischen Pädagogik auch als "wirksames Gegenmittel gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen" (ebd., 377) betrachtet. Aus dieser Theorietradition heraus und in der oben gekennzeichneten Situation der Durchsetzung des Kampfes der Sozialdemokratie gegen die Sozialistengesetze entsteht Strümpells Lehre von den Kinderfehlern oder "Pädagogische Pathologie" (erste Auflage 1890 in Leipzig sowie drei folgende Auflagen), die eine enorme Verbreitung erzielte.

Das Strümpellsche Werk steht paradigmatisch für den Versuch, die gesamten Diskussionen um all jene Kindergruppen, die nicht unmittelbar bereits im Zugriff der Psychiatrie sind, unter dem Gesichtspunkt einer pädagogischen Lehre von den Abweichungen neu zu formieren. So bezieht sich die erste Auflage des Strümpellschen Buches auf eine Sammlung und Klassifikation der Kinderfehler in Weiterentwicklung der Herbartschen Doktrin, während ab der zweiten Auflage die Kochsche Lehre von den psychopathischen Minderwertigkeiten und auch die Positionen Solliers systematisch verarbeitet werden in ausdrücklicher Wendung gegen den in der medizinischen Behandlung dieser Fragen befürchteten Materialismus (vgl. Siegert 1896, 63; Strümpell 1890, 18).

"Das Hauptproblem der neuesten Zeit auf dem Gebiete der Erziehung und besonders auf dem der pädagogischen Pathologie ist die Frage über das Verhältnis des Leibeslebens zum Geistesleben oder über das Verhältnis zwischen Physiologie und Psychologie. Hier stoßen die Geister am schärfsten aufeinander; es scheint, als ob die Richtung, welche das Geistesleben der Seele in eine durchgehende Abhängigkeit vom Leibesleben stellen will, den Sieg in der wissenschaftlichen Welt davontragen werde" (Közle 1896, 197). Nun darf man nicht glauben, daß damit eine materialistische Ausrichtung im Sinne Griesingers gemeint sei, vielmehr sind die an der Botanik Linnés orientierte neue Klassifikation Kraepelins und die durch ihn von Wundt übernommenen empirischen Methoden im Blickfeld der Kritik. Strümpells Lehre selbst, die an anderer Stelle ausführlich gewürdigt und dargestellt werden müßte, läßt sich mit Siegert wie folgt kurz zusammenfassen: "Zu den Kinderfehlern gehören demnach alle die Mängel, schlechten Neigungen und üblen Gewohnheiten, die während der Entwicklung der Kindesnatur von der Geburt bis zum Eintritt der Pubertät beobachtet werden, insofern sie der pädagogischen Behandlung zugänglich und würdig erscheinen." (Siegert 1896, 61)

Im Bereich der Kinderfehlerlehre unterscheidet Strümpell vier Gruppen: "Die erste Gruppe umfaßt die Fehler, welche aus dem Übergewicht der körperlichen Einflüsse entstehen. Die zweite Fehlergruppe entsteht durch Störungen des psychischen Mechanismus; die dritte durch Mißverhältnisse zwischen dem psychischen Mechanismus und den freien Kausalitäten und die vierte aus Mißverhältnissen zwischen den freien Kausalitäten untereinander" (Közle 1896, 197). Innerhalb des geistigen Lebens des Kindes bestehen zwei zusammenhängende Gruppen ganz verschiedener Kausalität. "Die eine Gruppe wirkt, wie man es kurz ausdrücken kann, unter der Decke des Bewußtseins, also im Gebiet des unbewußten Geschehens [...] Zu diesen Kausalitäten gehört dasjenige Wirken, durch welches schon Bewußtes zu Unbewußtem wird und dieses umgekehrt nicht bloß wiederum ins Bewußtsein zurückkehrt, sondern wodurch auch in beiden Fällen stets neue Bewußtseinsinhalte und neue Verbindungen und Zusammenhänge sowohl des Bewußten als auch des Unbewußten, stets neue Abfolgen des Einen nach dem Anderen, aber auch neue Trennungen und Versetzungen, überhaupt sachlich und formell Neues zum Bewußtsein kommt und, weil es nun einmal vorhanden ist, auch als solches weiter wirkt. Sämtliche Produkte dieser Wirkungen [...] werden von den ihnen zugrunde liegenden Kausalitäten und nach deren Gesetzen in einer Weise erwirkt, daß wir, nach Analogie unserer gewohnten Auffassung des toten Naturwirkens, die Gesamtheit dieses geistigen Wirkens den psychischen Mechanismus nennen dürfen" (Strümpell 1890, 8 und 9). Daneben unterscheidet Strümpell eine zweite Gruppe von Kausalitäten, die er als freie Kausalitäten ansieht; damit meint er die Kausalität des Gefühlslebens der Seele, die logische Kausalität, die ästhetische Kausalität, die Kausalität des Gewissens und die Kausalität der Selbstbestimmung und der Willensfreiheit (ebd., 9 f.).

Zusammengefaßt: Seitens der Herbartianischen Erziehungslehre, die in dieser Zeit weitgehend die Auffassung von Pädagogik und Unterricht in Deutschland determiniert, entfaltet Strümpell nunmehr ein Netz von Kategorien zur Klassifizierung kindlicher Fehler und damit zur Verortung der Ansatzpunkte des erziehenden Unterrichts, der Zucht und der Regierung, das zunächst vorwiegend auf die Reproduktionsprobleme der eigenen Klasse bezogen ist. Diese Reproduktionsprobleme sind durch die verstärkte Hereinnahme der Realien in die Schulen, durch die Umstrukturierung der Schülerschaft insbesondere im Gymnasialbereich gekennzeichnet, ebenso durch die Entwicklung angemessener methodischer Strukturen für den Mittelschulunterricht. Hier ging im Bereich der Gymnasien eine umfangreiche Diskussion um die Überbürdungsfrage voraus (vgl. Tümpel 1899). Es ist dies eine Diskussion, die aus pädagogischer Sicht die zunehmend durch eine bloß formalisierte Pädagogik nicht gewährleisteten Reproduktionsprobleme benennt. Die Entwicklung dieser Frage ist, wie dies Britta Rang-Dudzek (1980) bereits versucht hat, systematisch in die ökonomischen und politischen Verhältnisse dieser Zeit einzuordnen. Es ist eine Frage, die insbesondere als Bedrohung des bisherigen Bildungsablaufes durch Erweiterung auf neue Gruppen von Schülern gesehen wird, wie dies Tümpel (1899, 183) so zusammenfaßt: "Zunächst mögen ja immer noch Mißstände bestehen, namentlich was die Methodik des Unterrichts betrifft, aber im wesentlichen liegen die Gründe der Klagen ganz woanders. Unsere höheren Schulen werden von vielen Schülern aus Kreisen besucht, die durch eine höhere Schulbildung ihrer Kinder in einem bestimmten Niveau erhalten wollen. Häufig sind die Kinder aus diesen Kreisen nicht für den Besuch einer höheren Schule begabt genug; sie müssen daher streben, den Mangel an Gaben durch großen Fleiß zu ersetzen; dabei mag wohl Überbürdung herauskommen".

In Anbetracht der zunehmenden Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht und der Ausdifferenzierung der Mittelschulen nach den Allgemeinen Bestimmungen von 1872 findet die Diskussion um die Überbürdungsfrage ihre entsprechende Ergänzung in der Theorie Strümpells von den Kinderfehlern. Und diese findet dann wiederum ihre spezifisch antiproletarische Wendung, indem sie die Zustände, die zwischen Krankheit und Gesundheit liegen, die "psychopathischen Minderwertigkeiten", ab der zweiten Auflage des Strümpellschen Buches von 1892 mit in den Mittelpunkt stellt. In diesem Zusammenhang greift Strümpell dann auch auf die Theorie von Sollier zurück. Ich zitiere diese Zusammenhänge nach der dritten Auflage von 1899, um zu zeigen, wie auf dem Boden des Herbartianismus die Schulpädagogik, von ganz anderen Zusammenhängen herkommend, Solliers Zusammenfassung der Imbezillität aus dem Gesichtspunkt der durch das Proletariat bedrohten imperialistischen Bourgeoisie in der gleichen antisozialistisch-militanten Ausrichtung aufgreift, wie dies bereits für Sozialpädagogik, Hilfsschulpädagogik und Psychiatrie nachgewiesen wurde.

Zunächst einmal gehört für Strümpell die Imbezillität nur zum Teil in den Problembereich der pädagogischen Pathologie, also der Lehre von den Kinderfehlern, ergänzt um die Lehre von den psychopathischen Minderwertigkeiten. Er geht bei ihrer Erörterung aus von Solliers Klassifikation in schwere Idiotie, leichte Idiotie und Imbezillität (306) und zitiert Sollier ausführlich im Zusammenhang der Kennzeichnung der Idioten als Extra-Soziale und der Imbezillen als Anti-Soziale (307 ff.). Strümpell folgert hieraus (1899, 309): "Die hier angedeuteten Unterschiede in den Bildern der allgemeinen angeborenen Degeneration hängt von dem Umstande ab, daß, wenn auch immer die Schwäche das hauptsächlichste diagnostische Kennzeichen bleibt, doch auch noch anderweitige Tätigkeiten vorhanden sein können, welche dem Bild eines allgemeinen Degenerierten namentlich das Gepräge seiner Lästigkeit und Gefährlichkeit geben". Er spricht vom "rohen Egoismus in der Form der rücksichtslosen Selbstsucht" als charakteristische Eigenheit der in solcher Weise hochgradig Degenerierten. "Aus dieser Selbstsucht entspringt die Neigung, das Interesse anderer zu verletzen, zu lügen, zur heimtückischen Verstellung und zur Verwendung anderer verwerflicher Mittel", und in einer Sollier vergleichbaren Weise kennzeichnet er als besonderen Zug der Natur der "allgemein psychopathisch Degenerierten", daß sie "wie gegen sich selbst schwach, so gegen andere rigoros streng mit ihren sittlichen Anforderungen sich benehmen" (310).

Auf dem Gebiete der allgemeinen Schulpädagogik wurde der Herbartianismus wesentlich durch die Reformpädagogik zurückgedrängt; auf den außerschulischen Gebieten entwickelte sich der Neukantianismus im Zusammenhang mit dem Revisionismus innerhalb der Sozialdemokratie (vgl. Steigerwald 1980) und insbesondere die sozialpädagogische Lehre von Paul Natorp (vgl. Rittberg 1974), der gesellschaftliche Ungleichheiten zwar konstatierte, sie durch eine subjektiv idealistische Philosophie jedoch auf dem Wege der Veränderung der Erziehung für beeinflußbar hielt. Entsprechend verwandelt sich der Sozialismus in eine Lehre der ethischen Gebote, und es resultiert die Entwicklung der Sozialpädagogik, die gesellschaftliche Unterschiede durch Erziehung auszugleichen versuchte (vgl. Steigerwald 1980; Rittberg 1974). Obwohl es verschiedene Ansätze gegeben hat, den Herbartianischen Ansatz auf dem Gebiet der Idiotenerziehung und Hilfsschulpädagogik entsprechend zu modifizieren und damit zeitgemäßer zu machen, die erfahrenen Widersprüche ein Stück weit zu eliminieren - vgl. den Vortrag Kölles auf der 9. Konferenz der Idiotenanstalten (1898) sowie die Streitschrift von Witte (1901) gegen die mehrfach bedenkliche Einrichtung der Hilfsschulen -, vermochte sich diese Lehre in der Schwachsinnigen- und Psychopathenerziehung zu dieser Zeit nicht durchzusetzen.

Ich versuche im folgenden nunmehr die drei genannten ideologischen Linien in ihrer Rezeption von Sollier zusammenzuführen, der für einen Moment allen drei Linien eine gemeinsame Perspektive formulierte, indem er den Blick ins neue Verhältnis zu den Dingen setzte und hierbei an die Entwicklung der traditionellen Intelligenz als "Commis der herrschenden Klasse" (Gramsci) anknüpfte. Dieser Blick trat unter den Bedingungen der Formierung neuer Gruppen der Intelligenz und Kampf dieser drei alten Gruppen um hegemoniale Ansprüche zurück, differenzierte sich in je unterschiedlichen Aspekten aus, behielt jedoch im Kern den gemeinsamen antiproletarischen und antisozialistischen Charakter, wie er im Imbezillitätsbegriff durch Sollier erstmalig präzise auf den Nenner gebracht worden ist.

5. Die Einheit von "Dingen" und "Wörtern" durch Solliers Definition und ihre Differenzierung in Medizin, Sozialpädagogik und Schulpädagogik

Ich habe in der bisherigen Darstellung viele Linien nur skizzieren können; Aspekte der Ökonomisierung und Verrechtlichung in der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft wie in der Abwehr gegen die Sozialdemokratie nur andeuten können. Insbesondere müßte in diesem Zusammenhang auch eine ausführliche Untersuchung der Wandlung der Instrumente der Armenpolitik in Instrumente der "Fürsorge- und Wohlfahrtspolitik" behandelt werden.

Es müßte auf die Entwicklung der großen Verbände der freien Wohlfahrt eingegangen werden, die der starken Aufsplitterung von Aktivitäten und Initiativen entgegentrat: 1848 die Innere Mission der evangelischen Kirche, 1863 das Rote Kreuz, 1880 der Deutsche Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit, 1897 der Caritas-Verband der katholischen Kirche, 1906 der Allgemeine Fürsorgeerziehungstag (vgl. Autorenkollektiv: Gefesselte Jugend, 1971, 46). Es wäre zudem der Wandel der Gesetzgebung zur notwendigen Freizügigkeit als Voraussetzung des universellen Verkaufs der Ware Arbeitskraft zu skizzieren, der im Übergang von der Heimatgesetzgebung (vgl. hierzu Ackermann 1979, 24 ff.) zum Gesetz über den Unterstützungswohnsitz vom 6. 6. 1870 abgesichert wurde. Hiernach wurde nunmehr die Armenpflege von Orts- und Landarmenverbänden wahrgenommen; und während die privaten Institutionen und Stiftungen materielle Einbußen erlitten, schritten die Kommunalisierungstendenzen voran.

Entsprechend wurde in diesen Verbänden der Verlust des Eigentlichen, Caritativen, Warmen allenthalben beschworen (vgl. Autorenkollektiv: Gefesselte Jugend, 1971, 48, sowie auch Sengelmann 1885, Bd. 2, 139 f.). Dies führte zu einer verstärkten Reorganisation der privaten Verbände, die durch die Subventionspraxis des Staates gestützt wurden. "Hauptursache war aber unbestreitbar die eigene Existenzangst, die Furcht vor den Bemühungen einer politisch organisierten Arbeiterklasse um Kommunalisierung und Entkonfessionalisierung von Fürsorge und Jugendhilfe" (Autorenkollektiv: Gefesselte Jugend, 1971, 49).

Innerhalb dieser Tendenzen verlagerte sich nun erheblich die Front zwischen Idiotenanstalten und Medizinern durch ein Gesetz vom 11. Juli 1891, das mit Wirkung vom 1. April 1893 in Kraft trat (Gesetz betreffend Abänderung §§ 31, 65 und 68 des Gesetzes zur Ausführung des Bundesgesetzes über den Unterstützungswohnsitz vom 8. März 1871). Der § 31 des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz erhielt hier nachfolgende Fassung:

"Die Landarmenverbände - in der Provinz Ostpreußen der Landarmenverband der Provinz - sind verpflichtet, für Bewahrung, Kur und Pflege der hülfsbedürftigen Geisteskranken, Idioten, Epileptischen, Taubstummen und Blinden, soweit dieselben der Anstaltspflege bedürfen, in geeigneten Anstalten Fürsorge zu treffen." (Gesetzsammlung für die Königlich-Preußischen Staaten 1891, 300)

Dies ist nach Kraepelin (1915, 2353) der Ausgangspunkt, von dem an die Psychiater sich systematisch mit Problemen der Idiotie beschäftigt haben. Dabei ergab es sich, daß "einzelne Landesdirektoren unter Idioten nur Bildungsunfähige verstünden" (Reichelt 1893, 7), was folglich die gutachterliche Tätigkeit von Ärzten im Dienste der Landarmenverbände mit erforderlich machte. Daß es hier keineswegs um Nebenaspekte in der Umgruppierung von Schwachsinnigen ging, geht daraus hervor, daß die 7. Konferenz für das Idiotenwesen es auf ihrer Tagung 1893 für erforderlich erklärte, "daß die Wohltaten des Gesetzes vom 11. Juli 1891 auch auf die bildungsfähigen schwachsinnigen Kinder ausgedehnt werden" (Reichelt 1893, 74). Dabei wird die Solliersche Auffassung von Idiotie bemüht, um ärztliche Ansprüche auf diesem Gebiet zurückzuweisen, da es hier um Residuen längst abgelaufener Krankheitsprozesse gehe, wo keine ärztliche Kunst mehr helfen könne (ebd., 76). Diese Auseinandersetzung hatte sich verschärft, nachdem in der Jahressitzung des Vereins Deutscher Irrenärzte in Frankfurt/Main am 25. und 26. Mai 1893 in Folgewirkung des geänderten Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz und den damit ins ärztliche Blickfeld gerückten Fragen der Idiotenerziehung folgende Anträge des Vorstandes und der Referenten einstimmig angenommen worden waren:

  • "Nicht unter ärztlicher Leitung und Verantwortung stehende Anstalten für Geisteskranke, für Epileptische und Idioten entsprechen nicht den Anforderungen der Wissenschaft, Erfahrung und Humanität und können deshalb als ‚zur Bewahrung, Kur und Pflege dieser Kranken' geeignete Anstalten auch im Sinne des preußischen Gesetzes vom 11. Juli 1891 nicht betrachtet werden"

  • "Es ist deshalb Pflicht des Staates, der Provinzial- und Kreisverbände, die hilfsbedürftigen Geisteskranken, Epileptischen und Idioten in eigenen, unter ärztlicher Leitung und Verantwortung stehenden Anstalten zu bewahren, zu behandeln und zu verpflegen"

  • "Alle im Besitze von privaten oder religiösen Genossenschaften befindlichen Anstalten der genannten Art müssen unter verantwortliche ärztliche Leitung und besondere Aufsicht der Staatsbehörden gestellt werden"

  • "Die fernere Annahme einer Stelle an einer nicht unter ärztlicher Leitung stehenden Anstalt für einen Arzt widerstreitet dem öffentlichen Interesse und der Würde des ärztlichen Standes" (ebd., 75).

Die Auseinandersetzung verschärfte sich in den folgenden Jahren. Mit Ministerialerlaß vom 20. 11. 1895 sollten "die Idiotenanstalten mit einem Schlage ihrer bisherigen, fast ausschließlich pädagogischen bzw. geistlichen Leitungen entzogen und ganz unter medizinische bzw. psychiatrische Leitung gestellt werden." Durch entsprechende Eingaben und Verhandlungen konnte die Konferenz der Idiotenanstalten erreichen, daß die Anweisung gemildert und die Forderung der ärztlichen Leitung zurückgenommen wurde (Müller 1898, 10 und 11). Auseinandersetzungen blieben jedoch auch weiterhin noch bestehen und waren auch im Ministerialerlaß vom 26. Mai 1901 nicht im Sinne der Wünsche der Anstaltsleiter befriedigend geregelt (Müller 1901, 14). In dieser Auseinandersetzung konnte die Solliersche Doktrin nicht voll von den Idiotenanstalten übernommen werden, da sie sich immer wieder dafür einsetzten, daß die Wohltaten des Gesetzes von 1891 auch den bildungsfähigen Kindern zukämen, ihre bisher erbrachte pädagogische Arbeit also abgesichert würde; andererseits entsprach der Kern der Definition Solliers als Bildungsunfähigkeit und soziale Gefährlichkeit auch dem Erfahrungshintergrund der Konferenz der Idiotenanstalten, wie es die Neudefinition auf der 10. Konferenz 1901 (vgl. oben) bestätigte. Für die Medizin rückte die Frage des Schwachsinns vor allem aus Sicht der Bildungsunfähigkeit in den Vordergrund, mit deren Diagnose sie seit dem geänderten Gesetz zum Unterstützungswohnsitz konfrontiert war. Zudem fiel diese Konfrontation in eine Zeit, wo die Psychiatrie im Kraepelinschen Paradigma sich anschickte, die Gesamtheit gesellschaftlicher Anormalität als krankhaft zu klassifizieren und unter ihren Wissenschaftsanspruch zu ziehen. In dieser Auseinandersetzung war die Stellung der Idiotenanstalten insofern ungünstig, als durch staatliche Formierungsmaßnahmen in Form der Bismarckschen Sozial- und Gesundheitsgesetzgebung bereits ein Verrechtlichungsrahmen existierte, innerhalb dessen die Mediziner sich bewegen konnten.

Die Psychiater selbst waren im Vergleich zu den Idiotenanstalten mit der gesamten Breite gesellschaftlicher "Anormalität" konfrontiert; insofern wendeten sie die Solliersche Doktrin in jene Bereiche, die die Abweichungen von ihren bürgerlichen Vorstellungen am deutlichsten zum Vorschein brachten. Ihr Blick selbst war formiert durch ihre bürgerliche Herkunft, durch die naturwissenschaftliche Ausrichtung der Medizin und den Rückgang sozialmedizinischer Orientierung, durch die generell antiproletarische und antisozialistische Ausrichtung des Bürgertums dieser Zeit wie die speziell antiproletarische Ausrichtung der Mediziner durch die Notwendigkeit der Durchsetzung gegen die Krankenkassen. Diese verfügten zunächst über das Recht der Kassenzulassung von einzelnen Ärzten, gegen das sich seit der Novelle des Krankenversicherungsgesetzes vom 10. April 1892 auf ärztlicher Seite massive Aktivitäten zu entfalten begannen (Deppe 1980, 93).

Die Ausrichtung des Abwehrkampfes der Ärzte gegen die Krankenkasse hatte insofern spezifisch antiproletarische Ausrichtung, da entsprechend der Aufteilung der Geldleistungen die Arbeiter ein Mitbestimmungsrecht von 2/3 in den Entscheidungsgremien der Selbstverwaltung der Krankenkasse hatten (ebd., 90). Mit Gründung des Hartmannbundes 1900 und der Durchsetzung der ärztlichen Ansprüche (Berliner Abkommen 1913) verloren die Kassen ihre Anstellungsautonomie; die Auswahl der Ärzte erfolgte nun unter Mitwirkung der Kassenärzte (95). Und schließlich müssen als weitere Formierung des ärztlichen Blickes die nunmehr zwischen Arzt und Patienten geschobenen Abrechnungsordnungen und Geldverhältnisse genannt werden (vgl. Wulf 1971). So wurde zwar das Solliersche Paradigma aufgegriffen, aber aus dem Bereich des Schwachsinns insbesondere in den Bereich der Psychopathie hin spezifiziert, wobei Imbezillität als paradigmatischer Begriff für die Verbindung von Schwachsinn und Psychopathie erhalten blieb.

Im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Idiotenanstalten und Ärzten wurde die Auseinandersetzungsfähigkeit der Idiotenanstalten mit den Hilfsschulen zweifelsohne reduziert, so daß auch von hier aus günstige Momente der Durchsetzung der eigenständigen Beschulung "schwachsinniger" Kinder geschaffen wurden. Hierbei griffen die Hilfsschullehrer von Anfang an mit auf ärztliche Positionen zurück, wurde der Arzt, so wie es aussieht scheinbar widerspruchsfrei, in die Tätigkeit der Hilfsschule mit einbezogen (vgl. Becker und Krapp 1975). Die Front zwischen Ärzteschaft und Pädagogik entfaltete sich jedoch an einer anderen Stelle. Sie entfaltete sich im drohenden Zugriff der Pädagogik im Zusammenhang des Herbartianismus und Strümpells "Pädagogischer Pathologie" wie des in der Zeitschrift "Die Kinderfehler" vertretenen pädagogischen Anspruches des Zugriffs auf das gesamte Gebiet der psychopathischen Minderwertigkeiten. Vermutlich ist die differenzierte Ausführung des Psychopathiebegriffs bei Kraepelin auch aus jenen Auseinandersetzungen heraus zu verstehen, am Ende derer die Etablierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie als eigenständiger Wissenschaft stand, wie sie Stutte (1978, 496) dann als zweite Epoche der Kinderpsychiatrie benennt.

Man vergleiche hierzu Strohmayer (Enzyklopädisches Handbuch 1911, 1239 ff.), der sich in aller Schärfe gegen die pädagogischen Ansprüche auf diesem Gebiet wendet und formuliert: "Auf den Kochschen Schultern entstand so eine ‚pädagogische Psychiatrie' von Laien, die unter teilweiser Verkennung des Psychopathischen als eines Krankheitsbegriffs integrierende Bestandteile der Psychiatrie - und die sind bei der exzessiven Dehnbarkeit der psychopathischen Minderwertigkeiten nicht klein! - als pädagogisches Eigentum betrachtet. Dabei wird man doch zugeben, daß der Ursprung psychopathischer Zustände in einer krankhaften Beschaffenheit des Nervensystems, insbesondere des Gehirns, zu suchen ist. Auch wird kaum zu leugnen sein, daß die Beurteilung des jederzeit möglichen Übergangs der Psychopathien in ausgeprägte Psychosen besser in den Händen einer medizinischen Psychiatrie als einer pädagogischen Pathologie gewahrt bleibe [...] Die bequeme ‚psychopathische Minderwertigkeit' soll nicht in der Hand des Pädagogen alles laienhaft vereinen, was die Psychiatrie mühsam in klinischer Erfahrung wissenschaftlich sonderte" (ebd., 1241 f.).

Entsprechend der Ausformierung der Institutionen, den Ökonomisierungen und Verrechtlichungsvorgängen im Bereich der Infrastruktur nach 1890 etablieren sich die drei untersuchten Linien der traditionellen Intelligenz nun in folgenden Bereichen: Die Anstalten übernehmen vorwiegend die Betreuung von Fällen schwerer Idiotie, wobei im Rahmen der ihnen verbundenen Linie der sozialpädagogischen Doktrin in der Entwicklung der Wohlfahrtsverbände sie in enger Nachbarschaft mit Institutionen der Fürsorgeerziehung stehen. Die Psychiatrie übernimmt die Klassifizierung, Zuweisung und Verwaltung der Psychopathen, sofern sie sie nicht an den Strafvollzug oder die Fürsorgeerziehung weitergibt. Die Hilfsschulen selbst übernehmen die Schwachsinnigen, die Debilen, wobei in allen drei Bereichen der Imbezillitätsbegriff von Sollier seine spezifische Ausformung behält und nach wie vor Brennpunkt der antiproletarischen Sichtweise von gesellschaftlicher Anormalität bleibt. Von ihm aus erschließt sich der Klasseninhalt einer Vielfalt von Begriffen wie Psychopathie in ihren verschiedenen Formen, Unerziehbarkeit, politische Abweichung usw., die in einem Netz von psychiatrisch-nosologischen Klassifikationen bis heute die bürgerliche Gesellschaft überspannen.

6. Gesellschaftliche Bestimmungsmomente des Begriffs Imbezillität

Es bleibt nunmehr noch zusammenzufassen, welche ökonomischen und sozialen Gesetzmäßigkeiten im Begriff Imbezillität ihre Einheit finden als "zunächst gemeinsamen allgemeinen Ausdruck" (Friedrich Engels 1975, 88), um den sich dann die anderen Symptome "mit überraschender Schnelligkeit gruppierten". Es ist dies zunächst der fehlende oder reduzierte Wert der Ware Arbeitskraft der betroffenen Individuen, die Arbeitskraft "minderer Güte" (vgl. hierzu und zum folgenden Jantzen 1979, Kap. 3). Es ist dies zum zweiten die eingeschränkte Geschäftsfähigkeit, die nicht gegebene Zurechnungsfähigkeit im Sinne der bürgerlichen Gesetzgebung, deren allgemeines Raster das BGB bildet, wie es in der Klassifizierung der verschiedenen Stufen der Intelligenzschwäche durch Kraepelin besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Es ist dies weiterhin die nicht gegebene Ausbeutungsbereitschaft, die Infragestellung der scheinbaren Naturgegebenheit des bürgerlichen Rechtes auf Privateigentum, wie dies mit aller Schärfe in Solliers Formulierung selbst zum Ausdruck kommt, jedoch auch in Kraepelins Psychopathenlehre.

Es ist schließlich eine weitere Quelle, die ich in einer früheren Publikation (Jantzen 1974) als Überreste feudaler Ideologie angegeben habe, die mittlerweile aber von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg (1978, 1980) sehr viel deutlicher aufgearbeitet worden ist. Bleibtreu-Ehrenberg führt wesentliche Momente der gesellschaftlichen Ablehnung von psychisch Kranken, Behinderten und sexuell Auffälligen auf den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zurück. Hier entstanden ritualisierte Akte der Homosexualität aus der Doppelrolle der Schamanen, die zum einen als Männer für den Jagdzauber verantwortlich waren, zum anderen in ihrer herausgehobenen und gottähnlichen Stellung sich den Muttergottheiten annähern mußten. Bei indogermanischen Nomadenvölkern, die mit der Schamanenkultur der Kelten konfrontiert wurden, die im übrigen in den Hochkulturen Vorderasiens sich in Form religiöser Bestandteile fortsetzte, erschien sexuelle Abnormalität somit zum einen als Schamanenzauber und zum anderen als Verweichlichung und fiel zusammen mit einem durch Ablehnung geprägten Bild vom Verkrüppelten und körperlich anders gestalteten Menschen, das sich vermutlich aus der Notwendigkeit der Tötung verkrüppelter Tiere in den Herden dieser Nomadenvölker ergab.

Begrifflich fixiert wurde dies in der Vorstellung des Ergi, des Unholdes, ein Begriff, der ethymologisch auf die gleiche Wurzel wie Ärgernis zurückzuführen ist. "Unter diesem Oberbegriff sind sowohl wirklich Verkrüppelte zu verstehen wie solche Menschen, in deren Wesen sich irgendwelche - als fremd und deshalb als unheimlich empfundene - Züge zeigten, die auf Angehörige dieser Stämme ebenso abscheulich wirkten wie tatsächlich Mißgebildete. [...] Dem Krüppel dichtet man üble Charaktereigenschaften an, [...] beim Verbrecher sucht man quasi automatisch auch nach äußeren Anzeichen der Abnormität" (1978, 360). Und genau dieses Bild des Ergi, des Unholdes ist es, mit dem Sollier den von ihm skizzierten Typus des Imbezillen unterlegt; erinnern wir uns an die zugeschriebenen sexuellen Abweichungen, verbrecherischen Neigungen usw. "In der stehenden Bezeichnung ‚Unhold' für Sexualverbrecher im allgemeinen und wegen Homosexualität Verurteilter im besonderen wird die alte, durch die Hexenprozesse bis weit in die beginnende Neuzeit perpetuierte Angst vor dem ‚Sodomiten' als eine mit Hexerei, Schadenszauber und mordbefleckten Bösewicht manifestiert" (Bleibtreu-Ehrenberg a.a.O., 380).

Dabei unterlag das traditionelle Bild der Sündhaftigkeit hier wie überall in der Entfaltung der bürgerlichen Psychiatrie der Zurückweisung und Umdefinition in rationalen Kategorien. "Bis zur Renaissance war die Sensibilität für den Wahnsinn mit der Gegenwart imaginärer Transzendenzen verbunden. Von der französischen Klassik [...] wird der Wahnsinn durch eine ethische Verurteilung des Müßigganges [...] und in seiner sozialen Immanenz, die durch die Gemeinsamkeit der Arbeit garantiert ist, perzipiert. [...] Die Forderung nach Arbeit wird als eine Übung moralischer Reformen und moralischen Zwangs befohlen" (Foucault 1973, 92). Und entsprechend wird die "christliche Vorstellung von der Sündhaftigkeit der Homosexualität [...] von der Idee abgelöst, solches Verhalten sei unmoralisch" (Bleibtreu-Ehrenberg 1980) und als konstituierender Bestandteil des modernen Ersatzes des "Antichristen" oder des germanischen "Ergi" von Sollier dem Bild des Imbezillen als Prototyp für die proletarische Bedrohung der Bourgeoisie hinzugefügt.

Wenn meine These richtig ist, so kann dieser Prototyp des "proletarischen Unmenschen", der der Imbezille für den Bürger Sollier ist, nur noch gesteigert werden durch die Miteinbeziehung körperlicher Abweichungen. Und entsprechend ist das Bild vom Krüppel in der unmittelbar mit diesem befaßten Pädagogenschaft: So formuliert der 7. Kongreß der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge 1922: "Das Krüppeltum [...] sei an der Kriminalität stark beteiligt und es sei eigentlich zu verwundern, daß Lombroso die Krüppel in seinen Werken über die Verbrecher nicht erwähne" (nach Seidler 1980, 9).



[3] Nach Erscheinen des zweiten Bandes der US-amerikanischen Vygotskij-Ausgabe [RIEBER, R.W.; CARTON, S.A. (Eds.): The fundamentals of defectology. The collected works of L.S. Vygotsky. Vol. 2. New York: Plenum-Press, 1993] entdeckte ich, daß Vygotskij - mit direktem Bezug auf Séguin - in dieser Hinsicht wesentliche Grundlagen geschaffen hat. [Okt. 2003, d. Verf.]

[4] Unterdessen ist die Geschichte der Konfrenz der Idiotenanstalten hervorraged aufgearbeitet durch Norbert STöRMER: Innere Mission und geistige Behinderung. Von den Anfängen der Betreuung geistig behinderter Menschern bis zur Weimarer Republik. (LIT) Münster 1991 [Diss.phil. Universität Bremen]

Nachbemerkung

Ich habe in dieser Arbeit ausführlich und unter Heranziehung zahlreicher Zitate der Originalliteratur, die z.T. sehr schwer zugänglich ist, versucht, ein Stück Begriffsgeschichte der Behindertenpädagogik zu skizzieren, das deutlich macht, daß diese niemals außerhalb der Klassenauseinandersetzungen gestanden, vielmehr in Deutschland regelmäßig die Partei der herrschenden Klasse ergriffen hat und dies bis heute in ihren Hauptvertretern tut - ziehe ich die Argumentation des Enzyklopädischen Handbuchs für Sonderpädagogik von 1969 heran, ein Beleg, den ich durch vielfältige Fachbücher und Einführungen zusätzlich untermauern könnte. Um so nötiger ist es für die Behindertenpädagogik, sich auf in ihrer Geschichte angelegte demokratische Traditionen zu besinnen. Hier liefert das Werk von Eduard Séguin auch für heutige Verhältnisse einen Standard, den es erst einmal zu erreichen gilt, von dem große Teile der Geistigbehindertenpädagogik außerordentlich weit entfernt sind.

Als Ergebnis meiner Forschungen, die in diesen Ausführungen vorläufig zusammengefaßt sind und die einer Weiterführung für eine adäquate Geschichtsschreibung von Heilpädagogik und Psychiatrie bedürfen, gelange ich zu jener Einschätzung, die Friedrich Engels 1870 in der Vorbemerkung zur zweiten Auflage seines Buches "Der deutsche Bauernkrieg" formuliert: "In demselben Maß, wie die Bourgeoisie ihre Industrie, ihren Handel und ihre Verkehrsmittel entwickelt, in demselben Maß erzeugt sie Proletariat. Und an einem gewissen Punkt - der nicht überall gleichzeitig oder auf gleicher Entwicklungsstufe einzutreten braucht - beginnt sie zu merken, daß dieser ihr proletarischer Doppelgänger ihr über den Kopf wächst. Von dem Augenblick an verliert sie die Kraft zur ausschließlichen politischen Herrschaft; sie sieht sich um nach Bundesgenossen, mit denen sie je nach Umständen ihre Herrschaft teilt oder denen sie sie ganz abtritt [...] Diese Bundesgenossen sind sämtlich reaktionärer Natur. Da ist das Königtum mit seiner Armee und seiner Bürokratie, da ist der große Feudaladel, da sind die kleinen Krautjunker, da sind selbst die Pfaffen." (12 f.) Man könnte dieses Zitat in den Bereich der Ideologie fortsetzen: Da sind der Rassismus, der Sozialdarwinismus, der Faschismus, alle Formen der Menschenverachtung und -vernichtung, solange sie der Sicherung der Existenzbedingungen der herrschenden Klasse dienen.

Ich bin mir bewußt, daß ich in diesem Aufsatz in vielem nur eine Skizze schreiben konnte, für Anregungen und Diskussionsbeiträge bin ich dankbar; die nachzuarbeitenden Stellen glaube ich im Text bereits hinreichend gekennzeichnet zu haben. Auch wenn das Manuskript damit in vielerlei Hinsicht nicht abgeschlossen ist, ist seine Publikation in Anbetracht eines weitgehend nicht vorhandenen Geschichtsbewußtseins im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie wie der Behindertenpädagogik gegenwärtig doch trotz dieser Mängel gerechtfertigt.[5]



[5] Die Nachbemerkung wurde im Wintersemester 1980/81 verfasst. Da ich kurze Zeit später für das Deutsche Jugendinstitut zur "Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungwesens" gutachtete (das Gutachten erschien 1982 als Buch unter dem gleichen Titel beim Deutschen Jugendinstitut in München) blieb das Mansukript "der nagenden Kritk der Mäuse" überlassen bis heute unpubliziert liegen. Die Diskussionen und Vorträge der 40. Arbeitstagung für Dozentinnen und Dozenten der Sonderpädagogik im Oktober 2003 in Marburg regten mich an, die zu Beginn der 90Jahre digitalisierte Fassung jetzt doch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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Anhang I:

Grafik 1: A.Fuchs (19922, S.26): Klassifikation von Kindergartengruppen

Anhang II:

Grafik 2: Abänderungsgesetz zum Gesetz über den Unterstützuungswohnsitz, vom 11.7.1981 (Teil 1)

Grafik 3: Abänderungsgesetz zum Gesetz über den Unterstützuungswohnsitz, vom 11.7.1981 (Teil 2)

Grafik 4: Abänderungsgesetz zum Gesetz über den Unterstützuungswohnsitz, vom 11.7.1981 (Teil 3)

Anhang III:

Ergänzung nach Abfassung des Manuskriptes

Unmittelbar nach Fertigstellung des Manuskriptes im Oktober 1980 erhielt ich eine Schrift von Christian Ufer, auf die ich durch das Buch von A. Fuchs (1922) aufmerksam geworden war, über "Das Wesen des Schwachsinns" (als Vortrag am 8. November 1891 vor dem Thüringischen Verein für wissenschaftliche Pädagogik zu Weisenfels gehalten). Die dort von Ufer getroffenen Ausführungen ergänzen meine Überlegungen in drei Punkten. Zunächst zur Person von Ufer:

Christian Ufer (1856-1934) war zunächst Lehrer in Elberfeld, dann in Altenburg in Thüringen tätig. Er wurde zu einem "international bekannten Pädagogen" und hielt Vorträge über Geistesstörungen in der Schule und das Wesen des Schwachsinns. 1896 gründete er zusammen mit J.L.A. Koch, J. Trüper und F. Zimmer die Zeitschrift "Die Kinderfehler" (W. Arndt, Enzyklopädisches Handbuch 1969, 3565). Ufer gehört zu den ersten, die das Buch von Sollier in Deutschland gelesen haben; er bezieht sich auf die französische Ausgabe und formuliert im Vergleich zu Séguin "Von diesen beiden Werken leidet das Erstere zwar an einer falschen Psychologie (das von Séguin; W.J.), welche in dem Willen ein selbständiges Seelenvermögen erblickt; aber es enthält gleichwohl eine Fülle auch psychologisch wertvoller Beobachtungen und kann daher in mancher Beziehung auch heute noch mit großem Nutzen zu Rate gezogen werden. Das Werk von Sollier übertrifft das Séguinsche in zwiefacher Beziehung, indem es erstens ein noch umfassenderes Beobachtungsmaterial enthält, und zweitens, indem es das Vorstellen, Fühlen und Wollen in einer Weise auffaßt, die mit der neueren Psychologie, insbesondere auch mit der Psychologie Herbarts, wenn man dieselbe zeitgemäß ergänzt, durchaus vereinbar ist" (3).

Zu einem zweiten Aspekt: "Wer das Buch Solliers aufmerksam liest und dessen Ausführungen mit dem vergleicht, was Lombroso in seinem berühmten Werk über den typischen Verbrecher zu sagen weiß, dem muß die große Verwandtschaft, ja häufige völlige Übereinstimmung auffallen, und es ist nur merkwürdig, daß Sollier selbst nicht diese Übereinstimmung ausdrücklich hervorhebt. Ich wandte mich in dieser Sache brieflich an den berühmten Professor der Turiner Universität, und seine Antwort lautete, die allerdings vorliegende Übereinstimmung habe darin ihren Grund, daß der Gewohnheitsverbrecher in vielen Fällen nur schwachsinnig sei! Man sieht also, wie sehr die von mir eingangs meines Vortrags gekennzeichnete volkstümliche Auffassung von dem Charakter der Halbdummen im Rechte ist" (16).

Und noch in einem dritten Punkt ergänzt der Vortrag Ufers die von mir erarbeiteten Zusammenhänge: "Was nun die Erziehung im engeren Sinne betrifft, so wird das, was Herbart mit dem Ausdrucke Zucht bezeichnet, in den meisten Fällen nicht zur Anwendung kommen können, denn der Zusammenhang des Vorstellungslebens ist nicht so fest, daß eine Art Selbstleitung möglich wäre. Nur die Gewöhnung, also das, was Herbart Regierung nennt, ist hier am Platze. Dressur - das Wort im besten Sinne genommen - macht den Grundzug der Erziehung Schwachsinniger aus. Alles Zureden, alle moralischen Belehrungen, alles Rühren ist hier nutzlos. Es gibt nur ein einigermaßen wirksames Mittel: Man darf den Zögling fast niemals aus den Augen lassen, damit man ihn mit steter Konsequenz auf das Richtige lenken kann. In vielen Fällen wird er niemals fähig werden, sich nach der Schulzeit selbst zu leiten; er wird sozial unmündig bleiben, und es fällt dann der Gesellschaft auch noch die Aufgabe zu, die Regierung anstelle des Erziehers zu übernehmen" (21).

Literatur: UFER, Christian: Das Wesen des Schwachsinns.(Beyer) Langensalza 1893, 2. Aufl.

Quelle

Wolfgang Jantzen: Die Entwicklung des Begriffs Imbezillität als Beispiel des gesellschaftlichen Umgangs mit Minderheiten. Ein Beitrag zur Ideengeschichte von Psychiatrie und Behindertenpädagogik.

Verfaßt im Oktober 1980 anläßlich eines Vortrags auf der 17. Arbeitstagung der Dozenten für Sonderpädagogik in deutschsprachigen Ländern in Essen.

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 12.01.2005

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